Abenteuer in der Stammzelle [576 kB] - Dieter Schnaas

dieterschnaas.de

Abenteuer in der Stammzelle [576 kB] - Dieter Schnaas

Politik+Weltwirtschaft I FamilieEinmischung ins Private endgültig dieGrenze zwischen Angebot und aktiverSteuerung überschreitet.Union und FDP, die notorischen WarnervorderAllmacht des Staates, sind damitfaktisch der Sozialdemokratie beigetreten –und überzeugte Etatisten geworden. Dieherrschende Staatsräson hält die individuelleFreiheit hoch und die Würde des Menschenfür unantastbar; sobald sich zwei seinerBürger zusammentun, sind sie demStaat schon verdächtig. „Der Staat“, sagt derBerliner Kulturwissenschaftler NorbertBolz, „verträgt sich prinzipiell nicht mit Familie.Er will kollektivieren. Ihm ist unerträglich,dass die Familie alle Leidenschaften,Emotionen und Commitments abschöpft.“(siehe Interview Seite 46).In der Union haben sie längst bemerkt,dass sie für die Preisgabe der Familiensouveränitätnicht mehr erhalten als eine demografischeDiskussion über Fruchtbarkeitsratenund Geburtenziffern; deshalbmehren sich in ihr die Stimmen, die denVerlust der Familie mit ihrer Affirmationbeantworten. Konservative Vordenker wiedie beiden Verfassungsrichter Paul Kirchhofund Udo di Fabio greifen dabei tief indie argumentative Mottenkiste: Sie behaupteneine Wirklichkeit, um Konsequenzenzu konstruieren, die in derVerheiligungder Familie gipfeln.Es ist das Prinzipdes Staates, „dieFamilie“ alsInstitution zu Todezu fördern...So geißelt Paul Kirchhof in einem Kongressbeitragaus dem Jahre 2003 die „Zukunftsvergessenheitund Selbstaufgabe“ derDeutschen, „zu wenig kindgerechte Programmdisziplinbei den Miterziehern dermodernen Medien“ und „deutliche Wertungsschwächenin Staat, Wirtschaft undGesellschaft“ – ohne sein Unbehagen zukonkretisieren: Ist ihm der Pluralismus derLebensformen ein Gräuel? Was hat er gegendas Projekt der Selbstverwirklichungeinzuwenden? Oder ist ihm nur das Steppenwolf-Daseinder deutschen Tatort-Kommissareein Dorn im Auge?Angesichts von weniger Eheschließungenund wachsender Scheidungsraten wirftKirchhof der Politik die „normative Todsünde“vor, „einen Trend zum WertewandelKommune Individueller Pluralismus eröffnetder Famile eine neue Zukunftzu erklären“ und damit „den Maßstab fürrichtig oder falsch, für gut oder schlecht“aufzugeben – nur um eine andere normativeTodsünde zu begehen, nämlich Ehe, Familieund Kinder als eine Art Wert an sichzu entwerfen, jedenfalls als Kraftquelle undGlücksversprechen.Offen bleibt nicht nur die Frage, mitwelcher Relevanz hier ein Wert an sich behauptetwird – sondern zunächst einmal,welche Art von Familie hier eigentlich rehabilitiertund selig gesprochen werden soll.Die traditionelle Großfamilie als generationenübergreifendeSolidaritäts- und Unterhaltsgemeinschaft?Die vierköpfige Durchschnittsfamiliemit Papa am Band und Mamaam Herd? Oder die großstädtische Karrieristen-Ehe,die das Projekt der Selbstverwirklichungauf der Ebene der qualitätsvollenErziehung ihres spät geborenen Einzelkindesvorantreibt?Die entscheidende Schwäche der „affirmiertenFamilie“ liegt in der Behauptungihrer selbst – und darin, dass diese Familievor 20, 30, 40 Jahren noch nicht als Quellevon Lebenssinn, -freude, -glück und Geborgenheitheftig bejaht werden musste, sondernim Gegenteil beiläufiger Lebensinhalteiner überwältigenden Mehrheit der Deutschenwar.Familien wurden bis weit in die Siebzigerjahrehinein schlicht selbstver- »FOTO: SV-BILDERDIENST/HESTERBERGDer 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozartwird überall dort ausgiebig gefeiert, wo er gelebt,gewirkt oder auch nur einmal kurz verweilt hat. Wirals BetriebsansiedlungsagenturdesLandes, dessen SohnMozart ist, können dasnun wirklich nichtignorieren. Die Frageist nur, wie man dasnicht ignorieren kann!Nun – praktischerweisehandelt es sichum den 250. Geburtstagdes WolfgangAmadeus, was einedirekte Verbindungzur österreichischenGewinnbesteuerungmöglich macht. DieGewinnbesteuerungsetzt sich in Österreichnämlich nicht aus verschiedenenSteuernzusammen, sondernbesteht nur aus derKörperschaftsteuer,die wiederum beträgtexakt 25%. Und dassind 10% von MozartsGeburtstag.10% von Mozarts Geburtstag... oderder Versuch, einen großenAnlass mit kleinen Steuernzu verknüpfenNameFirmaLeider ist Ihre Postkarte nichtmehr da. Sie können aber einfachdie Anzeige auf den Kopiererlegen, den Coupon ausfüllenund an +43-1-586 86-59 faxen.PositionAnschriftPLZ / OrtTelefonInternetE-MailSchicken Sie mir bitte ausführliche Unterlagen.Bitte nehmen Sie Kontakt auf.Ich möchte ein konkretes Projekt besprechen.Wo wir geradebeim Thema Steuerngelandet sind: Einbesonderer SteuervorteilÖsterreichs istauch die Gruppenbesteuerung,die es möglichmacht, die Verluste von Auslandstöchtern inÖsterreich abzusetzen. Und ein weiteres Themabetrifft Forschungsfreibeträge, die unter anderemdazu führten, dass sich Österreich zu einem bevorzugtenForschungsstandort entwickelt hat, zu einemZentrum der europäischen Autoindustrie genausowie zu einem wichtigen Standort der Biotechnologie.Cosi fan tutte, also.Viele der führenden Pharmakonzerne unterhaltenForschungsinstitute in Österreich, was natürlich aucham hohen Bildungsniveau, an der hervorragendenZusammenarbeit mit österreichischen Universitätenoder ganz grundsätzlich an der hohen Lebensqualitätliegt. Aber eben auchan den Steuervorteilen.WiWo 4/06Diese Forschungsfreibeträgereichen bis zu35%. So gesehen könnenwir auch gelassenMozarts 350. Geburtstagentgegensehen.Wir sind die AustrianBusiness Agency, dieBetriebsansiedlungsagenturder RepublikÖsterreich, ein Beratungsunternehmen,dessenLeistungen Sie kostenlosin Anspruch nehmenkönnen. Unsere Aufgabeist es, Ihnen bei IhremInvestitionsprojekt zurSeite zu stehen, Sie zubegleiten, Ihnen die Möglichkeitenund die Steuervorteilezu erläutern,Standorte anzubieten,Kontakte herzustellen.Sie erreichen unsin Wien:Tel.: +43-1-588 58-0,Fax: +43-1-586 86-59,E-Mail: office@aba.gv.atInternet: www.aba.gv.at


