Berufliche Wiedereingliederung nach einer ... - Fragile Suisse

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Berufliche Wiedereingliederung nach einer ... - Fragile Suisse

Fachinformationsschrift 2

Berufliche Wiedereingliederung

nach einer Hirnverletzung


Fachinformationsschrift Nr.2

Berufliche Wiedereingliederung

nach einer Hirnverletzung


Impressum:

Fachinformationsschrift Nr. 2

1. Auflage Dezember 2007

©2007, FRAGILE Suisse

Beckenhofstrasse 70

8006 Zürich

Tel. 044 360 30 60

Fax 044 360 30 66

www.fragile.ch

Text:

Agnes Freimann,

Leiterin ZBA Luzern

Stefan Reichmuth,

IV-Berufsberater Luzern

Redaktion

Anja Marti-Jilg

Fotos:

Siegfried Odermatt,

ZBA Luzern

Layout:

Bildmanufaktur

D.Gaemperle, Kleinlützel

Druck:

baag-druck und verlag AG

Arlesheim

Spendenkonto

FRAGILE Suisse:

PC 80-10132-0


Inhalt 3

Einleitung 4

1. Zurück in den Alltag 7

2. Berufliche Neuorientierung: die ersten Schritte 9

3. Die Abklärung in einem spezialisierten Zentrum 13

4. Wiedereinstieg in die Arbeitswelt 17


4

Einleitung

Nach einer Hirnverletzung sind meistens sowohl kognitive

Funktionen (Konzentrationsfähigkeit, Lernfähigkeit, Übersicht

behalten in komplexen Situationen, etc.) als auch die

Belastbarkeit insgesamt beeinträchtigt. Das hat natürlich auch

Auswirkungen auf den Wiedereinstieg in den Beruf. Selten gelingt

dieser einfach so, häufig muss die gesamte Situation neu begutachtet

und ein neuer Weg gefunden werden. Im Folgenden werden

die möglichen Stationen auf dem Weg zurück in die

Arbeitswelt geschildert. So unterschiedlich wie die Folgen einer

Hirnverletzung sind, so verschieden sind auch die Wege, die die

Einzelnen gehen müssen, um ihren Platz in der Arbeitswelt wiederzufinden.

Manchmal bleibt leider auch nur der Ausweg in die

Rente. Wir haben uns bemüht, alle möglichen Ansprechpartner in

diesem Prozess sowie ihre verschiedenen Funktionen aufzuzeigen.

Selbstverständlich kann aber eine solche Broschüre nur einen

ersten Überblick geben, nicht aber eine individuelle Beratung und

Abklärung ersetzen. Unser Rat lautet deshalb: Kümmern Sie sich

unbedingt so früh wie möglich um eine persönliche Abklärung. Je

früher die entsprechenden Massnahmen eingeleitet werden können,

desto grösser sind die Erfolgsaussichten.

Bei allen aus gesundheitlichen Gründen leistungseingeschränkten

Erwerbstätigen ist grundsätzlich die Invalidenversicherung (IV) für

die berufliche Wiedereingliederung zuständig. Ihrem Grundsatz

«Eingliederung statt Rente» muss und will die IV in Zukunft noch

viel stärker als bisher nachleben. So wird mit der 5. IV-Revision der

beruflichen Wiedereingliederung absolute Priorität gegeben und

neu die Früherfassung und Frühintervention installiert. Die IV

kennt (aber bereits bisher) ein breites Spektrum an beruflichen

Eingliederungsmassnahmen. Und der IV-Berufsberater unterstützt

und berät als Coach und Koordinator die Betroffenen während

dem gesamten Wiedereingliederungsprozess. Folgende Massnahmen

und Hilfen bietet die IV an:


