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Das Wesendes AntisemitismusvonDr. Heinrich Graf Coudenhove.Motto:Justitia praecipit parcere omnibus»consulere geaeti hominum^suum cuique redderct sacra»publica, aliena non tangere.Cicero. De Republ. iii. 12./JBerlinVerlag von S.Calvary & Co,i90i*


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VS


DortHenoch*endlich taocht der hcissersehntc BrunnenMit seinem "Wasser,seinem PalmenschmucfcAm Rand der fahlen, gfelben Wüste aoflDort wollen ruhen wir, die Reiter und Kameele,Von schweren Mühen aus der Tagesgluth.So riefbeglückt mein Beduinenführer,Der mich im glücklichen ArabienAuf einem Ritt von Sanaa nach Mareb,Der Ruinenstadt von Saba's Königin,Ein kundig treuerFreund, begleitete»Dort gibt es Wasser, frisches, sprudelndes.Erquickung uns und unseren Kameelen,Und dichten Schatten unter Palmenbäumen,Die uns auch süsseFrüchte labend bieten.Ein guter, segensreicher Quell ist dort;Geweiht ist er dem Idris, dem Propheten,Dem grossen Urahn vorsündflutlicherVon ihm, so hört ich neulich in Sana'a^Zeiten*Spricht auch der Koran, Gottes heil'ges "Wort,Und unser Herr Mohammed, über welchen Friede,Nennt Mann der "Wahrheit, Gottgesandten ihnUnd lobet in der Sure AmbiyäIhn und Arabiens Vater IsmaelOb ihrer gottvertrauenden Geduld.


— 6 —Er war auch, wie «ns AI-Baizäwi meldet.Ein Enkel Seth's, ein Urahn Vater Noe's,Sein Name kommt von Dars, was Lehren heisst,Denn hohes "Wissen göttlicher MysterienUnd dreissig Theile «nsrer heiPgfen SchriftenVertraut ihm Allah an,der höchste Gott.Er war der Erste, der die Schrift erfand;Der Ahnherr ist er jeder Wissenschaft.Ich weiss es wohl, sprach ich, es ist derselbe.Den Christen Henoch nennen, sowie Juden,Von dem das erste Buch des Moses sagt,Dass er so gut, so fromm, so lieb gewesen,Dass Gott lebendig ihn zu sich genommen.Damit den bitt'ren Tod er nimmer koste*So ist es, sprach der braune Beduine*Dies sagt Djarir auch, nennt ihn Freund der Engel,Des Todesengels selbst, der drum ihn niemalsBerühren wollte mit der eisigenFaust*Dies ist sein Brunnen; sicher ist es hier.Kein Räuber stört an diesem heil'gen OrteDes Lagers Ruhe, friedlich zieht der Wand'rerAuf diesem Wege hin mit Hab und Gut.Hier lagern oftmalsVertraut zusammen, und dieChristen, Juden, MuslimsLeute sagen,Dass sie bei diesem Brunnen friedlich fühlen.Als wären Alle Kinder einesUnd tiefGlaubensim Herzen umgewandelt worden*Auch andere Kunde gibt's; sehr fromme MuslimsErfüllt mit Grausen grade dieser Ort,Gespenster, sagt man, tretenSie füllen laut die Luft mit "Wehgeheul,Nachts zum Brunnen,Bis sie ein grosser, alter Mann verscheucht.


— 7 —An dessen Hand ein Ring diamanten leuchtet,Mit solchem Lichte, dass einmal ein Frommer,Der viel Ungfläubigfe erschlug im heil'gen Kriege,Sofort erblindete, als er ihn schaute."Wir sind in Gottes Hand, sprach ich, er halteFern weg von uns 6ic Kämpfer heiliger Kriege jMit den Gespenstern woll'n wir fertig werden«Wir waren bald zur Stelle; die Kameele,Die lange schon das frische Wasser witterndDie Hälse hoben und die Ohren senkten.Mit halb geschlossenen träumerischen AugenDen trägen müden Schritt beschleunigt hatten.Brachten uns trabend fast zum WüstenbrunnenUnd tauchten ihre trockenen, dürren LippenVor Wonne schnaufend in das frische Nass.Omar, der Führer, löst 6ic SattelgurteUnd schlägt das Zelt auf, zündet Feuer anUnd bringt geschäftig Futter den Kameelen*Fern an dem Rand des weiten HorizontesSenkt sichder glühend rothe SonnenballSchwerfällig langsam in sein täglich Grab,Entzündend alle Sterne und alle Bergesgipfel,Die fern sich hinziehen an dem Wüstensaume»Nun aber bring uns schnell das Abendmahl,Sprach ich zu Omar, meinem schlanken Führer,Auch dich plagt sicher Hunger, MüdigkeitUnd es ist Zeit, dass wir zur Ruhe gehen.Verzeih, o Sähib, spricht Omar, der Führer,Und zeigt mir mit dem braunen, sehnigen ArmeDie letzte Spur der untergehenden Sonne,Gebetszeit ist's des Abends, Gott dem HerrnGehören wir in dieser Feierstunde,


I— 8 —Erst ihm, dann uns und «ns'fcn kleinen SorgenSonst zürnt Idris, der Herr dieses Gebietes —Und heute gar, denn wir vergassen gänzlich,Dass es die heilige Nacht Al-Kadr ist,„Die Nacht, die mondlos strahlt von eigenem Lichte,Die Nacht, die besser ist als tausend Monde,In welcher Allah seine Engel sendetUnd selige Geister, die nur Gutes bringen;Die Nacht der Macht auf derder Friede ruhtBis zu dem ersten Strahl der Morgenröthe",Wie uns der Koran lehrt, das Gotteswort,So sprach Omar und wandte sich nach NordenGen Mekka hin, der heiligsten der Städte,Und betet fromm zum Herrn der beiden WeltenDie Suren Fatha und Ichläss genannt.Dann macht er willig an die Arbeit sichUnd schafft das Mahl, das Beide uns erquickt*So wird es Nacht; hell strahlen alle Sterne,Giessen ihrLicht auf weite Ebenen,Erleuchtend hell die Zacken der Gebirge»Ausruhend von des langen Tages Müh'nLiegen am Boden schlafend die Kameele,Die Augen zuf auf ihren breiten Schwielen.Sie röcheln leise, ausgestreckt die Hälse,Die Wüstensegler dieser sandigen Meere IIm Sternenglanze schlafen, stille träumend.Ein Bund von Palmen, dieder Zephir wiegt,Sie haben treulich ihren Dienst gethan.Indem den Quell sievor der Sonne schützten.Bewachend seine Frische, seine Kühle.Mich floh der Schlaf, dem Omar schon verfallen.Gehüllt in seinem Beduinenmantel


— 9 —Hat et zur Seite mir sich hingestreckt;Ef schlief bereits; ich aber blieb im Wachen.Denn immer kam mir Henoch ins Gedächtnis^Den Gott so liebte^ dass er ihm ersparteDes Todes Qual, die Angst und Noth des Sterbens.Ot könnten wir doch alle sein wie Henoch!Wie er so gut, so fromm, so liebenswürdig.Doch wie, dacht' ich, erstieg er solche Höh'n?Er war kein Christ, kein Jud, kein Muselmann,War ungetauft und wohl auch nicht beschnitten;Er kannte weder Sonntag, Sabbath, Ostern,Den Ramazan auch nicht, keinen Versöhnungstag,Für ihn hatt* nie der Sinai gedonnert.Nie hatt' er Kunde von der Nacht Al-KadrUnd ward doch heilig, wie, durch welche Macht?So grübelnd lag ich da im tiefen SinnenUnd schier erdrückend ward es mir im Zelte;Ich trat heraus ins unbegrenzte FreieZu stärken mich am frischen Hauch des Abends!O schöne, unvergesslich grosse Nacht,Sinnbildder Ruhe und der Seligkeit,Des ausgelöschten Willens Ausdruck Du!Wie führ ich eins mein Selbst mit der Natur.Kein ich, kein du, kein sie mehr, keine Vielheit,Hier athmet nur dasBrahm, das Seiende,Das Atman heisst, in unserer eig'nen Seele.Jetzt erst begreif' ich was einst Moses schrieb:Gott blies in uns den Odem ein des Lebens,Dein ew'ges Atman. O Untheilbarer!So zitterte es auf in meiner SeeleUnd ganz verloren in GedankenfülleStreckt' ich mich nieder auf die Satteldecke


— JO —Und lehnt' das Haupt am Sattel des Kameeles^Der vor dem Zelte hingeworfen lag«Nichts sah ich mehr als die endlose Eb'neGebadet in der hellen Sterne Glanz,Den Brunnen mit den Palmen, die KameeleUnd fern im "Westen Sanäa's Bergesgfipfel.Da zuckt' ich auf! wär's möglich, seh' ich recht,Ein menschlich "Wesen hier in dieser Oede?Ein tiefgebeugtes Weib, das auf den Stab sich stützt,"Wankt zu dem Brunnen, knieet bei ihm niederUnd taucht die hohle Hand in seine Fluthen.Sie hat das Haar verhüllt mit einem Tuche,Hohl glänzen thränenlos ihr beide Augen,Das Antlitz ist durchfurcht vom tiefsten Grame,Die edlen schönen Züge gleichen Marmor,Sie trägt die Kleidung der arabischen Jüdin.Ein Geist ist's, dacht' ich bebend, was sucht hierIn dieser nächt'gen Stunde Juda's Tochter?Ist auferstanden sie aus ihrem Grabe?Treibt sie Gewissensangst in diese Wildnis?So blickt' ich mit dem Ausdruck des EntsetzensAuf dieses Weib mit den verstörten Zügen,Die nun die Arme hoch gen Himmel hob.In Jammertönen laut zu klagen anfing:O Vater Henoch, hier an Deinem BrunnenBin fliehend ich, erschöpft dahingesunkenUnd fleh' zu Dir, Du Ahnherr meines "Vaters,Des heil'gen Sem, dess' Samen Gott gesegnet*Gib Rettung mir in meiner HerzensnothlVon allen Seiten drängen mich die Feinde,Sie trachten tückisch mir nach meinem LebenUnd hetzen mich Verlass'ne, Jammernde


— n —Von Land zu Land, durch Wüsten, über BergeUnd ohne Rast und Ruhe muss ich wandern!Ich kann nicht mehr; zur Last wird mir das Leben,Das gräuliche, das mich zu Boden drückt»Im Grabe ruht der Gatte, längst verwitwetBlieb ich allein zurück in seinem Reiche.Zwei liebe Kinder raubten mir die Feinde,Zugleich mit Haus und Herd und allerHabe.Nie werd' ich je ihr liebes Antlitz schauen.Nie meines Gatten grossesReich mehr sehen,Meines Gebieters, der mein Alles war.Dem Alles ich geopfert, selbst den Glauben,Den Sem, mein Vater, durch die UeberlieferungVon Dir, o Henoch, dereinst übernommen!Dir Heiliger ist dies Gebiet geweiht:Zu Dir, o Ahnherr, naht sich Deine TochterUnd fleht zu Dir um gnädige Erlösung.Doch vorher, wenn es möglich ist, um Rache!So redend rang das Weib die beiden HändeUnd liess sie langsam sinken auf den Schoss.Sie senkt das Haupt und schüttelt es und starret.Ein Bild des Jammers, in die Nacht hinein.In diesem Augenblicke hört' ich deutlich.Wie eine Hyäne nah' beim Zelte lachte.Die in dem Sande scharrend faule LeichenAuf diesem Karawanenweg getroffen.Ein Schallen war's wie Lachen von Dämonen,Wenn sie sich weiden an der Menschheit Schmerz.Noch hatt' ich keine Zeit um mich zu fassen.Als ich zwei Männer sah, die von verschiedenen SeitenGeradeaus auf jenen Brunnen eilten.Wo Hände ringend sass das müde Weib.


— 42 —Sic kommen nah und nähef ihrund eilendSind sie schon da; ich schatic klar ihr AntlitzUnd das des "Weibes^ welche Aehnlichkeit!Da rief der Eine, dessen breite BrustEin golden Kreuz trug, einen Helm das Haupt:Hier die Verworfne, mir so oft entkommen,Sie die Vergfift'rin meines ganzen Lebens,Die meinen Kindern nachstellt,Unheil streutAuf mich sowie auf alles, was ich liebe.Jetzt hab* ichVerfluchte Hexe,Dich, nun, mir entgehst Du nimmer.Unheil meiner Tage,Du Fluch und Sorge meines ganzen Daseins!Der andre Mann war näher auch getreten;Viel jünger blickt er, auf dem Haupt ein Turban,Auf dem ein Halbmond als Symbol erglänzte.Ihr Beide hier! So heult entsetzt die Bleiche,Ihr Hunde kommt ja nicht in meine Nähe,Denn jene Qualen, die ihr mir verursacht,Sie haben heute meinen Leib gestähltMit einer magischen ungeheuren Kraft,Vor der die Euere zwergenhaft zerstiebt.Ichwarne Hunde Euch, rührt mich nicht an!Mit meinen Fäusten greiP ich Eu're Kehlen,Gleichzeitig schnür' ich Euch den Odem zu.Euch Beide zu erwürgen fühl' ich Macht!Beisst doch Euch selbst, zerfleischt Euch gegenseitig,Ihr Missgeburten, scheussliche Bastarde!Da sah ich beide Männer sich besinnenUnd, stille stehend, Blicke auf sich werfen.Es waren Blicke solch infernalenHassens,Dass schaudernd ich mein Blut erstarren fühlte:Du wieder hier. Du niederträchtiger Schurke,I


— J3 —Auf diesem heir^en Bodeiit den Du schändest?Heut sollen nicht mehr meine wuchtigen Hiebe,Wie schon so oft, Dich aus dem Lande schleudern,Für diesmal sollst Du bleiben hier vor mir,Jedoch als Leiche, als ein faules Aas!Der mit dem Kreu^ begann jetzt ausser Fassung:Der heute hier bleibt, Bluthund, das bist Du,Denn mir allein gehört die ganze Welt!Und dieses Land hast Du zuerst gestohlen*So sprachen sie und griffen nach den SchwerternUnd plötzlich dann, wie losgelassene Panther,Mit wildem Brüllen rastenauf einanderDie beiden schönen, jugendlichen Männer*Zwei Schwerter blinkten, sausten schneidend niederAuf Helm und Turban, dass die Knochen dröhnten*Da sank der Jüngere hin und rothes BlutQuoll warm herab am Körper beider Kämpfer,Und blutig ward das Kreuz, blutig der HalbmondWohlan, so fresst Euch, recht so, stich ihn nieder!So heulte laut das Weib, die Zähne fletschend*Wie eine Rachegöttin schien sie mir.Die Flammen aufschürt unbegrenzten Hasses*Erst fahr' ich Dir zu Leibe, rief der Aeltere,Dann erst will jenem ich den Garaus machen.Der dort am Boden liegt in seinem Blute*Die Freude aber gönn' ichihm im Sterben,Dass er mit Augen sehe, mit lebendigen.Wie ich Dich, Niederträchtige, durchbohre.Mit Deinem Drachenblut den Boden röthe*So sprechend, stürzt er wüthend sich auf's Weib,Die ihm das Schwert entwindet, zauberkräftigUnd ihn gewaltig bei der Kehle packt*


— J4 —Dct ]ün.g*rCf der am Boden lag und stöhnte,Fasst Steine, schleudert sie vom Hass getragenDem "Weibe und dem Aelteren in's Antlitz,Bis beide Kämpfer schwer zu Boden stürzen»Dann kriecht er bis zur Stelle dieses Kampfes,Zu drei zerfleischt sich nun der wilde KnäuelMit grimmen Zischen grenzenloser Wuth.Da schwanden mir die Sinne; unerhörtVerwerflich, niederträchtig und auch schändlichSchien dieser Kampf, denn ich erkannte deutlich.Wie sehr sich glichen dieser Kämpfer Züge.Doch mich hielt unsichtbar, gleichwie mit ZauberGefesselt bei dem Sattel regungslosNicht Zis bewältigend eine dunkle Macht.Zum Herrn des Himmels hob ich meine Seele:O Gott, sprach ich, die Nacht ist's Deiner Macht,Die Friedensnacht, wo seligHinuntersteigen auf dieErhöre jetztDeine Engelarme Erde.mein ohnmächtiges Flehen,Sende herab den besten Deiner GeisterUnd rette, hilf in dieser höchsten Noth!Da traf mein Ohr ein Rollen fernen Donners;Hell leuchten Blitze, die von unten dringen.Und es erscheint ein Greis im SilberhaareMit langem Bart und wallenden Gewändern.Und alles Licht geht aus von einem Ringe,Den an der Hand er trägt, der wetternd leuchtet.Unendlich hehr und unbesingbar schönRagt sie empor, diese Gestalt des Greises.In seiner Hand erblick' ich einen Griffel,Ein Sinnbild jedes segensreichen Wissens.Ja, Henoch war's, und dieser Ring, ich fühlt' es.


— J5 —Es war der Ring, von dem die Sagfe singfttDer hehre Ring, derunschätzbare heilige.Der Ring, der einst die Zauberkraft besessenVor Gott und Menschen angenehm zu machen!Ja, sicher ist's, kein Zweifel, jener RingIst im Besitz des Herrn der Wissenschaft»Der Ring, die Sehnsucht aller Religionen,Der Ring, der uns zu Gott dem Herrn führt;Der Ring, der Henoch somit Gott verbunden,Dass er das bittre Sterben ihm ersparte!Der weise Mann im Osten hatte keinemVon allen Sterblichen den Ring gegeben,Er hatte, als ihn Gott zu sich berufen.Auch diesen Ring, von dem er nie sich trennte.Mit sich genommen in die Seligkeit.Vor trat der Greis, hob die gewaltige RechteDen Ring hinauf hochragend in die Höhe.Ein Meer von Licht erglänzt,Der Vidya, derSophia, der Erkenntnis,In der der Wille sich verneinend wendet.der Strahl der Wissenschaft,Dringt heilend jetzt den Kämpfern in die Augen.Wie angedonnert stehen sie staunend da.Ein Wunder heilte ihre schweren Wunden,Es fallen ihnen Schuppen von den AugenUnd was verborgen war, ob gänzlicher VerblendungErkennen sie auf einmal sonnenklar.O Mutter, liebe Mutter mein, o Bruder!So tönt es laut und lauter, hell und klar.Ist's möglich, ist's die Mutter und der Bruder,Sind das die lieben, die geraubten Kinder?Die Männer waren auf das Knie gesunkenVor ihrer lieben Mutter, die nun schluchzend


— J6 -In Thfäncn ausbrach, Hände rangf vor WonneUnd beideSöhne an den Busen drückte«O meine Kinder, kann das sein, ist's wirklich?Da war auch ich gesunken auf die KnieeUnd dankte Gott mit thänenvollem AugeFür's eingetretene Dämmern der Erkenntnis.Umarmt Euch Beide, Kinder, sprach die Frau,Die wie verwandelt dastand, ganz verklärtUnd herrlich schön und ohne LeidensfurchenIn ragend starker kräftigerGestalt.Der Bruder stürzt sich an das Herz des Bruders,Sie halten fest sich mit dem Arm umschlungen.Glückselig schauend einander in die Augen*Da schmiegt die Mutter sich an's Haupt der Kinder,Der beiden Brüder, drückt sie an ihr HerzUnd ihre Lippen fliegen stumm beglücktVom Mund des Aelteren hin zum Jüngeren.So fliehen hin die Stunden; Mutter, Söhne,Sie konnten sich nicht lassen, nicht sich trennen.Bis röthlich hell im Osten MorgendämmerungDes neuen Tags die Seligen erhellte."Wie gleicht ihr doch dem Vater, liebe Kinder!Sprach jetzt das Weib, und blickte in die AugenDer beiden Söhne, die sie fest umschlungenNoch hielt und koste und mit Küssen herzte.Du lieber Erstgeborner bist wie er.In derGestalt und Riesenkraft des Körpers;"Wie ihm strahlt Dir das Auge dunkel, männlichIm Vollbewusstsein Deiner grossen Macht.Das Haar nur bleichte sich bei Dir im Norden;Schwarz war es noch, als Du ein kleines KnäbleinAuf meinem Schosse spieltest, ich Dich wiegte.


— J7 -In Schlummer sang mit meinen alten Liedern.Doch Du, mein Jüngster, gleichst ihm nur in Farbe,Allein Dein Blick, Dein Lächeln, Deine Sprache,Die Form der Glieder, des Gesichtes Ausdruck,Hast Du von mir, mein vielgeliebtes Kind!Von ihm hast Du den Muth, die Tapferkeit,Auch das Lebendige, Wilde, Ungestüme,Die Lust am Kampf und an dem Spiel der "Waffen.Wohl hast Du mich seit lange schon vergessen,Denn als ein Säugling an der Mutter BrustEntriss mir Dich der unglückselige WahnSehr bald nach Deinem Bruder, der nicht langeGelassen ward bei der unseligen Mutter.O sähe heut' der Vater diese StundeUnd theilte mit uns uns're Seligkeit IDer Vater, riefen fragend die zwei Männer?Nie sah'n wir ihn, nie hörten wir den Namen.O Mutter sprich, sag% wie war er genannt?Sein Name sei's, der mich mit meinem BruderDurch Wissens Macht auf ewig neu verbinde.Ein grosser Held war er, sagte die Frau,In deren Auge heller Stolz entbrannte;Und auf die Schultern ihrer beiden SöhneLegt sie die Hände siegreich triumphirend.Er war der Gründer der Stadt Babylon,War König aller Könige, ein Herrscher;Sein Geist regierte diese ganze Welt,Soweit wir Kunde haben ihrer Grenzen.Bezwungen hat allein er alle Völker,Hat sie erzogen, gab ihnen Gesetze;Er drückte mächtig allen NationenDen Stempel auf seines gewaltigen Geistes.2


- J8 —Ef war gfcwaltigf attch vor Gott, wie Keinei*,Ein gffosser Jäger vor dem Herrn, einDer Ahnherr war er aller Könige,Die Stadt, die er gegründet, Babylon,Held,Sie ward die Mutter aller Länder, Völker,An ihrer Brust entstand die Weltgcsittung!Den Namen, Mutter, nenn' den Namen, riefenSie liebevollbedrängend beide Kinder!So hört mich an, sprach stolz das jüdische Weib:Von dem ihr Blut und Fleisch seid, liebe Kinder,Der mir Euch gab, der hehrste aller Helden,War Sohn des Kusch, der Erb' und EbenbildVon Sem war, dem das Dasein ich verdanke.So hört mich wohl; denn Nimrod war sein Name!Vor trat jetzt Henoch, gibt sich zu erkennen*Sic huldigen ztt Drei dem greisen VaterUnd küssen seine Hände, weil er gnädigDurch Wissens Licht die Finsternis zerstreute;Denn durch das Licht, das aus dem Ring entströmte.War klar geworden ihnen auf einmal.Ganz plötzlich und von selbst die volle Wahrheit:Dass sie blos darum blinder Wahn bethörte.So dass der Blutverwandtschaft sie vergassen.Weil sie verlassen hatten jenen Glauben,Der Henoch's heil'ger, wahrer Glaube war.Die Sittenlehre, welche nur zwei SätzeUnd keine and're kennt und kennen konnte:Gott lieben über alles, und wie sich selbst denWeil nur Unwissenheit, die man Avidya nennt, [Nächsten,Der Sinne Lug und Trug und Maya's Lügen schleierVorspiegelt, dass ein Unterschied besteheZwischen dem ich und dem, der nicht ich ist.


— \9 —Als Erste raffte sich die Jüdin auf,Denn immer vorwärts ist der Rasse Losung,Bereit zu jederTransformation,Die jeder Fortschritt im Gefolge hat.Sie löst das Tuch vom Kopfe, wirft es von sichUnd alle alten Vorurtheile mit.Nun steht sie da, in grossartigfer Schönheit,Und blüht so jung, so frisch, so lebensfroh*Die Hände reicht sie ihren beiden SöhnenUnd spricht, indem sie sich zu Henoch wendet:Wir haben schwer gebüsst, weil wir gesündigt,Weil wir uns trennten einst von Deinem Glauben,Dem ureinfachen, heiligen, ewigen.Hinzugefügt ihm und ihn ausgesponnen*Ich war die Erste, welche los mich trennteUnd riss die Anderen mit in das Verderben*Den Weg, den ich ging, gingen diese KinderUnd mit den Kindern dann die ganze Welt*Die Erste kehr* ich nun zu Dir zurücke,Und bringe mit mir die, 6it ich verführte*Zu Deinem Gotte wenden wir die Schritte,In Liebe und in Eintracht wohl belehrt.Und schwören, nie und nimmer abzulenken!„Wir schwören es** so riefen auch die MännerUnd hoben hoch die Hand zum Schwüre auf*Dann segnet sie der Greis, der jetzt verschwindet*Das Licht des ersten Strahls der jungen Sonne,Die aufgeht jetzt im fernen Oriente,Fällt auf 6ic Gruppe der Beseligten,Die nun dahinziehn, wandelnd neue Wege,Entgegengehend dem hellsten Sonnenlicht*Da tönten schallend Jubelhallelujah:2*


— 20 —Von Schmerzen frei sei alles, was da athmct,Ehfc Gott in der Höh% den Menschen Friede!Da hörte ich, wie alte Tempel barsten,Sah Engel fliegen, die Kanonen brachen;In Trümmer flogen Schwerter, Bajonette,Der Friedensgöttin Reich war angebrochen.Der Gott des Krieges hatte ausgerongen»Und auch das Thier, dem er die Macht gegeben.Und welches lästerte den höchsten GottDurch lange Reihen von Jahrhunderten —Sechshundertsechsundsechzig ist die Zahl,Welche das Thier, das scheussliche, bezeichnet —Ich sah und hörte, wie es seinen RachenNoch einmal aufthat und mit einem Fluche,Dem grässlichsten von allen, giftig zischendFür immer tauchte in den Meeresgrund.Und ich verstand den Namen dieses Thieres,Den Sinn der Zahl, er lautet: „Fanatismus^MVon ihm ward heut befreit die ganze MenschheitIn dieser schönen heiligen Nacht Al-KadnIch war erwacht und blicktenochmals forschendZur Stelle, wo so Grosses sich ereignet.Und sah ein Lamm friedlich mit einem WolfeGleichzeitig trinken von der Henochsquelle.


'Vorwort*,,ScIigf sind, die dursten nach der Gerechtigkeit", sagtder Heiland in der Bergpredigt, dem höchsten Gesetze füralle Zeiten, alle Völker, alle Menschen* Diesem Gesetzebin ich in diesem Werke gefolgt, mein Zweck dabei istausschliesslich, durch die Gerechtigkeit auch gegen Israelzur Friedfertigkeit — einem anderen Gebote der Bergpredigt— nach Massgabe meiner schwachen Kräfte beizutragen.Ich weiss wohl, welche Schwierigkeiten sicheinem derartigen Versuche entgegenthürmen» Wer überdie Juden nur das Geringste sagt und schreibt, das nichtungünstig lautet, wird gLich als Jude und Freimaurerverschrieen. Doch bei mir wird dieses Mittel nichts ,nützen* In meinem Stammbaum findet sich nicht die igeringste Spur jüdischen Blutes. Wäre dies aber der ;Fall, so würde ich dies nicht nur nicht verschweigen,sondern es geradezu freudigst bekennen, weil ich stolzwäre auf eine mögliche Stammverwandtschaft mit denheiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Pia- Ineten gewandert sind. Auch bin und war ich nie Freimaurer;als Officier und Diplomat hätte ich es meinesEides wegen nie werden können; auch wäre es mirüberhaupt nie eingefallen, mich durch Schwüre an Unbekannteszu fesseln. Ich bin ein arbeitendes Mitgliedder katholischen Kirche, die ich für die beste aller Re-


- 22 —ligionsgcsellschaftcn halte, die existiren und je existirthaben. Dass sie die beste von allen ist, lässt sich aufeinem einzigen Wege, aber einem sicheren, weil er sichatif Zahlen gründet, nicht etwa blos logisch, sondernmathematisch beweisen. Es lässt sich nämlich mathematischdemonstriren, dass nirgends ausserhalb der katholischenKirche so viele Thaten der Nächstenliebe,des Mitleids, des Erbarmens verübt werden undworden sind, wie innerhalb derselben.Was die katholischenPriester, Mönche, die Klosterfrauen, die canonisirten undnichtcanonisirten Heiligen dieser Confession in derNächstenliebe leisten und geleistet und zwar ohne Unterbrechungseit Jahrhunderten und überall in der Welt,auch gegen leidende Andersgläubige und Ungetaufte,das steht ausser Concurrenz. Keine andereReligionsgescUschaft kann annähernd Aehnliches aufweisen.Zwar bin ich überzeugt, dass viele Gläubige inanderen Religionen ganz dieselben Mitleidsthaten geleistethaben, aber nie und nimmer deren Gesammtheitin dieser Zahl und Masse, in dieser Proportion. Demkann von keinem besonnenen Menschen widersprochenwerden. Gegen Zahlen muss alles verstummen. Ausdiesem Grunde ist die römisch-katholische Religionsgesellschaftbei Weitem die beste von allen. Was vonliberaler Seite gegen die römische Kirche geschriebenworden ist unter dem Titel: „Inquisition, Religionskriege,Hexenprozesse, Ketzergerichte, Kampf gegen moderneAufklärung und Wissenschaft, Intoleranz, Fanatismus",kann den Ocean ihrer Thaten des Mitleids gegen diearme leidende Menschheit nie und nimmer aufwiegen.Der geehrte Leser möge entschuldigen, wenn ich michveranlasst gefühlt habe, von meiner Person zu sprechen.


— 23 —Wer aber das orthodoxe Publikum kennt, der wird begreifen,dass diese Bemerkung für die Sache geradezunothwendig war.Auch muss ich noch bemerken, dass aus dem Umstände,dass ich hier vielfach Citate aus aufgeklärtenSchriftstellern anführen musste, noch keineswegs folgt,dass meine unmassgebende Meinung mit der ihrigenidentisch ist* Das ist zwar ganz selbstverständlich, abereskann nie schaden, es noch ausdrücklich hervorzuheben*Sapienti sat.Schloss Ronsperg in Böhmen, Februar J90J*


Hinaus mit den Juden! — nein^ schlagt sie todt! nein,taufet und bekehret siel nein, Ausnahmsgesetze genügenI so erschallt seit Jahrhunderten der Ruf der Antisemitenin vierfacher Nuance aus allen Königreichen undLändern t Republiken nicht ausgenommen* Die Motivirungkennen wir: Sie sind Gottesmördert sie sind verstockttverblendet, sie verstehen nicht ihre eigene hebräischeBibel, sie sind perfid, sie verstümmeln den Text derheiligen Schrift, sie verdrehen deren klaren Sinn, siesind Wucherer, sie sind Kuppler, ihr Talmud erlaubtihnen die NichtJuden zu tödten, zu betrügen, auszusaugenund auszuwuchern, falsch zu schwören zu Ungunsteneines Christen, wenn es zum Vortheil eines Juden geschieht;nur sie betrachten sich selbst als Menschen, dieChristen dagegen als Thiere und Götzendiener. Sickreuzigen und schlachten kleine Kinder, verwenden derenBlut zur Anfertigung ihrer ungesäuerten Brode und zuanderen Zwecken; in ihren Schriften wird Christus, dieGottesmutter, die Kirche geschmäht, sie schänden undspiessen consecrirte Hostien, die dann zu bluten pflegen,sie sind Schuld an der Unmoralität unserer Zeit, verderbendurch ihre Zeitungen und sonstigen Pressproduktcdie christliche Sitte, sie ruiniren durch Wucher braveBauern, Officiere, den Handels- und Gewerbestand unddas ehrliche Handwerk, sie drücken die Preise der Produkteund Löhne, sie bestechen Könige, Kaiser, Minister,Parlamentarier und Richter, verführen keusche Mädchen


X— 26 —und Ehefrauen^ sie haben durch schlaue Finanzoperationenalle Regierungen in ihre Netze verstrickt^ sie beeinflussenalle Staatskabinette t sie sind die Führer der Freimaurerund der Socialdemokratie^ sie vergifteten dieBrunnen^ sieführten verheerende Seuchen durch Zauber herbei , siebeteten einen goldenen Eselskopf an^ sie mästeten undschlachteten alljährlich einen Griechen ^ sie tödten undvergiften Propheten, sie sind räuberische Kulturbeduinen,gewissenlos, grausam, sinnlich, blutdürstig, sie hassen dieganze Welt und glauben kein "Wort von dem, was dieKirche lehrt, ja sie halten sogar den unerschaffenen heiligenKoran für ein Machwerk, Christus für einen Zaubererund Mohammed füreinen Schwindler!Fürwahr eine lange Registerarie!Ich gestehe, dass ich selbst in Folge wiederholten Anhörenseines grossen Theiles der obigen Anklagen diemeisten derselben geglaubt habe und fast so weit gekommenwar, mit den Antisemiten zu beten: „Oh Herr,schick* uns den Moses wieder, auf dass er seine Stammesbrüderheimführe in's gelobte Land. Lass auch das Meersich wieder theilen, und lass die beiden Wassersäulenfeststehen wie eine Felsenwand. Und wenn in dieserWasserrinnen das ganze Judenvolk ist drinnen, dann,Herr Gott, mach* die Klappe zu, dann haben wir armeChristen Ruh!''Und in der That müssen Jedem, der die obige Listeliest, die Haare zu Berge stehen.Wer aber alle diese Anklagen also gruppirt und zusammengestelltsieht, ohne Rücksichtnahme auf ihre Zeitund Ursprung, könnte deren Qualität und Quantitätüberblickend vielleicht mit mir zu dem Verdachte gelangen,dass die Sache denn doch irgendwo einen


— 27 —kleinen Haken haben könnte. ffDic arischen Völkersind sesshafter Natur, sie pflegen die Wissenschaft,sie sind muthigf, tapfer, der Grundzugf ihres Wesens istGeradheit, Ehrlichkeit, Treue und Hingebung'* las icheinmal im „Antisemitenkatechismus".Ichwar hocherfreut und äusserst geschmeichelt, solcheliebenswürdige Sachen zu lesen über eine Rasse, der anzugehörenich die Ehre habe, und bildete mir nun ein,dass die arische Geradheit und Ehrlichkeit es mir zurPflicht machen, in Befolgung der Weisung des Apostels:„Prüfet Alles und behaltet das Beste", die Richtigkeitobiger Beschuldigungen zu prüfen, bevor ich sie als wahrannehme, und die arische Wahrheitsliebe und der arischeMuth es von mir erheischen, das klar Erkannte auchoffenbekannt zu geben ohne die geringste Rücksicht fürArier und Semiten, oder Christen, Juden und Muslims«Ich studirte mehrere Jahre hindurch die sogenannte Judenfrageund erlaube mir nun die Resultate dieser Arbeitder Oeffentlichkeit zu übergeben. Ich werde Jedem zubesonderem Danke verpflichtet sein, der mir zum Zweckegütiger Belehrung in dieser Broschüre Irrthümer nachweisenwird.Der oben citirte Antisemitenkatechismus erschien imJahre J893 in Leipzig im Verlage von Hermann Beyer.Sein Verfasser ist Theodor Fritsch (Thomas Frey). DiesesWerkchen enthält in gedrängter Kürze und systematischerZusammenstellung alle Vorwürfe, die von Seiten der Antisemitengegen diejuden erhoben werden, ausgenommen jene,die einen konfessionellen Charakter haben; denn nachder Ansicht des Autors ist es unrichtig, dass der Antisemitismusauf religiösen Motiven beruht; er soll eineRassenfrage sein,keine religiöse.


28Lassen wir dem Autor des Katechismus das Wort:,,Es fällt Niemanden ein, die Juden ihrer Religionwegen zu Bekämpfen, Ihren Gottesdienst trachtet Niemandzu stören; er erfreut sich der zärtlichsten Schonungbei allen Klassen — auch bei den Antisemiten.Die Zurückführung des Antisemitismus auf religiöseGehässigkeit ist eine grobe Entstellung der Sachlage.Gerade unter den Freigeistern finden sich die entschiedenstenAntisemiten (Giordano Bruno, Voltaire, Schopenhauer,Feuerbach, Johannes Scherr, Dühring u. s. w.).Wie schon der Name sagt, richtet sich der Antisemitismusgegen die ,,Semiten*% also gegen eine Rasse,nicht gegen eine Religion. "Wenn die Antisemiten dieReligion der Juden bekämpften, so müssten sie sich„Anti-Israeliten" nennen. Es verräth also ein geringesSprachVerständnis, wenn Jemand den Antisemitismusmit der „Religion" in Zusammenhang bringt.Im Uebrigen aber wird diese Begriffsfälschung vongewisser Seite absichtlich gepflegt, um das Volk überdaswahre Wesen der Judenfrage zu täuschen.**Vorerst muss ich bemerken, dass der Katechismussehr unrecht hat, wenn er sagt: „Wenn die Antisemitendie Religion der Juden bekämpften, so müssten sie sichAnti-Israeliten nennen." Das ist falsch. Sie müsstensich „Antimosaisten** nennen, denn Israel bezeichnet einVolk, und zwar die Gesammtheit der J2 Stämme, vonwelchen JO spurlos verschwunden sind und zwar schonim Jahre 722 v. Chr. nach der Eroberung Samaria'sdurch die Assyrier. Von dieser Zeit an gibt es keinReich Israel mehr. Dagegen würde das Wort Antimosaismusdem Begriffe entsprechen, den der Katechismusausdrücken will.


— 29 —Ich werde mir erlauben^ ausführlichauf diesen Punktzurückzukommen» Beginnen wir mit der Definition*Fritsch's Katechismus definirt den Antisemitismus mitfolgenden Worten: ,,Was versteht man unter Antisemitismus?Anti heisst gegen und Semitismus bezeichnetdas Wesen der semitischen Rasse. Der Antisemitismusbedeutet also die Bekämpfung des Semitenthums. Dadie semitische Rasse in Europa fast ausschliesslich durchdie Juden vertreten ist, so verstehen wir unter den Semitenim engeren Sinne die Juden» Antisemit heisstalso in unserem Falle „Judengegner**.In Frage J3 und 14 des Katechismus wird das nunnäher erläutert; sie lauten:ff\Z) Worin soll der Rassenunterschied bestehen?Die europäischen Völker gehören fast sämmtlich derarischen oder indogermanischen Rasse an, die Judenhingegen der semitischen. Die arischen Völker sind mehrsesshafter Natur; sie pflegen Ackerbau, Gewerbe, Kunstund Wissenschaft; sie sind staatengründend, muthig undtapfer; der Grundzug ihres Wesens ist die Geradheit,Ehrlichkeit, Treue und Hingebung. — Siesind die eigentlichenKulturvölker.Die echten Semiten hingegen sind von Natur Nomaden;sie haben keine eigentlich dauernden Wohnsitze, keinrechtes Vaterland. Sie ziehen dahin, wo die beste Beutewinkt. Sie bauen und bebauen nichts selbst; sie suchendie durch fremden Fleiss geschaffenen Kulturstätten auf,beuten die vorhandenen günstigen Verhältnisse aus, grasen,sozusagen, die Weideplätze ab und lassen sie geplündertund verödet zurück.Ackerbau, Technik und Kunst istihnen fremd, wie jede ehrlich schaffende Arbeit. Siegeben sich den Anschein, als verachteten sie die


— 30 -Arbeitt in Wahrheit aber fehlen ihnen die Fähigfkeitendazu*Die semitischen Nomaden der "Wüste (Beduinen) betreibennoch heute Raub und Plünderung in der offenstenund urwüchsigsten Weise. Der Jude aber ist gleichsamder ,,Kulturbeduine**; er betreibt dasselbe Geschäft in gewissermassencivilisirter Form» Seine Domäne ist der,tHandeI*% der bei ihm freilich einen sehr weiten Begriffdeckte denn in der jüdischen Sprache bedeutet das WortttMassematten** ebensowohl ein Handelsgeschäft als einenDiebstahl.Die Plünderungszüge der Kulturbeduinen treten aufin der Gestalt von Hausirhandelt Wanderlagern, Pfandleihe,Abzahlungsgeschäften, 50-Pfennig-Bazaren, Wucher,betrügerischem Bankrott, Börsenspekulation u. s. w.Einzelne dieser „Branchen*^ sindausschliesslich von Judenvertreten. Aber auch als „Arzt^^ für Geschlechtskrankheiten,Rechtsverdreher, socialdemokratischer Agitatoru. s. w. weiss der Kulturbeduine sehr einträgliche Beutezügeindie Taschen seiner „Mitbürger*^ zu unternehmen.J4) Sind die Juden aber nicht zu unehrlichem Erwerbdadurch gezwungen worden, dass man ihnen die rechtschaffenenBerufszweige verschloss?Diese Ausflucht war früher zeitweise berechtigt, heuteschon lange nicht mehr. Ausserdem bleibt immer nochdie Frage offen: Warum verschloss man ihnen früherdas ehrliche Handwerk? Offenbar nur deswegen, weilsie allerlei Missbräuche in demselben einführten, es ausbeutetenund die soliden Grundlagen desselben zerrütteten.Ueberdies haben sich die Juden niemals nach ehrlicherHandwerksthätigkeit gesehnt; der Schacher undWucher war für sie nicht etwa nur ein Nothbehelf,


— 3J —sondern^ wie wir oben gesehen haben^ er bildet von jeherden Grundzugf ihrer Semitennator. Seit Jahrzehntenstehen den Juden alle Berufszweige offen, aber wir sehennicht, dass sie Maurer, Zimmerleote, Dachdecker, Tischler,Schmiede, Schlosser, Maschinenbauer, Uhrmacher, Schriftsetzeru. s. w« werden. Und wenn man heute alle Judenjünglingebei freier Lehre und freier Kost in die Werkstättenstecken wollte, — sie würden doch bei der erstenGelegenheit davon laufen, um zu schachern*Der Semitewill und kann nicht arbeiten und schaffen, sondern nurmühelos erbeutenund plündern.Dabei bilden List, Verschlagenheit, Heuchelei undLüge die Haupt-Grundzüge des Semitencharakters, zudenen noch Zudringlichkeit, freche Anmassung, schrankenloseSelbstsucht, unerbittliche Grausamkeit und massloseGeschlechtsbegier kommen. Unsere deutschen Begriffevon Treue, Bescheidenheit, Hingebung, Aufopferung füreine Sache sind dem Juden unverständlich und fordernseinen Spott heraus. Ihm erscheint nur das als Tugend,was persönlichen Vortheil oder Genuss verspricht.**Wir wollen diese Darstellung prüfen. Untersuchenwir also den Begriff „semitisch**, „semitische Rasse** unddie Beziehung der Juden zu derselben.


Erstes CapiteLSemitenthum,Semitische und jüdische Rasse*


DasWort Semit enthält einen Eigfennamen^ den Namendes Sem^ des ersten Sohnes Noe's; von Sem stammennach der Lehre der Bibel sämmtliche Semiten ab. Nun»das lässt sich hören* Die heiligte Schrift sagt im 18. undJ9. Vers des 9. Capitels der Genesis nach Allioli's rechtgläubigerUebersetzung:,,Es waren also die Söhne Noe's,die aus der Arche hervorgingen^ Sem^ Cham und Japhet^Cham aber ist der Vater Chanaan's; das sind die dreiSöhne Noe's und von diesen ist das gesammte Menschengeschlechtfortgepflanzt worden auf der ganzen Erde.**Sem's Name kommt im alten Testament 15 mal vor,wie aus Mandelkernes Concordantia ersichtlich, und zwart2 mal in der Genesis und 3 mal im Buche der Chronik,wo die Genesisgenealogien wieder aufgezählt werden.Im neuen Testament erwähnt ihn blos der Verfasserdes Evangeliums nach Lucas in seinem dritten Capitelder bekannten Genealogie Christi. Alles, was wir vonSem wissen, entstammt somit der Genesis. Auch in derrabbinischen Litteratur ist von ihm viel die Rede, undselbst der Koran erwähnt seiner in der elften Surah, dieHud genannt ist. Nach dem hebräischen Texte derGenesis und ohne Berücksichtigung des Codex Samaritanusoder der Septuaginta wurde Sem geboren im Jahre (558der Erschaffung der Welt, ca. 2400 Jahre vor Christus.Er wurde 600 Jahre alt, war JOO Jahre alt, als er Arpachschadzeugte, gerade 2 Jahre nach der Sündfluth. Erlebte dann noch 500 Jahre und zeugte Söhne und Töchter.3*


II— 36 —Die Bibel gibt uns seinen Stammbaum im JO. Capitelder Genesis, der sogenannten Völkertafcl; der ist nunbisAbraham wie folgt:NoeSem Cham JaphetElam, Aschur, Arpachschad, Lud, AramSchelach Uz, Chul, Geter, MaschEberPeleg (ward 239 Jahre alt)JoktanReü (ward 239 Jahre alt)S^I(ward 230 Jahre alt)ElmodadSalephAsarmothJare. AduramNachor (ward J48 Jahre alt)Uzal1 DeclaTerach (ward 205 Jahre alt) EbalAbimaclSaba/ Abraham\ \ / /Nahor IN i Haran Jtiaran ^ * ,\ Sarai /\MiIkal/ gP^J^Jobab*Demnach war Sem noch ein Zeitgenosse Abraham s,welch' Letzterer gerade 300 Jahre nach der Sündfluthgeboren ist, ja er überlebte ihn sogar noch um geschlagene35 Jahre, starb als Jacob schon 50 Jahre alt war, und hattedie seltene Freude, nicht weniger als 20 ganze Nationen


— 37 —zu erlchttit die alle von ihm abstammten*). Dies allesberichtetuns ,,Moses", der inspirirte Verfasser der Thora»wie Juden und Christen zu gflaubenbefohlen^ Moses^ derg-eboren sein soll ca. 500 Jahre nach Sem's Tode. Eininteressanter Mann fürwahr dieser berühmte Sem^ derdem Antisemitismus seinen Namen gegfeben; hat er dochdie ganze Sündfluth mitgemacht» er mit seinem Vaterund seinen 2 Brüdern^ 4 Männer mit je einer einzigenFrau» zusammen 8 Mann hoch mit Specimens allerThiergattungen, Säugethieren» Vögeln, Amphibien, Gewürm,Wild und Hausvieh J50 Tage lang in der luftundlichtlosen Arche — 300 Ellen lang, 50 Ellen breitund 30 Elllenhoch. — Schade, dass Sem kein Tagebuchhinterlassen und uns nicht mittheilt, wie sein Vater sichdas Schnabelthier, den Jaguar und den Polbären verschaffthat, wie den Raubthieren die Pflanzenkost geschmecktund bekommen und woher die zweite Taubeden grünen Oelzweig herhatte, den sie gebracht zumZeichen, dass die Vegetation wieder begonnen, nachdemalles 150 Tage unter Wasser gewesen war, das Wasser(5 Ellen höher gestanden als die Gipfel der höchstenBerge und erst sieben Tage vorher eine andere ausgelasseneTaube zurückgekehrt war, da sie nirgendseinen Ort gefunden, wo sie sich hätte setzen können.Auch hätten wir aus einem Buche Sem's vielleicht erfahrenkönnen, was aus den Nachkommen seiner GrossonkelnJabal, Jubal und Tubalkain aus der Cainiten-*) Hier ist keine Rücksicht genommen auf jenes "Wunder, wonachAbraham bis zu seinem Tode 60 Jahre seines Lebens verloren hat.Er wurde nämlich geboren, als sein Vater Thare 70 Jahre alt war.Tharc starb im Alter von 205 Jahren, nach seinem Tode wanderteAbraham aus und war 75 Jahre alt.


38linic gfewordcn, die die Stammväter aller jener gewesensein sollen, die in Zeiten wohnen ä la mode des Semites,respective Zither spielen und in Erz und Eisen arbeiten.Aüch von den berühmten Nephilim, den Göttersöhnen,die sich in die Töchter der Menschen verliebt und mitihnen Kinder gezeugt, hätte Sem Interessantes berichtenkönnen. Wie schade, dass er es unterlassen! Sem kanntenoch persönlich den Methusalem, den Zeitgenossen Adam%der ihm sicherlich viel Interessantes erzählt haben muss.Dass nur die Gesellschaft, deren Mitglied Sem in derArche gewesen, von der gesammten Menschheit gerettetwurde, bezeugen Christus (Math. 24, 37 flg.), der ApostelPetrus (2. Petr. 3, 5; 2, 4—9, und J. Petr. 3, 20), dasBuch der Weisheit J4, 6 und J5 Kirchenväter, derKatechismus desTridentinischen Concils und Papst Pius,von Moses gar nicht zxs reden f der J3 mal wiederholt,dass alles Fleisch vernichtet wurde, ausser den Archebewohnern.(Vergleiche Hummelauer, Commentarius inGenesim, Seite 240.)Jüdische Theologen haben Sem im Melchisedechwiedererkennen wollen, in jenem heiligen, elternlosenManne, der zugleich mit Abel in jedem Canon derheiligen Messe erwähnt wird.Sem ist also für Christen, Juden und Muslim's einehochhistorische Persönlichkeit.Ganz anders wagt in ihrerVerworfenheit die freie Wissenschaft zu glauben. Inihrem Bereiche haben sich die Gelehrten seit jeher denKopf zerbrochen über den Ursprung des Namens Sem.Nach Einigen kommt er vom hebräischen Namen Schem,was einfach Name, respective hoher, angesehener, edlerName bedeutet, oder von Schama, hoch sein, also derHighlander, Andere dachten an einen Himmelsgott vom


— 39 —Worte Schamajim, die Himmel (im Ploral, es soll derennämlich mehrere geben)*). Aüch Arya (Arier) heissenim Sanscrit die Edlen^ was auf eine grosse Aehnlichkeitzwischen Semiten und Arier puncto Grössenwahn hinweist.Doch das nur nebenbei* Sie waren doch sonahe verwandt^ dass man sich über Familienähnlichkeitennicht allzu sehr wundern darf. Das einzige nun^ wasuns die Thora von Sem berichtet, ist, dass er und seinBruder, der Stammvater der edlen Arier, von ihrem VaterNoe gesegnet worden sind, weil sie Beide, das Gesichtnach rückwärts abgewandt, ihn mit einem Mantel zudeckten,als er betrunken und entblösst in seinem Zeltelag. Da ihrem Bruder Cham diese Idee nicht rechtzeitigeingefallen war, wurde nicht er, sondern sein SohnChanaan von Noe verflucht; warum gerade Chanaan,istbekannt*Ein socialdemokratisch angehauchter Gelehrter hatüber Sem und den Ursprung seines Namens folgendeDaten zusammengestellt, die ich des grossen Interesseswegen wiedergebe, den Sem für uns in Anspruch nimmt.Der Ungläubige wagt zu schreiben:Nun wäre noch über den Namen Sem's einiges zusagen. Derselbe ist weit älter als alle Erinnerungen derBibel, er tritt schon über tausend Jahre früher in Babylonienauf. Ursprünglich war schem wie der schon oben*) So berichtet der heilige Paulus im 12. Capitel seines zweitenBriefes an die Korinthier^ dass er bis in den dritten Himmel entrücktworden ist. Er wisse aber nicht zu sagen, ob im Leibe, oderausser dem Leibe. Die Mohammedaner glauben, dass es siebenHimmel gibt, ebenso das spätere Judenthum; so wurde der ProphetMohammed bei seiner Himmelfahrt, dem berühmten Mirädj, sogarbisin den siebenten Himmel entrückt.


- 40 —betfo-chtcte Name ghan und anHefc, Bezeichnung: einesgöttlichen Wesens, Stammes geistes, seine Bedeutung ist:G(5istm«tter. Es ist also der Gegensatz zu. Scheth» "Wiedie Jeht^da nach Jahut die Keniter nach Kain, dieChristen nach Christus, ihren Gott, sich nennen, so nannteder Stamm, der diese Urmutter verehrte, sich Schemiten.Er drang sehr früh in Babylonien, welches ehemals vonVölkern turanischer Abstammung bewohnt wurde (imGrunde genommen sind die Schemiten auch nichts anderes),ein, und da er die kleinen Staaten, die damals bestanden,eroberte, machte er sich einen Namen, erwarb Ruhm; —deshalbfinden wir später das Wort Schem (babyl. schäm)als Ausdruck für Name, Ruf, Ruhm. Aber diese Bedeutunghat zu grossen Missverständnissen geführt, indemman übersah, dass das Wort auch noch in seineralten Bedeutung für den Geist selbst und das Grab, insbesonderedas Malzeichen im Gebrauche blieb. So liestman bei Luther und noch in den meisten der neueren„wissenschaftlichen** Bibelübersetzungen folgenden Unsinn:„Wohlan, lassetuns eine Stadt und einen Thurm bauen,dessen Spitze sei am Himmel; wir wollen uns einenNamen machen, damit wir uns nicht zerstreuen aufder Erde." (J. Mose U, V. 4).Was der „Name** zu diesem Zwecke beitragensoll, kann kein vernünftiger Mensch einsehen, — eshandelt sich auch um keinen solchen, sondern umein weithin sichtbares Zeichen, Denkmal, welcheswohl geeignet war, eine Zerstreuung zu hindern (dasheisstnach den Anschauungen des Geschichtenschreibers).Ebenso machte sich David, als er vom Siege überdie Aramäer zurückkehrte, ein schem (2, Sam. 8, J3);dass das kein Name war (einen solchen hatte David


— 4J —schon), sondern ein Siegfeszeichen, liegt auf der Hand*Erst aus diesem Begriffe des Zeichens (Males) hat sichder des „Namens^* entwickelt. Auch für die deutscheSprache decken sich ja die Worte Benennung (Benamsung)und Bezeichnung genau so wie zeichnen und malen.UncivilisirteVölker besitzen eben noch keinen besonderenNamen, sondern an ihrem Leibe nur ein Stammeszeichen,— eingeschnitten oder angemalt. — Deshalb hat man anvielen Stellen des a. T. statt Name Zeichen zu lesen,da sonst kein Sinn herauskommt, z. B* beim Gebote:„Du sollst den Namen Gottes nicht erheben zur Unwahrheit;— rühme dich seines heiligen Namens etc."Erobernde Völker erhöhen nun auch ihre Götter.Die älteren Babylonier (Sumerier, Kusch) sahen denMond (schin) als Sitz ihres grössten Geistes an, daherauch ihre Zeitrechnung nach Mondumläufen und Mondjahren,sowie der Name ihres Landes Schingir (in derBibel: Schinar, Lutherübersetzung: Sinear), das ist „Landdes Schin" oder der Schin (als Volksstamm). Die eroberndenSchemiten setzten an Stelle des alten Schinim Monde ihren Schem, und zwar indie Sonne, letzterewurde zum „Sitz des Schem*^ schemesch, — das ist auchder hebräische Name der Sonne (babyl. schamasch). Auchin Kanaan wurde Schem schon vor Ankunft resp. Ausbreitungder Hebräer verehrt, als Stammvater sowohlwie als Sonne. Nicht weniger als drei Orte mit NamenBet-Schemesch, das ist:Sonnenhaus, Sonnentempel, citirtuns die Bibel selbst in Palästina, einen Ort gleichenNamens überdies noch an der Grenze Aegyptens. Aberauch eine Stadt Schimron fanden die Israeliten vor(Jos. n, I; J9, 15); es ist ohne Zweifel derselbe Ort,dessen Name später in der Form Schomron vorkommt.


— 42 —nämlich Samarien* i* Kö» i6f 24 wird zwar die ErbauungSchomrons auf Omri zurückgeführt,der hat sieaber wohl nur als Residenz ausgebaut, im Uebrigen liegtdort eine ganz alte Sage vor. Schemer, von dem angeblichder Berg Schomron gekauft wurde, ist nichtsals der alte mit Schem identische Ahnengeist, das bezeugtselbst noch die spätere Bedeutung des "Wortes. IhrenGott verehrten die Samaritaner unter dem Namen Schima*Als sie sich nach dem Exilc dem Judengotte Jahu zuwandten,nannten sie ihn ebenfalls Schima*Selbst in der Gesetzgebung der Juden haben sich dieReste des alten Gottes Schem erhalten. So 3. Mos. 24, i \ :„Er beschimpfte den Schem und fluchte'% sodann wiederum5. Mos. 28, 5Zi „Dass du fürchtest den furchtbarenSchem, Jahu, deinen Gott.^* In beiden wie noch inanderen Fällen ist für Schem nur die Bedeutung Gottoder Geist zulässig, — die rabbinische Fabel, dass es„Name*^ bedeute, ist gänzlich unhaltbar.Es istbeachtenswerth, dass noch heute in der Tartarei(Mittelasien) dit westwärts gelegenen Länder, besondersSyrien „Sehern*' genannt werden.'* (Scham heisst nämlichauf Arabisch „Syrien**.)Sind die Antisemiten überzeugt, dass sie sich nichtauch ein Götzenbild, einen Schem construiren, um aufdasselbeScheiben zu schiessen?Die Antisemiten werden es mir hoffentlich verzeihen,wenn ich über den Eigennamen, nach welchem sich ihrePartei benennt, etwas zu ausführlich geworden bin. DieFreidenker unter ihnen werden dies, ich fürchte, ganzüberflüssig gefunden haben, da sie antworten dürften,dass sie an eine historische Persönlichkeit, wie ihn dieGenesis uns vorführt, ja nie geglaubt haben und unter


43Semiten nur eine Völkergruppe, eine Rasse sich denken^aber nicht die Nachkommen des Patriarchen Sem* DerAntisemitismus, versichern sie uns, habe ja mit derReligion nichts, ja gar nichts zu thun* Dann ist es aberimmerhin merkwürdig, wenn sie sich nach einer Persönlichkeitbenennen, an deren Existenz wir gar nichtglauben können ohne eine starke übernatürliche Hilfeder geoffenbarten Religion. Doch können die Antisemitendarauf antworten, dass der Name wohl aus derBibel stammt, aber in ihrem freidenkerischen Kopfedennoch die Rasse vorstellt, ohne Beziehung auf diePersönlichkeit des guten Sem* Ich acceptire das, aberdann sei die Frage gestattet, warum sie sich selbst^ nichtJaphetiten benennen nach Sem's Bruder und Noe'sSohn, welche Benennung ja auch ganz religiös unverfänglichwäre und bei Wahrung der Gedankenfreiheitblos die Rasse und nicht die Nachkommen des EhrenmannesJaphet auszudrücken hätte* Warum ist die BezeichnungJaphetiten denn soverpönt?Nun, nach meiner Meinung ist der Grund hierfürfolgender* Die Vermeidung der Bezeichnung Japhetiten,die doch der einzig richtige Gegensatz zum BegriffeSemiten wäre, beruht auf dem Bibel-Dogma, dass alleMenschen der weiten Erde von Sem, Cham und Japhetabstammen, und zwar die Semiten von Sem, die Negervon Cham und die übrigen Völker, also die Arier unddie mongolische Rasse, von Japhet. Zu den Japhetitenwürden darnach auch die Chinesen, Mongolen, Türken,Tartaren etc* gehören, und in diese Gesellschaft wollendie indogermanischen Antisemiten als edle Arier umkeinen Preis hinein, was jedenfalls kein Compliment istfür die turanischen Magyaren und Grossrussen* Daher


— 44 —nehmen die Antisemiten einen Theil blos der Japhetiten,nämlich die Arier heraus «nd zählen sich begeistertdazü. Wo bleibt aber ihre Freidenkerei? Denn alsFreidenker sollten sie wissen, dass in der Völkertafel derGenesis von keinem Volke die Rede ist, das ttns veranlassenkönnte, an Neger oder Mongolen awch nur imEntferntesten zu denken. (Reüss). Japhet und seine Söhnesind Arier durch die Bank. Daher wäre die BezeichnungJaphetiten ganz unverfänglich gewesen; sie wurde vermieden,weil, wie beim Worte Semiten, die religiöse, d. h.bibelgläubige Auffassung einegrosse Rolle spielt.Daher behaupte ich, dass sowohl der Name Antisemitismusals auch die Vermeidung des Wortes für dasPendant der Semiten — nämlich des Wortes Japhetiten —durchwegs aus Vorstellungen dersogenannten geoffenbartenReligion entspringen, und das istimmerhinbedenklich gegenüber der Behauptung, dass der Antisemitismusmit der Religion gar nichts zu thun habe.Genug von Sem. Gehen wir nun weiter zu demBegriff semitisch und semitische Rasse. Die Antisemitenhalten die Semiten für eine dem Blute nach unter einanderverwandte Völkergruppe, nichtblos für eine Gruppevon Völkern, die verwandte Sprachen — nämlich die sogenanntensemitischen Sprachen — reden, sondern fürverwandt der Rasse, der Abstammung und dem Blutenach* Denn nur dann, glauben sie, wären gemeinsameAnlagen und Charaktereigenschaften denkbar und möglich.Was sind denn nun diese semitischen Völker, von denendie Juden einen Zweig vorstellen? Heute lebende undsemitische Sprachen sprechende Völker sind nur dieAraber, die Abyssinier und die Reste der Chaldäer. DenBegriff semitische Sprachen hat zum ersten Male Pro-


— 45 —fessof Eichhorn aofgfestellt im Jahre J787, in seiner Einleitungin das alte Testament. F. Hommel bemerkt, dastman nämlich vor Eichhorn die hebräische, arabische undaramäische Sprache kurzweg: orientalische Sprachennannte» Es waren die einzigen Sprachen dieser Gruppe,die man am Ende des vorigen Jahrhunderts kannte* Indie Völkertafel der Genesis sind nun als Söhnr Sem'sElam, Aschur, Arpachschad, Lud und Aram genannt*Aram ist der Stammvater der Aramäer (Syrier), Arpachschadder Ahnherr der Araber und Hebräer; von denSprachen der Nachkommen Elam's, Aschur's und Lyd'swusste man damals noch nichts* Daher soll der genannteGelehrte die Bezeichnung semitische Sprachen für dieSprachen der ganzen Gruppe gewählt haben*Die üblicheEintheilung der semitischen Völker und Sprachen, dertodten wie der lebendigen, ist nun nach Hommel wiefolgt:a) im Süden:i» Die Abessinier, welche relativ spät von Südarabienherüber ins afrikanische Alpenland Habesch gewandertsind und im 3* Jahrhundert n* Chr* sichzum Christenthum bekehrten;2* die Südaraber oder Sabäer, auch Himjaren genannt;3* die Central- und Nordaraber, gewöhnlich schlechthinAraber geheissen*b) im Norden und Nordosten:l* die Hebräer und Phönikier (letztere mit ihren Colonienin Carthago, Spanien, Massilia, Kreta u* a*)und2* die Babylonier und Assyrer.Wenn wir endlich eine Aufzählung der semitischenSprachen nach der zeitlichen Folge der uns noch er-


;;— 46 —haltenen Litcratufwerke vornehmen, so ergibt sichfolgende Reihe:J. altbabylonisch (die ältesten semitisch-babyl. Königsinschriften,die sogenannten Izdubar oder Dubarlegendenetc.) von ca. 2000— J500 v. Chr.;2. hebräisch (die alten Volkslieder in den historischenBüchern, z* B. Segen Jacobs, Deborahlied; der Dekalog;das jehovistische Geschichtsbuch Gen. 2, 4 etc.;die ältesten Psalmen u. a.) von ca. J500 an (allerdingsdas wenigste davon in gleichzeitiger Aufzeichnung);3. assyrisch ca. J200—600 v. Chr. (die längeren historischenKönigsinschriften)4. neubabylonisch (Inschriften des Nebukadnezar undseiner Nachfolger, dann die assyr. Uebersetzungder dreisprachigen Achämenideninschriften)5. phönikisch (die ältesten Inschriften nach Einigen vom7.Jahrhundert an, die meisten aberJahrhunderte später);6. aramäisch von ca. 300 v. Chr. an, da die sogenanntenchaldäischen (besser west- oder biblisch -aramäischen)Stücke des alten Testaments jedenfallsnicht später angesetzt werden dürfen; der Haupttheilder uns erhaltenen aramäischen Literatur beginntaber mit der syrischen, deren älteste Stückeins 2. Jahrhundert n. Chr. fallen;7. südarabisch in den sabäischen (himjarischen) Inschriften,welche zum Theil schon in die erstenJahrhunderte n. Chr. zu setzen sind;8. äthiopisch; die erhaltene Literatur beginnt mit deräthiopischen Bibelübersetzung im 4. Jahrhundertn. Chr.; einige wenige äthiopische Inschriften sindkaum ein Jahrhundert älter;


— 47 —9* arabisch vom 6* nachchristlichen Jahrhundert an, inwelches die uns noch überkommenen vorislamischenLieder gfehören; dann reiht sich vom 7. Jahrhundert andie umfangreiche mohammedanisch-arabische Literaturan, deren ältestes Denkmal der Koran ist, deren Hauptblütheaber erst in den Beginn der Abbasidenherrschaftfällt.Nach antisemitischer Theorie sind nun die semitischsprechenden Völker stammverwandt, weil sie eben stammverwandteSprachen reden, und die Indogermanen ebenfallsgleichrassigf, weil sie auch stammverwandte Sprachensprechen* Das ist ganz einfach ein grober Irrthum, DieStammverwandtschaft der Sprachen ist kein Beweis fürdie Stammverwandtschaft der Völker, die diese Sprachereden» Die Deutschen in Ostpreusscn sind germanisirtcSlaven, die Bulgaren slavisirte Turanier, ebenso die Grossrussen,viele Italiener in der Lombardei sind romanisirteGermanen; dasselbe gilt für viele Bewohner Frankreichs,und diese Beispiele liessen sich ad libitum vermehren.Der berühmte Orientalist Vambery schreibt:„Leute mit geschlitzten, schiefen Augen, flacher Nase,stumpfem Kinn, die Vertreter der echten mongolischmandschurischenBlutsverwandtschaft sprechen persisch,(indogermanisch) und zwar das Persische von Ost-Chorassan;während die Bewohner der Ufer des Jaxartes mitihrem schwarzen Haar und reichen Bartwuchs, demschlanken Leib und dem langen, schmalen Antlitz den reineniranischen Typus repräsentiren, aber nur türkisch (turanisch)sprechen und mit Ausnahme der in denBergen Samarkands wohnenden Galtsas ihren iranischenUrsprung längst vergessen haben."Anatole Leroy-Beaulieu sagt: „Welche Nationalität ist,


— 48 —was die modelten Völker Europas ttnd Amerikas anbelangt^auf Rasseneinheit gfe§fründet? Ist's England mit seinemAmalgfam von Bretonen^ Sachsen, Dänen, Nordmannen?Ist's Frankreich mit seinen Kymriern, Galliern, Iberern,Germanen, Lateinern?Ist's Deutschland, wo der Teutoneim Westen eine so starke keltische, im Osten einesolcheslavische Kreuzung erfahren hat, dass in mancher GegendDeutschlands bei der Mehrheit der Deutschen die blauenAugen und die blonden Haare der Germanen nicht mehrvorkommen? Ist's Russland, das alte moskowitische Russlandmit seinem Conglomerat von noch heute kaum russificirtenSkythen und Sarmaten, Slaven, Tartaren, Finnen?Wären es die Vereinigten Staaten von Amerika, die seithundert Jahren Ansiedler aus allen Ländern Europas aufgenommenhaben, oder die spanisch-amerikanischen Republiken,welche eine förmliche Hauptskala von ganzen undhalben Tönen erfunden haben, um die verschiedenen Abschattirungender Bastarde zu benennen, welche aus derKreuzung des Europäers mit dem Indianer und dem Negerhervorgegangen sind?Sämmtliche Nationen unserer Zeitsind ein Gemisch von mehr oder minder mit einander verschmolzenenRassen und Völkern.Russen, Deutsche, Engländer, Italiener,Wir alle — Franzosen,Spanier, Ungarn,Griechen, Rumänen, Bulgaren — sind half-bred, Mischblut»Ob gross oder klein, Abendländer oder Morgenländer,mögen sie sich Germanen, Angelsachsen, Lateinerbetiteln, Vollblut erblicke ich unter modernen Völkern%S?^?S^ Was bliebe von Frankreich übrig, wenn wirauf unser gallisches Blut die Probe bestehen und mit,ich weiss nicht welchem, Bretonen die Parole ausgebenmüssten: Frankreich für die Kelten?^*Es geht also nicht an, Völker als stammverwandt


in— 49 —blos desshalb zu betrachten^ weil sie verwandte Sprachenreden. Unzweifelhaft ist es eine sichere Errungenschaftder Wissenschaft t dass innerhalb der sogenannten semitischenund der sogenannten indogermanischen Sprachenjede Sprache dieser Gruppen unter sich verwandt ist»Es fragt sich aber, ob die semitischen Sprachen irgendeine nachweisbare Beziehung haben zu jenen Völkerntdievon Sem abstammen nach der sogenannten, mehrfachbesprochenen Völkertafel der Genesis, oder mit anderenWorten: gibt es einen Connex zwischen den sogenanntensemitischen Sprachen und den sogenannten semitischenVölkern? Ich kann mir nicht den Spass versagen,die Worte eines Fachmannes zu citiren — nämlichdes Professors J» G. Müller, Dr. der Philosophie undTheologie in Basel, der in seinem Werke: „Die Semitenin ihrem Verhältnis zu Chamiten und Japhetiten*' versuchthat, den Beweis zu erbringen, dass es überhauptgar keine semitische Sprachen gibt, und dass die unterdem Namen Sem zusammenhängende Völkerfamilie nichtsweiter vorstellt, als Indogermanen (!), die sich chamitisirthaben* Er schreibt darüber folgendes:„Schon seit über fünfunddreissig Jahren steht mir dieAnsicht fest, dass die im Alten Testament, namentlichJ. Mos* X, unter dem Namen Sem zusammen gefassteVölkerfamilie ursprünglich Indogermanen seien, von denensich aber viele, namentlich die Hebräer, besonders hinsichtlichder Sprache chamitisirten.So die in chamitischeLänder eingewanderten Assyrier, Perser, Lydier, Aramäer,Chaldäer und Hebräer. Ich berührte diesen Gegenstandzuerst'der hiesigen historischen Gesellschaft in einerAbhandlung über Vorderasien vor und nach Israels Aufenthaltin Aegypten. Durch fortgesetzte Aufmerksamkeit4


— 50 —auf diesen Gegenstand hatte sich mir diese Ansicht fortwährendbestätigt^ nwr dass sie sich mir bestimmter dahinmodificirte und vereinfachte , dass mir jetzt sämmtlicheSemiten chamitisirte Indogfermanen sind, die Japhetitendagegen rein gebliebene. Dieses Resultat vereinigt ameinfachsten die älteste Ueberlieferang mit dem gegenwärtigenStand der linguistischen Untersuchungen, wasindiesem Werke im Einzelnen nachgewiesen werden soll,wobei zugleich auf die mir seither gemachten Einwendungendie Antworten ertheilt werden.Es istnoch kein Jahrhundert verflossen, seitdem durchSchlözer und Eichhorn sich in der Gelehrtenwelt einvorher unbekannter Sprachgebrauch festzusetzengcwussthat, nach welchem alle mit der hebräischen Sprache indieselbe Sprachfamilie gehörenden Sprachen semitische unddie sie sprechenden Völker Semiten genannt werden,wenn sie auch im A. T. constant zu den Chamiten gezähltwerden, Cananiter mit den Phöniziern, Aethiopenoder Cuschiten, Phut oder Libyer.Dieser neuere Sprachgebrauch geht von folgenderThatsache und folgendem Schlüsseaus:Die Hebräer und die Cananiter-Phönizier redeten dieselbeSprache* Ihre Sprachen gehörten nicht blos derselbenSprachenfamilie an, sondern sind sogar nur dialektischverschieden.So ist es auch mit dem Chaldäischen.Diese Thatsache ist richtig. Daraus wird der Schlussgefolgert: Da die Hebräer nach ihrer eigenen AnsichtSemiten sind, so ist auch ihre Sprache eine semitische,die ganze Sprachenfamilie die semitische.Dass dieser Schluss ein unrichtiger sei, soll im Verlaufausführlich und gründlich nachgewiesen werden.Einstweilen diene blos zur orientirenden Vorbereitung


— 51 —die Bemerkung, dass dies derselbe Schluss ist, wie wenneiner aus der richtigen Thatsache, dass die Franzosen(Franfais,Franken), Burgunder und Lombarden (Longobarden)romanische Sprachen reden, folgern wollte, dassnicht blos die Deutschen, welche romanische Sprachenangenommen haben, sondern alle Deutsche Romanenseien, ihre Sprache eine romanische*Sonst hält man es für ein kritisches Gesetz, von derältesten Ueberlieferung als der Basis der Untersuchungauszugehen. Hier geht man von einem ganz modernenSprachgebrauch aus,und wenn zu demselben die Ueberlieferungnicht passt, wird sie einfach für falsch erklärt.Dieser Schluss ist veranlasst und begünstigt durchein jüdisches (nicht durch ein hebräisches) selbstgefälligesVorurtheil, nach welchem vor der babylonischen Sprachverwirrungalle Welt hebräisch sprach* Dies hatten dieRabbiner sogar nach ihrerZahlensymbolik oder Gematriaausgerechnet* Derselben Ansicht war auch noch IsaakAbarbanel zugethan. Es folgten die Kirchenväter Origenes,Hieronymus und Augustinus mit der Behauptung,dass das Hebräische die Ursprache sei* Die Buxtorfehielten das Hebräische wenigstens für die Ursprache derSemiten, ohne jedoch den Ausdruck „semitische Sprachen**auf die ganze Sprachenfamilie auszudehnen* Und dochhätte diese Anwendung, wenigstens für einen alten Orthodoxender damaligen Schule, so nahe gelegen* Dennwenn das Hebräische ursprüngliche Sprache der semitischenHebräer war, so ist sie nothwendig eine semitische Spracheund die ganze Sprachenfamilie die semitische* Uebrigensfehlte es auch nicht an solchen, welche die griechischeSprache für die Ursprache des Menschengeschlechteshielten. Und wenn die Araber das Arabische für die4*


— 52 -Sprache Gottes halten, so gilt es ihnen ja auch für dieältesteSprache.So wenigf lag aber diese Ueberhebung ihrer Spracheim Sinne der alten Hebräer und des A. T., dass dasHebräische nicht Hebräisch oder Sprache Sem'st Abraham's,Israelis oder dergleichen genannt wurde, sondern echthistorisch Sprache Canaans, also als eigentliche Spracheder Cananiter* Ebenso bezeichnen diese Sprache dieGriechen als phönizisch. Weil der Dichter Choirilos dieSolymer phönizisch sprechen lässt, halten Hecatäus vonAbdera, Manethos, Eupolemos, Agatharchides und FlaviusJosephus die Solymer für Juden, woher statt Jerusalem,welchen Ausdruck noch Aristoteles gebraucht hatte, derName Hierosolyma bei den Griechen und Römern aufgekommenist.Gegen jenes Vorurtheil zu Gunsten der hebräischenSprache als der Ursprache hat zuerst Leibniz angekämpftund dasselbe zu entfernen gesucht.In neuerer Zeit ist die keinem Altorthodoxen eingefalleneBezeichnung dieser Sprachenfamilie als einer semitischenvon Schlözer und Eichhorn durch den Umstand begünstigtworden, dass der bisher übliche Name orientalische Sprachenseit der genaueren Bekanntschaft mit dem Sanskrit, Zendu. s. w. und ihrer Familienzusammengehörigkeit mit denoccidentalischen Sprachen als nicht mehr passend aufgegebenwerden musste. Nachdem nun durch FriedrichSchlegel der Ausdruck „indogermanische Sprachen'* fürdiese ganz andere orientalische Sprachenfamilie aufgebrachtund durchgedrungen war, glaubte man im Gegensatzdazu die phönizische Sprache Canaans semitischnennen zu müssen, weil sie auch von den semitischenHebräern, Terachiten, Chaldäern gesprochen wurde.Ver-


— 53 —geblich bekämpfte Stange diesen letztgenannten Sprachgebrauch.Weder seine Gründe, noch sein Name warengewichtig genug gegen Männer wie Schlözer und Eichhottifund das um so weniger, da Stange zu dem nuneinmal unpassend gewordenen Namen von orientalischenSprachen zurückgekehrt war.^^Am Schlüsse seines Werkes schreibt Müller:„Es wurde bei allen einzelnen semitischen Völkernnachgewiesen, wie sie in ihrer oberasiatischen Heimatindogermanisch sprachen, in den chamitischen Ländernaber chamitische Sprachen annahmen* Eine wichtigeRolle spielt hier die Frage nach der ägyptischen Sprache,ob sie mit der phönizischen und verwandten in dieselbeFamilie gehöre? Sie ist allerdings eine andere Sprache,wie das Französische eine andere Sprache ist als dasDeutsche. Aber wie diese beiden in dieselbe Familie gehören,so jene beiden* Dies ist durch Hinweis auf dieUntersuchungen der gelehrtesten Aegyptologen gezeigtworden*Im dritten Buche, dem Culminationspunkt des Ganzen,wurde die gleiche Untersuchung für die Hebräer angestellt*Wie sie nach der Weise der übrigen Semiten aussersprachlicheCulturelemente von den Chamiten annahmen,so auch die Sprache, und zwar von den Cananiter-Phöniziern* Die entgegengesetzten Annahmen wurdenausführlich widerlegt* Das Hebräische ist also keinesemitischeSprache, sondern eine chamitische, Phönizischdie Sprache Canaans* Es gibt gar keine semitischeSprache*"Nun ja gewiss, es gibt keine semitische Sprache mitBezug auf semitische Völker* Denn nur das will ProfessorMüller sagen* An die nahe Verwandtschaft der


54sogenannten semitischen Sprachen und deren gemeinsameAbstammung von einem ursemitischen Dialekt zweifelter nicht im Geringsten, er läugnet nur, und mit Recht,dass die sogenannte semitische Sprachen redenden Völkereine ethnographische Gruppe bilden und dem Blute undder Abstammung nach mit einander verwandt sind. Dasser aber sämmtliche Semiten zu Indogermanen machenwill, ist allerdings köstlich, ebenso köstlich wie ähnlicheVersuche anderer ,,Gelehrten^% auch die Aegypter undChaldäer zu Indogermanen umzubacken*Die Völkertafel von Genesis JO klärt diese Räthselnicht auf. Chanaan ist der Sohn Cham's, nichtSem's, und doch wissen wir, dass die Chanaaniter Semitenwaren und keine Chamiten, der Sprache nach. Mizrajim,der Stammvater der Aegypter, und Kusch, der Stammvaterder Aethiopier, sind ebenfalls Söhne Cham's. Kuschist der Vater Nimrod's, des Erbauers von Ninive (I).nennt diese Völkertafel dieReusseigentliche und vollständigsteethnographische Mythe. Die Kuschiten (also ein Chamitenzweig),sagt Maspero, sprachen anscheinend eine demHebräischen, Arabischen und den übrigen semitischenMundarten sehr nahestehende Sprache. Die einfachsteErklärung dieser Erscheinung ist die, welche in denKuschiten und Semiten keine grundverschiedenen Rassen,sondern zwei zu verschiedenen Epochen zur Gesittunggediehene Theile ein und derselben Rasse erblicken würde.Maspero nennt die Kuschiten ganz apodiktisch einen „altenZweig der semitischen Völkerfamilie*% und einer solchenAutorität darf man glauben.Daher kein Antisemitismusohne Antikuschitismus.Das eine wird mir nun der geehrte Leser fetzt schongütigst zugeben wollen, dass in den Begriffen semitische


— 55 —Völker und semitische Sprachen^ insofern sie sich aufdie angfeblich von Sem abstammenden Völker beziehen,eine Confusion herrscht t die gar nichts zu wünschenübrigf lässt. Wird aber das zugfegfeben, dann erlaube ichmir die Frage, ob es gerecht und edel ist, Individuen,von denen man annimmt, dass sie zu einer Völkergruppegehören, deren Begriff so schwankend ist, wie eine aufder Nase eines Akrobaten schwingende Balancierstange,darum politisch und social als inferiore oder schlechtereWesen zu betrachten!Sicherlich werden die Antisemiten darauf erwidern,dass ihnen das hier über die Sprache zum Besten Gegebenelängst bekannt ist, aber mit der Frage gar nichtszu thun hat, ebenso wenig als wie der Urpatriarch Semund seine Kinder, Enkeln und Urenkeln*Es käme ihnengar nicht auf die Sprache an, ebenso wenig als wie aufden mythischen Urahn. Desto besser; wir können daherweiter gehen und fragen: worin unterscheiden sich denndie Semiten von den Ariern anders als in der Sprache?Sind sie vielleichtanthropologisch eine andere Menschenrasse?Auch hier ist der Unterschied deswegen schwerzu constatiren, weil die "Wissenschaft nichts weniger alseinig ist in der Eintheilung und im Eintheilungsgrundder verschiedenen Menschenrassen. Hier wird erst dieConfusion possierlich, viel ergötzlicher noch als beimbabylonischen Thurmbau! Linne hat vier Menschenrassen,die er nach den Continenten eintheilt, Blumenbachfünf, eingetheilt nach der Farbe, Topinard drei, — Eintheilungsgrundebenfalls die Farbe — Huxley vier, —Eintheilungsgrund der Körperbau — mit zusammen elfUnterabtheilungen; Friedrich Müller zwei, — Eintheilungsgrunddie Behaarung — mit je zwei Unterabtheilungen, die


— 56 —•wieder in Unterabtheilungen zctiidlcnf A* Retzius theiltdie Menschen ein nach vier kraniologfischen Typen,H. Weicker und Boca in fünf, J. Kollmann in sechs, —Eintheilangsgfund ebenfalls die Schädelform. Prichardhat sieben, Bory de St. Vincent fünfzehn, Morton 2weitindzwanzigMenschenrassen herausgfetüpfeltl Wie willman denn nach diesen Eintheilungen und Eintheilungfsgfründendie verschiedenen Semiten einschachteln! Dieschwarzen Abyssinier, die schwarzen und die weissenJuden, die fcrummnasig:en und stumpfnasigen, die hellhaari§fenund schwarzhaarigen, die schönentwickelten undgrossen spanischen Juden und die schwächlichen polnischen,die mageren arabischen und die fettleibigen marokkanischenHebräer» Ich constatire, dass eine Eintheilung undScheidung der Semiten weder auf Grund der Schädelform,noch der Farbe, noch des Haarwuchses, noch dergeographischen Etablirung streng wissenschaftlich undexact durchführbar ist.sondern nichtDass nicht blos nicht die Semiten,einmal die Juden als eine einheitliche Rasseoder Unterrasse betrachtet werden können, werde ichspäter nachzuweisen versuchen.Also mit der Sprache ist es nichts und mit dem Körperund seinen Formen und Theilformen ist es auch nichtsRechtes! Was bleibt nun übrig?Die Seele, der Charakter, das innere \7esen, antwortenstolz die Indogermanen. Wohlan, untersuchenwir streng diese angeblichen Unterschiede. Es ist derberühmte Renan, der es versucht hat, die Unterschiedezwischen Semiten und Arier zu fixiren und zwar inseinem Werke: „Histoire genitale et Systeme comparedes langues scmitiques^ ein Werk, das er in Paris imJahre J855 publicirte — das Datum ist wichtig — und


- 57 —das vom Institut de France preisgekrönt, von der römischen n A^-A/^A/Curie auf den Index gesetzt wurde. Renan nun ent- •wirft in dem ersten Capitel seines genannten Werkes ein \kühnes allgemeines Bild der semitischen Charakter- undGeisteseigenschaften. Nach seiner Meinung fallen 6itsemitische Sprachen sprechenden Völker thatsächlich zusammenmit einer bestimmten Menschengruppe; er vertrittalso gerade die entgegengesetzte Meinung wie J. G»Müller. Als charakteristische Merkmale der ganzen semitischenRasse führt Renan an: Sie haben keinen Sinnfür Wissenschaft und Philosophie, dafür einen ihneneigenthümlichen Sinn für die Religion; grosse Entwicklungder Subjectivitätt keine Rasse habe mehr egoistischeLeidenschaften, sie bilden eine inferiore Rasse der menschlichenGesellschaft, sie seien von Natur zum Monotheismusgleichsam prädisponirt, sie hätten nie eine Mythologiegehabt. Die Folge ihres Monotheismus sei ihre grosseIntoleranz, sie allein haben Propheten, sie haben denBegriff Offenbarung erfunden. Dem Semiten fehle deranalysirende Sinn and das Verständnis der Vielheit imWeltall; es fehle ihnen jedwede Neugierde, weil ihreVorstellung von Gottes Allmacht eine derartige sei, dasssie über nichts erstaunen. Es fehle ihnen jedwede Varietät, !jedweder Sinn für Nuancen; von Strafen kennen sie nurdie Todesstrafe, sie seien zum Ernst angelegt; es felileihnen die Gabe des Lachens, sie haben keine plastischenKünste, kein Epos. Sie haben kein Verständnis fürdie Civilisation in unserem Sinne, der Typus des Semitensei in den arabischen Wüsten zu suchen, sie seien vonNatur Nomaden, daher vollkommene Anarchie ein Merkmalder Rasse. Militärische Untüchtigkeit, Unfähigkeitzu jeder Disciplin und Subordination, keine persönliche


{ I— 58 —Aufopferungsfähigkeit; der Semite kenne nur Pflichtengegen sich selbst« Die Semiten seien unvollkommen inFolge ihrer Einfachheit, keine Abstraction, keine Metaphysik,ihre Sprachen seien nicht präcis. Soweit Renan.In diesem berühmten Capitel hat Renan den Grundgelegt zum rationalistischen, von der Religion losgelösten,nur dieEigenthümlichkeiten der Rasse betrachten wollendenAntisemitismus, einer Schule, dessen Hauptverfechter meinhochverehrter Freund ist,Professor Wahrmund, der dieseDarstellung Renan's weiter durchgeführt und entwickelthat in seinen interessanten Broschüren: „Das Gesetz desNomadenthums*'und „Babylonierthum, Judenthum undChristenthum*^ Aus dieser Darstellung Renan's habennun alle Rassenantisemiten geschöpft und sie immer weiterfür ihre Zwecke ausgebeutet, obgleich Renan selbst seineDarlegung des Wesens der semitischen Rasse später inFolge der Fortschritte der Assyriologie für antiquirtIerklären musste, was er auch getreu seiner Deviseveritatem dilexigethan und mit Freuden gethan hat»Renan hatte sich thatsächlich in seiner obigen Darstellunggründlich geirrt, was dadurch zu erklären ist,dass zur Zeit, wo er dieselbe schrieb, die grossen Entdeckungenauf dem Gebiete derAssyriologie noch nichtgemacht waren. Und wirklich fehlen die assyrische undbabylonische Sprache in seinem Register; sie glänzendurch Abwesenheit*Diesen Mangel scheint Renan schondamals empfunden zu haben, denn er schreibt in seinerVorrede: „Alle wesentlichen Charaktereigenschaften, dieich der semitischen Rasse und den Idiomen, die sie gesprochenhat, beigelegt habe, passen durchaus nur fürdie reinen Semiten, wie die Terachiten, die Araber unddie Aramäer im engeren Sinne und bewahrheiten sich


— 59 —nwr unvollkommen mit Bezug auf Phönicien, Babylonien^Yemen und Aethiopien. Aber es ist klar^ dass ich beieiner Besprechung über die Semiten im Allgemeinenhauptsächlich die Zweige jener Familie im Auge habenmusste^ die durch die Berührung mit dem Ausland amwenigsten beeinflusst waren und die die allgemeinen Zügeder Völkerfamilie am besten bewahrt haben* Ich willmich gegen den Vorwurf, dass ich mich in meiner Darstellungzuviel durch die Beobachtung der reinen nomadischenund monotheistischen Semitenhabe beherrschenlassen und dass ich aus derselben die heidnischen, gewerbe-und handeltreibenden Semiten zu wenig berücksichtigthabe, nicht vertheidigen, wenn man mir nurzugibt, dass blos die Ersteren uns schriftliche Denkmälerhinterlassen haben und dass nur sie allein in der Geschichteder Sprachen den semitischen Geist repräsentiren/'Ja eben, tempora mutantur. Erst im Jahre 1849 hatteF. de Saulcy den Beweis versucht, dass die assyrischeSprache eine semitische Sprache ist* Offenbar wussteRenan dies im Jahre tZ55 noch nicht, oder er war nochim Zweifel und wagte nicht, sich zu äussern. ProfessorJ. G. Müller versichert auf Seite 85 seines oben citirtenWerkes, dass Renan damals, also im Jahre J872, nochzugleich mit Gesenius, Lorsbach, Winer, Tuch, Runik,Hitzig, Jablonsky, Lassen, Bertheau und Roth dieassyrische Sprache für eine indogermanische gehaltenhabe. Er befindet sich also sammt seinem Irrthum inguter Gesellschaft; voreilig war aber seine Beschreibungder Semiten darum doch. Heute steht es fest, dass das \assyrische und babylonische Reich semitische Imperienwaren. Dasselbe ist auch bezüglich der Phönicier undHimjaren sicher, damit stürzt aber seine Theorie über|


60das innere Wesen dct Semiten zwsammen wie ein Kartenhaus.Stürzt aber die, dann kracht die wissenschaftliche,rationalistische, antisemitische Theorieebenfallsüber den Haufen und der Antisemitismusmuss zurück, wo er hergekommen ist, zur Theologie»Denn treten Phönicier, Aethiopen, Assyrer und Babylonierals anerkannte Mitglieder der „semitischen Völkergruppe''in die Öffentlichkeit, dann ist bewiesen, dass die gebildetstenund ältesten semitischen Völker polytheistischeSemiten waren, die eine reiche Mythologie besassen, einEpos hatten und zwar das Nimrod-Epos; dass sie unsdie ältesten Literaturdenkmäler hinterlassen, dass sie fähigwaren, grosse, militärisch starke und Jahrhunderte Standhaltende Imperien zu gründen, mit Disciplin und Subordination,dass sie der Wissenschaft ergeben waren, währenddie Ausgrabungen in Mesopotamien den Beweis liefern,dass die Kunst hei ihnen blühte. Fritz Hommel sagt inseiner Geschichte Babyloniens, Seite 5 : „Was alles in dergriechischen Kunst auf phönicisch-babylonische und assyrischeAnregung zurückgeht — ich weise hier nur aufdie Flügelgestalten, wie auf die jonische Säulenordnungals auf besonders Charakteristisches hin — tritt durch dieneuesten archäologischen Forschungen inimmer klareresLicht; auch hier ist fast nur babylonischer, weit seltenerein aegyptischer, eher noch hie und da ein aus beidengemischter Einfluss nachzuweisen . . . So bestätigenalso Cultur-, Religions- und Kunstgeschichte, dass Babylonienund nicht Aegypten die meisten Steine zu jenem gewaltigenBau, den wir Civilisation nennen, beigetragen unddass von Babylonien aus der Strom der Cultur theilszur See durch Vermittlung der Phönicier, theils auf dem Landwegeüber Kleinasien zu Griechen und Römern und damit


:— 6t -später auch ins romanisch - germanische Europa gegangenist/'Die Chaldäer, sagt der gelehrte Eduard Meyer, sindin Astronomie und Mathematik die Lehrmeister desgesammten Abendlandes gewesen. Die in der Bibliothekdes Königs Assurbanipal (Sardanapal) aufgefundenenContrakttäfelchen sind ein Beweis für die damals herrschendeRechtsordnung« Sie zeigen, dass Renan sich irrt,wenn er sagt, der Semite kennt nur die Todesstrafe»Eine semitische Bevölkerung finden wir in Nordbabylonienschon circa 3800 v« Chr» vor und sie ist circa 2500 v. Chr.die herrschende im Lande. Die neusumerischen Textesind, wie Hommel sagt, ganz aus dem semitischen Gedankenkreiseherausgedichtet.Freilich waren es nicht Semiten, welche zuerst Chaldäa bevölkertund canalisirt haben.Die erste Civilisation ist keinesemitische, sondern eine turanische, obwohl auch das bestrittenwird.Hören wir darüber F. Hommel. Er schreibt„Dass nicht die Semiten, sondern ein ganz anderssprachigesund andersgeartetes Volk die sumpfigen Niederungendes Euphrat canalisirtund besiedelt und zugleichdie Erfinder der Keilschrift und mancher weiteren Culturelementewaren, ist eine Thatsache, welche heutzutagekein vernünftiger Forscher mehr in Abrede stellen kann.Die leider mit vielem Aufwand von Scharfsinn nun seitüber zehn Jahren bis zum Ueberdruss vorgetragene undimmer wieder neu modificirtc Theorie eines jüdischenPariser Gelehrten, wonach die sumerischen Texte keineSprache, sondern nur eine Art Geheimschrift, bezw. einkünstliches grammatisches System hätten darstellen sollen,ist eine der absurdesten Behauptungen, welche je gemachtworden sind. Trauriger Weise gibt es keine so thörichte


— 62 -Aufstellung^ die nichts zumal bei nur oberflächlichenKennern der in Rede stehenden Textquellen^ sofortvielseitigfeZustimmung fände. So ist es auch hier^ und daskonnte um so leichter geschehen, als Halevy, der Urheberund Hauptverfechter der genannten Theorie, wirklich einausgezeichneter Kenner der semitisch abgefassten babylonisch-assyrischenLiteraturdenkmale ist. Und noch mehrmuss das allgemeine Urtheil, zumal bei Fernerstehendenverwirrt werden, wenn in allerletzter Zeit Forscher, welcheselbst einen rühmlichen Antheil am Aufbau der sumerischenGrammatik haben, in ganz bedenklicher Weiseden Anschauungen Halevys sich nähern.^^Nun wird niemand behaupten können, dass Hommelein Freund der Juden ist. Da er aber über die Semitennichts Böses sagen kann, so fürchtete er sich offenbar,für einen Juden gehalten z\s werden und findet sich veranlasst,in dem Vorwort seines Werkes: „SemitischeVölker und Sprachen^' ausdrücklich zu erklären, dass erweder jüdischen Blutes sei, noch aus judenfreundlichemAntriebe schreibe. Dem berühmten Petersburger Professorund Semitologen Chwolson wirft er sogar vor, in seinemWerke „die Semiten" übermässig günstig für dieselbenzu schreiben, da er ein Jude sei! Das war nothwendigvorauszuschicken, damit man mir nicht den Vorwurfmachen könne, nur den Semiten freundlich gesinnteAutoritäten anzuführen. Man darf Hommel somit fürganz unverdächtig betrachten, wenn er erklärt,„dass dieuns im zweiten vorchristlichen Jahrtausend in Nordbabylonienentgegentretende, schon so hochentwickelte Cultur,vor allem die Wissenschaften, nie ohne die Mitwirkungder Semiten zu Stande gekommen wäre und dass nurdie Grundlage der babylonisch-assyrischen Cultur von


— 63 —den Sumeriern stamme^ ihr Ausbau und ihre Vollendungaber ein Werk der Semiten seit wenn auch die Letzterennie ohne jene Grundlagen dieselben geschaffen hätten."Das ist allerdings gelungen! Wie weiss denn Hommel,dass die Semiten ohne jene Grundlagen diese Cultur niehätten schaffen können? Weiss denn Hommel, dass dieSumerier jene Cultur geschaffen und nicht selbst wiedervon einem anderen uns unbekannten Volke entlehnt unddiese wieder von einem anderen und so fort? Spukt danichtdie biblische Auffassung, dass die Menschheit ungefähr6000 Jahre alt ist, herum, oder etwas Antisemitismus ?Welche Cultur, frage ich, hätten denn die Germanen,Gallier und Slaven zu Stande gebracht ohne dievorhergehenderömische, welche Cultur die Römer ohne dieGriechen, die Griechen ohne die Phönicier u. s. w. u» s. w.,bis in die tiefste Nacht der Zeiten ?Nicht von den Sumeriern, sondern von den Semitenstammt die babylonische Sage von der Weltschöpfung,dem Paradies mit den 4 Strömen, der Sündflut und demThurmbau» Hören wir Hommel selbst:„Was nun die Frage anlangt, wie sich diese merkwürdigenÜbereinstimmungen erklären, ob durch blosseEntlehnung der Hebräer von Babylonien her oder umgekehrt,so möchte ich aus ähnlichen Gründen, wie obenbei den Busspsalmen, eher das letztere annehmen, wennnicht etwa eine Tradition von der Erschaffung der Welt,dem Paradies mit vier Strömen (natürlich noch namenlosund ohne geographische Fixirung), dem Fall der Engelund dann der Menschen schon zum ältesten Besitz dernoch vereinigten Semiten gehört hat, was mir noch wahrscheinlichererscheint. Dann sind von den semitischenBabyloniern diese Vorstellungen mit der sumerischen


— 64 —Göttcfwclt verquickt worden, bei den Israeliten aberhaben sie sich wesentlich in der ursprünglichen Reinheiterhalten, mit Ausnahme dessen, was von babylonischenEinflüssen schon vor Abraham (alles in J S was direktauf Babylonien weist, so der Name Eden = idinu Feld,"Wüste, Nimrod und die Thurmbaugeschichte) und besondersdessen, was weiterhin durch J ^ (Lokalisirungf derParadiesesströme, Sintflut u. a.) und vollends durch denPriestercodex dazu gekommen ist. Es ist bedeutsam,dass von diesen babylonischen Weltschöpfungsfragmenten(wie dasselbe auch vom Nimrod-Epos und der Höllenfahrtder Istar gilt) sich kein einziges sumerisches Stückgefunden hat, was kein Zufall sein kann. Es sind dieseTexte einunbestreitbares Eigenthum der semitischen BevölkerungBabyloniens, wie ebenso der Ruhm, ein eigentlichesEpos geschaffen zu haben (welchen Namen dasursprünglich circa 3000 Zeilen lange Gedicht von Nimrodin vollem Masse schon der ganzen Anordnung und desStiles halber verdient), nicht den Sumeriern, die es nurzu kürzeren Götterlegenden, und auch diese erst in der neusumerischen,vom Semitismus so sehr beeinflussten Epoche,gebracht haben, sondern ebenfalls den Semiten verbleibt.Nach diesen Sprachproben gehört also das Babylonisch-Assyrische mit dem Kana'anäischen (wozu man phönicisch,hebräisch und moabitisch rechnet), dem Aramäischen(syrisch, sogen, biblisch-chaldäisch, palmyrenisch u. s. w.)und dem Arabischen, zu welch letzterem nicht nur dasSabäische in Südarabien, sondern auch noch das sogen.Äthiopische und Amharische in Abyssinien zu zählenzu einerist,einzigen enggcschlosscnen Gruppe von Sprachen,welche man seit lange (vgl. darüber Stade's Geschichtedes Volkes Israel) die semitischen zu nennen sich gewöhnt


— 65 —hatt wie denn auch in Folge dessen die sie redendenVölker in der Ethnologie Semiten heissen.Unter solchen Umständen ist es nur zu erwarten, dassneben dem constanten Typus auch die Charakterzüge,die den andern Semiten eigen sind, bei den Babyloniernund Assyrem sich wiederfinden oder wenigstens theilweiseerkennen lassen, wenn man dabei auch in Rechnungziehen muss, dass die Hebräer noch viel von ihremursprünglichen Nomadenthum auch noch in der späterenZeit an sich hatten, die Aramäer noch in assyrischer Zeitgrösstentheils Nomaden waren, die Araber esheute nochsind, während die semitischen Bewohner des EuphratundTigrisgebietes schon von Anfang ihres geschichtlichenAuftretens an als ein sesshaftes, im Besitz einerhohen Cultur befindliches Volk uns begegnen; dennmanche Seiten des ursprünglichen Nationalcharakterswerden durch solches Weiterrücken in eine höhere Culturstufeverwischt oder verändert, und neue Seiten, den nochlänger im Nomadenstand gebliebenen oder ganz in ihmverharrenden Brüdern und Vettern fremd, bilden sich aus.In der That treffen wir nun bei den Babyloniern undAssyrern so manches, was uns sofort an ihre uns längstaus der Bibel und der Weltgeschichte bekannten Verwandtenerinnert^ in schönster Bestätigung somit zu denaus Sprache und leiblichem Typus gewonnenen Resultaten*Es ist sehr schwer, in wenigen Strichen ein zutreffendesBild des semitischen Nationalcharakters zuentwerfen« Eduard Meyer in seiner sonst so trefflichenGeschichte des Alterthums sagt: „Grosse Nüchternheitdes Denkens, scharfe Beobachtung des Einzelnen, ein berechnender,stets auf das Praktische gerichteter Verstand,der die Gebilde der Phantasie durchaus beherrscht und


- 66 -jedem ffeieren Flüge des Geistes in ungemessene Regionenabhold ist, das sind Züge, die den Araber «ndPhönikeft den Hebräer ttnd den Assyrer kennzeichnen'^ein Urtheil, welches im grossen «nd ganzen zutreffend,aber nicht vollständig ist* Wo dann Meyer auf Einzelheitenzu sprechen kommt und dies Urtheil des näherenauszuführen Gelegenheit hat, wird er dagegen von soeinseitigen, fast persönlicher Antipathie gleichkommendenAnschauungen geleitet, dass man wirklich sagen muss,die Semiten, die doch so eine gfosse, ja eigentlich dieHauptrolle in seinem Werke spielen, sind von ihm daringründlich verzeichnet worden* Man vergleiche z* B*Auslassungen wie (a* a* O*, S. 209, Anm.): „Dieselbeentsetzliche Nüchternheit, welche den Qorän beherrscht,und durch die er gewirkt hat, liegt auch den Menschenopfernder Kanaanäer, den religiösen Phrasen der Assyrerund schliesslich auch dem Jahvismus (d. i. der alttestamentlichenReligion) zu Grunde'% oder wo er speciell vonder Religion der Semiten redet (a* a* O*, S* 2n unten):„Das Verhältnis der einzelnen Menschen den Gottheitengegenüber wird nur streng verstandesgemäss und rechnendaufgefasst; ein ethisches oder mystisches Verhältnis zurGottheit liegt dem Semiten völlig fern'% u* ä*, währendgerade umgekehrt ein in dem Mass keinem andern VolkderErde innewohnender monotheistischer Zug und damitin Zusammenhang eine aus dem Innern kommende Hingebungder ganzen Person an die Gottheit ein Hauptcharakterzugaller Semiten (wenn auch bei den Israelitenam meisten entwickelt) gewesen ist* Es ist ja wahr, dassz* B* die Grausamkeit der Assyrer den fremdländischenKriegsgefangenen gegenüber, die uns so oft empört unduns das ganze Volk unsympathisch macht, zu auffällig


67an g^ewisse Züge des gleichen Fehleirs bei den altenIsraeliten erinnert ^ als dass man dabei nicht an einesemitische Charakteranlage zu denken versucht wird, unddennoch sind das nur Ausschreitungen und Auswüchse,die nicht auf Rechnung des Volkscharakters gesetztwerden dürfen — der Semite ist nicht grausam von Hausaus, da ja dies sonst an den religiös seit Jahrtausenden verwildertenarabischen Beduinen ganz besonders hervortretenmüsste, was thatsächlich nicht der Fall ist — , sondernim Gegentheil: während bei so vielen andern (auch indogermanischen)Völkern, von denen im Lauf der Geschichtedie unerhörtesten Scheusslichkeiten und Gewaltakte zuverzeichnen sind, die reine Lust am Morden und Folterndas Motiv derartiger Handlungen (oder in diesem Fallbesser Schandthaten) war, so ist es hier ein nationalerVorzug, nämlich der treue Eifer um das Heiligste, dessenallerdings abstossender Kehrseite die erwähnten Grausamkeitenentsprungen sind. Nennen wir dieselben mit Rechtbeklagenswerthe Vorurthcile, aber man muss doch zunächstein Volk danach beurtheilen, wie es im eigenenHause, im eigenen Lande schaltet und waltet, nichtFremden gegenüber, die ihm in diesem Falle lediglichals die zu vertilgenden Feinde seines Gottes gelten« Undda treten uns die Semiten, und nicht blos die Israeliten,sondern auch die Babylonier und Assyrer, doch ganzanders entgegen, als sie nach dem Bilde, wie es EduardMeyer angedeutet, zu sein scheinen.Hommel bekämpft hier sehr richtig die AnschauungEduard Meyer's, er untcrlässt es aber, seine eigene Behauptungzu beweisen oder wenigstens zu motiviren, nachwelcher wir bei den Babyloniern und Assyriern so manchesantreffen, was uns an die anderen aus Bibel und Welt-5*


'— 68 -gcschichte bekannten Semiten erinnert. Hiefür gibt eraber kein einzigfes Beispiel^ «nd er wäre sicherlich inder grössten Verlegenheit, wenn er dazu aufgefordertwäre*Ein anderes grossartiges semitisches Volk sind diePhönicier» Auch ihnen wollte der Antisemitismus dassemitische Blut absprechen, was um so leichter schien,da nach Genesis \0 die Phönicier zu den Chamiten zugehören scheinen* Doch dem ist nicht so. Die Kanaanitersind sicherlich Semiten, und die Phönicier bildeneinen von ihren Zweigen. Jesaias J9, 18 nennt dasHebräische die Sprache Kanaans. Diese Phöniciernun gelten als die Erfinder der Schifffahrt; Carthagowar eine phönicische Colonie; Hannibal ein Semite!Phönicier haben wahrscheinlich Afrika umschifft, siegründeten zahlreiche Colonien auf Cypern, Rhodus, Greta,Malta, Sicilien, Sardinien, auf der Nordküste von Afrikaund in Südspanien; die Purpurfärberei, Weberei, Glasbereitung,den Bergbau, die Verarbeitung der Metalle,die Baukunst haben sie theils erfunden, theils zu hoherVollendung ausgebildet. Dazu waren sie in mancherHinsicht die Lehrer der Griechen.Professor Dr. Hertzberg schreibt in seiner Geschichtevon Hellas und Rom (Seite J5)„In erster Reihe ist da der Einflüsse zu gedenken,welche von den bereits hochentwickelten Culturländerndes Morgenlandes auf das fugendliche, reichbegabte, unendlichbildungsfähige griechische Volk ausgeübt wurden.Die Träger und Vermittler aber dieser Einflüsse warendiePhöniker.Die Phöniker haben ohne Zweifel längere Jahre hindurchauf die griechischen Küsten einen sehr starken


- 69 —Druck ausgfeübt. Sie haben aber auch, und zwar nichtblos in der Sagfe und Mythologie der Griechen, sehrstarke Spuren zurückgelassen.Die Gestalten der Religiondes semitischen Handelsvolkes, vor Allen Baal-Melkart,Moloch, die Kabiren haben die Mythenbildung, dieHeldensage, zeitweise selbst den Cultus der Griechen insehr kenntlicher Weise beeinflusst* Nicht minder kenntlichist die Abkunft der allerdings durch den griechischenIdealismus völlig umgebildeten und veredelten Aphroditevon der wüsten, blutig-lasciven Aschera- Astarte derPhöniker. Ganz unmittelbar aber auf die politische Entwickelungder Altgriechen wirkte bei diesem hochbegabten,zu allen Zeiten seiner Geschichte durch das Beispielfremder Ueberlegenheit zur Nacheiferung angeregtenVolke die überlegene Civilisation, mit welcher die Phöniker,die um 1200 v. Chr* überall festen Fuss in demneu entdeckten Gebiete gefasst hatten, unter den Griechenauftraten. Es dauerte natürlich länger, bis die Griechenüberall die Technik der Semiten nachzuahmen vermochten.Aber das Vorbild der nautischen Thätigkeit und Tüchtigkeitder sidonischen Männer, und zu Lande die Kunstin der Anlage von Verschanzungen wirkte sehr nachhaltig.Gerade nach Seite der baulichen, der bergmännischenund der Ingenieurtüchtigkeit sind die Phönikerfür lange die Lehrmeister der Griechen geworden. Abersie brachten den Letzteren auch die Schrift und namentlichdas babylonische Mass und Gewicht, überhaupt abercivilisatorische Anregungen jeder Art."Ernst Curtius schreibt in seiner Epoche machenden„Griechischen Geschichte" I, S. 47:„Endlich trat die Berührung mit den fremden Völkernein, und damit beginnt diejenige Entwickelung des religiösen


i'und- 70 —iBewüsstseinst welche sich in gewissen Hauptpunkten geschichtlichnachweisen lässt; es ist der Uebergang ausdct vothellenischen oder pelasgischcn Periode in diehellenische; es ist die Zeit der allmählichen Entstehungeiner griechischen Götterwelt. Denn so wie die pelasgischenStämme in den Weltverkehr hereingezogen wurden, sowie ihre Lebensbezichungen sich vervielfältigten, glaubtensie auch neuer Götter zu bedürfen, da sie den einheimischenüber den Kreis ihrerbisherigen Lebenssphäre hinaus keinVertrauen schenkten*Und in dieser Beziehung war nichts von grösserer.Bedeutung als die Berührung mit den Semiten. ArierSemiten haben wegen des natürlichen Gegensatzes,der zwischen ihren Rassen besteht, am folgenreichstenaufeinander eingewirkt,und zwar waren es die Letzteren,von denen die Einwirkungen ausgingen, denn sie warendie in der Cultur vorgeschrittenen; sie waren den sesshafteren,stetigeren, schwerfälligeren Ariern gegenüberdie Beweglicheren, Erregbareren und Erfindungsreicheren.^*Professor Chwolson schreibt in„Die Ssabier und der Ssabismus** II, 336.seinem Standard work„Die Mysterien wurden also auch im Occident inunterirdischen Gebäuden gefeiert. Da dies auch beiunsern Ssabiern der Fall war und da der Name dieserunterirdischensemitischerGebäude oder Cavernen unzweifelhaft einist, so behaupten wir ferner, dass dieser Brauchaus dem Orient nach dem Westen verpflanzt wurde;wir glauben sogar aus diesem Umstände mit Sicherheitfolgern zu können, dass alle Gottheiten, deren Mysterienin solchen Megären gefeiert wurden, von Semiten inGriechenland eingeführt wurden.jaDie historischen Folgerungen,die sich daraus für die ältesten Zustände Griechen-


— 71 ~lands und für den Einfluss semitischer Elemente auf dieerste religiöse und staatliche Entwickelungf der Griechenziehen lassen, sind von grossem Gewicht» Die erstenBewohner von Megaris, welche nach der eben angeführtenNachricht des Pausanias den von ihrem König Kar erbautenTempel der Demeter Megara nannten, müssenSemiten gewesen sein, da sie diesem Tempel einen semitischenNamen beilegten. Diese Semiten haben denCultus dieser Göttin aus ihrer Heimath mitgebracht; dennsie können ihn nicht in Griechenland vorgefunden haben,da daselbst bei ihrer Ankunft noch Alles Tabula rasawar. Der Vater des Kar, Phoroneus, der Sohn desInachus, der Beherrscher des Peloponnes, muss alsoebenfallsein Semite gewesen sein, und er war es, dem 6'icArgiver die Erfindung des Feuers zuschrieben (Pausan.II, J9, 5); er war es, der zuerst die zerstreuten Menschenin gemeinschaftliche Wohnorte vereinigt hat, und seinVater Inachus soll derjenige gewesen sein, der zuerst derHera geopfert haben soll (ib. J5, 4 f.). Semiten warenCS also, welche die. ersten und nothwendigsten Grundlageneiner Civilisation und eines staatlichen Lebens inden südlichen Theilen Griechenlands gelegt haben.**C. S. WoUschläger in seinem „Handbuche der AllgemeinenLiteraturgeschichte** schreibt: „Wenn nun aberauch di^ Erfindung der Schreibkunst überhaupt den Semitennicht zuzuschreiben ist, so stehen sie doch durchdie Erfindung des dem babylonischen Schriftsystem angepasstensemitischen Alphabets einzig in der Welt da,und es bleibt das grossartige, unvergängliche Verdienstdes Volkes der Phönicier, das Alphabet unmittelbar undmittelbar über den grössten Theil der Erde verbreitet zuhaben. Vom altsemitischen Alphabet stammen nicht


— 72 —nur sämmtlichc semitische Alphabete — vom himjaritischäthiopischenwurde dies erst in neoerer Zeit nachgewiesen— , es stammen von ihm das griechische (woraus daskoptische geflossen), die italischen Alphabete, ferner dasaltbaktrische, dann das armenische, das georgische»Dochnoch überraschender ist die Thatsache, dass auch dieübrigen asiatischen Alphabete, mit Ausnahme der in denchinesischen Culturbereich fallenden, hierher zurückzuführensind. Seit den scharfsinnigen UntersuchungenAlbrecht Webers war kein Zweifel mehr vorhanden,dass auch der Ursprung der indischen Schrift kein andererals derselbe ist, welcher den Schriftarten der Semiten undder abendländischen Völker zu Grunde liegt, nämlichder phönizische oder richtigerder babylonische."Diese gelehrten Autoritäten dürften alsZeugen dafürgenügen, wie viel die griechische indogermanische Culturdem semitischen Volke der Phönicier verdankt* Ihmverdanken die Hellenen die Kenntnis der Schrift, deskanaanäischen Alphabets ;sie haben den kaufmännischenSinn bei den Griechen geweckt, von den Phöniciern habendie Griechen gelernt bei nächtlicher Seefahrt Norden nachdem Polarstern und damit den Curs zu bestimmen. Wobleibt nun die antisemitische Behauptung, dass den Semitender Sinn fehltfür Kunst, technische Erfindungsgabe, Gemeindeverfassung,Politik, Schiffahrt, Colonisierung?Waren diese Phönicier eine race inferieure?Eine Riesenblamage des wissenschaftlichen Rassenantisemitismusfürwahr, dieseneuen Entdeckungen und Ausgrabungen!Keine der Behauptungen Renan's — betreffendden Charakter und das Wesen des Semiten —ist auf den Beinen geblieben; da liegen sie am Bodenund werden wohl nie mehr ernst genommen werden.


— 73 —Aber ict Antisemitismus ruht nicht und deutelt nunherum an den steinernen Thatsachen der archäologischenFunde. Sie greifen zu einem Kniff, den ich das Wegfischenbenennen möchte. Er besteht darin, dass sie allesGute, Treffliche, von den Semiten für die Cultur Geleistete,als von anderen nicht semitischen Culturvölkernentlehnt, darstellen. Die Verdienste der Chaldäer für dieCivilisation sind nun einmal nicht zu leugnen. Wasthun die Antisemiten?Sic versuchen glauben zu machen,die Chaldäer seien, obwohl sie eine semitische Spracheredeten, gar keine Semiten gewesen, sondern Indogcrmanen.Nun sind aber von allen Semiten geradedie Chaldäer mit den Hebräern am verwandtesten(J. G. Müller Seite 75). Das Nimrodepos und dieHöllenfahrt der Istar, wiewohl in semitischer Spracheverfasst, soll nicht ein Werk der Semiten, sondern ihrerVorgänger, der turanischen Sumerier, und von denErsteren blos übersetzt worden sein. Der Gedankengangist nämlich folgender: Die Semiten sind uncivilisirbareBarbaren, culturunfähige Nomaden, die in Kunst,Literatur und Wissenschaft und Politik gar nichts leistenkönnen; nun haben wir aber ein semitisches Epos, einesemitische Kunst, Literatur, Mythologie und Wissenschaft,geordnete semitische Grossmächte etc. etc. Alsowaren diese Künstler, Gelehrte, Staatsmänner, Feldherrenetc. etc. gar keine Semiten! Dies ist aber einwahres Monstrum von einer petitio principii. Nun gehtCS aber hier nicht mehr so weiter, seit die Assyriologiebewiesen hat, dass die oben erwähnte Kunst und Literaturund die wissenschaftlichen Leistungen das Verdienstnicht der Sumerier, sondern der Semiten sind. Die Indogermanenbedauern es lebhaft, dass die ältesten Cultur-


— 74 —Völker Babyloniens^die Sumerier und Accadiert Turaniersind und keine Indogfefmanen, und sie sind naiv gfenugftes offen auszusprechen, so sehr lieben sie ihre eig'eneRasse! Es ist ihnen aber doch tausend Mal lieber, dassTuranier die Träger dieser alten Cultur sind,als Semiten.So trachten sie daher, wo es nur geht, den Semiten Verdiensteabzuleugnen und wegzufischen, um sie den Turaniernzuzuschwärzen, wenn sieselbst als Indogermanenauch nichts davon profitiren* Helfe, was helfen kann,aber den Semiten sollnirgends Ehre noch Anerkennungnoch Ruhm zu Theil werden* So wirthschaftet derHass gegen das kleine Völkchen der Juden auch aufwissenschaftlichem Gebiete.Was aber dieser Hass und diese Antipathie im Wegfischenzu leisten im Stande ist, das beweisen die Versuchegewisser Antisemiten, sogar den Moses zueinem Nicht -Juden und zwar zu einem Aegypterumzugiessen.So hat ein Ingenieur Namens W. Born ein Buchgeschrieben unter dem Titel: „Moses kein Jude, alphabetischeUebersicht der Leistungen des ägyptischenStaatsmannes Moses, Entdeckung des zweiten Gebotes:Uebe Barmherzigkeit." Nach der Darstellung des Autorswar Moses der Sohn der Tochter des Pharao, Enkel desKetzerkönigs Amenhotep IV. Die Tochter Pharaoshätte ihr uneheliches Kind Moses in ein Kästleinvon Rohr gelegt, die ganze Geschichte von der Auffindungdesselben wäre eineinscenirte Comödie gewesen,die Prinzessin habe das Kind als ein Kindlein derHebräer ausgegeben, um die Aufmerksamkeit von sichabzulenken. Es genügt jedoch dem Autor noch langenicht, den Moses den Semiten oder Juden wegzufischen.


— 75 -O nein! Ein Indogermane muss et sein, ein Arier. Dadies aber nicht so leicht geht, muss helfen, was dahelfen kann. Das Mittel ist radical; der Autor machtsämmtliche Acgypter zu Indogermanen. DerAutor schreibt wörtlich: „Der Rassenunterschied zwischenden indogermanischen Aegyptern und den Semitenwar zu gross etc.^* Auch erwähnt der Autor, dassMoses diesen Bericht des Exodus selbst geschrieben habe.Man sollte nun glauben, dass dies die höchste Leistungdes wissenschaftlichen Antisemitismus ist. Dochweit gefehlt; sie gehen noch viel weiter und haben esfrevelhaft versucht, selbst Christus den Herrn zu einemNicht -Juden und zwar zu einem Indogermanen zumachen, was natürlich nur möglich war durch Verleumdungund Preisgebung der Ehre seiner heiligenMutter. Es ist ein scandalöses Attentat auf den Glaubenund die heiligsten Gefühle der Christen und Muslims*Für die Christen war Maria die Mutter Gottes, für dieMuslims die Mutter des heiligsten Propheten. BeideReligionen glauben fest an die jungfräuliche Geburt desHeilandes. Selbst Ungläubige, Gelehrte wie Renan,Strauss, Reville und Andere, sogar der christenfeindlicheRabbiner Grätz in seiner Geschichte der Juden habendie Unehelichkeit der Geburt Christiund die Vaterschaftdes Pandera als böswillige Sage verworfen, was siesicherlich nicht in so apodiktischer Form gethan hätten,wenn die Sache auch nur einen Schein von Wahrheitan sichhätte.Das Eine aber steht fest : germanische Christen wiederholendie gehässigste Verleumdung eines Talmudjuden,dass Christus der Sohn eines Nicht-Juden war, um ihndadurch zu dem ihrigen zu machen.


76Man weiss gar nicht, von woher die Semiten eingewandertsind. Nach Hommel und Ktcmct war ihre urspfüngflicheHeimath Armenien, nach Sprenger undSchrader Arabien, nach Guidi der tintere Euphrat» Dassder Typus des reinen Semiten der arabische Nomade —der Beduine — ist, ist möglich, aber nicht gewiss; dieBevölkerung Arabiens besteht auch nicht durchwegs ausBeduinen, sondern aus Beduinen und Städtebewohnern.Die letzteren waren es, die den Islam geschaffen haben,und nicht die Beduinen, deren Islam, wie wir von Palgravewissen, stets ein äusserst oberflächlicher, ja fraglicher gewesenund heute noch ist. Als Renan im Jahre J855jene Darstellung schrieb, in welcher er den arabischenBeduinen zum Prototyp der semitischen Rasse machte,war Arabien beinahe noch ganz unbekannt.Die grossenberühmten Reisen von Burton, Maltzan, Snook Hugronje,Palgrave waren noch nicht gemacht, und man konnte sichdamals einbilden, dass die grosse Halbinsel fast durchwegsvon nomadischen Beduinen bewohnt sei.aber nicht richtig.Das istDer berühmte ArabienreisendeW. GiffordPalgrave in seinem Artikel „Arabia** in der EncyclopaediaBritannica bemerkt, dass die Städtebewohner ungefähr6 Siebentel der Gesammtbevölkerung Arabiens ausmachen.Dann bleibt also bloss i Siebentel für die Beduinen übrig,und trotzdem werden sie von den Antisemiten als derTypus nicht nur des Arabers, sondern der ganzen semitischenRasse dargestellt!Ueber die von den Antisemitenaufgestellte Behauptung, dass Beduinen und Räuber soziemlich gleichbedeutend ist, belehrt uns W. GiffordPalgrave weiter: „Diese Ansicht ist ungerecht. IhremBerufe nach und in ihrem gewöhnlichen Lebenslauf sinddie Beduinen blos Hirten und Viehzüchter, ihre Kämpfe


— 77 —untereinander, ihre Angriffe und Plünderungen vonReisenden und Caravanen sind Ausnahmen von derRegel und übrigens selten blutig/* Das schändlicheLaster der Päderastie, bei den indogermanischen Persemso häufig, kommt beim semitischen Araber nicht vor*Die griechische und lesbische Liebe sind nach indogermanischenLändern benannt!Unter allen Mohammedanern gibt es gerade bei densemitischen Arabern am wenigsten Laster und Verkommenheit.Dr. Reinhardt bemerkt in seiner Grammatik desOman- und Zanzibar-Dialectes, dass in Oman Eunuchenthumund Haremsverkommenheit unbekannt ist, dagegenFehden und Wegelagerei an der Tagesordnung.Er nenntdies ein Stück Mittelalter und denkt dabei sicher nichtan das arabische Mittelalter. Lady Anne Blunt, die mitihrem Gatten im Jahre J878 eine Reise nach dem Nedjd,der Urheimath der arabischen Rasse, unternahm, schreibtSeite 270 des ersten Bandes ihres Werkes: Ibn Raschiderhält die ganze Wüste im vollständigsten Frieden. Imganzen Distrikt des Djebel Shammar, der die wildestenund zum Theile von den wildesten Menschen bewohntenWüsten umfasst, kann ein Reisender ohne Waffen undEskorte ebenso unbehelligt reisen, als auf einer Chausseein England* Auf jeder Strasse in Djebel Shammar begegnetman Städtern, die auf ihren Eseln dahertrabenoder zu Fuss gehen allein, ohne Gewehr, noch Lanzeund ihr ganzes Vermögen bei sich tragen* Fragt mansie aus über die Gefahren des Weges, so werden sie antworten:„Sind wir denn hier nicht im Lande Ibn Raschid's?Kein noch so vollkommenes System von Patrouillen,Forts und Eskorten könnte ein derartiges Resultat erzielen***Und dieser Ibn Raschid ist ein Beduine* Lady


78Blunt bemerkt, dasses zwar für europäische Begfriffe vonPolitik wie ein Widerspruch klingt, die höchste Gewaltim Lande in den Händen der Beduinen zu wissen. Aberin Arabien sind dies die einzigen Hände, die damit umgehenkönnen*Die Stadt kann die Wüste nicht bändigen;will man also im Frieden leben, so muss die Wüste dieStädte bändigen. Karsten Niebuhr sagt in seiner Beschreibungvon Arabien, die anno J772 in Kopenhagenerschien: „Andere europäische Reisende wollen die Araberals Heuchler, Betrüger und Räuber gefunden haben.Ich habe aber keine Ursache, mich darüber zu beschweret^.Man trifft in Arabien schlechte Leute, aber auch hier,sowie in Europa und anderen Gegenden der Welt vielrechtschaffene brave Männer an.^*Er sagt, sie seien ernst,wenig zanksüchtig, reinlicher als die Europäer und inSüdarabien von Natur religiös, tolerant, gastfreundlichund höflicher, als die übrigen Mohammedaner.Die Antisemiten lieben es, die Leistungen der Araberzu verkleinern, ja als verächtlich und als geringwerthigdarzustellen. Ein Jahr, nachdem Renan seine mehrfacherwähnte Beschreibung der Semiten veröffentlicht, erschienin Wien das grosse Werk Hammer-Purgstall's„Die Literaturgeschichte der Araber^% 7 grosse schwereBände. Die arabische Literatur ist eine der bedeutendstenund reichhaltigsten der ganzen Welt, ihre Spracheeine der grossartigsten Geistesprodukte des Menschengeschlechtes.Was die Stellung der Frau bei den Semiten undnamentlich bei den Arabern betrifft, so hat Alfredvon Kremer, nach Hommel^s Meinung der besteKenner des altislamischen Lebens, darüber Folgendesgeschrieben:


- 79 —So war denn die sociale Stellung der Frau im Anbeg;innedes Islams eine durchaus würdiget selbständigeund hochgeachtete^ ja es herrschte durch einige Zeit eineritterliche Verehrung des schönen Geschlechtes^ man besangdie Frauen in liebeglühenden Gedichten und verklärteihr Bild mit dem ganzen Zauber der Poesie* Inden Erzählungen aus dem alten Sagenkreise der nordarabischenStämme galt nichts für edler^ ruhmvoller undnachahmungswerther, als wenn ein Ritter mit Verachtungjeder Gefahr, selbst mit Aufopferung des eigenenLebens die Frauen vor Schmach und Entführung schützt,und Antar, der Held der nordarabischen Sage,endet aufdiese Art sein Leben ohne Furcht und Tadel, indem erbei einem Ueberfalle die Frauen seines Stammes dadurchvor Entehrung rettet,dass er allein der ganzen feindlichenSchaar gegenüber Stand hält und den Rückzug der Seinendeckt. Tödtlich getroffen stellt er sich auf seinem Streitrossam Eingange des Hohlweges auf, stützt sich aufseinen Speer und gibt in\ dieser Stellung den Geist auf,während die Frauen unterdessen glücklich zum Lagerplatzedes Stammes gelangen, die Feinde aber es nichtwagen, sich ihm zu nähern* Erst als der Leichnam beieiner Bewegung des Rosses herabstürzt, werden sie gewahr,wie er selbst noch im Tode die Seinen beschirmte*Eine Frau zu verletzen oder gar zu tödten, galtdesshalb immer als die schmachvollste, ehrloseste That,und als das Weib eines Empörers auf Befehl des AbdallahIbn Zobair, des Gegenchalifen von Mekka, getödtetworden war, spricht ein Dichter hierüber seineEntrüstung aus und sagt zum Schlüsse: Uns Männernist es bestimmt, zu tödten und getödtet zu werden, denFrauen aber die Schleppe zu schleifen! ******


— 80 -Das zweifelhafte Verdienst ^ zuerst die hohe Stellungdes Weibes angegriffen und herabgedrückt zu haben, gebührtinerster Reihe den griesgrämigen und fanatischenTheologen des Islams. Nicht etwa, dass sie für weiblicheReize unempfänglich gewesen wären — sie hattenihr Harem gewöhnlich reich besetzt — aber ausserhalbdesselben gaben sie sich gerne den Anschein einer gründlichenVerachtung für irdische Genüsse und einer frommenEntrüstung über die Sündhaftigkeit der "Welt,die Leichtfertigkeitdes schönen Geschlechtes* Deshalb hat schoneiner der ältesten Traditionisten mit offenbarer Vorliebemehrere Ueberlieferungen vom Propheten gesammelt,welche dahin lauten, dass die Weiber grösstentheils indie Hölle kommen* Der fromme Herr vergass offenbarhiebei, dass Mohammed selbst das Paradies mit Hurysvon unvergänglicher Schönheit, Jugend und JungfräulichkeitbevölkertWie dem immer sei: auch andere Ursachen, die wirspäterbesprechen werden, führten bald einen moralischenund physischen Verfall der Rasse herbei* Solche edleFrauengestalten, wie wir sie früher kennen gelernt haben,wurden immer seltener* Zobaida, die kluge GattinHarun Rashyds, war die letzte Vertreterin dieser Classevon hochgebornen, edlen und eigenwilligen Frauen deraltarabischenAristokratieBald jedoch werden solche Frauen weit seltener,undzwar nicht blos deshalb, weil die alten Adelsgeschlechterin dem hochfluthendem Strome einer bewegten Zeit untergingen,sondern auch, weil man solche Frauen nicht mehrsuchte. Deshalb starben sie ausEs trat nämlich an die Stelle der standesgemässenEhe, auf die man früher so hohen Werth gelegt hatte.


- 8J —die Maitressenwirthschaft und die Alleinhcffschaft derHetärenSoviel lässt sich sagfen^ dass diese Umgfestaltung inder socialen Stellung der Frau in dem Zeiträume vomEnde der Omajjadenherrschaft bis auf Harun Rashydsich vollzogen hätte. Von nun an bewachen Eunuchendas Harem, die legitime Frau wird nun in den höherenStänden gewöhnlich vernachlässigt, und statt ihr herrschenam Hofe die Sängerinnen, Odalisken und dieEunuchenErst mit den Omajjaden-Chalifen kam die abscheulicheMode der Verwendung der Eunuchen zur Haremswacheauf, und zwar als Nachahmung des byzantinischenHofes oder der Ueppigkeit der persischenKönige. In der That wissen wir auch, dass der Handelmit Eunuchen ganz in den Händen byzantinischerSklavenhändler lagDer Charakter des arabischen Weibes zeigt eineglühende, leidenschaftliche Erregbarkeit und eine Tiefeder Empfindung, die es zur edelsten Entsagung und SelbstaufopferungbefähigtNur die Araber (Semiten!) haben solche gelehrteFrauen aufzuweisen, nicht die Perser und Türken(Nicht-Semiten), bei denen Damen sich höchstens aufpoetischem Gebiete versuchten. Sie übten sogar richterlicheFunctionen aus.Zu den schädlichsten Folgen des Haremlebens jenerZeiten gehört aber ein Laster, das mehr als alles Anderezu dem tiefen Verfall der Sitten, der geistigen und moralischenVerkümmerung des Orients und der Auflösungder Familienbande beigetragen hat6


— 82 —Der Verfasser des Kitäb almowashshä sagt Fol. J02:ftlch kenne keinen der älteren arabischen Dichter, der inseinen Gedichten auf etwas Anderes als auf die Verherrlichungfder Frauen dachteErst durch die näheren Beziehungen zu den Persernund besonders seitdem mit Beginn der Herrschaft derAbbasiden persische Sitten und Unsitten in den höherenClassen der arabischen Gesellschaft mehr und mehr sichverbreiteten, griffen auch die widernatürlichen Lastermehr und mehr um sich, denn schon im Alterthum erfreutensich die Perser und Meder einer schmachvollenBerühmtheit in diesem Punkte. . .In den ersten Zeiten des Islams war man in dieserHinsicht viel strenger*** . .Es ist somit unzweifelhaft, dass es Arier (Perserund Griechen) waren, welche die ursprünglich reinerenSitten der nomadischen semitischen Araber vergiftethaben.Und was schliesslich den arg verlästerten Islam, dieseRicsenthat semitischen Geistes, anbelangt, so müsste manja ein Buch schreiben, wollte man alle seine Vorzügeund Vortrefflichkeiten, sowie seine Schattenseiten darstellen.Hier genüge ein Ausspruch von Dr. Otto Pautz.Derselbe schreibt in seinem Werke „Mohammeds Lehrevon der Offenbarung" Seite 3:„Fürwahr, es hiesse das Walten Gottes in der Gesehichteleugnen, wollten wir den grossartigen Fortschrittdes Islam gegenüber dem altarabischen Heidenthum, dawir ihn nicht auf dämonische Einwirkungen zurückführenkönnen, als Wirkung natürlicher Ursachen betrachten,die es nach unserer innersten Ueberzeugung aufdiesem Gebiete überhaupt nicht giebt. Die Läuterung


— 83 —der GottesVorstellung;, die Aufrichtung eines gfeordnetenGemeinwesens an Stelle der blutigfen und gfegenseitigf aufreibendenStammfehde, die Sicherung des Besitzes, Regelungder Ehe, milde Behandlung der Sklaven, Barmherzigkeitgegen den Gast, gegen Elende und Arme,endlich die Abschaffung barbarischer Gewohnheiten, wiedes Lebendigbegrabens der neugeborenen Mädchen —das sind die Erfolge, auf welche Mohammed am EndeseinerWirksamkeit zurückblicken konnte/*Wenn also gelehrte Antisemiten, die Juden mit denArabern vergleichend und ihre nahe Verwandtschaft erkennend,dieselbe als etwas Ungünstiges, Unvortheilhaftes.Unerwünschtes, gewissermassen als ein Pech, einMalheur darstellen, so irren sie sich gewaltig. Ich gratulireden Juden aus ganzem Herzen zu ihrer sehr beneidenswerthenangeblichen Verwandtschaft mit der grossenedlen, herrlichen, begabten arabischen Rasse»Die Genesislässt Jahwe zu Abraham sprechen anlässlich der Vertreibungder Hagar und des Ismael Genesis 2J, J3:„Aber auch (Ismael) den Sohn der Magd (Hagar)will ich zu einem grossen Volke machen, weil er deinSame ist.**Und sind nicht etwa auch die südlichsten undschwärzesten von allen Semiten zu bewundern, nämlichdie Abyssinier, die seit i V2 Jahrtausenden in ihren Bergenden christlichen Glauben siegreich in unzähligen Kämpfenbewahrt und die noch vor wenigen Jahren die arischenItaliener geprügelt haben ä plate couture?Zum Schlüsse noch ein Wort des mehrfach citirtengelehrten und, wie wir gesehen haben, nicht judenfreundlichenProfessors Hommel. Er schreibt in seinem "Werke„Semitische Völker und Sprachen**:6*


84ffich. fragfe nun zum Schlüss^ ob ein Volksstamm,der im Alterthum einer der ersten und beinahe alleinigerTräger der Kultur, der von Anfang an der alleinigeTräger der reinen religiösen Idee, nämlich des Monotheismuswar, der ferner im Mittelalter die ursprünglichzum grossen Theil entweder auf seinen Schultern ruhendeoder doch zeitlich der seinigen erst gefolgte indogermanischeBildung wieder auf einhalbes Jahrtausend ansich nahm und so dem Abendland gerettet hat, der nochheut in Afrika und Asien den unkultivirten Völkerngegenüber eine relativ immer hoch zu nennende Civilisation,freilich jetzt innerlich faul und zersetzt, repräsentirt undin Europa in den wenn auch nicht sprachlich, so dochals Volk uns Indogermanen eng geschlossen gegenüberstehendenJuden mit schlauer Berechnung und der ihneneigenthümlichen Zudringlichkeit zwei Hauptfactoren dessocialen Lebens des 19» Jahrhunderts, das Geld und diePresse (ob zu unserm wie auch ihrem Nutzen, übergeheich hier), fast ganz in seine Gewalt bekommen — ichfrage, ob ein solcher Volksstamm ein niederstehender,eine „race inferieure*^ genannt zu werden verdient?Nach Licht- wie Schattenseiten, auf keinen Fall, — Oderwollen Sie Völker, die wie die Assyrer im Alterthumgrosse Kriege geführt und halb Asien unter ihre Botmässigkeitgebracht, wobei sie z. B. die kleinasiatischenund durch diese dann die europäischen Griechen ihreKunstformen kennen und nachahmen lehrten, — Völker,die, wie die Phönicier, von den Säulen des Herkulesund dem silberreichen Tartessos bisIndien ihre Handelsflaggenwehen liessen, die ferner den Griechen von ihrenColonien aus auch in geistiger Beziehung vielleicht mehr,als wir jetzt noch ahnen, übermittelt (vgl. nur die Buch-


— 85 —stabcnschfift und den Kult einiger uralten sumerischenGottheiten wie der Istar-Aphrodite, inderen Gefolge aberwahrscheinlich noch eine Menge andere Kulturentlehnungensich befanden), wollen Sie solche als unbegabt hinstellen?Wollen Sie Völker, die schon lang vor den GriechenGrosses in der Kunst (besonders in Weberei, Skulptur undArchitektonik) geleistet, ja von denen hierin, wie sichjetzt immer mehr nachweisen lässt, sogar die Griechen,dies Volk der Kunst, manches entlehnt, — Völker, dienoch bevor man Homers Gesänge recitirte, aus demsumerischen Götterkultus einen Cyklus epischer Gedichtewie die assyrischen Izdubar- und Istarlegendengeschaffen,die, vergleichen Sie die hebräische Dichtung, in lyrischerund didactischer Poesie so Schönes, Originelles, Grossartigesund Heiliges hervorgebracht wie kein anderes Volkdes Alterthums, die wie die Araber ohne jeglichen fremdenEinfluss schon in der vorislamischen Zeit für ihre Volkspoesiesich eine Metrik geschaffen, welche vollkommenebenbürtig neben der altklassischen des Abendlandes steht,wollen Sie solchen eine höhere Begabung absprechen?Völkern, bei denen wir, wie bei den Assyrern, die ältesteGrammatik und Lexicographie der Welt und zwar ausihrem eigenen Genius entstehen und sich ausbilden sehen,und welche in aridern Wissenschaften, wie in der Mathematik,insbesondere Astronomie, die Lehrer sämmtlicherVölker des Alterthums gewesen? Oder, wenn wirin spätere Zeit uns versetzen und in Spanien die herrlichenjüdischen Lieder eines Juda Halcvy, wie die unsdurch Schack in so reizendem Gewand zugänglich gemachtenandalusisch- und sicilisch- arabischen Poesienerklingen hören, wenn wir ebenda eintretenin die Säulenhallenund den Löwenhof der Alhambra, wie in Indien


86in die Prachtbauten dct Muhammedaner zu Delhi, wennwir sehen, was die Arabei* in der Wissenschaft geleistet,so in der Philosophie, wo z* B» die Deductionen unsererPhilosophen von Scotus Erigena bisKant und Schellingnach V» Kremers Urtheil nicht klarer sind als die derislamischen Denker, während bei einem anderen Zweigder arabischen Wissenschaft, nämlich dem bewunderungswürdigenSystem der arabischen Nationalgrammatik undLexicographie noch heute jeder Semitist in die Schulegehen muss und es mit dem Gefühl verlässt, dass wederGriechen noch Germanen jemals so fein ihre eigene odereine andere Sprache durchforscht und dass zumal unsereklassische Philologie mit ihrer Conjecturenjägerei undengherzigen, nur auf den Buchstaben blickenden Interpretationsweisevor der Methode der heutigen europäischarabischenPhilologie, welche auf die wissenschaftlichenSchulen der Araber gegründet und durch die semitischeSprachvergleichung vertieft ist, sich wohl neigen dürfte,statt auf sie als auf unnöthige Liebhaberei herabzusehen,— und wenn wir endlich uns daran erinnern, wie dasSchulwesen fast zu allen Zeiten und zum Theil nochjetzt bei den Semiten eine bei weitem höhere und wichtigereRolle als bei den Ariern gespielt, wie überhaupt auf dieAusbildung des Geistes der Semite von jeher grossesGewicht gelegt, so müssen wir doch bewundernd anerkennen,welche Aufgabe die Semiten in der KulturundWeltgeschichte zu vollbringen hatten und wie siedieselbe erfüllt: an Geduld, Ausdauer und Eifer weitüber den Indogermanen stehend, an Originalität undVielseitigkeit allerdings von ihnen übertroffen, aber dochvoll Begabung (nur ganz andrer Art als die der arischenVölker) waren sie, was nie zu vergessen ist, ihre Vor-


— 87 —ginget und Wcgbahncr in der geistigen wie materiellenKultur^ ganz abgesehen von ihrer hohen religionsgeschichtlichenMission, worin sie mit keinem andern Volksstammzu vergleichen sind/*Wie sehr sich Hommel hier irrt in dem Passus, welchervon den Juden handelt, werde ich gleich beweisen.Der Vollständigkeit halber sei hier noch auf denVersuch einer Charakteristik der „semitischen Völker**des bereits erwähnten Professors D. Chwolson verwiesen,eine interessante kleine Schrift von 62 Seiten, in welcherder gelehrte Autor den Versuch macht, bei den semitischenVölkern gemeinsame Charaktereigenschaften imGegensätze zu den Ariern zu entdecken» Der geehrteLeser wird es wohl entschuldigen, wenn ich auf dieseSchrift nicht weiter eingehe, da Chwolson selbst einJude war und, wie Hommel behauptet, mit seiner Schriftdie semitische Rasse bloss zu verherrlichen bestrebt war.Da Chwolsons Schrift im Jahre 1872 erschien, alsozu einer Zeit, wo die Assyriolo gie noch in denWindeln lag, so können wir dieses Werkchen getrostübergehen.Dr. Felix von Luschan, Docent an der BerlinerUniversität, schreibt: „Und nun bitte ich, zum Schlüssenoch eine einzige Frage aufwerfen zu dürfen — dienach den ethischen Eigenschaften der Juden. Renanhat die Semiten einmal als eine Race inferieure bezeichnet,und dieser Ausspruch, den jetztvielleicht Niemand mehrbedauert, als der grosse und verdiente Gelehrte selbst,der ihn einst gethan, hat so viele Anhänger gefunden,dass ich es mir nicht versagen kann, denselben hier zubeleuchten. Und da darf ich wohl erst ganz bescheidenmit Hommel daran erinnern, wie diese inferiore Rasse


— 88 —schon lange vor Homer epischeDichtungen gehabt hat^wie sie ein fertiges Keilschriftsystem besessen und wiesie grossartige Paläste mit kunstvollen, heute noch angestauntenBildwerken zu einer Zeit schon geschaffenhat, in der wir Deutsche noch in Höhlen und Erdlöcherngewohnt haben und kaum noch gelernt hatten, denFeuerstein zu Werkzeugen zu bearbeiten. Ebensomöchte ich bescheiden daran erinnern, dass unsere christlicheReligion auf semitischem Boden entstanden istund dass jene inferiore Rasse ein Jahrtausend früher dieBuchstabenschrift erfunden hat, aus der sich nachheralle europäischen Alphabete entwickelt haben, und dassein Jahrtausend später die arabische Wissenschaft inSpanien zu so hoher Blüthe gelangt ist, dass man ausganz Europa dahin zusammenströmte, um Mathematikund Astronomie, Medicin und Philosophie, Geographieund Geschichte an derQuelle zu studiren*So braucht man also nur an Babylon und Ninivezu denken, an Tyrus und Karthago, an Bagdad undGranada, um die culturhistorische Bedeutung der Semitenin den drei grossen Zeiträumen ihrer Geschichte zu erkennen.Aber auch von ihrer politischen und militärischenKraft hat diese inferiore Rasse Proben abgelegt,die nicht ganz unansehnlich sind:Die assyrischen Königehaben ein Weltreich geschaffen, gefestigt und erhalten,wie vor ihnen keines je bestanden, und müssen als dieersten militärischen Organisatoren angesehen werden,denen wir in der Geschichte begegnen; vor Karthagohat Rom gezittert, und der Sturmlauf, in demspäter der Islam die Mittelländer eroberte und ein neuesWeltreich gründete, ist auch keine eben verächtlicheLeistung*


— 89 —Die Semiten waren hochcivilfsift zu einet Zeit^ alsdie Indogcrmancn noch ganz einfach Wilde waren»Babylon ist nicht nur das Mutterland der babylonischassyrischenoder der späteren semitischen oder der griechischenund römischen Cultur^ es ist das Mutterlandder ganzen abendländischen^ also unserer Culturüberhaupt*Es gibt nur noch zwei Civilisationent die den NamenCultur verdienen, ausser der babylonischen, und das istdie indische und die chinesische. Diese babylonischeCultur geht sehr weit, sehr tief.Im Jahre J886 übersetzte der protestantische PastorCerisier ein ganz bitterböses englisches Buch, bitterbösnämlich für die Katholiken; denn der Verfasser selbstist ein frommgläubiger Protestant. Das Buch führt den Titel:,tLes deux Babylones" und hat zum Verfasser A. Hislop.Der Autor versucht in seinem gelehrten, 490 Seitenstarken, mit zahlreichen Illustrationen versehenen Werkeden Nachweis zu liefern, dass der wesentliche Charakterder römischen Kirche, die Hauptobjecte seines Cultus,ihre Feste, Lehre, Disciplin, Riten, Ceremonien, Priesterhierarchie,Orden, ja selbst der Mariencult und der Cultdes Jesukindleins und des göttlichen Herzens, die Processionen,ReliquienVerehrung, Sakramente, Lampen,Kerzen, Kreuzzeichen, Rosenkranz, Fegefeuer, Symbole,Cultusgeräthe sammt und sondersCultur und Religion entlehnt sind.aus der babylonischenIch hüte mich, auf dieses heikle Thema weiter einzugehen,sondern constatire bloss diese merkwürdige,ja entsetzliche Doctrin. Gerade die ungläubigen undaufgeklärten Antisemiten mögen darüber besonders nachdenken.Ich schreie gerne Anathema mit.


— 90 —Der antisemitische Judenhass^ der nicht nur Israelverfolgt und hetzt, sondern auch Israels entferntesteVerwandtet ja Wahlverwandte, hat jetzt noch die Behauptungzur Disposition, dass die Semiten selbst nichtsproducirt und dass die babylonische, phönicische, arabischeCultur von diesen semitischen anderen Nationenentlehnt sei, bei denen sie dieselbe vorgefunden. Natürlichlässt sich das leicht behaupten. Ich habe bereitsfrüher darauf hingewiesen, dass die semitischen Babyloniervon den Sumeriern viele Götter entlehnten.der Sumerier war aber bloss Schamanismus.Die ReligionDie Semitenhaben etwas daraus gemacht, geschaffen, nämlich dieseganze riesengrosse babylonische Cultur. Was würdendie Germanen dazu sagen, wenn ihnen Einer bemerkenwollte: Ihr seid nichts werth, denn euere ganze Culturund Civilisation ist den Römern und dem nicht aufgermanischem, sondern auf semitischem Boden entsprossenenChristenthum entnommen, daher seid ihreigentlich Barbaren und im Grunde ganz dieselben wieeuere Vorväter, die den lieben Göttern in aller Formund genau nach vorgeschriebenem Ritus die armenrömischen Gefangenen geschlachtet, rituell geschlachtethaben. Euere ganze ritterlich romantische Dichtungschöpft, wie euer Landsmann Johann Scheer sich ausdrückt,ihre Formen aus der arabischen Poesie inSpanien. Ihr seid daher doppelt semitisirt. Scheerbehauptet, dass die Sagen von Artus, dem heiligen Gralund Tristan und Isolde keltisch -bretonischen Ursprungssind. Sogar im Nibelungenlied sind christliche Gedankenzum Ausdruck gebracht. Der Heliand ist schon ganzund gar ein christliches Kunstproduct, ihr habt nichtsals die heidnische Edda; nur die ist echt germanisch.


— 9J —Aufbäumen würde sich, und mit Recht, jeder Germanegegen eine derartige Beurtheilung. Aber demSemiten gegenüber ist jede Ungerechtigkeit erlaubt.Adversus hostem aeterna auctoritas.Die Semiten sind und bleiben dem Wesen nachNomaden, ist ein Dogma des wissenschaftlichen Antisemitismus.Daher ihre Inferiorität. Das begreife ichnun gar nicht, wie man Semitenthum und Nomadenthumin Verbindung bringen kann. Wären alle SemitenNomaden und gäbe es keine nicht-nomadischen Semiten,so wäre ein Zusammenhang da; wären alle NomadenSemiten und gäbe es keine nicht-semitischen Nomaden,dann wäre ebenfalls ein Zusammenhang zwischen denbeiden Begriffen Nomaden- und Semitenthum. Nunaber gibt es massenhaft Nomaden, die keine Semiten,und massenhaft Semiten, die keine Nomaden sind, sodass ich keinen Connex zwischen den beiden Begriffenheraustüfteln kann. Die civilisirtesten semitischen Völkerwaren keine Nomaden, wenigstens nicht in geschichtlicherZeit. Das Prototyp des Nomadismus sind dieZigeuner, die selbst in Europa trotz aller Bemühungender Regierungen, trotz aller ihnen für den Fall ihrerAnsässigmachung gebotenen Vortheile dennoch immerNomaden geblieben sind. Und diese Zigeuner sindIndogermanen, wenn auf die Sprache als Beweis für dieRasse das Geringste zu geben wäre; die Zigeunerspracheist eine indogermanische, mit dem heutigen Hindi verwandteund zwar nahe verwandte Sprache. Auch seidie Frage gestattet, ob es nie eine Zeit gegeben hat, inwelcher die Germanen und andere, heute ansässige undAckerbau treibende Völker Nomaden waren? Warennicht die Türken und die Magyaren einmal Nomaden?


— 92 —Und ändert sich nicht der Charakter der Nomaden^ denman «ns immer als etwas Unveränderliches vorreitenwill, gar sehr im Laufe der Zeiten? Was hat nichtBüdha's sanfte, friedliche Lehre aus dem entsetzlich grausamen,räuberischen Nomadenvolke der Mongolen gemacht?Ein friedliches, sanftmüthiges Volk von Hirten.Gibt es einen Nomadentypus überhaupt, was den Charakteranbelangt? Wer will das Kunststück wagen,Mongolen, Beduinen, Tuaregs und Esquimaux untereine begriffliche Haube unterzubringen? Gerade turanischeNomaden haben grosse, kriegerische, langlebigeStaaten gegründet, denen auch Civilisation nicht abgesprochen werden kann. Ich erwähne hier bloss dasosmanische Kaiserreich, das osttürkische grossmogulischeReich in Indien, die Mandschus in China, die Magyarenin Ungarn, die Uralaltaier in Grossrussland. Aber nein;weil ein Theil eines Theiles der heutigen Semiten,nämlich die Beduinen, Nomaden sind und andereSemiten es vor Olims Zeiten auch waren, darum sollendie Semiten von Natur Nomaden sein! Dass die Germanenvom Beginne ihres Auftretens in Europa, alsovon der Zeitder Invasionen der Cimbern und Teutonenan, circa JOO v. Ch. bis zu ihrer definitiven Ansässigwerdungnach der Völkerwanderung ebenfalls herumgewandertsind, dass die Araber in Spanien, Indien,Persien, im Sunda bei der ersten dargebotenen Gelegenheitvom Nomadenthum zur Ansässigkeit übergegangensind und gerne, verblüfft die antisemitische Theorienicht im Geringsten. Denn sie hat noch eine letzteZufluchtsstelle, einen Schlupfwinkel übrig; sie sagt nämlich:Wenn die Semiten - Nomaden etwas leisten, sogeschieht es in Folge von Vermischung mit Nicht-


;Cultur;;Eroberung.— 93 —nomadcn-Nichtsemitem Vortrefflich! Die ,,echten Scmiten'%also die Nomaden, die doch in Wüsten ondSteppen hausen, leisten im derartigen Terrain nichts,ond das wird ihnen zuerst zum Vorwurf gemacht. Jawarum denn? Was können sie denn dort überhaupt,auch mit bestem Willen leisten? Selbstverständlich vermischtensie sich, sobald sie aus ihren Wüsten herauskamen,mit den übrigen Völkern, insbesondere in Folgeder Polygamie. Wenn da nun eine tüchtige Progeniturherausgekommen ist, so sehe ich nicht ein, warumderen Tüchtigkeit nicht ebenso auf Rechnung des semitischenTheiles, als auf den des nichtsemitischen gesetztwerden kann.Eine edle Araberin heirathete einst einen Araberniederer Herkunft. Hamyda, so hiess die Dame, sagtein einem Spottgedicht auf ihren Mann: „Ich bin einearabische Vollblutsstute, der Sprosse edler Mutter, abermein Mann ist ein Maulesel ; bringe ich ein edles Füllenzur Welt, wisst, es ist von mir, ist es aber eine Missgeburt,so wisst, es ist von ihm entsprungen.*^ Geradeso gescheit reden die Antisemiten über die Kreuzungenzwischen Semiten und Ariern. Ist es was Rechtes, so istes nicht vom semitischen Theile, sondern vom arischen.In Spanien hausten die Westgothen bis zur arabischenVon wem stammt wohl die maurischevon den semitischen Arabern oder von den ger-'manischen Westgothen? Ich bitte meine verehrten Leserarischer Rasse, sich nur immer vor Augen zu halten,was ihre Nationen heute wären, wenn sie nicht mitRom, Bysanz und dem Christenthum in Berührung gekommenwären, und von diesem einzig richtigen, einziggerechten und vernünftigen Standpunkte aus die Be-


— 94 —hattptungf zu beurthcilen, der Semite könne nur entlehnen^aber selbst nichts schaffen* Durch das hierGesagte widerlegt sich eines der stärksten Argumenteder Antisemiten zu Gunsten ihrer Theorie von derMinderwerthigkeit der semitischen Rasse ganz von selbst*Dieses Argument lautetwie folgt:Die sogenannte arabische Cultur ist nicht etwas Ursprünglichestsondern entlehnt, wie uns das Beispiel vonSpanien zeigt*Warum konnten es denn dort die Araber zueinet Cultur bringen, während sie in den afrikanischenKüstenländern Tripolis, Tunis, besonders in Marokko,welches von Spanien nur durch eine dünne Meerengegetrennt ist, gar nichts geleistet haben? Offenbar, sagendie Antisemiten, entstammt daher die spanisch-arabischeCultur den christlich-germanischen (westgothischen) undromanischen Völkern, nicht aber den semitischen.DieseSchlussfolgerung erscheint auf den ersten Blick sehr einleuchtend.Bei näherer Betrachtung ist sie jedoch unhaltbar,denn erstens gab es auch in Nordafrika dasgermanische Reich der Vandalen, und esentwickelte sichdort keine Cultur, nachdem die Araber das Land in Besitzgenommen hatten; zweitens stand die Cultur dergermanischen Völker zur Zeit der Eroberung Spaniensdurch die Araber bekanntlich auf einem sehr tiefen Niveau*Ein Vergleich zwischen der arabischen Culturjener Zeit und der christlich-germanischen derselben Epoche,fällt für die letztere ausserordentlich ungünstig aus*Man denke nur an die Zeit der Merovinger. Einesehr interessante Parallele zwischen diesen beiden Culturenhat J* W. Draper geliefert in seinem bekannten"Werke: „Die Conflicte der Wissenschaft undder Religion.*'


— 95 —Es ist sonnenklar^ dass das Verdienst den semitischenArabern gebührt und nicht den indogermanischen ChristenWir sehen aus dieser Betrachtung die grossen Vortheile,die für eine jede Civilisation durch den Verkehr, denHandelt den Gedankenaustausch und die Mischehen entstehen.Die Araber konnten in ihrer glühenden, zumgrössten Theil sandigen Halbinsel nur wenig leisten.Auf einer ebenso niedrigen, vielleicht noch niedrigerenStufe standen dereinst die Germanen in ihren Wäldernund Gauen*Sobald 6'ic Germanen aber mit Völkern anderer Culturkreisein Berührung kamen, erblühte Cultur und Civilisation.Gerade dasselbe war mit den Arabern derFall. Sie waren fast überall das befruchtende Princip.Das Yang der Chinesen im Gegensatz zum Yih, das dieVölker ausdrückt, welche von ihnen die Anregung erhielten.Daher singt die Burda das berühmte Lobgedichtauf Mohammed von ihrem Standpunkte aus sotreffend: „Das ist Mohammed, der Herr dieser und jenerWelt, der Herr der Menschen und Ginnen, der Herr derbeiden grossen gesonderten Scharen der Menschenkinder:der Araber und der Barbaren^^j und einer ihrer Schriftsteller,ein übermüthiger indischer Muslim, hat einmalfrech geschrieben: Der Fortschritt der Weltgeschichte seidreimal verloren gegangen: einmal in der Schlacht beiMarathon, zum zweiten Male, als Carl Martell die Araberschlug, zum dritten Male, als das von den Türken belagerteWien entsetzt wurde. Es kommt eben Alles aufden Standpunkt an.Es ist wirklich schwer, sich einen grösseren Unsinnauch nur vorzustellen, als eine verschiedene Behandlungvon Leuten gleichen Bildungsgrades wegen


:96angeblicher Rassenverschiedcnheit. Das Wahnwitzigeder Sache für den Fall, der uns hier beschäftigt^ liegtin der Thatsache, dass die Gruppirung der Völker nachSemiten and Ariern auf einer linguistischen, philologischenEintheilung beruht und dass in geradezu hirnverbrannterWeise die Folgerung aus der Sprachverschiedenheit gezogenwird,dass die linguistischen, philologischen Grenzender beiden Gruppen auch anatomisch zusammenfallenmüssen, eine Behauptung, die heute als pyramidaler Unsinnnachgewiesen ist. Selbstverständlich ist auch derBegriff Arier ausschliesslich ein philologischer.und berühmteste Autorität fürDie grösstedas Arierthum, der jüngstverstorbene Professor Max Müller, beginnt seinen Artikel„Aryan" in der Encyclopaedia Britannica mit den Worten„Aryan ist ein terminus technicus, welcher eine der grossenSprachfamilien, die sich von Indien nach Europa erstreckt,bezeichnet etc.** Max Müller sagt, dass es FriedrichSchlegel war, der zuerst die Familienverwandtschaft dieserSprachen entdeckte und ihnen den Namen indogermanischeSprachen gegeben hat und zwar inseinem Werke:„Die Sprache und Weisheit der Indier", erschienen im Jahredes Heiles J808. Wie Eichhorns Begriff „semitisch** einrein philologischer Begriff ist, so ist auch Schlegels Begriff„indogermanisch** ausschliesslich philologisch. VorEichhorn (J780) und Schlegel (J808)waren diese Begriffenoch nicht erfunden, — noch vor ungefähr einem Jahrhundertwusste die Welt nichts von einem angeblichenUnterschied zwischen Semiten und Indogermanen, — diebeiden Gelehrten würden sich sicherlich im Grabe umdrehen,wenn sie sich die Verwüstungen ansehen könnten,welche ihre Erfindung seither angerichtet hat. Die ehemaligeSprache der Juden war eine semitische, ihre heiligen


— 97 —Schriften sind in zwei semitischen Sprachen — nämlichhebräisch und aramäisch geschrieben» Sie stammen^ wieChristen und Juden behaupten^ alle miteinander von Semab, also, wird geschlossen, rollt in ihren Adern durchwegssemitisches Blut und sie bilden ein für sich abgeschlossenesGanze. Dass dem aber nicht so ist, dass dieheutigen Juden ein Mischvolk sind, dass sie schon vorChristi Zeiten ein Mischvolk waren, ist eine Thatsache,die durch Renan, Leroy-Beaulieu, F. von Luschan undviele Andere unzweifelhaft bewiesen ist. Für den Judenfreilich sind heute die Begriffe jüdische Religion undjüdische Rasse identisch. Aber sie irren sich gewaltig.Es ist trotzdem sicher, dass die Juden sich zuerst, baldnach ihrer friedlichen Eroberung Kanaans, mit derdortigen Urbevölkerung vermischten, es ist unzweifelhaft,dass sie während der babylonischen Gefangenschaft Ehenmit den dortigen fremden Frauen schlössen, denn sonsthätten Esra und Nehcmias bei der Rückkehr der Judenvon Babylon nach Jerusalem keine Veranlassung gehabt,einen derartigen Krawall gegen die Mischehen und diefremden Weiber zu insceniren, wie sie ihn thatsächlichnach dem Berichte des 8, Capitels Esra's, welches dieVertreibung der fremden Weiber aus Jerusalem schildert,losgelassen haben. Aber Ruth war ja eine Mohabiterin,also eine NichtJüdin, und sie war die UrgrossmutterDavide des jüdischesten aller Könige!Zur griechischenund römischen Zeit war das Judenthumnichteinmal mehr eine nationale Religion? es hattebereits einen sehr glücklichen Anlauf genommen eineUniversalreligion zu werden. Flavius Josephus bemerktin seiner Schrift gegen Apion: Grosse Massen sind vonNacheifer fürunsere Art und Weise der Gottesanbetung7


nso heftigf erfasstt dass es keine einzige griechischeoder barbarische Stadt, keine Nation §fibt, wonicht der Sabbath, unsere Fasten, unser Lampendienst,unsere Speisevorschriften beobachtet werden« Palästinawar damals nur mehr der Kernpunkt des Judcnthums.Eine gfrosseZahl der zum Judenthum bekehrten Heidenhatte sich sogar beschneiden lassen, eine noch grössereAnzahl Griechen gehörte in Alexandrien der jüdischenGemeinde an. Die Propaganda wurde äusserst rege betrieben;sie begann ungefähr 150 Jahre v. Chr» und dauertebis gegen 200 nach unserer Zeitrechnung. Helene, dieKönigin von Adiabene, trat mit ihrer ganzen Familiezum Judenthume über und es ist sehr wahrscheinlich,dass ihre Unterthanen das gleiche gethan. Auch inSyrien trug die Propaganda reiche Früchte; die herodischenFürsten waren ausserordentlich reich und inder Hoffnung, Töchter aus diesem Königshause zuheirathen, kamen viele Fürsten des Ostens aus Emesis,Cilicien, Comagena etc. nach Jerusalem und wurdenJuden.Dio Cassius schrieb im Jahre 225 n. Chr., er wissenicht, woher der Name „Juden" komme, doch bezögesich diese Bezeichnung auch auf viele andere Menschen,die einer anderen Rasse angehören undwelche die jüdischen Institutionen angenommen haben.Es gebe auch in Rom viele Leute dieser Sorte, und alleVersuche, ihre Vermehrung aufzuhalten, haben nur dazugeführt, ihre Zahl zu vergrössern. Kaiser AntoninusPius bestimmte in einem Gesetze, dass die Juden ihreSöhne beschneiden lassen dürfen, jedoch nur ihre Söhne,woraus klar hervorgeht, dass auch Heiden häufig zumJudenthum übertraten.


- 99 -Erst nach dem Kriegfe mit Bar Kochba zog sich dasJudenthum wieder zusammen tind schloss alles Fremdevon sich aus. Jede Propaganda, jedes Proselytenmachennahm damals ein Ende. Die Proselyten werden derAussatz Israels genannt und trotzdem drangen immerwieder NichtJuden durch Bekehrung in das Judenthumein. Der heilige Johannes Chrysostomus predigte inAntiochien seinen Gläubigen unausgesetzt, dass sie esunterlassen sollen, in die dortige Synagoge zu gehen,um Eide zu leisten und das Osterfest mit den Judenzu feiern. Es scheint, dass in dieser Stadt die definitiveTrennung zwischen Christen und Juden damals nochnichtganz durchgeführt war.Wir wissen aus den Werken des Gregorius vonTours, dass es im fränkischen Reich, in Paris, Orleansund Clermont, sehr viele Juden gab; nie spielt er daraufan, als gehörten diese Juden einer fremden Rasse an.Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine grosse Zahl dieserJuden nichts Anderes war, als zur mosaischen Religionübergetretene Gallier und Germanen und auch keinenTropfen semitischen Blutes in ihren Adern hatten. Wirwissen ferner aus sicheren geschichtlichen Nachrichten,dass sich in Arabien mehrere nichtjüdische Stämme zumJudenthum bekehrt haben. Die Benu-Kinanah, dieKuraiza und Nadhir, mehrere Familien aus dem StammeAus waren Juden. In Jemen bekehrte sich der Landesfürstauf Zureden des Abu-Kaliba zum Judenthum; sogarein Wunder spielt bei dieser Bekehrungsgeschichtemit. In einem Berge, nahe bei der Hauptstadt Sanaa,gab es eine Höhle, in welcher ein aus dem Felsenherausbrechendes Feuer bei Rechtsstreitigkeiten denschuldigen Theil zu versengen pflegte. In diese Höhle7*


— JOO —begaben skh die Juden Kaab und Assad^ welche dieThora um den Hals gebunden hatten^ mit den heidnischenPriestern^ die ihre Götzen trugen. Das herausbrechendeFeuer vernichtete die Letzteren, während dieJuden glücklich herauskamen. In Folge dessen sollensämmtliche Himjariten das Judenthum angenommenhaben*Hierauf zerstörten Kaab und Assad als echte Monotheistenden Tempel des Götzen Rajam in Sanaa, auswelchem der Teufel in Form eines schwarzen Hundesentfloh. Dieses himjaritische Königreich dauerte jedochnur wenige Jahre; ob der Teufel dann zurückkam, istmir nicht bekannt.In Abessynien gibt es mehrere schwarze Völkerstämme,die nicht semitische, sondern chamitische Sprachensprechenund das Judenthum angenommen haben.Sehr merkwürdig ist auch die Bekehrung der Chazarenzum Judenthum. Dieses jüdische Königreich bestandvon ca. 740— J0J6, in welchem Jahre es durch Russenund Byzantiner erobert wurde.Ungefähr zur Zeit Karls des Grossen hatte der heidnischeKönig derChazaren mit seinem Hofe und Volkedas karaitische Judenthum angenommen*Die Chazarenwaren ein finnisch-ugrischer Volksstamm, verwandt mitden Magyaren und Bulgaren, der an der Wolga, amKaspischen Meere und in der Nähe von Astrachanhauste. In diesem Reiche hatte es viele Christen undMohammedaner gegeben; die Juden waren als Kaufleute,Dolmetscher, Aerzte des chazarischen Fürstenbekannt und es gelang ihnen, ihrem Herrscher BulanLiebe für das Judenthum einzuflössen. Diese Bekehrungdes chazarischen Königreiches zum Judenthum ist ausser-


)0(ordentlich wichtig; denn es ist durch dieselbe ein ganzesnichtsemitisches Volk in das Judenthom eingetreten.In den Gesetzen, die unter den römischen, byzantinischenund fränkischen Kaisern erlassen wurden, findensich zahlreiche Strafbestimmungen gegen Christen, diezum Judenthum übertreten. Dies beweist, dass dieUebertritte häufig vorgekommen sein müssen. Es istdaher einfach unmöglich, dass die heute unter unslebenden Juden eine ungemischte Rasse vorstellen.Rabbi Jehuda Ben Jecheskel,welcher im 3. Jahrhundertlebte, konnte sich nicht entschliessen, seinen Sohn zuverheirathen, und zwang ihn lange nach erreichterMannbarkeit ledig zu bleiben, da er vollständig sichersein wollte, ob die Familie seiner Schwiegertochter demBlute nach vollkommen rein sei. Sein Freund Ulla bemerkteschon damals mit Recht: „Wissen wir denn selbstbestimmt, ob wir nicht von jenen Heiden abstammen,welche bei der Belagerung Jerusalems die JungfrauenSions geschändet?^* Also schon damals hatten die Judenbegründeten Verdacht, dass ihr Blut sich mit fremdemBlute vermischt hatte. Die Juden sind aber nicht blossnicht eine einheitliche Mischrasse, die sich zwar miteinem oder mehreren Völkern vermischt hat, aberdennoch einen neuen Mischtypüs geschaffen,sondern siesind selbst untereinander in dieser Beziehung ausserordentlichverschieden. Wir haben bereits gesehen, dassder Begriff Semite und semitisch ein ausschliesslich philologischerBegriff ist. Nehmen wir nun den arabischenBeduinen als Typus der semitischen Rasse an, so zeigtsichgerade zwischen ihm und dem Juden eine nicht unerheblicheVerschiedenheit. Die Beduinen haben fastdurchwegs lange schmale Köpfe, auch durchwegs dunklen


— J02 —Teint und, was besonders hervorgehoben werden muss,eine kurze, kleine, wenig gebogene Nase, eine Nase,die das gerade Gegentheil von dem ist, was man sichbei uns zu Lande unter einer echten Judennase vorstellt.Der Docent der Berliner Universität Dr. Felix von Luschanhat über die anthropologische Stellung der Juden einensehr lehrreichen Vortrag gehalten, den ich bei meinerDarstellung hier benütze« Er hat vergleichende Messungenvon hebräischen und aramäischen Schädeln angestelltund dabei entdeckt, dass unter ihnen 50 Procentausgemachte kurzköpfige, ti Procent blonde mit echtenJudennasen, mannigfaltige Mischformen und nur fünfPtocent Langschädel nach beduinischem Mustervorkommen*Dr* Luschan kommt daher zu dem Schluss, dass nurein kleiner Bruchtheil der Aramäer und Hebräer auswirklichen Semiten besteht.Unter den deutschen Judenhat er n Procent blonde entdeckt. Auch in Syrien istein grosser Procentsatz der Bevölkerung blond*Nun wissen wir, dass die in Syrien lebenden Amoriter,von denen die Bibel spricht, ein blondes Volkwaren, und es ist kein Zweifel vorhanden, dass derganze Nordrand von Afrika von blonden Völkernbewohnt war, die wahrscheinlich der Drang nach Südenvon Europa in jenes warme Gebiet gezogen. Auch dieAegypter kannten sie unter dem Namen Tamehu, dasVolk der Nordländer* Es scheint nun, dass diese Amoriterein Zweig dieser Tamehu waren und dass sie sichschon früher mit den Juden vermengten. Es gibt nunein Volk, welches anatomisch nach seinem Schädelbau,seiner Haar- und Augenfarbe und ganz besonders nachderForm der Nase den Juden nachgewiesenermassen


— J03 -sehr nahe kommt^ und dieses Volk spricht eine indog-ermanischeSprache und ist christlich. Es sind diesdie Armenier» Aber auch mehrere Völkerstämme imCaucasust vor Allem die Georgier, gleichen den Judenfrappant*Als ich vor einigen Jahren 6\z, Fahrt von Batumnach Tiflis machte und die Volkstypen an den Eisenbahnstationenbetrachtete, war ich im höchsten Gradeüberrascht über die Aehnlichkeit der dortigen Bevölkerungmit den polnischen und russischen Juden« Hiervonkann sich ein Jeder überzeugen, der sich die Mühenehmen will, ein illustrirtes "Werk über den Caucasusund dessenBevölkerung anzuschauen.Professor Dr. Luschan kommt am Schlüsse seinerUntersuchung zum Ergebnis, dass die modernen Judenzusammengesetzt sind: erstens aus den arischen Amoritern,zweitens aus wirklichen Semiten, drittens undhauptsächlich aus den Nachkommen der alten Hethiter.Neben diesen drei wichtigsten Elementen des Judenthumskommen andere Beimengungen, wie sie im Laufe einermehrtausendjährigen Diaspora ja immerhin möglichwaren und sicher auch vorgekommen sind, gar nichtin Betracht. Auch Spuren von mongolischem Typushat man bei vielen Juden entdecken wollen, was sichsehr leicht durch Auswanderungen aus dem jüdischenKönigreiche der Chazaren oder Mischehen mit ihnenerklären lassenkönnte*Wahrhaftig; sobald man sich mit der Rassenfragebeschäftigt und auf Anatomie, Sprache oder Religionbasirende Grundsätze für deren Eintheilung oder dieEinrangirung eines Volkes in eine dieser Gruppen sucht,stösst man immer mehr und mehr auf heillose Con-


— 104 —fusionen und unentwiffbare Räthsel. Man greift nurNebelbilder, leere Phantome«Aus den Darstellungen der von mir citirten Fachleuteund Gelehrten geht mit Bestimmtheit hervor, dasskein Mensch sich eine Vorstellung einer semitischenVölkergruppe überhaupt machen kann, dass dieser Begriffbloss auf Philologie beruht und auf gar nichtsAnderem, besonders nicht auf Anatomie, Religion undGeschichte, dass nicht einmal die Juden in diesem verschwommenenBegriff „semitische Völker*^ eingeschachteltwerden können und dass gerade die Juden die grössteAehnlichkeit haben mitgewissen indogermanischen Völkernund eine sehr geringe mit den angeblich echtsemitischen Beduinen und dass die heutigen Juden auchunter sich anatomisch sehr verschieden sind» Auf eineganz bedeutende Mischung der heute vorhandenen Judenmit fremden Elementen weist auch ihrebekannte grosseBegabung hin. Professor Lombroso hat apodiktischbehauptet, dass der Grad der Intelligenz einer Rasse zunehmemit der Mischung ihres Blutes mit fremdenElementen* Je mehr eine Rasse gemischt ist, destointelligenter ist sie und umgekehrt.Es ist heute eine durch die Kraniologie zur Evidenz nachgewieseneThatsache, dass es keine reine jüdische Rassegibt und dass die Juden anatomisch sich von den übrigensemitische Sprachen redenden Völkern sehr bedeutendunterscheiden. Lassen wir die Zahlen reden* ProfessorLombroso constatirt, dass alle Untersuchungen an Semitenschädelnverschiedenen Ursprungs mittlere Schädelindices,die zwischen 73 und 74 variiren, ergeben haben. Lassenwir ihm das Wort: „Ausser den Beobachtungen vonLuschan ergeben alle anderen Untersuchungen an mehr


105oder weniger grossen Reihen semitischer Schädel verschiedenenUrsprungs mittlere Schädelindicest die zwischen73 und 74 variiren. Quatrefages und Hamy fanden beieiner Sammlung von 28 Semitenschädeln einen mittlerenIndex von 72,9, Topinard von 74 an 28 weiteren Schädeln.Ferner hattenLängen-Breitenindex.28 Araber-Schädel (Gillebert Dr. Hercourt) 7674 Araber-Schädel (Lugnean) 75,449 Araber-Schädel (Topinard) 76,320 Schädel der Arabia Petrea (Ellis-Lcser) 73,820 Schädel Syrischer Beduinen 75,4Die arabische Bevölkerung Marokkos zeigt dieselbenSchädelformen, besonders ist bei ihnen die Höhe desSchädels bedeutend, der Höhenindex kommt bei ihnennahe an 100, während er bei den von uns untersuchtenmodernen Juden höchsten 80 betrug.Eine Differenzzwischen antiken und modernen Judenschädelnim Sinne einer zunehmenden Brachycephalie,und eine bedeutende Dolichocephalie anderer semitischerVölker lehren auch die Untersuchungen Welckers, derdarüber u. a.folgende Angaben macht:Längen-Breitenindex.Abessynier (4 Schädel) 7J,3Araber (J5 Schädel) 76,9Juden vom Blutacker zu Jerusalem (4 Schädel) 73,2Moderne Juden (20 Schädel) 8J,8Auch diese Zahlen beweisen also, wie wenig Semitismusdas Judenthum in sich schliesst und schloss,auch in weitzurückliegenderZeit.Wie gross der Unterschied zwischen Juden und Semitenist, der in dem Verhalten dieses wichtigsten anthropologischenMerkmals hervortritt, ergibt sich daraus, dass


:(06in Sardinien, wo das semitische Element unter der christlichenBevölkerung dominirt, Dolichocephalie bei 9A%der Urbevölkerung vorkommt, (dermittlere Schädelindexbeträgt bei den Dolichocephalen 74) während die Brachycephalicmit einem mittleren Index von 80 nur bei 6%vorkommt (nach Calori)«*^William Ripley hat uns in seinem hochgelehrtenWerke: The raccs of Europe die Resultate einer grossenZahl von Judenschädelmessungcn dargelegt und wie folgtzusammengestelltAutorität Ort ZahlSchädel-IndexLombroso, 1894 a. . .Weisfaach, J877 ....Majer und Kopernicki,J877Blechmann, 1882 . . .Stieda, 1883 a. (Dybowski)Ikof, 1884Ikof, 1884Ikof, J884Majer und Kopermcki,J885Jacobs, 1890Jacobs, 1890Talko - Hrynccwic2,J892Deniker, 1898 a. . . ."Weissenberg, 1895. . .Weissenberg, 1895 . .Glück, J896Livi,1896 aTurin, ItalienBalkanstaatGalizienWest-RusslandMinsk, RusslandRusslandConstantinopelKrimGalizienEnglandEngland (Sephardim)LithauenCaucasienSüd-RusslandSüd-RusslandBosnien(Spagnuoli)Italien112193)6JOD6712017 Schädel30 Schädel(Karaim)100363517135310050 Weiber553482,082,283,683,2182,283,274,583,381,780,085,282,582,480,181,6Elkind, 1897Deniker, 1898Ammon, 1899PolenDaghestanBaden32519207/Männer 8 1,9iWeiber 82,987,083,5


— J07 —Die modernen Juden, sagt Lombroso, sind dem Körperbaunach mehr Arier als Semiten. ffDct ursprünglichesemitische Stamm", sagt Ripley, ,,muss Anfangsstark dolichocephal gewesen sein, daraus folgt, dass ungefährneun Zehntel der heute lebenden Juden derSchädelform nach so bedeutend als nur möglichverschieden sind vom ursprünglichen semitischenStamme. Die vielgerühmte Reinheit der Abstammungder Juden ist somit ein Märchen. Das Wort Jude enthältkeine ethnographische Bedeutung.**Nun, was meinen Sie wohl, meine geehrten wissenschaftlichenGegner. Professor Lombroso sagt, die Judenseien mehr Arier als Semiten. Professor Müller hat, wiewir gesehen haben, versucht, nachzuweisen, dass sämmtlicheSemiten chamitisirte Indogermanen sind. HabenSie, meine Herren, die haarsträubende Verwirrung, diekomischen Widersprüche bemerkt, die hei allen diesenRassentheorien immer und überall in die Augen springen?Sie bäumen sich auf gegen die Zumuthung, dass Sie alsArier von der gleichen Rasse seinund Juden, Siekönnten, wie Semitenführen wissenschaftliche Autoritäten in'sFeld, welche behaupten, was Ihnen zu glauben so willkommenist, dass die Aegypter und die Chaldäer Indogermanensind,Sie hoffen immer noch, dass sich dereinstdie Sumerier trotz ihrer turanischen Sprache doch nochals Indogermanen, als Arier entpuppen könnten. Nungut, nehmen wir an, dass die Autoritäten, auf welcheSie sich berufen. Recht haben.Also es mögen die Aegypterund Chaldäer, weil Sie es wünschen, Indogermanen sein,mir aber lassen Sie die Freude, mit Professor Müllersämmtliche Semiten ebenfalls als Indogermanen zu begrüssen.Wo landen wir nun? Merken denn meine


— 108 —8:echftcn Gegner noch immer nichts? Geht keine Gasfabrikplötzlich im Kopfe auf, die die Situation grellbeleuchtet und darthut, dass dieser ganze Streit — betreffenddie Rasse — gleichgültig ob indogermanisch,semitisch, chamitisch, turanisch u. s. w. auf einer bodenlosenMystification beruht und an und für sich von allemAnfange an total sinn- und gegenstandslos ist, weil eseben gar keine derartigen Rassen gibt, keine semitische,keine chamitische, keine arische,keine turanische?Zum Schlüsse ein ernstgemeintes Wort. Wenn manAntisemite sein will, und zwar ganz und gründlich, offenund ehrlich, aber dabei doch civilisirt und gebildet bleibenwill, so gibt es nur ein einziges radicales Mittel. Manentsage seinem Glauben, nämlich einer von den dreisemitischen Religionen: Judenthum, Christenthum oderIslam. Ist dies gethan, dann hinaus mit der Wocheneintheilung,dem Sonn- und Feiertag, hinaus mit unserenAlphabeten, unserem Kalender, unseren Sitten und GebräuchenbeiGeburten, Heirathen und Todesfällen; hinausmit der auf das Verhältnis von einem Mann undeiner oder mehreren Frauen basirten Familie. Greifenwir zum Pinsel und Zopf und werden wir Chinesen. Dashat Kopf und Fuss, das ist vernünftiger Antisemitismus,und über die Vorzüge und Nachtheile des Tausches liessesich vernünftig disputiren. Ein drittes gibt es nicht, da,so viel ich weiss,die Hindu's und die Parsi's keinen Fremdenin ihre Kasten respective Gemeinschaft aufnehmen.Es bleibt also nichts übrig, als die gründliche Sinisirung*Wer aber kein Chinese werden und doch einem civilisirtenCulturkreise angehören will, der kann aus demSemitismus ebensowenig heraus, als wie aus seiner eigenenHaut. Daher ist der ganze Antisemitismus ein horren-


- J09 —der Unsinn^ worunter ich vorläufig nur jenen Antisemitismusverstehe t dctf wie der Name sagt, gegen alleSemiten losgeht und nicht blos gegen die Juden.Ich glaube, dass die von mir angeführten Autoritätenvollkommenes Vertrauen verdienen; es sind Fachmänner,die die hier behandelten Fragen gründlich studierthaben, keine Dilettanten. Resumiren wir nun kurz dasGesagte.Es gibt keine semitischen Völker« Die freie ungläubigeWissenschaft glaubt an keine Person Namens Sem,der ihr Ahnherr und Stammvater gewesen sein könnte. Esgibt nur Völker, die unter einander verwandte Sprachenreden, welche Sprachen durch einen Gelehrten vor circaJ20 Jahren semitische Sprachen genannt worden sind.Semitisch ist ein philologischer Begriff. Die semitischeSprachen redenden Völker sind von einander total verschiedenund haben anatomisch mit den Juden und vielfachauch unter sich nichts gemein.Es gibt keine semitischen Charaktereigenschaften,welche allen semitisch redenden Völkern gemeinschaftlichwären. Die Juden sind ein Mischvolk, sie habennur sehr wenig Aehnlichkeit mit den Arabern, welcheden reinsten semitischen Typus vorstellen sollen, sie stehenuns physisch viel näher, als die Beduinen. Wer also voneinem Wesen der semitischen Rasse spricht, sagt einenUnsinn, und wer den Begriff dieses semitischen Wesensmit den Juden in Zusammenhang bringt, ebenfalls.Dies folgt aus den Resultaten der tüchtigsten Forschungender bedeutendsten Fachmänner, Linguisten,Historiker, Mediciner, Naturforscher. So verschiedenauch das Fach,die Fachgelehrten kommen zum gleichennegativen Resultat.


