profil - Christa Zöchling - 31. 8. 2009 - Gerechtigkeit für die Opfer der ...

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profil - Christa Zöchling - 31. 8. 2009 - Gerechtigkeit für die Opfer der ...

llingerirhteterDeseileur 1945lur lbs(hre(lung wurden Fahnenlädtiseöffentliö se[enHZur AusstellunglJnter dem lltel ,,Was damalsRecht war ..." dokumentiertdie Ausstellung Fallgeschichtenvon Deserteuren, die zumTode oder zu Gefängnisstrafenverurteilt wurden, die Richteqdie sie verhängten, ihreRechtsnormen und ihre Verfahrenspraxis,die Geschichteder Militärjustiz sowie daslange Ringen um gesellschaftlicheAnerkennung.Gezeigt wird sie vom 2. Septemberbis 15. 0ktober 2009im,,Theater Nestroyhof ",Nestroyplatz 1, 1020 Wien.m deutschen Bundestag wurden vergangene Woche Deserteureder Deutschen Wehrmacht offiziell rehabilitiert.In Österreich ist eine solche Würdigung bisher nicht erfolgt.Seit 2005 gilt zwar das so genannte ,,Aufhebungsgesetz",mit dem die Urteile der NS-Militärjustiz für nullund nichtig erklärt wurden, doch die Deserteure wurdendarin nicht einmal erwähnt. Noch immer wird ihr Tirn und Handelnvon Teilen der Gesellschaft und Politik geächtet (,,Kameradenmörder").Gern wird auch eingewandt, es sei zu prüfen,ob ein Deserteur aus politischer Uberzeugung oder bloß aus,,Feigheit" desertiert sei. Eleonore Schönborn, die Mutter desWiener Kardinals, berichtet, gewisse Leute hätten nicht mehrgegrüßt, als sich herumsprach, dass ihr Mann desertierr war.Die von profil recherchierten Fälle zeigen vor allem eines:Wären Deserteure ,,feige" gewesen, wären sie geblieben. Ihrellberlebenschance war nicht groß. IJnd jeder von ihnen kämpftesein Leben lang mit seinen traumatischen Erinnerungen.Eine Ausstellung in Wien dokumentiert die Verbrechen derNS-Justiz gegenüber Fahnenflüchtigen und,,Wehrkraftzersetzern".Rund 15.000 Deserteure wurden imZweitenWeltlrieezum Tode verurteilt, darunter rund 1400 Österreicher. Dazukommen tausende Haftstrafen und Versetzungen in ein Strafbataillon,was häufig ebenso den Tod bedeutete.Formal wurden die Gesetze der NS-Justiz in Österreich schonin den ersten Monaten nach der Be&eiung 1945 aufgehoben.Doch die Behörden waren isnorant oder wussren nichts davonund die Betroffenen schon grr nicht. Der Dichter H. C. Artmann etwa wurdeals Briefiräger bei der Post 1946 als ,,vorbesrraft" abgelehnt. Der SchauspielerFritz Muliar musste ftir seinen Opferftirsorgeantrag Anfang der ftinfziger JahreZets,gen und Anwälte aufbieten.Währenddessen machten ehemalige NS-Militärrichter Karriere. Der frühereJustizminister Otto Tschadek (SPO) etwa war vierJahre lang Militärrichteram Marinegericht in Kiel. Nach eigenen Angaben war er um Milde bemüht.Bis 2005 wurden einem Deserteur die Zeiten der Haft für die Pension nichtangerechlet, im Gegensatz zu ehemaligen SSlern. Dass dies geändert wurde,ist vor allem dem Ehrenobmann des Vereins Gerechtigkeit für die Opfer derMilitär;'ustiz, Richard Wadani, zu verdanken, der in den vergangenen Jahrenunermüdlich fiir das Anliegen der Deserteure warb. In der Zeirung des EU-Abgeordneten Andreas Mölzer ,,Zrr Zeit" wird er als ,,Deserteurskapo" diffamiert.DieandeleSeiteZeitgexhirhte.Selie leil 6,0sterekhs uelgeseneHelden. profil hat diel(riegsgexhirhte prominentelDeseileute und,,Wehlktaftzersetze/'lechelrhieil.Uon ftrista Zörhlingp'ffiun,ltlil


Flitz l*fulial,Srhauspiele t, 1919 -2009DtittMuliar hat noch kurz vorI'seinem Tod im Mai diesesJahresdie Deserteursausstelluns nachIGäften unterstürzr und [ehofft, dasThema würde gesellschaftsflihig.Muliar war kein Deserreur im juristischenSinn. Er stand wesen,.Wehrkraftzerserzung" vor Gericht.In seiner Kindheit in Wien warendie politischen Fronten noch querdurch die Familie gegangen. SeineMutter war eine überzeuete Sozialdemokratin,die 1924 einen russischenJudenheiratete, was dazuführte, dass Muliar den jüdischenReligionsunterricht besuchte. Seinleiblicher Vater, ein Offizieq der sichallerdings kaum um den Sohn kümmerte,und dessen Verwandtschaft*yd.:tr später begeisterte Nationalsozla11sten.1938 musste Muliar seinen eeliebtenSrieÄiater verabschieden, Jer indie USA emigrierte.Im ersten Kriegsjahr retteten denangehenden Schauspieler diverseEngagements vor dem Einrücken,doch am 20. August 1940 wurdeauch Muliar eingezogen und kamzur Ausbildung in den Fliegerhorstnach Fels am Wagram, zu einerKraftfahrerkompanie. Er war 21Jahre alt und schlug sich ganz gut alsOffiziersdiener durch, als,,Pfeifendeckel",wie die Wiener sagten.,,Der Schwejk", der sich mit Listund Witz vor dem Kriesseinsatz zudrücken sucht und dessen Rolle soäterMuliars Ruf als Volksschausoielerbegründete, habe sich damals sihonangekündigt, schreibt Fritz Muliarin seinen Memoiren.Muliars Einheit wurde im Herbst1940 nach Auxerre ins besetzteFrankreich verlegt. Muliar wurdebald in die Propagandakompanie gestecktund arbeitete beim deutschenSoldatensender in Paris, verliebtesich in ein jüdisches Mädchen, dasihren Davidstern versteckt unterdem Mantel trug, stahl bei Gelegenheitein paar Passierscheine undbrachte sie über die Grenze in dendamals noch unbesetzten Teil Frankreichs.Das sprach sich herum, undes kamen auch andere, die seine Hilfesuchten. ,,Irgendwie habe ich esals meine Pflicht empfunden, weilich schließlich die Möglichkeit hatte",sagte Muliar später. Es tat es allein,anvertrauen konnte er sich niemandem.Doch mit Witzen überden Führer und seiner Verachtuneftir die Narionalsozialisten hielt eisich nicht zurück. Er wurde von einemKameraden angezeigt und kamvor das Feldgericht der 10. Fliegerdivision.,,Zersetztng der Wehrkraft",lautete die Anklage. Laut Bescheidder Opferfürsorge, um die ernach dem Krieg ansuchte, hatte ersich der,,Führerbeleidigung, Verächdichmachungdes NS-Regimes"und ,,Aufhetzung der Kameraden"schuldig gemacht.Das Ersturteil lief noch glimpflichab, vier Monate Haft, doch dannwurde Revision beantragt, und nunstand die Todesstrafe im Raum. Der22 -J ährige verfasste ein Testament,die Familie bat den Nazi-Vater umHilfe, der die Strafe jedoch für gerechthielt. Muliar bekam fünfJahre,wurde in das berüchtigte Moorlagernach El mshorn geschickr, zeirweiseztr Zwangsarbeit bei IG-Farben abkommandiert,wo er so sehr untergiftigen Schwefeldämpfen litt, dassdie Mutter bei einem Besuch zurLrbe.zengong kam, der Sohn werdedas nicht überleben. Muliar stellteein Gesuch auf Frontbewährune undgelangte, schon halb verhungeri undkrank, nach Russland. ,,Wir Strafsoldatenwurden elend behandelt. Mansetzte uns zwischen den Linien fürungeheuer gefährliche Arbeiten ein.Wir waren durch Durchfälle undBauchkrämpfe so fertig, dass anFluchtnicht zu denken war", erzählteMuliar später. Einmal war er soverzweifelt, dass er in ein Minenfeldlief, um allem ein Ende zu setzen.In den letzten Kriegsmonaten,Muliar war mirderweile in einemSturmregiment der Fallschirmjägerin Italien, wurde er einem Exekutionskommandodes Feldgerichts zugeteiltund sollte einen Deserteurerschießen. Er hat sich geweigert.


Hans Lebeil,Sfiliftsteller, 1 91 9-1 993Tl.rTäg der Machrübernahme derLt Nationalsozialisten in Osterreich,.,als sich Wien plötzlich in eine mieseProvinzstadt verwandelt hat, in der nurnoch der Pöbel aufden Straßen war",sei der traurigste Täg seines Lebens gewesen,sagte Lebert nach dem Krieg. Erwusste nur eines: ..Da mache ich nichtmit."Der Sohn eines Fabrikanten, verarmtdurch den frühen Tod des Vaters, hattesich zum Opernsänger ausbiiden lassenund konnte das erste Kriegsjahr mitkleinen Engagements übertauchen.1941 bekam der damals 22-Jährigeeinen Einberufungsbefehl zur Wehrmacht,den er jedoch ignorierte. Dashatte Folgen. Lebert wurde wegen,,Wehrkraftzersetzung" angeklagt. Währendder Untersuchungshaft reifte inihm die Idee, sich einer drohenden Versetzungin ein Strafbataillon oder nochSchlimmerem durch eine vorgetäuschteGeisteskrankheit zu entziehen, und erfandein,,amerikanisches Giftgassyrrdikatzur Ausrottung wehrfähiger deutscherjunger Männer". Aus der Zelleschrieb er Anzeigen an den Staatsanwalt.,,Ich hab denen mit größter Akribiemitgeteilt, wie die Nacht fiir Nachtin mein Zimmer das Giftgas hereinlassen,und eine ganze Liste von Namen,die an diesem Giftgassymdikat beteiligtsind, unter anderem meinen eigenenVerteidiger, den Theaterdirektor undnoch ediche", erzählte Lebert 1992 ineinem Interview. Auch weigerte er sich,seinen schwarzen Gummimantel abzulegen,selbst bei wärmsten Temperaturen.Die NS-Behörden verhörten daraufhintatsächlich seinen Verteidiger, umder Sache aufden Grund zu gehen, undwiesen Lebert schießlich in eine Anstaltfür Geisteskranke ein. Auf Berreibenseiner Mutter kam Lebert in eine privateKlinik, da schon Gerüchteumgingen,dass Geisteskranke ermordet wurden.Lebert wurde jedoch bald wieder entlassenund vor Gericht gestellt. Er gabeine bühnenreife Vorstellung. Mit irremGekicher näherte er sich dem Richter,setzte eine arrogante Miene auf unddonnerte in den Saal, ,,dass sich dieserGerichtshof nicht aus staadichen Gerichtspersonenzusammensetzt, sondernvielmehr aus einer Bande schlechter Komödianten,die mir im Aufuag des amerikanischenGiftgassyndikats eine dermir schon sattsam bekannten Komödienvorspielen soll und daher keinerlei Beachtungbedarf'. Mit ,,Heil Hitler!"setzte er sich wieder an seinen Platz.EinJahr später erhielt Lebert seinAusmusterungsschreiben. Damals lebteer schon unbehelligt im Jagdhaus seinesOnkels Alban Berg im steirischen Tiahütten,nahm Kontakt aufzu österreichischenPartisanen, die sich im Koralmgebietversteckt hielten, versorgtesie mit Nachrichten und warnte vor anrückendenSS-Banden.Von Alban Berg zum Schreiben ermutigt,veröffendichte Lebert nach dem,,Da mache ith nitht mit"Krieg, 1960, seinen Debütroman ,,DieWolfshaut". In der Geschichte geht esum ein österreichisches Dorf namensSchweigen, in dem Zwangsarbeiter ermordetwurden und die beteiligten Einwohnerohne Gewissensbisse weiterleben.Nur jene, die Skrupel hatten, zerbrechendaran. ..Die Woifshaut" - ftirrLiteraturnobelpreisträ gerin ElfriedeJelinek,,eines der größten Leseerlebnisseihres Lebens" - fand in Österreichzuerst keinen Verlag und wurde inDeutschland herausgebracht. Auch Lebertszweiter Roman zu dieser Thematik,,,Der Feuerkreis" (1971), wurde vehementangefeindet. Erst in den vergangenenJahren wurde Leberts literarischeLeistung allseits gewürdigt.


Hugo-Damian Sthönbotn,lfaler, 1915-1979IfaFamilie im Jahrls der letzte Schmuck der einst begüterten1950 nach der Vertreibungaus der Gchechoslowakei endgriltig verbrauchtwar und sich Eleonore Schönborn bei einer Firmain Bludenz als Fremdsprachensekretärin bewarb,waren es nicht nur ihre Herkunft und ihrschönes Prager Deutsch, was sie von anderenunterschied. Dass ihr Mann Hugo-Damian seineoffene Tirberkulose in Davos auskurierte und dasGerücht umging, er sei ein Wehrmachtsdeserteur,machte die Sache nicht leichter. ,,Es wärnicht so schlimm. Bestimmte Leute im Ort habenuns nicht gegrüßt", sagt die heute 89-jährigeMutter des Wiener Kardinals Christoph Schönborn.Es muss eine Art von ,,amour fout' gewesensein, ganz unüblich in diesen Kreisen. Mitten imKfieg, 1942, hatte diejunge Eleonore, Freiinvon Doblhoff, bei einer Cocktailparty in Pragden deutschen Wehrmachtssoldaten Hugo GrafSchönborn kennen gelernt, der sie tags daraufbesuchte und schon beim dritten Zusammenseinfragte, ob sie ihn heiraten wolle. Und sie sagteJa. ,,Die Eltern waren entsetzt, die haben gesagt,so was macht man nicht", erinnerte sich EleonoreSchönborn in einem ORF-Radio-InterviewimJuni 2009. Kurz danach musste SchönbornChristoph und Eleonore Schönborn,,Bestimmte leute im ort haben uns nicht gegrüßt",,Weil meine Familiengeschichtedamit uu tun hat, die ,lithligeSeite'zu wählen, tlotz alletPlobleme und Flagen"wieder an die Front, diesmal nach Russland, alseinfacher Gefreiter, der sich beharrlich weigerte,Offizter der Wehrmacht zu werden, wie- es seinemStand entsprochen hätte.Die junge Ehefrau lebte von da an auf demSchloss ihres Mannes bei Leitmaritz, nordwestlichvon Prag, ,,nicht sehr schön, nicht sehr einladend,sehr kalt". In den letzten Kriegswochenbrachte sie ihren zweiten Sohn Christoph zurWelt. Im Mai 1945 wtrden sie vertrieben. EleonoreSchönborn, deren Vater die österreichischeStaatsbürgerschaft besaß, flüchtete mit den Kindernnach Graz, wo sie bei Freunden unterkam.Dort traf sie eineinhalb Jahre später ihren Mannwieder.Hugo-Damian Schönborn war desertiert undhatte sich der britischen Armee angeschlossen,unter der Bedingung, dass er nicht mit der Waffein der Hand gegen seine ehemaligen Kameradenkdmpfen müsse und als Dolmetscher beschäftigtwerde. ,,Ich war nicht überrascht", erzähltEleonore Schönborn. ,,Vom Täg unsererFleirat an hat mein Mann mir gesagt, dass er diestun werde, wenn die Chance sich ergäbe, eineenglische Tiuppe zu finden. Die Gründe ftir dieseHaltung habe ich mit ihm geteilt: Wir warenschon damals überzeugt, dass Hitler ein Verbrecherwar und dass es richtig sei und dass es dasGewissen gebiete, möglichst wenig für diesenKrieg zu tun. Hugo wollte deshalb auch niedeutscher Offrzier werden. Er hat als Gefreiterin Stalingrad gekämpft, wurde verwundet undmit dem letzten Flugzeug ausgeflogen. Wie soviele, die in Stalingrad gewesen sind, blieb beiihm als beherrschendes GeftiLhl zurück, dass dieserKrieg nicht nur sinnlos und verloren, sondernverbrecherisch sei. Er war in der sudetendeutschen,deutschnational gestimmten Gesellschaftmit solchen Ansichten ein Außenseiter. ImOktober 1944 ist mein Mann in Belgien zusammenmit einem Flamen zu den Engländern überselaufen."Kardinal Schönborn hat nun den Ehrenschutzfür die Ausstellung über Wehrmachtsdeserteureübernommen:,,Weil meine Familiengeschichtedamit zu tun hat, die ,richtige Seite' zu wählen,trotz aller Probleme und Fragen." Er wolle ,,denOpfern von damals Ehrfurcht erweisen. Es mussklar sein, dass dieser Krieg mit all seinen Begleiterscheinungennichts mit Verteidigung zutun hatte. Es war ein sinnloses Geschehen", ließer profil in einer Steilungnahme übermitteln.

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