❚ Integrationsmassnahmen zur Vorbereitung auf die berufliche

Eingliederung

❚ Spezialisierte Berufsberatung

❚ Abklärungen in spezialisierten Abklärungsstellen

❚ Abklärungen und Arbeitstrainings in einer IV-Eingliederungsstätte

❚ Arbeitsversuche und Arbeitstrainings am bisherigen oder an

❚ einem neuen Arbeitsplatz

❚ Arbeitsvermittlung, Hilfe bei der Suche einer neuen behinderungsangepassten

Stelle

❚ Einarbeitung an einer neuen Stelle

❚ Ausbildungs- und Schulungsmassnahmen

❚ Hilfsmittel am Arbeitsplatz

❚ Kapitalhilfe bei einer selbständigen Erwerbstätigkeit

❚ Teil-Renten bei Teil-Erwerbsfähigkeit

❚ IV-Taggeld, Reise- und Essensspesen während den

❚ Eingliederungsmassnahmen

Damit die Betroffenen ihre IV-Unterstützung rechtzeitig erhalten,

ist eine frühzeitige Anmeldung sehr wichtig (sobald ersichtlich ist,

dass mit einer bleibenden Einschränkung in der bisherigen Berufstätigkeit

gerechnet werden muss). Für berufliche Eingliederungsmassnahmen

der IV gibt es – im Gegensatz etwa zu IV-Renten –

keine Wartefristen!

5


1. Zurück in den Alltag 7

Nach der Akutphase beginnt der Wiedereinstieg in den Alltag im

Allgemeinen mit der Rehabilitation, die entweder in einer Klinik,

einer Tagesklinik oder ambulant durchgeführt werden kann. Der

Leitfaden für Betroffene und Angehörige «Leben mit einer Hirnverletzung»

enthält einen Überblick über die verschiedenen Stationen

und Massnahmen der Rehabilitation.

Fallbeispiel

Herr Bieri, 30-jährig, Maurer-Vorarbeiter, erleidet im August 2003

einen schweren Arbeitsunfall mit einem Schädelhirntrauma, Armbruch,

diversen Rissquetschwunden und Schnittverletzungen sowie

eine Seheinschränkung mit einem Gesichtsfeldausfall. Als Zufallsdiagnose

wird eine Herzerkrankung festgestellt, die zukünftig eine

körperliche Schonung erfordert. Nach 10 Tagen Erstversorgung in

der Akutklinik kann er in die Rehabilitation verlegt werden.

Beim Eintritt zeigt sich eine stark reduzierte Belastbarkeit mit inkohärenten

Antworten bei bedingter Kooperation, ein reduziertes

Gleichgewicht und eingeschränkte Fingerbeweglichkeit. Aus neuropsychologischer

Sicht fällt auf, dass er nichts behalten kann, schnell

ablenkbar ist, einfache Gedanken nicht formulieren kann und Fehler

nicht erkennt. Der Umgang mit Zahlen fällt ihm schwer. Im Laufe

des stationären Rehabilitationsaufenthaltes können Fortschritte

erzielt werden, es bestehen aber weiterhin grosse Defizite in den

kognitiven Fähigkeiten, im Sprechen und Verstehen, in der Mobilität

und Belastbarkeit.

Im September 2003 tritt Herr Bieri aus der Rehabilitation aus und

benutzt künftig von zu Hause aus die ambulanten Rehabilitationsangebote.

Eine interdisziplinäre Standortbestimmung nach weiteren

zwei Monaten wird festgelegt.

Eine Hirnverletzung verändert nicht nur das Leben der Betroffenen,

sondern auch das ihres Umfeldes. Familienangehörige, Freunde und

Kolleginnen müssen damit zurechtkommen, dass der ihnen vormals

vertraute Mensch vielleicht für immer verändert sein wird. Dieser

Prozess ist schwierig und langwierig. Eine Begleitung durch geeignete

Fachleute ist zu empfehlen.

So unterschiedlich wie

die Folgen einer

Hirnverletzung sind,

so verschieden sind

auch die Wege, die die

Einzelnen gehen müssen,

um ihren Platz

in der Arbeitswelt

wiederzufinden.


8

Bei allen aus gesundheitlichen

Gründen

leistungseingeschränkten

Erwerbstätigen ist

grundsätzlich die

Invalidenversicherung

(IV) für die berufliche

Wiedereingliederung

zuständig.

Zurück in den Alltag

Für den verletzten Menschen selber geht nebst der Integration zu

Hause der Rehabilitationsprozess mit intensiven Trainingsprogrammen

und medizinischen Nachkontrollen weiter. Selbst nach raschen

Anfangserfolgen muss meistens weiter hart gekämpft werden für

kleine Fortschritte, Geduld und Ausdauer werden benötigt. In den

regelmässigen Standortgesprächen können die Behandlungspläne

angepasst werden und neue Wege z.B. in Richtung beruflicher

Integration eingeschlagen werden.

