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Neo Rauch - Zeit Kunstverlag

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<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>von Jürgen HohmeyerAusgabe 78Heft 112. Quartal 2007B 26079Eine Edition der<strong>Zeit</strong>verlag BeteiligungsGmbH & Co. KGKünstlerKritisches Lexikon derGegenwartskunst


1 Das Blaue, 2006Öl auf Leinwand300 x 420 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York»Tiefer greift jedoch die Frage nach den Umständen unseres kollektivenGedächtnisses! Ich gehe davon aus, dass die Besonderheit desvon mir hier so umständlich skizzierten bildkünstlerischen Apparatesdie Aufspürung archetypischer Chiffren außerordentlich begünstigt unddass der maßvoll dirigierte Zustrom von Erinnerungs- und Wahrnehmungspartikelnzu Bildkomprimaten von überraschender und so nichtplanbarer Aussageintensität führen kann. Von daher glaube ich, Malereials die Fortsetzung des Traumes mit anderen Mitteln ansehen zukönnen.«(<strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong> in Eine Art peristaltische Filteranlage in der <strong>Zeit</strong>strömung, vgl. S.14,15)Cover Vater, 2007Öl auf Leinwand200 x 150 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York


Jürgen Hohmeyerüber <strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong>Aus dem AugenwinkelDer Geist der Malerei ist leicht zu fassen – sollte man denken.Verkörpert erscheint er als grüner roboterhafter Taucher-Riese,zur Schau gestellt in einer flachen Art von Schilderhäuschenoder Kühlbox. Dem Trupp plaudernder Betrachter, die ihre Augenfür alle Fälle durch dunkle Brillen schützen, könnte er mitdem mächtigen Pinsel sicher leicht die Schädel einschlagen,sodass sie allesamt zerflössen wie ihre Spiegelbilder auf demglänzenden Fußboden. Schon scheint ihr Geschwätz in einer –leeren – rechteckigen Sprechblase nach oben zu entschweben.Oder fährt sie vielmehr mit ihrem gezackten Stiel, derHochspannung signalisieren könnte, aus der Hand einer strafenden,blitzeschleudernden Gottheit herab? Das lässt sich sogenau nicht sagen. Und schon überhaupt nicht, wie bedrohlichoder wie ironisch der Titel des Bildes denn eigentlich gemeintist.Fest steht, dass der Leipziger Künstler <strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong> mit einer Fluträtselvoller Gemälde, unter denen die 1999 entstandene Malerei(Abb. Rückseite) noch zu den simpleren und eingängigerengehört, innerhalb eines runden Jahrzehnts eine beispiellos steileKarriere hinter sich gebracht hat, in den Ausstellungshäusernund am Markt ebenso wie in den Medien. Auf einer kulturellenSzene, die den schon Anfang der 1980er Jahre einmal sprichwörtlichen»Hunger nach Bildern« chronisch ungestillt lässt,überrollt ihn die Nachfrage nach Arbeiten und nach Interviewterminen.<strong>Rauch</strong> wird als der »bedeutendste Maler seiner Generation«etikettiert1, zum Haupt einer tatsächlich höchst diffusen»neuen Leipziger Schule« ausgerufen sowie zu einer Leitfigurraunender »Geschichtenerzähler«. Seit 1996 haben sich die Verkaufspreiseverfünfzigfacht, bis auf 250 000 Euro für ein mittleresFormat. Nachdem das Kunstmuseum Wolfsburg im Wintereine ausladende Retrospektive gezeigt hat, kündigt das NewYorker Metropolitan Museum für Mai bis September 2007 eineStudioausstellung mit elf neuen, eigens für diesen Anlass gemalten<strong>Rauch</strong>-Bildern an. Längst findet der Maler