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ISSN 0007–3121DER BÜRGER IM STAAT1/2–2011Raumbilder für das LandRegionen, Orte und Bauten im ländlichen Raum


DER BÜRGER IM STAATINHALTKerstin GotheRaumbilder für das Land 4Gerlind WeberAktuelle Herausforderungen ländlicher Räume 8Ulf HahneNeue Ländlichkeit? Landleben im Wandel 12Rudolf KöberlePerspektiven für den ländlichen Raum in Baden-Württemberg 19HEFT 1/2–201161. JAHRGANGISSN 0007–3121„Der Bürger im Staat” wird von der Landeszentralefür politische Bildung Baden-Württemberg herausgegeben.DIREKTOR DER LANDESZENTRALELothar FrickREDAKTIONSiegfried Frech, siegfried.frech@lpb.bwl.deREDAKTIONSASSISTENZBarbara Bollinger, barbara.bollinger@lpb.bwl.deANSCHRIFT DER REDAKTIONStaffl enbergstraße 38, 70184 StuttgartTelefon 0711/164099-44, Fax 0711/164099-77HERSTELLUNGSchwabenverlag Media der Schwabenverlag AGSenefelderstraße 12, 73760 Ostfi ldern-RuitTelefon 0711/4406-0, Fax 0711/442349GESTALTUNG TITELBertron.Schwarz.Frey, Gruppe für Gestaltung, UlmGESTALTUNG INNENTEILBritta Kömen, Schwabenverlag Mediader Schwabenverlag AGVERTRIEBVerlagsgesellschaft W.E. Weinmann mbHPostfach 1207, 70773 FilderstadtTelefon 0711/7001530, Fax 0711/70015310Der Bürger im Staat erscheint vierteljährlich.Preis der Einzelnummer 3,33 EUR.Jahresabonnement 12,80 EUR Abbuchung.Bitte geben Sie bei jedem Schriftwechsel mitdem Verlag Ihre auf der Adresse aufgedruckteKundennummer an.Namentlich gezeichnete Beiträge geben nichtunbedingt die Meinung des Herausgebers undder Redaktion wieder.REGIONENHildegard Schröteler-von BrandtDenkRaum „Zukunft Dorf“ innerhalb der REGIONALE 2013 Südwestfalen 26Henrik SchultzRaumperspektiven ZukunftsLAND. Eine Studie über den Raumder REGIONALE 2016 30Michael ArndtNachhaltigkeitscheck ESYS. Entscheidungssystem für einedemographierobuste Infrastrukturplanung 33Rita ColantonioKulturlandschaft und historisches Erbe im ländlichen Raum 38BAUTENJutta UllrichDörfliche Wohnlandschaften 42Markus GasserHausen am Albis – Anleitung Dorfbau 46Sören SchöbelLandschaftsbilder zwischen Bewahren und neuer Gestalt 50ORTEAngelika JäkelÜber den Zusammenhang von Bewegung und Öffentlichkeit 58Carina Stephan/Fabian TornsDas Modellprojekt „Freiamt bringt’s“ 62Heidi MegerleInnovative Regionalentwicklung oder Musealisierung? 66Catarina ProidlDie Rolle und Bedeutung von Landschaftsstrukturen im Alpenrheintal –am Beispiel Vaduz-Triesen 72Rolf DemmlerGewebe kultureller Kommentierungen im Lianping Tourist Resort 77Stefan SiedentopIm Schatten der Reurbanisierung?Demographischer Wandel im ländlichen Raum 81Peter DehnePolitik für periphere, ländliche Räume 87Für unaufgefordert eingesandte Manuskripteübernimmt die Redaktion keine Haftung.Nachdruck oder Vervielfältigung auf elektronischen Datenträgernsowie Einspeisung in Datennetze nurmit Genehmigung der Redaktion.THEMA IM FOLGEHEFT•••••••••••••••••••••••••••••••••Aufrechter Gang: Zivilcourage im Alltag


Ist diese Idylle in Zeiten des Strukturwandels noch realistisch? Müssen wir nicht vielmehr über neue Raumbilder nachdenken, die demländlichem Raum und den vielfältigen Funktionen in den Bereichen Wohnen, (Land-)Wirtschaft, Erholung und Kulturlandschaft gerechtwerden?picture-alliance1


Raumbilder für das LandVielfach wird über ländliche Räume in Kategoriendes Verlustes gesprochen: Verlustan Einwohnern, Ausdünnung der Infrastruktur,sinkende Attraktivität gewachsenersozialer Strukturen etwa im Vereinswesen.Das vorliegende Heft, das auf die Tagung„Raumbilder für das Land. PlanerischeImpulse für Bauten, Orte und Regionenim ländlichen Raum“ zurückgeht, kehrt diePerspektive um und gibt erste Antwortenauf mehrere Fragen: Welche Chancen bietenländliche Räume? Gibt es Anhaltspunktefür einen Lebensstil der „Neuen Ländlichkeit“?Welche Rolle spielen Architekturund räumliche Planung und wie tragen siezur Qualifizierung ländlicher Räume bei?Das Heft „Raumbilder für das Land“ thematisiertneben grundlegenden Trends undEntwicklungen im ländlichen Raum dreiHandlungs- und Maßstabsebenen: Bauten,Orte und Regionen.Im einleitenden Beitrag erörtert KerstinGothe die Begrifflichkeit der „Raumbilder“.Der Diskurs über Entwicklungen im ländlichenRaum greift aktuelle Problem- undFragestellungen auf, selten aber geht esum Bilder für Entwicklungen und Planungen,mithin um „Raumbilder“. Die Autorinverdeutlicht, warum Bilder für die Planungund Planungskommunikation so wichtigsind. Der visuelle Gehalt und die „Sprache“der Bilder bieten ein – noch nicht ausgeschöpftes– Potential für die Raumplanung.Dies verlangt eine Anpassung der Raumbilderan die aktuellen Herausforderungen,mit denen der ländliche Raum konfrontiertwird.Die sich abzeichnende „Zeitenwende“,ausgelöst durch Megatrends, wird bemerkenswerteVeränderungen im Erscheinungsbildländlicher Räume mit sich bringen.Gerlind Weber unternimmt den Versuch,die wirksamsten Megatrends zubenennen, in ihren Grundzügen zu beschreibenund deren Auswirkungen auf diesich verändernden Raumbilder zu skizzieren.Die neue „Sehnsucht nach Ländlichkeit“ istein Phänomen der Spätmoderne. LändlicheRäume entfernen sich immer weiter vonihrer reinen Agrarfunktion und entwickelnsich zu multifunktionalen und vergleichsweiseselbstständigen Räumen, die ihrenPlatz in einer globalisierten Welt behaupten.Ulf Hahne beschreibt diese gesellschaftliche,politische und wirtschaftlicheNeubestimmung ländlicher Räume anhandregionsspezifischer Ansätze zur eigenständigenund nachhal tigen Entwicklung.Eine dezentrale Energieversorgungund regionale Wertschöpfungskooperationenkönnen zu nach hal tigen Wirtschaftskreisläufenführen und damit zu einerwachsenden ökonomischen Bedeutungländlicher Regionen. Zuwanderungen undlokal gebundene Wissens potentiale bietendie Chance für ein neues Selbstbewusstsein.Die ländlichen Räume in Baden-Württembergsind wichtig für Wachstum, Innovationund Erholung und stellen eine hohe Zahlan Arbeitsplätzen in wissens- und entwicklungsintensivenZukunftsbranchen. Ein wesentlicherTeil des Bruttoinlandprodukteswird hier erzeugt. Die ländlichen Räumesind das starke, facettenreiche RückgratBaden-Württembergs mit Perspektive. Zudiesem Schluss kommt eine aktuelle Studiedes Berlin-Instituts zur Zukunftsfähigkeitund Lebensqualität in Deutschland. RudolfKöberle erörtert auf diesem Hintergrunddie Struktur- und Agrarpolitik Baden-Württembergs.RegionenDer thematische Schwerpunkt „Regionen“fokussiert folgende Fragen: Wieweit werdenüberörtliche Lösungen (z.B. für Mobilitätoder Versorgung) gemeindeübergreifendgefunden? Welche Rolle spielen prägnanteLandschaftsbilder?In REGIONALEN bündelt das Land Nordrhein-Westfalenseit über zehn Jahren Fördermittelin einer Region. Die REGIONALE2013 Südwestfalen verfolgt das Ziel, denabsehbaren Folgen des demographischenWandels im ländlichen Raum wirksam zubegegnen. Die Abwanderung junger Menschenaus strukturschwachen Regionen instädtische Gebiete führt zu einer Überalterungder Bewohner in den Dörfern mit Konsequenzenfür die Infrastrukturversorgungund das Dorfleben. Eine Möglichkeit, demdemographischen Wandel aktiv zu begegnen,ist die Stärkung der Ortsgebundenheitjunger Menschen. HildegardSchröteler-von Brandt schildert am Beispielvon Jugendfilmprojekten, wie Jugendlicheüber das Medium Film für Prozesseder Dorfentwicklung sensibilisiertund zugleich motiviert werden, sich an diesemProzess zu beteiligen.Die Kreise Borken und Coesfeld mit 28Kommunen und weitere sieben Städte undGemeinden entlang der Lippe entwickelnim Rahmen der REGIONALE 2016 gemeinsamstrukturwirksame, innovative und modellhafteProjekte. Henrik Schultz schildertdie Entstehung der Studie „RaumperspektivenZukunftsLAND“, die sich in einem dialogischenVerständigungsprozess entwickelthat. Ein zentrales Merkmal dieser Studieist die Visualisierung und Kommunikationder typischen Raumbestandteile dieserRegion. In ihrer Gesamtheit führen dieseBestandteile zu einem regionalen Raumbild,das an einen Quilt erinnert. Diese Metapherbringt den abstrakten Raum zumSprechen und öffnet den Blick für augenfälligeZukunftsfragen.Aktuellen Prognosen zufolge werden zukünftignur noch wenige Regionen inDeutschland wachsen. Weite Teile derRepublik werden durch starke Bevölkerungsrückgängegekennzeichnet sein. ImBereich der Förderpolitik geht es um dieFrage, wie eine effiziente technische Infrastruktur,wie leistungsfähige Verkehrs systemesowie eine tragfähige Daseinsvorsorgelangfristig zu sichern sind. Deswegenhat der Parlamentarische Beirat für nachhaltigeEntwicklung des Deutschen Bundestagesdie Einführung von Nachhaltigkeitschecksempfohlen. Nachhaltigkeitscheckssollen die Investitions- und Folgekosteneiner Infrastruktur in eine direkteBeziehung zu demographischen Strukturenund Dynamiken setzen und die Tragfähigkeitgeplanter Maßnahmen prüfen. MichaelArndt erläutert die „Architektur“ desNachhaltigkeitschecks ESYS (Entscheidungssystemfür eine demographierobusteInfrastruktur), skizziert die Zielsetzungen,deren Operationalisierung und dieIndikatoren des Nachhaltigkeitschecks.Geht es um Maßnahmen der Raumentwicklung,die sich am Ziel der Nachhaltigkeitorientieren, sind Diskussionen zwischenFachleuten und Betroffenen vor Ortmit ihren je unterschiedlichen Kompetenzenund Perspektiven von grundlegenderBedeutung. Probleme und Fragestellungen,die sich auf das Management vonRäumen beziehen, können nur einvernehmlichgelöst werden, wenn Fachleute, Verwaltungskräfteund Bewohner einer Regionan einem Strang ziehen. Rita Colantoniobeschreibt die Erfahrungen einer ander Università Politecnica delle Marche inAncona angesiedelten Projekt- und Arbeitsgruppemit nachhaltigem Raummanagement.Die inhaltlichen Eckpunkte unddie methodologische Vorgehensweisewerden am Beispiel der historischen Villenlandschaftam Comer See skizziert.BautenDie Handlungs- und Maßstabsebene„Bauten“ thematisiert folgende Fragen:Wie können bestehende Gebäude nachhaltig,energieeffizient und funktionsgerechtumgebaut werden? Wie können Gebäudemit aktueller Formensprache entwickeltwerden, die an den Wurzeln einerregionalen Architektur anknüpfen?Dorfentwicklung ist vielerorts Wohnentwicklung,Bauerndörfer haben sich zuWohngemeinden entwickelt. Trotz der Bedeutungin und für die Gemeinden ist dasThema Wohnentwicklung innerhalb derraumplanerischen Diskussion noch randständig.Die Ausführungen von Jutta Ullrichzu aktuellen Wohnprojekten in Dörfernund Landstädten wurden im Rahmeneines Promotionsvorhabens erarbeitet. Zunächstwerden grundlegende Rahmenbedingungenzum dörflichen Wohnungsbauknapp erläutert und anschließend einigerealisierte Projekte vorgestellt mit dem Ziel,Anhaltspunkte für eine Qualitätssteigerungder „dörflichen Wohnlandschaften“zu geben.In der Schweiz hat die Dorfentwicklungunterschiedlichen Stellenwert. Zum einenwird sie aufgrund der hohen Gemeindeautonomieund des selbstbewusstenHeimatbildes von den Gemeindebehördenund den Bürgerinnen und Bürgern mitviel Einsatz gepflegt, zum anderen führtaber gerade die „verschlossen-autonomeHaltung“ zu Beratungsresistenz und zuFehlentwicklungen. In der Regel unterstützenjedoch Gemeindeautonomie und diedirekt-demokratische Mitwirkung der Bürgerinnenund Bürger Prozesse der Dorfbauentwicklung.Markus Gasser beschreibt,wie eine Gruppe engagierterBürger und Fachleute sich um die eigeneGemeinde und ihre räumliche Entwick-2


lung besonders gesorgt haben. In derSchweiz werden diese Bemühungendurch den hohen Stellenwert der Architekturund den Diskurs um zeitgenössischdörflicheArchitektur unterstützt.Der Beitrag von Sören Schöbel mahnt eineganzheitliche, auf Stabilität sowie auf Zusammenhangund Differenz gleichermaßenWert legende Landschaftsentwicklungan. Nimmt man die verschiedenenKonnotationen von „Landschaft“ in denBlick, zeigen sich Unterschiede in derWahrnehmung und Wertschätzung. Esmacht einen Unterschied, ob man Landschaftals einen räumlichen Zusammenhangdenkt, dessen Qualität sich erst ausder Summe der einzelnen Elemente ergibt,oder ob man der Logik der industriellenModerne folgt, die das Trennende betont.Am Beispiel der Bauleitplanung, der Verkehrs-und Infrastrukturplanung sowie derAgrarstrukturpolitik zeigt Sören Schöbelauf, dass die Logik dieser vier großen„Raumordner“ bei der Ingebrauchnahmevon Landschaft auf Trennung und Homogenisierungangelegt ist. Die Orientierungam Modell der behutsam zu erneuerndenStadt im Sinne einer „kritischen Rekonstruktion“hingegen könnte ein Weg sein, um eineganzheitliche Landschaftsentwicklungzu realisieren.OrteDer thematische Schwerpunkt „Orte“ gehtfolgenden Fragen nach: Wie kann derWunsch nach einer Individualität erfülltwerden, die sich der Differenz zu anderenOrten bewusst ist? Wie können Ortschafteninfrastrukturell leistungsfähig erhaltenund weiterentwickelt werden?Ein „guter Ort“ – so die These von AngelikaJäkel – ist ein Ort, der seine Bewohner undBenutzer nicht nur visuell, sondern mit seinensinnlich-leiblichen, insbesondere seinerkinästhetischen Empfindungsfähigkeitanspricht. Für einen „guten Ort“ ist es wichtig,wie sich der Ort als „räumliches Bild“ imAlltag seiner Bewohner konkret erfahrenund erleben lässt. Das vorgestellte Modellder Analyse räumlich-gestischer Kommunikationerlaubt es, Gestalten (Dinge, Objekteund Räume) und Bewegungs- undHandlungsfiguren eines Ortes zu identifizieren.Das Konzept der räumlichen Gestenbirgt die Möglichkeit, die Wirkungenörtlicher Umgebungen auf die Bewohnerund Benutzer in ein graphisches undsprachliches Bild zu überführen und so dieräumliche Umgebung zu optimieren.Eine funktionierende Grundversorgung istausschlaggebend für die Wohn- undStandortqualität von Gemeinden im ländlichenRaum. Die Auswirkungen des demographischenWandels, hohe Pendlerquoten,Konzentrationsprozesse durch Lebensmittelkettenund Standortverlagerungenhaben zu einer Ausdünnung derVersorgungsstrukturen geführt. Die Sicherungder Grundversorgung wird somit zueiner zentralen Herausforderung für kommunaleund regionale Planungsträger. CarinaStephan und Fabian Torns erörternkonkrete organisatorische Innovationenam Beispiel des Modellprojektes „Freiamtbringt’s“. In der SchwarzwaldgemeindeFreiamt wurden neue Wege der Lebensmittelversorgungüber eine lokale Internet-Plattform und einen Lieferdienst umgesetzt.Das peripher gelegene Gebiet der Vanoisein den französischen Hochalpen wies bisins 20. Jahrhundert eine extreme Landfluchtauf. Die traditionellen Bauformen und dieländliche Infrastruktur zerfielen. Eine Umkehrungdieser demographischen und sozioökonomischenKrise erfolgte durch diestaatlich geförderte Erschließung für denWintersporttourismus. Durch zweckorientierteRetortenstationen mit teilweise monumentalenAusmaßen entstand eine „Kunstlandschaft“,die nichts mehr mit den traditionellenBauformen gemein hatte und Eingriffein das Landschaftsgebiet nach sichzog. Erst in den 1970er Jahren erfolgte eineRückbesinnung auf gewachsene Strukturen.Auf der Grundlage eigener empirischerAnalysen erörtert Heidi Megerle diesiedlungs- und raumstrukturellen Veränderungenin der Vanoise und ihre Beurteilungdurch die Bewohner und Besucher. Siedlungsentwicklung,unterschiedliche Entwicklungsstrategiensowie der Umgangmit der Bausubstanz und der bäuerlichenKulturlandschaft werden exemplarisch anzwei Kommunen aufgezeigt.Catarina Proidl sucht am Beispiel des Alpenrheintalsnach Erkenntnissen und Prinzipieneines integralen Entwicklungsansatzesfür die urbane Landschaft, insbesonderefür Tallandschaften. Hintergrundist die sich in den Raumqualitäten ergänzendeBetrachtung von Siedlungs- undLandschaftsraum, die charakteristischeLandschaftsstrukturen als Bestandteil siedlungsräumlicherStrukturen aufgreift. FolgendenFragen wird dabei nachgegangen:Wie können diese Landschaftsstrukturenauf regionaler und städtebaulicherEbene bei Entwicklungsüberlegungen sowiebeim konkreten baulichen Eingriff unterstütztwerden? Welche Rolle spielenLandschaftsstrukturen für die Ausbildungund Unterstützung unterschiedlicher Intensitätenan Öffentlichkeit und Aufenthaltsqualität?Rolf Demmler erörtert einen Masterplan fürein neues Tourismusresort im hügeligenHinterland Südchinas. Dabei stehen vorallem Fragen ortsspezifischer Identität undStrategien kultureller Kontinuität im Mittelpunkt.Für diese südchinesische Regionstellt der kulturell geprägte Tourismus einerhebliches wirtschaftliches Potential dar.Der angemessene Umgang mit der traditionellenKultur setzt jedoch einen Raum voraus,in dem sich touristische Neugier, authentischesKulturerlebnis und sinnlicheLandschaftserfahrung überlagern und neuverdichten können. Kulturelle Kommentierungensind eine Möglichkeit, Landschaftund Kultur, sprachliche Überlieferung undpersönliches Erlebnis zu verbinden undden Ort mit einer „spielerischen Authentizität“auszustatten.Die beiden abschließenden Beiträge konzentriertensich zum einen auf die spezifischeSituation in Baden-Württemberg underläutern zum anderen notwendige Strategien,Maßnahmen und Instrumente einernachhaltigen Politik für ländliche Räume. Inden vergangenen Jahren hat sich inDeutschland ein merklicher Wandel in derEntwicklung der Raumstruktur ereignet.Galten in den 1980 und 1990er Jahrenländliche Gemeinden noch als die Gewinnerim Wettbewerb um die Wachstumsratender Bevölkerung und Beschäftigung,legen gegenwärtig im Zuge der Reurbanisierungdie Städte zu. Die ländlichen Gebietein Baden-Württemberg blieben bisheraufgrund ihrer ausgeglichenen ökonomischenEntwicklung von diesem Prozessverschont. Gleichwohl mehren sich die Anzeichenfür einen Trendbruch in der demographischenEntwicklung. Stefan Siedentopanalysiert die aktuellen Ausprägungender demographischen Entwicklung imländlichen Raum in Baden-Württemberg.An der Sicherung der Daseinsvorsorge sowieder Erhaltung einer infrastruktureffizientenSiedlungsstruktur werden möglicheAnpassungsstrategien und deren politischeFörderung diskutiert.Ländliche Regionen, in denen ökonomischeStrukturschwäche und eine geringeBevölkerungsdichte zusammentreffen, geratenin eine Abwärtsspirale kumulierendernegativer Entwicklungen. Diesen Regionendroht eine Abkopplung von der gesellschaftlichenund wirtschaftlichen Entwicklung.Die vergangenen Jahre habengezeigt, dass die herkömmlichen Strategienund Instrumente der Politik eine nurbegrenzte Wirkung entfaltet haben. Politikfür die ländlichen Räume sowie dieinstitutionellen Rahmenbedingungen müssen– so Peter Dehne – einer kritischenÜber prüfung unterzogen werden. Eineangemessene Politik für periphere undstrukturschwache Räume sollte der Steuerungs-und Gestaltungsphilosophie des„Ermöglichens“ folgen. Gefordert sind systemischeLösungsansätze, die horizontaleKoordination traditioneller Ressorts undFachpolitiken sowie Reformen, die Gestaltungs-und Steuerungsspielräume für eineeigenständige Regionalentwicklungschaffen.Die Veranstalter der Tagung „Raumbilderfür das Land“ – die Akademie LändlicherRaum Baden-Württemberg, das KarlsruherInstitut für Technologie (KIT), die Landeszentralefür politische Bildung Baden-Württemberg (LpB) und das Ministeriumfür Ländlichen Raum, Ernährung und VerbraucherschutzBaden-Württemberg –bedanken sich bei allen Autorinnen undAutoren, die mit ihren Beiträgen detaillierteInformationen und Fakten bereitstellen,die für das Verständnis des komplexenThemas wichtig sind. Die Konzeption fürdie Tagung wurde von Kerstin Gothe in Abstimmungmit den übrigen Beteiligten erstellt.Dank gebührt auch dem Schwabenverlagfür die stets gute und effiziente Zusammenarbeit.Siegfried Frech3


NEUE BILDER BRAUCHT DAS LANDRaumbilder für das LandKerstin GotheDer Diskurs über Entwicklungen im ländlichenRaum greift aktuelle Problem- undFragestellungen auf. Seltener geht es umBilder für Entwicklungen und Planungen,mithin um „Raumbilder“. Dies erstaunt,weil Bilder wichtige Instrumente in derWelt der Planer (Architekten, Raum- undLandschaftsplaner) geworden sind, sichbisher jedoch auf den Bereich der Stadtplanungbeschränken. Kerstin Gotheverdeutlicht, warum Bilder für die Planungund Planungskommunikation imländlichen Raum so wichtig sind. Dervisuelle Gehalt der Bilder und die wirkmächtigeBildsprache bieten ein – nochnicht ausgeschöpftes – Potential für dieRaumplanung. Dies verlangt eine Anpassungder „Raumbilder“ an die gegenwärtigenHerausforderungen, mit denender ländliche Raum konfrontiert wird.Abschließend wird insbesondere gefragt,warum die Diskussion um die Baukultur– anders als in den europäischenNachbarländern – den ländlichen Raumnoch nicht erreicht hat.VorbemerkungenDie Diskussionen über Trends und Entwicklungenim ländlichen Raum werdenin den vergangenen Jahren stark ausregionalplanerischer, geographischerund aus politischer Perspektive geführt.Zahlreiche Fachtagungen 1 beschäftigensich mit der Frage, ob es gerade imländlichen Raum neuen Formen des Regierensund der Selbststeuerung gibt,und konzentrieren sich auf Themen derdemographischen Entwicklung, derDaseinsvorsorge, der Flächenkonkurrenz,der Wertschöpfung und auf vieleandere wichtige Fragen, die den Wandelim ländlichen Raum beschreibenund Gestaltungsmöglichkeiten reflektieren.Erstaunlich selten geht es um Bilderfür Trends und Planungen, also umdie Frage, inwieweit Eingriffe in OrtsundLandschaftsbilder den beschriebenenWandel unterstützen oder konterkarierenkönnen, oder um die schlichteFrage, wie man diese Eingriffe überhauptbeschreibt. Das verwundert umsomehr, als in der Welt der Planer – obnun Architekten, Raumplaner oderLandschaftsplaner – Bilder in den vergangenenJahren immer wichtiger gewordensind. Bislang werden Bildstrategienin der Planung vor allem im Hinblickauf Städte und Stadtregionen diskutiert.2Im Folgenden werden einige Überlegungenzusammengefasst, die verdeutlichen,warum Bilder für die Planung imländlichen Raum und für die Planungskommunikationso wichtig sind, welcheAnforderungen an Bilder durch neueAufgaben der Planung gestellt werden,und wer sich mit ihnen beschäftigt. Dabeiwird insbesondere gefragt, warumdie Diskussion um die Baukultur – andersals in den europäischen Nachbarländern– den ländlichen Raum nochnicht erreicht hat.Bilder für die Planung und diePlanungskommunikationDie aktuelle Diskussion um Bilder in derStadtplanung bezieht sich fast ausschließlichauf städtische Räume. Sieenthält jedoch Anregungen für ländlicheRäume. Im Folgenden werden daherThesen aus dieser Diskussion zusammengefasst,die auf die Planung inländlichen Räumen übertragbar sindund die Bedeutung von Raumbildernbegründen.Bilder haben eine unmittelbareWirkungBilder „produzieren direkter, vorsprachlich,auch sind sie mehr als ein Mediumder Kommunikation.“ 3 Sie gewinnen angesichtsder Möglichkeit der raschen Informationim Internet an Bedeutung. Bildertransportieren umfassende Informationenüber „harte“ und „weiche“Faktoren und schließlich wecken sieAufmerksamkeit. Eine kurze Charakterisierungsozialer Milieus etwa, die imRahmen von Marketing angesprochenwerden sollen, wird heute eher über eineZusammenstellung von Bildern vermittelt,als über Texte.Bilder sind strategische Instrumente inder Konkurrenz der RegionenDie planerischen Disziplinen müsseneine eigene Bildsprache für Orientierung,Identifikation, Erinnerungswertund emotionale Qualitäten entwickeln,sie dürfen dies nicht allein kommerziellenBildproduzenten (z.B. Werbungund Tourismus) überlassen: „Das wärenicht nur naiv, sondern auch gefährlich,weil dann die Chancen der Gestaltungeiner mit positiven Bildern besetztenWirklichkeit der Städte und Regionenungenutzt blieben.“ 4 Stattdessen solltensie sich gemeinsam auf den Weg zueiner „Baukultur im Tourismus“ machen,wie Felicitas Romeiß-Stracke es in ihremBuch mit dem Titel „Tourismus Architektur“vorschlägt. 5Dabei lässt sich mit Bildern von stilvollrenovierten Bauernhäusern, baumüberwölbtenLandstraßen und Feldhasen sogarGeld verdienen, wie die Zeitschrift„LandLust“ zeigt, die eine erstaunlichrasch wachsende Leserschaft findet. 6Planung ist immer auch BildproduktionPlanung nimmt Bezug auf Vorstellungenund Bilder in unseren Köpfen. DennMenschen nehmen einen Ort, eineLandschaft auf drei verschiedenen Ebenenwahr: durch reale Bilder, d.h. Bilder die wirmit unseren eigenen Sinnen wahrnehmenund erleben; durch mediale Bilder als visuelle Veranschaulichungeines realen oder fiktivenSachverhalts; durch mentale Bilder, die in den Köpfender Menschen entstehen. 7Diese drei Bildebenen beeinflussen sichgegenseitig.Bilder können identitätsstiftendwerdenWenn Bilder lesbar und verständlichsind, d.h. wenn sie mit der eigenen Anschauungoder der tradierten kollektivenErfahrung verbunden werden können,dann haben sie die Chance, identitätsstiftendwirksam zu werden: „Bilderwerden authentisch wahrgenommen,wenn sie es verstehen, sich mit dem Ortund dessen inneren Abbildern in denKöpfen der Menschen, die es angeht, zuverknüpfen. Dann treffen sie auf denKern der emotionalen Qualitäten einesOrtes.“ 8 Wenn sich Bilder in der Wirklichkeitwiederfinden lassen, dann bedeutetdies nichts anderes als Heimat:Sich-Wiederfinden mit den eigenen Bildernin der Wirklichkeit. Dazu könnenArchitektur und Städtebau einen Beitragleisten.Bilder haben eine wichtige Funktion inder Kommunikation mit den BürgernPlanung wandelt sich immer stärker zueinem Aushandlungsprozess verschiedensterAkteure. Deshalb wird auch dieKommunikation im Planungsprozess im-4


mer wichtiger. Dafür sind leicht verständlicheKommunikationsmedien notwendig.9 Bildaspekte spielen eine zentraleRolle für die Vermittlung von Planungenund Projekten und können alsGrundlage für Diskussionen dienen.Das prägnanteste Beispiel dafür istzweifellos die animierte Darstellung derHamburger Elbphilharmonie des BürosHerzog und de Meuron, die erheblichzur Akzeptanz für das Projekt in Politikund Bürgerschaft und nicht zuletzt zurSpendenbereitschaft beigetragen hat.Neue Anforderungen an Bilder durchneue HerausforderungenIn den 1980er und frühen 1990er Jahrengab es Bilder für die räumliche Planungim ländlichen Raum: In dieser Zeit habenviele Architekten und Planer im Rahmender Dorferneuerung ihre Arbeitdurch Bilder unterstützt. 10 Diese Abbildungenwurden verwendet für Konzepteder erhaltenden Dorferneuerung. Siewaren an traditionellen Dorfstrukturenorientiert und lieferten Argumente gegeneine an städtischen Mustern orientierteDorferneuerung sowie gegen einenunkritischen Straßenausbau ohneBerücksichtigung örtlicher Verhältnisse.Sie sind angesichts geänderter Problemlagennicht mehr uneingeschränkttauglich. Abbildungen dieser Zeit ausBroschüren und Büchern zum ThemaDorferneuerung muten heute etwas naivan. Ist es die Sehnsucht nach einerheilen Welt, die irritiert? Welche Gründesind dafür verantwortlich, dass dieseBilder heute offenbar nicht mehr weiterhelfen?Die Rahmenbedingungen haben sichverändert. Die Situationen ländlicherRäume differenzieren sich: In manchenländlichen Räume schrumpfen Dörfer. Inanderen Teilen sind sie stabil oderwachsen sogar noch. Wie in den Städtenliegen wachsende und schrumpfendeKommunen oft kleinräumig beieinander.Der Strukturwandel in den Dörfernnimmt auch in stabilen Regionen anFahrt auf. Nicht nur in Brandenburgschrumpfen die Dörfer, auch auf derBaar in Baden Württemberg stehen ineinem Dorf mit 700 Einwohnern über 50Scheunen mehr oder weniger leer. 11 Inanderen Orten stehen große innerörtlicheWohngebäude, die den Kern desDorfes räumlich fassen und definieren,bereits leer. Ein Großteil dieser Gebäudewird von Ein- oder Zweipersonen-Haushalten von über 70-Jährigen bewohnt.Hier sind massive Leerständevorprogrammiert; die Generation derKinder und Enkel wird die Gebäude inden seltensten Fällen übernehmen. Indieser Situation müssen andere, weitergehendeLösungen gefunden werdenals nur innerörtliche Wegeverbindungenzu reaktivieren oder die Zehntscheuerzum Museum umzunutzen. SolcheLösungen werden zwar vielfachnoch gefördert 12 , unklar ist jedoch, wieihr Unterhalt in den kommenden Jahrenzu finanzieren sein wird. Es müssen angepasste,individuelle Lösungen fürvielfältige, teilweise neue Themenstellungengefunden werden – und damitauch individuelle Bilder.Neue Bilder für schrumpfende Dörferwerden gesuchtWährend in Leipzig Bilder für die „perforierteStadt“ – für einen neuen Typusstädtischer Landschaftsräume – gefundenwerden, gibt es noch kaum (Vor-)Bilder für das „perforierte Dorf“. Gefragtsind neue Qualitäten in Dörfernunter Bedingungen der Schrumpfung.Wie wird der „Luxus der Leere“ (WolfgangKil) gestaltet?Die interkommunale Zusammenarbeit,von der zwar schon lange die Rede ist– ohne dass sie entschieden angepacktwurde –, wird unter Bedingungen desSchrumpfens unabdingbar. Dasselbegilt für die interkommunale Zusammenarbeitvon Organisationen, die bislangfür einzelne Kommunen individuelle Organisationseinheitenvorhielten (z.B.Ärzte, freiwillige Feuerwehr, Kirchen).Die Frage ist, ob sie auch gestalterischzu neuen Ausdrucksformen führt.Menschen nehmeneine Landschaft stetsauch visuell wahr: alsreale Bilder, die wirmit unseren eigenenSinnen wahrnehmen,und als mentale Bilder,die in unseren Köpfenentstehen.picture alliance/dpaRAUMBILDER FÜR DAS LANDNeue Bilder für die Ortskerne werdengesuchtKönnen die ausgedünnten Ortskernenoch das Herz der Orte sein? Nichtmehr die Integration von Landwirtschaftund Wohnen ist das Thema, sonderndie Nachnutzung leer stehenderHüllen. Müssen dafür neue Zielgruppenangesprochen werden? Sind fürdiese Zielgruppen die Freiheiten für Experimente,auch gestalterischer Experimente,wichtiger als die Einheitlichkeitdes Ortsbildes?Neue Bilder für Gebäude werdengesuchtNeue Bilder für Gebäude werden danngesucht, wenn konstruktive und bauphysikalischeInnovationen mit vernakularen,traditionellen Bauweisen verbundenwerden. Denn der enge Bezug zuden landschaftlichen Gegebenheiten,häufig „anonym“, handwerklich geprägtund über Jahrhunderte entwickelt,droht verloren zu gehen: Die neuenAnforderungen an energieeffizienteBauweisen können dazu im Widerspruchstehen. 13 Die Herausforderungbesteht darin, beim Umbau und bei derErgänzung von Gebäuden nicht unkri-5


Kerstin Gothetisch Standards und Lösungen zu übernehmen(„Einpacken der Gebäude“).Stattdessen sollte ausgelotet werden,wieweit Prinzipien von Konstruktion,Materialeinsatz, funktionaler Organisation,Einbindung und Nutzung deslandschaftlichen Kontexts sowie derEnergieversorgung und Nutzung passiverEnergiequellen effizient kombiniertwerden können und so eine stimmigeGesamterscheinung zu erreichen ist. 14Die Bedeutung der Landschaft verändertsich, neue Landschaftsbilder werdengesuchtDie veränderte Förderpraxis der EuropäischenUnion (EU) hat Konsequenzenfür das Landschaftsbild, wenn beispielsweisewenig ertragreiche Felderwie steile Weinberglagen aufgegebenwerden und verbuschen. Die Tätigkeitvon Landwirten wird sich verändern,wenn sie etwa den Schwerpunkt aufLandschaftspflege oder die Herstellungökologisch hochwertiger Produkte,die Energiewirtschaft oder moderne,spezialisierte Landwirtschaft mitWertschöpfungsketten bis in die industrielleVerarbeitung und Vermarktungder Produkte legen. Energielandschaftenentstehen – etwa mit schnell wachsendenHolzplantagen. Anlagen fürWindenergie oder Photovoltaik sowieBiogasanlagen werden die neuenLandschaftsbilder prägen.Attraktive Landschaftsbilder zu identifizierenund im Sinne der Ansprache touristischerZielgruppen oder neuer Einwohnerzu stärken, wird wichtiger. DieIndustrialisierung und Zentralisierungder Landwirtschaft stehen dem touristischenBild des idyllischen Landes entgegen.Der Rückgang der Artenvielfaltund die Monotonie der Monokultur beeinträchtigendoppelt das Bild des Landes.Neue Ansätze der Landschaftsarchitekturerfassen ganze Regionen gedanklichund bringen sie in einen innerenZusammenhang.Perspektiven der Bildproduktion: dieDiskussion um Baukultur und neueAkteureWo gibt es neue Anknüpfungspunkte fürBilder und Planungen im ländlichenRaum? Wichtige Anstöße könnten ausder Diskussion über Baukultur kommen,die die Initiative „Architektur und Baukultur“seit dem Jahr 2000 auf Bundesebenedurch Symposien, Vorträge undAusstellungen zum Thema finanziell undideell unterstützt. Ihr Ziel ist es, der breitenÖffentlichkeit in Deutschland Architekturund Baukultur näher zu bringen.Den Menschen soll vermittelt werden,dass eine ansprechend gebaute Umweltein wertvolles gesellschaftlichesKulturgut ist. Sie wird ergänzt durch dieBundesstiftung Baukultur, die im Jahr2006 gegründet wurde. In diesem Diskursspielt Baukultur im ländlichen Raumeine erstaunlich geringe Rolle. 15Anders ist dies im Nachbarland Österreichund in der Schweiz: Hier wird dieDiskussion über Baukultur im ländlichenRaum seit Jahren mit einem deutlichenAkzent auf moderne Architektur geführt.Sie ist jedoch in Deutschland bislangwenig zur Kenntnis genommen worden.So ist die Ausstellung des französischenArchitekturinstituts mit dem Titel „KonstruktiveProvokation“ von 2003, die dieneue Architektur in Vorarlberg internationalbekannt gemacht hat, in Deutschlanderst verzögert und lediglich dreimalgezeigt worden. 16 Diese Ausstellunghatte eine wichtige Wirkung, insbesondereweil sie nicht Einzelobjektein den Vordergrund stellte, sondern denKontext präsentierte, auf Themen fokussiertwar und nicht auf Einzelarchitekten.Sie hat seit 2003 in Vorarlberg zueinem Schub an Besuchern aus europäischenLändern geführt.In der Ausstellung wird die Architekturbewegunggezeigt, die sich bereits inden 1960er Jahren in Vorarlberg entwickelthat und unter den folgendenÜberschriften zusammengefasst werdenkann: Es werden Materialien der Region verwendet(Weißtanne).Kerstin Gothe, Stadtplanerin und Professorin,Fachgebiet Regionalplanungund Bauen im ländlichen Raum an derArchitekturfakultät am KIT (KarlsruherInstitut für Technologie); nach Architekturstudiumund Städtebau-Referendariatlangjährige Tätigkeit als Stadtplanerinin Hamburg-Harburg und als Amtsleiterinin Ludwigsburg sowie im eigenenBüro; Mitglied der DeutschenAkademie für Städtebau und Landesplanung(DASL) sowie der Vereinigungfür Stadt-, Regional- und Landesplanung(SRL); Forschungsinteressen: PraxisnaheStadtforschung zu Perspektivendes ländlichen Raumes, zur Campus-Entwicklung und zu Kirchen im Quartier;seit 2010 Begleitforschung zum FörderprogrammMELAP PLUS.UNSERE AUTORIN Material und Konstruktion sind minimiert(„Intelligenz der Kargheit“). Es sind einfache, rationale, klare undpragmatische Bauten auf einem hohenhandwerklichen Niveau. Die Prinzipien des traditionellen VorarlbergerHauses werden aufgenommenund neu interpretiert – beispielsweisedie Verkleidung der Konstruktionvon Innen sowie von Außen.Mit diesen Beispielen wurden in Vorarlbergneue Impulse für die Frage adäquaterErgänzungen dörflicher Bautengegeben. Neu ist daran übrigensnicht nur die Architektur selbst, sondernauch die Frage, wie sie aufs Dorf kommt.Es wird weniger mit Baufibeln oder Vorschriftengearbeitet, man setzt eher aufdas Gespräch. Inzwischen haben etwaein Drittel der Gemeinden VorarlbergsGestaltungsbeiräte mit zwei bis drei Architekten.Diese werden nach anfänglicherSkepsis von den Bürgermeisternsehr geschätzt, da sie die Bauqualitäterhöhen und die Gemeinderatsarbeitentlasten. 17Hier wird die Kommunikation über Architekturwichtig genommen – etwadurch die Einrichtung des VorarlbergerArchitektur Instituts (vai), dessen Budgetin Höhe von ca. 400.000 Euro jährlichvom Land Vorarlberg, vom Staat Österreichund zu einem kleineren Teil vonder Architektenkammer bereitgestelltwird. Das Institut ist u. a. für die Webseite„ontour“ auf der Homepage des VorarlbergerArchitektur Instituts verantwortlich,in die in den letzten Jahrenzahlreiche Bauwerke eingepflegt wurden18 und das zur individuellen Planungvon Besichtigungstouren genutzt werdenkann. 19Wichtig für die Vermittlung der neuenArchitektursprache waren auch populäreFormate, zum Beispiel eine regelmäßigekurze Architekturreportage imVorarlberger Regionalfernsehen vonRonald Gnaiger mit dem Titel „Architekturim Gespräch“, in dem Gnaiger jeweilsdie Gestaltung eines Gebäudesdiskutierte. Ein mutiges Vorhaben, daman den Unmut der Kollegen auf sichziehen kann. Es hat aber dazu beigetragen,dass Baukultur inzwischen Bestandteildes Bürgerstolzes gewordenist.Nicht zuletzt durch diese Beispiele angeregt,entstehen in den vergangenenJahren auch in einigen ländlichen Räumenin Deutschland Diskussionen überdie Baukultur. Sie wurden vielfach getragendurch Architektenkammern, wohochwertige Umbauten oder Neubautenausgezeichnet wurden. Beispielsweisedas Auszeichnungsverfahren„Neues Bauen im Schwarzwald“ hattedas Ziel, das Bewusstsein für eine neueBaukultur im Schwarzwald sowohl inder Fachwelt als auch in der Öffentlich-6


keit zu schärfen und eine Neugier für einezeitgemäße Architektur mit regionalerIdentität zu wecken. Ausgezeichnetwurden standorttypische Bauten inzeitgemäßer Architektur, die energieundressourcenbewusst die kulturelleTradition des jeweiligen ländlichenBautyps mit regionaltypischen Materialienund Techniken fortführen und inwirtschaftlicher, ökologischer, kulturellerund sozialer Hinsicht nachhaltigsind. 20Insgesamt aber ist die Aufmerksamkeitfür diese Fragen eher gering. Das hängtvermutlich auch damit zusammen, dassdie Akteure an den Hochschulen sichverändert haben: Bis in die 1990er Jahregab es noch an mehreren ArchitekturundPlanungsfakultäten in DeutschlandLehrstühle für Bauen und/oder Planenim ländlichen Raum und damit klardefinierte Ansprechpartner, die sichschwerpunktmäßig mit Themen wieDorfentwicklungsplanung befassten.Dieses Bild hat sich inzwischen verändert.Einige Lehrstühle oder Fachgebietehaben die Schwerpunkte ihres Aufgabenfeldesverschoben, etwa in RichtungBauen in ländlichen Räumen in Asien,Lateinamerika und Afrika. AndereStellen wurden entweder überhauptnicht mehr oder mit neuen Schwerpunktenneu besetzt. Gleichzeitig tauchtenneue Personen oder Institutionen auf,die das Bauen und Planen im ländlichenRaum zu ihrem Thema gemacht habenund sich nun aus kulturwissenschaftlicher,architekturtheoretischer undkünstlerischer Sicht 21 , sich architektonisch-experimentellgestaltend 22 odervon der Landschaftswahrnehmung undLandschaftsästhetik 23 herkommend mitländlichen Räumen beschäftigen. Sienehmen neue Aspekte der Gestaltungin ländlichen Räumen in den Fokus. DiesesHeft führt unterschiedliche Diskussionssträngezusammen: regionalplanerischeund geographische Aufsätze gebenden Rahmen für Berichte über konkretebauplanerische, ortsplanerischeund landschaftsplanerische Projekteund Forschungen. Gezielt wurden auchBeiträge des wissenschaftlichen Nachwuchseseinbezogen. Damit soll eineStandortbestimmung der Profession angeregtwerden.ANMERKUNGEN1 Beispielhaft seien genannt: Die Veranstaltungenregelmäßig tagender Institutionen oder Arbeitskreisewie der Förderkreis Bodenordnungund Landentwicklung München e.V. in Zusammenarbeitmit der Bund-Länder-ArbeitsgemeinschaftNachhaltige Landentwicklung (11 . MünchnerTage der Bodenordnung und Landentwicklung– Gebot der Stunde: (Neue) Wertschöpfungim ländlichen Raum – Zweckoptimismus oder realeChance? 16. bis 17. März 2009 in München);der interdisziplinäre Arbeitskreis Dorfentwicklung(Bleiwäscher Kreis) (17. Dorfsymposium: AktiveDorfgemeinschaften – Partizipation und Bürgergesellschaft.bis 4. Mai 2010); das Institut für Städtebauder Deutschen Akademie für Städtebauund Landesplanung (Forum Ländlicher Raum –Chancen einer kooperativen Regional- undDorfentwicklung nutzen – Entwicklungsfragenund Handlungsfelder. 13. bis 15.1 .2010 in Berlin;Veranstaltungen von Institutionen, die Themendes ländlichen Raumes im Rahmen einer Veranstaltungaufgriffen, wie die ArbeitsgemeinschaftAkademien Ländlicher Raum in den deutschenLändern (Der Ländliche Raum braucht eine aktiveZivilgesellschaft. 23.1 .2008 in Berlin); die Vereinigungfür Stadt-, Regional- und Landesplanung(SRL) (Jahrestagung 2008: Landumbau – NeueWertschöpfungen für den Ländlichen Raum. 6. bis8. November 2008 in Greifswald); der DeutscheVerband fü r Wohnungswesen, Städtebau undRaumordnung e.V. (Stadt und Land – Neue Partnerschaftenin Zeiten demographischer und strukturellerUmbrü che. 27. bis 28. Oktober 2010 inDresden).2 Die Vereinigung für Stadt-, Regional- undLandesplanung (SRL) wählte das Thema „Bilder inder Planung“ zum Schwerpunktthema eines ihrerHefte (1/2010), die Deutsche Akademie für Städtebauund Landesplanung (DASL) machte dasThema „Das Bild der Stadt“ im Herbst 2009 zumGegenstand ihrer Jahrestagung. Die folgendenThesen sind durch Beiträge zu dieser Tagung angeregt.3 Sophie Wolfrum: Stadt als Bild. In: DeutscheAkademie für Städtebau und Landesplanung(DASL) (2010) (Hrsg.): Bilder der Stadt – Almanach2009/10. Berlin, S. 31ff.4 Stephan Reiß-Schmidt: Bildpolitik und Stadtentwicklung.In: DASL 2010 (s. Anm. 3), S. 17.5 Vgl. Felicitas Romeiß-Stracke (2008): TourismusArchitektur – Baukultur als Erfolgsfaktor. Berlin.6 Die Landlust-Leserschaft wuchs von 2009 bis2010 um 80 Prozent; das entspricht 1,43 MillionenLeserinnen und Lesern. Vgl. http://media.landlust.de/info/daten/aktuell.php[30.8.20109.7 Agnes Förster/Alain Thierstein: Das Bild vonBremen – Konzeptionelle Grundlage für eineninteraktiven Workshop. In: DASL 2010 (s. Anm. 3),S. 63 ff.8 Elisabeth Merk: Bildersuche! Learning fromIKEA! In: DASL 2010 (s. Anm. 3), S. 44.9 Frank Lohrberg: Freiraum inszeniert Stadt –Bildaspekte stadtregionaler Freiraumplanung. In:DASL 2010 (s. Anm. 3), S. 72.10 Beispielhaft für zahlreiche Veröffentlichungendieser Zeit seien genannt: Stellungnahmedes Fachbeirats „Dorfentwicklung“ des Institutsfür Kommunalwissenschaften der Konrad-Adenauer-Stiftunge.V.: Für das Dorf – Gestaltung desländlichen Lebensraums durch Dorfentwicklung.Deutscher Gemeindeverlag und KohlhammerRAUMBILDER FÜR DAS LANDVerlag, Köln 1983; Deutsches Institut für Fernstudienan der Universität Tübingen (DIFF): Dorfentwicklung– Instrumente und Programme. Tübingen1989; Veröffentlichungen des Bayrisches Staatsministeriumdes Innern – Oberste Baubehörde(Hrsg.): Planen und Bauen im ländlichen Raum.Arbeitsblätter für die Bauleitplanung Nr. 4. München1985 sowie ders: Alte Städte – Alte Dörfer.Gestalten und Erhalten durch örtliche Bauvorschriften.München 1991 .11 Vgl. Antrag der Stadt Hüfingen an das Ministeriumfür Ländlichen Raum, Ernährung und VerbraucherschutzBaden Württemberg auf Förderungim Rahmen von MELAP PLUS für den OrtsteilMundelfingen. 2010.12 Vgl. http://www.mlr.baden-wuerttemberg.de/mlr/elr/ELR-Projekte_08_2005_bis_04_2008.pdf [1 .3.2011].13 Vgl. Amt fü r Denkmalpflege des KantonsThurgau (Hrsg.): Scheunen ungenutzt – umgenutzt.In: Denkmalpflege im Thurgau. Jahrbuch 2.Stuttgart/Wien 2001 oder Sonderheft der ZeitschriftHochparterre (Hrsg.): Der nicht mehr gebrauchteStall – Augenschein in Vorarlberg, Südtirolund Graubünden. Zürich 2010.14 Forschungsprojekte befassen sich aus derSicht der am Bau Beteiligten mit der Frage nachGebäudesanierungen und Energieeffizienz. Erforschtwird das Wissen und Können in den verschiedenenRegionen des Alpenraums. Die Forschungenwerden umgesetzt in Schulungen lokalerHandwerker, Architekten, Planer, Bauherrenund Entscheidungsträger vor Ort, vgl. AlpHouse– Forschungsprojekt über Alpine Baukultur undEnergieeffizienz; URL: http://www.alphouse.de/.15 Etwa wenn man sich den Zweiten Bericht überBaukultur in Deutschland und die Berichte zurBaukultur 2010 anschaut; vgl. Bundesministeriumfür Verkehr, Bau und Wohnungswesen (Hrsg.):Baukultur! Informationen – Argument – Konzepte.Zweiter Bericht zur Baukultur in Deutschland.Hamburg 2005; sowie den Bericht zur Baukultur2010. URL: http://www.bundesstiftung-baukultur.de/index.php?id=18 [10.3.2011].16 Im Gegensatz dazu wurde sie sechsundzwanzigMal in Frankreich, sechsmal in Spaniensowie in Luxemburg, Österreich und Schwedengezeigt und lediglich dreimal in Deutschland(2005, 2006 und 2007), obwohl es seit 2005 einedeutsche Edition gibt. Vgl. http://v-a-i.at/index.php?option=content&task=view&id=486[1 .3.2011].17 Gespräch der Kammergruppe Freiburg undder Autorin mit Hermann Kaufmann am 5.2.2010in Bizau.18 Vgl. http://v-a-i.at/index.php?option=com_content&task=blogcategory&id=23&Itemid=43[1 .3.2011].19 Gespräch mit Marina Hämmerle am 4.2.2010im Vorarlberger Architekturinstitut.20 Zum Beispiel Auszeichnungsverfahren derArchitektenkammer und des RegierungspräsidiumsFreiburg „Neues Bauen im Schwarzwald“2010; vgl.: http://www.rp.baden-wuerttemberg.de/servlet/PB/show/1309162/rpf-ref21-architekturpreis2010downl.pdf[1 .3.2011].21 z.B. Michael Zinganel, Boris Sieverts.22 z.B. Klaus Loenhardt, Jörg Rainer Noennig.23 z.B. Stephan Pauleit.7


„ZEITENWENDE“, MEGATRENDS UND RAUMBILDERAktuelle Herausforderungen ländlicher RäumeGerlind WeberDas Thema „Raumbilder für das Land“drängt sich insofern auf, da sich einemarkante „Zeitenwende“ abzeichnet,die sicher auch bemerkenswerte Veränderungenim Erscheinungsbild ländlicherRäume mit sich bringen wird. ImFolgenden wird der Versuch unternommen,die in diesem Zusammenhang wirksamstenMegatrends zu benennen undin ihren Grundzügen zu beschreiben. 1Dabei muss vernachlässigt werden, dassdie nachfolgend isoliert angeführtenEntwicklungen in der Realität in einemkomplexen Wirkungsgefüge zueinanderstehen, sich teilweise gegenseitig verstärken,sich aber auch teilweise abschwächenwerden. Es handelt sich hierum ein „Gedankenexperiment“, dasGerlind Weber anlässlich der Tagung„Raumbilder für das Land“ in Eberbachim Oktober 2010 angestellt hat. Abbildung 1: Die NegativspiraleMegatrends und aktuelleHerausforderungenIm Einzelnen werden die Raumbilder fürdas Land in absehbarer Zukunft durchfolgende Herausforderungen entscheidend(mit-)geprägt werden:GlobalisierungWenn umgangssprachlich von der Globalisierungunter neoliberalen Bedingungendie Rede ist, so ist damit die zunehmendschrankenlose internationaleVerflechtung der wirtschaftlichen Beziehungengemeint wie der globaleAustausch von Waren und Dienstleistungen,die enormen Finanzströme, dieauf der Suche nach ihrer besten Veranlagungweitgehend entkoppelt von derRealwirtschaft über den Erdball jagen,aber auch die wachsenden Migrationsströme,die durch Menschen, die ihreArbeitskraft weiträumig anbieten, ausgelöstwerden. Dies führt insgesamt zueinem verstärkten Wettbewerbsdrucknicht nur zwischen Märkten, Unternehmenund Arbeitskräften, sondern auchzwischen Standorten.Dementsprechend kann man einerseitsvon „Globalisierungsgewinnerregionen“wie den Metropolregionen, denursprünglich ländlichen, jetzt zunehmendverstädternden Regionen entlangleistungsstarker internationaler Magistralenund den zwischensaisonalenTourismusgebieten sprechen. Andererseitsgibt es aber auch den Typ der„Globalisierungsverliererregion“, dersich durch periphere Lage und schlechteErreichbarkeitsverhältnisse und durch– unter den gegebenen Rahmenbedingungen– kaum nennenswerte ökonomischePerspektiven charakterisierenlässt. 2 Dieser ländlich geprägte Raumtyp,der Klein- und Mittelstädte miteinschließt, ist in einer nach „unten ziehenden“Entwicklung gefangen (vgl.Abb. 1).Kurz zusammengefasst löst die Globalisierungder Wirtschaft folgende relevanteraumbezogene Trends aus: das Anwachsen der Zentralräume; eine aufgehende Schere zwischenstrukturstarken und strukturschwachenländlichen Regionen; eine kleinräumige Ausdifferenzierungzwischen „sehr guten“ und „nicht soguten“ Lagen;Quelle: Gerlind Weber8


Entleerungstendenzen in den strukturschwachenländlichen Räumen.Die Wirkungen auf die (weitere) Veränderungdes Erscheinungsbilds ländlicherRäume lassen sich wie folgt abschätzen: weiteres Ausufern der Bebauung undzunehmende Zersiedelung strukturstarkerländlicher Räume; Vordringen des Siedlungstyps der„Zwischenstadt“ (d.h. ein Mix an traditionellstädtischen bzw. ländlichenRaumelementen) in die einst ländlichgeprägten Dörfer im Siedlungseinzugsbereichrund um Groß- und Mittelstädte; moderate weitere Siedlungsflächenausdehnungauch in strukturschwachenDörfern, bei gleichzeitigem Ansteigender Leerstände in den traditionellenDorfkernen.Demographischer WandelWie aus Abbildung 1 hervorgeht, sinddie demographische und die wirtschaftlicheEntwicklung eines Raumes eng miteinanderverschränkt und bilden einenpositiv rückgekoppelten Kreislauf: Bevölkerungsentwicklungund Bevölkerungsaufbausind dort als besondersproblematisch einzuschätzen, wo es diewirtschaftliche Dynamik an Schubkraftvermissen lässt, so wie es umgekehrt derFall ist, dass Bevölkerung und Wirtschaftsich gegenseitig mittelfristig aufexpansivem Kurs halten können.Das Schlagwort des „demographischenWandels“ soll zum Ausdruck bringen,dass es immer mehr und immer größereGebiete in Deutschland und in Österreichgeben wird, wo einerseits sich dieBevölkerungszahl (stark) rückläufig entwickelnund wo anderseits der Anteilder Seniorinnen und Senioren an derGesamtbevölkerung auf absehbareZeit steigen wird. Dieser Prozess wirdgenährt durch die selektive Abwanderungjunger Leute, keine oder geringeZuwanderung, niedrige Geburtenratenund eine steigende Lebenserwartungeiner wachsenden Zahl an Personen(„doppelte Alterung“) in diesen vor allemländlich strukturierten Gebieten.Zudem schließt der Begriff „demographischerWandel“ die Trends zur Singularisierungbzw. Heterogenisierung mitein. Dies besagt, dass aufgrund geänderterLebensentwürfe immer mehrMenschen alleine leben und somit immermehr auf außerfamiliäre Hilfe imNot- und Pflegefall angewiesen seinwerden. Zudem wird durch den meistnur geringen Zuzug von Personen ausanderen Kulturkreisen, aber auch durchdie zunehmende Ausdifferenzierungder Lebensstile die Bevölkerung immer„individualistischer“, was die Treffsicherheitvon Voraussagen und Planungenwesensgemäß schmälert.Aufgrund des demographischen Wandelsmüssen gerade strukturschwacheGemeinden darauf achten, dass nichtimmer weniger Erwerbstätige immermehr Gebäude und Infrastrukturanlagenwerden erhalten müssen. Man läuftdamit Gefahr, nicht nur die baulichenÜberkapazitäten der Zukunft, sondernauch die finanziellen Altlasten von morgenzu schaffen. Dementsprechendmuss es für diese Gemeinden beispielsweiseheißen: keine unrealistischen Wachstumszielesetzen; den Umgang mit Entmischung, Entleerung,sozialer Erosion erlernen; statt Ausbau, den Umbau und Rückbauins Auge fassen; die Begleitung und Gestaltung vonSchrumpfungsprozessen zum Anliegenmachen; sich für „altengerechte“ Siedlungen,Erholungsräume und Teilhabeprozessesensibilisieren und diese Schritt fürSchritt realisieren.Im Erscheinungsbild ländlicher Räumekönnte sich solchermaßen der „demographischeWandel“ etwa wie folgtausdrücken: keine weitere Außenentwicklung, dasheißt kein Bauen „auf der grünen Wiese“;AKTUELLE HERAUSFORDERUNGENLÄNDLICHER RÄUME revitalisierte Häuser und Geschäfte imInnenbereich der Dörfer; abgerissene Leerstandsobjekte, für diekeine Nachnutzer und Nachnutzungengefunden werden konnten oderfür die die Nachnutzung zu kostspieligwar; gärtnerisch gestaltete Freiflächen inInnenlagen; zurück gebaute Straßen, Leitungenund technische Infrastrukturanlagen; sichere Wege und Shared Space imOrts- bzw. Kleinstadtzentrum; ruhige Aufenthaltsbereiche; Mobilitätsdienste werden im Ortsbild„präsent“.Trend zur WissensgesellschaftDie Voraussagen stimmen darin überein,dass Wissen zur entscheidendenProduktivkraft von Räumen in unserenBreiten wird und dass Wissen entsprechendbeeinflusst, welche ökonomischeund demographische Gesamtentwicklungeine Region nehmen wird. Längstsind die Zeiten vorbei, in denen dieLandbevölkerung als Reservoir für Heerscharenungelernter, günstiger Arbeitskräftefür „verlängerte Werkbänke“ gesehenwurde. Vielmehr wird die Innovationsfähigkeit,das Aufgreifen bzw. dieAdaptionsfähigkeit, also das rascheAnpassen an andernorts generiertesWissen, zu den Erfolgsfaktoren für Regionenim Allgemeinen und (auch) fürländliche Regionen im Besonderen.Gerade auf dem Land gibt es in diesemZusammenhang Rahmenbedingungen,die Anlass zur Sorge geben und ein gezieltesGegensteuern erforderlich machen: in der Wissensgesellschaft wird die sogenannte „selektive Abwanderung“,der Wegzug der Wissensträger zu einemzunehmenden regionalen Handicap;Die Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ wird herausgegeben von der LANDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG Baden-Württemberg.Direktor der Landeszentrale: Lothar FrickRedaktion: Siegfried Frech, Stafflenbergstraße 38, 70184 Stuttgart, Telefax (07 11) 16 40 99–77.Herstellung: Schwabenverlag Media der Schwabenverlag AG, Senefelderstraße 12, 73760 Ostfildern (Ruit),Telefon (07 11) 44 06–0, Telefax (07 11) 44 23 49Vertrieb: Verlagsgesellschaft W. E. Weinmann mbH, Postfach 12 07, 70773 Filderstadt,Telefon (07 11) 7 00 15 30, Telefax (07 11) 70 01 53 10.Preis der Einzelnummer: EUR 3,33, Jahresabonnement EUR 12,80 Abbuchung.Die namentlich gezeichneten Artikel stellen nicht unbedingt die Meinung der Redaktion dar. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripteübernimmt die Redaktion keine Haftung.Nachdruck oder Vervielfältigung auf Papier und elektronischen Datenträgern sowie Einspeisung in Datennetze nur mitGenehmigung der Redaktion.IMPRESSUM9


Gerlind Weber der Anteil der Qualifizierten und Hochqualifiziertenan der Gesamtbevölkerungin der Region liegt in ländlichenRäumen in der Regel weit unter jenemin Zentralräumen; entsprechend geringist der Anteil an wissensbasiertenBranchen (z.B. Creative Industries, Biotechnik,Hochtechnologie, unternehmensbezogeneDienstleistungen); weniger Nachwuchs bedeutet wenigerSchülerinnen und Schüler, Studierende– und somit weniger Unternehmensgründerbzw. Unternehmensgründerinnengerade in strukturschwachenländlichen Räumen.Auf der anderen Seite verbinden sichaber auch im Zusammenhang mit demTrend zur wissensbasierten ÖkonomieEntwicklungen, die die Position ländlicherRäume stärken: das Bildungsniveau der Landbevölkerungsteigt kontinuierlich an; in Zukunft ziehen die Wissensträgernicht zwangsläufig der Arbeit nach,sondern schaffen für sich und auch fürandere Qualifizierte Arbeitsplätze; der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologienhilft traditionelleStandortnachteile (schlechte Erreichbarkeit,weite Wege) im ländlichenRaum in ihrer Wirkung abzumildern; die reichhaltige Flächenausstattungländlicher Räume eröffnet absehbarneue Chancen bei Energiebereitstellung,Biotechnik, ökologischem Bauen,gesunder Ernährung, woraus eineStärkung der ökonomischen Basis erwachsenkann;Der Trend zur Wissensökonomie undWissensgesellschaft kann die Raumbilderwie folgt mit beeinflussen: zunehmend entleerte Dörfer und Weiler,wo die Teilhabe an diesem Strukturwandelnicht gelang; brachliegende Handelseinrichtungen,Gewerbe- und Industriebauten; wachsender Leerstand bei Wohngebäuden,aber auch Wiederbelebungalter Orts- und Stadtkerne durch Entfaltungwissensbasierter Betriebsaktivitäten(oft in Kombination mit Wohnen)im solcherart ungenutzten Baubestand; zu „Kompetenzzentren“ umgewandeltebrachgefallene Hofstellen, Handels-,Gewerbe- und Industriebauten; in attraktiven Wohnlagen zusätzlichangetriebenes Siedlungswachstum„auf der grünen Wiese“.KlimawandelDer weiteren Erderwärmung vorzubeugenund sich gleichzeitig den Folgendes bereits in Gang befindlichen Klimawandelsanzupassen (wie Starkregen,Dürreepisoden, Hitzewellen und Stürme),stellt sich derzeit als eine der größtengesellschaftlichen Herausforderungenweltweit dar. Dass sich dieser Verantwortungauch die ländlichen Räumestellen müssen, davon zeugt allein derUmstand, dass in unseren Breiten zumeinen dem Siedlungswesen und demVerkehr 90 Prozent der Treibhausgasemissionenzuzuordnen sind und dementsprechenddie für das Land typischeRaumstruktur auf der Suche nach CO 2 -Reduktionsmöglichkeiten zur Prüfungsteht. Auf der anderen Seite rückt beimKlimaschutz das enorme Flächenausmaß,das die ländlichen Räume charakterisiert,in den Mittelpunkt des Interesses.So bieten sich diese entweder landundforstwirtschaftlich genutzten ode rder menschlichen Intensivnutzung weitgehendentzogenen Flächen (wie Naturschutzgebiete,Gebirgsstöcke) beispielsweiseals potenzielle und realeTreibhausgassenken, als Abfluss- undVersickerungsflächen bei Starkregenereignissen,als Temperaturregulatorenbei Hitzewellen und – was nur die Agrarflächenanbelangt – als Standorte fürdie Energiegewinnung aus regenerativenQuellen (wie Wasser, Holz, Sonne,Wind, Erdwärme, Biogas) prinzipiell an.Sich auf den Klimawandel einzustellen,heißt insbesondere Gefahrenquellenauszuweichen, klimaverträgliche Energieversorgungund klimavertraglichesBauen, konsequenten Bodenschutz undintelligente Mobilität zu verfolgen. Diesheißt im Einzelnen beispielsweise: Entscheidungen im Bauwesen im Bewusstseintreffen, dass der Standorteines Objektes wichtiger ist als seinetechnische Beschaffenheit; die Freiräume möglichst vor weiterenVersiegelungen zu schützen; keine weitere Zersiedelung; die Autoabhängigkeit bei der Alltagsbewältigungzu reduzieren, insbesonderedurch konsequente Verfolgungder Funktionsmischung und der Nähe; vorsorglich großräumig potenziellenNaturgefahrenquellen auszuweichen(z.B. Hochwässern); Bauen „mit der Sonne“ zum Standarderheben; bedarfsgerechtere Mobilitätsangeboteentwickeln; Aufbau möglichst vieler regionalerWirtschaftskreisläufe; Ökologisierung der Landbewirtschaftung; gänzlicher Verzicht von „CO 2 -Schleudern“im Wohnungswesen, beim Handel-,Gewerbe- und Industriebau sowieim Freizeitbereich; Bewusstseinsbildung für einen klimaschonendenLebensstil im Alltag und inder Freizeitgestaltung schärfen (z.B.durch Wettbewerbe, Hilfestellungender öffentlichen Hand, finanzielle Anreize,Bürgerbeteiligung im Planungsprozess); größere Anpassungsnotwendigkeiten,aber auch größere Anpassungsmöglichkeitenländlicher Räume an denKlimawandel im Vergleich zu städtischenRäumen erkennen und durchsetzen.Unter der Annahme eines zukünftig sehrhohen Stellenwerts des Klimaschutzesbei der Entwicklung ländlicher Räumekönnten sich etwa folgende Raumbilderfür diesen Raumtyp herausbilden: eine abwechslungsreichere Kulturlandschaftdurch Extensivierung derBewirtschaftung und Diversifizierungder Fruchtfolgen; mehr Windschutzpflanzungen; Neubauten im Passivhausstandard; energetisch sanierter Althausbestand; entsiegelte Flächen im Innerortsbereich; Schatten spendende Bepflanzung; abgerissene Häuser in Gefahrenbereichen,in Abflussräumen und bei zu starkerTreibhausgas-Emission in der Benützung; Anlage von Wasserbecken und Rückführungkanalisierter Bäche an dieOberfläche; „eingefrorene“ Siedlungsgrenzen; begrünte Bereiche, wo einst baulicherLeerstand war; bevorzugte Verwendung regionalerBaumaterialien mit geringem ökologischen„Rucksack“; zurück gebaute Straßen; im Innenortsbereich nur mehr Elektroautos; deutlich reduziertes Verkehrsaufkommen; gemischte Verkehrsflächen; begrünte Fassaden und Dächer; naturnahe Gestaltung privater und öffentlicherFreiräume.EnergiewendeIn engem Zusammenhang mit dem Klimawandelsteht die Umstellung derEnergiebasis von nicht-erneuerbarenQuellen (wie Kernenergie, Kohle, Erdölund Erdgas) auf regenerative, wobeigleichzeitig die Senkung des Energiebedarfsund die Erhöhung der Energieeffizienzgelingen sollten. Diese „Herkules-Aufgabe“kann aber prinzipiellnur unter wesentlicher Beteiligung allerKräfte im ländlichen Raum gelingen unddementsprechend entschlossen muss indiesem Raumtyp der „Umbau“ vorangetriebenwerden. So lässt sich einerseitsfeststellen, dass in der ländlichgeprägten Raumorganisation gegenwärtigwesentliche Ursachen für den10


großen „Energiehunger“ unserer Gesellschaftliegen und dass anderseitsdie Voraussetzungen für die Umsetzungder Energiewende günstiger als imstädtischen Raum zu sein scheinen.Als problematisch erweisen sich etwadie große Abhängigkeit von Kraftfahrzeugenbei der Bewältigung des Alltagsauf dem Land durch weite Distanzen beiArbeits-, Einkaufs-, Bildungs- und Freizeitwegen,die durch Bauen „auf dergrünen Wiese“ und die Zentralisierungdes Arbeitsangebotes und von Einrichtungender Daseinsvorsorge immerlänger werden. Das schlecht isolierte,großzügig dimensionierte freistehendeEinfamilienhaus als bevorzugte Wohnform,das mit fossiler Energie geheiztund in dem die Warmwasseraufbereitungdurch Leitungsstrom erfolgt, istfragwürdig geworden. Die fortschreitendeZersiedelung, die durch zu geringeAnschlussdichten eine Umstellungauf Nahwärmeversorgungssysteme(z.B. Biomasseheizkraftwerk, Umgebungswärme)vereitelt, ist ebenso kritischzu hinterfragen.Die hohe Abhängigkeit in der Energieversorgungvon Energieimporten (in Österreichderzeit 70 Prozent) und nichtregenerativenQuellen bedeutet einenschwerwiegenden Verlust von Wertschöpfungin ländlichen Räumen, dasAusgeliefertsein an unsichere Produktionsstättenund Distributionswege sowieden Abfluss enormer Geldmengenin vornehmlich entlegene Staaten mitdubiosen Herrschaftssystemen.Die Energiewende, das heißt, die Umstellungauf regional vorhandene Energiequellenkann in ländlich strukturiertenRäumen hingegen aus mehrerenGründen gut gelingen, weil die regenerative Energiegewinnungund Diversifizierung der Energiebasisin jedem Fall mit neuen Raumansprüchenverbunden ist, sei es in Form vonSolarfarmen, Windparks, Energiewäldernetc., die im ländlichen Raum zurVerfügung stehen; das Leitbild der „energieautonomenRegion“ nur in ländlich strukturiertenRäumen realisiert werden kann; Einfamilienhäuser samt Gärten genügendPlatz zur Umsetzung des Konzepts„das Haus als Kraftwerk“ bieten,wobei Überschusswärme und -energiein dezentrale Netze eingespeist werdenkönnen; durch das Dominieren des Eigentumsan Wohnhäusern und Betriebsstättendie Investitionsneigung in alternativeEnergiebereitstellungssysteme sowieEnergiesparmaßnahmen (z.B. thermischeAlthaussanierung) prinzipiell alshoch einzuschätzen ist.Die Raumbilder, die durch Umstellungder Energiebasis und einen haushälterischenUmgang mit Energie in ländlichenRäumen entstehen, werden beispielsweisedurch folgende Elemente geprägtsein: Einfamilienhäuser entwickeln sich zum„Haus als Kraftwerk“ und speisenÜberschüsse in dezentrale Netze ein; die Investitionen in alternative Energiebereitstellungssystemeund Energiesparmaßnahmenwerden zunehmen; die Präsenz von Energiegewinnungsanlagenin unterschiedlichen Erscheinungsformen(Windparks, Solarfarmen,Sonnenkollektoren, Biomasseheiz-und Kleinwasserkraftwerke) wirdvor Ort steigen; Tankstellen für Elektrokraftfahrzeugeund andere Verteilsysteme, großeEnergiespeicheranlagen und Biomasselagerwerden sich etablieren; Niedrigenergiehäuser als Neubautenund wärmetechnisch sanierter Althausbestanddominieren das Erscheiungsbild; ein dichtes ÖPNV-Haltestellennetzund ein sicheres Rad- und Fußwegenetzprägen den Straßenraum; von Autos (weitgehend) befreite öffentlicheRäume, wenig Stellplätze, vieleMenschen auf Straßen und Plätzenkennzeichnen das Raumbild;O. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Gerlind Weber,Studium der Soziologie, Raumplanungund Raumordnung sowie Rechtswissenschaftenan der TU Wien undder Universität Wien. WissenschaftlicheLaufbahn an der TU Wien. Seit1991 Ordinaria für Raumforschung undRaumordnung an der Universität für BodenkulturWien und Leiterin des Institutsfür Raumplanung und Ländliche Neuordnungan der Universität für BodenkulturWien. Zwischenzeitlich Gastprofessurenan der Universität Kioto und ander Eidgenössischen Technischen HochschuleZürich (ETHZ). Präsidentin desÖkosozialen Forums Wien. Vizepräsidentindes Forums Österreichische Wissenschaftlerfür Umweltschutz (Umweltforum)und Ordentliches Mitglied derAkademie für Raumforschung undLandesplanung Hannover. ZahlreichePublikationen und Vorträge zu den ThemenRaumplanung, Bodenpolitik, ländlicheEntwicklung und RaumordnungspolitikUNSERE AUTORINAKTUELLE HERAUSFORDERUNGENLÄNDLICHER RÄUME abwechslungsreiche Kulturlandschaftenund intensiviert genutzte Wäldersind ein weiteres Merkmal; ein Mehr an Wohlstand wird sichdurch neue Einkommensmöglichkeiten– vor allem in den ehemals strukturschwachenRäumen sichtbar – abzeichnen.Zusätzlich ist in die Überlegungen miteinzubeziehen, dass derzeit etwa einZehntel des Erdölverbrauchs in die Herstellungvon Kunststoffen geht, alsonicht verbrannt, sondern veredelt wird.In diesem Zusammenhang könnte es einigenländlichen Regionen gelingen,Biotechnologiecluster zwischen Landwirtschaft,Forschungs- und Entwicklungseinrichtungensowie Produktionsbetriebenvon Werk- und Wirkstoffenaus pflanzlichen und tierischen Rohstoffenzu bilden und damit die Regionalentwicklungauf eine zukunftsträchtigeEntwicklungsschiene zu stellen. Idealtypischstünde die Energiegewinnungdurch Verbrennung erst am Ende des Lebenszyklus’der Produkte aus nachwachsendenRohstoffen.SchlussAllein wenn man – wie es hier geschehenist – die einzelnen Megatrends, diedie absehbare Zukunft ländlicher Räumemitprägen werden, isoliert betrachtet,lässt sich feststellen, dass sich dieRaumbilder doch relativ stark verändernwerden. Um Genaueres über denWandel in der eigenen Gemeinde zuerfahren, wäre es sicher lohnend, diesbezüglichmit Entscheidungsträgernund unter Beteiligung der Bürgerinnenund Bürger bei einem Workshop einenkollektiven Blick nach vorne zu wagenund das Ungewisse zu antizipieren. Injedem Fall ist es ein reizvolles Gedankenexperiment,das zumindest dasWort Karl Valentins bestätigen wird: „Esist schwer vorauszusagen, besondersdie Zukunft!“ANMERKUNGEN1 Die Autorin ist eine in Österreich tätige Raumwissenschafterinund argumentiert entsprechendaus österreichischer Perspektive.2 Vgl. Gerlind Weber und Walter Seher: RaumtypischenChancen für die Landwirtschaft. EineAnnäherung aus österreichischer Sicht. In: DISP,Heft 3/2006, Seite 46 ff.11