Fallbeispiel

Herr Bieri besucht vorerst nach Klinikaustritt wöchentlich drei Mal

die Physiotherapie, zwei Mal die Ergotherapie und ein Mal die

Logopädie. Zusätzlich finden verschiedene medizinische Kontrollen

und eine neuropsychologische Verlaufsuntersuchung statt.

Anlässlich der Standortbestimmung nach zwei Monaten können

weitere Verbesserungen festgestellt werden; insbesondere kommt

Herr Bieri mit seinem Alltag, unterstützt durch seine Familie und

strukturiert durch das Therapieangebot, gut zurecht. Es bestehen

aber nach wie vor deutliche mentale, sprachliche und körperliche

Einschränkungen bei einer generell reduzierten Belastbarkeit. Eine

Arbeitsfähigkeit besteht weiterhin nicht, und auch die Fahreignung

ist noch nicht gegeben. Erste Zweifel kommen auf, ob Herr Bieri

seine Arbeit als Maurer je wieder wird aufnehmen können. Für die

folgenden Monate wird das Schwergewicht auf die medizinischtherapeutische

Rehabilitation gelegt und die Anzahl Logopädiestunden

erhöht. Ein neues Standortgespräch wird auf den März

2004 festgelegt mit Teilnahme des Arbeitgebers.

Sieben Monate nach dem Unfall fühlt sich Herr Bieri zunehmend

gesünder und leistungsfähiger. Das Leben hat wieder Sinn, er lebt

bewusster und schätzt den Familienzusammenhalt. Bezüglich der

Aphasie und mentalen Einschränkungen fühlt er sich im vertrauten

Umfeld der Familie und Freunde sicher, auch wenn ihm gewisse

Wörter verzögert einfallen. Bereits hat er seine musikalischen

Aktivitäten wieder aufgenommen und macht, ausser Fussballspielen

und Velo fahren, eigentlich alles wieder. Es wird beschlossen,

die Alltagsanforderungen zu steigern und erste therapeutische

Arbeitsversuche ohne Zeit- und Arbeitsdruck einzuleiten.


2. Berufliche Neuorientierung: die ersten Schritte 9

Inzwischen findet sich der Betroffene in seinem neuen Lebensalltag

einigermassen zurecht. Er hat eine gewisse gesundheitliche

Stabilität erreicht, und die notwendigen Therapien erschöpfen nicht

mehr seinen ganzen Energievorrat. Spätestens jetzt möchte er den

ersten konkreten Schritt zurück in die Arbeitswelt unternehmen.

Bei Hirnverletzten ist oft bereits in der Rehabilitationsklinik ersichtlich,

dass eine vollständige Leistungsfähigkeit im bisherigen Beruf

kaum mehr erreicht werden kann. Deshalb melden sie sich bereits

dann bei der Invalidenversicherung an und beantragen berufliche

Eingliederungsmassnahmen. Damit kann der spezialisierte IV-

Berufsberater bereits in der Rehabilitationsklinik in die Zukunftsplanung

einbezogen werden. Vielfach führen spezialisierte Kliniken

auch eigene Berufsfindungsabteilungen, um die berufliche

Perspektive möglichst früh in den Rehabilitationsprozess einzubeziehen.

In einem ersten Schritt muss eine Auslegeordnung gemacht werden.Auf

der einen Seite sind die noch vorhandenen Fähigkeiten des

Betroffenen bzw. die Kompetenzen, welche er realistischerweise

wieder erlangen kann.Auf der anderen Seite befinden sich die dementsprechend

noch in Frage kommenden Berufstätigkeiten.

Arbeitsversuch am bisherigen Arbeitsplatz

Manchmal scheint eine Rückkehr in die bisherige Arbeit zwar ungewiss,

ist aber nicht undenkbar. Oder der Betroffene ist davon überzeugt,

dass er seine bisherige Tätigkeit sicher wieder voll ausüben

kann, auch wenn dies für das Umfeld unrealistisch scheint. Dann

kann ein Arbeitsversuch am bisherigen Arbeitsplatz Klarheit schaffen.