Politik+Weltwirtschaft I FamilieKleinfamilie Nur gut erzogene Kindererhöhen heute das Humankapitalständlicher gelebt als heute, Kinder gleichgültiger,gewissermaßen nebensächlich aufgezogen.Kinder waren zu jener Zeit keinDiskussionsstoff, keine finanzielle Belastung,keine zentrale Projektionsfläche elterlicherAmbitionen, kein Stück Unsterblichkeit– sie gehörten einfach dazu.Jeder Erwachsene, der „die Familie“durch den Rückspiegel seiner Biografiebetrachtet – sei er Single, alleinerziehenderVater oder fünffache Mutter –macht die beglückende Erfahrung dieser„selbstverständlichen Familie“, wenn er anWeihnachten oder Ostern mal wieder seineEltern besucht.Die Gründe für den Verlust dieser„selbstverständlichen Familie“ sind vielfältig.Einige sind jung: Die Sprengung der Fademalle Mitglieder mit- und gegeneinandernach maximalem Nutzen streben. Beckerzufolge werden Kinder von ihren Elternals langlebige Konsumgüter in die Weltgesetzt, die Gefühlsdividenden abwerfen –und deren ökonomischer Wert sich früheran ihrer Quantität bemaß, heute an ihrerQualität. Familien, so Becker, hielten esheute für besser, „weniger Kinder zu habenund viel Zeit und Geld in deren Erziehungund Ausbildung zu investieren“. Nur gut erzogene,ausgebildete Kinder erhöhen inder Wissensgesellschaft das Humankapital.Die Affirmation der traditionellen, mehrals dreiköpfigen Familie wird dadurch enddieserModerne kann es keine Rückkehrzur „selbstverständlichen Familie“ geben,im wechselseitigen Verständnis der Lebenslagenund -lügen jedoch die Chance einesfamilienpolitisch fruchtbaren Ausgleichszwischen Singles und Eltern.So muss niemand über seinen Schattenspringen, um anzuerkennen, dass die Wissensökonomie„hungrige, flexible arbeitswütigeund gewinnsüchtige junge Leute“(Peter Glotz) braucht, die der Gesellschaftals vorübergehend selbstausbeuterischeEgozentriker viele Vorteile erbringen.Umgekehrt dürfte es keinem schwer fallen,die von den Eltern erbrachte Erziehungsleistungals gesellschaftspolitisch relevantanzuerkennen – und Kindern Interessenzuzugestehen, die sie selber noch nichtformulieren können. Jedem das Seine also.Und alles zu seiner Zeit....indem er „den Familien“ dasPlacebo seiner Fürsorge verordnetmilie durch die 68er. Die „Ich-Ich-Ich“-Verbohrtheitder Erbengeneration. Der unaufhaltsameAufstieg des Sozialstaates. Die Zukunftsangsteiner durch Globalisierung verunsichertenBevölkerung.Andere zeichnen sich seit anderthalbJahrhunderten ab: Die Emanzipation derFrau, ihre höhere Erwerbsbeteiligung, dieentsprechend ihrer Qualifikation gestiegenenKinderkosten. Schließlich das, wasÖkonomen „die Verschiebung der Kosten-Nutzen-Relation des Kinderhabens beimÜbergang von der Industriegesellschaft zurWissensökonomie“ nennen.Nobelpreisträger Gary Becker hat bereitsvor 40 Jahren darauf hingewiesen. Erbetrachtet Familien als ökonomischeStammzelle, als Kleinstunternehmen, ingültig zur Apologie: Nicht nur der Staat verträgtsich schlecht mit ihr, auch die moderneWirtschaft. Wer sechs Wochentage von Flexibilität,Mobilität und Performance redet,zieht sich mit Sonntagsreden von familiärerRuhe, wohltuender Redundanz und erzieherischerQualitätszeit am Nasenring durchdie Arena des Selbstbetrugs: Es gehört zurLogik der Effizienz, dass sie sich für die Verluste,die mit ihr einhergehen, den argumentativenAusgleich