Warten - Little Artur im Schreiberspace

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Warten - Little Artur im Schreiberspace

Yulia MarfutovaWartenWeißer Boden, weiße Stühle vor weißen Wänden, weiße Decke. AllesWeiß in Weiß in – Weiß ist keine Farbe, eine Unfarbe, lernt man inder Schule. Unfarbe. Unbehaglich. Wer noch nicht krank ist, wird eshier. Selbst die Gerüche sind weiß, steril und stechend. Eben weiß.Was weiß schon ich. Ich sitze ja erst seit 2 Stunden, 17 Minuten inder Notaufnahme der Charité, die Frau mit dem Bruch länger. Ichstarre sie an, sie starrt mich an, und wenn man nach 2 Stunden, 17Minuten noch kein einziges Wort miteinander gewechselt hat, wird manes nicht mehr tun. Auch die Stille ist weiß, drückt auf die Ohren,bis man ein Summen zu vernehmen meint, nach dessen Ursache man sichuntersuchen lassen könnte, da man schon hier ist. Tinitusvermutlich. Wenn man lange und fest genug nachdenkt, findet manweitere Krankheiten an sich. Zum Bespiel schmerzt mein Rücken. Daskönnte von diesem weißen Stuhl kommen, so weiß wie hart, ein Segenfür arbeitsuchende Orthopäden, die Orthopäden hier sind natürlichnicht Arbeit suchend, beschäftigt sind sie, sehr beschäftigt, auchwenn sie nur einen Kaffee trinken, sind sie noch beschäftigt. Wennich mich fest genug konzentriere, spüre ich meinen Rücken, spüre ihnbleichen; ich könnte nun zum Zivi am Empfang gehen und mich noch fürden Orthopäden einschreiben lassen. Wirbelsäulenverkrümmung. Ichbleibe sitzen. (2 Stunden, 19 Minuten.) Wenn sie nicht von alleinewissen, wie krank ich bin, dann ist ihnen nicht mehr zu helfen. Abervielleicht sehen sie mich einfach nicht, wie ein Chamäleon, das langgenug dasitzt, bin ich sicher schon wandweiß geworden, wie sollensie mich da noch bemerken? Aber gibt es nicht auch weiße Bilder?Amalgame unterschiedlicher Nuancen, ganz weiß und doch nicht weiß.Ein Experte sieht jeden Strich, jeden Klecks, jede Schattierung; undsind die Leute, die hier arbeiten, nicht Experten? Sie erkennen dochauch einander, einander in diesem Gemenge aus Weiß, das nur für denLaien monochrom wirkt. Ich bin ein Laie. Und krank. Mein Ohr summt.Mein Rücken schmerzt. Und vermutlich bin ich auch unfruchtbar, dasaber erst nach der Behandlung. (2 Stunden, 20 Minuten.) Dem Zivihabe ich meine Adresse gegeben, in 3 Tagen erhalte ich eine Rechnungvon 43,89 Euro für die Beratung, ach was, eigentlich brauche ichkeine, steht doch alles im Internet, und ich weiß ja, die Beratungwird weiß. Mit weißen Zähnen, weißem Kittel, weißen Haaren. Washaben wir denn? Dieses wir. So spricht man mit Kindern oder Tieren.Was haben wir denn? Hier bin ich wir, und wir sind ich. Ich. Nur ichbrauche das Medikament, natürlich bin ich sicher, natürlich, dieRechnung ist ja schon so gut wie geschrieben, Schwarz auf Weiß,weißestes Weiß, und welcher Student bezahlt nur zum Spaß 43,89 Eurofür Weiß? Wer’s billiger haben will, darf eben nicht am Wochenendenach 20 Uhr ins Krankenhaus kommen, der sollte stets darauf achten,nicht am Wochenende Sex zu haben, kurz vor Beginn auch nicht,vorsichtshalber, denn man weiß ja nie, und Frauenärzte schließenfreitags gern früher die Praxis. Man hat 72 Stunden Zeit, könnte amMontag zum Arzt, um sich das Rezept zu holen, man könnte, aber auslauter Angst würde man doch in die Notaufnahme kommen. Ich werde derCharité nun 43,89 Euro bezahlen, Wochenend- und Nachtzuschlaginklusive, zusätzlich 16,80 Euro für das Medikament, ich muss nocheine Bereitschaftsapotheke finden, die Apothekerin werde ichbetreten anlächeln, ihr Kittel wird weiß sein, weiß wie Krankheit,weiß wie Krankenhaus wie Tod. Vielleicht sind Begräbnisse deshalb inSchwarz, weil man zuvor zu viel Weiß gesehen hat, sich satt, sich


übersatt daran gesehen hat, nun eine Unfarbe braucht, Unfarbe wieUnwohlsein, wie Unheil, nur nicht mehr dieses Weiß, dieses wissende,dieses gleichgültige Weiß, das einen mit seiner Apathie zuverspotten scheint. Geschieht doch alle Tage. Geschieht doch vielen.Aber ich bin nicht viele. Ich bin ich, auch wenn ich hier wir bin.Ich habe nur dieses Leben, kein anderes, es tröstet mich nicht, dasses nicht einzigartig ist, im Gegenteil, und überhaupt, für mich binich einzigartig, selbst wenn ich es für das Weiß nicht bin. Auch fürden Zivi bin ich es nicht, er schaut durch mich hindurch: Bittegedulden Sie sich noch ein wenig. (2 Stunden, 24 Minuten.) Die Fraumit dem Bruch ist nun dran, sie geht wortlos, geht unfarbig an mirvorbei und löst sich auf in dem Weiß des Flurs. Weiß. Unfarbe. WieUnfall. Das war es doch auch. Natürlich habe ich aufgepasst,natürlich habe ich an Verhütung gedacht, ich war ja auf demGymnasium, habe mein Abitur mit 1,4 geschrieben, erhielt soforteinen Studienplatz; ich bin aufgeklärt seit der 2. Klasse, binvernünftig seit dem Ende der Pubertät. Nun bin ich weiß, und das mit19 Jahren. Nur wegen eines geplatzten Kondoms. Kondom, wie profandas Wort klingt, nicht mehr weiß, doch noch nicht schwarz, ehergrau, so wie Gosse, wie schiefe Bahn, wie Drogen, wie Aussätzige.Dabei ist es keines aus dem Automaten gewesen und sogar StiftungWarentest sehr gut. Jetzt bin ich eine Zahl in der Statistik, eineZahl, nicht einmal eine Zahl, ein Teil einer Zahl, Teil der circa 2bis 14 Prozent, die weiß werden müssen, laut Internet. Weiß wieSperma. Weiß wie Krankenhaus. Weiß wie die Pille danach. Weiß wegeneines Produktionsfehlers. Weiß, aber ich glaube nicht an die Pilledanach, nicht an postkoitale Empfängnisverhütung, nicht anOvulationshemmung, nicht an Fremdwörter. Wer einmal aussätzig ist,kommt nicht mehr in die Stadt. Ich werde zu den 16 Prozent gehören,bei denen die Pille danach versagt, dann abtreiben müssen, dennstudieren will ich doch, leben, reisen, lieben, noch nicht stillen,stillen schon, aber nicht jetzt, erst wenn ich bereit bin, ich binja erst 19, und schon weiß, vielleicht für immer, vielleichtunfruchtbar nach der Abtreibung, vielleicht nur Gastgeberinkrankenhausweißer Träume. Vielleicht. Was kümmert mich dieStatistik, was weiß sie schon? Soll es mich beruhigen, dass so undso viele dies und das zu der und der Wahrscheinlichkeit erfahren?Ich bin ich, und ich habe nur ein Leben. Die Nächte werden nun oftweiß sein, natürlich am Anfang besonders, laut Statistik, aber ichbin ich, und weiß wollte ich doch nie sein. Weiß mochte ich nie,abstrakte Bilder, weiße Leinwände waren mir schon im Museum einGraus. Nun könnte ich mich aufhängen, direkt neben das Weiß insMoMA, ich könnte und bin doch nicht ungewöhnlich genug fürs Museum.Laut Statistik. Nur eine Unfarbe. Eine unter vielen. Unfarbe.Uninteressant. Bloß eine potentielle Schwangere mit einem Hörsturzund einer Wirbelsäulenverkrümmung. Die Diagnose kann ich mir selbststellen. Wozu dann noch einen Arzt? (2 Stunden, 27 Minuten.)

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