Dort muss eventuell das bisherige Aufgabengebiet an die jetzige

Leistungsfähigkeit angepasst oder eine Umplatzierung an einen

andern Arbeitsplatz im Betrieb vorgenommen werden. Es kann sein,

dass der Betroffene zur Angewöhnung vorerst einige Zeit stundenweise

in den Betrieb zurückkehrt, im Rahmen eines therapeutischen

Arbeitsversuchs, noch ohne Leistungsforderung. Oder der IV-

Berufsberater erteilt eine Kostengutsprache für eine mehrmonatige

Abklärung mit einem IV-Taggeld. Gemeinsam mit dem Arbeitgeber

werden die Fragestellung besprochen, ein Einsatzplan erstellt und

Eine Hirnverletzung

verändert nicht nur das

Leben der Betroffenen,

sondern auch das ihres

Umfeldes.


10

Bei Hirnverletzten ist

oft bereits in der

Rehabilitationsklinik

ersichtlich, dass eine

vollständige

Leistungsfähigkeit

im bisherigen Beruf

kaum mehr erreicht

werden kann.

Manchmal scheint eine

Rückkehr in die bisherige

Arbeit zwar ungewiss, ist

aber nicht undenkbar.

Berufliche Neuorientierung: die ersten Schritte

regelmässig Evaluationsgespräche durchgeführt. Laufend können

notwendige Anpassungen vorgenommen werden. Ziel eines solchen

Arbeitsversuchs sind das Prüfen von möglichen Einsatzgebieten

und die Klärung der Leistungsfähigkeit. Zudem sollen

Belastbarkeit und zeitliches Arbeitspensum auftrainiert werden.

Eventuell sind am Arbeitsplatz bauliche Anpassungen (z.B. bei

Rollstuhlfahrern) und Hilfsmittel (z.B. Schriftvergrösserungsprogramm

am PC) notwendig.

Vertiefte Abklärung im spezialisierten Zentrum

Manchmal ist eine Rückkehr in die bisherige Berufstätigkeit zum

vornherein ausgeschlossen. Oder ein direkter Wiedereinstieg am

bisherigen Arbeitsplatz ist nicht möglich. Vielfach sind die offenen

Fragen bezüglich zukünftiger Einsatzmöglichkeiten so vielfältig und

komplex, dass eine mehrmonatige berufliche Abklärung in einem

spezialisierten Zentrum, einer Berufsfindungsabteilung einer Klinik

oder in einer IV-Eingliederungsstätte notwendig ist. In diesen Fällen

erteilt der IV-Berufsberater den entsprechenden Auftrag und spricht

die Kostenübernahme gut. Unter intensiver Betreuung der Spezialisten

können dann dort die in Frage kommenden Einsatzgebiete

und Arbeitsabläufe ganz praktisch und eins zu eins ausprobiert und

trainiert werden (siehe nächstes Kapitel).

Fallbeispiel

Herr Bieri ist überzeugt, dass er wieder als Maurer arbeiten kann. Er

will und kann sich noch nicht mit beruflichen Alternativen auseinandersetzen.

Im März 2004, sieben Monate nach dem Unfall, beginnt

er einen therapeutischen Arbeitsversuch beim bisherigen

Arbeitgeber.Während zwei Halbtagen pro Woche verrichtet er leichte

körperliche und einfach strukturierte Arbeiten im Innenausbau

(Ziele: körperliche Belastbarkeit trainieren / Klärung von Arbeits-

Leistungsfähigkeit / Einsatzgebiete / Ist eine Rückkehr in den

Maurerberuf möglich?). Der Arbeitsversuch bringt psychische

Verbesserung und Erfolgserlebnisse. Herr Bieri ist aber auch frustriert

wegen seinen Defiziten. Er zweifelt nun auch selber daran, ob

er als Maurer je wieder voll arbeiten kann. Deshalb meldet er sich

im August 2004 bei der IV für Umschulungsmassnahmen an.


Berufliche Neuorientierung: die ersten Schritte 11

In den folgenden Monaten, während denen Herr Bieri sein Arbeitspensum

auf 50% erhöhen kann, finden verschiedene Besprechungen

mit dem IV-Berufsberater, den Rehabilitationsärzten und –

therapeuten, dem Arbeitgeber, dem Unfallversicherer und den

Angehörigen statt. Das Fazit ist eindeutig:

Zwar haben sich die Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen

verbessert, in der Handlungssteuerung ist Herr Bieri aber weiterhin

stark eingeschränkt. Er bleibt detail-verhaftet bei komplexen

Arbeitsabläufen oder unter Zeitdruck. Es bestehen weiterhin eine

grosse Unsicherheit, ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis und

Sprachstörungen in Stresssituationen. Ein Einsatz als Maurer, insbesondere

Maurer-Vorarbeiter (führen, koordinieren, kommunizieren,

stressbelastbar) wird eindeutig als nicht behinderungsangepasst

beurteilt. Es müssen berufliche Alternativen gefunden werden, und

nun ist dringend eine umfassende Abklärung der beruflichen

Ressourcen angezeigt.

Der IV-Berufsberater erteilt Auftrag und Kostengutsprache für eine

dreimonatige berufliche Abklärung im Zentrum für Berufliche

Abklärungen ZBA in Luzern.


3. Die Abklärung in einem spezialisierten Zentrum 13

In der praktischen Berufserprobung können erste Schritte hin zur

beruflichen Wiedereingliederung angegangen oder gezielte

Fragen aus dem bisherigen Rehabilitationsverlauf beantwortet

werden. Mit der Unterstützung von Fachpersonen aus der Rehabilitation

wird an den internen Arbeitsplätzen ein aktuelles Leistungsprofil

erarbeitet und berufliche Ressourcen werden aufgedeckt

und gezielt gefördert. Neue Erfolgserlebnisse, gewonnen in

einer angepassten Lernumgebung, geben die Sicherheit und den

Mut zurück, um den weiteren Weg zur beruflichen und sozialen

Integration zu gehen.

Grundarbeitsfähigkeiten

Eine allgemeine Verlangsamung oder reduzierte Ausdauer und

Belastbarkeit, Teilleistungsschwächen in den Gedächtnisfunktionen,

der Konzentration, der Sprache, des Denken und Handelns,

emotionale Veränderung – diese grundlegenden Fähigkeiten können

durch die Hirnverletzung unterschiedlich stark verändert worden

sein. Je nach beruflicher Ausrichtung können sie den

Wiedereinstieg in den bisherigen Beruf erschweren oder gar verunmöglichen.

Auch körperliche Beeinträchtigungen und Sinnesstörungen

bestimmen mit, wie und wo es weiter gehen kann. Mit

gezielten Arbeiten werden die einzelnen Funktionen überprüft

und nach Möglichkeit mit Trainingsmassnahmen oder ergonomischen

Arbeitsplatzeinrichtungen verbessert. Fähigkeiten und

Grenzen werden unter verschiedensten Bedingungen ausgelotet

und Veränderungsprozesse über die Dauer der Abklärung von drei

bis sechs Monaten beobachtet. Unser Hirn ist zu grosser

Regeneration fähig bei angepassten Herausforderungen.

Berufsfindung

Ist das Leistungsprofil erfasst, erfolgt die Abstimmung mit den

Anforderungen der bisherigen Tätigkeit oder, wenn nötig, die

Suche nach alternativen Einsatzgebieten. Eine Rückkehr an den

bisherigen Arbeitsort wird, wenn immer möglich, angestrebt. Der

Rückgriff auf die bisherigen Berufserfahrungen fällt häufig leichter

als das Erlernen von Neuem und steigert entsprechend die

Leistungsfähigkeit. Wo dies nicht mehr möglich ist, ist eine berufliche

Neuorientierung angesagt. Dafür stehen interne und externe

Ziel eines solchen

Arbeitsversuchs ist

das Prüfen von

möglichen

Einsatzgebieten

und die Klärung der

Leistungsfähigkeit.


14

In der praktischen

Berufserprobung

können erste Schritte

hin zur beruflichen

Wiedereingliederung

angegangen oder

gezielte Fragen aus

dem bisherigen

Rehabilitationsverlauf

beantwortet werden.

Die Abklärung in einem spezialisierten Zentrum

praktische Beruferprobungen und die Assessmentmethoden der

Berufsberatung zur Verfügung. Sie unterstützen die Entwicklung

von weiteren Ideen. Dies ist gewöhnlich eine Phase der intensiven

gemeinsamen Suche nach der bestmöglichen Anschlusslösung.

