Ausgabe 1, Januar 2011 - Quartier-Anzeiger Archiv

archiv.quartier.anzeiger.ch

Ausgabe 1, Januar 2011 - Quartier-Anzeiger Archiv

«Archäologen sind keine Bürotypen mit geregelter Arbeitszeit»Beat Eberschweiler ist ZürcherKantonsarchäologe und privatMitorganisator des Witiker Grümpelturniers.Ein Gespräch überdie Pfahlbauer und den FCW.QA: Gibt es eigentlich eine Verbindungzwischen Witikon und den Pfahlbauern?Eberschweiler: Pfahlbauer sind sicherauch ins Hinterland und auf die Hügelhinauf, weil sie dort entweder Felderhatten oder jagten. Man hat in Witikonauch Steinbeile gefunden, die vermutlichbeim Fällen von Bäumen verloren gingen.Aber genauer gesucht hat man nie.Und später der berühmte Hof des Wito?Es ist wie in anderen Stadtquartierenauch: Man weiss, dass da noch etwasGrosses sein müsste, aber man weissnicht wo genau und wann es zum Vorscheinkommt.Bei der Grabung Opera ist das anders.Seit Ende Januar sind Sie für die Auswertungder Funde verantwortlich, welchedie Stadt ausgebuddelt hat.Meine einzige Verantwortung ist zuschauen, dass Geld da ist, genügendKaffeemaschinen, Termine eingehaltenwerden und keine Planungsleiche entsteht.Ich werde mich aber hüten derStadt und ihren Leuten etwas wegzunehmen,denn diese haben ein enormesKnow-how aufgebaut und werten dieFunde jetzt auch aus. Bei so grossenGrabungen und einer so immensen Datenmengeläuft man jeweils schnell einmalGefahr, dass man darin ertrinkt. Esgibt dafür genug Beispiele von grossenSeeufergrabungen in Mitteleuropa, wozwar viel ausgegraben, aber nie etwasausgewertet wurde.Ist eine so grosse Grabung wie Operafür Zürcher Archäologen eine Premiere?Das nicht, aber es kommt zum Glücknur sehr selten vor, weil es jeweils allesandere blockiert. 1981 etwa beim Bernhardtheater,dann in den Neunzigerjahrendie Sanierung im inneren Seefeld.Zur Ausstattung von archäologischenLabors gehören offenbar auch mehrKaffee maschinen als allgemein üblich.Warum so viel Espresso?Wenn man nach Abschluss einer solchenGrabung erstmals realisiert, wie vieleOrdner warten und wie viele Palettevoller ausgegrabener Pfähle die Lagerhallenfüllen, braucht es zuerst einigeKaffees bis man weiss, wo und wie anfangen.Archäologen sind zudem keineBürotypen mit geregelter Arbeitszeit,sondern von ihrem Job angefressen. Dawird es am Abend schnell einmal später.Wann hat die Archäologie Sie gepackt?Begonnen hat es mit den Büchern vonErich von Däniken, die ich mit 11 und12 verschlungen habe. Dann war ich mit13 in den Sommerferien in Spanien –Strand, Meer, Sonnenuntergang, Palmen,römische Ruinen. Da habe ich gewusst:Archäologe, das ist es, nicht wie vorhererträumt Fussballer oder Tierarzt. Späterkonzentrierte ich mich auf die Urgeschichte,dann auf das Tauchen, und sokam ich auf die Pfahlbauer.Was fühlt ein Archäologe, wenn er beieiner Grabung wie beispielsweise Operaendgültig zusammenpacken und demBagger Platz machen muss?Das ist schmerzlich. Doch das, was nochim Boden ist, befindet sich ja ausserhalbdes künftigen Parkhauses. Dem passiertnichts. Vielleicht gräbt man irgendwannspäter mit einer besseren Technik alsheute. Deshalb ist es gut, dass in der GegendStadelhofen/Opernhaus noch archäologischesReservat bleibt.Die beste Grabung ist immer die, die wirnicht machen müssen. Alles bleibt imBoden, man muss es nicht anschreiben,nicht trocknen, nicht restaurieren, nichteinlagern, nicht publizieren – eigentlichsind wir Archäologen darauf aus, nachMöglichkeit Grabungen zu vermeiden.Haben übrigens Pfahlbauer auch Fussballgespielt?Leder bleibt in den Pfahlbausiedlungenleider nicht erhalten, sonst wüssten wires. Aber Spielen mit möglichst einfachenDingen liegt im Menschen drin.Deshalb ist Fussball so genial – vierPfosten und etwas, das man treten kann,genügen.Nehmen wir einmal an, in 6000 Jahrenwürde die Hau-Hütte des FC Witikonausgegraben: Was könnten sich die Archäologendann überlegen?Schwierig. Die Bälle haben sich zersetzt.Vielleicht findet man noch Resteder Küche. Zudem steht das Ding alleinund weit weg vom Siedlungsgebiet. Aufder Fläche nebenan gab es nie Wald,dafür hat es dort verrostete Überreste einesTores – archäologisch gesehen äusserstungünstig. Ohne schriftliche Quellenwäre man vermutlich völlig überfordert.Wie gehen Sie vor, wenn Sie auf einerGrabung etwas Unbekanntes finden?Dann gibt es immer zwei Schubladen.Alles, was kleiner oder irgendwie komischist, könnte Kinderspielzeug sein,oder es ist kultisch und hat irgendetwasmit Religion oder Schamanen zu tun.Gibt es auch eine dritte Schublade, angeschriebenmit eigene Fantasie?Die gibt es auch, aber immer ausserhalbdes Protokolls und ohne wissenschaftlichePublikationen. Denn wenn ein Archäologezu spintisieren beginnt, wird erfür seine Kollegen angreifbar.(Interview Erik Eitle)Fotos Stadt Zürich13

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine