Den Blick fest auf Den anfang gerichtet - OFM

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Den Blick fest auf Den anfang gerichtet - OFM

Fr. José Rodríguez Carballo, ofmDen Blick festauf denAnfang gerichtet(vgl. 2 Agn 11)Aktualität desfranziskanisch-klarianischenCharismas nach 800 Jahren seit derGründung des OSCRom 20121


Deckblatt: Santa Chiara (vgl. 4 Agn), Olio di Ivo BatoccoGrafica e impaginazione:Joseph Magro ofm per Ufficio Comunicazione - Roma


Glückwünsche!An alle Armen Schwestern der heiligen Klara,an alle Minderbrüder:Heil und heiligen Frieden im Herrn (2 Kust 1;vgl. Ermen 1)1. Wir beenden gerade die 800-Jahrfeier derBekehrung/Weihe von Schwester Klara inder Portiunkula (1211-12) und die 800-Jahrfeierder Gründung des Ordens der ArmenSchwestern. Bei diesem für die gesamtefranziskanische Familie ganz besonderenAnlass spüre ich die Notwendigkeit, euch,liebste Schwestern, meine persönlichenGlückwünsche und die aller Minderbrüderzukommen zu lassen.Mit diesem Brief will ich euch versichern,dass wir uns immer, doch besonders in diesemfranziskanisch-klarianischen Jubiläum,mit euch vereinigen, um dem Herrn zu danken,der bis heute das Charisma bewahrt,das Franziskus und Klara vor 800 Jahrengegeben wurde. Zugleich möchte ich euchim Namen aller Minderbrüder danken füreure schweigende, betende und von tieferZuneigung geprägte Präsenz in unseremLeben und in dem der Kirche und der Welt.Ihr seid ein wahrer Schatz für uns alle, weilihr uns durch euer in Christus verborgenes3


Leben (vgl. Kol 3,3) evangelisiert, indem ihruns daran erinnert, dass wir dem Herrn gehörenund für ihn da sind, und dass wir nurso für die anderen da sein können 1 . Danke,Schwestern! Glückwünsche!1 “… dass einer, je mehr er aus Christus lebt, Ihmumso besser in den anderen dienen kann, indemer bis in die vorderste Missionsfront vorstößt undgrößte Risiken auf sich nimmt“ (VC 76).4


IZu Beginn2. In dieser Zeit haben wir von mehrerenSeiten, nicht zuletzt von der Kirche selbst 2wiederholte Aufforderungen empfangen,die Mahnung Klaras ernst zu nehmen: „erkennedeine Berufung“ (KlTest 4) und denAusgangspunkt nicht zu vergessen, dasheißt unsere Ursprünge (vgl. 2 Agn 11). DieseAufforderungen streben ein vordringlichesZiel an: diese Zeit der Gnade zu nutzen,diesen Kairós, um die franziskanisch-klarianischeLebensform zu vertiefen, indem wirdie wesentlichen Elemente dieses Charismasneu auslegen, das in der Distanz von800 Jahren noch hoch aktuell ist, wie BenediktXVI. richtig schrieb, „die Zeit, die unsvon der Geschichte dieser beiden Heiligen[Franziskus und Klara] trennt, hat ihre Faszinationnicht geschmälert. Im Gegenteil…“(DoF S. 17).Franziskus und Klara, Kinder ihrer Zeit,sprechen die Sprache ihrer Zeitgenossen,denken in ihren Kategorien, haben ihreSensibilität und sind dennoch hoch aktuell.Franziskus und Klara stehen in Einklang mitihrer Zeit, weil sie ihre tiefsten Bedürfnisse2 Vgl. Benedikt XVI., La donna che si specchiava negliocchi di Francesco [=DoF], Botschaft anlässlich derJahrhundertfeier der Bekehrung der heiligen Klara,in AOFM 1 (2012) 15-17.5


aufdecken konnten. Sie haben sie interpretiertals Zeichen der Zeit, als Anruf des Geistes,und haben eine Inkarnation des Evangeliumsangeboten, die vollkommen aufdiese Notwendigkeiten antwortete. Aberohne ihrer Zeit fremd zu sein, sind Franziskusund Klara auch gegenwärtig undaktuell. Das Geheimnis dieser Aktualität istoffensichtlich: „Franziskus und Klara sindbis zur Quelle des lebendigen Wassers zurückgegangen“3 . Als beständige Hörer desEvangeliums haben sie es in ihrem Herzenbewahrt (vgl. Lk 2,51); sie haben dem Wortsofort gehorcht (vgl. 1 C 22) und wurden soinnerlich und äußerlich lebendige Ikonendes Sohnes, des ewigen Wortes des Vaters(vgl. 3 Agn 13), eine „lebendige Exegese“des Evangeliums (vgl. DV 83). Nachdemsie die Quelle lebendigen Wassers gefundenhaben (vgl. Joh 4,10 ff), sprudeln aus ihnenweiterhin Ströme lebendigen Wassers, dasden Durst so vieler unserer Zeitgenossenstillt und auf viele ihrer Fragen Antwortenliefert.3. Die Geschichte befragt, auch mit ihrerIndifferenz, alle Geweihten, über die eigeneBerufungsentscheidung Rechenschaft abzulegen;insbesondere befragt sie die Kontemplativenund im Kontext dieser Jahrhundertfeierin einer besonderen Weise dieArmen Schwestern. Von hier her die Dringlichkeit,mit Leidenschaft die Werte neu zuinterpretieren, die das Wesen des franziskanisch-klarianischenCharismas bilden,nicht nur um mit Dankbarkeit die Vergangenheitzu betrachten, in der der Geist mitder großzügigen Mitarbeit so vieler ArmerSchwestern und so vieler Minderbrüdereine große Geschichte geschrieben hat, diewir verantwortlich weiterzugeben und zuerzählen haben, sondern vor allem um dieGegenwart mit Leidenschaft zu leben, die3 M. Victoria Triviño, Francisco de Asisi y Clara, PPC,Madrid 2009, 27.6


Zukunft mit Hoffnung zu umarmen und soweiter eine große Geschichte in der Zukunftzu bauen (vgl. VC 110; NMI 1).Ein Jubiläum feiern wie die 800 Jahre derBekehrung/Weihe Klaras und der Gründungdes Ordens der Armen Schwestern,ist eine Gelegenheit, dem Vater der Erbarmungenfür das Geschenk Klaras und derArmen Schwestern zu danken, aber es istvor allem eine günstige Zeit, um die Gnadedes Anfangs zu schmecken, um sich über einEreignis zu freuen, das, auch wenn es vor800 Jahren begonnen hat, weiterhin Fundamentund Prinzip ist, aus dem Geschichteund Zukunft entspringen.Nur in dieser Haltung können wir mitEifer das Werk zu Ende führen, das wir gutbegonnen haben (vgl. Ermen 14; Ord 10), dieTreue zu den Erfordernissen der franziskanisch-klarianischenLebensform bewahren(vgl. KlSeg 15) und Wege ermitteln, die heutezu gehen sind, so dass wir Christus, derKirche und dem Menschen treu sein können(vgl. VC 110). Ihr, liebe Arme Schwestern,die ihr die Menge „glatter und blanker lebendigerSteine“ (2 C 204) bildet und offenseid für die Überraschungen Gottes, seid einSchrei des Neuen für unsere Zeit, „Beispielund Spiegel“ die einen für die anderen undfür alle (vgl. KlTest 19).Im Kontext, in dem wir leben, fordernalle von der Wirkung des Geistes Verfügbarkeitund Gefügigkeit, immer neu undkreativ. Nur Er kann die Frische und dieAuthentizität des Anfangs ständig erhaltenund zugleich den Erfindungsreichtum unddie Kreativität einflößen, um besser auf dieZeichen der Zeit zu antworten.4. Mit diesem Brief an die Armen Schwestern– kraft der Verantwortung, die mir vonFranziskus selbst her zukommt (vgl. KlReg6,3-4) – und auch an die Minderbrüder,7


möchte ich zu den Fundamenten unserergemeinsamen Lebensform zurückzukehren4, mit einem besonderen Bezug auf Klaraund ihre Schwestern, mit dem Willen, nichtnur die gelobte Lebensform zu bewahren,sondern auch um diese Fundamente zu entwickelnund zu vertiefen (vgl. RdC 20), indenen wir der Bedeutung unseres Seins inder Kirche für die Welt begegnen werden.Da die Lebensform der Armen Schwesternund der Minderbrüder die gleiche 5 ist,und da derselbe Geist die Brüder und dieSchwestern aus der Welt hinausgeführt hat(vgl. 2 C 204), lade ich mit diesem Brief alleein, sich selbst ins Hören Klaras zu versetzen,treue Interpreten im Leben und in denSchriften, in der vom Allerhöchsten an Franziskusgeoffenbarten Lebensform (vgl. Test14). Während ich die Schwestern aufforderevon dem klaren Wasser der klarianischenSpiritualität zu trinken, bitte ich die Minderbrüder,Klara besser kennenzulernen,um sie immer mehr zu lieben. Dies wird unsallen helfen, die Lebensform, die wir alle gelobthaben, besser zu leben. Als Brüder undSchwestern sind wir zwei Seiten derselbenMedaille. Daher haben wir beide die Verantwortung,es so zu tun, dass diese Inspiration,zu leben nach der Form des heiligen Evange-4 Über diese Fundamente habe ich zu verschiedenenAnlässen nachgedacht, besonders in den Briefen,die ich jedes Jahr den Armen Schwestern zumFest der heiligen Klara schrieb, vgl. J.R. Carballo,Conosci la tua vocazione. In dialogo con le Sorelle Clarisse,Roma 2012 [Erkenne deine Berufung. Im Dialogmit den Schwestern Klarissen, Rom 2012]5 „Bei jener kleinen Kirche, die Franziskus nach seinerBekehrung restaurierte, ließen Klara und ihreersten Gefährtinnen sich nieder, lebten im Gebetund führten kleinen Arbeiten aus. Sie nannten sich„Arme Schwestern“, und ihre „Lebensform“ wardieselbe wie die der Minderbrüder: „das heiligeEvangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten“,Sie bewahrten die Einheit gegenseitigerLiebe und beobachteten insbesondere die Armutund die Demut, die von Jesus und seiner heiligstenMutter gelebt wurde“ Benedikt XVI., Ansprache beider Generalaudienz, 10. August 2011.8


liums, die Franziskus und Klara vom Geistanvertraut wurde, weiterhin in unserer ZeitGestalt annehmen kann.9


IIIn derGeschichteder Männerund Frauenvon heute5. Ich bin mir bewusst, dass wir geradeeine delikate und mühsame Zeit erleben (VC13). Vor mir wie sicher auch vor euch stehtzuerst die Aufforderung Klaras, Christus zufolgen „mit schnellem Lauf, leichtem Schritt,ohne mit dem Fuße anzustoßen“, so dass,sicher, freudig und behänd, wir voranschreiten„auf dem Weg der Seligkeit“ (2 Agn 12-13);eine Aufforderung, unseres Vorsatzes eingedenkzu sein und stets auf den Anfang zublicken (vgl. 2 Agn 11). Wir sind uns auchder wiederholten Ermahnungen von Franziskusbewusst, den Spuren Jesu Christi zufolgen (vgl. Ord 51), in der Disziplin und imheiligen Gehorsam zu verharren und „mitgutem und entschiedenem Vorsatz jeneDinge“ zu erfüllen, die wir dem Sohn Gottesgelobt haben (vgl. Ord 10). Dann gibt esdie Gefahr der Mittelmäßigkeit, der Routine,des Defätismus, die uns bedroht und dieuns bei vielen Gelegenheiten Hindernisse vor11


die Füße legt (vgl. 2 Agn 13) und uns hindert,„auf dem Weg der Gebote des Herrn auszuschreiten“und der Vollkommenheit, die wirumfangen haben (vgl. 2 Agn 15.17).Den Schwierigkeiten, die einen jeden vonuns in der Nachfolge Christi auf die Probestellen, folgen weitere, die aus dem Umfeldstammen, das uns umgibt. Während dieWelt von uns Rechenschaft verlangt überdie evangelische Beschaffenheit unseres Lebens,scheint sie so zu leben, als gäbe es Gottnicht. Und ein Blick auf die Mentalität vielerMänner und Frauen unserer Zeit macht unsbewusst, dass viele von ihnen bedeutendeBezugspunkte ablehnen und sich häufignur damit beschäftigen, die eigenen Bedürfnissezu befriedigen. Entsprechend dieserLogik ist das, was in den Augen Gotteswertvoll ist, es nicht immer im Denken derMenschen. Dessen war sich schon der Poverelloselbst bewusst, wenn er in einem seinerBriefe schreibt: „Wisst, dass vor dem AngesichtGottes manche Dinge überaus hochund erhaben sind, die bisweilen unter denMenschen für niedrig und wertlos angesehenwerden. Und andere Dinge sind unterden Menschen wertvoll und ansehnlich, dievor Gott als ganz niedrig und wertlos gelten“(2 Kust 2).Aus diesem weltlichen Gesichtspunktheraus scheint das Evangelium eines derDinge zu sein, von denen man sich heutebesser distanziert, wenn man sein Lebennicht verkomplizieren will. Vor allem weil dasEvangelium oft als ein Gesamt von Normenbetrachtet und vorgestellt wird, die es zubeobachten gilt, und es daher so verstandenversucht, die individuelle Freiheit und dieSelbstverwirklichung zu unterdrücken. AlsFolge glauben die Nachdenklichen, dass einjeder in sich selbst Norm ist. Die Ablehnungdieser Bezugspunkte begünstigt im Individuumdie Erfahrung des offenen Feldes, wojemand auf keinerlei Grenze trifft und nochviel weniger auf grundsätzliche Prinzipien.12


In unserer Gesellschaft wird nicht seltender Lebensentwurf des Evangeliums fürüberholt gehalten, weil es nicht in die vonunserer Gesellschaft aufgezwungenen Parameterdes Konsums und der ständigen Veränderunggehört; und der Bereich der Spiritualität,der Raum, in dem die Person denSinn ihrer Existenz findet, wird reduziertauf eine rein individuelle Dimension.6. In diesem Kontext ist es uns aufgetragen,die Berufung Armer Schwestern und Minderbrüderals Geweihte zu leben. Was euchbetrifft, liebe Schwestern, so dürft ihr euch,auch wenn ihr abgesondert seid, nicht amRand dessen fühlen, was die Welt lebt undatmet, weil niemand – auch ihr nicht, die ihrin einem lebendigen Raum der Klausur lebt–sich immun fühlen kann gegenüber denmöglichen äußeren Einflüssen, die nicht zurBewahrung dessen, was wir Geweihte gelobthaben, beitragen, noch kann man ausschließen(die tägliche Erfahrung lehrt esuns), dass die Mentalität des als wenn es Gottnicht gäbe unsere Umwelt konditionierenkann. Dasselbe kann man von uns sagen,Minderbrüder.Ohne aus dem Blick zu verlieren, waswir versprochen haben, immer den Ausgangspunktvor Augen haltend (vgl. 2 Agn11), um die Gegenwart als Erinnerung derUrsprünge in Spannung zur Zukunft zuleben, sind wir in diesem Augenblick gerufen,die Erfordernisse der Nachfolge Christigemäß der franziskanisch-klarianischenLebensform neu zu interpretieren. In diesemKontext der Neuinterpretation unserer Identitätist es notwendig, dass sowohl die ArmenSchwestern wie die Minderbrüder sichanfragen lassen und sich fragen, warum dieFraternitäten manchmal als Bezugspunkteangesehen werden und andere Male einfachunbekannt oder unbeachtet sind, warumeinige Berufungen haben und andereeine weite Berufungswüste durchqueren.13


Es ist die Zeit, eine tiefgründige Unterscheidungzu treffen, um zu sehen, was sorgsambewahrt, was losgelassen und was neu interpretiertund neu übersetzt werden muss,um die Schönheit unserer Lebensform invom Evangelium geformter Fraternitas herauszustellen.Keiner kann leugnen, dass, auch wennwir einerseits viel Akzeptanz finden, es sowohleuch wie uns nur schwer gelingt, unsereBerufungsentscheidungen verständlichzu machen. Es ist dringlich, sich zu fragen:was sucht derjenige, der in unsere Nähekommt, und welchen Sinn hat unser Lebenin der Kirche und in der Welt? Und außerdem:welche Lebenszeichen bieten wir an,damit der Mann und die Frau von heuteHilfe empfinden, in das Geheimnis des inJesus offenbarten Vaters einzutreten? UnsereAntworten, auch eure, müssen neue sein;nicht gelernte Antworten. Sie werden solchein dem Maß, in dem jeder sowohl persönlichwie auch gemeinschaftlich sich selbst inFrage stellt, während er glühend das AntlitzGottes sucht.7. Ohne unser Bündnis mit einer lebendigenVergangenheit zu zerreißen, weil sichohne Wurzeln zu bewegen einen Weg ohneWeisheit und Horizont hervorbringt 6 , ist esdennoch notwendig und dringend, auf demWeg anzuhalten, der Stille Raum zu geben,der Reflexion und der persönlichen undgemeinschaftlichen Unterscheidung, umdie verhärtete Erde in unserem Herzen zuentdecken (vgl. NbR 22,10-26), auch in denKlöstern: Aktivismus, Individualismus, Aneignung,Stabilität, Nostalgie, Aufregung,Zerstreutheit, Suche nach Sicherheiten…;und um in angemessener Weise die Brüder/Schwestern, Weggefährten/Weggefährtinnenzu würdigen: die Freiheit des Evange-6 Vgl. Pietro Giovanni Olivi, Principium I in SacramScripturam.14


liums, die Freude, der Sinn der Zugehörigkeit,die Öffnung, das Leben sine proprio…Während meiner Besuche in den KlösternOSC und in den Entitäten OFM wurdeich oft nach neuen Mitteln und Methodengefragt, um unser Leben aktueller und anziehenderzu machen. Ich frage mich undich frage euch: ist es nur eine Frage der Methodeund neuer Strategie oder ist es eineFrage nach einer Neuinterpretation der Wesenselementeunseres Lebens und radikaleEntscheidungen zu treffen?Wenn es heute eine gewisse Indifferenzgegenüber dem geweihten Leben und unseremfranziskanisch-klarianischen Lebengibt, liegt es vielleicht daran, weil wir dieFähigkeit verlieren, prophetische Zeichenzu sein. Das Jahresgedächtnis der Gründungeures Ordens, wie das Jahresgedächtnisder Gründung unseres Ordens, das wirvor drei Jahren gefeiert haben, fordert uns,heute unsere Lebensform zu leben undheute auf die Zeichen der Zeit zu antworten,indem wir dem treu bleiben, was derGeist durch Franziskus und Klara den Brüdernund Schwestern geschenkt hat unddurch sie der Kirche und der Welt. Es handeltsich nicht um eine Anpassung unsererLebensform in Abstimmung mit dem, wasMode ist – sich der Mode vermählen heißtbald Witwe werden, sagt ein orientalischesSprichwort -, sondern auf die Herausforderungenzu antworten, die aus der Welt aufuns zukommen, indem wir das Evangeliuminkarnieren, aus dem Zentrum der ErfahrungGottes, in der Form radikaler Enteignung/Freiheit– leben sine proprio, wie wirin der Profess versprochen haben – und inder universellen Gemeinschaft.15


