Berliner Debatte Initial

hsbremen

Berliner Debatte Initial

23. Jg. 2012

Heise, Herntrich

Müller

Berliner Debatte

Initial

elektronische Sonderausgabe

ISBN 978-3-936382-77-8

© www.berlinerdebatte.de

3

Jenseits der

Orthodoxie

Komparative

Krisenanalyse

Hyman P. Minskys

Beitrag

Die Beschäftigungstheorie

von Keynes

Sozialkapitalismus

und Transformation

Erinnerung an

André Gorz

Busch

Helmedag

Häger, Meretz


Ulrich Busch, Dr. habil.,

Finanzwissenschaftler, Berlin, Mitglied der

Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu

Berlin

Detlev Ehrig, Dr.,

Volkswirt, Universität Bremen

Daniel Grummt, Dipl.-Soziologe,

Universität Halle-Wittenberg

André Häger, Dipl.-Politikwiss.,

Doktorand an der Universität Greifswald

Peter Hausdorf, Dipl.-Soziologe,

TU Dresden

Wladislaw Hedeler, Dr.,

Historiker, Berlin

Fritz Helmedag, Prof. Dr.,

Wirtschaftswissenschaftler, TU Chemnitz,

Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften

zu Berlin

Arne Heise, Prof. Dr.,

Wirtschaftswissenschaftler, Universität

Hamburg, Mitglied der Leibniz-Sozietät der

Wissenschaften zu Berlin

Autoren

Berliner Debatte Initial 21 (2010) 4

Jan Herntrich,

Student der VWL, Universität Hamburg

Günter Krause, Prof. Dr.,

Wirtschaftswissenschaftler, Berlin, Mitglied

der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu

Berlin

Jürgen Leibiger, Dr. sc. ,

Wirtschaftswissenschaftler, Radebeul

Stefan Meretz, Dr.-Ing., Dipl.-Inform.,

Mitarbeiter in der ver.di-Bundesverwaltung,

Blogger unter keimform.de

Horst Müller, Dr. ,

Sozialphilosoph, Nürnberg

Georg Simmerl,

Student, Humboldt-Universität zu Berlin

und WZB für Sozialforschung

Uwe Staroske, Dr.,

Wirtschaftswissenschaftler, Universität

Bremen

Christine Weckwerth, Dr.,

Philosophin, Berlin-Brandenburgische Akademie

der Wissenschaften - MEGA, Berlin


Berliner Debatte Initial 23 (2012) 3

Jenseits der Orthodoxie

Ansätze für einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftstheorie

– Zusammengestellt von Ulrich Busch –

Editorial 3

Jenseits der Orthodoxie

Jürgen Leibiger

Hamlet und der Untergang der „Titanic“.

Über die Krisen und

die Krise des Kapitalismus 4

Ulrich Busch

Komparative Krisenanalyse.

Gottfried Haberler und die Lehren

aus der Depression der 1930er Jahre 18

Arne Heise, Jan Herntrich

‚It happened again‘

oder: Hyman P. Minskys Beitrag

zu einer Neuausrichtung

der Wirtschaftswissenschaft 33

Detlev Ehrig, Uwe Staroske

Das Auf und Ab

der Finanz- und Gütermärkte

oder: Ist Minsky der moderne Marx? 49

Fritz Helmedag

Die Beschäftigungstheorie von Keynes:

Dichtung und Wahrheit 63

Horst Müller

Sozialkapitalismus

und Systemtransformation 77

Günter Krause

Elinor Ostroms Forschungen –

ein Beitrag zu einem „anderen Kanon“

in der Wirtschaftstheorie 94

* * *

Georg Simmerl

„Europäische Schuldenkrise“

als Demokratiekrise.

Zur diskursiven Interaktion

zwischen Politik und Finanzmarkt 108

Daniel Grummt, Peter Hausdorf

Alternative Aufstiegswege

in der Marktgesellschaft 125

André Häger, Stefan Meretz

Fahnder nach

„Auswegen aus dem Kapitalismus“ –

eine Erinnerung an André Gorz 135

Besprechungen und Rezensionen

Wladislaw Hedeler

Zur Ausgabe der Werke

von E. A. Preobraženskij in Russland 148

Andreas Arndt:

Karl Marx. Versuch über den

Zusammenhang seiner Theorie

Rezensiert von Christine Weckwerth 151

1


2 Berliner Debatte Initial 23 (2012) 3

Im Herbst 2008 erlebte die momentane Krise

ihren ersten dramatischen Höhepunkt. Seitdem

sind vier Jahre vergangen und die Wirtschaft

Europas scheint in einem Teufelskreis aus

Banken-, Finanzmarkt-, Wirtschafts-, Schulden-

und Währungskrise gefangen. Ein Ende

ist nicht abzusehen, ebensowenig die Folgen.

Die Zeitschrift Berliner Debatte Initial hat

regelmäßig Texte zur Krise in Europa und zu

deren theoretischer Reflexion publiziert. So in

Heft 4-2008 (Endlose Depression), Heft 2-2009

(Wege aus der Krise), Heft 4-2009 (Kapitalismus,

Sozialismus und Demokratie neu gelesen),

Heft 2-2011 (Sparwut) und Heft 3-2011 (Sozial

& ökologisch). Darüber hinaus erschienen

Einzelbeiträge zur Analyse der Krise, zu deren

Folgen sowie zu theoretischen Konsequenzen.

Diese Veröffentlichungspraxis soll mit dem

vorliegenden Heft fortgesetzt werden.

Schon heute gilt als sicher, dass die gegenwärtige

Krise in die Wirtschaftsgeschichte

einmal als nachhaltige Zäsur eingehen wird.

Sie hat nicht nur den Finanzmarktkapitalismus

als marktradikales Modell ökonomischer Reproduktion

und Dynamik diskreditiert; sie hat

auch die theoretischen Grundlagen der finanzkapitalistischen

Akkumulation und Regulation

nachdrücklich in Frage gestellt. Insbesondere

haben die „Effizienzmarkthypothese“, welche

die größtmögliche Effizienz deregulierter Finanzmärkte

behauptet, an Überzeugungskraft

eingebüßt und die herrschende Ideologie des

Neoliberalismus an Erklärungswert verloren.

Demgegenüber erlebten heterodoxe Ansätze,

kapitalismuskritische und alternative Konzepte

einen ungeahnten Aufschwung. Dies betrifft

neue wirtschaftstheoretische Ideen, welche

für neuartige Problemlagen mit unorthodoxen

Antworten aufwarten, aber auch ältere The-

Editorial

Diese Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher

Unterstützung der Senatsverwaltung für

Wirtschaft, Technologie und Forschung Berlin

orien wie die von Karl Marx, John M. Keynes

und Joseph A. Schumpeter, die aus der Mode

gekommen zu sein schienen und die nun reaktiviert

werden.

Die Beiträge in diesem Heft widmen sich

schwerpunktmäßig der Analyse bemerkenswerter

Entwicklungsprozesse in Wirtschaft

und Gesellschaft, deren wissenschaftliche

Bearbeitung gerade erst begonnen hat. Über

eine Reihe von Einzelstudien, die sich mit der

Emergenz verschiedener Konzepte sowie dem

Bedeutungsgewinn einzelner Theoretiker, der

wachsenden Rezeption ihrer Ideen und möglichen

(wirtschafts-)politischen Konsequenzen

derselben beschäftigen, wird versucht, zu tiefer

gehenden Einsichten und Wertungen über das

Gewicht und die Tendenzen dieser Prozesse

und Phänomene gelangen.

Das Motto „Jenseits der Orthodoxie“

wur de gewählt, weil wir davon ausgehen, dass

die Zukunft der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen

Theorie in der Überwindung ihrer

bisherigen paradigmatischen Enge liegt, im

Aufbrechen derselben wie in der Hinwendung

zu einem neuen Paradigma wirtschafts- und

sozialwissenschaftlicher Theoriebildung.

Die einleitenden Aufsätze von Jürgen Leibiger

und Ulrich Busch sind der Analyse der

jüngsten Krise gewidmet. Leibiger sieht diese als

„große“ und „multiple“ Krise an, aber auch als

ein Ereignis mit unklaren Folgen und offenem

Ausgang. Was wir bis jetzt erleben, ist eine

Anpassung der Regulationsweise, die Behebung

einiger der offensichtlichsten Fehlsteuerungen

der Vergangenheit, aber noch keine grundlegende

Veränderung des Akkumulationsregimes,

kein Ende des Finanzmarktkapitalismus. Um

diese zu erreichen, bedarf es einer veränderten

Kräftekonstellation und einer erneuerten


Berliner Debatte Initial 23 (2012) 3

Wirtschaftstheorie. Busch plädiert für eine

primär ökonomische Sicht auf die Krise, für

ein konjunkturtheoretisches Herangehen, wie

es Gottfried Haberler in Bezug auf die Weltwirtschaftskrise

der 1930er Jahre praktiziert

hat. Unter den gegenwärtigen Bedingungen

erweist sich die Finanzperspektive, die Betrachtung

der Wirtschaft aus der Perspektive der

Finanzbeziehungen, als die zutreffendste Sicht.

Hieran schließen die beiden, dem bedeutenden

Ökonomen Hyman P. Minsky gewidmeten

Beiträge direkt an: Arne Heise und Jan

Herntrich zeigen, wie die Weltfinanzkrise die

Hypothese effizienter Märkte als das Kernstück

gegenwärtiger Mainstream-Ökonomie

widerlegt hat und welche Ansätze die Arbeiten

Minskys bieten, um eine alternative Theorie

auszuarbeiten. Minskys Fokus liegt auf der

Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklung,

die wesentlich von der Schuldnerseite geprägt

wird. Sie verkörpert daher nicht etwa

eine radikale Interpretation der Keynesschen

Theorie, wie oft unterstellt wird, sondern die

Weiterführung einer paradigmatischen Alternative

zum herrschenden Mainstream-Modell.

Diese Überlegung wird von Detlev Ehrig und

Uwe Staroske aufgegriffen, wenn sie fragen,

ob Minsky in seiner kompromisslosen Kritik

am gegenwärtigen Kapitalismus vielleicht

als der „moderne Marx“ angesehen werden

kann. Nach eingehender Analyse bestimmter

Aussagen beider Ökonomen gelangen sie zu

einer eher ausweichenden Antwort. So ganz

treffend war der Vergleich wohl nicht. Minsky

erscheint als ein herausragender Analytiker,

weniger als Prophet.

Fritz Helmedag setzt sich mit einem anderen

Hoffnungsträger alternativer Theorie

auseinander, mit J. M. Keynes. In dem Beitrag

werden konkurrierende Auslegungen des Konzepts

von Keynes vorgestellt und die Etappen

der „Gegenrevolution“ skizziert. Schließlich

wird unter Bezug auf arbeitswerttheoretische

Überlegungen an den eigentlichen Kern der

Keynes‘schen Analyse erinnert. Die Herleitung

einer Beschäftigungsformel in einem einfachen

Modellrahmen gestattet es, Möglichkeiten und

Grenzen zur Steuerung der gesamtwirtschaftlichen

Aktivität auszuloten.

Die den Schwerpunkt beschließenden

Aufsätze von Horst Müller und Günter Krause

erweitern den Blick, indem sie für einen

Paradigmenwechsel in der Ökonomie außerordentlich

bedeutsamen sozial- und politikwissenschaftlichen

Theorien gewidmet sind.

Müller geht davon aus, dass die traditionelle

Kritik der politischen Ökonomie nach Marx

den Wandel vom Industriekapitalismus zum

„Sozialkapitalismus“ nicht angemessen konzeptualisiert

hat. Es gilt daher, die Untersuchung

der Veränderung der konstitutiven Elemente

des Kapitalismus um einige Aspekte zu ergänzen.

Seine Überlegungen überschreiten die

traditionelle Kritik und bieten Ansatzpunkte

für eine mögliche Transformation zu einer

höheren Sozialökonomik.

Der Beitrag von Krause ist Elinor Ostrom

gewidmet, einer Wissenschaftlerin, deren Konzept

in der internationalen Ökonomie heute

eine bemerkenswerte Rezeption erfährt. Dabei

wird speziell der Frage nachgegangen, ob ihre

Arbeiten auf relevante Weise zu einem „anderen

Kanon“ in der Wirtschaftstheorie beigetragen

haben. Am Beispiel ihres Forschungsprogramms

wird der Nachweis erbracht, dass sie

auf Grund umfangreicher Forschungen nicht

nur tradierte Annahmen der neoklassischen

Standardökonomie ad absurdum führte, sondern

auch in zentralen Fragen der Ökonomie zu

neuen Erkenntnissen gelangt ist, die der Politik

neue Handlungsperspektiven eröffnen können.

Im Kontext des Themenschwerpunktes

sind weitere Beiträge von Interesse, so der

Aufsatz von Georg Simmerl und die Studie

von Daniel Grummt und Peter Hausdorf. Simmerl

setzt Habermas‘ Demokratietheorie und

post-strukturalistische Finanzmarktsoziologie

zueinander in Beziehung, um die zentrale

demokratietheoretische Problematik in der

europäischen Schuldenkrise aufzuzeigen.

Sein Fazit lautet: Erst eine Politisierung des

sozioökonomischen Wissens kann einen Weg

aus der Finanz- und Demokratiekrise weisen.

Grummt und Hausdorf befassen sich mit dem

professionellen Pokerspiel als einem Symptom

veränderter sozialer Rahmenbedingungen in

der gegenwärtigen finanzmarktkapitalistisch

geprägten Gesellschaft.

3

Ulrich Busch


Berliner Debatte Initial 23 (2012) 3

Detlev Ehrig, Uwe Staroske

Das Auf und Ab

der Finanz- und Gütermärkte

Ökonomische Dynamik zwischen

Geister beschwörung, Selbstauflösung

und notorischer Rationalität

oder: Ist Minsky der moderne Marx?

Die weltweiten Verwerfungen durch die

Finanz-und Wirtschaftskrisen der letzten Jahre

haben viele ökonomische Gewissheiten über

den Haufen geworfen, die uns lange Zeit als

Mythen erschienen sind. Seit jeher, so Joseph

Vogl in seinem fulminanten Essay zur Kultur des

Kapitalismus (Vogl 2011: 7), habe die politische

Ökonomie eine Neigung zur Geisterkunde

gehegt, in der unsichtbare Hände gleichsam

wie in einem Spuk die Welt beherrschten. Die

ökonomische Theorie, mit einem Eigensinn für

das Gespenstische versehen, muss nun erklären,

was bislang okkult blieb: Die Bewegungsgesetze

auf den Finanz- und Gütermärkten. Worum es

letztlich geht, ist nichts anderes als die herkulische

Aufgabe, jene Welt zu entziffern, die das

ökonomische Wissen in die Welt der ökonomischen

Tatsachen gebracht hat. Die reale

ökonomische Welt in ihrer Krisenhaftigkeit

und ihrer Leistungsfähigkeit zu dechiffrieren,

die die Ideenwelt der Ökonomie erst möglich

gemacht hat, dies haben sich die Großdenker

der Ökonomie schon immer zur ureigensten

Aufgabe gemacht, allen voran Karl Marx. John

Maynard Keynes und Joseph A. Schumpeter

sind ihm würdig nachgefolgt. Gleichwohl:

Auch wenn die drei Genannten ihren Platz zur

Erklärung der ökonomischen Welt mitsamt

ihren Irrungen und Wirrungen unbestritten

innehaben, so haben sie sich doch jeweils nur

mit Ausschnitten der sie umgebenden Welt

auseinandersetzen können. Sie waren, was ihre

historischen Verdienste um die ökonomische

49

Wissenschaft in keiner Weise schmälert, auch

Kinder ihrer Zeit und stets darum bemüht,

nicht Geisterkunde zu betreiben, sondern den

Triebfedern der gesellschaftlichen Entwicklung

ihren materiellen Grund zu geben. Beginnen

wir unsere Zeitreise mit Marx.

Karl Marx

Reproduktion – Akkumulation – Krise: Dieses

Beziehungsgeflecht zeichnet, wie Marx im Vorwort

zum Ersten Band des „Kapital“ bemerkt,

den „letzten Endzweck des Werks aus – das

ökonomische Bewegungsgesetz der modernen

Gesellschaft zu enthüllen“ (Marx 1890: 15f.).

Dieses Gesetz mit den ihm innewohnenden

Widersprüchen mit den materiellen Produktionsverhältnissen

zu konfrontieren, sei Ausdruck

einer Dynamik, die in der bürgerlichen

Form der Produktionsverhältnisse ihre „letzte

antagonistische Form des gesellschaftlichen

Produktionsprozesses“ (Marx 1859: 9) finde.

Mit ihr schließe die „Vorgeschichte der menschlichen

Gesellschaft“ ab. Ihre Krisenhaftigkeit

erhält der gesellschaftliche Produktionsprozess

beim Ersatz der menschlichen Arbeitskraft

durch die Maschinerie, mithin durch eine

steigende organische Zusammensetzung des

Kapitals. Das Ergebnis ist der tendenzielle Fall

der Profitrate. Oder in Marx‘ Worten: „Dieses

Verhältnis der Mehrwertmasse zum Wert des

angewandten Gesamtkapitals bildet aber die

Profitrate, die daher beständig fallen muss.“

(Marx 1894: 223)

Die Betrachtung des Verhältnisses von

fixem zu variablem Kapital macht Marx zu


50 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

einem Analytiker der Aktivseite einer gedachten

Unternehmensbilanz. Die Krise entsteht

nicht durch einen Mangel an Kapital, sondern

durch seinen Überfluss. Krisen sind mithin

kein Fehler im System, sie sind der Kern des

Systems. Den Kapitalisten stehen nicht mehr

ausreichend profitable Verwertungsmöglichkeiten

zur Verfügung – auf den Fall der Profitrate

folgt der Fall der Profitmasse. Es wird

eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt: Als Folge

werden Investitionspläne revidiert, Aufträge

storniert und schließlich Beschäftigte entlassen.

Es kommt zu einem Verfall der Preise und zur

Kapitalentwertung. Der Kapitalismus scheitert

an sich selbst. Das Kapital ist Ausgangs- und

Endpunkt der kapitalistischen Produktion

und erscheint als ihr eigentliches Motiv und

ihr Zweck.

Aber ist das alles? Marx hat sich insbesondere

im dritten Band des „Kapital“ mit dem Finanzsektor

beschäftigt. Dieser spielt eine wichtige

Rolle im Konjunkturzyklus. Im Aufschwung

unterstützen Finanzintermediäre den Boom,

und im Abschwung trägt der Finanzsektor zur

Fragilität bzw. zur Rezession bei. Der reale und

der monetäre Sektor sind miteinander verzahnt.

Eine Wachstumsschwäche im realen Sektor

kann sich durch finanzwirtschaftliche Prozesse

zu einer veritablen Krise ausweiten, und eine

Finanzkrise wiederum kann ebenso eine gesamtwirtschaftliche

Krise hervorrufen, wenn

das System in Marx‘ Worten „überempfindlich“

reagiert. 1 Vom tendenziellen Fall der Profitrate

ist es dann nur noch ein kleiner Schritt

bis zur „Paralysierung“ der Geldfunktionen:

Der tendenzielle Fall der Profitrate „paralysiert

die mit der Entwicklung des Kapitals

gleichzeitig gegebne […] Funktion des Geldes

als Zahlungsmittel, unterbricht an hundert

Stellen die Kette der Zahlungsobligationen an

bestimmten Terminen, wird noch verschärft

durch das damit gegebne Zusammenbrechen

des gleichzeitig mit dem Kapital entwickelten

Kreditsystems und führt so zu heftigen akuten

Krisen, plötzlichen gewaltsamen Entwertungen

und wirklicher Stockung und Störung des Reproduktionsprozesses

und damit zur wirklicher

Abnahme der Reproduktion.“ (Marx 1894: 265)

Was passiert, wenn der Reproduktionsprozess

kreditfinanziert ist, hat Marx ebenfalls

angedeutet, insbesondere für den Fall einer

Kreditklemme: „In einem Produktionssystem,

wo der ganze Zusammenhang des Reproduktionsprozesses

auf dem Kredit beruht, wenn

da der Kredit plötzlich aufhört und nur noch

bare Zahlung gilt, muss augenscheinlich eine

Krise eintreten, ein gewaltsamer Andrang nach

Zahlungsmitteln.“ (Marx 1894: 507)

Wenn die Krise auch durch den Zwang

zur Akkumulation getrieben wird, den Ersatz

variablen Kapitals durch konstantes Kapital, so

geben sich doch im Prozess der sich ändernden

organischen Zusammensetzung des Kapitals

mit dem Fall der Profitrate reale und monetäre

Krise einander die Hand.

John Maynard Keynes

Im Folgenden soll von ihm die Rede sein, dem

Analytiker der Dynamik in einer monetarisierten

Welt. Geboren im Todesjahr von Karl

Marx, war die Krisenanalyse des materiellen

Reproduktionsprozesses, eingebettet in eine

materialistisch-dialektische Geschichtsauffassung,

nicht sein Anliegen. Vielmehr galt

sein Blick dem Geschehen in einer durch Geld

bestimmten Welt, die sich dennoch immer

wieder selbst so erklärte, als ob ihre Bewegungsgesetze

die des materiellen Tauschhandels

seien. 2 In ihm trifft noch, im Sinne von Adam

Smith, das Interesse schließlich das Prinzip

gesellschaftlicher Vernunft (Smith 1974: 17).

Die monetarisierte Welt hingegen tritt heraus

aus der Idylle des freien und ungebundenen

individuellen, stets rationalen Nutzenmaximierers

und seiner Wahlhandlungswelt

von Freizeit und Arbeit und lenkt ihre Aufmerksamkeit

auf die Besitzer von Geld- und

Realvermögen, die die Erwartungen künftiger

Profite mit der Gegenwart von Investitions- und

Finanzierungsentscheidungen zu verbinden

haben. Die Akteure in diesem Geschehen sind

mit Ausblicken auf eine ungewisse Zukunft

konfrontiert. Es geht dabei nicht einfach nur

um eine durch Eintrittswahrscheinlichkeiten

definierbare Risikoabschätzung, sondern um

ein fundamentales Nichtwissen über einen

künftigen Ereignisraum.

Zukunftsentscheidungen sind unter Un-


Das Auf und Ab der Finanz- und Gütermärkte

sicherheit zu treffen. Ökonomie wird damit

aus dem Stadium einer „zeitlosen Kinematik“

(Georgescu-Roegen) von Güterangebot und

Güternachfrage zu einer kontrakttheoretisch

begründeten Produktionswirtschaft, deren

Organisation zukunftsgerichtete (Geld-)Verträge

der Akteure hervorbringen. Geld erfährt

somit eine besondere Bedeutung als sicherer

Vermögenswert, als Bindeglied zwischen einer

bekannten Gegenwart und einer gleichermaßen

unbekannten wie unsicheren Zukunft. Mit ihm

werden Zahlungsverpflichtungen eingelöst.

Geld, vormals in der Welt des Tauschhandels

neutral, nichts weiter als ein „numéraire“, verliert

seine Unschuld und wird zum Objekt der Spekulation.

Mit Geld werden heutige Kapitalgüter

gekauft, um morgige Gewinne zu realisieren. In

der Geldfunktion werden Zukunftskontrakte

sichtbar. Keynes konzentriert sich somit auf die

Instabilität eines realen Investitionsprozesses,

begleitet von finanziellen Institutionen. Sein

analytisches Referenzinstrumentarium ist der

Vergleich der Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals

mit den langfristigen Marktzinsen. Die

Höhe des Diskontsatzes, der den gegenwärtigen

Wert der Rückzahlungen dem Angebotspreis

einer Investitionsentscheidung gleichsetzt,

ist freilich das Ergebnis „äußerster Fragwürdigkeit

der Wissensgrundlage, auf der unsere

Schätzungen des voraussichtlichen Erträgnisses

gemacht werden müssen“ (Keynes 1973: 149).

In die Grenzleistungsfähigkeit gehen alle

Faktoren ein, die den „Return on Investment“

bestimmen, insbesondere der Stand der

Erwartungen. Darauf aufbauend hat Keynes

sein Konzept der potenziellen Volatilität des

Akkumulationsprozesses entwickelt. Die

Schlüsselvariablen für Investitionsprozesse

sind dabei realer, nicht monetärer Natur. Was

die Sicht auf Finanzmärkte angeht, so offenbart

Keynes in seiner „General Theory“ jedoch, dass

sie, die Finanzmärkte, durch die Wellenbewegungen

von Optimismus und Pessimismus,

von Preisinflation und Schuldendeflation

bestimmt werden.

Joseph A. Schumpeter

51

Unsicherheit, Nichtneutralität des Geldes,

Gläubiger-Schuldner-Beziehungen in einer monetarisierten

Welt – allesamt Bausteine für eine

moderne, zu Krisen neigende Finanzökonomie

im Ausgang des zwanzigsten Jahrhunderts.

Marx und Keynes haben den Erkenntnispfaden

erste Wegmarken bereitgestellt. Viele sind

auf ihren Spuren gefolgt. Von einem dritten

Pfadfinder – Schumpeter – soll noch kurz die

Rede sein; auch er wie Keynes im Todesjahr von

Marx geboren. Erfasst man Marx und Keynes

in einem gemeinsamen Nukleus, beschreiben

beide ein wenig verheißungsvolles Bild der

ökonomischen Dynamik. Bei Marx sind es die

inhärenten Widersprüche zwischen Produktivkräften

und Produktionsverhältnissen, die

zur Krise drängen, bei Keynes die unsicheren

Erwartungen über eine Zukunft, die immer

wieder die Marktidylle stören. Anders die Sicht

Schumpeters: Die Welt der schöpferischen

Zerstörung erscheint ihm als das Auf und

Ab von risikobereiten Pionierunternehmern,

die neben exorbitanten Pioniergewinnen

ebenso auch exorbitante Verluste einfahren

können. Es ist der personifizierte Typus einer

Fortschrittsdynamik, die nur entstehen kann

aus dem Gegenüber von Chance und Risiko

ökonomischer Entscheidungen. Dynamik, so

Schumpeters Credo, ist nur um den Preis von

Krisen zu erlangen. Aus ihr gewinnt die Ökonomie

nicht allein ihre zerstörerische, sondern

zugleich auch ihre gestalterische Kraft. Es ist

die Entrepreneurökonomie, die zur Metapher

der modernen Ökonomie am Ende des zwanzigsten

Jahrhunderts wurde.

Weniger bekannt, aber für unsere Zwecke

hilfreich, sind Schumpeters Einlassungen zur

Rolle des Kredits und der Finanzierung von

Investitionen und der dadurch ausgelösten

Dynamik.

Jede Konjunkturbewegung ist von einer

Ausweitung bzw. durch eine Kontraktion des

Kreditvolumens begleitet. Wo eine Preisinflation

im Zuge eines Konjunkturaufschwungs

den Schuldner entlastet, belastet ihn eine

Schuldendeflation im Konjunkturabschwung

und macht es ihm schwer, seinen Zahlungsverpflichtungen

nachzukommen. Krisen erhalten


52 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

nunmehr eine monetäre Dimension: Sie sind

nicht allein real erklärbar, aus dem Verhältnis

von Mehrwertrate und organischer Zusammensetzung

des Kapitals, wie noch bei Marx.

Sie repräsentieren auch nicht nur den Stand

des allgemeinen Vertrauens in die Zukunft,

wie bei Keynes. Vielmehr sind ihre Ursachen

vor allem in den Finanzierungsverhältnissen

von Schuldnern und Gläubigern zu suchen.

Der Weg ist bereitet, um den vierten im Bunde

auftreten zu lassen, von dem bislang außer im

Titel noch nicht die Rede war: Hyman P. Minsky.

Finanzielle Instabilität –

Suche nach einem Namensgeber

Der Name ist gefallen. Aber was hat Minsky in

der Reihe der ökonomischen Großdenker zu

suchen, die, deutlicher als andere, die Ideenwelt

in den letzten hundertfünfzig Jahren

geprägt haben? Der Hinweis, er sei schließlich

Schüler von Schumpeter gewesen, bleibt eher

biografisch. Was also rechtfertigt es, ihn in das

Walhalla der Theoretiker aufzunehmen, die

genannt werden, wenn es gilt, empirisch und

theoretisch überzeugende Erklärungen ökonomischer

Real- und Finanzdynamik samt ihrer

Krisen abzugeben? Die Antwort: Seine eigene,

originäre Erwiderung auf die zeitgenössischen

Fragen ökonomischer Dynamik, die in den Finanzkrisen

ihren Kern finden. Ein Außenseiter

abseits des ökonomischen Mainstreams, war

er lange Zeit eher den Kennern Keynesscher

Hermeneutik ein Begriff. 3 Die Ereignisse der

letzten Jahre rund um die sich weltweit ausbreitende

Finanzkrise hat zu einer erstaunlichen

Revitalisierung von Ökonomen und Theorien

geführt, die zuvor entweder abseits standen

oder in Vergessenheit zu geraten drohten. Von

Marx, Keynes und Schumpeter war bereits die

Rede. Die Finanzkrise hat es möglich gemacht,

dass nun auch Hyman Minsky Platz nehmen

durfte am Tisch der Großen.

Kurz nach ihrem Ausbruch, im Jahr 2008,

wurden, so heißt es anekdotisch, junge Investmentbanker

der Wall Street von ihren

Chefs losgeschickt auf der Suche nach längst

vergriffenen Werken von Hyman Minsky. 4 Es

galt, auf die drängenden Fragen der Finanzkrise

schnelle Antworten zu finden. Die New Yorker

Universitätsbibliothek verschloss daraufhin

die Buchbestände von Minsky aus Furcht, sie

könnten gestohlen werden. Minsky war es, der

dem Zusammenbruch des Vertrauens in eine

schuldenfinanzierte Dynamik einen Namen

gab; der „Minsky Moment“ wurde von amerikanischen

Medien im Jahr 2011 zum „Word

of the Day“ erklärt. 5

Seine Berühmtheit kam unerwartet. Vielmehr

konzentrierte sich Minsky, ganz der

präzis um Begriffe ringende Wissenschaftler,

zunächst auf Keynes. Dies hatte ihn zu einer

Neuinterpretation des Keynesschen Denkens

geführt, in dessen Mittelpunkt die Instabilität

des Investitionsprozesses steht. Bereits in den

1970er Jahren hat sich Minsky mit der Instabilität

des privaten Sektors beschäftigt. Hierbei

setzte er an der Finanzierungsseite der Unternehmensbilanz

an. Finanzierungsprozesse

und -strukturen sind es, die auf der Passivseite

der Unternehmensbilanz zu Unsicherheiten

führen. Ein erhöhter Verschuldungsgrad von

Unternehmen, der zur Finanzierung insbesondere

spekulativer Investitionen dient, macht

diese anfällig für Erwartungsumbrüche. Die

Vorstellungen der Geldgeber über eine als

„normal“ empfundene Verschuldungsrelation

kann diese zu einem konservativeren Finanzgebaren

bewegen und so zur Entstehung einer

Finanzkrise beitragen. Um die Verschuldungsstruktur

wieder in normale Relationen zurück

zu führen, ist der verstärkte Verkauf von Aktiva

erforderlich. Diese Reaktion kann wiederum zu

einer Neubewertung der Aktiva führen. Schon

geringe Ausgangsstörungen können erhebliche

Folgen haben.

Geringe Ausgangsstörungen üben einen

spürbaren Verkaufsdruck auf den Fonds aus.

Kurseinbrüche sind die unabweisbare Folge. Die

Erfahrungen mit „Leverage-Effekten“ steigender

Fremdfinanzierungen bei amerikanischen

Investment-Banken scheinen Minsky Recht zu

geben. In Minskys Sichtweise: Finanzierungsrisiken

sorgen selbst bei kleineren Störungen

für eine Neubewertung der Kapitalvermögen,

die in einen Investitionsrückgang und in einen

Verkauf von Vermögenswerten (Flucht in die

Liquidität) münden. Minskys Krisenerklärung

setzt somit an der monetären Sphäre an. Real-


Das Auf und Ab der Finanz- und Gütermärkte

wirtschaftliche Diagnosen sind bei ihm dagegen

kaum zu finden.

Minsky, der Theoretiker der finanziellen

Instabilität: Ist er damit der konsequente Weiterdenker

des Marxschen Grundthemas aus realer

Prosperität und realer Krise? Wäre Minsky, in

Anlehnung an derzeitige Sprachmoden, als der

moderne Marx zu interpretieren, als Marx 2.0?

Oder steht er doch eher in der Traditionslinie

von Keynes, von dem Minsky behauptet, ihn,

Keynes, ohne das zentrale Moment der Unsicherheit

in einer kapitalistischen Welt zu denken,

wäre ebenso wenig vorstellbar wie Hamlet

ohne den Prinzen (Minsky 1975: 75)? Werfen

wir also noch einen präzisierenden Blick auf

Minskys Theorie der finanziellen Instabilität,

bevor wir eine Standortbestimmung wagen.

Minskys These finanzieller Instabilität

Minskys Überlegungen stellen eine monetär

ausgerichtete Erweiterung der Keynesschen

Theorie dar. Erwartungen und Unsicherheiten

spielen bei privaten, dezentralen Produktionsentscheidungen,

die in die Zukunft reichen,

eine zentrale Rolle. Bei Keynes bezogen sich

die Erwartungen und Unsicherheiten vor allem

auf Investitionsentscheidungen und die mit

ihnen verbundenen Wechselfälle des Lebens

hinsichtlich der Erlöse und der Kosten. Niemand

kann mit Sicherheit sagen, ob eine heutige

Investitionsentscheidung sich morgen als

rentabel erweisen wird. Insofern bezogen sich

Keynes´ Überlegungen auf den realen Bereich

der Ökonomie. Minsky hingegen untersucht

Finanzierungsprozesse und betont die Folgen

von Spekulation und Unsicherheit für den realen

Bereich. Seine Theorie ist eine zyklische

(Krisen-)Theorie, die ihren Ausgangspunkt im

monetären Bereich und somit auf der Passivseite

der Unternehmensbilanz nimmt. Sie übt

ihrerseits Wirkungen auf den realen Bereich

und somit auf die Aktivseite aus, mit dem

Ergebnis krisenhafter Rückwirkungen auf die

Finanzierungsstruktur. Sowohl der Zeitpunkt

als auch die Entwicklungen, die dazu führen,

dass aus einer prosperierenden Ökonomie

eine veritable Krise entsteht, sind bei Minsky

grundsätzlich nicht prognostizierbar. Somit

53

erfolgte auch keine formale Ausarbeitung seiner

Theorie. Minsky versteht seine Ideen als einen

ausformulierten Finanzmarkt-Keynesianismus.

Die angemessene Sicht auf die Ökonomie sei

die der Wall Street, heißt es bei ihm (Minsky

1982: 102).

Explizit orientiert sich der Minsky-Prozess

an der Kreislauftheorie einer profitgesteuerten

Akkumulationsdynamik, wie sie bereits von

Nicholas Kaldor und Michal Kalecki ausformuliert

worden sind. Profite sind hier das

kreislauftheoretische Gegenstück zur Investitionsdynamik

(ebd.: 64). Die Unternehmen

sind ganz im Sinne Kaldors die „Herren ihres

eigenen Geschicks“ (Kaldor 1980: 250).

Damit folgt Minsky zugleich Keynes´ zentraler

Idee, dass die Festlegung der Investitionsquote

und des Konsums der Unternehmer

die Profitquote und damit die funktionale Einkommensverteilung

determinieren, sieht man

einmal vom Sparen der Lohnempfänger ab. Es

ist die Dialektik von Investitionsentscheidung

und Profiterzielung, der biblische „Krug der

Witwe“, der sich als unerschöpfliche Quelle der

Dynamik, auch bei ausschweifendem Leben,

sieht (vgl. Keynes 1971: 125).

Die Höhe der Investitionen speist sich

somit aus der Höhe der erwarteten Profite.

Erwartete Profite ihrerseits werden von den

realisierten Profiten bestimmt; und die realisierten

Profite ihrerseits werden durch die Höhe

der Investitionen bestimmt. Seine Grenzen

erfährt dieses Kreislaufmodell lediglich durch

die finanzielle Fragilität des Investitionsprozesses.

Dies war offenbar auch Keynes klar,

indem er die Dialektik von Gewinnen und

unternehmerischen Ausgabenentscheidungen

dahingehend auflöst, dass jener „Krug der

Witwe“ nur solange unerschöpflich ist, wie

sich Unternehmen als Kollektive verhalten und

einen Geld- und Güterkreislauf innerhalb ihrer

eigenen Klasse installieren. Ansonsten lässt sich

der Zusammenhang genauso gut umkehren:

Wenn Unternehmen Verluste machen und

diese zu kompensieren suchen durch geringere

Konsumausgaben, d.h. durch zusätzliche

Sparanstrengungen, werde aus dem „Krug der

Witwe“ das „Fass der Danaiden“, das niemals

gefüllt werden könne (Keynes 1971: 125). An

die Stelle des Gesetzes vom nie versiegenden


54 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

„Krug der Witwe“ tritt nun drohend das Gesetz

vom bodenlosen „Fass der Danaiden“. Sinkt die

Akkumulation dadurch, dass nicht mehr der

volle Gewinn realisiert wird, so sinkt auch die

Rentabilität und mit ihr die Investitionstätigkeit.

Die Krise nimmt ihren Verlauf.

Minsky hat sich offenbar diese Dialektik aus

Profiten und Akkumulation zu Eigen gemacht.

Profite sind für ihn die notwendige Voraussetzung

zur Begleichung von Zahlungsverpflichtungen.

Sie erlauben zugleich einen Ausblick

auf künftige Profite, allerdings verbunden mit

Instabilitäten in der Entwicklung des Finanzsystems,

die durch Zinsvolatilitäten hervorgerufen

werden. Die kreislauftheoretische Sicht von

Keynes, Kaldor und Kalecki unterstellt, ist die

Finanzierung von Investitionen das kreislauftheoretische

Gegenstück zur Profiterzielung.

Im Sinne von Minsky sind es vor allem die

folgenden Finanzierungsarten, die die Dynamik

des Finanzierungsprozesses ausmachen:

– Finanzierung von Investitionen aus Eigenmitteln.

Finanzierungsquelle ist die

Innenfinanzierung, insbesondere die Selbstfinanzierung;

– Finanzierung aus Abschreibungen und aus

der Zuführung zu Rückstellungen;

– Außenfinanzierungen durch Eigenfinanzierung

im Sinne einer Einlagen- oder

Beteiligungsfinanzierung oder durch Fremdfinanzierung;

– Ausschließlich spekulativ begründete

Fremdfinanzierung im Sinne einer „Ponzi“-

Finanzierung.

Der Minsky-Prozess beschreibt nun die Stufenleiter

zunehmender Unsicherheit der

Finanzierungsquellen, die den Prozess der

Investitionsfinanzierung begleitet. Nach und

nach wird eine abgesicherte, interne Finanzierung

durch zukunftsgerichtete, Zins tragende

Finanzierungskontrakte abgelöst, an deren

Ende Finanzierungen in Form von Schneeballsystemen

stehen. Der Investitionsprozess

und seine Finanzierung sind nicht zufällig,

vielmehr ein gerichteter Prozess, eine pyramidale

Struktur, in der sich die Finanzierung

von Investitionen über weitere, riskantere

Investitionen vollzieht. Dem Rückgang liquider

Mittel im Verhältnis zum Marktwert von

Vermögensbeständen steht ein Anwachsen

von Schuldverpflichtungen gegenüber. Deren

Ausgleich ist von steigenden Gewinnen abhängig.

Steigende Fremdfinanzierung wird somit

zur Voraussetzung für die Begleichung des

Schuldendienstes. Die Konstruktion ergibt das

Bild des bekannten Schneeballsystems, in dem

Einnahmen zur Begleichung von Altschulden

nur durch die Aufnahme von neuen Schulden

generiert werden können. Das System erfährt

dabei eine positive Rückkoppelung. Es ist wie

in einer Spekulationsblase, getrieben von den

Erwartungen an höhere Geldzuflüsse in der

Zukunft. Es ist dies der „stumme Zwang der

Verhältnisse“ (Marx 1890: 765), der Zwang zur

Akkumulation in einer Wettbewerbswirtschaft,

ganz im Marxschen Sinne. Sie wird unsicher

durch ihre Anfälligkeit für Änderungen in

den Kreditbedingungen und ihren Aussichten

zur Erfüllung von Zahlungsverpflichtungen.

Die prekäre Situation für den Unternehmer

entsteht dort, wo die Erfüllung von Finanzierungskontrakten

entweder neue Anleihen

oder aber den Verkauf von Vermögenswerten

verlangt. Die Finanzierung wird kostspielig,

andererseits können Unsicherheiten auf den

Vermögensmärkten die Kapitalpreise sinken

lassen. Ein „kaskadenartiger Verfall von

Vermögenswerten“ 6 kann damit seinen Lauf

nehmen, ist erst einmal das Vertrauen in steigende

Vermögenswerte in der Folge steigender

Fremdfinanzierung dieser Werte gestört. – Der

Minsky-Moment ist da.

Die Krisenmanifestation: Minsky-

Moment und Verfall der Profitraten

Phänomenologisch ist die Sache eindeutig und

ganz und gar nicht von Unsicherheit geprägt:

Ist erst einmal die Saat des Misstrauens in

die scheinbar endlose, rekursive Schleife aus

Fremdfinanzierung, Schuldendienst und Gewinnerwartungen

aufgegangen, erweist sich der

Fortgang der Geschichte als erstaunlich stabil.

Was seinen Anfang bei einzelnen Akteuren

nimmt, die ihren Zahlungsverpflichtungen

nicht mehr nachkommen können, endet in

der manifesten Krise, hervorgerufen durch die

Eigendynamik einer durch die Bankenstruktur


Das Auf und Ab der Finanz- und Gütermärkte

garantierten Verflechtung von Gläubiger-

Schuldnerverhältnissen.

„Anders als in kybernetischen und sich

selbst regulierenden Systemen wird der Finanzmarkt

durch seine Ruhe beunruhigt, durch

seine Stabilität destabilisiert, und gerade sein

effizientes Funktionieren wird ganz und gar

dysfunktional.“ (Vogl 2011: 162)

Minsky drückt es ähnlich aus, wenn er betont,

dass in einer Welt des Finanzkapitalismus

die Verfolgung des Eigeninteresses, anders

als noch in der Welt eines Adam Smith, die

Ökonomie nicht in ein Gleichgewicht münde

(Minsky 1986: 250). Vielmehr gestalten sich die

Finanzierungsprozesse so, dass sie endogene

Destabilisierungskräfte hervorbringen, und

dies bedeutet: Schuldendeflation. Sie sei das

„normale Resultat“ (ebd.: 218) der Finanzierungsverhältnisse

in einem Investitionsboom.

Die endogene Dynamik entsteht durch gleichgerichtete

Risikoeinschätzungen von Gläubigern

und Schuldnern. Sie nimmt ihren Ausgang im

Boom, in dessen Verlauf als Folge optimistischer

Risikoeinschätzungen zunehmende Finanzierungsrisiken

in Kauf genommen werden,

so dass die finanzielle Störanfälligkeit steigt.

Im Ergebnis können kleinste Schwierigkeiten

Liquiditätsprobleme auslösen durch Kündigung

von Kreditverträgen oder Änderungen in den

Kreditlaufzeiten. Damit wird das Finanzsystem

grundlegend unsicher. Die finanzielle Fragilität

wird zu einem fundamentalen Bestandteil eines

inneren Marktprozesses (ebd.: 251).

Wenn auch das Ergebnis klar ist, so bleibt

der eigentliche Zündfunke eher unbestimmt,

nämlich der Zeitpunkt des beginnenden Vertrauensverlusts

in einen positiven „Return on

Investment“, der verschuldete Investoren dazu

zwingt, ihre Vermögenswerte zu reduzieren, um

ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Nur so viel ist klar: Um eine Finanzkrise

auszulösen, bedarf es einer Beschaffenheit des

Finanzsystems, die aus einem Zusammenbruch

eines einzelnen Unternehmens eine

Kettenreaktion weiterer Zusammenbrüche

auszulösen imstande ist (Minsky 2011: 44).

Eine explizite Ausformulierung des Erwartungsbruchs

findet sich bei Minsky hingegen

nicht. Vielmehr heißt es bei ihm, dass sich die

Zerbrechlichkeit des Akkumulationsverhaltens

55

als „Folge eines schuldenfinanzierten Investitionsbooms“

ergebe (Minsky 1986: 217f.). Das,

was als Begriff für diesen Erwartungsbruch

in der Finanzkrise des Jahres 2008 die Runde

machte, der „Minsky-Moment“ 7 , wurde seinerseits

wiederum durch eine Metapher für einen

Kollaps des Vertrauens erklärt, nämlich durch

den Zusammenbruch der Lehman-Brothers

Investment Bank. Gleichwohl mangelt es

nicht an Interpretationsversuchen. Einige hat

Vercelli (2011) zusammengestellt: Danach ist

der „Minsky-Moment“:

– der Punkt, an dem das Kreditangebot

knapp wird;

– der Punkt, an dem sich ein Finanzhype in

Panik verwandelt;

– ein sich selbst reproduzierender Prozess

der Schuldendeflation;

– der Augenblick, in dem Kreditgeber beginnen

vorsichtig zu werden;

– der Punkt, an dem eine schuldenfinanzierte

Finanzpyramide in sich zusammenfällt.

Gemeinsames Merkmal ist die Unterstellung

einer Überschuldung der Investoren. Sie führt

zu einer Aufkündigung von Kreditlinien, einer

Verkürzung von Verschuldungslaufzeiten,

zu einer Anhebung von Risikoprämien und

einer steigenden Liquiditätspräferenz. Den

Nachfragern nach risikobehafteten Investitionsprojekten

stehen zu wenige Anbieter

gegenüber, die zu einer Risikoanlage bereit

wären. Risikoprämien beginnen zu steigen,

und mit dem ersten Forderungsausfall steigt

die Risikoeinschätzung weiterer Forderungsausfälle.

Der Abwärtstaumel nimmt seinen

verhängnisvollen Lauf. Das „Fass der Danaiden“

erweist sich als bodenlos, die Profitrate

fällt nicht nur der Tendenz nach, sondern

tatsächlich. Der Bereinigungsprozess beginnt

zu wirken: Vermögen verfällt, Kapital wird

entwertet, beleihungsfähiges Kapital schrumpft

zusammen, die Basis für Fremdverschuldungen

wird drastisch reduziert.

Es ist eine ähnliche Dynamik im Gange wie

die, die einen guten Ruf durch üble Nachrede

zu zerstören im Stande ist. Ein Gerücht, erst

einmal in die Welt gesetzt, wird für die Wahrheit

genommen, beschleunigt sich in einem

Abwärtsstrudel und endet im gesellschaftlichen

Ruin. Ähnlich wie den gutgläubigen Investoren,


56 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

die ungebrochen an eine Fortsetzung des von

ihnen geschürten Glaubens an die Prosperität

von plötzlichen Erwartungsumbrüchen

heimgesucht werden, muss es einst bei Hofe

zugegangen sein, als Rossini seinen „Barbier

von Sevilla“ in Noten setzte. Es war Don Basilio

vorbehalten, dem Musiklehrer von Rosina,

eine Intrige gegen den Grafen Almaviva zu

spinnen, dem Konkurrenten des Don Bartolo,

um die Gunst der schönen Rosina. In seiner

berühmten Arie besingt er die Verleumdung

als ein Lüftchen, kaum vernehmbar im Entstehen.

Wenn sich das Lüftchen aber erst einmal

zu einem Luftzug entwickelt hat, beginnt die

Verleumdung zu rauschen, nimmt sich feindlich

und düster aus, bis sie endlich auch die Klugen

und Tröpfe, die Macht der tausend hohlen

Köpfe erreicht, mit ungezügelter Kraft losbricht

und schließlich unseren ehrenwerten Grafen

schuldlos in die Hölle schickt, damit er dort

zugrunde gehe. Die Geschichte endet gut. Der

Graf darf nach vielen Irrungen und Wirrungen

seine angebetete Rosina zur Hochzeit führen.

Und auch bei Minsky gibt es Hoffnung auf

eine Umkehr. Am Ende des Vermögensverfalls

steht auch ein Ende des Vertrauensverfalls.

Dafür stehen die stabilisierende Rolle der Zentralbank

und eine starke Regierung, „the Big

Government“ (Minsky 1986: 332). Sie läuten

das Ende der Schuldendeflation ein, entweder

durch die Bereitstellung von Refinanzierungsfazilitäten

durch die Zentralbanken als Reaktion

auf eine Stilllegung von Liquidität seitens der

Geschäftsbanken bei der Zentralbank. Oder

aber durch eine expansive Fiskalpolitik als

Reaktion auf eine darnieder liegende private

Investitionstätigkeit.

Minskys Schlussfolgerungen sind, was

die Überwindung der Abwärtsspirale angeht,

verhalten optimistisch. Automatische Stabilisatoren,

die aktive Rolle von Zentralbanken und

eine aktive Fiskalpolitik lassen die Gefahr einer

dauerhaften, systemgefährdenden Schuldendeflation

gering erscheinen. Sie wird allerdings

erkauft durch eine steigende Inflationsgefahr.

Diese ist notwendige Begleiterin einer finanzialisierten,

krisenhaften, zyklisch-kapitalistischen

Dynamik (Minsky 1986: 254 ff.).

Finanzielle Instabilität und Deleveraging

in der Finanzkrise

Die Ausführungen Minskys zu den endogenen

Mechanismen einer sich spekulativ entwickelnden

finanziellen Instabilität erlauben einen

Blick auf die Realität der Finanzkrise. Offenbar

spielen Leverage-Effekte eine wesentliche Rolle

bei der Verstärkung ökonomischer Zyklen (vgl.

SVR 2007/08: TZ 133; SVR 2008/09: TZ 183

ff.). Niedrige Geldmarktzinssätze seitens der

Zentralbanken, aber auch der Geschäftsbanken

untereinander, tragen dazu bei, sich kurzfristige

Kredite zu günstigen Konditionen zu beschaffen.

Dies ist wiederum eine entscheidende

Voraussetzung für Unternehmen, in Zeiten

einer guten Ertragslage die Renditen auf das

Eigenkapital durch eine steigende Fremdfinanzierung

hoch zu hebeln. Gemeint ist der

Leverage-Effekt. Er ist positiv, wenn die Rendite

des Gesamtkapitals höher ist als der Fremdkapitalzins.

Die Bereitschaft zur Hebelung ist

wiederum mit einer positiven Einschätzung

der Konjunkturaussichten gekoppelt. Mit ihr

steigt die Risikobereitschaft von Kreditgebern

und Kreditnehmern an. Wenn Aussicht auf steigende

Vermögenspreise besteht, bedeutet dies

wiederum eine Höherbewertung von Aktiva,

welche wiederum das Eigenkapital und mit ihm

die Beleihungsspielräume ausweitet. Was wie

eine Verstärkung im Aufschwung wirkt – die

Bereitschaft zur Fremdfinanzierung – erweist

sich auf der anderen Seite aber genauso prozyklisch

im umgekehrten Fall, im Abschwung.

Ein Werteverfall von Aktiva ist begleitet von

einer vorsichtigen Kreditvergabe. Geringe

Preisrückgänge können dann gemeinsam mit

einem reduzierten Hebel zu einem massiven

Verkaufsdruck auf Vermögenswerte führen.

Die Finanzkrise wird damit manifest.

Unternehmen und Finanzakteure, die

in konjunkturellen Aufschwungphasen auf

einen prozyklischen Leverage-Effekt setzen,

verringern ihr eingesetztes Eigenkapital. 8 Negative

Schocks treffen auf die Hebelwirkungen

besonders stark. Wenn die Eigenkapitalbasis

in Zeiten eines konjunkturellen Aufschwungs

sinkt, wird das Finanzierungspolster in konjunkturellen

Abschwungphasen seinerseits nicht

ausreichen. Steigende Kreditkosten drehen


Das Auf und Ab der Finanz- und Gütermärkte

die Zinsdifferenz aus Eigen- und Fremdkapitalrendite

um. Illiquidität und Insolvenz wären

die drohenden Konsequenzen.

Die Tabellen 1 und 2 zeigen anhand eines

stilisierten Beispiels die Wirkungen unterschiedlicher

Differenzen aus Eigen- und Fremdkapitalrenditen

auf die Eigenkapitalrenditen

bei unterschiedlichen Verschuldungsgraden.

Wenn im Zuge eines konjunkturellen

Aufschwungs die Risikobereitschaft der

Kreditgeber und der Investoren zunimmt,

bedeutet dies nicht nur eine Ausweitung der

Fremdfinanzierung, sondern zugleich auch

eine zunehmende Unsicherheit hinsichtlich

der Eigenkapitalverzinsung. Dieser Umstand ist

nicht allein durch das psychologisch erklärbare

Risiko einer Erwartungsumkehr zu begründen,

sondern ebenso als statistisches Phänomen.

Die finanzwirtschaftliche Literatur kennt dies

als Streubreite der Eigenkapitalverzinsung bei

zunehmendem Verschuldungsgrad (Perridon/

Steiner 2009: 494).

Der formale Zusammenhang sei kurz skizziert:

Es gelte die bereits erwähnte Formel für

57

die Eigenkapitalrendite in Gleichung (1). Aus ihr

ergibt sich durch Umstellungen Gleichung (2).

(1) r EK = r GK + (r GK -i)∙FK/EK (FK/EK= VG)

(2) r EK = (1+VG)∙r GK – VG∙i

Entsprechend den Regeln über die Variablentransformation

gilt für die Varianz der

Zufallsvariable Eigenkapitalrendite:

(3) Var(r EK ) = (1+VG) 2 ∙Var (r GK )

Ausgedrückt in Standardabweichungen:

(4) σr EK = σr GK + VG∙σr GK

Nicht nur die Rentabilität des eingesetzten

Eigenkapitals wird durch die Variation des Verschuldungsgrades

verändert, sondern ebenso

die Risikoposition des Eigenkapitalgebers. Mit

steigendem Verschuldungsgrad werden Fremdkapitalgeber

zu Partnern der Eigner mit Blick auf

das Risiko. Insgesamt setzt sich die Standardabweichung

für die Rendite des Eigenkapitals aus

dem leistungswirtschaftlichen Risiko σr GK und

Tabelle 1: Beispiel für einen positiven Leverage-Effekt

Situation A B C

Eigenkapital (EK) 100.000 75.000 50.000

+ Fremdkapital (FK) 50.000 75000 100.000

= Gesamtkapital (GK) 150.000 150.000 150.000

Verschuldungsgrad (VG) 0,5 1,0 2,0

Bruttogewinn 15.000 15.000 15.000

Zinsen auf FK (i=9%) 4.500 6.750 9.000

Nettogewinn 10.500 8.250 6.000

EK-Rendite 0,105 0,11 0,12

Annahmen: Fremdkapitalzinsen 9%, Gesamtkapitalrendite 10%, Bruttogewinn 15.000.

Tabelle 2: Beispiel für einen negativen Leverage-Effekt

Situation A B C

Bruttogewinn 15.000 15.000 15.000

Zinsen auf FK (i=11%) 5.500 8.250 11.000

Nettogewinn 9.500 6.750 4.000

EK-Rendite 0,095 0,09 0,08

Annahmen: Gleiche Zusammensetzung des Gesamtkapitals wie in Tabelle 1. Fremdkapitalzinsen 11%,

Gesamtkapitalrendite 10%.


58 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

dem Kapitalstrukturrisiko VG∙σr GK zusammen.

Die Folge einer sich ändernden Risikoposition

ist ein Deleveraging mit sich ausbreitenden

Effekten auf das gesamte Finanzsystem. Ein

Beispiel möge diesen Sachverhalt erläutern

(vgl. SVR 2008/09: TZ 185).

Ausgangspunkt sei eine Bilanz, die ein Eigenkapital

von 20 aufweise. Ein angenommener

Hebel von 4 erlaube einer Finanzinstitution

die Aufnahme von Fremdkapital in Höhe von

80. Die Gesamtsumme von 100 erlaube den

entsprechenden Erwerb von Aktiva in entsprechender

Höhe. Es komme nun zu einer

Neubewertung von Aktiva im Zuge einer

vorsichtigeren Zukunftseinschätzung und

eventuell eingetretener Forderungsausfälle.

Die Höhe der Wertberichtigung betrage 5%.

Das Eigenkapital muss daraufhin ebenfalls

wertberichtigt werden. Die entsprechende

Bilanz stellt sich damit folgendermaßen dar:

Aktiva Passiva

95 (im Ausgangspunkt

100)

Fremdkapital 80

Eigenkapital 15

(im Ausgangspunkt 20)

Bei unverändertem Fremdkapital beträgt nun

der Hebel zwischen Eigen- und Fremdkapital

nicht mehr 4, sondern 5,3. Einen unveränderten

Hebel seitens der Kreditgeber unterstellt,

besteht nun ein Druck auf den Abbau von

Schuldenpositionen. Statt eines ursprünglich

angenommenen Anteils von 80 darf das

Fremdkapital nunmehr nur noch 60 betragen.

Dies lässt sich nur durch eine Veräußerung von

Aktiva in Höhe von 20 erreichen.

Aktiva Passiva

75 Fremdkapital 60

Eigenkapital 15

Eine Wertberichtigung von Aktiva in Höhe

von 5% führt also in dem von uns unterstellten

Fall zu einem Verkauf von Aktiva um 25%.

Kleine Ausgangsstörungen führen bei einem

entsprechend großen Hebel zwischen Eigen-

und Fremdkapital zu einem großen Verlust

an Vermögenswerten. Eine steigende Fremdkapitalfinanzierung

des Vermögens macht

dieses anfällig für große Verluste auch schon

bei geringen Störungen.

Lassen wir abschließend noch einmal Minsky

zu Worte kommen, der den Leverage-Effekt

für das Entstehen von Finanzinstabilitäten

folgendermaßen beschreibt: Ein steigender

Finanzhebel geht einher mit einer steigenden

Zerbrechlichkeit des Finanzsystems, weil es

zu einer Kurzfristperspektive im Beleihungsgeschäft

führt. Letztlich sind ein steigender

Finanzhebel und eine schneeballartige, schuldenfinanzierte

Finanzakkumulation zwei Seiten

ein und derselben Medaille (Minsky 1986: 238).

Um es auf den Punkt zu bringen: Minsky auf

die Erfahrungen mit der Finanzkrise übertragen

heißt den Blick auf die Leverage-Effekte

von Fremdfinanzierungsgeschäften zu lenken.

Diese beschreiben die Risiken einer endogen

sich entwickelnden finanzwirtschaftlichen

Auf- und Abwärtsdynamik.

Hyman P. Minsky: der moderne Marx?

Wir hatten über die erstaunliche Renaissance

von Analytikern der Finanzkrise gesprochen,

die zuvor ein Schattendasein fristeten. Von

Minsky kann man dies mit Fug und Recht sagen.

Aber auch der viel berühmtere Karl Marx

hatte es schwer, in einer Zeit zu überzeugen,

die von dem Glauben an eine immer währende

Prosperität geprägt war. Und plötzlich war alles

anders: Nicht nur Minskys Werke waren 2008

vergriffen, auch das „Kapital“ wurde mitten

in der Krise auffällig häufig von Männern in

Nadelstreifen nachgefragt. Wer bei Google

in diesen turbulenten Zeiten die Stichwortkombination

„Marx und Finanzkrise“ eingab,

landete bei rund 400.000 Treffern, bei „Minsky

und Finanzkrise“ kommt man auf rund 80.000.

Immer wieder geht es dabei um die Frage, ob

entweder Marx oder Minsky, Schumpeter oder

Keynes, oder gar alle vier nicht schon immer die

richtigen Antworten gegeben haben auf etwas,

das weder der wissenschaftliche Mainstream

noch die herrschende politische Klasse zur

Kenntnis zu nehmen bereit war: Die Stabilität

von Ökonomie und Gesellschaft ist immer nur

ein transitorischer Zustand. Immer wieder muss

sich die gesellschaftliche und ökonomische

Organisation neu finden, neu legitimieren. Was

also sind die Treibsätze von Ökonomie und


Das Auf und Ab der Finanz- und Gütermärkte

Gesellschaft? Und vor allem: Was bedeuten

sie für den Erkenntnisgang?

Minsky wird nachgesagt, er führe konsequent

das fort, was Marx im dritten Band

des „Kapital“ angelegt hat: die Rolle von Geld

und Kredit im Prozess der kapitalistischen

Akkumulation. Einige Fundstellen haben wir

bereits genannt. Andere, die den Blick von

Marx auf eine kreditfinanzierte Ausweitung

der Produktion charakterisieren, mögen noch

hinzukommen. Boomphasen, die das Angebot

und die Nachfrage nach Leihkapital ausweiten,

bringen Aktionen hervor, die Geschäfte auf

Kredit finanzieren. Das passende Stichwort

sind Leverage-Effekte; bei Marx entpuppt

sich das Kreditwesen als „der Haupthebel

der Überproduktion“ (Marx 1894: 457). Die

Akteure in diesem Hebelgeschäft werden zu

„Kreditrittern“ (ebd.: 532). Der Charakter der

kreditfinanzierten Akkumulation ist genau wie

die Realakkumulation dialektischer Natur: Sie

forciert den „Reproduktionsprozess, der seiner

Natur nach elastisch ist, hier bis zur äußersten

Grenze“, läutet zugleich aber auch seinen

Niedergang ein. Der Kredit beschleunigt „die

gewaltsamen Ausbrüche dieses Widerspruchs,

die Krisen, und damit die Elemente der Auflösung

der alten Produktionsweise“ (ebd.: 457).

Die Dialektik von Prosperität und Krise

wird noch einmal deutlich, wenn wir Marx

sinngemäß mit den Worten zitieren, dass

Bank und Kredit die kräftigsten Mittel sind,

die kapitalistische Produktion über ihre eignen

Schranken hinauszutreiben (vgl. ebd. 620f.).

Der Gesamtprozess der Akkumulation, um

den es Marx hier geht, ist ohne Geld, ohne

Kredit und ohne Finanzkapital nicht vollständig.

Im Verlauf des dynamischen Auf und Ab

kommt es zu Krisen. Eine Finanzkrise kann

aber auch „Vorläufer“ einer allgemeinen Krise

sein, „schon gewendet, ehe diese losbricht“

(ebd.: 584). Auch wenn im Werk von Marx

der Begriff „Finanzkrise“ expressis verbis nicht

auftaucht, so werden ihre Bestandteile in ihren

analytischen Versatzstücken doch deutlich.

Gemeint sind die wert-, geld-, kapital- und

akkumulationstheoretischen Ausführungen

und Überlegungen zum tendenziellen Fall der

Profitrate. Gleichwohl bleibt als Erkenntnis

bestehen, dass der realökonomische Kern einer

59

Krise in der „Überproduktion von Kapital“

(ebd.: 261) besteht. Ebenso unstrittig ist es,

Minsky das Verdienst zuzuweisen, die endogenen

Kräfte einer Finanzkrise aus Rudimenten

herauszuarbeiten, die sich erstmals bei Marx

finden. Bei Keynes sind es die Spekulanten, die

gleichsam zu „Blasen“ auf dem steten Strom

der Unternehmen werden (Keynes 1973: 159).

Was Marx angedacht hat, Keynes in einige

Nebenbemerkungen hat einfließen lassen, ist

durch Minsky nunmehr ausformuliert worden.

Die Krisen nehmen bei Marx ihren Ausgangspunkt

auf der Aktivseite, für Minsky auf der

Passivseite einer gedachten Bilanz. 9 Was noch

zu klären wäre, ist sein Bild gesellschaftlicher

Dynamik, sein Geschichtsverständnis und

damit sein Blick auf die Moralität ökonomischer

Dynamik. Verfolgen Krisen einen Pfad,

den die Akteure zu gehen gezwungen werden,

um eine Stufenleiter höherer gesellschaftlicher

Entwicklung zu beschreiten, oder müssen sie

die Krisenerfahrungen immer wieder erneut

machen, ohne Aussicht auf durchgreifende

Läuterung?

Immerhin ist es ein merkwürdiges Phänomen,

das anlässlich der Wiederkehr von Marx

und Minsky, aber auch von Keynes, zu beobachten

ist: Was die drei eint und von Schumpeters

Sicht einer personifizierten Dynamik abhebt,

ist ihre Erkenntnis der Fragilität ökonomischer

Stabilität in einer kapitalistischen Welt, getrieben

vom Stachel der Konkurrenz hinter dem

Rücken des Unternehmers. Ihre analytischen

Werkzeuge sind die Widersprüche der kapitalistischen

Akkumulation, die Unsicherheit

und die Überzeugung, dass es keine ungestörte

Idylle des Tauschhandels in einer Welt geben

kann, zu deren Konstruktionsmerkmalen die

Akkumulation gehört. Akkumulation und Krise

gehören zusammen.

Es ist ein zutiefst moralisches Anliegen, das

darin zum Ausdruck kommt, ähnlich Adornos

Erkenntnis, dass es „kein richtiges Leben im

falschen“ geben könne. Bedeutet die Renaissance

von Marx, Keynes und Minsky nach

dem Abschied von der Entrepreneurökonomie

Schumpeters die Rückkehr der Moral in

die Ökonomie? Alle drei einigt die Tatsache,

dass sie gegenüber der Fortschrittsgewissheit

eine gewisse Skepsis hegen, wenn auch unter-


60 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

schiedlich geschichtsphilosophisch motiviert.

Die klassische ökonomische Theorie nahm

ihren Anfang in der Bestimmung der Preise,

abgeleitet aus der verausgabten Menge an

menschlicher Arbeit. Sie war zugleich auch

eine dynamische Theorie zur Analyse einer

wachsenden Wirtschaft, passend zu sich entwickelnden

Märkten in Zeiten kapitalistischer

Umwälzung. Ausgerechnet in Marx fand die

Analyse von Wachstumsprozessen, ausgelöst

durch die Fähigkeit menschlicher Arbeit zur

Wertbildung, ihren größten Bewunderer und

zugleich ihren schärfsten Kritiker. So liest sich

das von Marx und Engels verfasste „Manifest

der Kommunistischen Partei“ wie ein Hohelied

auf die kapitalistische Dynamik, die in einer

entfesselten Globalisierung ihren Ausdruck

findet (Marx/Engels 1890: 464-466). Marx

bleibt sich dennoch seiner Dialektik treu.

Wenn er auch gern als Visionär einer neuen,

klassenlosen Gesellschaft apostrophiert wird,

bleibt er doch ein Theoretiker der negativen

Dialektik. Sein Werk zielt auf eine Kritik der

politischen Ökonomie, gegründet auf die Historizität

kapitalistischer Produktion.

Auch Keynes war alles andere als bloß ein

Theoretiker der kurzen Frist, dem es nur darum

ging, Lösungen für drängende Probleme zu

finden, weil wir ja „langfristig alle tot“ (Keynes

1971a: 65) sind. Vielmehr bedürfe es eines

durch entschlossenes staatliches Handeln „klug

geleiteten Kapitalismus, der die wirtschaftlichen

Angelegenheiten besser erfüllen könne als irgend

ein anderes, vorläufig in Sicht befindliches

System“, heißt es in den Schlussbemerkungen

zum „Ende des Laissez-Faire“. Es waren diese

staatlichen „Agenda“, die Keynes dem politischen

System mit auf den Weg geben wollte,

um des eigenen Überlebens willen.

Und Minsky? Er erweist sich ganz als der

Verwalter des Keynesschen Erbes, als der er in

seiner Arbeit über Keynes angetreten war. In

den abschließenden Bemerkungen zu seiner

Schrift „Instabilität und Kapitalismus“ (Minsky

2011: 66) heißt es, die Politik in einer kapitalistischen

Volkswirtschaft müsse Grenzen und

Mängel des Kapitalismus erkennen, wenn sie

erfolgreich sein soll. Solange eine Wirtschaft

kapitalistisch sei, erweise sie sich als finanziell

instabil. Sie zu stabilisieren, erfordere ein

„Arsenal an politischen Instrumenten und

Zielvorgaben“ (ebd.: 136) und dies bedeutet

eine starke Zentralbank und ein entschlossenes

Handeln des budgetsouveränen Staates. Was

Marx umgetrieben hat, die Revolutionierung

der Produktionsverhältnisse, war nicht die

Sache Keynes‘ und Minskys und schon gar

nicht die von Schumpeter. Die oben zitierte

Metapher von Minsky, Keynes sei ebenso wenig

denkbar ohne Unsicherheit wie Hamlet ohne

den Prinzen, können wir genauso gut auf Marx

erweitern: Ohne seine geschichtliche Dialektik

wäre Marx nur die Hälfte vom Ganzen. Keynes

und Minsky sind daher Brüder im Geiste mit

ihrem Verwandten Marx, wenn es um die Skepsis

hinsichtlich der Stabilität eines sich selbst

überlassenen Akkumulationsprozesses geht.

Sie bleiben dem Kapitalismus aber treu, indem

sie, anders als Marx, keine Geschichtsvisionen

einer durch Krisen hervorschimmernden neuen

Gesellschaft haben, sondern ausschließlich an

die instrumentelle Vernunft eines Gemeinwesens

appellieren. Sie kommt in der Gestalt

einer „Agenda staatlichen Handelns“ wie bei

Keynes oder als „Big Government“ wie bei

Minsky daher. Sie ist aufgeklärte Wirtschafts-

und Geldpolitik, immer wieder dazu bereit,

ganz im paternalistischen Verständnis, die

Fehler eines ungehobelten „Raubeins“ namens

Marktwirtschaft für eine Weile zu korrigieren,

wohl wissend, dass es sich nie bessern, sondern

sich immer wieder zu Ausschweifungen mit

anschließenden Zusammenbrüchen hinreißen

lassen wird. Sisyphos lässt grüßen!

Minsky – der moderne Marx? Wenn sich

Modernität am Verlust der Geschichtlichkeit

misst, weil den modernen Zeiten bekanntlich

die Visionen abhanden gekommen sind, lässt

sich diese Frage wohl bejahen. Gleichwohl:

Moden ist nicht zu trauen. Sie ändern häufig

ihr Gewand und mit ihnen ändern sich die

Begriffe. Da erscheint es doch besser, Minsky

anders zu verorten. In der Berufswahl zwischen

Priester und Zahnarzt hätte sich Minsky, ganz

im Sinne von Keynes, wohl für den Dentisten

entschieden, Marx bliebe dann nur das Priesteramt

übrig. 10

Von Moral war die Rede. Ist von ihr am Ende

unserer Geschichte etwas übrig geblieben? Ja,

es gibt sie nach wie vor. Die Losung, die sich


Das Auf und Ab der Finanz- und Gütermärkte

von Marx über Keynes bis Minsky durchzieht,

ist diese: Zeiten der Krise sind immer Zeiten

der Einkehr, der Besinnung, der Katharsis.

Alle drei halten Botschaften bereit gegen die

Überheblichkeit des prosperierenden kapitalistischen

Alltags. Sie richten sich gegen eine

Fortschrittsgewissheit der ewig blühenden

Gesundheit kapitalistischen Lebens. Sie sind

Schriften gegen die voraufklärerische Vernunft

des individuellen Nutzenmaximierers, gegen

seine kurzsichtige Zweckrationalität. Sie lehren

Bescheidenheit. So wie es im „Evangelischen

Gesangbuch“ unter Nr. 518 heißt: „Mitten

wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“,

so gemahnen Wirtschafts- und Finanzkrisen

zur Demut statt zur Hochmut. Dies macht

verständlich, warum gerade in Krisen nicht

nur die Bibel, sondern auch Marx, Keynes

und Minsky gelesen werden – von Atheisten

wie von gläubigen Christen, von glühenden

Anhängern einer freien Marktwirtschaft wie

von überzeugten Sozialisten.

Anmerkungen

1 Mit den Worten von Marx: „Es ist […] die

Entwicklung des Kredit- und Banksystems, das

einerseits dahin treibt, alles Geldkapital in den

Dienst der Produktion zu pressen […] und das

andrerseits in einer gewissen Phase des Zyklus

die Metallreserve auf ein Minimum reduziert,

[…] es ist dies ausgebildete Kredit- und Banksystem,

das diese Überempfindlichkeit des ganzen

Organismus erzeugt.“ (Marx 1894: 587)

2 Eine erste umfassende Auseinandersetzung mit

der Ideenwelt der Neoklassik (in Keynes´ eigener

Diktion: Klassik) findet sich in seiner 1926

erschienenen Schrift „Das Ende des Laissez-Faire“.

3 Gemeint ist vor allem sein recht bekannt gewordenes

Werk: John Maynard Keynes, zuerst

erschienen 1975.

4 http://www.stern.de/wirtschaft/geld/finanzkriseder-weise-mr-minsky-596466.html

5 http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=

minsky%20moment%20google&source=

web&cd=11&ved=0CCIQtwIwADgK&url=

http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%

6 So die Einschätzung des Sachverständigenrates

zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen

Entwicklung in seinem Jahresgutachten 2008/09

(TZ 173) zur Charakterisierung der Finanzkrise.

7 Eine etymologische Bestimmung des Minsky-

Moments führt zur russischen Finanzkrise des

61

Jahres 1998, in der dieser Begriff als Neologismus

erstmals von Investmentanalysten in die Finanzmarktdebatte

eingeführt worden ist. Vgl. dazu im

Weiteren: Vercelli (2011).

8 Der Zusammenhang wird mit Blick auf die

Leverage-Gleichung deutlich. Die Eigenkapitalrendite

r EK ergibt sich als Summe aus der

Rendite des Gesamtkapitals r GK und der mit dem

Verschuldungsgrad (Verhältnis aus Fremdkapital

und Eigenkapital) multiplizierten Differenz aus

Gesamtkapitalrendite und Kreditzins. Die entsprechende

Leverage-Gleichung lautet mithin

r EK = r GK + (r GK -i)∙FK/EK. Die Rendite des Gesamtkapitals

ergibt sich aus dem Verhältnis von

Bruttogewinn zum Gesamtkapital. Zur formalen

Herleitung vgl. Perridon/Steiner 2009: 490.

9 Natürlich handelt es sich hier um ein stilisiertes

Bild, das keine Unterschiede zwischen Bestands-

und Stromgrößen macht. Unternehmensbilanzen

umfassen Bestandsgrößen, ein Return on Investment

aber ausschließlich Stromgrößen.

10 Die Metapher zielt auf Keynes, der das ökonomische

Problem gern in die Hand von praktischen,

bar aller Heilsbotschaften angesiedelten Spezialisten

– eben Zahnärzte – gelegt hätte. Vgl. dazu

Scherf (1986: 136 ff.).

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in: MEW, Bd. 13, Berlin 1975

Marx, K. (1890): Das Kapital. Erster Band, in: MEW,

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62 Detlev Ehrig, Uwe Staroske

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Herausgegeben und mit einer Vorbemerkung

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Hypothesis, in: Review of Political Economy, Vol.

23, No.1, S. 49-67

Vogl, J. (2011): Das Gespenst des Kapitals, 3. Aufl.,

Zürich


Berliner Debatte Initial 23 (2012) 3

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