Einführung in die Volkswirtschaftslehre - Universität Würzburg

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Einführung in die Volkswirtschaftslehre - Universität Würzburg

Einführung in dieVolkswirtschaftslehrePeter BofingerUniversität Würzburg


Lebenslauf• 1954 geboren in Pforzheim• 1973-78 Studium an der Universität desSaarlandes• 1978-81: Mitarbeiter im Stab desSachverständigenrats• 1981-85: Assistent an die UniSaarbrücken (1984 Promotion)• 1985-1990: Mitarbeiter bei der DeutschenBundesbank (1990 Habilitation)• 1991- Professor an der Uni Würzburg• 2004- Mitglied im Sachverständigenrat


Einführung in die Volkswirtschaftslehre• BasisliteraturPeter Bofinger: Grundzügeder Volkswirtschaftslehre,2.,aktualisierte Auflage (2006)• Sonstige BücherHorst Siebert: Einführung in die VWLDavid Landes: Wohlstand und Armut der NationenAdam Smith: Wohlstand der NationenAlan Greenspan: Mein Leben für die Wirtschaft


Kapitel 1Volkswirtschaftslehre zeigt, wie Märktefunktionieren


VWL das unbekannte StudiumEIN BELIEBTER WITZ ÜBER VOLKSWIRTEEin Mann sitzt im Heißluftballon und hat wegen des starken Windesvöllig die Orientierung verloren. Er schwebt in fünf Metern Höheüber einem Acker und sieht einen anderen Mann unter sich.„Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo ich bin?“, ruft er hinunter.Der Mann auf dem Acker antwortet: „Sie sind in einem rotenHeißluftballon, fünf Meter über der Erdoberfläche.“Da sagt der Ballonfahrer: „Sie müssen ein Volkswirt sein“ „Stimmt.“,erwidert der Mann auf dem Acker. „Woher wissen Sie denn das?“„Ist doch offensichtlich – Ihre Antwort ist zwar technisch absolutkorrekt, aber trotzdem völlig wertlos.“ „Dann müssen Sie Top-Manager sein.“, ruft der Mann auf dem Acker.„Richtig.“ antwortet der Ballonfahrer. „Wie haben Sie das dennherausbekommen?“ „Das war auch nicht besonders schwierig.Von Ihrer Position haben Sie eigentlich einen hervorragendenÜberblick, doch Sie wissen trotzdem nicht, wo Sie sind und wo eshingeht. Außerdem hat sich an Ihrer Lage nichts geändert, seit wiruns getroffen haben. Aber jetzt bin ich plötzlich für Ihr Problemverantwortlich.“


Spannende Fragestellungen derVWL• Welche Auswirkungen hat es, wenn dieBezugsdauer des Arbeitslosengelds für ältereArbeitnehmer verlängert wird?• Soll man die Verschuldungsmöglichkeiten fürden Staat stärker begrenzen?• Soll man die deutsche Wirtschaft vorausländischen Investoren schützen?• Welche Auswirkungen hat ein Mindestlohn?• Wie weit wird der Euro noch aufwerten und wasbedeutet das für unsere Wirtschaft?• Welche Auswirkungen hat dieFinanzmarktkrise?


VWL als Marktwirtschaftslehre• VWL befasst sich vor allem damit, wieMärkte funktionieren:‣ Sie zeigt, wie effizient der Markt alsKoordinationsmechanismus in einerarbeitsteiligen Wirtschaft ist.‣ Sie verdeutlicht aber auch, welcheSchwächen der Markt aufweist und wodann der Staat aktiv werden muss


Wir haben ständig mit Märkten zu tun, aber sinduns der Mechanismen oft nicht bewusstIch kaufe Brötchen beim Bäcker⇒GütermarktIch buche eine Reise in den Süden⇒DienstleistungsmarktIch lege mein Geld in Aktien an⇒AktienmarktIch miete eine Wohnung⇒ImmobilienmarktIch suche einen Ferienjob⇒ Arbeitsmarkt


Märkte sind in der Regel sehr effizient• Hohe Verfügbarkeit von Gütern, keineWarteschlangen• Starke Leistungs- und Innovationsanreize für dieAnbieter, stets neue Produkte• Sparsamer Umgang mit Ressourcen durchAnbieter und Verbraucher• Güter werden von den Menschen erworben, dieihnen den höchsten Wert beimessen• Freundliche Verkäufer („Käufermarkt)


Die ethische Rechtfertigung derMarktwirtschaft durch Adam Smith (1776)Egoismus wird ein für die Gesellschaft vorteilhaftesVerhalten transformiert“Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers undBäckers erwarten wir das, was wir zum Essenbrauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenenInteressen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht anihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wirerwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondernsprechen von ihrem Vorteil.”Voraussetzung: Langfristiger Planungshorizont einesAnbieters


Schwächen des Marktes(„Marktversagen“)• Entlohnung nach Leistungsfähigkeit: Menschen mitsehr geringer Leistungsfähigkeit können ihrExistenzminimum nicht sichern.• Güter, für die es keinen Preis gibt („Umwelt“),werden verschwendet.• Unternehmen versuchen sich dem Wettbewerbdurch Kartelle und Monopole zu entziehen.• Es kann zu starken gesamtwirtschaftlichenSchwankungen mit Arbeitslosigkeit und/oderInflation kommen.


Die Rolle des Staates im Marktprozess• In den Markt eingreifen, wenn ein Marktversagendiagnostiziert wird- Ordnungspolitik: Setzen vonRahmenbedingungen (z.B. Kartellrecht)- Sozialpolitik: Soziale Sicherungssysteme, Hartz IV- Bildungspolitik- Prozesspolitik: Geldpolitik der EuropäischenZentralbank, Fiskalpolitik• Grundproblem: Richtige Balance finden- Zuviel Eingriffe: geringe Leistungsbereitschaft deseinzelnen- Zu wenig Eingriffe: Instabile Konjunktur, sozialeSpannungen (Kriminalität), Umweltverschmutzung


Die beiden Hauptgebiete der VWL• Mikroökonomie: Analyse der Märkte füreinzelne Güter‣ Wie kommt der Preis für ein Glas Bier inder Kneipe zustande• Makroökonomie: Analyse derVolkswirtschaft im Ganzen‣ Warum wächst die deutsche Wirtschaftwieder stärker als in den letzten Jahren?


Wichtige Besonderheit derMakroökonomie• Rationalitätenfalle: Was von jedemeinzelnen aus individueller Rationalitätangestrebt wird, kann in der Gesamtheit,d.h. wenn alle sich in dieser Weiseverhalten, zu gegenläufigen Effektenführen. Beispiele:- Aufstehen bei Theateraufführung- Unterbietung von Löhnen- Individuelles „Sparen“ schwächtKonjunktur- Egoismus (Adam Smith)


Kapitel 2Die „unsichtbare Hand“ des Marktes - derMarkt als Koordinationsinstrument


Der Markt bringt Anbieter und Nachfragerin optimaler Weise zusammen• Darstellung des Marktmechanismusanhand des Aktienmarktes:‣Besonders anschauliche Form einesMarktes‣Grundprinzipien lassen sich auf alleanderen Märkte in einerVolkswirtschaft übertragen


Fallstudie am Beispiel desAktienmarktes• Fallstudie: Wie wird der Aktienkurs derHyperTec-AG bestimmt?‣ Aktienkurse werde im Auktionsverfahrendes Xetra-Handelssystems ermittelt‣ Ausgangspunkt: Zusammenstellung allerzu einem Zeitpunkt vorliegenden KaufundVerkaufsaufträge („Orders“) in einem„Orderbuch“


Kauf- und Verkaufsorders für dieAktien der HyperTec AGKurse Kauforders VerkaufsordersBestens 26120 15 2121 5 6122 3 16123 16 4124 6 7125 3 10126 4Billigst 25


Welcher Kurs wird gewählt?• Zielsetzung: Pläne der Anbieter und derNachfrager sollen möglichst gutaufeinander abgestimmt sein• Lösung:‣ Orderbuch oder‣ Graphische Darstellung der Angebots- undder Nachfragepläne


Das OrderbuchKursnachgefragteMengeangeboteneMengeUmsatzUnter 120 77 26 26120 77 28 28121 62 34 34122 57 50 50123 54 54 54124 38 61 38125 32 71 32126 29 71 29Über 126 25 71 25OrdersKurse Kauforders VerkaufsordersBestens 26120 15 2121 5 6122 3 16123 16 4124 6 7125 3 10126 4Billigst 25


Angebots- und Nachfragekurven fürdie Aktien der HyperTec126KursnachgefragteMengeangeboteneMengeUnter 120 77 26120 77 28121 62 34122 57 50123 54 54124 38 61125 32 71126 29 71Über 126 25 711251241231221211201190 10 20 30 40 50 60 70 80 90


Wichtige Ergebnisse• „Markträumender Preis“ oder„Gleichgewichtspreis“: 123 Euro• Gleichgewicht bedeutet: Die unabhängigvoneinander gebildeten Pläne vonAnbietern und Nachfragern werden inoptimaler Weise abgestimmt• Im Idealfall besteht zumGleichgewichtspreis kein unbefriedigte(s)Nachfrage/Angebot


Weitere Ergebnisse• Der Markt sorgt dafür, dass sich dieTeilnehmer verbessern können:‣ z.B. Nachfrager mit Kauforder für 126 €- schätzt „Wert“ der Aktie auf 126 €- erhält sie aber zum Preis von 123 €‣ Konsumentenrente:- 3 € pro Aktie- allgemein: Wert minus Preis (je Stück)


Noch: Weitere Ergebnisse‣ z.B. Anbieter mit Verkaufsorder 121 €- schätzt „Wert“ der Aktie auf 121 €- kann sie aber zu 123 € verkaufen‣ Produzentenrente:- 2 € je Stück- allgemein: Preis minus Wert (je Stück)


Noch: Weitere Ergebnisse• Die Wirtschaftswissenschaft hat keinenobjektiven, sondern einen subjektivenWertbegriff• Was eine Aktie „wert“ ist, hängt von denindividuellen Einschätzungen der Investorenüber die allgemeine Konjunkturlage, über dieBranche und das spezifische Unternehmenab


Standard-Diagramm in der VWLPreis einesGutesPreisniveauZinssatzLohnsatzWechselkursInflationsrateStandard-Diagrammder VolkswirtschaftslehreAngebotNachfrageMenge eines GutesBruttoinlandsproduktBeschäftigungDevisenOutput-Lücke


Zur Vertiefung: Warum schwankenAktienkurse so stark?Quelle: Deutsche Bundesbank, Zeitreihendatenbank


... und warum verlieren sie dabei jedenKontakt zu „objektiven“ Faktoren?5045403530252015105KGV (linke Skala)S&P inflationsbereinigt (rechteSkala)1600140012001000800600400200020062001199719931989198519811976197219681964196019561951194719431939193519311926192219181914191019061901189718931889188518810


Die Ursache: Spekulation• Definition: Kauf eines Gutes, nur es früheroder später weiter zu verkaufen.• Relevant hierfür: Einschätzung, wie das Gutvon anderen Nachfragern in Zukunfteingeschätzt wird.• Für diese gilt aber dieselbe Situation.• Auf diese Weise kann es zu „spekulativenBlasen“ kommen.


Schönheitswettbewerb von Keynes• 100 Gesichter: Wer ist die/der schönste?• Es kann nur gewinnen, wer sich für einGesicht entscheidet, dass von denmeisten als schönstes angesehen wird.‣ Es geht nicht darum, diejenigen auswählen, die nachdem eigenen Urteil wirklich die hübschesten sind oderjene, welche nach der durchschnittlichen Meinung diehübschesten sind. Wir haben einen dritten Graderreicht, wo wir unsere Intelligenz dafür einsetzen, dasvorherzusehen, von dem die durchschnittlicheMeinung erwartet, dass es die durchschnittlicheMeinung ist.” (Keynes 1936, S. 156).


Effizienz des Marktes‣Ist also vor allem dann gegeben,wenn Menschen nicht spekulativhandeln, d.h. wenn sie Güter fürihren eigenen Konsum erwerben.

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