IIISich um dieWurzelnkümmern8. Viele meinen, dass das Ordensleben undauch das franziskanisch-klarianische geradedie Winterzeit durchleben. Auf den erstenBlick ist der Winter eine Zeit des Todes:das Grün der Vegetation verschwindet, dieBlätter fallen, es gibt keine Blumen und dieZeit der Früchte ist vorbei. Der Winter stelltdie Hoffnung auf die Probe, die sich vonder bis zur Rückkehr des Frühlings durchgehaltenenGeduld nährt, und die Felderwerden sich mit Blüten kleiden, denen dieFrüchte folgen. Auch im Ordensleben undim franziskanisch-klarianischen Leben charakterisiertsich der Winter unter anderenSymptomen durch das Fehlen von Berufungen,mit allem, was damit verbundenist: Umkehr der Alterspyramide, mit vielenAlten und wenig Jungen, Schließungen vonTätigkeitsbereichen und Präsenzen, reduziertegesellschaftliche Bedeutung, die wirviele Male innehatten, Zunahme der Mutlosigkeit,Routine…Im Winter könnte es die Versuchung geben,die Bäume zu fällen und die Pflanzen17


zu schneiden. So dass man nur noch denStumpf sieht! Aber der Tod, der den Winterzu charakterisieren scheint, ist nicht so.Unter der scheinbaren Unfruchtbarkeit entwickeltsich ein Prozess der Neubelebung.Es ist die Jahreszeit, in der die Wurzeln beständigarbeiten, allen notwendigen Saftbewahren, um neues Leben in den Frühlingzu übertragen, so dass man im Sommer dieFrüchte ernten kann. Mit ihrer stillen undverborgenen Arbeit bewirken die Wurzeln,dass das Leben wieder geboren wird, denn„wenn das Weizenkorn nicht in die Erdefällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aberstirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12,24).Der Winter ist die Zeit der verborgenen Radikalität,des Wachstums in der Tiefe, das,auch wenn es lang und schmerzlich ist, zueinem neuen Leben führt.Die Erfahrung des Winters bringt michdazu, euch aufzufordern, liebe Schwesternund liebe Brüder, die Wurzeln zu kultivieren.Vielleicht würden wir lieber in derJahreszeit der Blumen und Früchte in Fülleleben, doch wir leben in der zutiefst fruchtbarenJahreszeit des Winters. Nehmen wires so an, mit gesundem Realismus, aberauch mit sicherer Hoffnung (vgl. GebKr 2). DieVersuchung, das Handtuch zu werfen, dasGlaubensleben nicht zu kultivieren, nichtzu hoffen, auf den Kampf zu verzichten, indie Mittelmäßigkeit zu fallen oder vielleichtauch zuzulassen, mag einigen von uns nichtfremd sein. Aber all dem nachgeben wärenur gleichbedeutend mit dem Verzicht darauf,das Leben weiter zu geben, egoistischdie Gegenwart zu leben, was wenig odernichts zu tun hätte mit dem, was wir amTag der Profess versprochen haben. Wennuns viele Sicherheiten fehlen, die wir gestreicheltund liebevoll kultiviert haben, istder Moment gekommen, zum Wesentlichenumzukehren, die Spiritualität des Exoduszu leben, unseren festen Willen zu erneuern,ohne irgendetwas Eigenes zu leben.18


Aber über den Anschein hinaus ist derWinter gerufen, ein Kairós zu sein, einegroßartige Gelegenheit, in die Tiefe zuwachsen, uns zu reinigen und umzukehrenzu dem, was wirklich zählt. Durch den Winterhindurch, den wir gerade leben, bin ichüberzeugt, dass der Herr uns zur Radikalitätruft, euch und uns. Eine Radikalität, dienicht in spektakulären Gesten besteht, sondernin einer geduldigen und verborgenenPflege der Wurzeln, die sich am Ende auf einenradikalen Glauben an Den beschränkt,für den nichts unmöglich ist (vgl. Lk 1,37).Inzwischen ist es nicht mehr nur einKampf um den Unterhalt und das Überleben.Es handelt sich darum, uns einzuübenin einen radikalen Glauben, rechten Glauben(vgl. GebKr 2), und in eine Hoffnung gegenjede Hoffnung. An erster Stelle wird uns derradikale Glaube dazu führen, in Gott undaus Gott zu leben. Das verlangt, erneut vonChristus auszugehen und zum Evangeliumzurückzukehren, als Lebensform, eine Rolle,die ihm in unserem Dasein als Regel und Lebenzukommt. An zweiter Stelle ist die Hoffnungdas, was dem Leben tiefe Bedeutunggibt. Heute läuft diese Hoffnung Gefahr,sich in der Führung eines einfachen und invielen Fällen engen Alltags aufzulösen. Wirwürden in einen naiven Optimismus fallen,wenn wir auf die Hoffnung verzichteten,die beruht und sich stützt auf eine Verheißung:„ich bin bei euch alle Tage“ (Mt 28,20).Der radikale Glaube und die Hoffnung sinddie Quellen, aus denen wir frisches undüberströmendes Wasser schöpfen, um dieWurzeln zu bewässern und unser scheinbartrockenes Leben neu zu beleben, so dass derWinter fruchtbar sei wie das in die Ackerfurchegesenkte Korn.Aber zugleich bringt mir das Bild vomWinter ein anderes in den Sinn: die Suchein der Nacht. Und da ist die Leitgestalt desNikodemus, Prototyp des wahren „Suchersin der Nacht“. Es ist Zeit, sich in die Such-19


haltung zu begeben unter der Führung desHeiligen Geistes. In diesem Kontext ist esgut, daran zu erinnern, dass wir Sinn-Bettlersind und dass die Wanderung als Synonymder beständigen Suche nach dem, was demHerrn angenehm ist, ein Teil unserer Identitätals Minderbrüder und Arme Schwesternist.9. Die Kirche lädt uns ein, „als Antwort aufdie in der heutigen Welt auftretenden Zeichender Zeit mutig den Unternehmungsgeist,die Erfindungsgabe und die Heiligkeit“(VC 37) derer wieder hervorzuheben,die die Lebensform empfangen haben, diewir heute geloben. Von uns wird verlangt,Franziskus und Klara zu befragen, um besserzu verstehen, wie sie den Herrn in ihrerZeit gesucht und bezeugt haben. Die Treuezu den Gründern führt durch die Mühehindurch, zu verstehen, innerhalb welcherParameter sie sich bewegt haben, welcheAlternativen sie in ihrer Zeit gefunden haben,um Christus und seinem Wort treu zusein, welche Gebiete sie gewählt haben, umdas Evangelium zu bezeugen, welche dieKnotenpunkte gewesen sind, auf die siedie Nachfolge gegründet haben, wie sie dieLeidenschaft für das Reich bewahrt haben,trotz der ihnen begegnenden Schwierigkeiten.Man kann unser Charisma nicht lebendigerhalten, indem man einfach die Vergangenheitreproduziert, sondern indemman in den Wurzeln die Gründe sucht, dieFranziskus und Klara erlaubt haben, eineLebensform zu leben, die noch weiterhinein lesbares Zeichen für die Männer undFrauen unserer Zeit ist, dank der Erfahrungderjenigen, die fortfahren, mit ihrem LebenJa zu den Erfordernissen des Geistes zu sagen,und in die Zukunft blicken, in die der Geistsie versetzt, um durch sie noch große Dinge zuvollbringen (vgl. VC 110). Andererseits darfman nicht vergessen, dass dieser Blick auf20


unsere Ursprünge und in die Zukunft imGleichschritt gehen muss mit einer Auseinandersetzungzwischen unserem Lebenund der gegenwärtigen Kultur. Ohne dieseAuseinandersetzung läuft man Gefahr, indie Versuchung zu fallen, Archäologie zubetreiben oder einfach nach vorn zu fliehen.10. Nachdem einmal die Wesenselementeder franziskanisch-klarianischen Lebensformermittelt sind, wird es nötig sein, nüchtern,mutig und kühn über die Strukturennachzudenken, die diese Elemente enthalten.Dies will nicht heißen, die Strukturenzu eliminieren, sondern zu sehen, welchebleiben müssen, welche eine neue Bedeutunghaben müssten, welche eliminiert werdenund welche erfunden werden müssten,so dass sie tatsächlich in der Lage sind, denWein des Charismas zu bewahren (vgl. Mk2,22; Lk 5,38). Gewiss, die radikalsten Strukturensind es, die den alten Wein unsererLebensform nicht verderben, sondern durchWesentlichkeit, Nüchternheit und Armutdie Absolutheit Gottes aufzeigen und durchdas geschwisterliche Leben, theologischer,(besonders im Fall der Schwestern) liturgischerOrt, tief menschlich und evangelischzugleich.Liebe Schwestern und liebe Brüder, seidnüchtern in eurem Entscheidungsvermögen,kühn in euren Entschlüssen, fliegthoch, ohne Kompromisse mit dem, wasdie Welt euch heute anbietet! Seid euch derLiebe Gottes bewusst, der uns gerufen hat,dieser Lebensform zu folgen. Nur diesesBewusstsein wird uns führen, sine propriozu leben, evangelisch frei, kreativ und treuzu sein (vgl. RdC 22). Befreien wir uns vonallem, was unsere Lebensform verdunkelt,um in jedem Augenblick das Evangeliumzu leben, das wir gelobt haben! Richten wirunsere Energie in die beständige Suche desHerrn und seines Willens (vgl. GebKr). Vorallem ihr, liebe Schwestern, pflegt mit be-21


sonderem Eifer das geistliche Leben, verpflichteteuch zu bezeugen, dass es möglichist, immer in der Gegenwart des Herrn zuleben und so der Menschheit zu dienen.22


IVWesenselementeunsererLebensform11. Wir haben es schon gesagt, in den Momentender Krise oder des Winters ist unsdie Gelegenheit gegeben zu reflektieren,uns hinzustellen und uns dem Wesentlichenzuzukehren. Das erfordert die Ontotherapie(Seinstherapie): die Pflege des Daseins, diePflege unserer Identität. In diesen Momentenmüssen wir den klugen Verwalter nachahmen:uns hinsetzen, das Problem analysierenund eine schnelle Lösung ergreifen(vgl. Lk 16,1 ff). Es steht uns nicht viel Zeitzur Verfügung.In den letzten Jahren haben sowohl dieSchwestern wie auch die Brüder viel Zeitdarauf verwandt, über die Basiserfordernisseunserer Lebensform nachzudenken.Das Ergebnis davon ist, dass die Wesenselementeausreichend klar zu sein scheinen.Das Folgende möge uns helfen, uns daranzu erinnern und zu erinnern an die Dringlichkeitkonsequenter Entscheidungen. Esist der Augenblick, von der Orthodoxie zurOrthopraxis überzugehen, von einer klarendoktrinären Identität zu einer gelebten undals solche für unsere Zeitgenossen bedeutsamenIdentität.23


Das Evangeliumleben12. Franziskus und Klara hatten als existentiellenBezugspunkt das Evangelium unseresHerrn Jesus Christus. Ihre Lebensentscheidungenso wie die Lebensform, die mitFranziskus initiiert und mit Klara fortgeführtwird, bestehen einfach im „beobachtendes heiligen Evangeliums unseres HerrnJesus Christus“ (KlReg 1,2; BR 1,1).Das ganze franziskanische Abenteuergeht aus von der Offenbarung des Allerhöchstenan Franziskus (vgl. Test 14). Einerder zentralen Momente dieser Offenbarung,die an Franziskus durch Jesus Christus, dasMensch gewordene Wort, ergeht, ist dasHören der Texte, in denen Jesus die Verhaltensregelfür seine Jünger umreißt (vgl.Lk 10,8-9; Mt 10,7-13). Angesichts dieserOffenbarung jubelt Franziskus vor Freudeund ruft begeistert aus: „Das ist’s, was ichwill, das ist’s, was ich suche, das verlangeich aus innerstem Herzen zu tun“ (1 C 22;vgl. Test 25; LM 3,1). Jener denkwürdigeTag, an dem Franziskus das Evangeliumentdeckt! Das Evangelium wird das Herzund das Leben des Poverello verändern.Später wird das Evangelium seine einzigeWeisheit sein: denn er wird von keiner anderenWissenschaft als der des Evangeliumsgeführt werden. Am Anfang der BerufungKlaras steht jene selbe Offenbarung, die demseligen Vater Franziskus geschenkt wurde,dem „wahren Liebhaber und Nachahmer“Christi (vgl. KlTest 5). In diesem Zusammenhangist es wichtig, was Klara in ihremTestament sagt: „Der Sohn Gottes ist unsWeg geworden; diesen Weg hat unser seligerVater Franziskus durch sein Wort undBeispiel uns gewiesen und gelehrt“ (KlTest5). Zu Recht wird sie Franziskus „unsereSäule, nach Gott unser einziger Trost und24


unsere Festigkeit“ nennen (KlTest 38), der„gründe, pflanze und uns unterstütze“ (Kl-Test 48). Diese selbe Offenbarung haben wirin der Profess zu unserer eigenen gemacht.Die Armen Schwestern und die Minderbrüderhaben gelobt, das heilige Evangeliumunseres Herrn Jesus Christus zu leben (vgl.KlReg 1,2; BR 1,1). Dies ist vielleicht das charakteristischsteElement unserer gemeinsamenLebensform.13. An dieser Stelle denke ich, ist es gut,daran zu erinnern, dass das Evangelium sowohlfür Klara wie für Franziskus nicht einfachein Buch ist, sondern eine Person, diePerson Jesu Christi. In diesem Sinn stimmtdie Erfahrung von Franziskus und Klaravollkommen überein mit dem, was Jahrhundertespäter das II. Vatikanische Konzilbestätigen wird: Jesus Christus, das Fleischgewordene Wort, „ist zugleich der Vermittlerund die Fülle der gesamten Offenbarung“(DV 2). Gott hat „viele Male und aufvielerlei Weise“ gesprochen in der Schöpfung,durch die Propheten und die Gelehrten,durch die Heiligen Schriften, aber erhat in endgültiger Weise gesprochen durchJesus Christus (vgl. Hebr 1,1 ff). Sowohl fürFranziskus wie auch für Klara verweist dasEvangelium direkt auf Christus, wenn siealso das Evangelium als Regel und Lebenangenommen haben, werden sie zu einerpersönlichen Verbindung mit dem Herrnund zu einer totalen Ähnlichkeit mit Ihmgeführt. Vom Poverello hat man gesagt, dasser „nach Jesus Christis der einzige Christgewesen ist“ (Renán), „Das Abbild und dasvollkommenste Bild, das man je hatte vonJesus Christus“ (Benedikt XV.), „ein neuesBeispiel Jesu Christi“ (Pius XII.), „in allenTaten seines Lebens wurde er dem gebenedeitenChristus nachgebildet“ (Fior 1), erist derjenige gewesen, der „Jesus immer imHerzen trug, Jesus auf den Lippen, Jesus inden Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in denHänden, Jesus in allen anderen Gliedern“ (125


C 115). Dasselbe könnte man von Klara sagen:die Christin, ganz dem Bräutigam geweiht(vgl. 1 Agn 7), die glühend wünschte,dem Gekreuzigten zu folgen (vgl. 1 Agn 13)und sich völlig in Ihn zu verwandeln (vgl.3 Agn 13). So groß war die erfahrene Verlockungder Liebe des Herrn Jesus (vgl. 1 Agn9). Das Hören des Evangeliums sine glossa,die Gleichförmigkeit und die Nachfolge derSpuren Jesu Christi sind das, was Franziskusund Klara völlig eintreten lässt in dasMysterium Gottes.In der nicht bullierten Regel und in derbullierten Regel ist die Lebensform, die Franziskuszur Approbation der Kirche vorlegt,das Evangelium (vgl. NbR 1,1; BR 1,1). Diesführt seinerseits zu einer völligen Gleichgestaltungmit Christus: gehorsam, arm undkeusch. Dasselbe im Fall Klaras (vgl. KlReg1,1-2), die im Testament bestätigt: „Der SohnGottes ist uns Weg geworden…“ (KlTest 5).Geloben, „das heilige Evangelium unseresHerrn Jesus Christus zu beobachten“ istauch für die Armen Schwestern und dieMinderbrüder viel mehr als das zu erfüllen,was einige Texte des Evangeliums fordern.Das Evangelium geloben ist einfach„lebendige Exegese des Wortes Gottes“ zusein (VD 83), in uns das Leben Jesu darzustellen(vgl. Phil 2,5), sich völlig mit Christusgleichförmig zu machen. Dies war dasletzte Lebensziel von Klara und Franziskusgewesen. Dies muss, liebe Schwestern undliebe Brüder, das erste und letzte Ziel unsererNachfolge Christi sein 7 .14. Jedwede Art von tiefer Erneuerungbringt notwendigerweise die Rückkehrzum Evangelium als Regel und Leben mit7 In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen,woran Benedikt XVI. uns erinnert: der„christliche Glaube ist nicht die Religion des Buches“,auch wenn für uns die Schrift wichtig ist,„sondern des inkarnierten und lebendigen Wortes“(VD 7).26


sich, um es zu hören und ihm „den Gehorsamdes Glaubens“ (Röm 1,5) zu leisten.Das Ordensleben und auch das franziskanisch-klarianischeLeben brauchen einegroße Leidenschaft für Christus und für dieMenschheit. Und es wird notwendig sein,ein neues Feuer zu entzünden und neuenSaft in den jahrhundertealten Baum unseresCharismas zu injizieren. Dieses neue Feuerund dieser neue Saft werden nur kommenkönnen, liebe Schwestern und liebe Brüder,aus einer Rückkehr zum Evangelium, gründenderund grundlegender Kern des Charismasvon Franziskus und Klara.Franziskus und Klara, diese beiden inChristus Verliebten betrachtend, dann istdas, was heute am dringendsten ist, dasEvangelium in seinen radikalsten Erfordernissenin jeden Augenblick und in jedeGegebenheit hineinzutragen als Fundamentdes täglichen Lebens, erstes und letztesKriterium des eigenen Handelns oder, wasdann dasselbe ist, Christus ins Zentrum deseigenen Lebens und der eigenen Sendungzu stellen (vgl. Phil 3,8 ff).Die große Herausforderung für euch,vom Herrn Geliebte, dasselbe für euch, liebeBrüder, besteht darin, wieder vom Evangeliumauszugehen und sich von ihm bewohnenzu lassen, wenn wir aus dieser Zeiteinen wirklichen Kairós machen und unsereLebensform für die Männer und Frauen vonheute bedeutsam erhalten wollen, weil wirnur dann die Zukunft garantieren könnenzu dem hin, wozu der Geist uns treibt, ummit uns weiterhin große Dinge zu vollbringen(vgl. VC 110).27


Mein Gott,mein Gott 815. Für Franziskus war der Herr alles (vgl.LobGott). Der Poverello verlangt weiterhin,dass wir uns völlig Dem hingeben, der sichganz für uns hingab (vgl. Ord 29). Es ist einText, der erinnert zu werden verdient. Inder nicht bullierten Regel schreibt Franziskus:„Lasst uns alle aus ganzem Herzen, ausganzer Seele, aus ganzer Gesinnung, aus allerKraft und Stärke, mit ganzem Verstand,mit allen Kräften, mit ganzer Anstrengung,mit ganzer Zuneigung, mit unserem ganzenInneren, mit allen Wünschen und allerWillenskraft Gott den Herrn lieben, deruns allen den ganzen Leib, die ganze Seeleund das ganze Leben geschenkt hat undschenkt […]“ und er fährt fort: „Nichts andereswollen wir darum ersehnen, nichtsanderes wollen, nichts anderes soll uns gefallenund erfreuen als unser Schöpfer undErlöser und Retter, der allein wahre Gott,der ist die Fülle des Guten, alles Gute, dasgesamte Gut, das wahre und höchste Gut[…]. Nichts soll uns hindern, nichts trennen,nichts dazwischenkommen. Überall,an jedem Ort, zu jeder Stunde und zu jederZeit, täglich und unablässig wollen wir allewahrhaft und demütig an ihn glauben undan ihm im Herzen festhalten und ihn lieben,ehren, anbeten, ihm dienen, ihn loben undbenedeien, verherrlichen und hoch erheben,ihn preisen und ihm Dank erweisen, demerhabensten und höchsten ewigen Gott[…]“ (NbR 23,8 ff). Nichts ist mit Ihm vergleichbar.Franziskus ist der „wahre Liebha-8 Fior 2: „Iddio mio, Iddio mio = Mein Gott, meinGott”. Nach dem lateinischen Text soll das Gebetdes Heiligen gelautet haben; „Deus meus et omnia= Mein Gott und mein Alles“. Von diesem strengmonotheistischen Glauben werden wir ein Echohaben in Teresa von Jesu mit ihrem: „solo Dio basta= Gott allein genügt“.28


er und Nachahmer“ Christi (vgl. KlTest 5),„ganz verwandelt in lebendiges Gebet“ (2 C95), der Liebende, der sich mit dem Geliebtenidentifiziert (vgl. LM 13,5). Zu Recht hatman gesagt, dass „für Franziskus Gott einenNamen hat: Liebe“ 9 .Dasselbe sagt man von Klara. DieseFrau – mit kontemplativem Geist, Seele undHerz – mahnt, sich der ewigen Liebe hinzugeben,ohne etwas zurückzubehalten, (vgl.Ermen 3-4; 1 Agn 5), dem „Schönsten unterden Menschenkindern“ (2 Agn 20), und zuvermeiden, sich einhüllen zu lassen vonden Dunkelheiten der Mittelmäßigkeit oderder Bitterkeit oder Traurigkeit, die „derSchmutz der Welt“ (Ermen 2) hervorbringt.Indem sie auch hierin dem seligen VaterFranziskus, wie sie ihn zu nennen liebt,folgt, ist Klara eine völlig in Jesus Christuszentrierte Frau, eine tief verliebte Braut desBräutigams, eine echt kontemplative Seele.„Jene großen Augen Christi [der Gekreuzigtevon San Damiano] – schreibt BenediktXVI. – die Franziskus fasziniert haben, wurdenzum ‚Spiegel‘ Klaras“ (DoF S. 16). Klaralernt in der Schule des Franziskus, dass Gottdie wahre Schönheit ist (vgl. 4 Agn 10; Lob-Gott 4). Sein Herz ließ sich daher von diesemGlanz erleuchten (vgl. DoF S. 16), dasses „den Geist heiligen Gebetes und der Hingabe“nie auslöschen (KlReg 7,2) und es ganzumwandeln wird durch die Kontemplation(vgl. 3 Agn 13), lebendig in einem anhaltendenWandlungszustand, zur beständigenSuche Gottes, in fester Gehorsamshaltungim Glauben. Im Hören Gottes wird sie gestaltetdurch das Wort, das sie befragt.Franziskus und Klara, zwei im Herrn tiefverliebte Herzen, die sich begegnen undsich anerkennen als Zwillingsseelen im Geliebten.Ihr Leben ist Liebe in Antwort aufdie Liebe (vgl. LM IX,1).9 B. Duclos, Francesco, immagine di Gesù Cristo, inConcilium, 169 (1981) 378.29


16. Die Kontemplation von Franziskusund Klara beginnt mit einem Blick, vollerStaunen über das Geheimnis der Inkarnation,Passion und Tod des Herrn. Wir wissenalle, dass Franziskus Weihnachten mehrals irgendein anderes Fest zu feiern liebte(vgl. 2 C 199); was ihn am meisten erstaunte– und hier gibt es eine große Parallelitätzu Klara – war die Demut des Mensch gewordenenGottes (vgl. 1 C 84). Weihnachtenwird er „selbst als wahrer Gott und wahrerMensch aus der glorreichen, seligsten, immerwährendenJungfrau, der heiligen Maria“(NbR 23,3) geboren und „das Wort desVaters“ nahm „das wirkliche Fleisch unsererMenschlichkeit und Gebrechlichkeit“ an(2 Gl 4). Die Kontemplation dieses Geheimnissesder Liebe und der Demut führt Franziskusdazu, dass er „mit dem Kinde selbstzum Kinde“ (2 C 35) wird. Für Franziskussetzt sich das Geheimnis der Inkarnationimmerwährend in der Eucharistie fort, inder er sich „täglich erniedrigt, wie er einstvom königlichen Thron herab in den Schoßder Jungfrau kam. Täglich kommt er selberzu uns und zeigt sich in Demut“ (Erm 1,16-17). Für den Poverello ist die Kontemplationder Geburt immer zu verbinden mit derKontemplation der Passion Jesu, die er inseinem Tod darstellen wollte (vgl. 1 C 109ff). Die Geburt und die Passion des Herrnbeschäftigten entscheidend den Geist desFranziskus, wie sein Biograf schreibt: „Vorallem war es die Demut der MenschwerdungJesu und die durch sein Leiden bewieseneLiebe, die seine Gedanken derart beschäftigten,dass er kaum an etwas anderesdenken wollte“ (1 C 84).In den Briefen an Agnes zeigt uns die kleinePflanze des Franziskus ihrerseits, wie dieKontemplation immer auch bei ihr von demaufmerksamen Blick ausgeht, voller Staunenund Dankbarkeit für das Geheimnisder Menschwerdung. Der, „den die Himmelnicht zu fassen vermögen“ hat sich so30


weit erniedrigt, seine Wohnung zu nehmenim „kleinen Kloster“ („piccolo chiostro“)des „heiligen Schoßes“ des Mädchens ausNazareth (vgl. 3 Agn 18-19). Der „Herr derHerrscher“ (2 Agn 1), „wenn also ein Herrvon solcher Erhabenheit und solch edlemWesen in den jungfräulichen Schoß eintretenund verachtet, bedürftig und arm in derWelt erscheinen wollte“ (1 Agn 19) und „Er,der reich war, wollte vor allem selber in derWelt die Armut wählen mit der seligstenJungfrau Maria, seiner Mutter“ (2 Gl 5).Voller Staunen vor dieser Erniedrigungdes Sohnes Gottes kann Klara nicht andersals ausrufen: „O wunderbare Demut, oStaunen erweckende Armut! Der König derEngel, der Herr des Himmels und der Erdewird in eine Krippe gebettet“ (4 Agn 20-21).Der Blick Klaras auf das Geheimnis derMenschwerdung ist jener der Braut auf denBräutigam, ist der Blick eines reinen Herzens,eines tief verliebten Herzens, das dieMenschwerdung des Wortes im Licht derunbegrenzten Liebe Gottes zur Menschheitbetrachtet. Es ist der aufmerksameund beständige Blick – täglich, stets (4 Agn15) –, der sie dazu führt, die Schönheit JesuChristi zu entdecken, den „Bräutigam edlerenGeschlechts“ (1 Agn 7), dessen „Aussehenschöner“ (1 Agn 9), „dessen Schönheitalle seligen Scharen des Himmels ohneUnterlass bewundern“ und „den herrlichzu schauen die Seligkeit sein wird für alleBürger des himmlischen Jerusalem“ (4 Agn10.13).Aber wenn die Armut und die Demut vonBethlehem das Staunen und die innere VerwunderungKlaras entfachen und ihr Herzfür Gott gewinnen, so wird der Leidenswegder bevorzugte Ort der bräutlichen Liebeder Jungfrau Klara sein. In der Passion undim Tod offenbart sich die Liebe Gottes fürdie Menschheit bis in ihre letzten Konsequenzen,seine „unaussprechliche Liebe“31


(4 Agn 23). Deshalb dringt der Blick Klarasdurch das Ärgernis des Kreuzes hindurch,leidenschaftlich und voller Mitleid: „Denarmen Christus als arme Jungfrau umarme.Schau auf ihn, der auf sich genommen hat,um Deinetwillen verachtet zu werden, undfolge ihm als eine, die in der Welt verachtetgeworden ist um seinetwillen. Deinen Bräutigam,[…] der um Deines Heiles willen derGeringste der Menschen geworden, verachtet,zerschlagen, am ganzen Körper von derVielzahl der Geißelschläge wund, in Todesnotam Kreuz verscheidend: auf ihn, edleKönigin, blick hin, betrachte ihn, beschaueihn, in Sehnsucht, ihm ähnlich zu werden“(2 Agn 18-20).Die Menschwerdung, die Passion undder Tod Jesu sind die Säulen der Kontemplationvon Franziskus und Klara: „der armin die Krippe gelegt wurde, arm in dieserWelt lebte und nackt am Marterholz verblieb“(KlTest 45). Eine Kontemplation, diesich bei Franziskus und Klara in folgendeAspekte kleidete: sie ist liebevoll – Wissenschaftund Kunst des Liebens, so wird esFranziskus de Osuna definieren -; sie ist engverbunden mit der Armut oder besser nochmit dem Leben sine proprio, und als solcheführt sie dazu, sich nicht selbst in die Mittezu stellen, sondern den Geist des Besitzesund der Herrschaft zu verlassen undeine Haltung der Loslösung anzunehmen,so dass die Fülle Gottes durchscheine (vgl.Ord 29); untrennbar vom Staunen und vomLob, die vom „Exzess“ der Liebe sprechen,von der sich der Kontemplative überflutetsieht (vgl. LobGott 3-4). Denn die Kontemplationerwächst aus der Gemeinschaft, dieihrerseits aus ihr wächst. Diesbezüglich genügtes, daran zu erinnern, dass nirgendwodie Gegenwart Gottes so klar strahlt wie imAntlitz des Bruders/der Schwester und dassdie geschwisterliche Liebe der Ausdruckund das Kriterium für die Vortrefflichkeitder Liebe Gottes ist, von der die Kontemplationlebt. Wahrscheinlich unterscheidet32


sich durch diesen Aspekt die franziskanischeKontemplation von anderen Formender Kontemplation: die kontemplative Geschwisterlichkeitbetont zu haben, statt dereinsamen Kontemplativen.17. Eingehüllt in die Stille und eingetauchtin die vom Geist bewohnte Einsamkeit nehmenFranziskus und Klara den kontemplativenBlick der Geschichte und der Realitätan, einen sakramentalen Blick, der sie dazuführt, von einem Sehen dem Fleische nachzu einem Sehen und Glauben überzugehen(vgl. Erm 1,19-21), und auf diese Weise inder Geschichte und der Realität das gegenwärtigeund wirkende Geheimnis Gotteszu empfangen. Indem sie andererseits dieEinsamkeit mit der Gemeinschaft verbinden,lernen Franziskus und Klara von Gott,in Freiheit zu leben: alles in ihrem Leben istdazu bestimmt, die Beziehungen zu bewahren.Als ein Mann und eine Frau von tieferInnerlichkeit waren ihre Wurzeln fest in derLiebe Jesu Christi.Die so ausgerichtete Kontemplation vonFranziskus und Klara ist wesentlich Lebender Vereinigung mit Gott bis zur völligenUmwandlung in eine Ikone seiner Göttlichkeit(vgl. 3 Agn 13); sie ist Erkenntnis Christi,völlige Hingabe an Ihn und entschiedenerWille, Ihm in jedem Augenblick zu folgen;sie ist Öffnung für das Geheimnis Gottes,der uns umgibt, um uns von Ihm besitzenzu lassen. In diesem Sinn ist die Kontemplationein völliges Sich-leeren von allem Überfluss,damit Er, der alles ist, das Herz erfülltbis zum Überfließen.Die Brüder und die Schwestern, in Christusverliebte Männer und Frauen18. Für einen Minderbruder und eineArme Schwester muss der sich in Jesus offenbarendeGott das Zentrum des ganzen33


Daseins ausmachen. Gott und die Suchenach ihm werden ihr Erkennungszeichensein, ihre Sendung und der Motor ihres Lebens.Das Ziel ihres Lebens, wie das eines jedenKontemplativen, ist das „quaerere Deum,die Gottsuche“ 10 . Die Brüder und Schwesternsind gerufen, monotrop zu sein, Personen,die nur ein Einziges anstreben: Gott.Die Kontemplativen sind Personen, derenGotteserkenntnis ihr ganzes Leben prägt.Das Bewusstsein der Gegenwart Gottesmagnetisiert sie und orientiert sie über jedeandere Sache hinaus. Die Kontemplativensind sich bewusst, dass Gott sie erschafft, sieunterhält, sie anfragt; sie leben eingetauchtin Gott. Dieses Bewusstsein ist der Filter,durch den sie denken, handeln, beten. DieKontemplativen wissen, weil sie es in jedemMoment erfahren, was es bedeutet, in Gottzu leben.Einzutreten in dieses Bewusstsein derGegenwart Gottes, kontemplativ zu sein,erfordert Disziplin, erfordert ein Organisierendes eigenen Lebens, so dass täglich derkontemplativen Dimension beständig eineangemessene Nahrung geliefert wird. Einesder unverzichtbaren Elemente ist die betendeLektüre des Wortes, „Wesenselement desgeistlichen Lebens“, das mehr noch als dasStudium „die Intimität mit Christus unddas Gebet“ verlangt (VD 86).Unsere radikalste Berufung ist jene, „dieverborgene Süße [zu] verkosten, die Gottselbst von Anbeginn für die aufbewahrt hat,die ihn lieben“ (3 Agn 14). Daher bestehtFranziskus darauf, dass nichts in unseremLeben dem Herrn vorgezogen werden darf:alles im Leben der Brüder und Schwesternmuss dem Geist des Gebetes und der Hingabedienen (vgl. Ant 2; NbR 5,2; KlReg 7,2). Gerufen,den Geist, die Seele und das Herzauf den Herrn gerichtet zu halten (vgl. NbR10 Benedikt XVI. Incontro con il mondo della cultura,Collége des Bernardins, Paris, 12 settembre 2008.34


22,19ff; 3 Agn 12-13), sollten die Brüder undSchwestern in der Kontemplation, also inder Vereinigung mit Gott und der radikalenEntscheidung für Jesus Christus, den eigenenletzten Existenzgrund finden und ihrewirkliche Mission.Auf diese Weise bleibt jeglicher Aktivismus,der den Geist des Gebetes und derHingabe auslöscht, wie auch jegliche Mittelmäßigkeit,Routine und Müdigkeit außerhalbdes Lebens des Bruders und derSchwester, die sich wahrhaft als Kontemplativebetrachten. Kontemplative sein heißt,das Evangelium mit seinen radikalsten Erfordernissenanzunehmen, ohne Ermäßigungenund ohne Anpassungen an einenbequemen Lebensstil zu rechtfertigen. DieKontemplation für die Jünger/Jüngerinnenvon Franziskus und Klara besteht darin, sichin ausschließlicher Weise für den Herrn zuentscheiden, ihm das Leben zu übergeben,wie der heilige Paulus sagt: „nicht mehr ichlebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).Kontemplation ist für einen Minderbruderund eine Arme Schwester, mit Franziskusbeteuern zu können: „Mein Gott und meinAlles“ und mit Klara: mir genügt der Bräutigam,denn „seine Macht ist stärker, seineedle Art erhabener, sein Aussehen schöner,seine Liebe holder und alle seine Anmut feiner“(1 Agn 9). Die franziskanisch-klarianischeKontemplation muss immer im Horizontder Nachfolge Christi gesehen werden.Die Nachfolge eines Minderbruders odereiner Armen Schwester ist kontemplativ,und daher kann man nie die Kontemplationvon der evangelischen Beschaffenheit desLebens trennen, gemäß dem Lebensvorsatz(proposito), den wir mit der Profess umarmthaben (vgl. 2 Agn 11), oder des festen Willenszu wachsen „vom Guten zum Besseren,von Tugend zu Tugend“ (1 Agn 32), indemwir ohne Hindernisse auf dem Weg der Seligkeitlaufen (vgl. 2 Agn 12-13). Außerdemist die franziskanisch-klarianische Kontemplationnie eine abstrakte Kontemplation,35


die heute nach den östlichen Philosophienso sehr in Mode ist, noch ist sie eine Kontemplation,die das Ich vernichtet, sonderneine Kontemplation des Du, das sich als dieFülle des Ich zeigt, in der herzlichen Begegnungdes Ich mit dem Du oder, um einenAusdruck Klaras zu gebrauchen, eine Kontemplation,die eine Umarmung von großerZärtlichkeit ist (vgl. 4 Agn 32).All das ist unmöglich ohne eine tiefeGlaubenserfahrung, die die ganze Existenzprägen möge: „die Gedanken und die Gefühle,die Mentalität und das Verhalten“ (Pf6). Der Glaube ist das Tor, das Ziel und dasFundament des kontemplativen Lebens.Der Glaube geht über die Orthodoxie, diereligiöse Hingabe oder die Frömmigkeit hinaus.Der Glaube ist die Selbstübergabe indie Hände Gottes, Vertrauen in die Dunkelheit,die Licht ist. Der Glaubende vertrautauf das Heute und akzeptiert das Morgen,weil er weiß, dass, egal wie es ist, Gott inihm ist. Der Glaube lebt im Geheimnis, dasGott ist, und wächst im Leben. Ein kontemplativesLeben ist nicht möglich ohneeine persönliche Begegnung mit der PersonJesu. Nur vom Glauben her, der sprudeltund sich in der persönlichen Begegnungmit Jesus stärkt, kann einer in dem, was geschieht,das ergreifen, was nicht geschieht,im Fragment die Einheit, im Momentanendas Ewige, im Menschlichen das Göttliche.Nur der Glaube gibt die Möglichkeit, vomSehen dem Fleische nach zum gläubigenSehen mit den Augen Gottes überzugehen.Uns einladend, die Pforte des Glaubens zuüberschreiten (vgl. Apg 14,27), sagt BenediktXVI.: „Wir können nicht hinnehmen,dass das Salz den Geschmack verliert unddas Licht verborgen gehalten wird“ (Pf 3).Das von Benedikt XVI. ausgerufene Jahrdes Glaubens könnte eine gute Gelegenheitsein, „um die Freude im Glauben wieder zuentdecken und die Begeisterung wieder zufinden, den Glauben mitzuteilen“ (Pf 7).36


Auf diesem Weg dürfen daher weder dieBrüder noch die Schwestern je vergessen,dass die Leidenschaft für Christus Leidenschaftfür die Menschheit ist. Daher kannihre Kontemplation dem Leben des Menschenund der Völker und dem, was ihnengeschieht, nicht fremd sein. Diese Realitätmuss in jedem Augenblick des Lebens unddes Gebetes der Kontemplativen präsentsein. Schon Klara erinnerte ihre Schwesternvon San Damiano daran: „Von dieser Stadt,liebste Schwestern, haben wir täglich vielGutes empfangen. Sehr unrecht wäre es, ihrnicht zur rechten Zeit, soviel wir können, zuHilfe zu eilen“ (LebKl 23). Ein Minderbruderund eine Arme Schwester sollen sichmit allen in Gemeinschaft fühlen, alle mitihren Freuden und ihren Schmerzen, mitihren Hoffnungen und Frustrationen vorden Herrn bringen. Sie werden alle in ihremHerzen tragen, das auf den Spiegel fixiertbleibt; sie werden alle in ihre kontemplativeSeele aufnehmen.Dies wird möglich sein, wenn die Brüderund Schwestern eine dynamische Spiritualitätpflegen werden, die uns zugleich zu Kinderndes Himmels und zu Kindern der Erdemacht; eine integrale Spiritualität, die unsdazu bringt, in Fülle in der Liebe zu Gottund zum Nächsten zu leben; eine Spiritualitätin Spannung, die uns die Möglichkeit gebenmöge, zugleich Mystiker und Prophetenzu sein. Unsere Lebensform fordert diesvon uns, dies erwarten unsere Zeitgenossenvon uns.Klarianische Methode derKontemplation19. Aber welche Schritte sind notwendigzu tun, um eine wirkliche Kontemplation zuerreichen? Konzentrieren wir uns auf Klara.Die neue Frau ist nicht nur eine kontemplativeSeele, sondern sie ist auch Meisterin derKontemplation und als solche bietet sie uns37


eine in drei Verben zusammengefasste Methode,der wir folgen sollten. Sie steht imzweiten Brief Klaras an Agnes: schauen (beobachten),betrachten und beschauen.Schauen [guardare], aufmerksam beobachten:„In diesen Spiegel schaue täglich …richte deine Aufmerksamkeit auf den Anfangdieses Spiegels und betrachte die Armutdessen, der in eine Krippe gelegt undin Windeln gehüllt wurde“ (4 Agn 15.19).Das Schauen impliziert, alle Gefühle aufsSpiel zu setzen, um sich mit Christus zu bekleiden(vgl. Gal 3,27; Eph 4,24), um seineGefühle zu teilen (vgl. Phil 2,5). Es handeltsich nicht um eine romantische Erfahrungvor der Krippe, sondern um eine Erfahrungwirklicher Armut. Das kontemplative Hinschauen,zu dem Klara auffordert, bringteine entschiedene Wahl der Armut mit sichund folgt darin dem Weg, den der SohnGottes gewählt hat (vgl. KlTest 5). Weit entferntvon einer Nabelschau, handelt es sichdarum, aus sich selbst herauszugehen unddie Armut desjenigen zu betrachten, der„sich für dich verachtenswert gemacht hat“.Für Klara gibt es keine andere Weise, aufdie Armut Christi zu schauen, als sich armzu machen: „Folge ihm, verachtenswert gewordenin dieser Welt um seinetwillen“ (2Agn 19).Betrachten [considerare]. Für Klara umfängtdas Betrachten den Geist und führtzur Wahrnehmung der Demut wie ein Kontrast,der empört und fasziniert: der Königder Engel gewickelt in Windeln und in eineKrippe gelegt (vgl. 4 Agn 19 f). Für Klarawie für Franziskus sind Armut und Demuteng miteinander verbunden (vgl. GrMar 2).Die Armut macht den Zustand der an materiellenGütern Armen offenkundig, die Demutdrückt das aus, was die Armut auf einertieferen Ebene ausmacht: Erniedrigung,Demütigung, Verachtung. Wenn die Armutdie Negierung des Reichtums ist, dann istdie Demut die Negierung der Macht. Die38


Demut ist der kenotische Zustand der Nachfolge.Für Klara heißt „betrachten“ Christusin seiner Demut und in seiner Erniedrigungfolgen.Beschauen [contemplare]. Beschauen betriffthauptsächlich das Herz, das für Klarader Ort des Bundes mit dem Bräutigam ist.In diesem Sinn drückt die Kontemplationdie totale und radikale Hingabe aus, dieGemeinschaft, die erlaubt Gott zu verkosten.Daher ist es notwendig, das Herz vollständigauf den Herrn gerichtet zu halten.Auf diese Weise wird es möglich sein, einreines Herz zu haben (vgl. KlReg 10,10), mitden Augen Gottes zu sehen. Beschauen, wiegesagt, meint, Christus einfach zu folgen inder vom Evangelium vorgegebenen Radikalität.„Sehen“, „betrachten“ und „beschauen“,- mehr als Stufen sind sie Momente ein unddesselben Prozesses, der jenseits einer reinintellektuellen Betrachtung liegt und zu einerErfahrung führt, die die Person in jederihrer Dimension einbezieht: spirituell, intellektuell,affektiv und sensibel, und in einedem Betrachteten gemäße Lebenswahl einmündet.So ist die klarianische Kontemplationwie die echte Liebe: umhüllend (vgl. 3Agn 12 f; 4 Agn 15), die zur Nachfolge undzur vollen Identifikation mit der geliebtenPerson führt, zur Umwandlung des Liebendenin den Geliebten.20. Um zu einer ähnlichen Identifikationoder einer solchen Stufe der Kontemplationzu gelangen, ist das Schweigen notwendig.Das meint Klara in ihrer Regel (vgl. KlReg5) und so denken die Kirche und die Konstitutionender Armen Schwestern: „dieSuche der Intimität mit Gott bringt daswirklich lebensnotwendige Bedürfnis einesSchweigens des ganzen Seins mit sich“ (ET46; vgl. CCGG OSC 81). Die Arme Schwester,die in der Intimität mit dem Bräutigam39


zu bleiben und sich in ihn zu verwandelnwünscht, muss jeglichen Lärm“ (LebKl 36) inihrer Seele vermeiden. Aber ist das Schweigennur für die Schwestern notwendig? Ichglaube nicht. Da das Wort Gottes und dasWort über Gott Vorrang hat, ist das Schweigenauch für die Brüder notwendig (vgl.Rer 3). Franziskus lehrt uns mit seiner Liebefür die zurückgezogenen Orte den Wertdes Schweigens. Wir müssen zugeben, dassuns das Schweigen Angst macht, weil es dieLeere ist, in der das Ich Gott begegnet, undweil es uns zugleich zeigt, was uns nochfehlt, um das zu sein, was wir sein sollen.Daher ist es eine Sache, still zu sein, eineandere davon zu unterscheidende ist das bewohnteSchweigen. Dies ist nicht Stummheit,es ist vielmehr ein Bleiben in einer lebendigenund kreativen Präsenz. Das Schweigen, vondem wir sprechen, ist die Präsenz des Ich imDu, ein aufmerksames und intimes Werdendes Herrn im eigenen Leben. Wenn das Stillseineinen asketischen Charakter hat, mussdas Schweigen in mystischer Perspektiveverstanden werden: bleiben mit Gott, mitsich selbst und mit den anderen. Dann wirddas Schweigen im Wort beginnen, in der Arbeit,in der Begegnung, während die Formdes Sprechens die discretio /Mäßigung (vgl.KlReg 5,8) sein wird und die devotio / Hingabe(vgl. KlReg 7,2), und alles wird auf die gegenseitigeLiebe und auf den inneren und äußerenFrieden verweisen (vgl. KlReg 4,22). DasSchweigen, von dem Franziskus und Klarazu uns sprechen, besteht aus Einsamkeit undHören, aus harmonischem Verhältnis zwischenSchweigen und Wort.Für ein wirklich kontemplatives Lebensind notwendig: stilles und gemeinschaftlichesGebet (vgl. KlReg 3), das betende Hörendes Wortes und ein intensiv liturgischesLeben. Nur so wird der Kontemplative entdecken,wer er wirklich ist. Das Gebet istder Schlüssel, der zum Schweigen, zu Allemöffnet.40


Die Klausur im Dienst derKontemplation21. Jetzt möchte ich mich dem Thema derKlausur der Schwestern zu wenden, einemElement, das das Spezifikum des klarianischenLebens innerhalb des franziskanischenCharismas umschreibt. Die Minderbrüderund die Armen Schwestern teilen miteinanderden ganzen Reichtum des Charismas:Armut, Geschwisterlichkeit, Katholizität,missionarische Sendung… Dennoch wirdvon den Armen Schwestern wahrscheinlichmehr verlangt durch die Klausur: eintreu und beständig Bleiben zu den Quellendes Mysteriums, mit einem ausschließlichauf die Kontemplation gerichteten Leben.Es ist wahr, sowohl die Minderbrüder wieauch die Armen Schwestern sind gerufen,eine starke und unlösbare Einheit mit denWurzeln des geweihten Lebens zu haben,zu Jesus, betrachtet im Geheimnis der Liebeund des Schmerzes; aber wenn dies das gemeinsameZiel ist, das unser Leben ausrichtensoll, so sind die Mittel, es zu erreichen,doch unterschiedlich. Während ihr gerufenseid, vorwiegend den Blick direkt fest auf denSpiegel gerichtet zu haben, sind wir gerufen,auch der Welt Den, der der Widerscheinist zu bezeugen und zu verkünden. Ich habeden Begriff vorwiegend hervorgehoben, dennes wäre eine Untreue eurerseits, wenn ihrdie Menschheit aus dem Blick verlöret, fürdie ihr das Leben im Kloster hingebt; wie esUntreue unsererseits wäre, wenn wir Jesusaus dem Blick verlören, an den wir mit derProfess gebunden sind und der Derjenigeist, der unsere apostolische Arbeit stützt.Ich glaube, dass wir uns darin gegenseitigviel helfen können: ihr, indem ihr uns erinnert,dass es eine Zeit gibt, sich einzig an Ihnzu verlieren, weil es notwendig ist, dass Ermit uns sei und wir mit Ihm; wir, um euchaus einem Quietismus herauszuziehen,der euch dazu bringen könnte, euch in eurentäglichen Rhythmen zu verschließen,41


in euren internen Problemen. Wir könnenund wir müssen euch unsere Gotteserfahrungweitergeben, reich an Begegnung mitder Armut des Menschen, und ihr müsstuns das Antlitz Jesu weitergeben, in dessenGeheimnis eingetaucht ihr täglich ohneZerstreuungen lebt, dank eines zutiefst kontemplativenLebens. So helft ihr uns, unsereArbeit „göttlicher“ zu machen; während wireuch helfen, eure Kontemplation konkreterund menschlicher zu machen.Das Gesagte vor Augen, ist die Klausurein wichtiges Element der Lebensform derArmen Schwestern, die ein gänzlich kontemplativesLeben gewählt haben. EineKontemplation wie jene, von der wir gesprochenhaben, kann nur in einem vitalenKlausurraum gelebt werden. Das Ich kannsich dem Anderen nur hingeben, wenn eineversöhnte innere Harmonie vorhanden ist.Die Klausur für die Armen Schwesternist nicht ein Ziel in sich selbst, sondern einMittel, um das Leben in Gott zu bewahren.Kontemplation und Klausur sind eng miteinanderverbunden. In diesem Sinn findetdie Klausur ihre vollere Bedeutung, wennsie als Beziehungsraum gelebt wird. DieKlausur wird der Person helfen müssen,der ganzen Person – Geist, Herz und Leib-, eine privilegierte intensive Beziehung mitder Person des Herrn Jesus zu hüten. Durchdie Klausur macht die Arme Schwester eineneue Modalität von Beziehung sichtbar, diesie in der Schule der Trinität gelernt hat.Als Klausur des Geistes sehe ich sie dervon Franziskus so sehr geliebten heiligenEinfalt ganz nahe, die die Reinheit des Blickesist, der über jegliche Doppeldeutigkeitund Schwäche hinausgeht. Diese Klausurdes Geistes hat viel mit der Formationzu tun. In diesem Sinn muss eine ArmeSchwester in der Ausbildung lernen, dieEreignisse des Lebens mit jenem prophetischenBlick zu lesen, der über das wirkliche42


Faktum hinausgeht, um in ihnen das WerkGottes zu erkennen. Die Klausur des Herzensmuss der Schwester helfen, die Räume desHerzens zu weiten, um mit freiem Herzenzu lieben; frei, weil es eng vereint ist mit Jesusund in Ihm mit allen Brüdern, für dieJesus das Leben gegeben hat. Die Klausurdes Herzens muss auf die Qualität der Beziehungengroße Achtsamkeit verwenden.Eine Arme Schwester gehört gänzlich zuIhm und in Ihm zur Kirche, vor allem zurersten Kirche, die die Kommunität bildet.Dies muss durchscheinen in alle Beziehungeneiner Armen Schwester. Die Klausur desLeibes bezieht sich auf das physische Faktumder Klausur, auf euer „abgesondert“ leben.Diese Klausur beinhaltet Verzicht, derjedoch leicht überwindbar wird, wenn eureTrennung von Ihm bewohnt ist und in Ihmauch von den anderen. Auch diese Klausurmuss euch daher dazu führen, die Lebensperspektivezu weiten, eine Alternative zurnormalen Art und Weise der Personen, miteinanderin Beziehung zu sein, zu bieten,Auf diese Weise ist die Klausur nichtso sehr eine Trennung, sondern eine neueArt von Beziehung: mit Gott und als Folgemit den anderen. Ich würdige eure Klausurals eine radikale Form sine proprio zu lebenund als „etwas Einzigartiges“ innerhalb desfranziskanisch-klarianischen Charismas;dennoch denke ich, dass die Armen Schwesterngerufen sind, eine Rast auf ihrem Wegzu machen und sich zu fragen, ob die Stabilitas,die gewiss ein Charakteristikumdes kontemplativen Lebens ist, sich nichtin Unbeweglichkeit verwandelt hat undob man nicht auch weiterhin von Stabilitassprechen kann, indem man die Theologie desZeltes aufgreift, so dass die Stabilitas unddie Klausur weiterhin lebendige Zeichender Hoffnung sein können unter denen, diein zerstreuter Weise leben und so, als ob esGott nicht gäbe.Gerufen, dass die Arme Schwester ihr Le-43


en nur für Gott lebt, ist es notwendig, dasssie umlernt und den Koordinaten Stabilitasund Klausur, in denen sie lebt, einen neuenSinn gebe. Nur so wird sie ein Zeichen fürdie geteilte und zersplitterte Welt von heutesein. Daher ist es auch notwendig, dass dieKlöster sich in Orte bewohnten Schweigenswandeln, Orte des Hörens, des Empfangensfür die, die sich verloren fühlen, die Freundschaftbrauchen, die suchen und dem Herrnbegegnen möchten, und so einen neuenSinn dem eigenen Leben geben.Wer ist Jesus für mich?Welchen Platz nimmt erein in meinem Leben undin dem meiner Fraternitas?Wie lebe ich die kontemplativeDimensionim geweihten Leben anjedem Tag?Existiert in meinemLeben und in dem meinerFraternitas ein „ökologischerLebensplan“,in dem es fest gelegteZeiten gibt für michselbst, für Gott, für dieBrüder/die Schwesternund für die Sendung?Im Fall der Schwestern:wie lebe ich die Klausur?Als eine alternativeBeziehungsform oder als eineAbwesenheit und eine einfache Trennung?44