LÄNDLICHE RÄUME – MULTIFUNKTIONAL UND VERGLEICHSWEISE EIGENSTÄNDIGNeue Ländlichkeit? Landleben im WandelUlf HahneDie zu konstatierende „Sehnsucht nachLändlichkeit“ ist mehr als nur ein antimodernerReflex. Die Aufwertung derLändlichkeit ist vielmehr ein Phänomender Spätmoderne. Ländliche Räume entfernensich immer weiter von ihrer reinenAgrarfunktion und entwickeln sich zumultifunktionalen und vergleichsweiseselbstständigen Räumen, die ihren Platzin einer globalisierten Welt behaupten.Im Gegensatz zur europäischen Ebenewird in der Bundesrepublik Deutschlandeine eigenständige Politik für ländlicheRäume zusehends in Frage gestellt unddurch Raumbegriffe zu ersetzen versucht.Durch das Leitbild der Metropolenorientierunggerät die Eigenständigkeitder Kategorie „ländliche Räume“aus dem Blick nationaler Raumpolitik.Unabhängig jedoch von der Messlatteder Raumentwicklungspolitik gewinnenländliche Räume zusehends an Bedeutung.Ulf Hahne beschreibt diese gesellschaftliche,politische und wirtschaftlicheNeubestimmung ländlicher Räumeanhand einer Reihe regionsspezifischerAnsätze zur eigenständigen und nachhaltigenEntwicklung. Eine dezentraleEnergieversorgung auf der Grundlageerneuerbarer Energien und regionaleWertschöpfungskooperationen führenzu nachhaltigen Wirtschaftskreisläufenund damit zu einer wachsenden ökonomischenBedeutung ländlicher Regionen.Zuwanderungen und lokale gebundeneWissenspotentiale lassen einneues Selbstbewusstsein entstehen. DerBegriff „Neue Ländlichkeit“ ist mithin einBeleg für den politischen Bedeutungszuwachs,für neue Wege der Politikgestaltungvor Ort und für das gewandelteSelbstverständnis ländlicher Räume. Die Aufwertung ländlicherLebensweisenEine neue Welle der Ländlichkeit ziehtdurch das Land: Bauten zitieren ländlicheFormen, Zeitschriften mit Themenrund um das Landleben haben Konjunktur,Modelabels greifen auf rurale Accessoireszurück und die regionale Kücheboomt. Ländliche Lebensformenkehren sogar als „Zukunftsmodelle“ indie Stadt zurück – sei es beim Mehrgenerationenhausoder in Form von Gemeinschaftsgärten.Diese Aufwertung ländlicher Lebensweisenkann als antimoderner Reflex imJahrhundert der Städte abgetan werden,sie kann aber auch als neues Phänomendes Wandels in der Spätmoderneaufgefasst werden, in dem ländlicheRäume eine eigenständige Rolle einnehmen.Für eine solch eigenständigeHandlungsfähigkeit spielt vor allem derfunktionale Wandel ländlicher Räumeeine wichtige Rolle. Ländliche Räumeentfernen sich immer weiter von reinenAgrarfunktionen und entwickeln sich zumultifunktionalen Räumen, die ihrenPlatz in einer globalisierten Welt behaupten.Dies wird aktuell deutlich ander zunehmenden Bedeutung ländlicherRäume als Standorte für erneuerbareEnergien.Greift die Politik diesen funktionalenWandel auf? Während auf europäischerEbene die Politik für ländlicheRäume eine immer stärkere Eigenständigkeitentwickelt hat, werden Begriffund Inhalte einer eigenständigen Politikfür ländliche Räume in Deutschland immerstärker in Frage gestellt und durchRaumbegriffe zu ersetzen versucht, welcheländliche Räume als Teile der metropolitanenGroßräume verstehen. Unabhängigvon diesen ideologischen Bemühungengewinnen die ländlichenRäume selbst an lokalen und regionalenHandlungsmöglichkeiten, so dass eineneue Ländlichkeit aus ganz anderenQuellen entsteht als den zuoberst Genannten.Ländlichkeit als LebensstilEtwa seit zehn Jahren lässt sich einwachsender Markt von Lifestyle-Magazinenbeobachten, die sich explizit aufdas Thema „Ländlichkeit“ beziehen undeinen erstaunlichen Marketingerfolgaufweisen können. Die Auflagenzahlensteigen rasch, und jährlich treten neueZeitschriften auf diesen Markt, der 2010in Deutschland eine Leserreichweitevon ca. vier Millionen Lesern aufweist. 1Themen rund um Landhäuser, Landgärten,ländliche Küche und Landlebenheute entfalten ein positive Folie aufdas Landleben, kommen als „kleiner Urlaubvom Alltag“ 2 daher und betonenSchönheit, Natürlichkeit und Authentizitätländlicher Räume.Ländliches, auch kleinstädtisches Lebenentspricht weitgehend den Wohnwünschender Mehrheit der Deutschen. EinForschungsinstitut des Bundes interpretiert:Es scheint „eine Sehnsucht nachder mehr oder weniger heilen Welt ursprünglichenLebens im Einklang mitder Natur zu geben, das man sich amehesten ‚auf dem Lande‘ vorstellenkann.“ 3 Unabhängig von derartigerZuschreibung lässt sich empirisch belegen:Höhere Ortsbindung, größereWoh nungen, höhere Wohnzufriedenheitund bessere Wohnumfeldbedingungenkennzeichnen die Wohnbedingungenin ländlichen Räumen oder vonGemeinden und Kleinstädten im suburbanenUmland. 4 Das heißt: Im Zeitalterder Globalisierung und Metropolisierungist nicht automatisch die Großstadtder beliebteste Wohnstandort geworden.Selbst bei den in der Großstadt Lebendenhat der Anteil derer, die gerndort leben, von 57 Prozent im Jahr 1996auf 37 Prozent im Jahr 2007 abgenommen.Das für die Stadtentwicklung zuständigeund stark auf Metropolenbildungsetzende Ministerium (siehe dazuunten) wertet aus großstädtischer Perspektive:„Bedenklich stimmt, dass 26 %der heutigen Großstadthaushalte amliebsten im Umland einer größeren Stadtund 21 % lieber in einer mittelgroßenStadt leben würden.“ 5 Anders als dasMinisterium schreibt, ist hier keine „neueStadtlust“ zu erkennen, sondern dasglatte Gegenteil (siehe auch Tabelle 1).Tabelle 1: Wohnwünsche der Deutschen: Wo wollen die Deutschen am liebstenwohnen (in %)Wo wollen die Deutschen am liebsten wohnen 1996 2007— auf dem Land 24 27— in einer Kreisstadt 22 25— in einer mittelgroßen Stadt 18 20— im Umland einer größeren Stadt 11 14— in einer Großstadt 25 14Quelle: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2008, S. 16 612


Unzweifelhaft gibt es auch Zerrbilderdes Trends zur Ländlichkeit, etwa Modewellenbäuerlicher Trachten oderBaustile, welche Elemente ländlicherBaukunst in die Einfamilienhäuser städtischerVororte tragen. Dort finden sichaktuell die Dächer der Toskanavillenoder – ungebrochen beliebt – der überdimensionierteFriesengiebel wieder.Die Rückbesinnung auf das Land mitNaturburschenlook und Anleihen beider Jagdkleidung nahmen im Herbst2010 auch zahlreiche bekannte Modekollektionenauf (z.B. Joop, Lagerfeld,Prada oder Marios Schwab) – bis hinzur Rückkehr des Norwegerpullovers.Antimoderner Reflex oder Elementder Spätmoderne?In einfacher Annäherung kann man dieheutige Rückbesinnung auf die Ländlichkeitals Reflex gegen die Auflösungder vertrauten Bilder und Bindungen inder Moderne interpretieren. Entsprechendfindet sich der Verweis auf dieverbliebenen Besonderheiten ländlicherRäume, auf das Schöne, die Naturnäheund das Authentische des Landlebens– etwa bei der Zeitschrift „Land-Lust“: „LandLust zeigt die schönstenSeiten des Landlebens mit einer unverwechselbarenNatürlichkeit und hohenAuthentizität.“ 7 Das gekennzeichneteLandleben ist hier kein rückwärtsgewandterProtest gegen die Veränderungendurch die Moderne, wie es noch dieHeimatschutzbewegung im Ausgangdes neunzehnten Jahrhunderts war undwie es die heutige Rekonstruktionsdebatteim Bauen (zumindest in Teilen)kennzeichnet 8 , sondern ist ein Aneignungsangeboteigenständiger Qualitäten.Wer es selbst wählen (im Sinne vonselbst bestimmten, auch alternativen Lebensformen)oder es sich leisten kann,findet im Landleben eine Kompensationzu den Beschleunigungstendenzen derSpätmoderne.Auf einer weiteren Ebenen lässt sich fragen:Warum tritt die Ländlichkeit alsPhänomen ausgerechnet in der Spätmodernewieder in Erscheinung? Handeltes sich um ein Aufbäumen (alsodoch Protest vor dem Untergang) gegendie gleichmachenden Tendenzen einesubiquitären urbanen Lebensstils oderentfaltet Ländlichkeit ein funktionalneues Element? Eine Reihe von Entwicklungen– die ungehemmte Globalisierungund Liberalisierung ökonomischerMärkte, die Flexibilisierung von Produktionsweisen,die politische Wende mitAuflösung der Blockbildung seit 1989und die Individualisierung der Lebenswelten– legt nahe, dass die Modernegegen Ende des zwanzigsten Jahrhundertsin eine neue Phase eingetreten ist.Verbunden mit diesen systemischenVeränderungen ist eine starke Beschleunigungdes Lebens- und Änderungstempos.9 Nachdem die Moderne überkommeneInstitutionen und Werte zugunstendurchgängiger Ökonomisierungund Liberalisierung fortgespült hat,werden mit der Entflechtung von Zeitund Raum in der Spätmoderne 10 auchdie Individuen aus ihren bisherigen kollektivenVerbindlichkeiten (wie Familie,Sozialgruppen etc.) mehr und mehr herausgelöst.11Dieser „änderungstempobedingte Vertrautheitsschwund“12 sucht sich Kompensationenim Rückbezug auf Traditionen,verlässliche Identitätsanker undEntschleunigungsinseln. Ländliche Räumebieten – nicht nur als touristische Destinationen– solche Entschleunigungsfenster,auf die man Zuflucht nehmenkann („kleiner Urlaub vom Alltag“), wobeidie Flucht (für die meisten) nur einAbschalten auf Zeit ist, während die Einbindungin die Welt der Spätmodernebleibt.Insofern ist diese Entschleunigung nichtnur ein Kompensationsangebot und eineParadoxie der Moderne, sondern einfür die Spätmoderne geradezu konstituierenderPart, in welchem ländlicheRäume nicht nur als Zerrbild eine funktionaleBedeutung erhalten, sondern alsDeterminanten der Spätmoderne eineeigenständige Rolle einnehmen. Sowird die Entschleunigung zum funktionalenErgänzungspart der Auflösungserscheinungenvon Gemeinschaftenund Herkunftsbindungen in einem beschleunigtenLeben. Als Gegenfolie zurSpätmoderne mit ihrem hohen Einbindungsgradund -rhythmus enthält dasLandleben ein Versprechen auf Freiheitund auf (temporäre) Loslösung von sozialenVereinbarungen und bietet zugleichdie Möglichkeit einer Identifikationmit einem selbst gewählten Lebensstil.Dem Verlust der Symbole in der Moderne,ihrer Imitierbarkeit und raschenVeraltung kommen ländliche Räume mitihren Möglichkeiten der emotionalenAneignung und des selbst gestaltetenUmbaus (regionale Agenden) beziehungsweiseder erkämpften Erhaltung(Naturschutzbewegungen) von ländlicherHeimat entgegen. Dann zeigt dieneue Ländlichkeit eine Neubewertungvon sehr verschiedenen Lebensstilen imAustarieren zwischen Individualität undDistinktion, zwischen Beschleunigungund Vergewisserung.Neue Ländlichkeit als Folge desFunktions- und PolitikwandelsNEUE LÄNDLICHKEIT? LANDLEBENIM WANDELDie Unterschiede zwischen Stadt undLand im Hinblick auf Wirtschaft, Infrastruktur,Kultur und Lebensweisen habensich in Deutschland in den vergangenenJahrzehnten deutlich verringert.Ländliche Räume sind längst nicht mehrnur mit landwirtschaftlich genutztemRaum gleichzusetzen, sie sind vielfältigstrukturiert und vergleichsweise eigenständig.Auf der anderen Seite habensich die sozioökonomischen Bedingungenund Lebensweisen zwischen Stadtund Land immer weiter angenähert. Eswird daher mehr und mehr von einem„Stadt-Land-Kontinuum“ gesprochen. 13Die OECD hat jedoch zu Recht daraufverwiesen, dass wesentliche Unterschiedein der Siedlungsdichte bestehen,die es rechtfertigen, weiterhin vonunterschiedlichen Siedlungstypen zusprechen. Dazu hat die OECD die großräumigeAufteilung in hier ländlicheRäume, dort Agglomerations- und Verdichtungsräumeaufgegeben und gemeindescharfein Fleckenbild von stärkerstädtisch verdichteten, von eherländlich geprägten Gemeinden sowieGemeinden im Mittelfeld dargestellt. 14Mit der unterschiedlichen Nutzungsdichtegehen aber unterschiedliche Aneignungsmöglichkeitenund Freiräume(im wörtlichen wie im übertragenen Sinne)einher. 15Der ökonomische Funktionswandelländlicher Räume hat sich in den vergangenenJahrzehnten auch in verändertenKonzepten zur Entwicklung dieserRegionen niedergeschlagen: Voneinem rein sektoralen und auf Agrarförderungabstellenden Ansatz hin zu einemmultifunktionalen, unterschiedlicheSektoren und verschiedenste Akteureund Anspruchsgruppen integrierendenPolitikansatz. Hierzu haben seit Endeder 1970er Jahre innovative Ansätzeder Regionalpolitik gerade in den peripheren,abgelegenen ländlichen Regionenden Anstoß gegeben. Die EuropäischeKampagne für den LändlichenRaum (1987/88), initiiert vom Europaratund zunächst in Anlehnung an das EuropäischeDenkmalschutzjahr 1975 aufden Erhaltungsgedanken orientiert,griff dies auf und führte erstmals zu Forderungennach multisektoraler und ausgewogenerländlicher Entwicklung. Mitder „Sonderaktion zur Stärkung entwicklungsschwacherländlicher Räumein Berggebieten Österreichs“ (ab 1980;später: Förderaktion für EigenständigeRegionalentwicklung), dem hessischenLändlichen Regionalprogramm (1984–1987), den LEADER-Ansätzen 16 der EuropäischenKommission (ab 1991) unddem bundesdeutschen Modellvorhaben„Regionen aktiv“ (bis 2007) hat sicheine fachlich wie methodisch veränder-13


Ulf HahneTabelle 2: Das neue Paradigma für ländliche Räume (OECD 2006)ZieleWichtigsterZielsektorAltes KonzeptAusgleich, Agrareinkommen,AgrarwettbewerbsfähigkeitLandwirtschaftNeues KonzeptHauptinstrumente Subventionen InvestitionenSchlüsselakteureNationale Regierungen, LandwirteWettbewerbsfähigkeit ländlicher Räume, Inwertsetzung lokalerPotentiale, Ausschöpfung ungenutzter RessourcenVerschiedene Sektoren ländlicher Ökonomien (z.B. ländlicherTourismus, Verarbeitendes Gewerbe, IKT-Industrie usw.)Alle Regierungsebenen (supranational, national, regional undlokal) und weitere Stakeholder (öffentlich, privat, NROs)Quelle: OECD 2006, S. 60te Regionalpolitik entwickelt, die nichtnur regionsspezifisch an den Stärkenund Schwächen ansetzt, sondern gezieltdie Akteure vor Ort als Entwicklungsmotoreneinbezieht und Selbstorganisationsprozesseauf Basis der endogenenPotentiale stimuliert.Die OECD hat diesen Politikwandelschließlich vom experimentellen Niveauauf die konzeptionelle Ebene gehobenund die „neue Politik für ländliche Räume“der alten agrarorientierten gegenübergestellt. 17Auch in der Europäischen Union (EU)ist das gewandelte Verständnis derMultifunktionalität und Eigenständigkeitländlicher Räume angekommen. Mitder Förderperiode 2007–2013 hat dieEU einen eigenen Fonds für die Entwicklungder ländlichen Räume eingerichtetund das einstige ExperimentierprogrammLEADER als Querschnittsprogrammin diese neue Regelförderungeingebaut. Der Titel „EuropäischerLandwirtschaftsfonds für die Entwicklungdes ländlichen Raums“ (Akronym:ELER) zeigt die alte Herkunft und Zugehörigkeitdes neuen Fonds an: Er ist alseigenständiger Fonds aus dem Agrarfondsherausgelöst, gehört aber nochimmer zum Agrarkommissariat und enthältdaher viele Teile, die zuvor dortverankert waren, jedoch keine di -rekte agrarische Produktionsförderungbeinhalteten (Agrarumweltprogramme,Dorfentwicklung etc.). Insofern hat dieEU nur halbherzig das neue Paradigmafür die ländlichen Räume umgesetzt.Neue Ländlichkeit in derwissenschaftlichen DebatteLändliche Räume kehren nicht nur in derDebatte um die Europäische StrukturundAgrarpolitik in die politische Arenazurück. Die Globalisierung hat in denWissenschaften eine intensive Diskussionum die Bedeutung der Faktoren vonDichte und Distanz für die Wirtschaftsentwicklungausgelöst 18 – zentrale Faktorenfür die Raumdifferenzierung zwischenAgglomerationen und ländlichenRäumen. Am Anfang der Debatte überGlobalisierung wurde die „Pulverisierung“der Raumdimension des Wirtschaftensangesichts der Hypermobilitätvon Kapital und Ideen und der drastischverminderten Transportkosten fürGüter betont. 19 In einer solchen Weltder Globalisierung, wo Entscheidungenund Kontrollfunktionen sich in globalenMetropolen konzentrieren, spielten dieländliche Räume keine Rolle mehr.Doch diese Vorstellung von Globalisierunghat sich deutlich verändert, die Dimensiondes Raumes ist in die Wissenschaftzurückgekehrt („spatial turn“ 20 ).Drei zentrale Aspekte seien hier genannt: Wirtschaften bleibt in weiten Teilenimmer ortsgebunden, daher benötigtGlobalisierung auch lokale Standortemit ihren Ressourcen, physischen undinstitutionellen Infrastrukturen sowieMenschen als Produzenten und Konsumenten(Stichwort: „Glokalisierung“). Neben der globalen Ebene existierenweitere Ebenen des stofflichen, wirtschaftlichen,kulturellen und sozialenAustauschs etwa im nationalen, regionalenund lokalen Maßstab. Jede einseitige Entwicklung ruft Gegenkräftehervor: Homogenisierungauf globalen Märkten erzeugt Gegeneffektedurch Differenzierung und Distinktion.Hier liegen Möglichkeiten füreigenständige Wege ländlicher Räume– von Innovationen im Weltmaßstabüber Nischenstrategien bis hin zuneuen Wohlstandsmodellen. 21Die Rückkehr des Raumes („Re-Territorialisierung“)in der Globalisierung verändertauch die Rolle ländlicher Räume:Ländliche Räume können direkt eingebundenauf der globalen Ebene sein,sie können sich also ohne die Umwegeentlang einer räumlichen Hierarchievon Metropolen, Regiopolen und Hinterlanddirekt in den Austausch etwa mitMetropolen begeben, wie es viele versteckteWeltmarktführer („hidden champions“)mit Sitz in ländlichen Räumenvormachen. 22 Ländliche Räume könnenaber auch den Weg der Diversifizierung,der Entfaltung regionaler Wirtschaftskreisläufesowie einer eigenständigenEnergieversorgung und derselbst gesteuerten politischen und sozialenEntwicklung verfolgen und sich soeigenständig behaupten. Eine einseitigePfadabhängigkeit ländlicher Räume– z.B. als bloße Rohstofflieferanten fürdie Weiterverarbeitung in anderen Regionen– ist daher in der neuen Ländlichkeitnicht mehr gegeben. Vielfachverfügen ländliche Räume über hochqualifizierte und selbstbewusste Akteureund haben eigenständige regionaleInstitutionen und Governance-Arrangementsausgeprägt. Der Begriff derneuen Ländlichkeit („new rurality“) wirdin der Wissenschaft zunehmend benutzt,um diesen Wandel in der wirtschaftlichenStruktur, in der politischenBedeutung und im Selbstverständnisländlicher Räume deutlich zu machen. 23Ländliche Räume in der nationalenRaumpolitikIn Deutschland wurde in den vergangenenJahren eine intensive Debatte umdie Neuausrichtung der Raumentwicklungspolitikgeführt. Ziel war es, an dieeuropäische Wachstumsstrategie anzuknüpfenund die Wettbewerbsfähigkeitdes Gesamtraums zu verbessern. 24In Umsetzung auf eine nationale Raumentwicklungsstrategiewurden dazuneue „Leitbilder der Raumentwicklung“25 formuliert. Kernpunkt ist dabeieine Wachstumsstrategie, welche aufdie Stärkung der Metropolregionen als„Motoren der wirtschaftlichen, sozialenund kulturellen Entwicklung“ setzt. Zwarwird betont, dass alle TeilräumeDeutschlands ihren Beitrag zu Wachstumund Innovation zu leisten habenund hierbei entsprechend ihrer jeweiligenStärken zu unterstützen seien, dochder Gedanke der Metropolenorientierungist zentraler Schwerpunkt der Leitbilderund prägt auch die räumliche Einteilungder zugehörigen Leitbildkarte.Diese weist eine flächendeckende Zuteilungaller Räume zu den verschiedenenMetropolregionen auf und kenn-14


zeichnet diese als metropolitane Verflechtungsräume.Mit der metropolitanen Orientierungverschwindet die Eigenständigkeit derKategorie „ländliche Räume“ aus demBlick der nationalen Raumpolitik. LändlicheRäume werden nur noch als Teileder „großräumigen Verantwortungsgemeinschaftzwischen Zentren, Umlandund Peripherie“ gesehen. Die Orientierungder Raumkategorien erfolgt im alleinigenFokus auf die internationalbedeutendsten AgglomerationsräumeDeutschlands. 26 Diese Perspektive setztsich fort in jüngeren Raumabgrenzungendes Bundesinstituts für Bau-, StadtundRaumforschung (BBSR). Für denRaumordnungsbericht 2010, der Anfang2011 erscheinen soll, wurde einneues Typisierungskonzept verwendet,Abbildung 1: Neue Raumtypisierung des BBSR 2010das auf der Betrachtung zweier räumlicherBasisstrukturmerkmale beruht: Besiedelung durch Unterscheidungzwischen überwiegend städtisch undländlich geprägten Gebieten, klassifiziertnach Bevölkerungsdichte undSiedlungsflächenanteil (lokale/kleinräumigeMaßstabsebene); Lage, d.h. Unterscheidung zwischenzentral und peripher gelegenen Räumen,klassifiziert nach potentiell erreichbarerTagesbevölkerung (regionale/großräumigeMaßstabsebene).Farblich hebt die daraus entstehendeKarte (siehe Abbildung 1) vor allem diezentral gelegenen Regionen hervor,weil sich dort die Tagesbevölkerung –die Wohnbevölkerung ergänzt um denBerufspendlersaldo – konzentriert.Quelle: http://www.bbsr.bund.de/nn_103086/BBSR/DE/Raumbeobachtung/Werkzeuge/Raumabgrenzungen/Raumtypen2010/Raumtypen2010.html [4.1 .2011]NEUE LÄNDLICHKEIT? LANDLEBENIM WANDELDieser Raumtypisierung lässt sich dieeinfache Abgrenzung nach dem bloßenMerkmal der Bevölkerungsdichte gegenüberstellen(vgl. Abbildung 2). Dabeiberuht die Abgrenzung zwischenstädtischen und ländlichen Räumen aufdem OECD-Maßstab von 150 Einwohnernje Quadratkilometer. Verblüffendist, wie stark die Abgrenzung nach reinenDichtekriterien der neueren Abgrenzungunter Betonung von Lagekriterienentspricht. Ginge es nur um wissenschaftlicheExaktheit, könnte manden neuen Ansatz begrüßen. Betrachtetman aber das hinter dem Lagekriteriumschlummernde Merkmal der Arbeitsplatzzentralitätals einen auf die metropolitanenZentren bezogenen Messansatz,so ist der ideologische Ansatz desMesskonzeptes nicht zu leugnen. DerAnsatz entspricht dem wachstumsorientiertenKonzept der neuen Leitbilder derRaumentwicklung. Inhaltlich behauptetdie Klassifizierung der Lage eine lineareAbstufung der Regionen zwischensehr zentralen und sehr peripheren Regionen.Die kartographische Darstellung derRegionen, die sich entlang einer Zentrumshierarchiegruppieren lassen, folgtthematisch einer alten Vorstellung derPfadabhängigkeit von Entwicklung. Diedifferenzierten Argumentationen derfortgeschrittenen Globalisierung einerflexiblen Spätmoderne, die neueren Ansätzeder ökonomischen Geographieund die Aspekte der neuen Ländlichkeitwerden nicht berücksichtigt.Ländliche Räume werden damit als Analysekategoriefür das Ziel der Wachstums-und Wissensgesellschaft abgelöstdurch die Kriterien der Verdichtungund der Lage zu Metropolregionen. Dahintersteckt die Vorstellung, dass dieWissensgesellschaft von einer „kreativenKlasse“ in den Metropolkernen getragenwird 27 und ländliche Räume hierzukeinen oder lediglich einen funktionaluntergeordneten Entwicklungsbeitragleisten könnten.In der weiteren nationalen Raumpolitiktauchen ländliche Räume daher nichtmehr als Entwicklungskategorie, sondernnur noch als Problemkategorie auf:In dünn sowie dispers besiedelten ländlichenRegionen führt der demographischeWandel mit weiter abnehmendenEinwohnerzahlen zu erheblichen Problemenbei der Aufrechterhaltung derDaseinsvorsorge, da vielfach die Tragfähigkeitsschwellenvon technischenund sozialen Infrastrukturen unterschrittenwerden. Mit der wachsenden Problematikschrumpfender und alternder15


Ulf HahneRegionen wird die Frage nach denMaßstäben für die „gleichwertigen Lebensbedingungen“,welche nach demGrundgesetz anzustreben sind, gestellt.Doch auch hier zeigt eine Reihevon Regionen, dass ländliche Regionenindividuelle Anpassungslösungendurch Aktivierung der Beteiligten entfaltenkönnen. 28Neue Ländlichkeit auf Basiseigenständiger EntwicklungDie neue Ländlichkeit erhält Schub undzunehmende gesellschaftliche Bedeutungvor allem aufgrund neuer Entwicklungschancen.So führt vor allem dieTransformation der Energieversorgungin Richtung dezentraler Energiesystemeauf Basis erneuerbarer Ressourcen zueiner neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichenBedeutung ländlicherRäume. Zugleich entfalten ländlicheRäume eine hohe Eigendynamik durchdie Stärkung nachhaltiger Wirtschaftskreisläufe.Darüber hinaus führen Zuwanderungenund bessere Ausbildungzu einem neuen Selbstbewusstseinländlicher Regionen. Schließlich kehrtdas Regionale im Bereich von Lebensmittelnund Küche als Distinktionsmerkmalin die Gesellschaft zurück.Kapitalumlenkung durch Regionalisierungder EnergieversorgungEin wesentlicher Motor wirtschaftlicherEntwicklung ist preisgünstige Energie.Die zunehmende Umstellung von fossilenauf erneuerbare Energien beschertden ländlichen Räumen eine neue Rollein der Energieversorgung: Statt Kapitalzu exportieren, um EnergielieferungenAbbildung 2: Die metropolitane Republikzu empfangen, können sie nun selbst zuEnergieerzeugern werden. Die Bewegungder „100% Erneuerbare-Energie-Regionen“ hat in Deutschland weite Teileländlicher Räume erfasst. 29 Allerdingsist das numerische Ziel einer vollständigenEigenversorgung keine sinnvolleGrenze, denn viele ländliche Regionenkönnen deutlich über den Eigenbedarfhinaus Energie erzeugen und werden sozu Energieexporteuren. Damit könnensie auch die ehrgeizigen Ziele von Städtenbedienen, ihre Versorgung ebenfallsauf erneuerbare Energien umzustellen.Soweit die Shareholder als Flächen-und Kapitaleigner (einschließlichder Kommunen) in den ländlichen Räumensitzen und dort investieren, werdenWohn- und Produktionsstandorte mitneuen Standortvorteilen entstehen. Inder Konsequenz ergibt sich eine deutlicheUmverteilung von Kapital in Richtungländlicher Räume.Neue WertschöpfungskooperationenAus dem Thema Energie entwickelnsich weitere Ideen für neue Wertschöpfungskooperationenin ländlichen Regionen.So werden verwandte Themendes Energieverbrauchs für Verkehr undWärme aufgegriffen und Wertschöpfungskooperationenin den Regionenaufgebaut. Biomasse aus Ölpflanzeneignet sich auch zur Herstellung vonBiotreibstoff für Dieselfahrzeuge. DieseWertschöpfungskette knüpft an das österreichischeVorbild Mureck (Steiermark)an, wo schon in den 1990er Jahrenmit einer lokalen Biodieselversorgungbegonnen wurde. Realisierungenim regionalen Maßstab in Deutschlandfinden sich u.a. im Wendland.Auch das Thema Wärmeerzeugung undEnergieeffizienz von Gebäuden wird inländlichen Räumen aktiv aufgenommen.Dabei hat vor allem der WertstoffHolz eine Renaissance als Brennstoffwie als Baustoff erfahren. Im Wärmebereichfinden sich inzwischen zahlreicheBeispiele zur Umrüstung von Heizanlagenauf den nachwachsenden RohstoffHolz. Modellhaft ist das waldreicheLand Hessen mit dem Ansatz „BioRegioHolz“ seit 2003 vorgegangen, um zahlreicheöffentliche und private Heizungsanlagenmittels effizienter Holzheizungenzu modernisieren und die Beschaffungslogistikfür das Holz aus den Regionenzu optimieren. Inzwischen wurdeder Modellansatz auf fünf größere Regionendes Landes ausgedehnt.Der Baustoff Holz erfährt derzeit aucheine Renaissance beim Wohnungs- undZweckbau, weil sowohl moderne Verarbeitungsverfahren,die den Anforderungendes Brandschutzes und der Tragfähigkeitim Mehrgeschossbau genügen,als auch moderne Architektur Verwendungfinden. Am bekanntesten sind dieBeispiele moderner Holzarchitektur inVorarlberg, wo junge Architekten undengagierte Handwerker mit vielen Bautenzeigen, dass Holzbauten im ländlichenRaum nicht immer nur traditionellenMustern folgen müssen, sondernauch gestalterische Innovationen mitRessourcen schonenden Bauweisenverbinden können. Ökonomisch interessantist die daraus entstehende Wertschöpfungserhöhungin den ländlichenRäumen. Und ökologisch interessant istes, dass die stoffliche Nutzung des Holzeswieder in den Vordergrund rückt.Nicht nur im Energiebereich ist die Suchenach Wertschöpfungskooperationenein Thema, das in ländlichen Räumenintensiv bearbeitet wird. Ob dasRestaurant den Bauernhof als Zulieferersucht oder Handwerker ihre Angebotebündeln und gemeinschaftlich Nischenmärktebedienen, ob produzierendeUnternehmen sich gegenseitig mit Fachkräftenaushelfen oder spezifische Unternehmer-und Unternehmerinnennetzwerkegründen – die Selbstorganisationskraftländlicher Räume ist beachtlich.Das reicht bis hin zum Aufbau vonHochschulabteilungen abseits der Metropolen,wo spezifisch auf den Arbeitskräftebedarfder lokalen Unternehmen(zum Teil „hidden champions“) hin ausgebildetwird. Ökonomisch betrachtethandelt es sich um einen Prozess, der regionalgebundenes Wissen schürt undregionale Wissensnetzwerke aufbaut.Quelle: BBR o. J.„Amenities“: Vorteile ländlicher UmweltEine weitere Quelle des Wandels ländlicherRäume sind Zugezogene, welchedie besondere Atmosphäre und die Vor-16


teile ländlichen Wohnens schätzen. 30Die Bevorzugung ländlicher Umweltenund kleinerer Siedlungseinheiten alsgewünschte Wohnstandorte wurde eingangsbeschrieben. Es gibt verschiedeneBevölkerungsgruppen, die dieseWohnwünsche auch realisieren. Dabeihandelt es sich nicht nur um zeitweiligeGäste (Touristen) und Ruheständler,sondern auch um Freiberufler, Aussteigerund wohlhabende „Stadtflüchtlinge“,die neben ihrer Stadtwohnung sichweitere Wohnsitze leisten können. Ausgehendvon nordamerikanischen Beobachtungenhat sich die Forschung imvergangenen Jahrzehnt intensiv mit diesemPhänomen der „amenity migration“befasst 31 und das zum Teil bemerkenswerteBevölkerungswachstum ländlicherRäume durch Zuzug – neben ökonomischenGründen 32 – auf den Faktorder Nähe zu öffentlich zugänglichenWäldern, weiträumigen Landschaftenund natürlichen Habitaten zurückführenkönnen.Der durch den „amenity rush“ bedingteEinwohnerzuwachs verändert die sozioökonomischeStruktur ländlicherRäume und ist eine weitere Triebfederökonomischer und sozialer Differenzierungauf dem Lande. In Europa wurdediese Bewegung auch als Parallele zurGentrifizierung von bevorzugten Stadtquartierenbetrachtet und mit dem Begriffder „rural greentrification“ 33 belegt.Integrieren sich die Zugezogene indie Kontaktnetze vor Ort, tragen sie mitihrem Wissens- und Erfahrungshintergrundhäufig zur Stärkung regionalerSelbstbestimmungsansätze bei. Entwicklungsprozesse– von der Dorfentwicklungbis zu integrierten regionalenStrategien (etwa nach der LEADER-Methode)– werden damit qualitativ bereichert.Distinktion und Differenz: Regional alsLebensstilDie Wiederentdeckung und Betonungdes Regionalen spielt nicht nur in Wohnhabitusund Mode, sondern zunehmendauch im Bereich Lebensmittelprodukte,Ernährung und Restaurantküche eineRolle. Das Bekenntnis zum Regionalenist dabei einerseits gesellschaftlicherAusdruck der Suche nach Vertrauen angesichtsverschiedentlicher Lebensmittelskandale.Andererseits bieten regionaleProdukte die Möglichkeit einergezielten Distinktion von einer globalisierungsbedingtvereinheitlichten Warenweltmit ihren Allerweltsprodukten.Der Trend zum Regionalen hat besondersim Lebensmittelbereich Fuß gefasst.Dabei sind es nicht nur Wochenmärkteund lokale Händler, sondernlängst auch größere Lebensmittelketten,welche auf regionale Herkunft, auftransparente Wertschöpfungskettenund kurze Wege setzen. Während lokalisierteProdukte über räumliche Entfernungenhinweg gehandelt werden, setzenlokale Produkte auf den exklusivenVerzehr vor Ort. 34In Zusammenhang damit steht auch dieWiederkehr der regionalen Küche. 35Diese ist zwar auch durch Zerrbilder gekennzeichnet,die den Trend zu regionalenProdukten und traditionellen Rezeptenwohl aufgreifen, ihn aber zu einerMelange aus unterschiedlichen Zitatenund Zutaten zusammenbasteln, die amEnde nicht mehr zu lokalisieren ist undunter dem Titel „ländlicher Stil“ eher gekünsteltdaherkommt. Kochtechnik undÄsthetik kommen meist aus anderen Zusammenhängen,Produktqualität, Saisonalitätund Produktbehandlung spielenkeine Rolle, nach der Herkunft derProdukte darf man nicht fragen. Dortaber, wo das Restaurant den Bauernhofsucht, der ihm aus der Nähe die Produkteder Saison liefert, wo der Koch daraufhindie Speisekarte immer wiederneu anpasst und die Produkte in ihremSpektrum erweitert oder ihnen mit neuenKochtechniken zu neuem Ausdruckverhilft (z.B. der dänische Kochstil „novaregio“), kann auch eine neue Verbindungzwischen Region und kulinarischerÄsthetik entstehen – mit allen positivenEffekten kleinräumiger Kreisläufe.Univ.-Prof. Dr. Ulf Hahne, Jahrgang1956, ist Volkswirt und seit langem aufden Feldern der Regionalökonomie undRegionalentwicklung praktisch und wissenschaftlichtätig. 1999 wurde er andie Universität Kassel berufen. Dort leiteter das Fachgebiet Ökonomie derStadt- und Regionalentwicklung imFachbereich Architektur, Stadtplanung,Landschaftsplanung und ist Gründungsdirektordes Instituts für UrbaneEntwicklungen (seit 2009). Zuletzt gaber das Buch „Globale Krise – RegionaleNachhaltigkeit. Handlungsoptionenzukunftsorientierter Stadt- und Regionalentwicklung“(Detmold: DorotheaRohn Verlag 2010) heraus.UNSER AUTORNEUE LÄNDLICHKEIT? LANDLEBENIM WANDELRegionale SelbststeuerungNeues Selbstverständnis, besser ausgebildeteAkteure, veränderte sozialeStrukturen – gepaart mit neuen Entwicklungschancen– führen zu zunehmendemSelbstbewusstsein ländlicher Räume.36 Die Aktivierung des regional verankertenSozialkapitals gehört zu denwesentlichen Elementen der neuenLändlichkeit. Dies kann durch Eigeninitiativengeschehen, es kann durch Planungsvorhabenentzündet werden, eskann aber auch durch die vielfältigenAngebote staatlich unterstützter Entwicklungsprozesseeinen Anstoß erfahren.Die Aktivierung bleibt jedoch nur verhaltenerfolgreich, wenn nicht zugleichauch Entscheidungsprozesse auf regionalerEbene im Sinne von Good Governanceselbst gesteuert werden können.Governance meint dabei die Koordinationkollektiven Handelns zwischen Politikund Bürgern, Staat, Zivilgesellschaftund Wirtschaft. Das Anknüpfen an lokaleProblemlagen, an Binnenmotive derBeteiligten oder an die neuen Entwicklungschancenwird dann zu Lernprozessenund dauerhafter Entwicklung beitragen,wenn die Zusammenarbeit verschiedenergesellschaftlicher Gruppierungenund staatlicher Ebenen durchgeeignete Koordinations- und Managementinstitutionenvor Ort verstetigtwird. Neue Ländlichkeit basiert daherauch auf neuen Organisationsformender Kooperation und Zusammenarbeit.Neue Ländlichkeit als politischerAnsatzNeue Ländlichkeit zeigt sich damit alseine grundlegende Neubestimmungder Position ländlicher Räume in einerglobalisierten Welt. Viele ländlicheRäume verfügen über eine Reihe regionsspezifischerAnsätze zu eigenständiger,nachhaltiger Entwicklung – basierendauf einer dezentralen Energieversorgungmittels erneuerbarerEnergien und lokal gebundenen Wissens-und Kontaktpotentialen der Region.Ländliche Räume können sich mit ihrenProdukten und Anreizen direkt inweltwirtschaftliche Austauschprozessebegeben – ohne den Umweg entlangeiner Städtehierarchie. Ländliche Räumetragen mit ihren Beiträgen zur Lösungder Energie- und Klimafrage desPlaneten bei. Und auch im gesellschaftlichenProblemfeld des demographi-17


Ulf Hahneschen Wandels zeigen ländliche Räumeinnovative und verantwortungsvolle Lösungenfür ein Leben auf dem Lande.Die neue Ländlichkeit ist insgesamt mehrals ein kleinräumiger Ansatz. In großräumigerBetrachtung stellt sie dieFrage nach der künftigen Balancezwischen Agglomerationsräumen undländlichen Räumen. Viele Staaten erkennen,dass der Ausbau der Städte(„Jahrhundert der Städte“) und die damitausgelösten Folgen gesellschaftlichnicht konfliktfrei zu lösen sind. Dies giltnicht nur für die Wachstums- und Integrationsproblemeder Städte, sondernauch hinsichtlich der Folgen für dieländlichen Räume: Den ländlichen Räumenwird durch den Wanderungssogder Städte Bevölkerung entzogen, fürdie zuwandernde Bevölkerung in denStädten müssen Wohngebiete, Gewerbe-,Verkehrs- und Erholungsflächenbereitgestellt werden – Flächen, diedem Land verloren gehen. Beidesschwächt auch die Landbearbeitungund die Beiträge ländlicher Räume fürErnährung und Klima. Darüber hinausvermindert die Migration auch den Aufbauvon diversifizierten Wirtschaftsstrukturenin den ländlichen Räumen, sodass die Abhängigkeit vom Agrarsektornicht vermindert wird. Eine Politik derneuen Ländlichkeit wird daher in vielenStaaten diskutiert, um die Landflucht zustoppen und neue Entwicklungsperspektivenin den ländlichen Räumen zuschaffen.Das Stichwort der „new rurality“ soll dabeimanchmal die ganze Breite dieserEntwicklung umfassen, manchmal stehtes für den neuen Weg der Politikgestaltungvor Ort, die Armut in ländlichenGebieten zu überwinden, oder für dieEinflussnahme lokaler Initiativen undAkteure auf die Diversifizierung der Entwicklung.Vielfach wird die neue Bedeutungländlicher Räume für die Lösungglobaler Fragen wie der Ernährungs-,der Klima- und der Energiefrage alsneue Ländlichkeit bezeichnet.ANMERKUNGEN1 „Country Style – das Magazin für Wohnkulturund Lebensart“ (seit 1997), „Country – das Magazinfür die neue Lust auf ländliche Lebensart“ (seit1999), „Landleben – Leben auf dem Lande“,„LandLust“ (seit 2005; am schnellsten wachsendesMedium), „Liebes Land“ (seit 2008), „LandIDEE“(seit 2009) und „Landspiegel“ (seit Herbst 2010).Die Auflagenhöhe erreicht inzwischen fast zweiMillionen Exemplare, was einer etwa doppelt sogroßen Leserreichweite entspricht.2 Gemäß einer Leseranalyse der Zeitschrift„LandLust“; Quelle: http://media.landlust.de/info/daten/aktuell.php[6.10.2010].3 BBSR (=Bundesinstitut für Bau-, Stadt- undRaumforschung) (2010): Landleben – Landlust?Wie Menschen in Kleinstädten und Landgemeindenüber ihr Lebensumfeld urteilen. BBSR Kompakt10/2010. Bonn.4 Ebenda.5 BBR/BMVBS (=Bundesamt für Bauwesen undRaumordnung/Bundesministerium für Verkehr,Bau und Stadtentwicklung) (2008): Leben in DeutschenStädten. Bonn, S. 19.6 Ebenda.7 Vgl.: http://media.landlust.de/fakten/awa/seite3.html [10.12.2010].8 Vgl. zur aktuellen Rekonstruktionsdebatte:Altrock, Uwe/Bertram, Grischa/Horni, Henriette(2010): Positionen zum Wiederaufbau verlorenerBauten und Räume. Bundesministerium für Verkehr,Bau und Stadtentwicklung. Forschungen,Heft 143. Berlin.9 Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. DieVeränderung der Zeitstrukturen in der Moderne.Frankfurt am Main.10 Der Begriff „Spätmoderne“ wird hier verwendet,während andere Autoren von „Zweiter Moderne“(Ulrich Beck, Anthony Giddens), „Postmoderne“(Jean-Francois Lyotard, WolfgangWelsch) oder „flüchtiger Moderne“ (ZygmuntBauman) sprechen. Viele Autoren wollen mit ihrenBegriffen auf einen „Bruch“ oder zumindest eineneue Phase in der Entwicklung der Moderne verweisen.11 Vgl. Bauman, Zygmunt (2000): Flüchtige Moderne.Frankfurt am Main, S. 12 ff.12 Lübbe, Hermann (1997): Zeit-Erfahrungen.Sieben Begriffe zur Beschreibung moderner Zivilisationsdynamik.In: Lübbe, Hermann: Modernisierungund Folgelasten. Trends kultureller undpolitischer Evolution. Berlin, Heidelberg, NewYork, S. 23–50; hier S. 38.13 Vgl. z.B. Schlömer, Claus/Spangenberg,Martin (2009): Städtisch und ländlich geprägteRäume: Gemeinsamkeiten und Gegensätze. In:BMVBS/BBSR (Hrsg.): Ländliche Räume im demografischenWandel. BBSR-Online-Publikation,34/2009, S. 17–32.14 OECD (2010): OECD Regional Typology. Paris(letztverfügbare Aktualisierung).15 Vgl. Altrock, Uwe (2005): Landliebe und Naturerfahrungvon Städtern – mehr als planerischirrelevante verklärte Sehnsüchte? In: Altrock,Uwe/Güntner, Simon/Huning, Sandra/Nuissl,Henning/Peters, Deike (Hrsg.): Landliebe – Landleben.Reihe Planungsrundschau, Nr. 12. Berlin.S. 69–95.16 LEADER ist eine EU-Gemeinschaftsinitiativezur Entwicklung des ländlichen Raums im Rahmender europäischen Strukturfonds (frz.: Liaison entreactions de dévelopment de l’économie rurale).Mit dem Programm LEADER wurden seit 1991 zunächstmodellhaft innovative Aktionen im ländlichenRaum gefördert. Es folgte das ProgrammLEADER II für die Jahre 1994–2000 mit einem Etatvon 1,4 Milliarden ECU und schließlich LEADER+für 2000–2006 mit einem Etat von über zwei MilliardenEuro.17 OECD (2006): Das neue Paradigma für denländlichen Raum. Paris.18 Vgl. u.a. World Bank (2009): Reshaping EconomicGeography. World Development Report2009. Washington.19 Vgl. z.B. Harvey, David (1990): The Conditionof Postmodernity. An Enquiry into the Origins ofCultural Change. Cambridge.20 Der „spatial turn“ in Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftbezeichnet die Rückkehr derRaumdimension in die wissenschaftliche Betrachtung.21 Vgl. Hahne, Ulf (2009): Zukunftskonzepte fürschrumpfende ländliche Räume. Von dezentralenund eigenständigen Lösungen zur Aufrechterhaltungder Lebensqualität und zur Stabilisierungder Erwerbsgesellschaft. In: Neues Archiv für Niedersachsen.Zeitschrift für Stadt-, Regional- undLandesentwicklung, Heft 1/2009, S. 2–25.22 Aufgrund des Einbindungsgrades wird auchvon „tiefer“ Integration im Gegensatz zu „flacher“Integration in die Weltwirtschaft gesprochen.Vgl. Dicken, Peter (2007): Global Shift. Mappingthe Changing Contours of the World Economy.5. Auflage, New York, London.23 London, Jonathan/Bradshaw, Ted (2009):Towards a New Rural Pattern Language. Universityof California, Center for Regional Change,White Paper 2009-03. Davis, California.24 Sogenannte „Lissabon-Strategie“.25 Bundesministerium für Verkehr, Bau undStadtentwicklung (Hrsg.) (2006): Leitbilder undHandlungsstrategien für die Raumentwicklung inDeutschland. Verabschiedet von der Ministerkonferenzfür Raumordnung (MKRO) am30.6.2006. Berlin.26 Kritisch dazu: Hahne, Ulf/Glatthaar, Michael(2007): Nachhaltige Strategien für den StandortDeutschland? Vages und Gewagtes in den neuenLeitbildern der Raumentwicklung. In: RaumPlanung,Heft 132/133, S. 113–118.27 Vgl. Florida, Richard (2005): Cities and theCreative Class. London, New York. Kritisch dazuz.B. Peck, Jamie (2005): Struggling with the CreativeClass. In: International Journal of Urban andRegional Research, Heft 4/2005, S. 740–770.28 Vgl. Fußnote 20 sowie die Beispiele aus demModellvorhaben des BMVBS „DemographischerWandel – Region schafft Zukunft“. www.regionschafft-zukunft.de.29 Vgl. www.100-ee.de.30 Auf die Bedeutung von Amenities für die ländlicheEntwicklung wies bereits hin: OECD (1996):Amenities for Rural Development. Policy Examples.Paris.31 Vgl. Moss, Laurence A.G. (Ed.) (2006): TheAmenity Migrants: Seeking and SustainingMountains and their Cultures. Wallingford, UK/Cambridge, MA; siehe auch Themenheft „AmenityMigration in Rural Mountain Areas”. In: DieErde, Heft 3/2009.32 Preisvorteile bei Grundstücken, Häusern undbeim Bauen. Hingewiesen sei auch darauf, dassbesonders in den USA die Zuzugswelle auchdurch leicht erhältliche Kredite angekurbelt wurdeund diese Kreditpolitik in vielen Regionen mitzum Zusammenbruch des Häusermarktes in derWeltwirtschaftskrise 2008/09 beigetragen hat.33 Smith, Darren P./Philips, D.A. (2001): SocioculturalRepresentations of Greentrified PennineRurality. In: Journal of Urban and Regional Research,Heft 4/2001, S. 457–469.34 Vgl. Ray, Christopher (2001): Culture Economies.Newcastle, UK.35 Vgl. den Themenblock „Kulinarische Regionalentwicklung“in: Raum. Österreichische Zeitschriftfür Raumplanung und Regionalpolitik, Heft80/2010.36 Auch in benachteiligten Peripherien der wenigentwickelten Länder. Vgl. Rauch, Theo (2009):The New Rurality. Its Implications for a New, Pro-Poor Agricultural Water Strategy. Rome: InternationalFund for Agricultural Development; Hecht,Susanna (2008): The New Rurality: Globalization,Peasants and the Paradoxes of Landscapes.A nova ruralidade: globalização, camponeses eos paradoxos das paisagens. In: Desenvolvimentoe Meio Ambiente, Heft 17/2008, S. 141–160;Barkin, David (2006): The New Rurality: A Frameworkfor Social Struggle in the Face of Globalization.Paper Presented on the International Conferenceon Land, Poverty, Social Justice and Development.The Hague, January 2006.18


LÄNDLICHE RÄUME – LEBENSWERT UND WIRTSCHAFTSKRÄFTIGPerspektiven für den ländlichen Raumin Baden-WürttembergRudolf KöberleDie ländlichen Räume in Baden-Württembergsind lebenswert und wirtschaftskräftig.Sie sind wichtig für Wachstum,Innovation und Erholung und stellen einehohe Zahl an Arbeitsplätzen in wissensundentwicklungsintensiven Zukunftsbranchen.Ein wesentlicher Teil des Bruttoinlandprodukteswird hier erzeugt.Die ländlichen Räume sind das starke,facettenreiche Rückgrat Baden-Württembergsmit Perspektive. Zu diesemSchluss kommt eine aktuelle Studie desBerlin-Instituts 1 zur Zukunftsfähigkeitund Lebensqualität in Deutschland: Dieländlichen Regionen Biberach und Tuttlingenfinden sich dort sogar auf denPlätzen eins und vier der besonders zukunftsfähigenLandkreise. Dies ist auchdas Ergebnis einer erfolgreichen Struktur-und Agrarpolitik, die nachfolgendvon Rudolf Köberle erörtert wird. SeitJahrzehnten fördert Baden-Württembergeine dezentrale Siedlungs-, Wirtschafts-,Bildungs- und Forschungsstruktur.orientiert sich an siedlungsstrukturellenKriterien wie Siedlungsflächenanteil,Siedlungsdichte, Einwohner-Arbeitsplatz-Dichteund Baulandpreisniveau.Die Wirtschaftskraft desländlichen RaumsDie wirtschaftliche Entwicklung im Landvollzieht sich seit jeher im ländlichenRaum und im Verdichtungsraum in bemerkenswertemGleichschritt. So trägtder ländliche Raum mit rund 30 Prozentzur Bruttowertschöpfung Baden-Württembergsbei. Er ist somit ein wesentlicherErfolgsfaktor für die wirtschaftlicheStärke und Stabilität des Landes.Der ländliche Raum ist Standort derklein- und mittelständischen Industrieund des Handels, der land- und forstwirtschaftlichenBetriebe, des Hand-Abbildung 1: Die Raumkategorien des Landesentwicklungsplans (LEP 2002)für Baden-WürttembergWie definiert sich der ländlicheRaum?Der ländliche Raum insgesamt ist alsvergleichbar gering verdichteter Raumcharakterisiert. Im Schnitt leben hier149 Einwohner auf einem Quadratkilometer.Das ist etwa die Hälfte des Landesdurchschnitts.Der ländliche Raumist kein homogenes Gebilde. In Baden-Württemberg nimmt er rund 70 Prozentder Landesfläche ein, etwa ein Drittelder Bevölkerung lebt dort. Mehr als dieHälfte der Städte und Gemeinden (656von 1101) Baden-Württembergs werdenihm zugerechnet. Er umfasst großflächigeGebiete wie etwa im Schwarzwald,auf der Schwäbischen Alb, imWürttembergischen Allgäu, in Oberschwabensowie im Odenwald, in derHohenlohe und im Tauberland.Seine Abgrenzung ergibt sich aus demLandesentwicklungsplan (LEP) aus demJahr 2002, der insgesamt vier Raumkategorienunterscheidet (vgl. Abb. 1).Dazu gehören die Verdichtungsräume,Randzonen um die Verdichtungsräume,die Verdichtungsbereiche im ländlichenRaum sowie der ländliche Raumim engeren Sinne. Die gemeindescharfeAbgrenzung der RaumkategorienQuelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Statistisches Monatsheft 9/2010, S. 11 .19


Rudolf Köberlewerks, der Gastronomie, der freien Berufesowie der sonstigen Dienstleistungen.Darunter befinden sich auch vieleFamilienbetriebe, die in ihrem Segmentam Weltmarkt führend sind. Sie sindein Markenzeichen Baden-Württembergs.Daneben sichern die Land- und ForstwirtschaftArbeitsplätze und Wertschöpfungin ländlichen Gebieten. DieProduktion von Nahrungsmitteln gehörtebenso dazu wie die Energiegewinnungaus nachwachsenden Rohstoffenoder touristische Angebote. DieLand- und Forstwirte gestalten undprägen die Landschaften und Regionenals Natur-, Kultur- und Erholungsraumund erfüllen somit vielfältigeGrundanforderungen der Gesellschaft.Der Tourismus ist ein weiterer wichtigerWirtschaftsfaktor im ländlichen Raum.Allein im vergangenen Jahr entfiel dieHälfte aller Übernachtungen in Baden-Württemberg auf Beherbergungsbetriebeim ländlichen Raum. Die Tourismusbranchezeigte sich hier währendder Finanz- und Wirtschaftskrise imJahr 2009 stabiler als die Wirtschaftinsgesamt.Von den vielfältigen Strukturen desländlichen Raums profitiert auch dieArbeitsplatzentwicklung. So liegt dieArbeitslosenquote im ländlichen Raumstets um einige Zehntel-Prozentpunktegeringer als in Baden-Württemberginsgesamt. Die Bedeutung des ländlichenRaums als Arbeitsraum spiegeltsich auch in den knapp 30 Prozent derin Baden-Württemberg sozialversicherungspflichtigBeschäftigten wider, diein den Städten und Dörfern im ländlichenRaum arbeiten.stark nachgefragt wird. Zum Teil gelingtdies auch durch Vernetzung beziehungsweiseKooperationen vonHochschulstandorten.Die dezentrale Hochschullandschaftbedeutet für den ländlichen Raum insgesamteine große Chance, die es zunutzen gilt. Durch die Bindung der Studentenan Unternehmen im ländlichenRaum bereits während der Ausbildungsphasekann eine Abwanderungvon Fachkräften in die Ballungsräumevermieden werden. Dies trägt entscheidenddazu bei, den ländlichen Raumals Wirtschaftsstandort zu erhaltenund einem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.Für die Zukunft ist es deshalbwichtig, diese Strukturen weiterzuentwickeln.Soziales Fundament imländlichen RaumZu den Stärken des ländlichen Raumsgehören auch die stabilen Sozialstrukturen,die in ländlichen Gemeinden imVergleich zu den Großstädten ausge-Abbildung 2: Hochschulstandorte in Baden-Württembergprägter sind. Hohe Bereitschaft zur„Nachbarschaftshilfe“ und die geringereAnonymität sind dabei herausragendeMerkmale. So ist auch der Anteilehrenamtlich engagierter Bürger inden ländlichen Räumen mit rund 60Prozent wesentlich höher als im DurchschnittBaden-Württembergs mit 42Prozent. Das Ehrenamt und andere freiwilligeLeistungen sind Kräfte, die eineGemeinschaft zusammenhalten. VieleAngebote wären ohne den ehrenamtlichenEinsatz engagierter Menschennicht möglich: Zur Sicherung der Daseinsvorsorgein kleinen Gemeindenwird die freiwillige Mitarbeit von Bürgernkünftig zunehmend an Bedeutunggewinnen.Der demographische Wandel alsbesondere Herausforderung für denländlichen RaumDie Städte und Gemeinden in denländlichen Räumen durchlaufen einenProzess der stetigen Veränderung. DieseEntwicklung umfasst die Land- undDezentrale Bildungs-, Hochschul- undForschungsinfrastrukturWeiteres Kennzeichen Baden-Württembergsist die dezentrale Bildungs-,Hochschul- und Forschungsinfrastruktur:Fachhochschulen und Berufsakademien,aber auch andere Bildungs- undForschungseinrichtungen sind bewusstin den ländlichen Raum gelegt worden.Insgesamt liegen über ein Viertel allerHochschulstandorte im Südwesten imländlichen Raum (vgl. Abb. 2). Vorbildcharakterkommt im Besonderen derDualen Hochschule zu, die aus der inBaden-Württemberg entwickelten Berufsakademiehervorgegangen ist.Die Studierendenzahlen an den Hochschulenim ländlichen Raum variierenjeweils zwischen etwa 100 und knapp4.000 Studenten. Beispiele wie die derHochschulen Biberach oder Furtwangenzeigen, dass auch kleine Hochschulstandorteeine hochwertige Ausbildungbieten, die von UnternehmenQuelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Stuttgart 2010.20


PERSPEKTIVEN FÜR DEN LÄNDLICHENRAUM IN BADEN-WÜRTTEMBERGkreis, Sigmaringen und der Main-Tauber-Kreisbetroffen sein.Zum Bevölkerungsrückgang kommt eineVeränderung in der Altersstruktur derBevölkerung hinzu: Die Menschen werdennicht nur weniger, sondern auchälter. Das Durchschnittsalter in Baden-Württemberg wird voraussichtlich von42,5 Jahren im Jahr 2009 auf 46,6 Jahreim Jahr 2030 ansteigen. Derzeit liegtes im ländlichen Raum mit 42,3 Jahrennoch unter dem Landesdurchschnitt.Umso gravierender wird sich hier aberdie Veränderung bis zum Jahr 2030 bemerkbarmachen, da das prognostizierteDurchschnittsalter im ländlichenRaum auf 46,9 Jahre steigen wird.Trotz einer relativ konstanten Geburtenratewird die Zahl der Geburten biszum Jahr 2030 um zwölf Prozent zurückgehen.Die Zahl der 6- bis 17-Jährigenwird sich bis zum Jahr 2030 voraussichtlichum ein Fünftel verringern,für den ländlichen Raum wird ein Rückgangder Schülerzahlen erwartet, derüber dem Landesdurchschnitt liegt. Vorallem der Öffentliche Personennahverkehr(ÖPNV), der in Baden-Württembergim ländlichen Raum zu großen Teilenaus der Schülerbeförderung finanziertwird, steht damit vor großen Herausforderungen.Zugleich wird davon ausgegangen,dass sich die Zahl der 85-Jährigen undÄlteren innerhalb der nächsten 20 Jahrevon derzeit 2,3 Prozent auf 4,0 Prozentund im ländlichen Raum auf sogar4,3 Prozent nahezu verdoppelt. Damiteinhergehend wird sich voraussichtlichauch die Zahl der pflegebedürftigenMenschen deutlich erhöhen.Ein Bevölkerungsrückgang könnte sichauch auf die Dienstleistungsinfrastrukturund die Grundversorgungseinrichtungenauswirken. Da der ländlicheRaum dünner besiedelt ist, sind dieKosten für Infrastrukturleistungen, wiezum Beispiel Wasser und Abwasser,Straßen und Internetanbindung proKopf oftmals entsprechend höher als indichtbevölkerten städtischen Gebieten.Bei einem zu starken Rückgang derBevölkerung könnte das im Einzelfalldazu führen, dass vor allem von derfreien Wirtschaft in Teilbereichen dieRentabilität nicht mehr als gegeben gesehenwird.Prognosen gehen davon aus, dass die Auswirkungen des demographischen Wandels imländlichen Raum noch stärker als im städtischen Bereich sein werden.picture alliance/dpaForstwirtschaft, den örtlichen Einzelhandelund das Handwerk und hat somitAuswirkungen auf alle Lebensbereiche.Arbeiten, Wohnen, die öffentlicheund private Versorgung, das Gesundheitswesen,der kulturelle Bereich, daskirchliche und soziale Leben, das Vereinswesenund weitere Bereiche sinddavon erfasst. Auch demographischeVeränderungen machen vor dem ländlichenRaum nicht Halt und werden dazuführen, dass ländliche Regionen ZuundAbwanderungszonen aufweisenwerden. Prognosen 2 gehen davon aus,dass die Auswirkungen des demographischenWandels im ländlichen Raumnoch stärker als im städtischen Bereichsein werden. Bereits seit einigen Jahrenist in Baden-Württemberg im ländlichenRaum ein Bevölkerungsrückgangfestzustellen. Bis 2030 erwartet dasStatistische Landesamt für ganz Baden-Württembergeinen Bevölkerungsrückgangvon 3,5 Prozent, im ländlichenRaum von sogar 3,9 Prozent (vgl.Tab. 1). Am stärksten werden laut denPrognosen die ländlich geprägtenLandkreise Heidenheim, Zollernalb-Aktuelle Herausforderungen undHandlungsfelderDer Erhalt von gleichwertigen Lebensverhältnissenin Stadt und Land ist erklärtesZiel der Landesregierung. Durcheine angemessene und ausgewogeneStrukturpolitik in der Vergangenheit istes gelungen, dass es in Baden-Württembergnicht zu einer Schieflage zuLasten des ländlichen Raums gekommenist: Ländlicher Raum und Verdichtungsräumebilden aufgrund der dezentralenEntwicklung keinen Gegensatz,sondern eine wichtige Ergänzung.Die sich ändernden Rahmenbedingungenmüssen allerdings im politischenHandeln Berücksichtigung finden. Esgilt, die bestehenden Stärken zu stärkenund sich bereits heute den kommendenHerausforderungen zu stellen.Als maßgebliche Komponenten für dieAttraktivität der ländlichen Räume werdenneben dem Erhalt und der Schaffungvon Arbeitsplätzen insbesondereeine flächendeckende, qualitativhochwertige medizinische Infrastruktur,eine gute Verkehrsanbindung, eineleistungs fähige Datennetz-Kommunikationsinfrastrukturund die Nahversorgungsowie die Siedlungs- und Innenentwicklungunserer Städte und Gemeindenim ländlichen Raum angese-21


Rudolf Köberlehen. Diese Komponenten bedingensich gegenseitig. Fehlt ein Baustein,führt dies oft zum Wegbrechen weitererBausteine Den Herausforderungenkann bestmöglich nur mit einer ressortübergreifendenund integrierten Politikfür den ländlichen Raum begegnetwerden. Aus diesem Grund hat Baden-Württemberg für die Legislaturperiodevon 2006 bis 2011 den Kabinettsausschuss„Ländlicher Raum“ mit dem Zieleingesetzt, zukunftsorientierte Zielvorstellungenund konkrete Handlungsempfehlungenfür die Weiterentwicklungdes ländlichen Raums zu erarbeiten.Ein wichtiger Aspekt der Arbeit desKabinettausschusses war hierbei dieKonzeption und Umsetzung von entsprechendenModellprojekten.Schaffung und Sicherung vonArbeitsplätzen im ländlichen RaumBaden-Württemberg ist gekennzeichnetvon einer stark mittelständischenWirtschaftsstruktur. Dem Mittelstandsbericht2010 Baden-Württembergs zufolgestieg die Zahl der mittelständischenBetriebe mit weniger als 500 Beschäftigtenzwischen 2005 und 2009 inBaden-Württemberg um rund 7.200 an.Die Beschäftigtenzahl der mittelständischenBetriebe nahm im gleichen Zeitraumum etwa 105.000 Personen zu. Esgab somit im Jahr 2009 ca. 477.000kleine und mittlere Unternehmen (KMU)Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg seit 1990 bis2030 nach RaumkategorienQuelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Statistisches Monatsheft 9/2010, S. 12.mit knapp 2,3 Millionen Beschäftigten.Damit stellt der Mittelstand insgesamt63 Prozent der Arbeitsplätze in Baden-Württemberg.Trotz dieser Stärken steht auch die Leistungsfähigkeitdes baden-württembergischenMittelstands unter dem Einflussder gesamtwirtschaftlichen Entwicklung,die in den vergangenen Jahrenvon einem eher geringen Wachstum gekennzeichnetwar. Zusätzlich gerät diePosition der KMU durch den weiter anhaltendenTrend zu Dienstleistungensowie durch die EU-Osterweiterung unterDruck. Der Mittelstandsbericht 2010informiert breit über die zahlreichenInitiativen und Maßnahmen, die denMittelstand unterstützen und seine Flexibilität und Anpassungsfähigkeit uneingeschränkt zur Entfaltung bringenlassen. Dazu gehören die gezielte Förderungvor allem der beruflichen AusundWeiterbildung und zur Gründungund Übernahme von Betrieben, der Beratungvon kleinen und mittleren Unternehmen,der Erschließung ausländischerMärkte sowie der wirtschaftsnahenForschung und technologischenEntwicklung im Lande.Eine weitere Herausforderung sind diein den nächsten Jahren zahlreich anstehendenUnternehmensnachfolgen imBereich der KMU. Diese Problematikbetrifft den ländlichen Raum stärker, dahier die KMU stark vertreten sind. Nur injedem zweiten Fall ist ein Nachfolgeraus dem Familienkreis vorhanden. Entscheidendist, dass Betriebsübergabenfrühzeitig vorbereitet werden und denBeteiligten die Finanzierungsunterstützungenund Beratungsleistungen desLandes bekannt sind.Neben Betriebsübergaben gilt es, eingünstiges Klima für Existenzgründungenzu schaffen, um Arbeitsplätze imländlichen Raum zu sichern. In diesemZusammenhang kommt dem Gründungspotentialvon Frauen im ländlichenRaum eine bedeutende Rollezu. Als Unternehmensgründerinnen erschließensie neue Einkommensquellen,sichern und schaffen neue Arbeitsplätzeund wirken somit Abwanderungsprozessenentgegen. Vor diesem Hintergrundwerden seit dem Jahr 2009mehrere Veranstaltungsreihen zu denSchwerpunktthemen „Erfolgreiche Gründungsförderung“,„Erfolgreiche Existenzgründungdurch Frauen“ und „Unternehmensnachfolgeim Ländlichen Raum“durchgeführt.Vorrangiges Ziel ist es, UnterstützungsundFördermöglichkeiten für erfolgreicheExistenzgründung und/oder Unternehmensnachfolgeverstärkt in die Flächedes ländlichen Raums zu tragen.Neue Medien von entscheidenderBedeutung für den ländlichen RaumSchnelle und kostengünstige Internetanbindungensind insbesondere fürkleine und mittelständische Unternehmenund Dienstleistungsfirmen von entscheidenderBedeutung und ein echterStandortfaktor. Eine leistungsfähigeBreitbandinfrastruktur ermöglicht dieAnsiedlung von Firmen im ländlichenRaum, die nicht an einen bestimmtenStandort gebunden sind – und das sindviele. Existenzgründungen und damitneue oder alternative Arbeitsplätze fürsolche, die im Wege des fortlaufendenStrukturwandels insbesondere in derLandwirtschaft entfallen, werden überdie Anbindung an schnelle Datenleitungenoft erst möglich.Die Anbindung an die schnelle Datenleitungwird heute von den Menschenzunehmend als Teil ihres Lebensstandardsbetrachtet. Für junge Familien istdie Vereinbarkeit von Familie und Berufwichtig. Bei den großen Entfernungenim ländlichen Raum erfordert dies in hohemMaße dezentrale Arbeitsplätzeund damit eine flächendeckende Breitbandinfrastruktur.Und schließlich erwartenheute auch viele Geschäftsreisendeund Urlauber den Zugang zumschnellen Internet in ihrer Unterkunft.Deshalb ist es von größter Bedeutung,auch den ländlichen Raum möglichstflächendeckend mit Breitbandinfrastrukturzu versorgen. Die Datenautobahnspielt eine wichtige Rolle für den22


Informationsaustausch zwischen Unternehmenund Kunden sowie zwischenVerwaltung und Bürgern. Das im Grundgesetzin Deutschland verankerte Zielder Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisseerfordert, nicht nur die Ballungsräume,sondern auch den ländlichenRaum mit einer leistungsfähigenKommunikationsinfrastruktur zu versorgen.Noch gibt es hier teilweise Defizite,die es abzubauen gilt. Das Ziel derBundesregierung, bis zum Jahr 201475 Prozent der Haushalte mit mindestens50 Mbit/s versorgen zu können, istin Baden-Württemberg dennoch bereitserreicht. Die starke Stellung Baden-Württembergswird durch den hohenAnteil an Internetnutzern unterstrichen:Baden-Württemberg liegt hiernach Bremen in Deutschland auf demzweiten Platz 3 .Seit Anfang des Jahres 2008 bestehtdie Möglichkeit, Gemeinden im ländlichenRaum zu fördern, die aus Wirtschaftlichkeitsgründennicht über denWettbewerb versorgt werden. Die Umsetzungder Förderung erfolgte im Rahmender Sonderlinie „BreitbandinfrastrukturLändlicher Raum“ im EntwicklungsprogrammLändlicher Raum (ELR).Bis Ende Dezember 2010 konnten 465Anträge mit einem Fördervolumen vonrund 35,5 Millionen Euro bewilligt werden.Eine Vielzahl von Modellprojekten lotettechnische Neuentwicklungen der Datenübertragungund innovative Lösungsansätzezur Breitbandversorgungaus. Dazu gehört beispielsweise dasProjekt „Sasbachwalden“, in dem dieGlasfaseranbindung wegen schwierigergeographischer Gegebenheitenzum Teil über die Verlegung in Abwasserkanälenerfolgt, sowie das Modellprojekt„Breitbanderschließung überSatellit“, mit dem die flächendeckendeBreitband-Grundversorgung mit Hilfeder Satellitentechnik erprobt wird.Darüber hinaus wurden und werden geradein den ländlichen Räumen Projektegefördert, um die Medienkompetenzund die Breitbandversorgung zu verbessern.Dazu gehören die „Mediendörfer“,die Clearingstelle „Neue Medienim Ländlichen Raum“ und die Einrichtungeiner Stiftungsprofessur „DigitaleInfrastruktur Ländlicher Raum“.Die im Jahr 2004 gegründete Clearingstelle„Neue Medien im LändlichenRaum“ berät Städte und Gemeinden beider Breitbandversorgung und führtFachveranstaltungen durch. Zur Unterstützungder Gemeinden bei der Verbesserungder Kommunikationsinfrastrukturwerden auch Kontakte zu Telekommunikationsunternehmenvermittelt.Die Clearingstelle setzt sich aus Vertreterndes Ministeriums für LändlichenRaum, Ernährung und Verbraucherschutz,des Wirtschaftsministeriums,der Landesanstalt für Kommunikation,der Akademie Ländlicher Raum, desGemeindetags und des Arbeitskreises„Mediendörfer“ zusammen.Die mittlerweile besetzte Stiftungsprofessurfür „Digitale Infrastruktur im LändlichenRaum“ ist an der Hochschule Furtwangenangesiedelt. Für die Einrichtungder Professur hat eine Gruppe vonStiftern eine Summe von insgesamt475.000 Euro für die nächsten fünf Jahrezur Verfügung gestellt.Diese Stiftungsprofessur soll dazu beitragen,das schnelle Internet auch inden ländlichen Raum zu bringen. Studierendean der Hochschule Furtwangenund Berufstätige aus Breitbandunternehmenkönnen eine Zusatzqualifikationerwerben, die sie in die Lage versetzt,zum einen die Gemeinden desländlichen Raums neutral beim Breitbandnetzauf-und -ausbau zu beratenund zum anderen die Denk- und Handlungsweisenvon kommunaler Verwaltungund von kommunalen Gremienbesser zu verstehen. Stiftungsgebersind die Deutsche Telekom, Kabel Baden-Württemberg,Kellner Telekom, dieIT der Sparkasse Pforzheim-Calw, dieFirma Weigandbau, der Regionalver-PERSPEKTIVEN FÜR DEN LÄNDLICHENRAUM IN BADEN-WÜRTTEMBERGband Schwarzwald-Baar-Heuberg, dieLandesanstalt für Kommunikation unddas Ministerium für Ländlichen Raum,Ernährung und Verbraucherschutz, dassich in den Jahren 2010–2014 mit jährlich25.000 Euro an den Kosten beteiligt.Medizinische Versorgung imländlichen RaumDie Sicherung einer flächendeckendenmedizinischen Versorgung ist ein wesentlichesThema für die Zukunftsfähigkeitder Städte und Gemeinden im ländlichenRaum. War es bis vor kurzemnoch die Problembeschreibung, rückenzunehmend Strategien in den Fokus derPolitik, mit denen eine flächendeckendemedizinische Versorgung auf anerkannthohem Niveau auch für die Zukunft gewährleistetwerden kann. Baden-Württembergverfügt derzeit über ein qualifiziertesund flächendeckendes Netz vonniedergelassenen Ärzten, Krankenhäusernund Rettungsdiensten. Innerhalbder Stadt- und Landkreise findet jedocheine Konzentration der Arztpraxen aufgrößere Städte statt. Daher sind bereitsheute vor allem in ländlich geprägtenGebieten vereinzelt Versorgungsengpässefeststellbar.Die Zahl der Landarztpraxen wird mitBlick auf die Altersstruktur der Hausärzteund die demographische Entwicklungder Bevölkerung abnehmen, währendder Anteil älterer und weniger mobilerMenschen zunimmt. In Baden-Württemberg sind 23 Prozent derDer ländliche Raum trägt mit rund30 Prozent zur BruttowertschöpfungBaden-Württembergs bei. Das Bild zeigtMitarbeiter des MaschinenbauunternehmensRena in Gutmadingen (Kreis Tuttlingen)an einer Maschine, die Sonarmoduleherstellt.picture alliance/dpa23


Rudolf KöberleHausärzte 60 Jahre alt und älter. Amhöchsten ist dieser Anteil vor allem imländlichen Raum im Südwesten Baden-Württembergs und im Hohenlohekreis.Hinzu kommt, dass es zunehmendschwieriger wird, Nachfolger für Arztpraxenzu finden: Jungen Ärzten fehlenhäufig die Anreize, sich im ländlichenRaum niederzulassen. Obwohl sich dieZahl der Fachärzte in Baden-Württembergin den letzten zehn Jahren um 21Prozent erhöht hat und der Anteil der60-jährigen und älteren Fachärzte „nur“18 Prozent beträgt, ist zu befürchten,dass sich die fachärztliche Versorgungimmer mehr auf Krankenhäuser und Behandlungszentrenkonzentrieren wird.Der Kabinettsausschuss „LändlicherRaum“ hat unter anderem das Thema„Gesundheitliche Versorgung im ländlichenRaum“ aufgegriffen. Lösungsansätzefür die Sicherstellung einer qualifizierten,flächendeckenden gesundheitlichenVersorgung wurden entwickelt.Dazu gehören das Modellprojekt„Verbundweiterbildung Plus LändlicherRaum – ein Konzept zur nachhaltigenSicherung der hausärztlichen Versorgungim Ländlichen Raum“, die „TelemedizinischenModellprojekte“ und dasvom Kabinettsausschuss angestoßeneProjekt „Landarztpraxis“ im Ortenaukreis.Beim Projekt „Landarztpraxis“ sollenunter kommunaler Federführung undunter Beteiligung von Krankenkassen,Kassenärztlicher Vereinigung sowieweiteren Akteuren aus dem Bereich derGesundheitsversorgung zusätzlicheAnreize für eine Niederlassung vonHausärzten entwickelt werden.PlusMit der „VerbundweiterbildungLändlicher Raum“ werden neue Wegein der medizinischen Qualifikation beschritten.Junge Ärzte sollen sich dankdes Projekts besser zum Facharzt derAllgemeinmedizin und somit zum Hausarztweiterbilden können. Dadurch sollder Beruf des Hausarztes attraktiverund die hausärztliche Versorgung geradeauch im ländlichen Raum nachhaltiggesichert werden. Das Modellprojektwurde im April 2010 in Heidelbergals „Ausgewählter Ort im Landder Ideen 2010“ ausgezeichnet.Im Ostalbkreis werden zurzeit telemedizinischeAnwendungen getestet: ImProjekt „Telekonsultation ChronischeWunde“ macht der ambulante PflegedienstAufnahmen von der Wunde desPatienten und schickt sie an Fachärzte,die den Befund erstellen. Das Projekt„Teleprüfung Sturzgefährdung“ arbeitetmit Video-Sequenzen, die vom ambulantenPflegedienst an die Fachärzteübertragen werden. Im Projekt „Tele-EKG bei Patienten mit Herzrhythmusstörungen“kann eine Speicherkarte biszu drei EKGs speichern, die über Telefonan das betreuende Ostalb-Klinikumübermittelt werden.Schon jetzt zeigt sich, dass solche Verfahrendazu beitragen können, Wegstreckenund Transportkosten zu reduzieren.Die Behandlungsdauer wirdverkürzt und der Praxisablauf nicht zuletztzugunsten der Patienten entlastet.Die Telemedizin jedoch ist direkt davonabhängig, dass die Datenübertragungüber das Internet erfolgen kann. Voraussetzung,dass die Telemedizin funktionierenkann, ist ein möglichst flächendeckenderBreitbandausbau auchim ländlichen Raum. Auch hier leistet diegestartete „Breitbandinitiative Baden-Württemberg“ Pionierarbeit, um dasschnelle Internet in die Fläche zu bringen.Der Kabinettsausschuss „LändlicherRaum“ hat für die Sicherstellung undWeiterentwicklung der Gesundheitsversorgungviele wertvolle Impulse gesetzt.Mit dem Aktionsprogramm „Landärzte“steht inzwischen ein umfassenderStrategieplan zur weiteren Umsetzungzur Verfügung. Ziel ist und bleibtes, dass Bürgerinnen und Bürger zeitnaheund qualitativ gute medizinischeVersorgung erhalten – unabhängig davon,ob sie in der Großstadt oder aufdem Land wohnen.VerkehrsinfrastrukturenAus der vergleichsweise geringen Besiedlungsdichtein ländlichen RäumenRudolf Köberle MdL, geboren am29. November 1953 in Fronhofen(Landkreis Ravensburg), ledig, katholisch.Seit 1969 Mitglied der CDU.Landtagsabgeordneter seit 1990. Von1992 bis 2001 Politischer Staatssekretärim Ministerium für Kultus, Jugendund Sport. Von Juni 2001 bis April2005 Minister und Bevollmächtigterdes Landes Baden-Württemberg beimBund. Von April 2005 bis Februar2010 Staatssekretär im Innenministerium.Von Februar 2010 bis April 2011baden-württembergischer Minister fürLändlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz.UNSER AUTORergibt sich naturgemäß ein größererBedarf an Infrastrukturen in Form vonStraßen und Schienen, als dies bei einervergleichbaren Bevölkerungszahlin verdichteten Räumen der Fall ist. DieSicherung der Mobilität, das heißt einin die Fläche reichendes, gut ausgebautesStraßen- und Schienennetz sowieÖPNV-Angebot, ist sowohl fürWirtschaftsbetriebe, als auch für dieBevölkerung im ländlichen Raum vongroßer Bedeutung. Die bedarfsgerechteErhaltung und ein bedarfsgerechterAusbau des Straßennetzes ist daher eineder zentralen Voraussetzungen zurSicherung der Mobilität von Wirtschaftund Bürgern im ländlichen Raum.Mit der Fortschreibung des Generalverkehrsplans(GVP) Baden-Württemberg,der die Leitlinien der Verkehrspolitik desLandes für den Zeitraum bis 2025 beschreibt,werden hierfür die Grundlagengeschaffen. Explizit wird daraufhingewiesen, dass die unterschiedlichenVerhältnisse in ländlichen Räumenund in Verdichtungsräumen in der Zukunftein noch stärker differenziertesVerkehrsangebot erfordern. In einemMaßnahmenplan des GVP wird die Landesregierungkonkrete Maßnahmenbenennen. Auch vordringliche Verkehrskorridorefür den ländlichen Raumsowie wichtige Erschließungsprojekteim ländlichen Raum werden dort aufgeführtsein. Darüber hinaus werden imGVP Modellprojekte skizziert. Für denländlichen Raum sind dabei Modellprojektewie „Echtzeit-Fahrgastinformationim Ländlichen Raum“ und „Mehrzweckbusim Ländlichen Raum“ von besondererBedeutung.Strukturförderung für denländlichen RaumSeit 1995 besteht das EntwicklungsprogrammLändlicher Raum (ELR) als zentralesFörderinstrument für den ländlichenRaum. Mit dem ELR unterstützt das Landdie integrierte Strukturentwicklungländlich geprägter Orte in den vier FörderschwerpunktenArbeiten, Grundversorgung,Gemeinschaftseinrichtungenund Wohnen. Ziel des ELR ist es, in Dörfernund Gemeinden die Lebens- undArbeitsbedingungen durch strukturverbesserndeMaßnahmen zu erhalten undfortzuentwickeln, der Abwanderungder Bevölkerung in die Städte entgegenzuwirken,den landwirtschaftlichenStrukturwandel abzufedern und dabeisorgsam mit den natürlichen Lebensgrundlagenumzugehen. Mit dem ELRsoll die Vielfalt des ländlichen Raumsbewahrt und gleichzeitig weiterentwickeltwerden. Seit Bestehen des Entwicklungsprogrammswurden landesweitüber eine Milliarde Euro an Förder-24


mitteln bereitgestellt, mit denen ein Investitionsvolumenvon mehr als achtMilliarden Euro angestoßen und gleichzeitigrund 30.000 Arbeitsplätze direktund eine noch höhere Anzahl indirektgesichert und geschaffen wurden. Damithat dieses Programm erhebliche direkteund indirekte Arbeitsplatzeffekteund stellt ein bedeutendes Struktur- undKonjunkturprogramm für kleinere mittelständischeBetriebe im ländlichen Raumdar.Vorrangig werden solche Maßnahmengefördert, die zu einer Strukturverbesserungdes Ortes in seiner Gesamtheitführen. Dabei wird besonderer Wertauf die Stärkung der Ortskerne, dieUmnutzung bestehender Gebäude unddie Schließung von Baulücken gelegt.Die Sicherung bestehender und dieSchaffung neuer Arbeitsplätze hat beiden strukturfördernden Maßnahmeneine hohe Priorität.Über die bereits genannte Sonderlinie„Breitband“ des ELR wird zudem die Verbesserungder Internetversorgung desländlichen Raums gefördert. Über dasELR wird zugleich das EU-ProgrammLEADER für die ländliche Entwicklungabgewickelt, das für Kleinstunternehmenoder Unternehmen der ländlichenWirtschaft besondere Förderkonditionenbietet.Mit LEADER sollen gebietsbezogene,lokale Entwicklungsstrategien in genaudefinierten ländlichen Gebieten (LEA-DER-Aktionsgebiet) umgesetzt werden.Die Bevölkerung des ländlichen Raumeshat durch LEADER die Möglichkeit,sich aktiv an der Entwicklung ihrer Regionzu beteiligen. LEADER geht vonLEADERLEADER (Liaison entre actions dedéveloppement de l’économie rurale)ist eine EU-Gemeinschaftsinitiativezur Entwicklung des ländlichenRaums im Rahmen der europäischenStrukturfonds. Mit demProgramm LEADER wurden seit1991 zunächst modellhaft innovativeAktionen im ländlichen Raumgefördert. Es folgte das ProgrammLEADER-II für die Jahre 1994–2000mit einem Etat von 1,4 MilliardenECU und schließlich LEADER+ für2000–2006 mit einem Etat von 2Milliarden Euro. In der Förderperiode2007–2013 wird LEADER nichtmehr als eigenes Programm, sondernals Schwerpunkt des EuropäischenLandwirtschaftsfonds fürdie Entwicklung des ländlichenRaums (ELER) weitergeführt.der Entscheidungsbefugnis der lokalenLEADER-Aktionsgruppen aus (die EUbezeichnet dies als „Bottom-up-Prinzip“),das heißt Ideen und Aktionen fürdie Entwicklung des ländlichen Raumeskommen aus der Region. LEADER erreichtdadurch eine verstärkte Identifikationmit den Belangen des ländlichenRaumes.Im Rahmen der LEADER-Förderung könnenz.B. Grundversorgungseinrichtungengefördert werden. Grundversorgungist ein unverzichtbares Stück Lebensqualitätfür die Menschen undstellt eine wichtige Standortqualität fürdie Gemeinden dar. Viele Bürgerinnenund Bürger erfahren dies, wenn sichPost, Bank, Lebensmittel- und Einzelhandelaus der Fläche zurückziehen.Diese Entwicklung könnte, wenn diePrognosen recht behalten, noch nichtihr Ende erreicht haben. Angesichtsder sich abzeichnenden demographischenEntwicklung könnte somit demThema Nahversorgung im ländlichenRaum zudem eine weitere Brisanz zukommen.Bei der Lösung dieses Problems gibt eskeine Patentrezepte, denn die jeweiligeAusgangslage vor Ort ist sehr unterschiedlich.Je nach Ausgangslage müssendie Maßnahmen daher verschiedenausfallen: So kann es unter Umständenausreichen, bestehendes Gewerberäumlich oder virtuell zusammenzu fassen, um wichtige Synergieeffektezu erreichen. Das Land fördert im Rahmendes ELR die Grund- und Nahversorgung.Auch müssen die bestehendenFörderprogramme laufend überprüftwerden, um mögliche Entwicklungenim ländlichen Raum frühzeitigantizipieren zu können.Ebenfalls im Rahmen des ELR wird das„Modellprojekt zur Eindämmung desLandschaftsverbrauchs durch Aktivierunginnerörtlicher Potenziale“ (MELAPPlus) durchgeführt. Es soll dem Landschaftsverbrauchentgegenwirken. AlsStrukturentwicklungsprogramm soll esdazu beitragen, nicht oder wenig genutzteinnerörtliche Gebäude und Flächendurch modellhafte Umnutzung,Modernisierung oder Neubau wiedermit Leben zu erfüllen. Damit soll einTrend zur Aktivierung der Ortskerneeingeleitet und eine attraktive Alternativezum Bauen auf der „grünen Wiese“aufgezeigt werden.PERSPEKTIVEN FÜR DEN LÄNDLICHENRAUM IN BADEN-WÜRTTEMBERGAusblickMit Blick auf die Weiterentwicklungder Politik für den ländlichen Raum istdie zentrale Frage: Wie können wirauch in Zukunft leistungsfähige undwirtschaftlich tragfähige Infrastrukturenfür die Daseinsvorsorge gewährleisten?Bei der Erarbeitung von bedarfsgenerellenLösungen sind alle genanntenBereiche zu berücksichtigen.Deshalb sind sowohl auf Landes- wieauf kommunaler Ebene bereichsübergreifendeund regionale Planungen erforderlich.Bei der Bereitstellung von Infrastrukturund Dienstleistungen wird künftig dieinterkommunale Zusammenarbeit einenoch größere Rolle spielen. Die öffentlichenHaushalte lassen keinen Spielraumfür eine nennenswerte Ausweitungder Daseinsvorsorge zu. Es gilt,jetzt ein möglichst hohes Niveau in denBereichen Bildung, Verkehr und Gesundheitaufrecht zu erhalten. Nicht jederGemeinde wird es möglich sein,das ganze Spektrum an Dienstleistungenzu halten. Für die Menschen istaber entscheidend, dass die Angeboteverfügbar und vor allen Dingen erreichbarsind. Viele Gemeinden beschreitenbereits erfolgreich diesenWeg der Zusammenarbeit.Eine zukunftsfähige Politik für den ländlichenRaum muss alle Spielräume nutzen,um die vorhandenen Ressourcenmöglichst effizient einzusetzen. Hierzugehören optimale Kooperationsformen,ressortübergreifend und interkommunal,innovative Ideen, die auch entsprechendkommuniziert werden, sowieder optimale Einsatz von Fördermitteln.ANMERKUNGEN1 Vgl. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung(Hrsg.) (2006): Die demografische Lageder Nation – wie zukunftsfähig sind DeutschlandsRegionen. München.2 Vgl. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg,Statistisches Monatsheft 9/2010, S. 10–14.3 Vgl. Initiative D 21 (Hrsg.) (2010): (N)ONLI-NER Atlas 2010 – eine Topgraphie des digitalenGrabens durch Deutschland. Studie durchgeführtdurch TNS Infratest.25


ORTSGEBUNDENHEIT DURCH PARTIZIPATIONDenkRaum „Zukunft Dorf“ innerhalb derREGIONALE 2013 SüdwestfalenHildegard Schröteler-von BrandtREGIONENDie Abwanderung junger Menschen ausstrukturschwachen Regionen zu ArbeitsundAusbildungsplätzen in städtischeGebiete führt zu einer Verringerung desAnteils an jüngerer Bevölkerung und zueiner Überalterung der Bewohner in denDörfern mit Konsequenzen für die öffentlicheund private Infrastrukturversorgungund das Dorfleben. Die REGIO-NALE 2013 Südwestfalen verfolgt dasZiel, den Herausforderungen des demographischenWandels im ländlichenRaum wirksam zu begegnen. In so genannten„DenkRäumen“ werden hierbeiherausragende Projekte initiiert und begleitet.Eine Möglichkeit, dem demographischenWandel aktiv zu begegnen, istdie Stärkung der Ortsgebundenheit beijungen Menschen. Hildegard Schröteler-vonBrandt schildert am Beispiel vonJugendfilmprojekten, wie Jugendlicheüber das Medium Film für Prozesse derDorfentwicklung sensibilisiert und zugleichmotiviert werden, sich an ebendiesem Prozess zu beteiligen. DenkRäume – Impulsgeber undSprachrohr für die RegionIm Rahmen des NRW-Förderprogrammsder REGIONALEN haben die fünf KreiseSoest, Hochsauerlandkreis, Olpe, Siegen-Wittgensteinund der MärkischeKreis mit ihren insgesamt 59 Städten undGemeinden den Zuschlag für die Ausrichtungder REGIONALE 2013 in Südwestfalenerhalten. Zur Förderung innovativerProjektansätze verfolgt die REGIONALESüdwestfalen unterschiedliche Strategien.Einerseits gibt es die klassische Antragstellung,bei dem konkrete Projekteeinen Qualifizierungsprozess – ein dreigliedrigesZertifizierungsverfahren –durchlaufen. Andererseits hat es sich dieREGIONALE Südwestfalen zur Aufgabegemacht, den Wissens- und Erfahrungsaustauschin der Region zu unterstützenund sich aktiv auf die Suche nach herausragendenProjektansätzen zu machen. Zudiesem Zweck wurden die „DenkRäume“ins Leben gerufen: Einer dieser DenkRäumewidmet sich dem Thema „ZukunftDorf“ mit den fünf Handlungsfeldern: (1)Generationendorf; (2) Versorgung undMobilität; (3) das Dorf als Ort von Arbeit/Tourismus; (4) bauliche Dorfentwicklungund Identifikation sowie (5) bürgerschaftlichesEngagement. Der DenkRaum bestehtaus einem Inneren Vorbereitungskreisund einem Lenkungskreis unter Beteiligungder Fördergeber. 1Die Regionale ist ein Strukturförderprogrammdes Landes Nordrhein-Westfalen, das im Turnus von dreiJahren einer ausgewählten Regiondie Möglichkeit bietet, sich zu präsentieren.Die erst in 2007 gegründeteRegion Südwestfalen konnteauf Anhieb mit ihrer ge meinsamenBewerbung überzeugen und ist Ausrichterfür das Jahr 2013.Mit der Regionale 2013 setzen sichalle gesellschaftlichen, politischenund wirtschaftlichen Akteure in Südwestfalendas Ziel, gemeinsam denHerausforderungen der Globalisierungund des demogra phischenWandels zu begegnen. Die Stärkungeiner der leistungsfähigsten Industrieregionenin NRW, mit ihrermittelständischen Wirtschaftsstruktur,steht dabei ebenso wie der Erhaltder Naturlandschaft im Fokus.Diese Ziele können nur erreicht werden,wenn alle Akteure gemeinsamdie Zukunft der Region gestalten. DieRegionale 2013 ermöglicht den fünfsüdwestfälischen Kreisen, Ideen, Projekteund Maßnahmen zu entwickelnund umzusetzen, die deutlich voranbringen.Südwestfalen versteht dieRegionale aber nicht nur als Strukturprogramm,sie ist gleichermaßen eineLeistungsschau und ein Lernprozessfür die noch junge Region.Quelle: Südwestfalen Agentur 2Auf der Grundlage dieser Handlungsfelderinitiiert der DenkRaum einen mehrdimensionalenProzess des Wissens- undErfahrungsaustausches. Akteure vor Ortwerden für die Probleme des ländlichenRaumes sensibilisiert und der Erfahrungsaustauschuntereinander wird gefördert.So wurde z.B. das Vernetzungsprojekt„Dörfer entlang des Rothaarsteigs“gestartet, um von guten Projektenanderer zu lernen und gemeinsam Problemfelderanzugehen. Über einhundertDörfer zwischen Burbach und Brilon habensich in diesem modellhaften Netzwerkzusammengeschlossen. 3Durch thematische Veranstaltungen(z.B. zu Alternativen der Nahversorgungoder zum Leerstandsmanagement),durch Workshops und regionaleAktionen werden eigene Projektideenvom DenkRaum „Zukunft Dorf“ initiiertund die Dörfer motiviert, selbst zukunftsweisendeProjektideen zu entwickeln.Der DenkRaum dient damit als Impulsgeberfür die Initiierung neuer Ideen sowieals Sprachrohr für notwendige Herausforderungender Region und unterstütztund begleitet die lokalen Akteurebei ihren Vorhaben.Aktuelle Trends der Dorfentwicklungin SüdwestfalenSüdwestfalen zeichnet sich durch eineländlich geprägte Siedlungsstruktur undKulturlandschaft aus. Die Dörfer sind imwirtschaftlichen, sozialen und kulturellenSinne ein wesentlicher Bestandteil desregional vielfältigen Natur- und Siedlungsraumes.Etwa ein Drittel der 1,5Millionen Einwohner Südwestfalens lebtin Ortsteilen mit bis zu 3.000 Einwohnern.In den Dörfern spiegeln sich die tiefgreifenden strukturellen und gesellschaftlichenVeränderungen sowie dieAuswirkungen des demographischenWandels in allen Facetten auf kleinräumigerEbene wider. Wegen der besonderenBedeutung des ländlichen Raumesin Südwestfalen und der Dörfer willdie REGIONALE 2013 spezielle Schwerpunktebei der Dorfentwicklung setzen.Die bekannten Disparitäten in denstrukturschwachen Regionen sowie dieAbwanderung junger Menschen zu Arbeits-und Ausbildungsplätzen in städtischeGebiete führen nach wie vor zu einerVerringerung des Anteils an jüngererBevölkerung und zu einer Überalterungder Bewohner in den Dörfern mitKonsequenzen für die öffentliche undprivate Infrastrukturversorgung und dasDorfleben. Besonders betroffen vomBevölkerungsrückgang sind die östlichenRegionen Südwestfalens und dieangrenzenden Gebiete von Nordhessenund Rheinland-Pfalz.In den mittelständischen Betrieben, vorallem der überregional bedeutendenMetall- und Automobilzulieferindustrie,26


drohen aufgrund der demographischenEntwicklung Engpässe beim Angebot anqualifizierten Beschäftigten. Durch dierückläufigen Angebote der öffentlichenund privaten Daseinsvorsorge werdendie Kommunen in Südwestfalen, insbesonderein den abseits der Autobahnen A4 und A 45 liegenden Gebiete von Wittgensteinund dem Hochsauerland, zusätzlichan Attraktivität verlieren.Vor dem Hintergrund der sich abzeichnendendemographischen Entwicklungkonzentrieren sich viele Kommunenzwecks Generierung von neuen Einwohnernauf spezielle Angebote für junge Familienmit Kindern. Bei den kommunalenStrategien wird besonders die Gruppeder Jugendlichen und jungen Erwachsenenzwischen 15 und 25 Jahren, die ihreRaumentscheidungen in den nächstenzehn bis 15 Jahren treffen wird, berücksichtigt.Um diese jungen Menschen –und potentiellen Familiengründer – zum„Bleiben“ zu gewinnen, bedarf es nebenattraktiven Ausbildungs- und Arbeitsplatzangebotenauch einer Ortsverbundenheitmit dem Dorf und der Region.Entstehung von OrtsgebundenheitWie kann eine solche Ortsgebundenheitentstehen? Wie kann man die jungenMenschen langfristig als Bewohnergewinnen bzw. sie nach erfolgter Ausbildungoder Studium zurückgewinnen?In den Dörfern ist generell noch eine hoheOrtsgebundenheit der jungen Menschenvorhanden; insbesondere durch eine Einbindungin das örtliche Vereinswesen undhier vor allem in die Sportvereine. Ortsgebundenheitentsteht durch eine sozialeVerbundenheit im Familien- und Freundeskreis.Das Gemeinschaftsleben unddie Identität mit der Dorfgemeinschaftwerden als zentrale Bindungskräfte genannt.Diese soziale Identität wird durchdie räumliche Identität des begrenztenund in seinen Grenzen erfahrbaren Raumesdes Dorfs unterstützt.Versteht man nach Martina Löw (2001)die Raumnutzung als einen Prozess, derdurch die Struktur des Raumes und denHandlungen im Raum bestimmt wird,dann bestimmen z.B. Altersstruktur,Schichtzugehörigkeit und Geschlechtszugehörigkeitden Aktionsraum desMenschen in Stadt und Dorf. Mit derKenntnis über den Raum, einer längerenWohndauer und der Einbindung in fa miliäreund soziale Netzwerke wächst dieRaumverbundenheit und Identität mitdem Ort. Thomas Coelen geht davonaus, dass der „Aktionsraum eines Menschen(…) zu seinem Sozialraum erstdurch Dauerhaftigkeit und Regelmäßigkeit,Alltäglichkeit, Wahrnehmungsintensität,Identifikation und vor allemkommunikative und materielle Gestaltungin Verbindung mit anderen Menschen“(2009, S. 133) wird. Die Wahrnehmungdes Raumes und damit dasBild vom Raum werden geprägt durchein kommunikatives Interaktionsmuster.Die Identität mit einem Ort ist umso stärkerausgebildet, je mehr das eigene Lebenskonzeptund individuelle Vorstellungenauch eine Entsprechung in derNutzung der Räume finden. Durch dieMitwirkung bei der Gestaltung derräumlichen Umwelt und der Schaffungvon Identifikationsräumen kann eineOrtsbindung aufgebaut werden.Die Gruppe, die den Raum außerhalbder Wohnung am stärksten nutzt, ist dieGruppe der Jugendlichen; 50 Prozentder Jugendlichen verleben ihre Freizeitaußer Haus. Der Aktionsraum von Jugendlichenunterliegt auch im dörflichenBereich großen Veränderungen,und die Raumnutzungsansprüche sindvielschichtiger geworden. Der Aktionsradiushat sich vergrößert. Durch dieNutzung der Neuen Medien von Internetbis Handy haben sich die Kontakte„enträumlicht“. Durch die Außenorientierungauf Schul- und Ausbildungsplätzegleicht die Raumnutzung mehr demSchema von „Raumhoppern“.REGIONENGerade Jugendliche gelten oft eher als„Störenfriede“ im öffentlichen Raum,und ihre Treffpunkte werden nicht geduldet.Nicht-kommerzielle und wetterunabhängigeTreffpunkte fehlen in denDörfern häufig. Auch die Einbindungder Jugendlichen in die Dorfgemeinschaftund das Vereinsleben wird zumeistdavon geprägt, dass man siezwar einbezieht, indem sie „mitmachen“dürfen (z.B. bei der Ausrichtung desDorffestes), aber ihnen kein Raum für eineselbstbestimmte und verantwortlicheMitgestaltung gegeben wird.Dies wird auch von den älteren Akteurenin den Dörfern gesehen, wie Zitatevon Teilnehmern aus den Workshopsdes Vernetzungsprojektes belegen:„Um Strukturprobleme in den Dörfernlangfristig anzugehen, muss man beiden Kindern anfangen. Nur wenn siedafür gewonnen werden können, sichmit dem Dorf zu identifizieren und sicheinzubringen, werden sie vor Ort bleibenoder wieder kommen. Nur so wirdman Strukturen aufrecht erhalten können,weil die Orte damit Perspektiven27


REGIONENfür Einwohner wie Anbieter von Versorgungsinfrastrukturbieten.“ Oder: „Manmuss die Jugendlichen in die Verantwortungwachsen lassen und ihnen inunseren Vereinen mehr Raum geben,damit diese eine Zukunft haben.“JugendfilmprojekteHier setzt die Projektidee des Jugendfilmprojektesan: eine Gruppe von Jugendlichenbegleitet den Dorfentwicklungsprozess.Durch das „Filmemachen“entsteht eine neue Situation des „Sehen-Lernens“.Durch die distanzierte Betrachtunghinter der Kamera und die Erstellungeines Drehbuches sollte einneuer Blick auf den Dorf-Raum und aufdie sozialen Interaktionen erfolgen.Das Jugendfilmprojekt soll flankierenddas REGIONALE–Projekt „Drei Jahre ZukunftDorf“ begleiten. Hier werden exemplarischDorfentwicklungsprozesse unterstütztund die Dörfer Oberveischede,Referinghausen, Störmede und das KirchspielHelden über drei Jahre bei ihremDorfentwicklungsprozess begleitet. Indiesen Dörfern wird der Dorfentwicklungsprozessvon einer aktiven Gruppeund Akteuren vor Ort getragen. Ein Prozess,der auf einer gemeinsamen Vorgehensweiseberuht. Die Dörfer erhaltenBeratung bei fachlichen und organisatorischenFragen durch das Expertenteamdes DenkRaumes „Zukunft Dorf“ der SüdwestfalenAgentur, Unterstützung bei derOrganisation und Durchführung von Informationsveranstaltungenbzw. Vortragsreihenoder eine finanzielle Beteiligungbei der Gewinnung von Referentenund bei Exkursionen zu beispielhaftenProjekten. Mit diesem „Coaching“ sollendie Dörfer für ihre zukünftige Entwicklung„fit“ gemacht werden.Bei dem Jugendfilmprojekt werden dieca. 30 Jugendlichen neben der ProjektleiterinStephanie Arens (SüdwestfalenAgentur) von den dörflichen Initiativenund vom Institut für Medienforschungder Universität Siegen unterstützt. DieGruppen aus den vier Dörfern werdenfachlich bei der Produktion und Aufbereitungsowie der Dokumentation desFilmprojektes angeleitet. Die Vernetzungder vier Dörfer untereinander, dieProjektideen der jungen Menschen undaktuelle Aktionen sowie deren interneund externe Kommunikation werdenwebbasiert abgewickelt. Die Medienfachleutestellen dabei einen Webservermit entsprechenden Tools für dieKommunikation untereinander bereit.Die Inhalte werden von den Jugendlicheneingestellt. Der Umgang mit derIdee: SchulProjektwoche „Zukunft Dorf“Einladung zum Planungsgruppentreffen am 7.9. von 9.30 bis 12:00 Uhrin der Martinstraße 15 in Olpe (Südwestfalen Agentur)Ziel des Treffens:Fachlicher Austausch der AG des Regionale Projekts mit Expertenzur Durchführung einer Projektwoche an allen weiterführenden Schulen (9. Klasse).Erste konkrete Planungen und Entwicklung von Bausteinen.Ansprechpartnerin:Dr. Stephanie Arens, Südwestfalen AgenturEinladung zur Auftakt-WerkstattAm 4. und 5.9.2010 in Störmede„Die Jungen sind dieZukunft unserer Dörfer.Aber wir müssen sie erreichen“AG aus dem REGIONALE-Projekt„Zukunft der Dörfer in Südwestfalen“Filmprojekt „3 Jahre Zukunft Dorf“Programm:4.9. 10-18 Uhr: Alles rund um „Wie mache ich einen Film?“5.9. 9-16 Uhr: Kamera läuft und „Action“______________________________________________________________________Kostet nix, für Verpflegung ist gesorgt, übernachtet wird in der Turnhalle. Bringt bitte Schlafsäcke undIsomatten mit!Ganz wichtig: KAMERAS und Eure bisherigen Aufnahmen nicht vergessen! Und kommt ALLE!Bei weiteren Rückfragen meldet Euch bitte: Stephanie ArensEinpflegung und Gestaltung des Toolsetswird in eigens dafür vorgesehenenWorkshops geschult.Im August 2010 fand der erste Workshopzum Thema „Reportage und Bildgestaltung“statt. Im Mittelpunkt standenpraktische Übungen – von der Interviewtechnikbis zur Kameraführung.An dem gemeinsam verbrachten Wochenendelernten sich die Gruppenkennen, und aus ihren vielen Ideen wurdenkonkrete Ansätze für das Drehbuch-Expose formuliert.Die weitere Videoproduktion und der anschließendeVideoschnitt werden vor Ortin den vier Dörfern durchgeführt; hier erfolgtdie Anleitung ebenfalls in einemzweitägigen Workshop. Zudem wird dergesamte Prozess mit der bestehendenHomepage der einzelnen Dörfer verlinkt.Die „Schulungen“ in den Dörfern werdenAnfang 2011 abgeschlossen sein. Bis2013 sollen verschiedene Kurzfilme entstehen,die im Rahmen eines „Festivals“präsentiert werden. Das erste Filmfestivalist bereits im Herbst 2011 geplant. Die Jugendlichenerhalten somit eine Plattformfür ihre Präsentation und können auf einkonkretes Ziel hinarbeiten. Gleichzeitiggilt es, Interesse von außen für das Modellprojektzu wecken.Die Projektleiterin Stephanie Arnes formuliertdie Zielrichtung des Projekteswie folgt: „Durch das (…) Filmemachensollen junge Menschen zwischen 15und 25 Jahren angesprochen werden,um sie für die Dorfentwicklung zu sensibilisierenund zugleich zu motivieren,sich in den Prozess einzubringen. Siesollten die Dorfentwicklungsprozessebeobachten und reflektieren, was in ihrenAugen gut und was weniger gutläuft. Sie möchten ihre Dörfer ‚unter dieLupe nehmen‘ und auch Schwachstellenin den Dörfern identifizieren sowie einGespür für dörfliche Entwicklungsprozesseund das Mitmachen bei ProjektenQuelle:www.architekturvideo.de/ wp-content/uploads,23.8.201028


ekommen. Sie sollten Fragen stellenlernen und Antworten interpretierenund einschätzen. Im Ausstellungsjahr2013 sollen die fertigen Dokumentationenabschließend präsentiert werden.“Im Antrag der Jugendlichen heißt es:„Folgende Fragestellungen sollenim Laufe des Projekts beantwortetwerden: Was passiert in unserenDörfern? Welche Projekte gibt es?Wie werden sie umgesetzt? WelcheFortschritte machen die Projekte imDorf? Was ist schwierig? Was kannman beim nächsten Mal besser machen?Wie nehmen wir die Projekteund Aktionen wahr? Was spricht unsan, was nicht? Haben wir die Möglichkeit,uns einzubringen, eigeneProjekte anzustoßen? Was bewegtuns eigentlich zum Bleiben, was zumGehen?Wir wollen darüber versuchen,selbst Projekte in unseren Dörfernanzufangen und in Projekten mitzumachen,weil wir so unser Dorf mitgestaltenkönnen. Wir wollen herausfinden,wie wir unsere Dorfgemeinschaftnach vorne bringen können.Und wir wollen entdecken, wasdie Dorfentwicklung eigentlich zurEntwicklung der ganzen Region beitragenkann.“Das Projekt wurde im Jahr 2010 durchdas Ministerium für Klimaschutz, Umwelt,Landwirtschaft, Natur- und VerbraucherschutzNordrhein-Westfalengefördert. Der notwendige Eigenanteilwurde von der Volksbank Bigge-Lenneals Sponsor bereitgestellt. FördertechnischeBedingung war eine Antragstellungdurch die örtliche Landjugend. DasProjekt soll bis 2013 fortgesetzt werden.Die Gruppen setzen sich pro Dorf aussechs bis neun Jugendlichen bzw. jungenErwachsenen zusammen, die imDurchschnitt zwischen 15 und 20 Jahrealt sind. Die Ideen der jungen Menschensind vielfältiger Natur. Von Beginnan wurde Wert darauf gelegt, dassdie Jugendlichen ihre eigenen Schwerpunktefür ihr Dorf setzen und das„Drehbuch“ selbst schreiben.Die ersten Kurzfilme werden sich mitdem Thema „Abenteuer Schulweg“ –schlechte Mobilität in Helden“ beschäftigen.In Referinghausen entsteht derFilmbeitrag „Was hält uns hier? Waszieht uns weg?“ und in Störmede wirddie Arbeit des selbst organisiertenJugendEck’s unter die Lupe genommen.Andere Ideen warten noch auf konkrete„Drehbücher“: „Streifzüge durchs Dorf: Wer lebt inOberveischede und wie lebt man hier?“:Durch Umfragen und durch eigene Recherchenmöchte man dieser Frage aufdie Spur kommen und einen Zeitrafferüber die drei Jahre hinweg herstellen. „Global Village Oberveischede“: Hiermöchte man die Kommunikation vonKindern und Jugendlichen mittels Filmstärken, fördern und ein kleines Medienarchiv(z.B. über youtube) aufbauenzur Sicherung der Dorfgeschichte. „Fußballerkarrieren“: Reportage überFußballerkarrieren im Dorf als Ankerpunktzum Aufbau nachhaltiger Integrationund Bindung an die Region.In der Weiterentwicklung des Projekts istdie Überlegung entstanden, verschiedeneKategorien bzw. Oberthemen für dieKurzfilme zu definieren: „Porträt“ (z.B. einer„Dorfpersönlichkeit“), „Vision 2030“,„Hier und Jetzt“ (Reportage über aktuelleProjekte der Dorfentwicklung) oder „Generationendorf“.Die Kurzfilme zu den verschiedenen Themensollen webserverbasiert auf der eigenenHomepage präsentiert werden. 4Darüber hinaus gibt es die Idee, innerhalbdes Projektes den Baustein einesWeb-TV-Formats zu entwickeln, bei demdie vier Dörfer abwechselnd die Gestaltungfür die wöchentliche Ausstrahlungüber die Homepage übernehmen.Stephanie Arens (Südwestfalen Agentur)kommentiert dies wie folgt: „Dasganze Projekt ist ein Lernprozess für alleBeteiligten. Spannend bleibt die Frage,ob die Jugendlichen über den langenZeitraum am Ball bleiben und wie sichihre Filme und ihre Wahrnehmung fürsDorf im Laufe der Zeit verändern.“Neben dem Jugendfilmprojekt sind weitereAktivitäten geplant. Die Einrichtungeines Jugendforums Südwestfalen sollProf. Dr.-Ing. Hildegard Schröteler-vonBrandt, Stadtplanerin, lehrt an der UniversitätSiegen im Fachbereich Architekturund Städtebau, Lehrgebiet Stadtplanungund Planungsgeschichte. Schwerpunkteihrer Tätigkeit im Bereich Forschungund Lehre sind: Stadt- undDorfentwicklungsplanung, Stadterneuerung,Rahmenplanung, Planungsgeschichte,Städtebaulicher Entwurf. Ihreaktuellen Forschungsschwerpunkte sind:die Entwicklung ländlicher Räume, städtebaulicheAuswirkungen des demographischenWandels.UNSERE AUTORINREGIONENJugendprojekte und Angebote in der Regionvernetzen und als neue gemeinsamePlattform dienen sowie Weiterbildungsangebotein der Jugendarbeit zurVerfügung stellen. Weiterhin wird im Projekt„Zukunft Dorf 2020“ derzeit gemeinsammit dem Schulträger sowie mit Lehrerinnenund Lehrern eine Unterrichtseinheitfür die 9. Klasse entwickelt.Auch für die Forschung werden neue Erkenntnisseaus den Jugendprojekten erwartet.Da Jugendliche auf sehr unterschiedlicheWeise eine Identität mit derräumlichen Umgebung ausbilden, benötigenwir für die Planung vermehrtKenntnisse darüber, wie Jugendlicheden Raum nutzen und wie sie als zukünftigeGruppe der Stadtnutzer bereitsheute den Stadtraum erleben. Es ist davonauszugehen, dass ihre veränderteLebenssituation, die Nutzung der NeuenMedien mit Kontakten und Verabredungenüber Handy und Internet undeine wachsende Spontaneität der Treffensowie eine größere Mobilität auchdie Raumnutzung der zukünftigen Erwachsenengenerationprägen wird.Empirische Untersuchungen als Planungsbasisliegen kaum vor. Zudem sinddie Untersuchungen räumlich wenig differenziertund beziehen sich im Schwerpunktauf den Lebensraum von Großstadtkindernund nicht auf Klein- und Mittelstädteoder auf den ländlichen Raumund die spezifischen Raumnutzungsmuster.Neben der Notwendigkeit größererempirischer Kenntnisse über die Raumnutzungvon Jugendlichen muss die konkreteBeteiligung von Jugendlichen ander Umweltgestaltung zunehmen. DieBeteiligungsplanung muss methodischexplizit Jugendliche ansprechen.LITERATURCoelen, Thomas (2009): Raumpädagogik. Skizzenzu einem pädagogischen Raumbegriff. In:Reader Pädagogische Architektur. Montag Stiftung.Siegen, S. 125–140.Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurtam Main.Wüstenrot Stiftung (Hrsg.) (2009): Stadtsurfer,Quartiersfans & Co. Stadtkonstruktionen Jugendlicherund das Netz urbaner öffentlicher Räume.Berlin.INTERNETQUELLENwww.suedwestfalen.comwww.jugend-filmt-dorf.tvwww.stoermede.dewww.referinghausen.dewww.oberveischede.deANMERKUNGEN1 Vgl. http://www.suedwestfalen.com.2 Vgl. http://www.suedwestfalen.com.3 Vgl. http://www.suedwestfalen.com.4 Vgl. http://www.jugend-filmt-dorf.tv.29


DIE REGION ALS MODERNER QUILTREGIONENRaumperspektiven ZukunftsLAND.Eine Studie über den Raum der REGIONALE 2016Henrik SchultzIn sogenannten REGIONALEN bündeltNordrhein-Westfalen über mehrere Jahrehinweg Fördermittel in einer Region.Die Kreise Borken und Coesfeld mit 28Kommunen und weitere sieben Städteund Gemeinden entlang der Lippe werdenim Rahmen der REGIONALE 2016gemeinsam strukturwirksame und innovativeProjekte entwickeln, die zukunftsweisende,modellhafte Lösungen fürländliche Räume zeigen. Dazu müssensich die Projektakteure und -beteiligtenzunächst die räumlichen Besonderheiten,Strukturprinzipien und Raumbestandteileder Region bewusst machen. HenrikSchultz schildert die Entstehung der Studie„Raumperspektiven ZukunftsLAND“,die sich in einem dialogischen Verständigungsprozessentwickelte. Ein zentralesMerkmal dieser Studie ist die Visualisierungund Kommunikation der typischenRaumbestandteile dieser Region. In ihrerGesamtheit führen diese Raumbestandteilezu einem regionalen Raumbild, dasan einen Quilt erinnert. Diese Metapherbringt die kulturelle Eigenart des Raumeshervor. Mehr noch: Der Quilt bringt denregionalen, oft abstrakten Raum zumSprechen und öffnet den Blick für augenfälligeZukunftsfragen.Eine Region hat sich gefunden. Die KreiseBorken und Coesfeld sowie südlichangrenzende Städte entlang der Lippehatten sich für die gemeinsame Bewerbungum REGIONALE 1 -Fördermittel desLandes Nordrhein-Westfalen zusammengetan– und waren erfolgreich. DieAufgabe für die landwirtschaftlich geprägte,ländlich erscheinende und wirtschaftlichsowie demographisch starkeRegion bis 2016 lautet: Entwickeln SieProjekte, die strukturwirksam und innovativsind und zukunftsweisende, modellhafteLösungen für ländliche Räumezeigen.Da stellen sich Fragen: Welche Wahrnehmungdes circa 3.500 Quadratkilometergroßen Raumes haben dieProjekt-Entwickler? Was sind räumlicheBesonderheiten, Strukturprinzipien undRaumbestandteile? Welche regionsspezifischenHerausforderungen resultierenaus gesellschaftlichem, energetischemund wirtschaftlichem Wandel?Kurz: Welche Zukunftsfragen müssendie Projekte bis 2016 beantworten?Die Studie „Raumperspektiven Zukunfts-LAND“ gibt Antworten auf diese Fragen.Im kontinuierlichen Dialog mit Akteurenaus der Region, in Arbeitsgruppensitzungen,Workshops und aufkünstlerisch geführten Reisen ging esdarum, die Besonderheiten und Herausforderungendes Raumes aufzuspüren.Die Sparkasse Westmünsterlandfand die Idee gut und hat die Studiekomplett finanziert. Aktuell wird diedritte Auflage gedruckt – die Studieliegt mittlerweile bei vielen, die ein Projektzur Förderung einreichen wollen,auf dem Schreibtisch.Es hat ein Prozess der Verständigungstattgefunden. Das Büro Stein+Schultzhat die Geschichte des Raumes studiert,gemeinsame Erkenntnisse zum Raum inKarten, Piktogrammen, Fotos und Storysdargestellt und diese Bilder mit Menschendiskutiert.Zuerst wurde das erinnerbare Bild desMünsterlandes aufgedeckt, eine mitWünschen aufgeladene Vorstellung einer„intakten“, weithin agrarisch geprägtenLandschaft, die durch ein differenziertesWegesystem erschlossen ist,in die Kleinstädte, Wasserschlösser undHöfe eingebettet sind und räumlicheund gesellschaftliche Kohärenz ein harmonischesLebensgefühl erzeugen – eineintakte Parklandschaft, mit kleinteiligerLandwirtschaft und kompakten Orten,in denen der Kirchturm noch dasprägnanteste Gebäude ist und Orientierunggibt. Dieses perfekte Bild wurdespäter mit den regionsspezifischen Herausforderungenkonfrontiert.Landschaftsstrukturen undRaumbestandteileDie Struktur des Raumes wurde auf Basisvon abstrahierten Luftbildern mit anderenRegionen verglichen. Karten zurVerteilung von Siedlungsraum, landwirtschaftlichenNutzflächen, Straßenund Gewässern beschreiben einen auffälligkleinteilig strukturierten Raum, dereine lange Tradition der kontinuierlichenBewirtschaftung hat. Alle Raumelemente,Siedlungen, Wälder, Straßenund Gewässersysteme sind gleich imRaum verteilt. Zudem ähneln sie sichRaumperspektiven kommunizierenund visualisierenDie Landschaft – ein Quilt.picture alliance/dpa30


REGIONENRegionales Raumbild: Der Quilt bringt den Raum zum Sprechen.Bild: Anke Schmidt/Henrik Schultzstark und scheinen Vielfache voneinanderzu sein.Weil diese Raumbestandteile dasGrundgerüst des Raumes sind, wurdensie genauer unter die Lupe genommen.Der Maßstabssprung ins Detail hat 16typische Raumbestandteile und Kombinationenhervorgebracht. Es gibt beispielsweisedas FeldGEWEBE, das vonder alten Hofstelle funktional getrenntist, aber mehr denn je auf ein gutes Straßennetzund landwirtschaftliche Verarbeitungsbetriebeangewiesen ist. DieFelder werden von Menschen, die nichtauf dem Hof leben, bestellt. Die auf dieseWeise vom landschaftlichen Umfeldfunktional losgelösten HofKNÖPFEwerden zu erweiterten Wohnstandortender Städte und Dörfer. Teile von ihnenwerden als Lager und durch kleineHandwerksbetriebe nachgenutzt. Diedort wohnenden Menschen fahren inden meisten Fällen zur Arbeit in eine benachbarteStadt.Der EinfamilienhausSAUM ist ein Raumbestandteil,der in den letzten Jahrenmassiv gewachsen ist. Diese Gürtel ausEinfamilienhäusern sind oft nur schlechtfußläufig an die Ortskerne angebunden.Sie sind ein Stadttypus, der nur mitdem privaten PKW „funktioniert“.Fast jede Stadt im westlichen Münsterlandist von einer Blaugrünen Wasser-NAHT durchzogen. Sie teilt die Stadtin zwei Bereiche und schafft offene, grüneMitten. An den Wassernähten liegtoft auch eine Altindustriefläche. Diesekommt genau wie die GewerbeAPPLI-KATION in nahezu jeder Stadt vor – eineweiterer Hinweis auf die kleinteilige Organisationdes Raumes. In der offenenLandschaft wechseln sich ebenso kleinteiligVennFILZE mit WaldVLIESEN, WasserSÄUMEund SportKNOTEN ab.Regionale Geschichte: EinfamilienhausSAUMBild: Anke Schmidt/Henrik Schultz31


REGIONENDie Identifikation der Raumbestandteilewar ein wichtiger Erkenntnisschritt – fürdie gemeinschaftlichen, regionalen Diskussionender räumlichen Veränderungenwaren aber vor allem die bildlichenDarstellungen zu den Zusammenhängenzwischen diesen Raumbestandteilenhilfreich. Dafür haben die Verfasserder Studie drei „Regionale Geschichten“entworfen. Eine Geschichte thematisiertden Lebensalltag auf einer Hofstelle,eine den im Einfamilienhaus-SAUM und eine dritte stellt die sozialeKnotenfunktion eines typischen Landgasthofsdar. In den Geschichten wirddeutlich, wie Menschen durch Bewegungmit dem Auto, Fahrrad oder demöffentlichen Verkehr Raumbestandteileverknüpfen. Sie zeigen, warum Menschenmobil sind und welche Raumnetzedadurch entstehen.Metapher „Quilt“Alle Analysen zur Geschichte des Raumes,zu den aktuellen Strukturen undVeränderungen und die Raumbestandteileund Zusammenhänge malen dasBild einer kleinteilig vernetzten, jahrhundertelangkultivierten Region. AlleVeränderungen, die der vergleichsweiseebene Raum bisher erlebt hat, sindrelativ langsam und aus einer pflegendenHaltung entstanden, die mit einerstarken Bodenverbundenheit einhergeht.Die naturräumlichen Komponentenwie Boden, Gewässersysteme undTopographie wurden durch diese Kultivierunggeformt.Das Regionale Raumbild versucht, dieseEigenschaften des Raumes zu transportieren.Es wurde als Quilt gezeichnet.Diese Metapher passt, denn in der Geschichteder Region spielt die Textilwirtschafteine wichtige Rolle. In vielenStädten des Nordwestens der Regionfinden sich noch alte Standorte derFlachs- und Baumwollverarbeitung undmoderne Nachfolgebetriebe.Die Metapher – hier der Quilt - bringtden regionalen, oft abstrakten Raumzum Sprechen. Sie stellt die ganze Regionals modernen Quilt und einzelneRaumbestandteile als Teile eines Textilproduktsdar. Die Straßen und Flüssedes REGIONALE-Gebiets wirken wieNähte. Alles ist vernetzt, wird beständiggepflegt und neu verknüpft. Nahezuder gesamte Raum ist überzogen von einemfeingliedrigen Gewebe aus Raumbestandteilenund vielfältigen Kombinationen.Durch das regionale Gesamtbildwar es möglich, sich dasgrund legende räumliche Prinzip der gemeinsamen,steten Raumkultivierung inklaren Mustern zu vergegenwärtigen,das kaum Resträume übriglässt. In dieserkleinräumigen Kultivierung liegt dieBesonderheit des Raumes.Die Begriffe irritieren zunächst, erweckenAufmerksamkeit und öffnen Assoziationsfelderaus der Kulturgeschichteder Region. Die Rückbesinnung auf einekulturelle Eigenart der Region provoziertFragen im Hinblick auf den heutigenUmgang mit dem Raum und gemahntan eine der großen Herausforderungenim Zuge der Industrialisierungder Landwirtschaft und des wirtschaftlichen,klimatischen und demographischenWandels.ZukunftsfragenAm Ende der Studie stehen weder Best-Practice-Beispiele noch konkrete Projektvorschläge– das würde verkennen,dass die Projektideen von Akteursgruppenaus der Region gefunden werdenmüssen, um langfristig zur Zusammenarbeitzu motivieren. Stattdessen werdenFragen formuliert, die gerade präzisegenug sind, um Konsens zu sein und umIdeen entstehen zu lassen. So sind siebereits Teil der Lösung, denn in ihnenschlummern Ideen.Drei Beispiele aus den zehn Zukunftsfragen: Wie können Großelemente wie interkommunaleGewerbegebiete, Biogasanlagen,große Stallanlagen, Bodenabbauflächenetc. in die kleinteiligeKulturlandschaft integriert werden? Wie hängen kulturlandschaftliche Flächenzur Nahrungsmittelproduktion,zur Energiegewinnung, zur Naherholungund zum Naturschutz zusammen?Wie prägt die kultivierende Haltungauch weiterhin den Umgang mit denFlächen? Welche qualitätvollen Bilderentstehen? Wie können die Wohngebiete, z.B.Einfamilienhausgebiete und die ungenutztenAltindustrieflächen mit Potentialfür Wohnen energetisch saniertund so umgebaut werden, dass sieden neuen Ansprüchen einer mobilerenund einer älteren Gesellschaft genügen?Wie können neue Gebäudetypenund Freiraumtypen einen entscheidendenBeitrag zur Lebensqualitätder Region liefern?Die Studie ist in einem Diskussionsprozessmit regionalen Akteuren, mit Bürgermeisternund Planungsverantwortlichenentstanden. Sie ist ein strategischesElement der Projektqualifizierungder REGIONALE 2016. Die vom BüroStein+Schultz entwickelten Fotocollagen,Zeichnungen, Karten, Texte, Piktogrammeund Bildergeschichten sindMittel zur Kommunikation raumplanerischerStrategien. Sie sind ein entwurflicherAnsatz für die Sichtbarmachungvon Entwicklungen im ländlich geprägtenRaum.ANMERKUNGEN1 In REGIONALEN bündelt das Land Nordrhein-Westfalenüber mehrere Jahre hinweg Fördermittelin einer Region. Die Kreise Borken undCoesfeld mit 28 Kommunen und weitere siebenStädte und Gemeinden werden bis 2016 an gemeinsamenProjekten arbeiten. Gefördert werdenstrukturwirksame Projekte in Raum, Infrastruktur,Wirtschaft, Bildung und Kultur.Henrik Schultz, Landschaftsarchitekt, istMitinhaber von Stein+Schultz, Stadt-,Regional- und Freiraumplaner in Frankfurtam Main. Er entwirft Freiräume undEntwicklungskonzepte für urbane Landschaftenund gestaltet gemeinsam mitseiner Büropartnerin Ursula Stein Verständigungsprozesse,die die Entwicklungund Vermittlung neuer Ideen undeine kooperative Umsetzung fördern.Henrik Schultz ist Lehrbeauftragter undForschungsmitarbeiter am Studio UrbaneLandschaften der Leibniz UniversitätHannover. Die Studie „RaumperspektivenZukunftsLAND“ wurde vom BüroStein+Schultz im Auftrag des Kernteamsder REGIONALE 2016 erarbeitet. FürStein+Schultz hat neben Henrik Schultzund Ursula Stein auch Anke Schmidt ander Studie mitgearbeitet.UNSER AUTOR32


REGIONENTRAGFÄHIGKEITSPRÜFUNG DER INFRASTRUKTURPLANUNGNachhaltigkeitscheck ESYS. Entscheidungssystem füreine demographierobuste InfrastrukturplanungMichael ArndtNach der aktuellen Raumprognose desBundesamtes für Bauwesen und Raumordnungwerden zukünftig nur noch wenigeRegionen in Deutschland wachsen.Weite Teile der Bundesrepublik hingegenwerden durch starke Bevölkerungsrückgängegekennzeichnet sein. Im Bereichder Förderpolitik geht es mithin um dieFrage, wie eine effiziente technische Infrastruktur,wie leistungsfähige Verkehrssystemeund eine tragfähige Daseinsvorsorgelangfristig zu sichern sind.Dementsprechend hat der ParlamentarischeBeirat für nachhaltige Entwicklungdes Deutschen Bundestages reagiert unddie Einführung von Nachhaltigkeitschecksempfohlen. Nachhaltigkeitschecks sollendie Investitions- und Folgekosten einerInfrastruktur in eine direkte Beziehung zudemographischen Strukturen und Dynamikensetzen und damit die Tragfähigkeitgeplanter Maßnahmen prüfen. MichaelArndt erläutert die „Architektur“ desNachhaltigkeitschecks ESYS (Entscheidungssystemfür eine demographierobusteInfrastruktur). Skizziert werden dieZielsetzungen, deren Operationalisierungsowie die verschiedenen Kriterienund Indikatoren des Nachhaltigkeitschecks.Die Praxistauglichkeit und Handhabbarkeitvon ESYS wurden unter Beweisgestellt und belegen den Mehrwertdes webbasierten Prüfsystems gegenüberkomplexeren Folgeabschätzungen. leichten Bevölkerungswachstum gerechnet,woraufhin den Prognosen entsprechendeine Vielzahl von neuen Einrichtungender Daseinsvorsorge erbaut wurden.Tatsächlich wissen wir heute, dassdieses Bevölkerungswachstum nicht eintrat.Eine weiter anhaltende negativeBinnenwanderung, die Abnahme derGeburtenzahlen aber auch der Alterungsprozessin den neuen Bundesländernführten vielerorts zu unterausgelastetenund dadurch finanziell nicht tragfähigenInfrastrukturen. Es zeigte sich, dassdie einseitige Ausrichtung auf wachstumsorientierteFörderpolitik nicht mehrangemessen ist, um auf die schnell sichvollziehenden demographischen Veränderungenreagieren zu können.Eine effiziente technische Infrastruktur,leistungsfähige Verkehrssysteme und einetragfähige Daseinsvorsorge lassensich mit der bestehenden Fördersystematiknicht mehr langfristig sichern. Dies umsomehr, da die Haushaltslage vielerKommunen schon gegenwärtig sehr angespanntist. Bei einer schrumpfendenBevölkerung würden sich die Haushaltsproblemenoch weiter verschärfen, daBevölkerungsverluste sich negativ auf diePro-Kopf-Kosten der kommunalen Daseinsvorsorgeauswirken. Um einer derartigenEntwicklung vorzubeugen, wurdeein demographischer Faktor in diekommunale Finanzausgleichssystematikeiniger Bundesländer integriert. Allerdingsbewirkt ein demographieorientierterFinanzausgleich nur eine kurzfristigeEntlastung. Langfristig können die Problemeschrumpfender Kommunen effektivermit einer sorgfältigen Langfristplanungangegangen werden.Parlamentarischer Beirat fordert dieEinführung von NachhaltigkeitschecksAufgrund dieser Tatbestände fordertder Parlamentarische Beirat für nachhaltigeEntwicklung im Deutschen Bundestagdie Bundesregierung auf, einePrüfung der demographischen Tragfähigkeitin der Infrastrukturplanung einzuführen.Der Beirat empfiehlt die Einführungeines Nachhaltigkeitschecksals Tragfähigkeitsprüfung bei öffentlichgeförderten Vorhaben (vgl. DeutscherBundestag 2007). Die Notwendigkeiteiner langfristigen Folgeabschätzungvon Politiken ergibt sich aus dem Umstand,dass Infrastrukturplanungen zumeinen sehr kostenintensiv und mangelsSkalierbarkeit wenig flexibel sind. Zumanderen erstreckt sich ihre Nutzungzudem über Zeiträume zwischen fünfzigbis zu einhundert Jahren. Zur Abschätzunglangfristiger Auswirkungenschlägt der Beirat die Einführung vonNachhaltigkeitschecks vor. Sie sollenDemographischer Wandel undTragfähigkeitsrisikenNach der aktuellen Raumordnungsprognose2020/2050 des Bundesamtes fürBauwesen und Raumordnung werdenkünftig nur noch wenige Regionen inDeutschland wachsen. Weite Teileder Bundesrepublik hingegen werdendurch mehr oder weniger starke Bevölkerungsrückgängegekennzeichnetsein. Dies bedeutet, dass immer wenigerRegionen ihre Bevölkerungsverlusteaufgrund rückgängiger Geburtenratendurch Wanderungszugewinne ausgleichenkönnen. Die Ausnahme von diesemgenerellen Trend bilden wirtschaftlichstarke Agglomerationsräume, die ihreBevölkerungsanteile weiter ausbauenoder zumindest stabil halten.Zu Beginn der 1990er Jahre wurde inden neuen Bundesländern mit einemAbbildung 1: Schritte zum Bewertungssystem ESYSSchulentwicklungStraßenversorgungWasserver- und -entsorgungQuelle: Eigene Darstellung 2010Formulierung von übergreifenden Zielenfür eine nachhaltige InfrastrukturAbleitung von infrastrukturspezifischen Zielenfür eine nachhaltige InfrastrukturEntwicklung von Kriterien(Themenfelder)Entwicklung von Indikatoren(Messbarkeit)33


REGIONENdie Investitions- und Folgekosten einerInfrastruktur in eine direkte Beziehungzu demographischen Strukturen undDynamiken setzen und damit die Tragfähigkeitder Maßnahme prüfen. Auchandere ökonomische, soziale und ökologischeWirkungen von Infrastrukturenauf unsere Lebenswelt können und solltenin eine derartige Folgeabschätzungbzw. -betrachtung einbezogen werden.Dies gilt beispielsweise für den Klimawandel,für den Energie- und Flächenverbrauchaber auch für die regionaleEntwicklung und soziale Integrationoder andere aktualitätsbedingte Aspekte.In diesem umfassenden Sinn lässt sichein Nachhaltigkeitscheck als ein Instrumentzur Folgeabschätzung infrastrukturellerRisiken (Risikoabschätzung) interpretieren.Ein frühzeitiges Aufzeigenund Ausräumen von Zielkonflikten wirdmöglich, und komplexe Entscheidungenwerden auch für Außenstehende nachvollziehbar(vgl. Deutscher Bundestag2007). Sie sind weniger komplex alstraditionelle Kosten-Nutzen-Analysenoder Strategische Umweltprüfungen.Die geringe Komplexität ermöglicht einehohe Benutzerfreundlichkeit, Handhabbarkeit,allgemeine Verständlichkeitund Nachvollziehbarkeit (vgl. Arndtet al. 2009). Nachhaltigkeitsscheckssollen die klassischen Prüfinstrumentariennicht ersetzen, sondern als Entscheidungshilfezusätzlich und unterstützendeingesetzt werden. Hierbei habenNachhaltigkeitschecks die Funktion, dielangfristigen Folgewirkungen einer Infrastrukturmaßnahmezu prüfen. Kosten-Nutzen-Analysen haben das Ziel, dieKosten und Nutzen von Maßnahmengegeneinander abzuwägen. Sie orientierensich eher an kurz- bis mittelfristigenZeithorizonten.Die Architektur desNachhaltigkeitschecks ESYSSeit 2007 arbeitet das Leibniz-Institutfür Regionalentwicklung und Strukturplanung(IRS) in Erkner an der Entwicklungund dem Einsatz des Nachhal tigkeitschecks ESYS. Die Förderung vonESYS (Entscheidungssystem für eine demographierobusteInfrastruktur) erfolgteim Forschungsprogramm „REFINA“durch das Bundesministerium für Bildungund Forschung (BMBF) und dasMinisterium für Infrastruktur und Landwirtschaft(MIL) des Landes Brandenburg.Der webbasierte NachhaltigkeitscheckESYS ist ein kriterienbasiertesPrüfsystem in Form einer Nutzwertanalyse.Die Nachhaltigkeitsdefinition vonESYS orientiert sich an den Auslegungendes Brundtland-Berichtes (vgl.WCED 1987) und an der NationalenNachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung.Der Förderschwerpunkt „Forschungfür die Reduzierung der Flächeninanspruchnahmeund ein nachhaltigesFlächenmanagement (REFINA)“ desBundesministeriums für Bildung undForschung ist Teil der NationalenNachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung.Im Mittelpunkt dieserStrategie steht ein effizienter Umgangmit Grund und Boden. Die Zielehierfür sind die Reduktion der derzeitigentäglichen Inanspruchnahmevon Boden für neue Siedlungs- undVerkehrsflächen auf 30 Hektar proTag sowie eine vorrangige Innenentwicklung(Verhältnis von Innen- zuAußenentwicklung = 3:1) bis zumJahr 2020 mittels Flächenmanagementmit der Vision eines Flächenkreislaufsdurch Flächenrecycling.Das Bundesministerium für Bildungund Forschung (BMBF) unterstütztdiese Ziele durch die Förderung vonProjekten für eine effiziente Flächennutzungim Förderprogramm REFINA.Basierend auf bereits vorliegendenForschungsergebnissen und unterBerücksichtigung der unterschiedlichenregionalen Rahmenbedingungensollen innovative Lösungsansätzeund Strategien für eine Reduzierungder Flächeninanspruchnahmeund ein nachhaltiges Flächenmanagementerarbeitet und in Form vonDemonstrationsvorhaben geprüftund umgesetzt werden. In diesem Zusammenhangwerden räumliche,rechtliche, ökonomische, organisatorischeoder akteursbezogene Innovationenund Modifikationen bestehenderInstrumente, Strategien undVorgehensweisen entwickelt.Quelle: http://www.refina-info.deDie Grundfragestellung für die Entwicklungeines Nachhaltigkeitschecks bestehtdarin, wie Begriff und Ziele derNachhaltigkeit operationalisiert, d.h. inein Checksystem umgesetzt und eingebundenwerden können. Bei den derzeitexistierenden Ansätzen wird in erster Linienach zwei Methoden vorgegangen.Die meisten der untersuchten Systemeverfolgen einen dimensionsorientiertenAnsatz. Die Indikatoren werden denNachhaltigkeitsdimensionen Ökologie,Ökonomie, Soziales sowie in einigenFällen einer vierten Dimension – Institutionelles– zugeordnet und innerhalb derDimensionen bewertet. Die Kritik an diesemVorgehen besteht in erster Linie darin,dass ein solch sektorales Vorgehendie Komplexität von Nachhaltigkeitsbeurteilungennicht angemessen erfassenkann. Schwierigkeiten entstehen insbesonderedann, wenn bei Zielkonfliktennicht alle Dimensionen gleichermaßengewichtet werden können und gewissermaßen„nichthaltige“ Kompromisseausgehandelt werden müssten (vgl.Grunwald/ Kopfmüller 2007; Döring etal. 2003).Integrative Ansätze wie das integrativeNachhaltigkeitskonzept der Helmholtz-Gemeinschaft (HGF) (vgl. Kopfmülleret al. 2001) versuchen hingegen, dieZielstellungen der Nachhaltigkeit aufübergeordnete, normativ ausgerichteteQuerschnittsthemen wie z.B. Zukunftsverantwortungund Verteilungsgerechtigkeitauszurichten. Die NationaleNachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierungarbeitet auch mittels eines integriertenAnsatzes. Die Prinzipien Generationengerechtigkeit,Lebensqualität,sozialer Zusammenhalt und internationaleVerantwortung stehen im Vordergrund.(vgl. Bundesregierung, 2002;Statistisches Bundesamt 2007).Verknüpfung von integriertemund dimensionsorientiertemNachhaltigkeitsansatzMethodisch wurde bei der Entwicklungdes Nachhaltigkeitschecks ESYS ein Mixaus beiden Ansätzen gewählt (vgl. Kopfmülleret al. 2001), wobei das Prinzipder Generationengerechtigkeit Orientierungbot (vgl. Arndt et al. 2008,S. 11ff.). Der erste Schritt bei der Kriterien-und Indikatorenbildung des ProjektesESYS war durch eine infrastrukturübergreifende Vorgehensweise gekennzeichnet.Dafür wurden querschnittsorientierteNachhaltigkeitsziele für einenachhaltige Infrastrukturplanung formuliert.Im zweiten Schritt wurden aus derübergreifenden Ziel-Struktur infrastrukturspezifischZielsysteme aus Ober- undTeilzielen der Nachhaltigkeit erarbeitet.In einem dritten und vierten Schritt erfolgtedie Ableitung dazugehöriger Kriterienfamilien(Themenfelder), in denenjeweils ökologische, ökonomische undsozia le Dimensionsindikatoren Berücksichtigungfanden Hierbei wird aufquantitative und qualitative infrastrukturspezifischeIndikatoren zurückgegriffen.Sie bilden die Grundlage für dieMessung und Bewertung. Um der Zielstellungeiner nachhaltigen Entwicklunggerecht zu werden, wurden in ein Entscheidungsverfahrenmehrere Ziele bzw.Entscheidungskriterien integriert und zueinem multikriteriellen Analyse- und Bewertungsrasterentwickelt (Arndt et al.2008; vgl. Abbildung 2).34


Struktur, Flexibilität undBewertung von ESYSESYS ist als Prüfverfahren den verbindlichenIndikatorenprüfungen zuzurechnen.Das zugrunde liegende Bewertungsverfahrenist projekt- bzw. maßnahmenorientiertund basiert auf demAnsatz einer Nutzwertanalyse. Die hoheFlexibilität wird dadurch gewährleistet,dass die infrastrukturspezifischenIndikatoren je unterschiedlich nachRaumtypologie (Agglomeration, verstädterterRaum, peripherer Raum) gewichtetund an die vor Ort gegebenenpolitischen Präferenzen und Bedingungenangepasst werden können.Die Bewertung der Planungsvariantenerfolgt mehrdimensional und umfasstunterschiedliche ökonomische, ökologische,soziale und institutionelle Nachhaltigkeitsaspekte,wobei die einzelnenKriterien bzw. Indikatoren je nach denpolitischen Zielen einer Gebietskörperschaftunterschiedlich stark gewichtetwerden können (z.B. in Abhängigkeitvom kommunalen Leitbild zur Nachhaltigkeit).Ungeachtet der jeweiligen Gewichtungeiner Kommune sind bestimmteIndikatoren als K.-o.-Kriterien gesetzt,so dass die Erfüllung bestimmterOber- oder Untergrenzen zwingend erforderlichist. Zu diesen K.-o.-Kriteriengehören der Flächenverbrauch derGebietskörperschaft hinsichtlich des30 Hektar-Zieles der Bundesregierungsowie die Herstellungs- und Folgekostender Infrastruktur projekte.Das System Ziel-Kriterien-Indikatorensystemvon ESYS wird in Abbildung 2 amBeispiel der Infrastrukturart Schule aufgezeigt.Hierbei ist festzuhalten, dassfür jede Infrastrukturart im NachhaltigkeitscheckKriterien ermittelt und festgelegtwurden.ESYS ist zudem offen konzipiert, so dasszu den aufgeführten querschnittsübergreifendenweitere Themenfelder undinfrastrukturspezifische Indikatoren einerInfrastrukturart definiert und integriertwerden können.Dieses methodische Vorgehen ermöglicht,erstens, die Beschränkung auf einenüberschaubaren Indikatorensatz imComputertool. Zweitens lässt sich derZeitaufwand für die Durchführung einesNachhaltigkeitschecks auf zwanzig Minutenbeschränken und drittens führtdies auch zu einer nachvollziehbarenund angemessenen Bewertung. AuchAbbildung 2: Ziel-Kriterien-Indikatoren-System in ESYS (vereinfacht, Bsp. Schule)Quelle: IRS 2010REGIONENVergleiche zwischen Planungsvariantensind damit möglich. Der NachhaltigkeitscheckESYS beinhaltet gegenwärtigdie Infrastrukturarten Schule, Straße,und Wasserver- sowie Abwasserentsorgungund erfährt aktuell eine Detaillierungund Erweiterung um die InfrastrukturartenGemeinschaftseinrichtungen,Berufsschulen, Kindertagesstätten undÖPNV. Weitere Infrastrukturen wie dieEnergieversorgung sind vorgesehen. Inder folgenden Tabelle (vgl. Abbildung3) wird die Struktur des NachhaltigkeitscheckESYS anhand der Ergebnisseitedargestellt.Von der Praxistauglichkeit zurkonkreten AnwendungUm den oben genannten Ansprücheneines Nachhaltigkeitschecks hinsichtlichBenutzerfreundlichkeit, Handhabbarkeit,Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeitzu genügen, wurde ESYSbei verschiedenen kommunalen Praxispartnernin Brandenburg umfangreichund kontinuierlich getestet. Die Praxistestsverliefen in drei Phasen. Währendin der ersten Phase die Datenlage beiden Kommunen abgefragt wurde unddie ersten Einarbeitungen begannen,wurde darauf aufbauend im zweitenTest das Tool in den Kommunen vorgestellt.Die Kommunen waren aufgefordert,in Begleitung von Mitarbeitern desLeibniz-Instituts für Regionalentwicklungund Strukturplanung (IRS) eigeneProjekte in das System einzugeben.Schließlich erfolgte die eigenständigeEingabe von Projekten mit einem eigenenBenutzerzugang und anschließenderEvaluierung von Inhalt, Handhabbarkeitund der Abschätzung von weiterenAnwendungspotentialen. Die gewonnenenErkenntnisse flossen in dieÜberarbeitungen ein und wurden fortdauerndrückgekoppelt (Arndt u.a.).Einen weiteren Nachweis der Praxistauglichkeiterfuhr ESYS in einer weiterentwickeltenmodifizierten Form, undzwar in einem Nachhaltigkeitscheck fürvom Europäischen Fonds für regionaleEntwicklung (EFRE) geförderte Landesstraßen,welcher ebenfalls durch dasIRS im Auftrag des Ministeriums fürInfrastruktur und Landwirtschaft in2008/2009 entwickelt und erprobt wurde.Auch der Nachhaltigkeitscheck„Landesstraßen“ ist offen und flexibelausgestaltet. Die hohe Flexibilität wirddadurch gewährleistet, dass die infrastrukturspezifischenIndikatoren unterschiedlichje nach Raumtypologie (Agglomeration,verstädterter Raum, periphererRaum) gewichtet werden können35


REGIONENund an die vor Ort gegebenen politischenPräferenzen und Bedingungenangepasst werden können. Die politischeBewertung der Kriterien des Nachhaltigkeitschecks„Landesstraßen“ erfolgtedurch einen mehrstufigen Abstimmungsprozessin der Abteilung „Verkehr“des Ministeriums für Infrastrukturund Landwirtschaft. Das Ziel einerselbstständigen sektoralen Gewichtungin der Abteilung „Verkehr“ produziertenicht nur Vertrauen und Akzeptanzzu dem neuen Instrument. Der Koordinierungsprozessdiente auch dazu,eine verkehrspolitische Prioritätensetzungim Aufgabenbereich „Verkehr“ desMinisteriums vorzunehmen.Auch hier wurde der Nachweis derHandhabbarkeit und der Praxistauglichkeitin einer zweistufigen Erprobungsphasemit 159 verkehrlichen Infrastrukturmaßnahmennachgewiesen. AlleMaßnahmen wurden und werden imAbbildung 3: ErgebnisseiteRahmen des Europäischen Fonds für regionaleEntwicklung (EFRE) gefördert.Hiervon wurden 137 Maßnahmen durchden Nachhaltigkeitscheck überprüft.Davon sind 105 Maßnahmen Straßenmaßnahmengewesen, 24 Maßnahmenbeziehen sich auf Radwege und sechsMaßnahmen sind Brückenwerke. DieDatengrundlage für den Nachhaltigkeitscheckbildeten die Stammblätterder EFRE-Maßnahmen, die für eine Beantragungerstellt werden. Der Nachhaltigkeitscheck„Landesstraßen“ stelltsomit in seiner jetzigen Form ein ausgearbeitetesInstrument dar, mit dem bestimmteVerkehrsmaßnahmen in ihrerÜbereinstimmung mit den verkehrspolitischenZielen des Landes Brandenburgüberprüft werden konnten.Mehrwert von ESYSDer besondere Mehrwert von ESYS istdie Flexibilität und Offenheit. Verändertepolitische Zielstellungen könnenohne größeren Aufwand modifiziertund ggf. erweitert werden. Der Nachhaltigkeitschecksoll den Verantwortungsträgernim Verkehrsbereich eineEntscheidungs hilfe sein. Ziel ist es, hiermitsowohl die Nachhaltigkeitsstrategieeiner Kommune als auch die Sicherungvon infrastrukturellen Zielsetzungen(z.B. Mobilität in peripheren Räumen)zu unterstützen. Neue Perspektiven undHandlungskorridore der Bewahrungund Weiterentwicklung der Infrastrukturkönnen erschlossen werden. Im PraxistestESYS sowie beim Nachhaltigkeitscheck„Landesstraßen“ wurde derMehrwert dieses Instrumentes gegenüberkomplexeren Folgeabschätzungenbesonders in folgenden Aspekten deutlich. ESYS dient als Frühwarnsystem zur Abschätzungvon Folgewirkungen undlangfristigen finanziellen Absicherungder Infrastruktur, indem möglichst frühzeitig,umfangreich und vollständigauf demographische Risiken und ökologischeFolgewirkungen einer Verkehrsinfrastrukturhingewiesen wird. ESYS bietet eine einheitliche Beurteilungsgrundlagefür die Förderwürdigkeit(einheitliche Ziele und Kriterien),welche sich durch Handhabbarkeit,allgemeine Verständlichkeit, Bedienbarkeitauszeichnet. Da das Bewertungsverfahrenoffen und nachvollziehbarist, werden Zielsetzungen,Kriterien und Schwerpunktsetzungender Bewertung offen gelegt und somitdie Legitimation von Projekten innerhalbdes Binnensystems einer kommunalenAdministration erhöht. ESYS ist ein einfaches Instrument derTransparenz- und Akzeptanzerhöhung,da neue Kommunikationsbeziehungenzwischen verschiedenen Akteuren,Möglichkeiten zum Erfahrungsaustauschund (interministerielle) Konsenseerleichtert werden. ESYS ermöglicht die Überwindung tradierterPlanungsnormen und Förderrichtlinien(-standards), indem der Umsetzungsprozesseiner Maßnahmeauch als innovativer Lernprozess zurOptimierung der Aufgabenverteilungund eingesetzten Ressourcen in derkommunalen Planung und Verwaltungbetrachtet wird. Dies gilt nicht nur fürdie inhaltliche Qualität des Projektes,sondern auch der Steuerungsebenenim Umsetzungsprozess. So lassen sichZiel- und Rahmensetzungen einer Kommuneabschätzten und reflektieren(Vollständigkeit der Ergebnisse im Hinblickauf die gesetzten Ziele, Einbindungin laufende Planungen und Aktivitäten,Identifizierung von Planungshemmnissenund Richtlinien)Zusammenfassend nimmt ein Nachhaltigkeitscheck– abhängig von derkonkreten Ausgestaltung – mehr oder36


weniger Aufgaben aus diesem Aufgabenkanonein. Notwendige Voraussetzungfür die Aufgabenerfüllung ist eineentsprechende Projektorganisation, dieeine zeitnahe Rückmeldung der Ergebnissefür die am Projekt Beteiligtenerlaubt. Nur so kann auch der Ansprucheiner Feinsteuerung infrastruktureller Investitionsmaßnahmenin Richtung einernachhaltigen Entwicklung erfüllt werden.ESYS 2.0 geht online!Die Infrastrukturplanung und -förderungsetzt immer noch sehr stark aufwachstumsorientierte Standards undRichtlinien. Sie ist in Zeiten unterschiedlicherdemographischer Prozesse undknapper werdender Haushaltsspielräume(„Schuldenbremse“) immer wenigergeeignet, überall die Infrastrukturbedarfefiskalisch langfristig tragfähig zugestalten. Regionale und kooperativeSteuerungsmodi oder flexible Standardsin der Infrastrukturplanung öffnenhier den Weg zu neuen Lösungen.In diesen Kontext ist die Entwicklungdes Nachhaltigkeitschecks ESYS eingebettet.ESYS soll die Verantwortungsträger ausKommunen und Kreisen in der Infrastrukturplanungunterstützen und damitdie Selbstorganisation der Gebietskörperschaftenin ihrer Region befördern.Die Bewertung ist nachvollziehbar, sodass auch die Öffentlichkeit ebenfallsErkenntnisse gewinnen kann. Die Anwendungvon ESYS kann somit zusätzlicheAkzeptanz bei umstrittenen Vorhabenschaffen. So lassen sich alternativePlanungsvorstellungen auf Nachhaltigkeitüberprüfen. Letztendlich kann aufein konkretes Ergebnis hingesteuertwerden. Vor diesem Hintergrund lässtsich der Nachhaltigkeitscheck ESYS alsein innovativer Ansatz staatlicher Politikgestaltungim Sinne der Prinzipienvon Good Governance interpretieren(vgl. Arndt et al).Hiervon kann sich der Leser seit Dezember2010 selbst überzeugen. Nachdemder Nachhaltigkeitscheck in der Praxiserfolgreich getestet wurde, wurde ESYSfür die interessierte Öffentlichkeit freigeschaltet. Die Anwendung des Checksist nach einmaliger Registrierung möglich.Wir freuen uns auf Ihren Besuch aufwww.esys-nachhaltigkeitscheck.de.LITERATURArndt, Michael/Altenburg, Marc (2009): Anwendungvon Nachhaltigkeitschecks für Förderprogrammedes Bundes. URL: www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-1/esys/Refina_Endbericht_Foerderprogramme.pdfArndt, Michael/Glöckner, Beate/Hölzl, Corinna(2008): Endbericht des Forschungsprojekts „Entscheidungssystemzur Abschätzung des langfristigenInfrastruktur- und Flächenbedarfs“ im Rahmendes Refina-Programms. URL: www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-1/esys/index.phpDr. Michael Arndt; Studium der Volkswirtschaftan der Freien UniversitätBerlin; seit 1993 ist Dr. Michael Arndtwissenschaftlicher Mitarbeiter amLeibniz-Institut für Regionalentwicklungund Strukturplanung (IRS). Seinedortige Aufgabe ist die Bearbeitungvon Grundsatzfragen der Raumpolitikund regionalen Entwicklung. SeineForschungsschwerpunkte sind: europäischeRaumentwicklung, nachhaltigeRegionalentwicklung und Infra-REGIONENArndt, Michael/Brauckmann, Anja/Schwabedal,Felix (2010): Nachhaltigkeitscheck ESYS – Ein Blickin das Bewertungsinstrument. URL: www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-1/esys/Bewertungsinstrument.pdfDeutsche Bundesregierung (Hrsg.) (2002): Perspektivenfür Deutschland – Unsere Strategie füreine Nachhaltige Entwicklung. Berlin.Deutscher Bundestag (2007): DemografischerWandel und nachhaltige Infrastrukturplanung.Bericht des Parlamentarischen Beirats für nachhaltigeEntwicklung vom 29.03.2007. Drucksache16/4900. Berlin.Döring, Thomas/Heiland, Stefan/ Jessel, Beateet al. (2003): Kommunale Nachhaltigkeitsindikatorensysteme– Anspruch, Eignung, Wirksamkeit.In: UVP-Report, Heft 5/2003, S. 202–206.Grunwald, Armin/Kopfmüller, Jürgen (2007): ÖffentlicheAnhörung zum Thema „Nachhaltigkeitsprüfung“.Deutscher Bundestag. ParlamentarischerBeirat für nachhaltige Entwicklung. Berlin.Kopfmüller, Jürgen et al. (2001): Nachhaltige Entwicklungintegrativ betrachtet. Konstitutive Elemente,Regeln, Indikatoren. Berlin.Statistisches Bundesamt Deutschland (2007):Nachhaltige Entwicklung in Deutschland, Indikatorenbericht2006. Wiesbaden.World Commission on Environment and Development(WCED) (1987): Our Common Future.(Brundtland-Bericht: Unsere gemeinsame Zukunft.)New York.strukturplanung, monetäre Regionalpolitik.UNSER AUTORAkademie Ländlicher Raum Baden-WürttembergDie Akademie Ländlicher Raum Baden-Württemberg wurde 1990 als Einrichtung des Ministeriumsfür Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz gegründet und trägt mit ihrer Tätigkeitals Informationszentrum und dialogorientiertes Forum zur Stärkung des Ländlichen Raumsbei. Im Vordergrund stehen die umfassende Information der Bürger und die Aufnahme ihrer Anregungenals Handlungshinweise für die Politik der Landesregierung.Das Themenspektrum ist sehr breit angelegt und wird vornehmlich durch Aktualität und Relevanzfür die Weiterentwicklung des Ländlichen Raumes bestimmt. Schwerpunkte bilden die BereicheKommunalentwicklung, Landschaft, Landwirtschaft sowie Kultur und Neue Medien. Die Veranstaltungenwerden dezentral im ganzen Land durchgeführt, dort wo die Themen von besonderer Bedeutung sind. Dadurchwird eine intensive Kooperation mit den Kommunen und mit regionalen Trägern der Erwachsenenbildung gepflegt.Weitere Informationen: www.laendlicher-raum.deAkademie Ländlicher Raum Baden-Württembergbei der Landesanstalt für Entwicklung derLandwirtschaft und der ländlichen Räume (LEL)Oberbettringer Straße 162, 73525 Schwäbisch GmündTelefon: (07171) 917-340, Telefax: (07171) 917-14037


REGIONENNACHHALTIGES UND PARTIZIPATIVES RAUMMANAGEMENTKulturlandschaft und historisches Erbeim ländlichen RaumRita ColantonioGeht es um Maßnahmen der Raumentwicklung,die sich am Ziel der Nachhaltigkeitorientieren, sind Diskussionen zwischenFachleuten und Betroffenen vor Ortmit ihren je unterschiedlichen Kompetenzenund Perspektiven von grundlegenderBedeutung. Probleme ländlicher Räume– wie Probleme und Fragestellungen, diesich auf das Management von Räumenüberhaupt beziehen – können nicht einvernehmlichgelöst werden, wenn Fachleute,Verwaltungskräfte und Bewohnereiner Region jeweils nur in ihren eigenenKreisen miteinander sprechen. 1 Unerlässlichsind vielmehr gemeinsame Anstrengungen,um sich gegenseitig bereichernund herausfinden zu können, welchenspezifischen Beitrag jeder Einzelne leistenkann. Die Ausführungen von RitaColantonio beschreiben die Erfahrungeneiner am Centro Interdi partimentale per ilpaesaggio (CIRP) der Università Politecnicadelle Marche (UNIVPM) in Anconaangesiedelten Projekt- und Arbeitsgruppemit nachhaltigem Raummanagement.Die inhaltlichen Eckpunkte und die methodologischeVorgehensweise werden amBeispiel der historischen Villenlandschaftam Comer See skizziert.Das Ineinanderwachsen vonStadt und LandEin Großteil der gegenwärtigen europäischenLandschaft verdankt sein Gesichteinem Phänomen, das sich in deneinzelnen Ländern auf unterschiedlicheWeise und in unterschiedlichen Zeitenvollzogen hat, im Ergebnis aber überallähnlich ist. Das Phänomen des Ineinanderwachsensvon Stadt und Land wardas vorherrschende Merkmal der europäischenGebietsdynamiken in denletzten Jahrzehnten. In diesem Zusammenhanglassen sich zahlreiche Studienanführen, darunter die des GeographenPierre Donadieu zu den Campagnesurbaines in Frankreich 2 , die desSoziologen Christian Schmidt zu voraussichtlichenGebietsentwicklungen(die so genannten Stillen Zonen) in derSchweiz 3 und die unter Anwendungneuester geographischer Informationssystemeerstellte Studie des GeographenMarc Antrop zu den Gebietsveränderungenin Europa – zu den so genanntensemi-urban areas 4 .Es steht außer Frage, dass die städtischenund stadtnahen Gebiete mit denländlichen verschmolzen sind und derenphysischen Charakter sowie die Identitätihrer Bewohnerinnen und Bewohnerverändert haben. In vielen Fällen ist esdaher immer schwieriger geworden,nicht nur einen Raumtypus von einem anderenphysisch zu unterscheiden, sondernauch wissenschaftlich zu definieren,was ländlich und was städtisch istund ob es folglich Sinn hat, diese Kategorienweiterhin zu verwenden, ohne sieim Licht neuer Bedeutungen zu redefinieren.Genau dies verlangt nach gemeinsamenAnstrengungen, um vom architektonischensowie städte- und landschaftsplanerischenStandpunkt aus,aber auch in sozialer und wirtschaftlicherHinsicht Antworten zu finden.Die Bedeutung dieser Dynamikfür hochwertige historischeKulturlandschaftenIn diesem Prozess fortwährender Gebietsveränderungenspielen hochwertigehistorische Kulturlandschaften einebesonders wichtige Rolle. Einerseitsdrohen sie nämlich den negativen Aspektender beschriebenen Dynamikzum Opfer zu fallen; andererseits könnensie nicht nur unter dem Gesichtspunktder Wahrnehmung und der lokalenIdentität, sondern auch im größerenMaßstab für die angrenzenden Stadtgebieteeinen wichtigen Bezugspunktdarstellen. Dies trifft auf die „historischeVillenlandschaft“ am Westufer des ComerSees zu.Die Arbeitsmethode derForschungsgruppeZunächst soll jedoch die Arbeitsmethodeder am Centro Interdipartimentaleper il paesaggio (CIRP) angesiedeltenProjekt- und Arbeitsgruppe kurz erläutertwerden.Die allgemeinen PrinzipienDie Arbeit der an der Università Politecnicadelle Marche (UNIVPM) gebildetenProjekt- und Arbeitsgruppe orientiertsich an zwei Grundsatzpapieren,die beide auf europäischer Ebene fastzeitgleich entstanden. Es handelt sichbei den beiden grundlegenden Bezugstextenum die Europäische Landschaftskonvention(ELK) aus dem Jahr 2000 undum das Europäische Raumentwicklungskonzept(EUREK) von 1999.Die EuropäischeLandschaftskonvention (ELK)Die ELK wurde im Oktober 2000 in Florenzverabschiedet. Italien hat die Konvention2006 unterzeichnet. 5 Bis heutesind der Konvention dreißig Länder beigetreten,sechs sind im Begriff, dem Landschaftsübereinkommenbeizutreten. DieBundesrepublik Deutschland hat dasÜbereinkommen bisher weder unterzeichnetnoch ratifiziert. Deutschland befindetsich noch in der Diskussionsphase.Die EuropäischeLandschaftskonvention (ELK)Die Europäische Landschaftskonvention(auch bekannt als EuropäischesLandschaftsübereinkommenoder Florenz Konvention) ist einÜbereinkommen des Europarates,welches auf Initiative des Kongressesder lokalen und regionalen Behördendes Europarates erarbeitetwurde. Die Konvention wurde am20. Oktober 2000 in Florenz unterzeichnetund trat am 1. März 2004in Kraft. Es ist das erste völkerrechtlichteÜbereinkommen, das sichausschließlich mit der Förderung,dem Schutz, der Pflege und der Gestaltungder europäischen Landschaftenauseinandersetzt. Ein weiteresZiel ist, eine europäische Kooperationin Landschaftsfragen zuorganisieren.Die Europäische Landschaftskonvention(ELK) betont den sozialenNutzen und die europäische Dimensionvon Landschaften. Landschaftensind zentrale Elemente fürdie Lebensqualität der Bevölkerung.Die ELK betrifft sämtlicheLandschaften. Sie umfasst natürliche,ländliche, städtische undstadtnahe Gebiete, sowohl bedeutsameals auch gewöhnliche.38


Inhaltlich ist die ELK in mehrerer Hinsichthöchst innovativ 6 , angefangen bei derLandschaftsdefinition selbst. In der Konventiondrückt sich nämlich der Versuchaus, etablierte Interpretationstendenzender Landschaft – die im wesentlichen aufzwei Denkrichtungen zurückgehen – miteinanderin Einklang zu bringen: (1) dieästhetisch-perzeptive, die unter anderemder italienischen Landschaftskulturzugrunde liegt, und (2) die der exaktenWissenschaften, die beispielsweise inDeutschland verbreitet ist.So heißt es in Artikel 1 der EuropäischenLandschaftskonvention (ELK):„Landschaft [bedeutet] ein vom Menschenals solches wahrgenommenesGebiet, dessen Charakter das Ergebnisdes Wirkens und Zusammenwirkens natürlicherund/oder anthropogener Faktorenist.“ 7Die Berücksichtigung der Wahrnehmung,die die Bevölkerung von „ihrem“lokalen und/oder regionalen Gebiethat, öffnet den Weg für die Erforschungder historischen, gesellschaftlichen,philosophischen und künstlerischen,aber auch architektonischen Komponentender Landschaft. Von den wichtigsteninnovativen Inhalten der Konventionund den daraus resultierendenFolgen sind zu nennen: die politischen Folgen: Die Landschaftwird als kollektives Erbe verstanden,an dem die Öffentlichkeit aktiv Anteilnimmt (vgl. Präambel der ELK); Folgen für die Planung: Die ELK gilt unterschiedslosfür gewöhnliche und außergewöhnlicheLandschaften (Art. 2); die gesellschaftlichen Folgen: Die Einführungvon Verfahren für die Beteiligungder Öffentlichkeit an den Gebietsveränderungensowie die Folgen im Bereich Ausbildung undErziehung (Art. 6). 8Für die Umsetzung der EuropäischenLandschaftskonvention (ELK) wurden dreieuropäische Netzwerke vorgesehen, diedie verschiedenen öffentlichen und privatenEinrichtungen miteinander in Verbindungbringen. UNISCAPE 9 vereint dieUniversitäten, welche die allgemeinenGrundsätze der ELK anerkennen, auchwenn sie zu einem Land gehören, das derELK (noch) nicht beigetreten ist (wie z.B.Deutschland); RECEP-ENELC 10 vereint dielokalen und regionalen öffentlichen Behördenund CIVILSCAPE 11 schließlichden zivilgesellschaftlichen Sektor.Die Einzigartigkeit des Landschaftsbegriffsder Europäischen Landschaftskonvention(ELK) besteht darin, dassgewöhnliche, als außergewöhnlich betrachteteund geschädigte Landschaftengleichermaßen berücksichtigt wer den(Artikel 2). Darin steckt die implizite Aufforderung,über die tauglichsten Methodenund Verwaltungsinstrumente für dasManagement der gegenwärtigen europäischenLandschaften nachzudenken.In besonderem Maße gilt dies für diestadtnahen Landschaften, in denen daskomplexe Wechselspiel zwischen ländlichenund städtischen Landschaften offenzutage tritt. Gefragt sind interdisziplinäreund kooperative Arbeitsprozesse,um vom Standpunkt unterschiedlicherDisziplinen aus nach Antworten undtragfähigen Lösungen zu suchen.Das EuropäischeRaumentwicklungskonzept (EUREK)Bei der Umsetzung der Grundsätze derEuropäischen Landschaftskonvention(ELK) – namentlich das Ziel der Erhaltungder Qualität und Vielfalt der Landschaften– in konkrete Schritte derRaumordnung orientiert sich die Arbeitsgruppehauptsächlich an der Perspektiveder mehrdimensionalen Nachhaltigkeit,wie sie vom EuropäischenRaumentwicklungskonzept (EUREK) unterbreitetwird. 12Das Europäische Raumentwicklungskonzept(EUREK)Das Europäische Raumentwicklungskonzept(EUREK) ist ein raumordnerischesGesamtkonzept aufeuropäischer Ebene, das in den Jahren1998/1999 verabschiedet wurde.Das Konzept soll die Kohärenzund die Komplementarität der Raumordnungsicherstellen. Es hat jedochkeinerlei Rechtsverbindlichkeit. DasEUREK verfolgt das Ziel einer räumlichausgewogenen Entwicklung imSinne der Nachhaltigkeit. Zu nachhaltigenEntwicklung gehören nichtnur die drei klassischen Aspekte(ökologisch, ökonomisch und sozial),sondern auch eine ausgewogeneRaumentwicklung. Die räumlicheEntwicklung soll sich dabei an dreiLeitbildern ausrichten: (1) die Entwicklungeines ausgewogenen undpolyzentrischen Städtesystems sowieneuer Beziehungen zwischenStadt und Land; (2) die Sicherung einesgleichwertigen Zugangs zu Infrastrukturund Wissen und (3) dienachhaltige Entwicklung sowie intelligentesManagement und Schutzvon Kultur und Naturerbe. 13REGIONENDas Europäische Raumentwicklungskonzeptstellt eine angemessene Antwortauf viele Fragen der Raumplanungdar und legt nahe, den Raum in seinenwirtschaftlichen, ökologischen und sozialenVeränderungen zu schützen. DieseVeränderungen wirken systemischund stehen in wechselseitigem Zusammenhang:ändert sich die eine Komponente,so verändern sich folglich auchdie beiden anderen.Dieser mehrdimensionale Nachhaltigkeitsbegriffverlangt eine adäquate Arbeitsmethode,die imstande ist, dieKompatibilität der allgemeinen Leitlinienund operativen Maßnahmen mitder spezifischen ökonomischen, ökologischenund sozialen Realität des betreffendenräumlichen Kontextes nachzuweisen.Die „zirkuläre“ ArbeitsmethodeWenn wir Landschaft als ein strukturellesund funktionales Gesamtsystem begreifen,vollzieht sich die von uns praktizierteArbeitsmethode in mehrerenSchritten (vgl. Abbildung S. 40). In einemersten Anwendungsschritt geht esdarum, anhand geeigneter IndikatorenStrukturen zu erkennen und zu beschreiben,Potenziale und Belastungen zudiagnostizieren und zu entscheiden,welche Funktionen mit den gegenwärtigenStrukturen kompatibel sind.Die erwünschten Funktionen werdendann durch die geltenden Rechtsnormengesichert und es werden städtebaulicheund/oder architektonischeProjekte bestimmt, mit denen sie umgesetztwerden können. Es ist hilfreich, dieerwähnten Indikatoren im Laufe desVerfahrens wieder zu verwenden, weilsie gezielt für das Untersuchungsgebietausgewählt wurden. Ein grundlegenderAspekt der „zirkulären“ Arbeitsmethodebesteht darin, dass sie gemäß den Prinzipiender Europäischen Landschaftskonvention(ELK) die Beteiligung der Bevölkerung,der diese Landschaft „gehört“,an allen Planungsphasen undnicht nur an der abschließenden Phaseder Projektüberprüfung vorsieht.Das Westufer desComer Sees als hochwertigehistorische KulturlandschaftDer räumliche Zusammenhangder FallstudieDie „zirkuläre“ Methode, die eigens erarbeitetwurde, um die mehrdimensionaleNachhaltigkeit mit den lokalenGegebenheiten zu verknüpfen, konntein der Fallstudie, die hier vorgestelltwird, besonders gut überprüft werden.Diese hat nämlich eine vertiefte Untersuchungder Beziehungen zwischendem Kulturmodell, das die Landschafthervorgebracht hat, und dem Siedlungsmodellermöglicht. Die sogenannte„historische Villenlandschaft“, diesich am Westufer des Comer Sees er-39


REGIONENArbeitsmethode unseres ForschungsteamsEvaluation-oriented analysisDiagnosisPrognosisPlanning and managementGloballandscapeAnalysis of of the thestructures andfunctions of of naturalecosystemsStructuraland functionalindicatorsEvaluationof of the the state of ofsemi-naturalecosystemsIdentification of of the thepotential of of the thegloballandscapeIdentification of oftransformationscompatible with the the stateof of ecosystemsCompatibility of currentlegislationAnalysis of of the thestructures andfunctionsof of agro- and technoecosystemsEvaluationof of the the state of ofagro- and technoecosystemsAllocation of of compatiblefunctions and of of hostingstructuresMethods ofpreventive evaluationStructuraland functionalindicatorsPlanningmanagement andmonitoring of ofdevelopmentDie Methode des Arbeitsteams wurde aus dem landschaftsökologischen Paradigma gewonnen 14 .Quelle: Rita Colantoniostreckt, hat einen großen Wahrnehmungswert,der sich aus ihren wesenseigenenMerkmalen ergibt. Hinzu kommendie historischen und kulturellenWerte sowie ihre Bedeutung für dieIdentität der lokalen Bevölkerung, diesich mit der Architektur der zwischendem 18. und 19. Jahrhundert entstandenenVillen und deren Gärten identifiziert.Diese hochwertige historische Kulturlandschaftist paradoxerweise geradedurch die von ihren Landschaftswertenin Gang gesetzte ökonomische Entwicklungbedroht. Aufgrund ihrer Lagezwischen zwei Ballungsgebieten,dem Großraum Mailand in Italienund der Gegend um Lugano in derSchweiz, die von großen europäischenVerkehrsadern durchzogen sind, hatdie historische Villenlandschaft dieBedeutung eines „Wiederherstellungsgebiets“.15Aus Studien, die von der Arbeitsgruppeim Verlauf mehrerer Jahre durchgeführtwurden, geht hervor, dass unter ökologischenGesichtspunkten die Berg-Ökosysteme und die am Fuß der Bergegelegenen Ökosysteme mit Naturreservatenund Schutzparks einen besserenbzw. weitaus gesünderen Zustand aufweisen,während die am See gelegenenÖkosysteme eher gestört und von weiteremVerfall bedroht sind. 16 Unter wirtschaftlichenGesichtspunkten ist in dieserRegion der Tourismussektor und diedamit verknüpften Aktivitäten (Bautätigkeiten,Hotels, Sportanlagen usw.)dominierend. Der Tourismus, der letztlichdurch die historischen und kulturellenWerte des Gebiets angestoßenwurde, droht sich nun gegen das kulturelleErbe zu kehren und die ursprünglichenWerte zu schädigen. Die lokaleSozialstruktur hat in Folge des wirtschaftlichenWandels ihr Gesicht verändertund das Ende der elitären Milieusder großen Bürger- und Adelsfamilienmit sich gebracht. War noch vor vierJahrzehnten die Landwirtschaft dieHaupterwerbsquelle, ist es heute dieTourismusbranche.Die kleinste Einheit, die diese Landschafterzeugt hat, ist die historische Villa,die im Grunde aus drei Elementenbestand: dem architektonisch oft wertvollenHauptbau, dem Garten, der jeweilsnach unterschiedlichen geobotanischenGesichtspunkten entworfenwurde, und dem ländlich geprägtenRaum mit seinen Gebäuden. Letztererwar für die lokale Agrarproduktion bestimmt,die ursprünglich von MaulbeerundKastanienbäumen, von Oliven- undWeinanbau, manchmal auch Zitrusfruchtanbaugeprägt war. Die drei Elementewaren anfangs noch intakt undim Gleichgewicht. Als aber die Besitzungenzu zerfallen begannen und derBauspekulation Platz machten, drohteder gesamten Landschaft das „ungeordnete“Modell der Reihenhäuser undFeriensiedlungen.Durchgeführte UntersuchungenIn unseren Untersuchungen wurden einigegrundlegende Aspekte des räumlichenManagements erfasst und analysiert.Die Prognosen und Vorschläge betreffenim Wesentlichen drei Ebenen,wobei der Schutz und das Wachstumder lokalen Identitätswerte der ansässigenBevölkerung – die nach wie vor sehrstolz ist auf ihre relativ junge Vergangenheit– gefördert werden.Die durchgeführten Untersuchungenkonzentrierten sich auf folgende Themen: in überregionalem Maßstab wurde die„sanfte Mobilität“ auf dem See in denBlick genommen; die historischen Villen am See wurdenkatalogisiert, um ein „Netz“ für ihre Besichtigungzu schaffen; im lokalen Maßstab wurde der Beitrittdes an der italienisch-schweizerischenGrenze gelegenen Reservatsgebietsam Lago di Piano zur Europäischen40


Charta für nachhaltigen Tourismusanalysiert; der ökonomische Wert der Natur- undKulturressourcen einer der historischenVillen – nämlich der Villa Mylius-Vigoniin Menaggio, in der das Deutsch-ItalienischeZentrum untergebracht ist –wurde ermittelt, um sie für eine Formvon Tourismus zu erschließen, die mitder Anfälligkeit und Erhaltung des architektonischenZustands vereinbar ist; schließlich ist als einzelne Maßnahmedie Restaurierung des sogenannten„Schweizer Chalets“ zu nennen.Das zur Liegenschaft der Villa Mylius-Vigoni zählende „Schweizer Chalet“ istunter dem Gesichtspunkt der wirtschaftlichen,vor allem aber der gesellschaftlich-sozialenKompatibilität wichtig. 17Die „Ausstrahlungskraft“ derRestaurierung des „Schweizer Chalets“Noch ein paar kurze Worte zu demletztgenannten Objekt, dessen Wertzugleich symbolischer Art ist. Zu der architektonischenund historischen Bedeutungkommt nämlich die „Gefühlskomponente“der lokalen Bevölkerunghinzu. Mit der Restaurierung eines derwichtigsten Symbole „ihrer“ Landschaftwurde der Bevölkerung ein wichtigerIdentitätswert zurückgegeben. Gemäßden Grundsätzen der EuropäischenRita Colantonio Venturelli ist Professorinfür Stadtplanung an der Università Politecnicadelle Marche (Ancona). IhreForschungstätigkeit innerhalb des CentroInterdipartimentale per la ricerca sulpaesaggio (CIRP) fokussiert auf eineLandschaftsplanung, die die Grundsätzeder Europäischen Landschaftskonventionanwendet. Für das Deutsch-Italienische Kulturzentrum Villa Vigonihat sie eine Sommerakademie für „Entwurfund Landschaftsplanung“ geleitet;dort hat sie ebenfalls eine internationaleForschungskonferenz zum Thema„Die europäische Kulturlandschaft: Natur,Gesicht und Architektur“ koordiniert.Sie ist Mitglied in italienischen undinternationalen Vereinigungen, die sichmit Fragen der Landschaftsplanung beschäftigen.UNSERE AUTORINLandschaftskonvention (ELK) wurde dieBevölkerung am Prozess der Restaurierungbeteiligt, bei der es sich zunächstum eine architektonische, aber auch umeine kulturelle Restaurierung handelte.Für die Besichtigung der Liegenschaftwurde ein Rundweg erarbeitet, der verschiedene,noch gut erhaltene ländlicheGebäude mit einschließt und dieseElemente mit der Villa und dem Chaletverbindet. Ergänzt wurde der Entwurfdurch ein breiter angelegtes Projekt dergeobotanischen Sanierung, die je nachMöglichkeit und verfügbaren Mittelndurchzuführen ist. Derzeit wird diesesModell auf einen weiteren wertvollenBesitz angewandt, nämlich die VillaCarlotta, die nur wenige Kilometer vonder Villa Mylius-Vigoni entfernt liegtund eine Tourismusattraktionen am ComerSee darstellt.Man kann gleichsam von einer Art „Ausstrahlung“sprechen, die vom „richtigen“Gebietsmanagement dieses charakteristischenRaumes des europäischenKultur- und Landschaftserbes undvon seinen Architekturobjekten ausgehenkönnte. Der besagte Prozess kanndem Begriff der Ländlichkeit einen neuenSinn verleihen; zum anderen kehrt erdie traditionelle Optik um, die auf derÜberzeugung fußt, die ländlichen Räumeseien alleine aus der städtischenPerspektive zu interpretieren. An dieStelle dieses Ansatzes sollte eine Interpretationder Stadt treten, die von denWerten der sie umgebenden ländlichenGebiete ausgeht. In diesem Fall könnenadäquat aufeinander abgestimmte Einzelmaßnahmendazu beitragen, dieWirkungen des Restaurierungsgebietszu verstärken, von dem die Rede war.Mithin eine neue Optik für eine neueAuffassung von Landschaft. 18ANMERKUNGEN1 Die Autorin bedankt sich bei Leonie Schröderfür die Übersetzung des Textes aus dem Italienischen.2 Donadieu, Pierre (1998): Les campagnes urbaines.Arles/Versailles.3 Diener, Roger/Herzog, Jacques/Meili, Marcel/deMeuron, Pierre/Schmid, Christine (2005):Die Schweiz – ein städtebauliches Porträt. Basel/Boston/Berlin.4 Antrop, Marc (2004): Landscape change andthe urbanization process in Europe. In: Landscapeand Urban Planning, Nr. 67/2004, S. 9–26.5 Priore, Ricardo (2009): No people, no landscape.Mailand.6 Kuester, Hansjörg (2009): Schöne Aussichten.München.7 Vgl. http://conventions.coe.int/Treaty/GER/Treaties/Html/176.htm.REGIONEN„Schweizer Chalet, ca. 1825–18508 Laut Artikel 6 der ELK verpflichten sich dieVertragsparteien u.a. die Ausbildung von Fachleutenfür landschaftsbezogene Maßnahmensowie interdisziplinäre Ausbildungsprogrammein den Bereichen Landschaftspolitik, Landschaftsschutz,Landschaftspflege und -gestaltung zufördern.9 Vgl. http://www.uniscape.eu10 Vgl. http://recep-enelc.net11 Vgl. http://www.civilscape.org12 Vgl. http://ec.europa.eu/regional_policy/sources/docoffic/official/reports/pdf/sum_de.pdf13 Vgl. http://ec.europa.eu/regional_policy/sources/docoffic/official/reports/pdf/sum_de.pdf14 Ein Wiederherstellungsgebiet ist ein Gebiet,das zwischen zwei Ballungsräumen liegt und aufgrundseiner natürlichen Merkmale ein ökologischesGleichgewicht leistet. Vgl. dazu: Colantonio,Rita/Venturelli, Flavio (2010): Nachhaltigkeitund Kompatibilität – Voraussetzungen und Perspektivenhochwertiger Kulturlandschaften. In:Parodi, Oliver/Banse, Gerhard/Schaffer, Axel(Hrsg.): Wechselspiele: Kultur und Nachhaltigkeit.Berlin, S. 213–236.15 Colantonio, Rita (Hrsg.) (2008): Die Kultur derLandschaft in Europa. Akten der Trilateralen Forschungskonferenz2005–2007 (URL: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/5055) und Donadieu,Pierre/Küster, Hansjörg/Milani, Raffaele(Hrsg.) (2008): La cultura del paesaggio in Europatra storia, arte e natura. Florenz.16 Paci, Giovanna (Hrsg.) (2008): Il progetto ditutela integrata.Cultura, ecologia, architettura:un’ipotesi di gestione del paesaggio di Villa Vigoni.[Das Projekt zum Integrierenden Landschaftsschutz.Kultur, Ökologie, Architektur. Überlegungenzum Landschaftsschutz in der Umgebungder Villa Vigoni] Ancona.17 Colantonio, Rita/Venturelli, Flavio (2010):Nachhaltigkeit und Kompatibilität – Voraussetzungenund Perspektiven hochwertiger Kulturlandschaften.In: Parodi, Oliver/Banse, Gerhard/Schaffer, Axel (Hrsg.): Wechselspiele: Kultur undNachhaltigkeit. Berlin; vgl. auch Paci, Giovanna,a. a. O.18 Pretterhofer, Heidi/Spath, Dieter/Vöckler, Kai(2010): Land. Rurbanismus oder Leben im postruralenRaum. Graz.41


WOHNUNGSBAU IN DÖRFERN UND LANDSTÄDTENDörfliche WohnlandschaftenJutta UllrichBAUTENWohnen hat sich zu einer bedeutsamenNutzung im ländlichen Raum entwickelt.Dorfentwicklung ist vielerorts Wohnentwicklung,Bauerndörfer haben sich zuWohngemeinden entwickelt. Dies ist historischgesehen eine neue Entwicklung.Trotz der Bedeutung in und für die Gemeindensind das Thema Wohnentwicklungund auch das Dorf allgemein innerhalbder stadtplanerischen Diskussionweitgehend unbeachtet bzw. randständig.Die Ausführungen von Jutta Ullrichzu aktuellen Wohnprojekten in Dörfernund Landstädten wurden im Rahmen einesPromotionsvorhabens mit demgleichnamigen Arbeitstitel erarbeitet.Zunächst werden grundlegende Rahmenbedingungenzum dörflichen Wohnungsbauerläutert und an schließendeinige realisierte Projekte vorgestellt mitdem Ziel, Anhaltspunkte für eine Qualitätssteigerungder „dörflichen Wohnlandschaften“zu geben.Der UntersuchungsgegenstandDorf bzw. LandstadtDer Begriff „Dorf“ ist so scheinbar allgemeinverständlichwie schwierig undmuss erst definiert werden. Was ist einDorf bzw. wann ist ein Ort kein Dorfmehr? Während sich die Bezeichnungen„Ländlicher Raum“ und „Dorf“ weitgehendals dauerhaft erwiesen haben,sind deren Inhalte inzwischen so sehrvom Wechsel gekennzeichnet, dasseine allgemeingültige Beschreibungkaum noch möglich erscheint. Das Stichwort„Dorf“ wird automatisch mit demBegriff „Ländlicher Raum“ assoziiert. Essind die „nicht-zentralen Orte (...), diewir gemeinhin als Dörfer bezeichnen“(Institut für Länderkunde Leipzig 2002,S. 22). Doch inzwischen liegen vieleDörfer in verstädterten Räumen. Die Zuordnungist schwierig: während die„städtisch-ländliche Mischzone von deramtlichen Raumordnung überwiegenddem städtischen Raum zugerechnetwird, verstehen sich die hier lebendenMenschen vielfach bis heute als Dorfbewohner“(Henkel 2004, S. 55).Eine übliche Möglichkeit zur Klassifizierungist die Siedlungsgröße. In der Literaturwerden vier Größenstufen des europäischenDorfes unterschieden: daskleine bis mäßig große Dorf (bis zu 500Einwohner), das mittelgroße Dorf (bis zu2.000 Einwohner), das große Dorf (biszu 5.000 Einwohner) und das sehr großeDorf (mehr als 5.000 Einwohner).Zu den ländlichen Siedlungen im weiterenSinne gehören Kleinstädte (20.000bis 25.000 Einwohner), wobei abgesehenvom Stadtstatus selbst zwischenGroßdorf und Kleinstadt aus funktionalerSicht kaum Unterschiede auszumachensind (Henkel 2004, S. 228). Aus diesemGrund werden im Promotionsvorhabenauch Klein- bzw. Landstädte mit biszu 10.000 Einwohnern berücksichtigt.Ein weiterer Aspekt ist, dass es seit der1978 abgeschlossenen kommunalenGebietsreform meist keine Deckungsgleichheitvon Siedlungseinheit (Dorf)und Gemeinde mehr gibt. Viele Gemeindenbestehen seit der Zusammenlegungaus mehreren Teilorten.Eigenschaften des Wohnstandorts DorfAus Sicht der ins Neubaugebiet zugezogenen„Neu-Dörfler“ könnte man hinsichtlichder für ihre Wohnstandortwahlrelevanten Bewertungskriterien vermuten:groß, billig, Autostellplatz vor derHaustür und ruhiges Wohnen im Grünen.Tatsächlich entscheiden in ersterLinie „die Möglichkeit des Hausbausund relative Baukostenvorteile gegenüberanderen Siedlungseinheiten“ überdie Ansiedlung. „Mögliche ‚Eigenschaften‘des jeweiligen Zuzugsdorfes fallenbei den Zuzugsentscheidungen dagegenkaum ins Gewicht“ (Becker 1997,S. 68f). Der Eigenwert „des ‚Zuzugsortes‘entsteht aus den Verwirklichungsansprüchendes Wohnwunsches“ (Becker1997, S. 57).Auf dem Dorf gibt es im Unterschied zurStadt eine größere Naturnähe undÜberschaubarkeit sowie eine direktereEinbindung der Wohnbebauung in dieumgebende Landschaft. Und sicherlichgibt es jenseits dieser eher physiognomischen-raumbezogenenAspekte nochweitere – positive – Bilder, die mit demDorf verknüpft sind. So wird das Dorfz.B. von seinen Bewohnern als ein Ortder Stabilität und der Unveränderlichkeitwahrgenommen.Wohnwunsch EinfamilienhausDie Wohnwünsche werden deutlich geäußert:ein bezahlbares eigenes Hausmit Garten. Und zwar am liebsten imNeubaugebiet. An zweiter Stelle stehtdas Einfamilienhaus im Ortskern, dannerst das renovierte Bauernhaus (Dahm2006, S. 68).Inwiefern diese Wohnwünsche konstantsind oder ob sich hier Verschiebungenbeispielsweise durch die Urbanisierungoder den demographischen Wandelandeuten, darüber gibt es keine aktuellenUntersuchungen.Innenentwicklung versusAußenentwicklungDie Fortentwicklung des Dorfes alsSiedlungszusammenhang ist schwierig,das Anknüpfen von Neubaugebieteneine Herausforderung. Zunächst stelltsich immer die Grundsatzfrage: eineneue Bebauung innerhalb des Bestandesoder auf der grünen Wiese?Wohnen im Neubaugebiet(Außenentwicklung)Die dörfliche Realität sind die Neubaugebietean den Ortsrändern: Das Ausweisenvon Neubaugebieten ist seitden 1950er Jahren zur Routine geworden.In manchen Gemeinden hat sich imLaufe dieses Prozesses die Siedlungsflächevervielfacht. Für Baden-Württembergbringt eine Untersuchung dieherausragende Stellung von Dörfernauf den Punkt: „Insgesamt fand in denvergangenen Jahren mehr als die Hälfteder Siedlungsneuinanspruchnahmein Gemeinden mit unter 10.000 Einwohnernstatt“ (Dahm 2006, S. 73).In den Neubaugebieten am Ortsrandsind vorzugsweise Einfamilienhäusererwünscht, am liebsten mit Satteldach,und grundsätzlich wenig dichte Strukturen– wobei verdichtet im ländlichenRaum oft am Gebäudetyp gemessenwird: Reihenhäuser werden bereits alseine verdichtete Bauweise wahrgenommen.Die weit verbreitete Vorgehensweisezur Planung und Entwicklung neuerWohnstandorte ist die direkte Beauftragungvon Ingenieurbüros, die mit standardisiertenEntwürfen die Dörfer mitNeubaugebieten versorgen. In derFachkritik werden diese Einfamilienhausgebieteoft als Fehlentwicklungenmit hohem Flächenverbrauch, großergestalterischer Beliebigkeit und Mono-42


tonie unter dem häufig in Anführungszeichengesetzten Stichwort „Einfamilienhausbrei“kritisiert.Wohnentwicklung im Bestand(Innenentwicklung): eine Frage derAkzeptanz und BegeisterungIm Ort sind die Problemlagen gänzlichanders: Der landwirtschaftliche Strukturwandelführt zu überalterter, leer stehenderund ungenutzter Bausubstanz.Nutzungskonflikte (Immissionen nochvorhandener landwirtschaftlicher Betriebeund Handwerker), (Durchgangs-)Verkehr und verworrene Eigentumsverhältnissemachen die Wohnlagen unattraktiv(Lärm, Gestank, zu kleine bzw.fehlende Gärten) und bewirken vielerortsein so genanntes „Ausbluten“ desOrtskerns. Deshalb werden attraktiveKonzepte für das Bauen im Bestand gesucht.Innenentwicklung in Form von Umnutzung,Sanierung und Nachverdichtungfolgt der ökologischen Maxime desFlächensparens. Planerisch geht es umMaßstäblichkeit, Einpassung von Neubautenund Anpassung des Bestands anzeitgemäße Wohnverhältnisse.Zahlreiche Untersuchungen weisenzwar ausreichend Innenentwicklungspotentialnach. Doch innerorts gibt esnoch keine Patentlösungen. Ein Problemist die Akzeptanz des Bauens im Ortskern:„Die städtischen Bürgern und Gremiengerade noch vermittelbaren Argumentefür einen sparsamen Umgang mitFläche stoßen im ländlichen Raum überwiegendauf völliges Unverständnis“(Dahm 2006, S. 4). In der „WürzburgerErklärung 2009“ der Deutschen Landeskulturgesellschaftwird als Fazit formuliert:„Soll das Dorf als Wohn- und Lebensraumauf Dauer attraktiv bleiben,ist ein Problembewusstsein für die Dorfinnenentwicklungnotwendig. In denDörfern muss eine Aufbruchstimmungentstehen“ (DKLG 2010, S. 112).Maßnahmen im Ort sind oft sehr klein,nichts Spektakuläres. Außerdem sind esgerade hier oft „Dinge, die Zeit brauchen“– beispielsweise bei unklaren Verhältnissenbei Erbengemeinschaften.Neue Wohnlagen alsgeplante Strukturen imBebauungszusammenhangDie Gemeinde ist die unterste Planungsebene.Wohnentwicklung vollzieht sichim Kontext einer gewachsenen Struktur,auf dem Land im Dorfzusammenhang.Dies ist keineswegs selbstverständlich.In anderen Ländern werden Wohngebäudeund Siedlungen oft außerhalbbestehender Orte gebaut. In Deutschlandentstehen die Strukturen nicht freinach (Investoren-)Wunsch, sondern essind Entscheidungen im Kontext öffentlicherRechtsnormen und politischen Willens.Dörfliche Wohnlandschaften sindgeplante Strukturen und folglich gibt esgerade hierzulande Anlass, diese Entwicklungengenauer unter die Lupe zunehmen.Recherche nach gelungenenWohnprojektenEine Mutmaßung des Promotionsvorhabensist, dass es deutschlandweit zahlreichegelungene aktuelle Wohnprojektegeben müsste. Zentral ist deshalbdie Suche nach tatsächlich realisiertenWohnprojekten mittels eines breitenempirischen Zugriffs (Quellen: u.a.Fachzeitschrift „Wettbewerbe aktuell“1989–2008, Stadtplanerbefragung, Internetseitender Architektenkammernund Ministerien). Eine Sammlung möglichstambitionierter Beispiele sollSchlüsselpersonen wie Bürgermeistern,Gemeinderäten und Planern zugänglichgemacht werden. Die Arbeit folgtdamit dem „Best-Practice-Ansatz“, alsoder Annahme, dass gute Vorbilder dieBaukultur fördern können.Ein erstes Ergebnis des Promotionsvorhabensist, dass es (1.) schwierig ist,überhaupt Wohnprojekte jenseits derStädte mit Ensemblewirkung zu findenund dass es (2.) offenbar nur wenigebeispielhafte Projekte gibt, die als Vorbilderdienen könnten. Im Folgendenwerden einige Projekte vorgestellt – zugeordnetzu drei ausgewählten Themen: Umgang mit Wachstum, Stagnationund Schrumpfung; Mischung und Vielfalt in Neubaugebieten; Gestaltung und Wohnqualität.Umgang mit Wachstum, Stagnationund SchrumpfungGerade auch die Dörfer stehen im Kontextdes demographischen Wandelsund der damit verbundenen Perspektivenvon Wachstum, Stagnation oderSchrumpfung. Gleichzeitig wird die Verantwortungfür die diffizile Einwohnerentwicklung„in erster Linie auf die Ebeneder Kommunen“ (Becker 1997, S. 69)verlagert.Dörfer und damit Verwaltung und Gemeinderatwaren und sind in wachsendenGegenden konfrontiert mit derNachfrage nach Bauland in Neubaugebieten– konkret: dem eigenen Hausmit Garten – bei gleichzeitiger Konkurrenzmit den Nachbargemeinden. DasWirtschaften mit Wohnbauland stellteine Haupteinnahmequelle vieler Gemeindendar und ist auch aus diesemBAUTENGrund zentral für die Gemeindeentwicklung.Doch in vielen Gemeinden werden dieWohnungsbauvorhaben nicht oder nurunvollständig, verkleinert und verzögertfertig gestellt. Ist Wachstum und Siedlungserweiterungautomatisch ein Erfolg?Was bedeutet eigentlich Erfolg?Bürgermeister können heute auch ohneNeubaugebiet erfolgreich sein, wennattraktive Wohnangebote im Ort gemachtwerden. Umdenken und Umsteuernsind die Voraussetzung dafür. Wonur auf Außenentwicklung gesetzt wird,besteht die Gefahr, dass im OrtskernLeerstände auftreten. Wenn kleinräumigeAnalysen zur Wohnentwicklungdurchgeführt und laufend fortgeschriebenwerden, dann kann sich eine angemesseneEntwicklung einstellen – einnachhaltiger Erfolg.Projektbeispiel „MELAP Obernheim“:präzise Analyse und unermüdlicheÖffentlichkeitsarbeitEin Beispiel hierfür ist die kleine stabileEigenentwicklergemeinde Obernheimim Zollernalbkreis. Sie wurde im Rahmendes MELAP-Projektes (baden-württembergischesModellprojekt zur Eindämmungdes Landschaftsverbrauchsdurch Aktivierung des innerörtlichen Potenzials)genau auf die oben beschriebeneWeise systematisch untersucht. Eswurde mit intensiver Öffentlichkeitsarbeitein Bewusstsein für den drohendenLeerstand im Ortskern geschaffen, dasinnerörtliche Potential ermittelt, auf weitereWohnbauflächen im Flächennutzungsplanverzichtet, das Bauland amOrtsrand um fünf Euro pro Quadratmeterverteuert. Es erfolgte eine energetischeGebäudesanierung von 13 Altbautenmit Anpassung an den aktuellenWohnstandard und nach Abriss wurdenzwei Neubauten errichtet.Projektbeispiel „Allianz HofheimerLand“: interkommunale ZusammenarbeitDie „Allianz Hofheimer Land“ bestehtaus sieben Kommunen mit 52 Stadt- undOrtsteilen und 16.400 Einwohnern. DieGemeinden sind stark vom Bevölkerungsrückgangbetroffen, das Wohnraumangebotwächst, dadurch entstehtein Wertverlust der Grundstücke undImmobilien. Eine Flächenbilanz mittelseiner qualifizierten Leerstandkartierungdokumentiert ein den Bauplatzbedarfum ein vielfaches übersteigendesPotential im Ort. Vor diesem Hintergrundhat die Allianz den Grundsatz„Innenentwicklung vor Außenentwicklung“übernommen und das Ziel formu-43


BAUTENliert, dass Bauen bzw. Renovieren imOrtskern günstiger sein muss als ein vergleichbaresObjekt im Siedlungsgebiet.Folgende Maßnahmen wurden durchgeführt:kostenlose Planungsberatung,konsequente Medienoffensive, Informations-Flyeran alle Haushalte. ErsteProjekte sind bereits realisiert (DKLG2010, S. 86).Mischung und Vielfalt inNeubaugebietenDie dominierende Wohnform im ländlichenRaum heutzutage ist das Eigenheim;hier baut normalerweise jeder privat undfür sich. Dies findet auch in der äußerlichenErscheinung der Wohngebäude inNeubaugebieten seinen Ausdruck: Siesind oft bunt und individualisiert, ein Abbildgestalterischer Selbstverwirklichungbei der meist größten Investition im Lebender einzelnen Familie. Dennoch weist dasWohnen in kleinen Kommunen nicht nurformal eine mindestens so große Buntheitwie in der Stadt auf. Es gibt auch Beispiele,bei denen auf die strukturelle Mischungund auf Vielfalt geachtet wurde.Wobei Mischung und Vielfalt in diesemZusammenhang eben nicht auf farbigeund geschmacklose Fassadengestaltungen,Dachformen und Erkeranbauten hinweist,sondern ein Angebot an unterschiedlichenHaus- und Wohnungstypen(für entsprechend heterogene Einkommens-und Altersgruppen) und das Konzeptder Nutzungsmischung (Wohnen inVerbindung mit Infrastrukturangebotenwie Spielplätze, Kindergarten, Bürgerhaus,Einkaufsmöglichkeiten, aber auchGewerbe) meint.Projektbeispiel Buchenbach:ausgeprägter MischungsgedankeBuchenbach „Prägenhof“: die von derOrtsdurchfahrt abgewandte Südseite derMehrfamilienhäuser. Foto: Jutta UllrichBuchenbach „Prägenhof“: die Reihenhäusersind individuell gestaltet, so wirken sienicht als „Block“, sondern eher als Einzelhäuser.Foto: Jutta UllrichDie Schaffung von Wohnbauflächen füreinheimische Familien mit Kindern, Erbpachtplätzefür einkommensschwächereFamilien und der Neubau einer Seniorenwohnanlage(betreutes Wohnen) warendie Ziele bei der Realisierung des 3,2 Hektargroßen Neubaugebiets „Prägenhof“in Buchenbach (Büro Fahle, Freiburg). Dieim Südschwarzwald gelegene Flächengemeindeumfasst drei Seitentäler mit insgesamt3.280 Einwohnern. In Bauabschnitteunterteilt wurde das Gebiet mit88 Wohneinheiten (10% Miete, 90% Eigentum)zwischen 1994 und 2007 beplantund bebaut. Es ist geprägt von einem ausgesprochenenMischungsgedanken: Nebenprivaten Einzelbauherren gibt es diegenossenschaftliche Trägerform. Eigentumswohnungenmit Anschluss an das betreuteWohnen (zwölf Wohneinheiten)und eine Seniorenwohnanlage (zwölfWohneinheiten) begrenzen das Gebiet inzwei Mehrfamilienhäusern zur Straße.Abseits der Ortsdurchfahrt sind hangaufwärtszuerst Reihenhäuser und dann Doppel-und Einfamilienhäuser angeordnet.Projektbeispiel Neuhütten:Umgang mit SystembauweiseNeuhütten: Fertighäuser als Nachverdichtungim Ortskern, um eine Sackgassegruppiert.Foto: Jutta UllrichDer Umgang mit Systembauweise warTeil des MELAP-Projektes in Neuhütten.Innerhalb der bestehenden Dorfstrukturwurden fünf Fertighäuser um eine Sackgasseangeordnet und der Bestand sinnvollergänzt. Dach- und Fassadenfarbesowie weitere Details wurden aufeinanderabgestimmt, um eine Ensemblewirkungzu erreichen.Gestaltung und WohnqualitätGestaltung und Wohnqualität kann,muss jedoch nicht unbedingt historischoder regional abgeleitet sein. Mit Blickauf die irreversiblen Modernisierungsprozesse,die die Dörfer überformt habenund an denen auch die Dorferneuerungder 1980er Jahre nichts Grundsätzlichesgeändert hat, erscheint dieFrage nach historischen Anknüpfungspunktennostalgisch und für die Suchenach „mehr Baukultur“ aufgrund veränderterNutzungen ein zu verengter Ansatz.Gebäudetypen und städtebaulicheAnordnungen waren aus Erfordernissender Landwirtschaft gewachsen.Wie schwer es ist, angemessene Lösungenzu finden, ist in den Dörfern nur allzudeutlich spürbar. Projekte mit hohemGestaltungsanspruch werden momentanvon neuen Akteuren und von außenin die Gemeinden getragen.Projektbeispiel Dietersheim:Reihenhaussiedlung am DorfangerDer Lageplan des Neubaugebiets Buchenbach„Prägenhof“ zeigt die Vielfalt unterschiedlicherHaustypen: am oberen Bildrandverläuft die Ortsdurchfahrt, an diedie beiden Mehrfamilienhäuser angrenzen,südlich davon Reihenhäuser und schließlicheine Mischung aus Doppel- und Einfamilienhäusern.Quelle: Gemeinde BuchenbachLageplan Neuhütten.Quelle: Gemeinde Wüstenrot,MELAP Neuhütten, Entwicklungsbereich 5Lageplan der Reihenhaussiedlung in Dietersheim:im Osten die Echinger Straßemit Dorfanger (weißes Viereck mit Baumkreisen).Quelle: Wankner und Fischer,Landschaftsarchitekten, Eching44


BAUTENDietersheim: Dorfanger mit altem Baumbestandund Satteldachhäusern.Foto: Jutta UllrichBlick auf die Pultdachhäuser in Dietersheim,im Hintergrund die Satteldachhäuseram Dorfanger. Foto: Jutta UllrichIn der Ortsmitte von Dietersheim beiMünchen wurde ein modernes Ensembleaus fünf Gebäudekörpern und Tiefgarageauf dem Gelände eines ehemaligenGasthofes realisiert (Bauherrin:Südhausbau mit Maisch Wolf Architekten,München). Der alte Baumbestanddes ehemaligen Biergartens prägt dieSiedlung. Die 22 Reihenhäuser (KfW40+60-Energiesparhäuser) sind als Mixaus Privateigentum (zwölf realgeteilteReihenhäuser) und Vermietung (zehnReihenhäuser) konzipiert. Die schlichtenBaukörper fügen sich mit ruhigen PultundSatteldächern in die Dorfstrukturein.Projektbeispiel Oberviehbach:verdichtetes ländliches BauenOberviehbach: Der Lageplan zeigt dreiLanghäuser westlich und drei Quadrathäuseröstlich des zentralen Erschließungshofs.Quelle: Büro 4, Stefan Wagner, Franz WannerArchitekten, DietersheimOberviehbach: Langhaus mit 125 m 2 .Foto: Jutta UllrichAuf Antrag eines privaten Grundstücksbesitzersist in Oberviehbach (Niederbayern)mittels eines Vorhaben- und Erschließungsplanseine prägnante Ortsabrundungmit hoher Freiraumqualitätentstanden (Architekten: Büro 4, Dietersheim).Sechs Einfamilienhäuser undein Haus für Gemeinschaftseinrichtungensind um einen zentralen Erschließungshofgruppiert. Intensiv thematisiertdas Projekt den Umgang mit derTopographie: Die Gebäude sind nurzum Teil unterkellert und stehen im Übrigenauf Stützen, so dass das stark nachNorden hin abfallende Gelände nahezuunberührt unter ihnen „hindurchfließt“.Dipl.-Ing. Jutta Ullrich (Stadtplanerin),Studium der Architektur und Stadtplanungin Stuttgart und Venedig. MehrjährigeTätigkeit als angestellte Stadtplanerinin Stuttgart, Projektmitarbeit in allenstädtebaulichen Leistungsphasen(Analysen, Sanierungsverfahren, städtebaulichesEntwerfen, Wettbewerbe,Bebauungspläne), Schwerpunkt: Entwicklungskonzeptemit umfassenderBürgerbeteiligung. Sie promoviert seit2007 am IWE, Universität Stuttgart beiProf. Dr. Harlander zum Thema „DörflicheWohnlandschaften“ (Arbeitstitel).Parallel Lehrtätigkeit als wissenschaftlicheHonorarlehrkraft am Städtebau-Institut, Universität Stuttgart.UNSERE AUTORINHerausforderungenEs ist schwierig, überhaupt Wohnprojektezu finden, die als beispielhaft geltenkönnen. Bislang sind keine übereinstimmendenQualitätsmaßstäbe für einegelungene dörfliche Wohnentwicklung– aus räumlicher, städtebaulicher,sozialer, topographischer und kulturellerSicht – erkennbar. Eine neue Baukulturhat sich in der aktuellen Umbruchsituationnoch nicht herausbilden können,Dörfer und der ländliche Raum habennoch nicht zu einer neuen Identitätgefunden. Der ländliche Raum ist fragmentiert:z.B. als Pendlerraum, Entleerungsraum,es gibt Reste agrarischerNutzung, landschaftspflegerische Aspekteund Tourismus. Ein attraktiverWohn standort zu sein ist die künftigeHerausforderung im ländlichen Raum.Identität erfordert Differenzierung undVielfalt. Ziel muss sein, Räume mit prägnantenEigenschaften zu bauen. Einesolche qualitative Ortsbildung ist geradeauch für Dörfer und dörfliche Wohnlandschaftengefordert.LITERATURBecker, Heinrich (1997): Dörfer heute: ländlicheLebensverhältnisse im Wandel 1952, 1972 und1993/95. Schriftenreihe der Forschungsgesellschaftfür Agrarpolitik und Agrarsoziologie, Heft307. Bonn.Beetz, Stephan (Hrsg.) (2005): Handwörterbuchzur ländlichen Gesellschaft in Deutschland.Wiesbaden.Dahm, Susanne (2006): Bau- und Wohnflächenreservenin kleinen Kommunen Baden-Württembergs.Innenentwicklungspotentiale vor dem Hintergrundeiner sich ändernden Bevölkerungsstruktur.Dissertation. Karlsruhe.Deutsche Landeskulturgesellschaft (DKLG) (2010):Dörfer ohne Menschen!? Zwischen Abriss, Umnutzungund Vitalisierung. Mehr Dorf für wenigerBürger – Chancen und Perspektiven für ländlicheSiedlungen. Berlin.Henkel, Gerhard (2004): Der ländliche Raum.Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem19. Jahrhundert in Deutschland. 4. Auflage Berlin/Stuttgart. (vgl. auch Veröffentlichungen des „ArbeitskreisesBleiwäsche“).Institut für Länderkunde, Leipzig (Hrsg.) (2002):Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Dörferund Städte. Heidelberg/Berlin.Ministerium für Ernährung und Ländlichen RaumBaden-Württemberg (2006): MELAP ModellprojektEindämmung des Landschaftsverbrauchsdurch Aktivierung des innerörtlichen Potenzials.Übertragbare Ergebnisse (Bearbeitung: GüntherSchöfl, Martin Wypior). Stuttgart.Trossbach, Werner/Zimmermann, Clemens(2006): Die Geschichte des Dorfes. Stuttgart.INTERNETSEITENhttp://www.region-schafft-zukunft.dehttp://www.architektur-baukultur.dehttp://www.dorfwettbewerb.bund.dehttp://www.netzwerk-laendliche-raeume.de45


EINE GEMEINDE NIMMT DIE RÄUMLICHE ENTWICKLUNG ERNSTHausen am Albis – Anleitung DorfbauMarkus Gasser/Katrin Hinkel/Mario TvrtkovicBAUTENIn der Schweiz hat die Dorfentwicklungunterschiedlichen Stellenwert. Zum einenwird sie aufgrund der hohen Ge meindeautonomieund des selbstbewusstenHeimatbildes von den Gemeindebehördenund den Bürgerinnen und Bürgernmit viel Einsatz gepflegt, zum anderenführt aber gerade die „verschlossen-autonomeHaltung“ zu Beratungsresistenzund auch zu verheerenden Fehlentwicklungen.Bisweilen war es leider möglich,dass eine Gemeinde trotz hervorragenderhistorischer Substanz entweder mitunsensibler und unqualifizierter modernistischerArchitektur „kaputt“ entwickeltoder mit einer erstickenden Schicht vonpseudo-heimatlichen Bauwerken überkleistertwurde. Aber meistens unterstützenGemeindeautonomie und die direkt-demokratischeMitwirkung der Bürgerinnenund Bürger die Dorfbauentwicklung.Oft war und ist es so, dass eineGruppe qualifizierter und engagierterBürger und Fachleute – meistens Architekten,manchmal Orts- oder Raumplaner– sich um die eigene Gemeinde undihre räumliche Entwicklung besondersgesorgt haben. In der Schweiz werdendiese Bemühungen durch den hohen Stellenwertder Architektur und den fortlaufendenDiskurs um zeitgenössisch-dörflicheArchitektur unterstützt.Blick gegen Süden. Die Gemeinde Hausen a. A. liegt im Entwicklungsgebiet Zürich-Zug.Hausen am Albis –eine besondere LageDie Landgemeinde Hausen am Albisliegt zwischen Zürich und Zug und verfügtdamit über Zugang zu zwei Wirtschaftszentren.Hausen liegt in privilegiertertopographischer Lage; weiteTeile des Gemeindelandes haben Ausblickauf den Alpenrand. Der Gemeindegeht es gut – sie gehört aber nicht zuden „Aussichtsfelsen für Superreiche“.Keinesfalls kann man Hausen zu denstrukturschwachen Hinterlandortschaftenzählen – dafür liegt sie viel zu nahean Zürich.Hausen selbst zeigt sich sehr ländlich. Neben dem Hauptdorf finden wir zahlreiche kleineWeiler.Quelle: Markus GasserDer Umgang mit Architektur und mitdorfbaulicher Entwicklung hat aber wenigermit der ökonomischen Position einerKommune zu tun; wir kennen reicheGemeinden, die alles falsch machenund arme Gemeinden, die sich internationalePreise für ihre Dorfbauentwicklunggeholt haben – und vice versa.Eine engagierte BürgergemeindeDie Gemeinde Hausen am Albis zeichnetsich in ihrer Bürgerschaft durch eineaußerordentliche Eigenidentität sowieihr reges, aktives Gemeindeleben aus.Die heute 3.000 Bewohnerinnen undBewohner kennen sich, man grüßt sich,46


diskutiert, macht Politik – der Gemeindewird Sorge getragen. Es ist den Bürgerinnenund Bürgern nicht egal, wer waswo und wie baut – sie identifizieren sichmit räumlichen und baulichen Strukturen.Dies und die Bereitschaft der Planenden,mit echtem Bemühen auf dieseVorstellungen einzugehen, ist wohl diebeste Voraussetzung dafür, die richtigenfachlichen Antworten, Strukturenund Lösungen zu entwickeln und so einedorfbaulich qualifizierte Entwicklungvoranzutreiben.Vorgeschichte der Region (1990–2005)Der westliche Teil des Kantons Zürichwird durch die Planung neuer Infrastrukturen(S-Bahn, Buslinien, Autobahnumfahrungder Stadt Zürich) einer heftigenEntwicklung ausgesetzt. Darauf reagiertedie Region und erarbeitete inunterschiedlichen Planungsgefäßen einGesamtkonzept über die Entwicklungendes Großraumes. Insbesondere wurdenin einem demokratischen Prozess denUnterregionen und auch jeder GemeindeEntwicklungsgrößen definitiv zugeordnet.Zu nennen sind hier: Neubaufläche,Verkehrskapazitäten, maximaleAnzahl der Bewohnerinnen und Bewohner,Freiraum- und Landschaftsraum-Sicherungenund Energiekapazitäten. Aufdieser Grundlage kann jede Gemeindeihre – dem deutschen Flächennutzungsplanentsprechende – Bau- u. Zonenplanordnung(BZO) auf die neue Situationeinstellen.Im Fall der Gemeinde Hausen am Albiswurde ein Bevölkerungswachstum von3.200 auf maximal 4.500 Einwohnerfestgelegt. Dieses – im Vergleich zu umliegendenDörfern – überproportionaleWachstum begründete sich in zwei Faktoren.Zum einen wurde das Dorf als Infrastruktur-und Versorgungsschwerpunktim Verbund einiger Dörfer bestätigt(Erhalt der Schulen, Einkaufsmöglichkeiten,Sportanlagen etc.). Zumanderen definiert die Kapazität der bestehendenKläranlage das Wachstum,aber auch dessen Grenzen.Vorgeschichte der Gemeinde(2003–2004)In der Gemeinde wurde mit professionellerBegleitung in den Jahren 2003 bis2004 ein allgemeines Entwicklungsleitbilderarbeitet. Neben strategisch-politischenZielen umfasst dieses LeitbildVorentscheide zu allen relevanten Themen:zu Wirtschaft, Gewerbe, Dorfentwicklungund Architektur, Bildung undSchulen, Soziales, Jugend, Sicherheit,Naturraum und Nachhaltigkeit.Insbesondere wurde erkannt, dass dieEigenqualitäten, die hervorragendehistorische Substanz und das einheitlicheDorfbild durch das anstehendeWachstum gefährdet sein könnten. Mitdem Leitbild wurde festgelegt, dass dieGemeinde eine sorgfältige und qualifizierteDorfentwicklung sowie eine „eingepasste,aber zeitgenössische“ Architekturfördern will. Angestrebtes Ziel istes, mit dieser Entwicklung Architekturpreisezu gewinnen. Der Gemeindewurde empfohlen, ein „Räumliches Entwicklungsleitbild“erarbeiten zu lassen.Dazu wurden wir, d. h. Mitarbeiterinnenund Mitarbeiter des Fachgebiets „Entwerfenund Siedlungsentwicklung“ derTU Darmstadt, beauftragt.Erarbeitung des „RäumlichenEntwicklungsleitbildes“ (2006–2007)Inventar HausenQuelle: Inventar schützenswerter OrtsbilderBAUTENDie Annäherung an den Auftrag bestandaus der langsamen Klärung dereigentlichen Aufgabe und der möglichenVorgehensweise mit dem Gemeinderatsowie der gleichzeitigen akribischenErkundung der Dorf- und Naturräume.Zahlreiche Besuche und Erwanderungendes Gebietes führten zu einerintensiven Aufnahme des Raumes. Dieintensive Erkundung bis in den letztenWinkel war aufgrund der vorhandenenAttraktivität ein Vergnügen.Die Arbeit wurde zudem durch bestehendeUntersuchungen und umfassendeInventare unterstützt. Insbesonderesind hier das „Inventar der schützenswertenOrtsbilder“ (ISOS) sowie dieBände der „Schweizer Bauernhausforschung“zu erwähnen. In diesen Werkensind alle beachtenswerten Bautenkartiert, fotografiert und teilweise mitPlanaufnahmen als Typologie verständlichgemacht worden.Neben ersten strukturellen Untersuchungenzum gesamten Gebiet (Topographie,Wasser, Morphologie, Typologie,etc.), der Darstellung der historischenEntwicklung mit allen verfügbarenKarten und Inventaren wurde einabstraktes 3D-Modell der Gemeindeerstellt. Dieses Modell erfasst die gesamte(!) Gemeinde mit allen Bauwerken.3D-Gesamtmodell zur Darstellung vonVarianten. Die räumliche Planung wirdvon den Bürgerinnen und Bürgern vielbesser verstanden. Quelle: Markus GasserAuf dieser Grundlage konnten nun ersteVarianten grundsätzlicher räumlichstrukturellerEntwicklungsmöglichkeitenerarbeitet, dargestellt und in Teil-Quelle: Markus Gasser47


BAUTENgebieten präzisiert werden. Auf unterschiedlichenmorphologischen Ebenenwerden zahlreiche „Entwicklungsanleitungen“erstellt. In vielen Sitzungen mitder Gemeinde sind diese AnleitungenGrundlage des erarbeiteten „RäumlichenEntwicklungsleitbildes“. Dieseswird in seiner Erstfassung im Gemeinderatund in der Baukommission vorgestelltund über ein Mitwirkungsverfahrender Bürgerschaft in die so genannte„Vernehmlassung“ geschickt: Den Bürgerinnenund Bürgern wird so die Möglichkeitgegeben, die Planung im Rahmenvon Veranstaltungen öffentlich zudiskutieren und Anregungen sowie Kritikenzu formulieren. Von dieser Möglichkeitwird in der Schweiz intensiv Gebrauchgemacht.Neben der Verabschiedung in der Gemeindewird das Leitbild auch den übergeordnetenregionalen Planungsgremienvorgestellt. Diese achten darauf,dass Vorgaben und Rahmenbedingungensinnvoll umgesetzt werden. Abschließendwerden die eingegangenenAnregungen von Gemeinderat, Bauausschussund Planer in die definitiveFassung eingearbeitet oder begründetabgelehnt.Vertiefte Untersuchungen undTestprojekte (2007–2008)Im Jahr 2007 wurden von der TU Darmstadtwährend eines Sommerworkshopszu allen Teilgebieten auf Grundlagedes Entwicklungsleitbildes exemplarischeLösungen entwickelt.Diese „Testprojekte“ sowie weitere Analysen(Struktur, Typologien, Morphologien)und eine Zusammenfassungdes „Räumlichen Entwicklungsleitbildes“wurden in dem 300-seitigen Buch„Hausen am Albis – Anleitung Dorfbau“publiziert. 1Aufgrund internen Diskussionen in derGemeinde sowie des öffentlichen Mitwirkungsprozesseswar es bei allen anstehendenArchitekturprojekten möglich,Einfluss auf die Planungen zu nehmen;nicht nur auf die projektierendenArchitekturbüros, sondern auch auf Investorenund Eigentümer. Dabei galt es,in zwei Richtungen Verständnis und Bewusstseinzu schaffen: Einerseits solltekeine falsche „Dörflichkeit“, andererseitsaber auch keine „Nullachtfünfzehn-Modernität“entstehen. Alle größerenProjekte werden seit geraumerZeit zudem mit Wettbewerben entwickelt,wobei den teilnehmenden Bürosdas Leitbild zur Verfügung gestellt wird.Da sich die neue Bau- u. Zonenplanordnung(BZO) noch in Bearbeitung befindet– und die alte Rechtsordnung nochGültigkeit hat –, stoßen wir teilweiseauf Probleme bei der rechtlichen Umsetzungvon neuen Ideen. Es gab einigepositive Überraschungen: Beispielsweiseverzichtete eine Eigentümerfamilieauf ihrem Grundstück auf 20 ProzentAusnutzung, um eine Siedlung mit 54Wohnungen in ihrer Körnigkeit für dasDorf verträglich gestalten zu können.Erstellen der neuen BZO (2010–2012)Gegenwärtig wird nun die Bau- u. Zonenplanordnung(BZO) in ihre aktuelleund überarbeitete Form gebracht.Grundlagen sind dabei die in der Gemeindevereinbarten und im „RäumlichenEntwicklungsleitbild“ festgeschriebenenKriterien. Erkenntnisse werden soin die aktuelle übergeordnete Planungrückgeführt. Diese Arbeit wird von einemqualifizierten Planungsbüro geleistet– bei uns liegt ein Betreuungsmandat.Neue Architektur – basierend auftradierten Typologien undMorphologienDie intensive Auseinandersetzung überdie Entwicklungsfragen mit den Bürgerinnenund Bürgern hat insgesamt zu einemvertieften Verständnis und einemnoch höheren Engagement für die Dorfbauentwicklunggeführt. Uns war es einAnliegen, die qualitätsvolle Substanzder Räume, Bauwerke und Strukturenaufzuzeigen und für weitere Entwicklungenverfügbar zu machen. Es ging –neben einer allgemeinen Sensibilisierungfür das Thema „ZeitgenössischeDorfbau-Entwicklung“ – vor allem darum,komplexe räumliche Fragen wie z.B.die Prinzipien der räumlichen Zonengliederung,der Gebäudestellung undder Hierarchien, die Fragen der Nachbarschaftensowie Überlegungen zuHandlungsanweisungen darzulegen.Neben einer generellen Einschätzungder möglichen räumlichen Entwicklung,angefangen bei Aspekten landschaftlicherund „natürlicher“ Strukturen (Landschaftskammern,Abgrenzungen, Gewässerstrukturen,etc.), sowie weiterführendüber Fragen der wesentlichenGemeindestrukturen wurden bis aufdie Ebene des Dorfes und seiner speziellenArchitektur strukturelle und räumlicheQualitäten erfasst. Diese Stimmung,also der Charakter der Gemeinde,ist die Grundlage und Hauptbestandteildes Leitbildes, auf demlaufende und zukünftige gestalterischeEingriffe basieren sollen. Hierbei ist derErfolg in der Umsetzung ganz wesentlicheiner engagierten BaukommissionUmsetzung und Konkretisierungdes Leitbildes (2006–2008 und2009–2010)Beispiel Wohntyp 2,5-geschossig; WettbewerbRauchmatt 2009 (noch nicht realisiert).Quelle: Arichtekturbüro Meletta Strebel ArchitektenBeispiel aus Kappel, Uerzlikon Whs Vers.180, datiert 1733. Grundriss Wohngeschossund Obergeschoss.Quelle: C. Renfer: Band I Zürich, die Bauernhäuserdes Kantons Zürich48


Architektur kann wörtlich „nahe amLandbild“, darf aber jedenfalls auchzeitgenössisch sein. Die Bürgerinnenund Bürger schätzen diesen Ansatz,wenn es ihnen auch manchmal schwerfällt, die zeitgenössische Architektur zuakzeptieren.Neben einem extrem hohen Engagementund einem hochkommunikativenAuftreten erfordern solche Aufträge einen„langen Atem“ seitens des Planers.Weil im Falle von Hausen am Albis derAufwand viel größer war als das zurVerfügung stehende Honorar, mussman aber auch sagen: Der hier aufgezeigtePlanungsprozess befindet sichauf einer Ebene der „vertraulichen Beziehungzwischen Städtebauer und Gemeinde“.Es ehrt mich, dass der Gemeindepräsidentmir heute attestiert, dassBAUTENich das Dorf von allen am besten kenne.Die Planung ist daher ein Spezialfall –sie kann nicht direkt verallgemeinertwerden. Als fachliche Arbeit ist sie aberweitgehend reproduzierbar.ANMERKUNGEN1 Vgl. Markus Gasser/Günter Pfeiffer: Hausenam Albis – Anleitung Dorfbau. Darmstadt 2007.Die Erstfassung der Publikation wird derzeit überarbeitetund aktualisiert. Die Entwicklung der letztenJahre soll mit den neuen Projekten dargestelltwerden, da diese belegen, mit welchem Erfolgdas „Räumliche Entwicklungsleitbild“ umgesetztwird.Zwei neue gebaute Beispiele aus der GemeindeHausen. Quelle: Markus Gasserund einem geachteten, aber auch„standfesten“ Gemeinderat zu verdanken,welcher in der Qualitätsfrage nichtlocker lässt.Oft werden in Dörfern bestehendeStrukturen (Anordnungen, Geschossigkeit,Körnigkeit) komplett ignoriert undNeubauten in pseudo-ländliche Bilderverpackt. In Hausen versuchen wir, vorerstdie vorhandenen Strukturen sorgfältigzu tradieren. Die Übernahme vonCharakteren und Bildern ist erwünscht,aber eher offen-abstrakt. Das heißt: dieProf. Dipl. Arch. ETH Markus Gasserhat 1979–1985 Architektur an derETH Zürich studiert. Er war 1987/88Assistent bei Prof. Martin Steinmann ander ETH Lausanne. Von 1985 bis2005 war er Mitarbeiter von MetronArchitektur in Brugg, in den Jahren1988–1997 Mitglied der Geschäftsleitung.Von 1997 bis 2001 war erProfessor für „Entwurf, Konstruktionund CAD“ an der Bergischen Universitätin Wup pertal; seit 2001 Professorfür „Entwerfen und Siedlungsentwicklung“an der TU Darmstadt.UNSER AUTORMehr über Baden-Württemberg erfahren!Schriften zur politischen Landeskunde Baden-WürttembergsKulturelle VielfaltBaden-Württemberg als EinwanderungslandHrsg.: Karl-Heinz Meier-Braun, Reinhold Weber, Band 32, 316 Seiten, Stuttgart 2005 Fünfzig Jahre Migrations- und Integrationspolitik bis zur Verabschiedungdes Zuwanderungsgesetzes 2004.Baden-WürttembergGesellschaft. Geschichte. PolitikHrsg.: Reinhold Weber, Hans-Georg Wehling, Band 34, 320 Seiten, Stuttgart 2006 Der Grundlagenband als Studienbuch und Nachschlagewerk. Namhafte Autoren bieten Landeskunde auf aktuellem Stand.Bestellung: je 4.– Euro zzgl. Versand, Landeszentrale für politische Bildung,Fax 0711.164099 77, marketing@lpb.bwl.de, www.lpb-bw.de/shop49


VON DER RAUMORDNUNG ZUR LANDSCHAFTSENTWICKLUNGLandschaftsbilder zwischenBewahren und neuer GestaltSören SchöbelMit dem Wandel ländlicher Lebensweltenverändern sich Landschaften in ihrenNutzungsstrukturen, ihrem Erscheinungsbildund auch in ihrer Wahrnehmung.Die aktuellen Veränderungen in denländlichen Räumen und die kritischeWahrnehmung dieses Wandels legeneine Diskussion darüber nahe, wie künftigdie Landschaften nicht nur sein werden,sondern wie sie sein können undsollen. Nimmt man die Begriffsgeschichteund die verschiedenen Konnotationenvon „Landschaft“ genauer in den Blick,zeigen sich Unterschiede in der Wahrnehmungund letztlich in der Wertschätzungder Landschaft. Es macht sehr wohleinen Unterschied, ob man Landschaftals einen räumlichen Zusammenhangdenkt, dessen Qualität sich erst aus derSumme der einzelnen Elemente ergibt,oder ob man der Logik der industriellenModerne folgt, die nicht den Zusammenhang,sondern das Trennende betont.Am Beispiel der Bauleitplanung,der Verkehrs- und Infrastrukturplanungsowie der Agrarstrukturpolitik zeigt SörenSchöbel auf, dass die Logik dieservier großen „Raumordner“ bei der Ingebrauchnahmevon Landschaft auf Trennung,Absonderung und Homogenisierungangelegt ist. Die Orientierung amModell der behutsam zu erneuerndenStadt im Sinne einer „kritischen Rekonstruktion“könnte ein Weg sein, um eineganzheitliche, auf Stabilität sowie aufZusammenhang und Differenz gleichermaßenWert legende Landschaftsentwicklungzu realisieren. Dies erforderteine interdisziplinäre Verständigung der„Raumordner“ und setzt einen sensiblenUmgang mit den sozialen, kulturellen,baulichen und topographischen Gegebenheitender je verschiedenen Landschaftensowie eine Rückbesinnung auftiefer liegende und historisch gewachseneSchichten voraus.LandschaftswandelDas Land verändert sich. Soziale Verhältnisse,Landnutzungen, gewohnteBilder des Raumes verschieben sich, lösensich auf, neue entstehen. Die aktuellenVeränderungen in den ländlichenRäumen in Deutschland haben dabeimehrere, zum Teil auch widersprüchlicheUrsachen und Wirkungen. Einerseitsführen die regional sehr unterschiedlichenBevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklungenzu einer Polarisierungländlicher Lebenswelten. Sosind einige Regionen Deutschlands voneinem nach wie vor starken Wachstumgeprägt, andere schrumpfen, entleerensich geradezu. Andererseits führt eineallgemein als Verstädterung zu beschreibendeModernisierung von Lebensstilenund Lebensbedingungen zueiner Angleichung ländlicher Lebenswelten.Der Ausbau der Kommunikationsnetzeund der Mobilität ermöglichenauch auf dem Land, von der Kleinstadtbis zum Einzelhof, die Entfaltungtypisch städtischer, urbaner Lebensstile.Das Internet, die digitalen sozialenNetzwerke, aber auch die Flexibilisierungder Arbeitswelten und Erwerbsbiographienführen dazu, dass der Abstandzwischen ländlichen und städtischenLebensformen sich verringert.Dies sind nur einige Aspekte des Wandels.Mit den Veränderungen der ländlichenLebenswelten verändern sichauch die Landschaften, und zwar sowohlin ihren Nutzungsstrukturen, ihremErscheinungsbild und in ihrer Wahrnehmung.Auch hier sind unterschiedlicheEntwicklungen sichtbar, auch hier gibtes Angleichungen und zugleich zunehmendeDifferenzen. So sind diewachsenden Regionen vor allem von einermassiven Ausbreitung suburbanerStrukturen geprägt – in metropolnahenländlichen Räumen bilden sich PendlerundFamiliengürtel, Flughafen- und Gewerbezonenoder auch Zweit- und Seniorenwohngebieteaus. Demgegenübersind in den randständigen RegionenÜberalterung, Leerstände, Rückbau vonInfrastruktur zu verzeichnen, selbst dasVerschwinden ländlicher Siedlungenund Dörfer ist zu erwarten. Auf beidenSeiten sind die resultierenden Landschaftennicht nur in ästhetischer Hinsichtunbefriedigend, sondern auch,weil das in ihnen zum Ausdruck kommendeVerhältnis von Kultur und Naturnicht als nachhaltig erscheint. Zudembilden sich sogenannte „Neue Landschaften“heraus, die durch den laufendenStrukturwandel der Landwirtschaftund die „Rückkehr“ der Energieproduktionin den Raum entstehen. Solaranlagen,Windparks und Biomassekulturenhaben sich innerhalb weniger Jahrezum festen Bestandteil von Landschaftentwickelt. All dies hat auch Auswirkungenauf die Wertschätzung der Landschaftdes ländlichen Raums. RegionalesEngagement, Bürgerinitiativen undProtestkulturen sind keine allein städtischeBewegung mehr, sondern ebenfallsAusdruck einer weiten Verbreitungurbaner Lebensstile. Segregation undzugleich Durchmischung, Homogenisierungund zugleich Vervielfältigung sinddie widersprüchlichen Folgen einerpostindustriellen Entwicklung ländlicherRäume hier, einer De-Industrialisierungdort.Die tatsächlichen Veränderungen undihre gesteigerte, kritische Wahrnehmunglegen nun eine Diskussion darübernahe, wie künftig die Landschaftennicht nur sein werden, sondern sein könnenund sollen. Wie ist eine gute, gelingendeEntwicklung von Landschaft imländlichen Raum möglich? Was bedingtüberhaupt, dass Landschaft als Qualitätangesehen wird? Auf der einen Seiteerscheint ja Landschaft als ein ganz50


LANDSCHAFTSBILDER ZWISCHENBEWAHREN UND NEUER GESTALT„Neue Landschaften“ bilden sich heraus,die durch die „Rückkehr“ der Energieproduktionin den Raum entstehen. Solaranlagen,Windparks und Biomassekulturenhaben sich zum festen Bestandteil vonLandschaft entwickelt.picture alliance/dpaselbstverständlicher Begriff. Auf der anderenSeite aber sind auch das gesellschaftlicheVerständnis, die Bedeutungund Wertschätzung von Landschaft einerEntwicklung unterworfen, so dass esim Ergebnis heute mehrere relevanteBedeutungen von Landschaft gibt.Landschaft ist ZusammenhangJeder scheint zu wissen, was Landschaftist, und doch meint der Begriff auchganz unterschiedliche Dinge. Das liegtdaran, dass Landschaft eine Begriffsgeschichtemit verschiedenen Bedeutungenhat, die heute in Teilen fortbestehen.Und es liegt auch daran, dassLandschaft einerseits zum Fachterminusgeworden ist, in naturwissenschaftlichenForschungen und geisteswissenschaftlichenDeutungen, in Gesetzenund Verordnungen sehr verschieden definiertwird, aber gleichzeitig Teil einersich ebenfalls entwickelnden Alltagssprachegeblieben ist.Im Mittelalter wurde eine bestimmte Region,deren Gesamtheit der Stände mitspezifischen Rechten ausgestattet war,bzw. diese Ständeordnung selbst, alsLandschaft bezeichnet – Landschaftwar eine sozial-räumliche Ordnung. Mitder Revolution der Künste in der Renaissance,vollzogen vor allem in der Malereiund wesentlich mit der Entdeckungder Perspektive, wurden die Raumdarstellungendes Mittelalters durchrealitätsnahe, aber auch idealisierendeDarstellungen von städtischen undländlichen Räumen abgelöst. Dieseneuen Bilder führten zu einer ganz neuenBedeutung des Begriffs Landschaft,indem dieser nunmehr einen Ausschnitteines zwar typischen oder spezifischenRaums bezeichnete, dessen Darstellungaber in der Regel vor allem eine bestimmteBotschaft oder Gestimmtheitenthielt. Diese Umdeutung ging so weit,dass die Begriffsbedeutung von Landschaftals Szenerie, von Ausnahmen abgesehen,den sozialräumlichen Begriffals Region ablöste. Über den „Umweg“der Szenerie wird in der einsetzendenAufklärung und folgenden Modernisierungder Landschaftsbegriff schließlichwieder auf den konkreten Raumbezogen, allerdings nicht mehr auf einsoziales Kollektiv, sondern in einer dialektischenForm der Szenerie: der Landschaftsbegriffdient fortan der wissenschaftlichenKategorisierung der Erdoberfläche(Alexander von Humboldt1807) 1 und bezieht sich in der Romantik– einer Gegenbewegung zur Rationalisierung– auf die Innenwelt 2 und dieNatursehnsucht des Menschen.Mit der Modernisierung und der Industrialisierungverallgemeinert sich dieserszenische Landschaftsbegriff, Landschaftwird einer großen Masse wertvoll.Dabei wird er sowohl strapaziertwie banalisiert: In kaum einer Zeit zuvorgreift der Mensch in so umfassenderWeise in den Naturraum ein und schaffteinen fast grenzenlosen Kulturraum. DieTrockenlegung endloser Moorlandschaften,die Begradigung von Flussläufen,die Eindeichung von Marschenveränderte die Landschaft in relativ kurzerZeit so umfassend, dass man mitRecht mutmaßen darf, ein Zeitreisenderwürde die deutsche Landschaft von vor250 Jahren schlichtweg nicht wiedererkennen.3 Je stärker die Veränderungendes Menschen in der Kulturlandschaftan Ausmaß und Tempo gewinnen, umsoweniger will man in der Landschaft aberdas „Menschenwerk“ erkennen; undobwohl heute gerade die schwerwiegendsten„Eingriffe“ in die Landschaftals schön oder erhaben angeschautund für die Erholung genutzt werden,wie Weinbergterrassen, weite Flurenoder auch die Stauseen von Talsperren,die als Besuchermagneten in den Mittelgebirgenwirken, werden diese dochals „Perle der Natur“ präsentiert . 4 DerLandschaftsbegriff gerät dadurch in51


Sören SchöbelUnschärfe gegenüber dem Begriff derNatur, der sozio-kulturelle Gehalt vonLandschaft wird verdrängt.Dabei hat Georg Simmel in seiner „Philosophieder Landschaft“ schon 1913den Unterschied erklärt: „UnzähligeMale gehen wir durch die freie Naturund nehmen, mit den verschiedenstenGraden der Aufmerksamkeit, Bäumeund Gewässer wahr, Wiesen und Getreidefelder,Hügel und Häuser und allentausendfältigen Wechsel des Lichtesund Gewölkes – aber darum, dasswir auf dies einzelne achten oder auchdies und jenes zusammenschauen, sindwir uns noch nicht bewusst, eine ‚Landschaft‘zu sehen. (...) Vielmehr geradesolch einzelner Inhalt des Blickfeldesdarf unsern Sinn nicht mehr fesseln. (...)Unser Bewusstsein muss ein neues Ganzes,Einheitliches haben, über die Elementehinweg, an ihre Sonderbedeutungennicht gebunden und aus ihnennicht mechanisch zusammengesetzt –das erst ist die Landschaft.“ 5Wenn die Landschaft hier gegenüberder ständig „fließenden“ Natur als relativstabile Einheit vorausgesetzt wird, sodarf nicht übersehen werden, dassLandschaft niemals wirklich stabil, sondernebenfalls immer wieder dem Wandelunterworfen ist. Dieser Wandel istnicht, wie die periodischen Wechsel derJahreszeiten und der Sukzession natürlich,sondern als struktureller Wandelkulturell bedingt. Solange ein gewisserRahmen erhalten bleibt, ist dieser kulturelleWandel für den Menschen selbstzwar meist nur in größerer Rückschauerkennbar, aber dennoch gegenwärtig.Landschaft ist also nicht nur, wie Simmelbeschreibt, das wahrgenommene Einheitliche,sondern es ist dies sicher auchim Bewusstsein des unaufhaltsamenWandels. Einen Raum im Wandel alsLandschaft zu bezeichnen, setzt alsovoraus, dass eine gewisse Ordnungüber die Zeit hinweg aufgehoben ist.Darauf ist zurückzukommen.Bis hierhin lässt sich festhalten, dassLandschaft etwas anderes ist als Natur,dass die Vorstellung einer romantischenSzenerie nur einen Teil der Kulturgeschichtedes Begriffs ausmacht unddass Landschaft sowohl Wandel, wieeine einigermaßen stabile Ordnung inRaum und Zeit darstellt. Landschaft istaber stets räumlicher Zusammenhang,aus dem eine Qualität entsteht, die inden einzelnen Elementen, aus denendie Landschaft „zusammengesetzt“ ist,für sich allein genommen noch nicht erscheint.Landschaft kann also Verschiedenesmeinen. Und diese Mehrfachbedeutungdes Begriffs setzen wir auch im Alltagein. Es gibt die vertraute Landschaft,in der man wohnt: ein Raum, dessen Orteman kennt, in dem man sich zurechtfindet,mit dem man vertraut ist, mit demman sich identifiziert: Raum des Wohnens,der aber zugleich als komplex,anstrengend, mit Arbeit und Regelungserfordernissenbelastet erfahren wird.Es gibt daneben zwei Formen von Landschaftals „das Andere“: die Erlebnis –Anspannung – und die Erholung – Entspannung– verheißende Landschaft.Das sind jene Orte, in die man in derFreizeit oder im Urlaub reist, um etwasAnderes zu sehen. Reisen in Städte, inurbane Metropolen, aber auch in extremeNaturlandschaften, bieten aufregendere,vielfältigere, – vermeintlich –erlebnisreichere Landschaft. Reisen infreundliche Natur- oder in alte Kulturlandschaftendagegen, bevorzugt Bergoder Strand, Hügel oder Heide, vermittelndie Vorstellung eines beschaulicheren,jedenfalls von Einfachheit undLeichtigkeit geprägten Lebens. WennUrlauber über Jahrzehnte in den gleichenOrt fahren, dann versuchen sie,beides zu verbinden: die Vertrautheitdes Gleichen und die Leichtigkeit desAnderen. Die Vorstellung von Landschaftaber hilft an diesen so unterschiedlichenOrten, den vertrauten, denaufregenden und den einfachen, dieeinzelnen Dinge überhaupt im Zusammenhangzu sehen, sie zu erkennen, zuverstehen.Trotz dieser Mehrfachbedeutung stelltalso die Alltagssprache „Mindestanforderungen“an einen Raum, um ihn als„Landschaft“ zu bezeichnen. Diese zeigensich besonders anschaulich an andererStelle in der Alltagssprache, dort,wo Landschaft – nicht nur im Deutschen,sondern zum Beispiel auch im Englischen– in Komposita verwendet wird,um räumliche Strukturen wie „Theaterlandschaft“,„Wealth ManagementLandscape“ „Applikationslandschaft“ 6oder „Social Media Landscape“ zu beschreiben.Der Wortteil „-landschaft“bezeichnet dabei eine offene, aberkommunizierbare Ganzheit in einemweiten Raum, in der eine Vielfalt, alleUnterschiede, als Qualität erhaltensind. Auch dieser abschließende Blick indie Bedeutungsgeschichte des Landschaftsbegriffszeigt, dass dieser wandelbar,aber doch immer zweierlei ist:Vielfalt und offener Zusammenhang imRaum.Das Problem der Trennung in der„modernen Landschaft“Landschaft ist seit jeher dem Wandelunterworfen, aber der zeitgenössischeWandel unterliegt einer besonderenkulturellen Logik, der Logik der industriellenModerne. Auch sie löst überkommeneNutzungsstrukturen und Wahrnehmungsgewohnheitenauf und lässt52


LANDSCHAFTSBILDER ZWISCHENBEWAHREN UND NEUER GESTALTneue entstehen. Besonders an der modernenLandschaft aber ist, dass diesebeiden Aspekte, Gestalt und Wahrnehmung,sich nicht Hand in Hand entfalten,sondern auseinander laufen. DerMensch beharrt zwar auf dem Bedürfnis,im Raum Zusammenhänge erkennenzu können, eben, um Vertrautheit oderauch „das Andere“ ganzheitlich erfahrenzu können. Die Landnutzung, diemodernen „Raumordner“ aber folgender industriellen Logik, dem modernenFunktionalismus, und verfolgen so genaudas Gegenteil. Der französischeSoziologe Henri Lefèbvre, dessen Theoriezur sozialen Produktion von Raum 7derzeit in den Raumwissenschaften eineRenaissance erfährt, hat schon in den1970er Jahren festgestellt, dass die Logikdes Industriellen nicht auf Zusammenhang,sondern auf Trennung, Absonderung,Homogenisierung angelegtist. 8 Was damit gemeint ist, lässt sichheute auch an den vier großen „Raumordnern“beschreiben, also jenen modernenInstitutionen, die für die Art undWeise, wie Landschaftsveränderungenverlaufen, verantwortlich sind: Es sinddies die Bauleitplanung, 9 die Fachplanungender Infrastruktur, insbesondereVerkehr und Energie, die Agrarstrukturpolitikund schließlich der Naturschutz.Die Bauleitplanung definiert in Deutschlandauf der Basis der Landesplanungdie Grenzen zwischen und die Struktureninnerhalb der Baugebiete und dessogenannten Außenbereichs. Obwohldie Raumordnung und das Baugesetzbuchin ihren Zielen und Grundsätzenauf räumlichen Pluralismus und Einklang10 ausgerichtet sind, werden gemischteBaustrukturen, im Gesetz alsMischgebiete bzw. gemischte Kern- undDorfgebiete bezeichnet, nur dort inBauleitplänen dargestellt, wo sich einhistorischer Bestand erhalten hat; neuhinzukommende Baugebiete, und diesemachen in vielen ländlichen Gemeindenheute den weitaus größten Teil aus,sind immer homogene Wohn-, Gewerbe-,Industrie oder Sondergebiete, d.h.Die Landschaft wird durch die Linienführungvon Fernstraßen, durch Brückenbauwerkeund Einschnitte einer „ausgewogenen“Abfolge von Lenkradbewegungenund der zulässigen Geschwindigkeit entsprechendangepasst. Alle anderen Elementeim Raum sind im Zweifelsfall Hindernisse,die umfahren, überbrückt oderabgeschottet werden müssen.picture alliance/dpa53


Sören Schöbelweder Stadt noch Dorf, sondern Zoneund Siedlung. Das, was wir heute mitden Worten Peripherie, Speckgürtel,Suburbia und Zwischenstadt 11 beschreiben,sind in der Regel homogene, aberzusammenhanglos nebeneinander liegende,verstädterte Räume, wederStadt, noch Land – sie sind kein unkontrollierterWildwuchs, sondern aus ordnungsgemäß,aber eben nach den Regelnder Trennung und Absonderungerstellten Bebauungsplänen entstanden.Landschaft, Grün und Freiraumsind dort nach derselben Logik geplant:sie dienen überwiegend der Trennungvon Baugebieten oder Anlagen. „Grünzüge“,„Abstandsgrün“, „Verkehrsbegleitgrün“in der Bauleitplanung, „landschaftlicheVorbehaltsgebiete“, „regionaleGrünzüge“ und „Trenngrün“ in Regionalplänenwerden in der deutschenPlanung nicht zur Entwicklung von Landschaft,sondern zu ihrer Auflösung inFunktionsbereiche eingesetzt.Das gilt auch für die „freie Landschaft“,die in der Bauleitplanung „Außenbereich“(§ 35 BauGB) heißt. Dort sind nurbestimmte Bauvorhaben zulässig, wastatsächlich die sogenannte „Zersiedelung“der Landschaft in Deutschland imVergleich zu den Nachbarländern effektivbegrenzt hat. Zu den zulässigen,privilegierten Vorhaben zählen dieLandwirtschaft, die Energieerzeugungund die Versorgungsinfrastruktur. Einenmindestens vergleichbar privilegiertenStatus besitzt der Straßenbau. Für jedendieser Bereiche haben sich hoch spezialisierteFachplanungen entwickelt,welche die Optimierung des eigenenFunktionsbereichs im Blick haben. Sowerden Fernstraßen nach einem „fahrdynamischenEntwurfsprinzip“ 12 entwickelt;die Landschaft wird durch die Linienführung,Brückenbauwerke und Einschnitteeiner „ausgewogenen“ Abfolgevon Lenkradbewegungen, einer maximalenSteigung und der zulässigen Geschwindigkeitentsprechend angepasst.Alle anderen Elemente im Raum, wieSiedlungen oder Biotope, sind im ZweifelsfallHindernisse, die weit umfahren,überbrückt oder abgeschottet werdenmüssen. Diese Straßen sollen eben geradekein Teil der Landschaft werden.Und selbst die aufwändig errichteten„Grünbrücken“ über Autobahnen sindkeine landschaftlichen Verbindungen,sondern dienen nur den Interessen derJagdlobby. Für Menschen sind sie tabu.Es gibt faktisch keine landschaftsgerechteVerkehrs- und Infrastrukturplanungin Deutschland. 13Die Agrarstrukturpolitik als nächster bedeutender„Raumordner“ folgt dort, wodie Produktion im industriellen Maßstabglobal wettbewerbsfähig erscheint, dergleichen Logik. Nach wie vor werdengroße, spezialisierte Betriebe und Flächennutzungendurch die Subventionsstrukturgefördert. Gemischte Dorfgebieteentwickeln sich zunehmend zu reinenWohngebieten, Wirtschaftsanlagenwie Ställe und Scheunen aufindustriellen Maßstab gehoben undmöglichst weit ausgelagert. Währendin Dorfkernen alte Bausubstanz verfällt,wachsen an den Dorfrändern die Einfamilienhausgebiete.In solchen Gebieten,in denen die natürlichen Bedingungen,die Topografie oder die Bodeneigenschaftenfür eine weitgehende Industrialisierungnicht taugen, wächstallerdings die Einsicht, dass an einergrundlegenden Diversifizierung derProduktion und der Einkommensformen,am Aufbau regionaler Kooperationenund Wertschöpfungsketten kein Wegvorbeiführt. Die Produktion von Nahrungsmittelnwird hier nicht mehr durchden Markt, sondern als kulturelleDienstleistung legitimiert: der Erhalt derSelbstversorgungsfähigkeit und der Bodenfruchtbarkeit,der Erhalt ländlicherSiedlungsräume und der Offenlandschaft,der Erhalt des Natur- und desKulturerbes. All dies sind Leistungen, dieauf eine „landschaftliche“ Logik, alsoVielfalt und Zusammenhang, angewiesensind. Trotzdem versteht selbst in diesenGebieten ein großer Teil der Bauernden Tourismus und die Naherholung sowieden Denkmalschutz noch als lästig,den Naturschutz gar als größten Gegner.Das liegt allerdings auch an der Haltungdes Naturschutzes selbst. Zwarsind bekanntermaßen fast alle inDeutschland vom Naturschutz heute alsbesonders wertvoll angesehenen Flächeneinst durch Landwirtschaft oderRohstoffabbau entstanden, sind alsoschwerwiegende Eingriffe in die Naturgewesen, die letztlich zu größerer Artenvielfaltund auch Anschaulichkeit geführthaben. Diese positive Wirkung derLandnutzung für den Naturschutz wirdaber immer nur im Rückblick, niemals imVorausblick gewürdigt. Das geht soweit,dass Maßnahmen, die aus ökologischenGründen subventioniert werden,wie Windenergieanlagen, „Ausgleichszahlungen“an den Naturschutzzu leisten haben. Die Gelder werdendann oft dazu eingesetzt, alte Landnutzungennachzuahmen – vom bäuerlichenWiesenmähen im Vertragsnaturschutzbis zur Anlage von „torfstichartigenKleingewässern“. 14 Sie werdenaber von den anderen Landnutzungenebenfalls eher abgesondert, bis hin zumMenschen, der aus den Reservaten mittels„Besucherlenkung“ eher ferngehaltenwerden soll.Mit diesen Beispielen sollte deutlichwerden, wie sehr sich in der industriellenModerne der Wandel von Struktur undWahrnehmung von Landschaft voneinanderentfernen. Raum entsteht nur alsoptimierter Funktionsraum, für die Landnutzung,für den Transport oder alsSchutzgebiet – Landschaft als Zusammenhangvon Vielfalt aber entsteht zunächstnicht. Und doch ist sie noch vorhanden:in der menschlichen Perspektivedes Rückblicks, indem wir ökonomischobsolet gewordene Funktionsräumenachträglich verherrlichen, wie „dieHeide“ oder auch Industriebrachen. 15Und sie ist noch vorhanden im gesellschaftlichenAuftrag zur Landschaftsentwicklung,also in der Perspektive desVorscheins, des Entwurfs eines gelingendenEinklangs von Vielfalt und Gemeinschaftim Raum, an dem die Landschaftsarchitekturarbeitet.Wenn also Landschaftsentwicklung bedeutet,die industrielle Logik der Trennung,der Absonderung und Homogenisierungzu überwinden, dann stellt sichdie Frage, wie das gelingen kann. Wasvielleicht zunächst überraschen mag: Esist die jüngere Geschichte des Städtebaus,der Urbanistik, die hier Vorbildsein sollte. Kurz: das Land muss von derStadt lernen.Lernen von der Stadt – die „kritischeRekonstruktion“ der LandschaftZunächst ist einzuräumen, dass dieStadtentwicklung der Moderne denselbenPrinzipien der Trennung und Homogenisierungfolgte, wie sie für die Entwicklungdes ländlichen Raums beschriebenwurde. Der modernen Architekturund Stadtplanung von EbenezerHowards Gartenstadt, Bruno Tauts AlpinenArchitektur über Le CorbusiersCharta von Athen bis zur organischenund verkehrsgerechten Stadt HansBernhard Reichows, war an der Auflösungder dichten, gemischten Stadt gelegen.Die Stadt sollte „funktionieren“,Licht, Luft und Sonne sollten die Richtungenvorgeben und dazu musste dieStadt, eben der industriellen Logik folgend,gegliedert, aufgelockert, homogenisiertwerden. Diese Ideologie wurdevon deutschen Planungsämtern undBauträgern der Wiederaufbauphasenach dem Zweiten Weltkrieg bis in die1980er Jahre hinein mehr oder wenigerbeherzt, teilweise aber geradezu kahlschlagartig16 umgesetzt. Doch schonseit den 1960er Jahren regte sich eineKritik an der modernen, der Funktionstrennungund dem Verkehr geopfertenStadt. Jane Jacobs 17 Kritik an der Verödungvon Stadtteilen, Aldo Rossis 18Manifest für eine Architektur des Urbanen,Richard Sennetts 19 Studien des öffentlichenRaums, um nur einige zu nennen.Sie wurden durch alle empirischenBefunde zu den sozialen, ökonomischenund ökologischen Vorteilen einer im ge-54


schichtlichen Kontext behutsam zu erneuerndenStadt – der europäischenStadt – bestätigt. Die entscheidendeWende brachte die Internationale Bauausstellungin Berlin von 1984–87, derenProgramm der „kritischen Rekonstruktion“20 sich schließlich in der überwiegendenZahl der städtebaulichenProgrammatiken deutscher Großstädteseit den 1990er Jahren niederschlug.Die „kritische Rekonstruktion“ war dabeieine Interpretation der kritischen Wissenschaftstheorien(Theodor W. Adorno,Jürgen Habermas) seitens der Architektenszene.Dabei ging es geradenicht darum, die Herrschaftsstrukturender alten Stadt zu rekonstruieren, sondern,im Gegenteil, um die Befreiungdes Städtebaus von rücksichtslosenIdeologien, die sich zuvor stets im Abrissund kontextlosen Neubau manifestierthatten. Nun wurde die bürgerliche,europäische Stadt als Wohn- und Lebensortwiederentdeckt. Ihre sozialenund ökologischen Qualitäten, ihr geringerFlächen- und Ressourcenverbrauch,ihre offene und tolerante Zivilisation sowieihre immense Integrationskraft solltenin einem neuen Gesellschaftsvertrag,einem „Stadtvertrag“ 21 aufgehobenwerden. Andererseits sollte, wie inder Wissenschaftstheorie des KritischenRationalismus (Karl R. Popper),Stadt nicht mehr dogmatisch umgebaut,sondern nach dem Prinzip von Versuchund Irrtum in kleinen Schritten, behutsamvollzogen werden. 22 Eingebundenin die historischen Stadtgrundrissekonnten sich die Gesellschaft und dieArchitektur pluralistisch und modernentfalten, ohne dass Irrtümer und Fehlersich zu Katastrophen auswachsen konnten.Diese „Unterwerfung“ unter die geschichtlichenFormen – nicht aber ihreFunktionen oder Bedeutungen – bedeuteteeine gewisse Zurückhaltung der Architekturund eine Reduzierung auf wenige,historisch erfolgreiche und gleichzeitigwandelbare Typologien, wie Parzelleund Baublock, Hof, Straße undPlatz etc. 23 Diese nicht an eine bestimmteFunktion, aber eine permanente städtischeForm – ihren „Grundriss“, ihre„Textur“ – gebundenen Strukturelementesind es, die Ressourcen sparen, Integrationerleichtern und Zivilisation sichern,indem sie eine hohe soziale Dichteund Mischung, kurze Wege und klardefinierte private und öffentliche Räumeerlauben.Städtebau, Architektur und Stadtplanunghaben sich tatsächlich seit Mitteder 1980er Jahre wieder den umfassendengesellschaftswissenschaftlichenDiskursen gestellt und seitdem großeFortschritte in der Stadtentwicklung erlangt,ohne die die europäischen Städtedie Anziehungskraft wohl kaum entwickelthätten, die sie heute zweifelloswieder besitzen. Für die Landschaftsteht dies aus.Lässt sich auch Landschaft in einer „kritischenRekonstruktion“ entwickeln, undwas soll das eigentlich nützen? Lässtsich nicht die bisherige, unter industriellenBedingungen fortgesetzte Arbeits-LANDSCHAFTSBILDER ZWISCHENBEWAHREN UND NEUER GESTALTteilung zwischen Stadt und Land aufrechterhalten?Kommen wir noch einmalauf das zurück, was eingangs als Wandeldes ländlichen Raums beschriebenwurde. Demographischer und ökonomischerWandel, die fortschreitende Urbanisierungsowie der Energie- und Agrarstrukturwandellösen diese Arbeitsteilungvon Stadt und Land an vielenSeiten auf, lassen aber eben auch neuenotwendige Verbindungen entstehen.Die Frage wird sein, auf welcher Basisdie Austauschverhältnisse zwischenStadt und Land sowie zwischen boomendenund schrumpfenden Regionenkünftig angelegt sein werden.Man kann auf die Polarisierung und dieAngleichung von Stadt und Land natürlichreagieren, indem entweder lauterkleine Heimaten oder die große europäischeIdentität rekonstruiert werden.Beide laufen aber Gefahr, zwischenVielfalt und Einklang eher zu polarisierenoder zu homogenisieren, als neuePluralitäten und Zusammenhänge zubefördern. Zwischen beiden liegt dieLandschaft. Landschaft als „sozialerKitt“ verstanden, kann nicht polarisierenoder homogenisieren, sondern muss aufZusammenhang und Differenz verweisen.Als Landschaft, besser denn alsHeimat oder Staat, 24 können schrumpfendewie boomende Regionen neuenZusammenhalt finden. SchrumpfendeTabelle 1: Elemente, die Stabilität, Vielfalt und Zusammenhang fördernQualitäten Stadt LandschaftBausteine und Typen, in denensich über Funktionswandelhinweg Vielfalt entfalten kannStrukturen, die einenZusammenhang vermittelnkönnen— Parzelle, Block, Quartier ...— Hof, Straße, Platz ...— Kanal, Hafen, Stadtbach ...— „Durchscheinen“ der landschaftlichenMorphologie, in der die Stadt entstand— Grundrisse der verschiedenen historischenSchichten der Stadt— Netz oder „Gewebe“ des Freiraums Räume, die öffentlichenAngelegenheiten, demsozialen Zusammenhang undder Identifikation dienenRäume der Freiheit, der Emanzipation,der Differenz, derunvollständigen IntegrationÖkologische Eigenschaften,die Vielfalt und RessourcenschonungfördernQuelle: Eigene Darstellungräumlicher Einklang:— Stadtzentrum, Quartierskern— Promenade, Übersicht, Sichtachse— der öffentliche Raum des Flaneurs:Zugänglichkeit, Raumtextur— Grenzen und ihre Durchlässigkeit— Dichte mit kurzen Wegen und effektivemöffentlichem Transportwesen sowie VerundEntsorgung— Wechsel von Wachstum und Zerfall mitzeitweiligem Erscheinen von Brachen— Flur, Hof, Dorf, Gemarkung ...— Weg, Anger, Allmende ...— Ufer, Strand, Kante ...— Morphologien der Naturlandschaft:Relief, Gesteine, Gewässer— Feinstrukturen der Kulturlandschaft:sichtbare Raumstrukturen und noch vorhandeneEigentumsstrukturenzeitlicher Einklang:— Festwiese, Markt, Friedhof— Spaziergang, Fernsicht— die Freie Landschaft des Wanderers:Betretungsrecht, Netztextur— Weiten und ihre Erschließung— Extensivität mit großen, unzerschnittenenRaumzusammenhängen und effektiven,autarken dezentralen Systemen der VerundEntsorgung55


Sören Schöbelkönnen sich für jene „Pioniere“ öffnen,die zur Wiederbesiedelung und Erneuerungin Frage kommen: alternative Milieus,Zuwanderer. In einer kritischenRekonstruktion von Landschaft liegt einemögliche Ebene ihrer Integration, eineVerständigungsebene mit den Eingesessenen,die keine vollständige kulturelleAssimilation voraussetzt. BoomendeRegionen auf der anderen Seitekönnen mittels Landschaft die gesichtslosensuburbanen Räume zu lebenswertenOrten entwickeln, was weder denstaatlichen noch den lokalen Institutionenbisher gelingen kann. In beiden Fällenist Landschaft das, was der bereitszitierte Henri Lefèbvre für die Stadt beschriebenhat: eine vermittelnde Ebenezwischen den Alltagswelten und demGlobalen. 25Dazu ist es erforderlich, auch in derLandschaft jene Elemente, Bausteine undTypologien zu identifizieren, die eine gewisseStabilität über die Zeit hinweg aufweisenkönnen und dabei in der Lagesind, Vielfalt in einem Zusammenhang zufördern. Die Tabelle 1 soll solche Äquivalenzenandeuten.Von der Raumordnung zurLandschaftsentwicklungWie in der Stadt, so setzt in der Landschafteine räumliche Planung nachdem Prinzip der „kritischen Rekonstruktion“nicht eine dominierende Fachdisziplin,sondern eine interdisziplinäre Verständigungjener Institutionen voraus,die oben als „Raumordner“ bezeichnetwurden. In der Stadt sind Bauleitplanung,Verkehrs- u. Energieplanung sowiedie Freiraumplanung gemeinsam aneinem urbanistischen Projekt tätig, ausRaumordnern wurden Urbanisten; hiernun werden sie zu Landschaftsentwicklern.Eine Bauleitplanung unter dem Prinzipder kritischen Rekonstruktion sieht ihreAufgabe nicht mehr darin, Baugebieteneu zu strukturieren oder neu auszuweisen(§ 30ff. BauGB), sondern einzufügen.Ein „Einfügegebot“ ist bereits imGesetz verankert, gilt aber bisher nurdort, wo keine verbindliche Planungoder Privilegierung greift, d.h. im sogenanntenInnenbereich von alten Ortschaftenund Städten (§ 34 BauGB).Dieses Einfügegebot wäre nun auf alleGebiete auszudehnen und inhaltlich zuerweitern. Neben der „Art und demMaß der baulichen Nutzung“ wärenauch alle anderen Ziele und Grundsätzedes Baugesetzbuches (§ 1 BauGB) 26zu berücksichtigen, wie das Einfügen insozial stabile Bewohnerstrukturen, dasEinfügen in die kulturelle Infrastrukturund Versorgung, das Einfügen in dieBaukultur, den Denkmalschutz, dasOrts- und Landschaftsbild, das Einfügenin Ortsteil- und Zentrenstrukturen,das Einfügen in Entwicklungskonzepteder Gemeinde usw. Ein solches erweitertesEinfügegebot muss auch die „privilegiertenVorhaben“ im Außenbereich(§ 35 BauGB) umfassen. 27Eine Verkehrsplanung als Landschaftsentwicklunglässt sich auf zwei Maßstabsebenenentfalten: den Fernverbindungenund den örtlichen Wegenetzen.Bei der Fernstraßen- und Bahnlinienplanungsollte zuvorderst einEinfügen in die Topografie der Landschaftdie Linienführung bestimmen.Und zwar so, dass nicht nur der Bewältigungdes Verkehrs Rechnung getragenwird, sondern auch anderen Ansprüchender Gesellschaft an die Infrastruktur,wie in entlegenen Räumen die Verbesserungder touristischen Qualität. 28Auch in suburbanen Räumen könnenFernstraßen mehr leisten, als sie nur zudurchqueren und zu zerschneiden. Autobahnanschlussstellen,die sonst großeFlächen in Anspruch nehmen undnutzloses „Verkehrsbegleitgrün“ erzeugen,sollten Gewerbe, das in ihre Nähedrängt, nicht in Gewerbegebieten anlagern,sondern erstens ebenfalls in dieLandschaft einfügen und zweitens so indie Verkehrsanlagen integrieren, dassOrte hoher Konzentration entstehen. 29Das Gleiche gilt für Tankstellen undRastplätze. Sie lassen sich außerdemdurchaus gezielt zu regionalen Treffpunktenund „modernen Märkten“ entwickeln.Der Beitrag der Verkehrsinfrastrukturzur Landschaftsentwicklungliegt aber auch in ihrem Umgang mitden örtlichen Wegenetzen. Die Netztexturder Flur – das sind außer den Wegenalle Arten von natürlichen und kulturellenFlurgrenzen – ist für die Qualitätder freien Landschaft so wichtig, wiees die Raumtextur des Stadtgrundrissesfür den öffentlichen Raum der Stadt ist.Daher sollten alle Flurgrenzen und historischenWegenetze, insbesondere alleOrtsverbindungen, geschützt und rekonstruiertwerden, aufgehobene Straßenoder Bahnlinien sollten nicht durchRückbau zerstört, sondern durch Umwidmungerhalten werden.Wesentlich verantwortlich für die Qualitätder Netztextur der Flur sind aberauch die Landwirtschaft und der Naturschutz.Das öffentliche Interesse an einerüber den Wandel hinweg einigermaßenstabilen und frei zugänglichen,vielfältigen und einen offenen Zusammenhangbildenden Landschaft 30 sollteüber die anderen Belange gestellt werden,zumal die Gesellschaft diese finanziellträgt. Die Kulturlandschaftsprogrammesollten keine abstraktenAckerrandstreifen, Heckensysteme undRenaturierungen fördern, sondern einekritische Rekonstruktion alter Flurstrukturen.Diesem Grundsatz sollen schließlichauch die sogenannten „NeuenLandschaften“ der Energieproduktionfolgen. Die Erzeugung von Biomasseund die Freilandphotovoltaik führenderzeit zu einer Homogenisierung undZerschneidung von Landschaft, weil inder Regel die Schlaggrößen möglichstgroß gewählt, Solaranlagen zudem eingezäuntund per Kamera überwachtwerden. Diese neuen Landschaftselemente,wie auch Wasser- und Windturbinenkönnen nicht in der vorhandenenLandschaft „versteckt“, aber in die gegebenenStrukturen eingefügt werden.31Solche Strukturen sind nicht in allenLandschaften gleichermaßen vorhanden,oft sind sie aber auch nur nichtmehr auf den ersten Blick erkennbar.Der Schweizer Professor für Geschichteund Theorie des Städtebaus André Corbozschreibt dazu in „Die Kunst, Stadtund Land zum Sprechen zu bringen“:„Nach zwei Jahrhunderten, in denender Umgang mit dem Land in den meistenFällen von Tabula-rasa-Rezeptenbestimmt wurde, gibt es nun Ansätze zueiner Konzeption der Raumordnung, diedas Territorium nicht mehr nur als einquasi abstraktes Betätigungsfeld betrachten,sondern als das Ergebnis einersehr langwierigen und sehr langsamenSchichtenbildung die man kennensollte, bevor man in sie eingreift. (...) Inden Gegenden, in denen der MenschDr. Dipl.-Ing. Sören Schöbel, Studiumder Landschaftsplanung an der TU Berlin,1995 Diplom. Freiberufliche Tätigkeitals Landschaftsarchitekt in derStrukturplanung, Objektplanung undder Regionalparkentwicklung in Brandenburgund Berlin. 1998 bis 2003Wissenschaftlicher Mitarbeiter an derTU Berlin, Lehre in Entwerfen und Freiraumpolitik,Gutachten zur Kulturlandschaftsentwicklungund Freiraumplanung,Promotion über „Qualität undQuantität“. Seit September 2005 Professorfür Landschaftsarchitektur regionalerFreiräume an der TU München.Forschungsschwerpunkte: Theorie undPraxis der Freiraumplanung; Qualifizierungurbaner Landschaften; Wissenschaftund Entwerfen.UNSER AUTOR56


seit Generationen, ja mehr noch, seitJahrtausenden ansässig ist, hat jedeZufälligkeit des Landes eine Bedeutung.Versteht man sie, kann man intelligentereEingriffe vornehmen. (...) Die meistendieser Schichten sind sehr dünn und zugleichvoller Lücken. Vor allem fügt manihnen nicht nur etwas hinzu, man löschtvielmehr etwas aus. (...) Das ganz mitSpuren und gewaltsam durchgeführtenLektüreversuchen überladene Territoriumähnelt viel eher einem Palimpsest.“ 32Wer sich aber die Mühe macht, etwahistorische Karten, Luftbilder und Liegenschaftskartenübereinander zu legen,wird den erstaunlichen Reichtuman Strukturen entdecken, die einer ‚kritischenRekonstruktion‘ als Grundlagedienen können.Vom ländlichen Raum sind wir zur Stadtund wieder zur Landschaft gekommen.Neue Raumbilder für das Land legennahe, das fachliche und überfachlicheVerständnis von Landschaft so zu entwickeln,wie sich das Wissen um und dieWertschätzung von Stadt seit Ende der1960er Jahre in den Fachdiskursen undseit Mitte der 1980er Jahren auch wiederin der Planungspraxis regenerierthat. Der ländliche Raum kann eine „behutsameErneuerung“ und eine „kritischeRekonstruktion“ der Landschaftaus den Stadtdiskursen und ihren Planungswerkstättenlernen. So ergebensich neue Perspektiven, zwischen Bewahrenund neuer Gestalt lebenswerteländliche Räume zu erhalten.ANMERKUNGEN1 Vgl. von Humboldt, Alexander (1807): Ansichtender Natur, mit wissenschaftlichen Erläuterungen.Nachdruck Ditzingen 2005.2 Das Verständnis von Landschaft als Innenweltgeht bereits auf Petrarca zurück (Francesco Petrarca,Brief an Dionigi, 26. April 1336.); vgl. Ritter,Joachim (1963): Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischenin der modernen Gesellschaft. Schriftender Gesellschaft zur Förderung der WestfälischenWilhelms-Universität zu Münster.3 Blackbourn, David (2006): The Conquestof Nature. (dt.: die Eroberung der Natur). München.4 Vgl. Print- und Fernsehwerbung der Krombacher-Brauereimit Bildern der Aggertalsperre.5 Simmel, Georg (1913): Philosophie der Landschaft.In: Sophie Dorothea Gallwitz u.a.: DieGüldenkammer. Eine bremische Monatsschrift.3. Jg., Band 2, Bremen, S. 635–644.6 Gerade im IT-Bereich werden Begriffe wie„Systemarchitektur“ und „Applikationslandschaft“sehr gezielt verwendet, um hochkomplexe undabstrakte Strukturen anschaulich zu machen.7 Lefèbvre, Henri (1991): The Production ofSpace (Production de l’espace, 1974). MaldenMA, Oxford Carlton Victoria. Zur hier entwickeltenThese ist einschränkend anzumerken, dassLefèbvre die Stadt als „soziale“ Form betrachtethat, die Bedeutung ihrer gebauten Struktur undErscheinung bleiben in seinem Werk widersprüchlich.8 Lefèbvre, Henri (1972): Die Revolution derStädte (La Révolution urbaine, 1970). München.9 Die Logik der Bauleitplanung wird vielfachdurch den Immissionsschutz ergänzt, was hieraber nicht weiter vertieft werden kann.10 Vgl. § 1 (5) BauGB.11 Sieverts, Thomas (1997): Zwischenstadt zwischenOrt und Welt Raum und Zeit Stadt und Land(Bauwelt Fundamente Ausg.). Braunschweig/Wiesbaden.12 So heißt es bei der von der Forschungsgesellschaftfür Straßen- und Verkehrswesen FGSV erarbeitetenRichtlinie zur Anlage von Landstraßen(RAL): „Den neuen Richtlinien liegt ein weitgehendverändertes Entwurfprinzip zugrunde. WichtigstesZiel ist dabei die Konzeption von wenigenstandardisierten Landstraßentypen, die so weitwie möglich selbst erklärend ausgebildet seinsollen.“13 Das ist nicht selbstverständlich. So werden inNorwegen Straßen nach landschaftlichen Prinzipiengeplant, weil sie nicht nur als Verbindungenzwischen Orten, sondern als Interpretation derLandschaft und touristische Attraktion zu dienenhaben.14 Maßnahme im landschaftspflegerischen Begleitplanzum Bau des Streckenteilabschnittesder A 99 München (West) Langwied-Allach mitSpange Eschenried, 1993 planfestgestellt. Quelle:Sedlmeier, Heinz (2003): Ausgleich oder Mäntelchen?Ausgleichsmaßnahmen fü r die Eingriffein Natur und Landschaft beim Bau der A99 – Studiezur Umsetzungspraxis und zum Erfolg derplanfestgestellten Massnahmen. München: GregorLouisoder Umweltstiftung.15 Vgl. dazu Burckhardt, Lucius (1995): Landschaftist transitorisch – zur Dynamik der Kulturlandschaft.Laufener Seminarberichte, 4, S. 31–36 sowie Dinnebier, Antonia (1995): Die Innenweltder Außenwelt. Die schöne Landschaft als gesellschaftstheoretischesProblem (Landschaftsentwicklungund Umweltforschung Ausg., Bd. 100).Berlin. Es gibt zwar durchaus auch Hinweise, dassmoderne Arbeiter ihre hoch industrialisierte Regionals eine qualitätvolle, vielfältige und von Zusammenhanggeprägte Landschaft wahrgenommenhaben. Dies widerspricht aber nicht derThese, weil es sich dabei um solche Regionenhandelt, die einen Rückblick tragen – einst entlegeneLandstriche, die einen besonderen Erfindungsgeisthervorgebracht haben oder einenVorausschein erlauben – wie die wirtschaftlicheStärke und soziale Verfasstheit des Ruhrgebiets.16 Vor allem die sogenannte Flächensanierungvon Altstädten, die von ihren Gegnern wie derHausbesetzerszene der 1980er Jahre als „Kahlschlagsanierung“durchaus zutreffend beschriebenwurde.17 Jacobs, Jane (1976): Tod und Leben großeramerikanischer Städte. (The Death and Life ofGreat American Cities, 1961) (Bauwelt FundamenteAusg., Bd. 4). Braunschweig.18 Rossi, Aldo (1973): Die Architektur der Stadt(L’Architettura della Città, 1966). Düsseldorf.19 Sennett, Richard (1983): Verfall und Ende desöffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität.(The Fall of Public Man, 1974). Frankfurt am Main.20 IBA Berlin mit Hardt-Waltherr Hämer und JosephPaul Kleihues als Protagonisten.LANDSCHAFTSBILDER ZWISCHENBEWAHREN UND NEUER GESTALT21 Hoffmann-Axthelm, Dieter (1993): Die dritteStadt. Frankfurt am Main.22 Zwischen der Kritischen Theorie und dem KritischenRationalismus liegt freilich die Frage, obdie wesentlichen Strukturen der Gesellschaftüberhaupt in ihrer Totalität kritisierbar sind (Positivismusstreit).Diese Konfliktlinie in den Sozialwissenschaftender 1960er Jahre scheint sich in derPlanerszene zu wiederholen, spannt sich dortzwischen bauenden Architekten der „kritischenRekonstruktion“ hier, Stadtplanern des „perspektivischenInkrementalismus“ dort auf, wobei letzteredeutlicher die Linie von Karl R. Popper vertreten.23 Rossi, Aldo (1973): Die Architektur der Stadt.(L‘Architettura della Città, 1966). Düsseldorf.24 Dies gilt auch, wenn der Staat Europa heißt.Dies wurde frühzeitig erkannt und ein „Europa derRegionen“ begründet, das sich eben an Landschaftenorientiert: die Euregios im Alpenraum, imBaltikum usw.25 Der amerikanische LandschaftstheoretikerJohn Brinckerhoff Jackson hat genau diese vermittelndeEbene zwischen dem „Vernakulären“und der staatlichen Ordnung die „LandschaftDrei“ genannt, die eine einigermaßen stabile sozialeOrdnung fördern könnte; vgl. Jackson, JohnBrinckerhoff (2005): Landschaften. Ein Resümee.(Concluding with Landscapes, 1984). In: Franzen,Brigitte/Krebs, Stefanie: Landschaftstheorie.Köln, S. 29–44.26 Während § 1 des BauGB umfangreiche soziale,ökonomische, ökologische und kulturelle Anforderungenin Einklang bringen will, sind dieBestimmungen zur Bauleitplanung noch weitgehendauf abstrakte, funktionale Konstruktionenbezogen. Das Einfügegebot des § 34 bezieht sichaber vor allem auf Art und Maß der baulichenNutzung, die ebenfalls angesprochene „Eigenartder näheren Umgebung“ findet auch in der Praxisnur eine untergeordnete Würdigung.27 Ein solches Einfügegebot wäre sogar geeignet,auf das Bauverbot im Außenbereich zu verzichten,wenn jedes geplante Vorhaben sich ineinem entsprechend engen Rahmen der Einfügungbewegen muss, Grundflächenzahlen (GRZ)bis drei Stellen hinter dem Komma genau bei derEinfügung zu berücksichtigen wären. Die Zersiedlungwürde gegenüber dem heutigen Ausmaßnicht zunehmen, aber eine kleinteilige Landschaftsstrukturgefördert.28 Diese wird in Deutschland meist mit demNazi-Regime in Verbindung gebracht. Dort handeltees sich aber bereits um eine Nachahmungder amerikanischen Parkways. In Norwegen werdenalle Fernstraßen zusammen mit Landschaftsarchitektenentwickelt.29 Vgl. die „Delphingebäude“ von Rem Koolhaas.In: arch+, 105/106, 1990.30 Ein Vorbild könnten die englischen „PublicFootpaths“ sein, die ohne aufwändige Wegeanlagenden ländlichen Raum mit einem attraktivenNetz an Wanderwegen durchziehen.31 Vgl. Schöbel, Sören (2008): windKULTUREN.Windenergie und Kulturlandschaft. Berlin: TUMLAREG Fachgebiet für Landschaftsarchitektur regionalerFreiräume.32 Corboz, André (2011): Das Territorium als Palimpsest.In: Corboz, André: Die Kunst, Stadt und Landzum Sprechen zu bringen (Bauwelt-FundamenteAusg., Bd. 123). Basel, Boston, Berlin, S. 143–166.57


IM DORF UND UMS DORF HERUMORTEÜber den Zusammenhang von Bewegung und ÖffentlichkeitAngelika JäkelEin „guter Ort“ – so die These von AngelikaJäkel – ist ein Ort, der seine Be wohnerund Benutzer nicht nur visuell, sondern mitseiner sinnlich-leiblichen, insbesondereseiner kinästhetischen Empfindungsfähigkeitanspricht. Für einen „guten Ort“ ist esvon entscheidender Wichtigkeit, wie sichder Ort als „räumliches Bild“ im Alltag seinerBewohner konkret erfahren und erlebenlässt. Das hier vorgestellte Modell derAnalyse räumlich-gestischer Kommunikationerlaubt es, Gestalten (Dinge, Objekteund Räume) und Bewegungs- und Handlungsfiguren,die das Gesamtbild einesOrtes prägen, zu identifizieren. Anhandeiniger räumlicher Gesten wird der Zusammenhangzwischen dem Bewegungscharakterder räumlichen Situation unddem Charakter von Öffent lichkeit exemplarischaufgezeigt. Das Konzept der räumlichenGesten birgt die Möglichkeit, dieWirkungen örtlicher Umgebungen auf dieBewohner und Benutzer in ein graphischesund sprachliches Bild zu überführen undso die Gestalten und Figuren der räumlichenUmgebung zu optimieren. Das skizzierteVerfahren kann als Teil eines Planungsansatzesverstanden werden, der esGemeinden gerade im ländlichen Raumermöglicht, dörflichen Gemeinsinn undEngagement zu aktivieren, um öffentlicheFreiräume zu verbessern bzw. umzugestalten.der Beantwortung der Frage nach dem„guten Ort“ mit der These, dass ein guterOrt einer ist, der die Bewohner und Benutzernicht nur visuell, sondern mit seinerganzen sinnlich-leiblichen, insbesondereseiner kinästhetischen – der bewegungswahrnehmenden– Empfindungsfähigkeitanspricht. Ein guter Ort, so könnte manzuspitzen, „passt“ seinem Benutzer wieein Maßanzug, der so geschneidert ist,dass man ihn beim Tragen gar nichtspürt. Das Tragen des Maßanzugs bedeutet:sich in ihm bewegen, die Tätigkeitenausführen, die eben zum alltäglichenTun (im Maßanzug) gehören. Ähnlich istes mit den guten Orten: Man spürt siebestenfalls gar nicht und dennoch provozierensie bestimmte Befindlichkeiten,Stimmungen, Haltungen und Bewegungen– beiläufig. Dass solche „guten Orte“entscheidend beizutragen habenzum „Gesamtbild“ einer Ortschaft, dasssie ebenso unverzichtbar Teil einer Marketingstrategievon Orten und Regionensein müssen, und dass sie gerade inländlich geprägten Räumen häufig auchdas Alleinstellungsmerkmal einer Ortschaftausmachen können, steht außerZweifel. Für alle diejenigen, die an dengenannten Prozessen der Entwicklungvon Identitäten mitwirken, stellt sich daherimmer die Frage, welches die maßgeblichen„guten Orte“ sind, wie sich solcheOrte finden lassen, wie sie zu interpretieren,zu planen und schließlich – alsInnen- wie als Außenbild – zu vermittelnsind. Übertragen auf das Gesamtbildvon Orten meint dies, dass es für die„Marketingstrategie“, für das Alleinstellungsmerkmaleines Ortes, ganz allgemeingesagt also für sein Erleben als „guterOrt“ von entscheidender Wichtigkeitist, wie sich der Ort als „räumliches Bild“im alltäglichen Erleben von Bewohnernund Besuchern erfahren lässt.Den folgenden Ausführungen liegt dieÜberzeugung zu Grunde, dass nurdasjenige Gesamtbild als authentischwahrgenommen wird und langfristigbelastbar ist, welches sich vor Ort auchals konkretes Erleben der Inhalte diesesBildes leiblich-sinnlich vermittelt. Als„konkretes Erleben“ will ich hier einenZugang zur Alltagswirklichkeit verstehen,der zum einen das konkrete Verhaltender Benutzer und deren Bewegungsspektrummeint. Gemeint sindaber auch die Bewegungssuggestionenund die Befindlichkeit, die ein Ortausstrahlt – beides ist in der Wahrnehmungnatürlich eng miteinander verknüpft.Als konzeptionellen Gegenspielerzum Begriff des räumlichen Bildeswill ich hier die räumlichen Gestenals einen möglichen Ansatz zur räumlichen1 Analyse, Interpretation und Ge-Gesten, Räume und OrteWas ist ein „guter Ort“? Gemeint sindhier Orte im Sinne von Siedlungsorten– in der Regel sind dies Dörfer – im ländlichenRaum, zu deren Qualitäten als(Lebens-)Orte eine Vielzahl von komplexenBedingungen und Eigenschaftenbeitragen. Die Frage nach dem geniusloci, dem Geist des Ortes, zieltaber nicht zwangsläufig ab auf zukunftsfähigeStrategien zur Erhaltungund Entwicklung ländlicher Siedlungsräume,sie gehört vielmehr zu den jahrtausendealten Grundfragen des Bauensselber. In einer Ortschaft gibt es vieleOrte – hier zeigt sich die schillerndeMehrdeutigkeit des Begriffes, der maßstäblicheinen weiten Bereich fasst –von der Stelle, an der ich mich geradebefinde, bis hin zur Bezeichnung einerganzen Siedlungsstruktur.Der Ansatz, den ich hier vorstellen will, istnicht auf eine bestimmte Maßstabsebenevon Orten festgelegt. Er nähert sichAbbildung 1: Grundmodell der Analyse räumlich-gestischer KommunikationQuelle: Eigene Darstellung58


Abbildung 2staltung vorstellen. Die Beschreibungvon räumlichen Gesten zeigt Möglichkeitenauf, den kinästhetischen Gehaltvon Orten zu Tage zu fördern und diesenfür Laien wie auch für Planer nichtnur verständlich, sondern auch als Instrumentder Planung handhabbar zumachen. Es geht um die charakteristischeWeise von Bewegungen, die aneinem Ort möglich und für diesen typischsind, es geht um die Identität vonWegen und Aufenthalten.Was ist das, eine Gestik des Raumes?Das Konzept geht davon aus, dass einbeliebiger architektonischer Raum –dies kann ein Gebäude ebenso seinwie eine städtebauliche oder landschaftlicheSituation – nur aus der Perspektivedes Benutzens dieser Räumeadäquat beschrieben werden kann.Hier ist weniger die in der gängigenAnalysepraxis bereits etablierte, differenzierteBetrachtung unterschiedlicherFunktionen 2 gemeint, als eine Wirkungsperspektive,welche in leiblicherInteraktion zwischen dem Benutzer undseiner konkreten, räumlichen Umgebungentsteht. Leibliche Interaktionheißt: Ich als Planerin muss mich selbstim Raum befinden, muss ihn erfahrenund mich ihm aussetzen, muss ihn imGehen, Stehen und Handeln erkunden,um sagen zu können, wie er auf michwirkt und welche Befindlichkeiten erauslöst. Bedingung einer solchen Analysepraxis,die sich an phänomeno logischenund hermeneutischen Forschungsansätzenorientiert, ist eineOrtsanalyse, die sich qua Aufenthaltund „Einfühlung“ so nah wie möglich ander Praxis des Bewohnens und Benutzensder in Frage stehenden Orte undBereiche orientiert. 3Wie geht eine Analyse räumlich-gestischerKommunikation vonstatten? In einemersten Schritt werden diejenigenGestalten und Figuren identifiziert, diedas Gesamtbild eines Ortes prägen:Gestalten sind Dinge, Objekte und Räumeunseres Herum, die uns ausdrucksvollentgegentreten und unseren Aufenthaltbei den Dingen in bestimmter Weise färben.Dem gegenüber lassen sich auf Seitender Benutzer verschiedene Figurenidentifizieren: Es sind dies Haltungs-, Bewegungs-oder Handlungsfiguren, diebis zu einem gewissen Grade graphischabbildbar sind, deren Erlebensperspektivejedoch nur sprachlich einzufangenist und ebenfalls nur auf Basis einer phänomenologischenBeschreibung gewonnenwerden kann. In einem zweitenSchritt wird dann gefragt, wie sich dieseGestalten und Figuren zueinander verhalten,in welcher – gestisch-räumlichen– Beziehung sie zueinander stehen. DieseBeziehung – in der Regel eine Folgevon mehreren Interaktionsschritten – istdie Geste, die sich in räumlicher Anwesenheit,im Gehen und im Aufenthalt indiesen Räumen ereignet. Auf den kommunikativenProzess, der sich zwischenden beiden Polen der Gestalten und Figurenereignet, wird in einem drittenSchritt gesondert fokussiert, indem dreiwesentliche gestische Charaktere abgefragtwerden: Das Entsprechungsverhältniszwischen den Gestalten und Figurenwird mit der Frage nach der Mimesisder Geste zu klären versucht. Mit derPerformativität der Geste ist deren inszenatorischerGehalt, also die Fähigkeit,den Benutzern Rollen und Handlungennahe zu legen, gemeint. Schließlich istdie Einschätzung der Gestimmtheit, dieeine bestimmte räumliche Geste auszulösenvermag, entscheidend für den affektivenZugang, den Bewohner und Benutzerzu unterschiedlichen räumlichenSituationen finden können.Räumliche Gesten in der Ortsanalyseund -entwicklungDie Qualität von Bewegungsmustern –dies können typische Weisen des Gehensebenso sein wie charakteristische Blicke,die Art und Weise, wie man an einer Mauersteht und von dort auf die Landschaftblickt, oder auch die Typologie vonGrundrissen und ihr Bezug zu den Außenräumen– hat auf zwei unterschiedlichenplanerischen Ebenen Einfluss auf das Erscheinungsbildunserer Orte: Dies ist zumeinen die performative Ebene der Wegeund Aufenthaltssituationen: Wo ich gehe,wie ich gehe und wie ich mich dabei befinde,prägt entscheidend das Bild, welchesfür den Benutzer von einem Ort entsteht:Nicht jeder Bürgersteig ist angenehm,sicher und dabei auch noch ein interessanterund guter Weg mit Blickenund Aufenthalten. Es zeigt sich hier schonin der Sprache, dass wir es gewohnt sind,in planerischen Zusammenhängen ehervon einer Wegeführung, nicht aber vonBewegungsführung zu sprechen. ErstererBegriff legt das Augenmerk auf die Gestaltungdes Objektes – in diesem Fall desWeges –, letzterer betont dagegen dieORTEWahrnehmungsebene des Benutzers. Diezweite Planungsebene betrifft den Charaktervon Öffentlichkeit, der durch bestimmteBewegungsmuster in öffentlichenFreiräumen erzeugt wird: Je nachdem,wofür ein öffentlicher Freiraum geeignetist, welche Bewegungen, Haltungen, welcheArt von Aufenthalt er ermöglicht, wirder eher zweckgerichtet oder eher spielerischund interpretativ genutzt werden.Spannung – positive wie negative – entstehtda, wo sich mehrere räumliche Gestenüberlagern.Im Folgenden sollen einige solcherräumlicher Gesten skizziert werden, indemder jeweilige Zusammenhang zwischendem Bewegungscharakter derräumlichen Situation und dem Charaktervon Öffentlichkeit aufgezeigt werdensoll. Die Beispielsammlung thematisiertdamit gleichzeitig einige Problemstellungender Definition des öffentlichenRaums, wie er für ländlicheGebiete charakteristisch ist. 41. Vorplätze – Raum zwischenStraße und HausDer Gebrauch der Landschaft, das Denkenüber Landschaft in der Bevölkerungist traditionell geprägt von der Nutzbarkeitvon Landschaft, die als Lieferantvon Nahrungsmitteln, Futter und Brennmaterial,Wasser(kraft) usw. fungiert.Orte waren und sind „Um-zu“-Orte 5 , siesind primär zweckgebunden und werdennur sekundär mit ästhetischen Attributenbelegt. Ihr ästhetischer Wert wirdim Alltag nicht thematisiert: Ein Bauergeht nicht spazieren.Aus diesem Umstand mag das besondereEngagement vieler Landbewohnerresultieren, es heute dem Auto besondersrecht machen zu wollen. Man fährtviel auf dem Land, besonders dort, woauch innerhalb des Ortes einige Höhenmeterzu überwinden sind. Die jahrhundertealteTradition, sich das LandAbbildung 359


ORTEnutzbar zu machen, es zu erschließen,um die Arbeit mit eben diesem Land zuerleichtern, fokussiert nun auf das Auto.In der Folge ergibt sich nicht nur einegesteigerte visuelle Präsenz von Garagen,sondern die autogerechte Gestaltungder Freiräume gerade im Übergangvon Straße und Haus – den privatenVorplätzen also, wo ehedem Aufenthaltsqualitätfür Menschen herrschte(Abb. 2). Die Gestik dieser Räume hatsich stark verändert, und man spürt esihnen an, dass sie sich weniger an denNachbarn als an dessen Auto wenden.2. Aneignung von RestflächenJeder Ort ist gut für Sport. Mit diesemKalauer lässt sich etwas beschreiben,was früher für eine Kindheit auf dem Landezutraf: Nicht die Spielplätze warendie Erfahrungs- und Erlebnisräume derKinder, sondern der elterliche odernachbarliche Hof, die Weiden, derWald, der selbstverständliche Umgangmit Tieren. Der Arbeitsraum der Erwachsenenwar weitgehend identisch mitdem Lebens- und Spielraum der Kinder,die früher einen viel größeren Radius fürihre Erkundungen hatten als Kinder gleicherAltersstufen heute. Mit dem Rückgangvon landwirtschaftlicher Arbeitund der geringeren Präsenz von Erwachsenenim Außenraum hat sich die „Landaneignung“der Kinder geändert. Auchder demographische Wandel hat imländlichen Raum bereits dazu geführt,dass viele Kinder in unmittelbarer Nachbarschaftkeine Spielkameraden haben,die sie – unbeaufsichtigt von Erwachsenen– besuchen können. Zentral gelegeneSpielplätze, wie sie von vielen Gemeindenunterhalten werden, sind hiernicht die beste der möglichen Antwortenauf die Misere. NachbarschaftlicheAbbildung 4Treffpunkte für Kinder sind im unmittelbarenWohnumfeld ungleich wichtiger,darum ist hier eine „Public-Private-Partnership“im Kleinen gefragt: Kinder undJugendliche haben die bemerkenswerteGabe, ihr Umfeld nach ihren Interessenzu deuten und sich an Orten einzunisten,die diesen Interessen entgegenkommen.Da kann eine Restfläche zwischen Straßeund Haus zum seltsam zugeschnittenenBasketballfeld werden, gerade weildieser Flecken ansonsten für nichts undniemanden gut ist (Abb. 3). Da kannauch eine leer stehende Scheune einTrampolin aufnehmen und damit zumWinterspielplatz für das halbe Dorf werden– vorausgesetzt, es gibt Leute, dienichts dagegen haben, dass das halbeDorf ihre Scheune nutzt. UnterschiedlicheInteressenslagen ziehen eine unterschiedlichegestische Deutung von privatenwie öffentlichen Freiräumen nachsich – darauf will ich hier hinaus. Es wäreschön, wenn die traditionell fehlendenZäune auf dem Land eine solch fruchtbareAneignung von Land und Raum auchweiterhin ermöglichen würden.3. „Möblierung“des öffentlichen RaumsFreiraumelemente – wie auf Abbildung 4einer von mehreren Brunnen im Dorf –haben traditionell auf dem Land einenNutzcharakter: Sie waren oder sindViehtränke, Entnahmestelle für Gießwasser,Planschbecken für die Nachbarskinder.Solche, an die man nicht herantretenkann oder soll, die einzig „zurZierde“ aufgestellt wirken, erscheinengerade auf dem Land merkwürdig deplatziertund verwaist. Wie wäre es mitdem Grundsatz, dass Gestaltungselementedes Freiraums immer auch einenNutzwert haben sollten, dass man mitihnen „etwas machen können“ sollte?Dies könnte ein charakteristischer Unterschiedzu Freiraumelementen in städtischenLebensräumen sein.4. Die räumliche Gestikvon WegenEin eigenes und komplexes Thema istdie räumliche Gestik von Wegen. Indem Dorf Schmitzingen ist der besteWeg des Dorfes der Rebenweg (Abb. 5).Er verläuft parallel zur Hauptstraße, außer-und oberhalb des Dorfes, er hatlänger Sonne als alle anderen Teile desDorfes. Er verläuft zwischen Obstbäumen,an Quellwiesen, am Waldrandund an Holzbiegen vorbei, in der einenRichtung sieht man mit zunehmenderHöhe das Ende des Tals, zurück blicktman hinunter und hinüber bis in dieSchweiz, bei guter Sicht kann man die„Schneeberge“ sehen, wie die Alpenhier genannt werden. Innerhalb der20 Minuten Gehstrecke ist alles geboten,was markant und typisch für denLandschaftsraum des Ortes ist: die beidenBlickrichtungen des Tals, das Steigenam Hang, das Gegenüber des steilenSchwarzwald-Osthanges, die Nähedes Waldes, Obstbaumwiesen. Esgibt solche Wege in jedem Ort, und oftgibt es mehrere davon – je nachdem,von wo aus jemand seine Runde drehenmöchte. Wenn zwar die Bauern frühernicht spazieren gingen, so tun es dochdie Landbewohner heute; oft ist ja geradedie Erreichbarkeit von freier Naturder Grund für die Wohnortwahl derheutigen „Zugezogenen“. Die Gestiksolcher Wege und damit der Beitrag,den sie im Hinblick auf eine Identifikationmit dem Ort leisten können, dieseGestik also zu wahren, zu stärken undzu entwickeln, ist darum heute eine entscheidendestrategische Aufgabe fürländliche Orte.5. Welchen Dorfplatzwollen wir haben?In vielen Dörfern gibt es „Dorfplätze“ –Orte, die Treffpunktcharakter haben. InSchmitzingen gibt es einen solchenPlatz nicht, allerdings käme ein Platz fürdiese Aufgabe in Frage. Es handelt sichum den Vorplatz des ehemaligen Kindergartengebäudes,das seit 2009 leersteht, weil auch hier der Spardruck derkommunalen Verwaltung zu Zusammenlegungengeführt hat, bei denen derOrt leer ausging (Abb. 6). Auf dem Platzliefern sich gegenwärtig ganz unterschiedlicheräumliche Gesten eine Auseinandersetzung:Die bauliche GesteDr.-Ing. des. Angelika Jäkel lebt undarbeitet als Freie Architektin in Karlsruhe.Forschungsschwerpunkte sindGrundlagenthemen der Architektur, insbesonderedie räumliche Wahrnehmung.In ihrer Dissertation hat sie sichmit der Bewegungswahrnehmung inarchitektonischen Situationen beschäftigt.Die Arbeit mit dem Titel „Gestik desRaumes. Zur leiblichen Kommunikationzwischen Benutzer und Raum in der Architektur“erscheint 2011.UNSERE AUTORIN60


Abbildung 5des Hauses verhält sich zur Platzflächebeherrschend, der „Raumschatten“, dendas Haus wirft, vermag der Platzflächeein gutes Gegenüber zu geben. Aber:Auch Glascontainern, auch Garagengelingt es, mit ihrem Wirkungsgehaltden räumlichen wie atmosphärischenCharakter eines Ortes zu prägen. Esmag praktisch sein, solche Sammelfunktionenin der Mitte des Ortes in guterErreichbarkeit für alle anzusiedeln –dem Platz hängt allerdings der Nimbusdes Müllsammelplatzes an, ein Hinterhof,ein Garagenplatz direkt an derHauptstraße – das macht viele andere,denkbare Aneignungen schwierig.Die genannten Beispiele thematisierendas ganz unterschiedlich Erzeugendeder räumlichen Gesten: Es geht nicht nurdarum, über die raumgreifende Dynamikvon Bauwerken nachzudenken. JedePlatzkante, jeder Belagswechsel, jedeBaumreihe, jeder Schwung der Topographiebeeinflusst die Weise, wie wiruns bewegend in unserer Umwelt verhalten.Damit wird gleichzeitig eineChance und Herausforderung für dieAnwendung dieses Instrumentariumsauf räumliche Situationen in ländlichenSiedlungsstrukturen deutlich: Hier ist einviel größerer Anteil der räumlichen Umgebungnicht explizit gestaltet, sondern„gewachsen“ – dies schließt das „Gewachsensein“von landschaftlichenStrukturen ebenso ein wie das eher zufälligeSo-werden von baulichen Strukturen.Das Konzept der räumlichen Gestenbirgt die Möglichkeit, die Wirkungensolcher Umgebungen auf die Bewohnerund Benutzer in ein graphisches undsprachliches Bild zu überführen. Ist mansich dieser Wirkungen erst einmal bewusst,so bedarf es manchmal nur organisatorischerMaßnahmen, um entscheidendeVerbesserungen der Gestaltenund Figuren des räumlichen Herum herbeizuführen– die Glascontainer sindhierfür ein gutes Beispiel. In diesem Sinnewäre das hier skizzierte Verfahrenauch als Teil eines Planungsansatzes fürdiejenigen Gemeinden zu verstehen,deren Potential einer Verbesserung oderUmgestaltung von öffentlichen Freiräumenweniger im Vorhandensein finanziellerMittel als in der Existenz von dörflichemGemeinsinn und bürgerlichem Engagementbesteht.ANMERKUNGENORTEAbbildung 6Alle Abbildungen: Angelika Jäkel1 Gemeint ist hier und im Folgenden ein architektonischerRaumbegriff, für den drei Bedingungenkonstituierend sind: Es handelt sich (1) hierbeium wirklichen Raum – um Raum, in dem ich michtatsächlich aufhalte –, (2) der Raum ist immer zentriertauf das Subjekt, und (3) schließlich ist architektonischerRaum immer einer, der zwischen(materiellen) Grenzen unterschiedlichster Art erstentsteht. Unter diesen Voraussetzungen kannauch eine räumliche Situation in freier Natur architektonischbetrachtet werden: Welchen Charakterhat etwa der Raum einer Lichtung (langgestreckt, mäandrierend, zentrierend…)? Wieträgt der Charakter der Begrenzungen der Lichtungbei zum Gesamtcharakter des Raumes(dicht, kompakt, aufgelockert, diffus, bewegt,licht…)?2 Mit solcherlei Funktionen sind hier pragmatischeWeisen des Benutzens gemeint: Wohnen,Spielen, Fahren, Arbeiten, Erholen usw.3 Zu den einzelnen Schritten der gestischenRaumanalyse und ihren methodischen Voraussetzungenvgl. die Dissertation der Autorin: Gestikdes Raumes. Zur leiblichen Kommunikation zwischenBenutzer und Raum in der Architektur. Karlsruhe,KIT, Fakultät für Architektur, 2010.4 Es handelt sich hierbei allesamt um Aufnahmenaus dem kleinen Ort Schmitzingen beiWaldshut am südlichen Rand des Schwarzwaldes,ein insofern typisches Dorf, als der Ort mittlerweileüber keine öffentlichen Nutzungen mehrverfügt und bis auf einen Nebenerwerbsbetriebauch keine Landwirtschaft mehr im Dorf ist. Diehier gezeigten Beispiele für öffentliche Freiräumewären ähnlich sicher auch andernorts zu finden,sie sind insofern nicht „typisch“ und „charakteristisch“für das Gesamtbild des Ortes Schmitzingen.5 Der Soziologe Alfred Schütz spricht davon,dass wir Dinge im täglichen Gebrauch nie abstraktwahrnehmen, sondern dasjenige, wozu siedienen, immer schon als das „Um-zu“ mit wahrnehmen;vgl. Alfred Schütz (1971): GesammelteAufsätze. Band I: Das Problem der sozialen Wirklichkeit.Den Haag.61


INNOVATIONEN ZUR VERBESSERUNG DER GRUNDVERSORGUNGDas Modellprojekt „Freiamt bringt’s“Carina Stephan/Fabian TornsORTEEine funktionierende Grundversorgungist ein ausschlaggebendes Kriterium fürdie Wohn- und Standortqualität vonGemeinden im ländlichen Raum. DieAuswirkungen des demographischenWandels, hohe Pendlerquoten, Konzentrationsprozessedurch Lebensmittelkettenund Standortverlagerungen habenzu einer merklichen Ausdünnungder Versorgungsstrukturen im ländlichenRaum geführt. Die Sicherung der Grundversorgungwird somit zu einer zentralenHerausforderung für kommunale undregionale Planungsträger. Mithin sindneue Organisationsformen und alternativeAngebotsformen gefragt. CarinaStephan und Fabian Torns erörtern konkreteorganisatorische Innovationen amBeispiel des Modellprojekts „Freiamtbringt’s“. In der SchwarzwaldgemeindeFreiamt wurden neue Wege der Lebensmittelversorgungüber eine lokale Internet-Plattformund einen Lieferdienst umgesetzt.Damit wurde zum einen dieErreichbarkeit des Grundversorgungsangebotserhöht und zum anderen erfolgteeine organisatorische Bündelungder Anbieter.Aktuelle Herausforderungen derGrundversorgungEine funktionierende Grundversorgungist ein zentraler Aspekt der Wohn- undStandortqualität von Gemeinden imländlichen Raum. Die Versorgung derBevölkerung mit Lebensmitteln und anderenWaren des täglichen Bedarfs isteine wesentliche Stütze der Vitalität undAttraktivität der Innenstädte bzw. Ortskerne.Neben ihrer funktionalen Bedeutungfür die wohnungsnahe Versorgungsind innerörtliche Einzelhandelseinrichtungenund einzelhandelsnahe Dienstleistungenals sozialer Treffpunkt, alsArbeitsstätte sowie für das Ortsbild vonmaßgeblicher Bedeutung.Besonders im ländlichen Raum steht derEinzelhandel verschiedenen Herausforderungengegenüber, die die Rentabilitätund damit den dauerhaften Bestandgefährden können. Dazu zählen: Der demographische Wandel: Die erwartete,zum Teil bereits merkliche Bevölkerungsabnahmeimpliziert einenNachfragerückgang. Zugleich ergibtsich durch eine deutlich alternde Bevölkerung,geringere Haushaltsgrößenund eine Ausdifferenzierung derGesellschaft eine veränderte, individualisierteNachfrage. Hohe Auspendlerquoten: SteigendePendlerquoten führen zu überörtlichenLebensweisen und damit zu einem verändertenEinkaufsverhalten, indembeispielsweise Wegeketten zwischenArbeitsplatz, Freizeiteinrichtungen undWohnort gebildet werden und Besorgungenentlang dieser Wegstreckenerfolgen. Konzentrationsprozesse: Durch die großenLebensmittelketten sind inhabergeführteBetriebe mit vergleichsweisekleinen Verkaufsflächen und einer eingeschränktenAngebotsbreite einemstarken Wettbewerb ausgesetzt. DerTrend geht zu wenigen, aber größerenVerkaufseinheiten, wodurch die Entfernungzwischen Wohnstandort und Einkaufsstättesteigt. Standortverlagerungen: Vielerorts findeteine Verlagerung von Versorgungseinrichtungenaus dem Ortskern anden Siedlungsrand statt. Dies zieht erheblicheAuswirkungen auf Gestaltund Funktionalität der Ortszentrennach sich.Diese Faktoren haben in der Summe dazubeigetragen, dass sich die (wohnnahe)Versorgung mit Waren des täglichenBedarfs in ländlichen Gemeinden vielfachverschlechtert hat. Es ist zu einerAusdünnung der Versorgungsstrukturengekommen und zu längeren Anfahrtswegen,die schon heute nur noch selten fußläufigbewältigt werden können.Planerische Ansätze zurGewährleistung derGrundversorgungAngesichts der genannten Rahmenbedingungenund der spezifischen Siedlungsstrukturenim ländlichen Raumzählt die Sicherung der Grundversorgungzu den wesentlichen Herausforderungender kommunalen und regionalenPlanungsträger. Der im Raumordnungsgesetzverankerte Auftrag, dieVersorgung mit Dienstleistungen und Infrastrukturender Daseinsvorsorge zugewährleisten, beschränkt sich nichtauf deren Vorhandensein. Gefordertwird vielmehr, die Erreichbarkeit vonEinrichtungen und Angeboten derGrundversorgung für alle Bevölkerungsgruppenin angemessener Weisesicherzustellen. 1 Zur Erfüllung des gesetzlichumrissenen Planungsauftragssollen explizit auch neue Organisationsformenoder alternative Angebotsformenzur Anwendung kommen, beispielsweiseder ambulante Handel oderder Einzelhandel mit Zusatzfunktionen. 2Ansiedlung oder Betrieb der entsprechendenVersorgungsangebote sindnicht eigenständig von der öffentlichenHand umzusetzen. Die planerischen Ansätzelassen sich daher im Wesentlichenauf zwei Handlungsfelder reduzieren.Räumliche und organisatorischeBündelungDie räumliche Konzentration der Versorgungsfunktionenumfasst deren überörtlicheBündelung in Zentralen Orten, d.h.an Standorten, die Versorgungsaufgabenfür mehrere Gemeinden übernehmen.Dieses Konzentrationsgebot findetsich durchgängig in den Plänen und Programmender Raumordnung auf Landesundauf regionaler Ebene wieder. 3Vorteile für Kunden und Anbieter ergebensich ebenso durch eine nahräumlicheBündelung in den Stadt- undOrtszentren. Dies entspricht auch demZiel, Innenstädte und örtliche Zentrenals Versorgungsbereiche sowie einewohnungsnahe Versorgung in fußläufigerEntfernung zu erhalten. 4Die Bündelung der Angebote kann imEinzelfall auch in einer unmittelbarenZusammenlegung der Angebote in einemGebäude bzw. in einer Einrichtungmünden. Der Anstoß für die bauliche Zusammenfassung,teilweise ergänzt umbetriebliche Kooperationen, kann sowohlvon außen als auch durch die beteiligtenAnbieter bzw. Unternehmenkommen, wie die Beispiele KOMM-IN-Zentren und Postagenturen zeigen.Zur Sicherung der Grundversorgungsind ferner auch rein organisatorischeZusammenfassungen zu größeren Einheitenzu erwägen, die es Anbietern undNutzern – bei gleichzeitigem Erhalt dezentralerEinrichtungen – ermöglichen,von bestimmten Größenvorteilen zu profitierenund die Rentabilität zu erhöhen(z.B. Einkaufsgemeinschaften, gemeinsameVertriebswege und Marketing).Verbesserung der ErreichbarkeitDie Zugänglichkeit ist als wichtigerHandlungsansatz erkannt worden und62


in den letzten Jahren deutlicher in denFokus der Raumplanung gerückt. Der Erreichbarkeitsbegriffdarf jedoch nichtauf einen räumlichen bzw. physischenZusammenhang verkürzt werden. Dievirtuelle, zeitliche und gegebenenfallsauch soziale Erreichbarkeit hat zur Sicherungeiner angemessenen Grundversorgungeinen nicht weniger bedeutendenStellenwert.Teile der ländlichen Räume weisen Angebotsdefiziteim öffentlichen Personennahverkehrauf. Mit flexiblen Bedienungsformenund alternativen Finanzierungsmodellenkönnen hier Verbesserungenerzielt werden. Dennoch werdenBus und Bahn auch zukünftig nur bedingtzur Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungenbeitragen können.Die physische Erreichbarkeit wird in Zeitenzunehmender Digitalisierung immerhäufiger durch eine virtuelle Präsenz imInternet ergänzt. Der Online-Handelweist Umsatzsteigerungen auf, welcheden stationären Ladeneinzelhandel umein Vielfaches übertreffen, und weitetsich auf mehr Handelssegmente aus.(So bietet beispielsweise Amazon seitJuli 2010 auch Lebensmittel an.)Wesentliches Merkmal des Online-Shoppings ist die zeitliche Uneingeschränktheit.Der stationäre Handel istdagegen an bestimmte Öffnungszeitengebunden. Steigende Erwerbsquoten,unregelmäßige Arbeitszeiten und neueFreizeitangebote machen es einer zunehmendenZahl von Verbrauchernschwer, die Angebote am Wohnstandortüberhaupt nutzen zu können. EineAusweitung der Öffnungszeiten kannindes meist nur von den großen Handelskettenumgesetzt werden.Nicht nur durch die zuvor genanntenMöglichkeiten des E-Commerce habenBringdienste zuletzt deutlich an Bedeutunggewonnen. Dahinter steht die Idee,neben der individuellen Mobilität (peopleto service) auch neue Strategienund flexible Lösungen der Güter- undDienstleistungsmobilität (service topeople) umzusetzen. 5Um diese Herausforderungen anzunehmen,wurde von insgesamt acht Regionendas INTERREG-Projekt ACCESS initiiert,welches durch das Alpenraum-Programmder Europäischen Union (EU) unterstütztwird. Projektziel ist es, innovativeOrganisationsmodelle zu erproben, umdie Erreichbarkeit von Einrichtungen undDienstleistungen der Grundversorgungim ländlichen Raum zu verbessern.Der Regionalverband Südlicher Oberrheinund der Lehrstuhl Regionalentwicklungund Raumordnung der TechnischenUniversität Kaiserslautern habenin diesem Rahmen ein Modellprojekt fürdie Schwarzwaldgemeinden Freiamt(Landkreis Emmendingen) und Wolfach(Ortenaukreis) entwickelt, mit dem neueWege der Lebensmittelversorgung übereinen Lieferdienst und eine lokale Internet-Plattformumgesetzt wurden. DasProjekt wird im Folgenden am Beispielder Gemeinde Freiamt vorgestellt.Raumstruktur und Versorgungssituation inder Gemeinde FreiamtFreiamt zählt mit rund 4.200 Einwohnernund einer Fläche von mehr als 5.300Hektar zu den dünnstbesiedelten Kommunenin Baden-Württemberg. DieSiedlungsstruktur ist vergleichsweise dispers,so dass sich die Gemeinde ausfünf Ortsteilen sowie mehr als 60 Streulagen,Weilern und Höfen bildet. Nuretwa 20 Prozent der Einwohner leben inSiedlungsteilen mit mehr als 500 Einwohnern.Die Entfernung zum Mittelzentrumund zur Kreisstadt Emmendingenbeträgt – je nach Ortsteil – zwischenacht und 15 Kilometer. Auch dasOberzentrum Freiburg liegt in Pendlerreichweite(ca. 25 Kilometer).ORTEDie Kleinteiligkeit spiegelt sich auch inder Versorgungssituation wider: Zwarist Freiamt mit mehreren Lebensmittelmärkten,Metzgereien und Bäckereienvergleichsweise gut ausgestattet, abernur im Ortsteil Ottoschwanden lässtsich – verteilt auf eine Strecke von rund700 Meter – eine Häufung von Einzelhändlernerkennen. Dennoch bildetauch dieser Ortsteil keine echte Mitte,da wichtige Funktionen (darunter Bauernwochenmarkt,Rathaus, Kurhaus,Hallenbad, Schulen) in verschiedenenOrtsteilen liegen.Eine im Rahmen des Projekts ACCESSdurchgeführte, repräsentative Studie zurGrundversorgungssituation in Freiamtmacht das überörtliche Einkaufsverhaltendeutlich. 6 Nur 24 Prozent der Haushaltein Freiamt tätigen ihre Lebensmitteleinkäufeüberwiegend am Wohnort.Fast jeder zweite Haushalt nutzt sowohlden örtlichen Einzelhandel als auch dieEinrichtungen in den Nachbargemeinden.Um zusätzlich in einem Discountereinkaufen zu können, legt jeder dritteHaushalt mindestens einmal pro WocheAbbildung 1: Räumliches Einkaufsverhalten der Freiämter Haushalte (2009)Organisatorische Innovationen imländlichen RaumQuelle: Eigene Erhebung, eigene Darstellung. Kartengrundlage: Regionalverband Südlicher Oberrhein,Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg.63


ORTEAbbildung 2: Online-Shop „Freiamt bringt’s“eine einfache Wegstrecke von mehr alszehn Kilometer bzw. 15 Minuten Autofahrtin die Nachbargemeinden zurück(je nach Ortslage auch deutlich mehr).Die kleinen Lebensmittelmärkte im Ortwerden von etwa 60 Prozent der Haushaltemindestens einmal pro Wocheaufgesucht. Dabei muss jedoch zwischendem (selteneren) Wochengroßeinkaufund der (häufigeren) Besorgungvon einzelnen Artikeln differenziertwerden. Trotz des vergleichsweise gutenAngebots für eine ländliche Gemeindestellt sich daher auch in Freiamtdie Frage, wie die Vielfalt an kleinenNahversorgern gesichert werden kann.Das Modellprojekt „Freiamt bringt’s“Quelle: www.freiamt-bringts.de; Gestaltung und Umsetzung: Agentur Schleiner + Partner, Freiburg.Das Modellprojekt „Freiamt bringt’s“hat den Grundgedanken, Lebensmittelmobil zu machen, um insbesondere älterenMenschen und in der Mobilitäteingeschränkten Haushalten die Versorgungmit Waren des täglichen Bedarfszu erleichtern.Im Netzwerk von „Freiamt bringt’s“ bieten15 lokale Händler – darunter mehrereBäckereien, Metzgereien und Lebensmittelmärkte,aber auch Direktvermarkterregionaler Produkte und dieörtliche Apotheke – gemeinsam Warenin einem Online-Shop an. Ausgeliefertwird einmal pro Woche am Abenddurch den örtlichen Pflegedienst. DasLiefergebiet ist in der Pilotphase bewusstauf die Gemeinde beschränkt.Für ein internetbasiertes Organisationsmodellsprach die intensive Internetnutzungder Freiämter Haushalte (71% täglich)und die hohe Erfahrung mit demEinkauf über das Internet (78%). 7 Alternativzur Online-Bestellung besteht dieMöglichkeit, per Telefon, Fax oder Zettelzu bestellen, um auch den FreiämterHaushalten ohne Internetanschluss(2009: 36%) eine Teilnahme am Projektzu ermöglichen.Die organisatorische Abwicklung – vomBestelleingang über das Zusammenstellender Ware bis zur Abrechnung –erfolgt über eine eigene Geschäftsstelle,deren Trägerschaft der Ortsvereindes Deutschen Roten Kreuzes übernommenhat. Die anfallenden Personalkostensollen im Wesentlichen über die un-Abbildung 3: Auslieferung und Produktvielfalt „Freiamt bringt’s“Fotos: Agentur Schleiner + Partner, Freiburg64


abhängig von Bestellmenge, Entfernungund Anbietern geltende Lieferpauschalevon 4,50 Euro pro Zustellungfinanziert werden.Dem Projektstart im Mai 2010 ist eine etwaneunmonatige Vorbereitungszeit vorausgegangen,während der in engerZusammenarbeit mit den lokalen Akteurendas Organisationsmodell entwickeltund der Bedarf der Einwohner abgefragtwurde. Die Konzeption, der Aufbau desOnline-Shops und die begleitende Informationskampagnewurden durch dasDachprojekt ACCESS mit Mitteln des EuropäischenFonds für Regionale Entwicklung(EFRE) finanziell unterstützt.Nicht weniger bedeutend war das Engagementund die Bereitschaft der beteiligtenGemeinde, in Zusammenarbeit mitdem Regionalverband Südlicher Oberrhein,dem Lehrstuhl Regionalentwicklungund Raumordnung der TU Kaiserslauternund der Freiburger Werbeagentur Schleiner+ Partner neue Wege der Grundversorgungzu erproben. Durch die lokaleVerankerung konnte innerhalb kurzer Zeitein hoher Bekanntheitsgrad in der Gemeindeerreicht werden (mehr als 90 Prozentnach drei Monaten).FazitDas Modellprojekt nimmt zwei planerischeHandlungsansätze auf: Über denOnline-Shop und die Lieferdienste wirddie Erreichbarkeit bzw. Zugänglichkeitdes Grundversorgungsangebots erhöht;zugleich erfolgt eine organisatorischeBündelung der Anbieter. Indemneue technische und organisatorischeMöglichkeiten gezielt zur Schaffung eineslokalen und regionalen Mehrwertsgenutzt werden, leistet das Projekt eineninnovativen Beitrag zur Minderungvon Versorgungsdefiziten und zur Stärkungder vielfältigen Anbieterstruktur.Die Umsetzung des Modells in FreiamtFabian Torns, Dipl.-Ing. Raumplanung,ist seit 2006 Mitarbeiter beim RegionalverbandSüdlicher Oberrhein Freiburg.Seine Arbeitsschwerpunkte sind Siedlungsplanung,regionales Flächenmanagementund grenzüberschreitendeZusammenarbeit.UNSER AUTORCarina Stephan, Dipl.-Ing. Raum- undUmweltplanung, arbeitet seit 2008 alswissenschaftliche Mitarbeiterin am LehrstuhlRegionalentwicklung und Raumordnungder Technischen UniversitätKaiserslautern. Ihre Arbeitsschwerpunktesind Nahversorgung, Regionalentwicklungund Kommunalentwicklung.UNSERE AUTORINORTEund Wolfach (dort startete das Modellprojektim Oktober 2010) bestätigt dieÜbertragbarkeit der Projektidee.Ausgangspunkte bildeten in beiden Fällender bestehende stationäre Ladeneinzelhandelsowie aufgeschlosseneund kooperationswillige Akteure. Jenach Angebots- bzw. Raumstruktur sindauch Varianten eines überörtlichen Anbieternetzwerksbzw. einer Ausweitungdes Liefergebiets auf mehrere Gemeindendenkbar. Auch hierbei wird jedochdie Identifikation der Bevölkerung mitdem Projekt entscheiden, ob sich derBringdienst mit Online-Bestellmöglichkeitbeim lokalen Handel mittelfristigselbst trägt und als zukunftsfähiges Modellfür die Sicherung der Nahversorgungdienen kann.Dementsprechend zielen die Modellprojektevon „ACCESS bringt’s“ nicht alleinedarauf ab, Online-Kunden zu gewinnen.Vielmehr wird damit für den lokalen Handelsensibilisiert, durch bewusstes Einkaufenim Ort Kaufkraft gebunden undsomit über beide Absatzwege zur Sicherungder Tragfähigkeit beigetragen. Informations-und Kommunikationstechnologienund die Möglichkeiten des Internetszu nutzen, um den Trend des Online-Shopping auf die lokale Ebene hinunterzu brechen, ist ein innovativer Ansatz fürden ländlichen Raum.Aus dem Projekt lassen sich auch Forderungennach einer Erneuerung des raumplanerischenSelbstverständnisses undeine neue Sicht auf die Grundversorgungableiten. Die Träger der Bauleitplanungund der Regionalplanung dürfen sichnicht auf das Ausweisen von Standortenund das Zuweisen von Nutzungen (z.B.„Sondergebiet großflächiger Einzelhandel“)beschränken. Der planerische Impulszugunsten des ländlichen Raumesbesteht vielmehr in der Beförderung organisatorischerInnovationen.Aufzugeben ist in diesem Kontext auchdie vorherrschende Zweiteilung in Einrichtungen,welche entsprechend ökonomischerund raumordnerischer Anforderungenbestimmte Mindestgrößenerfüllen (müssen) und zentralörtlich gebündeltauftreten (sollen) und Dienstleistungen,welche meist flächendeckendangeboten werden (können). Wie auchandere Modellprojekte im Rahmen desINTERREG-Projekts ACCESS zeigen, istdie Trennlinie zwischen diesen beidenFormen keineswegs unüberwindbar undeine eindeutige Zuordnung des jeweiligenAngebots nicht immer gegeben.Dementsprechend darf die Sicherungder Grundversorgung nicht auf die Fragevon Erhalt oder Wegfall von Einrichtungenreduziert werden, vielmehr muss dasim Einzelfall geleistete bzw. erforderlicheAngebot in den Vordergrund rücken.Diese differenziertere Betrachtung birgterhebliche Chancen und Potentiale fürden ländlichen Raum.Die geschilderten Modellvorhaben stellensomit auch auf ein neues Raumbild fürdas Land ab. Mit dem Projekt wird einVersorgungsmodell aufgebaut, welchesder Raumstruktur in ländlichen Regionenweit mehr entspricht, als die oftmals planerischfavorisierte und betriebswirtschaftlichüberlegene Konzentration vonEinrichtungen. Die organisatorische Bündelungder Anbieter und der zusätzlicheVertriebsweg (hier: Online-Shop mitBringdienst) leisten somit auch einen Beitrag,Funktionalität, Lebensqualität undOrtsbild der Gemeinden im ländlichenRaum zu erhalten.INTERNETADRESSENwww.access-alpinespace.euwww.freiamt-bringts.dewww.wolfach-bringts.dewww.region-suedlicher-oberrhein.deANMERKUNGEN1 Vgl. § 2 Abs. 2 Nr. 3 Raumordnungsgesetz.2 Vgl. Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg2002, Begründung zu Plansatz 2.4.3.4,und Ministerkonferenz für Raumordnung (2006):Leitbilder und Handlungsstrategien für die Raumentwicklung,S. 18.3 Vgl. Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg2002, Plansatz 3.3.7, und RegionalplanSüdlicher Oberrhein, Fortschreibung Einzelhandelsgroßprojekte2010, Plansatz 2.6.9.2.4 Vgl. § 2 Abs. 2 Nr. 3 Raumordnungsgesetzund Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg2002, Plansatz 3.3.7.2.5 Vgl. Ministerkonferenz für Raumordnung(2006): Leitbilder und Handlungsstrategien fürdie Raumentwicklung in Deutschland, S. 21 .6 Mündliche Befragung von 1 .128 Haushalten(ca. 75% aller Haushalte) mit zusammen 3.206Personen in Freiamt durch den Lehrstuhl Regionalentwicklungund Raumordnung der TechnischenUniversität Kaiserslautern im April 2009.7 Bezogen auf Haushalte mit Internetzugangund den aktivsten Internetnutzer im Haushalt.65


ORTEHANDLUNGSKONZEPTE LÄNDLICHER KOMMUNEN IN DEN FRANZÖSISCHEN HOCHALPENInnovative Regionalentwicklung oder Musealisierung?Heidi MegerleDas peripher gelegene Gebiet der Vanoisein den französischen Hochalpenwies bis ins 20. Jahrhundert eine extremeLandflucht auf. Die Hauptorte verlorendrei Viertel ihrer Einwohner, währenddie kleineren Weiler als Wohnsiedlungenaufgegeben wurden. Die traditionellenBauformen und die ländliche Infrastrukturzerfielen. Eine Umkehrungdieser demographischen und sozioökonomischenKrise erfolgte durch diestaatlich massiv geförderte Erschließungfür den Wintersporttourismus. Durchzweckorientierte Retortenstationen mitteilweise monumentalen Ausmaßen entstandjedoch eine „Kunstlandschaft“, dienichts mehr mit den traditionellen Bauformengemein hatte und erhebliche Eingriffein das hochalpine Landschaftsgebietnach sich zog. Erst in den 1970erJahren erfolgte eine Rückbesinnung aufgewachsene und überschaubare Strukturen.Auf der Grund lage eigener empirischerAnalysen erörtert Heidi Megerledie siedlungs- und raumstrukturellenVeränderungen in der Vanoise. DieSiedlungsentwicklung, unterschiedlicheEntwicklungsstrategien und Leitbildersowie der Umgang mit dem kulturhistorischenErbe – mit der Bausubstanz undder bäuerlichen Kulturlandschaft – werdenexemplarisch anhand der KommunenVal d’Isère und Bonneval-sur-Arcaufgezeigt.Karte: Die Lage des Untersuchungsgebietesund fünf Monate Hölle“ (Gottar 2005,S. 11ff.) –, des ausgeprägten Reliefs undder geringmächtigen Böden überdauertendie wenigen Bewohner jahrhundertelangnur durch eine kaum ausreichendeSubsistenzwirtschaft. Noch zu Beginndes 20. Jahrhunderts waren dieBergdörfer nahezu ausschließlich von einerweitgehend autarken Bergbauernwirtschaftgeprägt, in welcher 85 bis 90Prozent der Familienvorstände tätig waren.Die kritische wirtschaftliche Situationzeigte sich in hohen Anteilen an Bettlern,freiwilligen Militärmeldungen undledigen Personen, da die Höfe keine ausreichendenExistenzgrundlagen boten.Im 19. Jahrhundert kam es zu einer massivenBergflucht, die zum Wüstfallen vorallem kleinerer Siedlungen führte. ImHochtarentaise ging die Bevölkerungzwischen 1822 und 1931 um fast 50 Prozentzurück (Onde 1942, S. 503). Derhöchstgelegene Ort Val d’Isère verlorinnerhalb eines Jahrhunderts mehr alszwei Drittel seiner Einwohner (siehe Abbildung1). Diese Abwanderung ist nichtnur als Landflucht, sondern auch als Höhenfluchtzu werten, da tiefer gelegeneOrte deutlich weniger Einwohner verloren.Gründe für diesen extremen Bevölkerungsverlustsind in einer Überlagerungmehrerer auslösender Faktoren zusehen. Durch eine verbesserte medizinischeVersorgung konnte die Kindersterblichkeitdeutlich gesenkt werden.Die hierdurch bedingte Bevölkerungszunahmekonnte jedoch von einer Bergbauernlandwirtschaftim Grenzertragsbereichnicht mehr bewältigt werden,wodurch für viele Familien nur die Abwanderungeine Lösung bot. Gleichzeitigentwickelte sich in den Agglomerationsräumendurch die Industrialisierungeine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften(Megerle 2008, S. 359). WirtschaftspolitischeProbleme forcierten dieseEntwicklung. Bis 1860 war das heutigeDépartement Savoyen Teil des sardischenKönigsreiches, auch wenn dieeinzigen Verkehrsverbindungen nachFrankreich gingen. Handelsbeziehungennach Frankreich waren aber durchGrenzen und Zölle erheblich erschwert.Bis in die 1930er Jahre bestanden erheblicheBefürchtungen, dass weite Teileder Hochalpen durch die massiven Entleerungsprozessenicht mehr als menschlicheSiedlungsräume zu halten wären,mit den entsprechenden Folgen für diedurch jahrhundertelange menschlicheTätigkeit geprägte alpine Kulturlandschaft(vgl. Bild 1).Hochalpine Schrumpfungsregionenam „Ende der Welt“ 1Die französische Alpenregion Vanoisewird durch über 3.000 Meter hohe Gebirgszügevom östlich angrenzendenitalienischen Gran Paradiso getrennt.Selbst nach der Eröffnung des Tunnelsdu Fréjus im Jahr 1980 befinden sich diehochgelegenen Talschlüsse von Isèreund Arc in einer peripheren Grenzlageund „Sackgassen-Situation“. Diese wirdim Winter durch die Schließung derPassstraße über den Col de l’Isèrannoch verstärkt (vgl. Karte).Trotz erheblicher naturräumlicher Ungunstfaktorenkonnte durch archäologischeUntersuchungen nachgewiesenwerden, dass bereits vor mehr als 5.000Jahren Jäger und Sammler das obereMaurienne-Tal aufsuchten. Dauersiedlungensind seit dem frühen Mittelalternachweisbar. Aufgrund der rauen Klimabedingungen– „sieben Monate WinterQuelle: Disterheft 2009.66


Bild 1: Aufgegebener Weiler Avérole. Foto: Megerle 2010Die Jagd nach dem „weißen Gold“ –touristische Tra nsformationsprozesseNoch zu Beginn des 18. Jahrhundertsgalten die Alpen als „Un-Orte desSchreckens und Grauens“ (Luger/Rest2002, S. 15), die besser zu meiden waren.Die touristische Erschließung derfranzösischen Alpen, anfangs ausschließlichfür den Sommertourismus,begann erst in der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts, für den Wintertourismuserst zu Beginn des 20. Jahrhunderts.Bis nach dem Zweiten Weltkriegwaren die kleinen Skistationen an bestehendeDorfkerne angebunden undvon privaten Investoren – vor allem Hoteliers– getragen.Um den demographischen und wirtschaftlichenNiedergang der Bergregionenaufzuhalten, wurde zu Beginn der1960er Jahre der „plan neige“ 2 durchden französischen Staat vorgelegt, dereine umfangreiche Erschließung undNutzbarmachung der Potentiale derfranzösischen Hochalpen für den internationalenWintersport vorsah. Die Zielsetzungbestand im Aufbau einer Kapazitätvon 150.000 Hotelbetten internationalerKategorie unter dem Schlagwort„voir grand; acquérir vite“ 3 (Laslaz 2004,S. 61). Um dieses Ziel zu erreichen, wurdenin Gebieten, deren Naturraumpotentialgeeignet erschien (gleichmäßiggeneigte, nach Norden exponierteHänge, halbkreisförmig um eine Verebnungausreichender Größe für die notwendigeHotellerie angeordnet), mitteilweise massiven Eingriffen in den Naturhaushalt(Sprengungen, Rodungen)große Baukomplexe von staatlichen Investorenfinanziert. Gefördert wurdenvor allem sogenannte „stations intégrées“,d.h. Retortenstationen mit teilweisemonumentalen Ausmaßen, die nachdem Motto „vom Bett aufs Brett“ die Skifahrerso nahe wie möglich an die Aufstiegshilfenbringen sollten, um täglicheORTEAnfahrten zu vermeiden (Pletsch 2003,S. 299). Da eine derartige Bettenkapazitätnicht ausschließlich in Anbindung anbestehende Berggemeinden geschaffenwerden konnte, wurden teilweisevöllig neue Destinationen in großer Höhenlage(z.B. Val Thorens auf 2.300 Meter)ex nihilo errichtet, als autonome,quasi ausschließlich dem Skisport dienendeStationen. Die Höhenlage gewährteeine für den Skisport vorteilhaftelange Wintersaison.Um Platz zu sparen, wurden oft Betonhochbautenmit einer rein funktionalenund vollständig auf den Skisport ausgerichtetenArchitektur errichtet. Dies erfolgtezumeist ohne Berücksichtigunglandschaftsästhetischer Aspekte oderder regionalen Baukultur und stellt dadurchzum Teil einen erheblichen Eingriffin das hochalpine Landschaftsbilddar (siehe Bild 2). Die Baukomplexe wurdenfast immer als Appartementblöckemit Eigentumswohnungen konzipiert,deren Erwerb aufgrund entsprechendersteuerlicher Vergünstigungen für denKäufer attraktiv gestaltet wurde. Hierdurchstieg die Zahl der Zweitwohnsitzesprunghaft an (Pletsch 2003, S. 272).Die von staatlicher Seite subventioniertenRetortenstationen wurden meist voneinem Promotor (öffentliche Hand, Aktiengesellschaftoder Privatperson) übernommen,um eine Realisierung aus einerHand und eine einheitliche baulicheGestaltung zu gewährleisten.Der „plan neige“ führte in weiten BereichenSavoyens zu einem explosionsartigenWachstum des Wintersporttourismusund der damit zusammenhängendenInfrastruktur. Trotz der, zumindestzu Beginn der intensiven Ausbauphase,erzielten ökonomischen Gewinne wirddie großmaßstäbliche und rein zweckorientierteErschließung durch Retortenstationenrückblickend zunehmend kritischgesehen. Die positiven wirtschaftlichenImpulse durch die Stationen wirktenhäufig nur punktuell und zu Lastender benachbarten Standorte, wodurchsich die innerregionalen Disparitätenverstärkten (Pletsch 2003, S. 299). Aspekteeines möglichen Sommertourismuswaren genauso wenig berücksichtigtworden wie eine Partizipation derautochthonen Bergbevölkerung. Da beiden touristischen Zielgruppen schwerpunktmäßigdie einkommensstärkerenSchichten berücksichtigt wurden (Löffler1982, S. 26), die in den nicht an bestehendeDorfkerne angebundenenStationen kaum zur lokalen Wertschöp-Bild 2: Retortenstation Val Claret, Ortsteil von Tignes. Foto: Megerle 200767


ORTEfung beitrugen, verbesserte sich diewirtschaftliche und soziale Situationder einheimischen Bewohner kaum. Fernerkonnte durch Untersuchungen (u.a.Heinzler 1998) belegt werden, dass dieintensive massentouristische Nutzungder sensiblen hochalpinen Ökosystemezu teilweise irreversiblen Landschaftsschädenmit starken Erosionsgefahrenführte. Zusammenfassend spricht LionelLaslaz (2004, S. 58) im Zusammenhangmit dem „weißen Goldrausch“ von derSchaffung einer Kunstlandschaft („artificialisationde la montagne française“).Da die landschaftsästhetischen, ökologischenund sozioökonomischen Problemein Verbindung mit den „Skifabriken“der dritten Generation zunehmend erkanntwurden, begann in den 1970erJahren eine Rückbesinnung auf traditionellereund überschaubarere Strukturen.Die vierte Generation passte sich inder gewählten Architektur vermehrt demtraditionellen savoyardischen Baustilan. Die Skistationen wurden auch wiederan bestehende historische Dorfstrukturenangebunden.Trotz aller Probleme, die mit der massentouristischenErschließung der Bergregionenverbunden waren, konnte derdemographische und wirtschaftlicheNiedergang aufgehalten werden.Val d’Isère – renommierteWintersportdestination mitNachhaltigkeitsproblemenAbbildung 2: Entwicklung des Wohnungsbestandes in Val d’Isère Eigene Darstellung, Datengrundlage INSEE 2010Die für den alpinen Skilauf herausragendenLandschaftspotentiale von Vald’Isère mit Gipfelhöhen bis zu 3.800Meter und langen und schneesicherenWintern führten zu einer rasanten Entwicklungdes „völlig unbekannten Dorfes“(Mouflier 1992, S. 13) zu einer derweltweit bekanntesten Destinationenfür alpinen Wintersport. 1992 wurdenTeile der olympischen Winterspiele inVal d’Isère durchgeführt, 2009 war esder Austragungsort der alpinen Ski-Weltmeisterschaften. Das gemeinsameSkigebiet „Espace Killy“ der GemeindenVal d’Isère und Tignes umfasst mittlerweile155 Pisten mit insgesamt 300Kilometer Länge, die durch 178 unterschiedlicheAufstiegshilfen erschlossenwerden. Die Bevölkerung verzehnfachtesich innerhalb von 40 Jahren; die Bettenzahlsteigerte sich von einem einzigenkleineren Hotel im Jahre 1888 aufaktuell fast 28.000 Betten (Office duTourisme Val d’Isère 2006).Der touristische Transformationsprozesshat erhebliche raumstrukturelleund sozioökonomische Veränderungenmit sich gebracht. Die extreme Zunahmedes Gebäudebestandes ist Abbildung2 zu entnehmen. Lediglich 5,5 Prozentder Hauptwohnungen und lediglich 1,1Prozent der Ferienwohnungen existiertenbereits im Jahr 1949. Hierdurch hatsich der Siedlungsflächenanteil ebenfallsextrem vergrößert, wobei zunehmendGebiete erschlossen wurden, diehohe naturräumliche Risiken durchÜberflutungen sowie Muren- oder Lawinenabgängeaufweisen. Große Teiledes Talraumes sind inzwischen verbaut(siehe Bild 3); die Isère wurde zur Verhinderungvon Überschwemmungen ineinen Betonkanal gepresst.Abbildung 2 ist auch die für französischeWintersportorte typische Ungleichverteilungder Haupt- sowie Ferienwohnungenzu entnehmen. In Vollbelegungszeitenkommen somit mehr als16 Besucher auf einen Einheimischen.Bild 3: Verbauter Talraum inVal d’Isère. Foto: Megerle 2007Abbildung 1: Einwohnerentwicklung von Val d’Isère seit 182168Eigene Darstellung, Datengrundlage INSEE 2010


ORTEBild 4: Val d’Isère, Teilort La Daille. Foto: Megerle 2006Der hohe Anteil an Ferienwohnungenkorreliert mit einem hohen Anteil anStammgästen. Nahezu 70 Prozent derGäste waren bereits mehrfach in Vald’Isère. Meistens bleiben die Besucherauch für mindestens eine Woche vorOrt. Die vielen Selbstversorgerappartementsführen zu einer geringeren regionalenWertschöpfungsquote, da bei88 Prozent Anreise mit dem eigenenPKW Lebensmittel und Ähnliches häufigmitgebracht werden. 58 Prozent derGäste kommen daher mit einem Tagesbudgetvon weniger als 50 Euro aus.Die befragten Gäste waren überwiegendsowohl mit der touristischen Infrastruktur(92%) als auch den Freizeitangeboten(94%) sehr zufrieden oderzufrieden. Die wenigen Kritikpunkte bezogensich auf die ausgeprägte Saisonalitätsowie die als zu stark empfundeneKommerzialisierung des Stadtkerns.Entgegen unseren Erwartungen warendie Äußerungen zum allgemeinen ästhetischenEindruck ausgesprochen positiv.Lediglich die rein funktionaleHochhausarchitektur des Teilortes LaDaille (vgl. Bild 4) wurde in Einzelfällenkritisiert. Die zahlreichen Stammgästehatten zwar die teilweise erheblichenVeränderungen wahrgenommen, abernur in seltenen Fällen, vor allem in Bezugauf die Steigerungen des Preisniveaus,als negativ empfunden.Die Einheimischen beurteilen die touristischenAngebote deutlich kritischer alsdie Touristen selbst. Nur ein Drittel warzufrieden, mehr als die Hälfte wähltedie Kategorie „mittel“. Auch mit der eigenenLebenssituation waren die Einheimischenweniger zufrieden. Auffälligist der mit 47 Prozent sehr hohe Anteilvon Personen, die erst seit kürzerer Zeit(zehn Jahre oder weniger) in Val d’Isèrewohnen. Auffällig ist ferner, dass nahezuein Drittel der befragten Einheimischenalleine wohnt, zwei Drittel habenkeine Kinder. Über die Hälfte wohnt inMietwohnungen – ein ungewöhnlichhoher Wert für einen eher ländlich geprägtenRaum in Frankreich. Dies istdurch den hohen Anteil der oft nur saisonaloder kurzfristig im Tourismussektortätigen Arbeitskräfte bedingt.Da durch das eher elitäre touristischeKlientel Val d’Isères das Preisniveau sehrhoch ist, liegen die Probleme für die Bewohnerhauptsächlich in bezahlbaremWohnraum sowie in der Versorgung mitGütern des täglichen Bedarfs. Nahezualle Einwohner fahren daher regelmäßigzumindest bis nach Bourg-St. Maurice(Entfernung 32 Kilometer), um dortgünstiger einzukaufen. Vor Ort werdenlediglich noch ergänzend einzelne Produktezugekauft (Aubert 2006).Im Vergleich zu zahlreichen anderenSkistationen sind die Zukunftsaussichtenvon Val d’Isère sicher überdurchschnittlichpositiv, bedingt durch einen hohenAnteil an Stammgästen, eine hervorragendeInfrastruktur und einen überregionalenBekanntheitsgrad. Weitere Erschließungsmöglichkeitensind jedochkaum noch gegeben, sowohl aufgrunddes angrenzenden Nationalparks Vanoiseals auch der naturräumlichen Risikofaktoren,vor allem Lawinengefährdung.Trotz der Höhenlage ist dieSchneesicherheit für eine Skisaison biszu den Osterfeiertagen, welche von denüberwiegend französischen Gästen erwartetwird, nicht mehr gewährleistet.Abbildung 3: Altersverteilung der Touristen in Val d’Isère und in Bonneval-sur-Arc im VergleichEigene Erhebungen 69


ORTEAuswirkungen des Klimawandels sowieeiner eventuellen Flugbenzinbesteuerung– bis zu 40 Prozent der Wintergästekommen mit Charterflügen aus Großbritannien– könnten erhebliche Konsequenzenmit sich bringen.Bild 5: Bonnevalsur-Arc– eines derschönsten DörferFrankreichs.Foto: Megerle 2006Bonneval-sur-Arc – die „Anti-Retortenstation“Die kleine Gemeinde Bonneval-sur-Arc(244 Einwohner) grenzt mit ihrer Gemarkungdirekt an Val d’Isère an, ist jedochdrei Viertel des Jahres infolge der Schließungder Passstraße über den Col del’Isèran in einer extremen „Sackgassen-Situation“ (siehe Karte). Zwar ist der Ortnach Einschätzung des französischenGeographen Raoul Blanchard vom„schönsten Ensemble der französischenAlpen“ umgeben, befand sich aber nachder verheerenden Flutkatastrophe durchden Fluss Arc im Jahr 1957 in einer nahezuaussichtslosen Situation, wie der BürgermeisterGilbert André dies in einemSchreiben an Jacques Chirac beschrieb:„Sollte man eine Liste der verdammtenDörfer aufstellen, wäre Bonneval sicherdas erste, welches erwähnt würde. Mitseinen als unüberwindbar eingestuftenLawinen, seiner angeblich nicht rentablenLandwirtschaft, seinen als nicht fürden Abfahrtsskilauf geeignet beschriebenenHängen. (…) Kurz, alles treibt einenzur Verzweiflung! Nirgendwo sonstsind die Einschränkungen so gravierend,wir sind an der äußersten Grenze zwischendem Möglichen und dem Unmöglichen“(zit.nach Gottar 2005, S. 202).Viele Bewohner tendierten damals dazu,den Ort tatsächlich aufzugeben. NurAbbildung 4: Aufenthaltsdauer der Touristen in Val d’Isère und in Bonnevalsur-Arcim Vergleich0 0,5 1Eigene Erhebungendem tatkräftigen Einsatz des Bürgermeisterswar es letztendlich zu verdanken,dass Bonneval-sur-Arc nicht nur wiederaufgebaut und renoviert wurde, sonderndanach eine so untypische Entwicklungnahm, dass es als „Anti-Retortenstation“bezeichnet wurde (Hannß 1984).Bis in die 1960er Jahre setzte der Bürgermeisterauf eine Wiederbelebungder landwirtschaftlichen Aktivitäten inVerbindung mit einer regionalen Produktvermarktung.Trotz unbestreitbarerErfolge musste er 1963 einer touristischenEntwicklung zustimmen, konntediese jedoch in einer behutsamen undlandschaftsangepassten Weise steuern.Deutlich vom alten Dorfkern abgesetztwurde ein neuer eigenkapitalfinanzierterOrtsteil mit höchstens zweistöckigenGebäuden verwirklicht, wodurchdie touristischen Betten zu über80 Prozent im Besitz der Einheimischensind. Der alte Ortskern wurde originalgetreurestauriert, was bereits 1970 zurEinstufung als „site classée“ 4 führte undmittlerweile zur Prädikatisierung als einesder schönsten Dörfer Frankreichs(siehe Bild 5). Der Ansatz von André bewirkteeinen Bevölkerungsanstieg von61 Prozent zwischen 1962 und 1982 sowiedie Abwendung der demographischenKrise durch eine verstärkte Rückwanderungder jüngeren Jahrgänge(Hannß 1984, S. 86). Bonneval-sur-Arcist ein Dorf, das es geschafft hat, gleichzeitigmit dem Aufbau des Tourismus seineLandwirtschaft und seine Seele zuerhalten (Gottar 2005, S. 200).Im Rahmen unserer aktuellen empirischenErhebungen zeigten sich sowohlbei den Bautätigkeiten als auch bei denBefragungen der Einheimischen und derTouristen teilweise deutliche Unterschiedezu Val d’Isère. Im Vergleich zu den Erhebungenvon Hannß (1984) waren imHauptort nur relativ geringe Neubautätigkeitenzu verzeichnen. Dies ist jedochauch den einschränkenden Naturraumfaktorengeschuldet, da der Dorfkernvon Lawinenrisikogebieten umgebenist. Umfangreiche Renovierungsarbeitenwaren im Teilort Écot vorgenommenworden. Dieser einst höchstgelegeneSiedlungsplatz Europas auf über 2.100Meter wird zunehmend als Sommerferienortgenutzt. Im Winter ist Écot nur übereinen extrem lawinengefährdeten Fußwegzu erreichen.70


Bei den Touristen fällt der mit 50 Prozentsehr hohe Anteil an Tagesbesuchernauf, die überwiegend aufgrund der PrädikatisierungBonneval-sur-Arcs sowieder Naturraumpotentiale des Nationalparksanreisen. Die Übernachtungsgäste,die zumeist ein bis zwei Wochenbleiben, wohnen nahezu ausschließlichin Selbstversorgerappartements. Hierdurchist die regionale Wertschöpfungsquoterelativ gering; zwei Drittelnreicht ein Tagesbudget von höchstens50 Euro. Die absolute Mehrzahl derTouristen war mit dem touristischen Angebotund der Infrastruktur zufrieden.Auffällig ist der relativ geringe Anteiljunger Besucher, der unter Umständenmit dem im Sommer eher einseitigenWanderangebot zusammenhängt.Bei den Einheimischen fällt, vor allem imUnterschied zu Val d’Isère, die langjährigeWohndauer (75 Prozent leben bereitsüber 30 Jahre bzw. seit ihrer Geburt inBonneval-sur-Arc) und die hohe Quotean Wohneigentum auf. Lediglich einViertel wohnt in einem Mietobjekt. DieKritikpunkte waren jedoch mit Val d’Isèrevergleichbar. Auch in Bonneval kaufennahezu alle Bewohner außerhalb desOrtes ein. Dies ist auch kaum andersmöglich, da der einzige kleine Supermarktsowie die weiteren kleinen Lädenaußerhalb der touristischen Saison zumTeil wochenlang geschlossen haben.Im Unterschied zu Val d’Isère äußertensich die Einheimischen zurückhaltendskeptisch in Bezug auf die weitere Entwicklungder eigenen Gemeinde. Dakaum (bauliche) Entwicklungsmöglichkeitengesehen werden, bestehen wenigPerspektiven für die jüngere Generation.Innovative Regionalentwicklungversus Musealisierung?In der Vanoise sind deutlich differierendeEntwicklungsstrategien der Bergkommunenzu verzeichnen. Gemeindenwie Val d’Isère oder das angrenzendeTignes, in welchen zumindest teilweiseKunstlandschaften mit einer monostrukturierten(Winter-)Sportausrichtung entstandensind, konnten einen deutlichenBevölkerungszuwachs sowie eine insgesamthohe ökonomische Wertschöpfungverzeichnen. Die spezifische Besucherklientelschätzt das touristische Angebotund stört sich kaum an der reinzweck orientierten Architektur vieler Gebäude.Dennoch erfolgt bei neuen Bauvorhabeneine Rückbesinnung auf traditionellesavoyardische Bauformen.Die erfolgreichen Wintersportdestinationenweisen jedoch teilweise erheblicheNachhaltigkeitsdefizite auf, die auf dieextremen Siedlungsflächenzuwächse inökologisch sensiblen Bereichen zurückzuführensind. Der Nationalpark Vanoisewird von Val d’Isère und Tignes nichtals touristischer Attraktivitätsfaktor vermarktet,sondern vielmehr als Hemmnisbei weiteren Ausbaumaßnahmen gesehen.Problembereiche, die sich bereitsheute abzeichnen, liegen vor allem inden Auswirkungen des Klimawandelssowie sich verändernden Nachfragemustern.Hierauf versucht vor allemTignes durch ein breiter gefächertesSportangebot und einen Ausbau derSommersaison zu reagieren.Die „Anti-Retortenstation“ Bonneval-sur-Arc wurde mehrfach prädikatisiert underfährt eine sehr positive Resonanzdurch die Besucher. Hierzu trägt auchdie gelebte Bergbauernrealität mit einerregionalen Produktvermarktung und integrativentouristischen Angeboten bei.Eine touristisch inszenierte Musealisierungeiner Bergbauernidylle, die in dieserForm nie existierte, ist glücklicherweisenicht zu verzeichnen. Dennoch tretenzunehmend Konfliktfelder zu Tage. Dietouristische Saison ist im Sommer auf wenigeWochen beschränkt, in denendurch hohe Besucherkonzentrationen anbeliebten Wanderwegen deutlicheNachhaltigkeitsdefizite bestehen. DerSchwerpunkt der touristischen Wertschöpfungliegt, trotz der Nationalparkpotentialeund der Prädikatisierung desDorfkerns, im Winter. Hier genügt dasvergleichsweise kleine Skigebiet jedochden wachsenden Ansprüchen der Kundenimmer weniger. Ausbaupläne werdensowohl durch naturräumliche Ungunstfaktoren(Relief, Lawinengefährdung)als auch durch den Nationalparkeingeschränkt. Die Gefahr, dass seit langemschwelende Pläne einer Anbindungan das große Skigebiet „Espace Killy“mit einer Traverse des NationalparksProf. Dr. Heidi Megerle ist Diplom-Geographinund Professorin für AngewandteGeographie und Planung an derHochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg.Seit Oktober 2009 ist sie dortStudiengangsleiterin des neuen Bachelor-Studiengangs„RessourcenmanagementWasser“. Ihre Arbeitsschwerpunkteliegen in der Raum- und Umweltplanungsowie im Tourismus. Seit einemStudienaufenthalt an der UniversitätAix-en-Provence forscht und lehrt sieregelmäßig in Frankreich.UNSERE AUTORINORTEmittels Tunnel- oder Seilbahn realisiertwerden könnten, ist nicht völlig auszuschließen.Momentan besteht hierzu einabsolutes Veto der Nationalparkverwaltung.Ob sich dieses gegen massivenDruck der Tourismuswirtschaft dauerhafthalten kann, bleibt abzuwarten.LITERATURAubert, Emmanuel (2006): Interview am 11 .08.2006 in Val d’Isère (E. Aubert war2006 zuständigfür die Bauleitplanung von Val d’Isère).Disterheft, Daniel (2009): Tourismusentwicklungin den französischen Westalpen. Regionale Fallstudienin Val d’Isère, Tignes, Bessans und Bonneval-sur-Arc.Unveröffentlichte Staatsexamensarbeitam Geographischen Institut der UniversitätTübingen.Gottar, Jean (2005): Bonneval-sur-Arc Les Seigneursde l`Alpe. Montmélian.Hannß, Christian (1984): Neue Wege der Fremdenverkehrsentwicklungin den französischenNordalpen. Die Antiretortenstation Bonnevalsur-Arcim Vergleich mit Bessans (Hoch-Maurienne).Tübinger Geographische Studien Heft 89.Tübingen.Heinzler, Winfried (1998): Veränderungen desLandschaftshaushaltes auf den Skipisten von LaPlagne zwischen 1984 und 1993. Dissertation,Universität Tübingen.INSEE (Institut national de la statistique et desétudes économiques) (2010a): Dossier local CommuneVal d’Isère; URL: http://www.statistiqueslocales.insee.fr/Fiches%5CDL%5CDEP%5C73%5CCOM%5CDL_COM73304.pdf [16.11 .2010]Laslaz, Lionel (2004): Vanoise 40 ans de Parc NationalBilan et perspectives. Paris.Löffler, Christa (1982): Bonneval-sur-Arc als Antistationzu den Retortenwintersportorten. UnveröffentlichteStaatsexamensarbeit am GeographischenInstitut der Universität Tübingen.Luger, Kurt/Rest, Franz (2002): Der Alpentourismus.Konturen einer kulturell konstruierten Sehnsuchtslandschaft.In: Luger, Kurt/Rest, Franz(Hrsg.): Der Alpentourismus. Entwicklungspotentialeim Spannungsfeld von Kultur, Ökonomie undÖkologie. Innsbruck, S. 11–47.Megerle, Heidi (2008): Present-Day DevelopmentProcesses in the Inner City of Marseille: Tensionsbetween Upgrading and Marginalisation.In: Die Erde, Heft 139/2008, S. 357–378.Megerle, Heidi/Hannß, Christian/Disterheft, Daniel(in prep.): Differierende Ansätze der Regionalentwicklungund Transformationsprozesse imfranzösischen Alpenraum. Darstellung anhandder Fallbeispiele Val d’Isère und Tignes (Tarentaise)sowie Bonneval-sur-Arc und Bessans (Maurienne).Band 2 Geographie in Wissenschaft undPraxis. Rottenburg am Neckar.Mouflier, Jacques (1992): Val d’Isère: 1929–1973,naissance d’un village olympique. Paris.Onde, Henri (1942): La nature du peuplement enMaurienne et en Tarentaise. In: Revue GéographieAlpine, 30, S. 51–123; S. 365–411; S. 487–567.Pletsch, Alfred (2003): Frankreich: Geographie,Geschichte, Wirtschaft, Politik. Darmstadt.Triandafil, Madeleine (1991): Le Bout du Monde:Six mois dans les neiges de Haute-Maurienne àBessans. Les Marches.ANMERKUNGEN1 Zitat nach Triandafil 1991 .2 Wörtlich: Schneeplan.3 Wörtlich: Groß planen, schnell gewinnen.4 Eine französische Denkmalschutzkategorie.71


EIN INTEGRALER ENTWICKLUNGSANSATZ FÜR DIE URBANE LANDSCHAFTRolle und Bedeutung von Landschaftsstrukturen imAlpenrheintal – am Beispiel Vaduz-TriesenCatarina ProidlORTEDie Forschungsarbeit von Catarina Proidlsucht am Beispiel des Alpenrheintalsnach übertragbaren Erkenntnissen undPrinzipien eines integralen Entwicklungsansatzesfür die urbane Landschaft, insbesonderefür Tallandschaften. Hintergrundist die sich in den Raumqualitätenergänzende Betrachtung von SiedlungsundLandschaftsraum, die charakteristischeLandschaftsstrukturen als integralenBestandteil siedlungsräumlicher Strukturenaufgreift. Diese sind bei zukünftigenWeiterentwicklungen zu stärken, um eineQualifizierung der Zwischenstadt einzuleiten.Folgenden Fragen wurde nachgegangen:(1) Wie können diese eine stabileräumliche Fassung bilden, die für das Beziehungsgeflechtim Alpenrheintal flexibelnutzbar ist? (2) Welche Rolle spielenLandschaftsstrukturen für die Ausbildungund Unterstützung unterschiedlicher Intensitätenan Öffentlichkeit, Aufenthaltsqualitätgenerell und im Speziellen inden jeweiligen Siedlungsräumen? Welchespezifischen Eigenschaften kommenhier zum Tragen? (3) Wie können dieseLandschaftsstrukturen auf regionaler undstädtebaulicher Ebene bei Entwicklungsüberlegungensowie beim konkretenbaulichen Eingriff unterstützt werden? Davon beläuft sich das ausgewieseneSiedlungsgebiet auf 16 Quadratkilometer.Gegenwärtig leben rund 35.000Einwohner in diesem Siedlungsgebiet,33.000 Arbeitsplätze sind hier integriert.17.000 Arbeitsplätze, rund dieHälfte der Werktätigen, kommen ausden umliegenden Regionen, sind alsoEinpendler. 2009 belief sich das bewilligteBauvolumen auf 632.000 Kubikmeter,wovon der Großteil auf Wohnbauentfiel. Der trotz Finanzkrise ungebremstenBautätigkeit wird der Ruf nachqualitativer und besser eingebetteterSiedlungsentwicklung und Siedlungsverdichtungimmer lauter entgegengehalten.Regional bedeutsameLandschaftsstrukturenVor dem Hintergrund dynamisch expandierenderSiedlungsräume alpinerLängstäler kommt Landschaftsstruktureneine Mehr fachfunktion zu. In diesenlocker bebauten Gebieten, wo Gebäudestrukturenauf Grund von ihrer niederenHöhe und den weiten Abständenzueinander dies alleine nicht vermögen,sind Landschaftsstrukturen raumbildendund Orientierung gebend.Darüber hinaus kommt bei steigenderSiedlungstätigkeit in einem solchen Tallandschaftsgefügeauch das Übernehmensozialer Funktionen im Außenraumvermehrt dazu. Diese beiden Punkte bildenauch den Fokus der hier vorgestelltenArbeit.Vegetationsstrukturen alleine oder imZusammenspiel mit Gebäuden, der Gebäudenutzungund der angrenzendenTopographie können unterschiedlicheOrte von Öffentlichkeit erzeugen oderunterstützen. Durch die spezifische Konfigurationkönnen und werden Abstufungenvon privaten und semiprivatenAußenräumen hin zu öffentlichen Außenräumenerzeugt und in eine sinnvolleAneinanderreihung gebracht.Landschaftsstrukturen sind folglich eineKombination von funktionalen Netzenund Flächen sowie die raumwirksameAusprägung von Topographie und Vegetationauf regionaler, städtebaulicherund lokaler Maßstabsebene. Hierinüberlagern sich physische Ausprägungenmit den tatsächlichen und potentiellenAnsprüchen der gegenwärtigen Gesellschaft.In ihrer GesamterstreckungKurzcharakteristik des AlpenrheintalsDas Alpenrheintal erstreckt sich als alpinesLängstal in Nord-Süd-Richtung.Der namensgebende und die Landschaftprägende Fluss fließt nach Nordenzum Bodensee. Im GrenzbereichLiechtenstein-Schweiz weist die Talsohledrei bis vier Kilometer auf. Die steilansteigenden Bergflanken zu beidenSeiten der Flussschotterfläche setzendem besiedelbaren Raum topographischeGrenzen. Wo die Neigung eineBesiedelung nicht mehr zulässt, kann imGelände an Bewaldung und am offenenFelsen abgelesen werden; im Planan den engen Höhenschichtlinien.Anhand von einigen Eckdaten zu Liechtensteinsoll die Entwicklungsdynamikim Alpenrheintal gezeigt werden, die inetwas abgeschwächter Form auch fürdie benachbarten Bereiche der Schweizund Vorarlbergs gilt.Die gesamte Landesfläche Liechtensteinsweist 160 Quadratkilometer auf.Ausschnitt aus der Rheinbergerkarte 1872 (Norden am linken Bildrand)Quelle: Landesarchiv Liechtenstein72


weisen Landschaftsstrukturen eine Multifunktionalitätauf, die auf das jeweiligeUmfeld (landschaftsgebunden, siedlungsgebunden)reagiert.Das UntersuchungsgebietVaduz-TriesenDieser am rechten Ufer gelegene Talabschnittdes Liechtensteinschen Rheintalsstellt den schmalen Talbodenbereichzweier Ortschaften dar. Hier liegt derHauptanteil der Siedlungstätigkeit entlangder Verzahnung der ausflachendenSchuttkegel der Wildbäche mit derSchotterebene des Rheins bis zum Hochwasserschutzdamm.Dieser bildet auchoptisch den Abschluss des Landes gegenWesten hin. In jüngster Zeit sind nebender sukzessiv fortschreitenden Besiedelungdes Talraumes durch Wohnbebauungauch inselartig gruppierteGewerbegebiete im nunmehr hochwasserfreienflachen Talraum hinzugekommen.Den ebenen Talboden bis zu denansteigenden Hangbereichen im Ostenhat der Rhein stark geprägt. Seit derRheinregulierung Ende des 19. Jahrhundertsdominieren vorwiegend markanteLinien den Talboden. Das ist auch nochlange nach der Eindämmung und sukzessivenEntwässerung des Talbodensin regionalen linearen Strukturen (ehemaligesRheinprallufer – die Hangkante,Bachläufe, Kanäle und Dämme) nachvollziehbar.Trotz expandierender Siedlungstätigkeitentlang der Hauptverbindungstraßedurchweben und verbinden diese linearenLandschaftsstrukturen die Siedlungsräumeund agrarisch genutzteLandschaftsräume. In der Verzahnungmit der unmittelbaren Umgebung habensie eine dem Kontext angepassteÜberformung erfahren und übernehmenso auch andere Funktionen. DasPotential für Qualifizierungsüberlegungenbei weiterer Siedlungsexpansionund Verdichtung im Bestand anhanddieser Strukturen ist groß. Dies wird imFolgenden anhand der Landschaftsstrukturdes ehemaligen Rheinprallufersbeschrieben.Die östlichste Linie ist im Bereich vonTriesen die markante Geländekantesamt Vegetation und Weginfrastrukturder ehemaligen Pralluferlinie desRheins. Sie erstreckt sich von Südennach Norden bis auf Vaduzer Gemeindegebietund wird vom Schuttkegel derSpania-Rüfe überformt.Die enge Abfolge von schmalem Weg,unterschiedlich hohem Geländeversatzund den verschieden breit und verschiedenzugänglich gestalteten anschließendenAußenräumen bildet ein Mosaikan aneinandergereihten Abschnittenjeweils anderen Charakters.Methodische VorgangsweiseDer vorliegenden Untersuchung liegtdie Auffassung zugrunde, dass Landschaftmit ihrem konkreten räumlichenund gesellschaftlichen Kontext undmit ihrer Entstehungsgeschichte dynamischverbunden ist (vgl. Corboz2001). Wie Sedimente werden Veränderungenins Territorium eingeschriebenund sind in ihrem jeweiligen gesellschaftlichenKontext eingebettetzu verstehen. Bestimmte Relikte überdauernihre Zeit und können in einerdarauffolgenden Zeit anders genutztund adaptiert werden. Sie bekommenauf diese Weise eine neue Bedeutungin einem neuen gesellschaftlichenKontext. Diese Prozesse sindnicht abgeschlossen, sondern weisenauf zukünftige Nutzungsoptionenund Interpretationen hin. Landschaftwird generell als Produkt natürlicherund menschlicher Prozesse verstanden(Prominski 2004).Um eine Tallandschaft auf diese Artbegreifen zu können, und um aus ihremcharakteristischen Zusammenspieleinzelner Komponenten aufregionaler Ebene landschaftlicheLeitstrukturen zu destillieren, benötigtes eine qualitative Methodeder Analyse. Diese soll schlüssignachvollziehbar variabel bespielbareStrukturen erkennen lassen(Schöbel 2006).Darunter ist eine Analyse zu verstehen,die losgelöst von politischenund administrativen Grenzen denphysischen Raum in seine topographischen,morphologischen Rahmenbedingungenzerlegt; sie mit seinerhistorischen und gegenwärtigenAusprägung in Vegetationsstrukturen,Gewässerstrukturen, Wegenetzenund Siedlungskörpern (historischenund aktuellen Themenkarten)überlagert und mit seinem gesellschaftlichenNutzungs- und Bedeutungswandelin Bezug setzt, um Zusammenhängeabzuleiten. Ziel istdas Verstehen der dynamischen Genesedieser Tallandschaft zum einen,zum anderen das Auffinden vonRaummustern und Raumeinteilungen,wo Landschaftsstrukturen und -strukturelementebereits eine Bedeutunghaben, früher eine andere hatten.Die Suchperspektive richtet sich aufmultifunktionale Landschaftsstrukturenzur Siedlungserweiterung undzur Qualifizierung des Bestandes inden Maßstäben 1:25.000 sowie1:1.000. Aus diesem Verständnis wirddas Potential für gegenwärtige Anforderungenund Freiheitsgrade fürkünftige Entwicklungen als regionalStädtebauliche Qualitäten derLandschaftsstruktur Hangkante inihrem UmfeldORTEbedeutsame Landschaftsstruktur imMaßstab 1:25.000 ersichtlich.Entlang gefundener regionaler Landschaftsstrukturenwerden paralleldazu bereits realisierte Bauprojekteim Hinblick auf ihr Potential zu Weiterentwicklungsmöglichkeitenim Zusammenspielmit den Qualitäten dieserLandschaftsstruktur untersucht.Dies findet anhand vorab definierterKriterien statt: Orientierung, funktionelleund optische Gliederung, sozialeFunktionen wie Aufenthaltsqualität,das Unterstützen bzw. Erzeugenvon Öffentlichkeitsabstufungen, dieErlebbarkeit von Blickbeziehungen,Blickwechseln und Raumtiefen.Damit kann der transparente Nachweisfür bleibende räumliche Qualitätenim Quartier geführt werden.Genauso können Ansatzpunkte gefundenwerden, wenn diese Qualitätennicht mehr gewährleistet sind.Betrachtet man die markante Geländekantein Triesen mit Verzahnung in jeweiligeumliegende Bereiche, fällt zuerstauf, dass der Versatz zwischen einemMeter Höhe und einem Geschoss variiert.Fast durchgehend wird diese Kantemit einem Weg (Fußweg oder schmalerErschließungsweg) begleitet. Bereichsweiseist sie durch den unteren steil aufgewölbtenAbschnitt der HangrutschungTriesenberg-Triesen überformt,was im Bereich „An der Halda“ zu einersteilen Ausprägung und anschließendsteil ansteigendem Gelände führt. Überdie gesamte Länge verknüpft dieseStrukturlinie die öffentliche Wegverbindungmit den höhenabgestuften privaterwerdenden Freiräumen an den Gebäudenin abwechslungsreicher Art undWeise. Enge – durch Mauern und Gebäudewändegefasste – Räume tretenhier (An der Halda) genauso auf, wiebreite semiprivate Flächen in Verwebungvon Weg, Böschung und Parkplätzenvor Restaurants und Büros („Kappileweg“– Fussweg). Genau hier kommtden Einzelbäumen und Baumgruppeneine raumbildende und sichtschützendeFunktion zu, die Kommunikation und Verweilenunterstützt, gleichzeitig durch ihrKronenvolumen die notwendige Distanzzu privaten Hausgärten und Häusernschafft. Bewegt man sich nun entlangdieser Kante, lässt die Kombination dieserStrukturelemente mit dem jeweiligen73


ORTEGelände mal engere und weitere Bereicheentstehen, die zusätzlich durch Bäumeund Büsche in der Vegetationsperiodeden Charakter verstärken. Dann ergebensich wieder Ausblicke über talebeneSiedlungsteile bis zur SchweizerHorizontlinie auf die umgebende Landschaft.Auffallend ist die dichte Verwebungmit Querverbindungen (Wege,Treppen, Rampen), die eine gute Vernetzungdieser Längsstruktur in die umgebendenSiedlungsteile sichert.Das aufgezeigte Zusammenspiel kannzum einen die sinnvolle Abstufung vomöffentlichen Weg zu privaten Außenräumenunterstützen, wenn diese kleinräumigund vom Weg zugänglich anschließen.Je nach Höhenentwicklungwird mit zunehmender Abstufung einehöhere Privatheit erzielt. Die Kommunikationentlang des Weges und in breiterenVorgartenbereichen kann stattfinden,solange an Eingängen, Längswegenund semiprivaten Flächen nicht zuweite und nicht zu hohe Distanzen überwundenwerden müssen. Die Abwechslungzwischen engen und breiteren Abschnitten,umschlossenen und offenenBereichen entlang gerader und gekrümmterHangkante reduziert für Autofahrer,welche den als Erschließungsstraßeausgebildeten Wegabschnittbenutzen, das Tempo.Übersicht der realisierten Beispiele entlang der Landschaftsstruktur Hangkante in Triesen.Grün: Fortschreibung der Hangkante im Siedlungsgefüge. Rot: Beseitigung derHangkante im öffentlichen Wegenetz. Quelle: SWISS-TOPO 25, Bearbeitung Catarina ProidlUnter welchen Rahmenbedingungenkönnen diese Qualitäten beiNeubauten eingesetzt werden, wannnicht mehr?Zwei Fallbeispiele von großvolumigenWohnhausanlagen sollen den Umgangmit diesen Qualitäten und Potentialenzeigen.Im Beispielfall einer Terrassensiedlungzeigt das Überbauen dieser Hangkanteund Verebnen des Straßenraumes eineStrukturverarmung. Damit sinken auchdie gestalterischen Potentiale der Nutzungin diesem Straßenraum. Durch dieGaragensockelzone mit vorgelagertenParkplätzen wirkt der Straßenraumüberbreit. Die steil ansteigende, in denHang zurückversetzte Wohnbebauunghat ihre privaten Außenräume erst einGeschoss über der Straße. Dies in Kombinationmit der dichten Hecke verhin-Landschaftsstruktur der Hangkante in Triesen (Kappileweg).Photo: Catarina ProidlStaffelung von privaten Gärten, Vorgärten und der öffentlichen Straße entlang der Landschaftsstruktur der Hangkante in Triesen(An der Halda).Photo: Catarina Proidl74


ORTETerrassensiedlung an der verebneten Haldenstrasse in Triesen.Lage der Terrassensiedlung im Siedlungsgefüge.dert Blickbeziehungen zwischen öffentlichemund privatem Freiraum. Entlangder öffentlichen Straße abgestellte Autosund Müllcontainer laden zur Kommunikationund zum Verweilen nicht ein.Ohne parkende Fahrzeuge wirkt derStraßenraum insgesamt mit Fahrbahnüberbreit. Das können selbst die kleinkronigenBäume als einseitig gepflanzteAllee nicht brechen. Autos fahren automatischschneller. Der potentielleQuelle: Tiefbauamt-Vermessung FL,Bearbeitung Catarina Proidlbreitere Spielraum Straße wird für Kindergefährlicher als in den schmalenAbschnitten.Im zweiten Beispielfall handelt es sichum drei Punkthäuser (Geschosswohnungsbau),die am unteren Rand ihrerParzelle den öffentlichen Fußweg mitFortsetzung der Hangkante bewusst insAußenraumkonzept integrieren. Dieserumfasst die Gartenparzellen der Erdgeschosswohnungendirekt am Haus undPhoto: Catarina ProidlDiese Wohnbebauung nutzt das Potential der Hangkantenstruktur; Triesen.Photo: Catarina ProidlLage der Wohnbebauung im Siedlungsgefüge.Quelle: Tiefbauamt-Vermessung FL,Bearbeitung Catarina Proidlgemeinsam nutzbare Außenräume, diein gewisser Distanz zu den Gärten auchKinderspielflächen aufweisen. Diesebefinden sich auf einer Ebene, die durcheinen Geländesprung der mit Wildgehölzenbewachsenen Böschung rundzwei Meter über dem öffentlichen Fußwegliegt. Ein direkter Sichtbezug zwischenWeg und privaten Gärten ist indiesem Bereich unterbunden und nuraus der Distanz der Wegfortsetzungvorhanden. Somit kann für diese Bereicheauch deren Intimität gewahrt werden.Sichtbezug und damit auch Kommunikationzu den gemeinsam genutztenSpielflächen und dem Weg ist ander Böschungskante möglich und wünschenswert.Drei Einzelbäume bilden ander oberen Hangkante den nötigen optischenFilter zu den Fenstern anschließenderBürogebäude und den angrenzendenAutoabstellflächen. Gleichzeitigschaffen sie Raum und Schatten fürden gemeinsam genutzten Spielbereichdieser Häuser.Trotz großvolumigem Wohnbau konntedie Stellung der Gebäude in der Parzelleund die Position der Tiefgarageneinfahrtso kombiniert werden, dass dieübergeordnete Landschaftsstruktur optischund funktional im Gesamtverlauferhalten blieb. Der direkte Grenzbereichder Bauparzelle weist eine in dieHangkante integrierte Einfahrt auf, dielangsam in die bewachsene Geländekantemit begleitendem Fußweg übergeht.Die Bepflanzung führt den Feldgehölzcharakterder sich nördlich undsüdlich anschließenden Abschnitte bewusstweiter und stärkt somit diegesamte Linie.Hier konnte die Landschaftsstruktur„Hangkante mit Weg“ mit allen ihren75


ORTEQualitäten und Potentialen bei derSiedlungserweiterung eingesetzt undfortgeführt werden.Fazit für die SiedlungsplanungBei Siedlungserweiterungen in der Talebenesollte unter Zuhilfenahme der erkanntenQualitäten der beschriebenenLandschaftsstrukturen und deren Zusammenspielauf regionaler Ebene (Raumbildung,Raumgliederung, Leitfunktion) undin der Folge auf städtebaulicher Ebene(Zusammenspiel mit Gebäudestrukturenund ihrer Nutzung, Erzeugen und Unterstützenvon Öffentlichkeitsintensitäten)vorgegangen werden.Die Strukturanalyse lässt eine Ordnungerkennen, die sich an räumlichen Qualitätenund Potentialen orientiert – vonder regionalen bis zur lokalen Maßstabsebene.Gestaltendes und strukturierendesEntwerfen mit Komponentender Landschaft kann räumliche Realitätwerden, wenn zeitgleich die Rolle undBedeutung der regionalen landschaftlichenStrukturen auf kleineren Maßstabsebenenerkannt und in den Entwicklungs-und Qualifizierungsprozess eingebundenwerden.Gemeindegrenzen überschreitend könnenregionale Landschaftsstrukturen einEntwicklungsgerüst bilden. Entlang dessenkönnen quartiersbezogene Qualitätenim Zusammenspiel mit der gebautenUmwelt generiert und in bewährte Abfolgengebracht werden. Landschaftsstrukturenkönnen mit einem lokalen baulichenEingriff bewusst gestärkt und soselbstverständlicher Bestandteil urbanerTallandschaft bleiben.Städtebau durch Landschaft – dasWissen um die Bedeutung regionalwirksamer LandschaftsstrukturennutzenZu den wesentlichen Erkenntnissenzählt, dass Landschaftsstrukturen alsKombination aus funktionalen Netzenund Flächen sowie raumwirksamem Zusammenspielvon Topographie und Vegetationim spezifischen Kontext derTallandschaft im Alpenrheintal in Erscheinungtreten. Ein und dieselbeLandschaftsstruktur kann auf regionaler,städtebaulicher und lokaler Ebeneunterschiedliche Beiträge zur Qualifizierungder urbanen Landschaft im Alpenrheintalliefern – je nach Lage undFunktion im Gesamtzusammenhang.Landschaftsstrukturen beinhalten trotzunterschiedlicher räumlicher Ausprägungund Form (z.B. lineare Landschaftsstrukturenim Talraum) ein funktionalesund gestalterisches Zusammenspiel,das sie als übergeordnetes Elementauf regionaler Ebene erkennenlässt.Ihre Beseitigung führt zu lokal spürbarergestalterischer und funktionaler Strukturverarmungvon betroffenen Entwicklungsgebieten.Anstelle von Bedeutungszusammenhangam konkreten Ortsowie mit der weiteren Umgebung tretenoft beklagte Beliebigkeit und Austauschbarkeit.Bauweisen und Bauformen, die den jeweiligenregionalen Kontext der Landschaftkonzeptionell wie gestalterischbei kleinräumigen baulichen Interventionennutzen, können auch bei höhererDichte und zeitgenössischen Bauformenvorhandene Qualitäten bewusst „mitbauen“und damit den Gesamtkontextstärken.LITERATURAmt für Statistik des Fürstentums Liechtenstein(Hrsg.) (2010): Statistisches Jahrbuch Liechtensteins2010. Schaan.Bolomey, Nicole (2005): Schützenswerte Objekte,Lebensräume und Landschaften innerhalb derSiedlung. Amt für Natur Wald und Landschaft desFürstentums Liechtenstein, Vaduz.Bormann, Oliver u.a. (Hrsg.) (2005): ZwischenstadtEntwerfen. Wuppertal.Broggi, Mario (Hrsg.) (2009): Natur und Landschaftim Alpenrheintal. Von der Erdgeschichtebis zur Gegenwart. Liechtenstein PolitischeSchriften Band 45. Schaan.Dipl. Ing. Catarina Proidl hat an derUniversität für Bodenkultur in Wien (BO-KU) studiert, 2000–2006 an der BO-KU Wien und TU Wien als Lehrbeauftragteim Verschnitt Entwurf, Städtebauund Landschaftsarchitektur gearbeitet.2006–2009 Mitarbeit am interdisziplinärenForschungsprojekt „PerspektivenAlpenrheintal“ der Universität Liechtenstein.Sie verfasst ihre Dissertation zumThema „Landschaftsstrukturen im Alpenrheintal,ihre Bedeutung und ihrBeitrag zur Qualifizierung der Zwischenstadt“an der TU München. Seit2009 ist sie Mitarbeiterin der Landesplanungin Liechtenstein und Landschaftsarchitektinim Alpenrheintal.UNSERE AUTORINCorboz, André (2001): Die Kunst, Stadt und Landzum Sprechen zu bringen. Basel, Boston, Berlin.Corboz, André (2001): Das Territorium als Palimpsest.In: Corboz, André: Die Kunst, Stadt undLand zum Sprechen zu bringen. (Bauwelt-FundamenteAusg., Bd. 123). Basel, Boston, Berlin,S. 143–166.Eisinger, Angelus/Schneider, Michel (2005):Stadtland Schweiz. Untersuchungen und Fallstudienzur räumlichen Struktur und Entwicklung inder Schweiz. Basel.Flick, Uwe u.a. (Hrsg.) (2005): Qualitative Forschung.Ein Handbuch. Hamburg.Hajer, Maarten/Reijndorp, Arnold (2001): InSearch of New Public Domain. Rotterdam.Hesse, Markus/Kaltenbrunner, Robert (2005):Zerrbild „Zersiedelung“: Anmerkungen zum Gebrauchund zur Dekonstruktion eines Begriffs.DISP 160 (ETH Zürich), S. 16–22.Lampugnani, Vittorio u.a. (Hrsg.) (2007): Handbuchzum Stadtrand. Gestaltungsstrategien fürden suburbanen Raum. Basel.Proidl, Catarina (2009): Landschaftsstrukturen imAlpenrheintal. In: Andexlinger, Wolfgang (Hrsg.):Nachhaltige Raumentwicklung. Fokus „GlobalerWandel – regionale Nachhaltigkeit“. Innsbruck,S. 189–204.Prominski, Martin (2004): Landschaft entwerfen.Zur Theorie aktueller Landschaftsarchitektur.Bonn.Regierung des Fürstentums Liechtenstein (2001):Bericht und Naturgefahrenkarte; Wasser – Steinschlag– Rutschungen – Lawinen; Schaan, Triesen,Triesenberg, Vaduz. Vaduz.Schöbel, Sören (2003): Qualitative Freiraumplanung.Perspektiven städtischer Grün- und Freiräumeaus Berlin. Berlin.Schöbel, Sören (Hrsg.) (2006): Schotterlandschaft:Analysen und Entwürfe zur Region München.Berlin.Schöbel-Rutschmann, Sören (2008): Landschaftsurbanismus.In: Wolfrum, Sophie/Nerdinger,Winfried (Hrsg.): Multiple City. Berlin, S. 14–18.Schumacher, Maressa/Koch, Michael (2004):Mapping the Unmapped, Seeing the Unseen. In:Borsdrof, Axel/Zembri, Pierre (Hrsg.): EuropeanCities, Insights on Outskirts, Structures. 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KULTURELLES ERBE UND AUTHENTISCHE KULTURERFAHRUNGGewebe kultureller Kommentierungen imLianping Tourist ResortRolf DemmlerORTERolf Demmler erörtert Aspekte einesMasterplans für ein neues Tourismusresortim hügeligen Hinterland Südchinas.Dabei stehen vor allem Fragenortsspezifischer Identität und Strategienkultureller Kontinuität im Mittelpunkt.Für diese südchinesische Regionstellt der kulturell geprägteTourismus ein erhebliches wirtschaftlichesPotential dar. Der angemesseneUmgang mit der traditionellen Kultursetzt einen Raum voraus, in dem sichtouristische Neugier, authentischesKulturerlebnis und sinnli che Landschaftserfahrungspielerisch überlagernund neu verdichten können. KulturelleKommentierungen sind eineMöglichkeit, Landschaft und Kultur,sprachliche Überlieferung und persönlichesErlebnis miteinander zu verbindenund den Ort mit einer „spielerischenAuthentizität“ auszustatten.Der Beitrag erläutert ebenso, wie sichProblemstellungen und Lösungsansätzeim chinesischen Kontext von dermitteleuropäischen Situation unterscheiden.Landflucht und UrbanisierungEs wird er wartet, dass im Jahre 2050 etwa60 Prozent der Chinesen in urbanenGebieten leben. Dies entspricht fast einerVerdoppelung der heutigen Stadtbevölkerung!1 Allerdings sind die großenMetropolen wie Shanghai nichtmehr das vorrangige Ziel dieser Verstädterung.Es sind vor allem die unzähligenlokalen und regionalen Zentren imHinterland, die diese Umverteilung aufnehmenmüssen. 2 Während es auch inDeutschland Landflucht gab und gibt,ist der Effekt in China drastischer. Hierzulandesind selbst kleine Gemeindenüber einen längeren Zeitraum gewachsenund konnten sich zu wirtschaftlichund sozial komplexen Dorfgemeinschaftenentwickeln. Dagegen ist dasländliche China häufig monofunktionalauf den Reisanbau ausgerichtet. Zudemsind die einzelnen Dörfer oft wesentlichkleiner und weiter voneinander entfernt.Der Aufbau einer tragfähigen Infrastruktur,das Entstehen sozialer Vielfältigkeitund die Konsolidierung vonDörfern zu Dorfverbänden sind dahernahezu unmöglich. Ausreichende Einwohnerdichteund geographische Nähefür eine effiziente Vernetzung sindnicht gegeben.Tourismus als neuer WirtschaftsfaktorViele solcher Gebiete werden nun touristischerschlossen. Die ansässigenBauern werden mittlerweile angemessenentschädigt, so dass ihnen alternativeLebensentwürfe zur Verfügung stehen.Die bestehenden Dörfer bleibenverlassen zurück und werden aufgegeben.Gleichzeitig haben die Chinesendas eigene Hinterland als neues Erlebnisentdeckt. Statt in den Westen zu reisen,weckt nun eher die Suche nach dem„authentisch Chinesischen“ die touristischeNeugier. Vor allem die über 50Minderheitenkulturen – jede mit ihrenspeziellen Wesensmerkmalen, ihrem eigenenCharme und ihrer einzigartigenGeschichte – ziehen die neue chinesischeMittel- und Oberschicht an. Gesuchtwerden der besondere Ort unddas echte, persönliche Erlebnis kulturellerIdentität.Lianping liegt im Gebiet der Hakka-Kultur,weltbekannt für ihre Rundhäuser(vgl. Abbildung 1), in denen jeweils einganzer Dorfverband lebt. Wie dasAbbildung 1: Hakka-Rundhäuser in der Provinz FujianFachwerkhaus oder die Dorfkirche inDeutschland verkörpern die Rundhäuser(genannt „Tulou“) gebaute Kultur.Sie sind Sinnbild, Erlebnis und Artefaktzugleich, befinden sich aber mehr alsfünf Autostunden vom Planungsgebietentfernt in noch sehr viel schlechter erschlossenenGebieten. Für Lianping unddie gesamte Region stellt jedoch dieserneue, kulturell geprägte Tourismus dasgrößte wirtschaftliche Potential dar.Das kulturelle Erbe wird so zur Lebensader,der Umgang mit authentisch zugänglicherKulturerfahrung zur entscheidendenÜberlebensstrategie. Dain Lianping die Tulous als geschichtlicheKonstante und räumlich erfahrbares Erlebnisnicht vorhanden sind, war es daserklärte Ziel dieses Projektes, der Hakka-Kultureinen individuellen und prägnantenAusdruck jenseits des ikonischenRundhauses zu verleihen.Strategien des MasterplansDer Talkessel des Planungsgebietes bestehtvornehmlich aus Reisterrassen,umringt von dicht bewaldeten Bergen(vgl. Abbildung 2). Spezifische Qualitätendes Ortes wurden als Motor für denEntwurf genutzt und Hakka-spezifischeThemen flossen gezielt in die räumlich-Foto: Rolf Demmler77


ORTEfunktionale Gesamtplanung ein. Dieeingesetzten Strategien sind in Europaebenfalls bekannt: architektonischeNeuinterpretation, bautypologischeAb leitung, Erhalt und Umnutzungalter Bausubstanz und ein Ressourcenschonender Umgang mit der Natur- undKulturlandschaft.Abbildung 3: Vorgefertigte Villen in unterschiedlicherLageVisualisierung: Rolf DemmlerAbbildung 4: Dorfansicht mit renoviertenBauernhäusern und NeubautenVisualisierung: Rolf DemmlerSo wurden die Reisfelder größtenteilserhalten, die Neubauten (80 Villen undein 4-Sterne-Hotel) ordnen sich derLandschaft unter. Der Hotelkomplex istals Komposition eingeschossiger Mäanderin die Felder eingebettet, überdecktmit Reisterrassen. Da die Villenam Hang, umgeben von dichtem Wald,liegen, wurden sie als vorgefertigteBauwerke konzipiert, um die Belastungder Natur durch Baugerät, Lagerungvon Baumaterial, Schmutz und Bewegungsraumwährend der Errichtung vorOrt zu minimieren. Ihr morphologischerCharakter ähnelt einem rechteckigen,dreidimensional in die Höhe gestrecktenTulou (vgl. Abbildung 3). Diese motivischeAnleihe ist auch eine funktionaleStrategie: die zweigeschossigen Villenermöglichen zum einen den Panoramablickdurch die Baumkronen, zum anderenwird ein privater Innenhof definiert,so dass die Villen ohne Sichtschutzmaßnahmenfrei nebeneinander im Waldstehen können.Um die „offene Mitte“ der Reisfelder sindalle Funktionsbereiche ringförmig gruppiert– in Analogie zur funktionalen Organisationdes Rundhauses. Die alten Gehöfteund das bestehende Dorf sind alseinzige Bauwerke exponiert. Die Hofhäuserbeherbergen Restaurants, das DorfGeschäfte, Cafes und einen Wellnessbereich.Im traditionellen Tulou wie im neuenResort sind die Bauten der „Mitte“ die öffentlichenBegegnungsstätten. Hier könnenBesucher lokalen Reisschnaps anbauenund sich an der berühmten lokalenKüche versuchen; beides integrale Erfahrungender neuen touristischen Premiumklasse.Die alten Gebäude des Dorfeswerden mit neuen Volumen erweitert undzusammengeschlossen (vgl. Abbildung 4).Wie bei den historischen Bauernhäusernwird auch bei den Neubauten der typische,vor Ort verfügbare, gelbliche Lehmals Material genutzt, allerdings in zeitgenössischerBauweise. Die Ähnlichkeit inKubatur, Farbigkeit und Material führt dasbaukulturelle Erbe weiter. Der Bezug vomOriginal zur modernen Erweiterung bleibtklar lesbar. Die historischen Gehöfte undDorfhäuser haben zwar bisweilen eindeutigHakka-typische Architekturmerkmaleaufzuweisen, diese verstecken sichaber in Details, die sich lediglich demBauhistoriker erschließen. Für den Normaltouristenbleiben sie einfache, wennauch luxuriös renovierte Bauernhäuser.Daher war es nötig, einen strategischenAnsatz zu finden, der – jenseits der ehersubtilen baulichen und räumlichen Motivedes Gesamtplanes – einen ästhetischprägnanten „Kristallisationspunkt“ dervielschichtigen Hakka-Kultur definiert: einRaum, in dem sich touristische Neugier,Abbildung 2: Vogelperspektive des Masterplans3 D-Visualisierung: Rolf Demmler78


authentisches Kulturerlebnis und sinnlicheLandschaftserfahrung spielerisch überlagernund neu verdichten.Hakka-DialektDie Hakka lebten ursprünglich nomadisch,siedelten über mehrere Generationenin einer Region als akzeptierteoder geduldete Gäste 3 und wandertenschließlich weiter. Mehr noch als in anderenchinesischen Minderheitskulturenspielt das Gedenken der Verstorbeneneine zentrale Rolle. Und anstatt ethnischerAbstammung oder Religion definiertprimär der gemeinsame Hakka-Dialektdie eigene kulturelle Zugehörigkeit.4 Eine sprachliche Besonderheit istdabei etwa, dass die Hakka dasselbeWort für die sterblichen Überreste der„Ahnen“ wie für „Gold“ verwenden. 5 Einesehr poetisch anmutende Metapherfür ein zentrales Moment des nomadischenLebens: das Andenken der Vorfahrenund Bewahren von Erinnerungen,wenn ein Ort verlassen wird. Dieses linguistischeMerkmal kann jedoch auchauf die soziale Realität des Projektes bezogenwerden. Trotz Hotelmanagementkonzeptmit Fachschule vor Ort undMöglichkeiten lokaler Ausbildung undneuer Arbeitsplätze findet in Lianpingein dramatischer Wechsel statt: dieDorfgemeinschaft geht, die „Resortgemeinschaft“kommt. Allerdings gibt es inder Hakka-Kultur keine Entsprechungvon „Gold“ als Wort und der Farbe oderdes Materials. Die rituellen Gegenstände,die dem Andenken der Ahnen dienten,waren nicht golden.Für die Planung jedoch schien die sinnlich-ästhetischeErweiterung dieser Metapherein vielversprechendes, neueskultur- und landschaftsbezogenenesAusdrucksmittel: in seiner Farbigkeitkorrespondiert Gold mit dem gelblichenLehm der Gehöfte und des Dorfes.Mit seiner metallischen Spiegelungwirkt es aber sehr viel intensiver als dermatte Lehm: schon kleine Markierungenin der Landschaft reflektieren das imÜberfluss vorhandene Sonnenlicht mitweithin sichtbarer Wirkung. Selbstkleinmaßstäbliche, punktuelle Eingriffein die Dorf- und Kulturlandschaft könnenso einen völlig neuen Kontext entfalten,eine eigene ästhetische Metaebene.Um allerdings nicht zu spielerischzu werden, muss diese artifizielleMetaebene selbst wiederum kulturelleEchtheit reflektieren und erfahrbar machen.Nur die konkrete ästhetischeTransformation soll ein wirklich neuer,künstlicher Ansatzpunkt des kulturellenAusdrucks sein, nicht dessen Inhalt.Gewebe kulturellerKommentierungenEs entsteht das „Gewebe kulturellerKommentierungen“, das sich unmittelbarauf die Kulturlandschaft als Abdruck desalltäglichen sozialen Dorf lebens bezieht:die „offene Mitte“ mit Gehöften,Dorf, Baumhain und den Reisterrassen(vgl. Abbildung 5). Es lag auf der Hand,mit diesem linguistisch inspirierten Ansatzpunktvor allem den kulturellen Bereichder sozialen Interaktion – und nichtprimär den der ar chitektonischen Tradition– zu kommentieren.Das Resultat pendelt zwischen faktenorientiertemFreilichtheimatmuseum undortsspezifischer Land-Art. Die faktenorientierteKomponente bezieht sich dabeiauf kulturelle Phänomene außerhalb desräumlich Erfahrbaren, die Land-Art-Komponentenimmt eine räumliche VerortungORTEvor: mit jedem kulturellen Moment, jedemsoziohistorischen Ausdruck wird ein konkreterOrt verbunden. Die golden-metallischeÄsthetik vermittelt jeweils zwischendiesem abstrakt-sprachlichen undkonkret-sinnlichen Raum, in dem alte Geschichtenauf neue Weise erzählt werdenkönnen. Jede Kommentierung beziehtsich auf einen anderen Aspekt desehemaligen Sozialgefüges der Dorfgemeinschaft,provoziert eine andere sinnlicheErfahrung und bedient sich einesanderen sprachlichen Modus: dokumentarisch,rituell, anekdotisch.Die bestehenden Feldwege – die „GoldenenPfade“ – bilden die erste Ebenedieser Kommentierungen (vgl. Abbildung6) und erschließen den gesamtenTalkessel. Im momentanen Zustand lediglichTrampelpfade, werden sie mitgroben Steinplatten in einer Serie vonSchwellen ausgelegt, manche davongolden, so dass ein unregelmäßigrhythmisches Muster in der Landschaftentsteht: keine klare Linie, eher ein Anzeichen,eine subtile Markierung.Entlang der Pfade, teilweise den Wegbegleitend, teilweise querfeldein, sind„Goldene Stehlen“ (vgl. Abbildung 7)postiert. Sie sind Informationspunkteund skulpturale Landschaftsobjekte zugleich.Analog zu Tafeln an einemWaldwanderweg werden hier historischeInformationen zur lokalen Bevölkerungund deren Leben wiedergegeben.Dabei berichten sie faktenorientiert undschnörkellos genau an dem Ort, auf densie sich beziehen: Reisfeld, Dorfplatz,Gehöft, Bach. Sie sind Erklärung undräumliche Angabe zugleich. Wollteman ihren Charakter sprachlich einordnen,dann funktionieren die Stehlen aufder dokumentarischen Ebene der kulturellenErzählung.Dagegen sind die golden beschrifteten„Steinmasten“ (vgl. Abbildung 8; rechts)Ausdruck eines lebendigen Rituals.Hakka-Familien errichten seit langerZeit steinerne Masten, deren Beschriftungenvon Erfolgen, meist in der Ferne,erzählen: 6 der Universitätsabschlussdes Sohns in Shanghai, die Heirat derAbbildung 5: Perspektive der „offenen Mitte“ – Reisterrassen,Baumhain und Gewebe kultureller KommentierungenAbbildung 6: GoldenerPfad Visualisierung:Rolf Demmler79


ORTETochter in Beijing oder die neue Anstellungdes Bruders in Washington. Stattan einzelne Familienmitglieder richtetsich das Ritual nun an ein ganzes Dorf:alle Bewohner ziehen (zwangsläufig)weg und verfolgen individuelle Lebenswege.Mehrere, vielleicht die meisten,mit finanziellem Erfolg, Prestige und sozialemAufstieg. Es gibt ganze Regionenim Hakka-Gebiet, in denen Dörfer vonder Landflucht sprichwörtlich leergefegtsind. Hier verfallen die Häuser unddie Pflasterbeläge werden von der Naturzurückerobert, aber die Steinmastensind immer noch gepflegt! Hakka pilgernin verlassene Dörfer zurück, nur umihre steinernen Masten in Ehre zu halten.7 Der Dorfplatz bildet den räumlichenBezug für dieses lebendige Ritualund wird immer den heutigen Dorfbewohnernzugänglich sein: ein konkreterOrt der Nostalgie und ein Ort des Feiernsneuer Lebenswege. Die goldenenEinfräsungen der Namen und Ereignisseergeben dabei eine zusätzliche informativeund ästhetische Ebene.Das kulturelle Bewusstsein, das sicheher auf Legenden und Erzählungen,denn auf Fakten und empirische Korrektheitstützt, findet im „Mythenhain“seinen Ausdruck. In der Mitte des offenenTalkessels befindet sich eine Baumgruppe(vgl. Abbildung 8; links). Innerhalbderer ist es fast besinnlich ruhig.Die Reisfeldlandschaft, nur wenige Meterentfernt, wird verdeckt von einemSchleier aus herunterhängenden Ästenund Laub. Inspiriert von der reichen Traditionchinesischer Malerei, wird derCharme dieses atmosphärisch einzigartigenOrtes gesteigert zum Gartender Mythen, zum Ausdruck der kollektivenErinnerungen der Dorfbewohner. InMitten golden inskribierter Baumstämmeist man im wahrsten Sinne des Wortesumgeben von den Legenden der lokalenTradition wie in einer begehbarenKalligraphie. Der Mythenhain ist dasspielerischste Element dieser Kommentierungen,genauso wie die Anekdotedie freieste Form dieses sprachlichenKulturkanons darstellt.AusblickIn all diesen Kommentierungen wurdeversucht, Landschaft und Kultur, sprachlicheÜberlieferung und persönlichesErlebnis zu verbinden und den Ort miteiner „spielerischen Authentizität“ auszustatten,die Neugier weckt, aber nichtbeliebig ist. Dabei wurden konkrete Elementedes kulturellen Erbes mit einemästhetischen Mittel transformiert, welchesseinerseits wiederum die Visualisierungeines besonderen sprachlichenPhänomens ist. Im Endeffekt entsteht einsinnlich, räumlich und narrativ zugleichwirksames Erlebnis als Reflexion desortsspezifischen Ausdruckes der Hakka-Kulturin Lianping.In China, wo das Vergehen und Verschwindenan der Tagesordnung ist,und zugleich die authentische Erfahrungeine Wiedergeburt feiert, ist esvielleicht nicht verwunderlich, dassStrategien entstehen und entwickeltwerden, die sich von den deutschen unterscheiden.Diese und ähnliche Methodensind hoffentlich geeignet, den Platzzu füllen, wo konventionell räumlichfunktionalesArbeiten oft nicht weit genugreicht. Genau diese Herausforderungist in China gegeben, vor allem inden landschaftlichen Regionen mit minimalerInfrastruktur und geringer wirtschaftlicherDiversität, aber großem kulturellemErbe und hohem touristischemPotential.ANMERKUNGEN1 Siehe: Rowe, Peter G.: East Asia Modern –Shaping the Contemporary City. Reaktion BooksLtd, London 2005, S. 24.2 Siehe: Rowe, Peter G.: East Asia Modern –Shaping the Contemporary City. Reaktion BooksLtd, London 2005, S. 91/92.3 Die chinesische Bezeichnung für Hakka ist„Ke Jia Ren“ und bedeutet wörtlich übersetzt„Gäste“.4 Siehe: Erbaugh, Mary S.: The Secret Historyof the Hakkas: The Chinese Revolution as a HakkaEnterprise, in: The China Quarterly, No. 132(Dezember 1992), S. 937–968. Hrsg.: CambridgeUniversity Press on behalf of the School of Orientaland African Studies, S. 952 und 967.5 Siehe: Wang, Lin: Going Home. Land andHakka. China Photographic Publishing, Beijing2004, S. 75ff. Das Bestattungsritual, welchesWang als „Gold sammeln“ bezeichnet, bestehtaus drei Schritten: zunächst wird der Verstorbeneauf herkömmliche Weise beigesetzt. Nach zweibis drei Jahren werden die Knochen des Verstorbenen(das „Gold“) wieder ausgegraben, umschließlich in einem speziell gefertigten, verziertenund beschrifteten Tongefäß die letzte Ruhestättezu finden.6 Siehe: Wang, Fuping: Thoughts and Feelingsof the Earth Building – An Album of Photos andProse by Wang Fuping. Haifeng PublishingHouse, Fuzhou 2006, S. 65.7 Siehe: Wang, Lin: Going Home. Land andHakka. China Photographic Publishing, Beijing2004, S. 162.Dipl.-Ing. Rolf Demmler (M.Arch) studierteArchitektur und Städtebau inGlasgow und Darmstadt. Seit 2004lebt er in Shanghai und führt dort seit2008 sein eigenes Büro für Architekturund Stadtplanung. Sein berufliches undakademisches Interesse gilt der topologischen,situationistischen und phänomenologischenKartografie und kontextbezogenenEntwurfsmethodik inStadt- und Regionalplanung. Er hältGastvorlesungen, Vorträge und Workshopsin Europa und Asien.UNSER AUTORAbbildung 7: Goldene Stehlen Visualisierung: Rolf Demmler Abbildung 8: Mystischer Garten und Dorfplatz mit Steinmasten80


LÄNDLICHE RÄUME – POSITIONSBESTIMMUNG UND ZUKUNFTSSZENARIENIm Schatten der Reurbanisierung?Demographischer Wandel im ländlichen RaumStefan SiedentopIn den vergangenen Jahren hat sich inDeutschland ein merklicher Wandel inder Entwicklung der Raumstruktur ereignet..1 Galten in den 1980er und 1990erJahren ländliche Gemeinden noch alsdie Gewinner im Wettbewerb um dieWachstumsraten der Bevölkerung undBeschäftigung, legen gegenwärtig imZuge der Reurbanisierung die Städte zu.Damit stellt sich die Frage nach strukturellenWettbewerbsnachteilen für denländlichen Raum. Die ländlichen Gebietein Baden-Württemberg blieben bisheraufgrund ihrer bemerkenswert ausgeglichenenökonomischen Entwicklung vondiesem Prozess verschont. Gleichwohlmehren sich die Anzeichen für einenTrendbruch in der demographischen Entwicklungländlicher Gebiete. StefanSiedentop analysiert die aktuellen Ausprägungender demographischen Entwicklungim ländlichen Raum in Ba -den-Württemberg. Er benennt möglicheUrsachen des zu beobachtenden Trendsder Reurbanisierung und erörtert die Implikationenfür die ländlichen Gebiete.An zwei Themen – der Sicherung derDaseinsvorsorge sowie der Erhaltungeiner infrastruktureffizienten Siedlungsstruktur– werden mögliche Anpassungsstrategienund deren politischeFörderung diskutiert.Signifikanter Trendbruch in derraumstrukturellen EntwicklungIn den vergangenen Jahren hat sich inDeutschland ein signifikanter Trendbruchder raumstrukturellen Entwicklungereignet. Mit Ausnahme der neuen Bundesländerwaren es in den 1980er und1990er Jahren häufig suburbane undländliche Gemeinden, welche diehöchsten Wachstumsraten der Bevölkerungund Beschäftigung auf sich ziehenkonnten. Dagegen zeigten größereStädte eine eher unterdurchschnittliche,häufig sogar eine negative Entwicklung.Heute ist es genau umgekehrt, die Großstädtelegen in einem noch vor kurzemnicht für möglich erachteten Umfang anBevölkerung und Arbeitsplätzen zu,während ländliche Gemeinden bereitsmit zum Teil erheblichen Bevölkerungsverlustenkonfrontiert sind (Geppert/Gornig 2010; Siedentop 2008; Osterhage2010). Diese als „Reurbanisierung“bezeichnete raumstrukturelle Verschiebungder Entwicklungsdynamik zugunstenzentraler, städtisch geprägterStandorte stellt die Frage nach möglichenstrukturellen Wettbewerbsnachteilenländlicher Räume im sich verschärfendeninterregionalen Wettbewerb umEinwohner und Wertschöpfungsbeiträge.Sollte sich der derzeit bundesweitbeobachtbare Reurbanisierungstrendals stabil erweisen, steht ländlichen Gemeindenein durch interregionale Wanderungsvorgängeverstärkter Schrumpfungs-und Alterungsprozess bevor.Ländliche Räume stehen damit vor besonderenHerausforderungen. Verwiesenwird vor allem auf die Gefährdungder Daseinsvorsorge als flächendeckendeVersorgung der Bevölkerung mitGütern und Leistungen zu allgemeintragbaren Preisen (Einig 2008). Bei längeranhaltenden Bevölkerungsverlustengerät die wirtschaftliche Tragfähigkeitländlicher Infrastruktursysteme zunehmendunter Druck. Es kann verstärkt zuErreichbarkeits- und Qualitätseinbußen,zu höheren Kostenbelastungen und inExtremfällen auch zu Leistungsausfällenkommen (Winkel et al. 2010; Siedentop2009; Rohr-Zänker et al. 2010; BBR/BMVBS 2005). Regionen mit stärkererdemographischer Schrumpfung steht –so die Erwartung vieler Experten – einumfassender Anpassungs- und Umbauprozessinsbesondere im Bildungs- undGesundheitswesen bevor (BBR 2006;Beivers/Spangenberg 2008).Herausforderungen werden aber auchfür andere raumwirksame Politikfeldergesehen. Bei abnehmender Bevölkerungszahlgerät vor allem der öffentlichePersonennahverkehr in den ohnehinnachfrageschwachen ländlichen Räumenunter verstärkten Anpassungs- undKostendruck (Wissenschaftlicher Beirat2004; Oeltze et al. 2007; Wuppertal-Institut 2009). Aber auch im motorisiertenIndividualverkehr könnten steigendeVerkehrskosten infolge hoher Energiepreisezu höheren Kostenbelastungender Bevölkerung führen (BBSR 2010;BMVBS/BBR 2009; Würdemann/Held2006). Aufmerksamkeit muss zukünftigauch der Arbeits- und Fachkräfteverfügbarkeitin ländlichen Gebieten und denabsehbaren Angebotsüberhängen aufden Wohnungs- und Immobilienmärktengewidmet werden (BBSR 2010a;Rohr-Zänker et al. 2010).Anzeichen für einen Trendbruch auchin Baden-WürttembergDie ländlichen Gebiete in Baden-Württembergschienen allerdings von negativendemographischen Entwicklungenbislang weitgehend verschont zu bleiben,was vor allem mit der positivenwirtschaftlichen Entwicklung erklärtwerden kann. Im Vergleich zu anderenwestdeutschen Bundesländern weistBaden-Württemberg eine in räumlicherHinsicht bemerkenswert ausgeglicheneökonomische Entwicklung auf. Derländliche Raum konnte seinen Beitragan Wirtschaftswachstum und Beschäftigungin den vergangenen Jahrzehntensogar deutlich ausbauen. DieseEntwicklung hat zweifelsohne mit zuden beachtlichen Wanderungsgewinnenbei getragen. Der Anteil der Wirtschaftsleistung,der im ländlichen Raumerbracht wurde, lag mit zuletzt knapp30 Prozent (2007) nur geringfügig unterdem Bevölkerungsanteil von etwa 35Prozent. Die jährlichen Wachstumsratenwaren in nicht wenigen Jahren sogarhöher als im Verdichtungsraum.Auch bei der Beschäftigungsentwicklungist eine auffällige Gleichmäßigkeitin der Entwicklung beider Raumkategorienerkennbar.Aber trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklungenverdichten sich derzeit auchin Baden-Württemberg die Anzeichenfür einen umfassenden Trendbruch inder demographischen Entwicklungländlicher Gebiete. Seit der Jahrtausendwendekönnen veränderte Wanderungsmusterbeobachtet werden,von denen vor allem die großen Städteund ihr näheres Umland profitieren. DieBevölkerungszahl des ländlichen Raumsnimmt hingegen seit 2005 ab. DieserTrend wird in den kommenden Jahrenaller Voraussicht nach an Dynamik gewinnen.In diesem Beitrag werden die aktuellenTendenzen der demographischen Entwicklungdes ländlichen Raumes in Baden-Württembergeiner genauerenAnalyse unterzogen. Dabei wird gezeigt,dass der beginnende Bevölkerungsrückgangvon erheblichen Disparitätenim Gemeindesystem begleitetwird. Dies äußert sich in engen räumlichenNachbarschaftsmustern vonwachsenden und schrumpfenden Gemeinden.An die Erörterung aktueller81


Stefan Siedentopdemographischer Entwicklungsmusterschließt sich eine Diskussion zu denmöglichen Ursachen von Reurbanisierungsprozessenund ihren Implikationenfür ländliche Gebiete an. Im letzten Teilwerden dann mögliche Anpassungsstrategienund ihre politische Förderungskizziert. Hier wird zwei Themen besondereAufmerksamkeit zuteil: der Sicherungder Daseinsvorsorge und der Erhaltungeiner infrastruktureffizientenSiedlungsstruktur.Demographische Entwicklung imländlichen Raum und seinen TeilenAbbildung 1: Veränderung der Einwohnerzahl (1996–2008)Wie einleitend ausgeführt, war der ländlicheRaum Baden-Württembergs in denvergangenen Jahrzehnten eher ein Gewinnerdes raumstrukturellen Wandels.Die Bevölkerungszahl ist seit 1950 um beachtliche1,25 Millionen angestiegen,was einem Anteil von etwa 30 Prozentdes landesweiten Bevölkerungsanstiegsentspricht. In den 1980er und 1990erJahren konnte der ländliche Raum sogarhöhere Wachstumsraten der Bevölkerungrealisieren als der Verdichtungsraum.Doch diese Entwicklung ist seit derJahrtausendwende zum Erliegen gekommen.Mit einem Wert von 1,4 Prozent zwischen1999 und 2008 blieb das Bevölkerungswachstumdes ländlichen Raumsdeutlich hinter dem Verdichtungsraumzurück und seit 2005 vollzieht sich die Bevölkerungsentwicklungsogar mit negativemVorzeichen (vgl. Abbildung 1).Eine genauere Betrachtung zeigt, dasszwei parallele Entwicklungen zur beginnendendemographischen Schrumpfungbeitragen haben. So ist erstensfestzustellen, dass die Zuwanderungaus den verdichteten Landesteilen wieauch aus dem Ausland deutlich zurückgegangenist. Noch im Jahr 1996 wiesder ländliche Raum Wanderungsgewinnegegenüber dem Verdichtungsraumaus. Im Jahr 2008 war dies bereitsumgekehrt, der ländliche Raum verlor imSaldo Einwohner durch Wanderungsverlustean den Verdichtungsraum.Zweitens kann die natürliche Bevölkerungsentwicklungdes ländlichen RaumesAbwanderungsbewegungen nichtlänger bremsen. Im Gegenteil, in denvergangenen Jahren trug auch der Saldovon Geburten und Sterbefällen zurdemographischen Schrumpfung bei. Einealternde Bevölkerung mit einer abnehmendenAnzahl von Frauen im gebärfähigenAlter äußert sich in steigendenSterbefallüberschüssen. Immermehr Gemeinden im ländlichen Raumwerden sich daher in Zukunft einem„Zangengriff“ von natürlicher Schrumpfungund Abwanderung ausgesetzt sehen.Negative Wanderungssalden sindvor allem bei jüngeren Altersgruppenfeststellbar, was die Alterung des ländlichenRaumes noch weiter beschleunigt.Bei der Betrachtung der Veränderungder Einwohnerzahl in den einzelnenGemeinden des ländlichen Raums zeigtsich ein differenziertes Bild (vgl. Abbildung2). Eine eher positive demographischeEntwicklung lässt sich für Gemeindenan den Grenzen zum Agglomerationsraumim Bereich des Oberrheintales,am Bodensee und in Oberschwabenfeststellen. Demgegenüber lassen sichzum Teil erhebliche Bevölkerungsrückgängein Gemeinden des Schwarzwaldes,auf der Westalb, in Ostwürttembergund im Nordosten des Landes beobachten.Eine genauere Betrachtungverdeutlicht, dass der demographischeWandel vor allem kleinere Gemeindenohne leistungsfähige Infrastruktur miteiner forcierten Schrumpfung ihrer Bevölkerungsbasiskonfrontiert. Insbesonderejüngere Menschen im Ausbildungsalterzog es in den vergangenenJahren verstärkt in die größeren Städtedes ländlichen Raumes und des Agglomerationsraumes.Die aktuelle raumstrukturelleEntwicklung des Landeskann daher als Rezentralisierung derBevölkerung verstanden werden, die inscharfem Kontrast zu den in den 1980erund 1990er Jahren dominanten Dekonzentrations-und Dispersionsprozessensteht, womit die überproportionalenBevölkerungszuwächse kleiner Gemeindenin suburbanen und ländlichenRäumen gemeint sind.Insgesamt machen die Auswertungendeutlich, dass die Bevölkerungsentwicklungim ländlichen Raum Baden-Württembergsin den Jahren seit etwa 2002einen signifikanten Trendbruch erfahrenhat. Nach einer längeren Phase des Bevölkerungswachstums,gespeist durchdas natürliche Bevölkerungswachstumaber auch durch Nettozuwanderungaus dem Agglomerationsraum, verliertder ländliche Raum seit einigen Jahrenan Bevölkerung. Während der „kippende“natürliche Bevölkerungssaldo imWesentlichen auf einen Altersstruktureffektzurückzuführen ist, bedarf die sichzulasten des ländlichen Raumes veränderndeWanderungsbilanz einer weitergehendenErklärung. Die neue Attraktivitätder großen Städte als WohnundLebensort (Reurbanisierung) scheint– dies zeigen die oben dokumentiertenAnalysen der wirtschaftlichen Entwicklung– nicht allein auf ökonomische Faktorenzurückzuführen zu sein. Möglicherweisespielt auch eine verändertesoziokulturelle Bewertung von „Stadtleben“und „Landleben“ insbesondere beijüngeren Menschen eine Rolle. Denkbarist auch, dass angesichts steigenderEnergiekosten Standorte mit guter Erreichbarkeitund Infrastruktur als Wohnortpräferiert werden.Zugleich werden erhebliche Disparitätenzwischen Teilen des ländlichen Raumessichtbar. In einigen Regionen sindbereits heute erhebliche Bevölkerungsverlustefeststellbar, während andereRegionen auf anhaltende Wanderungsgewinneund natürliche Bevölkerungszuwächseverweisen können. DerartigeEntwicklungsunterschiede können vorallem mit der ebenfalls räumlich differenziertenwirtschaftlichen Dynamik erklärtwerden.Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, eigene BerechnungenUrsachen der Reurbanisierung undImplikationen für den ländlichen RaumDie Ursachen der Reurbanisierung imobigen Verständnis gelten als äußerstkomplex und noch nicht vollständig ver-82


Abbildung 2: Bevölkerungsveränderung im ländlichen Raum (1996–2008)IM SCHATTEN DER REURBANISIERUNG?DEMOGRAPHISCHER WANDEL IMLÄNDLICHEN RAUMQuelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, eigene Berechnungenstanden. Zahlreiche Beiträge wertendie aktuell mehrheitlich positive Bevölkerungsentwicklunggroßer Städte undihrer näheren Umlandgebiete jedochals Zwischenergebnis eines multikausalenRestrukturierungsprozesses, angetriebeninsbesondere von ökonomischen,soziokulturellen und demographischenWandlungen (siehe Jessen/Siedentop 2010; Siebel 2008; Geppert/Gornig2010; Siedentop 2008mit weiteren Nachweisen). Als bedeutendsteTriebkräfte gelten dabei die Transformation der industriellenÖkonomie in eine Wissensökonomie,in der Wachstumsimpulse vermehrtvon intellektueller Arbeit, menschlicherKreativität und sozialer Interaktionausgehen (Gornig 2004), was sich ineiner steigenden Bedeutung von räumlicherNähe und städtischer Zentralitätäußert; die zunehmenden Raumwiderständedurch ansteigende Energiepreise, wodurchinsbesondere ländliche Räumemit komparativen Kostennachteilenkonfrontiert werden; der Wandel und die Pluralisierung vonLebens- und Konsumstilen, gekoppeltan einen Verlust des Eigenheims alsgesellschaftlich dominante Form desWohnwunsches; die zunehmende Doppelberufstätigkeitin Familien; die Erschütterung einer allgemeinenberuflichen und sozialen Aufstiegserwartungsowie die Erosion des Normalarbeitsverhältnissesund damit einhergehendezeitökonomische Flexibilisierungszwänge.All diese Faktoren hätten – so die Meinungvieler Kommentatoren – zu einerstärkeren Nachfrage nach städtischenStandorten mit Erreichbarkeitsvorteilenund guter Infrastrukturversorgung geführt.Damit gelten sowohl ökonomischeals auch soziale Faktoren als möglicheDeterminanten einer in Zukunft möglicherweisepro-städtischeren raumstrukturellenEntwicklung. Ein generellerReurbanisierungstrend bedeutet indesnicht, dass Metropolregionen eine gegenüberländlich geprägten Gebietenpauschal günstigere Entwicklungsperspektiveunterstellt werden kann. Im Gegenteil,Reurbanisierung wird als standortselektiverProzess verstanden, andem Groß- und Mittelstädte in unterschiedlichemMaße teilhaben (Jessen/Siedentop 2010). Städte mit hohem Humankapitalsowie hohem Besatz an wissensbasiertenBranchen werden alsHauptprofiteure im Übergang zur Wissensökonomieangesehen (Dangschat2007; Geppert/Gornig 2006; Läpple2006). Aber auch ländliche Mittelstädtemit guter Einbindung in die überregionalenVerkehrsnetze könnten im Reurbanisierungsprozesszu den „Gewinnern“zählen. Aktuelle Analysen für Baden-Württembergbestätigen dieseVermutung. So konnten in den vergangenenJahren neben den Kernstädtenauch die Mittelzentren verstärkt positiveWanderungssalden ausweisen. Invielen mittelstädtischen Stadtregionenkonnten die Städte sogar höhere Wanderungsgewinneals ihre Umlandgemeindenrealisieren. Dies muss als einsignifikanter Trendbruch gegenüberder über Jahrzehnte stabilen Suburbanisierungbezeichnet werden (Brachat-Schwarz 2008; siehe auch Schmidt2010).Dagegen bleiben Städte mit altindustrialisiertemErbe und ländlich-periphereGemeinden in ihrer Entwicklung zurück(Bade 2006; Lutter/Pütz 2009). Reurbanisierungvollzieht sich somit in gewisserWeise „quer“ zu den auf geographischeZentralität, Erreichbarkeit undDichte abstellenden Typologien derStadt- und Regionsforschung. Zu erwartensind demnach anhaltende Polarisierungstendenzenim Gemeindesystem– innerhalb der Verdichtungsräumeebenso wie in den ländlichen Räumen.Anpassung an dendemographischen Wandel –ausgewählte HandlungsansätzeOben wurde herausgestellt, dass dieeng miteinander verwobenen Megatrendsdes demographischen Wandelsund der Reurbanisierung zu anhaltenden– möglicherweise sogar stärkerwerdenden – Disparitäten im StädteundGemeindesystem beitragen. Währendeinige Kommunen auch zukünftigmit Bevölkerungszuwächsen und angespanntenWohnungs- und Immobilienmärktenkonfrontiert sein werden, sehen83


Stefan Siedentopsich andere Kommunen von erheblichenSchrumpfungsprozessen herausgefordert.Sowohl die kommunale Entwicklungspolitikals auch die Förderpolitikender Länder müssen hierauf mit ausreichendflexiblen und stärker ressortübergreifendenAnsätzen reagieren. Vonentscheidender Bedeutung ist eine möglichstfrühzeitige kommunale Entwicklungs-und Anpassungsplanung. Währenddie Gemeinden die Ursachen desdemographischen Wandels kaum beeinflussenkönnen, verfügen sie bei derAnpassung an rückläufige Bevölkerungszahlenund eine alternde Gesellschaftüber wirkungsvolle Instrumente,mit welchen negative Auswirkungen begrenztwerden können. Als prioritäreHandlungsfelder dürften sich dabei dieSicherung der kommunalen Daseinsvorsorge,die Sicherung der Mobilität einerälter werdenden Bevölkerung und derStadtumbau herausstellen. Insbesonderekleinere Gemeinden werden demkaum mit eigenen Mitteln alleine gerechtwerden können, weshalb einerverstärkten interkommunalen Zusammenarbeithohe Bedeutung zukommt.Sicherung der DaseinsvorsorgeIm Folgenden sollen zwei Probleme mitihren möglichen Lösungsansätzen eingehenderdargestellt werden, beginnendmit der Sicherung der Daseinsvorsorge.Der ländliche Raum Baden-Württembergs verfügt heute noch überein bemerkenswert engmaschiges Netzvon Versorgungseinrichtungen und einegute Einbindung in die überregionalenVerkehrsnetze (vgl. Abbildung 3). Durchdie anhaltenden Bevölkerungsverlustein vielen ländlichen Gemeinden drohtjedoch eine spürbare Ausdünnung desinfrastrukturellen Leistungsspektrums,verbunden mit Einbußen der Erreichbarkeitvon Dienstleistungsstandorten undeiner schlechteren Leistungsqualitätoder – im Fall des Weiterbetriebs unterausgelasteterEinrichtungen – höherenKostenbelastungen für die öffentlicheHand und die Nutzer.Bei der Sicherung der Daseinsvorsorgekommt der kommunalen Ebene hervorgehobeneBedeutung zu. Zum einensind es die Kommunen, die Breite undTiefe der auch zukünftig anzubietendenDaseinsvorsorgeleistungen definierenund die Träger zahlreicher Leistungensind, zum anderen verfügen Kommunenüber große Handlungsspielräume füralternative Erbringungsformen ehemalsstaatlich oder privat finanzierter bzw.organisierter Infrastrukturleistungenund die Mobilisierung bürgerschaftlichenEngagements. Welche Maßnahmenim Einzelnen im Falle unterausgelasteterEinrichtungen angezeigt sind,kann nur im Einzelfall beantwortet werden.Grundsätzlich möglich ist unter anderem die Schließung von Einrichtungen(standörtliche Konzentration), zum Teilgeknüpft an Verbesserungen der Erreichbarkeitder weiterbestehendenEinrichtungen; die Bündelung verschiedener Einrichtungenin kommunalen Service- undSozialzentren mit kombinierten Angebotenan ärztlicher Versorgung, gesundheitlicherBeratung, Pflegedienstleistungenoder auch Einzelhandelseinrichtungen; die Dezentralisierung der Versorgung(z.B. als „Zwergschulen“ oder „Filialschulen“mit jahrgangsübergreifendemUnterricht und/oder Anbindungan Schulen in zentralen Orten) und derEntsorgung (z.B. als dezentralisierteAbwasserentsorgung mit Kleinkläranlagen);Abbildung 3: Erreichbarkeitsverhältnisse im ländlichen Raum undAgglomerationsraum, abgebildet mit Pkw-Fahrzeiten zur nächstgelegenenEinrichtung in MinutenQuelle: eigene Berechnungen die Substituierung von Leistungendurch IT-gestützte Medien (z.B. in Formdes sogenannten E-Government); die Nutzung von Privatisierungsspielräumenund die Mobilisierung bürgerschaftlichenEngagements (z.B. bürgerschaftlicheTrägermodelle vonSporteinrichtungen); die Einschränkung und/oder Flexibilisierungvon Öffnungszeiten kommunalerEinrichtungen und die interkommunale Bewirtschaftungzentralörtlicher Leistungen (z.B. Volkshochschulenund öffentliche Bibliotheken).Ziel muss es sein, eine wohnortnahe Versorgungfür eine alternde Gesellschaftzu sichern, ohne hohe Kostenzuwächsefür die Nutzer und die öffentliche Handin Kauf zu nehmen. Dies kann nur alsQuerschnittsaufgabe verstanden werden,welcher mit integrierten, übersektoralenund interkommunalen Konzeptenentsprochen werden kann. So wärees beispielsweise sinnvoll, die Entwicklungvon Schulstandorten abgestimmtmit der Weiterentwicklung des öffentlichenPersonennahverkehrs zu betreiben.Auch wird die Bewirtschaftung vonInfrastruktureinrichtungen in Regionenmit stärkeren Bevölkerungsrückgängennur in übergemeindlicher Trägerschafterfolgen können. Eine solche bereichsübergreifendeund interkommunale Planungder Daseinsvorsorge findet allerdingsbislang erst in Ansätzen statt. Diekooperative Lösung von Verteilungskonfliktenim Zusammenhang mit der Bewältigungvon Schrumpfungsprozessenkann mit Sicherheit als eine der größtenHerausforderung für die Kommunalpolitikim 21. Jahrhundert verstanden werden(siehe hierzu auch Winkel et al.2010; Greiving et al. 2007).Als ein diesbezüglich geeignetes Instrumentkönnte sich der sogenannte „MasterplanDaseinsvorsorge“ als integriertesund interkommunales Planungsinstrumenterweisen (BBR 2009; BMVBS2010). Bei der Erarbeitung dieses zunächstinformellen Plans setzen sich diekommunalen Gebietskörperschaften einesRaumes (z.B. eines Landkreises odereines definierten Nachbarschaftsraumes)in einem offenen und hierarchiefreienDiskussionsprozess mit den Auswirkungendes demographischen Wandelsauf die verschiedenen Infrastrukturbereicheder Daseinsvorsorge aufihrem Gebiet auseinander. Als zentralesAnliegen dieses Instruments werdeninsbesondere die Wechselwirkungenzwischen den einzelnen Infrastrukturenbetrachtet. Am Ende des Erarbeitungsprozessesstehen eine Anpassungsstrategiemitsamt einer Abschätzung derentstehenden Kosten und der Wirkungenauf die Angebots- und Bedingungsqualitätsowie eine politische und orga-84


nisatorische Sicherstellung ihrer Umsetzung.Um eine ausreichende Verbindlichkeitzu gewährleisten, können dieZiele des Masterplans über Zielvereinbarungenoder raumordnerische Verträgerechtlich gesichert werden.Sicherung einer infrastruktureffizientenSiedlungsstrukturEin zweites Kernthema kommunaler Anpassungsplanungan den demographischenWandel ist die Sicherung einer infrastruktureffizientenSiedlungsstruktur.Eine flächensparsame, verdichtete Siedlungsentwicklungbegrenzt Tragfähigkeitsverlustetechnischer Infrastruktursysteme,sie sichert die Möglich keitenfußläufiger Mobilität für eine alterndeGesellschaft und bewahrt die baulicheIdentität der gewachsenen Ortszentrenund Dorfkerne. Der Vorrang der Innenvorder Außenentwicklung ist daher nichtnur Richtschnur einer ressourcenschonendenKommunalentwicklung, sondernbeansprucht auch ökonomische und sozialeLegitimation. Eine konsequenteAusschöpfung der inneren Nutzungsreserven(vor allem Baulücken und Brachflächen)stellt allerdings hohe Anforderungenan die kommunale Planung. DieSchwierigkeiten baulicher Innenentwicklungsind wohlbekannt: In weit stärkeremMaße als bei Siedlungserweiterungen„auf der grünen Wiese“ bewegensich Innenentwicklungsprojekte ineinem Geflecht von Abhängigkeiten,Zwängen und Bindungen. Planungenwie die Nachverdichtung oder Brachflächenrevitalisierungsind meist kleinteiligerund arbeitsaufwändiger als Neubauvorhabenam Siedlungsrand. Siesind zudem häufiger mit nachbarschaftlichenWiderständen konfrontiert.Ein erster wesentlicher Schritt in eine bestandsorientiertestädtebauliche Entwicklungliegt in der Erfassung der innerenNutzungsreserven. Ein systematischeskommunales Bauland-Monitoring,das auch das Innenentwicklungspotentialregelmäßig erfasst, schafft größereTransparenz auf den Bodenmärkten undermöglicht eine realistische Abschätzungdes noch anzunehmenden Baulandbedarfesauf neu erschlossenen Flächen.Ausdrücklich gewarnt sei vor Versuchen,negativen Bevölkerungstrends mit Instrumentender Baulandpolitik entgegenwirkenzu wollen, die auf die Zuwanderunginsbesondere junger Familien abzielen.Bei stagnierender Bevölkerungsentwicklungim Land ziehen Einwohnerzuwächseder einen Gemeinde immer Verlusteanderer Gemeinden nach sich. Ein kommunalpolitischerWettbewerb um Einwohnerhat wenige Gewinner – aberviele Verlierer (Gutsche 2010). Auch solltenneue Baugebiete – sofern sie als erforderlichangesehen werden – grundsätzlichauf ihre Folgekosteneffekte imGemeindehaushalt untersucht werden.Dabei ist zu prüfen, ob den erwartetenKosten adäquate Nutzen gegenüberstehenund welche fiskalischen Risikenfür die Gemeinde im Fall langer Aufsiedelungszeiträumebestehen. Heute existierenbereits praxistaugliche Werkzeugeder Kosten-Nutzen-Betrachtung, dieElemente der städtebaulichen Kalkulationund der fiskalischen Wirkungsanalysemiteinander verbinden (siehe z.B.Hartung/Tack 2007).Als hilfreiches Instrument könnten sichsogenannte „Demographie-Checks“bei geplanten Investitionen in die kommunaleInfrastruktur erweisen. Mit einemRegelverfahren soll dabei festgestelltwerden, in welchem Maße die geplanteEinrichtung (oder deren baulicheErneuerung) auch unter verändertendemographischen Bedingungen wirtschaftlichtragfähig ist und welcheNachnutzungsoptionen im Falle einerSchließung bestehen. Auch ist zu überlegen,ob das Leistungs- und Funktionsspektrumder geplanten Einrichtungnicht durch vorhandene EinrichtungenProf. Dr.-Ing. Stefan Siedentop studiertevon 1988 bis 1994 Raumplanung ander Universität Dortmund; er promoviertemit dem Thema „Kumulative Wirkungenin der Umweltverträglichkeitsprüfung“im Jahr 2001 an der FakultätRaumplanung der Universität Dortmund.Nach langjähriger Forschungstätigkeitals wissenschaftlicher Mitarbeiterund Projektleiter am Leibniz-Institutfür ökologische Raumentwicklunge.V., Dresden, ist Stefan Siedentop seitAnfang 2007 Professor für Raumentwicklungs-und Umweltplanung an derUniversität Stuttgart, verbunden mit derLeitung des Instituts für Raumordnungund Entwicklungsplanung (IREUS). StefanSiedentop beschäftigt sich in Forschungund Lehre mit Grundfragenräumlicher Entwicklung, mit Strategienund Instrumenten nachhaltiger Siedlungsentwicklungsowie mit Methodenund Techniken GIS-gestützter Modellierungräumlicher Wirkungsbeziehungen.UNSER AUTORIM SCHATTEN DER REURBANISIERUNG?DEMOGRAPHISCHER WANDEL IMLÄNDLICHEN RAUMsubstituiert werden kann (z.B. die Aulaeines Gymnasiums als „Substitut“ für einengeplanten Bürgersaal). Über Pilotanwendungenhinaus gibt es aber nochkeine praktischen Erfahrungen in derRegelanwendung dieses Instruments.SchlussbemerkungAuch wenn der demographische Wandelin den meisten Gemeinden im ländlichenRaum Baden-Württembergs mittelfristignur zu vergleichsweise geringenoder moderaten Bevölkerungsrückgängenführen wird, ist einekonsequente und frühzeitige Auseinandersetzungmit diesem Thema von hoherBedeutung. Denn heute zu treffendeEntscheidungen über die Ausweisungvon Baugebieten oder Investitionen indie Erhaltung oder den Ausbau der Infrastrukturhaben die mittel- und langfristigenVeränderungen der Bevölkerungszahlund -struktur in Rechnung zustellen, um Fehlallokationen knapperöffentlicher Mittel zu vermeiden.Schrumpfung ist kein abrupt auftretendesPhänomen. Bei einsetzenden Bevölkerungsverlustennehmen die Haushaltszahlenmeist noch zu und eine anhaltendeWohnungsnachfrage kanndie Illusion nähren, dass Bevölkerungsverlustenur eine vorübergehende Entwicklungsphasedarstellen. Die Erfahrungenin Regionen mit früherer Betroffenheitdurch den demographischenWandel zeigen aber, dass eine frühzeitigeAuseinandersetzung mit dem imGroßen und Ganzen gut prognostizierbarendemographischen Entwicklungspfadeiner Kommune von entscheidenderBedeutung ist. Wird erst reagiert,wenn Schrumpfungsprobleme augenscheinlichenCharakter annehmen, könnenFehlentwicklungen kaum mehr abgewendetwerden. Die Kommunalpolitiksollte daher bereits in einem frühenStadium absehbare demographischePerspektiven und ihre möglichen Implikationenoffensiv und öffentlichkeitswirksamkommunizieren.Es gibt bislang keine „Blaupause“ für eineerfolgreiche kommunale Bewältigungdes Bevölkerungsrückgangs, ander sich Gemeinden orientierten könnten.Deutlich ist aber schon jetzt, dasseine „kommunale Schrumpfungspolitik“nicht weniger schwierig sein wird alsdie Lenkung und Gestaltung vonWachstumsprozessen – Aufgaben, diedie Kommunalpolitik über Jahrzehntegeprägt haben. Im Gegenteil, Schrumpfungsprozessekonfrontieren die Ge-85