seine Bewundererauch in den USA, wo vor zwei Jahrzehnten die damaligen»neuen Wilden« als typisch deutsche Exoten sehr erfolgreichwaren.Beklemmende SchauspieleKein Wunder, diese Resonanz. Es geht ein Sog von den merkwürdigenund oft beklemmenden Schauspielen aus, die <strong>Rauch</strong>auf seine Leinwände beschwört. Von den unpersönlichen, anscheinendteilnahmslos-schlafwandlerisch handelnden Figurenund den eigenartigen Requisiten, mit denen sie umgehen. Vonden Maßstabsprüngen, den widersprüchlich verschachteltenBildräumen, in denen sich die Vorstellungskraft ausweglos verirrt,und den ihnen wie bannend eingeschriebenen schlichtenbis enigmatischen Titeln. Von den nächtlich oder gewittrig düsterenStimmungen, in die der Maler viele seiner Eingebungentaucht. Ikonographen öffnet sich ein Eldorado.Wieso nur, ist beispielsweise zu fragen, ziehen diese jugendlichenTypen dort monströse Kraken aus dem See? Was suchenJäger in der Sturmnacht zwischen splitternden Fichten? Gegenwen richtet sich der Aufstand (Abb. 8) robuster Kerle, die bunteKnetewülste aus dem Bild hinausschleudern? Wohin führt wessenRückzug (Abb. 16) mit einem kanister- und tonnenbeladenengelben Karren?Fährten sind ausgelegt. Zumal auf monumentalen neuerenGemälden führt <strong>Rauch</strong> simultan viele anekdotisch wirkende Motivezusammen, die einander erklären könnten – oder zusätzlichverrätseln. Der Rückzug (Abb. 16) aus dem Jahr 2006, nicht wenigerals 3 mal 4,20 Meter groß, entfaltet insgesamt eine Szenerievon Gutshof-Anmutung, stellt aber auch eine Pagode in denBildraum, in der zwei frühe Tondi <strong>Rauch</strong>s wie Altartafeln an denWänden hängen. Männer in blauer Arbeitskluft lungern amWegrand, ein Trommler sucht sich mit dem Schlegel ein pelzigesRaubtier vom Hals zu halten, eine Frau auf den Stufen zurPagode hat eine Schlingpflanze im Blumentopf vor sich, einStaffelläufer hält seine Fackel in die Richtung des offenen Eingangs.Klein im Hintergrund, wie als versteckte Schlüsselepisodeeines Vexier- und Suchbilds, wird eine Exekution vollzogen.So vieles und noch manches mehr ist zu entdecken, aber alle»Blickwanderungen« führen den sinnsuchenden Betrachter ersteinmal in ein »Labyrinth aus lauter Sackgassen«2. <strong>Rauch</strong>s erklärtesInteresse an einer »Erzählstruktur, die sich bis auf Restbeständelesen lässt, geradezu im Sinne eines Textes«, dringtoffenbar nicht völlig durch. Der Künstler selber will den Text ohnehinnicht vortragen, »weil ich das sonst nicht malen müsste«3.So bleibt es bei Einzelhinweisen: Sein Fackelträger etwa, eine»Art Inspirator, der durch die <strong>Zeit</strong>en geht und natürlich einemTreibstofflager nicht zu nahe kommen sollte, aber entflammbarenGeistern sehr wohl«, gehe auf den wagenlenkenden »Knaben«in Goethes Faust zurück4:Auch Flämmchen spend ich dann und wann,Erwartend, wo es zünden kann.Höchstens in Annäherungsschritten, in punktuellen Motivanalysenund Motivvergleichen ist Bedeutungen auf die Spur zukommen.Malerei, sagt <strong>Rauch</strong>, bedeute für ihn »die Fortsetzung desTraums mit anderen Mitteln«5. Manifeste Trauminhalte jedochsind keineswegs mit den latenten zu verwechseln, Freud-Leserwissen das und auch, dass der Psychoanalytiker ratlos bleibt,solange ihm nicht der Proband sein Unbewusstes preisgibt.<strong>Rauch</strong> erzählt vom Traumbild eines Gehöfts, das ihm immerwieder dermaßen klar erscheine, dass er ein Modell danach3


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<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>52 Grund, 1993Öl auf Leinwand250 x 190 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York3 Nachtarbeit, 1997Öl auf Leinwand200 x 320 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York4 Sucher, 1997Öl auf Leinwand60 x 45 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York5 Reflex, 2001Öl auf Leinwand210 x 250 cmCollection of Dianne Wallace, New Yorkcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York6 Quecksilber, 2003Öl auf Leinwand50 x 40 cmSammlung Ruthcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York65


auen könnte6. Nur, wie lasse sich, beim besten Willen, einTraum überhaupt erzählen? Unweigerlich gerate der Versuchzur »Abstraktion«7.Traum-Malerei – da klingt Surrealismus an, Halluzination, écritureautomatique. Tatsächlich pflegt <strong>Rauch</strong> durchaus motivischeund stilistische Verwandtschaftsbeziehungen zu René Magritte,Salvador Dalí und auch Giorgio de Chirico. Aber vom psychischenAutomatismus als Doktrin distanziert er sich, will angeblichnur Ansichten »aus dem Augenwinkel« erhaschen: »Jederkennt das. Du nimmst etwas wahr aus dieser Sichtlage heraus,und man wendet sich dem zu, und es ist weg.«8Die <strong>Zeit</strong> des AusprobierensSeine »ersten gültigen Bilder«9 hat <strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong> laut eigenemStatement 1993 gemalt. Davor lag die <strong>Zeit</strong> des Lernens, desAusprobierens und Adaptierens. Als Fixpunkt dieser Prähistoriesticht ein unbetiteltes Bild des 27-Jährigen hervor, das bei derzehnten – und, wie sich zeigen sollte, letzten – nationalenKunstausstellung der DDR 1987 in Dresden nicht nur für wertbefunden wurde an der Wand zu hängen, sondern auch farbigim Katalog reproduziert zu werden: ein Gestöber heftiger Pinselhiebein Hellblau und Rosa, das eine Schlafzimmerszene andeutet,doch mit einem trennenden Bett-Gitter zwischen denbeiden Figuren. Das gestaltzerfetzende Vorbild Francis Baconwird darin ebenso spürbar wie der Einfluss der Leipziger MalfaustBernhard Heisig, einer Galionsfigur der gesinnungsfesten,aber formal variantenreichen »Leipziger Schule«.Nicht vom prominenten Geschichtsallegoriker Heisig allerdings,obwohl der ihn schließlich offiziell als Meisterschüler annahm,sondern von dem jüngeren Arno Rink, einem Ekstatiker desFleisches, ließ sich <strong>Rauch</strong> an der Hochschule für Grafik undBuchkunst in seiner Geburtsstadt Leipzig unterrichten. Was erda gelernt hatte, mochte 1987 wegen »wirklichkeitsverlorenerFarbklänge« und des »Verzichts auf sinngebende Beziehungenoder Motivationen« durchaus Kritik auf sich ziehen10. Trotzdem:So könnte sich eine DDR-Karriere angebahnt haben. Die dogmatischeVerpflichtung auf einen Sozialistischen Realismus wiezu <strong>Zeit</strong>en Stalins und Ulbrichts war in der Spätphase des angeblichfortschrittlichen Arbeiter- und Bauernstaates, der <strong>Rauch</strong>schlicht als »Spießerverschwörung«11 im Gedächtnis ist, längstverweht.Zum Rebellen hatte das System ihn nicht gemacht. Für dieChance, zum Studium zugelassen zu werden, nahm er klaglosdrei Jahre Dienst in der Volksarmee auf sich – später stellte ermit gelindem Schrecken fest, wie sich militärische Motive ausder Erinnerung unversehens in seine Bildwelt einschlichen12.Maler werden wollte er unbedingt. Schon deswegen, weil seineEltern, Leipziger Kunststudenten im ersten Semester, die sechsWochen nach der Geburt des Babys bei einem Zugunglück umsLeben kamen, Zeichnungen hinterlassen hatten; im Großelternhausin der Kleinstadt Aschersleben, wo er aufwuchs, konnte erdie Blätter betrachten. Aber warum er ausgerechnet <strong>Neo</strong> heißenmusste und wieso dieser regelwidrige Name beim Standesamtdurchgekommen war, ließ sich leider nicht mehr erfragen13. Das100 Kilometer entfernte Leipzig erschien dem Heranwachsendenals große Welt.Dort fühlt <strong>Rauch</strong> sich auch jetzt, internationales Echo hin oderher, am rechten Platz für »Konzentration und Inspiration«14. Erwohnt, halb auf dem Land, knapp jenseits der südlichen Stadtgrenze,und im einst lebhaften Leipziger Industrieviertel Plagwitzbietet ihm das riesige, großenteils leerstehende Fabrikgebäudeder früheren »Baumwollspinnerei« ein, wenn man die Ausmaßeseiner Produktion bedenkt, bescheidenes Atelier. An der Hochschulehat er die Nachfolge seines Lehrers Rink angetreten, um»das besondere Klima am angestammten Ort« gegen »durchgängigeRheinlandisierung« bewahren zu helfen – »schon 80 Kilometerweiter wäre die Kunst anders.«15 Allzu gut weiß ernoch, was seinerzeit den Anfänger »nach Leipzig gezogen hat.Ich war fasziniert von der Detailfülle, der handwerklichen Soliditätund der oft bizarren Fabulierfreude und verharrte staunendvor manch einem Blendwerk. Kunst damals mit Könnertum verwechseltzu haben, lasse ich mir durchgehen.« Als einen Geniusloci verehrt er Max Beckmann. Sein Fazit: »Das Gegenständliche,das zeichnerisch Akzentuierte und ein historisch reich definiertesideelles Weltbild – alles mit neuer Freiheit gehandhabt –sind meine Leipziger Wurzeln.«16Die Freiheit, die <strong>Rauch</strong> hier meint, ist nicht etwa mit der deutschenVereinigung gekommen. Erstaunlich schroff verneint erdie Frage, ob der Mauerfall auch eine Zäsur in seiner Entwicklungbedeutet habe: »Durch den Wegfall eines Bauwerks undgewisser Peinlichkeiten und Ärgerlichkeiten im gesellschaftlichenUmfeld kann ich unmöglich im künstlerischen zu neuenSchlussfolgerungen gelangen, dazu ist die ganze Angelegenheitim geistigen Bereich viel zu unwesentlich.«17Genauso wenig sind <strong>Rauch</strong>s Bilder allein aus seiner DDR-Vergangenheitzu erklären. Immerhin dürfte zutreffen, dass einemLeipziger Künstler seiner Generation das periodisch totgesagteund in gleichem Rhythmus scheinbar neu entdeckte MediumMalerei in seiner figurativen Spielart von vornherein näher lagals den meisten Kollegen aus seiner Generation im Westen.Natürlich übertreibt <strong>Rauch</strong> eine persönliche Trotzhaltung, wenner so tut, als sei Malerei, gegenständliche zumindest, pauschalin Misskredit oder sei es jedenfalls während der neunziger Jahregewesen18. Polke, Baselitz, Kiefer und auch Gerhard Richterliefern schlagkräftige Gegenbeispiele.6


<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>Kosmische WeltenNach einer Phase wechselvoller Such- und Probeläufe, derenErgebnisse <strong>Rauch</strong> als »liebender, aber strenger Vater« seinerBilder großenteils vernichtet hat19,, meldet er sich 1993 mit einerFolge düsterfarbiger, auf wahrhaft träumerische Weise verschwommenerMalereien zur Stelle. In gedämpften erdigen biswässrigen Tönen und dünnen, oft streifig aufgerauten Lasurenscheinen sich kosmische, submarine und innerleibliche Weltenzu offenbaren. Dunkle Sterne (oder sollte es sich um Flugzeugehandeln?) taumeln durch eine lockere Scheiben- und Rechteckordnung.Von schwärzlichem Grund (Abb. 2) heben sichschemenhafte Frauengestalten ab; eine führt eine Ranke zumMund – Taucherschnorchel oder Nabelschnur? Die letztere Assoziationwird durch den Schriftzug »Evas Plazenta« auf einerweiteren Darstellung gestützt – einem Rundbild, das neben anderenMotiven wiederum eine weibliche Figur samt Schlingpflanzevorführt. <strong>Rauch</strong> hat es dann 13 Jahre später in seinemRückzug zitiert und die Frau mit der wohl lebenspendendenRanke gleich noch einmal auf die Stufen seines Pagodentempelsgesetzt. Zu ihren Vorgängerinnen gehört auch eine 1995 inmehreren Bildern verkörperte Anima.Seit der Mitte des Jahrzehnts tauscht <strong>Rauch</strong> die sanften malerischenReize seiner früheren Visionen gegen eine eher geometrischeKonstruktion der Bildräume und einen flächigtrockenenFarbauftrag zumeist von mattem Olivgrün, Rostrot,Graublau, Ocker und Schwarz. Das Geheimnis der Szeneriengeht dabei nicht verloren, auch wenn nun Perspektivgeradenstracks in die Hintergründe schießen und anscheinend biedereWerkleute in weiten Hallen tätig sind. Was sie da etwa beider Nachtarbeit (1997, Abb. 3) am Modell eines Fabrik-Ensemblesund mit spielzeugkleinen Panzerwagen zu schaffenhaben, bleibt ebenso ungewiss wie der Realitätsstatus derräumlichen Situation. Die Szene erscheint in einer Art Sprech-, vielmehr Bildblase mit dem gezackten Rand eines papierenenAusrisses – per Guckloch durch eine grün-weiße Flächehindurch zu erspähen oder dieser etwa doch als eine vordereSchicht aufgeklebt? Wo steht dann und wie wirklich ist dieandere Fabrik, die jenseits des Fensters in schwarzer Nachtsichtbar wird? Ähnlich beliebte es Magritte, den Wirklichkeitssinnzu irritieren.Ein weiterer, diesmal ausdrücklich so genannter Durchblick,nämlich in eine Panzerhalle, wird durch wolkig modulierte Farbflächengerahmt, die an abstrakte Bilder wie von Sam Franciserinnern mögen; <strong>Rauch</strong> hat das Muster aber aus einem Strickwarenkatalog.Unübersehbar verhandelt er ständig auch dieMachbarkeit von Kunst, die Erzeugung und Störung von Illusion,die Materialität und die Wandlungsfähigkeit des Kolorits.So hängt Farbe in schwarzgrauen vertikalen Strähnen, dreiViertel der Bildfläche füllend, als himmelhoher Vorhang hinterdem Haus oder stürzt, auch das ist vorstellbar, nicht allzu fernherunter wie Pech und Schwefel auf Sodom. Personen stehenals flache Silhouetten umher und könnten offenbar mittels umknickbarerLaschen an ihren Rändern anderen Schablonenvorgehängt werden wie Kleidungsstücke einer Ausschneidepuppe.Ein Pappkamerad muss, schon durchlöchert, als Zielscheibeherhalten, während die ihm mit der Flinte ausgestanztenFarbscheiben frei durch den Raum floaten. UnerträglicherNaturalismus heißt das Gemälde. Andererseits lässt sich derMaler buchstäblich hinter die Kulissen seines Bühnenzaubersblicken, genauer: auf die Rückflächen mit schmalen Latten gestützterTafeln. Deren Umrisse sind oft unregelmäßig, vermutlichdurch ein Bildmotiv auf der dem Betrachter abgekehrtenimaginären Schaufront motiviert. Direkte Vor-Bilder habensolch Potemkinsche Kunstfassaden im Comic-Klassiker »Tintinet Milou« (deutsch »Tim und Struppi«) des belgischenZeichners Hergé20, wie denn <strong>Rauch</strong> überhaupt populäre Quellennicht verschmäht. Generell lassen seine Gemälde aus derzweiten Hälfte der neunziger Jahre eher an vergilbte Werbeplakateund Warenverpackungen denken als an Anregungenaus der Hochkunst. Dem Geist der Pop Art fühlt er sich verbunden.Sucher und FinderBedächtig geht eine symbolträchtige Rückenfigur mit unleugbaremEinschlag von Selbstporträt durch diese Werkphase <strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>s: ein Sucher (1997, Abb. 4), ob nun Tretminen oder vergrabenenSchätzen auf der Spur. Er trägt seinen Detektor vorsich her wie ein Gärtner den Rasentrimmer, hinter seinemRücken aber fährt ein kometenartiger Blitz in die am Wegrandneben Farbdosen aufgebaute Staffelei. Zack, zündet da der unberechenbareFunke. In anderer Malweise und Kostümierungund mit anderem Habitus tritt statt des Suchers 2004 ein Finder(Abb. 9) auf. Aber unverkennbar kann auf diesem Bild der eineFrackträger nur so viel vom Boden aufsammeln, wie zuvor einemanderen aus dem Köfferchen gefallen ist.»Halbwache Momente, in denen sich das Treibgut in meinenSchleusenkammern verfängt«, so sagt es <strong>Rauch</strong>, seien die »Essenz«seiner malerischen Hervorbringung. Bestimmt wolle erdas »Angespülte« nicht auf »aktuelle Sehgewohnheiten« trimmenund es auch nicht hierarchisch ordnen. »Das kann bedeuten,dass zum Beispiel Balthus, Vermeer, Tim und Struppi, DonaldDuck, Donald Judd, Agitprop und billiger Reklamekram mitSchlagzeilencharakter in einer Ackerfurche meiner Kindheitslandschaftineinander fließen, um darin ein verschlungenes Konglomeratvon überraschender Plausibilität zu generieren.«217


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<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>107 Rückkehr, 2004Öl auf Papier258 x 199 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York8 Aufstand, 2004Öl auf Papier199 x 275 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York9 Finder, 2004Öl auf Leinwand50 x 40 cmCollection Rita Taverniercourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York10 Die Lage, 2006Öl auf Leinwand300 x 420 cm / 118.11 x 165.25 inchescourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York11 Ungeheuer, 2006Öl auf Leinwand50 x 40 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York119


Am Beginn des neuen Jahrhunderts verdüstert sich die Stimmung,die Formen werden kompakter, Lokalfarben geraten bunter,Motivkombinationen suggestiver. Arglos, wie es aussieht,kehrt auf dem Bild Reflex (2001, Abb. 5) der Mann drinnen imhellerleuchteten Büroraum der gläsernen Fensterwand denRücken – eine geradezu verdächtig harmlose, ja freundlicheSzene, die sich im Pool vor dem Haus verschwimmend spiegelt,ähnlich wie das den Leuten vor der Malerei (Abb. Rückseite) aufdem blanken Boden geschieht. Am Beckenrand aber, im fahlenVollmondlicht, scheinen sich Froschmänner mit Bootsmodellenund Harpune zum Abtauchen bereit zu machen. Wonach werdensie gründeln?Sekunden vor einem möglichen EkzessEs ist schwer, für bare Münze nehmen, dass die »eigentliche Arbeit«<strong>Rauch</strong>s sich auf das »Anfertigen von Bildern« beschränkensoll und die Sujets nur »Hobby« seien22, »letztlich Privatangelegenheit«23.Ohne Sujet gibt es kein Bild, jedenfalls bei diesemMaler. Dem gelegentlichen Verwerter von Comic-Strips, die ihmallerdings erst im Erwachsenenalter zu Gesicht kamen, dürfteauch »Little Nemo in Slumberland« von Winsor McCay nicht unbekanntgeblieben sein, die Geschichte eines Jungen, derphantastische Abenteuer träumt und in äußerster Gefahr jeweilsnur durch Aufwachen gerettet wird. Von <strong>Rauch</strong> gibt es Bildermit der Gestalt eines Schlafenden, dem dieser Moment der Erleichterungoder auch des Schreckens wohl kurz bevorsteht.Schon früh hat der Maler erklärt, sein Ehrgeiz sei es, die spannungsgeladene»Sekunde vor einem möglichen Exzess«24 festzuhalten.Diesem Augenblick muss in der Sturmnacht die unverhältnismäßigkleine Figur eines Schläfers entgegenträumen, währenddraußen riesig die Jäger vorüberziehen. Ein buchstäblich explosivesErwachen droht dem Mann im Krankenbett beim Aufstand(Abb. 8): In den Krug auf seinem Nachttisch führt eine glimmendeLunte. Unheimlich verteilen sich knollig-amorphe Massendurch das Zimmer, hier schleimig-weißlich, dort fäkalbraun. ImSessel formt sich daraus eine Kanone, doch auch die buntenWurfgeschosse der Aufständischen sind von ähnlicher Konsistenz.Will sagen: All dieses ist Farbe, Gemälde und Alpträumebestehen aus gleichem Stoff. Noch auf vielen Bildern ballt ersich und quillt in unterschiedlichen Aggregatzuständen. Erschmilzt im Museum als weiche Teer-Skulptur dahin, steigt nebendem Haus des Lehrers als Gewölk auf, versteinert in derHöhle zu verschiedenfarbigen Stalaktiten und Stalagmiten.Dickflüssig Gelbes platscht im Verlauf einer Abstraktionschwarzen Vögeln vor die Schnäbel.Nahe liegt es, den Typ des jugendlichen Mannes, der sich seinenTräumen ausliefert, als Selbstporträt zu betrachten, obwohldas nicht immer nach dem Sinn des Künstlers ist25. Aber weraußer ihm selber sollte es sein, wenn so einer die Rückkehr(Abb. 7) an den Fuß eines Tempelhügels oder die Heimkehr aufeinen Bauernhof (samt mittlerweile schon bewährten Architektur-Versatzstücken)vollzieht? Dabei holt der verlorene Sohnübrigens, als gälte es einen Taschenspielertrick, ein auch sonstmehrfach benutztes Leporello hervor.Wild wuchernde SzenenSinister und zugleich üppig geht es zu auf <strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong>s jüngstenGemälden. Wild wuchern die Szenen ineinander, farbsatt undlabyrinthisch, katastrophenschwanger und blutrünstig; nur expliziteErotik bleibt ausgespart. Engel, sonderbare Heilige mitDostojewski-Bart und Gentlemen in historischem Wams bekommenihren Auftritt, die Guillotine wird zum geläufigen Möbelder aktuellen Werkphase. Bildformate wachsen gelegentlich bisüber zwölf Quadratmeter hinaus, und es kann nicht ausbleiben,dass der inszenatorische Aufwand auch mit einer Einbuße anmalerischer Faktur bezahlt wird. <strong>Rauch</strong> findet aber, geradedurch »unterversorgte« Partien ströme »Leben in die Bilder«26.Unumstritten steht er nicht da auf der aktuellen Szene, allem Erfolgzum Trotz. »Nicht vorstellbar« antwortet er auf die Frage,ob er es für möglich halte, mit seiner »Ostnummer« zur Documentaeingeladen zu werden27. Tatsächlich könnte es nicht nurausgesonderten Kandidaten, sondern auch den Organisatorenzu denken geben, dass im vergangenen Jahrzehnt internationalso vieldiskutierte (und so unterschiedliche) Künstler wie DamienHirst, Jeff Koons und Matthew Barney in Kassel durch das Siebder strengen Kriterien fielen. <strong>Rauch</strong> rüstet sich mit der Überzeugung,manchmal sei es eben nötig, genau das Unerwünschteabzuliefern28, und so passiert es, dass er, um seine Kritiker herauszufordern,gern mal ein Stillleben mit Harnisch und fabelhaftkitschiger Vase in den Vordergrund eines Bildes rückt.Es handelt sich um eines der Anfang 2007 entstandenen Werkefür die New Yorker Ausstellung, trägt den Titel Vater (Abb. Cover)und präsentiert eine eigenartige »Dreifaltigkeit«, wie derKünstler sie nennt: Ein melancholisch blickender übergroßerJüngling mit Biedermeier-Jabot hält eine kleine, aber sichtlichältere männliche Figur im Arm, während ein Dritter von der Seiteher hinzutritt und seine Kamera auf den arrangierten Nippesrichtet. Max Ernsts Gemälde Pietà ou la révolution la nuit von1923, das den Vater in die Rolle der mitleidigen Gottesmutterversetzt, bietet eine vergleichbare Personenkonstellation mit familiäremHintergrund.<strong>Rauch</strong> hatte anfangs bei dem jungen Riesen und dessenSchmachtlocke sich selbst als Halbwüchsigen im Sinn. Dochals das Bild fertig war, stellte er starke Ähnlichkeiten mit einemJugendfoto seines Großvaters fest. Trägt also der seinen Sohn,10


<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>den Vater des Malers, den dieser nie gekannt hat? Oder hegt<strong>Neo</strong> eines jener großen Kinder, die jetzt seine Studenten sind?Und was will bloß der Eindringling von rechts? Der Maler hatkeine Auflösung seines Rätsels parat, jedenfalls vorerst. »Dieseeigentümlich verzahnte Staffelung«, sagt er, »muss ich mir nocherschließen.« Leichter lässt sich das groteskeste Motiv der Szenedeuten, das übergroße gelbe Paar väterlicher Hände oderHandschuhe wie aus schlaff aufgepumptem Gummi: Hier entwickeltsich das Psychoplasma der <strong>Rauch</strong>schen Bildwelt, der»schmiegsame, ausufernde süße Brei« der Farbe, spontan zum»Körperfortsatz«29.24 Wie Anm. 8, S. 625 Wie Anm. 426 Wie Anm.19, S. 13827 Im Gespräch mit Susanne Beyer und Ulrike Knöfel:<strong>Zeit</strong> der zarten Bitternis, Der Spiegel38/2006, S. 19328 Wie Anm. 329 <strong>Rauch</strong> im Gespräch mit dem AutorFotonachweisFotos:Uwe WalterAnmerkungen1 Markus Brüderlin Katalog Wolfsburg 2006, S. 82 Werner Hofmann Im Tumult der Episoden, Art11/2006, S. 223 Im Gespräch mit Nicola Kuhn: Ich bin ein Somnambuler.Der Tagesspiegel, 15. 9. 2006, S. 254 Im Gespräch mit Holger Liebs: Mir ist nichtsmehr peinlich. Süddeutsche <strong>Zeit</strong>ung 13. 9. 2006,S. 25. Goethe: Faust II, 5589 f.5 Christoph Tannert Ordnungsschema Baumkuchen.Ausstellungskatalog Galerie der StadtBacknang 1998, S. 8. Zitiert nach Katalog Wolfsburg2006, S. 626 Wolfgang Büscher Neue Lieder! in: KatalogWolfsburg 2006, S. 547 Bernhart Schwenk Die Palette als Obdach undBedrohung in: The Mystery of Painting, München2001, S. 115. Zitiert nach Katalog Wolfsburg2006, S. 1308 Im Gespräch mit Klaus Werner in KatalogManöver 1997, S. 12, 16.9 Wie Anm. 110 Hermann Raum Bildende Kunst in der DDR, Berlin2000, S. 286 f.11 Wie Anm. 312 Wie Anm. 8, S. 1213 Jürgen Hohmeyer Dämonen im Hangar, DerSpiegel 46/1997. S. 24414 Im Gespräch mit Axel Hecht und Tim Sommer:Der Bürgerkrieg greift auf die Bilder über", Art,Dezember 2004, S. 5515 Wie Anm. 316 Günther Meißner im Gespräch mit Arno Rink und<strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong>: Leipziger Schule – und was bleibt?Leipziger Volkszeitung, 1. 10. 1994, S. 48. Zitiertnach Katalog Randgebiet (2000), S. 12517 Im Gespräch mit Roswitha Sievert in KatalogMarineschule (1995), zitiert nach Katalog Randgebiet(2000), S.12718 Wie Anm. 14, S. 5419 Im Gespräch mit Ulrich Clewing: Ein echter Leinwandstar,Architectural Digest November 2006,S. 14220 Holger Broeker Auf dem Prüfstand der Malerei inKatalog Wolfsburg 2006, S. 2621 Antwort auf Fragen von Alison M. Gingeras: <strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>. A Peristaltic Filtration System in the Riverof Time, Flash Art November/Dezember 2002, S.68 (Vgl. S, 14/15 in diesem Heft)22 Wie Anm. 8, S. 1023 Harald Kunde Flurbereinigung in Katalog DeutscheBank 2000, S. 10, zitiert nach KatalogWolfsburg 2006, S. 72Jürgen Hohmeyer, geboren 1936,war von 1966 bis 2001 Kunstkritikerbeim "Spiegel".11


12 Jagdzimmer, 2007Öl auf Leinwand110 x 160 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin& David Zwirner, New York13 Morgenrot, 2006Öl auf Leinwand280 x 210courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin& David Zwirner, New York14 Theorie, 2006Öl auf Leinwand250 x 190 cmSammlung Queenie, Münchencourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin& David Zwirner, New York15 Nexus, 2006Öl auf Leinwand300 x 420 cm / 118.11 x 165.35 inchescourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin& David Zwirner, New York1216 Der Rückzug, 2006Öl auf Leinwand300 x 420 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin& David Zwirner, New York131412


<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>151613


Eine Art peristaltische Filteranlage in der <strong>Zeit</strong>strömungFragen von Alison M.Gingeras an <strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong>LIEBER NEO, (…) Die Versuchung ist groß, deine Arbeit auf denStatus eines sozialgeschichtlichen Dokuments zu reduzieren:»<strong>Neo</strong> <strong>Rauch</strong> ist der Maler der gescheiterten Utopien des Ostblocks.«Zugleich scheinen die fragmentierten Räume deiner Bilder– ein Eindruck, der sich den Manipulationen der naturalistischenPerspektive verdankt sowie der unmöglichenarchitektonischen Flächengliederung, der kinematografischenBrüche, Bildsprünge und Nahaufnahmen innerhalb eines Bildes– nicht nur Vorstellungen von ›Ganzheit‹ zu verbieten, sondernauch allzu simple Schlussfolgerungen auf <strong>Zeit</strong> und Ort des bildlichenGeschehens zu unterbinden. Ist die räumliche und zeitlicheFragmentierung ein Mittel, um den offiziellen Diskurs in Frage zustellen, der von einem geeinten deutschen Staatsgebildespricht? Wendet er sich, um diese Frage weiterzudenken, gegendas Leugnen der Tatsache, dass zwei Schulen deutscher Kunstbestehen: eine westliche und eine östliche Schule?(…) Die anfängliche Rezeption deines Werkes hat sich zumeistauf den ästhetischen und politischen ›Nachlass‹ der Ostblock-Vergangenheit verlegt (…). Der Atelierbesuch bei dir hat mir denEindruck vermittelt, dass sich dein Werk in einen historisch undideologisch viel breiter angelegten Dialog begibt. Es scheintsubtile Anleihen zu machen, die für das bloße Auge kaum wahrnehmbarsind – ich denke da an gewisse Gesten bei einigen derneueren Figuren, die von Balthus oder gar von Vermeer stammenkönnten. Bilden diese ›promiskuitiven‹ Anleihen eine weitereSchicht, die den Vorwurf widerlegt, dass deine Arbeit ›Nostalgie‹für den Osten hegt?(…) Die Figur des ›Künstlers‹, die in deinen Arbeiten wiederholtauftaucht, erscheint häufig in gewalttätige Auseinandersetzungenverwickelt. (…) Unerträglicher Naturalismus (1998) porträtiertden Maler als Meisterschützen. Im Rahmen eines kinematografischenRaumes, der durch ein Staffeleigerüsteingefasst wird, richtet er sein Gewehr vor versammelter Mengeauf einen Kritiker. Sieht man einmal von der narrativen, an derBildoberfläche orientierten Lesart ab (…),dann stellt sich die Frage,ob der Kampf nicht auch als Allegorie des Spannungsverhältnissesvon Moderne und Realismus gelesen werden kann?Ist der Gegensatz von Figuration und Abstraktion noch immerein Thema? (…)LIEBE ALISON, (…) Die Dinge liegen in meinem Falle wahrscheinlichsehr viel einfacher, als man anzunehmen geneigt ist,und sind dennoch, oder gerade deshalb, so unendlich kompliziert.Ich begreife den Vorgang des Malens, als außerordentlichkreatürliche, geradezu dem Atmen nahestehende Form derWeltaneignung, die nach außen hin weitgehend absichtslos ist,und die sich im Wesentlichen auf den Prozess des konzentriertenDurchströmens beschränkt. Ich vernachlässige hier vorsätzlichdie Betrachtung aller katalytischen Einflüsse, die geeignetsein könnten, diesem Geschehen seine Unschuld zu nehmen,denn ich würde gern etwas modellhafte Klarheit in diesen Zeilenaufscheinen lassen. Wenn ich mich also in diesem Sinne als eineArt peristaltische Filteranlage in der <strong>Zeit</strong>strömung begreife,dann liegt es nahe, die Beschaffenheit und somit vielleicht auchdie Qualität des Filtersystems zu untersuchen.Um es gleich vorauszuschicken: die Frage nach der künstlerischenQualität von Malerei im Allgemeinen versuche ich stetsunter weitest gehender Ausblendung des Kontextuellen zu beantworten.Offenbart sich mir eine Malerei als einprägender undbeunruhigender Ausdruck einer irritierend seltsamen Malerpersönlichkeit,dann ist in der Regel auch die Schwelle vom bloßenGemälde zum Bild hin überschritten worden und ich nehme diesekonstruktive Erschütterung meiner Gewohnheit dankbar entgegen.Ist der Eindruck stark, dann reduziert sich automatischmein Interesse an der Entstehungszeit, an gesellschaftlichenHintergründen und tiefer greifenden Absichten des Autors, dasBild wirkt als autonomes auratisches Aggregat. (…)Die Beschaffenheit meines Auffangsystems korrespondiert gewissmit meinen mentalen und morphologischen Besonderheiten;sie ist von sehr frühzeitig geprägten Animositäten und Affinitätenbeeinflusst worden und ist daher in nur sehrbeschränktem Umfange modifizierbar. Aus dieser ernüchterndenErkenntnis schöpferischen Nutzen zu ziehen, sie gleichsamzur Basis eines weit reichenden Entwicklungsvorgangs zu erklären,dessen Ziel die Freiwicklung des Eigentümlichen darstellt,bedeutet auch, sich in der Rolle des Autors einzurichten.Ich verstehe meine Werkstatt also nicht als Bestandteil der <strong>Zeit</strong>strömung,sondern eher als eine mit der <strong>Zeit</strong>mauer in Verbindungstehende Durchlaufstation, deren sperrige Konturen zuWirbelbildungen und besonderen Ablagerungen führen. Wichtighierbei ist das Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieser Sonderungsanlage,so dass der Zustand der Konzeptionslosigkeit erhaltenbleiben kann! Diese halbwachen Momente, in denen sichdas Treibgut in meinen Schleusenkammern verfängt und zuneuen Ordnungen fügt, sind die Essenz meines malerischenSchaffens.So ist es vielleicht auch zu verstehen, dass beispielsweise einbewusstes und vorsätzliches Verhandeln innerdeutscher kulturpolitischerProblemfelder weit außerhalb meiner Werkstattgrenzenstattfinden müsste; ich könnte als Privatmann hierzu manchesbeisteuern, aber auf meinen Leinwänden spiegeln sichandere Welten (…).Eine anscheinend unvermeidliche Begleiterscheinung dieserMalhaltung sind gewisse Indifferenzen hinsichtlich der chronologischenSortierbarkeit, denn meine Praxis sieht keine Trimmungdes Angespülten in Richtung aktueller Sehgewohnheiten vor.Auch enthalte ich mich sowohl einer Hierarchisierung als aucheiner bewussten Bewertung meines Bildinventars. Das kann bedeuten,dass zum Beispiel Balthus, Vermeer, Tim und Struppi,Donald Judd, Donald Duck, Agit Prop und billiger Reklamekrammit Schlagzeilencharakter in einer Ackerfurche meiner Kindheitslandschaftineinander fließen, um darin ein verschlungenesKonglomerat von überraschender Plausibilität zu generieren.Da ich inzwischen einigermaßen konventionell figurativ male,was grob verkürzt bedeuten kann, dass allegorisch ambitioniertesPersonal in Landschafts- oder Interieurkulissen installiert14


<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>wird, kann eben gerade die Landschaft als Schwemmgebiet undKeimzone für das Durcheinander der fremdartigen Einspülungendienen. Es ist ganz naheliegend, die Landschaft meines eigenenHeranwachsens, die mir hier als zuverlässiger Nährboden fürmein Laborieren dient, zu nutzen, denn ich bin ein vorsichtigerMensch, der auch im riskantesten Vordringen noch Restbeständedes Vertrauten um sich braucht. Auf diese Weise kommt esalso in meinen mitteldeutschen Gefilden zu Verschmelzungender wunderlichsten Art, und ich wage zu behaupten, dass derewige Ostalgievorwurf eben jemandem gemacht wird, von demman genau weiß, woher er kommt! Mir ist einmal gesagt worden,dass man, wenn man es nicht wüsste, kaum vermuten könne,an welchen Ort und in welcher <strong>Zeit</strong> meine Bilder wohl entstandensein mögen, und ich will nicht verhehlen, dass mir dieseAnsicht sehr behagte. Manche spüren Amerikanismen in meinenWerken auf, anderen wiederum mutet manches gar fernöstlichan, und nur der gehässige Kollege, der im Nachbardorf haust,erkennt in meinen Bildern lediglich den provinziellen Stallmist,den er selbst vor der Nase hat. Irgendwie haben sie natürlich alleRecht, denn mein Arsenal ist so robust konstruiert, dass esZuladungen jeglicher Art und Konsistenz aufzunehmen vermag(…).Wenn ich vor der weißen Leinwand stehe, stehe ich gleichsamvor einer Nebelbank. Vor dem beherzten Schritt in diesen ungesondertenBezirk steht die Frage, worauf ich darinnen stoßenwerde und welcher Zurüstungen ich bedarf, um die Exkursionerfolgreich zu meistern. Grundsätzlich sollte dabei ein verhältnismäßighohes Risiko garantiert sein und an der Stelle gibt manseine Gradierung zu erkennen. Ich stellte mit Erstaunen fest,dass sich Jüngere anschicken, die Schützengräben der fünfzigerJahre freizuscharren, indem sie behaupten, nur der mit abstraktemInstrumentarium Operierende würde in seinen Nebelbänkenwahrhaftige Tapferkeit demonstrieren. Der Krieg zwischen Figurationund Abstraktion schien in Sonntagsmalerscharmützelnausgeklungen zu sein und hat nun von dort aus lästigerweisewieder auf einige Malklassen in Ostdeutschland übergegriffen.Für mich stellt sich die Frage nach riskantem Verhalten sicher ineiner Weise, die für spätabstrakte Hegemonisten nicht nachvollziehbarist.Ich öffne schaudernd die unterschiedlichsten Kontaminationskammernund entnehme ihnen diverse Materialien zur vorläufigenZwischenlagerung in meinen Bildbezirken. Ich führe verschrecktesPersonal aus Quarantänebaracken und biete ihmAnsiedlungsmöglichkeiten in meinen Nebelkammern. Ich sorgedafür, dass es darinnen komfortabel wird, indem ich etwas Kultureintropfen lasse, und bei all dem spüre ich lustvoll den gefährlichschmalen Grat von dem ich rasant in Richtung Lächerlichkeit,Harmlosigkeit und Peinlichkeit fortstolpern könnte. Sooperiere ich auf meine Weise in Grenzregionen und es kannwohl hier angemerkt werden, dass der Arbeitsplatz des Künstlersstets in Randgebieten installiert werden sollte (…).(Alison M. Gingeras ist Kuratorin am Centre Georges Pompidou inParis. Das schriftliche Gespräch erschien in Flash Art, November,Dezember 2002, No. 227. Für die Erlaubnis zum auszugsweisenNachdruck der deutschen Fassung bedanken wir uns bei der GalerieEIGEN + ART, Berlin.)Foto: Gregor HohenbergKünstlerKritisches Lexikon derGegenwartskunsterscheint viermal jährlich mit insgesamt28 Künstlermonografien auf über 500 Text- undBild-Seiten und kostet im Jahresabonnementeinschl. Sammelordner und Schuber € 148,–,im Ausland € 158,–, frei Haus.www.weltkunst.dePostanschrift für Verlag und Redaktion<strong>Zeit</strong>verlag Beteiligungs GmbH & Co. KGNymphenburger Straße 84D-80636 MünchenTel. 0 89/12 69 90-0 · Fax 0 89/12 69 90-11Bankkonto: Commerzbank StuttgartKonto-Nr. 525 55 34, BLZ 600 400 71›Künstler‹ erscheint in der<strong>Zeit</strong>verlag Beteiligungs GmbH & Co. KGGründungsherausgeberDr. Detlef BluemlerProf. Lothar Romain †RedaktionHans-Joachim MüllerDokumentationAndreas GrönerGeschäftsführerDr. Rainer EsserVerlagsleiterBoris Alexander KühnleGrafikMichael MüllerAbonnement und Leserservice<strong>Zeit</strong>verlag Beteiligungs GmbH & Co. KGNymphenburger Straße 84 · Postfach 19 09 18D-80609 MünchenTel. 0 89/12 69 90-0›Künstler‹ ist auch über denBuchhandel erhältlichPrepressFranzis print & media GmbH,MünchenDruckAumüller Druck KG,RegensburgDie Publikation und alle in ihrenthaltenen Beiträge und Abbildungensind urheberrechtlich geschützt. JedeVerwertung, die nicht ausdrücklich vomUrheberrechtsgesetz zugelassen ist,bedarf der vorherigen Zustimmung desVerlages. Dies gilt insbesondere fürVervielfältigungen, Bearbeitungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen unddie Einspeicherung und Verarbeitungin elektronischen Systemen.© <strong>Zeit</strong>verlag Beteiligungs GmbH & Co. KG,München 2007ISSN 0934-173015


<strong>Neo</strong><strong>Rauch</strong>17 Malerei, 1999Öl auf Leinwand118 x 72 cmcourtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin & David Zwirner, New York16

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