Das geschwisterlicheLeben inGemeinschaft oderin heiliger Einheit22. Franziskus und Klara leben die Nachfolgedes armen Christus in der Gemeinschaftgeschwisterlichen Lebens oder in heiligerEinheit. Von dem Moment an, als derHerr Franziskus Brüder gab und das Herzerleuchtete und Klara Schwestern schenkte(vgl. KlTest 24-25), verstanden der Poverellound seine kleine Pflanze sich selbst nurvon der Beziehung mit den Brüdern undSchwestern her. Die Lebensform, die beideuns übermittelt haben, ist gedacht, in Geschwisterlichkeitgelebt zu werden. Dieszeigt sich durch die Menge und Verschiedenheitder Begriffe und Ausdrücke, denenwir in der Lebensform von Franziskus undKlara begegnen, um die geschwisterlicheBeziehung der Brüder und der Schwesternzu umschreiben 11 .Dieses einfache Faktum vor Augen gibtes keinerlei Zweifel, dass die Fraternitasoder die heilige Einheit eine der charakteristischstenKennzeichen der Lebensform derArmen Schwestern und der Minderbrüderist, ein unverzichtbares Element im Entwurfdes franziskanisch-klarianischen Lebens.Für Klara wie für Franziskus ist die Fraternitasder Ort, an dem das Evangelium täglichgelebt wird, der privilegierte Bereich,wo man das Zeugnis eines Gottes gibt, der11 Vgl. G. Boccali, Concordantiae verbales opusculorums. Francisci et s. Clarae Assisiensium. Ed. Porciuncula,Assisi 1995; Sebastian López, El vocabulario de laspororidad en la Forma de Vida de ssanta Clara de Asis,en Verdad y Vida 258 (20122) 45-76.45


in der Verschiedenheit Gemeinschaft undVerschiedenheit in der Gemeinschaft ist, derHumus, in dem das gemeinsame Lob blüht,die kontemplative Freude und der Friede,Früchte des Geistes und charakteristischeZüge der ersten franziskanisch-klarianischenFraternitas.Sowohl für Franziskus wie für Klara sagtFraternitas Gleichheit. Wenn alle Brüder/Schwestern sind, sind alle gleich (vgl. VCc. II). Die Fraternitas heißt Reziprozität. EinBruder allein oder eine Schwester allein istkein Bruder oder keine Schwester; dahermüssen alle „aufeinander achten und unszur Liebe und zu guten Taten anspornen“(Hebr 10,24). Fraternitas meint nämlich Familiarität.Wenn alle Brüder/Schwesternsind, müssen alle sich familiär zueinanderverhalten, denn alle bilden dieselbe Familie.Das geschwisterliche Leben derMinderbrüder und der Armen Schwestern23. Gerufen, dem Evangelium und denSpuren Jesu Christi zu folgen, sind die Minderbrüderund die Armen Schwestern inFraternitas und als Fraternitas gegründet.Wenn jedes geweihte Leben gerufen ist, signumfraternitatis (vgl. VC c. II) zu sein, ist dasgeschwisterliche Leben für die Minderbrüderund die Armen Schwestern das attraktivsteAntlitz, ihre Berufung und Sendung,ihre Weise das Evangelium zu leben undChristus zu bezeugen (vgl. Joh 13,35). Übrigensist für uns das geschwisterliche Lebenwesentlich für menschliches und geistlichesWachstum; auch für euch, liebe Schwestern,die ihr ein vollständig kontemplatives Lebengewählt habt. Der wahrhaft Kontemplativehört die Stimme Gottes in den anderen,sieht das Antlitz Gottes im Antlitz deranderen, erkennt den Willen Gottes in derPerson des anderen, dient dem Herzen Gottes,indem er die Wunden pflegt und auf dieForderungen des anderen antwortet. Die46


Fraternitas stellt die menschliche und geistlicheSubstanz der Personen auf die Probe.In einer Welt geprägt vom Individualismus,von der Bruchstückhaftigkeit, von derGewalt und der Spaltung; in einer Welt, inder die Primärgruppen wie die Familie undselbst die Freundschaft geschwächt sind, istdie Fraternitas eine prophetische Anklagegegen all dies und eine ebenfalls prophetischeVerkündigung, dass eine andere Weise,gegründet auf dem Respekt und demHören, möglich ist. In diesem Sinn verstehtsich, warum das geschwisterliche Leben insich evangelisieren ist.Das Fundament des geschwisterlichenLebens in Gemeinschaft24. Auch wenn die Fraternitas einer derAspekte ist, über die in diesen letzten Jahrenam meisten gearbeitet wurde, müssen wirdennoch zugeben, dass das geschwisterlicheLeben in Gemeinschaft weiterhin eineHerausforderung ist, eines der schwierigstenElemente unserer Lebensform und auchder zerbrechlichsten, wenn es darum geht,sie in der Tiefe zu leben. Die Fraternitaszeigt eine Realität, die die Bande des Blutesübersteigt, so wie jene, die aus einer gemeinsamenKultur, derselben Freundschaftoder einer gemeinsamen Arbeit stammen.Sprechen von Fraternitas meint sprechenvon einer Realität, die ihre Wurzeln tieferin Gott selbst senkt: „der Herr gab mir Brüder“(Test 14), der Herr hat mir Schwesterngeschenkt (vgl. KlTest 25). Das geschwisterlicheLeben in Gemeinschaft hat viel zu tunmit dem Glauben an einen Gott, der sichzum Geschenk in den Brüdern und Schwesterngemacht hat.Erst wenn jemand ein klares Bewusstseindavon hat, dass der Bruder/die Schwesterein Geschenk Gottes ist, dann verblassen diemöglichen Unterschiede und, weit davon47


entfernt als Bedrohungen meiner eigenen Individualitätgesehen zu werden, werden sieals Kundgebungen eines Gottes gehört, deralles neu macht und sich nie wiederholt. Erstwenn ich mit dankbarem Herzen bekenne,dass der Herr mir Brüder und Schwestern gab,hören die anderen auf, Fremde für mich zusein, und können als ein alter ego betrachtetwerden. Ich kann daher auf den anderenachten (vgl. Hebr 10,24); mir Rechenschaftgeben von seinen Bedürfnissen und ihnenmit Zuvorkommenheit entgegenkommen;mich als „Hüter“ meiner Brüder/Schwesternfühlen (vgl. Gen 4,9); wechselseitige Beziehungenaufnehmen, charakterisiert durcheine besondere Aufmerksamkeit auf das Gutesdes anderen „unter allen Aspekten: physisch,moralisch und geistlich“ (BenediktXVI, Messaggio per la Quaresima 2012, 1)!Die geschwisterliche Korrektur25. So wird auch die geschwisterlicheKorrektur möglich, Erfordernis der Liebegegenüber dem Bruder/der Schwester,der/die sündigt (vgl. Mt 18,15); Korrekturnicht im Geist der Verurteilung oder Klage,sondern „im Geist der Sanftmut“ (Gal 6,1),Menschlichkeit und Liebe (vgl. NbR 5,5) undimmer von der Barmherzigkeit bewegt, dieman demgegenüber haben soll, der sündigt(vgl. Min 9). Und weit davon entfernt, zornigzu werden und sich über die Sünde desanderen aufzuregen (vgl. NbR 5,7-8; Min15; KlReg 9,5), beten wir für ihn, „dass derHerr [sein] Herz zur Buße erleuchte“ (KlReg9,4). Die geschwisterliche, evangelische undfranziskanische Korrektur entspringt immerder Liebe und der Barmherzigkeit, einemwahren Eifer für das Gute des Bruders/derSchwester. Wie Benedikt XVI. schrieb, „inunserer vom Individualismus geprägtenWelt ist es notwendig, die Bedeutung dergeschwisterlichen Korrektur neu zu entdecken,um gemeinsam auf dem Weg zur Heiligkeitzu gehen […] um das eigene Leben48


zu verbessern und redlicher auf dem Wegdes Herrn zu gehen“ (Messaggio per la Quaresima…,1). Seien wir aufmerksam, liebeSchwestern und Brüder, dass wir nicht der„spirituellen Betäubung“ zum Opfer fallen,die dazu führt, das Interesse an den anderenzu verlieren. Dies möge in einer Fraternitasvon Brüdern und Schwestern nicht geschehen!Wir hören den Apostel Paulus, der unsauffordert zu suchen, was „zum Frieden undzum Aufbau beiträgt“ (Röm 14,19) und, angesichtsder Tatsache, dass wir ein Leib sindund zueinander gehören, „alle Glieder einträchtigfüreinander sorgen“ (1 Kor 12,25).Die Lebensgemeinschaft in der franziskanisch-klarianischenFraternitas, gegründetauf die Schule des Evangeliums, dasLeben ist, begegnet „in der Einheit gegenseitigerLiebe“ (KlReg 10,7) seinem erstenund beredtsten Ausdruck. Diese Einheit,gelebt in der Annahme und Wertschätzungder Verschiedenheit des anderen, stellt dieBrüder und Schwestern in einen dynamischenProzess der Umkehr, in einen Zustandbeständiger Fortbildung, in der sieimmer gerufen sind, authentische Beziehungenaufzunehmen mit sich selbst, mitden Brüdern und Schwestern, mit Gott, mitden anderen und mit der Schöpfung. „Diegeweihte Person befreit sich allmählich vondem Bedürfnis, sich in die Mitte von allemzu setzen und den anderen zu besitzen, undvon der Angst, sich den Brüdern hinzugeben;sie lernt vielmehr zu lieben, wie Christussie geliebt hat, mit jener Liebe, die jetztausgegossen ist in ihr Herz und die sie fähigmacht, sich zu vergessen und sich hinzugeben,wie es ihr Herr getan hat“ (VFC 22).26. Experten darin, die Antwort der Liebezu leben, die Gott in unsere Herzen ausgegossenhat (vgl. Röm 5,5) durch die Worte,die Gefühle, das Verhalten und die Entscheidungeneines jeden Tages, finden derMinderbruder und die Arme Schwester in49


der Fraternitas nicht einen bequemen Zufluchtsort,sondern einen Ort, an dem sichverpflichten, die Gemeinschaft zu bauenund sich verantwortlich zu fühlen für dieTreue der anderen und für die Treue der Entscheidungzur selben Fraternitas, indem sieein ungetrübtes Klima des Verständnissesund der gegenseitigen Hilfe fördern (vgl.VFC 57). Das geschwisterliche Leben in Gemeinschaftist also Gabe und Aufgabe. AlsGabe ist es dem Herrn verdankt, von demjede Gabe kommt; als Aufgabe bildet sichdie Fraternitas auf der Basis einer beständigenSelbst-Enteignung – leben sine proprio –,nach der Logik der vorbehaltlosen Hingabe.Indem sie sich hüten „vor allem Stolz,eitler Ruhmsucht, Neid, Habsucht, den Sorgenund Kümmernissen dieser Welt, vonEhrabschneiden und Murren, Auseinandersetzungund Entzweiung“ (KlReg 10,6),geben sich der Bruder und die Schwesterjeden Tag mehr in die Fraternitas hinein,und zugleich werden sie sie tragen, indemsie sie im Geheimnis Gottes betrachten. Indieser Kontemplation drücken sie dann ihreDankbarkeit aus für all das, was sie beständigvon der Fraternitas empfangen. Tatsächlichsind der Minderbruder und die ArmeSchwester sich bewusst, dass eine wahreFraternitas sich in der Kontemplation dertrinitarischen Liebe bildet, in der man lernt,die Schönheit und den positiven Charakterder anderen und von sich selbst zu entdecken;die eigenen Bedürfnisse zu lenken,indem man jenen der anderen Rechnungträgt; sich immer offen zu halten für die Beziehung,wie Gott es mit uns macht, auchwenn wir untreu sind (vgl. 2 Tim 2,13).Erst wenn es von dieser Liebe getragenist, wird das geschwisterliche Leben in Gemeinschaftoder heiliger Einheit die unvermeidlichenKonflikte überwinden könnenund wird über dies hinaus unversehrt bleiben:„immer ist es möglich, zu verbessernund zusammen auf die Gemeinschaft zuzu-50


gehen, die die Vergebung und die Liebe zuleben weiß. Denn die Gemeinschaften könnennicht alle Konflikte vermeiden. Die Einheit,die sie bilden sollen, ist eine Einheit, diesich stabilisiert zum Preis der Versöhnung“(VFC 26). Wenn eine Fraternitas von Minderbrüdernoder von Armen Schwestern diesenWeg unternimmt, wird sie zu einer wirklichenSchule der Gemeinschaft (vgl. NMI 43).Die Fraternitas bauen27. Angesichts der Tatsache, dass die Fraternitaseine Beziehung gegenseitiger Liebeist (vgl. KlReg 4,22; 10,7), einer Liebe vonGeben und Nehmen, ist es wichtig, um siezu erreichen, zu schulen und sich zu bildenin den horizontalen Beziehungen innerhalbder Fraternitas, in der natürlichen Achtungder Dienste. Insbesondere derjenige, der inden Dienst der Autorität gerufen ist, musseinen besonderen „Gehorsam“ zur NachfolgeChristi leben, der gekommen ist, um zudienen und nicht um sich dienen zu lassen(vgl. Mt 20,28; Erm 4).Für Klara wie für Franziskus drückt sichdiese Art, die Autorität auszuüben, darinaus, dass sie Gemeinschaft schaffen (vgl.KlReg 4,11-12; Min 9 ff), in der Ermahnungund in der Korrektur der Schwestern/Brüder(vgl. KlReg 10,1; 9,1; NbR 5,1 ff), in derBewahrung des Charismas (vgl. KlReg 6,11),in der Begleitung der Schwestern/Brüder(vgl. KlReg 4,9; NbR 4,6), in der Förderungder Mitverantwortung und Zusammenarbeit(vgl. KlReg 2,1-2; 4,15.10.22-24).Gerufen den Brüdern und Schwestern zudienen, werden „diejenigen, die über die anderengesetzt sind“ (Erm 4,2) die ersten sein,das Leben im Geist zu kultivieren, um dieunvermeidliche Urteilskraft über die Brüderund Schwestern und über die Fraternitasauszuüben (vgl. NbR 16,5), sich führen lassendin allem von dem, wie „es vor Gott am51


esten erachtet“ wird (NbR 5,6); sie werdensorgsam sein und die Gaben fördern, die jederBruder oder jede Schwester vom Herrnempfangen hat, indem sie denjenigen Mutund Hoffnung einflößen, die schwierigeMomente durchmachen; sie werden daraufachten, das Charisma lebendig zu erhalten,und auf den kirchlichen Sinn der Fraternitas;und im Bewusstsein, dass von beständigerWeiterbildung die kreative Treue zurBerufung und Sendung abhängt, werdensie den Weg beständiger Weiterbildung derBrüder und Schwestern begleiten (vgl. Il serviziodell’autorità e l’obbedienza [=SAO], 13).Um die Fraternitas zu bauen, müssen dieMinister und die Äbtissinnen, aber auch dieBrüder/Schwestern, besondere Sorge habenfür die folgenden Vermittlungen: dieKommunikation und die interpersonalenBeziehungen.Kommunizieren heißt, den anderen nichtnur an dem Anteil zu geben, was ich tue,sondern auch an dem, was ich denke undfühle. Ein geschwisterliches Leben in Gemeinschaftführen will heißen, die eigeneGeschichte zu teilen, jene, die wir gerade leben,und jene, die uns gegeben wird. UnsereGeschichte mit ihren täglichen Wechselfällen,mit ihren Freuden und ihren Schatten;und jene, die als verborgenen ProtagonistenGott selbst hat, wo seine Liebe sich zugleichzeigt und verbirgt. In einer Welt, die durchdie technischen Mittel ständig miteinanderin Verbindung steht, läuft man Gefahr eineroberflächlichen Kommunikation auchin unseren Fraternitäten. Ich glaube nicht,dass ich übertreibe, wenn ich sage, dasswir es nötig haben, in der Kommunikationviel zu wachsen, vor allem in der Kommunikationder verborgenen LiebesgeschichteGottes. Für uns, die wir das Leben demHerrn geweiht und es mit ganzem Herzenin der Fraternitas getan haben, muss das zukommunizieren, was Gott in uns wirkt, dieHauptlinie unseres Lebens sein. Wir haben52