Externe Arbeitsversuche

Sie nehmen im Abklärungsprozess eine wichtige Rolle ein. Die

Abwesenheit vom Arbeitsmarkt wird damit verkürzt, und es können

erste Arbeitsversuche unter den neuen Bedingungen gemacht

werden. Die Rückkehr in die Abklärungsstelle ist jederzeit möglich.

Es zeigt sich dann, ob und welche Fördermassnahmen notwendig

sind, und ob die persönliche Voraussetzungen für ein neues

Tätigkeitsgebiet genügen. Nicht zuletzt bieten die Arbeitsversuche

beiden Parteien, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die Chance eine

mögliche Anschlusslösung im Betrieb zu überdenken.

Abklärungsergebnisse

Mit den Resultaten und Erkenntnissen aus der Abklärung werden

nach Möglichkeit angepasst und langfristige Anschlusslösungen

geplant. Sie können vielfältig sein: Ein angepasster Wiedereinstieg

beim bisherigen Arbeitgeber oder die Eingliederung in einer neuen

Anstellung, eine Tätigkeit in einem neuen Berufsfeld oder in einem

geschützten Rahmen, Erstausbildungen oder Umschulungen.

Einige der Anschlusslösungen können mit wenig Aufwand verwirklicht

werden. Andere wiederum verlangen zusätzliche Fertigkeiten

und spezifische Kenntnisse, die in weiteren beruflichen

Massnahmen wie Arbeitstraining, Einarbeitung oder Schulung

längerfristig erlernt werden müssen. Sind die Leistungseinbussen

derart hoch, dass eine berufliche Wiedereingliederung nicht zu

realisieren ist, wird eine Rentenprüfung vorgeschlagen.

Fallbeispiel

Herr B. Bieri hat grosse Erwartungen an die Abklärung. Man solle

ihm eine passende Arbeit finden, er wolle keine Rente beziehen.

Konkrete Ideen hat er noch keine. Seine Stärken sieht er beim

Maurerberuf. Ihn nicht mehr ausüben zu können fällt ihm schwer.

Auch die eingeschränkte Fahrtauglichkeit, die es ihm verunmöglicht

LKW zu fahren, stört ihn. Eine neue Berufsausbildung kommt


Die Abklärung in einem spezialisierten Zentrum 15

für ihn nicht in Frage, er gehe nicht gerne zur Schule. Er wolle alles

versuchen, wenn er nur wieder eine Arbeit bekommen könne, um

das Einkommen seiner jungen Familie sicherzustellen. Die Geburt

seines ersten Kindes fällt in die Abklärungszeit. Sorge und Nervosität

sind deutlich spürbar. Herr B. hätte am liebsten gleich an

einer Arbeitsstelle in der freien Wirtschaft begonnen.

Gegen Ende des zweiten Abklärungsmonats kann ein Leistungsprofil

erstellt werden. Fähigkeiten und Grenzen werden aufgezeigt

und die ergonomischen Anforderungen an einen neuen

Arbeitsplatz umschrieben. Zu den Ressourcen von Herrn Bieri zählen

das Fachwissen als Maurer-Vorarbeiter, die körperlich kräftige

und widerstandsfähige Verfassung, Sinn für Ordnung und Sauberkeit,

ein hoher Qualitätsanspruch sowie die praktische Lernfähigkeit.

Die Handicaps zeigen sich in einer leichten Verlangsamung,

in der Umstellfähigkeit und Flexibilität. Konzentration

und die Fehlerkontrolle bei komplexeren Aufgaben sind ebenfalls

leicht eingeschränkt. Dazu kommen eine gewisse Vergesslichkeit

und Wortfindungsstörungen.

Folgende mögliche Tätigkeitsgebiete können gemeinsam entwikkelt

werden:

❚ Mitarbeiter in Bauunternehmung

(Magazin, Deponiewart, Kiesgrube)

❚ Mitarbeiter für Unterhalt und Reinigung, Hauswartung

❚ Greenkeeper für Golfplatz

❚ Mitarbeiter Werkdienst

❚ Mitarbeiter in Lager

Vier kurze Arbeitsversuche bei verschiedenen Arbeitgebern können

organisiert werden, andere Arbeitsbereiche fallen bereits in

der Vorabklärung weg. Um genügend Zeit zu haben, bewilligt die

IV eine Verlängerung der Abklärung um weitere drei Monate. Am

meisten Erfolg verspricht der Arbeitsversuch bei der Firma Weber

AG. Der frühere Fussballtrainer von Herrn Bieri, der in dieser Firma

tätig ist, dient zusätzlich als gute Referenz. Herr Bieri kann rasch

einen Arbeitsversuch im Warenausgang beginnen. Dieser verläuft

sehr gut. Es wird bekannt, dass im Warenausgang infolge

Mit gezielten Arbeiten

werden die einzelnen

Funktionen überprüft und

nach Möglichkeit mit

Trainingsmassnahmen

oder ergonomischen

Arbeitsplatzeinrichtungen

verbessert.


16

Der Rückgriff auf

die bisherigen

Berufserfahrungen

fällt häufig leichter

als das Erlernen von

Neuem und steigert

entsprechend die

Leistungsfähigkeit.

Die Abklärung in einem spezialisierten Zentrum

Pensionierung bald eine neue Stelle zu besetzen sein wird. Da tut

sich eine Chance auf, welche unbedingt zu nutzen ist. Herr Bieri

wird während eines Monates im Abklärungszentrum für den

Arbeitseinsatz im Warenausgang vorbereitet und im Umgang mit

dem PC geschult. Die Firma Weber AG kann für einen dreimonatigen

Arbeitsversuch gewonnen werden. Die Abklärung wird nach

insgesamt vier Monaten beendet und die weitere Betreuung von

Herr Bieri für den geplanten Arbeitsversuch an die IV übergeben.


4. Wiedereinstieg in die Arbeitswelt 17

Abhängig von den Abklärungsergebnissen und der Beurteilung der

zukünftigen Einsatzfähigkeit gestaltet sich der weitere Eingliederungsweg

unterschiedlich.

Arbeitsvermittlung

Nachdem im vorangehenden Abklärungsprozess das heutige Kompetenzenprofil

des Betroffenen bestimmt werden konnte, sind auch

die möglichen Einsatzgebiete bekannt. Wenn nun der Betroffene

beim bisherigen Arbeitgeber keine behinderungsangepasste Stelle

antreten kann, muss er auf die Stellensuche gehen. Dabei wird er

sowohl von den Personalberatern der Arbeitslosenversicherung als

auch von den Arbeitsvermittlern der IV unterstützt.

Einarbeitungsmassnahmen

Ist der bisherige oder ein neuer Arbeitgeber bereit, einen Arbeitsversuch

mit dem Betroffenen zu machen, bezahlt die IV bis zu sechs

Monate weiterhin IV-Taggeld. Der Betroffene kann sich noch ohne

Leistungsdruck in sein neues Aufgabengebiet einarbeiten und seine

Belastbarkeit weiter auftrainieren. Und der vielfach erhöhte Einarbeitungsaufwand

des Arbeitgebers wird gedeckt. Sowohl Arbeitgeber

wie Betroffener werden dabei vom IV-Berufsberater unterstützt

und beraten.

Umschulungsmassnahmen

Wenn zur Ausübung der neuen Arbeit Ausbildungsschritte notwendig

und möglich sind (z.B. Kurse für die Arbeit mit einem neuen PC-

Programm, Fahrschulung, branchen-spezifische Kurse, etc.) werden

diese von der IV bezahlt.

Arbeitstraining

Falls noch kein Einsatz in der freien Wirtschaft möglich ist, ein solcher

aber – nach einem gezielten Arbeitstraining – realistisch

erscheint, kann der IV-Berufsberater ein Arbeitstraining an einem so

genannt geschützten Arbeitsplatz in einer IV-Eingliederungsstätte

anordnen. Hier kann der Betroffene seine Fähigkeiten trainieren und

Belastbarkeit und Leistungsfähigkeit verbessern, bis eine Anstellung

an einem Arbeitsplatz in der freien Wirtschaft wieder möglich ist.

Mit den Resultaten

und Erkenntnissen

aus der Abklärung

werden nach

Möglichkeit

angepasste

und langfristige

Anschlusslösungen

geplant.


18

Ist der bisherige oder ein

neuer Arbeitgeber bereit,

einen Arbeitsversuch mit

dem Betroffenen zu

machen, bezahlt die IV

bis zu sechs Monate weiterhin

IV-Taggeld.