Stefan Siedentopmeinden mit äußerst schwierigen undpolitisch heiklen Verteilungskonflikten.Basierend auf den bislang vorliegendenkommunalen Erfahrungen kannaber resümiert werden, dass diejenigenKommunen im demographischen Wandelerfolgreich sein werden, die dasThema nicht tabuisieren, die frühzeitigAnpassungsstrategien entwickeln, dieInfrastrukturfolgekosten durch eine bestandsorientierteSiedlungsentwicklungbegrenzen und die kooperativ mitihren Nachbarn nach tragfähigen Lösungensuchen.LITERATURBade, Franz-Josef (2006): Gewinner und Verliererder wissensbasierten Ökonomie. Tagung derEvangelischen Akademie Loccum: Wirtschaftsförderungin der Wissensgesellschaft. Loccum.Beivers, Andreas/Spangenberg, Martin (2008):Ländliche Krankenhausversorgung im Fokus derRaumordnung. In: Informationen zur Raumentwicklung,Heft 1–2/2008, S. 91–99.BBR (Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung)(2009): Masterplan Daseinsvorsorge – RegionaleAnpassungsstrategien. 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EIGENSTÄNDIGE UND SELBSTVERANTWORTLICHE REGIONALENTWICKLUNGPolitik für periphere, ländliche RegionenPeter DehneLändliche Regionen, in denen ökonomischeStrukturschwäche und aufgrunddes demographischen Wandels eine geringeBevölkerungsdichte zusammentreffen,geraten in eine Abwärtsspiralekumulierender negativer Entwicklungen.Diesen Regionen droht angesichts mehrdimensionalerStrukturprobleme eineAbkopplung von der gesellschaftlichenund letztlich wirtschaftlichen Entwicklung.Nicht nur die öffentliche Daseinsfürsorgeist gefährdet, eine zunehmendeDemokratieskepsis kommt hinzu. Dievergangenen Jahre haben gezeigt, dassdie herkömmlichen Strategien, Instrumenteund Institutionen der Politik einenur begrenzte Wirkung entfaltet haben.Politik für die ländlichen Räume sowiedie institutionellen Rahmenbedingungenmüssen – so Peter Dehne 1 – einer kritischenÜberprüfung unterzogen werden.Eine angemessene Politik für periphereund strukturschwache Räume sollte derSteuerungs- und Gestaltungsphilosophiedes „Ermöglichens“ folgen. Gefordertsind zum einen systemische Lösungsansätzesowie die horizontaleKoordination traditioneller Ressorts undFachpolitiken und daraus resultierenderFörderprogramme, Initiativen und Netzwerke.Diese Neuausrichtung der Politikerfordert grundlegende Reformen, dieGestaltungs- und Steuerungsspielräumefür eine eigenständige Regionalentwicklung– auch und gerade „von unten“ –schaffen.Regionen in der AbwärtsspiraleRegionen, in denen wirtschaftlicheStrukturschwäche und eine geringe Bevölkerungsdichtezusammentreffen, geratenimmer mehr in eine Abwärtsspiralekumulierender negativer Entwicklungenhinein. Diese Regionen sindweitgehend ländlich strukturiert 2 undgekennzeichnet durch geringe ökonomische Wettbewerbsfähigkeit; einen kritischen Arbeitsmarkt mit einerüberdurchschnittlich hohen Arbeitslosigkeit; weit unterdurchschnittlichen Wohlstand,geringe Kaufkraft und ein geringesHaushaltseinkommen; eine starke ökonomische Abhängigkeitvon Entscheidungen außerhalb der Region; einen anhaltenden Rückgang der Bevölkerungszahlen,verstärkt durch dieAbwanderung der gut ausgebildetenjungen Leute (bzw. geringe Zuwanderungsraten)und einen Anstieg des Anteils älterer Menschen.Ökonomischer Strukturwandel und demographischerWandel verstärken sichin diesen Regionen gegenseitig undführen dazu, dass die Tragfähigkeit derEinrichtungen und Angebote der öffentlichenDaseinsvorsorge in der bisherigenForm nicht mehr gewährleistetwerden kann und die allgemeinen Lebensbedingungensich bereits erkennbarverschlechtern. Durch die Abwanderungvor allem der jungen, meist gutausgebildeten Frauen potenzieren sichdemographische und ökonomische Problemeund das Verhältnis der Geschlechtergerät aus dem Gleichgewicht.Es ist zu beobachten, dass insbesonderein den ostdeutschen ökonomischenKrisenregionen die Menschen anfälligfür extreme politische Positionen undGruppierungen sind. Hinzu kommt eineallgemein zunehmende Demokratieskepsis.Leerstehende Gebäude, Verfallund brachliegende Stand orte sindsichtbare Zeichen des Verfalls der Immobilienwerteund drohender örtlicherbzw. regionaler Entleerung.Von außen werden diese „Verlierer-Regionen“als „nicht lebenswert“ wahrgenommen.Ein schlechtes Image und einnegatives Lebensgefühl in Teilen derBevölkerung sind die Folge. Die Bereitschaft,in diese Regionen zu ziehen,sinkt weiter ab. So kommt es, dass trotzoder gerade wegen der Strukturschwächegut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen,Stellen nicht besetzt werden könnenund sich ein Mangel an Personal inwichtigen Bereichen der Daseinsvorsorgeabzeichnet (z.B. Bildung, Gesundheit,Pflege). Dadurch gerät die regionaleWirtschaft unter Druck und Quantitätwie Qualität der Versorgung verschlechtertsich weiter.Fatal ist, dass durch diese systemischeNegativentwicklung die Spielräumeund Chancen für den Einzelnen in derRegion und für die Region insgesamtdeutlich geringer werden. Finanzielle,personelle und ökonomische Ressourcenwerden weniger. Das System derKommunalfinanzen ist nicht auf die spezifischenProbleme eines sich entleerendenRaumes ausgerichtet. Der Kreis derkreativen und innovativen Menschenwird kleiner. Und die geringe Bevölkerungsdichteverschlechtert die Basis fürden Absatz von Produkten und Dienstleistungenund damit die Chancen, Geschäftsideenumzusetzen. Die mit demGleichwertigkeitspostulat verbundeneChancengleichheit zur Teilhabe anwirtschaftlichen und gesellschaftlichenEntwicklungen kann somit nicht mehrgewährleistet werden. Damit droht diesenRegionen Marginalisierung und Abkopplungvon der gesellschaftlichenEntwicklung.Diese mehrdimensionalen Schrumpfungsprozessebetreffen sowohl ostdeutscheals auch westdeutsche Räume.Trotz der Vielschichtigkeit und Differenziertheitder räumlichen Entwicklungsprozessehandelt es sich bei denbetroffenen Räumen typischerweiseum: Regionen in relativ peripheren räumlichenLagen zu den Zentren der wirtschaftlichenEntwicklung; grenz- oder küstennahe Regionenoder Berggebiete bzw. Mittelgebirgslagen; ländliche Regionen, die sich einem radikalenökonomischen Strukturwandelausgesetzt sehen, bzw. „deindustrialisierte“ländliche Regionen wie (1) diemonostrukturierten Agrargebiete imOsten Deutschlands, (2) altindustriellebzw. altgewerblich geprägte Regionen,(3) Bergbaugebiete sowie (4) alttouristischeGebiete in Westdeutschland.Nach wie vor ist offen, wie die Politik aufdie diagnostizierten mehrdimensionalenStrukturprobleme reagieren soll. Dieeher ernüchternden Erfahrungen dervergangenen Jahre zeigen, dass dieherkömmlichen Strategien, Instrumenteund Institutionen der Politik nur eine begrenzteWirkung entfaltet, die Schwächenallenfalls abgemildert und diestrukturellen Probleme nicht wirklich gelösthaben. Hinzu kommen die Erfahrungen,dass sich die Raumentwicklung derpolitischen Einflussnahme und Steuerungzu entziehen scheint. Dies legt denSchluss nahe, dass ein radikales Umdenkenerforderlich ist und sowohl diePolitik für die ländlichen Räume als auchdie bestehenden institutionellen Rahmenbedingungenauf den Prüfstand gestelltwerden müssen mit dem Ziel, Wegezur wirtschaftlichen und sozialenStabilisierung zu ermöglichen und zufördern.87


Peter DehneChancen und Grenzen derStabilisierung peripherer RäumeObwohl an den Leitbildern der „GleichwertigenLebensverhältnisse“ sowieder „Nachhaltigen Raumentwicklung“grundsätzlich festgehalten wird 3 , stelltsich für die Raum- und Strukturpolitik aufregionaler und überregionaler Ebenedennoch die Frage, ob die sich verstärkendenSchrumpfungs- und Entleerungsprozessein den peripheren Räumenmit einem angemessenen Aufwandan Mitteln gestoppt und eine Stabilisierungerreicht werden kann. In diesemZusammenhang stellen sich zwei Fragen:(1) Welche räumliche Untersuchungseinheitwird betrachtet? (2) Undwie gering bzw. wie groß sind die Chancender Stabilisierung bzw. Trendumkehr?Bezieht man den Regionsbegriff auf einengrößeren räumlichen ökonomischen,sozialen und historischen Zusammenhang,so spiegeln sich innerhalbdieser peripheren Räume das Nebeneinandervon Wachstum und Schrumpfungund die Vielfalt der räumlichenEntwicklungen wider. Gegenwärtigsind innerregionale Wanderungen undräum liche Konzentrationsprozesse zugunsteneiniger Mittelstädte zu erkennen.Die Chancen, in einer sich entleerendenRegion stabilisierte Inseln zuschaffen, sind damit real und müssenkonsequent genutzt werden. Aber auchbenachbarte Dörfer und Kleinstädtekönnen ganz unterschiedliche, zum Teilsogar entgegengesetzte Entwicklungsrichtungenzeigen. Vieles spricht daherdafür, das Engagement Einzelner undder örtlichen Gemeinschaft als einenFaktor für Stabilität und Entwicklungstärker zu berücksichtigen. Ein Niedergangganzer Regionen ist daher nichtzu erwarten. Kleinräumig zeichnen sichin den peripheren Räumen allerdingsschon mehr oder weniger große „Löcher“ohne nennenswerte ökonomischeBasis ab. Die Aufgabe der Raumordnungund Regionalpolitik ist es daher,mit den „Schwachstellen“, den sich tendenziellentleerenden Dörfern und Teilregionenin einem „perforierten“ Raumkonzeptionell und sozialverträglich umzugehensowie Investitionen und Strukturhilfengezielt zur Stabilisierung derRegionen an die richtigen Stellen zulenken und innerregionale Konzentrationsprozessezu unterstützen. Eine Politikder „passiven Sanierung“, die diesenRegionen jegliche Förderung entzieht,würde die innerregionalen Selbstheilungskräfteignorieren und den obengenannten Leitvorstellungen der Raumordnungwidersprechen. Es ist auch keinmentales Verständnis für eine derartigradikale Ausgrenzung und Abkopplungvon Regionen in Deutschland zu erwarten,vor allem auch wegen der darausresultierenden sozialen Spannungen.Die zweite Frage nach den Chancender Stabilisierung ist gleichzeitig auchdie entscheidende Frage für eine generelleNeuausrichtung einer Politik fürdie ländlichen Räume. Die Geschichtezeigt, dass sich für Städte und Regionendie geostrategische Lage und die wirtschaftlicheSituation ändern können.Trotz schwieriger Ausgangslage konntenso neue Chancen und Spielräumegewonnen und genutzt werden. Vieles,was in der Peripherie entstanden ist, habenWissenschaftler und Politiker sogar nicht vorhergesehen und erwartet.Auch in den peripheren, strukturschwachenRäumen gibt es mittelständischeWirtschaftsbetriebe, die auf dem Weltmarktkonkurrieren können, und Zuzugvon „Städtern“ und „Kreativen“, die diebesonderen Qualitäten der Peripherieschätzen und suchen. Es liegt im Wesenvon Zukunftsvoraussagen, dass sie nurWahrscheinlichkeiten sind. Und Planung,auch großräumige Planung, mussauf Unsicherheiten ausgerichtet seinund hat neben der rahmensetzendenSteuerungsfunktion auch die Aufgabe,Spielräume zu lassen und damit Chanceneinzuräumen. Auch aus der Sichtder ökonomischen Raumentwicklungstheorielässt sich nicht eindeutig prognostizieren,welchen Weg eine Regionjeweils einschlagen wird oder kann.Doppelstrategien eigenständigerund selbstverantwortlicherRegionalentwicklungEine Politik für die peripheren, strukturschwachenRäume muss die Spielräumeund Verwirklichungschancen in den Regionenwieder erhöhen und sollte derSteuerungs- und Gestaltungsphilosophiedes „Ermöglichens“ folgen. Ermöglichenbedeutet, einer eigenständigenEntwicklung von unten Spielräume zugeben, Chancen zu fördern und Möglichkeitenoffen zu halten bzw. neu zuöffnen, indem die institutionellen Rahmenbedingungenfür die Bewältigungder strukturellen Probleme verbessertwerden, Anreize geboten und die öffentlichenund privaten Akteure gestärktwerden. Damit wird die Verantwortungfür die Gestaltung von Lösungen aufdie unteren Politik- und Handlungsebenenim Sinne einer eigenständigen undselbst verantwortlichen Regionalentwicklungverlagert, ohne die Regionen dabeisich selbst zu überlassen.Gefordert sind systemische Lösungsansätze,die den wechselnden Abhängigkeitenaller Komponenten des SystemsRechnung tragen. Grundlage hierfürsind vier Doppelstrategien als problemundaufgabenbezogene Lösungswege: Stärken stärken und Impulse von außensuchen: Stabilisierungsstrategien fürperiphere Räume müssen ausgerichtetsein auf die tatsächlichen zentralenProbleme und Potentiale größerer regionalerZusammenhänge und könnennur auf der Grundlage der eigenenwirtschaftlichen, sozialen und ökologischenStärken und mit Hilfe von Wissen,Identität und Selbstbewusstseingelingen. Andererseits brauchen geradedie peripheren Räume Impulse undRessourcen von außen, Zuwanderungund neue Ideen. Ein Problem von Strukturschwächeist eben die mangelndeBereitschaft, über den Tellerrand zublicken, und die geringe „Weltoffenheitund Innovationsfreude“ von ländlichperipheren Regionen, auch diemangelnde Toleranz Neuem gegenüber. Bottom-up und Top-down: Die Koordinationund Kooperation zwischen denHandlungs- und Politikebenen, zwischenLand und Kommunen, Kommunenund Zivilgesellschaft erfordert eineAusgewogenheit von Bottom-up- undTop-down-Ansätzen im Sinne des bewährtenGegenstromprinzips derRaumordnung. Erforderlich ist alsoauch hier eine rahmensetzende, zielbzw.ergebnisorientierte Politik, dieüber Anreize, Standards und Vereinbarungensowie Evaluierungsmechanismensteuert, die offen ist für regionaleund lokale Erfahrungen und Strategien,sowie eine Stärkung und Promotionder aktiven Personen, Netzwerkeund Leitfiguren. Umbauen und Gegensteuern: Eine wirtschaftlicheund soziale Entwicklungperipherer Räume erfordert zunächsteinen grundsätzlichen Umbau der Institutionenund eine Anpassung derStrukturen und Angebote an die verändertenRahmenbedingungen. Dies betrifftvor allem die Angebote der technischenund sozialen Daseinsvorsorge,die Siedlungs- und Baustrukturen aberauch die Verwaltungsstrukturen unddas kommunale Finanzsystem. DesWeiteren sind offensive Strategien erforderlich,um negative Trends wie Arbeitslosigkeit,Abwanderung und sozialeSpannungen zu stoppen, aktivgegenzusteuern und Resignation zuverhindern. Integriertes Denken und aufgabenteiligesHandeln: Schließlich erfordern mehrdimensionaleund komplexe Lösungeneinen integrierten und fachübergreifendenHandlungs- und Lösungsansatzund damit Koordination und Kooperationauf und zwischen allen Politikebenen.Die Kosten und Effizienzverlusteder Nichtkoordination und einesisolierten Nebeneinanders von Einzelpolitikenund Strategien müssen deutlichreduziert werden. Aber auch hier88


ist ein gesundes Gleichgewicht vonintegriertem Denken und fach- bzw.projektbezogenem Handeln notwendig.Das Leitbild einer ökonomischen undsozialen Entwicklung periphererRäumeIm Sinne des hier skizzierten Steuerungsverständnissesstehen Bund undLänder in der Verantwortung, eine Politikfür die peripheren Räume aktiv zu gestaltenund zu koordinieren. Der sektorübergreifendeCharakter dieser Aufgabeerfordert per se eine horizontale Koordinationder traditionellen Ressortsund Fachpolitiken und der daraus resultierendenFörderprogramme, regionalenInitiativen und Netzwerke. Eine integrierte,aufgabenteilige Politik des Ermöglichensbenötigt eine lebendigeund griffige Vision und übergreifendestrategische Leitbilder, die Orientierunggeben, koordinieren, aktivierenund in einem offenen akteurs- und fachübergreifendenkonsensorientierten Dialogentwickelt werden. Der NationaleStrategieplan für die Entwicklung ländlicherRäume kann hierfür allenfalls einImpuls sein. Er ist größtenteils agrarischund umweltbezogen ausgerichtet undkann durch seine Orientierung auf dieELER-Verordnung den genannten Ansprüchennicht gerecht werden. Auchdie „Leitbilder und Handlungsstrategienfür die Raumentwicklung in Deutschland“und die Idee der Verantwortungsgemeinschaftengeben nur wenig Orientierungfür die so genannten Stabilisierungsräume.Angesichts der systemischen Zusammenhängeder Strukturschwächen erscheinteine Konzentration der Mittelund Kräfte auf ein oder wenige Politikfeldernicht ausreichend. Auch die vielfachin den strukturschwachen Regionenzu hörende zentrale Forderung,Arbeitsplätze zu schaffen, ist ohne dieEinbindung in eine integrierte Gesamtstrategiewenig zielführend. Zielmuss vielmehr eine ökonomische und sozialeEntwicklung sein, die die Verwirklichungschancenund die Lebensqualitätdes Einzelnen erhöht und die ökologischen,naturräumlichen und kulturellenRessourcen des Raumes nachhaltignutzt und in Wert setzt sowie durch denAufbau eines guten regionalen Imagesgezielt ökonomische und kulturelle Impulsevon außen sucht und fördert.Nimmt man die Verknüpfung vonWachstumstheorie und Humankapitaltheorieernst, so müssen im Zentrumeiner eigenständigen, chancenorientiertenRegionalentwicklung Bildung,frühkindliche Erziehung und gute Rahmenbedingungenfür die Nachwuchssicherung– und damit insbesondere fürdie Frauen – stehen, auch wenn eine guteAusbildung die Bereitschaft fortzuzieheneher noch steigern kann. Zu einerintegrierten Gesamtstrategie gehörtauch die Berücksichtigung neuerFormen des Zusammenlebens, wie einegenerationsübergreifende Wohn- undInfrastruktur, Freizeitangebote und diePflege des sozialen Zusammenlebens,insbesondere durch die Stärkung der zivilgesellschaftlichenNetzwerke, Initiativenund Vereine in den Dörfern undStädten.Die Erfahrungen zeigen allerdings,dass eine Trendumkehr in der Regionalentwicklungnicht kurzfristig zu erreichenist und Erfolge sich erst allmählicheinstellen. Durchgreifende Änderungenbenötigen in der Regel mindestens zehnbis 15 Jahre Zeit und damit Kontinuitätin der Strategie sowie viel Engagement,Kreativität und Durchhaltevermögender zentralen regionalen Akteure. Allerdingswird es auch in Zukunft im räumlichenGesamtgefüge der Bundesrepublik„Verliererregionen“ geben, und nichtjede Region aus der Peripherie wird aufeinen günstigen Wachstumspfad gelangenkönnen.Grundlegende Reformen derRahmenbedingungen zugunstenperipherer RäumeEine Neuausrichtung der Politik fürländliche bzw. periphere Räume solltedaher flankiert werden von einer grundsätzlichenStärkung der regionalen undEuropäischer Landwirtschaftsfondsfür die Entwicklung des ländlichenRaums (ELER)Der Europäische Landwirtschaftsfondsfür die Entwicklung des ländlichenRaums (ELER) wurde durcheine Verordnung des Rats der EuropäischenUnion 2005 errichtet undhat seine Tätigkeit 2007 aufgenommen.Der Europäische Landwirtschaftsfondsfür die Entwicklungdes ländlichen Raums hat vierSchwerpunkte – auch „Achsen“ genannt:(1) die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeitvon Land- undForstwirtschaft; (2) die Verbesserungdes Umwelt- und des Tierschutzesin der Landschaft; (3) dieSteigerung der Lebensqualität imländlichen Raum und die Diversifizierungder ländlichen Wirtschaftsowie (4) die Weiterführung vonLEADER+.POLITIK FÜR PERIPHERE, LÄNDLICHEREGIONENlokalen Institutionen mit dem Ziel, finanzielle,organisatorische und fachlicheEngpässe der Kommunen zu beseitigensowie Gestaltungs- und Steuerungsspielräumefür eine eigenständige Regionalentwicklungim hier skizzierten Sinnezu geben. Diese Reformen der Rahmenbedingungenhaben in Teilen aucheinen allgemeinen Charakter und betreffenebenfalls Kommunen andererRegionstypen. Gefordert sind: der Abbau von Regulierungen derKommunen durch Bund und Länder; eine Reform der innerregionalen Organisation,um die Effizienz zu erhöhen; eine Neuausrichtung der Förder- undStrukturpolitik auf die besonderen Bedürfnisseperipherer Räume sowieletztlich eine Reform der Kommunalfinanzen,um die finanziellen Spielräume zu erhöhen.Grundsätzlich muss unterschieden werdenzwischen einer engeren Politik fürperiphere Räume, die auf die besonderenProbleme und Bedürfnisse dieserRegionen zugeschnitten ist, und der allgemeinenPolitik bzw. anderen Fachpolitiken,die nicht explizit auf periphereRäume ausgerichtet sind, auf diese jedochindirekt wirken. Dazu gehören Förderprogramme,rechtliche Regelungenund Standards, die im Einzelfall geradedie Spielräume und die Flexibilität desEinzelnen, der Wirtschaft oder der regionalenVerwaltungen einengen bzw.sich negativ auf die peripheren Räumeauswirken. Nach dem Vorbild andererStaaten (z.B. Kanada) sollte im Sinneeiner Politikfolgenabschätzung ein Verträglichkeitscheckvon Politiken, Gesetzenund Förderprogrammen eingeführtwerden, um deren Auswirkungen aufdie peripheren Räume transparent zumachen.Reform der inneren OrganisationDie Erweiterung der Handlungsspielräumeauf der regionalen Ebene wirftunweigerlich die Frage nach der innerenOrganisation und institutionellenArchitektur von peripheren Räumen auf.Diese institutionelle Erneuerung mussweitgehend von innen, aus der Regiongeschehen, ggf. ergänzt um externe Anreizeund staatliche Verwaltungsreformen.Der Umbau von Verwaltungen undVerwaltungsstrukturen sollte dabeinicht ausschließlich auf Wirtschaftlichkeitund Kostenersparnis ausgerichtetsein, sondern vielmehr auch auf Effektivitätund Wirksamkeit des Verwaltungshandelns.Voraussetzung ist allerdings89


Peter Dehneauch gutes und kreatives Personal, dasoffen für Veränderungen ist.Auch wenn oder gerade weil die ersteGeneration des Regionalmanagementsan zu hohen Anforderungen der Integration,unklaren Vorgaben, wenig Entscheidungskompetenzen,fehlender Anbindungan Politik und Verwaltung, Egoismenetablierter Institutionen und Widerständengegenüber professionellenManagementstrukturen gescheitert ist,zeigen die Erfahrungen aus anderenLändern (wie z.B. Finnland, Schottland,Irland, Österreich), dass professionelle,flexible Organisations- und Managementstrukturenin Form von RegionalenEntwicklungsagenturen weiterhin derKönigsweg der regionalen Entwicklungin den ländlichen und peripheren Räumensein können. Sie bieten die Möglichkeitder vertikalen und horizontalenKooperation und Kommunikation undsollten die Steuerung von Förder- undEntwicklungsprozessen in den Regionenübernehmen, indem sie als ressortübergreifender„Förderknoten“ dienensowie Potentiale, Handlungsspielräumeund gute Partner aufspüren und aktivunterstützten.In den peripheren Räumen sind Lösungengefragt, die über die engeren kommunalenGrenzen der Gemeinden undLandkreise hinausgehen und einengrößeren räumlichen Zusammenhangerfordern, z.B. für den Umbau der Daseinsvorsorgeoder eine effektive Wirtschaftsförderung.Organisationsmodelle,die diesen AbstimmungserfordernissenRechnung tragen können, reichenvon interkommunalen Abstimmungenüber institutionalisierte Kooperationen,wie z.B. Zweckverbänden, bis hin zu einerumfassenden Funktional- und Gebietsreform.Es gibt allerdings nur wenigeBeispiele guter, die eigenen Interessenüberwindender Zusammenarbeitvon Städten, Gemeinden und Landkreisen.Die beteiligten kommunalen Akteurefühlen sich ihren eigenen Gebietskörperschaftenverpflichtet und sind zu Zugeständnissenund Kooperationen nurbereit, wenn ein schneller Kooperationsnutzenzu erkennen ist. InterkommunaleKooperationen müssen daher themenbezogengezielt eingefordert undmit finanziellen und funktionalen Anreizenversehen werden (Kopplung anFördermittelvergabe, strategiebezogeneFinanzzulagen für Kommunen, direkteinterkommunale Aufgabenzuweisungen,Kooperationsgebote, Förderungvon interkommunalen Konzepten, themenbezogeneFörderwettbewerbe fürinterkommunale Netzwerke).Angesichts der föderalen Vielfalt derkommunalen und fachspezifischenStrukturen und Gebietsgrößen könnenbundesweit nur sehr begrenzt generalisierendeAussagen zur Notwendigkeitund zum Umfang von Funktional- undGebietsreformen gemacht werden. Einerseitsscheint aufgrund der geschildertenveränderten Rahmenbedingungenund der Grenzen freiwilliger Kooperationender Bedarf nach größerenräumlichen Zuständigkeitsbereichenvorhanden zu sein. Nicht verkannt werdendarf in dieser Debatte aber auch,dass kleine, übersichtliche Verwaltungsstrukturenbürger- und problemnähersind und häufig schneller, flexiblerund unkomplizierter handeln undsich an veränderte Rahmenbedingungenanpassen können, wenn dies politischgewollt ist.Die Verwaltungen, insbesondere dieVerwaltungen der Landkreise, Städteund Gemeinden, müssen sich neben ihrenhoheitlichen Ordnungsaufgabenallerdings auch stärker als Dienstleisterfür Wirtschaft, Bürger und Regionalinitiativenverstehen und sich stärker aufderen besondere Bedürfnisse ausrichten.Zu einer wirtschafts- und bürgernahenVerwaltung gehören u. a. schnelleund unbürokratische Genehmigungsverfahrenaus einer Hand (One-Stop-Shop, garantierte Bearbeitungsfristen),Kontakt- und Bestandspflege ansässigerUnternehmen und Regionalinitiativen,gezieltes Management von Gewerbeflächen,Ausbau des E-Governmentsund mobiler Verwaltungsangebote.Die Erfahrungen zeigen, dassauch und gerade in peripheren Räumenfachliches Know-how und eine gute Planungs-und Genehmigungskultur entscheidendeStandortfaktoren für wirtschaftlicheEntwicklung sein können.Die Kommunalverwaltungen müssengestaltend, aktiv und innovativ mit denHerausforderungen des regionalen undsektoralen Strukturwandels umgehenund dies als dauerhaften Prozess verstehen,z.B. durch gezielte Akquise derFördermittel, durch Initiierung und Moderationvon Zusammenarbeit, Netzwerkenund Clustern, durch Regionalanalysen,konzeptionelle Vorarbeitenund Leitbildprozesse (zum Regionalmarketingoder zur Zukunft der Daseinsvorsorge)oder durch den Aufbauvon wirtschaftsnahen Infrastrukturen,Dienst leistungs- und Beratungsangebotenfür regionale Kleinunternehmenund Existenzgründer.Schließlich werden bürgerschaftlichesEngagement und die Eigenorganisationdes örtlichen Lebensumfeldes und Wirtschaftslebensin Zukunft gerade im peripheren,ländlichen Raum an Bedeutunggewinnen. LEADER, ILEK, Regionen Aktiv,die Dorferneuerung, Lokale Agendenoder Stadtmarketing haben in denländlichen Räumen eine Vielfalt von gutenregionalen und lokalen Partnerschaftenzwischen Bürgern, Verwaltungund Wirtschaft entstehen lassen. DieStärke dieser Programme und Prozesseist die Nähe zu den Lebenswelten undInteressen der Bürger und ihr integrativerAnsatz.LEADERLEADER (Liaison entre actions dedéveloppement de l’économie rurale)ist eine EU-Gemeinschaftsinitiativezur Entwicklung des ländlichenRaums im Rahmen der europäischenStrukturfonds. Mit dem ProgrammLEADER wurden seit 1991zunächst modellhaft innovative Aktionenim ländlichen Raum gefördert.Es folgte das Programm LEA-DER-II für die Jahre 1994–2000 miteinem Etat von 1,4 Milliarden ECUund schließlich LEADER+ für 2000–2006 mit einem Etat von 2 MilliardenEuro. In der Förderperiode2007–2013 wird LEADER+ nichtmehr als eigenes Programm, sondernals Schwerpunkt des EuropäischenLandwirtschaftsfonds für dieEntwicklung des ländlichen Raums(ELER) weitergeführt.Integriertes ländlichesEntwicklungskonzept (ILEK)Als Integriertes ländliches Entwicklungskonzept(ILEK) wird ein besonderesKonzept zur Entwicklung desländlichen Raums bezeichnet, dasdarauf abzielt, den ländlichenRaum als Lebens-, Arbeits-, Erholungs-und Naturraum weiterzuentwickeln.Das Integrierte ländlicheHandlungskonzept zielt auf die umfassendeBerücksichtigung verschiedenerHandlungsfelder ab.Dabei sollen typische Eigenheitenund Kräfte der Region besondersberücksichtigt bzw. aktiviert werdenund so zum Aufbau regionalerNetzwerke beitragen.Reform der Förder- und StrukturpolitikDie Politik für ländliche Räume inDeutschland ist geprägt von einer sektorbezogenenPolitikgestaltung, einertraditionellen Ausrichtung auf die Landwirtschaftund einem Konzept des Ausgleichsvon Strukturschwächen, eingebundenin eine wachstumsorientierteWirtschafts- und Regionalpolitik. Dietragenden Säulen sind die beiden Gemeinschaftsaufgaben„Verbesserungder regionalen Wirtschaftsstruktur“90


(GRW) und „Verbesserung des Küstenschutzesund der Agrarstruktur“ (GAK),ergänzt von den jeweiligen EU-Förderlinien.Beides sind immer noch klassische„Top-down-Instrumente“, auch wenn inden letzten Jahren regionalisierte Ansätzein die Förderkataloge aufgenommenwurden (LEADER-Methode, IntegrierteLändliche Entwicklung, Regionalmanagement).Und beide Säulen stehenunverbunden nebeneinander. Eineressortübergreifende Zusammenarbeitund Abstimmung findet sowohl auf derstaatlichen als auch auf der regionalenEbene noch zu wenig statt. Häufig betrachtensich die jeweiligen Protagonistenals Konkurrenten um Mittelverteilung,Mitteleinsatz und die besten Ideenund Projekte zur Förderung ihrer Region.Die Funktion und die Ausgestaltung derGemeinschaftsaufgaben sollte dahergrundsätzlich auf den Prüfstand gestelltund neu ausgerichtet werden. Notwendigerscheint eine Orientierung aufWachstum und Schrumpfung anstelleauf Ländlichkeit sowie (1) die Entkoppelungvon Agrarförderung und regionalerStrukturpolitik; (2) eine Abkehr vomStadt-Land-Dualismus und (3) die Ausrichtungauf einen integrierten regionalenAnsatz im Sinne eines „Spezialprogrammsfür periphere Räume aus einemGuss“.Die Politik für den ländlichen Raum überdie GAK ist traditionell auf die Landwirtschaftausgerichtet und erreicht somitnur einen kleinen Ausschnitt der regionalenWirtschaft und Soziokultur. Esdarf nicht verkannt werden, dass dieAgrarwirtschaft weiterhin Einfluss aufdie regionale Wirtschaft, Landschaftund Natur sowie den sozialen Zusammenhaltbehalten wird. Sie ist immernoch eine wirtschaftliche Stärke und einwichtiges Standbein mit Ausbaupotentialenvieler peripherer Räume. Allerdingshaben die regionalökonomischeBedeutung und die Beschäftigungseffektein der Landwirtschaft an Bedeutungverloren. Die „Ländliche Entwicklung“sollte von ihrer Bindung an die Agrarstrukturgelöst werden, als Teil derregionalen Struktur- und Sozialpolitikverstanden und in einen größeren wirtschaftlichenund sozialen Kontext sowieeine regionale Gesamtstrategie eingebundenwerden.Die regionale Wirtschaftsförderungder GRW ist lange Zeit eine Ansiedlungspolitikfür den ländlichen Raumgewesen. Klein- und Kleinstunternehmenhaben nur wenig oder gar nicht davonprofitiert. Neben einer stärkerenAusrichtung auf kleinere und mittlereUnternehmen und Kleinstunternehmensollten vor allem Mechanismen undStrategien gesucht und gefunden werden,Unternehmertum, Eigenverantwortlichkeit,Innovationen und Netzwerkezu aktivieren und zu unterstützensowie ein gutes Umfeld und Image zufördern. Dies bedeutet letztlich eineVerschiebung der Förderschwerpunktevon Investitionszuschüssen und harterInfrastrukturförderung hin zu aktivierendenTransfers, einer Stärkung der Humanressourcenund der Förderung weicherStandortfaktoren und flexiblerStrategien. Die Angebote sollten anden konkreten Problemen der kleinenund mittleren Unternehmen und Kleinstunternehmenin den wirtschaftlich benachteiligtenRegionen ansetzen und –ökonomisch formuliert – die für dieseFirmen vorhandenen Transaktionskostenbei Produktion und Absatz ihrer Güterreduzieren.Die „Ländliche Entwicklung“ und die regionaleStruktur- und Förderpolitik –auch im Sinne der Gemeinschaftsaufgabedes Artikel 91a Absatz 1Grundgesetz – sollten daher in einemEntwicklungsprogramm „Umbau undnachhaltige Entwicklung von peripherenRegionen“ gebündelt werden, das– losgelöst von dem überkommenenStadt-Land-Dualismus – auf die eigentlichenstrukturellen und demographischenProbleme der peripheren Räumeausgerichtet ist. Um der Notwendigkeitnach mehr Handlungsspielräumen undVerwirklichungschancen gerecht zuwerden, sollte das Förderprogramm eineweitgehende Regionalisierung derStruktur- und Förderpolitik ermöglichen.Dazu gehören folgende Eckpunkte: Ein weitgesteckter Förderrahmen, derim Sinne einer integrierten Regionalpolitikauf die genannten zentralenAufgaben- und Handlungsfelder periphererRäume ausgerichtet ist; die bisherigenwirtschaftsorientierten Fördertatbeständemüssten durch arbeitsmarkt-,bildungs- und sozialpolitischeInstrumente ergänzt werden; eine Ausweitung des Adressatenkreises,der neben Unternehmen und Kommunenin bestimmten Handlungsfeldernauch regionale Interessensgruppen,zivilgesellschaftliche Akteure,Netz werke und Institutionen berücksichtigt; eine stärker pauschalierte Mittelzuweisung,die es erlaubt, auf der regionalenEbene innerhalb der Handlungsfeldereigenverantwortlich Schwerpunktezu setzen; eine vertikale Steuerung und Qualitätssicherungüber klar definierte Erfolgskriterien,Zielvereinbarungen undEvaluationsmechanismen auf derGrundlage von regionalen Förderverträgen,in denen die grundsätzlicheregionale Förderstrategie festgelegtund auf einen ausreichend lang bemessenenZeitraum begrenzt wird (fünfoder sieben Jahre);POLITIK FÜR PERIPHERE, LÄNDLICHEREGIONEN eine aktive Koordinierungsaufgabe inBezug auf weitere Ressortprogrammeund Fachpolitiken mit Relevanz für dieRegionalentwicklung; Experimentier- und Innovationsklauseln,die eine Förderung von Modell-und Pilotprojekten auch über dieFörderschwerpunkte hinaus in Bereichenvon sektoralen Fachpolitiken erlauben.Regionale Handlungskonzepte bzw.die mit ihnen zusammenhängenden Prozesseder Aufstellung und Fortschreibungsollten strategische Grundlageder Regionen für ihre Eigenorganisation,fachbezogene Arbeitsteilung undSchwerpunktbildung sein und die unterschiedlichenfachbezogenen Aktivitätenzusammenführen.Daneben sind die Dorferneuerung unddie Städtebauförderung eingespielteFörderinstrumente und gute Beispielefür einen integrierten, gebietsbezogenenFörderansatz auf der Grundlagevon Entwicklungskonzepten und Eigenverantwortungvor Ort, der Beteiligung,rechtliche Sicherung und Steuerung sowieinvestive Förderung ideal verbindet.Es sind starke, traditionelle und bewährteProgramme, um regionale Problemevor Ort zu lösen. Gerade im strukturschwachenperipheren Raum solltensie gezielt gestärkt, noch besser überdie eigentliche bauliche Erneuerung hinausals zentraler Hebel für die Aktivierungvon örtlichen Ressourcen, die Stärkungder regionalen Zentren (StädtebaulicheSanierung) und die Sicherungdes sozialen Zusammenhalts und derLebensqualität in den Dörfern (Dorferneuerung)genutzt werden. Hierzu sindbeide Instrumente besser aufeinanderabzustimmen, im Sinne eines Programms„Soziale Kleinstadt“ bzw. einer sozialorientiertenDorferneuerung auszubauenund in die regionalen Handlungskonzepteeinzubinden.Reform der KommunalfinanzenReformen des kommunalen Finanzsystemskönnen sowohl auf der Ausgabenalsauch auf der Einnahmenseite ansetzen.Die Regelung der Ausgaben bzw.der hinter ihnen stehenden kommunalenAufgaben sollte der primäre Regelungsbereichsein. Die Einnahmenseite istgrundsätzlich so zu regeln, dass die Erledigungder kommunalen Aufgabenmöglich wird. Dabei ist vor allem für dieostdeutschen Kommunen zu berücksichtigen,dass der Einnahmenspielraumwegen der Erosion der Einwohnerzahlen,des Abbaus der Bundesergänzungszuweisungensowie der EU-Struk-91


Peter Dehneturfondsmittel in den kommenden Jahrendeutlich abnehmen wird.Nicht nur die übertragenen Aufgabender Kommunen, auch die Pflichtaufgabensind heute weitgehend normiert.Den Kommunen verbleibt dadurch nurnoch ein geringer Handlungsspielraum.Grundsätzlich ist daher die Forderungder Kommunen nach einer Finanzausstattungberechtigt, die es ihnen erlaubt,die geforderten Standards derAufgabenerfüllung auch tatsächlich zuerreichen. Allerdings dürfte durch eineÜberprüfung und Entrümpelung derNormierungen der Finanzbedarf derKommunen deutlich sinken (z.B. Anforderungenan die Einrichtung einer Bushaltestelle,Erreichbarkeit der nächstenFeuerwehrstation).Weiterhin ist über neue Arrangementsder Aufgabenerfüllung nachzudenken.So könnte im Bereich des ÖPNV zumBeispiel von der Objekt- zur Subjektförderungübergegangen werden, indemMobilitäts-Gutscheine an die Zielgruppendes ÖPNV vergeben werden. Ähnlichkönnte in anderen Leistungsbereichenvorgegangen werden. Wenn dieSubjektförderung durch den Bund oderdie Länder erfolgt, hätte dies eine spürbareEntlastung der kommunalen Ausgabenzur Folge.Eine Reform des kommunalen Finanzausgleichsbefindet sich seit langem inder Diskussion, ohne dass wesentlicheFortschritte erzielt worden sind. Insgesamtsollte das System des kommunalenFinanzausgleichs transparenter als heutegestaltet werden, zum Beispiel indemfür die Hauptzwecke des kommunalenFinanzausgleichs jeweils gesonderteTeilsysteme eingerichtet werden. Einsolches Teilsystem könnte die „Zentralitätstransfers“enthalten: Durch eineneue Form der Kompensation der OberundMittelzentren für kommunalezen tralörtliche Einrichtungen anstelleder pauschalen Einwohnergewichtungkönnten nur die Umlandgemeinden,nicht aber die Peripherie, zur Finanzierungder zentralörtlichen Einrichtungenherangezogen werden. Zwei weitereTeilsysteme könnten die „kompensatorischenTransfers“ (zur Unterstützung vonwirtschafts- und finanzschwachen Gemeinden)und die „Entgelttransfers“ (zurBegleichung der Lasten, die den Kommunendurch die von Land und Bundübertragenen Aufgaben entstehen)sein.Im Osten Deutschlands haben dieZweckzuweisungen einen sehr hohenAnteil an den Gesamteinnahmen derKommunen. Es ist zu erwarten, dassder eingangs angeführte Trend abnehmenderGemeindeeinnahmen sich indiesem Bereich widerspiegeln wird.Gleichwohl sollte das System der Dotationengründlich durchforstet werdenzugunsten einer Überführung der Mittelin die allgemeinen Zuweisungen. Dieskönnte auch zum Bürokratieabbau aufLänderebene beitragen. An die Stelleder zweckbezogenen Zuweisungenkönnten zukünftig strategiebezogeneZuweisungen treten: Belohnt würdendamit nicht Ausgaben für bestimmteZwecke, sondern bestimmte Verhaltensweisen,nicht zuletzt interkommunaleKooperationen zwischen benachbartenGemeinden, die zum Beispiel eineKonzentration von Infrastrukturen odergemeinsame Werbung für touristischeHighlights beinhalten könnten. In diesenBereich gehören ebenfalls Strategienzur intelligenten Schrumpfung vonGemeinden; diese könnten unterstütztwerden, wenn sie nicht in eine Kooperationzwischen mehreren Gemeindenmünden.SchlussPeter Dehne ist seit 1997 Professor fürPlanungsrecht/Baurecht an der HochschuleNeubrandenburg. Nach demStudium der Stadt- und Regionalplanungund dem Referat für Städtebauwar er von 1987 bis 1997 Mitarbeiterder Forschungsgruppe Stadt + Dorf inBerlin. Seine Schwerpunkte der angewandtenForschung an der Hochschulesind die kooperative Stadt- und Regionalentwicklung,Strategien für denländlichen Raum, Anpassungsstrategiender Daseinsvorsorge unter denBedingungen des demographischenWandels sowie die strategische Planungund Beratung für Klein- und Mittelstädte.UNSER AUTORDie Forderung nach fachübergreifenderKooperation, interministerieller Zusammenarbeitund einer Regionalisierungder Strukturförderung für den ländlichenRaum gibt es in Deutschland schonseit den 1980er Jahren. Bewegt hat sichseitdem aber nur wenig und nur in einzelnenBundesländern. Die Frage, obein Paradigmenwechsel in der Politik fürländliche Räume in Deutschland überhauptrealistisch erscheint, ist daher nurallzu berechtigt. Andererseits gibt esAnzeichen der Bewegung und Neuausrichtung.Die Bundesregierung hat imMärz 2008 eine interministerielle Arbeitsgruppe„Ländliche Räume“ eingesetztund sie beauftragt, ein abgestimmtesHandlungskonzept zur Weiterentwicklungder ländlichen Räumevorzulegen. Ein erstes Ergebnis ist einekleine Reform der Gemeinschaftsaufgabe„Verbesserung der Regionalen Wirtschaftsstruktur“,die ein erster zaghafterSchritt zu einer Regionalisierung derFörderung ist. Die Bundesländer könnenden Regionen in Zukunft „Regionalbudgets“zur eigenen Bewirtschaftung zurVerfügung stellen. Eine zusätzliche „Experimentierklausel“ermöglicht es, Mittelflexibel für innovative Maßnahmeneinzusetzen. Auch über eine Weiterentwicklungder GAK zu einer Gemeinschaftsaufgabezur Entwicklung ländlicherRäume wird nachgedacht.Das Modellvorhaben „DemographischerWandel – Zukunftsgestaltung derDaseinsvorsorge“ des Bundesministeriumsfür Bau, Verkehr und Stadtentwicklungfördert seit Sommer 2007 über 75Projekte in vier Modellregionen auf derGrundlage regionaler Handlungskonzepteund in Verbindung mit regionalenSteuerungsstrukturen. Hinzu kommendie Überlegungen aus Brüssel, in dernächsten Förderperiode die „LändlicheEntwicklung“ aus der Agrarpolitik herauszulösenund in die Strukturfonds zuintegrieren.Ob all dies in den nächsten Jahren inDeutschland zu einer neuen Politik fürperiphere, ländliche Räume und zu denhier eingeforderten Spielräumen für eineeigenständige und selbstverantwortlicheRegionalentwicklung führenwird, wird sich zeigen. Selbst wenn diesder Fall sein wird, bleibt die Frage, obPolitik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaftin den Regionen dieseneuen Spielräume auch wirklich nutzenkönnen und werden.ANMERKUNGEN1 Der Artikel basiert auf dem gleichnamigenPositionspapier Nr. 77 der Akademie für Raumforschungund Landesplanung (ARL). Es wurde vomArbeitskreis „Periphere, strukturschwache, ländlicheRegionen“ erarbeitet. Mitglieder waren Prof.Dr.-Ing. Klaus Borchard, Prof. Dr. Ulrike Grabski-Kieron, Dipl.-Ing. Johann Kaether, Prof. Dr. Dr. h.c.Hans Kistenmacher, Prof. Dr. Dr. h.c. Jörg Maier,Prof. Dr. Martin T.W. Rosenfeld, Dipl.-Geogr. HildegardZeck, Prof. Dr.-Ing. Peter Dehne.2 Auch Großstädte bzw. Quartiere in Großstädtenweisen ähnliche wirtschaftliche und sozialeCharakteristika einer Abwärtsspirale auf. ImFolgenden werden aber ausschließlich Regionenaußerhalb der Agglomerationsräume betrachtet.3 Siehe Positionspapier der ARL Nr. 69 „GleichwertigeLebensverhältnisse: eine wichtige gesellschaftspolitischeAufgabe neu interpretieren“.92


Charismatisch oder effizient? –PolitikerporträtsFranz WalterCharismatiker und Effizienzen. Porträtsaus 60 Jahren Bundesrepublik.Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.405 Seiten, 15,00 Euro.Der Göttinger PolitikwissenschaftlerFranz Walter stellt in prägnanten KurzporträtsPolitiker vor, die in den vergangenen60 Jahren die Bundesrepubliknachhaltig geprägt haben. Er unterscheidetin seinem Buch zwischen Charismatikern(Konrad Adenauer, ThomasDehler, Willy Brandt, Franz Josef Strauß,Helmut Kohl, Joschka Fischer, Oskar Lafontaine),die im politischen Rampenlichtstanden bzw. stehen und denjenigen,die als mehr oder weniger effizientePolitik-Verwalter im Hintergrund blieben.Walter nennt diese Politik-Verwalter„Effizienzen“. Laut Franz Walter schlägtdie Stunde der Charismatiker „allein inZeiten der Ratlosigkeit, der Paralyse,des lähmenden gesellschaftlichen Stillstandes.(…) Wenn die inspirationslosenManager des Klein-Klein ratlos aufder Stelle treten, wenn Bürokratien undAdministratoren lediglich blockieren,wird der Raum frei für die Magier, Visionäreund wortmächtigen Tribunen derPolitik“ (S. 9).Walter ermöglicht neue Einsichten,wenn er in seinen Porträts die so genannten„grauen Eminenzen“ abhandelt.Er öffnet den Vorhang der Machteinen Spaltbreit und stellt die Kanzleramtsministervon Konrad Adenauer(Hans Globke), Helmut Schmidt (ManfredSchüler), Helmut Kohl (WolfgangSchäuble), Gerhard Schröder (Frank-Walter Steinmeier) und Angela Merkel(Thomas de Maizière) vor. Er bezeichnetsie als „die stille Elite in der politischenKlasse“. Ein Kanzleramtsminister „darfkein Ideologe, kein Visionär sein. DerBüroleiter ist der Handwerker der Politikund Verwaltung, er muss die je gegenwärtigenProblemknäuel entwirren.Und das alles hat ganz geräuschlos,ganz unsichtbar und effizient vor sich zugehen“ (S. 14).Walters Buch ist eine erhellende Studieüber die Mechanik der Macht, mit Sorgfaltgeschrieben, knapp und treffendformuliert. Überzeugend ist dabei WaltersFähigkeit, die einzelnen Politiker lebendigwerden zu lassen und doch kritischeDistanz zu wahren. Analytischscharf und auf sehr unterhaltsame Artlenkt er den Blick auf die tieferen Schichtender Politik und der Parteien. Er zeigt,dass sich die alte Parteiendemokratieverändert hat, wenn die Politikerinnenund Politiker in Führungspositionen „sichnie in innerparteilichen Ochsentouren,Fraktionskämpfen, Kungelkreisen aufreibenund bewähren müssen“ (S. 391).Walter spricht vom „Wanja-Syndrom“und bringt einen Vergleich mit einer Geschichtevon Otfried Preußler in Anlehnungan ein altes russisches Volksmärchen:„Der starke Wanja mied in seinerJugend die schwere Feldarbeit. Stattdessenruhte er sieben Jahre lang in derBauernstube auf dem Ofen, nährte sichvon Sonnenblumenkernen – und tatsonst rein gar nichts. Keiner seiner Brüdermochte ihn. Aber nach sieben Jahrender Muße stand Wanja vom Ofenauf, war ausgeruht und stark wie einBär. Er zog aus, bekämpfte die Bösen.Zum Schluss wurde er Zar im Land jenseitsder Weißen Berge“ (S. 303f.). AngelaMerkel, so Walter, habe einigesvon diesem starken Wanja. Sie betratdie politische Bühne der Bundesrepublik„ausgeruht, neugierig, ohne den selektivenBlick routinierter Aktivisten“ (S.304) und dennoch ist es ihr gelungen,Parteivorsitzende zu werden, sich ander Macht zu halten und letztlich dieKanzlerschaft zu gewinnen.Ein Dilemma in der Politik bleibt dennoch:„Zersplitterte Parteiensystemehaben einen hohen Bedarf an Ausgleichsfähigkeit,die wiederum – je stärkersie entwickelt ist – in der Bevölkerungdurch den anschließenden Überdrussan allein moderierenden Charakterendie Nachfrage an Figuren, diezuspitzen und zu polarisieren sich nichtscheuen, erhöhen wird. Politische Führungist ein großes ‚Einerseits‘ und ‚Andererseits‘(S. 404).Nach diesem Buch sowie den jüngstenVeröffentlichungen von Franz Walterüber die Volkspartei SPD („Vorwärtsoder Abwärts? Zur Transformation derSozialdemokratie“) und zu den Wählermilieusder FDP und der Grünen („Gelboder grün? Kleine Parteiengeschichteder besser verdienenden Mitte inDeutschland“) wartet man schon mitSpannung auf sein nächstes Werk.Thomas SchinkelTheodor Heuss: Briefe 1892–1917Hrsg. und bearbeitet von FriederGünther:Theodor Heuss. Aufbruch im Kaiserreich.Briefe 1892–1917.K. G. Saur Verlag, München 2009.Theodor Heuss, Stuttgarter Ausgabe.Briefe, hrsg. von der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus.622 Seiten, ill., 39,80 Euro.BUCHBESPRECHUNGENSeit 2007 gibt die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Hausin der „StuttgarterAusgabe“ Briefe von TheodorHeuss heraus. Die Gesamtausgabe istauf acht Bände (von 1892 bis 1963) angelegt,fünf sind bisher erschienen. DerBand „Theodor Heuss. Aufbruch im Kaiserreich.Briefe 1892–1917“ ermöglicht,wie der Herausgeber, Frieder Günther,in seiner kenntnisreichen Einführungschreibt, der Frage nachzugehen, „wieHeuss zu dem wurde, als welcher er inspäteren Jahren Bekanntheit erlangteund als welcher er den Menschen imGedächtnis geblieben ist“, wie sich seinePersönlichkeit entwickelte, ob die unsbekannten Begabungen und Fähigkeitendes späteren Bundespräsidentensich schon früh zeigten, ob sich „Schlüsselereignisse“oder „Entwicklungsbrüche“feststellen lassen. Anhand seinerBriefe kann gezeigt werden, wie sichseine „Grundhaltungen“ und politischenAnsichten bildeten, welche seinerBekannten, Freunde, Kollegen, also seine„zentralen Weggefährten“, ihn besondersbeeindruckten und beeinflussten.Die frühen, meist unbekannten understmals veröffentlichten Briefe gebenwichtige Aufschlüsse über bisher wenigerbeachtete Jahre und Entwicklungenin Heuss’ Biographie. Briefliche Selbstzeugnisselassen aber auch erkennen,„welches konkrete Bild er dabei von sichselbst konstruierte und auch welchernarrativer Muster und Topoi er sich zumeistbediente“ (Einführung S. 16).226 Briefe wurden für diesen Band ausgewählt,und zwar nach den SchwerpunktenFamilie, Freundes- und Bekanntenkreis,journalistische und politischeAktivitäten, Äußerungen zu Fragen vonPolitik, Kunst, Kultur sowie zum Kriegsgeschehen1914–1917 – eine vortrefflicheAuswahl, denn darunter sind auchsolche, die einen allgemein weniger bekannten,unbeschwerten, lebenslustigen,von sich selbst eingenommenenjungen Mann zeigen. Die meisten Briefesind – ab 1905 – an seine Verlobte undEhefrau Elly (Heuss-)Knapp, Tochter desin Straßburg lehrenden NationalökonomenGeorg Friedrich Knapp, gerichtet.Sie heirateten 1908 in Straßburg,getraut wurden sie von Albert Schweitzer.Nur wenige seiner Kinder- und Jugendbriefean seine Eltern sind erhalten.Schon der Achtjährige (geboren istHeuss 1884) zeigt Interesse an Geschichteund Landwirtschaft. Der Jungeist vielfältig begabt, Neuem gegenüberaufgeschlossenen, macht sich Gedankenüber Sprache, Alltag, das Leben imAllgemeinen. In der Schule fühlt er sichunterfordert, lernt leicht, sitzt zweimal93


BUCHBESPRECHUNGENim Karzer, hat viele Hobbys: Zeichnen,Schreinern, Geräteturnen. Er verfasstGedichte und Prosa, die Schülerzeitung„Demokrit“ besteht vorwiegend aus seinenArtikeln. Sein Vater legt Wert aufeine klassische bürgerliche Bildung derdrei Söhne, dazu gehört für TheodorHeuss die tägliche Lektüre von Zeitungenund Zeitschriften, Sachbüchern undBelletristik. Mit Freunden korrespondierter intensiv über Philosophie, Literatur,Kunst, Politik. Als Student publizierter in Zeitungen und Zeitschriften Aufsätzezu Kultur und Politik. Heuss hat Talent,Briefe zu schreiben, Freundschaften zuknüpfen. Er formuliert gebildet, von sichselbst überzeugt („... ich will aber nichtso roh sein, Sie jetzt mit meiner gesamtenLyrik zu überfallen“, schreibt der18-Jährige). Manches klingt altklug, einigeskonstruiert. Großen Wert legt erschon früh auf eine kontinuierliche Korrespondenzmit seinen Briefpartnerinnenund Briefpartnern, auch „zuweilenintime Verhältnisse des jungen Heuss zuFrauen“ (Einführung S. 19) werden nichtverschwiegen. Viele der Brieffreundschaften– wie etwa mit der SchriftstellerinLulu von Strauß und Torney – währenlange. Nach Beendigung seinesStudiums der Nationalökonomie an derMünchner Universität, das er mit einerinnerhalb von drei Wochen „aus einemKoffer voll Papier“ geschriebenen Dissertationüber „Weinbau und Weingärtnerstandin Heilbronn a. N.“ 1905abschließt, tritt er noch im selben Jahr indie Redaktion der von Friedrich Naumanngegründeten Zeitschrift „Die Hilfe“ein. Für seinen politischen Mentorführt Heuss in Heilbronn einen erfolgreichen(1907) und einen erfolglosen(1912) Reichtagswahlkampf. Sein beruflichesUmfeld ist, bis 1912, Berlin.Hier, wie bereits zuvor in München undHeilbronn, intensiviert Heuss seine Kontaktezu Literaten, Künstlern, Historikern,Politikern. Er knüpft ganz bewusstberufliche und soziale Netzwerke, dieoft bis in die Nachkriegszeit dauernwerden, während der Zeit des NationalsozialismusHalt geben, natürlichdie eigene berufliche und politischeKarriere befördern sollen. Nach Heilbronnzurück zieht Heuss mit seiner FrauElly und seinem Sohn Ernst Ludwig (geb.1910), um die Chefredaktion der „Neckarzeitung“(bis 1917) zu übernehmen.Er korrespondiert mit Dozenten, Redakteurenund Verlagsleitern, Pfarrern undJournalisten, Historikern und Politikern,vor allem aus dem linksliberalen Parteienspektrum.Bekannte Namen sind darunter:Naumann (sein politischer Mentor,evangelischer Theologe, Pfarrer,Mitgründer des Werkbundes, Mitgründerund Vorsitzender der DDP 1919);Walter Goetz (Historiker, Politiker, Professorin Tübingen, Straßburg, Leipzigund München, MdR für die DDP 1920–1928, nach 1945 Präsident der MünchnerHistorischen Kommission); ConradHaußmann (Rechtsanwalt, Publizist, Politiker,DDP); Erich Schairer (Publizist,Theologe, 1946–1954 Mitherausgeberder „Stuttgarter Zeitung“). BrieflicheKontakte bestehen auch mit HermannHesse und Ludwig Thoma, den ursprünglichenHerausgebern der KunstundLiteraturzeitschrift „März“, derenSchriftleitung Heuss 1915 übernimmt.Heuss verteidigt Hesse 1915/16 gegenden Vorwurf in Presseorganen, ein feigerDrückeberger und „vaterlandsloserGeselle“ zu sein. Mitte des Ersten Weltkriegeshat er „den scharfen Eindruck,daß das freie Württemberg z. Zt. dieekelhaftesten Presseverhältnisse hat“,er findet es „geradezu blödsinnig“,wenn er der militärischen Zensurbehördein Stuttgart „die Verse von Hesse, dieBuchbesprechungen, Kunstkritiken, Novellenund geschichtlichen Dinge vorherzuschicken muß.“Die Briefe aus der Kaiserzeit gewährenEinblicke in (misslungene und erfolgreiche)Wahlkampagnen, in die liberalenMilieus, in die Mechanismen der Parteipolitik,der Kandidatenauslese, sie ermöglichenauch überraschende Blickeauf Personen aus der Literatur-, KunstundPolitikszene. Heuss’ eigene politischeKarriere auf Landes- und Reichsebene,an der er so sehr arbeitete, wollteaber, trotz seines großen Einsatzes,trotz seines Redetalents und seiner Fähigkeit,Menschen anzusprechen, nichtrecht gelingen. 1919 meinte Friedrichvon Payer, als Heuss einen Listenplatzbei den württembergischen Linksliberalenfür die Wahl zur VerfassungsgebendenNationalversammlung beanspruchte:„Kronprinze müesset wartenkönne“.Mit dem Wilhelminischen System, mitder Rolle des Kaisers setzt sich Heuss,das fällt auf, nicht grundsätzlich auseinander.Staatsnational ist Heuss’ Haltunggenannt worden. Die bestehendeOrdnung radikal in Frage zu stellen, warihm fremd. Es ging ihm darum, sie weiterzuentwickelndurch die Demokratisierungder Wahlrechtsfrage und dieweitere Parlamentarisierung der Reichsverfassung.Bei Kriegsausbruch sieht er,national eingestellt wie die großeMehrheit, das Reich in der Defensive,die Mächte der Entente als Angreifer,hält den Krieg für legitim, glaubt „anden Sieg der Truppen und an große Erfolgeder Flotte“ und befürwortet 1915eine Verschiebung der Grenze gegenOsten. Naumanns Buch „Mitteleuropa“(1915) findet seinen großen Gefallen, erschlägt vor, eine „Schützengraben- undFeldpostausgabe“ herstellen zu lassen.1916 erscheint dann eine „Volksausgabe“.Die Friedensresolution des Reichstagesvon 1917 der MSPD, des Zentrumsund der Fortschrittlichen Partei kritisiertHeuss, denn er rechnet mit einem einheitlichengroßbritannischen Wirtschaftsgebietund einer „wirtschaftlichenVerfeindung der Völker“.Die Auswirkungen des Krieges auf dieMenschen bedrückten ihn sehr, vieleseiner Jugendfreunde fielen. Heussselbst war nicht eingezogen und wegeneiner Schulterverletzung wiederholtausgemustert worden. „Unsereins mit30 Jahren (...) kommt sich jetzt rechtkläglich vor, und in den ersten Tagender Mobilmachung traute man sich imBürgerkittel gar nicht recht auf die Straße“,schreibt er am 28. August 1914 anden Vater eines an der Westfront kämpfendenJugendfreundes und fährt sogleichfort: „Schließlich gibt es aberauch für uns Arbeiten und Pflichten, dieerfüllt werden müssen, (...) Tag undNacht; aber schließlich ist es eine wunderbareAufgabe, von den Waffentatendes Heeres und dem großen innerenAufschwung des Volkes berichten zukönnen.“In dem letzten hier edierten Brief ausHeilbronn, geschrieben an seinenSchwiegervater 1917, geht Heuss aufdie ihn in Berlin erwartenden „neuenMöglichkeiten“ ein: „eine kleine Lehrtätigkeit“in der Sozialen Frauenschule,Mitarbeit in der Geschäftsstelle desDeutschen Werkbundes, Übernahmeder Schriftleitung der Zeitschrift „DeutschePolitik“. Die Verbindung zwischenseinen „ästhetischen und politischen Interessen“sah er dabei gewahrt, eine„rein journalistische Festlegung“ kam fürihn nicht in Frage. Allerdings hatte ersich schon im August 1914 nicht vorstellenkönnen, „mit welchem politischenBild die Welt aus dieser Katastrophehervorgeht.“ Walter-Siegfried KircherErste Unterrichtsstundenim Fach PolitikGotthard Breit:Allein vor der Klasse.Meine erste Stunde im Politikunterricht.Schwalbach/Ts. 2010, Wochenschau Verlag.112 Seiten, 14,80 Euro.Die ersten Unterrichtsstunden sind fürStudierende in Praktikumsphasen oder-semestern und für Referendarinnenund Referendare allemal die schwie-94


BUCHBESPRECHUNGENrigsten Schulstunden, stehen sie docham Anfang der noch jungen Berufskarriere.Auch wenn am Abend vor der erstenUnterrichtsstunde alles vorbereitetist, so bleiben doch Fragen, Ungewissheitenund Zweifel: Was soll ich machen,wenn ich in der Stunde zu früh fertigbin? Wie gehe ich mit unerwartetenFragen der Schülerinnen und Schülerum? Schaffe ich es, das Interesse derKlasse zu wecken? Bin ich mir über dieZiele meines Unterrichts im Klaren?Stimmt der Unterricht überhaupt mit denLehrplänen und Rahmenrichtlinien überein?Der Band „Allein vor der Klasse. Meineerste Stunde im Politikunterricht“ hilftangehenden Lehrerinnen und Lehrernim Referendariat und auch fachfremdUnterrichtenden bei der fundierten Vorbereitungund Umsetzung der erstenUnterrichtsstunden im Fach Politik. Imersten Teil – überschrieben mit „Elementeder Unterrichtsplanung“ (S. 13–51) –erörtert Gotthard Breit, emeritierterProfessor für Didaktik des Politikunterrichtsan der Otto-von-Guericke-UniversitätMagdeburg, Zielsetzungen, Inhalteund Methoden der Unterrichtsplanung.Zu den Zielsetzungen gehörenu. a., bei Schülerinnen und Schülerndas Interesse für Politik zu wecken, politischesDenken und Handeln zu fördern,kritisches Zeitungslesen zu vermitteln –letztlich die Vorbereitung auf dieStaatsbürgerrolle in der Demokratie.Will man zum Kern des Politikunterrichts,nämlich zur Politik, vordringen, sobenötigt man zunächst Kategorien, umpolitische Vorgänge und Prozesse aufschlüsselnzu können. Gotthard Breitentfaltet und erklärt die drei Dimensionendes Politischen (Inhalt, Prozess undForm), die sich bei der Planung von Politikunterrichtbewährt haben. Nebenden Dimensionen des Politischen hatsich zur Analyse von Politik auch der sogenannte Politikzyklus mit den einzelnenPhasen Problem, Auseinandersetzung,Entscheidung, Reaktion(en), neuesProblem in der Unterrichtspraxis bewährt.Beispiele für das didaktische Arbeitenmit den Dimensionen desPolitischen und mit dem Politikzyklusrunden das Kapitel ab.Im zweiten Teil („Hinweise für die ersteUnterrichtsstunde“) gibt Gotthard Breitpraktische und leicht umsetzbare Hinweisefür erste Unterrichtsstunden (S.54–108). Der Aufbau – die „didaktischeLandkarte“ (Hilbert Meyer) – einer Unterrichtsstundesamt Verlaufsschemaund Zeitplanung werden schlüssig erörtert.Hinweise für die unerlässliche fachlicheVorbereitung sowie auf geeigneteLiteratur, auf Hilfsmittel und Fundgrubenkommen dem Bedürfnis angehender Politiklehrerinnenund -lehrer nach einerersten Orientierung entgegen.Eine der Stärken des Buches sind zweiUnterrichtseinheiten, die an konkretenBeispielen (s. unten) detailliert die Einzelschritteder Unterrichtsplanung beschreiben:Dies beginnt zunächst mitder Auswahl geeigneter Zeitungstexte,gefolgt von der Aufschlüsselung des politischenVorgangs, die in die Formulierungvon Untersuchungs- bzw. Schlüsselfragenmündet. Die Unterrichtsstundenselbst werden samt Verlaufsschemasowie Nachbetrachtung dargestellt.Vor allem die zweite Unterrichtseinheit,in deren Mittelpunkt der Patronageverdachtbzw. der Verdacht auf „Vetterleswirtschaft“steht, versprüht einen gewissen„landespolitischen Charme“. Tratdoch während der Drucklegung des BuchesFinanzstaatssekretär Gundolf Fleischerzurück. Er verzichtete am 11. Februar2010 darauf, dem Kabinett anzugehören.Gundolf Fleischer soll Kiesunternehmenaus seinem südbadischenWahlkreis bei der Auftragsvergabe bevorzugthaben.Eine besondere Raffinesse des Buchesist der „Vorschlag für eilige Leserinnenund Leser“ (S. 6), der gezielt auf zentralePassagen bzw. Planungshilfen und Leitfragenhinweist. Die hilfreichen Check-Handbuchreihe „Politik in Baden-Württemberg“Siegfried Frech/Reinhold Weber (Hrsg.)Die Handbuchreihe „Politik in Baden-Württemberg“ liefert Basis- undFachwissen über die politischen Ebenen, auf denen das Land agiert. Kompakt und präzise analysiert das Handbuch Kommunalpolitikdie zentralen Politikfelder auf kommunaler Ebene. Das Handbuch Landespolitik umreißt die zentralen Akteure undpolitischen Themen in Baden-Württemberg. Inwiefern die Europäische Union für das Land Baden-Württemberg vonBedeutung ist, skizziert das Handbuch Europapolitik.Alle Bände sind mit Gesetzestexten und statistischem Teil praktischeNachschlagewerke.Bestellung einzeln oder zusammen: je 5.– Euro zzgl. Versand,Landeszentrale für politische Bildung, Fax 0711.164099 77,marketing@lpb.bwl.de, www.lpb-bw.de/shop95


BUCHBESPRECHUNGENlisten, die im Anschluss an die verschiedenenTeilkapitel folgen, bündeln diewichtigen Fragestellungen und erleichterndie praktische Umsetzung sowiedie rasche Handhabung. Diese durchdachteStruktur des Buches kommt demstets knappen Zeitbudget angehender(und auch praktizierender) Lehrerinnenund Lehrer sehr entgegen. GotthardBreit hat ein Buch vorgelegt, das in keinergut sortierten Bibliothek im Lehrerzimmeroder im Arbeitszimmer von Politiklehrerinnenund -lehrern, die Praktikantenund/oder Referendare betreuen,fehlen sollte.Siegfried FrechDie DDR durch die kubanische BrilleWolf-Dieter Vogel/Verona Wunderlich:Abenteuer DDR. Kubanerinnen undKubaner im deutschen Sozialismus.Karl Dietz Verlag, Berlin 2011 .184 Seiten, 16,90 Euro.Rund 30.000 Kubaner wagten den Aufbruchin die DDR. Für ein paar Jahretauschten sie Karneval, Salsa und Reisgegen Fasching, FKK und Broiler. Warumum alles in der Welt brechen Menschenaus Kuba auf, um ausgerechnet inder DDR zu studieren oder zu arbeiten?Im Frühjahr 2009 erzählten 15 Kubanerund Kubanerinnen, die zwischen 1961und 1989 in der DDR gelebt hatten, demrenommierten LateinamerikajournalistenWolf-Dieter Vogel in Kuba von ihrenErinnerungen an jene Zeit. Sie kamen indie DDR, um dort Musikwissenschaft,Sport oder Chemie zu studieren, Maschinenin Textilfabriken zu bedienenoder in Eisenach am Fließband Autosder Marke „Wartburg“ zusammenzuschraubenBei den Interviews wurden sie einfühlsamvon Ricardo Ramírez Arriola fotografiert.Bilder der Auslandsaufenthalteergänzen das illustrierende Materialdes Buches. Ein Vorwort der Co-AutorinVerona Wunderlich und ein Artikel vonWolfram Adolphi, die beide wesentlicham Zustandekommen des Buches beteiligtwaren, runden die Ausgabe ab. Sielassen die Leser wissen, dass das Buchprojektauf der Buchmesse in Havannaim Jahr 2004 seinen Anfang nahm, aufBetreiben der Rosa-Luxemburg-Stiftungzustande kam und einen sehr langenAtem bis zur Umsetzung brauchte.Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall erschienzunächst die spanische Ausgabe„Regresé siendo otra persona – Cubanasy cubanos en la RDA“ (Ich kam alsanderer Mensch zurück – Kubanerinnenund Kubaner in der DDR). Anfang desJahres brachte der Karl Dietz Verlag diedeutsche Version des Buches heraus,die um zwei Gesprächspartner erweitertist und in der Wolf-Dieter Vogel dieInterviews häufig in Essays oder Reportageneingeflochten hat.Entstanden ist ein schillerndes Kaleidoskopaus Erinnerungsfetzen, Bildern,Bewegungen. Spiegelungen des DDR-Alltags in kubanischen Biografien, sowie sie 2009 erinnert wurden. Darin zeigensich zahlreiche Fußabdrücke despolitischen Welttheaters: der Bau derBerliner Mauer 1961, die Raketenkrise1962, das Einrücken Kubas in den sozialistischenBlock, der Einmarsch in Prag1968, der Mauerfall 1989, das Ende derDDR. Oft ist es nur eine Anmerkung imInterview, die der Autor in einem Essayan anderer Stelle leichthin mit Faktenund Hintergrund auffüllt. Manchmalwerden explizite Interviewfragen gestellt,wie etwa die, inwieweit RudiDutschke ein Thema war.Wie haben die Kubaner hier gelebt, geliebt,gearbeitet, gefeiert? Wie verliefihr Leben nach der Rückkehr in die Heimat?Was haben sie mitgenommen ausder DDR? Woran konnten sie sich niegewöhnen? Haben sie Rassismus erlebt?Und wie war das mit der Liebe?Um diese Fragen kreisen die Geschichtenund geben vielfältige Antworten.Alberto Suzarte etwa, studierte mit 19Jahren an der Bergakademie FreibergChemie. Als er 1963 in Berlin ankommt,ist er überrascht: „Die Stadt lag nochhalb in Trümmern. Das hatte ich nicht erwartet“,sagt er. Suzarte hat heimlichein Kind mit einer Deutschen, das er zurücklässt,als er heimkehrt. Erst nachdem Mauerfall kommt der Sohn ihn besuchen.Die DDR-Geschichte von MercedesPortilla, die als Textilarbeiterin inSchmalkalden arbeitet, findet ein jähesEnde: Als die Wende kommt, muss sievon einem Tag auf den anderen zurücknach Kuba. Die Wissenschaftlerin SonniaMoro erzählt davon, wie es ist, alsjunge Frau fernab der Heimat das ersteKind zu bekommen. Kinderkrippe, Kindergarten,Wohnheim, Studium.Das Kichern über den hölzernen Tanzstilder Deutschen, die gegenseitige sozialeKontrolle der Kubaner, die harteArbeit am Fließband, die Feste, zu verheimlichendeoder gar abzutreibendeSchwangerschaften, weil sonst dieRückkehr drohte, Kulturschocks wegendes freizügigen Umgang mit Nacktheitin der DDR, Pöbeleien, der Kampf umDisziplin und Pünktlichkeit, die Rückkehr.Das alles wird angerissen. Nicht mehr,aber auch nicht weniger.Nach Jahren werden Gäste in einem offiziellenRahmen vom damaligen Gastgeberbefragt: „Wie war’s denn eigentlich?Damals. Bei uns. Hat’s dir gefallen?“.Die Antworten auf diese Fragensind ein munteres Plaudern. Das Ergebnisein höfliches Buch. Und das ist gutso. Der Autor bleibt bei den Protagonisten,auch wenn die großen Stränge derPolitik, die wirtschaftliche Funktion derGastarbeiter und anderes eingeflochtenwerden. Katastrophen und Glückwerden kontextualisiert, bleiben aberimmer persönliche und subjektive Erlebnisse.Aber: Sie finden statt. Genau darinliegt die Stärke dieses Buches.Entstanden ist ein packendes Stückdeutsch-kubanischer Erinnerungsgeschichte.Die Geschichten sind lebendigerzählt, das Buch nur schwer wiederaus der Hand zu legen. Diese Sammlunglädt dazu ein, deutsche Geschichte– DDR-Geschichte – mit den Augenvon Bewohnern einer sozialistischenKaribikinsel der Dritten Welt zu betrachten.Geschaffen wurde damit auchein wertvoller Beitrag für die Diskussionendarüber, was die DDR gewesen seinmag und wo ihr Platz in der deutschenGeschichte ist.Wer allerdings weder mit der DDR-Geschichtevertraut ist oder nicht über Vorwissenzu Kuba verfügt, dem sei empfohlen,zuerst das Nachwort zu lesen.Dort wird vieles zusammengebundenund in einen Kontext gestellt, was unbedarfteLeser sonst überfordern könnte.Bettina Hoyer96

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