es sehr nötig, in der geistlichen Kommunikationzu wachsen in dem Wissen, dass sieein Klima des Respekts verlangt, der Annahme,der Akzeptanz, der Freiheit und dergeistlichen Freundschaft.Die interpersonalen Beziehungen müssenihrerseits charakterisiert sein durch Familiarität.Achtung bei den rein virtuellenBeziehungen! Wir, Brüder und Schwestern,sind gerufen, Meister der Beziehungen zusein. Außer unter uns eine warme und authentischeBeziehung zu fördern, müssenwir uns daher den Konflikten in einer erwachsenenHaltung stellen. Außerdem könnenwir nicht außer Acht lassen, dass dieKommunikation und die Beziehungen ausWorten, Zeichen und Schweigen gemachtsind. Es gibt Worte, Zeichen und Schweigen,die die interpersonale Kommunikation undBeziehung verhindern, so wie es Worte, Zeichenund Schweigen gibt, die sie fördern.Aber über diese Verantwortung des Ministersoder der Äbtissin in der Bildung derFraternitas hinaus, werden die Fraternitasund die heilige Einheit von jedem Bruder/jederSchwester in dem Maße behütet, in dem er/sie den eigenen Willen loslässt, um den PlanGottes über ihn/sie und über die Fraternitaszu erfüllen, im Gehorsam zum Willen des Vaters,nach dem Beispiel Christi (vgl. 2 Gl 11),der „den Gehorsam erlernte durch das, was ererlitt“. Und all dies auch in besonders schwierigenSituationen (vgl. SAO 10).In dieser Aufgabe, die Fraternitas zu bilden,können wir nicht darauf verzichten, injedem Augenblick den gemeinsamen Webfadender wechselseitigen Zugehörigkeit zustärken: die einen zu den anderen und allevom Herrn. Diese Idee der gegenseitigenZugehörigkeit wird den Sinn der Komplementaritätsteigern: wir brauchen davonmehr als wir denken. Niemand hat in demgemeinsamen Webfaden mehr Bedeutung,denn verschieden, wie wir sind, bilden wir53


einen einzigen Leib. Kommunikation undinterpersonale Beziehungen haben viel zutun mit diesem Sinn der wechselseitigen Zugehörigkeit,bei der es sich darum handelt,ein Leben in ein anderes einzuschließen undzu teilen, was ein jeder ist, angesichts der gemeinsamenZugehörigkeit zum Herrn.In die Fraternitas tritt man dankend ein,weil alles in ihr zuerst Geschenk ist, dasuns gemacht wurde. Wenn es etwas gibt,das unsere Fraternitäten zerstört, ist es dieAnmaßung, über den anderen zu stehen,uns in Richter unserer Brüder/Schwesternzu verwandeln. Dies geschieht, weil wirauf sie unsere Träume projizieren und vonGott, von den anderen fordern, dass sie sierealisieren. Indem wir unseren Traum vonFraternitas anstelle der realen Fraternitaslieben, verwandeln wir uns in Zerstörerder Fraternitas. Es beginnt damit, unsereBrüder anzuklagen, dann klagt man Gottan und schließlich werden wir verzweifelteAnkläger von uns selbst. Wir müssen unsdaran erinnern, dass die ideale Fraternitasnicht existiert, die unsere Träume dünkelhaftenStolzes aufnehmen könnte, und dassdie Fraternitas sich auf der Vergebung undauf der Versöhnung aufbaut, weil sie vielzu tun hat mit der eigenen Begrenzung undder der anderen.Die Fraternitas und die heilige Einheit,von der wir sprechen, erlauben auch, sichden Beziehungen zu öffnen, die über dieeigene Fraternitas hinausgehen. In diesemSinn glaube ich, dass die Zeit für eine Revisionder Autonomie der Provinzen und derKlöster reif ist, so dass man mehr den Sinnder Zugehörigkeit zu einer Fraternitas betont,die über die Grenzen des eigenen Klostersoder der eigenen Entität hinausgeht.Das erfordert den Verzicht auf die Selbstgenügsamkeit,was auch immer die Mittel seinmögen, über die eine Gemeinschaft verfügenkann, und die Öffnung zur Zusammenarbeitund zur geschwisterlichen wechselseitigenAbhängigkeit. Die Gemeinschaft,54


die die Tore öffnet, ist das beste Gegenmittelgegen Müdigkeit und gegen das Fehlen vonHoffnung, die manchmal auch unter denSchwestern präsent sind.Schließlich ist die Fraternitas oder dieheilige Einheit weit davon entfernt, Uniformitätzu sein. Sowohl die Schwestern wiedie Brüder sind gerufen, die Verschiedenheitals einen Reichtum anzunehmen. Dieswird nur möglich sein mit einer Glaubensvision,die dazu führt, sie als eine Gabe undein Geschenk des Herrn zu sehen. Die geschwisterlicheGemeinschaft schafft die heiligeEinheit in der Verschiedenheit. Dann istEinheit frei, geschützt und gestützt.elches wäre die Diagnosedes geschwisterlichen Lebensin Gemeinschaft?Welche Symptome,positive und negative,erspürst du im geschwisterlichenLeben deinerFraternitas?Mit welchen Mittelnbeteiligst du dich amAufbau/an der Zerstörungder Fraternitas, zuder du gehörst?Was sagst du über diegeschwisterliche Korrekturin deiner Fraternitas?Gibt es einen von derFraternitas erarbeitetenPlan des geschwisterlichenLebens? Wenn ernicht existiert, welche Schrittesind für seine Erarbeitung zuunternehmen?55


Ohne irgendetwasEigenes28. Ein wichtiges Element der Lebensformvon Franziskus und Klara ist, ohne irgendetwasEigenes zu leben (vgl. BR 1,1; KlReg 1,2).Ihre Stellung im Satz zwischen dem Gehorsamund der Keuschheit lässt uns denken,dass ohne irgendetwas Eigenes der Schlüsselist, um das eine und das andere zu leben,aber auch um viele andere Aspekte desfranziskanisch-klarianischen Charismas zuleben. In diesem Sinn glaube ich, dass vonohne irgendetwas Eigenes zu sprechen heißt,von einer der Wesenszüge der franziskanischenSpiritualität zu sprechen, zentriert aufdie Nachfolge des armen Christus, verständlichnur im Licht, das alles umfasst.Franziskus und Klara frei von allem,um Den zu lieben, der Alles ist29. Für Franziskus und Klara hat die Armutein Antlitz und einen Namen: den desarmen und gekreuzigten Jesus Christus,(vgl. 2 Agn 18-19) und findet seinen höchstenAusdruck darin ohne irgendetwas Eigenes,zu leben (KlReg 1,2). Zu folgen der Lehreund den Spuren unseres Herrn Jesus Christus,ist vor allem seine Armut umarmen: folgenseinen Spuren und seiner Armut (vgl. NbR 1,1;BR 6; Leo 3). Alles verkaufen, den Erlös denArmen geben, ohne irgendetwas Eigenes leben,machen einen Teil der gründenden Erfahrungvon Franziskus und Klara aus, werdendas beherrschende und unterscheidendeKennzeichen des Buße-tuns (vgl. KlReg 6,1),des sich bekehren zu Jesus Christus 12 .Im Hinblick auf die, die ihre Lebensformanzunehmen wünscht, verlangt Klara, wie12 Viele Zeugnisse des Heiligsprechungsprozessesbetonen die Tatsache, dass Klara alles den Armengegeben hat: vgl. ProKl 2,22; 3,31; 19,2.56


Franziskus, dass ihr das Wort des Evangeliumsgesagt werde: „hinzugehen und alldas Ihrige zu verkaufen und Sorge zu tragen,es unter die Armen zu verteilen“ (Kl-Reg 2,7; vgl. BR 2,5). Dieses Wort des Evangeliumsgehört zur Grundlage dessen, wasdiese zwei in den armen und gekreuzigtenChristus Verliebten als charismatisches Wortpar excellence betrachten, das referenzielleZeichen ihrer evangelischen Erfahrung, diegrundlegende Wahl, die die Entscheidunginspiriert, nach „der Vollkommenheit desheiligen Evangeliums“ zu leben (FormKl 1;vgl. KlReg 6,3), das Wort, das orientiert unddie nachfolgenden Schritte erleuchtet.Indem sowohl der Poverello wie seine kleinePflanze ohne irgendetwas Eigenes zu lebenwählen, lassen sie sich von der Liebe Christiinspirieren, des Armen par excellence (vgl.2 Gl 4-5; 2 C 16.55.73-74; KlTest 45). Von Ihmlernten sie die Enteignung, die radikalsteund absolute Erniedrigung (vgl. 2 C 83-85).Eine tiefe Beziehung zu Jesus Christus bewahrenbedeutet für sie, ohne irgendetwas Eigeneszu leben. Außerdem ist für beide dererste und letzte Sinn der Armut, also desLebens ohne irgendetwas Eigenes, zu bezeugen,dass Gott der wahre Reichtum desmenschlichen Herzens ist (vgl. LobGott 4; Kl-Test 43-44.47; VC 90).Wenn Franziskus dem treu geblieben ist,was die Geste, sich vor dem Vater Bernardoneauszuziehen bedeutete (vgl. 1 C 15),so war Klara bis zum Ende dem Vermächtnisfür Klara des Franziskus treu: „Ich, der ganzkleine Bruder Franziskus, will dem Lebenund der Armut unseres höchsten Herrn JesusChristus und seiner heiligsten Mutternachfolgen und darin bis zum Ende verharren.Und ich bitte euch, meine Herrinnen,und gebe euch den Rat, ihr möchtet doch allezeitin diesem heiligsten Leben und in derArmut leben. Und hütet euch sehr, jemalsin irgendeiner Form davon abzuweichen,weder auf die Lehre noch auf den Rat von57


irgendjemand hin“ (VermKl). Sie selbst bekräftigtes in der Regel, wenn sie schreibt:„Und wie ich selbst zusammen mit meinenSchwestern immer besorgt war, die heiligeArmut, die ich Gott, dem Herrn, und demseligen Franziskus versprochen habe, zubeobachten“ (KlReg 6,10). Auch Jakob vonVitry bezeugt es, wenn er, im Gegensatz zudem, was er in der Kurie vorgefunden hat,von den minderen Brüdern und den minderenSchwestern als von denen spricht, diesich jeglichen Eigentums um Christi willenentblößt haben (vgl. 1 Vitry 7-8).30. In diesem Zusammenhang der Treuezum genannten Vermächtnis muss man dieFrage nach dem Privileg der Armut stellen,das Gregor IX. vorlag und das Klara vomPapst am 17. September 1228 erhält. DasOriginal dieses Privilegs wird im Protomonasterovon Assisi aufbewahrt, als Zeugnisder Treue zu dem, was Klara dem Herrnund Franziskus versprach. Auch wenn wirnicht wissen, wie die Anfrage an den Papstgestellt worden ist, ist dennoch die Motivationbedeutsam, die das Privileg rechtfertigt:„Wie es offenbar ist, habt ihr in dem Begehren,euch dem Herrn allein zu weihen,dem Verlangen nach zeitlichen Dingen entsagt.Darum habt ihr alles verkauft, an dieArmen verteilt, und euch vorgenommen,in keiner Weise irgendwelche Besitzungenzu haben, sondern euch in allen Dingen andie Fußspuren desjenigen zu heften, der füruns arm geworden, der der Weg, die Wahrheitund das Leben ist“ (Priv 2-3). Christusund seine Nachfolge ist das erste und letzteMotiv der Armut Klaras. Zu Recht hat derselige Johannes Paul II. sie definiert als „dieleidenschaftlich den armen GekreuzigtenLiebende, mit dem sie sich absolut identifizierenwill“ 13 . Klara, die christliche Frau, willwie Franziskus nichts besitzen, vielmehr hat13 Johannes Paul II., Lettera alle Clarisse in occasionsdell VIII centenario della nascita della Fondatrice, 11agosto 1993, 4, in Enchiridion dell’Ordine die FratiMinori, II, 1389-1409.58


sie gewählt, ohne irgendetwas Eigenes zu leben,um Den zu besitzen, der Alles ist. DieArmut Klaras ist vor allem eine Frage derBeziehung.Dies war ihre Sehnsucht seit ihren erstenLebensjahren. Als es ihr daher gelang, vonder Adelsklasse der Ritter überzugehen indie soziale Klasse der „Gemeinen“ und Diener,wollte sie Jungfrau bleiben und in Armutleben (ProKl 19,2). Der Verlust der Güter inGehorsam zum Evangelium und zu Franziskus„ist der Schlüssel, um einzutreten in denfranziskanischen evangelischen Weg. Siegehören zum Prozess der Erleuchtung undder ersten Schritte der Bekehrung“ Klaras.Es ist etwas wie eine „gründende Geste füralle Gerufenen, als franziskanisches Sakrament“14 .In Franziskus, und gewiss auch in Klara,steht das Leben ohne irgendetwas Eigenesdeutlich in Beziehung zu den geistlichenund materiellen Gütern. Franziskus, erleuchtetdurch den Glauben, entdeckt Gottals „die Fülle des Guten, alles Gute, dasgesamte Gut, das wahre und höchste Gut“(NbR 23,9). Weil alle Güter vom Herrn stammen,müssen sie Ihm zurückerstattet werden:„Und alles Gute wollen wir dem Herrn,dem erhabensten und höchsten Gott, zurückerstattenund alles Gute als sein Eigentumanerkennen und für alles Dank sagenihm, von dem alles Gute herkommt“ (NbR17,7). Was die materiellen Güter betrifft, istGott für Franziskus der einzige Eigentümer;der Mensch muss als einfacher LehnsmannGottes alles in die Hände seines Herrn zurückgeben,was er hat (vgl. Erm 19; LM 7,7).Während die Sünde Aneignung ist, ist dieZurückerstattung Grund der Glückseligkeit(vgl. Erm 18).Man kann das Leben von Franziskusund Klara nicht verstehen ohne diese radi-14 Maria Victoria Triviño, Clara de Asis ante el Espejo.Historia y Espirtualitdad, Ed. Pauline, Madrid 1991, 69.59


kale Wahl, ohne irgendetwas Eigenes zu leben,noch kann man auf dem Hintergrund derErfahrung des Poverello und seiner kleinenPflanze die Kontemplation des Geheimnissesder Inkarnation ohne eine radikale Wahlzugunsten der totalen Loslösung verstehen.Für Franziskus und Klara war ohne irgendetwasEigenes nicht eine einfache Formulierungfür den Verzicht auf materielle Güter,sondern Ausdruck einer totalen, radikalenEnteignung.Die Minderbrüder und die ArmenSchwestern, gerufen ohne irgendetwasEigenes zu leben31. Wie Franziskus und Klara sind auchdie Minderbrüder und die Armen Schwesterngerufen, heute ohne irgendetwas Eigeneszu leben. Dies muss ein fester Punkt derBrüder und Schwestern sein, besonders indiesen vom Konsum beherrschten Zeiten.Die Treue zur Regel und zur Lebensform,die die Brüder und die Schwestern in derProfess versprochen haben, geht durch dieTreue zur Armut über zum Leben ohne irgendetwasEigenes. Es ist bedeutsam, dass Klaradie Lebensform als „Weise unserer Armut“definiert (KlReg 2,12). Es ist diese Sorge vonFranziskus und Klara um die Armut, diesie beständig darauf beharren lässt, sich nievon ihr zu trennen (vgl. VermKl; KlTest 35.44-45.47), weil es wie die Trennung vom armenund gekreuzigten Christus wäre.Brüder und Schwestern, was bedeutetdas alles? Vor welche konkreten Fragen stelltuns diese radikale Wahl von Franziskus undKlara, ohne irgendetwas Eigenes zu leben? Wieleben und lesbar machen unsere Entscheidungfür ohne irgendetwas Eigenes? Wie diesenSchatz bewahren, den uns Franziskusund Klara als Erbe hinterlassen haben?Eine Sache ist offensichtlich: indem wirohne irgendetwas Eigenes leben, öffnen wiruns, hören wir und empfangen wir den An-60


deren und die anderen, ohne gewollte undversteckte Versuche der Manipulation; wirkönnen den Gehorsam leben, besonders denLiebesgehorsam, und die Keuschheit, da sieuns erlaubt, umsonst zu lieben, ohne irgendwelchenLohn zu suchen; wir können wahrhaftdas Evangelium leben und dieselbenEmpfindungen haben wie Christus, der alsReicher sich von allem entblößt hat und dieDemut unseres Zustandes annahm.Das Gelübde, ohne irgendetwas Eigenes zuleben, das uns hat Dem begegnen lassen,der „unser Reichtum und unser Genügen“ist (LobGott 5), erlaubt uns, freie Personen zusein: frei von der Gier anzuhäufen, frei vondem unstillbaren Durst, so viel wie möglichzu haben, und daher erlaubt es uns dasNützliche, das Notwendige und das Überflüssigezu unterscheiden. Das Gelübde,ohne etwas Eigenes zu leben, macht uns zuWanderern, ohne uns das Haus, die Arbeit,die Ergebnisse anzueignen; es lässt uns mitallen Konsequenzen das Umsonst unsererArbeit entdecken, nach der Logik der Gabeund des Dienstes leben, als Prophetie inder Tat gegen die Logik des Konsums, desPreises, des Verdienstes, der Macht. Das Gelübde,ohne etwas Eigenes zu leben, hilft uns,neue und alternative Beziehungen zu schaffenin der Gesellschaft, in der wir leben, undmacht uns zur prophetischen Stimme in dieservom Konsumdenken beherrschten Welt(vgl. RdC 22).Außerdem bringt die Armut ihre Früchtehervor, wenn sie zur Solidarität wird, weiles erst dann die Armut Jesu ist, der sicharm macht, um uns mit seiner Armut reichzu machen (vgl. 2 Kor 8,9). Jesus teilt nichtmit uns, seinen Brüdern, das Oberflächlicheund das Unnütze: er teilt sein Leben selbst.So müssen die Armen Schwestern nicht nurdas Oberflächliche teilen, sondern auch dasUnentbehrliche. In diesem Zusammenhangist es gut, an das zu erinnern, was Klaraschreibt, „es ist freilich ein großer und lo-61


enswerter Tausch, das Zeitliche um desEwigen willen zu verlassen, Himmlischesfür Irdisches zu gewinnen, Hundertfachesfür eines zu bekommen und das selige ewigeLeben zu besitzen“ (1 Agn 30).32. Liebe Brüder und liebe Schwestern,heute mehr denn je sind wir gerufen, Hoffnungszeichenzu sein, genau in diesem Augenblick,in dem die Menschheit eine tiefeKrise durchlebt, die jeden Aspekt des Lebensbestürmt. In diesem Zusammenhangist es dringlich, uns wie Franziskus und Klaraeinem nüchternen, wesentlichen Lebensstilanzuvertrauen, der „mit dem völligenVertrauen in die göttliche Vorsehung vereintenRadikalität der Armut“ (Benedikt XVI.,Ansprache bei der Generalaudienz, 15.9.2010).Die Armen fordern von uns äußere Zeicheneines konsequent einfachen Lebensund einer klaren Entscheidung für die radikaleArmut: gelebt in evangelischer Weise,kundgegeben mit prophetischem Geist, umsie die Nähe Gottes spüren zu lassen. DieBrüder und Schwestern sind gerufen, sichin eine beständige Situation der Unsicherheitzu begeben, sich von allem zu befreien,was die Beziehung mit sich selbst, mit denanderen, mit Gott, mit den Dingen und mitder Schöpfung nicht schützt. Nach der Logikder Rückerstattung sind die Brüder undSchwestern aufgefordert, die Wahl der Wesentlichkeitglaubwürdig zu machen.33. Schließlich fragt uns auch der Gerechtigkeitssinnan. Der Schrei der Armen kanndie Minderbrüder und die Armen Schwesternnicht gleichgültig lassen. In den KonstitutionenOSC steht geschrieben: „Im gesamtenLebensstil, dem persönlichen und gemeinsamen,sollen die Schwestern das Zeugnis derArmut geben. Sie mögen sich im Geist derSolidarität der Lebensweise der vielen Menschenanpassen, die in der Welt in bescheidenenVerhältnissen leben“ (CCGG OSC 153§3). Und in den Konstitutionen der Minder-62