Wiedereinstieg in die Arbeitswelt

Rentenleistungen

Das Ziel aller Beteiligten ist es, dass der hirnverletzte Mensch wieder

eigenständig leben und das frühere Einkommen selber erwirtschaften

kann. Dieses Ziel kann nicht immer erreicht werden oder

wird nur noch zum Teil erreicht.Wenn der Betroffene so optimal wie

möglich wieder eingegliedert ist, nimmt die Invalidenversicherung

deshalb die so genannte Rentenprüfung vor. Sein Lohn, den er

heute noch erzielen kann, wird mit demjenigen verglichen, welchen

er heute ohne Gesundheitsschaden erzielen würde. Die Differenz

daraus, der so genannte IV-Grad, bestimmt dann die Rentenleistungen

der Versicherungen. Abhängig von der Versicherungssituation

des einzelnen Betroffenen (nur IV, oder auch noch

Unfallversicherung, Pensionskasse, private Erwerbsausfallversicherung)

decken die Rentenleistungen den Lohnverlust nur teilweise

oder ganz.

Geschützter Arbeitsplatz

Wie die meisten Menschen möchten auch viele IV-Rentenbezüger

einer ihrer Leistungsfähigkeit angepassten Arbeit nachgehen können.

Diese Möglichkeit bieten die IV-Eingliederungsstätten an, wo

Auftragsarbeiten von Firmen der unterschiedlichsten Branchen

ohne Zeit- und Leistungsdruck ausgeführt werden.

Fallbeispiel

Hoch motiviert beginnt Herr Bieri im Mai 2005 bei der Firma Weber

AG einen dreimonatigen Arbeitsversuch. In der Praxis soll erprobt

werden, ob er das Aufgabenspektrum in der Abteilung Warenausgang/Spedition

bewältigen kann. Und ob er längerfristig evtl.

Vorarbeiterfunktionen übernehmen könnte.

Im Juli 2005 wird gemeinsam mit IV-Berufsberater und Vorgesetzten

eine Auswertung gemacht und das weitere Vorgehen bestimmt.

Insgesamt ist der Arbeitsversuch sehr positiv verlaufen. Herr Bieri

zeigte einen Topeinsatz. Seine sehr genaue Arbeitsweise und sein

hoher Qualitätsanspruch an die eigene Leistung werden geschätzt.

Es zeigten sich aber auch die bekannten Unfallfolgen. Herr Bieris

Aufnahmevermögen und Lernfähigkeit sind reduziert. Er braucht

länger und mehrere Anläufe, bis bei ihm Arbeitsabläufe sitzen.

Aufgrund seiner Unsicherheit muss er seine Leistungen permanent


Wiedereinstieg in die Arbeitswelt 19

überprüfen und einen hohen Eigenkontrollaufwand betreiben. Seitens

des Betriebs ist ein erhöhter Einarbeitungs- und Kontrollaufwand

notwendig.

Deshalb erteilt der IV-Berufsberater eine weitere Kostengutsprache

für eine neunmonatige Einarbeitungs- und Schulungsmassnahme.

In dieser Zeit wird Herr Bieri intensiv weiter in die Arbeitsabläufe

eingearbeitet und im Aufgabengebiet des Vorarbeiters Spedition

trainiert. Zudem absolviert er einen Gabelstaplerkurs. Und dann

wird mit rund 15 Fahrstunden mit einem Experten seine Lieferwagen-Fahrtauglichkeit

erprobt und erneut erfolgreich geprüft.

Im Mai 2006 sind alle Seiten mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Zwar

bleibt eine Leistungseinbusse von rund 25% (Herr Bieri muss oft

nach Wörtern suchen. Besonders in Stresssituationen hat er Mühe

im mündlichen Ausdruck. Auf Fragen reagiert er manchmal verzögert.

In komplexen Arbeitssituationen braucht er mehr Zeit, und bei

der PC-Arbeit ermüdet er rasch. Bei hohem Arbeitsdruck ist seine

Belastbarkeit etwas reduziert). Die Firma ist aber überzeugt, dass

Herr Bieri mit weiterer Berufserfahrung eine vollwertige Leistung als

Vorarbeiter in der Spedition erbringen kann. Sie schliesst mit Herrn

Bieri einen festen Anstellungsvertrag ab.

Abhängig von der

Versicherungssituation

des einzelnen

Betroffenen decken

die Rentenleistungen

den Lohnverlust nur

teilweise oder ganz.


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