Frauen bringen den Wandel - Venro

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Frauen bringen den WandelBilanz und Perspektiven einer geschlechtergerechtenEntwicklungszusammenarbeitDokumentation der Veranstaltungen am20. und 21. April 2007 in Hamburg


ImpressumHerausgeber:Verband Entwicklungspolitik deutscherNichtregierungsorganisationen e.V. (VENRO)Dr. Werner-Schuster-HausKaiserstraße 201, 53113 BonnTel.: 0228/ 9 46 77-0Fax: 0228/9 46 77-99Internet: www.venro.orgE-Mail: sekretariat@venro.orgMarie-Schlei-Verein e.V.Heinrich-Barth-Straße 1, 20146 HamburgTel.: 040-4149 6992Fax: 040-4149 6993Internet: www.marie-schlei-verein.deE-mail: marie-schlei-verein@t-online.deRedaktion:Marc Baxmann, Merle Bilinski, Anke KuratNamentlich gekennzeichnete Beiträge gebennicht unbedingt die Meinung der Redaktionwieder.Layout:Irmgard Hofmann, Kava-Design, Bonnwww.kava-design.deFotos:Deutsche Welthungerhilfe/Christa Lachenmaier(S. 5), Marc Baxmann (S. 6, 9, 10, 12, 15, 17, 19,22, 24 und 26), Katja Roll (S. 7), Deutsche Welthungerhilfe(S. 13 und 14), SANLAAP (S. 18), AlfBerg/Plan (S. 21), Deutsche Welthungerhilfe/Hacky Hagemeyer (S. 25), Plan (S. 27), EIRENE-Archiv (S. 28), Koordinierungskreis Mosambik/Peter Steudtner (S. 31)Diese Veröffentlichung wurde mit Unterstützungder Europäischen Union und des Bundesministeriumsfür wirtschaftliche Zusammenarbeitund Entwicklung hergestellt. Für den Inhaltdieser Veröffentlichung sind allein VENRO undder Marie-Schlei-Verein verantwortlich; derInhalt kann in keiner Weise als Standpunkt derEuropäischen Union noch des Bundesministeriumsfür wirtschaftliche Zusammenarbeit undEntwicklung angesehen werden.Nachdruck nur mit Genehmigung derHerausgeber.Bonn und Hamburg, August 2007Diese Dokumentation ist Teil des VENRO-Projekts zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007 „Afrikas Perspektive – Europas Politik“.Das Projekt ist eine kritisch-konstruktive Begleitung der deutschen EU-Ratspräsidentschaft durch entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationenaus Afrika und Deutschland. Weitere Informationen unterwww.afrikas-perspektive.de.Zu der hier dokumentierten Veranstaltung am 20. April 2007 lud derMarie-Schlei-Verein in Kooperation mit Brot für die Welt, EIRENE, EvangelischerEntwicklungsdienst, Eine Welt Netzwerk Hamburg, Karl-Kübel-Stiftung, Misereor, Plan Internationale Deutschland e.V. und derWelthungerhilfe ein. Die Veranstaltung am 21. April wurde vom Marie-Schlei-Verein organisiert.


InhaltEinleitungEntwicklung ohne Frauen ist wie ein Karren ohne Rad ............................................................. 4Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-PlathTeil 1Frauen bringen den Wandel – Gender, Entwicklung und MillenniumszieleFrauen bringen den Wandel – Gender, Entwicklung und Millenniumsziele .............................. 6Rede von Heidemarie Wieczorek-ZeulFrauen gestalten den Wandel .............................................................................. 9Rede von Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-PlathBericht zur Podiumsdiskussion ............................................................................. 12Marc BaxmannTeil 2Gender und Entwicklung – Bilanz und Perspektiven aus den Erfahrungenund Strategien der NRO-Arbeit in AfrikaVielfältige Ansätze auf dem Weg zu einer geschlechtergerechten Welt ................................. 14Marie Ganier-RaymondGeschlechtergerechtigkeit und Afrika ...................................................................... 15Die Genderarbeit des Evangelischen EntwicklungsdienstesJens KoyDie Arbeit im Kriegskontext mit Überlebenden sexualisierter Gewalt ................................... 17Der Ansatz von medica mondialeSelmin ÇalIskan˛Frauenförderung und Gender Mainstreaming ............................................................ 19Das Genderengagement von Brot für die Welt in AfrikaReinhard KoppeBilanz und Perspektiven der Geschlechtergerechtigkeit in Afrika ........................................ 22Die Genderarbeit der Deutschen WelthungerhilfeMargrit RöhmDie Bedeutung von Gender und „Empowerment“ für das Erreichen derMillenniumsziele in Afrika .................................................................................. 24Die Arbeit des Marie-Schlei-VereinsProf. Dr. h.c. Christa Randzio-PlathGender und Entwicklung ................................................................................... 26Erfahrungen aus der Programmarbeit von Plan International in ÄgyptenDr. Anja StuckertGeschlechterverhältnisse in der Konfliktbearbeitung ..................................................... 28Die Gender-Ansätze in der Afrika-Arbeit von EIRENEDr. Ingo MöllerBericht zum Workshop ...................................................................................... 31Merle Bilinski3


EinleitungEntwicklung ohne Frauen ist wie ein Karren ohne RadEine Einführung von Christa Randzio-PlathIm Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft der EuropäischenUnion (EU) nutzt der Verband Entwicklungspolitikdeutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) dieMöglichkeiten zur öffentlichen Debatte und Einflussnahmeauf die deutsche und europäische Entwicklungszusammenarbeit.Das VENRO-Manifest zur EU-Ratspräsidentschaft, dasin einem Workshop deutscher und afrikanischer Nichtregierungsorganisationen(NRO) erarbeitet wurde, belegt dieNotwendigkeit inhaltlicher Plattformen zu Armut undUnterentwicklung, Klimawandel und HIV/Aids. Die Zivilgesellschafthat diese Herausforderung angenommen. Das giltauch für die nach wie vor schwierige Frage der Geschlechtergerechtigkeitund des „Empowerment“ von Frauen.Allerdings zeigt die Schlusserklärung des G8-Gipfels vonHeiligendamm 2007 ein bedauerliches Defizit: die Ge -schlech tergerechtigkeit, die Frauenförderung, die dramatischeArmut der Frauen im ländlichen Raum und die Rolle derFrau für ein verteilungsgerechtes nachhaltiges Wachstumwerden nur ungenügend erwähnt. Die Bedeutung der Frauenorganisationenin Afrika und die Arbeit lokaler afrikanischerNRO werden nicht anerkannt.Deswegen muss das auf Initiative der deutschen EU-Präsidentschaftverabschiedete neue Positionspapier der EU zuGender und Entwicklung genutzt werden, um die Ziele derAktionsplattform von Peking 1995, das dritte Millenniumszielund die Ziele und Maßnahmen der EU für Frauenförderungund Gender Mainstreaming im Interesse der Frauen zunutzen. Das gilt insbesondere für die Frauen und lokalenFrauenorganisationen in Afrika. Die strategische Partnerschaftzwischen der EU und der Afrikanischen Union, die aufdem EU-Gipfel im Dezember 2007 in Lissabon vereinbartwerden soll, muss ihre Bedeutung anerkennen. „Eine Entwicklungohne Frauen ist wie ein Karren ohne Rad“ sagt einafrikanisches Sprichwort. Die deutschen NRO werden sichauch nach dem Ende der deutschen EU-Ratspräsidentschaftgemeinsam mit den anderen europäischen und afrikanischenNRO für eine gleichstellungsorientierte Entwicklungszusammenarbeitengagieren.Dabei können sie an fruchtbare Diskussionen aus demVENRO-Projekt zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft am 20.und 21. April 2007 in Hamburg anknüpfen. Im Zentrum derVeranstaltungen stand die Verwirklichung des dritten Millenniumszielsund die Möglichkeiten europäischer Entwicklungszusammenarbeit,einen Beitrag zu dessen Umsetzungzu leisten. Unter dem Titel „Frauen bringen den Wandel.Gender, Entwicklung und Millenniumsziele“ fand am Abenddes 20. April 2007 eine Podiumsdiskussion statt, an der unteranderem auch die Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul teilnahm. Darüber hinaus trafen sich am darauffolgenden21. April Vertreterinnen und Vertreter von NRO, um ineinem Workshop unter dem Titel „Gender und Entwicklung“eine Bilanz aus den Erfahrungen und Strategien derNRO-Arbeit in Afrika zu ziehen.Beide Veranstaltungen sind im Folgenden dokumentiertund sollen dazu beitragen, weitere Gender-Diskussionenanzuregen. Denn nur, wenn zivilgesellschaftliche Organisationenauch nach dem Ende der deutschen EU-Ratspräsidentschaftweiterhin Einfluss auf eine geschlechtergerechteEntwicklungszusammenarbeit nehmen, besteht Aussichtdarauf, dass die Entwicklung Afrikas in Zukunft ein Karrenmit Rad sein wird.Professor Dr. h.c. Christa Randzio-Plath ist stellvertretendeVorsitzende von VENRO, Vorsitzendedes Marie-Schlei-Vereins und ehemalige Vorsitzendedes Ausschusses für Wirtschaft und Währungim Europäischen Parlament.4


Teil 1Dokumentation der PodiumsdiskussionFrauen bringen den Wandel – Gender,Entwicklung und Millenniumszieleam 20. April 2007im Steigenberger Hotel in Hamburg5


Teil IFrauen bringen den WandelDokumentation der Podiumsdiskussion am 20. April 2007Frauen bringen den Wandel – Gender, Entwicklung und MillenniumszieleRede von Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftlicheZusammenarbeit und Entwicklungsellschaftliches Engagement vor Ort gar nicht möglich.Die weltweiten Verhältnisse zeigen jedoch noch immerein düsteres Bild der Frauenrechte und ihrer Chancen. Weiblichist das Gesicht:• der extremen Armut (weltweit 70 Prozent Frauen),• der Besitzlosigkeit (Frauen besitzen zirka ein Prozent desglobalen Vermögens),• des Analphabetismus (weltweit 60 Prozent Frauen),• der 130 Millionen Opfer von Genitalverstümmelung,jährlich kommen zwei Millionen Opfer hinzu.Heidemarie Wieczorek-ZeulIch möchte mich bei Ihnen sehr herzlich für die Einladungzur heutigen Veranstaltung bedanken. Außerdem möchteich Ihnen gleich zu Beginn von einer positiven Entwicklungberichten. Auf der Frühjahrstagung der Weltbank wurdenneue Zahlen zur weltweiten Armutsbekämpfung vorgelegt.Die Zahl der extrem armen Menschen ist von 1,5 Milliardenauf unter eine Milliarde gesunken. Daran lassen sich Erfolgeder Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut ablesen. Dasheißt auch, dass wir der Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele(MDGs) näher kommen. Im Vergleich zu denweltweiten Rüstungsausgaben, die auf einen Rekord von 1,1Billionen US-Dollar gestiegen sind, sind die Mittel für dieArmutsbekämpfung mit 107 Milliarden US-Dollar jedoch vielzu gering.Lassen Sie mich ein paar Worte zur Namenspatronin desMarie-Schlei-Vereins und meiner Vorgängerin sagen: IhreErnennung zur Entwicklungsministerin vor 30 Jahren warein Durchbruch für Frauen in hohen Staatsämtern inDeutschland. Aufgrund ihrer Intervention war es möglich,dass erste Strategiepapiere im Bundesministerium für wirtschaftlicheZusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zurBeteiligung von Frauen am Entwicklungsprozess erstelltwurden. Außerdem hat sie auch entscheidend zu den erstenProjekten und Programmen zur Förderung von Frauen aufEbene der Vereinten Nationen (UN) beigetragen.Heute ist besonders das Engagement des Marie-Schlei-Vereins im Bereich Gender und Frauenförderung hervorzuheben.Viele Veränderungen wären ohne ein solches zivilge-Frauen brauchen Unterstützung! Frauenförderung isteine Verpflichtung der Entwicklungspolitik.Die MDGs heben „Empowerment“ von Frauen in Bildung,Politik und Beruf als eine zentrale Aufgabe des neuen Jahrhundertshervor. Doch das dritte MDG darf innerhalb derMillenniums-Entwicklungsziele nicht isoliert betrachtet werden.Diskriminierung und Benachteiligung der Frauen sindnicht nur zutiefst inhuman und ungerecht, sondern auchwirtschaftlich völlig vernunftwidrig! Weltbankstudien zeigen:Gleichberechtigung von Frauen und Männern bringtWirtschaftswachstum. Wo Frauen nicht ausreichend beteiligtsind, sinken Wachstumsraten. Hohe Beteiligung vonFrauen korreliert dagegen mit höheren Wachstumsraten.Wo Frauen Zugang zu Mikrokrediten haben, sinkt beispielsweiseauch die Infektionsrate mit HIV/Aids.Ohne aktive und gleichberechtigte Teilhabe von Frauenam politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichenLeben werden wir die Armut nicht erfolgreich bekämpfen,die MDGs nicht erreichen und die Globalisierung nicht sozialgerecht gestalten! Seit dem Jahr 2000 setzen wir daher inder bilateralen Entwicklungszusammenarbeit mehr als dieHälfte unserer Mittel für Vorhaben mit positiven Auswirkungenauf die Gleichberechtigung der Geschlechter ein.Wir erleben aber immer wieder Rückschläge, wie etwaden Trend bei der Weltbank, die Familienplanung nichtmehr in den Länderstrategien zu berücksichtigen. Geradedie sexuellen und reproduktiven Rechte sind aber besonderswichtig für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Wenndiese Rechte keine ausreichende Berücksichtigung finden,werden die Frauen in unseren Partnerländern geschwächt.Dieser Trend spiegelt sich zum Beispiel auch in der Verschärfungdes Abtreibungsgesetzes in Nicaragua wider. Ichhabe mich sehr stark gegen diese Gesetzesänderung ausge-6


sprochen. Durch das absolute Abtreibungsverbot werdendie (Menschen-)Rechte von Frauen massiv verletzt und esbesteht die Gefahr, dass die Müttersterblichkeit in Nicaraguasteigen wird. Diese Gesetzesänderung hat daher dramatischeFolgen. Außerdem würden einige Fortschritte auf demWeg zur Erreichung der MDGs wieder zunichte gemacht.Derzeit unterstützen wir Frauengruppen in Nicaragua, diejuristisch gegen diese Gesetzesänderung vorgehen.Ich möchte nun zu einem anderen wichtigen Thema kommen,das zur Zeit besonders an Aktualität gewonnen hat:Der Gender Aktionsplan der Weltbank „Gender Equality asSmart Ecomomics“, für den ich die Schirmfrauschaft übernommenhabe. Auf den Aktionsplan aufbauend gab es imFebruar eine hochrangige Konferenz zum Thema „EconomicEmpowerment of Women“. Ein wichtiges Ergebnis dieserKonferenz war der „Call for Action“. Ziel des Aktionsplanesist es, dass wir unsere Partnerländer bei der Umsetzung vonVerpflichtungen zur Gleichberechtigung der Geschlechterund bei der gezielten Stärkung der Rolle und Rechte derFrau unterstützen.Was sind die Ziele des Gender Aktionsplans?• die Förderung des wirtschaftlichen „Empowerments“ vonFrauen auf allen Ebenen und in allen Bereichen,• stärkere Vernetzung derjenigen, die die wirtschaftlicheRolle von Frauen stärken,• Zugang zu Schulbildung, beruflicher Bildung und Gesundheitfür Frauen verbessern, Benachteiligung abbauen,Rechtspositionen stärken, Zugang zu und Kontrolle überKapital, Land und Beschäftigung von Frauen ermöglichen.Der Kampf für die Gleichberechtigung von Mann und Frauist eine Gemeinschaftsaufgabe aller Geber- und Partnerländersowie aller gesellschaftlichen Akteure von Politik, Privatwirtschaftund Zivilgesellschaft!Das entwicklungspolitische Manifest zur deutschen Ratspräsidentschaftvon VENRO haben Sie mir im Dezember2006 überreicht. Ich stelle eine große Übereinstimmung zwischenIhren und unseren Zielen fest. Hierzu gehört auch dieStärkung der Rolle der Frauen, die ein wichtiger Bestandteilder entwicklungspolitischen Agenda unserer Doppelpräsidentschaftvon G8 und Europäischer Union (EU) ist. DieGleichberechtigung der Geschlechter stand auf der Agendades informellen Treffens der G8-Entwicklungsministerinnenund -minister sowie des Petersberger Treffens der EU-Entwicklungsministerinnenund -minister. Die Gleichberechtigungder Geschlechter wird außerdem auch eine wichtigeRolle beim achten „Africa Partnership Forum“, das im Mai inBerlin stattfinden wird, spielen. Im Einzelnen verfolgen wirvor allem im Rahmen der folgenden Schwerpunkte unsererDoppelpräsidentschaft die Förderung von Frauen:Rolle der Frauen in der europäischenEntwicklungszusammenarbeitDie Europäische Kommission hat eine Mitteilung zur „Rolleund Teilhabe der Frauen in der Entwicklungszusammenarbeit“herausgegeben. Diese ist am 8. März der Öffentlichkeitvorgestellt worden. Die Mitteilung ist ein wichtiger Schrittzur Umsetzung des Europäischen Konsenses über die Entwicklungspolitik,in dem die Gleichberechtigung derGeschlechter als zentrales Ziel und gemeinsamer Wert festgeschriebenwurde. Die Mitteilung fordert eine konsequente,nachvollziehbare und messbare Berücksichtigung undIntegration von Gender-Aspekten in allen Politikfeldern.Dabei wird ein zweigleisiger Ansatz verfolgt:1. Die Stärkung des Gender Mainstreamings und2. Die gezielte Förderung der Rolle und Rechte der Frau inder Gesellschaft.Zur Zeit werden ausgehend von dieser Mitteilung Ratsschlussfolgerungenunter der Federführung der deutschenEU-Ratspräsidentschaft erarbeitet. Auch hier sollen festeVorgaben und Verpflichtungen für Kommission und Mit-7


Teil IFrauen bringen den WandelDokumentation der Podiumsdiskussion am 20. April 2007gliedsländer festgehalten werden. Die Ratsschlussfolgerungenwerden beim Ministerrat im Mai beschlossen.Schwerpunkt AfrikaWährend der deutschen Doppelpräsidentschaft in der EUund bei G8 liegt ein starker Fokus auf Afrika. In Afrika habendie Frauen bereits viel bewegt. Die Gleichberechtigung istals zentraler Wert für die Entwicklung erkannt worden, daswird beispielsweise im Maputo-Protokoll („Protocol on theRights of Women to the African Charta on Human andPeoples’ Rights in Africa“) hervorgehoben. Im Vordergrundmuss jetzt die Umsetzung stehen.Die Ziele der Afrikanischen Union (AU) zur Gleichberechtigungder Geschlechter spiegeln sich auch in der „AfricanCharter on Democracy, Elections and Governance“ wider.Hervorzuheben ist auch die „Solemn Declaration on GenderEquality“. Dazu hat bereits ein erster Umsetzungsberichtauf der Generalversammlung der AU im Dezember 2006vorgelegen. In dieser Sitzung wurden weitere wichtigeSchritte zur Umsetzung beschlossen.Darüber hinaus hat es in Afrika bemerkenswerte Erfolgebei der Umsetzung der politischen Teilhabe von Frauengegeben: 48,8 Prozent der Abgeordneten im Parlament vonRuanda sind Frauen! In dieser Hinsicht ist das ruandischeParlament auf Platz eins der Weltrangliste und hat selbsteuropäische Spitzenreiter verdrängt.Ein positives Signal gab es bei den Präsidentschaftswahlenin Liberia. Hier setzte sich Ellen Johnson-Sirleaf gegeneinen ehemaligen Fußballstar durch! Es scheint, dass einerFrau eher zugetraut wird, das Nachkriegsland Liberia zubefrieden und zwischen den verschiedenen Gruppen zu vermitteln.Der Bereich Mikrofinanzen wird eine wichtige Rolle beimG8-Gipfel spielen. Bisher wurden durch die Vergabe vonMikrokrediten bereits 50 Millionen Menschen erreicht. Daskann für diese Menschen einen entscheidenden Unterschiedin ihrem Alltagsleben bedeuten und ihnen neueLebensperspektiven eröffnen. Insbesondere Frauen habendabei bislang von Mikrokrediten profitiert. Sie sind außerdemauch für die Mikrofinanzinstitutionen besondersbeliebte Partnerinnen, denn im Schnitt zahlen Frauen ihreKredite zuverlässiger zurück als Männer. Neben den Mikrokreditensind auch Mikroversicherungen ein besonderswichtiges und wirkungsvolles Instrument. Hierfür setzenwir uns in Kenia im Rahmen der Gesundheitsvorsorge ein.Diese Mikroversicherungen ermöglichen es Frauen zum Beispiel,zur Geburt einen Arzt aufzusuchen.Schwerpunkt HIV/AidsEine wirksame HIV/Aids-Bekämpfung muss Gender auf allenEbenen berücksichtigen: die Gefährdung und Infektionsratevon Frauen und Mädchen ist besonders hoch. Heute sindbereits 60 Prozent der HIV-Infizierten Frauen.Der Kampf gegen HIV/Aids ist ein Leitthema der deutschenG8-Präsidentschaft. Besondere Aufmerksamkeit giltdem „Empowerment“ von Mädchen und Frauen und demSchutz vor Infektion und Krankheit. Ich werde mich ausdrücklichfür die Auffüllung des Internationalen Fonds zurBekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria einsetzen.Dieser Fonds leistet hervorragende Arbeit. Er rettet jedenMonat 90 000 Menschen das Leben, darunter vielen Kindern.Wir müssen besonders Frauen bei der Bekämpfung vonHIV/Aids einbeziehen. Wenn wir Frauen stärken, schwächenwir die Pandemie. Seit 2002 gibt Deutschland jährlich 300Millionen Euro für die globale Bekämpfung von HIV/Aids,Malaria und Tuberkulose aus. Die Bundesregierung erhöhtdiesen Beitrag im Jahr 2007 auf 400 Millionen Euro.In den EU-Ratsschlussfolgerungen zu HIV/Aids nehmenGenderfragen einen zentralen Stellenwert ein: Frauen müssenaktiv in die Formulierung von HIV/Aids-Bekämpfungsstrategieneinbezogen werden; Frauenorganisationen müssengestärkt werden und ihnen muss bei der Umsetzung dieserStrategien eine wichtige Rolle zugewiesen werden; esmüssen Präventionsmöglichkeiten geschaffen, ausgeweitetund verbessert werden, die Frauen zugänglich und auf ihreBedürfnisse abgestimmt sind.Ein konkretes Beispiel aus unserer praktischen Arbeit inAfrika: In 44 Kliniken und Gesundheitszentren in Kenia,Uganda und Tansania verhindern wir die Mutter-Kind-Übertragungvon HIV/Aids durch Beratung und Aufklärung, HIV-Tests und -Therapien sowie der kostenlosen Medikamentenvergabe(„ViramuneR“) für eine sichere Geburt. Seit 2003werden durch dieses Projekt jährlich 45 000 Frauen erreicht.Auch bei der Bekämpfung von weiblicher Genitalverstümmelunghat es bereits wichtige Erfolge gegeben. Ich konnteselbst in Benin dabei sein, als die Regierung mit einem festlichenAkt die Abkehr von weiblicher Genitalverstümmelungverkündete. Das war ein sehr wichtiger Schritt in die richtigeRichtung. Diesem öffentlichen Bekenntnis müssen nun Tatenfolgen.Hervorzuheben ist auch der Beitrag, den Rüdiger Nehbergin Kairo zur Bekämpfung von weiblicher Genitalverstümmelungleisten konnte. Er hat dort in der Azhar-Universität eineKonferenz mit religiösen Gelehrten veranstaltet. Nach langenDiskussionen haben die Gelehrten beschlossen, dassweibliche Genitalverstümmelung nicht mit den Ideen undRegeln des Islam zu vereinbaren ist. Sie haben in einer Erklärung,die einer „Fatwa“ gleich kommt, dazu aufgerufen,8


dass die Praxis der Genitalverstümmelung unterbunden werdenmuss. Jetzt muss diese „Fatwa“ auch verbreitet werden,damit sie ihre Wirkung entfalten kann. Ich habe mich zueinem Gespräch mit Herrn Nehberg getroffen und ihm fürdie Verbreitung der „Fatwa“ meine Unterstützung zugesagt.Ich möchte noch einmal betonen, dass Geschlechtergerechtigkeitein integraler Bestandteil unserer Politik für einegerechte Gestaltung der Globalisierung ist. Frauen bringenden Wandel! Davon bin ich überzeugt. Das gemeinsameEngagement aller gesellschaftlichen Kräfte und Nationen istfür Fortschritte nötig.Nur mit vereinten Kräften können wir unser Anliegen Realitätwerden lassen. In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihrgroßes Engagement!Heidemarie Wieczorek-Zeul ist seit 1998 Bundesministerinfür wirtschaftliche Zusammenarbeit undEntwicklung.Frauen gestalten den WandelVon Christa Randzio-PlathDie Globalisierung gerechter gestalten – das ist die Herausforderungfür Frauen in diesem Jahrzehnt. Die deutscheRatspräsidentschaft der Europäischen Union (EU) ist eineChance, die Bedeutung der Frauen für Armutsbekämpfungsichtbar zu machen. Die Rechte der Frauen sind von zentralerBedeutung für die erfolgreiche Entwicklung aller Länder.Das gilt insbesondere für Afrika. Dort leisten Frauen 75 Prozentder Arbeit in der Landwirtschaft und bis zu 80 Prozentder Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln.Im südlichen Afrika laufen Mädchen und Frauen zwischenzehn und 15 Kilometer und bis zu acht Stunden amTag, um Wasser zu holen. Um Brennholz zu transportieren,tragen Frauen mehrmals am Tag eine Last von 20 bis 25 Kilogramm.Die Stimme der Frauen muss gehört werden, damit dieGlobalisierung nicht weiterhin zur Verschärfung vonUngleichheit und Armut beiträgt, sondern den Zugang zuWissen, Einkommen und Frieden für alle möglich macht.Frauen in Afrika zählen zu den Ärmsten der Armen. Vondaher müssen sie in ihrem Entwicklungsweg unterstütztwerden. Die europäische Entwicklungspolitik und die EU-Afrika-Partnerschaft setzen auf die Geschlechtergerechtigkeitund das „Empowerment“ von Frauen. Viele Versprechensind getätigt worden. Seit 2004 sind allerdings nur jährlich2,8 Millionen Euro in Gleichstellungsprogramme geflossen– 2,8 Millionen weltweit! Ein Armutszeugnis!Von daher ist es zu begrüßen, dass die deutsche EU-Ratspräsidentschafteine konkrete Initiative zur Förderung derGleichstellung von Frauen in der Entwicklungszusammenar-Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plathbeit durchgesetzt hat. Die neuen Leitlinien der EU-Kommissionwollen:• die systematische Einbeziehung von Gleichstellungsfragenverbessern,• die Teilhabe der Frauen durchsetzen und• mit 41 konkreten Maßnahmen zur Verbesserung derGleichstellung in Politik, Beschäftigung, Bildung, Gesundheitund Gewalt gegen Frauen beitragen.Handel, Landwirtschaft und Fischerei werden erwähnt, allerdingsin Bezug auf konkrete Maßnahmen ausgespart.Frauenpolitische Forderungen knüpfen an die Strategiendes internationalen Jahrzehnts der Frauen an. Schon damalsverrichteten Frauen zwei Drittel der Weltarbeitsstunden,erzielten nur zehn Prozent des Welteinkommens und be -saßen nur ein Prozent des Weltvermögens. An dergeschlechtsspezifischen Spirale der Ungleichheit hat sichwenig geändert. Im Gegenteil: Es gibt Untersuchungen diebesagen, dass die Ungleichheit der Geschlechter als Dum-9


Teil IFrauen bringen den WandelDokumentation der Podiumsdiskussion am 20. April 2007ping- und Lohndrückerinstrument im Profitinteresse genutztwird. Sie belegen sogar, dass die Armut einer Gesellschaftzunimmt, wenn die Ungleichheit der Geschlechter nichtüberwunden wird. Die Forderungen des entwicklungspolitischenManifests von afrikanischen und deutschen Organisationender Zivilgesellschaft setzen daher zu recht darauf,• die Rechte der Frauen in allen EU-Politikbereichen zu verwirklichen;• die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen und alle Handelsabkommenauf Gender-Aspekte hin zu überprüfen,insbesondere hinsichtlich der Frauen im ländlichen Raum,die von der Handels- und Agrarpolitik der EU besondersbenachteiligt werden;• in die Wirtschaftspartnerschaftsabkommen lange Übergangsfristen,Ausnahmeklauseln und nachhaltige nachvollziehbareEntwicklungsziele einzufügen, die auf dieGefahr einer Verschlechterung der Lebens- und Arbeitsbedingungender Frauen durch Liberalisierung und privateMonopole für Wasser, Energie, und Gesundheit reagieren.Geschlechtergerechtigkeit und soziale Grundrechte sindkeine Nebensache für neue Abkommen zwischen der EUund Afrika. Diese dürfen nur abgeschlossen werden, wennsie entwicklungsfreundlich sind;• die gleichberechtigte Partizipation der Frauen an Verhandlungenüber EU-Afrika-Abkommen durchzusetzenwie sie im Cotonou-Abkommen zwischen EU- und AKP-Staaten für die Zivilgesellschaft vereinbart ist;• der Zivilgesellschaft und den Frauen-NRO 15 Prozent derversprochenen Mittel zukommen zu lassen, damit sieKompetenz erlangen können;Esther Pheiffer, Renate Wilke-Launer, Susanne Hesemann, Heidemarie Wieczorek-Zeul,Christa Randzio-Plath, Mimi Tounkara• Frauen den Zugang zu Energie, zu Gesundheitsvorsorgeund -fürsorge vor allem im Bereich HIV/Aids zu gewährleisten;• Frauen in alle Fragen der menschlichen Sicherheit einzubeziehen;• Frauenemanzipation und Geschlechtergerechtigkeitdurch gleichberechtigte gesellschaftspolitische Partizipationsicher zu stellen.Frauen sind der Schlüssel zur Entwicklung: Diese Botschaftverkündete der ehemalige Generalsekretär der VereintenNationen (UN) Kofi Annan auf der UN-Sitzung Peking+10.Diese Erkenntnis war nicht neu. Schließlich hatten alle Weltfrauenkonferenzenvon Mexiko 1975 bis Peking 2005 dieseFeststellung in alle Welt getragen und darauf verwiesen,dass Armut, Hunger, Unwissenheit und Unterentwicklungnur überwunden werden können, wenn Geschlechtergerechtigkeitund gleichberechtigte Teilhabe der Frauen anpolitischer und wirtschaftlicher Macht durchgesetzt sind.Vor zwölf Jahren prägte Peking eine Aufbruchstimmung –über alles Trennende hinweg. Den Anliegen der Frauen vermochtesich niemand zu verschließen. Die Ziele von Peking1995 waren weitaus weitreichender als die Millenniumsziele,in denen die Pekinger Aktionsplattform heute bedauerlicherweiseversteckt worden ist. Es ist zwar richtig, dass Jahrfür Jahr in New York die rechtlichen und faktischen Fortschrittein der Gleichberechtigung festgestellt werden. Es istrichtig, dass mehr Frauen in den UN wichtige Positionen einnehmen.Es ist richtig, dass Lebenserwartung und Fruchtbarkeitsratenverbessert worden sind. Es ist richtig, dass mehrMädchen eingeschult werden als je zuvor. Ein Blick nachAfrika aber zeigt, dass sich Ungleichheitfortschreibt, wenn auch unter verändertenBedingungen:Frauen sind von HIV/Aids inzwischenstärker betroffen als Männer. Über 76 Prozentder 15 bis 24-jährigen HIV-infiziertensind Frauen, dabei leben 77 Prozent derHIV-positiven Frauen im südlichen Afrika.Während vor zehn Jahren zwölf Prozentder Aids-Kranken Frauen waren, sind esheute über 60 Prozent. Frauen entscheidenimmer noch nicht autonom über ihren Körperund ihr Leben. Entscheidungen überVerhütung und Schutz werden von Männerngetroffen.Durch den fehlenden Zugang zu Bildungund Ausbildung wissen Frauen in Entwicklungsländernnicht um ihre Rechte.Geschlechtsspezifische Gewalt und der fehlendeZugang zu Medikamenten führen10


zur Infektion und zu sich schnell verschlechternden Krankheitsbildern.Neue Behandlungs- und Präventionsmethodensind für Frauen aufgrund fehlender finanzieller Mittel undüberkommener patriarchaler Rollenvorstellungen nichtzugänglich. Auch nicht HIV-infizierte Frauen sind durch dietödliche Krankheit betroffen, sind es doch die Frauen, diedie Versorgung der 15 Millionen Aids-Waisen übernehmen.Mehr Mädchen als Jungen müssen von der Schule abgehenund zur Existenzsicherung der Familie beitragen, mehr Frauenals Männer verlieren ihre ökonomische Existenz wegender Integration ihrer Länder in den Welthandel. Auch wennFrauen in Entwicklungsländern durch die Öffnung zum Weltmarktdie Möglichkeit bekommen, formelle Arbeitsverhältnisseeinzugehen, werden ihre Lebensbedingungen dadurchnicht verbessert. 27 Millionen Menschen sind in 850 Exportzonenbeschäftigt und 90 Prozent von ihnen sind Frauen.Junge, flexible, gewerkschaftlich nicht-organisierte Frauensind in den Billiglohnländern die bevorzugten Arbeitskräfte.Der aus dem weltweiten „Wettlauf nach unten“ entstehendeAnpassungsdruck führt dazu, dass Löhne gesenkt undArbeitsbedingungen schlechter werden. Vor allem Frauengehören zu den „working poor“, zu der arbeitenden Bevölkerung,die trotz Einkommen weiterhin in Armut lebt, da sienicht mehr als einen US-Dollar am Tag verdienen. Globalisierungsprozessekönnen nur geschlechtergerecht gestaltetwerden, wenn Frauen in politische und wirtschaftliche Entscheidungsgremienintegriert werden. In diesen sind Frauenimmer noch unterrepräsentiert. Weltweit besetzen Frauenweniger als zwölf Prozent der politischen Ämter.Zur Anregung der Diskussion um Frauenförderung, GenderMainstreaming, die Rolle und die Zukunftschancen derFrauen einige Überlegungen:Mit der Weltfrauenkonferenz von Peking wurde das GenderMainstreaming erstmals in die internationale Politik eingeführt.Damit wurde anerkannt, dass Geschlechterrollenund -verhältnisse in soziale, politische, ökonomische undkulturelle Kontexte eingebettet sind, in ihrer sozialenBedingtheit einem ständigen Wandel unterliegen und veränderbarsind. Doch bis heute gibt es noch viel zu kritisieren:1. EU und UN gehen immer noch davon aus, dass die gleicheTeilhabe an Bildung zur Überwindung aller geschlechtsbedingtenNachteile führt. Die Tatsache, dass bis heute inEuropa die Frauen keine gleichberechtigte Integration trotzbesserer Bildungsabschlüsse haben, wird ignoriert.2. Bildung wird als Heilmittel gesehen, um Kinderheirat,Beschneidung, Mütter- und Säuglingssterblichkeit einzudämmen.Traditionen, Vorurteile und ungleiche gesellschaftlicheIntegration werden damit ignoriert und diegesellschaftliche Verantwortung für die Probleme wird relativiert.Eine unbekannte Frau aus Kenia dichtete:Afrika, Afrika,ich bin nur eine Frau, eine unsichtbare Frau.Ich mache die Arbeit der Frau und des Mannes.Nein, ich würde nicht wagen, mit derArbeit aufzuhören….Afrika, Afrika, Du bist eine Frau,unterdrückt und geschunden.Afrika, aber warte:Eines Tages bist Du wie ein Berg,stolz und unüberwindbar.3. Infrastrukturinvestitionen sollen den Arbeits- und Lebensalltagder Frauen erleichtern und die Zeit verringern, dieFrauen für die Beschaffung von Wasser, Brennmaterial undanderen existentiellen Gütern und Dienstleistungen verwenden.Straßen werden besonders in Afrika vor allem für denGüterverkehr gebaut, nicht für die Verbesserung derLebensbedingungen in den Dörfern. Dabei lebt die größteGruppe der absolut Armen in ländlichen Regionen.4. Die Forderung der Weltfrauenkonferenz von Peking wirdwiederholt: Frauen müssen Eigentums- und Erbrechte zugestandenwerden, um Armut zu überwinden. Gesetze sindbeschlossen, aber in den ländlichen Gebieten Afrikasherrscht immer noch Gewohnheitsrecht und wird befolgt.Somit sind Frauen beim Land- und Hauserwerb benachteiligt,ebenso beim Zugang zu Krediten und zu technischemKnow how.5. Gleichberechtigter Zugang zu Beschäftigung soll Frauenabsichern. Die meisten Frauen in Afrika arbeiten im informellenSektor – ohne Steuern und Sozialabgaben. Wenn sieim formellen Sektor arbeiten, reichen die Sozialversicherungssystemenicht aus, um sie zu schützen und vieleBeschäftigungsverhältnisse wie zum Beispiel in der Blumenindustriesind mit gesundheitlichen Risiken verbunden,schlecht bezahlt und sind prekäre Beschäftigungsverhältnisseohne Schutz, wie Hausmädchen berichten. Ein guterArbeitsplatz ist sicherlich der beste Schutz für Frauen. Nur:Wo ist er?Frauen im Norden und im Süden sind gefordert ihre„andere“ Stimme durchzusetzen. Das gilt für Frauen in Hamburg,Deutschland und in Afrika. Sie sind gefordert, dieZukunftschancen der Frauen in Afrika zu verbessern und zuhelfen, sie zu unterstützen.11


Teil IFrauen bringen den WandelDokumentation der Podiumsdiskussion am 20. April 2007Bericht zur PodiumsdiskussionVon Marc BaxmannIm Anschluss an die Eingangsstatements von HeidemarieWieczorek-Zeul und Christa Randzio-Plath knüpften auchdie übrigen Podiumsteilnehmerinnen an die aufgeworfenenFragen an. Über 200 Besucherinnen und Besucher verfolgtendie Diskussion.Esther Pheiffer von der New World Foundation in Südafrikastudiert zurzeit in Hamburg und berichtete vom Alltagder Frauen in ihrem Heimatland. Sie beschrieb dabei eindringlichdie schwierige Situation von Frauen, die sich in denletzten Jahren kaum verbessert habe: „Gesetzlich hat sichzwar viel getan, in der Praxis jedoch viel zu wenig.“ Gewaltgegen Frauen sei leider immer noch an der Tagesordnung. InLiberia und Südafrika sei dabei der höchste Anteil physischerGewalt zu beobachten.Susanne Hesemann von Brot für die Welt berichtete ausder Projektpraxis in Afrika. Dabei hob sie hervor, dass dieFrage der Sicherheit von Frauen stärker in den Blickpunktgerät. Einen wichtigen Schritt zur Geschlechtergerechtigkeitnannte Hesemann die Stärkung der Genderkompetenz inden Partnerorganisationen, um langfristig und nachhaltigFrauen zu fördern. Gewalt gegen Frauen müsse öffentlichgemacht und die Bevölkerung für das Thema sensibilisiertwerden, um gegen das Problem anzugehen.In der Projektarbeit, so Christa Randzio-Plath, komme esdarauf an, zunächst geeignete Frauen und Frauenorganisationenzu identifizieren, die etwas für sich und ihre Gesellschaftbewegen wollen. Vielfach werde jedoch Frauenförderungfalsch interpretiert, so höre sie häufiger: „Wir machendoch Frauenförderung – jedes Brunnenprojekt unterstütztFrauen.“ Mit der Förderung von Geschlechtergerechtigkeithabe dies jedoch nur sehr wenig zu tun. Stattdessen sei dieQualifizierung von Frauen wichtig, um sie zu selbstständigerund kreativer Arbeit zu befähigen. Noch machen Fraueneinen Großteil der AnalphabetInnen aus. Auch Wieczorek-Zeul bestätigte, dass sich die Durchsetzungsfähigkeit derFrauen mit ihrem Bildungsstand erhöhe. Bildung sei daherein zentrales Element bei der Frauenförderung. Auch diesexuelle Selbstbestimmung, ein entscheidendes Element imKampf gegen HIV/Aids, wachse mit der Qualifizierung undder wirtschaftlichen Unabhängigkeit.Aber auch die Politik sei gefordert, sagte Randzio-Plath.Die Regierungen achten bei den Verhandlungen über sogenannteWirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA) zwischender EU und den afrikanischen Staaten viel zu wenigauf die Anliegen der Frauen. Insbesondere sei eine Evaluierungder möglichen Auswirkungen der Handelsabkommenunter Gender-Aspekten notwendig. Um die Anliegen derFrauen zu schützen und die Entwicklungsförderlichkeit derWPA sicherzustellen, sei eine kontinuierliche Revisionsmöglichkeitder Abkommen erforderlich.Marc Baxmann ist Projektreferent im VENRO-Projektzur deutschen EU-Ratspräsidenschaft „AfrikasPerspektive – Europas Politik“Esther Pheiffer, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Renate Wilke-Launer, Christa Randzio-Plath, Susanne Hesemann12


Geschlechtergerechtigkeit und AfrikaDie Genderarbeit des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED)Von Jens KoyDer EED unterstützt mit finanziellen Beiträgen, personellerBeteiligung, Stipendien und fachlicher Beratung die Entwicklungsarbeitvon Kirchen, christlichen Organisationenund privaten Trägern. In dieser weltweiten Partnerschaftbeteiligt sich der EED am Aufbau einer gerechten Gesellschaft.Geschlechtergerechtigkeit ist hierbei ein wichtigesElement. Der EED ergreift und fördert Maßnahmen, die inKirche, Öffentlichkeit und Politik das Bewusstsein und dieBereitschaft wecken und stärken, sich für die Überwindungvon Not, Armut, Verfolgung und Unfrieden einzusetzen. DerEED ist ein Entwicklungswerk der evangelischen Kirchen inDeutschland; ihm gehören 30 Mitglieder an.Die Arbeit des EED in Afrika im Jahr 2006 lässt sich wiefolgt veranschaulichen:• Der EED fördert zirka 500 Projekte in 29 Ländern Afrikas;• Jährlich werden durchschnittlich 39 Millionen Euro neuzugesagt (2004 bis 2006);• 84 Fachkräfte sind im Einsatz;• 47 Stipendiatinnen und Stipendiaten aus Afrika erhaltenein Stipendium.Wir arbeiten in Afrika nicht als Durchführungsorganisation,sondern kooperieren mit Partnerorganisationen und fördernnach inhaltlicher Diskussion deren Projekte. Der Fokusliegt bei kirchlichen Organisationen. Teilweise bestehen hierPartnerschaften seit über 20 Jahren. Förderschwerpunktedes EED und Ziele der Partnerorganisationen sind:• Ländliche Entwicklung in marginalisierten Regionen zurStärkung der Ernährungssouveränität,• Bekämpfung struktureller Armutsursachen,• Soziale Grunddienste: Bildung, Gesundheit, Ausbildung,• Frieden und Konfliktbearbeitung.Geschlechtergerechtigkeit ist als Querschnittsziel in allenProgrammen und Projekten in Afrika vorgesehen. Der EEDführt derzeit noch kein Genderbudgeting durch. Daher liegenuns auch keine absoluten Zahlen und Statistiken darübervor, welche Beträge für Frauenförderung und die spezifischeArbeit für mehr Geschlechtergerechtigkeit ausgegebenwerden. Es besteht jedoch die Tendenz, dass durch dieProjekte insbesondere die „praktischen Interessen“ vonFrauen zur Sicherung der Grundbedürfnisse gefördert werden.Beispiele sind Einkommen schaffende Maßnahmen, traditionelleHandwerksausbildungen und Grundbildung.Weniger Anteil an der Förderung haben Unterstützungenfür die „strategischen Interessen“ von Frauen zur strukturel-Jens Koylen Verbesserung der Verhältnisse, wie beispielsweise dieUnterstützung der politischen Partizipation und die LobbyundKampagnenarbeit für Frauenrechte. Auch das GenderMainstreaming in Institutionen im Sinne der Integration vongeschlechterbezogenen Analysen, Zielen, Strategien undMaßnahmen in alle Politiken, Programme, Maßnahmen undVerfahren wird weniger gefördert. Die spezifische Arbeit mitMännern und Frauen zur Erreichung von Geschlechtergerechtigkeitsollte verstärkt werden.Mit welcher Konzeption arbeiten wir am ZielGeschlechtergerechtigkeit?In den achtziger Jahren begannen vor allem Frauen in denMitgliedswerken der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst(AG KED) – aufgefordert von den internationalenFrauenbewegungen – sich mit der Situation vonFrauen und Männern, ihren unterschiedlichen Rollen undden Geschlechterverhältnissen als Machtverhältnissen zubefassen. In einem breit angelegten Diskussionsprozessunter Beteiligung von Mitarbeitenden aller Werke entstandder Orientierungsrahmen „Wege zu einer frauengerechtenEntwicklungszusammenarbeit“ 1 , der 1993 verabschiedetwurde. Mit dessen Verabschiedung erfolgte allerdings keinesystematische Beschäftigung mit der Geschlechterperspek -tive. Neue Kolleginnen und Kollegen erhielten keine regelmäßigenEinführungen in den Orientierungsrahmen. DieUmsetzung der Förderempfehlungen und ihre Weiterentwicklungwurde meist der Initiative einzelner Engagierterüberlassen. Aufgrund ihres Einsatzes wurden allerdingszahlreiche Workshops mit Partnerorganisationen durchgeführtund „Empowerment“-Projekte ins Leben gerufen.Auf der Grundlage dieser Situationsanalyse verabschiedetenBrot für die Welt und der EED im Jahr 2005 eine gemein-15


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007same Genderstrategie 2 , die die Lücke zwischen „Theorie undPraxis“ schließen soll. Oberziel ist, dass beide Werke sichaktiv und sichtbar dafür einsetzen, dass gleiche Lebenschancenfür Männer und Frauen hergestellt und bestehendeUngerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis beseitigt werden.Daraus werden drei operative Ziele abgeleitet. Ihrewichtigsten Elemente sind:a) Systematische Weiterentwicklung der Genderperspektivein der Programmarbeitb) Gender-Kompetenzentwicklung bei den Mitarbeitendender Programmressortsc) Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Lobby- undAdvocacyarbeit basieren auf geschlechterbezogenen Analysen.Zielsetzungen, Inhalte und Methoden haben eine Genderperspektive.Unterlegt werden die operativen Ziele durch Teilziele. Indikatorendienen der Beurteilung der Zielerreichung. Monitoringund Evaluation der Umsetzung sind vorgesehen.Ein Beispiel aus der ProjektarbeitWie verfolgen wir das Ziel Geschlechtergerechtigkeit in Zentralafrika?Ein Beispiel aus der Projektarbeit: Bei der langjährigenPartnerorganisation wurde im Rahmen einer Evaluationfestgehalten, dass die Arbeit in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeitin der Programmarbeit verbessert und ausgebautwerden sollte. Nach Diskussion und Austausch zwischender Partnerorganisation und dem EED beantragte die Partnerorganisationeine europäische Fachkraft, um die Bereiche„Gender“ und „Gesundheit“ vor Ort zu qualifizieren. DerEED reagierte auf diese Anfrage mit der Suche, Auswahl, Vorbereitungund Entsendung einer deutschen Fachkraft. Ausdem Gespräch, das ich vor kurzem mit der Kollegin führte,die seit nunmehr zwei Jahren im Projekt arbeitet, möchte icheinige Erfahrungen darstellen. Es handelt sich dabei um diesubjektive Sichtweise der europäischen Fachkraft:• Tabus brechen: Es war gut, eine europäische Fachkraft fürdie erste Zeit der Programmarbeit im Bereich Gender undGesundheit einzusetzen. Damit konnten im Verhältniszwischen Männern und Frauen Grenzen überschritten undneue Sichtweisen entwickelt werden. Nach den geplantendrei Jahren wird die lokale Kollegin die Arbeit fortführenkönnen.• Die Leitung der Partnerorganisation ist sich bewusst, dassin der Frauenförderung etwas geschehen muss, da die bisherigeFörderung in den Gemeinden von den Frauen der1 Siehe www.eed.de2 Siehe www.eed.de: BfdW und EED: „Wir schließen die Lücke zwischenTheorie und Praxis – Eine Handlungsstrategie zur Förderung gleicherLebenschancen für Frauen und Männer mit den Programmen von EEDund BfdW (2006-2010)“, Bonn und Stuttgart 2005.Pfarrer übernommen wurde. Diese werden älter und insbesonderejüngere Frauen werden durch sie immer schwerererreicht. Ein Konfliktfeld besteht jedoch durch diegeringe Wertschätzung der praktizierten Sensibilisierungsarbeitbei den bäuerlichen Vereinen durch die Leitungder Partnerorganisation. Die positiven Rückmeldungenauf die Art und Weise der Sensibilisierungsarbeitermutigen die deutsche Fachkraft und ihre lokalen Kolleginnen,den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.• Es ist nach wie vor schwierig, der Leitung der Partnerorganisationzu vermitteln, dass die Arbeit im Bereich Gendereinen anderen, langfristigeren Rhythmus hat. Dort könnenPersonengruppen in Kursen innerhalb von wenigenTagen mit guten Erfolgen straff geschult werden. DieArbeit an den Geschlechterbeziehungen ist langfristiger.• Die Kombination von HIV/Aids und Gender-Sensibilisierungwurde anfangs von der Fachkraft als nicht sehr förderlicheingestuft. Nach zwei Jahren Projektarbeit wird siejedoch sehr geschätzt, als Türöffner für das Thema „sexuelleGewalt“.Thesen und ErfahrungenAus Diskussionen und Projekterfahrungen lassen sich ausmeiner Sicht folgende Thesen und Erfahrungen formulieren:a) Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsthema ist gut,birgt aber in der Praxis seine Tücken. Der Nachteil bestehtdarin, dass in diesen Fällen Gender in Zielsetzungen und imBerichtswesen oft nicht ausreichend berücksichtigt wird.Daher sind geschlechtsspezifische Zielsetzungen und Frauenförderprogrammeweiterhin ergänzend notwendig.b) Gender Mainstreaming im EED ist kein Selbstläufer. Daherist die Genderstrategie für uns hilfreich, um kontinuierlicham Thema zu arbeiten und insbesondere die männlichen Kollegenin der Umsetzung der Genderperspektive zu schulen.c) Gender Mainstreaming darf gezielte Frauenförderungnicht ablösen. Beide Ansätze ergänzen sich.d) Der Genderansatz läuft insbesondere in Zeiten knapperRessourcen Gefahr, im „Mainstream“ der Organisationsarbeitunterzugehen. Daher ist ein Monitoring der Aktivitäten,die im Rahmen des Mainstreamings für mehr Geschlechtergerechtigkeitdurchgeführt werden, sehr wichtig.e) Die Konkurrenz der Themen und Herausforderungen istgroß. Qualifizierte Genderanalysen und differenzierte Projektarbeitkönnen nicht „nebenbei“ umgesetzt werden. DerAufwand sollte durch die Geldgeber honoriert werden, umeine qualitativ hochwertige Arbeit zu gewährleisten.Jens Koy ist Referent für die QuerschnittsaufgabeGender im Programm beim EED.16


Die Arbeit im Kriegskontext mit Überlebenden sexualisierter GewaltDer Ansatz von medica mondialevon Selmin Çaliskan˛Die Arbeit von medica mondialemedica mondiale ist eine Frauenrechts- und Frauenhilfsorganisation,die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vongeschlechtsspezifischer Gewalt betroffene Frauen und Mädchenin Kriegs- und Krisengebieten ungeachtet ihrer politischen,ethnischen und religiösen Zugehörigkeit zu unterstützen.Unsere Aktivitäten sind unter anderen:• Aufbau von Therapie- und Beratungszentren, die inlokale Hände übergeben werden;• Medizinische und gynäkologische Versorgung;• Mobile gynäkologische Ambulanzen;• Psycho-soziale Begleitung;• Aufbau von Selbsthilfegruppen für Überlebendesexualisierter Gewalt;• Qualifikationstrainings zur Trauma-Behandlung fürÄrztinnen, Psychologinnen, Krankenschwestern,Hebammen und Psychotherapeutinnen;• Berufsausbildungsmaßnahmen wie Computer- undNähkurse, Imkerei und Landwirtschaft;• Sensibilisierungtrainings zur Prävention gegen Gewaltan Frauen und Mädchen;• Notruf-Hotlines;• Rechtsberatung und psycho-soziale Betreuung inGefängnissen;• Vertretung und Verteidigung von Klientinnen vor Gericht;• Informationstrainings zur Arbeit des InternationalenStraf gerichtshofs und dessen Umsetzung von Gender-Richtlinien;• Dokumentation und Berichte zu Menschenrechtsverletzungenan Frauen und Mädchen;• Politische Lobbyarbeit und Öffentlichkeitskampagnen.Die Resolution 1325Ein wichtiges Instrument für die Frauenrechts- und Menschrechtsarbeitist die im Oktober 2000 vom Sicherheitsratder Vereinten Nationen (UN) verabschiedete Resolution1325 für Frauen, Frieden und Sicherheit. Sie fordert die stärkereEinbeziehung von Frauen in nationale, regionale undinternationale Institutionen und Mechanismen zur Verhütung,Bewältigung und Beilegung von Konflikten zum Beispielbei UN-Missionen und Friedenstruppen. Mit dieser völkerrechtlichbindenden Resolution wird die besondereBedarfs- und Sicherheitslage von Frauen in Kriegskontextenauf der UN-Ebene wahrgenommen. Darüber hinaus wirdSelmin Çaliskananerkannt, dass Demokratisierungsprozesse in Nachkriegsgebietennur mit Einbindung von Frauen erfolgreich seinkönnen. Sie ist die einzige Resolution, die internationaleund nationale EntscheidungsträgerInnen zum Schutz vorsexualisierter Gewalt in Konflikt- und Nach-Konfliktsituationenauffordert. Die Umsetzung dieser Resolution verläuftjedoch äußerst langsam, da sie vom Veränderungswillen undEngagement der UN-Mitgliedsstaaten, darunter auchDeutschland, der UN-Gremien und dem politischen Druckvon NRO abhängig ist.1325 als Tool für die Projektarbeit?Entwicklungs-, Friedens- und Sicherheitskonzepte müssenden unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen und Männernin Konflikten unbedingt Rechnung tragen: Für Frauenbedeuten gewalttätige Konflikte, dass die Gewalt gegen siesprunghaft zunimmt. Daher machen wir EntscheidungsträgerInnenund Organisationen, die hier und vor Ort arbeiten,darauf aufmerksam, dass sie mit geschlechterdifferenziertenKonzepten und Konfliktanalysen an Problemlösungen herangehenmüssen, wenn sie im wahrsten Sinne des WortesALLEN Menschen gerecht werden wollen.Die Resolution 1325 kann vor allem für die Projektarbeitmit lokalen PartnerInnen ein gutes Instrument zur Umsetzungvon Gender Mainstreaming sein. Denn: die Resolution1325 wird in den letzten Jahren zunehmend von „grassroots“-Frauenorganisationenin den Projektländern selberals DAS Instrument benutzt, um gegen sexualisierte Gewaltvorzugehen und eine politische Teilhabe von Frauen anNachkriegs-Friedensprozessen und die Verhütung neuerKonflikte einzufordern. Lokale Frauen-NRO leisten unermesslichwichtige Arbeit. Sie bieten traumatisierten Frauen˛17


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007Unterstützungsangebote jenseits der patriarchalen medizinischenoder sozialen Infrastruktur, die Frauen häufig einfachignoriert, an. Sie leisten Sensibilisierungsarbeit für diebreite Öffentlichkeit und auf der politischen Ebene. Siebewirken Versöhnungsarbeit zwischen früheren sogenannten„ethnischen“ Feinden, welche die Basis jeder späterenDemokratisierung ist. Leider erhalten sie für diese Leistungenkeine adäquate Anerkennung, vielmehr sind sie ständigvom finanziellen „Aus“ bedroht. Trotz ihrer profundenSachkenntnis sind sie von politischer Partizipation ausgeschlossen.Die deutschen EntwicklungspartnerInnen könnengenau dort ansetzen, wenn es gilt, mit Partnerorganisationenzu klären, wie und wo innerhalb der ProjektplanungGender Mainstreaming durchgeführt und wie Angebote fürFrauen zugänglich gemacht werden können. Sie haben oftdie Möglichkeit, vor Ort ansässige Frauen-NRO während deseigenen „Assessments“ für die Projektplanung zu Rate zuziehen und somit das eigene Projekt gender-, konflikt- undkultursensibel zu gestalten. Wenn es vor Ort keine Expertinnengibt, dann gibt es in Deutschland genügend Expertinnen,die gefragt werden können. Gerne wird das Argumentder „Unverträglichkeit der lokalen traditionellen Kultur mitdem westlichen Grundsatz der Gleichberechtigung“benutzt, um das Thema der Geschlechtergerechtigkeit in derProjektplanung zu umgehen oder es wird sogar behauptet,es sei konfliktunsensibel, das Thema „Gewalt gegen Frauen“in anderen kulturellen Kontexten auf Projektebene aufzugreifen.Das Argument wird selbst dann benutzt, wenn esbereits auf lokaler Ebene sozial und politisch aktive Frauengibt, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen. An dieserStelle ist eine selbstkritische Reflektion von MännlichkeitsundWeiblichkeitsbildern auf NRO-Seite erforderlich – wennnicht bestehende ungleiche Machtverhältnisse durch dieeigene Projektplanung zementiert oder gar geschaffen werdensollen.Der Vorteil bei der Resolution ist auch, dass zum Beispielder UN-Aktionsplan zu ihrer Umsetzung die gesamte Paletteder unterschiedlichen Arbeitsbereiche umspannt, die auchvon der Entwicklungszusammenarbeit, der Humanitären Hilfeund der Nothilfe bedient werden: Friedens- und Sicherheitspolitik,Sexuelle und Reproduktive Gesundheit undRechte, Gerechtigkeit und Entschädigung für erlitteneKriegsverbrechen, Sicherheitssektorreformen, Entwaffnungund Reintegration von KombatantInnen sowie Schutz vorsexualisierter und häuslicher Gewalt im Kriegskontext.Gleichstellungs- beziehungsweise Gleichberechtigungspolitikfängt allerdings schon vor der eigenen Tür an und nichterst bei den ProjektpartnerInnen auf der anderen Seite desGlobus. Von ihnen wird gefordert, was die Organisationenselber nicht bereit sind, umzusetzen. Innerhalb der Entwicklungszusammenarbeitwerden Stellen von Frauenbeauftragtenabgebaut mit dem Argument, es würde ein GenderMainstreaming eingeführt – ein ganz falsches Verständnisvon Gender Mainstreaming, denn dieses meint die Kombinationaus Frauenförderung UND Gender Mainstreaming. Diebisher klassische und für ein „Empowerment“ von Frauendringend benötigte Frauenförderung innerhalb der Entwicklungszusammenarbeitmuss neben einem guten undgerechten Gender Mainstreaming bestehen bleiben, umFrauen nicht strukturell zu benachteiligen.Menschenrechtsverletzungen durch eigene MitarbeiterGemeint sind hier Menschenrechtsverletzungen, ausgeübtvon Mitarbeitern der Entwicklungszusammenarbeit gegenFrauen und Mädchen in den Projektländern. Unsere Erfahrungzeigt, dass sich dort Mitarbeiter gerne Minderjährigerals „Sexpartnerinnen“ bedienen – und somit die eigeneMachtposition und die Notlage dieser jungen Frauen undMädchen schamlos ausnutzen. Daher ist wichtig, verbindlicheVerhaltenskodizes für die MitarbeiterInnen aufzustellenund Vergehen dieser Art nicht als Kavaliersdelikt zubehandeln. Anstatt diese einfach ins nächste Projektland zuschicken und die Angelegenheit zu vertuschen, sollten siediese Mitarbeiter mit Disziplinarmaßnahmen belegen. Sensibilisierungin Bezug auf Menschenrechtsverletzungen anFrauen und Mädchen ist vor dem Einsatz unerlässlich – dennman kann von ProjektpartnerInnen nicht etwas erwarten,das man selber nicht vorlebt. Darüberhinaus gefährdet einsolches Verhalten auch den gesamten Projektauftrag unddas Bild der eigenen Organisation.Was ist erfolgreich?Das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist in den meistenLändern aufgrund patriarchaler Gesellschaftsstrukturenein großes Tabu. Die Mehrheit der Überlebenden wird – zuihrem eigenen Schutz – ihr Leben lang schweigen über das,18


was ihnen widerfahren ist, weil sie sonst gesellschaftliche Ausgrenzungund Isolierung zu befürchten haben. Damit sich fürFrauen privat wie politisch etwas verändert, verfolgt medicamondiale eine doppelte Strategie. Diese besteht aus der praktischenArbeit vor Ort und der politischen Lobbyarbeit.Die Bemühungen der Kölner Arbeit von medica mondialekonzentrieren sich darauf, aus den Erfahrungen in Bosnien,Kosovo, Albanien, Afghanistan und Liberia Module zu entwickeln,die in andere Konfliktgebiete eingebracht werdenkönnen. Denn die Ergebnisse unserer bisherigen Arbeit zeigen,dass sexualisierte Gewalt im Krieg nicht die Ausnahmesondern die Regel ist. Die gesundheitliche Situation nahezualler Frauen wird durch frauenspezifische Gewalt und patriarchalbedingte Rechtlosigkeit in Kriegs- und Nachkriegsgebietenbestimmt, die sie zudem häufig auch von der Gesundheitsversorgungausschließt. Daher ist ein analytischer frauenspezifischerBlick (nicht nur) in der Versorgung dieserFrauen unumgänglich. Bei schweren Menschenrechtsverletzungendieser Art ist eine öffentliche Anerkennung desErlebten für die Heilung der Überlebenden unerlässlich. Eineentsprechende Begleitung der Frauen, die gleichzeitig versucht,den sozialen Kontext dazu zu bringen, sich mit denschwerst traumatisierten Frauen zu solidarisieren, anstatt siezu isolieren, ist dabei die Voraussetzung jeder Traumabearbeitungund Heilung. Es hat sich in Bosnien und im Kosovogezeigt, dass Frauen, die eine Zeit lang von unseren Mitarbeiterinnenpsycho-soziale Unterstützung bekamen, jetztbereit und seelisch stabil genug sind, einen Beruf zu erlernenund ein eigenes selbstbestimmtes Unternehmen aufzubauen.Ein weiteres positives Beispiel kommt aus Bosnien: LetztesJahr wurde vom bosnischen Parlament ein Gesetz zur Kriegsinvalidinnenrenteals Anerkennung und Entschädigung fürKriegsvergewaltigung verabschiedet. Das Gesetz ist dasResultat einer lang angelegten politischen Kampagne vonacht bosnischen Frauenorganisationen (darunter auch medicaZenica). Die betroffenen Frauen sollen ab diesem Jahreine kleine Rente erhalten, die es ihnen ermöglicht, mit denerlittenen seelischen und körperlichen Verletzungen zuüberleben. Die gesellschaftliche Anerkennung, die diesesGesetz verkörpert, ist für viele Frauen ein wichtiger Schrittzur Heilung von den erlittenen Traumata. Diese Kampagnewäre auch für Länder wie Liberia, Sierra Leone, DR Congo, indenen viele Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden undimmer noch werden, ein „best-practice“-Beispiel für dengesellschaftlichen Umgang mit diesem tabuisierten Thema.˛Selmin Çalskan ist Referentin für Politik und Frauenrechtebei medica mondiale.Frauenförderung und Gender MainstreamingDas Genderengagement von Brot für die Welt in AfrikaVon Reinhard KoppeBrot für die Welt in AfrikaBrot für die Welt (BfdW) wurde 1959 gegründet und wird alsAktion der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit vonallen evangelischen Landes- und Freikirchen in Deutschlandgetragen. BfdW arbeitet mit kirchlichen Partnern und Nichtregierungsorganisationen(NRO) zusammen und finanziertseine Arbeit fast vollständig aus Spendenmitteln. In mehr als1200 Projekten und Programmen weltweit wird gemeinsammit Partnern in Übersee Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Vonden derzeit jährlich etwa 50 Millionen Euro, die BfdW zurFörderung von Projekten zur Verfügung stehen, entfallenetwa 15 Millionen auf Fördermaßnahmen in Afrika. In derZusammenarbeit mit Partnern in etwa 30 afrikanischen Ländernwerden die Schwerpunkte Ernährungssicherheit, Friedenund Konfliktbearbeitung, HIV/Aids und Gender sowieReinhard Koppe„Capacity Building“ verfolgt. Von den 671 Stipendien, die imletzten Jahr für Afrika bewilligt wurden, entfielen 40 Prozentauf Frauen.19


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007Gender in der Policy-Erklärung „Den ArmenGerechtigkeit“ 2000Die Veränderung des Geschlechterverhältnisses gehört zuden Herausforderungen und Handlungsfeldern von BfdW.In den achtziger Jahren begannen im kirchlichen Entwicklungsdienstintensive Diskussionen über die Rolle der Frau inder Entwicklung, die zu einem wegweisenden Orientierungsrahmenführten. Im Jahr 2000 thematisierte BfdW mitder Policy-Erklärung „Den Armen Gerechtigkeit“ die ungleichenChancen von Frauen und Männern in Wirtschaft undGesellschaft. Gleichzeitig wird darin auf die zahlreichenInitiativen von Frauen in der ganzen Welt hingewiesen, diesich für den Abbau von Diskriminierung, Überlebenssicherungund die grundlegende Veränderung der sozialen Verhältnisseeinsetzen. Männer und Frauen werden ermutigt,die gegenwärtige Rollenverteilung zu hinterfragen und zuerkennen, dass diese nicht nur Frauen benachteiligt, sondernauch Männer belastet. Diese Erkenntnis soll sowohlMänner als auch Frauen zu verändertem Verhalten motivieren.Um diese Veränderungsprozesse zu fördern, stärktBfdW die Genderkompetenz der eigenen und der Partnerorganisationen.Besonders Fraueninitiativen werden dabeiunterstützt, „ihre unmittelbare Lebenssituation zu verbessern,aber auch ihre längerfristigen Interessen zum Ausdruckzu bringen, sie politisch einzufordern und durchzusetzen“.Seit 1998 berücksichtigen die Standards von BfdW Gender-Aspekte bei der Projektbearbeitung, die auf der Grundlagedes gemeinsamen Strategiepapiers zu Gender von BfdWund dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Programmenund Projekten des Hilfswerks umgesetzt werden.Positive Ergebnisse in der Umsetzung vonGleichstellungskonzeptenDie Orientierung auf Frauenförderung und die Einführungdes Genderansatzes haben in der entwicklungspolitischenPraxis von BfdW in erster Linie dazu geführt, Frauen sichtbarzu machen. Sie werden als Akteurinnen in der Familie,der Gemeinde und in Projekten der Entwicklungszusammenarbeitwahrgenommen und gefördert. Das Bewusstseinüber die Benachteiligung der Frauen und ihre häufigextrem schwierigen (Über-) Lebenssituationen ist deutlichgewachsen.Die veränderte Situation von Frauen durch entwicklungspolitischeGleichstellungsstrategien zeigt sich am deutlichstenin ihrer stärkeren Partizipation und Verhandlungsmacht:In unterschiedlichen kulturellen Kontexten, die häufigfrauenfeindliche Tendenzen aufweisen, sind Fraueninzwischen auf institutioneller Ebene und in Gemeindegremienoder Basisorganisationen vertreten. Viele Frauenhaben gelernt, vor und mit Männern zu reden, Entscheidungenzu fällen und ihre Interessen und Bedarfe zu vertreten.Einige sind bereits in Führungspositionen und Vorständevorgedrungen. Besonders durch den Zugang zu Kreditenund durch Einkommen schaffende Maßnahmen hat sich derZugang zu und die Kontrolle über Ressourcen für viele Frauenverbessert.Gendergerechtigkeit ist außerdem zu einem Thema in denPartnerorganisationen geworden. Es gibt kaum noch eineOrganisation, die keine Elemente der Frauenförderung oderGendergerechtigkeit in ihrer Arbeit berücksichtigt. In derPraxis zeigt sich, dass die Projekte in der Regel sowohl Elementeder Frauenförderung als auch des Gender Mainstreamingenthalten.Probleme bei der Umsetzung von GenderkonzeptenDie Erfahrungen zeigen, dass der Genderansatz bei derMehrheit der Partner noch nicht vollständig verankert ist.Die Zielgruppenanalyse wird in den meisten Projekten sehrallgemein gehalten. Unterschiede innerhalb einer Zielgruppe,zum Beispiel in Bezug auf Einkommen, soziale Stellung,Interessen und Bedarfe werden nicht berücksichtigt. Häufigwird zwar auf die Situation von Frauen eingegangen. DieDarstellung wird jedoch nicht zur Analyse der Genderbeziehungengenutzt.Frauenförderung ist eine wichtige Komponente in denmeisten Projekten der Partner. Wenn sie in ein klares Genderkonzepteingebettet und auf dieser Basis strategisch eingesetztwird, trägt sie dazu bei, Strukturen und Genderbeziehungenzu hinterfragen und zu verändern. Diese Zusammenhängewerden von den Partnern in der Regel jedochnicht genügend wahrgenommen. Spielräume für Genderarbeit,die im Rahmen einer strategischen Frauenförderungentstehen, werden nicht genutzt.Die bereits erwähnten unzureichenden Gender-Analysentragen dazu bei, dass die Genderperspektive eines Projekts inden Analyse- und „Planning, Monitoring, Evalua tion“ (PME)-Systemen nicht durchgehend sichtbar werden kann. Sie spiegeltsich deshalb auch nur ungenügend in der Beschreibungder Aktivitäten sowie in der Formulierung der Ziele, Resultateund Indikatoren wieder. Das lässt auf mangelndes konzeptionellesVerständnis des Ansatzes, aber auch auf Schwächenbei der Durchführung von PME schließen.Ein weiterer Indikator für die ungenügende Verankerungdes Genderansatzes ist in vielen Organisationen der Mangelan auf Genderfragen spezialisiertem Personal. Es findenbestenfalls Gendertrainings für das Personal einer Organisationstatt. Wenn MitarbeiterInnen aus der Organisation ausscheiden,geht die Genderkompetenz zumindest teilweisewieder verloren.Beim Gender Mainstreaming handelt es sich um einen20


Ansatz, der im Rahmen zahlreicher internationaler Konferenzenentwickelt und diskutiert wurde. Dennoch wird ervon vielen Partnern als „donor driven“ verstanden. DieBerücksichtigung des Genderansatzes beschränkt sich daherhäufig auf die Erfüllung formeller Anforderungen bei derBeantragung von Projekten, ohne das sich die Genderorientierungauf der Projektebene widerspiegelt.Projektbeispiele aus AfrikaFrauenprojekt der Partnerorganisation AFREDAim Kilombero Distrikt in TansaniaHauptziel der Förderung durch AFREDA („Action for Reliefand Development Assistance“) ist die wirtschaftliche Stärkungder Frauen im ländlichen Raum. Seit Projektbeginn imJahre 2001 sind 22 Frauengruppen mit insgesamt 460 Mitgliedernauf lokaler Ebene gegründet und begleitet worden.Trainings- und Beratungsangebote zu Kleingewerbeförderung,Führungskompetenz, Kreditmanagement, Genderund HIV/Aids haben nicht nur zur signifikanten Verbesserungder Einkommenssituation der betreffenden Frauenund ihrer Familien beigetragen, sondern die beteiligtenGruppen darin unterstützt, sich zu selbsttätigen gemeindebasiertenOrganisationen weiterzuentwickeln. Die wirtschaftlicheStärkung strahlt auf andere – persönliche, soziale,kulturelle und rechtliche – Aspekte des „Empowerment“von Frauen aus und hat positive Veränderungen traditionellerRollenmuster geschlechtlicher und häuslicher Arbeitsteilungnach sich gezogen.HIV/Aids-Projekt von ISAPSO in ÄthiopienIn der Arbeit von ISAPSO (“Integrated Service for Aids, Preventionand Support Organisation”) trägt die Gleichberechtigungvon Frauen und Männern dazu bei, HIV/Aids erfolgreichzu bekämpfen. Wichtiger Bestandteil der Arbeit sinddie Bekämpfung traditioneller Praktiken, wie die weiblicheGenitalverstümmlung sowie die Entwicklung und Stärkungdes Selbstbewusstseins von Frauen und Mädchen zumSchutz vor sexuellen Übergriffen und sexueller Ausbeutung.Die wirtschaftliche Stärkung von Frauen durch Einkommenschaffende Maßnahmen richtet sich an besonders einkommensschwacheFrauen und Prostituierte im städtischenBereich. Vor allem durch Gender Clubs für Jugendliche ist dieGewalt gegen Frauen und Mädchen in den Schulen und inderen Umfeld tatsächlich zurückgegangen.Einige SchlussfolgerungenIn vielen Fällen wurden positive Ergebnisse und Wirkungendurch Frauenfördermaßnahmen erzielt, die in immer stärkeremMaße mit Gender Mainstreaming verknüpft werden.Die Stärkung von wirtschaftlichen Ansätzen in Ergänzung zupolitischen „Empowerment“-Ansätzen schafft vielfach erstdie Voraussetzungen für ein aktives Genderengagementund Verbesserungen in vielen anderen Bereichen.Probleme bei der Umsetzung von Gender Mainstreaming-Konzepten haben zwar kulturelle Ausprägungen, weisenjedoch kontinentübergreifend viele Ähnlichkeiten auf. Vorallem in Afrika ergeben sich Schwierigkeiten in der Umsetzungdes Gender Mainstreaming durch die Zusammenarbeitmit kirchlichen Partnern, die oft konservative Strukturenaufweisen. Trotz Verbesserung der Rechtssituation in vielenafrikanischen Ländern ist die Rechtssituation für Frauen aufdem Lande nach wie vor schwierig, da trotz der offiziellenRechte vielfach noch traditionelle Rechtsvorstellungendominieren.Insgesamt zeigt sich, dass das Verhältnis von Ansätzen derFrauenförderung und solchen des Gender Mainstreamingoft unklar ist. Es sind Verbesserungen der Genderanalysenund ein Ausbau von Wirkungsanalysen notwendig: Künftigist es erforderlich, bestehende PME-Systeme durch Wirkungsanalysenzu ergänzen, in denen Gender Mainstrea -ming ein hoher Stellenwert zukommt.Reinhard Koppe ist Referent im Team Grundsatz undEntwicklungspolitik, welches für die Genderkoordinationvon Brot für die Welt zuständig ist.21


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007Bilanz und Perspektiven der Geschlechtergerechtigkeit in AfrikaDie Genderarbeit der Deutschen WelthungerhilfeVon Margrit RöhmMargrit RöhmFakten und Zahlen zur Deutschen WelthungerhilfeDie Deutsche Welthungerhilfe (DWHH) wurde 1962 alsNationales Komitee zur Unterstützung der UN-ErnährungsundLandwirtschaftsorganisation (FAO) gegründet. Gemeinnützig,politisch und konfessionell unabhängig, arbeitet dieOrganisation unter einem ehrenamtlichen Vorstand undunter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Siefinanziert ihre Arbeit durch Spenden und öffentlicheZuschüsse.Im Jahr 2006 führte die DWHH insgesamt 298 Projekte in48 Ländern durch. Förderschwerpunkte der DWHH sind dieBekämpfung und Prävention von Krisen, Konflikten undKatastrophen, die ländliche Entwicklung inklusive derErnährungssicherung und die Basisinfrastruktur. Das Finanzvolumender im Jahr 2006 neu bewilligten Projekte betrug159,6 Millionen Euro, davon sind 130,2 Millionen Euroöffentliche Zuschüsse. Bei der regionalen Verteilung zeichnetsich eine Konzentration auf Afrika und Asien ab. 82 Prozentder insgesamt 172 neuen Projekte werden in diesenbeiden Kontinenten durchgeführt.Frauenförderung und Gender in derProjektarbeit der DWHHDie klassische Frauenförderung findet in einer ganzen Reihevon Projekten wie beim Brunnenbau, bei Einkommen schaffendenMaßnahmen und der Reintegration von Flüchtlingenstatt. Damit jedoch die bewusste Berücksichtigung desGenderansatzes erreicht wird, bedarf es einer systematischenVorgehensweise. Dies setzt sowohl entsprechendeRessourcen voraus, als auch das Bewusstsein für die Bedeutungdes Themas und die Bereitschaft, sich damit auseinanderzu setzen. Mit den Querschnittsthemen Gesundheit undHIV/Aids, Konfliktbearbeitung und Gender ist eine Personbeauftragt. Die Vielzahl und Komplexität der Themen lässteine systematische Verfolgung und tiefer gehende Auseinandersetzungnur begrenzt zu.Mitte der neunziger Jahre hat die DWHH das Positionspapier„Frauenförderung in der Entwicklungszusammenarbeit“formuliert. Die Erarbeitung eines stärker auf die Projekt-und Programmarbeit ausgerichteten Handbucheserfolgte im Rahmen der VENRO-Broschüre „Gewusst wie –Gender in der Entwicklungszusammenarbeit“. Im zweitenHalbjahr 2007 werden Auszüge aus der Broschüre in dieeuropäischen Fremdsprachen (englisch, französisch und spanisch)übersetzt, damit auch das lokale DWHH-Personal unddie Partnerorganisationen sich mit den Inhalten auseinandersetzenkönnen. Vor ungefähr einem Jahr hat die Projektgruppe„Beruf und Familie“ der DWHH ihre Arbeit aufgenommen.Um Geschlechtergerechtigkeit auch in der eigenenOrganisation in die Praxis umzusetzen, soll sie Vorschlägefür eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie fürbeide Geschlechter erarbeiten.Gender und Entwicklung – Bilanz und PerspektivenDie Antwort auf die erste Leitfrage des Workshops „Wo stehenwir bezüglich Gender?“ veranschaulicht das Foto desEuropäischen Rats vom März 2007.© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung,BundesbildstelleAn den Schalthebeln der Macht sind bis auf wenige Ausnahmenvor allem Männer anzutreffen. Nach wie vor werdenpolitische Debatten von Männern dominiert und Entscheidungenvon ihnen getroffen. Die Stimme der Frauen22


und deren Sichtweise finden auf dieser Ebene noch zu wenigGehör, da die Frauen unterrepräsentiert sind. Die Kleiderordnung– nicht nur der Männer – scheint grau, schwarz unddunkelblau zu sein. Die gedeckten Farben und die Hose-Jakkett-Normverbreiten eine Aura der Eleganz, gleichzeitigauch der Strenge, Steifheit und Farblosigkeit.Die Antwort auf die zweite Leitfrage „Wo wollen wirhin?“ gibt das Foto des chilenischen Regierungskabinettsmit der Präsidentin Michelle Bachelet vom Oktober 2006.© Erschienen im Magazin der Frankfurter Rundschau,28. Oktober 2006Frauen mischen in gleicher Zahl wie Männer auf der politischenEntscheidungsebene mit. Sie besetzen die Hälfte derMinisterposten und bringen die Belange und Sichtweisender Frauen in die Debatte ein. Der Mut der Frauen zu kräftigenFarben bei der Bekleidung erzeugt einen freundlichenGesamteindruck.Die geringere Häufung von Hose-Jackett-Krawatte lässtdie Regierungsmannschaft offener und flexibler erscheinen.Es ist zu hoffen, dass sich diese Buntheit, Offenheit und Flexibilitätauch im Umgang mit Problemen und den zu treffendenEntscheidungen widerspiegeln wird.Auch wenn in der zurückliegenden Dekade (seit Peking)Fortschritte im Verhältnis der Geschlechter erzielt wordensind, sind die Erfolge zugegebenermaßen bescheiden. DieDiskurse haben in der Realität, das heißt im Projektalltag,weniger verändert als erwartet. Die Bilanz nach zehn Jahrenist ernüchternd. Es scheint, dass zwischen den Diskursen unddem Handeln ein „Transmissionsriemen“ fehlt.Die Beiträge von Brot für die Welt und dem EED habenbereits dargestellt, dass die Umsetzung von Gender in ihrenOrganisationen mehrheitlich bedeutet, Projekte oder Maßnahmender Frauenförderung durchzuführen. In der DWHHist die Situation vergleichbar. Gender bedeutet nach wie vorüberwiegend „Empowerment“ von Frauen sowie Frauenund Mädchen als besondere Zielgruppe auszuweisen.Die strukturelle Ebene, das heißt die systematische Reflexiondes Rollenverständnisses in der Gesellschaft und die darausresultierenden Konsequenzen sind meistens nichtGegenstand der Analyse und fließen nicht in die Projektkonzeptionein.Frauenförderung und Gender in der PraxisDer „Empowerment“-Ansatz orientiert seine Betrachtungund die darauf aufbauenden Maßnahmen am Individuum,sprich den Frauen und Mädchen. Dabei steht der einzelneMensch im Mittelpunkt und die gesellschaftlich-strukturelleEbene ist nicht ausreichend im Blick. Erfolgreiches GenderMainstreaming muss jedoch beachten, dass Mädchen undFrauen in Familie und Gemeinde eingebunden sind sowiegesellschaftliche und kulturelle Normen und Strukturen ihrVerhalten prägen und ihre Handlungsmöglichkeitenbeschränken. Die Einbeziehung der Jungen und Männer indiesen Diskurs ist unerlässlich, da es einer Änderung des Verhaltensbei Mädchen und Jungen, bei Frauen und Männernbedarf.Gender, das heißt Rollenverständnis, Situation der Frauenund Männer und Geschlechtergerechtigkeit, ist nicht lediglichfür das weibliche Geschlecht wichtig, sondern vongrundlegender Bedeutung für die gesamte Gesellschaft unddie wirtschaftliche Entwicklung eines jeden Landes. Diesentheoretischen Sachverhalt veranschaulicht die DWHHanhand konkreter Themen. Beispielsweise wird an der PandemieHIV/Aids deutlich gemacht, welche gravierenden undlangfristigen Folgen es hat, wenn Frauen kein Selbstbestimmungsrechthaben, wenn sie keinen Zugang zu Ressourcenhaben, wenn sie nicht an Entscheidungen beteiligt sind.Die Pandemie HIV/Aids legt mit erschreckender Deutlichkeitoffen, welche fatalen Auswirkungen die mangelndeGeschlechtergerechtigkeit auch auf die wirtschaftliche Entwicklungder betroffenen Länder hat: Die bestehendenUngleichgewichte in der gesellschaftlichen Stellung vonMann und Frau beschleunigen die Ausbreitung von HIV/Aidsund machen erzielte Fortschritte im Kampf gegen Hungerund Armut zunichte. Das fehlende Selbstbestimmungs- undMitspracherecht der Frauen und das Machtungleichgewichtzwischen den Geschlechtern führt dazu, dass Frauen ihr Wissenüber HIV/Aids nicht umsetzen können. Das ist einer derGründe, weshalb Wissensvermittlung nicht zwangsläufigeine Verhaltensänderung bewirkt.In diesem Zusammenhang muss darauf hingewiesen werden,dass Wissenserwerb nicht zwangsläufig die Einstellungverändert und eine Veränderung der Einstellung nicht automatischeine Verhaltensänderung nach sich zieht. Es ist wichtig,sich diese Tatsache immer wieder bewusst zu machen,wenn Prozesse der institutionellen Verankerung von Themeninitiiert werden.23


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007AusblickGeschlechtergerechtigkeit ist zwar eine Forderung, wird inder Praxis jedoch oft nicht erreicht. Wie geht die DWHH mitdiesem Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeitum? Damit Gender systematisch abgefragt und deutlichgemacht wird, dass Gender Frauen UND Männer betrifft,sind folgende Maßnahmen getroffen worden:• In Zukunft sollen Fachpapiere wie Orientierungsrahmenoder Fachkonzepte grundsätzlich durch eine Checkliste zuGender ergänzt werden. Bei dem überarbeiteten Orientierungsrahmenfür Rehabilitation und dem neu formuliertenOrientierungsrahmen für Nothilfe ist dies bereitsumgesetzt.• Der Orientierungsrahmen Konfliktsensibles Handeln inder Auslandsarbeit weist auf die Bedeutung und besondereRolle der Frauen im Kontext von Krisen und Konfliktenhin. Außerdem wurde die schon im Jahr 2000 von den VereintenNationen verabschiedete, jedoch bisher wenigbeachtete Resolution 1325 aufgenommen.• Bei der Benennung einer Ansprechperson für HIV/Aids ineinem Projekt/ Programm oder Land soll – soweit möglich– jeweils eine Frau UND ein Mann benannt werden. Damitwird deutlich gemacht, dass die HIV-Infektion und dieAids-Erkrankung auch die Männer etwas angeht.Margrit Röhm ist Referentin für Querschnittsthemenbei der Deutschen Welthungerhilfe e.V.Die Bedeutung von Gender und „Empowerment“ für das Erreichender Millenniumsziele in AfrikaDie Genderarbeit des Marie-Schlei-VereinsVon Christa Randzio-PlathJeden Tag geschieht ein kleines Wunder – in Kapstadt, Guekkedou,in Conakry, in Kigoma, in Moshi oder in Mbour: Frauenlernen, arbeiten und organisieren das Überleben.Im ghanaischen Nkwana beginnt ein Gemüseprojekt. DerAshanti- Stammeshäuptling schenkte Land, der Marie-Schlei-Verein finanziert die Anpflanzungen und landwirtschaftlichenSchulungskurse. Zum ersten Mal gibt es in diesemDorf eine Partnerschaft mit einer ausländischen Nichtregierungsorganisation(NRO). Von Peking 1995 und den Millenniumszielenhaben die Frauen noch nichts gehört, auchdie Dorfältesten nicht. Aber alle sind begeistert, dass dieFrauen neue Chancen erhalten, die den Familien und demDorf helfen. Die Mütter verbessern die Lebensbedingungender Familien und des Dorfes und schicken die Töchter undSöhne zur Schule. Für die Frauen bedeutet die Unterstützungdes Marie-Schlei-Vereins e.V. Zugang zu Bildung sowieZugang zu Land, zu technischem Know-how und Einkommen.Mit ihren Produkten schließen die Frauen Marktlückenund haben daher gute Absatzmöglichkeiten in der Region.Der Marie-Schlei-Verein fördert Ausbildungsprojekte fürFrauen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Das Ziel desMarie-Schlei-Vereins ist eine Verbesserung der Situation undLebensbedingungen der Frauen in Entwicklungsländern. ObTextilverarbeitung, Nahrungsmittelherstellung, GemüseoderBlumenanbau, in den Projekten des Marie-Schlei-Vereinsarbeiten Frauen unter fairen Bedingungen. Die Projektedes Marie-Schlei-Vereins sind kleine Projekte von Frauen-NRO. Sie sind Hilfe zur Selbsthilfe. Und es sind die Frauen vorOrt in Afrika, die ihre Ideen und Pläne entwickeln, zumersten Mal ein Bankkonto einrichten, einen Kostenplan aufstellen,der Einkommenschancen nach einer beruflichenQualifizierung abschätzt, und einheimische ExpertInnen vorOrt suchen, die ihrem Projekt zum Erfolg verhelfen. DasInternet trägt zur Knüpfung von Kontakten bei, genausowie internationale Konferenzen oder Solidaritätsgruppen inDeutschland und Europa.Wichtig ist, dass Frauen bei den Frauenförderkonzeptenund dem Gender Mainstreaming ihre eigenen Vorstellungen24


einbringen können, Akteurinnen und nicht Objekte einerentwicklungspolitischen Maßnahme sind.Der Marie-Schlei-Verein setzt also auf Frauenförderungund „Empowerment“ von Frauen. Dieses Instrument zurGleichstellung von Frauen und Männern ist nicht überholt,weil die meisten der 1,2 Millarden Menschen, die in absoluterArmut leben, Frauen sind. Der Ersatz der Frauenförderungdurch Gender Mainstreaming verschlechtert ihre Lage,weil Frauenprojekte schwieriger zu finanzieren sind. Es fehltan politischer Bereitschaft dazu. Auch ist die Bekämpfungvon Frauenarmut in den Medien schwieriger zu vermittelnals die der Kinderarmut. Wenn aber Frauen nicht gefördertwerden, wird auch Kindern nicht nachhaltig geholfen. ZurFrauenförderung gehört auch die Information über Frauenrechte.Damit wird zur Überwindung von Geschlechterstereotypenund einseitigen Rollenzuweisungen beigetragen.Projektbesuche von Mitgliedern des Marie-Schlei-Vereinskommen an den patriarchalen Verhältnissen vorbei. Zunächstmuss mit den Männern des Dorfes gesprochen werden. Siesind für das Dorf verantwortlich. Dann erst kann das Gesprächmit den Frauen beginnen. Die beruflichen Erfolge der Frauen,die durch die Projekte möglich sind und zur Einkommenserzielungbeitragen, können aber zu einem neuen Rollenverständnisführen. So wurden Frauengruppen in Westafrikazum Beispiel zu Eigentümerinnen von Grund und Boden, weilsie erfolgreich Karité-Butter herstellen und vermarkten oderWiederaufforstungsprojekte durchführten. Auch in den privatenBeziehungen kam es zu einer neuen Wertschätzung derArbeit der Frauen. Und: Männer erklärten sich bereit, mitzuarbeiten.Es gab aber auch andere Beispiele: Männer kopiertenzum Beispiel die neuen Methoden des ökologischen Salzanbausund machten den Frauen Konkurrenz.Gender Mainstreaming kann die Frauenförderung nichtersetzen. Das sehen wir in Europa, in Deutschland, in Hamburg.Aber sie muss auch von den finanziellen und personellenMitteln her angereichert werden. Gender Mainstreamingdarf nicht als Alibi missbraucht werden. KonkreteErgebnisse in der Entwicklungszusammenarbeit sind nichtüberall zu finden. Es gibt Fortschritte. In Peking wurde nochjedes Brunnenprojekt als Frauenförderung gezählt. Das hatsich geändert. Aber dennoch stehen Rollenstereotype undVorurteile einer geschlechtergerechten Entwicklung imWeg. Zwar ist der Gender-Aspekt in den Millenniumszielenenthalten. Die Millenniumserklärung der Vereinten Nationenimpliziert die Förderung von Geschlechtergerechtigkeitund Frauenförderung, den Grundschulbesuch aller Mädchen,die Verringerung der Mütter- und Säuglingssterblichkeitund die Halbierung der absoluten Armut. Doch die fortschrittlichenZiele von Peking 1995 sind in den Millenniumszielenversteckt.Um eine nachhaltige Entwicklung und die Umsetzung derMillenniumsziele zu erreichen, ist es notwendig, die Folgenvon politischen Strategien für die Situation von armen Frauenin Entwicklungsländern zu analysieren und Maßnahmenzu ergreifen, damit ihre Lebensrealitäten nicht verschlechtertwerden. Geschlechtergerechtigkeit ist eine Grundvoraussetzungfür soziale und ökologisch gerechte Entwicklungen.Geschlechtergerechtigkeit und „Empowerment“ bleibendaher ein wichtiges Thema auf der Weltagenda. Umdieses Ziel zu erreichen, müssen sowohl die Strategie desGender Mainstreamings als auch die der Frauenförderungangewandt werden.Erfreulich ist, dass Gender auch ein Thema auf der Agendader deutschen Ratspräsidentschaft der Europäischen Union(EU) ist. Auch auf dem EU-Afrika-Gipfel in Lissabon 2007müssen die Anliegen der Frauen eingebracht werden. Afrikahat mit der Staatspräsidentin von Liberia die erste Frau alsStaatspräsidentin. Frauenförderung und Gender Mainstreamingmüssen auf höchster politischer Ebene verfolgtwerden. Denn Frauen sind der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung.Professor Dr. h.c. Christa Randzio-Plath ist stellvertretendeVorsitzende von VENRO und Vorsitzendedes Marie-Schlei-Vereins.25


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007Gender und Entwicklung: Erfahrungen aus derProgrammarbeit von Plan International in ÄgyptenVon Anja StuckertPlan International als OrganisationPlan ist als eines der ältesten Kinderhilfswerke in 49 Ländernunabhängig von Religion und Politik tätig. Im Rahmen derEntwicklungszusammenarbeit finanziert Plan nachhaltigeund kindorientierte Selbsthilfeprogramme hauptsächlichüber Patenschaften. Ziel der Arbeit ist es, Mädchen und Jungenzu stärken und über langfristige Programme ihr Lebensumfeldzu verbessern. Fünf Arbeitsfelder bilden den Rahmenfür die Zusammenarbeit: Gesundheit, Bildung, Lebensumfeld,Einkommen und interkultureller Austausch. Die Kinderrechteund das Engagement für Chancengleichheitbestimmen die Arbeit von Plan, sowohl bei der Gemeindeentwicklungals auch auf nationaler und internationalerEbene. Mädchen und Jungen nehmen aktiv an der Planungund Durchführung der Projekte teil. Ihre Sichtweisen, ihreBedürfnisse und ihre Rechte stehen im Zentrum der Programmevon Plan.Kindorientierte GemeindeentwicklungKinderarmut unterscheidet sich grundlegend von der Armutbei Erwachsenen. Sie wird leicht übersehen, und die Bedürfnisseder Mädchen und Jungen werden nicht wahrgenommen.Mit dem Ansatz der kindorientierten Gemeindeentwicklungbegegnet Plan der Kinderarmut. So beteiligen sichdie Mädchen und Jungen in den Plan-Gemeinden aktiv ander Planung, Umsetzung und Bewertung der Projekte. DieKinder lernen, ihre Interessen einzubringen, nehmen ihrRecht auf Beteiligung wahr und werden gehört. Aber auchEltern, Lehrkräfte und andere Erwachsene erfahren, wiewichtig ihr Engagement für die Rechte der Kinder ist. Planbestärkt alle Erwachsenen und Kinder darin, ihr eigenesPotenzial zu entfalten, Selbstvertrauen zu entwickeln undEinfluss auf Prozesse zu nehmen, die ihr Leben bestimmen.Plans Genderarbeit in ÄgyptenLaut einer Studie des Weltwirtschaftsforums von 2005 liegtÄgypten von 58 untersuchten Ländern in Bezug auf dieGleichberechtigung von Frauen und Männern an letzterStelle. Viele Kinder wachsen in einem Umfeld auf, in demMädchen einen geringeren Stellenwert und weniger Rechtehaben. Die traditionelle Rollenaufteilung ist weiterhinüblich, und die meisten Frauen sind ökonomisch von ihrenEhemännern abhängig. Ihre politische Teilhabe auf Gemeindeebeneist sehr eingeschränkt. Frauenspezifische Gewalt –Dr. Anja Stuckertwie zum Beispiel Gewalt in der Ehe oder weibliche Genitalbeschneidung– ist weit verbreitet.Die Integration des GenderansatzesFür Plan ist die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungeneine notwendige Voraussetzung für Armutsreduzierungund nachhaltige Entwicklung.Um dieses Thema auch in der Zusammenarbeit mit denGemeinden in Ägypten zu stärken, hat Plan von Januar 2004bis Dezember 2005 in Ägypten ein zweijähriges Pilotprojektzur Integration des Genderansatzes in die Programmarbeitdurchgeführt. So wurden einerseits die MitarbeiterInnen derOrganisation für Gender Mainstreaming sensibilisiert, dieProgramme entsprechend angepasst und ein auf Gleichstellungausgerichtetes Denken und Handeln in der täglichenArbeit umgesetzt. Andererseits fanden in zehn der 30 mitPlan kooperierenden Gemeinden Gendermaßnahmen statt,die auch gezielt Aktivitäten für Mädchen und Frauen beinhalteten.Ziel des Pilotprojektes war es, kulturelle Verhaltensmusterzu hinterfragen, sich mit ihrer Wirkung auf dasRollenverständnis von Mädchen und Jungen sowie Frauenund Männern auseinander zu setzen und neue Wege für eingleichberechtigtes Miteinander aufzuzeigen.Aktivitäten des GenderprojektesIm Mittelpunkt des Projektes standen Lobby- und Aufklärungsarbeit,Informationskampagnen und die Sensibilisierungder Gemeindemitglieder zu genderspezifischen Themen.In einem ersten Schritt wurden Gendertrainings fürPlan-MitarbeiterInnen, Jugendliche, GrundschullehrerInnen,26


lokale Autoritäten und Frauengruppen durchgeführt undHeranwachsende in der Kind-zu-Kind-Methode ausgebildet,die es ihnen ermöglicht, ihre Altersgenossen über Genderfragenaufzuklären.Plan führte in den Gemeinden, den Partnerorganisationenund seinem Länderteam eine Genderanalyse durch. Hieranbeteiligten sich auch 700 Mädchen und Jungen, die Auskünfteüber ihre Lebensbedingungen gaben. Ein wichtigesErgebnis der Studie: Mädchen und Frauen werden an Entscheidungsprozessenkaum oder gar nicht beteiligt. Um dieszu ändern, wurden im Rahmen der Gemeindeentwicklungsräteeigene Genderkomitees gegründet und in ihrer Arbeitbegleitet. Die Mitglieder dieser Komitees wurden nicht nurzu Frauenrechten und der Umsetzung eines Genderansatzesauf Gemeindeebene geschult, sondern auch in der Entwicklungvon Führungsqualitäten.Mit Hilfe von Broschüren, Plakaten, Theaterstücken, Seminarenund Diskussionsveranstaltungen wurden Gesprächeüber weibliche Genitalbeschneidung, reproduktive Gesundheitoder frühe Heirat von Mädchen angestoßen und mit derKultur des Schweigens gebrochen. Da Frauen ohne Personalausweisviele Probleme im gesellschaftlichen Leben haben,setzte sich Plan für die Registrierung von 2 000 Mädchen undFrauen ein, die daraufhin einen Personalausweis erhielten.In enger Kooperation mit anderen Nichtregierungsorganisationen(NRO) und Regierungsstellen fand Ende 2005 dieerste nationale Konferenz zu Gender und den Millenniumszielenin Ägypten statt. Hochrangige RegierungsvertreterInnenund ExpertInnen diskutierten gemeinsam mit Jugendlichenüber notwendige Schritte zur Verbesserung der Gleichberechtigungvon Mädchen und Jungen.Erfolg des Projektes entscheidend. Weil Frauen weiterhin invielen Bereichen benachteiligt werden, musste besondersauf ihre spezifischen Bedürfnisse eingegangen werden. Oftwar es auch die einzige Möglichkeit, Frauen an bestimmtenAktivitäten zu beteiligen. So konnten Frauen in einigen derGenderkomitees nur deshalb offen reden und Aktionen planen,weil keine Männer anwesend waren.Drittens war die Kompetenzförderung sowohl für die politischeLobbyarbeit als auch für die Sensibilisierung derGemeindemitglieder ausschlaggebend. In der Arbeit mit denGenderkomitees wurde deutlich, dass ihr Einfluss auf dieGemeindeentwicklungsräte und deren Entscheidungendann am stärksten war, wenn die Frauen ausreichende Genderkompetenzund gute Führungsqualitäten besaßen. Relevantwar ebenfalls, dass die Genderkompetenz der beteiligtendurchführenden Organisationen erhöht wurde. Bei Planumfasste das Projekt deshalb auch eine Prüfung der Gender-Aspekte anderer Programme und eine entsprechendeAnpassung. In einem Folgeprojekt werden seit Ende 2006die Gendermaßnahmen mittlerweile auf alle 30 Gemeinden,mit denen Plan zusammenarbeitet, ausgeweitet. In denzehn Gemeinden, die bereits an dem Pilotprojekt beteiligtErfahrungen des ProjektsSehr schnell wurde deutlich, dass die angestrebten Veränderungenin den Einstellungen und traditionellen Wertvorstellungensowie den sozialen Strukturen Selbstreflexion undeinen Dialog über Gleichberechtigung voraussetzen.Diese Erkenntnis beinhaltete für das Projekt, zunächst einmalalle Akteure an dem Dialog zu beteiligen. Plan arbeiteteeng mit den Gemeinden zusammen und bezog sowohlMädchen als auch Jungen, ihre Eltern, ihre LehrerInnen, dieGemeindevorstände und die religiösen Führer ein. Es stelltesich jedoch heraus, dass die Maßnahmen stärker auf dieFrauen ausgerichtet waren. Da nicht genügend bedachtwurde, wie und unter welchen Rahmenbedingungen Männerfür das Thema gewonnen werden können, wurden zumBeispiel nicht genügend Seminare außerhalb der Arbeitszeitenangeboten.Darüber hinaus war die Umsetzung der Doppelstrategievon Frauenförderung und Gender Mainstreaming für denwaren, werden weitere Aktivitäten stattfinden, wie zumBeispiel die Erarbeitung eines Aktionsplans für die Genderkomitees.Über das Folgeprojekt soll auch die Nachhaltigkeitdes Gender Mainstreaming auf Organisationsebene garantiertwerden.Viertens hatte es sich das Projekt zur Aufgabe gesetzt, dieKultur des Schweigens zu brechen. Dies bedeutete, unausgewogeneMachtverhältnisse sowie traditionelle Rollenbilderkritisch zu hinterfragen. In einer religiös geprägten Gesellschaftwie Ägypten erforderte dies ein gutes Verständnis derreligiösen Lehren, die einen starken Einfluss auf das Zusammenlebenvon Frauen und Männern haben. Geschlechtsspe-27


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007zifische Gewalt und die strukturelle Diskriminierung vonFrauen wurden explizit thematisiert. Gerade in ländlichenGebieten mit hohen Analphabetenraten sind dabei spielerischeElemente – wie zum Beispiel das Marionettentheater –für die Aufklärungsarbeit verstärkt einzusetzen.Die erfolgreiche Umsetzung des Projektes beruhte aberauch auf den positiven Rahmenbedingungen der Programmarbeitin Ägypten. So setzt sich die ägyptische Präsidentengattinengagiert für die Gleichberechtigung ein. Aufder Entwicklungsagenda der Regierung hat die Umsetzungder Frauenrechte mittlerweile ebenfalls einen hohen Stellenwert.HerausforderungenFür die nachhaltige Wirkung eines Dialogs zu Gleichberechtigungist es erforderlich, auf bestehende Machtverhältnisseund strukturelle Diskriminierungen einzugehen. Um Gendereinzuführen, ohne anhaltenden Widerstand zu erzeugen,bedarf es hierfür seitens der ProjektmitarbeiterInnen nichtnur fortgeschrittener Kommunikationstechniken, sondernauch eines tiefgreifenden eigenen Verständnisses der Genderthematik.Geschlechtergerechtigkeit zu erreichen, erfordert Zeit undGeduld. Ohne die aktive Beteiligung aller Akteure lassensich Veränderungen der kulturellen Traditionen, der DenkundVerhaltensweisen nur schwer erreichen.In dem Projekt wurde deutlich, dass Frauenförderung einwichtiger erster Schritt bei der Umsetzung von GenderMainstreaming sein kann, gerade auch in Gesellschaften, indenen die Lebenswelten von Frauen und Männern starkgetrennt sind. Um jedoch strukturelle Machtbeziehungengrundlegend zu revidieren und Frauen sozial, politisch undwirtschaftlich einen gleichberechtigten Stellenwert zugarantieren, bedarf es über die Frauenförderung hinauseinen Dialog mit allen Beteiligten und die Umsetzung einesGenderansatzes.Dr. Anja Stuckert ist Genderreferentin bei PlanInternational Deutschland e.V.Geschlechterverhältnisse in der KonfliktbearbeitungDie Gender-Ansätze in der Afrika-Arbeit von EIRENEVon Ingo MöllerEIRENE – Internationaler christlicher Friedensdienst e.V.EIRENE wurde 1957 in Chicago von der Friedenskirche derMennoniten und der Brethren als Freiwilligendienst gegründet.Frieden, ein eindeutiges Nein zur Gewalt und Gerechtigkeitwaren dabei die wichtigsten Motivationen der Gründer.Wesentlicher Inhalt der Arbeit von EIRENE ist eine praktischeSolidaritätsarbeit: Gemeinsam für gerechtere Struktureneintreten, mit Entrechteten und Unterdrückten zusammenleben,andere Kulturen und Religionen kennen lernen,sowie Begegnung und Austausch fördern.Neben den Gründungsmitgliedern fußt EIRENE Internationalheute auf seinen Landeszweigen in den Niederlanden,der Schweiz und Deutschland. Von der Geschäftsstelle inNeuwied am Rhein aus betreuen derzeit 18 hauptamtlicheMitarbeiter die Freiwilligen und EntwicklungshelferInnen inder Zusammenarbeit mit den verschiedenen Partnerorganisationenin Lateinamerika, Afrika, den USA und Europa. InAfrika ist EIRENE derzeit in Mali, Niger, Tschad und im Kongotätig.Dr. Ingo MöllerGrundgedanken zu Gender-Ansätzen inder Arbeit von EIRENEFrauen sind auch heute noch die Armen der Armen: Sie leistenzwar mehr als die Hälfte aller gesellschaftlich anfallendenArbeit, erhalten aber nur zehn Prozent des Welteinkommensund besitzen weniger als ein Prozent des Eigentums.Zwei Drittel aller in Armut lebenden Menschen sind weibli-28


chen Geschlechts.In der Entwicklungszusammenarbeit haben viele Ansätzebislang nicht den erhofften Beitrag zur Verbesserung derLebenssituation von Frauen leisten können. Lange wurdedavon ausgegangen, dass Projekte selbst ohne geschlechtsspezifischeSchwerpunkte automatisch auch die Lage vonFrauen verbesserten. In der Praxis wurden allerdings oftmalsnur Männer begünstigt. An den gesellschaftlichen Rahmenbedingungenfür das Leben von Frauen hatte sich nur weniggeändert.In den letzten Jahren werden deswegen zunehmendAnsätze verfolgt, die sich durch eine geschlechterdifferenzierendeSicht auszeichnen und deren Ziel die Schaffung vonGeschlechtergerechtigkeit als Voraussetzung und Ziel fürEntwicklungsprozesse ist. In diesen Ansätzen sollen Frauenbefähigt und gestärkt werden („Empowerment“), um selbstbestimmtfür die eigenen Belange einzutreten. Durch spezifischeMaßnahmen zur Sensibilisierung und Auseinandersetzungmit der eigenen Identität sollen der Abbau männlicherDominanz und die Umverteilung von Rechten und Pflichtenin der Familie und der Gemeinschaft gefördert werden.Soziale Rollen, die eine Gesellschaft Männern und Frauenzuweist und die in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenenZeiten unterschiedlich konstruiert werden, müssenbewusst gemacht werden, um überhaupt Veränderung zuermöglichen.EIRENE-Leitlinie „Gender im Rahmen derEntwicklungszusammenarbeit“Anfang der neunziger Jahre entstanden bei EIRENE ersteAnsätze zur Erarbeitung eines Grundsatzpapiers in Gender-Zusammenhängen, die weitgehend die der Zeit entsprechendenFragen und Ansätze zur Frauenförderung behandelten.Die fortlaufende Arbeit an diesem Grundsatzpapiermündete schließlich in der Leitlinie „Gender im Rahmender Entwicklungszusammenarbeit“, die in Abstimmung mitinternationalen Partnerorganisationen verabschiedet wurde.Die Gender-Leitlinie stellt als Globalziel die Herstellung vonGeschlechtergerechtigkeit heraus. Hierbei setzt sich EIRENEin der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen im Einzelnendafür ein, dass:• Frauen volle Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessenhaben und diese aktiv mitgestalten können.• Insbesondere die rechtliche Diskriminierung von Frauenaufgehoben wird;• Frauen ihr Recht auf körperliche und psychische Unversehrtheitgeltend machen können;• Frauen vollen Zugang zu Produktionsmitteln, Krediten,Landtiteln und Arbeit bekommen;• der Zugang von Frauen zu Einrichtungen im GesundheitsundBildungswesen gewährleistet ist;• jeder Mensch sein Recht auf ein selbstbestimmtes Lebeneinlösen kann, was auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmungeinschließt.Um diese Zielsetzungen zu erreichen, fördert EIRENE Maßnahmen,die zum einen die Befriedigung konkreter, praktischerBedürfnisse von Frauen zum Ziel haben. Diese Maßnahmensollen auch dazu dienen, den Frauen einen Raum zuschaffen, in dem sie in spezifischen Aktivitäten lernen, eigeneKräfte und Fähigkeiten zu mobilisieren und in dem ihreArbeitsbelastung reduziert wird. Zum anderen sollen dieMaßnahmen auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungenim Sinne einer vollen Gleichberechtigung und gesellschaftlichenTeilhabe von Frauen einwirken.Die Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit ist nichtnur eine Sektor-, sondern auch eine Querschnittsaufgabe, sodass in allen Projekten versucht wird, positiv auf die Lagevon Frauen einzuwirken. Um dies sicherzustellen, müssenFrauen an allen Phasen eines Projekts aktiv teilnehmen können.EIRENE unterstützt keine Projekte, die aufgrund ihrerkonzeptionellen Ausrichtung negative Konsequenzen fürFrauen haben könnten. Die Förderung und Stärkung vonFrauen im Bereich ziviler Konfliktbearbeitung spielt einewichtige Rolle für EIRENE, da Frauen zum einen von kriegerischenAuseinandersetzungen und Konflikten in besonderemMaße betroffen sind und zum anderen ein besonderesPotential haben, gewalttätige Konfliktaustragung zu verhindernoder zu beenden.Fallbeispiel: Die Genderkomponente des Programms MEC(Konfliktbearbeitung zwischen Ackerbauern und Viehhalternim Tschad)Seit dem Jahr 2000 engagiert sich EIRENE in Zusammenarbeitmit drei tschadischen Partnerorganisationen für dieReduzierung der oftmals blutigen Auseinandersetzungenzwischen den Ackerbauern und den überwiegend nomadischenViehhaltern. Die Hauptgründe für die Konflikte sinddie Zerstörung von Ackerflächen durch Weidevieh oderViehdiebstahl; aber auch sozio-kulturelle Differenzen zwischenden vorwiegend muslimischen Viehhaltern aus demNorden des Landes und den überwiegend christlich-animistischenAckerbauern aus dem Süden.Neben Aktivitäten wie dem Aufbau und der Ausbildunglokaler Konfliktschlichtungskomitees, Sensibilisierungskampagnenund einer umfassenden Lobbyarbeit enthält das Programmauch eine Gender-Komponente. Dabei sollen Frauenaufgrund ihrer besonderen Betroffenheit von Konflikten,aber auch aufgrund ihres Potentials zur Konfliktlösungexplizit in die Strukturen und Aktionen der Konfliktbearbei-29


Teil II Gender und EntwicklungDokumentation des Workshops am 21. April 2007tung und -prävention eingebunden werden.Eine Studie des Programms MEC ergab, dass Frauen bessereBeziehungen zu den Frauen der anderen Konfliktparteiunterhalten als Männer und bereit waren, eine aktive Rollebei der Konfliktschlichtung zu übernehmen. Die Studiebestätigte auf der anderen Seite aber auch die grundlegendenProbleme und Herausforderungen, die mit ihrer Einbeziehungin das Programm verbunden sind, wie zum Beispiel:• Tradierte soziale Beschränkungen: 95 Prozent der Frauenkönnen sich zu Hause mit ihrem Mann über soziale Fragenaustauschen, aber es ist zu 100 Prozent der Mann, der dieFamilie nach außen vertritt;• die enorme Arbeitsbelastung der Frauen in Haus und Hof,bei der Reproduktion und Erziehung sowie bei der Einkommensschaffungund Ernährungssicherung;• religiöse Barrieren: Der muslimische Glauben in seinerlokalen Ausprägung verbietet derzeit, dass Frauen uneingeschränktan der Seite der Männer Platz nehmen, um sichfrei auszutauschen.Diese Probleme beschränken die Genderkomponente desProgramms derzeit darauf, den Austausch zwischen einigenwenigen Frauengruppen zu fördern, gemeinsame Aktivitätenvon Frauen anzuregen und zu organisieren, sowie Frauenin die nationalen und lokalen Strukturen der Partnerorganisationeneinzubeziehen. Eine konkrete Ausbildung inMethoden der gewaltfreien Konflikttransformation und derEinsatz von Frauen als Schlichterinnen von Konflikten findetderzeit nur punktuell statt.Einige Anforderungen an eine effektiveGender-Arbeit in AfrikaUm zu einer dauerhaften Geschlechtergerechtigkeit zugelangen, müssen konkrete Projekte weiterhin sowohl„practical gender needs“ als auch „strategic gender needs“bearbeiten. Bestehende, männerdominierte Organisationsstrukturenmüssen aufgebrochen und für Frauen zugänglichgemacht werden. Es sollte auch überprüft werden, wieeffektiv Gender-Arbeit als Querschnittsaufgabe ist. GenderMainstreaming darf nicht die „klassische Frauenförderung“ersetzen; vielmehr ist hier die Doppelstrategie erforderlich.Zudem bedarf es weiterer Qualifizierungen der „Auslandsmitarbeiter“und ausländischen Partnerorganisationen, umvon einem „Wissen“ zu persönlichen „Einstellungen“ unddarüber hinaus zu konkreten „Handlungen“ zu gelangen.Fazit: Wie stellt EIRENE die Umsetzung derZiele der Gender-Leitlinie sicher?Zur Umsetzung der Genderansätze verpflichtet sich EIRENEselbst dazu,• ausgehend von einer Genderanalyse konkrete strategischeund konzeptionelle Vorschläge darzulegen, die daraufabzielen, die Situation der Frauen zu verbessern;• bei Zielgruppen- und Beteiligtenanalysen im Rahmen vonProjekten ein spezifisches Augenmerk auf die Situationder Frauen zu legen;• Frauen an allen projektrelevanten Phasen auch in nichtgeschlechtsspezifisch ausgerichteten Projekten aktiv zubeteiligen.• bei der Projektdurchführung Methoden und Arbeitsformenzur Anwendung zu bringen, die eine Teilnahme vonFrauen erleichtern;• in Evaluierungen die Auswirkungen des Projekts auf dieSituation von Frauen besonders zu berücksichtigen undauszuwerten.• einen Teil der Projektbudgets verbindlich für spezifischeMaßnahmen mit Frauen vorzusehen;• Ansätze, die spezifisch darauf abzielen, Geschlechtergerechtigkeitherzustellen, bevorzugt zu unterstützen.Dabei bemüht sich EIRENE auch um eine längerfristige,prozessorientierte Partnerförderung;• offene Stellen in den Gastländern bevorzugt mit Frauenzu besetzen. Dabei geht es sowohl um lokale Kräfte alsauch um Stellen für Entwicklungshelfende;• in der Geschäftsstelle und in den Gremien des Vereins weiterhinfür eine repräsentative Vertretung von Frauen, vorallem auch in Leitungspositionen, zu sorgen.Dr. Ingo Möller ist Berater für Konflikt- und Um -welt management für EIRENE.30


Bericht zum WorkshopVon Merle BilinskiIm Anschluss an die Beiträge der ReferentInnen wurde in derRunde aller Anwesenden über die Möglichkeiten und Grenzendes zivilgesellschaftlichen Engagements für eine Gleichstellungder Geschlechter in Afrika diskutiert. Im Mittelpunktder Diskussion stand das Spannungsverhältnis zwischenden Gleichstellungsstrategien der Frauenförderungund des Gender Mainstreaming, welches aus allen Beiträgenhervor gegangen war. Als problematisch wurde insbesonderedie Projektvergabepraxis vieler Geldgeber bewertet, denAnsatz des Gender Mainstreaming zur Voraussetzung für dieBewilligung von Projekten zu machen und auf diese WeiseProjekte mit einem eindeutigen Fokus auf das „Empowerment“von Frauen, wie zum Beispiel diejenigen von medicamondiale und dem Marie-Schlei-Verein, auszuschließen. Aufdie Frage aus der Runde, welche Möglichkeiten sich Nichtregierungsorganisationenböten, gegen solche Restriktionender Geldgeber vorzugehen, berichtete Selmin Çalıskan, dassmedica mondiale sich in der Vergangenheit mit politischemDruck sowie rechtlichen Mitteln gegen Beschränkungengewehrt hat und dabei auch Erfolge verzeichnen konnte.Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde auf die Schwierigkeitin der Anwendung des Gender Mainstreaming verwiesen,die auch damit verbunden sei, dass diese Strategienur sehr langfristig umzusetzen sei, da hierüber besonders˛auch patriarchale Machtstrukturen hinterfragt werden.Deutlich herausgestellt wurde, dass die Genderarbeit in Afrikaeines umfassenden Ansatzes bedürfe, der verschiedensteBereiche wie zum Beispiel auch die Genderanalyse und dasGenderbudgeting umfasst. Problematisch sei in diesemZusammenhang, dass bei der Genderanalyse bisher meist nurdie Situation der Frauen berücksichtigt und keine genaueAnalyse von Genderbeziehungen durchgeführt werde. Dochauch die Umsetzung des Gender Mainstreaming stoße in derProjektarbeit an ihre Grenzen: Um Frauen in die Lage zu versetzen,veränderte Strukturen tatsächlich für sich zu nutzen,sei es daher wichtig, Maßnahmen des Gender Mainstreamingdurch solche der Frauenförderung zu ergänzen.Schließlich kam die Frage auf, ob sich in die unklareAbgrenzung zwischen Maßnahmen des Gender Mainstreamingund der Frauenförderung durch einen stärkerenzivilgesellschaftlichen Austausch zu dem Thema Klarheitbringen ließe. Eine gemeinsame Differenzierung der Argumentekönne zu einer stärkeren Position von Nichtregierungsorganisationengegenüber Geldgebern führen und esermöglichen, politischen Druck auf die dargestellte problematischeProjektförderungspraxis auszuüben. Es wurdeangedacht, einen solchen Positionsaustausch im Rahmenvon VENRO anzuregen.In ihrem Schlusswort wies Prof. Dr. h.c. Christa Randzio-Plath auf den weiteren Diskussionsbedarf hin, der im Zusammenhangmit den gleichstellungspolitischen Konzepten derFrauenförderung und des Gender Mainstreaming bestehe.Auch in den afrikanischen Partnerländern sei es wichtig,Gender-Kompetenzen zu schaffen, um so ihre Umsetzungsicher zu stellen. Seitens der Geldgeber sei neben derschwierigen Abgrenzung beider Konzepte voneinanderauch die Projektvergabepraxis des BMZ, die von Projekten inAfrika die Vergabe von Krediten fordere, problematisch.Abschließend stellte sich die Frage, inwieweit VENRO sichgegen bürokratische Antragsverfahren einsetzen könne undso zu einem erleichterten Zugang zu Projektmitteln für diezivilgesellschaftliche Gleichstellungsarbeit beitragen könne.Merle Bilinski ist Projektreferentin im VENRO-Projekt„Perspektive 2015 – Armutsbekämpfung brauchtBeteiligung“ und zuständig für den ArbeitsbereichGender.31


Der Marie-Schlei-Verein e.V. ist eine gemeinnützige Nichtregierungsorganisation, die 1984 inErinnerung an die frühere Entwicklungshilfeministerin Marie Schlei gegründet wurde.Der Verein informiert über die Lage der Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika und bautpartnerschaftliche Beziehungen zu den Frauengruppen und Frauenorganisationen in den jeweiligenLändern auf. Gleichzeitig unterstützt der Marie-Schlei-Verein Frauenausbildungsprojektezur Verbesserung der Lebensbedingungen.www.marie-schlei-verein.deVENRO ist der Bundesverband entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen (NRO).Ihm gehören mehr als 100 deutsche NRO an, die als Träger der privaten oder kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit,der Nothilfe sowie der entwicklungspolitischen Bildungs-, Öffentlichkeits-und Lobbyarbeit tätig sind. Über Landesnetzwerke sind außerdem rund 2 000 lokaleentwicklungspolitische Initiativen und NRO vertreten.Der Verband verfolgt das Ziel, den Einsatz der NRO für die Bekämpfung der Armut, die Verwirklichungder Menschenrechte und die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen zu verstärken.VENRO• vertritt die Interessen der entwicklungspolitischen NRO gegenüber der Politik,• stärkt die Rolle von NRO und Zivilgesellschaft in der Entwicklungspolitik,• übernimmt Anwaltschaft für die Interessen der Entwicklungsländer und armer BevölkerungsgruppenundGESCHÄFTSSTELLEDr. Werner-Schuster-HausKaiserstraße 201, D-53113 BonnTelefon ++49 (0)228/94 677-0Fax ++49 (0)228/94 677-99Internet: www.venro.orgE-Mail: sekretariat@venro.org• schärft das öffentliche Bewusstsein für entwicklungspolitische The men.VENRO – Verband Entwicklungspolitik deutscherNichtregierungsorganisationen e.V., www.venro.orgVENRO-Mitgliederaction medeor – Deutsches Medikamenten-Hilfswerk • ADRA – Adventistische Entwicklungs- und Katastrophenhilfe • Ärzte der Welt • Ärzte für dieDritte Welt • Ärzte ohne Grenzen * • AeJ – Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend • AGEE – Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie •AGEH – Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe • agl – Arbeitsgemeinschaft der Eine-Welt Landesnetzwerke • Akademie Klausenhof • AktionCanchanabury • Andheri-Hilfe Bonn • Arbeiter Samariter Bund Deutschland • AWO International • AT-Verband * • BDKJ – Bund der Deutschen KatholischenJugend • Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit* • BEI – Bündnis Entwicklungspolitischer Initiativen • Bundesvereinigung Lebenshilfefür Menschen mit geistiger Behinderung • Brot für die Welt • CARE International Deutschland • Casa Alianza Kinderhilfe Guatemala • CCF Kinderhilfswerk• Christliche Initiative Romero • Christoffel-Blindenmission • DEAB – Dachverband entwicklungspolitischer Aktionsgruppen in Baden-Württemberg• DESWOS – Deutsche Entwicklungshilfe für soziales Wohnungs- und Siedlungswesen • Deutsche Kommission Justitia et Pax • DeutscheLepra- und Tuberkulosehilfe • Deutsche Stiftung Weltbevölkerung • Deutsche Welthungerhilfe • Deutscher Caritasverband – Caritas International •Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband AK „Parität International“ • Deutsches Blindenhilfswerk • Deutsches Komitee Katastrophenvorsorge •Deutsches Rotes Kreuz – Generalsekretariat* • DGB-Bildungswerk – Nord-Süd-Netz • Die Lichtbrücke • Dritte Welt JournalistInnen Netz • EED – EvangelischerEntwicklungsdienst • Eine Welt Netz NRW • Eine Welt Netzwerk Hamburg • EIRENE – Internationaler Christlicher Friedensdienst • EvangelischeAkademien in Deutschland • FIAN Deutschland • Gemeinschaft Sant Egidio • Germanwatch Nord-Süd-Initiative • GSE – Gesellschaft für solidarischeEntwicklungszusammenarbeit • Handicap International • HelpAge Deutschland e.V. • Hildesheimer Blindenmission e.V. • Hilfswerk der deutschenLions • ILD – Internationaler Landvolkdienst der KLB • Indienhilfe Herrsching • INKOTA – Ökumenisches Netzwerk • Internationaler Hilfsfonds• Internationaler Verband Westfälischer Kinderdörfer • Johanniter-Unfall-Hilfe – Johanniter International • Jugend Dritte Welt • Kairos Europa – Unterwegszu einem Europa für Gerechtigkeit • Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie • KATE – Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung – Berlin • Kindernothilfe• Lateinamerika-Zentrum • Malteser International • Marie-Schlei-Verein • materra – Stiftung Frau und Gesundheit • medica mondiale •medico international • Misereor Bischöfliches Hilfswerk • Missionszentrale der Franziskaner • Nationaler Geistiger Rat der Bahà’i in Deutschland •NETZ – Partnerschaft für Entwicklung und Gerechtigkeit • ÖEIW – Ökumenische Initiative Eine Welt • OIKOS Eine Welt • ORT Deutschland • OxfamDeutschland • Peter-Hesse-Stiftung – Solidarität in Partnerschaft für eine Welt in Vielfalt • Plan International Deutschland e.V. • Rhein-Donau-Stiftung• Rotary Deutschland Gemeindienst * • Senegalhilfe-Verein • SES – Senior Experten Service • SID – Society for International Development • SODI – SolidaritätsdienstInternational • Sozial- und Entwicklungshilfe des Kolpingwerkes • Stiftung Entwicklung und Frieden • Stiftung Nord-Süd-Brücken • SusilaDharma – Soziale Dienste • Terra Tech – Förderprojekte Dritte Welt • terre des hommes Bundesrepublik Deutschland • Tierärzte ohne Grenzen •TransFair – Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der „Dritten Welt“ • VEN – Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen • VENROB – Verbundentwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen Brandenburgs • Weltfriedensdienst • Welthaus Bielefeld • Weltladen-Dachverband • Weltnotwerkder KAB Westdeutschlands • Werkhof Darmstadt • Werkstatt Ökonomie • World Vision Deutschland • W. P. Schmitz Stiftung • WUS – WorldUniversity Service – Deutsches Komitee • Zukunftsstiftung Entwicklungshilfe bei der GLS Treuhand e.V.*) GastmitgliederPrinted on 100 percent recycled paper

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