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Holland-Spezial TöRN iNS WATT

Segelnder Holzschuh. die

„Bolleke“, eine acht-Meterplattbodenyacht,

die in Charter

läuft, auf dem iJsselmeer

18

YA c H T 9/2011

Altes neu

entdeckt

Seitenschwerter statt Festkiel. Nagelbank

statt Fallenstopper. Gaffel statt Lazyjacks.

Ein Dickschiffsegler hat sich als Plattbodenskipper

versucht – und eine faszinierende

Art auf Törn zu gehen erlebt. Reportage

Holland­Spezial

Törn ins Watt Mit einem gecharterten

Plattbodenschiff

hinaus zu den inseln . . . . . . . 18

Hohe Kunst Zu Besuch bei

einem der letzten Bootsbildhauer

der Niederlande . . . . . . 26

Revier-News Hafenprojekte,

Bootssteuer, Naturschutz – was

sich 2011 alles ändert . . . . . 30

Binnenfahrt Frieslands Kanäle

und Seen sind das perfekte Segelrevier.

Die Top­Spots . . . . 34

FoTo: M. AMME


Holland-Spezial TöRN iNS WATT

Auf dem Heeger Meer weht ein böiger

Wind. Fünf Windstärken aus West

pfeifen über den kleinen friesischen

See, graue Wolkenberge türmen sich über

dem Horizont auf. Ein Tonnenstrich weist

den Weg durch das flache Gewässer. Vereinzelte

Sonnenstrahlen bringen das lackierte

Holz an Deck zum Glänzen, den Mast, Blöcke

und Klampen, das Ruder, die Fußreling.

„Und, Hinnerk, was nun?“, brülle ich gegen

den Wind. Mit der Pinne zwischen den

Beinen halte ich „Bolleke“ auf Kurs. „Für die

Gaffel muss es hier doch irgendwo zwei Fallen

geben“, ruft der Mitsegler mit fragendem

Blick zurück und zieht probeweise an den

neben dem Mast belegten Tauen.

Bei der Einweisung zwei Stunden zuvor

war uns zwar das Klau- und das Piekfall erklärt

worden. Es wurde aber auch viel von

Reffbändseln, Belegnägeln, Schwertläufern

und einem Hackblock gesprochen. Seitdem

frage ich mich, ob es eine gute Idee war, ein

Plattbodenschiff zu chartern.

Gehört ein Boot mit Seitenschwertern,

Stagreitern, Klüverbaum und Reffkauschen

nicht besser in ein Museum? Ist ein Segelschiff

mit der Rumpfform einer Badewanne

und ganz ohne Kiel bei so viel Wind nicht

viel zu gefährlich? Kurz: Kann unsere „Bolleke“,

die die Innovationen der Segeltechnik

der letzten 100 Jahre konsequent zu ignorieren

scheint, überhaupt segeln?

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YA c H T 9/2011

Holzmast, Gaffel, Reihleine mit Rollen – wunderbar altmodisch

Schon bei der Planung waren wir skeptisch.

Doch es gab gute Gründe für diese Reise:

Die knuffigen Boote machten auf den

Bildern einen urgemütlichen Eindruck.

Auch der Reiz, etwas Neues auszuprobieren,

war groß, und Hinnerk Bodendieck, von Beruf

Maler, gefiel das Schiff als Motiv.

Ausschlaggebend aber war der Wunsch,

im Wattenmeer die flachen Prickenwege befahren

zu können. Und irgendwo abseits der

Fahrwasser auf dem Sand trockenfallen zu

können. Einmal das Knarzen und Bollern zu

hören, wenn sich das Wasser zurückzieht

und der Rumpf sich sein Bett in den Schlick

gräbt. Vom Cockpit aus zur Wattwanderung

aufbrechen zu können. Um uns herum nur

Meer, Sand, Himmel und Horizont.

Hinnerk wird schließlich fündig. Er reißt

an den Fallen, die geschwungene Gaffel

schlägt im Wind, das schwere, rote Segeltuch

gleitet den hölzernen Mast empor. „Wir sollten

lieber ein Reff einbinden“, schlage ich vor

und gehe in Gedanken den Ablauf durch:

Reffleine durchholen, Niederholer in Reffkausch

einpicken, Unterliek mit Reffbändseln

festbinden, Gaffel durchsetzen. Helfen

kann ich nicht, denn das Boot verlangt nach

einem Steuermann. Also muss Hinnerk wieder

alleine ran. Nach dem Reff im Großsegel

geht die Arbeit für ihn weiter: Klüverbaum

absenken, mit Wasserstag und Bugstagen

strammholen, Fock anschlagen und setzen

und zu guter Letzt das Schwert ablassen.

Die Schufterei macht Hinnerk sichtlich

Spaß, er schwitzt und strahlt. Bis er zurück in

der Plicht ist, vergeht fast eine halbe Stunde.

„So, jetzt mal abfallen“, sagt er dann mit gespanntem

Blick in die Segel. „Bolleke“, dieses

8,50 Meter kleine Plattbodenschiff vom Typ

Vollenhovense Bol, legt sich auf die Seite –

und segelt los. Wir holen die Fockschot dicht,

fahren die Großschot aus der Hand, gehen

Das Herz pocht, der Schweiß fließt. Trotz

Anstrengung macht die Decksarbeit Spaß

hoch an den Wind und sind begeistert. Wie

schnell diese kleine Wuchtbrumme ist, können

wir nur schätzen, eine Logge gibt es

nicht. „Bestimmt fünf Knoten“, meint Hinnerk

beim Anblick des vorbeirauschenden

Wassers und grinst zufrieden.

Der Probelauf auf dem Heeger Meer ist

kurz. Eine Handvoll Kreuzschläge, dann liegt

der Kanalabzweig Richtung IJsselmeer querab.

Der Klifrak, dieser flussartige Wasserweg,

ist einer von hunderten, die Holland durchziehen

und das Land für Wassersportler

FoToS: M. AMME

Winschen gibt es

nicht. die Segel

werden per Hand

durchgesetzt


Unweit der Fahrrinne sitzt das plattbodenschiff auf dem Trocknen. außerhalb der Schutzzonen hat man im Watt freie platzwahl

so attraktiv machen. Flache, grüne Felder

ziehen vorüber, Kuhweiden und Windkrafträder.

Bei der Ortschaft Workum passieren

wir Bootsanleger, Yachthäfen, Klappbrücken,

schmucke Häuser, eine Schiffswerft

und eine Schleuse. „Superhübsch“, findet

Hinnerk, „und alles ist so schön geschützt.

Hier muss ich unbedingt mal mit der Familie

segeln gehen.“

Auf dem IJsselmeer empfängt uns eine

kurze, ruppige Welle. „Bolleke“ stampft sich

fest. Zum Glück können wir noch vor der Ansteuerungstonne

W1 nach Norden abbiegen

und die sechs Seemeilen bis Makkum mit

halbem Wind segeln. Die am Nagelbrett belegten

Fallen kennen wir jetzt, das Reff ist

eingebunden, die Fock angeschlagen, der

Klüverbaum gesetzt. Dieses Mal geht alles

ganz schnell, zehn Minuten später tanzt

„Bolleke“ mit schwankendem Deck und

spritzender Gischt über die Wellen. Das

Schiffchen schiebt reichlich Lage, mir wird

mulmig: Kann ein Boot ohne Kiel nicht auch

einfach umkippen?

„Bisher hat das nur einer geschafft“, hatte

Martin Koekebakker vom Vercharterer

Heech by de Mar am Morgen erzählt, „aber

der fuhr bei 11 Windstärken immer noch un-

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YA c H T 9/2011

ter Vollzeug.“ Dabei herrscht ab 7 Windstärken

Auslaufverbot. Und für jedes Beaufort

darunter ist im Bordbuch die jeweils passende

Besegelung aufgeführt.

Das 29 Seiten starke Papier gibt es zur

Charter dazu, darin sind alle Besonderheiten

eines Plattbodenschiffes erklärt. „Viele unserer

Kunden haben schließlich nur Erfahrung

auf Kielyachten“, so Koekebakker.

„Doch die meisten sind nach einem Törn

schnell vom Plattboden-Virus infiziert.“ Für

die, die sich trotz Bedienungsanleitung alleine

nicht trauen, bietet der Vercharterer jedes

Jahr im April eine einwöchige Flottille an.

Unser Vertrauen in das 5,5 Tonnen

schwere Stahlschiff wächst allmählich mit

jeder Meile, Hinnerk steht bereits kurz vor

der erwähnten Viruserkrankung. „Super, wie

das Schiff segelt und wie großartig diese einfache

Technik funktioniert.“ Dennoch, die

Themen Wattsegeln und Trockenfallen sorgen

am Abend in Makkum auch an Bord der

„Bolleke“ für Ratlosigkeit.

Auf dem Herd dampft ein Topf mit Spaghetti,

die Gasheizung vertreibt die Feuchtigkeit

der tropfenden Segelkleidung, schnell

wird es in der Kajüte mollig warm und gemütlich.

Das dunkle Holz der Inneneinrichtung,

die Bullaugen, der schwere Salontisch

und die von der weiß vertäfelten Decke hängende

Öllampe verbreiten ein schiffiges Ambiente.

Auf der Salonbank liegen Seekarten

und Törnführer, dazu Tidenkalender, Stromatlas

und Wetterbericht. Je mehr wir uns in

die Zahlen und Fakten vertiefen, desto auswegloser

scheint die Planung.

Auf dem Weg zum Törnziel Ameland

muss man abseits der großen und tiefen

Priele auch über trockenfallende Stellen rut-

Das Wasser schwindet. Die Gedanken

schweifen umher. Stille macht sich breit

schen, die neun Seemeilen auseinander liegenden

Wattenhochs Kimstergat und ABT.

Um zu wissen, zu welcher Uhrzeit wie viel

Wasser über den Flachs steht, gilt es, viele

Faktoren zu berücksichtigen: Kartennull, die

Höhe des auf- oder ablaufenden Wassers zu

jeder Stunde, die Zeitverschiebung vom Be-

FoToS: M. AMME

zugsort zum Flach, dazu der geschätzte Einfluss

durch Wind und Wetter auf den Wasserstand.

„Alles viel zu riskant“, winke ich ab.

Auch, weil für die nächsten drei Tage Starkwind

aus West- bis Nordwest angesagt ist

und wir gegen den Wind zurückmüssten.

Vielleicht also besser Vlieland? Mit Hilfe

des Stromatlas, in dem für jede Stunde die

Strömungsrichtung und Stärke angezeigt

wird, mit der das Wasser durch das Wattenmeer

gedrückt wird, ist der ideale Zeitpunkt

für das Ausschleusen aus dem IJsselmeer

schnell gefunden: Hochwasser Harlingen.

Blöd nur, dass das morgens um 4 Uhr ist.

„In stockfinsterer Nacht bei 6 Windstärken

unbefeuerte Prickenwege zu befahren,

ist sicher keine gute Idee“, wendet Hinnerk

ein. Das Hochwasser um 17 Uhr ist dagegen

zu spät, um Vlieland noch bei Tageslicht zu

erreichen. „Kein Wunder, dass die Leute keine

Lust auf Wattsegeln habe“, stöhne ich.

„Für das Segeln auf dem Wattenmeer

gibt es nur zwei Regeln zu beachten“, hatte

Martin Koekebakker uns mit auf den Weg

gegeben: „Immer mit dem Strom fahren.

Und nie bei Hochwasser festfahren!“

Um 14.30 Uhr verlassen wir am Tag darauf

die Schleuse Kornwerderzand. Auf dem

Weg zum Verversgat verstoßen wir gegen

Regel Nummer eins. Eine gute Seemeile lang

geht es gegen Strom, Wind und Welle. Es

scheppert und kracht, salzige Gischt fliegt

bis ins Cockpit, der kleine Dreizylinder röhrt.

Wir schaffen nicht mehr als zwei Knoten

über Grund.

Doch das Gebolze ist Teil der Planung.

Noch vor Einbruch der Dunkelheit versuchen

wir, die kleine Naturschutzinsel Richel

TöRN iNS WATT Holland-Spezial

zu erreichen, die gleich neben der Ostspitze

Vlielands liegt, um uns davor für die Nacht

auf den Sand zu legen. „Es ist die einzige

Chance, heute überhaupt raus zu den Inseln

zu kommen“, hatte ich am Morgen erklärt.

Die Alternative hätte über den Küstenort

Harlingen und das Wattfahrwasser Blauer

Slenk geführt und zwei Tage gedauert. Dann

aber würde man einen Großteil der Strecke

mit dem Ebbstrom gegen starke Westwinde

fahren, „eine Konstellation, die man unter

allen Umständen vermeiden sollte“, wie Jan

Werner in seinem Revierführer schreibt.

Im Veversgat drückt uns das durch den

Texelstrom ins Wattenmeer einlaufende

Wasser nach Norden bis zum Abzweig in den

Zuidoostrak, unseren ersten Prickenweg. Eine

schmale, flache Wasserrinne und grün

lackierte Rundhölzer weisen den Weg. Genau

da, wo die Seekarte hellgrün wird und

das Watt bei Niedrigwasser trockenfällt, sind

keine Pricken mehr zu erkennen. Später dagegen

tauchen zwei an völlig unterschiedlichen

Stellen wieder auf. „Kein Problem“,

beruhigt Hinnerk, der mit dem eigenen Boot

schon viel im deutschen Wattenmeer unterwegs

war, „das ist beim Wattsegeln ganz normal.

Jetzt, kurz vor Hochwasser, ist hier sowieso

überall genug Wasser.“

„Beim Trockenfallen muss man ebenfalls

ein paar wichtige Dinge beachten“, hatte

uns Koekebakker erklärt. Am wichtigsten

seien die Auswahl eines geeigneten Platzes

und der richtige Zeitpunkt. „Die Stelle muss

vor Seegang geschützt sein und vor dem

Wellenschlag der Schifffahrt.“ Außerdem

darf sie nicht im Naturschutzgebiet liegen

oder in der Nähe von Gas- und Pipeline-

Unter deck

ist es uriggemütlich.

Bullaugen,

Öllampe,

geschwungeneHolzmöbel

und

-vertäfelungen

wirken

schiffig

So segelt man ein

Schiff ohne Kiel

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YA c H T 9/2011 23


Törn­infos

Das Revier Friesische Seen, das

iJsselmeer und Wattenmeer sorgen

für viel Abwechslung. Die

meisten Ziele liegen nah beieinander,

nur im Wattenmeer muss

auch mit Etappen um die 20

Seemeilen gerechnet werden.

Mit einem Plattbodenschiff können

die vielen Prickenwege befahren

werden. Auf diese Weise

sind alle niederländischen Nordseeinseln

zu erreichen, ohne

durch die Seegatten auf die offene

Nordsee zu müssen.

Anreise Mit dem Auto nach

Heeg entweder über Arnheim

und die A 50 oder über Groningen

und die A 7. Kostenlose

Parkplätze am Hafen. Der Flughafen

Amsterdam ist etwa

130 Kilometer entfernt.

Charter Die in Friesland ansässige

Firma Heech by de Mar betreibt

seit 33 Jahren einen char­

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ter­, Werft­ und Yachthafenbetrieb

in Heeg. im Programm sind

30 Plattbodenschiffe von 6,65

bis 14,50 Meter Länge. Eine

Vollenhovense Bol (8,50 Meter,

bis 6 Personen) kostet je nach

Saison 990 bis 1450 Euro (inkl.

Endreinigung). im Büro und an

der Basis wird deutsch gesprochen.

Buchung und info: www.

heechbydemar.nl, Telefon

0031/515/44 27 50.

Navigation & Seemannschaft

Die Binnengewässer und auch

das iJsselmeer sind für Anfänger

geeignet. im Wattenmeer und auf

den inseln bis zu 2,5 Meter Tidenhub.

Die Strömungen in den Prielen

erreichen 3,6 Knoten bei

Springtide, kommen extreme

Wetterbedingungen dazu, auch

mehr. Das Befahren erfordert

Kenntnisse in der Tidennavigation.

Die Betonnung in den

Makkum am ostufer

des iJsselmeers

ist letzte

Festlandstation

vor dem Sprung

hinaus zu den

inseln. am Hafenkanal

reihen sich

plattbodenschiffe

jeder Größe auf

Holzklampe und

nagelbank am

Mast. es dauert

ein wenig, bis

man den Überblick

über all die

Fallen, Strecker

und leinen hat

Hauptfahrwassern ist sehr gut,

Prickenwege dagegen geben

mitunter Rätsel auf.

Häfen & Ankerplätze Binnen

und auf dem iJsselmeer eine riesige

Auswahl an Häfen und Anlegestellen.

Die Nordseeinseln

haben jeweils eine Marina. Ameland

und Schiermonnikoog sind

nur für flachgehende Boote zu

erreichen. Liegeplatzpreise für

ein Zehn­Meter­Schiff zwischen

15 und 25 Euro, meist zuzüglich

Strom und Dusche. Explizit ausgewiesene

Ankerplätze gibt es

keine. Mit Plattbodenschiffen

kann man sich aber an vielen

Stellen im Watt und nahe der inselküsten

trockenfallen lassen.

Wind & Wetter in Holland ist fast

immer mit abwechslungsreichem

Wetter zu rechnen. ist es im Binnenland

wolkig, haben die Nordseeinseln

häufig Sonnenschein,

trassen, nicht in Muschelparzellen oder in

der Nähe von Buhnen. „Und man muss früh

genug trockenfallen, damit noch genug Wasser

abläuft, mindestens so viel, wie das Schiff

Tiefgang hat, aber spät genug, um beim

nächsten Hochwasser auch sicher wieder

freizukommen.“

So weit die Theorie. Wir erreichen das

kleine, abzweigende Fahrwasser hinter der

Insel Richel im letzten Licht der Dämmerung.

Knapp drei Stunden nach dem Hochwasser,

fast schon ein wenig spät, denn wir

haben Nipptide und damit geringere Gezeitenhöhen.

„Am besten, wir halten jetzt direkt auf

die Insel zu“, schlägt Hinnerk vor. Schon wieder

wird mir mulmig. Ohne Not und vorsätzlich

soll ich unser Boot auf Grund setzen?

Der Instinkt will mich davon abhalten, doch

der Verstand sagt: Das ist schon okay! Im

Schritttempo motoren wir über die Sandplatte,

bis es nicht mehr weitergeht. Ein kleiner,

kaum merklicher Ruck, dann sitzen wir

fest. „Nach dem Abendessen ist das Wasser

weg, dann können wir den Anker ausbringen

und schlafen gehen“, prophezeit Hin-

dort gibt es die meisten Sonnenstunden

der Niederlande.

Wind aus westlichen Richtungen

dominiert, im Frühjahr und Herbst

ist sowohl die Windstärke im

Schnitt höher als auch die

Starkwindhäufigkeit.

Literatur & Seekarten Revierführer:

„Holland 2“ (29,90 Euro)

für iJsselmeer und Binnengewässer

sowie „Nordseeküste 1“

(29,90 Euro) für inseln und Außenküste,

beide von Jan Werner,

Delius Klasing Verlag. Digitaler

DK­Sportbootkartensatz 23 (iJsselmeer

und Wattenmeer, 99,90

Euro) sowie amtliche holländische

Sportbootkarten, Serie

1810 (iJsselmeer) und 1811

(Wattenmeer und inseln), jeweils

25,90 Euro. Jährliche Neuauflage

etwa ab April. Erhältlich im

nautischen Buchhandel oder unter

www.delius­klasing.de/shop.

FoToS: M. AMME

nerk. In seinen leuchtenden Augen ist es zu

erkennen: Ihn hat der Virus voll erwischt.

In keinem Hafen der Welt schläft man so

ruhig wie auf einem trockenliegenden Plattbodenschiff.

Das ändert sich mit dem auflaufenden

Wasser in der Nacht, angekündigt

durch leises Plätschern an der Bordwand.

Halb schwimmend, halb festliegend, ist

schon bald nicht mehr an Schlaf zu denken.

Immer wieder dotzt der Rumpf sachte auf

den Sand. Erst als „Bolleke“ schwimmt und

im Schutz der Insel an ihrer Ankertrosse

zerrt, kehrt wieder Ruhe ein.

Bis zum Ende der Reise drei Tage später

werden wir noch auf Vlieland und Terschelling

gewesen sein. Wir werden mit rauschender

Fahrt die großen Priele durchsegelt

haben, den Vliestrom, das West Meep,

das Schuitengat. Wir werden herrliche Dünenlandschaften

gesehen und in den Yachthäfen

heiß geduscht haben, kilometerlang

über einsame Sandstrände spaziert sein und

in West-Terschelling den wuchtigen, sand-

Niemals bei Hochwasser festfahren! im

Watt sollte man einige Regeln beachten

steinfarbenen Leuchtturm aus dem Jahre

1594 besichtigt haben. In drei Tagen werden

wir auch endlich den richtigen Zeitpunkt

zum Ablassen der Seitenschwerter herausgefunden

haben und mit „Bolleke“ bei Sonnenschein

und mit gesetztem Klüver übers

IJsselmeer zurück nach Heeg gesegelt sein.

Der Höhepunkt der Reise aber kommt

am nächsten Morgen. Beim Frühstück fängt

es erneut an zu ruckeln. Der Himmel wird

blau, die Sonne kommt durch, an Deck wird

es warm. Mit der Müslischüssel in der Hand

schauen wir vom Cockpit aus dem Wasser

beim Abfließen zu. Silbermöwen kreisen in

der Luft, eine Robbe streckt neugierig ihren

Kopf aus dem Wasser. Im nahen Vliestrom

zieht eine Yacht vorbei. Wir genießen den

Frieden und die Stille.

TöRN iNS WATT Holland-Spezial

Erst in Gummistiefeln, dann barfuß klettern

wir die beiden Trittstufen am Ruderblatt

hinunter. Wir wandern umher, folgen dem

schwindenden Wasser bis an den Rand eines

Priels, bestaunen und betasten das Watt, den

harten Sand, die geschwungenen Bodenwellen,

die Muscheln, die Wattwürmer und das

Treibgut. Gehen zurück zum Boot, lesen,

trinken Kaffee, fotografieren, dösen.

Hinnerk packt seine Staffelei aus, stellt

sich ins Watt und malt: Traditionssegler am

Horizont. „Bolleke“ platt auf dem Watt. Die

leere Landschaft. Ich gehe spazieren, genieße

die Einsamkeit, lausche dem Kreischen

der Möwen und spüre die warme Sonne im

Gesicht. Und bin mir sicher: Jetzt hat er auch

mich erwischt, der Plattboden-Virus.

Michael Amme

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