üder heißt es: „um der Erniedrigung desErlösers näher zu folgen und sie klarer kundzutun,umarmen die Brüder das Leben unddie soziale Bedingung der Kleinen, indemsie unter ihnen leben als Mindere; in diesersozialen Stellung tragen sie zur Ankunft desReiches Gottes bei“ (CCGG 66 §1).Die Welt braucht Zeugen, die sich durchGottes Gnade ganz hingeben; sie brauchtPersonen, „die fähig sind, das Wagnis derArmut auf sich zu nehmen, von der Einfachheitund Bescheidenheit angezogen zu werden,den Frieden zu lieben, unempfänglichfür Kompromisse, bereit zur völligen Selbstverleugnung,frei und zugleich gehorsam,spontan und beständig sowie gefügig undtapfer in der Gewissheit des Glaubens“ (ET31). Unsere Welt braucht solche Minderbrüderund Arme Schwestern.Wie lebe ich und wie lebtmeine Fraternitas das ohne irgendetwasEigenes?Ist für jene, die nebenuns leben, unsere Wahlder Armut verständlichoder braucht es viele Erklärungen?Wenn das ohne irgendetwasEigenes Quellewahrer evangelischerFreiheit ist, sind wirwahrhaft frei?Was fehlt mir undbleibt mir, um es zu sein?63


Die SendungEinige Beobachtungen34. Liebe Schwestern und liebe Brüder,ein anderes Wesenselement unserer Lebensformist die Sendung. Aber hier sind einigeBeobachtungen notwendig. Folgende ist dieerste: wenn man von Sendung spricht, sprechenwir von etwas jenseits der pastoralenAktivität.Die Sendung geht über die konkrete apostolischeTätigkeit hinaus, weil sie die verschiedenenDimensionen unseres Lebensorganisiert: alles ist dazu bestimmt, Ankündigungder Neuheit des Reiches Gotteszu sein. Wir können daher sagen, dass dieMission im Herzen selbst des geweihten Lebensist 15 wie auch der franziskanisch-klarianischenLebensform. Unser Charisma wiejedes Charisma ist eine Gabe des Geistes fürdas Gut der ganzen Kirche, so dass sie aufdem Glaubensweg wachsen kann, man einewahre Fraternitas bilden kann und die Sendungentwickeln, das Reich zu bezeugenund zu verkünden.Eine andere Beobachtung, die mir wesentlichscheint: Berufung und Sendung gehörenzusammen. Das eine kann nicht vomanderen getrennt werden. Daher, wie schongesagt, ist die Sendung eines der unverzichtbarenElemente jeden geweihten Lebens,auch des Lebens der Armen Schwestern.Die Sendung ist der Schlüssel, um die Kirchezu verstehen, so auch das geweihte Leben,einschließlich das kontemplative 16 . Das15 „Die Sendung ist die Existenzweise der Kirche undin ihr des geweihten Lebens: sie gehört zu unsererIdentität“, Benedikt XVI., Ansprache bei der Audienzder Generaloberen, 26. November 2010.16 In diesem Fall kann man von einer Sendung zumZeugnis im Gebet sprechen, darin, den Glauben zuübermitteln ins Absolute, darin, die Offenheit zur64


geweihte Leben, das franziskanisch-klarianischeLeben darf sich nicht in sich selbstzurückziehen, auf die inneren und äußerenProbleme. Das geweihte Leben, das franziskanisch-klarianischeLeben darf sich vondiesen Problemen nicht lähmen lassen. UnsereZeitgenossen verlangen, Jesus zu sehen(vgl. Joh 12,21). Als Franziskaner und alsArme Schwestern dürfen wir diese Anfragenicht überhören.Die dritte Beobachtung ist, dass die Sendungdes geweihten Lebens und unseresfranziskanisch-klarianischen Lebens dieSendung der Kirche ist. Das bedeutet, dassauch, wenn es unsere ist, es die Grenzen unsererOrden überschreitet. Dennoch ist dieseSendung eingewurzelt in die Trinität, diein ihrem Liebesplan uns teilnehmen lassenwollte an der eigenen Sendung. So entstehtdie Sendung aus der Erfahrung eines Gottes,der Kommunio und Kommunikationist, der Liebe ist und der uns mit seiner Liebeüberhäuft, der sich in uns kundtut undkommunizieren will. Die missio Ecclesiae istdaher Teilnahme an der missio Dei.Unsere Sendung35. An dieser Stelle können wir uns fragen:welches ist unsere Sendung? In der gegenwärtigenTheologie des geweihten Lebensscheint eine Überzeugung klar zu sein: dieSendung des Ordenslebens und des geweihtenLebens ist einfach das Ordensleben unddas geweihte Leben. Diese Überzeugung istauf der Linie des Apostolischen SchreibensVita consecrata, wenn es sagt: „das geweihteLeben wird unter dem Wirken des HeiligenGeistes, dem Ursprung jeder Berufung undTranszendenz zu zeigen, sichtbar zu machen dasevangelische Leben, das kontemplative Schweigen,das geschwisterliche Leben, die Armut… Mitall dem das kontemplative Leben „richtet die fallendenGlieder seines unaussprechlichen Leibesauf“, wie die heilige Klara sagte (vgl. 3 Agn 8).65


jedes Charismas, selbst zur Sendung, wie esdas ganze Leben Jesu gewesen ist“ (VC 72).Dies ist der Schlüssel für ein angemessenesVerständnis der Sendung nicht nur der ArmenSchwestern als Kontemplative in derKirche und in der Welt, sondern auch derMinderbrüder. Nichts darf dem Zeugnisdes Lebens vorgezogen werden. Dies ist diewahre Sendung und ohne sie kann es Unterweisungund Belehrung geben, aber keineSendung.Wie oben beobachtet, kann man die Sendungnur in Begriffen des Tuns verstehen.Das geweihte Leben im Allgemeinen unddas franziskanisch-klarianische Leben imBesonderen charakterisieren sich hauptsächlichdurch ihr Sein, durch ihre charismatischeNatur 17 . So ist unser erster Beitragzur missio Ecclesiae, zur missio Dei, dietheologische Dimension unseres Lebens zuvertiefen oder, wenn man es vorzieht, unsin Gott und seinen Plan zu zentrieren. Erstvon dorther wird man die Bedeutung derapostolischen Tätigkeiten selbst neu gründenkönnen.Es wird die Erfahrung Gottes sein, unsdem Herzen selbst der Menschen zu nähern,uns dazu zu zwingen, ihren Schrei zuhören, besonders den der Armen, uns solidarischzu fühlen mit ihrer Suche und denReichtum der Antworten zu würdigen, diedie Menschen auf ihrem Weg finden werden.Eine Erfahrung Gottes – auch die ErfahrungGottes im kontemplativen Lebenwie die eure, liebe Schwestern -, die immerin einem konkreten Kontext geschieht unddie gerade deswegen sich bedrängt fühlen17 Ein schwerer Irrtum des Ordenslebens war es, dieCharismen mit den apostolischen Tätigkeiten zuvermischen. In diesem Sinn muss das Ordenslebenden Aktivismus, den Funktionalismus, die pastoralenKompromisse, die institutionelle Vernunftverlassen, um seinen charismatischen Kern wiederzu entdecken. Es muss zurückkehren zu seiner Essenz,zu seinen Ursprüngen.66


muss durch die Fragen und Probleme, dieaus diesem Kontext sich erheben. In diesemSinn bringt uns diese Erfahrung Gottesdazu, uns mit den Zweifeln und den Fragender anderen zu solidarisieren, und machtuns zu wahren Sinn-Bettlern.Dies führt uns dazu, einen weiteren fürdie missio Ecclesiae, für die missio Dei, wichtigenBeitrag von uns geltend zu machen undder die Konsequenz aus dem gerade Gesagtenist: den Dialog nicht nur als Methode annehmen,um der Entwicklung der Sendungwillen, sondern auch als eigener Ort der Sendung.Dies bedeutet vor allem, die Sorgender Leute zu unseren zu machen, völlig einzutauchenin die Fragen, die aus dem Lebender Menschen hervorkommen, und zusammendie Antworten zusuchen, die diesemAugenblick der Geschichte einen Sinn gebenkönnen. Wir Minderbrüder tun das, indemwir die Botschaft Jesu im Herzen, imHandeln und in den Worten tragen. Ihr, liebeSchwestern, tut es vor allem, indem ihrdem Herrn diese Sorgen im fürbittendenGebet vortragt und den Menschen unsererZeit zuhört.So zentriert im Herrn, zentriert in denPrioritäten unseres franziskanisch-klarianischenLebens, de-zentrieren wir uns vonuns selbst, um unsere Aufmerksamkeit aufdas Leben und die Realität der Welt zu richten,und uns also mehr zu zentrieren auf die„Dinge des Vaters“ (Lk 2,49), und eine kreativeTreue und eine neue Sprache zu fördern,die uns erlaubt, den unermesslichenund beständigen Reichtum der evangelischenBotschaft mitzuteilen.Das Spezifische der klarianischenSendung36. Betrachtend die Lebensform, die ihrumarmt habt, liebe Arme Schwestern, bestehteure Sendung darin, den Menschen67


von heute daran zu erinnern, dass nur Einesnotwendig ist: Gott; auf die Transzendenzzu verweisen; in angemessener Weisedie Elemente zu leben, die eure Berufunggestalten. Wenn die Sendung des geweihtenLebens hauptsächlich darin besteht, „alsAntwort auf die in der heutigen Welt auftretendenZeichen der Zeit mutig den Unternehmungsgeist,die Erfindungsgabe unddie Heiligkeit der Gründer und Gründerinnenwieder hervorzuheben“ (VC 37) unddie Gabe des Evangeliums unseren Zeitgenossenzurückzuerstatten 18 , dann ist einevangelisches Leben wie das eure in sichselbst Sendung.Dieses Leben wird einer Armen Schwestererlauben, auch innerhalb eines Klosters inSympathie mit der Welt zu leben, im engerenSinn des Wortes; es wird ihr ermöglichen, ineinen Dialog mit den Männern und Frauenvon heute einzutreten, um sie zu evangelisieren,ohne dass das einen „Vergleich“ mitder Welt mit sich brächte, noch eine Suspendierungdes Urteils über sie. Die Sympathie,von der wir sprechen, wird eine Tochter derheiligen Klara dahin führen, einen positivenBlick auf den Kontext und auf die Kultur, indie sie eingetaucht ist, zu haben und in derRealität die völlig neuen Gelegenheiten derGnade zu entdecken, die der Herr ihr für dieSendung anbietet. Auf diese Weise wird dieSendung ein Weg im Geben und Empfangensein, in der Haltung des fruchtbaren undkonstruktiven Dialoges.18 In der Sendung der Evangelisierung handelt essich darum: die Gabe rückerstatten, die wir empfangenhaben, das Evangelium, das in seinerEssenz eine Gabe ist, dazu bestimmt, geteilt zuwerden. Die Mission entspringt aus dem Innerenselbst des Evangeliums. Ein von der Dynamikdes Evangeliums ergriffenes Leben wird zu einerüberströmenden Leidenschaft für das Reich,auch innerhalb des Klosters. Ein von der Machtdes Evangeliums verwandeltes Herz verwandeltjemanden notwendigerweise in einen Missionar,auch in der Klausur.68


Damit will ich nicht sagen, dass die Sendungeiner Armen Schwester der Wirklichkeitentfremdet ist und nicht die Situationder Gesellschaft gegenwärtig hält. Auchwenn Klara in der Stabilitas und in derKlausur bleibt, steht sie den Problemen,Ängsten und Sorgen ihrer Zeitgenossen,der Kirche und der Stadt Assisi (vgl. ProKl6) nicht fremd gegenüber. Klara ist nichteinfach eine Beobachterin der Geschichte,sondern nimmt daran aktiv im Gebet und inder Fürbitte teil. Auch heute sind die ArmenSchwestern gerufen, sich in der Haltung desHörens auf die Dramen unserer Zeit einzulassen,in ihrem Herzen die tiefen Fragender Männer und Frauen von heute aufzunehmen,um sie Gott anzuvertrauen.Geteilte Sendung: Beziehung OFMund Osc und umgekehrt37. Wenn man heute von Sendung spricht,spricht man immer von der Notwendigkeiteiner geteilten Sendung. An dieser Stellemüssen wir, Schwestern und Brüder, dasThema der Beziehungen zwischen den Minderbrüdernund den Schwestern OSC vertiefen.Wenn es auch nicht das spezifische Themameines Gespräches mit euch ist, will ichdennoch einige Fragen stellen, die uns indie Haltung der selbstlosen und freien Sucheversetzen und die zum Nachdenken führen.Dazu gehe ich von einem schon zitiertenText Benedikts XVI. aus und lasse dann weitereTexten zu folgen. Der Papst sagt: „Beijener kleinen Kirche, die Franziskus nachseiner Bekehrung restaurierte, ließen Klaraund ihre ersten Gefährtinnen sich nieder,lebten im Gebet und führten kleinen Arbeitenaus. Sie nannten sich „Arme Schwestern“,und ihre „Lebensform“ war dieselbewie die der Minderbrüder: „das heiligeEvangelium unseres Herrn Jesus Christuszu beobachten“, Sie bewahrten die Einheit69


gegenseitiger Liebe und beobachteten insbesonderedie Armut und die Demut, die vonJesus und seiner heiligsten Mutter gelebtwurde“ (Ansprache bei der Generalaudienz,10. August 2011). Was wollen diese Wortedes Heiligen Vaters den Armen Schwesternund den Minderbrüdern im konkreten Lebensagen? Welche Konsequenzen ergebensich aus dem, was Celano berichtet: „einund derselbe Geist hat die Brüder und jenearme Herrinnen aus dieser Welt geführt“ (2C 204)? Was heißt es für die Armen Schwestern,was Klara in der Regel schreibt: „Siesollen also unverzüglich dafür sorgen, dassder General- oder Provinzialminister desOrdens der Minderen Brüder anwesend sei.Dieser weise sie durch das Wort Gottes zujeglicher Eintracht und zum gemeinsamenNutzen bei der durchzuführenden Wahlan“ (KlReg 4,2-3)? Was bedeutet und wieheute den Gehorsam leben, den Klara undihre Schwestern freiwillig Franziskus undseinen Nachfolgern versprachen (vgl. KlReg4-5; KlTest 25)? Was bedeutet und wie heutekonkret leben, sowohl seitens der Schwesternwie der Brüder, was Klara in ihrem Testamentverlangt (vgl. KlTest 50-51)? Welchepraktischen Konsequenzen haben für dieBeziehungen zwischen dem OSC und demOFM die Empfehlungen Klaras an Agnes,den Rat des Generalministers dem aller anderenvorzuziehen (vgl. 2 Agn 15 ff)? Undfür die Minderbrüder, wie dem von FranziskusKlara gegebenem Versprechen treusein, liebevolle Sorge und besondere Zuvorkommenheitfür die Armen Schwestern zuhaben (vgl. KlReg 6,4)?38. Diese und andere Fragen lasse ich offenfür eine Antwort, die Frucht sorgfältigenNachdenkens sei und möglicherweise auchübereinstimmend gefunden wird. Ich binüberzeugt, dass dies ein Thema sein könnte,das ohne Ängste eurerseits, liebe ArmeSchwestern, und ohne unangebrachtenGeltungsdrang unsererseits, Minderbrü-70


der, vertieft werden sollte, indem wir das,was charismatisches Element ist, von dem,was die juridische Dimension betrifft, unterscheiden,aber konkrete Schritte tun, diedie Komplementarität und die Reziprozitätzwischen den Armen Schwestern und denMinderbrüdern und die Zugehörigkeit zurselben Fraternitas ausdrücken mögen 19 ;konkrete Schritte, die uns dahin bringenmögen, eine größere Gemeinschaft zu leben,in der Beachtung der gerechten undgesunden Unterschiede zwischen einemgänzlich kontemplativen Leben und einemLeben, das, ohne aufzuhören kontemplativzu sein, auch apostolisch ist.39. Die Texte Klaras, nicht nur die zitierten,sondern auch viele andere wie die desTestamentes, in denen Klara vom seligenVater Franziskus spricht (vgl. KlTest 5.7-14.17-18.24-40.42.46-51.57.75.77), erlaubenuns, ruhig zu behaupten, dass der Poverellofür seine kleine Pflanze sehr wichtig war undzentral in ihrer spirituellen Erfahrung. DieTexte des Franziskus spechen nicht so deutlich,aber man kann die Wichtigkeit nichtleugnen, die die Fraternitas in San Damianofür ihn hatte, wie viele seiner Schriften zeigen:die Forma vivendi, die er für sie schrieb(vgl. FormKl), die Normen über das Fastender Schwestern, die vertonte Ermahnungfür Klara und ihre Schwestern (vgl. MahnKl)und sogar das Versprechen, das er machte,für die Schwestern wie für die Brüder zusorgen (vgl. KlReg 6,3-5). Ein Detail ist wichtig:häufig verbindet Klara den Namen Gottesmit dem des Franziskus, wie um uns zusagen, dass sie die Gegenwart Gottes in alldem erkennt, was Franziskus ihr nach undnach zeigt.In jedem Fall handelt es sich um eineauf die Brüder und Schwestern erweiterte19 Vgl. Chiara Frugoni, Storia di Chiara e Francesco, Einaudi,Torino 2011, 86 ff.71