erfindet. Familie ist keineRehaklinik, in der ausgebrannte Ichs Erholungsuchen. Familie ist das Abenteuer, sich„auf eigensensible, unberechenbare, andereMenschen einzulassen“ (Bolz).Es ist das Paradox der Moderne, dass inihr einzig derindividuelle“ Pluralismus derInstitution Familie eine Zukunft eröffnet. InDer entscheidende Vorteil eines nichtnur akzeptierten, sondern auch akzentuiertenPluralismus ist, dass er den Staat zumRückzug zwingt: Je bunter die Wirklichkeit,desto absurder die kollektive Nachsorge fürjeden Einzelfall. Singles, Mütter und Vätergehen dem Staat auf den Leim, wenn siesich gegenseitig ausspielen; es käme daraufan, dass sie sich gegen seine Einmischungverbündeten – und ihr gemeinsames Interessean einer radikal reduzierten Familienpolitikformulierten.Diese Familienpolitik kommt mit fünfKomponenten aus: Mit einem Steuersystem,das Familien entlastet, ohne sie zu bevormunden– etwa über Freibeträge oderüber die Verteilung der Steuerschuld aufdie Zahl der Familienmitglieder. Mit derFörderung von Teilzeitmodellen, die VäternFluchtwege aus dem Erziehungsauftrag versperrenund Mütter nicht zur Aufnahmevon Ganztagsstellen nötigen. Mit der Ermöglichungvon Erwerbspausen, die nichtnur die simultane Vereinbarkeit von Berufund Familie vorsehen, sondern auch diesukzessive. Mit der Einrichtung von Betreuungsmöglichkeitenals Angebot vor allemfürAlleinerziehende. Und mit derAnerkennungder elterlichen Erziehungsleistung, etwain Form eines Betreuungsgeldes.Diese Familienpolitik will keine Sozialpolitiksein, keine Bevölkerungspolitik –und keine Kulturpolitik. Sie nimmt ihreBürger in ihrer Verschiedenheit ernst undmischt sich nicht in deren Privatleben. Sielässt Singles Raum, Schwulen Ruh’ – undsie lässt die Selbstorganisation der Familiezu. Es ist so einfach, aberwahr: Die Zukunftder Familie liegt darin, dass der Staat siesich selbst überlässt. »dieter.schnaas@wiwo.deFOTO: KARL-HEINZ HICK/JOKERUnternehmenBesonderesUnternehmenWas unterscheidet Sie von anderen? Warum sollen sich Kunden ausgerechnet für Sie entscheiden– immer wieder? Als mit der Globalisierung die Unterschiede zwischen den Unternehmenimmer weiter verschwammen, haben viele Firmen darauf mit Kostensenkung reagiert.Aber jetzt geht es wieder um mehr Wachstum. Darum, entscheidende Wettbewerbsvorteilezu schaffen – und zu behaupten. Mit einem Wort, um Innovation. Denn Innovation ist derSchlüssel zu jedem Unternehmensziel: Wachstum, Gewinn, Kundentreue. Sie macht aus Ihnenetwas Besonderes. Und sorgt dafür, dass Sie es bleiben. Schon eine kleine Veränderungkann ein Anfang sein. IBM hilft Ihnen dabei, den richtigen Einstieg zu finden. Denn wir habenschon tausende von Unternehmen aus praktisch allen Branchen dabei unterstützt, etwasBesonderes aus sich zu machen. Mehr dazu erfahren Sie unter ibm.com/innovation/deWas macht Sie so besonders?44 WirtschaftsWoche I 24.4.2006 I Nr. 17IBM und das IBM Logo sind Marken oder eingetragene Marken der International Business Machines Corporation in den Vereinigten Staaten und/oder anderen Ländern. Andere Namen vonFirmen, Produkten und Dienstleistungen können Marken oder eingetragene Marken ihrer jeweiligen Inhaber sein. © 2006 IBM Corporation. Alle Rechte vorbehalten. O&M IBM BR 19/06

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine