Standort-Logistikkonzepte für die Chemische Industrie - Lehnkering

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Standort-Logistikkonzepte für die Chemische Industrie - Lehnkering

Erschienen in: „Logistik im Unternehmen“, Ausgabe 9/2000, Seite: 66 - 69

Standort-Logistikkonzepte

für die Chemische Industrie

Auch die chemische Industrie verstärkt die Auslagerung logistischer Prozesse and

Dienstleister, um sich auf die Kernkompetenzen konzentrieren zu können. Wie unser

Autor an einem konkreten Beispiel zeigt, gehen diese Outsourcing-Projekte je nach

Standort durchaus in die Tiefe und schließen in diesem Fall selbst den

innerbetrieblichen Materialfluss mit ein. Etwa 50 Mitarbeiter des

Chemieunternehmens wurden vom Dienstleister übernommen.

Auch bei der Chemischen Industrie setzt sich die Tendenz zur Globalisierung bei den

Absatzmärkten und bei der Produktion verstärkt fort. Die weltweite Arbeitsteilung

führt zu einem steigenden Wettbewerb zwischen den Produktionsstandorten, der in

gleichem Maße innerhalb von Europa gilt. Neben steuerlichen und gesetzlichen

Aspekten sowie wirtschaftlichen Kriterien ist eine effiziente und kostenoptimale

Infrastruktur ein wichtiger Entscheidungsfaktor. Als wesentlicher Bestandteil gilt

hierbei die Logistik-Infrastruktur, die den verschiedensten Anforderungen an

Lagerung, Transport und Umschlag chemischer Produkte gerecht werden muss.

Im Rahmen von Verbund-Lösungen tendiert die Chemische Industrie mehr und mehr

zu Chemiepark-Lösungen. Verschiedene, an den Stufen des Produktionsprozesses

beteiligte Unternehmen werden hier konzentriert. Des weiteren verändern sich die

Werksstrukturen sehr stark durch den Verkauf und die Akquisition von

Unternehmens- und Werksteilen. Diese Entwicklung hin zur Auflösung der

Werksgrenzen erfordert mehr standortbezogene und übergreifende Logistik-

Leistungen ("Multi-User-Systeme"). Ebenfalls hält die Tendenz, nicht zum

Kerngeschäft gehörende Aktivitäten an Spezialdienstleister zu vergeben, weiter an.

Die Konzentration auf die Kernkompetenzen und die Nutzung von speziellem Knowhow

externer Partner steht dabei im Vordergrund der Strategie bei den

Chemieunternehmen.

Dies sind die entscheidenden Gründe dafür, dass die Bedeutung von Standort-

Logistikkonzepten zunimmt. Die Chemische Industrie sucht vorrangig Partner, die

diese Dienstleistungen im Rahmen eines Single Sourcing aus einer Hand anbieten

können.

Standortlogistik für ein Chemiewerk als Praxisbeispiel

Die VTG-LEHNKERING AG - ein auf die Chemische Industrie spezialisierter Logistik-

Dienstleister - betreibt z. B. ein Standort-Logistikkonzept für ein Chemiewerk in

Norddeutschland, das als Tochtergesellschaft zu einem deutschen Chemiekonzern

gehört. In dem Werk werden vorwiegend Spezialchemikalien produziert.

Auf der Beschaffungsseite geht das Rohmaterial hauptsächlich als

Flüssigbulkprodukt und palettierte Ware ein, das per Lkw und Bahn angeliefert wird.

Die Fertigprodukte mit einem höheren Anteil an verpackter Ware werden vorwiegend

per Lkw distribuiert. Für die Steuerung und Durchführung der logistischen Prozesse

zwischen der Rohstoffanlieferung und der Fertigproduktdistribution ist der

Dienstleister verantwortlich. Hierzu zählt man die Wareneingangserfassung und

Einlagerung.

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Abbildung 1: Einlagerung mittels Barcodetechnik

Der Kunde hat Anfang 1999 seine komplette Werkslogistik mit nahezu 50

Mitarbeitern an diesen übertragen.

Zur Standort-Logistik gehören auch die dispositiven und speditionellen Tätigkeiten,

die für die Beschaffungs- und Distributionsverkehre vor Ort im Werk erbracht werden.

In dieser Funktion ist der Dienstleister bereits seit vielen Jahren Partner des

Chemiekunden. Das Standartkonzept setzt sich aus den Komponenten Lagerlogistik,

innerbetrieblicher Materialfluss, Steuerung, Auftragsbearbeitung/Versandabwicklung

sowie Transporte und Sonderfunktionen zusammen.

Abbildung 2: Standortlogistik-Konzept für ein Chemiewerk

Im Vorfeld des Outsourcing-Konzeptes wurde von VTG-LEHNKERING für den

Kunden eine Studie durchgeführt, in der gemeinsam Optimierungsansätze entwickelt

wurden. Die Ergebnisse dieser Beratungsleistung werden nun in Teilprojekten

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gemeinsam umgesetzt. Hierzu zählt z. B. die Erweiterung des Leistungsspektrums

um die Komponenten der Produktionsversorgung sowie die Optimierung der

Lagerbelegung. Beide Partner arbeiten zurzeit an einem Konzept für ein neues

Gefahrstoff-Zentrallager auf dem Werksgelände.

Vorteile von Standortlogistik-Konzepten

Ziel dieser Lösungen ist es, die einzelnen logistischen Funktionen eines Standortes

zu bündeln und zu einem integrierten System zusammenzuführen. Dis gilt sowohl für

operative bzw. physische Funktionen sowie für steuernde und organisatorische

Prozesse.

Dezentrale Lösungen einzelner Betriebe oder Werksteile bieten häufig

Synergiepotentiale und Möglichkeiten zur Steigerung der Leistungsfähigkeit durch

"Best Practice"-Konzepte. Effiziente Systeme im Bereich Lagerung, Umschlag und

Transport lassen sich am besten dort umsetzen, wo Funktionen zentralisiert und

gebündelt werden. Gutes Beispiel dafür ist die innerbetriebliche Transportabwicklung.

In den Chemiewerken sind - angefangen vom Tankcontainer über Wechselbrücken

mit palettierter Ware bis zu Staplertransporten für die Produktionsver- und

-entsorgung (siehe Inhaltseite) - verschiedenste Transportleistungen "auf der Straße"

zu erbringen. Die Belade- und Empfangsstellen sind häufig auf dem Werksgelände

weit verteilt. Zur Vermeidung kostenintensiver Einzelfahrten ist der Aufbau eines

innerbetrieblichen Transportsystems mit Vorhaltung einer zentralen Infrastruktur in

den meisten Fällen die optimale Lösung. Mit einem Wechselbrücken-Konzept kann

beispielsweise eine integrierte Lösung für Bulkprodukte und palettierte Ware

geschaffen werden. In Verbindung mit der zunehmenden Zentralisierung von

Lagerfunktionen (z. B. die Einrichtung von werksinternen Zentrallagern für Rohstoffe

und Fertigprodukte) werden die Materialströme noch stärker konzentriert. Die

Bündelung der Volumenströme und die Entlastung der Betriebsteile von

unproduktiven Tätigkeiten erhöht die Leistungsfähigkeit sowohl in der Logistik als

auch in der Produktion.

Pool-Lösung für mehrere Partner

Die Einsatzsteuerung der innerbetrieblichen Transporte sollte in einer Leitstelle

erfolgen, wo die Transportabrufe IT-gesützt (z. B. über SAP R/3) von den einzelnen

Nutzern (z. B. verschiedene Produktionsbetriebe eines Unternehmens) eingehen und

zentral koordiniert werden. Gegenüber einer dezentralen Logistik-Infrastruktur und

Systemsteuerung lassen sich hierdurch bedeutende Einsparpotentiale realisieren.

Dieser Effekt verstärkt sich, wenn im Rahmen von "Multi-User-Konzepten" mehrere

Partner von den Synergiepotentialen dieser "Pool-Lösung" profitieren können.

Gerade bei den oben beschriebenen Entwicklungen der Chemiepark- und

Verbundkonzepte können hierdurch suboptimale Insel-Lösungen vermieden werden.

Die Anforderungen der einzelnen Nutzer müssen allerdings in dem Gesamtkonzept

ausreichend Berücksichtigung finden.

Die Kunden der chemischen Industrie können bei diesen Systemen viel direkter und

stärker von dem betrieblichen Logistik-Know-how der Dienstleister profitieren, das

diese durch ihre Erfahrungen bei der Lagerung, dem Transport und Handling von

Chemikalien sämtlicher Gefährdungsklassen aufgebaut haben. Die

Konzeptionierung, Planung und das Projektmanagement bei der Realisierung

übernehmen häufig bereits die Logistik-Partner. Beste Voraussetzungen haben hier

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insbesondere die Komplettanbieter von Logistik-Leistungen für die Chemische

Industrie.

Setzen häufig neue Konzepte bei der Distribution erst an der Werksgrenze an, ist der

Dienstleister bei der Standort-Logistik in der Lage, bereits ausgehend von der

Produktion Optimierungsansätze für die gesamte Supply Chain bis zum Kunden zu

identifizieren und mit der geforderten Neutralität umzusetzen. Durch eine stärkere

organisatorische Verselbständigung der Standort-Logistik lässt sich bei diesem

Konzept eine erhöhte Kostentransparenz erzielen, die Basis für logistikrelevante

Entscheidungen (z. B. Auswahl des optimalen Verkehrsträgers) ist. Eine

leistungsbezogene und möglichst verursachungsgerechte Dienstleistungsvergütung

ist aber gleichzeitig eine Voraussetzung, um auch Nutzer mit logistisch weniger

aufwendigen Prozessen für eine ganzheitliche Lösung zu gewinnen.

All diese Vorteile lassen sich mit denen des Outsourcing verbinden und verstärken.

Hierzu zählen u. a. die niedrigeren Personalkosten bei Dienstleistern und die

Reduzierung der Kapitalbindung für Investitionen, die der Partner für die Logistik-

Infrastruktur selbst tätigt.

Im Sinne des Single Sourcing werden die Chemieunternehmen den eingeschlagenen

Weg zu integrierten Logistik-Lösungen für ihre Standorte und Werke fortsetzen und

intensivieren, zumal das Spektrum an möglichen Dienstleistungen groß ist.

Weiterentwicklung der Logistikkonzepte

Das hier beschriebene Konzept spiegelt nur eine mögliche Lösung wider. Insgesamt

sind eine Vielzahl von Ausprägungen und Modellen denkbar, bei den die einzelnen

standortbezogenen Funktionen modulartig zu einem Gesamtkonzept kombiniert

werden. Hierfür kommen sowohl weitere physische als auch steuernde Prozesse

infrage.

Der Dienstleister könnte beispielsweise die Disposition und Steuerung kundeneigner

Flotten (Lkw-Werkverkehre, Kesselwagen, Tankcontainer) aus dem Werk heraus

übernehmen. Im Rahmen dieses Fleet-Managements sind Leistungen wie die

Überwachung der Flotten (Reparaturen, Prüfungen, Reinigung), die

Frachtabrechnung und die Flottenverfolgung denkbar. Diese Leistungen gehen über

eine rein standortbezogene Sichtweise hinaus und werden von VTG-LEHNKERING

bereits für mehrere Kunden erbracht.

Was weitere physische Prozesse im Rahmen einer Standort-Logistik betrifft, zählt der

Betrieb werksinterner Terminals (z. B. für den kombinierten Verkehr oder den

Transport per Binnenschiff) zu den Lösungen, die schon mehrfach im Rahmen von

standortbezogenen, multi-user-orientierten Konzepten realisiert wurden. Der Betrieb

werksinterner Tanklager und Silos sowie entsprechender Verladeeinrichtungen sind

weitere, sehr chemiespezifische Funktionen. Damit verbunden sind Abfüll-Konzepte

für Flüssigchemikalien und Trockenbulkprodukte, die vermehrt von Logistik-

Dienstleistern als "dedicated-Lösung" realisiert werden. Wobei Letzteres nicht am

Produktionsort direkt stattfinden muss, sondern in der Prozesskette später am

kosten- und qualitätsoptimalen Punkt der Supply Chain erfolgen könnte.

Das Gesamtkonzept muss im Einzelfall nach Analyse der kundenspezifischen

Situation und der spezifischen Anforderungen erarbeitet werden. Hierbei sind u. a.

Kriterien wie die Struktur der Logistik-Organisation und deren Einbettung in das

Gesamtunternehmen, Art und Umfang der Material-/Informationsflüsse sowie die

vorhandene Infrastruktur zu berücksichtigen.

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Die Standort-Logistik ist ein Konzept, das insbesondere Full-Service-Anbieter mit

einem umfassenden Know-how umsetzen und betreiben können. Die Steuerung des

Gesamtsystems sollte zentral aus einer Hand erfolgen, bei der Erbringung

logistischer Leistungen können externe Dienstleister als "Dritte" in das Konzept

problemlos eingebunden werden.

Durch die erkennbaren Entwicklungen in der Chemischen Industrie werden derartige

Konzepte in der Zukunft verstärkt nachgefragt. Die Dienstleister müssen diesen

Anforderungen dadurch Rechnung tragen, dass sie ihren Kunden von der Beratung

über die Planung bis zur Realisierung und Betrieb das Gesamtspektrum des

Projektmanagements für Standort-Logistikkonzepte anbieten können. Diese Systeme

sind nach der Implementierung laufend zu überprüfen und anzupassen, um

bewerbsfähigkeit hinsichtlich der Logistik-Infrastruktur langfristig zu erhalten.

Wenn Sie mehr wissen möchten, sprechen Sie uns bitte an:

Dietmar Lonke

Chain Management

VTG-LEHNKERING AG

Nagelsweg 34

D-20097 Hamburg

Tel: +49 (40) 23 54-1307

Fax: +49 (40) 23 54-1300

eMail: Dietmar.Lonke@vtg-lehnkering.de

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