20 Jahre Psychosozialer Trägerverein Sachsen e. V.

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20 Jahre Psychosozialer Trägerverein Sachsen e. V.

20 Jahre Psychosozialer

Trägerverein Sachsen e. V.

Gründung und Anfänge des PTV

1990 - 1992


• Ausgangssituation

Gliederung

• Anstöße zur Vereinsgründung

• Entschluss und Umsetzung

• Chronologie

• Unterstützung / Behinderung

• Übergabe


Ausgangssituation

• Politische Wende – friedliche Revolution

• Erkenntnis: „Man kann etwas bewegen – aber nur, wenn man sich

bewegt“

• Der Weg vom Kopf in die Füße (2 Strömungen: Ausreise / Flucht

und Demonstrationen auf der Straße, die 1989 mächtig wurden und

gemeinsam die Wende ermöglichten)

• „Wir wollen raus!“ – „Wir bleiben hier!“ – „Wir sind das Volk – keine

Gewalt“ – „Wir sind ein Volk“

• Dresden: Theater – „Wir treten aus unseren Rollen heraus“ –

Aufbruchstimmung – Gewalt Anfang Oktober – Gruppe der 20 am

8.10. wurde am 9.10. vom OB empfangen – Arbeitsgruppen wurden

mit Stadtverordneten und Stadtverwaltung gebildet –

Basisdemokratische Fraktion – demokratische Umwandlung des

Stadtparlaments bis zur Kommunalwahl


Ausgangssituation

• Psychiatrische Situation:

• 1963 Rodewischer Thesen – internationales Symposium über die

Rehabilitation akut und chronisch psychisch Kranker (E. Lange, K. Weise,

R. Walther)

• 1968 Einweisungsgesetz – 1. modernes psychiatrisches

Unterbringungsgesetz in Deutschland

• Anordnung zur Sicherung des Rechtes auf Arbeit für Rehabilitanden –

Kreisrehabilitationskommissionen

• Offene-Tür-System, Aufhebung der Geschlechtertrennung, Patientenrat,

Gruppentherapien in Kliniken, Sektorisierung

• 1974 Arbeitstagung Brandenburg „Probleme der therapeutischen

Gemeinschaft“

• 1975 Fachkrankenschwester/-pfleger für Psychiatrie

• 1978 Psychotherapie in der Psychiatrie („Gesprächspsychotherapie“ von J.

Helm)

• 80er Jahre Stagnation – Impulse zu Selbsthilfegruppen und therpeutischen

Wohngemeinschaften werden als suspekt und subversive Keimzellen

administrativ unterbunden (Ausnahme ländliche Gebiete um Neuruppin) –

Studie Promotion M. Uhle, öffentliche Verteidigung untersagt (Aufstellung

nach U. Trenckmann)


Ausgangssituation

- Dresden 1990: Auflösung der Polikliniken mit

multiprofessionellen Nervenabteilungen, Auflösung vieler

Betriebe und massenhafter Wegfall geschützter

Arbeitsplätze, Sorge und Unsicherheit um berufliche

Perspektive vieler Mitarbeiter im ambulanten

Gesundheitswesen, vor allem der Fürsorgerinnen,

Ergotherapeuten, aber auch der Kreisstelle für

Neuropsychiatrie u. a. „blauäugiger Grübler auf der

Kriechspur des Lebens“, mit viel Idealismus und

ziemlicher Naivität, die sich sozialpsychiatrisches

Arbeiten und Privatisierung/Niederlassung nur als

Gegensätze vorstellen konnten.


Ausgangssituation

• Problemkatalog aus Treffen Dresdner

Nervenabteilungen

• Bedarfsanmeldung für geeignete Stasi-

Objekte für „geschütztes Wohnen“

• Forderung sozialpsychiatrischer Dienste in

kommunaler Trägerschaft


Anstöße zur Vereinsgründung

• Kein Stasi-Objekt für psychisch Kranke

• Kein kommunaler Träger für komplementäre Einrichtungen

• Entscheidungsverzögerung der Stadtverwaltung zur

Einrichtung eines SpDi

• Studium der Empfehlungen der Expertenkommission der

Bundesregierung zur Reform der Versorgung im

psychiatrischen und psychotherapeutisch/psychosomatischen

Bereich auf der Grundlage des Modellprogramms Psychiatrie

der Bundesregierung

• Einladung aus der Partnerstadt Hamburg zum Kennenlernen

psychosozialer Dienste, vermittelt durch Prof. Bach, zum PTV

Eimsbüttel, Klinik u. Freundeskreis Ochsenzoll, SpDi an Frau

Dr. Thieme, Hinweis von Th. Bock auf Senatsmittel zur

Unterstützung eines Leipziger kommunalpsychiatrischen

Projekts und Wille des Koordinators zur Berücksichtigung

eines vergleichbaren Anliegens aus der Partnerstadt Dresden


Entschluß und Umsetzung

• Theoretisch war alles klar: zur Entgegennahme von Spenden und als Träger

psychosozialer Einrichtungen und Projekte mußte ein Verein gegründet werden, und

wir als städtische Mitarbeiter im Gesundheitswesen wollten unsere fachliche

Kompetenz nicht in einem konfessionellen oder anderen großen Wohlfahrtsverband

aufgehen sehen, sondern unsere Verantwortung lieber in Freiheit wahrnehmen

• Wir hatten bereits gelernt, daß nichts Neues von selbst entsteht, sondern nur durch

Menschen, die sich dafür einsetzen, also der Weg vom Kopf in die Hände und Füße

• Und wir hatten gelesen und gesehen, daß es im Westen funktioniert (auch wenn der

Begriff Verein für uns noch etwas nach Kaninchenzüchtern roch)

• Der Zeitpunkt ergab sich dann auch aus der anstehenden Währungsunion, der wir

zuvorkommen mußten, denn die neue D-Mark hätten wir vielleicht nicht so schnell für

die Gerichtsgebühr einsammeln können, und von Kriechspur konnte spätestens da

keine Rede mehr sein

• Am 28.06.1990 trafen wir uns um 17.00 Uhr und gründeten den Psychosozialen

Trägerverein Dresden e. V.: mit einem ernsthaften Anliegen, in der Form eher heiter

und fast amüsiert beim Demokratiespielen und sicher von einer ansteckenden

Euphorie getragen, etwas zu bewegen und der entscheidungsunwilligen oder –

unfähigen Stadtverwaltung und unserer eigenen beruflichen Unsicherheit etwas

entgegenzusetzen, von dem wir uns oft ungläubig staunend gegenseitig versicherten,

daß es tatsächlich funktioniert

• Am 11.10. holte Frau Dr. Swaboda die Registrierungsurkunde vom Kreisgericht,

beantragte wenig später ein Vereinskonto bei der Bank für Sozialwirtschaft, und am

30.10. beantragten Frau Hamann und ich beim Finanzamt die Gemeinnützigkeit, die

dann sogar als mildtätig eingestuft wurde


Das Programm des Vereins

(Satzung und Konzeption sahen

bereits offizieller aus)


Chronologie

• Noch kurz zum Umfeld unserer Vereinsgründung: etwa zeitgleich fand das

Gründungstreffen der Gesellschaft für Kommunale Psychiatrie in Leipzig

statt, die sich für eine gemeindenahe Psychiatrie einsetzen wollte, später in

die DGSP integriert wurde,

• In Dresden wurde der Angehörigenverband unter dem Dach der Diakonie

gegründet

• Frau Hamann und ich nahmen an einer Tagung des

Bundesangehörigenverbandes in Gießen teil

• Einige von uns an einer Tagung in Schleswig zum Thema „Frauen in der

Psychiatrie“, erlebten Pluralität pur und staunten nicht schlecht, wie viel

Energie man in Abgrenzung gegeneinander und Profilierung stecken kann,

so daß Verfahrensfragen fast zu Glaubenskriegen werden – neben sehr

interessanten Inhalten – aber auch das war uns bald nicht mehr fremd:

• Berufsständische Verbände organisierten sich und sorgten für Abgrenzung

(Landesärztekammer, KV, Sozialarbeiterverband)

• Der DPWV kam nach Sachsen und gab wesentliche Unterstützung u. a.

beim Aufbau von Sozialstationen und bot auch unserem Verein ein

schützendes Dach


Chronologie

• Die ersten Schritte nach der Vereinsgründung waren

erstaunlich unbürokratisch: über den Sozialdezernenten

Pfeiffer, Wohnungsamtsleiter Schulze zur

Wohnungsverwaltung Mitte, H. Schneider, mit dem wir

die Gabelsberger Str. besichtigen konnten, ein

ehemaliges Schwesternwohnheim mit

Einraumwohnungen und Gemeinschaftsbad, schwer

vermittelbar, aber für betreutes Wohnen gut geeignet,

wir sollten freiwerdende Wohnungen an Patienten

vermitteln können, die dann einen eigenen Mietvertrag

bekommen sollten. ABV und Feuerwehr wurden

gekündigt und vom Sozialamt, Frau Zschoeckner, die

Miete für Betreuerräume zugesagt


Chronologie

• Herr Katthaen vom Paritätischen gab uns wichtige

Hinweise, wie ein Mitarbeiterverein funktionieren sollte,

wo und wie man Anträge stellt, Arbeitsverträge gestaltet,

und dass man mit dem Verkauf von

Wohlfahrtsbriefmarken keine Miete bezahlen kann.

Leider ist er im Februar 91 einem Herzinfarkt erlegen,

vielleicht nicht zufällig nach einer Beratung auf dem

Parkplatz vorm Finanzministerium.

Der DPWV hat uns aber weiterhin sehr zuverlässig

beraten.

Noch im Januar haben wir ABM-Anträge beim Arbeitsamt

gestellt.


Der erste Flyer


Chronologie

• Einige von uns haben in Arbeitsgruppen auf Wunsch des Sozialministeriums am

ersten Landespsychiatrieplan mitgearbeitet (Auszug aus Dankesschreiben).

• 1992:

Februar: Weiterführung der ABM-Stellen unsicher! Beantragung von

Bundesfördermitteln im Ministerium, aber weder von Frau Heuschneider dort noch

von Frau Cordts aus dem Sozialamt kam eine Zusage

also an die Öffentlichkeit: Landtagsfraktion der SPD und Notiz in der Zeitung

das brachte Verärgerung, aber wenigstens Bewegung in die Sache und eine Zusage

vom Sozialamt für 2 Monate!

nicht vom Ministerium, da wurde auf den Landeswohlfahrtsverband verwiesen, den es

nur leider noch nicht gab, und die Zuständigkeit nur für Träger stationärer

Einrichtungen haben würde, und dass der Landespsychiatrieplan noch nicht

verbindlich sei und wir das eigentlich alles gar nicht hätten machen dürfen

vom Gesundheitsamt kam das Angebot der Finanzierung für 93

d.h. massenhaft neue Anträge formulieren, an die Ämter, das Ministerium, das

Landessozialamt, das Regierungspräsidium, nachrichtl. DPWV etc.

Das war wohl der Zeitpunkt, wo klar wurde, dass der Geschäftsführer dringend

hauptamtlich angestellt werden musste.

Aber erst mal feierten wir einen Tag der offenen Tür auf der Gabelsberger, der mit viel

Interesse aufgenommen wurde und sogar erste Spenden einbrachte.


Ausgangssituation


Chronologie

• Im August 92 erhielt Herr Skommodau seinen

Arbeitsvertrag mit 50% Eingliederungshilfe vom

AA und konnte zum Praktikum nach Hamburg

fahren, zum Partnerverein Freundeskreis

Ochsenzoll, wie später auch unsere beiden

Betreuerinnen des geschützten Wohnens. Die

wertvollen Einblicke in die Psycho-Szene vor Ort

liess ihn mit Enthusiasmus seine neuartige

Tätigkeit beginnen, und wir vom Vorstand

konnten wieder etwas ruhiger schlafen.


Unterstützung / Behinderung

• Unser Dank gebührt zuerst Herrn Prof. Bach, Rektor der Uni-Klinik Dresden, für seine Initiative mit

einem grossen sozialpsychiatrischen Herzen, später genau so zuverlässig unter Prof. Felbers

Führung,

• Und natürlich ganz entscheidend der Partnerstadt Hamburg, Senatsbehörde, vor allem den

Psychiatrie-Tätigen, Prof. Böhme, Chefarzt Dr. Lorenzen, dem Freundeskreis Ochsenzoll mit

Herrn Garbe und jetzt Frau Urban und Kollegen, Herrn Bock, Herrn Hölzke und vielen anderen,

• Dem DPWV hier vor Ort, der Aktion Psychisch Kranke, der DGSP mit ihrem länderübergreifenden

Engagement, dem Angehörigenverband,

• Herrn Prof. Morgner als Chefarzt und späterer Ärztlicher Direktor des KHDN für die Chance, die

sozialpsychiatrische Arbeit der Kreisstelle für Neuropsychiatrie als Institutsambulanz und in der

ersten städtischen psychiatrischen Klinik fortzusetzen und seine großzügige Unterstützung beim

Aufbau extramuraler Einrichtungen durch unseren Verein,

• Vielen Amtsinhabern und Behördenmitarbeitern, die mit Verständnis und Kreativität nach

gemeinsamen Lösungen gesucht haben, auch wenn sie es mit uns manchmal nicht so leicht

hatten,

• Nicht zuletzt den Betroffenen selbst, die unsere Angebote angenommen und mit denen wir

gemeinsam gelernt haben, wie bedürfnisorientierte und personenzentrierte Hilfen und Projekte

sein sollten,

• Und selbstverständlich den engagierten Mitarbeitern mit ihrer Einsatzfreude, Kompetenz,

Durchhaltevermögen und Kreativität.

• Behindert hat uns eigentlich am meisten – klar, das fehlende Geld überall („das rechnet sich nicht“

als typisches Reizwort), eher aber vor allem Ignoranz, Trägheit, überbordende Bürokratie, aber

wie sagte Bernd-Lutz Lange: Widersprüche bringen uns voran, aber willkommen sind sie nicht.


Übergabe

• Schlussbemerkung und Dank für die

Aufmerksamkeit

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