Beziehung, die innerhalb der geschwisterlichenDimension gesehen werden muss,die die Spiritualität des Franziskus undKlaras fördert und ausdrückt und die nichtnur ihre Beziehung erhellen kann, sondernauch jene der Brüder und Schwestern, undumgekehrt. Die Beziehung von Franziskusund Klara und als Folge der Minderbrüderund der Armen Schwestern, ist immer eineBeziehung zwischen drei: Brüder / Schwesternund immer der Herr. Klara und Franziskusempfangen in der zutiefst menschlichenBeziehung die einzigartige GegenwartGottes. Ihre Beziehung, voller geschwisterlicherZuneigung, bezieht sich immer aufGott, offen zwischen beiden, wenn auch inunterschiedlicher Weise, in der Beziehungselbst 20 . Ich glaube, dass man ohne Furchtbehaupten kann, dass die Beziehung Franziskus-Klara,geschwisterlich und zugleichfreundschaftlich, der Ort der Beziehung beiderzu Gott ist.Von der Beziehung von Franziskus undKlara her ist es leicht zu verstehen, wennman sagt, dass das geweihte Leben eine Fragedes Blickes ist. In Franziskus und Klarahaben wir nämlich ein deutliches Beispieleiner authentisch gelebten menschlichenErfahrung mit einem Glaubensblick, derdie genannte Erfahrung erstaunlich fruchtbarsein und in der Beziehung selbst undimmer im Glauben die wunderbare undausgesprochen schöne Wahrnehmung einergrößeren Präsenz entstehen lässt, jener desHerrn, der beide führt, den Spuren des Sohneszu folgen und der jeden Blick zum Vaterder Erbarmungen lenkt. Wenn zwei menschlicheWesen, in diesem Fall ein Mann undeine Frau, sich vom Herrn geliebt erfahrenund ihre Liebe in Ihm entdecken, kannnichts ihre Beziehung beschmutzen. Allesverweist und spricht vom Herrn, der sie20 Cesare Vaiani, Francesco e Chiara d’Assisi. Analisi delloro rapporto nelle fonti biografiche e negli scritti, Glossa,Milano 2004, 123.72


zu seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat.Und „Gott sah alles was er gemacht hatte,und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31)!Zur Bestätigung des Gesagten könnenwir uns daran erinnern, dass Franziskusdie Beziehung mit den Schwestern in einemtrinitarischem Schlüssel liest: sie sind Töchterdes Vaters, Schwestern im Sohn, Bräuteim Geist. So – und dies scheint mir einfachwunderbar – bleibt die Beziehung Franziskusund Klara, Brüder und Schwestern,im Herzen der christlichen Offenbarung.Dies bringt uns dazu, einen anderen Leseschlüsselder Beziehungen zwischen Klaraund Franziskus und den Schwestern mitden Brüdern zu unterstreichen: den marianischenSchlüssel. Maria ist für den Sängerder Jungfrau zur Kirche gemacht, Tochterdes Vaters, Mutter des Sohnes, Braut desHeiligen Geistes (vgl. Off Antiphon, GrMar1 ff).40. Schwestern und Brüder, wir gehenHand in Hand, zutiefst vereint im Herrn,weil wir nur so das Haus des Herrn, die Kircheerneuern können: die Schwestern miteinem gänzlich kontemplativen Leben, dieBrüder als Missionare im Kloster der Weltmit dem Herzen beständig auf den Herrngerichtet, und beide in Fraternitas und Minoritaslebend. Ist es nicht vielleicht das, wasdie Welt und die Kirche selbst von uns erwartet?73


Wie lebe ich die BeziehungBerufung-Sendung?Was versteht ihr unterSendung?Welchen Platz gebt ihrden apostolischen Tätigkeitenund wo platziertihr das Zeugnis?Wie lebe ich die geteilteSendung OFM-OSC?Was fehlt, damit dieseBeziehung signum fraternitatissei?74


Schlussfolgerung41. Liebe Schwestern und liebe Brüder,zum Abschluss dieses geschwisterlichenGespräches mit einem jeden/einer jedenvon euch möchte ich zusammen mit eucheinige Texte lesen, die uns helfen können,die Zeit, in der wir leben, franziskanischzu leben. Der erste Text ist eine „parabolamimata“, ein Gleichnis des Propheten Jeremia:„Das Wort, das vom Herrn an Jeremiaerging: Mach dich auf und geh zum Hausdes Töpfers hinab! Dort will ich dir meineWorte mitteilen. So ging ich zum Haus desTöpfers hinab. Er arbeitete gerade mit derTöpferscheibe. Missriet ein Gefäß, das er inArbeit hatte, wie es beim Ton in der Handdes Töpfers vorkommen kann, so machteder Töpfer daraus wieder ein anderes Gefäß,ganz wie es ihm gefiel. Da erging anmich das Wort des Herrn: Kann ich nichtmit euch verfahren wie dieser Töpfer, HausIsrael? – Spruch des Herrn. Seht, wie derTon in der Hand des Töpfers, so seid ihr inmeiner Hand, Haus Israel“ (Jer 18,1-6).Der Text des Propheten beschreibt dieliebevolle Beziehung zwischen Gott undseinem Volk, durch den geduldigen Prozessder Schaffung und Neuschaffung deserwählten Volkes durch die Hand des göttlichenTöpfers. Indem er dasselbe Materialwieder gebraucht, gelingt es dem Töpfer,ein Gefäß nach seinem Plan zu formen, ohne75


sich von möglichen Fehlern entmutigen zulassen. Wie das Gefäß muss das geweihteLeben, unser franziskanisch-klarianischesLeben sich neu-schaffen lassen, um besserauf den Plan Gottes zu antworten, den ermit ihm hat. In diesem Moment wird drängendund mit Eindringlichkeit von uns gefordert,dass wir uns beständig formen undneu-formen lassen, weil wir nur so auf denPlan antworten können, den Gott in unserenKonfrontationen hat.42. Der zweite Text ist von Eoardo Galeano.Meines Erachtens erklärt er an einemBeispiel sehr gut den Prozess der Umwandlung,den das Ordensleben und mit ihm dasfranziskanisch-klarianische Leben geradedurchmacht. Der Text lautet so: „Ein andererTöpfer zieht sich in seinen letzten Jahrenans Ufer des Meeres zurück. Seine Augensind trüb, die Hände zittern, der Augenblickdes Abschieds ist gekommen. Es geschiehtjedoch die Zeremonie der Initiation: der alteTöpfer bietet dem jungen Töpfer sein bestesStück an. Und der junge Töpfer schautdieses vollkommene Gefäß nicht an, um eszu betrachten und zu bewundern, sonderner wirft es zu Boden, verwandelt es in tausendStücke; er sammelt die Stücke und vermengtsie mit seinem Ton“ 21 .In diesen Momenten tiefer Umwandlungund Neu-Gründung glaube ich nichtzu übertreiben, wenn ich sage, dass oft diesesschöne Gefäß, das wir geerbt haben (diekonkreten Weisen, das franziskanisch-klarianischeCharisma zu leben), zerstört werdenmuss, nicht weil es schlecht gewordenist, sondern weil die Umstände sich geänderthaben, so dass die gegenwärtigenSchläuche den guten Wein unseres Charismasnicht fassen können. Erst dann können21 Der Text ist zitiert von Alvaro Rodríguez Echeverría,Profecía de la existencia y presencia amorosa deDios en la vida consagrada, Vereinigung der Generaloberen,Mai 2011, 79.76


wir eine neue Etappe in diesem wunderbarenAbenteuer leben, in dem Gott uns alsProtagonisten will. Hat diese Haltung nichtviel zu tun mit dem franziskanischen Unterwegssein,gültig auch für euch, liebe ArmeSchwestern der heiligen Klara? Hat es nichtviel damit zu tun, ohne irgendetwas Eigeneszu leben, was wir am Tag der Profess versprochenhaben?Wir sind gerufen, diesen Moment, denwir gerade durchmachen, als einen wunderbarenund überraschenden, wenngleichnicht notwendigerweise leichten Augenblickzu leben, in dem wir uns öffnen müssendem Geist, der wie der Wind „weht…,du weißt aber nicht, woher er kommt undwohin er geht“ (Joh 3,8). Wir können unsnicht in die Vergangenheit flüchten, so schöndas Gefäß auch sein mag. Noch können wirunkritisch alles annehmen, was aus der gegenwärtigenKultur stammt, da nicht allesmit unserer Lebensform kompatibel ist. Esgeht darum, uns der Zukunft zu öffnen mitHoffnung durch eine Neu-Interpretierungunserer Identität, so dass wir mit Kreativitätauf die wechselvolle Wirklichkeit antwortenkönnen, in der wir leben, ohne auf daszu verzichten, was nicht negoziabel ist.Nicht negoziabel sind die evangelischenWerte, die das franziskanisch-klarianischenCharisma hervorgerufen haben und diedie Fundamente unserer Identität bilden.Die von uns geforderte Kreativität ist auchevangelisch, weil sie uns helfen wird, aufden Heilswillen des Gottes Jesu Christi zuantworten, der will, dass alle „das Lebenhaben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10).Was von uns in dieser Zeit gefordert wird,liebe Schwestern und liebe Brüder, ist dieKontinuität hinsichtlich der konstitutivenWerte unserer Lebensform und die Diskontinuitätim Blick auf den historischen Kontext,in dem wir leben. Auf diese Weise werdenwir vermeiden, in einen a-historischenEssenzialismus oder einen Existenzialismus77


ohne Wurzeln zu fallen. Es geht darum, eineIdentität auf dem Weg zu leben.43. Der dritte Text ist vom Propheten Ezechiel,uns sehr bekannt. Er lautet so: „Deshalbtritt als Prophet auf und sag zu ihnen:So spricht Gott der Herr. Ich öffne eure Gräberund hole euch, mein Volk, aus eurenGräbern herauf. Ich bringe euch zurück indas Land Israel. Wenn ich eure Gräber öffneund euch, mein Volk, aus euren Gräbernheraufhole, dann werdet ihr erkennen, dassich der Herr bin. Ich hauche euch meinenGeist ein, dann werdet ihr lebendig undich bringe euch wieder in euer Land. Dannwerdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin.Ich habe gesprochen, und ich führe es aus –Spruch des Herrn“ (Ez 37,12-14). Indem wirmit Nüchternheit unsere Gebrechlichkeit leben,unseren Lebensentwurf durch die Tonfundamenteund durch die globale Armutneu positionieren, von einer Anfangssituationdes Mangels ausgehen, von einer Situation,die durch nicht-wissen und nicht-könnengeprägt ist, müssen wir uns vom Herrnmodellieren lassen, der uns mit handwerklicherGeduld umwandelt zu seinem Bild undGleichnis und uns seinen Lebenshauch einflößenwird. Er wird unsere Kraft erneuern(vgl. Jes 40,30-31).44. Unser Gott ist der Gott des Lebens, desLebens in Fülle, ist Derjenige, der den Todin Leben und in überreiches Leben wandelt.Diesem Gott, an den wir glauben, vertraueich unsere Gegenwart und unsere Zukunftan. Eine Gegenwart und eine Zukunft, die,damit sie bedeutungsvoll seien, ein franziskanisch-klarianischesLeben fördern müssen:• Bereit, von neuem geboren zu werden(vgl. Joh 3,3), in beständiger Haltung derUmkehr und von der Logik des Wesentlichenher.• Besucher und Schöpfer von spirituellen78


Oasen, von heiligen Räumen des Unendlichen.• Fähig, die Schönheit der NachfolgeChristi nach der franziskanisch-klarianischenLebensform zu übermitteln,ausgehend vom Sinn bedingungsloserZugehörigkeit zu Ihm.• Bedeutsam für die evangelische Qualitätdes Lebens und der Sendung, sichtbareErinnerung an die Art und WeiseJesu zu sein und zu handeln.• Das als Leben und Regel das Evangeliumhat und in ihm seine Frische und tiefereNeuheit sucht.• Brückenbauer der Begegnung mit demAnderen und mit dem Unterschiedenen,ausgehend von einer tiefen Spiritualitätder Communio, indem es in jedemAugenblick durch eine Lebenswahl undLebensstil sucht, Dialog zu bewirken.• Das sich wegführen lässt von den unmenschlichenKlöstern und sich zur Gebrechlichkeitund Verletzlichkeit stelltals Wesen der eigenen Identität und alsFolge aus dem Glauben an die Inkarnationdes Wortes.• Treu zu seiner tieferen Identität und zuseinem geschichtlichen Reichtum, offenfür die hoffnungsvolle Zukunft, indemes sich vom Geist treiben lässt; im gegenwärtigenAugenblick präsent ist, ihnmit Leidenschaft und in adventlicherHaltung lebt und so die Gegenwart undden Ruf des Herrn erfährt.• Das sich verpflichtet zur Transparenzund Glaubwürdigkeit; und das, umdie Erfordernisse seiner Berufung undSendung besser zu verstehen, in beständigerSuche nach Brunnen und Wegenbleibt; und in beständiger UnterscheidungHaltungen aufrichtiger Demutannimmt, Hören, Verfügbarkeit, Armutund Dringlichkeit, das Herz zu belebenund die Liebe Christi zu verbreiten.• Das in tiefer Gemeinschaft mit demHerrn und mit den Männern und Frauenunserer Zeit es als Pflicht seiner79


Sendung annimmt, sich verbrennen zulassen, um das Licht zu verbreiten, dieLeidenschaft für die Heiligkeit und fürdie Menschheit.• Dass es mehr franziskanisch und mehrklarianisch, mehr evangelisch, ärmer,geschwisterlicher, missionarischer sei.Liebe Schwestern und liebe Brüder, machenwir uns ans Werk! Dies ist das franziskanisch-klarianischeLeben, für das wirunermüdlich arbeiten müssen. Dies ist unsereAufgabe in dem geschichtlichen Augenblick,in dem wir leben. „Macht euch andie Arbeit, denn ich bin mit euch … Fürchteteuch nicht!“ (Hag 2,4.5).Möge uns auf diesem schönen Weg derSegen der seraphischen Gründer, Franziskusund Klara, begleiten.Gutes Fest der heiligen Klara!Euer Bruder, Minister und Diener,Rom, 15. Juli 2012Fest des heiligen BonaventuraKirchenlehrerFr. José Rodriguez Carballo, OFMGeneralministerProt. 103112


AbkürzungenSchriften des heiligen FranziskusAnt Brief an AntoniusBR Bullierte RegelErm Ermahnungen des hl. FranziskusGebKr Gebet vor dem Kreuzbild von SanDamiano1/2 Gl 1./2. Brief an die GläubigenGrMar Gruß an Maria2 Kust 2. Brief an die KustodenLeo Brief an Bruder LeoLobGott Lobpreis GottesMahnKl Mahnlied für Klara und ihreSchwesternMin Brief an einen MinisterNbR Nicht-bullierte RegelOrd Brief an den gesamten OrdenSonn SonnengesangTest Testament des hl. FranziskusSchriften der heiligen Klara2-4 Agn 2.-4. Brief an AgnesErmen Brief an ErmentrudisKlReg Regel der hl. KlaraKlTest Testament der hl. KlaraKlSeg Segen der hl. KlaraLebKl Leben der hl. KlaraProKl Heiligsprechungsprozess der hl.KlaraWeitere AbkürzungenCCGGGeneralkonstitutionen der Minderbrüder,Rom 201081


CCGG OSC Generalkonstitutionen desOrdens der hl. Klara, Rom 19881/2 C Thomas von Celano, 1./2. Lebensbeschreibungdes hl. FranziskusDV Dogmatische Konstitution des II.Vatikanischen Konzils, Dei Verbum(18. November 1965)ET Apostolisches Lehrschreiben vonPaul VI., Evangelica Testificatio (29.Juni 1971). In Deutsch: Über die Erneuerungdes Ordenslebens nachdem Zweiten Vatikanischen Konzil,Leutesdorf am Rhein, 1972Fior Fioretti / Blümlein des hl. FranziskusLM Bonaventura, Legenda MaiorNMI Apostolisches Schreiben von JohannesPaul II., Novo Millennio Ineunte(6. Januar 2001)Pf Apostolisches Schreiben in Formeines Motu proprio von BenediktXVI., Porta Fidei (11. Oktober 2011)RdC Istruzione della Congregazioneper la VC, Ripartire da Cristo (19.Mai 2002)SAO Istruzione della Congregazioneper la VC, Il servizio dell’autorità el’obbedienza (11. Mai 2008)VC Nachsynodales ApostolischesSchreiben von Johannes Paul II.,Vita consecrata (25. März 1996)VFC Documento della Congregazioneper la VC, Vita fraterna in comunità(2. Februar 1994)VD Apostolisches Schreiben von BenediktXVI., Verbum Domini (30. September2010)82


INDEXGlückwünsche! ...................3I. Zu Beginn ........................5II. In der Geschichte derMänner und Frauenvon heute ......................11III. Sich um die Wurzelnkümmern ......................17IV. Wesenselemente unsererLebensform ...................23Das Evangelium leben ..............24Mein Gott, mein Gott ...............28Das geschwisterliche Leben inGemeinschaft oder inheiliger Einheit ....................45Ohne irgendetwas Eigenes ..........56Die Sendung ......................64Schlussfolgerung ..............75Abkürzungen ....................8183

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