— no -Mit demRasscnantiscmitismus ist dieWissenschaft längstfertigt wie ich aws den Zeugnissen bedeutender Fachgelehrterder verschiedensten Disciplinen nachgewiesen zuhaben überzeugt bin» Hier liegen seine Trümmer undich bin neugierige ob man sie je wieder zusammenleimenwird.Rassenhass ist und bleibt Ausdruck einer Persönlichkeitedie auf niederen Stufen moralischer Ausbildungzurückgeblieben ist (E* Reich). Je milder der Rassenhassbei einem Volke sich zeigen wird, eine desto höhereStufe der Aufklärung und Gesittung wird eseinnehmen,endlich wird jene Nation den höchsten Grad der geistigenund moralischen Entwicklung für sich beanspruchenkönnen, bei welcher ein Rassenhass gar nicht mehr vorhandensein wird (J. Baum).Der Philosoph Nietzsche hat einmal geschrieben, erbezweifle sehr, dass sich die Götter zu Tode gedämmert,er sei vielmehr der Ansicht, sie hätten sich zu Todegelacht. Ob er Recht hat, kann man natürlich nichtwissen; wenn sich aber ein Bewohner des hohen Olympszu Tode gelacht hat, so dürfte das sicher die Venussein, wenn sie hinunterblickt auf den Streit der Völkerund ihre feindliche Absonderung nach Rassen.Ich schliessediese Abhandlung mit einem AussprucheFriedrich Müllers, der mir aus der Seele geschrieben ist:„Rasse ist eine leere Phrase, ein purer Schwindel.*'Aber, wird man einwenden, es ist denn doch einUnterschied zwischen einem Juden und einem Christen,sogar einem getauften Juden und einem Christen.Wenner nicht im Blute, nicht in der Abstammung, nicht inder Schädelform besteht, in was liegt er denn dann?O ja, es ist thatsächlich ein Unterschied vorhanden und


- iu —sogar ein bedeutender; wir wollen auch zur Untersuchungdesselben schreiten. Dieser Unterschied zwischen unsund dem Juden ist durch künstliche Zuchtwahl^ durchsociale Solidarität entstanden. Ihn zu erklären vermagnur die Geschichte. Wir werden ihn verstehen, sobaldwir die Stellung kennen lernen, die die Juden im Laufeder Zeiten bei den verschiedenen Völkern der Erde undzwar freiwillig oder gezwungen eingenommen haben*Diese Stellung lässt sich mit einem einzigen Worte bezeichnen,es lautet Ausschliessung; und die war baldeine freiwillige, bald eine unfreiwillige. Die freiwilligeberuhte ausschliesslich auf den Grundsätzen dermosaischen Religion, was wohl Niemandem in Abredezu stellen einfallen dürfte. Sie war die nothwendigeFolge der jüdischen Religion, sie war eine exclusivreligiöse Frage. Und die unfreiwillige Ausschliessungwar ebenfalls nichts Anderes, wie ich beweisen werde.


Zweites CapiteLAntiJudaismus im Alterthum.


Ernest Renan schreibt in seinem V. Bande der GeschichteIsraels Seite 227 folgende bedeutende Worte:ffDcr Antisemitismus ist nicht eine Erfindungunserer Zeit^ er war niemals brennender als imletzten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnungund wenn eine Erscheinung sich auf diese Artan allen Orten und zu jeder Zeit wiederholt^ soverlohnt es sich gewiss der Mühe, sie zu studieren.In Alexandrien^ in Antiochien^ in Kleinasien^ in Cyrene^in Damaskus ist der Kampf zwischen Juden und Nichtjudenein permanenter. Die Zeit des religiösenHasses beginnt und man kann nicht leugnen^ dassdiese Aeusserungen des Hasses gewöhnlich von denJuden provocirt worden sind. Es war dies die fataleConsequenz der Einführung des Absoluten inder Religion. Die Christen haben später das Uebelauf die Spitze getrieben^ aus anfänglich Verfolgtenwurden sie Verfolger."Demnach setzt Renan die Entstehung des Antisemitismusin die Zeit, in welcher die Römer Herrenvon Palästina wurden. Vielleicht könnte man die Entstehungdesselben noch weiter hinaufrücken bis zur Zeitder Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft.Jedenfalls nicht früher. So lange die ReicheIsrael und Juda existirten, mochten sie von ihren Nachbarngehasst und verabscheut werden, wie jedes andere8*


— it6 —Völklein^ das Letzteren im Wege stände jedoch blosaüs politischen Gründen* Einen eigentlichen Antisemitismusrespective AntiJudaismus gab es aber nicht;derselbe hat sicher nicht begonnen, bevor Esra mit fünfGehilfen in vierzig Tagen an Stelle der verbranntenalten Exemplare der heiligen Schriftenaus dem Gedächtnisein neues Exemplar hergestellt hatte*Wenn meine verehrten Gegner mir darauf antworten,dass es von mir ungerecht ist, die für die antisemitischeTheorie so fruchtbare und verwerthbare Geschichte desAuszuges (oder der Vertreibung?) der Israeliten ausAegypten nicht zu verwerthen, so erlaube ich mir zuantworten, dass ich ihnen diesbezüglich Stand haltenwerde, wenn sie mir einmal nachweisen, dass die Thora,welche allein diesen Auszug beschreibt, zur Zeit derRichter und Könige den Juden bekannt war und mir inden Schriften der älteren Propheten Citate aus derselbenanführen; wenn sie mir ferner erklären werden, wie esmöglich war, dass, als zur Zeit Salomons die Bundesladegeöffnet wurde, das Buch des Gesetzes,wie uns das ersteBuch der Könige 8. Gap. 9* Vers versichert, sich in derselbennicht befand; wenn sie mir weiter expliciren, wie350 Jahre nach Eröffnung der Lade unter Salomon derhohe Priester Hilkia zu dem Schreiber Saphan zur Zeitdes Königs Josia im Jahre 623 v. Chr» sagen konnte,er habe das Gesetzbuch gefunden im Hause des Herrn,und woher Saphan und Hilkia wissen konnten, dass esjenes Gesetzbuch war und warum sie dann Alle, stattsich an Jeremias zu wenden, sich zur Prophetin Huldabegeben haben, um „mit ihr zu redcn*% und aus welchemGrunde der Welt die Letztere so ausser sich gerieth« DerAuszug aus Aegypten ist auch etwas zu rasch erfolgt.


— n7 —als dass ich ihn hier verwerthcn könnte; die Geschwindigkeitder Reise betrug nämlich circa JOO Kilometerper Stunde und jede jüdische Frau hatte an sechtigKinder zum Mitschleppen, was ich den geehrten Leser sichselbst aus dem Texte des Exodus auszurechnen ersuche«Man wolle also entschuldigen , wenn ich die Geschichtedes AntiJudaismus erst mit dem Augenblickebeginne, an welchem uns ein Judenthum fix und fertigmit der Thora oder Theilen der Thora entgegentritt,weil nur in der Thora die Geschichte vom Auszug ausAcgypten ausführlichbeschrieben ist.Erst unter der persischen Herrschaft ist die Trennungzwischen Samaritanern und Juden definitiv geworden,und da die Samaritaner vom Antisemitismus meinesWissens in Ruhe gelassen werden, so sei es gestattet,erst mit dieser Zeit zu beginnen*Cyrus war, wie so viele grosse Herrscher, z. B.Alexander der Grosse, Julius Cäsar, Karl der Grosse,ein Gönner der Juden, deswegen nennt ihn auchDeutero Jesaias „Gesalbten des Herrn*^ Nach der EroberungBabylons liess er die Juden nach Palästinazurückkehren, eine Erlaubnis, von welcher Letztereauch in grossem Masse Gebrauch machten. Die zurückgekehrteColonie war ausserordentlich arm; sie hattenalso offenbar in Babylonien noch nicht das Talent, sichschnellzu bereichern.In dieser Zeit erfolgte auf Esras Befehl die schändlicheVertreibung der von den Juden angeheirathetenfremden Weiber.*)*) Wahrscheinlich stammt auch die Geschichte von Abraham undHagar aus dieser Zeit.


— ns —Unter Esra erfolgte auch die Promulgfation der Thora.Hierdurch war die Bigotterie der Juden ins Leben gerufen.Der Fanatismus war geboren, die Litteratur sankund Israel verfiel in einen 200 jährigen Schlaf (von400—200 V» Ciit*)t wie ein Mensch, der eine zu starkeDosis Opium erhalten hat. Die Thora ward für die JudenAlles; sie war, wie Renan sagt, das engste Schnürhemd,das jemals Lebendiges eingeengt hat. Philosophie,Wissenschaft, Dichtung, Alles wurde erstickt, natürlichauch der Geschäftsbetrieb und der Handelsgeist, wieüberhaupt jede freie Thätigkeit. Renan bemerkt hierzu:„Der Zweck des mosaischen Gesetzes war, dieJuden im Zustande eineszu erhalten,patriarchalisch regierten Volkesdie Bildung grosser Vermögen zu verhindern,die Entwickelung der Industrie und des Handels nachphönizischem System unmöglich zu machen*Die Judensind erst dann reich geworden, als die Christen sie dazugezwungen haben, und zwar dadurch, dass man ihnenuntersagte, Grund und Boden zu besitzen und ihnendie Führung der Geldgeschäfte in Folge unpraktischer(christlicher) Anschauungen über das Zinsennehmen aufdrängte.**Als Alexander der Grosse das Perserreich im Jahre3J9 stürzte, wurde Palästina nach seinem Tode (323)von Ptolemäus Lagus, dem Könige Aegyptens, erobert.In jene Zeit fällt die Gründung der jüdischen Coloniein Alexandrien, die sich mit der Zeit zu hoher Blüthcemporschwang. Palästina wurde der Schauplatz desKrieges zwischen Aegypten und Syrien. In dieselbeZeit fällt auch der Beginn des Proselytismus.Im Jahre 2J8 fiel Palästina auf kurze Zeit in denBesitz des seleucidischen Königs Antiochus III., kam


— ii9 —jedoch bald darauf wieder zu Aegfypten und fiel imJahre J98 wieder an den seleucidischen Herrschen Dochschon im Jahre J93 wurde Palästina wiederum aegfyptischeProvinz, aber nur fürkurze Zeit.Vom Jahre J75 an war die Hellenisirung des gfanzenöstlichen Mittelmeeres zur Thatsache geworden» DieGebildeten aller Völker wenden sich willig der griechischenCivilisation, Sprache und Philosophie zu,Aegypten, Phönizien, Kleinasien , Syrien, theilweiseauch Carthago, Armenien und Assyrien, wurden hellenistischund zwar gern und leicht, ja sogar mit Begeisterung;nur die Juden Palästinas mit ihrer Thorain der Hand wollten von der griechischen Civilisationnichts hören. Justament nicht, so lautete wohl ihreDevise. Ein hartnäckiges Volk fürwahr! Sie wolltenihre semitische Sprache behalten und im Geiste ihrerThora denken. Mit dem griechischen Culte der Schönheitwar der Cultus des menschlichen Körpers, die Bewunderungdes Nackten unzertrennlich verbunden. Geradedas aber war den Juden ein Gräuel. Auch warin Folge der Beschneidung der Jude immer dem Spottedes NichtJuden ausgesetzt. So entstanden denn sogarin Jerusalem zwei Parteien; die hellenistische und dieorthodoxe. Die letztere hielt starr und fest an ihrerThora, ihrer Sprache, ihren Sitten und Gebräuchen; eswaren die Chassidim, dieStrenggläubigen, die Pharisäer.Da kam nun in der Person des Königs AntiochusEpiphanes ein Mann, der es zum ersten Male wagte,ins Wespennest hineinzustechen. Er setzte sich in denKopf, alle seine Unterthanen unter ein und dasselbeGesetz zu briegen, das Judenthum auszurotten, die Judenzu Handlungen zu zwingen, welche sie für götzcn-


— J20 —dienerisch hielten* Antiochus begünstigte anfangs alleLiberalen^ d* h» die hellenistischen Juden, odcft wie wirheute sagen würden, die Reformjuden, von denen vielezum heidnischen Glauben übertraten. Jerusalem wurdeimmer mehr hellenistisch; während einigen Jahren solldie Stadt sogar nicht einen einzigen jüdischen Einwohnergehabt haben* Ja, was das Beste ist, die hellenistischePartei stellte eine Statue des olympischen Zeus im TempelJahwe's auf* Es war dies die denkbar höchste Beleidigungder Jahwe-Religion* Nun verbot die Regierungauch noch die Beschneidung, die Beobachtung des Sabbathsund der übrigen jüdischen Gesetze* Alle Exemplare derThora, deren man habhaft werden konnte,wurden verbrannt*Aus dieser Zeit berichtet uns die biblische Geschichtezahlreiche Fälle von Personen, die dem Glaubenzuliebe den Märtyrertod starben* Es war die Geburtsstundeeingetreten des grossen Gedankens, dass man eherGut und Blut, Leib und Leben hinopfern muss, als demeinzig wahren Glauben zu entsagen. Damit aber wurdedie alte jüdische Vorstellung, dass alle guten Thaten unddie Beobachtung des Gesetzes von Gott hinieden aufErden belohnt werden, nothwendiger Weise zu Grabe getragenund es entstand wahrscheinlich unter persischemEinfluss die dem Judenthum bisher fremde Idee von derAuferstehung des Fleischesund von einem ewigen Leben*Antiochus Epiphanes glaubte, wie so viele religiöse Verfolger,die verfolgte Religion zu vernichten; thatsächlichaber erzielte er den entgegengesetzten Erfolg* Geradedurch die Verfolgung rettete er diese Religion* Die Religionenlassen sich nicht durch das Mittel der Verfolgungvernichten; im Gegentheil, sie dient nur dazu,sie zu stärken und zu verbreiten* Die Geschichte liefert


— J2J —uns unzähligfc Beweise für die Wahrheit dieser Thatsache.Die ganze jüdische Geschichte bisauf den heutigen Tag,die blutige Verfolgung der Christen zur Zeit des römischenKaiserreiches, sowie in vielen anderen Ländern; dieschweren und grausamen Verfolgungen, die Mohammedund seine ersten Anhänger durch die Koreischiten, dieParsis durch die Mohammedaner in Persien zu erduldenhatten, mögen diese ewige Wahrheit illustriren. DasBlut der Märtyrer ist der Samen der Religionen* Einegrosse tiefe Wahrheit!Die Folge der seleucidischen Verfolgung war derglorreiche Aufstand der Makkabäer* Judas Makkabäuswar die Seele der Empörung« Er rettete das Judenthumund die Thora, die ohne ihn verloren gewesen wären.Wer die Geschichte dieser Kriege, sowie des Kampfesder Juden gegen die Römer unter Titus und Hadrianstudiert, wird, wenn er ehrlich ist, eingestehen müssen,dass die Juden eines der tapfersten Völker der Erde gewesensind.Wenn sie nun heute diese grossartige Tapferkeiteingebüsst haben, so ist dieser Verlust das Resultateiner geschichtlichen Entwickelung. Die Makkabäer hattengesiegt, mit ihnen kam die chassidische Richtung an dieRegierung. Sie regierten streng nach den Grundsätzen derThora und waren in Folge dessen von allen ihren Nachbarnauf das Aeusserste verhasst; denn alle diese Nachbarvölkerstanden auf Seite der Seleuciden, natürlich auchjene, welche semitische Sprachen noch sprachen oderwenigstens gesprochen hatten und welche von den Antisemitenals semitische Völker bezeichnet werden.Doch diese Herrlichkeit dauerte nicht lange. DieSyrier, von Lysias angeführt, besiegten im Jahre J63 dasjüdische Heer der Makkabäer und stellten die syrische


— J22 —Herrschaft wieder her. Der Friede wurde geschlossenauf Basis der Religionsfreiheit*Aus dem Gesagten geht hervor, dass diese langwierigenblutigen Kriege keinen anderen Grundhatten, als die Religion, dass also der Antisemitismusschon in seiner Wiege den Stempeldes religiösen Fanatismus an sich trug; eineWahrheit, auf die ich. meine verehrten antisemitischenGegner ganz besonders aufmerksam zu machen mir erlaube,mit der höflichen Bitte, dies zu widerlegen, wennsie es können*Renan hat bei seiner Beschreibung der Verfolgungzur Zeit der Seleucidenherrschaft den wahrhaft genialenGedanken niedergeschrieben: „Das, was der Fanatikeram meisten hasst, ist die Freiheit; es ist ihm bedeutendlieber ein Verfolgter, als ein Geduldeter zu sein, das waser will, ist das Recht, andere verfolgen zu dürfen*^*Es ist dies die nothwendige Folge der monotheistischenLehre, dass Gott nur auf eine einzige Art verehrt werdenwill und darf;dass alle anderen Götter, ausser der Einzige,„Nichtigkeiten", Habalim sind,wie der hebräische Ausdrucklautet, respective Dämonen, wie die Christen diesenAusdruck übersetzen**) Ist aber jeder Cult eines anderenGottes Gotteslästerung und Teufelsdienst, so ist es selbst-*) Vergleiche das interessante Werk ^Wunder und Scheinwonder**von J. von Bonniot S. J. (Mainz 1889), worin der Beweis versuchtwird, dass sämmtliche Götter des Heidenthums wirkliche Dämonenwaren.Ausser dem Worte Nichtigkeiten hatten die Juden noch andereliebenswürdige Bezeichnungen für die Götter der Fremden, als dasind: Scheusal, Lüge, Unrecht, Nichtgott u. s, w.Ob man sich durch derartige Bezeichnungen der Objecte der Ver-


— J23 —verständlicht dass er vernichtet und zerstört werden mussund dass es ein gfottgfefälliges Werk ist^ an dieser Zerstörungzu arbeiten. Verliert man nun bei Ausübungdieses gottgefälligen Werkes sein Leben, so ist ewigeSeligkeit und endlose Glorie der zu erwartende Lohn.Der Monotheismus, die Lehre von der ausschliesslichenSeligmachung und der Sträflichkeit des Irrthums sindnothwendiger Weise Feinde der religiösen Freiheit undToleranz. Ihr Gegensatz ist der Glaube, dass alle Gebeteder Menschen, an was immer für ein übernatürlichesWesen gerichtet, ganz von selbst nur an eine einzigeAdresse gelangen können, wie verschieden auch die Wegeund Kanäle sind, die zu ihm führen — nämlich an deneinzigen Gott, das Centrum des Weltalls.Die seleucidische Herrschaft glich in Vielem der heutigentürkischen Regierung, indem sie fast ausschliesslich inden Städten wirkte und sich kaum in das Innere desLandes hinein erstreckte. Dem Hasmonäer Jonathanwar es gelungen, im Jahre 143 v. Chr. den jüdischenStaat wieder autonom zu machen. Diese Regierungsformwar ausserordentlich intolerant und grausam, religiöseStreitigkeiten und damit verbundene Blutbäder an derTagesordnung. Die Unzufriedenheit, Streitsucht undIntoleranz der Juden Palästinas erstreckte sich auch aufdie Juden Alexandriens. Sie waren bei allen Völkernmasslos verhasst. Schon im Jahre MO v. Chr. warfAppolonius Molon den Juden ihre Verachtung für alleanderen Religionen, ihre Ungeselligkeit, ihren Mangelehrung seiner Nachbarn beliebt macht, möge der geehrte Leser selbstbeurtheilen, "W^enn damals mit dem Götzendienst Grausamkeit undUnzucht verbunden war, woran nicht zu zweifeln ist, so h&tte genügt,diese Ausartungen zu bekämpfen.


— J24 —an Ehffüfcht gegfen die Göttei* von Es entstand unterden Heiden eine eigene jüdische Geschichtet unter anderndas grosse Geschichtswerk von Posedoniust in welchemder Hass der Griechen die unsinnigsten Verläumdungengegen die Juden niederschrieb, welche von den späterenheidnischen Schriftstellernwurden.gerne geglaubt und wiederholtDie Geschichte der Hasmonäer bis zur herodianischenZeit isteine ununterbrochene Reihenfolge von Intriguenund Verbrechen aller Art. Sadducäer und Pharisäer befehdetensich aufs Aeusserste. Janeus zeichnete sichdurch besondere Grausamkeit aus. Während des Bürgerkriegesim Jahre 87 belagerte er die Aufständischen ineiner kleinen Stadt Namens Bethome, zwang sie zurUebergabe und führte die Gefangenen nach Jerusalem.Dort liess er 800 von ihnen kreuzigen und liess währendihreslangwierigen Todeskampfes die Weiber und Kinderder Unglücklichen in ihrer Gegenwart hinschlachten,Opfer weidete.Und was war denn die Veranlassung zu dieserwährend er gleichzeitig mit seinen Maitressen ein Festmahlgab und sich dabei an den Leiden dieser unglücklichenunerhörtenInfamie? Wieder ein Scandal religöser Natur!Als Janeus circa95 v. Chr. als Hoherpriester beim Laubhüttenfestpontificirte,inscenirte das Volk, von den Pharisäernaufgestachelt, einen Riesenscandal. Gerade imAugenblicke, als Janeus die Stufen des Altars hinaufschritt,erscholl von allen Seiten der Ruf, er sei nachden Bestimmungen der Thora des Pontificatesunwürdig,weil von einem Sclaven abstammend. Citronen fliegendem Ehrenmann auf den Schädel. Tableau! Rauferei,Massacre, 6000 Anhänger der Pharisäer bleiben auf dem


— J25 —Tempelpflastcf ; Bürgcrkricgf, dessen Hauptscandal icheben angeführt habe* So geht es fort, bis die RömerOrdnung machen. Bei diesen ewigen Kämpfen, Kriegenund Bürgerkriegen handelte es sich immer blos um dieBekämpfung des Hellenismus durch einen engherzigenJudaismus aus religiösen Gründen* Ganze Städte wurdenvernichtet t blühende Länderstrecken zu Wüsten gemacht;die Juden wollten keinen Verkehr mit den Unbeschnittenen*Unter Alexandra herrschten die Pharisäer,und die Sadducäer wurden aus allen Stellungen verdrängt*In was bestand aber dieser Gegensatz zwischen Pharisäernund Sadducäem, dessen Bethätigung ganz Palästinamit Blut getränkt hat und auf welchen schliesslich theilweiseder grosse Purzelbaum des jüdischen Staates zuzurückzuführenist. Nun, dieser Gegensatz beruhtewieder auf Religion* Die Pharisäer sind die strenggesetzlichen, die orthodoxen Vertreter des Judenthums,sie sind die Repräsentanten jenes Wesens, das Israel angenommenhat seit der Rückkehr aus Babylon, dasProdukt des Werkes des Esra* Alle bedeutendenSchriftgelehrten waren Pharisäer* Sie glaubten an einmündliches Gesetz, ausser dem schriftlich Fixirten an eineUeberlieferung der Väter* Aus ihrem Schosse ist derRabbinismus und der Talmud hervorgegangen* Siestellen die Tradition sogar höher als die Schrift, wasanderswo auch vorkommen soll*„Es ist sündhafter, gegendie Verordnungen der Schriftgelehrten zu lehren, alsgegen die Thora selbst^^ lautete einer ihrer Grundsätze.Sie glaubten an die Unvergänglichkeit der Seele, an dieAuferstehung und eine Strafe im Jenseits, an Engel undGeister und an ein von Gott verhängtes und geleitetesFatum, das jedoch die Willensfreiheit nur beschränkt, aber


— J26 —nicht aufhebt» In der Politik wollten die Pharisäer^ dasspolitische Fragen nicht vom politischen^ sondernvom religiösen Standpunkte aus behandelt werden!Sie waren eigentlich keine politische Partei,sie wurden nur dann ,,politisch*% wenn die Obrigkeitetwas von ihnen verlangte, wodurch die orthodoxe Befolgungdes Gesetzes verhindert wurde; sonst war ihnendie Politik ausserordentlich gleichgiltig* Ausreligiösen Motiven allein hat zweimal die pharisäischePartei dem Herodes den Eid der Treue verweigert» Sicwaren eine ecclesiola in ecclesia, sie nannten sich hebräischPeruschim, aramäisch Perischin, woraus das griechischePharisaioi entstanden ist; das bedeutet die Abgesonderten;abgesondert von aller Unreinheit, d. h. von allen Nichtjuden,von den unreinen Heiden, aber auch von allenjenen, welche die Reinheitsgesetze nicht pünktlich beobachteten,d* h» vom jüdischen Volke des Landes (Am haarez),ein Wort, das Judenfeinde häufig rundweg mit Christen (!)übersetzt haben. Sie fallen mit dem Begriffe Chasidimder Makkabäer zusammen.Chassidim (Fromme)»Die Makkabäer waren solcheIhre Nachfolger blieben jedoch derPartei nicht immer treu, denn als Herrscher hatten siedie Aufgabe, zu regieren und gerade das schien ihnenSo kam es unternach pharisäischem System unmöglich»Hyrkan zum Bruch» Anfangs hatte er noch zu denPharisäern gehalten, später wandte er sich den Sadducäernzu; so wurden die Pharisäer Gegner der hasmonäischenFürsten, behieltenaber doch das Volk auf ihrerSeite» Sie erfreuten sich eines bedeutenden Einflussesauf alle Gemeinden, so dass alle gottesdienstlichenHandlungen sich nach ihren Anordnungen richtenmussten»


— J27 —Dadurch waren aber auch die Sadducäer gfezwungfen,in ihrer amtlichen Thätigkeit die "Wünsche der Pharisäerzu berücksichtigen, da diese sonst das Volk gegen sieaufgehetzt haben würden.Die Sadducäer stellten die Aristokratie, die Aufgeklärtenund die Wohlhabenden vor.Ihnen gehörten diehohenpriesterlichen Familien an, sowie die vornehmenPriester; sie leiteten ihre Abstammung von Zadok ab,dessen Nachkommen seit Salomon den priesterlichenDienst in Jerusalem versahen.Die Sadducäer leugnetendie Unsterblichkeit, sie hielten nur die heilige Schrift fürverbindlich, nicht aber die Tradition, widersprachen somitder pharisäischen Lehre. Sie hatten auch verschiedeneBestimmungen hinsichtlich rein und unrein undverspotteten ihre Gegner wegen ihrer Auslegung desReinheitsgesetzes. Die Pharisäer replicirten, indem siejede Sadducäerin, wenn siedie Wege ihrer Väter wandelt,für unrein erklärten. Die Sadducäer leugneten auch dieExistenzvon Engeln und Geistern und behaupteten, dassGott die Thaten der Menschen nicht beeinflusse. Sostanden die Sadducäer auf dem altisraelitischen Glaubensstandpunkte,der keine Auferstehung und Vergeltung imJenseits kannte, sowie keine Engel und Dämonen imSinne der späteren jüdischen Religion. Dazu kam nocheine weltliche, praktische Gesinnung, ja bei den Gebildetenwohl auch etwas Aufklärung, was begreiflichist, wenn man bedenkt, dass sie die Politik leitenmussten. Die unausbleibliche Folge davon war griechischeBildung, somit wieder Aufklärung und Abschwächungdes Glaubens. Nur unter Alexandra nahmenihnen die Pharisäer das politische Heft aus denHänden. Im grossen Ganzen accomodirten sie sich


— J28 —aber, um das Volk nicht zu tcizctif den Wünschen derPharisäer»Aus dem Gesagten geht hervor t dass der Gegensatzzwischen Pharisäern und Sadducäern nur ineiner verschiedenen Religionsauffassung bestand»Der Sadducäismus ist nach dem Sturze des römischenReiches ganz von der Bildfläche verschwunden. DerPharisäismus lebt noch heute im Talmudismus undRabbinismus weiter» Wir sehen auch hier wieder denTriumph der Orthodoxie gegen den Liberalismus»Ganz dasselbe geschah später im Islam» Die Aufklärungim Islam unterlag vollständig in ihrem Kampfe gegendie Orthodoxie und in allen islamitischen Länderngilt heute der Satz: tfDie Offenbarung stehthöher, als die Vernunft^^ Bravo, nur so weiter!Bekanntlich hat die Synagoge von Montpellier den Bannausgesprochen im Jahre 1232 gegen alle Juden, welchedie Werke des grössten und gelehrtesten Rabbinen Maimonideslesen würden, und vier Jahrhundertc später istauch der grosse Jude Spinoza von der Synagoge in denBann gethan worden» Nicht besser ist es den arabischenPhilosophen in den Ländern des Islams ergangen» ArmeAufklärung! arme Philosophie! Du darfst nicht offenauftreten, sonst hetzt dich gleich eine Meute zu Tode!Du bist nur das Erbtheil einer kleinen Minorität vonMenschen, die dich aber um so mehr lieben, je mehr duverfolgt wirst! Doch getrost, schliesslich wirst du siegen,aber wann? das weissGott allein»Eine dritte grosse jüdische Partei waren die Essener;selbstverständlich ebenfalls eine religiöse Gemeinschaft»Das Judenthum zur Zeit Christi war bereits fast inallen Ländern der damals bekannten Welt zerstreut und


t29zvrsLthat diese Zerstreuung: begonnen mit der Deportationgrosser jüdischer Volksmassen durch die assyrischen undbabylonischen Eroberer.Schon um J40 v. Chr. sagt dieSybille^ dass jegliches Land und jegliches Meer von Judenerfüllt ist. Um dieselbe Zeit erliess der römische Senatein Rundschreiben zu Gunsten der Juden an dieKönigevon Aegypten, Syrien, Pergamum, Kappadocien und vieleProvinzen, Städte und Inseln des Mittelmeeres* 85 v.Chr. sagt Strabo, dass die Juden bereits in jede Stadtgekommen waren, dass es keinen Ort der Welt gibt, derdieses Volk nicht aufgenommen hätte. Aehnliches sagenJosephus und Philo. In Mesopotamien, Medien undBabylonien zählten sie, wie Schürer, die grösste Autoritätüber das Judenthum zur Zeit Christi sagt, nicht nachTausenden, sondern nach Millionen; namentlich warensie in ganz Kleinasien und Syrien zerstreut. Philo schätztdie Zahl der aegyptischen Juden auf circa eine Million.In den grossen Städten Griechenlands fand der ApostelPaulus überall Synagogen, in Rom zählte die jüdischeGemeinde nach Tausenden.Julius Caesar war ein grosserJudenfreund; als er starb, weinten und klagten Scharenvon Juden Nächte lang an seinem Scheiterhaufen. ZuNero's Zeit scheint die Kaiserin Poppaea jüdische Proselytingeworden zu sein, auch scheint es, dass die JudenRoms in nahen Beziehungen zum Throne gestandenhaben. In Gallien und Spanien treffen wir Juden, wenigstensin der späteren Kaiserzeit.Diese Juden waren eifrigeProselytenmacher und hatten darin bedeutende Erfolge,da schon in der letzten Zeit der Republik in Rom einegrosse Vorliebe für orientalische Culte Mode gewordenwar.anerkannte.Die jüdische Religion war eine im römischen StaateDie Juden hatten das Recht der eigenen Ver-9


— J30 —mögfensvefwaltungf und Jurisdiction über ihre Mitglieder.Vom Militärdienst waren sie befreit; warum? Auseinem religiösen Grunde^ da sie am Sabbath keineWaffen tragen und nicht weiter als 2000 Ellen marschirendurften. Sie hatten das Privilegium ^ am Sabbathnicht vor Gericht erscheinen zu müssen. Vorübergehendwurden die Juden auch im römischen Reicheverfolgt. Tiberius verbannte im Jahre J9 n. Chr. dieganze Judenschaft aus Rom, weil ein paar Juden einerProselytin Namens Fulvia grosse Summen Geldes abgeschwindelthatten,unter dem Vorwande, dieselben seienfür den Tempel in Jerusalem bestimmt.Unter Caligula drohte dergesammten Judenschaft desrömischen Reiches die grösste Verfolgung, als die Judensich weigerten, ihm göttliche Ehren zu erweisen. ZumGlück für die Juden starb Caligula, bevor es zum Aergstcngekommen war. Seit Caligula wurde nie mehrversucht, die Juden zum Kaisercultus zu bewegen, weildie römischen Machthaber begriffen hatten, dass es unmöglichwäre, sie dazu zu zwingen und ein derartigerVersuch nur zwecklose Hinrichtungen zur Folge habenwürde.Schon in der seleucidischen und ptolemäischen Zeithatten viele Judengemeinden in Syrien und Aegyptendas Bürgerrecht erhalten. Julius Caesar bestätigte esihnen ausdrücklich. Die Folge waren fortwährendeReibungen der Juden mit den NichtJuden und warum?Bios aus religiösen Gründen. Die Juden hatten alleRechte wie die übrigen Bürger, wollten aber um keinenPreis den mit dem Bürgerrecht als Pflicht verbundenenCultus der nationalen Götter mitmachen, da sie dies inFolge der Bestimmungen ihrer Thora für ein entsetz-


liches Verbrechen hielten»- J3J —Alle anderen von den Römernunterjochten Völker huldigten anstandslos den heidnischenGöttern, und kein Mensch hinderte sie, sich dabei ihrenTheil zu denken, wie die Gebildeten der Zeit es j'a auchthaten* Eine Verneigfungf, eine Handvoll Weihrauchvor dem Götterbild, kein Mensch verlangte mehr* AlleVölker des Erdkreises thaten dies anstandslos undmachten sicherlich ihre Witze über diesen Aberglauben.Aber die Juden und später auch die Christen sagten:Nein, lieber sterben! Dass das die „Heiden" wegen desdarin sich äussernden Mangels an Patriotismus auf dashöchste reizen musste, lässt sich denken* Nur dadurchsind die Juden- und Christenhetzen zu erklären* Erlebenwir doch heute ganz genau dasselbe in China* Dieblutigen Verfolgungen und Kriege der Chinesen gegendie Mohammedaner, die jüngsten grausamen Massacresder Christen dortselbst, haben in gar nichts Anderemihren Grund, als in der Verweigerung des Complimentsvor der uralten Staatsreligion seitens der beiden monotheistischenBekenntnisse* Würden Christen und Muslimsin Kleinigkeiten nachgegeben, ihren Kratzefuss vor den„Götzen" gemacht, an religiösen Processionen thcilgenommen,hie und da einen Heller für die Tempel unddie Geistlichkeit gespendet und bei Eheschliessungennicht in schroffer Weise die Bedingung, dass alle Nachkommenin ihrer, d. h* einer anderen, als der Staatsreligion,erzogen werden müssen, gestellt haben, welcherchinesische Mandarin würde sich jemals um die zweifremden Religionen gekümmert haben? Nicht mehr,als sie sich für den Buddhismus und den Taoismus interessiren*Hätten Juden und Christen im römischen Reichesich tolerant und freundlich wohlwollend gegen die9*


J32kindische römische Staatsreligfion benommen ^ keinMensch hätte sie in der Ausübungf ihres Cultus gfestört*Sie thaten es nichts sie bluteten und sterben lieber*Und warum? Weil in der Thora steht» dass man nuran einen einzigen Gott glauben und dass »tGötzendienst^^ein verruchtes Verbrechen ist. Jene Märtyrer nun, diefürihren Glauben, selbst unter Martern, ihr Leben lassen,sind sicherlich nicht zu bedauern, denn sie starben mitBegfeisterung, im Vorgefühl unendlicher, unmittelbarbevorstehender Seligkeit. Die schwerste Stunde desmenschlichen Lebens, ihre Todesstunde, wird ihnen verklärt;es ist möglich, ja wahrscheinlich, dass sie sich ineinem Zustande der Extase befinden, in welchem physischerSchmerz überhaupt nicht empfunden wird. Diese Personensind nicht zu bedauern, sondern im Gegentheil zubeneiden. Aber was ist von jenen zu halten, die lau imGlauben, gar kein Verlangen haben nach der Palme derMärtyrer, die unter dem Motto: „Mitgefangen, mitgehangen'zur Schlachtbank geführt werden, die nichtmehr apostasiren können, weil die Richter oder Henkerihnen die Zeit und Gelegenheit dazu nicht mehr geben;was istzu halten vom Schmerze der unglücklichen Elternund Verwandten dieser Märtyrer, wenn sie selbst „Ungläubige"und „Götzendiener" geblieben sind? Welchefurchtbaren Leiden, welch ein Kummer, welch ein Schmerz!Und wer sind jene, die solche Situationen heraufbeschworenhaben? Wer hat eine Situation geschaffen,durch welche solche Massacres möglich geworden sind?Jüdische Theologen, die vor mehr als 25 JahrhundertendieFeder geschwungen habenGerade aus religiösen Gründen, ausschliesslich ausreligiösen, ist die Antipathie zu erklären, die den Juden


— J33 —von den Völkern des Alterthums immer und überall entgegengebrachtWürde. Denn ihre religiösen Forderungenstanden mit ihren Pflichten als Staatsbürger in grellemWiderspruche. Trotzdem haben Juden im Alterthumwiederholt hervorragende Rollen im Staatsleben gespielt«Unter Ptolemäus VI und dessen Gattin Cleopatra standensie an der Spitze der Regierung und die aegyptische Heeresmachtwurde von zwei Juden befehligt,Onias und Dositheus.Der jüdische Convertit Tiberius Alexander hatsogar im römischen Heere die höchste Stellung eingenommen.Aber im Allgemeinen waren sie den Griechen undRömern, wie gesagt, ausserordentlich antipathisch. Inden hellenistischen Städten wurden sie mit Missgunstbehandelt*Schopenhauer spricht an zwei Stellen seiner Parergadie Vermuthung aus, dass die Verachtung der antikenVölker für die Juden dem Umstände zuzuschreiben ist,dass die Judenreligion, weil sie keine Unsterblichkeitslehrekannte, den „Heiden** als eine inferiore Religionvorgekommen ist. Also selbst der grosse Schopenhauerhält den antiken Antisemitismus für einen religiösen.Das ist wichtig, weil die Antisemiten gerne den Schopenhauerals Autorität dafür anführen, dass der Antisemitismusmit der Religion nichts zu schaffen habe. Ichersuche aber die geehrten Gegner, den Schopenhauerwirklich zu lesen. Da werden sie entdecken, dass erdie Juden fast nur ihrer Religion wegen bekämpft. Ersagt zwar, dass es ein Irrthum ist, wenn man die Judenblos als Religionssecte betrachtet und dass die richtigeBezeichnung jüdische Nation ist, was auch zutrifft, wennman dabei nicht vergisst, dass es die jüdische Religion


— J34 —war, die die Juden zu einet Nation gemacht hat. Zubedenken ist auch, dass zur Zeit, als Schopenhauerschrieb, die grossen Forschungen auf dem Gebiete derBibelexegese (Wellhausen, Reuss etc.) noch nichtgemachtwaren; auch hatten die Schädelmessungen der Anthropologennoch nicht erwiesen, dass eskeine jüdische Rassegibt. Die schweren Vorwürfe, die Schopenhauer derJudenreligion macht wegen religiösen Massacres, schonungslosemMorden und Ausrotten ganzer Völker, der Schurkereigegen Hemor und sein Volk, des sich Schenkenlassensder Nachbarländer durch den Nationalgott, der Geschichteder Vertreibung der Hagar etc., hätte Schopenhauernicht dem Judenthum als solchem gemacht, hätte er damals,als er schrieb, schon wissen können, dass diese GeschichtenJahrhunderte später zu didactischen Zwecken geschriebenworden sind und nie stattgefunden haben, wie die freieWissenschaft behauptet.Die Eroberung Jerusalems durch Pompejus führtewieder zu einem furchtbaren Blutbad, wobei der Umstandmerkwürdig ist, dass die jüdischen Priester, welchegerade mit dem Opfern beschäftigt waren, sich durchdas Eindringen der römischen Soldaten nicht im Geringstenstören liessen und mitten in Ausübung ihresBerufes niedergestochen wurden. Hiermit hatte die Freiheitdes jüdischen Volkes, die ungefähr 80 Jahre bestandenhatte, ein Ende. Palästina kam unter die Oberaufsichtdes römischen Statthalters von Syrien, wurdejedoch nach einigen Jahren davon getrennt und erhielteigene Prokuratoren.Im Jahre 47 wurde Hyrkan zum Ethnarchen derJuden und Antipater zum Prokurator von Judaea ernanntund zwar in Folge der Verfügung Julius Caesars,


— J35 —welcher den Juden im Jahre 45 durch einen Senatsbeschlussmehrere Privilegfien verlieh. Im Jahre 40 erfolgteder Einfall der Parther in Jerusalem, welches sietrotz ihrer Freundschaft mit Antigonus, des Sohnes desAristobulus, dessen Anspruch auf den Thron JuliusCaesar ignorirt hatte, gründlich plünderten. Antigonuswar König und Hoherpriester durch die Gnade derParther. Derselbe liess dem Hyrkan, um ihn für denHohenpriesterdienst untauglich zu machen, die Ohrenabschneiden. Doch diese Herrlichkeit dauerte nichtlange.Mittlerweile war Herodes derGrosse auf den Schauplatzgetreten, und es war ihm gelungen, den Antoniusund selbst den Octavian dazu zu veranlassen, ihn infeierlicher Senatssitzung zum König von Judaea erklärenzu lassen.Drei Jahre nach seiner Ernennung gelang es ihm, den"Widerstand des Antigonus, welch Letzterer dann aufBefehl des Antonius hingerichtet wurde, niederzuwerfen.Hiermit hatte die Herrschaft der Hasmonäer ein Endeund das Zeitalter der Herodianer begonnen. Herodeswar König von Judaea, jedoch unter der Oberherrschaftder Römer, als Rex socius. Das jüdische Volk hassteihn fürchterlich, da er als Idumäer nur ein halber Judewar, wegen seiner treuen Freundschaft und Anhänglichkeitgegen Rom und seiner Vorliebe fürhellenistische Cultur.Es waren die Pharisäer, welche ihm aus diesen religiösenGründen gleich bei seinem Regierungsantrittedie grössten Schwierigkeiten bereiteten.Es gelang Herodesjedoch bald, durch Massenhinrichtungen diese orthodoxePartei zum Schweigen zu bringen. Concessionen mussteer ihnen aber dennoch machen. So liess er seine Münzen


— J36 —ohne Menschenbfldnis prägfen^ das eigentliche Tempelhausnur vonPriestern hauen und betrat persönlich nieden inneren Tempelraum. Auf keinem der GebäudeJerusalems Hess er Bilder anbringen*Als sich einst im Volke das Gerücht verbreitet hatte^dass die im Tempel aufgehängten kaiserlichen Siegestrophäenmit Waffen bekleidete Statuen seien und darobUnruhen im Volke entstanden^ liess Herodes in Gegenwartder angesehensten Männer diese Trophäen herabnehmenund entkleiden und zeigte ihnen zu ihrer Beruhigungdie leeren HoUgerüste. Schliesslich liess erjedoch zum Spotte einen Adler am Tempelthore anbringen^was den Hass der Pharisäer^ trotz der vielenertheilten Concessionen^ wieder aufstachelte.Diese That^sowie die Begünstigungen^ welche Herodes den hellenistischgesinnten Juden erwies und seine Missachtungdes Synedriums führten zu einer Verschwörung, die jedochbald niedergeworfen wurde.Als Herodes erkrankte undsich die Nachricht verbreitete, seine Krankheit sei unheilbar,wiegelten zwei rechtgläubige Rabbiner das Volkauf, in Befolgung des 2* Gebotes Gottes, den so anstössigenAdler vom Tempelthore herunterzureissen.Unter ungeheurem Spektakel wurde dieses gottgefälligeWerk vollbracht; aber der alte Löwe Herodes war nochnicht ganz todt; er liess die Rädelsführer lebendig verbrennen!Kaum war er gestorben, und Archelaus r-sein Sohn — Nachfolger geworden, entstand ein A,tjfruhrin Jerusalem, da die pharisäische Partei die Hinrichtungder beiden Rabbiner rächen wollte.Die Judenschickten sogar eine Gesandtschaft nach Rom, um zubitten, dass fortan kein Herodianer mehr die Herrschaftüber Palästina erhalte.Kaiser Augustus liess sich dadurch


— J37 —jedoch nicht beeinflussen. Herodes der Grosse starb imJahre 4 v. Chr. und es wurde sein Reich in 3 Gebietegethcilt. Das eine erhielt Philippus, der bis 4 y. Chr.regierte, das andere Antipas — 4 v. Chr. bis 39 n. Chr.,das dritte Archelaus, welcher das eigentliche Judaea bekam,das jedoch schon im Jahre 6 n. Chr. unter die römischeProkuratur kam. Vom Jahre 4 v. Chr. bis 39 n. Chr.regierte Herodes Antipas als Tetrarch von Galiläa undPeräa.Mit der Regierung über die Juden, hatten die Römerihre liebe Noth* So entgegenkommend dieselben auchgegen jene waren, die Juden verlangten immer mehrund mehr Concessionen , die jedoch der allgemeinenOrdnung wegen schwer zu ertheilcn waren. In allenProvinzen des römischen Reiches wurde der Kaisercultusvon der Bevölkerung gefordert und auch anstandslosgeleistet. Nur die Juden waren davon dispensirt (ausgenommenzur Zeit des Kaisers Caligula).Die im jüdischen Lande hergestellten Kupfermünzentrugen zur Zeit der römischen Herrschaft kein menschlichesBild; eine den Juden gemachte Concession, weilsich die Darstellung menschlicher Bilder mit ihrer Religionnicht vertrug. Die römischen Truppen pflegten in Jerusalemohne die Feldzeichen mit den kaiserlichen Bilderneinzuziehen, ebenfalls aus Rücksicht für die jüdische Religion.Als Pilatus einst diese Sitte abschaffen wollte,drohte ein Aufstand auszubrechen, so dass er sich endlichgenöthigt sah, die Kaiserbilder wieder zu entfernen. Pilatusversuchte Gewalt anzuwenden, liess Haufen von Judenin der Rennbahn, wohin er sie beschieden hatte, nachdemsie ihn 5 Tage lang mit Klagen bestürmt, vonseinen Soldaten umringen, und hoffte mit Gewalt seinen


— J38 —Willen durchzusetzen.Die Juden jedoch entblössten ihrenHals und erklärten, lieber sterben zu wollen, als in einensolchen Frevel einzuwilligen» Da Pilatus es nicht auf einBlutbad ankommen lassen wollte, gab er nach und entferntedie Kaiserbilden Ein ähnliches Ereignis trat ein,als er die Schätze des Tempels zum Baue einer nützlichenWasserleitung verwenden wollte,deren Bau Pilatusübrigens trotz ihres Widerstandes durchführte» Ebensosetzte das jüdische Volk durch, dass die Weiheschilde,auf welchen blos der Name und nicht einmal das Bilddes Kaisers aufgeschrieben war und welche Pilatus inJerusalem aufgehängt hatte, entfernt wurden.Die grosse Judenverfolgung in Alexandrien im Jahre38 n. Chr. hatte ebenfalls nur religiöse Motive. AlsCaligula befohlen hatte, dass seine Statue im Tempelvon Jerusalem aufgestellt werden sollte, geriethen dieJuden ausser sich und es wäre damals schon zu blutigenAufständen in Palästina gekommen, wenn nicht derStatthalter von Syrien, Petronius, die Anfertigung derStatue in verständiger Weise verzögert hätte und Caligularechtzeitiggestorben wäre.Der neue Kaiser Claudius schenkte unmittelbarnachseinem Regierungsantritte dem Herodes Agrippa ausserjenen Gebieten, welche er bereits erhalten hatte, auchnoch Judaea und Samaria, so dass ganz Palästina, indem Umfange, den es unter Herodes dem Grossen gehabt,wieder in der Hand eines Herodianers vereinigt war.Derselbe befolgte die Politik, die einst auch die Alexandra'sgewesen war, der Partei der Pharisäer nach Thunlichkeitentgegenzukommen. Er hielt sich streng an dieSatzungen des Judenthums, wesswegen ihn auch der Talmudüber den grünen Klee lobt. Als einst in der phöni-


—— J39 —zischen Stadt Dora junge Leute eine Bildsäule des Kaisersin der jüdischen Synagfoge aufgestellt hatten^ erwirkte ervom Statthalter von Syrien deren Bestrafung für diesenentsetzlichen Gräuel. Als sich seine Tochter Drusila mitEpiphanes — dem Sohne des Königs Antiochus vonKommagene verlobte —t musste dieser versprechen, sichbeschneiden zu lassen* So erlebte denn dieser schlauePatron den Triumph, dassdas Volk ihm, als er im Jahre4J am Laubhüttenfest aus der Thora die Worte vorlas:„Du sollst keinen Fremdling als König über dich setzen,der nicht dein Bruder ist^* und er bei dieser Gelegenheitin Krokodilsthränen ausbrach, begeistert zurief: „Seiunbekümmert Agrippa, dxs bist unser Bruder»"Nach Agrippa's Tode kam die Herrschaft der römischenProkuratoren vom Jahre 4466 n» Chr. Schonder erste Prokurator Cuspius Fadus erlebte einen Scandalmit dem Volke, weil er das Verlangen ausgedrückt hatte,dass das hohepriesterliche Prachtgewand wieder unterrömischen Verschlussgebracht werde; ferner hatte er denAufstand, den ein religiöser Schwärmer Namens Theudas,der sich als Prophet ausgab und zum heiligen Krieg gegenRom aufstachelte, hervorgerufen hatte, niederzuwerfen.Der dritte Prokurator Cumanus hatte wieder einen Aufstandzu bekämpfen. Weil ein römischer Soldat der Truppenabtheilung,welche der Sicherheit wegen immer imTempelvorhof aufgestellt war, — schöne Zustände: geradewie heute, wo Türken diese Wache halten — beim Passahfestedurch eine unanständige Gebärde die Juden beleidigthatte. Dieser Scandal soll nach Josephus Angabe 20,000Menschen das Leben gekostet haben*Zur selbigen Zeitzerriss ein römischer Soldat eine Thorarolle unter SpottundHohnreden. Um weiteren Unruhen zu entgehen,


— J40 —liess Cumanus auf Drängten der Juden den Soldaten hinrichten*Weitere blutige Unruhen entstanden in Folgeder in einem samaritanischen Dorfe erfolgten Ermordungzweier zum Jerusalemer Feste pilgernder galiläischerJuden» Der nächste Procurator war Felix, welcher zumgrossen Aergernis der orthodoxen Juden die schönejüdische Königin Drusila heirathete* Die Erbitterungwurde noch gesteigert,als unter dem nächsten ProkuratorFestus die Gleichstellung der Juden und Syrier in Caesaraeaaufgehoben und die Hellenen für die Herren der Stadterklärtwurden.Agrippa II.,welcher ein kleines Königreich am Libanon,sowie die Aufsicht über den Tempel in Jerusalemund das Recht, die Hohenpriester zu ernennen, erhaltenhatte, pflegte, so oft er sich in Jerusalem aufhielt, imPalaste der Hasmonäer zu wohnen und liess sich dorteinen kleinen Thurm bauen, von wo aus er den Tempelüberblicken und in freien Stunden den Gottesdienst indemselben beobachten konnte* Dies brachte die frommenPriester, die das höchst unanständig fanden, in Wuthund sie errichteten eine hohe Mauer, die ihm die Aussichtversperrte. Agrippa wandte sich an seinen Freund,den Procurator Festus um Hilfe, welcher ihm auch beistehenwollte. Die Juden sandten jedoch eine Deputationnach Rom zur Kaiserin Poppaea und erreichten durchihre Vermittelung, dass die Mauer stehengelassen wurde.Im Jahre 66 brach die grosse ewig denkwürdige Revolutionaus; natürlich war die Veranlassung wiedereine religiöse.Es hatte nämlich der Procurator Florusdem Tempelschatze J7 Talente entnommen* Es entstandein grosser Tumult wegen dieses Sacrilegiums undum den Procurator zu verhöhnen, sammelten einige Juden


— Hi —in kleinen Körbchen öffentlich milde Gaben für denarmen Florus.Kurze Zeit daraof wurde auf Betreiben des Sohnesdes Hohenpriester Ananias das tägliche Tempelopfer fürden Kaiser eingestellt, wodurch also der offene Abfallvon den Römern erklärt war. Das Ende ist bekannt*Jerusalem wurde belagert, der Tempel verbrannt, obwohlTitus alles gethan haben soll, das herrliche Gebäude zuretten. Es ist sehr bemerkenswerth, dass Titus eine Versöhnungherbeiführen wollte und zwar aus Liebe zuseiner jüdischen Geliebten Berenicc. Titus wurde erstgrausam, als er sah, dass die Juden jedwede friedlichenVerhandlungen abwiesen. Er liess täglich 500 Judenim Angesichte der Stadt unter raffinirtcn Martern kreuzigen,was die Wuth der Belagerten nur steigerte. DieHungersnoth, die Verzweiflung, der Wahnsinn wüthetenin Jerusalem, das fortan einem Käfig wilder Thiere glich.Hätten sich dieselben rechtzeitig ergeben, so wäre unendliches"Weh dem Volke erspart geblieben; doch dieseFanatiker wollten von einem Nachgeben nichts wissen,da sie den Tempel für unzerstörbar hielten. Die Mehrzahlglaubte, die Stadt befinde sich unter einem speciellenSchutze Gottes und es sei daher unmöglich, sie einzunehmen.Närrische Propheten liefen umher und verkündetenein unmittelbar bevorstehendes rettendes Wunder.Das Gottvertrauen der Belagerten war so felsenfest,dass viele, denen die Flucht möglich gewesen wäre, blosdeswegen blieben, um das rettende Wunder Gottes zu.schauen.Es war am 8. August 70, als es den Römern gelang,Feuer an den Thoren des Tempels zu legen. Als dieJuden die Flammen sahen, konnten sie anfangs ihren


— J42 —Aügcn nicht trauen^ denn in ihrer Verblendung hattensie geglaobtt der Tempel sei gcgfen Alles gefeit. Einfürchtbares Wuthgfeschrei^ ein Strom wilder Flüche darchhalltedie Lüfte^ als die Flammen zu züngeln anfingen*Am JO» August fand ein neuer Kampf statt* Eine Troppenabtheilungwar zurückgelassen worden, um zu verhüten,dassneuerdings Feuer gelegt werde, das noch glimmendeFeuer zu überwachen und das Weiterverbreiten zu verhindern*Auf diese Abtheilung stürzten sich die Judenund es entstand wieder ein fürchterlicher Kampf* DieJuden flohen gegen den Tempelhof, die Römer ihnennach* Die Wuth der römischen Soldaten hatte ebenfallsden Siedepunkt erreicht; einer von ihnen ergriff eineFackel, liess sich von einem seiner Kameraden in dieHöhe heben und warf dieselbe durch ein Fenster in denTempel hinein* Flammen und Rauch wurden sichtbar*In diesem Augenblicke schlief Titus unter seinem Zelte,als man ihm die Nachricht brachte, der Tempel brenne*Da entstand, nach dem Berichte Josephus, ein förmlicherKampf zwischen Titus und seinen Soldaten* Titus befiehltdurch Stimme und Gebärde, das Feuer augenblicklichzu löschen, aber bei diesem Tumulte hörte ihnNiemahd mehr* Er wird mitgerissen durch den Stromseiner Soldaten, die in den Tempel hineindringen* Nochhatten die Flammen das Allerheiligste nicht erreicht undTitus konnte dasselbe noch mit eigenen Augen sehen*Er befiehlt, das Innere zu räumen und dem CenturioLiberalis, einen jeden niederzumachen, der sich seinemBefehle widersetzen würde* Tumultuarisch verlassen dierömischen Soldaten den Tempel* Zu spät! Ein römischerSoldat hatte bereits das Innere angezündet; von allenSeiten lodern Flammen empor, in diesem Rauche konnte


— J43 —Niemand mehr Stand halten* Titus zog sich zurück*Jerusalem und der heiligfe Tempel waren bald nurmehrrauchende Trümmer! * * * *Die römischen Soldaten metzelten alles nieder, wasin ihre Hände fiel. Im Jahre 7J feierte Titus seinenberühmten Triumph in Rom* Hinter dem "W^agfen desTriumphators wurden die Rollen der Thora getragen,t,der grossen Schuldigen" am ganzen Unheil, wie Renansich ausdrückt. Sie allein hatte die Juden zu dem gemacht,was sie geworden waren; sie allein jene Mauererrichtet, die Israel von allen anderen Völkern trennte,sie allein die Abneigung der Griechen und Römer gegendie Juden verschuldet, sie allein die Juden aufgestachelt,der toleranten Regierung, den unbeschnittenen Heidenbei jeder Gelegenheit Prügel vor die Füsse zu werfen*Die Unabhängigkeit der jüdischen Nation war balddahin. Jerusalem wurde dem Erdboden gleichgemacht,ein bedeutender Theil der Bevölkerung niedergemetzeltund in die Sklaverei geführt. Unter Trajan versuchtendie Juden nochmals mehrere Afustände ;der grösste jedochfand unter Hadrian in den Jahren J32 bis J35 statt*Die Veranlassung war natürlich wiederum einereligiöse. Hadrian hatte an Stelle des zerstörten Jerusalemseine neue Stadt erbauen lassen,die Aelia Capitolinahiess und befohlen, dass an der Stelle, wo derjüdische Tempel gestanden, ein heidnischer Tempel desJupiter errichtet werde. Auch soll er ein Verbot derBeschneidung erlassen haben. Der Führer des furchtbarenAufstandes, der in Folge der tiefsten Verletzungdes religiösen Gefühles der Juden nun ausbrach, hiessBarcochba. Derselbe gab sich für den erwarteten Messiasaus. Da die Christen ihn als solchen nicht anerkennen


— J44 —wollten, wüthctc et attf das Grausamste gegfen dieselben»Der Aufstand worde von den Römern unterdrückt, wobeiganz Jüdaea zur Wüste gfemacht, 50 Festungen, 985Dörfer zerstörtwurden und über eine halbe Million Judengefallen sein soll. Ein grosser Theil der Bevölkerungwurde als Sklaven verkauft. Jerusalem wurde nun ineine römische Colonic unter dem Namen Aelia Capitolinaverwandelt, sämmtliche Juden vertrieben und heidnischeColonisten angesiedelt. Am südlichen Stadtthorwurde das Bild eines Schweines angebracht, an der Stelle,wo der jüdische Tempel gestanden, ein Tempel Jupiterserrichtet, in welchem eine Statue Hadrians gestandenhaben soll; an der Stelle, wo das Grab Christi gewesen,wurde ein Tempel der Venus errichtet. Jerusalem wareine heidnische Stadt geworden. Zur Zeit der RegierungAntoninus Pius versuchten die Juden wiedereinen Aufstand inFolge des noch bestehenden Verbotesder Beschneidung. Die Römer hatten nur die Wahl,diesen religiösen Brauch entweder zm gestatten,oder dasganze Volk zu. vernichten. Sie wählten kluger Weisedas ersterc, indem sie die Ausübung desselben wiedererlaubten. Die Urtheile der griechischen und römischenLiteratur über die Juden sind wie gesagt, sehr absprechendund zeugen von grosser Verachtung gegen dieses Volk.Die Gebildeten erblickten in der jüdischen Religion einenbarbarischen Aberglauben. Man verbreitete über dieJuden, sowie über ihre Geschichte die lächerlichsten undboshaftesten Fabeln, zum Theil aus Unwissenheit. Soerklärte man den Ursprung des Namens Judaei vomBerge Ida in Kreta und behauptete, dass sie von dortherstammen; gewisse Ceremonien beim Laubhüttenfestgaben zu der Vermuthung Anlass, dass sie den Bacchus


— J45 —anbeten. Tacitus nennt ihren Cultus absurd und ekelhaft.Die boshaftesten Veriäumdungen stammten ausAlexandrien, wo Manetho über den Auszugf der Judenaus Aegfypten einen förmlichen Roman ^usammeng^cschriebenhatte* Nach ihm hätte ein aegyptischer Königeine Anzahl Aussätziger des Landes verwiesen. An dieSpitze derselben stellte sich Moses, ein aegyptischer Priesteraus Heliopolist dessen eigentlicher Name Osarsiph war,bewog sie zum Abfall von den aegyptischen Götternund liess sie eine neue, von ihm erfundene Religionannehmen. Unter seiner Führung hätten sie dann Jerusalemsammt Umgebung in Besitz genommen. DerGrund, warum die Juden einem Eselskopf die göttlicheEhre erweisen, wird aus der angeblichen Thatsache abgeleitet,dass eine Herde wilder Esel ihnen in der Wüsteden Weg zu Wasserquellen kundgemacht habe. DasVerbot, Schweinefleisch zu essen, sei darin begründet^dassjenerdiese Thiere der Krätze ausgesetzt seien, also geradeKrankheit, wegen welcher die Juden aus Aegyptenvertrieben worden waren. Die ungesäuerten Brode seienein Beweis für den von ihnen beim Auszug begangenenGetreidediebstahl; die Feier des Sabbaths ihrer Liebe zumFaulenzen. Es waren ganz besonders vier Dinge, durchwelche die Juden die beliebteste Zielscheibe des Spottesder damaligen gebildeten Welt wurden: J. die Beschneidung,2. die Strenge ihrer Sabbathfeier, 3. dieEnthaltung von Schweinefleisch und 4. die bildloseGottesverehrung.Ich möchte meine verehrten antisemitischen Gegnerbesonders darauf aufmerksam machen, dass diese4 Punkte ausschliesslich dem Gebiete der Religionangehören und dass sich in der ganzen lateinischen}0


— J46 —und griechischen jttdenfeindlichen Literatur keine Beschuldigung,kein Witz befindet, der sich auf dasWuchern, auf das Aussagen Andersgläubiger, oderauf unredliche Geldgebahrung bezieht» Dieser Hassund Spott des Alterthums trifft somit Gesetzeund Einrichtungen jener Religion, welche auchdie Christen und die Mohammedaner bis zur ZeitChristi für die einzig wahre halten»Was aber die griechisch-römische Welt am heftigstengegen die Juden aufbrachte, war die strenge Scheidewand,welche diese zwischen sich und der nichtjüdischen Welterrichteten, was sie blos darum thaten, weil ihr Gesetzsie dazu verpfichtete. Die römische Weltmonarchie unddie hellenistische Cultur hatten die römische und griechischeWelt im hohen Grade nivellirt und die Völker trennendenSchranken niedergerissen. — Nur die Juden allein wolltensich nicht assimiliren und kamen somit in den Verdacht,alle NichtJuden zu hassen» Tacitus beschuldigt sie desHasses gegen alle Menschen. Juvenal beschuldigt sie,dass sienur Glaubensgenossen den Weg zeigen und nurBeschnittene zur gesuchten Quelle führen»In Alexandrienwurde geglaubt, dass die Juden einen Eid leisteten, keinemFremden wohlgesinnt zu sein» Tacitus sagt, dass diejüdischen Proselyten zuerst lernen die Götter verachten,dem Vaterlande absagen, Eltern, Kinder, Geschwistergeringschätzen, mit einem Worte, das Hauptgefühl, welchesdie Juden in der damaligen Welt hervorriefen, war dasder tiefsten Verachtung; es war dies folglich ausschliesslicheine Wirkung ihrer Religion»Da ist es denn auffallend, dass es möglich war, dasssich diese verachtete Religion im römischen Reiche dennochso sehr ausgebreitet hat» Der merkwürdige Erfolg


— J47 —der jüdischen Propaganda ist darauf zurückzuführen, dassder Glaube an die einheimischen Götter bei den Gebildetenjener Zeit längst geschwunden, während der starreMonotheismus und der reine Gottesbegriff des Judenthumsvielen Gebildeten sympathisch war. Ferner zieltedie jüdische Religion auf ein sittlicheres und frommeresLeben in viel höherem Masse, als die einheimischenReligionen, was jedenfalls anziehend auf die Besten derZeit gewirkt haben muss. Endlich führte die Mode derZeit nach der Aufnahme der geheimen Culte des Orients.In Griechenland hatte diese Mode schon im V. Jahrhundertvor Christus begonnen und seit dem III. Jahrhundertfinden wir die Vorliebe zum phrygischen Cultedes Sabazius in Griechenland allgemein verbreitet: InRom tritt diese Vorliebe schon seit dem 2. JahrhundertV. Chr. auf, im Jahre 43 v. Chr. war von denTriumviren selbst ein Tempel des Serapis und derIsis erbaut worden. Der persische Cult des Mithraswar fast in allen Provinzen des römischen Reichesverbreitet.Die jüdische Propaganda wurde auch sehr eifrig betrieben.Christus sagt nach Matthäus Cap. 23, i5 denPharisäern, dass sie Meer und Festland durchstreichen,um einen einzigen Proselyten zu machen. Von diesenProsclyten wurde übrigens nicht viel verlangt. Wiewir aus Philo entnehmen, war bei den hellenistischenJuden die Abstammung von Abraham Nebensache,die Reinheit des Gottesbegriffes die Hauptsache. Esgab sogar Heiden, die, obwohl sie der heidnischenReligion treu blieben, dennoch einige Satzungen desJudenthums beobachteten.Nicht einmal die. Beschneidungwurde von allen Proselyten verlangt, das sybilinischcJO*


— J48 —Otakel verlangt ausser der Verehrung Gottes, statt derBeschneidungf blosein Reinigungsbad*Als König: Izades sich zum. Judenthum bekehrenwollte, rieth ihm ein Jude Namens Ananias von derBeschneidung ab, indem er bemerkte, dass er auch ohneBeschneidung Gott dienen und selig werden könne.DieBeschneidung verpflichtete natürlich zur Haltung des gesammtenjüdischen Gesetzes* So sehen wir, dass sichüberall, wo es jüdische Gemeinden in der Diaspora gab,ihnen ein Anhang gottesfürchtiger Heiden anschloss*Dieselben befolgten die jüdische Gottesverehrung, sowieeinige wenige Satzungen des Judenthums, waren jedochnicht beschnitten« Hierdurch unterschieden sie sich vonden eigentlichen Proselyten, welche in Folge der Beschneidungzur Beobachtung des gesammten jüdischenGesetzes verpflichtetwaren.Hiemit ist, glaube ich, der Beweis geliefert, dass dieJuden in ihrem Verhalten zur den Völkern derantiken Welt niemals durch andere Rücksichtengeleitet worden sind, als durch religiöse, und dassder Hass und die Abneigung, deren sie sich beiGriechen und Römern erfreuten, ausschliesslichdie Folge war ihres ihnen durch ihre Religiongebotenen Verhaltens zu den NichtJuden.Intoleranz, Fanatismus und dazu die Lehre von ihrerAuserwählung und von einem künftigen Messias, deralle Völker unter das Scepter eines Sprösslings vomStamme David bringen würde, das ist der Kern der Geschichteder Juden seit der babylonischen Gefangenschaft;das sind die Momente, die zum Untergang des jüdischenStaates geführt haben.Nun höre ich wohl was die Antisemiten darauf ant-


— J49 —Worten werden. Sie können entgfegfenhalten» dass ebendiese Intoleranz^ dieser Fanatismus^ diese Exclusivität zumWesen des Judenthums gehört, dass gerade das hier Beschriebeneein Beweis ist von ihrer Schlechtigkeit undInferiorität t dass es gerade diese Dogmen und Lehren,dieses Verhalten zu den NichtJuden ist, für welches dasganze Volk verantwortlich gemacht werden soll und Verabscheuungverdient. Nun, die Antisemiten hätten Recht,wenn es nicht nachweisbar wäre, dass diese Eigenschaftenund dieser Grössenwahn, diese stolzen Dogmen mitihrerIntoleranz von der Auserwählung des Volkes, Strafbarkeitdes Irrthums, ausschliesslichen Seligmachung, Messias,erst dem neueren Judenthum und nicht dem Glaubendes Israels der vorprophetischen Zeit angehören, dassdic&c Lehren, Sitten, Gebräuche, Ideen und Dogmen demVolke Israel verhältnismässig spät eingeimpft wordensind. So behauptet nämlich die neueste Bibelkritik.Israels Gott hat einen Eigennamen Jahwe. Er waranfangs blos der Nationalgott Israels; er ist einer nebenanderen Göttern nämlich neben den Göttern der fremdenVölker. Der Gegensatz von Gott im alten Israel warendie Götter der Fremden, deren Existenz als Götter vollkommenanerkannt war und die nicht für Götzen oderNichtgötter, Nichtigkeiten oder gar Dämonen gehaltenwurden. Die Existenz des Kemosch als wirklicher Gottder Moabiter, des Baal als wirklicher Gott der Sydonier,des Baal Zebub als wirklicher Gott Ekrons wurde vonNiemandem bezweifelt. Jene Götter haben ihren Völkernihre Länder gegeben und beschützen sie. Dies war diealtisraelitische Auffassung, wie aus dem Buche der Richtern. Capitel erhellt. Der alte Israelite war ein theoretischerPolytheist, der gar nicht daran zweifelte, dass sogar er


— J50 —selbst im fremden Lande «nter dem Einfluss dct Götterjenes Landes steht, die dort mehr Einfluss haben, alsseineigener Nationalgfott und daher Verehrung von ihmbeanspruchen können* Man vergleiche das 2« Buch derKönige Capitel 3, wo der Autor die Niederlage, welchedie Juden im Kriege gegen den Moabiterkönig Meschaerleiden, aus dem Zorn des Landesgottes Kemosch erklärt.Man vergleiche auch den Vorwurf Davids gegenSaul: „Er zwinge ihn, indem er ihn aus Israel vertreibe,andern Göttern zu dienen**und seine Bitte, „es möge seinBlut nicht fern von Gottes Antlitz zur Erde fallen." Salomongestattete seiner moabitischen Gattin, ihren Gott Kemoschzu verehren. Elias, der blutdürstige Verfolger der Baal-Religion in Israel, lebte in Sarepta im Hause einer Anhängerinder Baal-Religion und isst von ihren Speisen,und Naman nimmt sich Erde aus dem Lande Israel mit,um in seinem Lande Jahwe dienen zu können. Salomonselbst gestattete seinen zahlreichen heidnischen Frauennicht blos ihre Nationalgötter zu verehren, sondern nahmin liebenswürdiger Weise sogar an deren VerehrungTheil. In der ganzen langen Zeit der Richter und Königefinden wir sehr wenige Beispielevon eigentlichem Fanatismusoder Intoleranz.Die grauenhaften Vernichtungenganzer Völker auf göttlichen Befehl mit dem ausgesprochenenZwecke, den Götzendienst zu vernichten,damit Israel nicht davon angesteckt vrctdcf sind Erzählungenaus vielspäterer Zeit und zum Zwecke niedergeschrieben,um den Juden den Abscheu vor dem Götzendiensteeinzutrichtern. Ueber Israels Cultur in vorprophetischerZeit vergleiche das 7. Buch des J. Bandesder Geschichte des Volkes Israel von Dr. BernhardStade.


— J5J —Nach dem Gesagten ist es somit unrichtig:^ sich dieJuden gleich von Anbeginn ihres Auftretens in der Geschichtean als fanatische Zeloten vorzustellen.Der Antisemitismus hat begonnen^ als die Thora und diePropheten niedergeschrieben waren; er existirte nicht zurZeit der Richter und Könige. Auch weiss die Geschichteder letzten zwei Jahrhunderte vor und der ersten Jahrhunderten. Chr.von keinem Antisemitismus der Griechenund Römer gegen irgend welche andere» sogenannte semitischeVölker, d. h. semitische Sprachen redendeNationen, von denen mehrere im römischen Reicheexistiren mussten und thatsächlich existirten, was auchsehr begreiflich ist, da alle Völker des römischen Reichesim Hellenismus aufgegangen und inder römischen W^eltmonarchiezerschmolzen waren. Also gab es in dergriechischen und römischen Welt überhaupt garkeinen Antisemitismus, sondern nur einen Antijudaismus,der selbst wieder mit der angeblichenjüdischen Rasse gar nichts, mit der jüdischen Religiondagegen alles zu thun hatte, was sonnenklardaraus folgt, dass sich die römische und griechischeAntipathie gegen die Juden auch auf die nach Tausendenzählenden jüdischen Proselyten nichtjüdischer Abstammungerstreckte.Ich empfehle jenen Antisemiten, welche sichfür die Stellung der Juden in der antiken Welt interessiren,das 374 Seiten starke Werk, welches TheodorReinach unter dem Titel „Textes d'auteurs grecs etromains relatifs au Judai'sme** in Paris im Jahre J895veröffentlicht hat, gründlich zu studieren. Dort werdensie alle Texte der römischen und griechischen Schriftsteller,welche sich auf das Judenthum beziehen, zusammengestelltfinden. Sehr viele sind von gehässiger


— J52 -Natur. Die gfeehrten Leser dieses Werkes dürften dannwohl nie mehr versuchen^ die bekannte Behauptung aufzustellen:ffDic Juden waren den Römern und Griechenefcenso zuwider, wie uns Modernen; ihre Religion warden Römern und Griechen gleichgültig und doch herrschtedamals überall ein heftiger Antisemitismus; also ist derAntisemitismus keine religiöse Frage und kann nichtsAnderes sein, als eine Rassenfrage." Die gründlicheFalschheit dieser Behauptung habe ich in diesem Capitel,wie ich überzeugt bin, zur Evidenz nachgewiesen. DerTrugschluss der obigen antisemitischenBehauptung liegtdarin, dass sie irrthümlich voraussetzt, dass zum Entstehendes Phänomens des Antisemitismus, wenn er ein«religiöse Frage sein soll, ein religiöses Bewusstsein undda religiöses Empfinden desjenigen nothwendig ist, derantisemitisch afficirt wird. Gct&dc diese Voraussetzungist aber falsch. Es kann die antisemitische Antipathieauch entstehen blos in Folge von Eigenschaften undThaten dessogenannten Semiten; und wenn diese Eigenschaftenund Thaten in der Religion desjenigenwurzeln,der die antisemitische Antipathie hervorruft, so ist derAntisemitismus eine religiöse Erscheinung auch dann,wenn jener, der diese Antipathie empfindet, selbst ganzreligionslos ist, ja des Ursprunges seiner Antipathie unddes Grundes, aus welchem diese entspringt, sich gar nichteinmal bewusst wird. So belehrt uns denn die Geschichtedes Antisemitismus im Alterthum, dassderselbe durchaus auf Religion beruhte und aufnichts anderem.* * ^


DrittesCapiteLGeschichtedes christlichen Antisemitismus


Wirkommen nun zur Betrachtung des Standpunktes^den das Christenthum und zunächst die römischeKirche dem Judenthum gfegenüber einnimmt» Ich folgein dieser Darstellung dem Werke des Pater Constant:,tLes Juifs devant l'Eglise et Thistoire". Pater Constantist Doctor der Theologie und des canonischen Rechtesund Priester des Predigerordens, jenes Ordens, der sichmit den Juden bekanntlich am eingehendsten befasst hat»Das genannte Werk ist von der kirchlichen Autoritätapprobirt»Es wird also schwerlich vom katholischen Standpunkteaus etwas gegen die Benützung dieses Werkes einzuwendensein. Sein Gedankengang ist folgender: „Imalten Rom genossen die Juden viele Freiheiten und Rechte,die jüdische Religion war eine autorisirte Religion imStaate» Ganz anders jedoch erscheint die Sachlage da,wo es sich um Völker handelt, „die vom Lichte desEvangeliums erleuchtet sind"» War der Jude für denrömischen Staat harmlos, so ist er eine Gefahr fürden christlichen* Nichts im Juden gefährdeteden römischen Staat, alles was im Juden steckt,attaquirt direct den christlichen* Der christlicheStaat hat vom Juden alles zu befürchten» Keinchristlicher Gesetzgeber hat je daran gedacht, den Judendie Bibel zu entreissen» Nur gegen den Talmud ist eingeschrittenworden» Der Dominicaner bedauert, dass diechristlichen Machthaber in ihrer Verfolgung des Talmudsnicht jenen Erfolg gehabt haben, den ihr Eiferverdient hätte! Da der Jude für den christlichen


- J56 —Staat eine eminente Gefahr bedeutet, so ist dieKirche und die christliche Regierung: gezwungen, seinThun und Treiben zu beobachten und zu controlliren.Hiezu dienen zwei Mittel: das Ghetto und das gelbeJudenzeichen an derKleidung»Der Dominicaner Ferraris resumirt die päpstlichenGhetto-Vorschriften in folgender Weise : Alle Juden sollenan ein und demselben Orte wohnen, zu welchem nurein einziger Zugang, der zugleich der einzige Ausgangsein soll, führen darf» Der Zweck ist, das Zusammenlebenvon Juden mit Christen zu verhindern. Jeder neuangekommene Jude musste im Ghetto absteigen und seineGlaubensgenossen waren verpflichtet, ihn aufzunehmen»Der Jude durfte aber kein Eigenthum an Grund undBoden erwerben, auch nicht an dem Grund, worauf dasjüdische Wohnhaus stand. Jeder Besitz von Grund undBoden gab im Mittelalter gewisse sociale Rechte vonUeber- und Unterordnung. Nun wollte aber die Kirchedurch Ausschliessung der Juden vom Grundbesitz verhindern,dass ein Christ in ein Abhängigkeitsverhältniszum Juden gerathe. Im Ghetto war der Jude frei, erkonnte Tags über ausgehen, nur musste er Abends zurZeit des Ave-Maria-Läutens wieder im Ghetto zurücksein. Ein christlicher Portier öffnete und schloss dieThore des Ghetto's. Nur so konnte der christliche Staatdie Zahl und die Indentität seiner Juden stets genau controlliren.So blieb der Jude stets unter dem Eindruckeder Furcht, „die allein aus ihm ein moralisches Wesenund seine Tolerirung möglich machen konnte.^'Was das Judenzeichen betrifft, so bemerkt Pater Constant:„Wie wäre es anders möglich gewesen, den seltsamenGefährten nicht aus dem Auge zu verlieren,


— J57 —welchen die mitleidige Gastfreundschaft der Kirchedem Christen mitgab . . . Seit dem grossen Verrath amCalvarienberge hat der Geist des Ischarioten die Rasseder Juden infcstirt. Im Herzen eines jeden Judensteckt Verrätherblut. Ihre Dankbarkeit gegen dieFürsten von Spanien bewiesen siederAraber Afrika's.**durch das HereinrufenBezüglich des Privat- und Familienlebens der Judensei zu bemerken, dass die Kirche das Recht, das jedemMenschen von Gott gegeben ist, eine Familie zu gründen,nicht antastet*Die Juden dürfen unter einander heirathennach jüdischem Rechte« Kein Judenkind darf, bevor essieben Jahr alt ist, getauft werden gegen den Willenseiner beiden Eltern* Doch soll das Kind getauft werdendürfen, wenn nur der Vater oder nur die Mutter esverlangen* Hat ein jüdisches Kind das 7* Jahr zurückgelegt,so kann es getauft werden auch gegen denWillen seiner beiden Eltern* Ist ein jüdischesKind gegen den Willen der Eltern gültig getauftworden, so darf es den Eltern nicht zurückgegebenwerden.Die Kirche will nicht,dass ein Christ bei einem Judendiene* In erster Linie verbietet die Kirche, dass eineChristin in einem jüdischen Hause als Amme eines jüdischenKindes in Dienst trete* Als Grund gibt nun PaterConstant, der doppelter Doctor ist, und im Jahre J897schreibt. Folgendes an* Man höre und staune* Ich übersetzewörtlich* Er schreibt Seite t66 des genanntenWerkes:„Der Körper des Christen, so lehrt uns derGlaube, ist der Tempel des heiligen Geistes* DerselbeGlaube lehrt uns, dass der Körper, der nicht


— J58 -§fewaschen worden in der Taufe, der Wohnort desTeufels bleibt» Den Körper einer Christin mitdem eines jüdischen Kindes in jene intimenBeziehungen bringen, die mit der Ammenschaftverknüpft sind, schien der Kirche einem Attentatnahe zu kommen, nämlich dem, den heiligen Geistmit dem Teufel in Verbindung zu setzen***Ein weiterer Grund, das Eintreten einer christlichenAmme in ein jüdisches Haus zu verbieten, war für dieKirche die Besorgnis, dass dieselbe Schaden leidenkönnte am Glauben durch die Theilnahme an jüdischenreligiösen Haus-Ceremonien und dass ihre Schamhaftigkeitverletzt werden könnte durch das Beiwohnen bei derCeremonie der Beschneidung ! Auch befürchtete die Kirche,es könnte die Amme in die Gelegenheit kommen, Blasphemiengegen das Altarsakrament, Beschimpfungen desKreuzes und der geweihten Gegenstände der Christenanzuhören. Auch könnten ihr die gotteslästerlichen, jedegesunde Moral zerstörenden, cynischen und infamentalmudischen Schriften in die Hände fallen* (Kannman sich eine christliche Amme im Mittelalter, die hebräischliest und versteht, überhaupt vorstellen?) Daher hat auchder Inquisitor die Pflicht, gegen die Juden aufzutreten,wenn sie talmudische oder andere, von der Kirche verurtheiltejüdische Schriften besitzen und wenn sie sichüber das allerheiligste Altarsakrament, das Kreuz undandere religiöse Gegenstände lustig machen»die Kirche die Gefahr der Verführung der christlichenFerner fürchteteAmme von Seite des jüdischen Familienvaters und zwarumsomehr, da nach ihrer Auffassung durch eine solcheThat die Sünde der Unzucht respective des Ehebruchesnoch qualificirt würde durch das hinzutretende


— J59 —Sacrilegfium. Das christliche Recht widersetzt sich unbeding^tdagegen, dass ein Christ in jüdische Dienste tretewegen der hierdurch bedingten gesellschaftlichen Unterordnungdes Christen unter den Juden» Der Christ sollüber den Juden, der Jude aber nicht über den ChristenAutorität haben. Dies wolle der heilige Paulus in seinerEpistel an die Galater ausdrücken, wenn er unter Bezugnahmeauf die Geschichte der Sarah und Hagarschreibt:dest^Der Sohn der Magd wird nicht das Erbe theilenSohnes der Freien»^^Der Christ, der bei einem Juden auf Taglohn dient,darf nicht mit dem Juden essen; eine Bestimmung, durchwelche constatirt werden soll, dass die für den Juden vomChristen geleistete Arbeit Letzteren nicht zu seinemDiener macht und dass durch diese geleistete Arbeit dieSuperiorität des Christen über den Juden in keiner Weisegeschmälert wird. Es ist den Christen verboten, denjüdischen Familien bei ihren Vorbereitungen zur Feierdes Sabbaths oder anderer Feste, irgend welche Diensteund würden dieselben auch nur einen Augenblick in Anspruchnehmen, zu leisten. Christen dürfen einemJuden keine Ehrenbezeugung leisten und sie nichtmit Dominus, d. h. Herr tituliren. Der Christ sollmit den Juden nicht nur nicht essen, sondern auchmit ihnen nicht spielen, oder gar tanzen.In Strassburg durften die Juden nur bestimmte Stundendes Tages ausserhalb des Ghetto's zubringen. In Augsburgmussten sie für eine jede in der Stadt ausserhalbdes Ghetto's zugebrachte Stunde einen Gulden, in Bremenein Dukaten zahlen* In mehreren Städten durften siewährend der christlichen Feste gar nicht aus dem Ghettoheraus ; sogar der Besuch verrufener Häuser war ihnen


- J60 —untersagft. Ebenso durften sie sich keinem Frauenklostetnahen und sich mit einer Klosterfrau in kein Gesprächeinlassen. Es folgen nun eine ganze Reihe von Beschuldigungengegen die Juden. Sic zwingen christlicheAmmen am Tage^ wo sie communicirt^ ihreMilch in die Latrinen zu werfen^ sie kaufen denDieben heilige Gegenstände^ Kreuze^ Kelcheu*s*w*ab^ um sie den Christen^ nachdem sie dieselbenbesudelt^ wieder zxs verkaufen und verkaufenihnen als Reliquien Knochen von Eseln^ Hundenund Schweinen*Pater Constant bemerkt^ dass ein christlicherMonarch das Recht hatt von seinem zum katholischenGlauben bekehrten Volke alles fernzu halten^ was den Glauben zu erschüttern geeignetist und beim geringsten Anzeichen vonFeindseligkeit und Agression alle Juden und Ungläubigen^von welchen diese Agression herkommttdes Landes zu verweisen* Der Grundhierfür ist, dass die Kirche allein im Besitze derreligiösen Wahrheit ist* Alles^ was dieser Thatsachewiderspricht» alles, was den Namen Religionbeansprucht und dabei mit der Kirche nichtübereinstimmt» ist einfach nichts anderes als religiöserIrrthum. Daher hat der berühmte ConsalviRecht, wenn er sagt, die katholische Kirche ist ihremWesen nach intolerant* In jedem christlichen Staateverdient die Gesammtheit der Juden ausgewiesenzu werden, wenn sie den christlichen Glaubenverunglimpfen, besonders aber, wenn zu dieser Verunglimpfungsich das Vergicssen von Christenbluthinzugesellt* So wurden die Juden aus York und Norwich


— \6l —in England vertrieben, nachdem sie an zwei christlichenKindern einen gerichtlich bewiesenen rituellen Mordverübt; aus der Mark Brandenburg, nachdem sie eineHostie geschändet und gestanden hatten, mehrere christlicheKinder rituell geschlachtet zu haben. Ferner dürfennach Auffassung der Kirche die Juden des Landes verwiesenwerden, wenn sie Aufstände erregen, wenn sieauf irgend eine Art die christliche Bevölkerung in Gefahrbringen und selbst ohne irgend welche Aufstände, wennsie in einem christlichen Staate so zahlreich wären,dass die Bevölkerung ihnen ausgeliefert scheint«„Denn die Kirche geht immer aus von dem Factum,welches für sie feststeht, dass der Jude als solcherund schon darum, weil er Jude ist, zum Verratheprädisponirt sei." Nicht umsonst, schreibt PaterConstant, glaubte 6ic Kirche im feierlichsten Momenteihrer Liturgie am Fusse des blutigen Kreuzes ihres Herrn,in der Stunde, wo sie dem Himmel für alle Menschenjenes Blut darbringt, dessen unschätzbaren Werth sie inihrer Hand hält, wo s\c Niemanden von ihren Gebetenausschliesst, in jener Stunde, die unter allen die Stundeihrer Barmherzigkeit ist, jenes Erbarmen für die Judennicht anders erflehen zu dürfen, ohne ihrer Benennungdas Epitheton, welches die Gerechtigkeit erfordert,hinzuzufügen: „Beten wir auch für dietreulosen Juden.**Die Juden dürfen des Landes verwiesen werden,wenn sie sich weigern, die Gesetze zu beobachten, fernerwenn ihr Reichthum vermuthen lässt, dass darauseine Gefahr für die Christen entstehen könnte,denen sie das Geld weggenommen. So wurden die Judenunter Ferdinand und Isabella aus Spanien ausgetrieben.n


J62Ein christlicher Fürst hat das Rechte wenn er juristischePresumptionen hatt die einem Beweise gleich kommen,dass der von dem Verdächtigten angemasste Besitzganzoder zum Theil auf betrügerische Art erworben, dasVermögen des Betreffenden zu confisciren und zwarganz zu confisciren, wenn das Ganze auf betrügerischeArt erworben wurde, sonst nur theilweise, und zwar jenach Verhältnis des stattgefundenen Betruges. DieseGrundsätze, meint Pater Constant, werden jedoch inderPraxis gemildert, und zwar darum, weil die Juden inder christlichen Gesellschaft nur aus Barmherzigkeitaufgenommen sind!und der Zweck der Kirche,die sie aufnimmt, der ist, ihnen nützlich zu sein, indemsie ihnen den Eintritt in den katholischen Glaubenerleichtert, nicht aber um es ihnen möglich zu machen,mit jüdischer Perfidie ihren Kindern zu schaden*So hat der gerechteste aller Herrscher, der heilige Ludwig,mit einem Schlage ein Drittel ihres Gesammtvermögensconfiscirt*Es folgen nun eine Reihe von Bestimmungen, diedarauf berechnet sind, sogar den Handel der Juden zu beeinträchtigen*Kein Jude darf einen Christen in irgend einer Wissenschaftoder Kunst unterrichten; er darf keine Würdeund kein öffentliches Amt bekleiden, durch welches erin irgend eine Beziehung zu den Christen treten könnte,auf keiner katholischen Universität einen Doctorgraderhalten* Jüdische Aerzte dürfen nicht zu krankenChristen zugelassen werden; denn, bemerkt Constant,die Kirche dachte an die Gefahren, welchen diejüdische Perfidie das christliche Vertrauen aussetzte.Nichts in der Familie wäre mehr in


— J63 —Sicherheit; die Intimität erzeugt beklagenswerthe Gelegenheiten*Es war ein jüdischer Arzt, der den kleinenSimon raubte, den berühmten Märtyrer von Trient.Ferner war es den Juden verboten, Apotheker zusein, wegen der dadurch den Juden gegebenen Gelegenheitzur Ausübung der Zauberei. Nur auf derReise war es dem Juden gestattet, mit den Christen zuessen, zu trinken, die Nacht zuzubringen, oder mit ihnenineinem Gasthause abzusteigen*„Die Juden leben in Dienstbarkeit bei den Christennicht wie häusliche Sklaven, sondern wie bürgerlicheLeibeigene^% schreibt Papst Benedikt XIV* Was würdedieser Papst gesagt haben, bemerkt Constant, wenn erden vierten Theil der Richterstellen bei der sehr christlichenNation, der ältesten Tochter der Kirche, vonJuden besetztgesehen hätte?Der Magistrat, sagt der heilige Thomas, muss einesolche Liebe zur Gerechtigkeit haben, dass bei ihm gleichsameine Fleischwerdung dieser Gerechtigkeit eingetretensein soll* Wie kann man, bemerkt Constant, vonden perfiden Juden, den von der Kirche officiell,feierlich und bewusst perfid Genannten, einesolche Gerechtigkeit erwarten?Der Jude ist ausgeschlossen vom militärischen Beruf*Die dem Juden erlaubten Berufe waren: das Bankgeschäft,Goldschmied und Edelsteinhandel, das Trödlergeschäft,Fällen:der Hausirhandel und das Druckereigeschäft.Die Juden unterstanden der Inquisition in folgendenJ. Wenn sie jene Wahrheiten ihrer Religion leugnen,die auch die Christen zu glauben verpflichtetsind*n*


— J64 —2» Wenn sie Dämonen antufen und ihnen Opferbringen. Constant bemerkt, dass die jüdische Kaballaintimen Verbindungen der Rabbinermit den Teufeln ihr Dasein verdankt unddass diese Lehre den Unterricht des Teufelsweiterleite und dass darauf die nahen Beziehungensich gründen, welche zwischen Judenthumund Freimaurerei bestehen.3. Wenn sie den Christen diese Lehre beibringen.4. Wenn sie gegen den christlichen Glauben gotteslästerlicheReden führen.5. Wenn sie einen Christen zum Abfall vom Glaubenverleiten.6. Wenn sie es verhindern, dass ein Ungetaufter sichzum katholischen Glauben bekehrt.Ein Magister hatte den Auftrag, alle Wochen indenSynagogen Theologie zu predigen* Fetnet wurde bestimmt,dass jüdische Kinder beider Geschlechter katholischenReligionsunterricht anhören mussten. Dererste Paragraph des stillschweigenden Vertrages zwischenIsrael, das um Land und Wasser flehte und der Kirche,die ihm diese Gabe bewilligte, lautete: Alle Mittel,welche die Kirche für nützlich erachten wird,um Israel dem Bekenntnis des katholischenGlaubens zuzuführen, dürfen und werden thatsächlichvon der Kirche in Anwendung gebrachtwerden. Die Kirche hat strenge verboten, dass dieJuden am Sabbath ihre Feuer von Christen anzündenlassen,dass Christen jüdischen Ceremonien oder Predigtenbeiwohnen, namentlich der Ceremonie derBeschneidung.Pater Constant schliesst nun sein Werk mit einerBehandlung des sogenannten Ritualmordes.Er schreibt:


tfLutJ65Efinncfung an den gekreuzigten Heiland und, umdem Verbrechen des Kalvarienbcrges bis zumEnde der Zeiten mit einer entsetzlichen Gedächtnisfeiereine Art unbestimmte Verlängerungzu geben, hat der Jude jedesmal, wo er konnte,jeden Jahrestag des Gottesmordes durch die Abschlachtungeines Christen gefeiert." Pater Constantführt nun als Zeugen fürdie Wahrheit des Ritualmordesden König Philipp August, den heiligen Ludwig,den heiligen Heinrich, den heiligen Ferdinand, KaiserMax, Heinrich III. von England und die Päpste Gregor XIILund Sixtus XVII. von Italien an. Die Rechtlichkeitdieser Männer könne nicht bestritten werden, denn vorerstsind unter ihnen drei Heilige.Als Beweis der Wahrheitund für die Thatsächlichkeit des Ritualmordes führtPater Constant an, dass die Kirche Opfer des jüdischenRitualmordes selig gesprochen hat, dass sie,indem sie deren Verehrung den Christen gestattete, dieselbenzugleich mit deren blutigen Gliedern und mit denMärtyreracten — von ihrer Hand geschrieben — aufihre Altäre gesetzt hat. Es gibt ein Officium und eineöffentlich gestattete Verehrung für den seligen Andreasde Rinn, derunter den Händen der Juden den Märtyrertoderlitt. Ferner ein Officium und eine öffentlicheVerehrung des heiligen Simon, der durch die Juden inTrient gemartert worden ist. Für diesen Letzteren istdie Kirche noch weiter gegangen, als bei ihrer gewöhnlichenSeligsprechung. Sie hat den Seliggesprochenen,was sie sonst nur bei Heiliggesprochenen gethan, durchPapst Benedikt XIV. in das römische Martyrologiumeinschreibenlassen.Ein vollkommener Ablass wird in der Stadt und


— i66 —in detglänzen Diözese Trient allen jenen g-ewährt, welchenach wüfdigfem Empfange der hl« Beichte wnd Communionam selben Tage die Kirche besuchen, wo die Reliquiendes Märtyrers verehrt werden. Es liegt also,bemerkt Constant, ein Urtheil der Kirche in derFrage des Ritualmordes, in dem Acte, den maneine Seligsprechung nennt, vor. Die Seligsprechung,bemerkt er weiter, ist zwar nicht ein Act derkirchlichen Unfehlbarkeit, wie dies bei derHeiligsprechungder Fall ist. Wer also die Sache leugnet,wird zwar nicht zum Häretiker, sondern blos zueinem Verwegenen. Das Buch schliesst mit einerKritik der Glaubwürdigkeit jener, die für die Thatsächlichkeitdes Ritualmordes eingetreten sind; Päpste,Könige und Bolandisten. Vor Schluss seines Werkescitirt er noch ein Wort von de Maistre, das er für seineBeweisführung verwerthet und welches lautet:„Die Geschichteist weiter nichts, als eine grossartige Verschwörunggegen dieWahrheit.'*Hiermit bin ich mit der Darstellung, die der gelehrteDominikanerpriester, Doctor der Theologie und des canonischenRechtes, ineinem von seinem kirchlichen Vorgesetztenapprobirten Werke, das er im Jahre J897, alsovor 4 Jahren — knapp vor Beginn des20. Jahrhundertsin Paris, der Stadt des Lichtes, über die von dct Kircheaufgestellten Gesetze und Maximen — betreffend dieBeziehungen von Juden und Christen — geschrieben hat,zu Ende. Juden und Christen werden aus dieser Darstellungentnehmen, wie die römische Kirche gegen dieJuden aufgetreten ist, als sie es konnte und wie siegegen dieselben auch heute noch verfahren würde, wennsie es könnte.


— J67 —Es ist bcmerkenswertht dass von allen Factoren derKirche derjenigfe, der sich gegfcn Israel am menschlichstenerwiesen hat, ihr Haupt, nämlich der Papstwar, und zwar zu allen Zeiten, eine Thatsache, die auchdie jüdischen Geschichtsschreiber wiederholt dankbaranerkannt haben* Papst Gregor der Grosse verordnete,dass kein Jude mit Gewalt zur Taufe gezwungnenwerden und dass man sie nur durch Sanftmuth undLiebe zur Bekehrung zu veranlassen trachten dürfe«Diese Erklärung wurde gewissermassen das Programmfür die Behandlung der Juden bei allen seinen Nachfolgern.Die Päpste haben immer wieder ihre Stimmeerhoben, so oft Christen die Juden gewaltsam zur Taufezwingen wollten.Innocenz III., der dieses Verbot wiederholte,konnte sich bei dieser Gelegenheit bereits auf fünfseiner Vorgänger berufen und zwar auf die PäpsteCalixtus, Eugen, Alexander, Clemens und Coelestin.Er verbot,die Juden zu verfolgen und betonte ihr Rechtauf Gewissensfreiheit und freie Ausübung ihres Cultus*Allerdings sind die hiefür angegebenen Gründe merkwürdig.„Die Juden^% schreibt Innocenz III., „sind dielebendigen Zeugen für die christliche Wahrheit. DerChrist soll sie nicht ausrotten, damit er selbst nicht dieKenntnis des göttlichen Gesetzes dabei verliere.*^ Gregor IX»wiederholte später diese Verordnungen. Es lässt sichbehaupten, dass die Juden von den Päpsten sogar vielbesser behandelt worden sind, als die Protestanten. PaterConstant bemerkt dazu: „Die jüdische Synagoge istnicht in jedem Punkte im Irrthum, wie es in jedemPunkte, durch sein Protestiren allein, der Tempel desProtestanten ist." Auch Alexander II. und III. beschütztendie Juden, Letzterer belobte sogar jene Fürsten und


— J68 -Bischöfe, welche zur Zeit der Verfolgfttngf den JadenSchutz gewährt hatten» Clemens V. und VL verliehenebenfalls den Juden ihren Schutz. Clemens VL wies,alsdie Juden beschuldigt waren, durch das Vergiften derBrunnen den schwarzen Tod hervorgerufen zu haben,darauf hin, dass diese Beschuldigung unwahr sein müsse,da ja die Juden ebenso wie die Christen von der Pestdahingerafft werden. Auch ist hier zu erwähnen, dassnicht weniger als fünf Päpste und zwar Innocenz IV.(J247 und J253), Gregor X, (J272), Martin V. (J422),Paul III. (J540), und Clemens XIV. (dieser freilich zueinet Zeit, wo er noch Cardinal Ganganelli war, J759)die Blutbeschuldigung ausdrücklich für eine Verleumdungerklärt haben. Als die Päpste sich in Avignon ansiedelten,zogen Massen von Juden in diese Stadt, umSchutz zu finden vor den blutigen Verfolgungen,denensie in den Ländern der Christenheit ausgesetzt waren.Als sie von Spanien vertrieben wurden, nahm PapstAlexander einen grossen Theil von ihnen bei sich auf.Indankbarer Erkenntnis dieser Thatsachen hat auch dergrosse Sanhedrin, der sich im Jahre 1807 in Paris versammelte,in officieller Form den Ausdruck der Dankbarkeitder Juden fürden ihnen von vielen Päpsten undhochgestellten kirchlichen Würdenträgern so häufig gewährtenSchutz zu Protokoll gegeben.Wie wenig der Schutz der Päpste den Juden geholfenhat, wird aus dem Capitel über die Verfolgung ersichtlichsein. Dieser Schutz konnte nicht wirksamsein, so lange die Päpste aus den bekannten religiösenMotiven die Juden unter Ausnahmsgesetze stellten, imCharfreitagsgebete für die Juden den Ausdruck „perfideJuden** beibehielten, so lange sie dieselben der


- i69 —hartnäckigen Verblendung, der Verstocktheit beschuldigtenund sie als ein von Gott, wegen des Gottesmordes, verfluchtesVolk darstellten. War auch für den Christendes Mittelalters die Misshandlung eines Juden, sowiedessen zwangsweise Bekehrung, daszwangsweise Taufenjüdischer Kinder, was nach canonischem Rechteimmer die gewaltsame Entfernung des Kindes ausdem elterlichen Hause zur gesetzlichen Folgehatte, durch päpstliche Rescripte strengstens verboten,so war es doch selbstverständlich, dass die ungeheureMehrzahl der Christen jener finsteren Zeiten im Hinblickauf die Lehre der Kirche über das Judenthum in einemsolchen Vorgehen gegen die Juden keine besonders schwereSünde erblickenkonnten.Stellen wir uns einen gläubigen christlichen Ritterdes Mittelalters vor, in dessen Gewalt sich zufällig einjüdisches Kind befindet. Er kommt nun in die Versuchung,dieses Kind taufen zu lassen und dadurch seinenunglücklichen Eltern für immer zu entreisscn. Es istihm aber auch bekannt, dass der Papst ein solches Vorgehenausdrücklich verboten und mit Strafen bedroht hat.Wie glaubt wohl mein geehrter Leser, dass der Kampfin der Brust des Ritters ausfallen wird? Derselbe wirdin JOO Fällen vielleicht 99 mal folgendermassen argumentirthaben: „Dieses jüdische Kind ist nun einmal in meineGewalt gerathen. Das ist kein Zufall, es ist ein FingerzeigGottes.Taufe ich dieses Kind, so hat unsere Kircheeinen Gläubigen, der Himmel einen Heiligen mehr undich rette seine Seele, die nun Gott gehören wird. Es istunmöglich, dass mich Gott dafür ewig bestrafen sollte,wenn ich ihm auf diese Weise eine Kindesseele zuführe*Zwar werden sich die Eltern zu Tode grämen, aber was


— J70 —liegt mif an dem Kummef der Gottesmördef und derFeinde unserer Kirche. Ich begehe zwar eine Sünde,indem ich ein ausdrückliches Verbot des Papstes übertrete.Dass mir aber wenigstens diese eine Sünde leichtverziehen werden wird, dess bin ich sicher. Also taufenwir dieses Kind in Gottes Namen. Denn ich kann jaunmöglich dereinst aus diesem Grunde in die Hölle geworfenwerden, weil 'ich der Kirche, dem Himmel undGott, wenn auch auf unerlaubte Weise, eine menschlicheSeele zugeführt habe.**Die Geschichte lehrt, dass die Päpste, wenn sie auchdie Juden beschützen wollten, nicht im Stande gewesensind,diesen Schutz wirksam durchzuführen, und dass dieJuden trotzdem aus theologischen Gründen auf dasGrausamste verfolgt wurden, solange die Kirche mächtigwar. Das rettende Wort: „Qie Juden sind Menschenund daher Kinder Gottes wie wir; der gute und braveJude ist Gott dem Herrn ebenso wohlgefällig wie derChrist, notabene der gute Christ**, hat das Papstthumnie gesprochen und durfte es auch nicht sprechen.Denn würde heute die Kirche erklären, dass Ungetaufte,in gleicher Proportion wie Getaufte, zur ewigenSeligkeit gelangen können, wenn sie treu die Geboteihrer eigenen Religion befolgen, so würde sich sehr baldgar kein Missionär mehr finden, der sich dazu hergebenwürde, Leben und Gesundheit zu riskiren, allen Leiden,Strapazen, Entsagungen, Kränkungen, ja der Folter unddem schmerzvollsten Tode entgegen zu gehen, um ungläubigeHeidenseelen für die Kirche zu gewinnen. Dennnicht irdischer Ruhm und Ehre, sondern blos ein unbezähmbarerDrang, menschliche Seelen den Krallen desTeufels und dem künftigen ewigen Tode zu entreissen.


J7Jführt die hcldcnmüthigfen christlichen Missionäre in dieLänder der Ungläubigen, und diese Pioniere des Glaubenswaren die eigentlichen Gründer der grossen Macht undHerrlichkeit der römischen Kirche.Jenes rettende Wort hat nicht die Kirche, sonderndie moderne unchristliche Aufklärung gesprochen, dennsie war es, die die Juden den Christen gleichstellte undsie emancipirte*Die Stellung der römischen Kirche zu den Juden hatwenigstens Kopf und Fuss und Logik» Es liegt darineine ganz andere Art Antisemitismus als im Rassenantisemitismus,welch Letzterer, wie bereits nachgewiesen,auf der ganz falschen Vorstellung fusst, dass es auf derWelt so etwas wie eine jüdische Rasse gibt; eine Behauptung,deren Unrichtigkeit die Anthropologie mitihren Schädelmessungen mathemathisch nachgewiesen hat,daher man sich einen logisch begründeten Antisemitismusausserhalb der Kirche nicht einmal recht vorstellen kann.Die Bestrebungen der Antisemiten decken sich fast gänzlichmit jenen Gesetzen und Bestimmungen, welche dieKirche im Mittelalter gegen die Juden überall dort durchgeführthat, wo sie es konnte*"Was die schismatische, respective orthodoxe Kirche betrifft,so ist wohl nicht daran zu zweifeln, dass ihre Auffassungvom Judenthum und ihre Wünsche, betreffenddie Art und Weise, wie sie von den Christen zu behandeln,sich mit jenen der römischen Kirche decken. Diebei Weitem grösste und mächtigste aller schismatischenKirchen ist bekanntlich die russische, neben ihr verschwindendie übrigen. Während nun in allen StaatenEuropas die römische Kirche aufgehört hat, die Politikzu führen und ihr Einfluss auf Regierung und Gesetz-


- J72 —gchisng im Vergleiche zu jenem, dessen sie sich im Mittelaltererfreute, ausserordentlich gesunken ist, hat dieorthodoxe Kirche in Russland ihre ganze ungebrocheneMacht bewahrt. "Wehe dem, der sich ihr zu widersetzenwagt. Sie verfügt über Mittel, den Zuwiderhandelndendie Köpfe bald wieder zurecht zu setzen. "Wehe demZaren, der es wagt, in aufgeklärter Weise ihr entgegenzu treten ....Nachdem die "Wünsche der russischen Kirche in derrussischen Gesetzgebung zum Ausdrucke kommen, dieGesetze gegen die Juden von der russischen Kirche inspirirtsind und noch immer bestehen, somit der Gegenwartangehören, sowird die Stellung der Juden in Russlandin diesem Werke an jenem Orte besprochen,wo von der Noth der heutigen Judenschaft gehandeltwird.Was die protestantische Kirche betrifft, so richtensich die Gläubigen in derselben mit Vorliebe nach denLehren Luthers, welche in seiner Schrift: „Von den Judenund ihren Lügen*^ die in Wittemberg im Jahre J543 erschien,niedergelegt sind.Bluthunde, giftigeEr nennt sie darin Lügner undOttern, hämische Schlangen, Teufelskinderund zwar darum, weil sie die christologischeDeutung der heiligen Schrift nicht anerkennenwollten. Er ricth, dass man die Synagogen der Judeneinäschern solle, „unserem Herrn und der Christenheitzu Ehren**; dann sollen die Christen deren Häuser zerstörenund sie unter ein Dach, oder in einen Stall treiben,wie die Zigeuner. Alle Gebetbücher und Talmudexemplare,ja selbst die heilige Schrift des alten Testamentessollte man ihnen mit Gewalt nehmen, und selbst dasBeten und Aussprechen des göttlichen Namens sei ihnen


— J73 —bei Verlust des Leibes und Lebens verboten. Ihren Rabbinensollte das Lehren untersagt werden. Die Obrigkeitsollte den Juden das Reisen verbieten und dieStrassen verlegen; sie müssten zu Hause bleiben* DerWucher sollte ihnen nicht bloss untersagt , sondern alleihre Baarschaft sollte ihnen abgenommen werden.rieth,Lutherdamit einen Schatz anzulegen und davon diejenigenJuden zu unterstützen^ welche sich zum Christenthumbekehren würden.Die starken Juden und Jüdinnen solltedie Obrigkeit zum Frohndienste zwingen» sie streng anhalten» Flegel» Axt, Spaten, Rocken und Spindel zuhandhaben, damit sie ihr Brot im Schweiss des Angesichtsverdienen und nicht in Faulenzerei, in Festen undPomp verzehren. Die Christen sollten keine schwacheBarmherzigkeit für die Juden haben. Dem Kaiser undden Fürsten redete Luther zu Herzen: sie mögen dieJuden ohne Weiteres aus dem Lande jagen, sie in ihrVaterland zurücktreiben. In der Voraussetzung aber,dass die Fürsten nicht eine solche Thorheit begehenwürden, ermahnte er die Pfarrer und Volkslehrer, ihreGemeinden mit giftigem Hasse gegen die Juden zu erfüllen.Wenn er Gewalt über die Juden hätte, bemerkteer, würde er ihre Gelehrten und Besten versammeln undihnen mit der Androhung: „ihre Zungen hinten amHalse herauszuschneiden, den Beweis auflegen, dassdasChristenthum einen einzigen Gott, und nicht drei Götterlehre*^ Luther hetzte geradezu die Raubritter gegen dieJuden. Er habe gehört, dass ein reicher Jude mit zwölfPferden durch Deutschland reise, nämlich der reicheMichel. Wenn nun die Fürsten ihm und seinen Glaubensgenossennicht die Strasse verlegen wollten, so möge sichReiterei wider sie sammeln, weil die Christen aus seinem


J74Büchlein erfahren würden, wie verworfen das jüdischeVolk sei.Noch kurz vor seinem Ende ermahnte er seine Zuhörerineiner Predigt, die Juden zu vertreiben: ,,Ueber dasandere habt ihr auch noch die Juden im Lande, die grossenSchaden thun* . . Wiewohl ich Sorge trage, das jüdischeBlut sei nunmehr wässrig und wild geworden, sollt ihrihnen ernstlich anbieten, dass sie sich taufen lassen —wo nicht, so wollen wir sie nicht leiden. Nun ist mitden Juden also gethan, dass sie unsern Herrn nur täglichlästern und schänden — drum sollt ihr sie nichtleiden, sondern sie wegtreiben. — Wenn sie uns könntenalle tödten, so thätcn sie es gerne und thun es auch oft,sonderlich die sich für Aerzte ausgeben — so könnensie auch die Arznei, die man in Deutschland kann, daman einem Gift beibringt, davon er in einer Stunde, —ja in zehn oder zwanzig Jahren sterben muss, die Kunstkönnen sie. — Das habe ich als ein Landkind euch nurwollen sagen zur Letzten — wollen sich die Judennicht bekehren, so sollen wir sie auch bei unsnicht dulden, noch leiden*^Vergleicht man das Auftreten Luthers und der protestantischenKirche im Mittelalter gegen die Juden mitjenem der römischen, so fällt es in die Augen, dass sichletztere gegen dieses unglückliche Volk unvergleichlichmenschlicher und toleranter benommen hat, als die protestantische.Nichts ist unrichtiger als die Behauptung,dass der (echte gläubige) Protestantismus aufgeklärter,fortschrittlicher und toleranter ist,als die römische Kirche.Es sind erst wenige Wochen verflossen, — es war amJ4. Februar d. J.— seit der neue König von Englandden Krönungseid auf die Verfassung geleistet und dabei


J75gezwungen war, die Worte auszusprechen: ^^I^ass die Anrufungoder Anbetung der Jungfrau Maria , oder irgendeines anderen Heiligen und das Messopfer, wie es heutein der römischen Kirche dargebracht wird, abergläubischund götzendienerisch sind»**Der Protestantismus an und für sich ist um keinHaar toleranter und aufgeklärter als die römische undgriechische Kirche; aber der Protestantismus hat denBoden geschaffen,auf welchem sich die Gedankenfreiheitund Aufklärung entwickeln konnte und so sind dennthatsächlich die fortgeschrittensten Gelehrten in derBibelexegese,den vergleichenden Religionswissenschaftenund vielen anderen Disciplinen Protestanten; freilichProtestanten, welche im Mittelalter von ihren eigenenReligionsgenossen verbrannt, geköpft, geschunden, gerädertund geviertheilt worden wären.An jene Antisemiten, die nicht müde werden, fortwährendzu wiederholen, dass das Bewuchern und Aussaugender Christen und eine masslose Habsucht denJuden angeboren sei,erlaube ich mir die Frage zu stellen,wie so es denn kommt, dass in den ersten christlichenJahrhunderten von Seiten der Kirchenväter derartige Beschuldigungengegen die Juden nie erhoben worden sind?Wer dies bezweifeln wollte, der sei höflichst verwiesenauf die in 80 Bänden erschienene Bibliothek der Kirchenväter:„Auswahl der vorzüglichsten patristischen Werkein deutscher Uebersetzung", herausgegeben unter derOberleitung von Dr. Valentin Thalhofer, Domdekanund Professor der Theologie in Eichstätt, bischöflichaugsburgisch-geistlichemRath, vormals Universitäts-Professorund Dircctor des Georgianums in München etc. etc.,Verlag der Josef Kösel'schen Buchhandlung in Kempten.


— 176 —Das Pefsoncn- und Sachregister dieser Bibliothek umfasstallein zwei Bände» In dieser Bibliothek sind diefolgenden Kirchenväter wnd Kirchenschriftsteller — imGanzen 55 Mann — enthalten und zwar:t* Clemens von Rom, 2. Barnabas, 3. Ignatius vonAntiochia, 4. Polycarp, 5* Hermas, 6* Der Verfasser derLehre der zwölf Apostel, 7. Justin d. M., 8. Melito,9« Tatian, JO. Athenagoras, JJ. Hermias, J2. Theophilusvon Antiochien, i3* Minucius Felix, J4* Irenäus, J5. Klemensvon Alexandrien, J6. Hippolyt, J7. Der Verfasserder apostolischen Constitutionen und Canonen, J8. Tertullian,J9« Origenes, 20. Cyprian, 2J» Gregorius Thaumat.,22. Laktantius, 23. Eusebius,24. Hilarius, 25. Athanasius,26. Der Verfasser der griechischen Liturgien,27. Der Verfasser der ambrosianischen Liturgie, 28. DerVerfasser der mozarabischen Liturgie, 29. DionysiusAreopagita, 30. Basilius, 31. Ephraem, 32. Die Verfasserder ausgewählten Gedichte syrischer Kirchenväter, 33. DieVerfasser der ausgewählten Schriften syrischer Kirchenväter,34. Zeno, 35. Cyrillus von Jerusalem, 36. Gregorvon Nazianz, 37. Makarius, 38. Gregor von Nyssa,39. Ambrosius, 40. Epiphanius, 4J. Chrysostomus, 42. SulpiciusSeverus, 43. Rufinus, 44. Hieronymus, 45. Augustinus,46. Kassian, 47. Cyrillus von Alexandria, 48. Vincenzvon Lerin, 49. Chrysologus, 50. Theodoret, 51* Leoder Grosse, 52. Salvian, 53. Gregor der Grosse, 54. Johannesvon Damaskus, 55. Die Verfasser der Papstbriefe.Schlagen wir im Register beim Worte Juden nach,so finden wir fünf Seiten, in welchen die von Judenhandelnden Stellen dieser 55 Kirchenväter aufgezeichnetsind. Da finden wir nun, dass ihre Opfer und religiösenUebungen nunmehr ohne Werth sind, Traktate über


— J77 —ihre Verwerftjngf, dass dieselbe von Jesaias geweissagtworden, Berichte über ihre Betheiligung bei den Christcnveffolgüngen.Beweise für ihre Feindschaft gegen dieChristen, Berichte über ihre Lage bei der WiederkunftChristi,dass sie weder den Vater, noch den Sohn kennen,Klagen über ihren Unglauben an Christus, über ihrefalschen Ansichten über den Messias, Berichteüber ihreSecten, über die Dauer ihres Aufenthaltes in Aegypten,über ihr Verhältnis zu den Aegyptern, über ihren anden Letzteren verübten Raub, sie werden entschuldigt,dass sie das gethan haben, um auf diese Weise denLohn für ihre Arbeit einzukassiren, Berichte über denAuszug aus Aegypten, über den Durchzug durch dasRothe Meer, ihren Zug durch die Wüste, über einenglücklichen Sieg, dass sie in Palästina einziehen durften,über die Herkunft der Wachteln, über ihre Chronologieund Geschichte als Beweis der göttlichen Vorsehung,über ihre Drangsale unter acht römischen Kaisern, überden Abgabenzwang, dem sie unterworfen, über die Antipathiedes Philosophen Celsus gegen sie, über die Weisheitihrer früheren gottesdienstlichen und staatlichen Anordnungen,über ihre Abstammung von Abraham, überihren Charakter als auserwähltes Volk, die weder denHimmel, noch die Engel anbeten, über ihrenSchutzgeist,über die Verschiedenheit ihrerBeschneidung und der deranderen Völker, über den Grund, warum gerade Christuszu ihnen gesendet wurde, über ihre schliessliche Bekehrung,ihre Ungeduld, ihren Neid, ihre Hochschätzungder heiligen Bücher, ihre Ausschliessung vom Rechtechristliche Dienstboten zu halten, die frei werden, wennsie ihnen entlaufen, Bestimmungen über ihre Sklavenund Diener,warum sie ein unfruchtbarer Weinberg GottesJ2


— J78 —und ihre Feste ungesetzlich sind, über ihre vergeblichenVersuche, den Tempel wieder aufzubauen, über Gottals ihren Heerführer im Kriege, warum sie dreimal imJahr vor Gott erscheinen mussten, über ihre eigeneGerichtsbarkeit und ihre politische Macht zur Zeit derApostel, warum sie Jesum nicht tödten durften, überihre Sündhaftigkeit und Strafbarkeit vor Christus, ihreVerschiedenheit und Vorzüge vor den Heiden, überihren Sklavenstand gegenüber der christlichen Gotteskindschaft,über jene Juden, die an Christus glaubten,über ihren Fall, der das Heil der Heiden wurde, überihre Fresslust, über ihren Charakter als das hartnäckigsteVolk, als Beispiel des Nutzens der Drangsale,über den ihnen ertheiltenirdischen Segen, über den vorbildlichenCharakter ihrer Gerechtigkeit,über ihre A.ehnlichkeitmit Schulkindern, über den Beweis, den dieüber sie hereingebrochenen Drangsale für die Existenzder Hölle liefern, über ihren Tempel, ihre Todtentrauer,ihre Zerstreuung als Förderin des Christenthums, überihre babylonische Gefangenschaft, warum unter ihnenauch die Gerechten fortgeschleppt wurden, warum undinwiefern der Teufel ihr Vater ist, über ihren Charakterals Natternbrut, über das Wohlwollen, welcheswir ihnen entgegenzubringen haben, über unsere Verpflichtung,für sie zu beten, über päpstliche Entscheidungenbetreffend ihre Synagogen, über unsere Pflicht, sie vorUnrecht zu beschützen, das Verbot, sie zur Taufe zuzwingen, ihre Ausschliessung vom Rechte heilige Geräthezu kaufen, neue Synagogen zu bauen und gegen die ChristenKlage zu führen, über die Abgabenerleichterung im FalleihrerBekehrung und Unterstützung der Bekehrten, überdas Verbot, sie an der Feier ihrer Feste zu hindern.


— J79 —Hicmit ist die Liste zu Ende*Ich habe nichts ausg^elassen* Dag^egen finde ich inder Rubrik ^Wuchef» Geldgier, Habsucht und Zinsennehmen^*desselben zweibändigen Registers des 80 Bändestarken Werkes keine Erwähnung von den Juden; wohlaber ist darin von einem habsüchtigen Einsiedler undMönche und vom Wucher der Kleriker die Rede. Wenndiese Liste richtig ist und in den 80 Bänden der Werkeder 55 Kirchenväter, die ich natürlich nicht ganz gelesen,denn ich habe Interessanteres zu thun, über dieJuden nichts anderes drinsteht, als was diese Liste angiebt,so muss constatirt werden, dass diese Kirchenvätervon einem Wuchern und Christenaussaugenseitens der Juden ebenso wenig wussten, wie vondem berühmten Blutrituale, denn es ist unzweifelhaftgewiss, dass sie Erwähnung davon gethan habenwürden. Dagegen wird ihnen Fresssucht zum Vorwurfegemacht; ein Vorwurf, den ihnen heute keinMensch mehr machen kann. Hätten sie sich in diesemPunkte löblich gebessert, oder ist die notorische Abnahmeder Fresssucht dadurch zu erklären, dass sie sichwährend ihrer Verfolgungen im Mittelalter ihre Mägengründlich verdorben haben? Heute sind es die Juden,die den Christen denselben Vorwurf machen, und derSatz: „Er fresst wie ein Goi" ist bei den Juden einstehender Ausdruck. Ich wünsche beiden den bestenAppetit! Wenn aber die Juden einmal Fresser warenund es heute nicht mehr sind, so haben sie ihren Charaktergeändert, und wenn sie heute den Wucher imgrossartigen Massstabe betreiben, in den ersten Jahrhundertendes Christenthums aber nicht, so haben siesich zwar sehr zu ihrem Nachtheile verändert, aber esJ2*


— J80 —wird kein vernünftigfer Mensch behaupten können^ dassihnen das Wuchern und Geldabzapfen angeboren ist,sondern man wird sagen müssen, dass sie es gelernt undgut gelernt haben. — Wer waren aber ihre Meister?Unter dem Haufen der vor mir liegenden Schriften,für und gegen die Juden, befindet sich auch eine kleineBroschüre, die in Münster im Jahre J894 unter demTitel: „Der Kirchenväter Ansichten und Lehren überdie Juden^S den Christen in Erinnerung gebracht vonH* K* Lenz, erschien. In seinem Inhaltsverzeichnissefinden sich Seite JJ die Worte: „Handel mit Juden"und in Klammern das Wort „Wucher". Sehr erfreut,endlich einmal vom jüdischen Wucher im ersten Jahrtausendn. Chr. Kunde zu erhalten, studierte ich dasCapitel mit besonderer Aufmerksamkeit und entdecktebloss zwei Aussprüche über jüdischen Wucher. Der eineist einem Gedichte des syrischen Klosterabtes Isaak vonAntiochien, der zweite einem Schreiben des im Jahre368 n. Chr. verstorbenen Bischofs von Poitiers, desheiligen Hilarius, entnommen. Die anderen von HerrnLenz angeführten Stellen betreffen zwar das Geld derJuden, enthalten jedoch kein Wort von ihrem Wucher.Ob Isaak von Antiochien zu den Kirchenvätern zu zählenist, ist mir nicht bekannt; jedenfalls gehört er unterihnen nicht zu den Sternen ersten Ranges. Die grösstenund den Juden am feindseligsten gesinnten Kirchenväterschweigen über den Wucher der Juden ebenso, wie überdas angebliche Blutritual, gerade so, wie auch dasVerbannungsdccret Ferdinands des Katholischen, durchwelches die Juden aus Spanien verbannt wurden, vomjüdischen Blutrituale und Wucher kein Wort erwähnt.Alle Vorwürfe, welche im ersten Jahrtausend n. Chr.


-- J8J —gegen die Juden erhoben worden sind,haben ausschliesslicheinen religiösen Hintergrund^ was ich den Feindender Juden ganz besonders in die Erinnerung zu rufenmir erlaube*Wer sich die Mühe nehmen will^ die Werke derKirchenväter zu durchfliegen und alle jene Stellen herauszusuchen^ die sich auf die Juden beziehen , der wirdalso gestehen müssen^ dass sich dort keine anderen Anklagenvorfinden^ als jene, die sich auf Gottesmord, Unglaubenund Verstocktheit beziehen* Dasselbe gilt abernicht nur von den Werken der Kirchenväter, sondernauch von allen Werken profaner Geschichtsschreiber desersten Jahrtausends. Ich kann diese Behauptung getrostaufstellen, weil ich den bedeutendsten Theil der antisemitschenBroschüren gelesen habe* Selbst der mehrfacherwähnte Antisemitenkatechismus, der alle für die Judenungünstige Urtheile sorgfältigst gesammelt hat, gibt inseinemCapiteh „Aussprüche berühmter Männer über dieJuden** zuerst feindselige Urtheile von 4 römischen Schriftstellern,dann von drei Mohammedanern* Jetzt kommtaber ein Riesensprung, denn er muss beginnenmit Urtheilen aus dem 12* und J3* Jahrhundert*Warum führt er denn keine Aussprüche an aus derganzen langen Zeit von Vespasian bis zu jenem J2* Jahrhundert?Warum hat er nichts hineingenommenaus den zahlreichen antijüdischen Schriften derKirchenväter, nichts von Chrysostomus, nichtsvon Agobard? Die Antwort liegt auf der Hand: Stoffwäre massenhaft vorhanden gewesen, aber alle jeneStellen betreffen nur die Religion, die soll aber nachder Meinung der Antisemiten mit der ganzen Fragenichts zu thun haben. Daher verschweigt er alle Juden-


— J82 —feindlichen Aussprüche der ersten tausend Jahre undmuss bis zum J2* Jahrhundert springen, weil er erstda Anklagen findet , die mit der Religion nichts mehrzu thun haben. Der erste feindliche Ausspruch, der dieJuden des \7ucherns beschuldigt und vom Antisemitenkatechismusangeführt ist, stammt von Peter Schwarzaus dem Jahre J477. Ich behaupte daher mit apodictischerBestimmtheit, dass alle judenfeindlichen Aussprüchedes ersten Jahrtausends ausschliesslich religiöser Natursind» Und diese Anklagen sind, wie gesagt, Gottesmordund verstockter Unglaube«Gottesmord! Entsetzliches Wort. Wie ein Fluchhetzt diese Beschuldigung das unglückliche Volk seitzwei Jahrtausenden durch alle Länder der Christenheit.Welch ein Strom jüdischen Blutes ist geflossen, seit siezum ersten Male erhoben worden ist, was für Leidenhat sie ihnen zugezogen! Aus dem von Gott auserwähltenVolke sind die Juden nach christlicher Meinung Kinderdes Teufels geworden; sie sind verflucht, und alle Jahrewährend der Charfreitagsfeier geschieht ihres GottesmordesErwähnung mit der Bezeichnung „perfide Juden*^Dabei wird die Genuflexiton unterlassen zum Andenkendaran, dassdie Juden den Heiland durch spöttische Kniebeugungenverhöhnten.Dieses berühmte Gebet lautet:Oremus et pro perfidis Judaeis: ut Deus Dominusnoster auferat velamen de cordibus eorum; ut et ipsiagnoscant Jesum Christum Dominum nostrum.Omriipotens sempiterne Deus, qui etiam judaicamperfidiam a tua misericordia non repellis: exaudi precesnostras, quas pro illius populi obcaecatione deferimus; ut,agnita veritatis tuae luce, quae Christus est, a suis tene-


— J83 —bris cruantur. Per eumdem Dominum nostrum. Amen.Zu deutsch: ^^Lasset uns auch beten für die treulosenJuden : dass unser Gott und Herr den Schleier von ihremHerzen wegziehe^ damit auchHerrn erkennen.sie Jesum Christum unsernAllmächtigfert ewiger Gott, der du auch die treulosenJuden von deiner Barmherzigkeit nicht ausschliessest:erhöreunsere Bitten, die wir für dieses verblendete Volkdarbringen, auf dass sie das Licht deiner Wahrheit, welchesChristus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden— durch denselben Jusum Christum unsern Herrn. .***Nun frage ich, welchen Eindruck müssen diese Worteauf einen Juden ausüben? Ich glaube, dass ein Jude,wenn er sehr edel und grossmüthig ist, darauf antwortenwird:Ihr nennt uns alle Jahre öffentlich in Euren Kirchenbeim feierlichen Gottesdienste „perfide Juden'% wir aberwollen Euch durch die That beweisen, wie sehr Ihr Euch— ich fürchte es ist die Mehrzahl — werden sagen:Wohlan, Ihr nennt uns so; gut denn, Ihr sollt Recht haben,irrt, welch ein Unrecht Ihr uns anthut. Andere jedoch,wir werden gegen Euch so perfid sein wie nur möglich.Zu bemerken wäre hier noch, dass dem klaren Texteder Evangelien zufolge es die römischen Soldaten gewesensind,die durch spöttische Kniebeugungen denHeiland insultirten. Matth. 27, 27—32; Marc. J5, J6— 2J;Joh. J9, 2; — von spöttischen Kniebeugungen der Judensteht im Evangelium kein Wort.Wohl liesse sich darauf vielleicht sogar vom christlichenStandpunkte aus einwenden, dass, ganz abgesehen vomgrossen Zeiträume, der seither verflossen — J900 Jahregiebt etwas aus! — es ja nur ein Theil des jüdischenVolkes war, der gegen den Heiland intrigirte und seine


— J84 —VefUftheilung bei Pilatus durchsetzte und dass, wennauch damals Juden gerufen haben: ^^Sein Blut kommeüber uns und unsere Kinder** dieser Ruf doch nicht vomganzen Volke ausgegangen sein kann^ was eine physischeUnmöglichkeit wäre, unmöglich in Folge desmangelnden Raumes vor oder im Palaste des Pilatusfür ein ganzes schreiendes Volk. Auch erhellt aus dem27. Capitelt 20. Vers des Matthäus- und aus dem J5. Capitel,n. Vers des Markus-Evangeliums, dass das jüdischeVolk von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten beeinflusstund aufgestachelt war, als es schreiend die HinrichtungChristi verlangte. Nun sagt aber Jahwe selbstin der Thora, das er die Sünden der Väter heimsucht bisins vierte Geschlecht, und der Prophet Ezechiel schreibtin seinem 18. Capitel, dass das Wort Jahwe's an ihn ergingdes Inhaltes: Dass ein Sohn nicht die Schuld desVaters mittragen soll und ein Vater nicht die Schuld de^Sohnes; nur die Seele, die sich verfehlt, solle sterben.Nach diesen zwei göttlichen Aussprüchen müsste dieheutige Judenheit schon lange straffrei sein, umsomehr,da Christus selbst am Kreuze Gott gebeten,ihnen zu verzeihen. Auch haben die Juden inihrer Vertheidigung nicht unerwähnt gelassen, dass, wennChristus am Kreuze sterben musste, sie, d. h. jene ihrerVorväter, welche die Kreuzigung durchgesetzt, die MandatareGottes gewesen seien und dass, wenn sie den Heilandnicht gekreuzigt hätten, das Erlösungswerk nichtvollbracht worden und alle Segnungen der Erlösungden Christen dann entgangen wären. Es §'ihc heuteim Himmel keine triumphirende Kirche. Ferner beriefensie sich darauf, dass nach der christlichen Lehre die Judensichbekehren werden am Ende der Zeiten, thäten sie


— tZ5 —dies nun jetzt gleich, so könne diese "Weissagung nicht inErfüllung gehen.Würden sie sich heute alle bekehren, sostünde der Untergang der Welt unmittelbar bevor, waskeinem Menschen angenehm zu wissen wäre.Also wäresowohl der ihnen imputirte Gottesmord, als auch ihregegenwärtige Verstockung eines Theiles ihres Volkes imHeilsplane vorausbestimmt gewesen und dahernothwendig; daher seien sie nicht verantwortlich. Dochdiese Ausreden haben ihnen, wie die Geschichte lehrt,gar nichts genützt. Denn die Christen gehen offenbarvon dem Standpunkt aus, dass die Juden dadurch schon,dass sie Juden bleiben und sich nicht bekehren, denvon ihren Vorvätern begangenen Gottesmord gewissermassengutheissen, was natürlich nicht von jenengilt, die keinen Unterricht in der christlichen Lehreerhalten haben, oder erhalten konnten. Damit es nunkeine Juden geben könne, die aus Unwissenheit imAberglauben verbleiben, wurden im Mittelalter die Judengezwungen, christlichen Religionsunterricht regelmässiganzuhören. Dies geschah offenbar, um ihnen die Gelegenheitzu geben, die Lehren der christlichen Kirchekennen zu lernen, weil die Lehrer der Kirche überzeugtwaren, dass dieselben derart überzeugend sind, dassein jeder ehrlich denkende und fühlende Mensch sieannehmen müsse, sobald er sie nur kennen lernt unddass ein jeder Jude, der trotz gehöriger Unterweisung indenselben dennoch in seinem Unglauben verharre, nichtim schuldlosen, sondern im sträflichen Irrthum verstocktund böswillig verharre. Keinem bekehrten Judendürfte woht je der Vorwurf gemacht worden sein, einNachkomme der Gottesmörder zu sein; im Gegentheil,sie wurden, wenn man Gründe hatte, an die Aufrichtig-


— J86 —kcit ihrer Bekehrung zu glauben, mit offenen Armen indie christliche Gemeinschaft aufgenommen* Daraus folgt,dassdie Christen den Juden subjectiv bloss den Unglaubenund die Hartnäckigkeit ihrer Verstockung übelnahmenoder objectiv betrachtet, das Differiren von ihrereigenen theologischen Meinung; den Gottesmord nurindirect, insofern sie nämlich denselben durch Verstocktheitgewissermassen billigten*Das eigentliche Schlachtfeld der Discussion zwischenChristen und Juden war naturgemäss die Frage derMessianität Jesu Christi* Die christlichen Predigergingen vom richtigen Standpunkte aus, dass sie denblinden,verstockten, hartnäckigen Juden zuerst beibringenmüssten, Christus sei thatsächlich der in den jüdischenheiligen Schriften vorausgesagte Messias gewesen; würdendie Verblendeten das einmal begriffen haben, dannwäre für sie die weitere Partie gewonnen.Die Juden aber, die im Besitze der heiligen Schriftendes alten Testamentes waren, konnten trotz des „liebevollen"Unterrichtes und der christlichen Unterweisungnicht recht begreifen* Sie waren offenbar schrecklichverstopft, so dass das Licht nicht in ihre Herzen eindringenkonnte* Ihren liebevollen christlichen Lehrernstellten sie in arger Verblendung immer dieselben Gegenargumenteentgegen, diewir hier kurz erwähnen wollen*Der Messias, sagten diese Blinden, kann noch nicht gekommensein, da eine grosse Zahl messianischer Weissagungenin Christus und zu seiner Zeit nicht erfülltworden seien*Diese Prophezeiungen sind:f* Die Einsammlung der JO Stämme und deren gemeinsameUnterordnung unter einen König vomHause David* Triftiger Beweis Ezechiel 37.


- J87 —2* Gog: ond Magogf und ihre Niederlage. EzechielCap* 38 und 39 und Zacharias 14«3« Die Spaltung: des Oelbergfes. Zacharias (4.4« Das Zertheilen und Austrocknen des StromesMizrajim und des Pherath zur Zeit der Einsammlungder Zerstreuten Israels aus allen vier Weltgfegfenden*Jesaias ti*5. Das Hervorquellen lebendigen Wassers in Jerusalemaus dem heiligen Tempel» Ezechiel 47 und Zacharias{4.6. Das Ergreifen — seitens JO Männern aus allerleiverschiedensprachigen Völkern—- des Zipfels einesjüdischen Mannes mit den Worten: Wir wollenmit Euch gehen, da wir gehört, dass Gott mitEuch ist* Zacharias 8.7. Das Hinaufziehen des Ueberrestes der Völker nachJerusalem, um dort Gott anzubeten. Zacharias 8.8. Das Erscheinen der Völker an Ruhetagen undNeumonden in Jerusalem, um dort den Herrn anzubeten.9. Die Ausrottung der Götzen und ihres Andenkens,der Lügenpropheten und des Geistes der Unreinigkeitauf Erden. Zacharias (3, Josue 2 undPsalm 97.10* Alleinherrschaft des jüdischen Glaubens und derjüdischen Religion auf der ganzen Welt. Jesaias45, 52 und 66f Zacharias 9 und J4.n. Alleinbestehen in der ganzen Welt nur eines einzigenReiches, nämlich des Reiches der Israeliten,welche Heilige Gottes genannt werden. Numeri 24,Jesaias 49 und 60 und Daniel 7.t2* Das Herrschen allgemeinen Friedens und Ruhe in


— J88 —dct Welt nach dem erwähnten Kriege mit Gog undMagog, Jesaias 2, Micha 4, Hoseas 2, Zacharias 9.J3 Friede im Lande Israel» selbst zwischen wilden undHausthieren. Wolf und Schaf wohnen zusammenetc. etc» Jesaias tt und 65^ Ezechiel 34 undHoseas 2*J4. Sündlosigkeit Israels. Jesaias 60, Deuteron. 30»Jesaias 60» Jeremias 3 und 50» Ezechiel 36»Zephania 3.J5. Aufhören von Leiden» Kummer und Sorgen imganzen Lande Israel* Jesaias 65.J6. Wiederaufleben der freundlichen Zuwendung Gottesgegen Israel und Wiederauftreten in Israel derWeissagungskunst und Weisheit. Ezechiel 37»39» 43» Joel 2 und 5» Jesaias JI» Jeremias 3J.J7. Wiederkehr des Propheten Elias. Maleachi Schlusscapitel.J8. Bau des zukünftigen Tempels genau nach demPlane Ezechiels 40—45.J9. Die Auferstehung der Todten. Deuteron. 32»Jesaias 26» Daniel J2.20» Eintheilung des Landes nach den zwölf Stämmen*Ezechiel 47.Diese Weissagungen» sagen die bösen ungläubigenJuden» sind noch nicht erfüllt worden» und der Messiaskann nicht erscheinen» bevor sie erfüllt sind. (Vgl. nochDaniel 2 und 7 und Jesaias 60» 62» 63).Zur Widerlegung der christlichen Lehre» dass dieWeissagungen sich in Christo erfüllt hätten» führten dieJuden ins Feld» dass jene Prophezeiungen» wenn nichtaus dem Text des alten Testamentes willkürlich herausgehoben,sondern vielmehr im Context gelesen» sich


— J89 —gar nicht auf Christus beziehen können.Ferner,dass viele jener Weissagfungen sich in Christus gar nichterfüllt,sondern, dass erst von späteren christlichen SchriftstellernLebensumstände Christi erfunden worden seienund zwar zu dem Zwecke, um seine Biographie mitverschiedenen Weissagungen in Uebereinstimmung zubringen. Kurz, die Juden verblieben so verstockt alsnur möglich. Das beste Mittel blieb daher, ihnen dasLeben recht unangenehm zu machen. Das Mittel warradical, denn hei den. Verfolgungen bekehrten sich oftJuden zu Hunderten, ja Tausenden — scheinbarnatürlich — zum Christenthum, durch Predigten undUnterweisungen aber nur sehr wenige.Man kann sich denken, welch ein wüthender Hassin Folge der zahlreichen Verfolgungen, Chicanen, Ausnahmsgesetzeund Rechtsbeeinträchtigungen sich im Laufeder Zeiten lawinenartig in den Herzen der Juden anhäufenmusste. Es ist jedoch sicherlich über allen Zweifelerhaben, dass jener Hass nicht von allem Anfangean in gleicher Intensität vorhanden war, sondern,dass er im Laufe der Zeiten stets crescendo zugenommenhat. Renan schreibt, dass es gewiss ist, dassdie erste christliche Generation durch und durch jüdischwar;sie dachte nicht daran, sich ausserhalb der jüdischenNation zu stellen, sie hielt sich für das wahre Judenthumund unterschied sich von den Juden einzig undallein dadurch, dass sie glaubte, der Messias sei bereitsund zwar in Christus erschienen. Sie dachten nichtdaran, das jüdische Gesetz abzuschaffen, sieübten die Beschneidung, hielten die Speisegesetze,besuchten den Tempel, feierten die jüdischenFeste. Die Apocalypse des Johannes ist be-


— i90 —geistert für die jüdische Nation* Die Epistel des ClemensRomanus ist ganz orthodox jüdisch^ ebenso ist dies beianderen christlichen Schriften jener Zeit, dem Testamentder zwölf Patriarchen, Pastor Hermas und anderen derFall. Erst zur Zeit Marc Aureis scheint sich der definitiveBruch vollzogen zu haben» In Antiochien, zurZeit des Johannes Chrysostomus, pflegten die Christenbei vielen Gelegenheiten die Synagoge zu besuchen,sie leisteten dort ihre Eide auf die Schrift, sie feiertendas Osterfest mit den Juden. Es ist heute dieUeberzeugung der freien Wissenschaft, dass es derApostel Paulus und seine Partei war, der das Christenthumzu dem gemacht hat, was es ist, indem erdie Abschaffung der Beschneidung und des jüdischenCeremonialgesetzcs durchdrückte, wodurch erst dasChristenthum aufhörte eine jüdische Secte zusein.Durch die Decrete des Concils zu Illiberis wurde denChristen verboten, mit Juden zu verkehren, mit ihnenEheverbindungen einzugehen und die Feldfrüchte vonihnen segnen zu lassen. Im Concil zu Vannes wurdeden christlichen Priestern verboten, an jüdischen Gastmählerntheilzunehmen, woraus klar hervorgeht, dassdamals der Verkehr zwischen Christen und Juden einfreundschaftlicher war. Selbst unter Heinrich dem Heiligen,bemerkt W. Röscher, konnte ein herzoglicher Caplanzum Judenthum übertreten, „ohne andere Strafe, als dieeiner gelehrten Widerlegung.^* Nichts ist unrichtiger,als sich den Bruch zwischen Judenthum und Christenthumals etwas plötzliches vorzustellen. Er hat sichsehr allmählich vollzogen. Doch ist dies die Ansichtder freien Wissenschaft, nicht aber der gläubigen.


— J9J —Paulus war für das jungfe Christenthum^ was Omarfür den Islam war. Der Boden für die Verbreitung desChristenthums war gfut vorbereitet durch die Gleichgültigkeitund die Toleranz der zahlreichen griechischjüdischenGemeinden in Alexandrien, Syrien und Kleinasienund durch den Abscheu^ den die gebildeten Griechenund Römer vor dem entarteten Heidenthum empfanden*Auf diesem Boden erschien Paulus. Er erklärte die Beobachtungender jüdischen Religionsvorschriften und besondersdie Beschneidung für abgeschafft*Hierzu kam^ dass die Zerstörung des Tempels vonvielen kleingläubigen Juden gewissermassen als das Endeder jüdischen Nation betrachtet wurde und dass sie durchdieselbe den Glauben an ihre Religion verloren.Kaiser Vespasian hatte die ehemalige Tempelsteuerin eine Art Leibzoll verwandelt^ welcher die Juden hartbedrückte^ so dass viele, um sich derselben zu entziehen,den jüdischen Glauben verleugneten, ja sich sogar einefalsche Vorhaut machten* Es scheint, dass der ganzeEssäerorden und alle Jünger Johannes des Täufers injener Zeit zum Christenthum übertraten* So sehen wirdenn schon in der apostolischen Zeit im jungen Christenthumczwei grosse Parteien um die Herrschaft ringen;die Juden Christen und die Heidenchristen, die Judenchristenmit dem Judenthum eng verknüpft, beobachtetenstreng das jüdische Gesetz eingedenk der Worte Christi,dass er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzuheben,sondern es zu erfüllen und dass eher Himmel und Erdevergehen werden, als ein Jota vom Gesetze, und dieHeidenchristen, welche das Gesetz des Moses für abgeschaffterklärten* Hier verdient die Hypothese desC* F* Bauer, des Begründers der Tübinger Schule, er-


— J92 —wähnt zu werden, dass der in der apostolischen Zeit erwähnteZauberer Simon Magfus keinen Andern bezeichnensoll, als den Apostel Paulus.Die Heidenchristen scheinenfür eine Nachgiebigkeit gegen das heidnische Rom gewesenzu sein; die Judenchristen dagegen*Der Kirchenvater Augustinus sagt, das jüdische Volksei wie Kain, der auf der Stirne ein Zeichen bekommen,damit er nicht getödtet werden könne, und das unterdie Völker zerstreut worden, um als Zeuge zu dienenfür die Wahrheit der Schrift, die das Heil in Christovorausgesagt. Das jüdische Volk sei offenbar dazugemacht, dem Messias als Zeuge zu dienen. Bossuetschreibt Folgendes: „Gott hat ein Mittel gefunden, welchesals einziges Beispiel in der Welt dasteht, die Judenausserhalb ihres Landes und in ihrer Vernichtung zubewahren, und zwar länger als jene Völker, die sie besiegthaben. Man sieht keine Spuren mehr von denaltenAssyriern, den alten Medern, den alten Persern,den alten Griechen, den alten Römern. Ihre Spurenhaben sich verloren, und sie sind in den anderen Völkernaufgegangen. Die Juden, welche die Beute waren deranderen Völker, die in der Geschichte so berühmt gewesen,haben dieselben überlebt.'* Der Abbe Bauer inseiner Broschüre: „Das Judenthum als Beweis desChristenthums" schreibt wie folgt: „Seit dem Sturze desassyrischen und medischen Reiches bis zu den Ruinenvon Carthago, seit dem Sturze von Rom, von Babylonund Ninive bis zum Verschwinden der Westgothen, derLongobarden und der Hunnen, bestätigen alle todtenVölker dasselbe Gesetz in derselben Erscheinung, denselbenUntergang in demselben Verschwinden. Ein Volk,und zwar ein einziges, seit die Völker die Geschichte


— J93 —machen und die Geschichte Völker auflöst^ ein einzigesVoikf sagfe ich^ giebt bis heute unter unseren Blickendiesem universellen Gesetze ein unfassbares und kategorischesDementi» und dieses Volk ist das jüdische*Einzig und alleinunter allen Völkern des "Weltallshat das jüdische Volk sein politisches Elementverloren» aber sein sociales und religiösesElement bewahrt» sogar seine Physiognomie. Dies isteine Thatsache» die Niemand leugnen kann» die derGemeine (le vulgaire) seltsam nennt, die für den Denkerein Staunen, für den Geschichtsschreiber ein Räthsel ist^die aber nur der Christ, erleuchtet von einemLichte, das von höher kommt als von Menschen,bei seinem wahren Namen nennen kann; esheisst: „Ein "Wunder!**Ich aber sage zu dieser Theorie, die seit Jahrhundertenimmer wieder aufgetischt wird, Sancta simplicitas! Istes möglich, so etwas zu schreiben? so unwissend zusein? Oder soll der Leser etwa mystificirt werden?Studiert doch erst die Geschichte! Erst wenn ein Mensch,was natürlich unmöglich ist, alle Ereignisse der Geschichte,alle Gesetze der Natur sammt allen ihrenwirklichen und bloss möglichen Verkettungen im Kopfehätte, also ein übermenschliches Wissen besässe, dannerst könnte er von einer gegebenen Erscheinung sagen:Das ist ein "Wunder! Hier aber gilt Goethe's Wort:„Von einem Wunder keine Spur!"Es gibt ein JSweitcs Volk, das einst Jahrhunderteals Grossmacht bestanden hat, das erobert wurde, seineExistenz als Staat verlor, in alle Welt zerstreut wurde,seinen Glauben, seine Nationalität und seine Sitten aberbis heute in der Zerstreuung bewahrt hat, und dieses)3


- J94 —Volk sind, was jcdct Gebildete wissen sollte,diePafsis.Nach der Sagfe erlosch in Persien im Augenblicke,in welchem Amina im Jahre 570 n« Chr. dem ProphetenMohammed in Mekka das Leben gab, dasheilige Feuer dct Magier plötzlich, nachdem esüber tausend Jahre gebrannt. In Ctesiphon flossder See Sawa von unten ab und der Palast des ChosroesAnurshivan wurde durch ein Erdbeben derart erschüttert,dass t4 seiner Zinnen zusammenbrachen. DerOberpriester (Mobed) der persischen Magier sah imTraume ein fremdes Volk auf Kamelen und arabischenPferden den Tigris überschreiten und sich in PersiensGefilde ergiessen.Hadji Rahmet UUah aus Delhi schreibtin seinem berühmten Werke, Iddhar ul Hakk, Chosroeshabe den Abdul Masih zum Seher Satih entsandt, damiter ihm diese Zeichen und Wunder erkläre. Satih,der damals im Sterben gelegen, soll auf die Fragen desSchah Folgendes geantwortet haben: „Wenn die Recitation(des Gottesbekenntnisses) häufig werden wird, wenn derMann mit dem Stabe (Mohammed) erscheinen wird,wenn der See Sawa austrocknen und das Feuer vonPersien erlöschen wird, dann wird Babel nicht mehr einWohnort für die Perser, noch Damascus ein Ruheortfür Satih sein, es werden Könige und Königinnen ingleicher Zahl, wie diewas geschehen muss, wird geschehen."der eingestürzten Zinnen, regieren;Mit diesen Wortenstarb Satih. Als Chosroes Kunde von dieser Weissagungerhielt, soll er ausgerufen haben: „Bis J4 Könige regierthaben werden, ist noch eine lange Zeit!" Aber esfolgten sich JO Könige in vier Jahren, die anderenregierten bis zum Chalifate Othmans, in dessen Regie-


— J95 —rongfszeit der letzte persische König: )czdcd)crd starb»Eine Tochter dieses unglücklichen Schahs^ Shahrabanu»war im Harem von Mohammeds Enkel Hussein; dieMuslims sehen hierin eine Erfüllung der Prophezeiungdes 45. Psalmes: ,» Töchter von Königen sind unterdeinen geliebten Frauen.**Im Jahre 628 schriebMohammed an den Negus vonAbessynien, an den byzantinischen Kaiser Herakliusund an Chosroes Parvizt König von Persien, Briefe,in welchen er sie aufforderte, den Islam anzunehmen.Der persische Schah zerriss den Brief, wurde mit demUeberbringer des Prophetenschreibens Abdullah BenHudaqah grob und liess den Brief unbeantwortet. AlsMohammed dies erfuhr, soll er ausgerufen haben: ,,Gottmöge sein Reich zertrümmern!** Der Schah gab seinemVicekönig Badau den Auftrag, durch zwei discreteKumpans dem Mohammed auflauern zu lassen, sichseiner zu bemächtigen und ihn vor seinen Thron zubringen, ein Plan; der nicht gelang.Die nun folgenden Details über die Parsis sindgrösstentheils den beiden "Werken „Les Parsis** vonMenant, Paris J898, und „History of the Parsis** vonDosabhai Framji Karaka, London J884, entnommen.Im Jahre 64 J siegten die. Araber in der Schlacht beiNehavend und Persien war erobert, die Dynastieder Sassaniden war zu Ende, die Weissagungen warenerfüllt!Dreissigtausend Perser blieben auf dem Schlachtfelde,achtzigtausend kamen in einem Wassergraben um. DerSieger stellte den Besiegten die "Wahl zwischen Annahmedes Islams oder Auswanderung. Ob und wie viele Perserdamals den Märtyrertod starben, ist nicht bekannt* KarakaJ3*


- t96 —erwähnt in seiner Geschichte nur einen einzigfen Märtyrerdes Zoroaster- Glaubens, Kamaji Homaji, der J702 inBroatsch von Nawab Ahmed Bey vor die "Wahl gfestellt,Muselmann oder geköpft zu werden, das Ictztctcund heldenmüthig starb.vorzogPersien wurde eine Provinz des Chalifenreiches* DieMohammedaner erblicken im Schicksale Persienseine gerechte Strafe des Himmels. Zeichen,Wunder und "Weissagungen haben, wie sie sagen,die Ankunft ihres Propheten und seine göttlicheSendung vorausgekündigt und bestätigt. Mohammedhatte den Schah von Persien aufgefordert, denIslam anzunehmen, und ihm für diesen Fall Thron undHerrschaft garantirt, aber der Schah blieb hartnäckigund verstockt trotz der Zeichen, Wunder und Weissagungen.So brach denn das Verhängnis herein. Ein grosserTheil der Perser nahm, gewaltsam gezwungen, denIslam an, ein bedeutender Theil von ihnen jedoch zogCS vor, auszuwandern und Alles zu verlassen, um ihremangestammten Glauben treu zu bleiben. Sie zogen nachIndien und zwar zuerst nach Sanyan, von wo aus siesich in verschiedene Länder Indiens zerstreuten. Nurein geringer Theil der Bevölkerung, welcher seinerReligion treu geblieben, blieb in Persien in den ProvinzenPars und Chorassan, wo er von Seite der MohammedanerjederArt von Misshandlungen ausgesetzt war.Die Parsiweiber in Persien zeichnen sich durch diehervorragende Keuschheit ihres Lebens, die Männerdurch ihre Moralität aus, in Folge deren sie mit "Vorliebezu Arbeiten in den Gärten des Schah verwendetwerden.


— J97 —Unter Nadir-Schah wurde den Ungflucklichen wiederdie Alternative gestellt, sich entweder zum Islam zu bekehrenoder zu sterben. Ein grosser Theil von ihnenwurde umgebracht, andere bekehrten sich,wurden zerstört.ihre QuartiereDer Afgane Aga-Mohammed-Khan verfluchtenAngedenkens— eroberte im Jahre J494 die Stadt Kirman,in welcher viele Parsis lebten. Die Geschichte berichtet,dass der Sieger sich auf Schüsseln 35000 Paare menschlicherAugen bringen liess. Im kleinen Dorfe Bamwurde Luftalikhan gefangen genommen und Aga-Mohammedvorgeführt, welch Letzterer dem Unglücklichen,bevor er ihn tödten liess, mit eigener Hand die Augenausriss. Noch im Jahre J8J0 sah Sir H. Rottinger einePyramide von 600 Schädeln, welche damals zu Ehrendes Siegers Aga-Mohammed aufgerichtet worden war.Natürlich wurden auch die Bücher der Parsisverbrannt. So fristete die unglückselige Gemeinde einelendes Dasein bis zum Jahre 1854, in welchem Jahredie Parsis in Bombay sich entschlossen, auf diplomatischemWege ihren unglücklichen Stammes- undGlaubensgenossen in Persien zu Hilfe zu kommen durchdie Mittel des Persian Zoroastrian AmeliorationFund, eine Gesellschaft, die lebhaft an dieAlliance Israelite erinnert. Dank den Bemühungendes Comites, die auch von England unterstützt wurden,befreite der Schah Nasreddin im Jahre J882 die ParsisPersiens von der drückenden Jazia-Steuer, die sie alsUngläubige bisher zu zahlen verpflichtet waren.Dank ihrem Fleisse und ihrer Tüchtigkeit brachtenes die Parsis in Indien mit der Zeit zu hoher Bildungund Cultur. Von J872— J88J hat die Parsibevölkerung


— J98 —in Indien um JO Prozent zugfenommen. Sie haben sicheines bedeutenden Theiles des indischen Handels bemächtigt.Unter den 9584 Bettlern Bombays, welchedie Volkszählung vom Jahre J88J notirte, waren nur6 Parsis. Diese Arier zeigen eine grosse Abneigunggegen Ackerbau und besonders gegen den Militärdiensttobwohl die Perser bekanntlich infrüheren Jahrhunderten dem Ackerbau ergebenund kriegerisch waren» Aus Bauern wurden sie mitder Zeit Städter und Kaufleute, sie halten sich undmit Recht für das gebildetste und fortgeschrittenste Volkdes ganzen indischen Kaiserreiches, sie sind jedenfallsvon allen Indiern diejenigen, die dem Europäer amnächsten stehen, obwohl sie einen Theil der indischenSitten angenommen haben. Auch unter ihnen gibt es,wie bei den Juden und auch anderswo zwei grosse Sectcn,die Orthodoxen und die Reformirten. Die Parsis sindmassig, trinken wenig, verabscheuen die Trunkenheit,dagegen kennen sie keine Askese. Auch in Indienzeichnen sich die Frauen der Parsis durch ihre Keuschheitaus. Mädchen schlechten Lebenswandels kommen beiihnen nie vor. Heirathen ist ihnen zur Pflicht gemacht.Monogamie ist bei ihnen Regel. Sie haben viele Schulengegründet und stets der Erziehung und Bildung diegrösste Aufmerksamkeit gewidmet. Fast jeder ParsisprichtEnglisch*Noch am Anfange dieses Jahrhunderts war der Parsiim Handel von den Europäern in einer gewissen Abhängigkeit;heute ist er seinesgleichen. Sie zeichnensich ferner durch grosse Wohlthätigkeit und durchihre Treue gegen England aus. Einige von ihnen sindbereits in den englischen Adelstand erhoben, — einer


— J99 —von ihnen, Sir Dinsha Manakji, wurde im Jahre J890englischer Baronet — das Gebiet, auf welchem sie zerstreutsind, ist ein sehr ausgedehntes; man findet ihreHandelshäuser nicht nur im ganzen indischen Reich,sondern auch in Südarabien, namentlich in Aden, inCeylon, Singapore, der Mozambique-Küste, in Zanzibar,Madagaskar, seit J853 auch in China, Canton, Macao-Honkong, sogar in Australien.Dass auch sie von Handelseifersucht zu leidenhatten, erhellt aus einem Werke von Mandelslo, dersie am Ende des J7. Jahrhunderts kennen lernte undunter andern Folgendes über sie schreibt:„Es fehlt ihnenOffenherzigkeit und Ehrlichkeit, man muss daher sehrAcht geben, wenn man mit ihnen geschäftlich zu thunhat; es gibt kaum eine "Ware, die sie nicht verschlechtern,und sie versuchen, bei jedem Geschäftden Gegner zu überlisten» Dies wissen die Holländer undEngländer aus Erfahrung, daher bedienen siesich solcherLeute, um durch dieselben die Kniffe ihrer Stammesgenossenzu entdecken. Es gibt kein Geschäft, indas sie sich nicht hineinmischen, und keine Ware,mit der sie nicht Handel treiben.** Sie waren die ersten,welche in Indien die Branntweinbrennerei eingeführthaben. Seit Mandelslo's Reise sind mehr als zwei Jahrhundertevergangen. Dank der englischen Freiheit, derBildung, dem Studium und der Arbeit sind sie auseinem kleinen ungebildeten, im ganzen indischen Reichzerstreuten, verachteten Völkchen auf den hohen Standvon Cultur emporgestiegen, auf welchem sie sich heutebefinden. Sie sind die ehrlichsten Kaufleute inIndien geworden, offenbar, weil sie in Folge derBildung eingesehen haben, dass auch im Handel Ehr-


— 200 —lichkeitund Treue einen Geschäftsmann besser vorwärtsbringen, als Unehrlichkeit , weil der Kaufmann häufigfdes Credites bedarf, welcher dem ehrlichen viel leichterbewilligt wirdt als dem unehrlichen. Wie die Judenhaben die Parsis ihre heiligen Schriften, die Zendavestaund den Vendidad, die in der Zendsprache geschriebensindund nur von sehr wenigen Parsis verstanden werden;ihre Sitten und Gebräuche bei Geburten, Hochzeiten,Todesfällen, Begräbnissen u* s. w» haben sie treu bewahrtund sind nie in die anderen Völker Indiensaufgegangen.Aus dieser Darstellung wolle der geehrte Leser entnehmen,wie ausserordentlich gross die Aehnlichkeitzwischen diesen beiden Völkern, den Juden undden Parsis, ist. Sehr viele der von mir hier angeführtenDetails aus der Geschichte der Parsis haben ihr Gegenstückin der Geschichte der Juden. Ja, es ist sogarphysisch zwischen ihnen eine auffallende Aehnlichkeit.Wie man in einigen Theilen Europas — Polen, Ungarn,Galizien, namentlich inkleinen Dörfern am Land — fastin Allem und Jedem auf den Dorfjuden angewiesen ist,geradeso ist es in Indien und theilweise in Südarabienmit Bezug auf die Parsis der Fall. Der Parsi ist dort,was bei uns der Jude ist, er hat ein kleines Wirthshausmit Zimmern und verkauft dem reisenden Europäer Alles,was dieser benöthigt, wie ich dies aus Erfahrung weissund auf meinen Reisen in Indien wiederholt zu beobachtenGelegenheit hatte. Auch sie sind in fastder ganzen Welt zerstreut, ohne Land, das ihnenweggenommen wurde. Wie die Juden hatten auch dieParsis von ihren Eroberern namenlos zu leiden, wie dieJuden hingen sie stets treu am angestammten


Glaubeiif wie jene— 20J —die Sprachen der Völker^ unter denensie wohnten^ annahmen (Spanisch^ Deutsch)^ so die ParsisGuzerati. Wie die Juden ihre Rabbiner, so hatten dieParsis ihren Panchayet. Wie jene, so zeichnen sie sichaus durch Wohlthätig:keit und Bildungsdrang underwarten Alles vom Fortschritt und der Civilisation,der sie, wie auch jene, ihre Gleichstellungverdanken. Wie bei jenen fällt der Begriff ihrerNationalität mit dem ihrer Religion genau zusammen.Auch die Zigeuner sind ein Volk, welchesangeblich in Folge einer von ihren Vorvätern begangenenSünde über alle Welt zerstreut ist und dabei seine SittenSprache, Gebräuche, also die Hauptmomente der Nationalitätbewahrt hat* Görres schreibt über sie im5. Bande seiner Mystik Seite 76:„Ein wüst, unfläthig Volk, also erschienen diese Zigeunerden Chronikschreibern jener Zeit, auf Beute undAas ausgehend, wie die Raubvögel; und auch darindem Geschlecht der Luftbewohner verwandt, dass sieallihr Sinnen nur auf den nächsten Augenblick gerichtet,in ihm allein aufgehen. Sie zeigten sich daher zu allerZeit unstät, leichtsinnig und beweglich bis in ihr Mienenspiel,in all ihrem Thun wie Luft und Wasser unbeständig;bei grosser Feigheit doch nach den Umständentollkühn, kriechend vor jeder Ueberlegenheit, grausamund rachgierig den Schwächern gegenüber, treulos zudemund jähzornig, zänkisch, eitel und prahlerisch über allenBegriff; dabei zur Faulheit, Völlerei und jeder Art vonWollust hinneigend. Viel Geschick, Geist und Fähigkeitaber ist ihnen zugetheilt; vorzüglich jedoch dahin gerichtet,durch sinnreiche Schlauheit alle Busno, die nichtihres Blutes sind, und die sie mit ererbtem Hasse


— 202 —tödtlich anfeinden, zu überlisten ttndzu schädigfen»Musikalische Anlage insbesondere ist nicht selten unterihnen; eine gewisse Kunstfertigkeit zudem im Betreibender wenigen Gewerbe, die sie üben, das Eisenschmiedenz* B*; aber noch grössere Betrüglichkeit im Rosstauschen,und in jeder Art des Diebstahls ...»Sehr ungleich den Juden, ihren Reisegefährtenüber die Erde hin, hat ihr bestandloser Sinn sich wohlnie ernstlich in die Abgründe des Zauberwesens vertieft;nur was ihnen auf ihren Zügen Zweckdienliches darinbegegnet, haben sie mit Behendigkeit aufzufassen gewusstund nach ihren Ansichten es verwendet.Der Verdacht des Kinderstehlens hatte bald sichgegen sie erhoben, dem bald ein anderer auch cannibalischerAppetit sich beigesellte; kein Wunder, wennauch dieser Verdacht sich an die Unsauberkeiten ihrerKüche heftete, und nun auch der Kinderfrass auf demSabbath grassirte ******Görres stellt sie somit, was die Veranlagung zur sogenanntendämonischen Mystik anbelangt, mit den Judenzusammen. Zigeuner und Juden, Medien des Teufels!Selbst die Armenier stellen ein uraltes Volk vor, daseinst einen mächtigen Staat bildete, der zerstört wurde.Die Armenier finden sichhaben jedoch Sprache, Alphabet, Sitten,unter vielen Völkern zerstreut,Gebräuche, ihreReligion und Nationalität trotz furchtbarer Verfolgungentreu bewahrt. Es liessen sich noch zahlreiche Parallelendieser Art nachweisen, doch das Gesagte dürfte genügen,um die abgeschmackte Behauptung Bossuets und so vielerAnderer für immer zum Schweigen zu verurtheilen.Betrachten wir nun die Geschichte des Antisemitismusvom Zeitpunkte an, in welchem das Christenthum zur


— 203 —Macht gfclangt, also von der Regicrungszcit Constantin'san. Noch vor seiner Bekehrung: war er in erster Liniedarauf bedacht^ Religionsverfolgungen in seinem Reicheein Ende zu machen. Er erliess im Jahre 312 das Toleranzedictvon Mailand , wonach ein Jeder sich frei undunbehelligt zu einet Religion bekennen konnte ^ ohne indie Acht zu gerathen. In dieser Toleranz waren dieJuden inbegriffen, sie erfreuten sich derselben Rechte wiedie Christen. Doch das änderte sich bald und zwar, jemehr Constantin sich dem Christenthum näherte. Merkwürdigfürwahr, wenn man bedenkt, dassder Antisemitismusmit der Religion gar nichts zu thun hat, wie dieAntisemiten behaupten. Schon im Jahre 320 verbietetHosius, der Bischof von Cordova, auf der Kirchensynodevon Elvira den Christen den gemüthlichen Verkehr mitJuden. Das Judenthum wird eine schädliche, ruchlose,gottlose Sccte genannt; ein kaiserliches Decret verbietetden Juden Proselytcn zu machen und droht dem Neuaufzunehmendenmit Strafen. Es wird den Juden verboten,ihre zum Christenthum übergehenden Glaubensgenossen zubestrafen, und der Feuertod angedroht fürdie Insultirungjüdischer Apostaten. Im Jahre 325 war das erste allgemeineConcil in Nicaea; auf demselben wird bestimmt, dass dasOsterfest nicht mehr gleichzeitig mit den Juden gefeiertwerden soll. Constantin erneuerte die Verordnung Hadrians,dass kein Jude in Jerusalem wohnen dürfe. Nuram Tage der Zerstörung Jerusalems dürfen jüdische Pilgeran der salomonischen Tempelmauer beten. Ein neuesGesetz verbietet den Juden, ihre Sclaven zu beschneiden;thun sie es doch, so wird der Sclave dadurch frei.Grätz bemerkt: Das erste Wort, welches dasChristenthum gleich am ersten Tage seines Sieges


— 204 —ausspracht zeugte von feindUcher Haltung gegendas Judenthumt und daraus flössen jene feindseligenDecrete Constantins und seiner Nachfolger,welche den Grund zu den blutigen Verfolgungender künftigen Jahrhunderte legten.Unter Constantius wird es für die Juden noch ungemütlicher;jüdische Gesetzeslehrer werden exilirt,mehrere wandern nach Babylonicn aus» Auf Eheverbindungenzwischen Christen und Juden setzt Constantiusdie Todesstrafe t ebenso auf die Beschneidung eineschristlichen Sclaven. Er verbietet die Aufnahme heidnischerSclavcn ins Judenthum« In Folge dieser Ausnahmsgesetzeversuchten die Juden einen neuen Aufstand,der fehl schlug. Schliesslich verfügte Constantius, dass,wenn ein Christ sich den ,,gotteslästerlichen" jüdischen Gemeindenanschliesst,sein Vermögen confiscirt werden soll.Zur Zeit des Kaisers Julian, des „Apostaten", der dasalte classische Heidenthum wiederherstellen wollte unddem Christenthum ausserordentlich unfreundlich gesinntwar, geht es den Juden auf einmal wieder gut, obwohlAntisemitismus mit der Religion gar nichts zu thun habensoll. Julian bevorzugte das Judenthum bei jeder Gelegenheit,war ein Bewunderer der jüdischen Mildthätigkeit,ihrer Vorsorge für die Armen, in Folge deren esunter ihnen keine Bettler gab. In dieser Zeit sollen dieChristen in Edessa sämmtlichc Juden der Stadt massacrirthaben, die Juden wieder zerstörten Kirchen in Judäa undden Nachbarländern und sollen gedroht haben, den Christenso viel Böses zuzufügen, als sie von christlichenKaisern erlitten. In die Regierungszeit Julians fällt dieGeschichte vom verunglückten Versuch,den Tempel inJerusalem wieder aufzubauen.


Die Vereitelung dieser— 205 —Absicht durch angebliche Naturereignisseführten die Christen auf ein "Wunder^ Julianund die Juden aber auf einen von den Christen angelegtenunterirdischen Brand zurück. "Welche von diesenbeiden Versionen die wahrscheinlichere ist, möge der geehrteLeser selbst beurtheilen. Merkwürdig ist immerhin,dass, wie Theodor Roth behauptet, die Juden trotzdieses Wunders in ihrer Verstocktheit verharrten.Bald, nachdem Kaiser Julian „der Apostat*' die Augengeschlossen, begannen neue Judenverfolgungen. Am Endedes 4. Jahrhunderts traten zwei Kirchenväter auf, dieden Juden sehr feindlich gesinnt waren; Johannes Chrysostomusvon Antiochien und Ambrosius von Mailand.Ersterer schriebsechs Reden gegen die Juden und nannteihre Synagogen schändliche Theater, Räuberhöhlen u. s.w.Auch Ambrosius sagte ihnen wenig Liebenswürdiges.Mit Kaiser Theodosius II, der in der ersten Hälftedes 5. Jahrhunderts n. Chr. regierte, beginnt, wie Grätzsich ausdrückt, für die Juden das eigentliche Mittelalter.Der Bischof Cyrill vertrieb die Juden aus Alexandrienin Folge einer Rauferei zwischen Christen und Juden.In der Stadt Magona auf der Insel Minorka verbrannteBischof Severus die jüdische Synagoge und versuchte,die dortigen Juden gewaltsam zu Christen zu bekehren.In Spanien versammelte Bischof Osius von Cordoba eineKirchenVersammlung in Illiberis,auf welcher den Christenbei Strafe der Excommunication verboten wurde, mit Judenzu verkehren, mit ihnen Eheverbindungen einzugehenand Fcldfrüchte von ihnen segnen zu lassen. Aus diesenForderungen ging klar hervor, dass bis zu jener Zeit dieBeziehungen zwischen Christenund Juden freundschaftlichewaren, dass also Eheverbindungen zwischen ihnen


— 206 —vorkamen t dass Christen ihre Feldfrüchte durch Judensegnen Hessen und dass es die Geistlichkeit war^ die ihraus Fürsorge für die christliche Rechtgläubigkeit dasgute Einvernehmen gestört hat.Viele der ihrer Religiontreu gebliebenen Juden Magonas flohen in die Wildnisse,wo sie eines elenden Todes starben.Als Kaiser Theodosius befohlen hatte, die den Judengeraubten Synagogen zurückzuerstatten, war es der SäulenheiligeSimon, der den Kaiser veranlasste, diesen Befehlrückgängig zu machen. Am Ende der Regierungdieses Kaisers wurden Juden zu keinem Staatsamte, zukeiner militärischen Würde zugelassen. Auch eignetesich der Kaiser die Patriarchensteuer zu, zum grossen Aergerder Judenheit. Um jene Zeit schrieb der heilige Hieronymusin seinem Schreiben gegen Raphinus IL: „Wennes erforderlich ist, die Einzelnen und das Volk zu verachten,so verabscheue ich mit einem unnennbaren Hassedie Juden, denn sieverfluchen noch heute unseren Herrnin ihren Synagogen.^* Auch der heilige Augustinus warden Juden das Gegentheil von grün gesinnt.In Byzanz wurden die Juden als Gottesmörder gebrandmarkt.„Trotzdem schlug man sie nicht todt^%bemerkt Grätz, „sondern duldete sie, um sie zu entwürdigen,sie elend und verkümmert zu machen, damitsie als abschreckendes Beispiel ihrer gottesmörderischenThat dastehen sollten.*'Als Kaiser Zeno Nachricht erhielt, dass bei einerRauferei im Rennbahnspiel die Partei der Grünen unteranderen auch viele Juden ermordet und ihre Leichenins Feuer geworfen, bemerkte er: „Die Grünen seiennur deswegen strafbar, weil sie nur die todten undnicht auch die lebenden Juden verbrannt haben." Die-


— 207 —selbe Partei der Grünen zerstörte in Daphne in derNähe von Antiochien eine Synagoge ond massakrirtedie in derselben versammelten Beter (507)«Ein grosser Feind der Joden war der grosse KaiserJustinian» Er ist der Urheber des Gesetzes^ dass jüdischenZeugen keine Glaubenswürdigkeit beizumessen sei inAussagen gegen Christen«Das Zeugnis der Samaritanersollte aber gar keine Giltigkeit haben* Auch untersagteer ihnen^ über ihr Vermögen zu testiren* Justinianverbot den Juden, am Passahfeste Gottesdienst zu halten,so oft dieses Fest mit den christlichen Ostern zusammentraf,damit es nicht den Anschein habe, als feiertenChristen jüdische Ostern» Auch zwang er die jüdischenGemeinden, sich bei den jüdischen Vorlesungen amSabbath in der Synagoge einer griechischen oder lateinischenüebersetzung der heiligen Schrift zu bedienen,und verbot die agadische Auslegung derselben. Es istoffenbar,dass er hiermit nur Bekehrungszwecke verfolgteund dass sein Antisemitismus nur aus derReligion entsprang. Es wurde den Juden verboten,in den Synagogen den Satz des Einheitsbekenntnissesauszusprechen, weil man darin einen Widerspruch gegendie Dreieinigkeitslehre erblickte. Ebenso aus ähnlichenGründen wurde ihnendas Sprechen des Verses: „Heilig,heilig, heilig, ist der Herr Zebaoth" verboten; auchdurften sie nicht an Sabbathen gewisse Capitel ausdem Propheten Jesaias öffentlich lesen und interpretiren.In der Stadt Borion in Mauritanien zwang Justinian dieJuden, sich taufen zu lassen, und verwandelte ihreSynagoge in eine Kirche.In Caesarea metzelten die Juden ihre christlichenGegner nieder und zerstörten die Kirche.


— 208 —In Antiochien überfielen Juden ihre christlichen Nachbarn,tödteten jene, die sie kriegen konnten, und warfensie ins Feuer, geradeso, wie die Christen es seiner Zeitmit den Juden gethan hatten, Kaiser Phokas schickteden Statthalter Bonosus, um die Ruhe herzustellen, wasihm auch bald gelang. Es ist erklärlich, dass im byzantinischenKaiserreiche die Juden für die Christen wenigSympathien haben konnten*Als zur Regierungszeit des Kaisers Heraklius einKrieg mit Persien entbrannte und der persische KönigChosru IL seinen Feldherrn Scharbarza gegen Palästinaschickte, welchem es gelang, Jerusalem im Sturm zunehmen, hielten es die Juden mit den Persern gegendie Byzantiner, massakrirten 90000 Christen, zerstörtendie christlichen Heiligthümer und äscherten Kirchen undKlöster ein. Grätz bemerkt dazu: „In einer Zeit, wodie Religion die Köpfe benebelt und die Herzen ausgetrocknethatte,war bei keiner Religionspartei Menschlichkeitanzutreffen. Religionseifer und Rachegefühlfanatisirten die Juden, die Gegenstände der Entweihungaus der heiligen Stadt verschwinden zu lassen.** InTyrus überfielen die Juden die Christen in der Osternacht,um sie zu massakriren, und es entstanden grossartigeRaufereien mit und ohne Blutvergiessen. Grätzerzählt, dass, so oft christliche Tyrier die Nachrichtvon der Zerstörung einer Kirche erhielten, sie jedes Malhundert von den gefangenen Juden tödteten und ihreKöpfe über die Mauer warfen.Im Jahre 628 wurde Judaea eine byzantinische Provinz.Als Kaiser Heraklius in Jerusalem einzog, verlangten,wie Grätz behauptet, die Mönche und derPatriarch Modestus von ihm, er möge alle Juden


— 209 —Palästinas ausrotten. Anfangs wollte Heraklius diesemWunsche nicht nachkommen^ Hess sich jedoch schliesslichbereden, eine Hetzjagd auf Juden in ganz Palästinaanzustellen und alle jene niederzumachen, die er erwischenkonnte. Heraklius erneuerte das Edict Hadrians undConstantins, dass die Juden Jerusalem und dessen Weichbildnicht mehr betreten dürfen; er soll auf astrologischemWege erfahren haben, dass das byzantinische Kaiserreichdurch ein beschnittenes Volk vernichtet werden sollte»Da der Astrologe sich jedoch nicht deutlicher ausgesprochen,glaubte Heraklius, dass der Untergang vonden Juden drohe, und soll daher den Befehl gegebenhaben, alle Juden zu vernichten, ausgenommen jene,die sich taufen lassen würden. Nach einer Sage soller sogar dem fränkischen König Dagobert einen Briefgeschrieben und ihm gerathen haben, alle Juden umzubringen,die sich nicht zum Christenthum würden bekehrenwollen. Im Jahre 641 versuchten die Juden sogardieSophienkirche zu stürmen.Also die Taufe war das einzige Mittel der Rettung,und da behaupten die Antisemiten, dass derAntisemitismus mit der Religion gar nichts zu thunhabe.Theodorich, König der Ostgothen, wünschte auchsehnsüchtig die Bekehrung der Juden. Er verbot denJuden, neue Synagogen zu bauen und alte zu schmücken.Im Uebrigen war er jedoch für die Juden gerecht. Grätzbemerkt: Es wirft ein günstiges Licht auf die italienischenJuden dieser Zeit, dass trotz der allgemeinenVerwilderung und Entsittlichung die politische undkirchliche Litteratur ihnen kein anderes Verbrechen zurLast legt, als Verstocktheit und Unglauben.U


— 2J0 —Cassiodof, der in jcncf Zeit lebte, tituliftc die Juden:,tSkoi*pione und Löwen, wilde Esel, Hunde, Einhörner.**Papst GrcgfOf I. der Grosse verbot den Christen, dieJuden mit Gewaltmitteln zu bekehren; nur durch Sanftmuthund Ueberredungf sollten sie in den Schoss derKirche geführt werden. Er verbot, die Juden zu belästigten,untersagfte ihnen nur den Kauf und die Haltungchristlicher Sklaven. Im fränkischen Reich lebtenAnfangs Christen und Juden in bester Freundschaft.Erst im Concilium zu Vannes (465) wurde es den christlichenGeistlichen verboten, an jüdischen GastmählernTheil zu nehmen, weil Juden, die bei Christen geladenwaren, in Folge ihrer religiösen Vorschriften nicht alleSpeisen gemessen wollten. Das Concilium von Agdes(506) erneuerte diese Vorschrift. Beide Decrete wurdenaber wenig beachtet, was jedenfalls zu Gunsten derVortrefflichkeit der jüdischen Küche in jener Zeit zusprechen scheint.Das Concil zu Epaone unter der Leitungdes Bischofs Avitus verbot auch den Laien die Theilnahmean jüdischen Gastmählern, das Concil von Orleans(533) Anfangs nur den Ehebund.Das vierte Concil zu Orleans (538 und 545) verbotden Juden, sich während der Osterfeierauf Strassen undPlätzen sehen zu lassen. Bischof Avitus in Clermontstellteden Juden der dortigen Gemeinde die Alternative,sich taufen zu lassen oder auszuwandern. Es entstandeine Rauferei, bei welcher viele Juden ermordet wurden(576). Ein damals vom Dichter Venantius Fortunatusverfasstcs Gedicht lautet wie folgt:Arger Zwist gärte damals im Schoss der Avernergemeinde,Die vereint in der Stadt, aber im Glauben entzweit;


— 2ii —Ekler JudengfCfuch war Christi Getreuen zuwider.Ein ungläubigfer Stamm Aergernis gfläubig^em Volk:Stolzer Nacken, er will des Herrn Joch nicht ertragfen.Aufgeblähtem Gemüth schwillt gar so eitel der Kamm.Oft zwar hat sie ermahnt in des Herren Liebe derPriester,Dass der Bekehrten Saat spriesse zum Himmel empor;Aber es hält ein Schleier den Geist mit Düster umfangen,Dass ihr schändlicher Blick nimmer erschaue das Licht.Nun ist gekommen der Tag, da der Herr zum Himmelhinauf fuhr,Und der Menschensohn zog nach den Bahnen des Heils:Da zerstöret das Volk, vom Glauben entflammt, derSynagoge — und wüst siehstJudendu den Ort, wo sie stand ISo zur Zeit, wo Christi Macht in den Himmel emporstieg.Stürzt, da Er sich erhebt, tief das verhasste Geschlecht.Aber zu Mosis abtrünnigem Volk spricht also der PriesterSanft — es hatte der Zorn heftig gereizt ihr Gemüth:„Sieh', was thust du, du Judenvolk, unbelehret, ob altauch?Dass da dein Leben erneuest, lerne zu glauben als Greis!Doch die Rede wird lang, und kurz ist die Zeit; nunFolge dem bittenden Wort, sonst sosohöre:ziehe hinweg.Hier zwingt keine Gewalt I So pfleget denn Rath nachBelieben,Folgt mir, dem Hirten, und bleibt — folgt der VerstocktheitSo sprach milde und fromm des PriestersLeuten,und flieht!^'Mund zu den14*


— 2J2 —Sammelt sich,Dass nach eigener Wahl Jeglicher ziehe den Pfad.Doch blind, wüthend, empört, tobt wild die Judengemeinde.birgt sich sodann drinnen im sichern Haus»Christi Gläubige sehen die Bastardrotten sich scharen.Hurtig sind sie am Platz, ahnend die tückische List.Macht euch zittern das Schwert? Nehmt, wie euchrecht ist, und sterbet,Wo ihr leben gekonnt, hättet ihr Glauben gehabt!Siehe, da wird dem Priester gebracht die eilige Botschaft:„Nimm die jüdische Schar, Hirt, in die Herde denn auf!Lass uns nicht sterben, erwirb dem Gotte uns lebend;denn Tod bringtJeder Verzug, und es sinkt hin, was du eben gewannst!Eile, beflügle den Fuss, denn kommst du zu spät, dannbeweine,Vater, den kläglichen Tod, der dir die Söhne geraubt.^'Ich habe dieses Gedicht angeführt, um einen Beweismehr für die Thatsache zu liefern, dass den Juden inden ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung durchausnicht der Vorwurf des Wuchers, des Betruges, der Aussaugung,sowie überhaupt jener Missethaten gemachtwurde, ja man kann sagen, gemacht werden konnte, sodass sie einzig und allein verfolgt wurden wegen ihresGlaubens und ihrer Religion.Das Concil von Ma9on (58 J) bestimmte, dass dieJuden weder Richter noch Steuerpächter werden dürfen,„damit die christliche Bevölkerung ihnen nicht untergebenscheine**.In Gegenwart christlicher Priesterdurften Juden nur mit ausdrücklicher Erlaubnissitzen. Es wurde ihnen verboten, ihre Sklaven insJudenthum aufzunehmen.


— 213 —König Chilperich zwang seine jüdischen Unterthanenzur Taufe, begnügte sich jedoch mit einer Scheinbekehrung.Auch zur Zeit König Guntrams wurdendie Juden zur Taufe gezwungen. Im Jahre 629 befiehltKönig Dagobert, dass alle Juden Frankreichs Christenoder alsFeinde behandelt werden sollen»In Spanien erfandendie Juden, um von den Christenin Ruhe gelassen zu werden, die Fabel, dass sie bereitsvor Christi Tode in dieses Land eingewandert seien,somit keine Schuld hätten am Kreuzestode des Heilands.Auch im Reiche der "Westgothen ging es ihnen schlecht.König Reccared, welcher auf der Kirchenvcrsammlungzu Toledo das arianische Glaubensbekenntnis mit demkatholischen vertauschte, verbot ihnen Ehebündnisse mitChristen, dieErwerbung christlicher Sklaven und öffentlicherAemter; aus Mischehen entstandene Kinder musstengetauft werden. Isidor von Sevilla schrieb zwei Büchergegen die Juden. Das Concil von Toledo bestätigtedie judenfeindlichen Gesetze und bestimmte, dass Niemandim westgothischen Spanien bleiben dürfe, der nichtKatholik sei. Grätz behauptet, dass die Geistlichkeitüber diese Vorschläge entzückt war, weil „durchdie Frömmigkeit des Königs endlich der unbeugsameUnglaube der Juden gebrochen werdenwürde**.Auf Befehl des westgothischen Königs Chintillamussten sie treues Festhalten an der katholischenReligion und aufrichtiges Verwerfen der jüdischenReligion geloben. Natürlich blieben die zwangsweisebekehrten Juden im Geheimen Anhänger ihres angestammtenGlaubens.Unter der Regierung des KönigsRcceswinth wurde ihnen wieder untersagt, christliche


— 2J4 —Sklaven zu besitzen^ ein Amt zu bekleiden, als Zeugengegen Christen aufzutreten» Auch mttssten sie wiedereinen Abschwörungsschein ausstellen. Grätz erwähnt,dass Toledo — die Hauptstadt der Juden — im Jahre654 für den König Receswinth die folgende Erklärungunterschreiben musste:Sie hätten zwar schon unter dem König Chintillagelobt,im katholischen Glauben zu verharren, aber ihrUnglauben und der angestammte Irrthum von ihren Vorfahrenhätten sie gehindert, Christus als ihren Herrnanzuerkennen. Jetzt aber versprächen sie freiwillig fürsich, ihre Frauen und Kinder, dass sie sich nicht mehrmit den Riten und Bräuchen des Judenthums befassenwollten. Sie wollten nicht mehr mit ungetauften Judenverdammenswerthen Umgang pflegen,nicht mehr unterVerwandten (Bruder- und Schwesterkindern) heirathen,nicht mehr jüdische Frauen heimführen, nicht mehrjüdische Hochzeitsgebräuche beibehalten,nicht mehr Beschneidungüben, nicht Passah, Sabbat und andere jüdischeFeste feiern, nicht mehr die Speisegesetze des Judenthumsbeobachten, überhaupt nicht mehr das üben, was dieSatzung der Juden und die verabscheuungswürdige Gewohnheitvorschreiben. Sie wollten vielmehr mit aufrichtigerHingebung gemäss den Evangelien und derapostolischen Tradition glauben und bekennen und dieKirchenvorschriften ohne List und Schein beobachten.Nur das Eine sei ihnen unmöglich, Schweinefleisch zugeniessen; sie könnten diesen Widerwillen nicht überwinden.Sie versprächen indess, das, was mit Schweinefleischgekocht ist, ohne Scheu zu geniessen. Derjenigeunter ihnen, welcher sich eine Uebertretung des Versprochenenzu Schulden kommen lassen werde, sollte


— 2J5 —von ihnen selbst oder von ihren Söhnen mit Feuer oderdurch Steinigung getödtet werden; das Alles beschwörensie bei der Trinität* Doch stünde es dem Könige freifihn zu begnadigen, dann sollte der Uebertreter aber alsLeibeigener behandelt werden dürfen*König Erwig hielt vor der Kirchenversammlung inToledo eine Rede, die folgenden Passus enthielt:ffNLit einem Thränenstrom flehe ich die ehrwürdigeVersammlung an, auf dass das Land durch euren Eifervon dem Aussatze der Entartung gereinigt werde» Erhebeteuch, erhebet euch! rufe ich euch zu* Löset derSchuldigen Knoten, bessert der Uebertreter schandbareLebensgewohnheit, leget des Eifers Gürtel an, erleichtertdie Bürde und was noch mehr ist, vertilget von Grundaus die Pest der Juden, welche stets zu neuem Wahnwitzesich verhärtet! Prüfet die Gesetze, welche vonunserer Majestät gegen den Abfall der Juden neuerdingspromulgirt sind* Denn wir müssen uns hüten, durchAuflösung der Kirchengesetze, die mit Anathema gegenderen Irrthümer erlassen wurden, uns nicht der Schuldder Juden theilhaftig zu machen, besonders wenn jenesGesetz nichtgehandhabt wird, durch welches unser glorreicherVorgänger Sisebut alle seine Nachfolger miteiner Fluchformel gebunden hat, dass sie nicht gestattenmögen, dass christliche Sklaven den Juden unterthanseien oder dienen*^^Erwig liess die Juden wissen, dass, wenn sie nichtihre Kinder und ihre Angehörigen binnen Jahresfristtaufen liessen, ihre Güter confiscirt, sie hundert Geisseihiebeerhalten und ihnen Kopf- und Stirnhaut abgeschundenwerden würden* Frauen, die ihre Kinder beschneidenlassen würden, solle die Nase abgeschnitten werden*


— 2J6 —Unter Königf Egica^ Erwigs Nachfolger und Schwiegersohn^ ging es den spanischen Juden noch schlechter»Anfangs versuchte er es mit Milde^ dann aber verboter ihnen den Besitz von Ländereien und Häusern^ dieSchiffahrt und den Geschäftsbetrieb mit Christen. ZurVerzweiflung gebracht t verschworen sie sich mit denMohammedanern Afrikas^ um das westgothische Reichzu stürzen (694)» Doch das Geheimnis wurde verrathenund infolgedessen sämmtliche Juden Spaniens als Sklavenerklärt^ an Herren verschenkt und im Lande vertheilt»Die Kinder von 7 Jahren wurden ihren Eltern entrissenund Christen zur Erziehung übergeben» König Witiza^Egica's Söhnt soll die verbannten Juden zurückgerufenund diefeindseligen Gesetze gegen sie aufgehoben haben;doch es war zu spät»Die letzte Stunde des westgothischenReiches hatte geschlagen» Im Jahre 7n eroberten dievon Tarik angeführten Araber das westgothischeReichnach dem Tode des letzten westgothischen KönigsRoderich»Und nun frage ich, wie man sich darüber wundernkann, dass die Juden, als die Araber das westgothischeReich in Spanien angriffen, denselben zujubelten, siebegrüssten und ihnen überall Thore und Riegel derStädte öffneten»Im byzantinischen Reiche war Leo der Isaurier eineifriger Verfolger von Ketzern und Juden; 723 erliesser einen Befehl, dass alle Juden sich taufen lassen sollten»Ein Theil derselben wanderte infolgedessen aus»Im fränkischen Reiche dagegen war ihre Lage zurZeit Karls des Grossen und Kaiser Ludwigs eine günstige,bis Bischof Agobard zu hetzen begann»Er verbot seinenChristen den Umgang mit Juden, „denn es sei unwürdig,


— 217 —dass die Söhne des Lichtes sich mit den Söhnen derFinsternis beflecken sollten'* und ,,dass die makel- undrunzellose Kirche^ die sich für die Umarmungen deshimmlischen Bräutigams vorbereiten müsse, sich durchdie Verbindung mit der befleckten, runzeligen und verstossenenSynagoge entehren sollte*^ In diesem Toneund Sinne schrieb und predigte er weiter, um eine vollständigeTrennung im socialenLeben zwischen Christenund Juden herbeizuführen. Aus jener Zeit stammt auchein von ihm aus zwei anderen Büchern verfasstes Synodalschreibenunter dem Titel: „Vom Aberglauben der Juden'%das von Anklagen und Beleidigungen der Juden wimmelt.Diese Hetzschrift bewegt sich ausschliesslich auf religiösemBoden; dies hinderte jedoch nicht, dass damalsein Geistlicher und Edelmann Namens Bodo öffentlichzum Judenthum übertrat*InBischof Amolo von Lyon entstand den Juden einneuer Feind, wie seine Sendschreiben beweisen. Grätzbemerkt: So weit ging dieVerfolgungssucht des französischenClerus, dass der jedesmalige Bischof von Beziersvom Palmsonntag an bis zum zweiten Ostertage dieChristen durch leidenschaftliche Predigten aufforderte,an den Juden dieser Stadt Rache zu nehmen für dieKreuzigung Christi. Die fanatisirte Menge pflegte beidiesenGelegenheiten die Juden mit Steinen zu bewerfen.In Toulouse hatten die Grafen dieser Stadtdas Recht, jährlich am Charfreitag dem Vorsteherder jüdischen Gemeinde eine starke Ohrfeigezu versetzen. Bei einer dieser Gelegenheitensoll der unglückliche Vorsteher leblos zusammengebrochensein.In der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts vertriebAnsegisus, der Erzbischof von Sens, die Juden aus der


;— 2J8 —Stadt. König Karl der Einfältige schenkte sämmtlicheLändereien und Weinberge der Juden der Kirche vonNarbonne. Ein schönes Präsent machte Boso^ Königvon Burgundt der Kirche. Er schenkte ihr nämlichalle Juden seinesdassLandes.In Byzanz verordnete Kaiser Leo der Philosoph,alle Juden nach christlicher Vorschrift leben solltenAbtrünnige sollten mit dem Tode bestraft werden. AlsOtto der Grosse eine Kirche in Magdeburg erbaute undsie mit Subsistenzmitteln versehen wollte, schenkte erihr die Einnahme von den Juden und anderen Kaufleuten.Otto IL schenkte die Juden von Merseburgdem Bischof dieser Stadt. Auch Heinrich IL verfolgtedie Juden.Die schrecklichste Zeit der Verfolgung fürdie Judenbegann mit den Kreuzzügen. Es wäre dies ausserordentlichmerkwürdigt auch unerklärlich, wenn dieAntisemiten Recht hätten mit ihrer Behauptung, derAntisemitismus habe mit der Religion absolutgar nichtszu thun. Schwärme von Kreuzfahrern, viele davon derAuswurf französischer, englischer, lothringischer undflandrischer Länder, wie Grätz sagt, begannen das Werkdes Mordens und des Plünderns in Ermangelung vonMohammedanern mit den Juden. Tausende wurdenmassakrirt. Wenn es wahr ist, dass die Weltgeschichtedas Weltgericht ist, so können die Juden triumphirendhinweisen auf das Resultat der Kreuzzüge. Die Erfolgederselben waren vorübergehend, die Kirche hat zumSchlüsse die Partie glänzend verloren.Seit dem Jahre J244, also seit 657 Jahren, wehtüber Jerusalem ohne Unterbrechung die Fahne desIslams*


— 2t9 —In Rouen trieben die Kreuzfahrer die Juden in eineKirche^ setzten ihnen das Schwert an die Brust undliessen ihnen die Alternative zwischen Tod oder Taufe.In Trier tödteten einige Juden ihre Kinder und sichselbst mit Messern schon auf die blosse Nachricht hin^dass das Kreuzheer nahte*Jüdische Mädchen beschwertensich mit Steinen und stürzten sich in die Mosel* Um ihrLeben zu retten, nahmen viele zum Schein das Christenthuman* In Speyer schleppten Kreuzfahrer zehn Judenin eine Kirche, ihnen die Wahl lassend zwischen Tod undTaufe* Sie wählten das ersterc und starben den Märtyrertod.In Worms tödteten die Kreuzfahrer eine MengeJuden, die muthig dahinsanken unter den Streichenihrer Angreifer und mit den Worten starben: „Der Herrunser Gott ist einzig." Nur sehr wenig liessen sichtaufen, die meisten zogen den Tod durch Selbstentleibungvor* Frauen schlachteten ihre Kinder, um sie vor derTaufe zu bewahren* Hier muss ich bemerken, dassBischof AUebrandus — was ihm ewig zur Ehre gereichenwird — seine ganze Macht und seinen Einfluss einsetzte,um die Juden vor der Wuth der fanatisirten Bandenzu schützen*Derselbe nahm sogar einen Theil in seinenPalast auf; doch vermochte er nicht den Schutz durchzuführen*Er erklärte ihnen, dass er ihr Leben nichtmehr beschützen könne, wenn sie sich nicht der Taufeunterziehen wollten* Dieselben erbaten sich eine kurzeFristzur Berathung aus; draussen tobten die Wallbrüder.Da sich längere Zeit nichts regte, liess der Bischof dieThür öffnen. Im Zimmer schwammen alle Juden todtin ihrem Blute; sie hatten sich gegenseitig das Lebengenommen. Im Ganzen sollen damals in Worms 800Juden zu Grunde gegangen sein.


— 220 —In Mainz fand das Massacrc eine lustige Fortsetzung.Die Kreuzfahrer stürmten die Thüren des Palastes derbischöflichen Residenz, in welche die Juden sich geflüchtethatten. J300 Märtyrerleichen wurden aus dem Palastein "Wagen fortgeführt; die Schätze der Juden behielt derErzbischof. Nur wenige apostasirten resp. convertirten.Zwei Männer und zwei Mädchen — ürijah und Isaakmit seinen beiden Töchtern — welche aus Angst undSchwäche sich hatten taufen lassen, trieb ihr Gewissenzu einer furchtbaren That. Isaak schlachtete seinebeiden Töchter in seinem Hause und zündete es an;hierauf ging er mit Urijah in die Synagoge, legteFeuer an, und Beide fanden den Tod freiwillig in derselben.Auch in Cöln wüthete die Verfolgung. Mar- Isaakstarb freiwillig den Märtyrertod. Er wollte sich nichtretten und verharrte betend zu Hause, bis ihn die Kreuzfahrerin die Kirche zerrten. Als ihm das Crucifix hingehaltenwurde, spuckte er es an und wurde massakrirt.Hier verdient erwähnt zu werden, dass der edle undwürdige Bischof von Cöln Hermann III.sein Möglichstesthat, die Juden zu retten, was ihm auch bei vielengelang.In Neuss schlachteten sie alle Juden, welche dortihre Zuflucht genommen hatten. In Wevelinghovenwurden jüdische Flüchtlinge aus Cöln von den Kreuzfahrernermordet. Samuel ben Jechiel schlachtete, wieGrätz berichtet,seinen schönen kräftigen Sohn mitten ineinem Gewässer, in welches sie sich geflüchtet. Dabeisprach er den Segen, und das Opfer fiel mit dem Worte„Amen** ein, während die Umstehenden die Worte anstimmten;„Höre Israel, der Herr dein Gott ist einzig**


— 22J —und sich ins Wasser stürzten. Hierauf reichte der Greisdas Messer dem Synagfogfendiener Menahem und Hesssich durch ihn tödten. Ein Jude Namens Isaak Halcvi,welcher von den Kreuzfahrern gemartert und in derOhnmacht getauft worden war, ertränkte sich im Rhein.Im Dorfe Altenahr tödteten sich sämmtliche Judengegenseitig:; der letzte von ihnen bestieg einen Thurmund stürzte sich hinab. In Sinzig wurden die Juden inder Synagoge massakrirt. In Mors ebenfalls. Vieleentleibten sich selbst, andere wurden gewaltsam getauft.In Kerpen und Regensburg fanden damals ebenfallsJudengemetzel statt. Im Ganzen sollen in den rheinischenStädten J2000 Juden getödtet worden sein. InBöhmen wurden die Juden vollständig ausgeplündertund ihnen nur so viel belassen, um ihr Dasein zu fristen.Als im Jahre J099 das Kreuzheer unter Gottfriedvon Bouillon Jerusalem eroberte, richtete es ein entsetzlichesBlutbad an, trieb die Juden in die Synagoge undsteckte dieselbe in Brand, so dass die Juden lebendigverbrannten.Ich empfehle den Antisemiten, die Geschichte zustudieren der Eroberung Jerusalems und Palästinas durchden semitischen und ungetauften Chalifen Omar undderen Eroberung durch den indogermanischen und getauftenGottfried von Bouillon, um das Auftreten derindogermanischen und der semitischen Eroberer mit einanderzu vergleichen. Es wäre liebenswürdig, wenn siesich dieser kleinen Mühe unterziehen wollten.Im zweiten Kreuzzug wurde der Grundsatz ausgesprochen:Wenn es ein gutes Werk ist, ungläubigeTürken zu erschlagen, so kann es keine Sünde sein,ungläubige Juden niederzumetzeln.


Damals schrieb— 222 —Pctcr von Clugny:ffW&s nützt es, in entfernten Gegenden die Feindedes Christenthums aufzusuchen , wenn die gotteslästerlichenJuden, weit schlimmer als dieSaracenen,in unserer Mitte ungestraft Christum und dieSacramente schmähen dürfen! Glaubt doch der Saracenegleich uns, dass Christus von einer Jungfraugeboren, und ist doch fluchwürdig, weil er dessenFleischwerdung leugnet, um wie viel mehr dieJuden, die alles leugnen und verspotten? Dochfordere ich nicht, die Fluchbeladenen dem Tode zuweihen; denn es steht geschrieben: „Tödte sie nicht.**Gott will nicht, dass sie ausgerottet würden, sondern siesollen wie der Brudermörder Kain zxs grossen Qualen,zu grösserer Schmach, zu einem Leben ärger als derTod aufbewahrt bleiben. Sie sind abhängig, elend,seufzend, furchtsam und flüchtig und sollen esbleiben, bis sie sich zu ihrem Heile bekehren. Nichttödten sollst du sie, sondern sie auf eine ihrer Niederträchtigkeitangemessene Weise bestrafen.**In Würzburg wurden wieder Juden getödtet. DreiJuden erlitten den Märtyrertod, da sie sich weigerten,sich taufen zu lassen. In Carenton widersetzten sich dieJuden und wurden zuletzt sämmtlich niedergemetzelt.Nun machte sich der deutsche Kaiser zum Schirmherrnder Juden; sie wurden Kammerknechte, für den Schutzaber mussten sie natürlich gehörig zahlen. In diese Zeitfällt auch eine Judenverfolgung in Blois, die dadurchdenkwürdig ist, weil zum ersten Male die Behauptungaufgestellt wurde, dass die Juden zu Ostern Christenblutbrauchen. Graf Theobald gab den Befehl, sämmtlicheJuden von Blois lebendig zu verbrennen. Sie wurden


223auf ein Holzgferüst gebracht und als die Scheiterhaufenangezündet werden sollten^ forderte sie der Geistliche auf,zum Christenthume überzutreten. Sie blieben jedoch standhaft,und 34 Männer und J7 Frauen starben im Feuer,die Worte singend: Höre Israel, der Herr dein Gott isteinzig*Im Jahre ii9\ liess Philipp August nahe an JOO Judenlebendig verbrennen.Im Jahre n89 wurden die Juden aus England ausgewiesen.In Canterbury wurden viele Juden getödtet,andere tödteten sich selbst, um der Taufe zu entgehen,die meisten jüdischen Häuser wurden verbrannt, die Synagogenzerstört. it90 wurden die Juden von Stanfordmisshandelt. In York beschlossen die Juden, freiwilliginden Tod zu gehen, sie verbrannten alle Kostbarkeiten,legten Feuer an die Thüren, und dann tödteteeiner denandern. Der Gemeindeführer Joceus tödtete eigens seineGattin; im Ganzen sollen an 500 Menschen umgekommensein, kein einziger Jude blieb in York übrig.Am folgenden Tage mordeten die Kreuzzügler in St.Edmund 57 Juden. Eine Gemeinde von lauter Prosclyten— 20 Familien — erlitt den Feuertod.Unter Heinrich IV. Regierung hatte ein jüdischerNarr in Neuss in Gegenwart vieler Menschen einemchristlichen Mädchen den Hals abgeschnitten. Derselbewurde getödtet, natürlich mit Recht; aber das genügteden Beleidigten nicht. Mutter, Schwester und Oheimewurden vor die Wahl gestellt, entweder sich taufen zulassen, oder zu sterben. Die Schwester wurde Christin,die Mutter ertrug alle Folterqualen und wurde lebendigbegraben, die Brüder gerädert und zur Schau gestellt.Aehnliches wiederholte sich um diese Zeit in Speyer und


— 224 —in Wien. Im Jahre it99 yerordnete Papst Innocenz III.,dass Juden nicht mit Gewalt getauft, nicht ohne richterlichesUrtheil beraubt, verletzt oder getödtet, in ihrenFestzeiten nicht durch Peitschen- und Steinwürfe gestört,dassihre Begräbnisplätze respektirt, ihre Leichname nichtausgegraben und geschändet werden sollen. Eine allerliebsteZeit fürwahr, wo solche Befehle von allerhöchsterStelle eingeschärft werden mussten. Es istdies offenbar ein Beweis dafür, dass derartige Schandthatenan der Tagesordnung waren. Innocenz III. bemerktein seiner Constitution, die Juden dürften darumnicht ausgerottet, sondern müssten erhalten werden, damitsich dereinst die Prophezeiung ihrer Bekehrung zumChristenthum erfüllen könne. Auch während des Albigenserkreuzzugesim Jahre J209 wurden an die zweihundertJuden erschlagen, andere wurden verbrannt wegenfür die Kirche beleidigender Aeusserungen. In Englandliess im Jahre J2J0 der englische König Johann ohneLand sämmtliche Juden Englands einkerkern, um Geldvon ihnen zu erpressen. Im Jahre J2J2 wurden in Toledomehrere Juden von den Kreuzzüglern todtgeschlagen.In der Pariser Synode desselben Jahres wurde verordnet,dass nicht nur keine christliche Amme ein jüdischesKind nähren, sondern auch keine Hebamme einer jüdischenFrau in den Geburtswehen Beistand leisten dürfe, undzwar wurde als Grund angegeben, dass die Christen injüdischen Häusern nur Vorliebe für das Judenthum gewinnenkönnten.Im 4. Lateran-Concil unter Papst Innocenz III.wurdebestimmt, dass sämmtliche jüdische Familienväter sechsGroschen jährlich zum Osterfeste zahlen müssten. Fernerverordnete das Concil, dass die Juden ein eigenes Ab-


— 225 —zeichenzu tragen hätten^ den sogfenanntenjudcnflecken;die Männer an ihren Hüten, die Fraoen an ihren Schleiern.Professor Dr. Grätz schreibt:^^Die tiefste Erniedrigungder Joden in Europa während eines Zeitraumes von sechsJahrhunderten datirt vom 30» November J2J5* DieJuden gewöhnten sichnach und nach an eine demüthigeStellung, verloren Selbstgefühl und Selbstachtung, sieverwahrlostennach und nach auch in ihrer Sprache, verlorenmännliche Haltung und Muth, wurden nach undnach verächtlich, wie ihre Feinde es wünschten«'*Im Jahre J2J7 liess die Gattin Simon von Montforts,die Gräfin Alice von Montmorency, sämmtliche Judenvon Toulouse sammt Weibern und Kindern verhaftenund stellte ihnen die Wahl zwischen Tod und Taufe»Es kam jedoch nicht zum Aeussersten. Sie liess allejüdischen Kinder unter sechs Jahren gewaltsam taufen,und diese Kinder wurden später ihren Eltern nichtmehr zurückerstattet. So mehrten sich immer mehr diejudenfeindlichen Vorschriften und Chicanen, Hetzereiengegen Juden wegen angeblichen Kindermordes undHostienschändung. In Fulda wurden J235 von Kreuzzüglernund Bürgern der Gemeinde 34 Juden ermordet,weil auf die Juden der Verdacht gefallen war, fünfjunge Söhne einesMüllers erschlagen zu haben.Als Papst Gregor IX. J236 einen neuen Kreuzzuganordnete, überfielen die Kreuzzügler mehrere jüdischeGemeinden in Aquitanien, zertraten viele unter denHufen ihrer Pferde, schonten weder Kinder nochSchwangere, liessenihre Leichen unbegraben zum Frasscder wilden Thiere, verbrannten die Häuser der Judenund nahmen ihnen Alles, was sie besassen. Mehr als3000 kamen dabei ums Leben, über 500 liessen sich15


— 226 —taufen. Im Jahre J24J entstand in Frankfurt eine Raufereizwischen Juden und Christen, bei welcher J 80 Judenums Leben kamen. In Kissingen (Bayern) wurden imJahre J243 mehrere Juden gefoltert und gerädert, wahrscheinlichwegen der Anklage des Blutgebrauches beimOsterfest.Im Jahre J246 bestimmte die KirchenVersammlungvon Beziers, dass Christen nicht von jüdischen Aerztensich behandeln lassen dürfen.Als Ludwig IX. von Frankreichseinen Kreuzzug unternahm, verschaffte er sich dasGeld durch Confiscirung des Vermögens der Juden.Derheilige König quälte überhaupt die Juden, wie er nurkonnte.Alfonso X. von Spanien erklärte in seinem Gesetz,codex, obwohl die Juden Christus verleugnen, werdensie in allen christlichen Ländern nur deswegen geduldet,damit sie allen in Erinnerung rufen, dass sie vondemjenigen Stamme sind, der Jesus gekreuzigt hat. DasGesetz verhängte Todesstrafe wegen Bekehrung derChristen zum Judenthum; wegen ihrer Unthat an Jesudürfe kein Jude ein öffentliches Amt in Spanien bekleiden.J279 trat eine Kirchenversammlung in Ofen zusammen,in welcher eine grosse Zahl judenfeindlicherVerordnungen gemacht wurde. Im Jahre J283 metzeltenChristen in Mainz viele Juden nieder, und es wurde dasGerücht verbreitet,die Juden hätten ein Kind erschlagen,um ihm das Blut abzuzapfen. Dasselbe geschah inBrückenhausen.In Mellrichstadt wurde ein Theil der jüdischenGemeinde verbrannt. Um dieselbe Zeit wurdendie Juden in München beschuldigt, einer alten Frau einchristliches Kind abgekauft und dasselbe umgebracht zmhaben. Es entstand ein Tumult, die Juden flohen in die


227SynagogfCr die Christen zündeten dieselbe an, ond es verbranntendarin J80 Personen. Aehnliches wiederholtesich in Oberwesel und in Boppard. Unter der Anklagedes Mordes eines Christenkindes wurden im Jahre J288in Troyes 13 Juden zum Tode verurtheilt, darunter Frauenund Kinder; sie starben standhaft, das jüdische Bekenntnisauf den Lippen. Im Jahre J278 wurden in Englandin Folge von aufgetauchten falschen Münzensämmtliche Juden Englands verhaftet,293 davon gehenkt.Unter der Anklage der Kreuzigung eines Christenkindeswurden im Jahre J279 in London viele Juden von Pferdenauseinandergerissen und die Leichen an den Galgengehenkt. J290 wurden sämmtliche Juden aus Englandverwiesen.Ein Schiffskapitän, der mehrere Familien aufder Themse nach dem Meere bringen sollte, führte dasSchiff auf eine Sandbank und liess sie aussteigen, bis dieFluth steigen würde. Als diese sich einstellte, bestieg ermit den Matrosen das Schiff, fuhr ab und rief den Verzweifeltenhöhnisch zu:„Sie möchten den Moses anrufen,der ihre Vorfahren trocken durch das Meer geführt, undihn bitten, sie ans trockene Land zu bringen." Diearmen Juden ertranken.Im Jahre J298 fanden wieder Judenhetzen in Deutschlandstatt. In Röttingen wurden die Juden beschuldigt,eine Hostie in einem Mörser zerrieben zu haben. Unterder Anführung eines gewissen Rindfleisch wurden inFolge dessen massenhaft Juden erschlagen, die jüdischeGemeinde in Würzburg wurde vollständig aufgerieben,in Nürnberg alle Juden ermordet.Viele Eltern fürchtend,dass ihre Kinder dem Glauben nicht standhaft bleibenkönnten, warfen dieselben mit eigenen Händen in dieFlammen.J5*


— 228 —Ob dieHeffn Antisemiten, die immer behaupten, derAntisemitismus habe mit der Religion gar nichts zuschaffen, nicht so liebenswürdig sein möchten, zu erklären,wie es denn kommt, dass bei allen diesen Verfolgungendie Juden sich immer retten konnten durch den Empfangder Taufe und dass Tausende von ihnen sich auchdurch dieses Mittel thatsächlich gerettet haben?Die blutige Verfolgung kam von Franken und Bayernnach Oesterreich, zerstörte über J40 Gemeinden undkostete J 00,000 Juden das Leben, Gottfried von Ensmingenbemerkt, Rindfleisch habe, wie man sagt, denTod von J 00,000 Juden verursacht, Philipp IV» vonFrankreich confiscirteden Juden ihr Vermögen und triebsie aus dem Lande (1306)« Seine Motive waren aberkeine religiösen, sondern reine Geldgier» Eine Synagogevon Paris schenkte er seinem Kutscher. Unter Ludwig X.(J3J5) durften sie wieder zurückkehren. In Verdun (J320)nahmen sich viele Juden gegenseitig das Leben, da sievon den Kreuzzüglern bedrängt und mit der Zwangstaufebedroht waren. In Toulouse wurde der grössteTheil der Gemeinde niedergemacht; im Ganzen sollenJ20 jüdische Gemeinden in Frankreich und Nordspaniendurch die Kreuzzügler des sogenannten „Hirtenkreuzzuges^*vernichtet worden sein.Unter dem Verdachte, Brunnen vergiftet zu habenund zwar mit einer Mischung aus Menschenblut, Urin,Pflanzen und einer Hostie, wurden im Juhtc J32J inChinonJ60 jüdische Männer und Frauen ums Leben ge-Es wurde in einer Grube Feuer gemacht, Männerbracht.und Frauen hineingeworfen, die singend den Feuertodstarben. Die Mütter warfen zuerst ihre Kinder hinein,um ihnen die Zwangstaufe zu ersparen* Im ganzen


— 229 —Lande sollendamals an fünftausend Menschen verbranntworden sein*Im Jahre (328 entstand in Estalla ein argfes Judengfemetzel.Der Pöbel, angeführt von einem gewissenPedro Olligoyen, stürzte sich auf die Juden mit demGeschrei: ,tTod den Juden oder Bekehrung»** Fastsämmtliche Juden der Stadt wurden umgebracht» DieMetzeleien wiederholten sich in vielen anderen StädtenNavarras, wobei 6000 Juden umkamen.In Deutschland wüthete vom Jahre J336—37 dieJudenschlächterei von Neuem. Es gab eine eigensorganisirte Schaar, die sich Judenschläger nannte. IhrZweck war, den Kreuzestod Christi an den Juden zurächen. In Deggendorf fand im Jahre J337 eine bedeutendeJudenschlächterei stattund zwar in Folge einergeschändeten Hostie. Im Jahre J348 wurde Europadurch die unter dem Namen ,tder schwarze Tod** genannteverheerende Pest decimirt. An derselben sollenauf derganzen Welt 25 Millionen Menschen zu Grundegegangen sein. Selbstverständlich gab die christlicheBevölkerung den Juden die Schuld an dieser Katastrophe,indem sie behauptete, die Juden hätten die Brunnen vergiftet.Weder den Mongolen, noch den Mohammedanernwar so etwas eingefallen. Judenverfolgungenfanden statt in Frankreich, Spanien, Italien, der Schweiz,Deutschland und in vielen anderen Ländern. In Worms,Strassburg, Oppenheim, Frankfurt, Mainz, Cöln, Wien,Augsburg, Magdeburg und Brüssel wiederholten sichdie scheusslichsten Massacres; ein ewiger Schandfleckfürdas Mittelalter.Unzählige Juden gingen mit ihren Kindern beidieserGelegenheit freiwillig in den Tod. Während des Krieges


— 230 —in Castilicn unter Don Pedro in den 60 er Jahren desJ4« Jahrhunderts hatten die Juden ebenfalls Unsäglicheszu leiden. In Prag fand im Jahre J389 eine blutigeJudenverfolgung statt, weil einige jüdische Kinder einenPriesterauf seinem Wege zu einem Sterbenden beleidigthatten. Wiederum dieselbe Geschichte! Man stellt denJuden die Wahl zwischen Tod und Taufe, viele werdenmassakrirt, ein Theil entleibt sich selbst. Ganz furchtbarwüthete das Gemetzel in Spanien im letzten Jahrzehntdes J4. Jahrhunderts. Die Folge davon war, dassein grosser Theil der Juden zum Christenthume überging.Diese Neuchristen wurden Marranen oder dieVerdammten (?) genannt. Sie bekannten dem Anscheinenach das Christenthum, das sie im Herzen jedoch selbstverständlichfurchtbar hassten. In Sevilla fand im JahreJ39J wiederum ein blutiges Judengemetzel statt. Vonder reichen Gemeinde, die aus 20000—30000 Seelenbestand, blieb nur wenig übrig. 4000 Juden kamen um,die meisten liessen sich taufen* Von den 23 SynagogenSevilla's wurden die meisten zerstört, die anderen inKirchen umgewandelt* Von Sevilla aus wälzte sich dieVerfolgung in die umliegenden Städte und Dörfer, nachCarmona und nach Ecija, wo nicht ein einziger Judeübrig blieb* 70 Judengemeinden wurden von dieser Verfolgungheimgesucht. In Valencia wurden 250 Judenumgebracht; nur die jüdische Gemeinde von Murviedroblieb übrig* Die wüthende Verfolgung kam nun nachder Insel Mallorca, 300 Juden fielen in der Stadt Palmazum Opfer* Jetzt kam die Reihe an die JudengemeindeBarcelona* 250 Juden wurden im ersten Anlaufemassakrirt, viele Juden starben durch Selbstmord,nOOO Juden liessen sich taufen* Dann kamen die


— 23J —jüdischen Gemeinden Burgfo's und Lerida's an die Reihe.Ein gffosser Theil der g:ehet2ten Joden entfloh nachPortugal. In diese Zeit fällt eine zweite Ausweisungder Juden aus Frankreich.wurden die Juden in SpanienIn den Jahren von J4J2bis J4J4auf das Aeusserste gequält.Sie mussten in eigenen Vierteln ^ Ghettos wohnen,eine eigene Tracht tragen und durften sich den Bartnicht scheren. Noth entstand bei Allen; Kinder starbenauf dem Schosse der Mütter vor Noth und Nacktheit.Die Synagoge in Salamanca wurde indem Namen ^^Das wahre Kreuz'^ umgetauft.eine Kirche unterEs folgtenwiederum eine Reihe ausserordentlich chikanöser Gesetze.Im Ganzen sollen 20000 Juden in Castilien und Spanienzwangsweise zum Christenthum übergegangen sein. Indiese Zeit fällt der Beginn der christlichen Hetzjagdgegen den Talmud und die dazu gehörigen Schriften,worüber ich an anderer Stelle handle.Papst Benedict XIII. erliess im Jahre J4I5 eine judenfeindlicheBulle, die nur einen für die Juden günstigenPunkt enthält, nämlich den, dass sie nicht mit Gewaltzur Taufe gezwungen und nichtvergewaltigt oder todtgeschlagenwerden dürfen, was sonnenklar beweist, dassderartige Verbrechen an der Tagesordnung waren.Während der Hussitenkriege wurden die Juden vonkatholischer Seite beschuldigt, den Hussiten heimlichGeld und Waffen geliefert zu haben. Erzherzog Albrechtliess im Jahre 1420 alle Juden seines Landes ins Gefängniswerfen, weil drei Christenknaben auf das Eisgegangen, eingebrochen und ertrunken waren und derVerdacht entstand, die Juden hätten sie zu rituellenZwecken ermordet. Die Güter der Juden wurden confiscirt,300 Juden in Wien verbrannt, viele Tapfere


— 232 —zogen den Selbstmord der Taufe vor»Erzherzog Albrechterliess einen Befehl^ dass in Zukunft kein Jude in Oesterreichverweilen dürfe. Eine grosse Zahl von Juden liesssich taufen^ darunter ein Jüngling, der spater ein Lieblingdes Herzogs Friedrich, des späteren Kaisers, wurdeund an seinem Hofe lebte. Derselbe empfand jedochbald Reue über seine Apostasie. Herzog Friedrich gabsich alle Mühe, ihn von seinem Vorhaben, zum angestammtenGlauben zurückzukehren, abzuhalten. Erschickte ihm Geistliche, um ihn zu bereden, in derchristlichen Religion zu verbleiben. Da Alles umsonstwar, schritt man zum letzten Argument der Theologie,zum Scheiterhaufen, und verbrannte ihn — kurz undbündig; er starb mit einem hebräischen Gesang auf denLippen. Mittlerweile wüthete das Kreuzheer, das gegendieHussiten ausgesandt war, wider die Juden.Das Alles genirt aber die Antisemiten nicht imGeringsten, und sie behaupten lustig weiter, dass derAntisemitismus mit der Religion gar nichts zu schaffenhabe. Glück auf! Lassen wir ihnen diese Freude.Im Jahre J435 fand auf der Insel Mallorca wiedereine Judenhetze statt, bei welcher eine grosse ZahlMänner, Weiber und Kinder unter Torturen zumChristenthume überging. Vom Galgen wurden dieJuden in Processionen in die Kirche geleitet, getauftund dann ein Te Deum angestimmt, womit die jüdischeGemeinde von Palma ein Ende hatte. So ging es lustigweiter. Besonders feindlich gegen die Juden trat umdiese Zeit der Mönch Capistran auf. Dank seinerThätigkeit wurden im Jahre J453 43 Juden wegen angeblichenChristenkindermordes verbrannt. Um dieseZeit herrschte in Polen König Kasimir IV., ein auf-


- 233 -geklärter Fürst, der den Juden viele Privilegien verlieh.Er verordnete onter Anderem, dass, wenn ein Christgegen einen einzelnen Juden mit der Anklage auftretenwürde, dass dieser Christenblut gebraucht habe, er seineAnklage durch inländische, glaubwürdige, jüdische unddurch ebensolche christliche Zeugen beweisen solle undin diesem Falle der des Verbrechens überführte Judeallein die Strafe erleiden solle, ohne seine Glaubensgenossenhineinzuziehen, und dass, wenn der christlicheAnkläger diesen Beweis nicht erbringen könne, er selbstmit dem Tode zu bestrafensei.J453 wurde das byzantinische Kaiserreich von denTürken erobert. Eine Menge Juden, die aus Spaniengeflohen waren, sollen bei dieser Gelegenheit dem türkischenHeere Hilfe geleistet haben, gerade so, wie sieseiner Zeit den Arabern bei ihrer Eroberung des westgothischenReiches in Spanien alle erdenkliche Hilfegeleistet hatten. Nach dieser Behandlung kann ihnendies kein vernünftiger Mensch übel nehmen. DenJuden ging es im türkischen Reiche brillant. Sie hattenbereits die Erlaubnis in Sion eine Synagoge zu bauen,da erliess der Papst eine Bulle, dass kein christlicherSchiffseigner den Juden zur Ueberfahrt nach Palästinabehilflich sein sollte.In Toledo entstand im Jahre J467 wiederum ein Mordgemetzelder Marranen, d. h. der jüdischen Zwangsgetauften,bei welchem J600 Gebäude und mehr als 4000Neuchristen eingeäschert wurden. Nun kommt die fürdie Juden ewig fluchwürdige Regierung Ferdinands desKatholischen. Es wurde das Gerücht verbreitet, dass dieJuden in der kleinen Gemeinde Sepulveda ein Christenkindgemartert und gekreuzigt hätten. Dadurch ent-


— 234 —standen neue Schlächtereien und Massacres. In derOsterwoche des JahresJ475 fand der berühmte TrienterProcess statt» Die Joden wurden beschuldigt ^ ein dreijährigesKind gemartert t getödtet und ins Wasser geworfenzu haben»Allest was man wollte»Unter der Folter bekannten die JudenDie Juden wurden verbrannt, derjüdische Arzt Tobias endete durch Selbstmord, 4 Personenwurden Christen und dadurch begnadigt» Die Folgedieser Geschichte waren Judenhetzereien in Regensburgund an anderen Orten und natürlich wieder eine MengeAnklagen des Christenkindermordes gegen die Juden»In Passau liess der Bischof im Jahre J478 eine grosseMenge Juden wegen Hostienschändung hinrichten»In schrecklicher Weise verfuhr diespanische Inquisitiongegen die Marranen und Juden» In einer VorstadtSevillas wurde ein eigener Platz zum Verbrennen vonKetzern und Juden errichtet, welcher die Brandstätte elQuemadero hiess» Kaum war die Judeninquisition eingesetzt,so wurde mit dem Verbrennen begonnen» Grätz bemerkt:„Mehr als 3 Jahrhunderte sah man das entsetzlicheSchauspiel, wie der Rauch verkohlter Unschuldigerwiederholt zum Himmel stieg»*^ Eine solche öffentlicheVerbrennung hiess: „Auto da fe*% das ist Glaubensact.In Aracena wurden 23 Marranen verbrannt, in Sevillaallein in kaum einem Jahre 280 Marranen» DerGrund war: ihrgeheimes Bekennen des Judenthums undscheinbares Leben als Christen nach aussen» Viele derOpfer starben standhaft und versuchten gar nicht zuIeugnen> dass sie im Herzen ihrer angestammten Religionstets treu geblieben waren.Die Inquisition verpfichtete alle Bürger des Landes,innerhalb 3 Tagen alle ihr bekannten Personen namhaft


— 235 -zu machen^ welche sich der jüdischen Ketzerei^ oder desRückfalles ins Judenthum schuldig gemacht hätten» AlsAnhaltspunkt, um diewurde nach Gr'itzbesagten Verbrechen zu erkennen,folgendes angegeben: ,,"Wenn getaufteJuden Messiashoffnung gehegt, Moses Gesetz für dasSeelenheil eben so wirksam gehalten als Jesus, den Sabbathoder einen der jüdischen Festtage gefeiert, die Beschneidungan ihren Kindern vollzogen, die Speisegesetzebeobachtet haben. Wenn Jemand am Sabbath ein sauberesHemd oder bessere Gewänder getragen, den Tisch mitdem Tafeltuch bedeckt, kein Feuer an diesem Tage angezündet,oder wenn eram Versöhnungstage ohne Fussbekleidunggegangen oder einen Andern um Verzeihunggebeten,oder wenn der Vater auf das Haupt seiner Kinderseine Hände segnend gelegt, — ohne das Kreuzeszeichendabei zu machen; ferner wenn Jemand beim Gebetemit dem Gesichte zur Wand gekehrt oder dabei denKopf bewegt, über einen Weinkelch einen Segensspruch(Baracha) gesprochen und davon den Tischgenossen zukostengegeben«Natürlich war das Unterlassen kirchlicher Bräucheder stärkste Verdächtigungsgrund zur Anklage. Wennein Neuchrist die Psalmen hergesagt, ohne zum Schlüssehinzufügen : „Preis dem Vater, dem Sohne u. s. w.** oderwenn er in der Fastenzeit Fleisch genossen, wenn eineFrau sich nicht vierzig Tage nach ihrer Niederkunft inder Kirche eingefunden, wenn Eltern ihren Kindern einenjüdischen Namen beigelegt. Auch Handlungen unschuldigerNatur wurden, wenn sie auch als jüdischer Brauchvorkamen, als Zeichen arger Ketzerei angesehen. WennJemand am jüdischen Hüttenfeste Gaben von der Tafelder Juden empfangen oder solche geschickt, oder ein neu-


— 236 —geborenes Kind in "Wasser gebadet, worin Gold und Getreidekörnergelegt wurden, wenn der Sterbende beimletzten Athemzug das Gesicht zur "Wand gekehrt.^*Besonders schlecht erging es den Juden, als Thomasde Torquemada zum General-Inquisitor ernannt wurde.In Villa-Real wurden 40 Marranen verbrannt, darunterschwache Frauen und ein in der christlichen Religiongeborener Canonicus, Pedro Fernandez de Alcaudete,welcher Jude geworden war.Einigen Marranen wurdenpeinliche Bussen auferlegt, viele durften ein Jahr hindurchoder lebenslänglich sich öffentlich nur in demBüsserkleide zeigen.Es war von röthlichbrauner Farbeund hinten mit einem Kreuz bemalt. Büsser wurdenöffentlich zur Schau gestellt.Im Jahre J487 wurden 23 Marranen verbrannt, darunterauch ein Canonicus. Das folgende Jahr in Toledoverlangte noch mehr Opfer; einmal 20 Männer und7 Frauen. Die Gebeine verstorbener Marranen, vondenen man glaubte, dass sie als geheime Bekenner desJudenthums gestorben, wurden ausgegraben und verbrannt,so in Toledo einmal an einem Tage die sterblichenUeberreste von über JOO Marranen. In den J3 Jahren,in welchen Torquemada Gross-Inquisitor blieb, nämlichJ485— J498, wurden mindestens 2000 Marranen verbrannt,geächtet über J7 000. In Avila wurden in Folge angeblicherKreuzigung eines Kindes 70 Marranen innerhalb8 Jahren verbrannt, ein Theil davon nur in effigie,da sie sich rechtzeitig geflüchtet hatten. Zwischen denMarraiien und den Juden herrschten selbstverständlichgeheime Sympathien und Verbindungen. Im Jahre J492erfolgte die berühmte Ausweisung sämmtlicher Juden ausSpanien.Als Grund wurde angegeben, ihre gefährlichen


— 237 —und frevelhaften Thaten gegfen den christlichen Glauben.Das Edikt Ferdinands und Isabella's, worin die Ausweisung;decretirt wird, legt ihnen kein anderes Verbrechen zurLast, als dass sie ihrem Glauben treu bleiben und ihremarranischen Stammesgfenossen indemselben zu erhaltenund zu befestigen trachten» Es waren also ausschliesslichreligiöse Gründe, die zu dieser Ausweisung führten«Wie nimmt sich da die antisemitische Behauptung aus, dassder Antisemitismus mit der Religion gar nichts zu schaffenhabe? In den letzten 4 Jahren vor dieser Ausweisungwurden in Toledo mehr als 40 Männer und mehr als20 Frauen verbrannt, darunter ein Weltgeistlicher und2 Mönche. Eine Marranin bekannte auf dem Scheiterhaufenlaut, sie wolle im Gesetze Mosis sterben, welchesdie einzige Wahrheit sei ; ihr letztes "Wort war: Adonai.Natürlich liessen sich sehr viele Juden zwangsweise taufen,dreimalhunderttausend Juden verliessen das Land. Diegenuesischen Schiffer benahmen sich gegen die jüdischenAuswandrer, die sich ihnen anvertraut hatten, am grausamstenund warfen viele ins Meer.Ein Schiffskapitän wollte der Tochter eines jüdischenAuswanderers Gewalt anthun; sie wurde von ihrer eigenenMutter ins Meer gestürzt, die ihr dann mit den übrigenTöchtern nachsprang. Höchst grausam benahm sichauch der portugiesische König Johann ILDerselbe machteviele Juden zu Sklaven, den Eltern wurden die Kindervon 3 bis zu JO Jahren weggenommen, um sie auf den„Verlorenen Inseln**im Christenthum erziehen zu lassen.Eine Mutter, welcher man 7 Kinder geraubt hatte,warfsich dem König zu Füssen und flehte ihn an, ihr wenigstensdas jüngste zu lassen. Der König liess sie wegdrängenund wehklagen „wie eine Hündin, der man die


— 238 —Jungen entzieht"» Unter König Emanuel wurde es denJuden verboten^ öffentlichen Gottesdienst zu halten, undihre Synagogen wurden gesperrt* Im Jahre J497 befahler, dass alle jüdischen Kinder beiderlei Geschlechts biszum J4* Lebensjahr ihren Eltern entrissen und gewaltsamgetauft werden sollten» Die Verzweiflung der Eltern warentsetzlich» Es wiederholten sich wieder die bekanntenJammerscenen; die Verzweifelten tödteten ihre Kinderund dann sich selbst» Tausende von portugiesischen Judenwaren zum Scheine Christen geworden, einige starbenden Märtyrertod, darunter Simon Maimi» J498 verbannteKarl VIII»die Juden aus der Provence»In der Türkei erlebten die Juden glückliche Zeiten.Spanische Marranen verfertigten für die Türken Kanonen,Feuer und Pulver und lehrten den Türken Kriegskunst.Auf diese Weise lernten die Türken, sich gegen dieChristen gerüstet zu machen» Kaiser Maximilian vertriebdie Juden ausOber-Oesterreich; unter seiner Regierungfanden auch viele Judenhetzen statt* Im Jahre J499wurden die Juden aus Nürnberg vertrieben, in Polenfanden sie günstige Aufnahme.In den ersten Jahren des J6. Jahrhunderts fand derberühmte Streit zwischen Reuchlin und Pfefferkorn überden Talmud statt* Mittlerweile kam die Reformation*Luther war den Juden anfangs freundlich gesinnt» Dochdas änderte sich bald; denn in was hätte Luther nichtseine Meinung geändert I Man vergleiche nur die Art,wie erim Anfange seiner Laufbahn über die katholischeKirche und dasPapstthum geschrieben mit den Worten,die er ihnen am Schlüsse desselben entgegenschleuderte*Im Jahre J506 entstand in Portugal wieder ein Judengemetzel,das mehrere Tage dauerte und bei welchem


— 239 —500— 600 Marranen das Leben verloren. Schwang:crcFrauen wurden aus den Fenstern geworfen, von dendraussen Stehenden auf Spicssen aufgfefangen und dieFrucht oft weithin geschleudert. Es sollen um diese Zeit2—4000 Marranen umgekommen sein. Auch in Italien,im Gebiete von Mailand fanden damals Judenverfolgungenstatt. Im Jahre J 532 wurde in Mantua der Jude Molcho,der Christ geworden und dann wieder abgefallen war,als Ketzer zum Feuertod verurtheilt. Als die Henkersknechteschon bereit waren, Molcho, dessen Mund geknebeltwar, ins Feuer zu werfen, kam ein Bote desKaisers, löste den Knebel und versprach Begnadigung,wenn er in den Schoss der Kirche zurückkehren würde.Molcho erwiderte, dass er sich lange nach dem Märtyrertodgesehnt habe und sich freue, als Opfer auf demAltare des Herrn aufzusteigen.Er bereue nur das eine,in seiner Jugend Christ gewesen zu sein, und hoffe, dassseine Seele zu Gott eingehen werde. In Lissabon wüthetedie Inquisition unter dem Richter Joan de Mello. DeMello hat selbst für den König einen Bericht des Scheiterhaufenschauspielesin Lissabon gegeben und schildertedenselben mit folgenden "Worten: „Etwa hundert Verurtheiltebildeten den prächtigen Zug. Der Laienrichterführte sie in Begleitung der Klerisei von zwei Kirchenspielen.An dem Richtplatz angekommen, sang man dieHymne: Veni creator spiritus. Ein Mönch bestieg dieKanzel, die Predigt war kurz, weil die Tagesarbeit vielZeit erforderte. Die Verurtheilungen wurden verlesen,zuerst derjenigen für Verbannung und zeitlicher Haft,dann derjenigen für ewigen Kerker und endlich derer,die zum Tode verurtheilt waren. Es waren zwanzig.Sieben Frauen und zwölf Männer wurden an den Pfahl


- 240 —gebunden und lebendig verbrannt« Nur eine Frau wurdewegen überzeugend reumüthigen Bekenntnisses begnadigt/*Der entmenschte Ketzerrichter de Mello machte dieBemerkung, dass der Himmel an dem Tage der Menschenbrandopfervoller Glanz war, gegen die stürmischenTage vorher, als wenn der Himmel zu dem Bluttribunalgnädig gelächelt hätte* Er fügte noch hinzu, dass nocheine Menge solcher Sünder in den Kerkern lägen, welchenächstens zu einem neuen Scheiterhaufen geschleppt werdenwürden. Der König war seiner Diener werth; erhatte seine Freude an dem Tod der Sünder»Ein Umstand machte auf den gefühllosen Mello einentiefen Eindruck* Die Schlachtopfer stiessen beim Anblickder Flammen nicht einen Laut aus und vergossenkeine Thräne, sondern nahmen Abschiedvon einander,Eltern von ihren Kindern, Frauen von ihren Männern,Bruder von Bruder, als wenn sie gewärtig wären, einanderbald wiederzusehen* Die Väter ertheilten denKindern in der letzten Stunde den Segen, und die Eheleutegaben einander den Abschiedskuss*Im JahreJ550 wurden sämmtliche Juden aus Genuavertrieben* J553 entstanden neue Anklagen gegen denTalmud, deren Exemplare zu Hunderten und zu Tausendenverbrannt wurden* J555 erschien die Bulle Pauls IV.,in welcher alle canonischen Beschränkungen der Rechteder Juden wieder aufgefrischt wurden* Die Ghettos,das Verbot derHaltung christlicher Ammen, das Verbot,mit Christen umzugehen, mit ihnen zu essen und zuspielen, wurde wieder aufgefrischt* Die Juden solltenBarette»die Jüdinnen grüne Schleier tragen, Juden durftennicht mit „Herr" angesprochen werden, jüdische AerztcchristlichenKranken keinen Beistand leisten, dazu selbst-


— 241 —verständlich religfiöse Plackereien. J556 wurden 24 portugiesischeMarranen in Ancona verbrannt; sie starbenwieder mit dem Rufe: ^^Der Herr unser Gott ist einzig;/*J559 wurden wieder massenhaft hebräische Bücher verbrannt»Als im Jahre 1559 in Prag in der Judengasseein Feuer ausbrach, wurden viele Juden, auch schwacheWeiber in die Flammen gestürzt, ihre Habseligkeiten geplündert.In demselben Jahre wurden die Juden ausNiederösterreich und Görz vertrieben, I56J aus Prag.1570 wurden die Juden aus dem Kirchenstaate vertrieben;die Meisten zogen nach der Türkei und Polen. Dortentstand sogar bei Christen eine derartige Schwärmereifürs Judenthum, dass viele Christen zum Judenthumübergingen. Die Wittwe eines Krakauer Rathsherrn,Katharina Zelazewska, bekehrte sich zum Judenthum,wurde natürlich in Krakau verbrannt und starb begeistertden Märtyrertod. Im Jahre J603 ging ein Franziskaner-Mönch Fray Diego de la Asum9ao von altchristlichemBlute zum Judenthum über. Nachdem er zwei Jahreim Kerker zugebracht hatte, wurde er in Lissabon inGegenwart desVicekönigs lebendig verbrannt.In diese Zeit fallen die zahlreichen Auswanderungender Juden nach Holland, welches für sie zu einem Asylwurde, wohin sie sich vor der Verfolgung flüchtenkonnten. In Deutschland dagegen wurden die Judennoch zu Anfang des J7. Jahrhunderts als verworfeneGeschöpfe behandelt, gegen welche es keine Mitleidspflichtgab, die man mit Koth bewarf, denen man denBart anzündete. Es gab damals nur noch 3—4 bedeutendeJudengemeinden in Deutschland.Frankfurt mitca. 2000, Worms mit J400, Prag mit JOOOO, "Wien mit3000 Seelen, welche allen möglichen Plackereien, Ver-16


— 242 —bot der Haltung chfistlicher Dienstboten und Ammen,Verpflichtung: zum Tragen des Judenzeichens und einereigenen Kopfbedeckung zu ertragen hatten. Dies galtnamentlich in Frankfurt, wo sie an ihren Häusern besondereSchilder mit wunderlichen Namen und Zeichenhaben mussten, z» B.j „Zum Knoblauch, zum Esel, zumgrünen, weissen Schild, Rothschild ctc***Im Jaulte J6J4 wurden sie aus Frankfurt vertrieben,nachdem ihnen ihr gesammtes Eigenthum abgenommenworden war. Nicht minder wurden die Juden in Wormsgeplagt. In Wien wurde ein Mittel erfunden, die Judenzur Finanz quelle für den Krieg zm gebrauchen. ReicheJuden wurden zu Hofjuden ernannt und ihnen einegünstige Ausnahmsstellung gewährt. Man kann sichdenken, um welchen Preis. Bei der Einnahme Pragsdurch die Protestanten und später durch "W"allensteingeschah den Juden nichtsUnangenehmes.In Polen waren die Juden gründlich verdorben undin die tiefste Unmoralität versunken. Sie hielten es treumit dem Adel und der Geistlichkeit und drückten dasarme Volk — namentlich die Kosaken — auf diegrausamsteWeise. Dies führte zu blutigen Judengemetzeln.Ein gewisser Zinwii Bogdan Chmielnicki stellte sich andie Spitze der Kosaken, entflammte die ganze Ukrainezu einem fanatischen Kriege gegen Polen und verbündetesich zu diesem Zwecke mit den Tartaren, dU von Tugaibeybefehligt wurden. Chmielnicki schlug die Polenin die Flucht, dann plünderte er das Land östlich vomDniepr zwischen Kiew und Pultava und liess massenhaftJuden massakriren. Es sollen damals an mehrere tausendJuden ums Leben gekommen sein. Viele Juden nahmenzum Scheine das griechisch-orthodoxe Christenthum an,


243andere ergaben sich den Tartaren, wurden von denselbenin die Türkei verkauft und von den türkischen Judenausgfelöst*In Tulczyn fand im JahreJ 648 bei dieser Gelegfcnheitebenfalls ein schreckliches Gemetzel statt* Nachdem diePolen den Juden alles weggenommen hatten, stellten sieden Letzteren die Wahl zwischen Tod und Taufe, jedochkeiner von ihnen apostasirte« Gegen 1500 Juden wurdenin Gegenwart der polnischen Edelleute gemartert undstarben für ihren Glauben* Ebenso standhaft starben dieJuden in Homel, wo gleichfalls J500 Mann, darunterFrauen und Kinder den Märtyrertod erlitten.Gemetzel fanden an verschiedenen Orten inAehnlichePolen statt,einzelne Gemeinden wurden völlig aufgerieben* DieseVerfolgung erstreckte sich nicht blos auf die Juden,sondern auch auf die Katholiken* In Spanien dagegenwüthete die religiöse Verfolgung am Anfange des J 7* Jahrhundertsin grossartiger Weise* Im Jahre J632 liessPhilipp IV* ein grosses Auto da fc im Beisein des Hofesund der Gesandten feiern wegen angeblicher Misshandlungeines Jesubildes*Sogar in Lima, in Peru, wurden im Jahrei 639 dreiundsechzig Juden von der Inquisition verurtheilt,J7Marranen lebendig verbrannt, darunter auch ein ArztFrancisco Maldoiiad da Silva, welcher das Judenthumnicht nur öffentlich bekannt, sondern auch gepredigt hatte*Auch in Mexiko erlitt um diese Zeit ein Marraneden Märtyrertod, ebenso ein christlicher Adliger NamensDon Lope de Vera y Alarcon von San-Clemente* Derselbewar 20 Jahre alt, als er sich vom Christenthumzum Judenthum bekehrte* Er wurde eingesperrt, legteseinen adligen Namen ab und nannte sich Juda derGläubige* Umsonst war das Flehen seiner Eltern undJ6*


- 244 —die Bekehfüngsverstiche der Geistlichkeit» Nachdem etmehrere Jahre im Kerker geschmachtet, wurde er am25. Juli J644 verbrannt« Mitten aus den Flammen liesser die Worte der Psalmen erschallen: ,Jn deine Hando Herr, empfehle ich meinen Geist/* Der InquisitorMoscosco soll damals in einem Briefe an eine Gräfingeschrieben haben; „Niemals habe man einen solchenDrang zum Sterben, ein solches Vertrauen auf Seligkeitgesehen, wie bei Lope.** Ebenso standhaft starb im JahreJ647 in Lisssabon der junge Marrane Isaak de CastroTartas, der gerade dazu entschlossen gewesen zu seinscheint, den Märtyrertod zur Verherrlichung seinesGlaubens zu sterben. Auch er rief aus den Flammen:„Höre Israel, dein Gott ist einzig.**Im Jahre J654 wurden in Cuenca in Spanien JO Marranen,in Granada J2 verbrannt.Berühmt ist das grosse Auto da fe vom 30. Juni (680,welches in Madrid abgehalten wurde. Sechzehn Meistermit ihren Gesellen sollen mehrere Wochen daran gearbeitethaben, Estraden und Schauplätze für den Hof,den Adel, die Geistlichkeit und das Volk zu erbauen.Vier Wochen vorher war das Datum des lustigen Festesin der Stadt verkündigt worden. Grätz schreibt darüberFolgendes:„Endlich erschien der von der Bevölkerung Madridsund von den auswärts herbeigeströmten Zuschauem sehnsuchtsvollerwartete Tag (Sonntag, 30. Juni i 680). Eineso grosse Zahl Opfer der Inquisition war schon langenicht vereint gesehen worden. JJ 8 Personen jedes Altersund Geschlechts! Siebzig oder noch mehr Judaisirendehatten die verschiedenen Tribunale geliefert; die übrigenwaren sogenannte Hexen, Männer, die mehr als eine


— 245 —Frau hatten, ein verheiratheter Priester und ähnlicheVerbrecher. Des Morgens früh wurden alle diese Unglücklichenbarfuss, in Hemden und Papiermützen, mitTeufeln und Flammen bemalt, mit brennenden Kerzenin Händen, zur Procession geführt, begleitet von Geistlichenund Mönchen aller Orden, Rittern und Familiärender Inquisition mit flatternden Fahnen und Kreuzen.Kohlenbrenner mit Hellebarden eröffnetenden Zug nachaltem Brauch und Vorrecht. Bilder von verstorbenenund flüchtigen Ketzern, mit Namen bezeichnet, und Särgemit den Gebeinen der Unbussfertigen wurden von Henkersknechtender Inquisition getragen. Der geistesschwacheKönig, diejunge Königin Maria Louise d'Orleans, Hofdamen,Grosswürdenträger, der hohe und niedere Adel,alle diese waren von Morgens an auf dem Schauplatzversammelt und hielten in der drückenden Hitze bisspät Abends aus. \7er von bedeutenden Persönlichkeiten,selbst von Damen, ohne Grund fehlte, kam dadurch inden Verdacht der Ketzerei. Die Geistlichkeit bot allenTand auf, um das Schauspiel imposant und denkwürdigzu machen. Beim Anblick der Schlachtopfer rief dasganze Volk, wie zu erwarten war, abermals: „Eslebe der Glaube!" Plötzlich hörte man die flehentlicheStimme einer kaum siebzehnjährigen Marranin von wunderbarerSchönheit, welche in der Nähe der Königin zustehen kam, ausrufen:„Grossmüthige Königin! erbarmenSie sich meiner Jugend! Wie kann ich der Religionentsagen, die ich mit der Muttermilch eingesogen?" MariaLouise de Bourbon, selbst nicht viel älter, unterdrückteeine Thräne. Der Grossinquisitor Diego de Sarmentoliess die feierliche Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen,den König beim Evangelium und dem Kreuze an


- 246 —seine Pflicht als allerchtistlichste Majestät zu ermahnen:Dass et die Ungfläubigen und Ketzer verfolgen, sie ohneAnsehen der Person bestrafen, der heiligen Inquisitionseinen Arm leihen und sie mit seiner königlichen Machtunterstützen wolle» Laut rief Karl: „Das schwöre ichbei meiner königlichen Würde*** Denselben Eid wiederholtendie Grosswürdenträger, dieRitter und die Bürgerschaft,und die Menge bekräftigte ihn mit einem weithinschallendenAmen» Der König fügte die That demWorte hinzu und zündete zuerst mit einer ihm gereichtenFackel den Scheiterhaufen an, und zu diesem warenachtzehn Marranen verurtheilt, welche sich offen zumJudenthum bekannt hatten* Darunter war eine 60-jährige Wittwe mit zwei Töchtern und einem 66 jährigenSchwiegersohn, welche 8 Jahre im Kerker zugebrachthatten* Noch zwei andere Frauen, von denen die eineerst 30 Jahre alt war, die meisten Männer kräftigenAlters zwischen 27 und 38 Jahren, einfache Leute, Tabakspinner,Goldarbeiter, Handelsleute, sie alle starben mitStandhaftigkeit den Flammentod* Einige stürzten sichin die Gluth* „Ich hatte nicht den Muth, dieser entsetzlichenHinrichtung der Juden beizuwohnen* Es warein erschreckliches Schauspiel, wie man mir sagte. Mankonnte aber nur durch eine Bescheinigung des Arztesvon der Anwesenheit dispensirt werden* Was für Grausamkeitman beim Tode dieser Elenden gesehen hat,kann ich Ihnen nicht beschreiben*** So berichtet dieMarquise de Villars an ihren Gemahl* Eine anderefranzösische Dame berichtete darüber* „Ich ging nichtzur Execution, ich war schon von Schmerzen ergriffen,als ich die Verurtheilten am Tage sah . . * Man mussaber nicht glauben, dass ein so strenges Beispiel im


— 247 —Stande wäre, die Juden zu bekehren. Sie werden nichthn Geringsten davon gerührt, und es gibt selbst in Madrideine beträchtliche Anzahl, welche als solche bekanntsind, und die man in ihren Stellungen als Finanzbeamtelässt.^^ Die übrigen 54 Marranen wurden theils zu denGaleeren, theils zu mehrjährigem und manche zu ewigemKerker verurtheilt«*'Wer denkt hier nicht unwillkürlich an das Feldgesprächzwischen Faust und Mephistopheles:„Mephistopheles: Sie ist die erste nicht*Faust: Hund! abscheuliches Unthierl Die erste nicht!Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen,dass mehr als ein Geschöpf in die Tide dieses Elendesversank, dass nicht das erste genugthat für die Schuldaller übrigen in seiner windenden Todesnoth vor denAugen des ewig Verzeihenden! Mir wühlt es Mark undLeben durch, das Elend dieser einzigen; du grinsest gelassenüber das Schicksal von Tausenden hin!*^Im Jahre J898 erschien in Berlin im Verlage vonLeonhard Simeon ein Werk unter dem Titel: „DasMartyrologium des Nürnberger Memorbuches/* DasWerk hat 520 Seiten, 94 davon machen den hebräischenText des Buches aus« Es enthält fast ausschliesslichEigennamen von Personen und Orten, Daten und Zahlen*Es ist eine übersichtliche Darstellung der Hauptfacta derJuden -Verfolgungen innerhalb der Jahre 1096— J349,umfasst also nur einen Thcil der Verfolgungszeit undmit geringen Ausnahmen nur die, die in Deutschlandstattgefunden haben*In der allgemeinen Uebersicht derVerfolgungen vom Jahre t096— J298 sind 5t Städte undDörfer von Deutschland angegeben, in welchen Verfolgungenstattgefunden haben* Ein schreckliches Buch


248füfwahf! Da liest man z* B«: Der alte Rabbi Elc2iza,tund seine Frau, sein Sohn Mardohait welcher ertränktWürde Manasche «nd seine fünf Kinder, welchegfeschlachtet wtirden Meschulam, seine Fra« t*ndsein Sohn, welche geschlachtet wurden Marschemalia,welcher lebendig begraben wurde, seine Frau,seine Söhne und seine Töchter, welche geschlachtetwurden . Rabbi Isaak, welcher erschlagen wurde . . .Frau Guthaida, welche ertränkt wurde Samuelund seine Schwester, welche geschlachtet und in derSynagoge verbrannt wurden sieben Personen, diegefoltert, gerädert und dann verbrannt wurden u. s* w.u. s. w» So klingt das ganze Buch» Seiten und Seitensind angefüllt mit den Namen dieser unglückseligenOpfer. Am Schlüsse dieser Namenslisten finden sichhäufig Zusätze wie folgende: . . . „Welche erschlagenund verbrannt wurden, weil sie den Namen des einzigenGottes heiligten* Dieses Verdienstes wegen möge dieSeele verbunden sein mit dem Bunde des ewigen Lebens,vereint mit allen übrigen im ewigen Paradiese* Daraufwollen wir sprechen Amen!** . . . Oder: . . . „Gottmöge ihrer gedenken, weil sie ihr Leben für die Heiligungdes göttlichen Namens hingegeben haben* DiesesVerdienstes wegen möge ihre Seele in den Bund desewigen Lebens aufgenommen werden mit der SeeleAbrahams, Isaaks, Jacobs, Sarahs, Rebbekas, Raheisund Leas im Paradiese, Amenl^*Im Jahre J892 erschien in Berlin ein von den HerrenNeubauer, Stern und Bahr herausgegebenes Werk unterdem Titel: „Hebräische Berichte über die Juden -Verfolgungenwährend der Ktc\izzügc**f aus welchem ichdie folgenden Stellen hier wiedergebe.


— 249 —,tZions theuere Kindef^ die Kinder der GemeindeMainz, wurden mit zehn Prüfungen heimgesucht, wieunser Stammvater Abraham, wie Chanania, Mischaelund Asaria, dann banden sie ihre Kinder als Opfer, wieAbraham seinen Sohn Isaak band, und nahmen willigdas Joch der Furcht vor Gott, dem König aller Könige,dem Heiligen, gelobt sei er, auf sich. Sie wollten ihnnicht verleugnen, wollten den Glauben an unsern Könignicht vertauschen mit dem eines verächtlichen Sprösslings;sie streckten ihren Hals auf die Schlachtbank hinund übergaben ihrereine Seele ihrem Vater im Himmel«Die biederen und frommen Frauen boten eine deranderen den Hals dar zur Opferung für die Einheit desgöttlichen Namens. Der Mann wurde geschlachtet vonseinem Sohne oder Bruder, der Bruder von seinerSchwester, die Frau von ihrem Sohn oder ihrer Tochter,der Nachbar von seinem Nachbar oder Freunde, derBräutigam von seiner Braut, der Verlobte von seinerVerlobten — einer schlachtete, der andere wurde geschlachtet,bis Blut zu Blut zusammenfloss und sich vermischtedas Blut der Männer mit dem der Frauen, dasBlut der Väter mit dem der Kinder, das Blut der Brüdermit dem der Schwestern, das Blut der Lehrer mit demder Schüler, das Blut der Bräutigame mit dem derBräute, das Blut der Vorsänger mit dem der Gesetzschreiber,das Blut der Kleinen und Säuglinge mit demihrer Mütter; sie wurden getödtet und geschlachtet umder Einheit des herrlichen und furchtbaren göttlichenNamens willen. Wer nur solches hört, dem werden dieOhren gellen. Denn wer hätte solches schon gehört,wer hätte dergleichen schon gesehen? Fraget doch nachund sehet zu, ob von der Zeit des ersten Menschen an


— 250 —eine so vielfache Opferung je gewesen istt dass HOOOpferungen an einem Tage stattfanden^ alle gleich derOpferung des Isaak^ Sohnes Abrahams» Wegen jenereinen Opferung auf dem Berge Moriah erbebte dieWelt, wie es heisst: »^Die Himmelsscharen schrieen weithin, und es verdunkelte sich der Himmel»*' Was habensie erst jetzt gethan! Warum verdunkelte sich nichtauch da der Himmel, warum zogen die Sterne ihrenLichtglanz nicht ein,und Sonne und Mond, warum verfinstertensie sich nicht an ihrem Gewölbe, als an einemTage, am dritten des Sivan, HOO heilige Personen ermordetund hingeschlachtet wurden, so viel Kleine undSäuglinge, die noch nicht gefrevelt und gesündigt hatten,so viele arme, unschuldige Seelen! — Willst Du hierbeian Dich halten. Ewiger! denn für Dich Hessen die Personenohne Zahl sich umbringen. Mögest Du das vergosseneBlut Deiner Diener rächen bald in unserenTagen und vor unseren Augen, Amen!Und Mar Isaac der Fromme nahm seine zwei Kinder,seinen Sohn und seine Tochter, führte sie um Mitternachtdurch den Hof und brachte sie in die Synagogevor die heilige Lade und schlachtete sie dort zur Heiligungdes grossen Namens des hocherhabenenGottes, der uns befohlen hat, seinen reinenGlauben nicht zu vertauschen, sondern mitunserem ganzen Herzen und unserer ganzenSeele seiner heiligen Thora anzuhangen. Vonihrem Blute sprengte er auf die Säulen der heiligenLade, dass es zum Andenken vor den einzigen, ewiglebenden König und vor den Thron seiner Herrlichkeitgelange» „So werde (sprach er) dieses Blut zur Versöhnungmir auf alle meine Missethaten.*' Dann kehrte


— 25J —der Fromme durch den Hof zu dem Hause seines Vaterszurück und zündete das Haus an seinen vier Eckenan; seine Mutter, die darin g^eblieben war, verbranntemit zur Heiligung; des göttlichen Namens» Der frommeMar Isaac kehrte hierauf zum zweiten Male zurück, umauch die Synagoge zu verbrennen. Er zündete an allenThüren das Feuer an; mit zum Himmel, zu seinemVater im Himmel ausgebreiteten Händen ging derFromme von Ecke zu Ecke, von Winkel zu Winkelumher und betete mitten im Feuer zum Ewigen mitlauter und singender Stimme. Die Feinde riefen ihmdurch die Fenster hinein: „Böser Mensch, geh' aus demFeuer! Du kannst Dich noch rettend* Und sie reichtenihm eine Stange dar, um ihn damit aus dem Feuer zuziehen, aber der Fromme wollte nicht; so verbranntedort der unschuldige, redliche und gottesfürchtige Mann.Seine Seele ist geborgen im Antheil der Gerechten imParadiese.'*Scherr schreibt in seiner Culturgeschichtet„Im Jahre J40J wüthete eine Judenverfolgung inSchaffhausen* Ein Augenzeuge erzählt uns, wie esdabei mit der „peinlichen Frage'* gehalten wurde. DreiJuden z. B., Lembli, Mathys und Hirsch, waren gefoltertworden, „als vast, dass man sie alle drei auf demKarren musste zum Scheiterhaufen führen, und hatteman ihnen die Waden an den Beinen aufgeschnittenund ihnen heisses Pech darein gegossen und wiederumzugeheilet und dann wieder aufgeschnitten, und dazuhant sie ihnen auch die Sohlen unten angebrannt, dassman wohl das blosse Bein hätte gesehen, und sie wärennit verbunden gesin, und dass der Gemarterten einerredt: ich weiss nit, was ich verjehen (eingestanden, be-


— 252 -kannt) han^ denn bei der Marter hätt ich gesprochen^dass Gott nicht Gott; — und dass er ferner gesagt: beidem Todt den er müsste leiden^ er wüsse um dieSachen nüt und war des Todes unschuldig dieserwegen/*Nie vielleicht, so lange die Welt steht, habenMenschen der Raserei ihrer lieben Mitmenschenmit grösserem Heldenmuth einen passiven Widerstandentgegengesetzt, als die Juden in dergrossen Verfolgung des J4« Jahrhunderts thaten.Mit ganz wenigen Ausnahmen verschmähten siees, durch Abschwören ihres Glaubens Habe,Familie und Leben zu retten. In Konstanz hattesich J349 ein Jude aus Furcht taufen lassen; aber esergriff ihn darob eine so energische Reue und Scham,dass er sich mit den Seinigen in sein Haus verschloss,dasselbe anzündete und so, aus den Flammen hervorschreiend,dass er als Jude sterben wollte, seine Familieund sich selbst dem Adonai Schaddai zum Sühnopferbrachte. In Strassburg wollte man jüdischen MütternAngesichts der Scheiterhaufen, auf welchen ihre Gattenbrannten, ihre Kinder entreissen, um sie zu taufen, abersiepressten die Kleinen an sich und stürzten sichmit ihnen in die Feuer*Es geschahen damals Thatender Verzweiflung, die uns noch jetzt, nach Jahrhunderten,das Herz erzittern machen* In Esslingen versammeltesich Angesichts der bedrohlichen Lage die ganze dortigeJudenschaft in der Synagoge, zündete dieselbe an undstarb freiwillig in den Flammen* Ebenso in Speyer und"Worms* In Erfurt schlössen sich die Juden in ihreGasse ein, steckten sämmtliche Häuser derselben inBrand und erlitten so, an 6000 Menschen jeden Alters


— 253 —und Geschlechts, den Tod. Doch genug dieser entsetzlichenScenenl Das Grundmotiv der Judenschlächtereienwar, wir wiederholen es, zweifelsohneder religiöse "Wahn»'*Hier ein anderer Bericht; er entstammt der Federdes spanischen Notars Anton Gonzalez und ist an dieAlcalden der Stadt de la Guardia gerichtet:,,Avila, den 17. November J49J. Tugendsame undedle Herren« Ich schicke Ew. Gnaden die Berichteüber die Verbrechen des Benito Garcia, und ich werdeEuch auch noch die über den Franco zuschicken. Gottsei Dank kann ich Euch mittheilen, dass Benito Garcia,Juan Ocaüa und Johann Franco, die ich vor dem Verbrennenerdrosselt werden sah, als gute Katholiken,mit Reue starben. Die Anderen wurden lebendig beischwachem Feuer verbrannt; sie starben als gute Juden(buenos Judios), ohne Gott oder die Jungfrau Maria anzurufenoder auch nur das Kreuzzeichen zu machen."Im Jahre J682 wurden in Lissabon wieder dreijüdische Märtyrer verbrannt.Als Wien von den Türken belagert wurde, standendie Juden im sicher begründeten Verdachte, es heimlichmit den Türken zu halten. In Ungarisch-Brod massakrirtedie Bevölkerung aus diesem Grunde eine kleinejüdische Gemeinde; aus demselben Grunde fanden inPadua Judenverfolgungen statt. Merkwürdig ist, dassum diese Zeit in Amsterdam drei Christen zum Judenthumübertraten. Doch das Licht der Aufklärungdämmerte bereits, und vor dem Lichte derselben erblassteund erlosch das Licht der Scheiterhaufen. Der Judenhassdauerte jedoch weiter, er dauert noch fort bis zumheutigen Tag. Wo er jedoch auftritt, trägt er nur mehr


— 254 —den Charakter der Willkür und nicht mehr den derGesetzlichkeit*Lecky schreibt in seiner Geschichte der Aufklärung:ttGewiss erblasst der Heroismus der Vertheidiger jedesanderen Glaubens in Nichts vor diesem Märtyrervolk,das dreizehn Jahrhunderte lang allen den Leiden dieStirn bot, welche der wildeste Fanatismus erdenkenkonnte, das lieber Schmach, Beraubung, Verletzung dertheuersten Bande und die Auferlegung der schrecklichstenQualen erduldete, als seinen Glauben verliess» Denndie Juden waren keine asketischen Mönche, abgestorbenallen Hoffnungen und Leidenschaften des Lebens, sondernMenschen, welche die weltlichen Vortheile, die sie aufgaben,im hohen Grade würdigten, und deren Liebedafür, wegen des engen Kreises, auf welchen siebeschränkt waren, um so lebhafter geworden war*Enthusiasmus und die sonderbaren Erscheinungen vonExtase, welche ihren so grossen Einfluss in der Geschichteder Verfolgung geltend gemacht, welche sovieleMärtyrer mit übermenschlichem Muth gestählt unddie Angst vor so vielen fürchterlichen Torturen gescheuchtoder vernichtet haben, waren hier fast unbekannt* DieVerfolgung kam über die Juden in den schrecklichstenFormen, doch umgeben von jederArt kleinlicherQuälerei, die ihr das Grossartige nahm, und soblieb sie Jahrhunderte lang ihr dauerndes Theil* Abertrotz all' dem schwang sich der Geist dieseswunderbaren Volkes empor* Während die um sieher in Finsternis [und bethörter Unwissenheit herumkrochen,während täuschende Wunder und lügenhafteReliquien die Themata waren, über die fast ganzEuropa verhandelte, während der Geist des Christen-


- 255 —thutnst im Joche von grenzenlosem Aberglauben^ in eineTodesstarre versunken war und alle Liehe zur Untersuchungund alles Forschen nach "Wahrheit aufgegebenwaren, beharrten die Juden auf dem Pfade desWissens, Kenntnisse sammelnd und den Fortschrittmitderselben unerschrockenen Ausdauer anspornend, die siein ihrem Glauben an den Tag gelegt hatten. Sie warendie geschicktesten Aerzte, die befähigsten Finanziers undzählten zu den tiefsten Philosophen, während sie nur in derPflege der Naturwissenschaften den Mauren nachstanden.Sie waren auch die Hauptdolmetscher der arabischenWissenschaft für Westeuropa» Aber der wichtigsteDienst, den sie der W^elt geleistet haben und der unshier ganz besonders beschäftigt, ist die Wachhaltungkaufmännischer Thätigkeit, deren Vertreter sie fastalleinfür Jahrhunderte waren.Die Geschichte berichtet sehr wenige Massregeln,die einen so überaus grossen Jammer erzeugten, —Trübsale so schrecklicher Art, dass ein alter Geschichtsschreibersie kaum übertrieben hat, wenn er die Leidender spanischen Juden als gleich denen ihrer Ahnen nachder Zerstörung Jerusalems schildert. In drei kurzenMonaten mussten alle nicht bekehrten Juden beiTodesstrafe den spanischen Boden verlassen. Obgleichman ihnen gestattete, ihre Habseligkeiten zu verkaufen,verbot man ihnen doch wieder andererseits, Gold oderSilber aus Spanien wegzuführen, und diese Massregelmachte sie,gegenüber der Raubgier ihrer Verfolger, fasthilflos. Unzählige, welche in die Hände der um dieKüste schwärmenden Seeräuber fielen, wurden alle ihresBesitzthums beraubt und in die Sklaverei geführt; Unzähligestarben an Hunger oder Pest oder wurden mit


— 256 —schrecklicher Grausamkeit gemordet oder von den afrikanischenWilden gemartert oder von Stürmen an diespanische Küste zarückgeschleudert. Zarte Frauen^ ausglänzenden Wohnungen inmitten derOrangenhaine vonSevilla oder Granada verjagt, Kinder, kaum den Mutterarmenentwöhnt, Greise,Kranke und Sieche kamen zuTausenden um. Ungefähr 80000, die sich auf das Versprechendes Königs verlassen hatten, flüchteten nachPortugal, aber auch dort verfolgte sie der Hass derSpanier. Eine Mission wurde organisirt. SpanischePriester stachelten die Portugiesen zur Wuth auf, undder König wurde bestimmt, ein Edict zu erlassen,welchessogar das der Isabella in den Schatten stellte. Alle erwachsenenJuden wurden aus Portugal verbannt, vorherjedoch alle ihre Kinder unter vierzehn Jahrenihnen entrissen, um als Christen erzogen zu werden.Da, fürwahr, war der Kelch der Bitterkeit bis zumRande voll. Die heitere Standhaftigkeit, mit welcherdie Vertriebenen so viele und so schmerzliche Trübsaleertragen hatten, liess nach, und an ihre Stelle trat derwildeste Paroxismus.Herzzerreissende Angstrufe fülltendas Land* Frauen stürzten ihre Kinder in tiefeBrunnen oder zerrissen sie lieber gliederweise,als sie den Christen auszuliefern. Als sie schliesslichkinderlos und gebrochenen Herzens das Land zuverlassen suchten, fanden sie, dass die Schiffe absichtlichzurückgehalten wurden, und da die anberaumte Zeitverstrichen war, so wurden sie in die Sklaverei geführtund gewaltsam getauft. Durch die gnädige VermittlungRoms erlangten zuletzt die meisten von ihnen ihreFreiheit wieder, aber die Kinder wurden ihnen fürimmer entrissen. Ein grosser Freudenschall füllte die


— 257 —Halbinsel und verkündigte,vollkommen wäre.dass der Triumph der Spanier,,Alle Gcsttzc**t sagt Herder, ,,die den Juden ärger alsVieh achten, ihm nicht über den Weg trauen und ihndamit täglich, ja stündlich ehrlos schelten: sie zeugenvon der fortwährenden Barbarei des Staates, der ausbarbarischen Zeiten solche Gesetze duldet*Montesquieuhat Recht, dass die ehemalige Barbarei in Europa zu derVerderbnis desjüdischen Stammes und Charakters durchein gewaltthätiges und hässliches Benehmen gegen dasjüdische Volk mit beigetragen, welches wir ihm, derGeschichte zufolge, nicht ableugnen können; daher istes der Europäer Pflicht, die Schulden ihrer Vorfahrenzu vergüten und die durch sie ehrlos wurden, der Ehrewiederum fähigund werth zu machen^^Sogar der abessynischen Kirche ist es noch, undzwar in den 60 er Jahren des vorigen Jahrhunderts,plötzlich eingefallen, die Juden (Falaschas) ihrer Religionwegen zu verfolgen» Bis zum Regierungsantritt desKönigs Theodoros konnten die Juden Staatsämter bekleiden.Theodoros, welcher die Einheit des Cultusanstrebte, entfernte sie gewaltsam daraus* Dannkamen, wie Halevy berichtet, die christlichen Missionäre,die alle Hebel in Bewegung setzten, um die Judenzum Christenthum zu bekehren, die jüdische Religionauszurotten und in Europa die Nachricht vom Sturzedes abessynischen Judenthums, dessen letzte Stunde geschlagenzu haben schien, zu verkünden. Viele jüdischePriester wurden nach Gondar in das Palais des Negusberufen, um sich dort in Gegenwart desselben einerreligiösen Disputation mit den Christen zu unterziehen*Es wurde in grossartiger Weise gegen die jüdischeJ7


— 258 —Religion agitift, ein panischer Schrecken verbreitete sichunter den Falaschas» Hunderte von Gläubigen hattendie Priester ins Palais begleitet, die Disctission beginnt,die Gemüther erregen sich. Die jüdischen Priester beharrenauf ihren Behauptungen und wollen sich durchdie Argumente ihrer Gegner nicht überzeugenlassen. Der Negus, empört über den Widerstand derjüdischen Priester, befiehlt seinen Soldaten, die Schiesswaffeauf sie anzulegen. In diesem Augenblicke erhebensich alle Falaschas, entblössen die Brustund rufen dem erzürnten Herrscher zu: „SchiessenSie nur, König, wir sind Alle bereit, für unsereReligion zu sterben.'^ Der ritterliche Theodoros entliesshierauf die jüdischen Priester mit Geschenken.Aus Furcht, dass sich derartige Auftritte wiederholenkönnten, verliessenbald darauf Tausende von Falaschasihre Wohnsitze, um sich nach Jerusalem zu begeben.Dieser Exodus misslang natürlich vollkommen; diemeisten kamen um, nur ein kleiner Theil kehrte erschöpftin seine alten Wohnsitze zurück. Halevy, derüber die Falaschas Abessyniens im Jahre (868 einenhochinteressanten Bericht veröffentlichte, bemerkt überdiese Verfolgung: „Europa ahnt bis heute nicht,was für Ströme von Thränen und Blut dieApostel des Heiles in diesen fernen Gebietenfliessen gemacht haben."Hiemit bin ichmit der Darstellung der schrecklichenVerfolgungen, welche die Juden von Seitender Christendurchzumachen hatten, zu Ende. Der geehrte Leserwird sich mit mir freuen, diesen grauenhaften Stättenvon Blut und Thränen den Rücken zu kehren. DieJuden, die in diesen blutigen Verfolgungen treu blieben


— 259 —ihrem angestammten Glauben^ die lieber Spotte Hohn,Verachtung, die Parkirung des Ghettos, das schmachvolleJudenzeichen, die Beschränkung in allen bürgerlichenRechten, ja Unfreiheit, Verfolgungen, Armuth,Elend, Martern und Qualen, ja sogar den peinvollstenTod standhaft ertrugen, sie waren sicherlich wenigerals schlau. Sie hätten ebenfalls wie so viele ihrerStammesgenossen scheinbar zum Christenthum übergehenund dabei ruhig an ihre mosaische Religion weiterglaubenkönnen, denn ins Herz schaut kein Menschhinein. Sie thaten es aber nicht und litten. Das warnicht weise, und ich bedauere es lebhaft. Aber in dieserStandhaftigkeit liegt ein so colossaler Heldenmuth, eineso überirdische Grösse, eine derartige Majestät des Charakters,dass ich nicht umhin kann, mich vor diesenDuldern ehrfurchtsvoll zu beugen in grenzenloser Bewunderung,und rufe statt „Jude, Jude hep, hep, hep:**„Juda, Juda hip, hip, hurrah!**J7*


Viertes CapiteLJudenin nichtchristlichen Ländern


Wirkommen nunmehr zur Betrachtung der Beziehungender Juden zu den nichtchristlichen Völkern«UnsereUntersuchung hat gezeigt, dass der Antisemitismus derGriechen und Römer seinen Grund hatte im Auftreten undBenehmen und in der Gesinnung der damaligen Juden, unddass dieses Auftreten der Juden ausschliesslich die Folgeihrer Religion gewesen ist» In der Geschichte der Beziehungender Juden zu den christlichen Völkern habeich nachgewiesen, dass die Verfolgungen, deren Opferdie Juden gewesen sind, ausschliesslich religiösemFanatismusentsprangen*Es bleibt jetzt noch üBrig, die Gefühle zu studieren,welche ihnen nichtchristliche Völker im Mittelalter undin der Neuzeit entgegengebracht haben und noch entgegenbringen«Zunächst kommt hier die Geschichte derJuden in den islamitischen Ländern, dann jene der jüdischenGemeinden in Indien und in China in Betracht«Der Verbretung der Juden in Arabien, der angeblichdurch ein Wunder erfolgten Einführung des Mosaismusin Yemen ist bereits in einem anderen Capitel diesesWerkes Erwähnung gethan« Die jüdischen Stämme unterschiedensich nur wenig von den zahlreichen arabischheidnischenStämmen in der Zeit vor dem AuftretenMohammeds« Mohammed hat den grössten Theil seinerLehre dem Judenthum entnommen, und es lässt sich geradezubehaupten, der Islam sei nichts weiter als reformirtestalmudisches Judenthum plus das Gottes- Gesandtenthum


— 264 —Mohammeds» Den Hauptinhalt seines Korans hat Mohammedzunächst dem Talmud^ dann der Thora und denEvangelien, namentlich den apokryphen entnommen. Eswaren besonders seine ersten Lehren gfanz jüdisch gefärbt.Am Anfange seiner grossen Laufbahn licss der Prophetnichts unversucht, um die Juden für sich zu gewinnen.Er gab ihnen zu verstehen, erwolle dem Judcnthum zurgrössten Ausbreitung in Arabien verhelfen« Als er imJahre 622 bei seiner Flucht vor den Koreischiten Mekkasnach Jathrib, dem späteren Medina, kam, schloss er mitden dortigen Juden ein förmliches Bündnis, bestimmteihnen zu Liehe Jerusalem als Kiblah, d* h. die einzuhaltendeRichtung bei den Gebeten und machte den jüdischenVersöhnungstag (Jom Kipur) zu einem mohammedanischenFasttag (Aschura).Bei näherer Bekanntschaft wurden sie aber stets mehrund mehr enttäuscht. Namentlich war es Mohammedsunersättliche Geschlechtslicbeund Genusssucht, welche inihnen den Zweifel an der Echtheit seines Prophetenthumserweckten.„Bei Gott*% sagten die Juden, „er wird vonkeiner Speise satt und hat keine andere Sorge, als dieWeiber." Auch der Umstand, dass die Juden glaubten,dass sich nur in Palästina ein wahrer Prophet Gottesmanifestircn könne, sowie die Thatsache, dass er sichvom Fleische und Käse der Kamele nährte, stiessen dieJuden ab. Die Hauptgegner Mohammeds waren die JudenPinehas Ibn-Azura vom Stamme Kainukaa, ferner KaabIbn-Ascharaf, von einem arabischen Vater und einerjüdischen Mutter geboren, und der Dichter Abu-Afafc,ein hundertjähriger Greis, die ihn verspotteten und verhasstzu machen versuchten. Mohammed machte zumbösen Spiel gute Miene und ertrug die Verachtung der


— 265 —Juden Anfangs mit scheinbarem Gleichmuth. Einigte Stellendes Koran schlagen sogar einen ziemlich freundlichenTon gegen die Juden an. Als aber die Juden anfingen^ihm seine Getreuen wegzufischen, und seine Gläubigeninihn drangen, seine Meinung über dasjudenthum auszusprechen,und ihm sagten: ,,Ist die Thora ein göttlichesBuch, so lasst uns auch deren Vorschriften befolgen^%musste Mohammed Farbe bekennen.Er offenbarte mehrereSuren, darunter die zweite Sure Bakarah, die Kuh genannt,in welcher er die Juden schmähte, statt JerusalemMekka als Kiblah bestimmte, das Aschurafasten desVersöhnungstages abschaffte und behauptete, in der Thorasei er als Prophet vorausverkündigt, die Juden hättenaber diese Stellen gefälscht und ausgemerzt.*)*) Obwohl die Mohammedaner behaupten, dass sowohl die christlichen,als auch die jüdischen Schriften gefälscht worden sind, so erklärensie doch, dass sich trotzdem in den uns heute erhaltenen Textenimmer noch Weissagungen befinden, die sich auf den Propheten Mohammedbeziehen. Diese, von den mohammedanischen Theologenmit Vorliebe angeführten Stellen sind die folgenden:Deuteronomium J8, 17—22; Deuteronomium 32, 2J; Deuteronomium33, 2; Genesis J7, 20; Genesis 49, 10; Psalm 45, J— J8;Psalm 149, 1—9; Isaias 42, 9— 17; Isaias 54, I— 17; Isaias 65, J—6;Daniel 2, 31—45; Epistel des Judas 14, 15; Matthäus 3 und Matthäus 6;Matthäus 10, 7; Lukas I, 2; Matthäus 2J, 33—45; Apokalypse 2,26—29; Johannes 14, 15—30."Wir haben hier wieder einen Beweis dafür, dass ein jeder in derheiligen Schrift dasjenige findet, d. h. zu finden glaubt, was er fürseine Beweisführung benöthigt. Der protestantische Grundsatz, dasLesen der Bibel einem jeden Menschen zu gestatten, ist wohl derHauptgrund der Zersplitterung des Protestantismus in ungezählteSecten. In diesem Freigeben der Bibel liegt auch die Unmöglichkeit,eine Einheit im Protestantismus zu erzielen.Um wieviel weiser tritt hier die römisch-katholische Kirche auf.


— 266 —Fernef behauptete ctf dass die Juden den Esra alsden Sohn Gottes ve^ehfen. Nach dem Siege bei Bedrtrat Mohammed noch schäffer gfegen die Juden auL EineDichterin Namens Asma aus jüdischem Stamme wurdeNachts auf ihrem Bette von einem Manne Namens Omek'rermordet, weil sie Satyren gegen Mohammed gedichtethatte, und dieser lobte den Mörder, „der Gott und seinemPropheten einen Dienst geleistet hat*^Einige Tage späterwurde der jüdische Greis Abu-Afak vom Sohne Omeirsermordet und später auch Kaab Ibn-Ascharaf, weil erdie in der Schlacht bei Bedr im Kampfe gegen Mohammedgefallenen Koreischiten in einer Elegie betrauert hatte.Bald darauf forderte Mohammed den jüdischen Stammder Kainukaa, dem sein Feind Pinehas angehörte, auf,sich zum Islam zu bekehren* Es kam zum Kampfe,Mohammed liess alle Juden dieses Stammes fesseln undhätte sie gern abgeschlachtet, wurde aber daran verhindertund begnügte sich, sie zur Auswanderung nachPalästina zu zwingen. So nahm der Hass zwischenMohammed und den Juden immer mehr zu; je mächtigerer wurde, desto grösser wurde seine Abneigung gegenDurch das Dogma, dass es einzig und allein des Amtes der Kircheist, den Sinn der heiligen Schrift zu erklären und auszulegen, unddurch das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit ist die Einheit derLehre für ewige Zeiten gesichert. Die Wichtigkeit dieser Dogmenund ihre Nützlichkeit für die Erhaltung der Ordnung, derEinheit und der Disciplin, der gewaltige Vorsprung anMacht, den die römische Kirche dadurch vor allen anderenKirchen errungen, springen in die Augen. Man vergleiche diesbezüglichden wichtigen Inhalt der Encyclica Leo XIII. Providentissimus,wodurch die durchgängige Realinspiration und die durchgängigeIrrthumslosigkeit der heiligen Schrift und aller ihrer Theilenoch einmal ausdrücklich ausgesprochen und eingeschärft wird.


- 267 —die Söhne Israels. Im sogfcnannten Grabenkriege gelangfCS ihm, den Stamm der Kuraiza in seine Gewalt zu bekommen.Nahe an 700 Juden wurden auf einemöffentlichen Platze in Medina geschlachtet und ineineGrube geworfen, selbstverständlich im Namen Gottes(Sure 33).vertauscht,sich Mohammed selbst.Die Frauen wurden gegen Waffen und Pferdeund eine schöne Jüdin Namens Rihana behieltIm Jahre 628 besiegte Mohammeddie chaibarischen Juden, wodurch der letzte freie Stammder Juden in Arabien zu Grunde gerichtet war.Aus diesem Kriege brachte Mohammed zwei schöneJüdinnen in seinen Harem — Saphia und Zainab.Letzterestellte sich freundlich und verliebt, versprach ihm dieErfüllung seiner glühendsten Wünsche und Begierdenund setzte ihm und seinen Tischgenossen eine vergifteteHammelkeule vor. Einer der Tischgenossen starb daran.Mohammed hatte den Bissen rechtzeitig ausgespuckt undkam vorläufig mit dem Leben davon, erholte sich aber vomGenüsse dieser Cotelette nie mehr ganz. Die Folgendes Giftes fühlte er noch in seiner Todesstunde. Mohammedfragte Zainab nach der Ursache ihrer That* Sie antworteteihm: „Du hast meinem Volke unsägliche Leidengebracht, so dachte ich denn, dass, wenn du ein blosserTyrann bist, ich meinem Volke durch deine VergiftungRuhe verschaffen kann. Bist du aber ein Prophet, sokönne dir ja das Gift nichts schaden.^^ Mohammed gabden Befehl, sie hinzurichten. Er befahl seinen Truppen,die von den Juden erbeuteten Küchengeräthe nicht eherzu benutzen, bis dieselben mit Wasser ausgekocht seinwürden. Die Juden intrigirten, was sie konnten, undhetzten alle Unzufriedenen gegen Mohammed auf. DasHaus des Juden Simailim in Medina war der Sammel-


— 268 —p«nkt aller Unztifriedenen; als dies vcfrathen wurde,wurde das Haus in Brand gfesteckt* Nach dem TodeMohammeds verbannte Omar sämmtliche Juden ausder arabischen Halbinsel und motivirte diese Massregfeldurch die Erklärung, dass der gfeheiligfte Boden Arabiensvon keinem Ungläubigen entweiht werden dürfe* DieJuden erhielten dafür Ländereien bei Kufa am Euphrat*Als die Araber Palästina angriffen, waren ihnen dieJuden überall behilflich und erleichterten ihnen die Eroberungin jeder Weise, da sie froh waren, die byzantinischeHerrschaft mit der arabischen zu vertauschen. Im Jahre 636nahm Omar von Jerusalem Besitz, gestattete den Judenaber nicht, in Jerusalem zu wohnen. Er verordnete, dassdie Juden keine neuen Synagogen bauen, baufällige nichtherstellen dürfen und ihren Gottesdienst in aller Stilleabhalten sollten. Sie durften kein Amt bekleiden, überMohammedaner nicht Recht sprechen, nicht auf Pferdenreiten, sich keines Siegelringes bedienen, mussten eineeigene Tracht tragen, fernereine Kopf- und Grundsteuerzahlen. Trotz aller dieser Beschränkungen, die jedochdie Christen ebenso betrafen, finden wir die Juden beiden Kämpfen der Mohammedaner und Christen stetsaufSeite der Ersteren; sie begrüssten die Muslims überall alsihre Befreier vom christlichen Joche und öffneten ihnenin mehreren Städten Asiens und Aegyptens Thür undThore. Unter Omar wurde ein Abkömmling aus demjüdischen Hause Davids Namens Bostanai als Oberhauptder Juden anerkannt, und Omar gab ihm sogar eineTochter des persischenzur Frau.Königs Chosru mit Namen DaraEs ist wohl überflüssig zu bemerken, dass es religiöseMotive waren, die den Antisemitismus des „Semiten**


— 269 —Mohammed und seiner ^^semitischen** Anhängfcr hervorgferufenhaben»Antisemitismus.Ein prachtvolles Beispiel von semitischemDie Stellung der Juden im Chalifat gestaltete sich imAllgfemeinen günstigf. Kremer in seiner CulturgeschichtedesOrients schreibt:ttWirgehen nun zu den Juden über, deren geistlichesOberhaupt, der Fürst der Gefangenschaft, ebenfalls inBagdad den Sitz hatte. Nach dem Berichte des RabbiBenjamin vonTudela, der um 1170 n. Ch. Bagdad besuchte,stand der Fürst der Gefangenschaft als geistliches Oberhauptder ganzen Judenschaft in hohem Ansehen. EinNachkömmling Davids, Namens Rabbi Daniel BenChisdai, bekleidete damals diese "Würde. Er hatte unterder Autorität des Chalifen den Oberbefehl über allejüdischen Congregationen, worüber der Erstere ihm dasSiegel verliehen habe. Jedermann, so Jude als Mohammedaner,musste sich vor ihm erheben. Wenn er zur Audienzbei dem Chalifen sich begab, war er stets von einemgrossen Gefolge von Reitern begleitet; er selbst erschiendabei ganz in gesticktem Seidenanzuge, mit einem weissen,diademgeschmückten Turban, und vor ihm riefen Heroldelaut aus: „Machet Platz für den Sohn Davids!** SeineGewalt erstreckte sich über Mesopotamien, Persien,Choräsän, Südarabien, Diarbekir, Armenien, Georgienbis zum Oxus, ja selbst bis Indien und Tibet. Er gestattetallen dortigen Gemeinden die Wahl ihrer Rabbinerund Tempeldiener, die aber erst von ihm die Weihe undErlaubnis zm Functionen erhalten, wofür ihm aus denfernsten Ländern werthvoUe Geschenke zukommen. DieserFürst der Gefangenschaft hatte Wohnhäuser, Gärten,Baumpflanzungen und grosse Ländereien in Babylonien,


— 270 —ererbt von seinen Vorfahren, auch bezog er Einkünftevon den jüdischen Herberg^en, Märkten «nd erhob einenZoll von den Waaren. Täglich speiste eine grosse Anzahlvon Israeliten an seiner Tafel« Doch hatte er beiseiner Investitur grosse Summen an den Chalifen undPrinzen von dessen Hause zu zahlen. Seine Einsetzungund Bestätigung geschah durch das Auflegen der Händeseitens des Chalifen in dessen Palast t worauf er unterMusikbegleitung in seinen Wohnsitz zurückkehrte unddaselbst durch Auflegung der Hände die Mitglieder undVorsteher seiner grossen Gemeinde einweihte/* —Derselbe Reisende erzählt uns, dass in Bagdad vielereiche und gelehrte Juden wohnten; theils in der Stadt,theils in der Vorstadt Karch befanden sich achtundzwanzigSynagogen* Die Hauptsynagoge war mit Säulen vonbuntem Marmor geschmückt, mit Gold und Silberreichverziert, auf den Pfeilern waren Inschriften und Stellender Psalmen mit goldenen Lettern zu sehen.Der Altar,auf dem die ThoraroUe lag, hatte zehn Marmorstufen,auf deren oberster der Standplatz des Fürsten der Gefangenschaftund der anderen Prinzen aus dem HauseDavids war.Aus diesen Angaben ist ersichtlich, um wievieltbleranter als die Christen die Araber sich gegendas Volk Israel benommen haben.Die höchste Blüthe der jüdischen Dichtkunst undPhilosophie entfaltete sich in dem von Mohammedanernregierten Babylonien und Spanien. In Granada wurdeim Jahre J027 ein Jude Namens Samuel Ibn NagrelaStaatsminister des Königs Habus. Sein Sohn Abu HassejimJoseph folgte ihm in allen seinen Würden; derselbe warRabbiner und Vesir zu gleicher Zeit. Während er das


— 27J —Staatsruder lenkte ^ fand die erste Judenverfolgung immohammedanischen Spanien statte die jedoch keinenreligiösen^ sondern einen ausschliesslich politischen Charakterhatte» Es hatte nämlich der berberische König Badisden Plan gefasst, alle Araber seiner Hauptstadt niedermetzelnzu lassen, und der jüdische Vesir dieselben vordem Anschlage heimlich gewarnt« Aus diesem Umständeerfolgten Verwicklungen, die zur Vertreibung der Judenund zur Niedermetzelung von J500 jüdischen Familienan einem Tage führten»Vom Jahre UOS— 1145 lebte in Spanien derberühmtejüdische Dichter Jehuda Halevi, der grösste aller DichterIsraels im Mittelalter. In Kleinasien, Syrien und Palästinanahm die Bevölkerung der Juden rasch zu. In jenenGegenden dieser Gebiete, in welchen christliche Herrscherzur Zeit der Kreuzzüge regierten, gab es nur wenigjüdische Gemeinden; im christlichen Palästina kaummehr als JOOO Familien. Wo der Halbmond herrschte,gab es deren bedeutend mehr, und sie befanden sich imblühenden Zustande. In Samarkand soll es im zwölftenJahrhundert an die 50000 Juden, auf der Insel Ceylonan 23000 gegeben haben, die allen übrigen Einwohnerngleichgestellt waren. Der König dieser Insel hatte sechzehnMinister; vier von seiner eigenen Religion, vierChristen, vier Juden und vier Mohammedaner. Auchnach Arabien waren wieder Juden eingewandert; sowohlnach Nordarabien, als auch nach Yemen. In Aegyptenerlebten die Juden ebenfalls ruhige Zeiten.Die zweite Hälfte des J2. Jahrhunderts ist das Zeitalterdes grossen Rabbiners Maimuni (Maimonides), desjüdischen Aristoteles, jenes grossen Denkers, welcher,wie Grätz sich ausdrückt, die Zukunft des Judenthums


— 272 —auf seinen starken Schultern g^etragen hat.Er betrachteteals seine Aufgabe^ es zu bethätigent dass der Menschdas Ebenbild Gottes ist* Alles Unwahre war ihm intiefster Seele verhasst. Er ging darin so weit, dass erselbst der Dichtkunst wenig freundlich gesinnt war, weilin derselben vieles auf Erfindung beruht« Streng gegensich, war er nachgiebig in der Behandlung und Beurtheilunganderer. Er bekämpfte das, was er als Irrthum betrachtete,ohne jemals Hass gegen den Irrenden zu bezeugen.Bescheidenheit, Demuth, Güte des Herzens, eine starke"Willenskraft, ein scharfer klarer Verstand, ein unermüdlicherFleiss und ein riesiges Wissen waren die Eigenschaften,die ihn auszeichneten. Sein Grab trug dieInschrift: „Hier liegt ein Mensch und doch kein Mensch,warst du ein Mensch, so haben Himmelswesen deineHimmelsmutter beschattet*', welche Zeilen später verwischtund durch folgende Worte ersetzt worden sind: „Hierliegt Mose Maimuni, der gebannte Ketzer*^ Seine Verehrerpflegten zu sagen, von Mose dem Propheten, bisMose Maimuni trat keiner auf, der diesem gliche. Maimuniwar aufgeklärt genug, in einem berühmt gewordenenErmahnungsschreiben an die jüdischen Gemeinden zuerklären, dass, wer gezwungen den Islam annimmt undihn zum Scheine bekennt, im Herzen aber dem Judenthumetreu bleibe, desswegen nicht als Abtrünnigerzu betrachten ist. Wer sich als Märtyrer opfere, umMohammed nicht als Gottesgesandten anzuerkennen, habeein hohes Verdienst. Wenn ihn aber Jemand fragenwürde, ob er verpflichtet sei, lieber sein Leben zu lassen,als die Bekenntnisformel des Islams auszusprechen, soantworte er mit einem entschiedenen Nein. Sehr interessantund für alle Religionen typisch sind die Aus-


— 273 —führungen Maimoni^s in seinem Tfostschreibcn an diejüdischen Gemeinden in Yemen^ betreffend den Grundder Judenverfolgungen von Seiten der Christen undMohammedaner. Er sagt, dass die Propheten dieseVerfolgungen vorausverkündigt, überhaupt weilGott uns Söhne Israels durch seine Gnade besondersausgezeichnet und uns zu Trägern derwahrenReligion, der wahrenErkenntnis gemachthat, hassen uns die Völker, nicht um unsererselbst, sondern um des Göttlichen willen, dasin unserer Mitte lebt, gewissermassen, um dengöttlichen Plan zu vereiteln. Seit der Gesetzesoffenbarungam Sinai sei das Judenthum immerVerfolgungen ausgesetzt gewesen, entwederdurchdasMittel des Schwertes, wie zur Zeit des Amalek,Sishera, Senaherib, Nabuchodonosor, Titus,Hadrian, oder durch sophistische Lügenkünste,die zum Abfall vom wahren Glauben führen sollten— Perser, Griechen, Römer — oder durch demJudenthum widersprechende, falsche göttlicheOffenbarungen. Die neue Offenbarung von Nazarethund Mekka verhalte sich zum Judenthumwie ein noch so kunstfertig ausgeführtesMenschenbild zu einem vollkräftigen Menschenleben,die nur Kinder und Thoren miteinanderverwechseln können. Diese in drei verschiedenenGestalten auftretende Feindseligkeit gegenIsrael hätten die Propheten und namentlichDaniel vorausverkündigt, aber auch den Siegder jüdischen Religion über alle anderen Religionengeweissagt. Alle Leiden, die über Israelgekommen, habe Gott nur zugelassen, um)8


274zu hczcugca, dass nur sieReifgffon sind*im Besitze der wahrenDer geehrte Leser wird sich vielleicht erinnern, ähnlicheAusführungfen auch anderswo schon gehörtzu haben * * . * Nichts ist neu unter der Sonne*Die Türkei hatte dieaus Europa vertriebenen Judenebenfalls gastfreundlich aufgenommen* Sultan Suleimanerlaubte ihnen, sich auf Rhodus anzusiedeln, und wardiese Insel grösstentheils von spanischen Juden bewohnt,und zwar, wie der berühmte Reisebeschreiber Breuningmeint, „den Christen und besonders dem ritterlichenOrden zum Trutz, Hohn und Spott". Nach Schweigerbetrieben sie dort Kaufmannschaft, Wucher und Verrätherei,das letztere an den Grenzen, wo sie wie dieZigeuner den Türken als Spione gegen die Christengedient haben sollen* Als Gaukler, Komödianten undwandernde Musikanten hatten sie selbst Zutritt in dieinnersten Gemächer des Serails* Die Juden warenhäufig Leibärzte der Sultane, die Jüdinnen waren beiden Sultaninen allgemein beliebt, angeblich wegen gewisserZauberkünste. Die Juden gelangten im osmanischenReiche bald zu Vermögen und Ansehen* Ohneihren Beistand, bemerkt Zinkeisen, war im diplomatischenVerkehr kaum mehr etwas zu erreichen, und deshalberforderte es schon die Klugheit, dass sich die Vertreterder christlichen Mächte um ihre Gunst bewarben*Als Sultan Orkhan Brussa eroberte und er Kaufleuteund Arbeiter der Nachbarländer einlud, sich dorthin zubegeben, folgten viele byzantinische Juden seinem Rufe*Als Sultan Murad L Adrianopel nahm, kamen diejüdischen Gemeinden den Türken mit Begeisterung entgegen.Auch Sultan Murad IL war den Juden sehr


— 275 —wohigfesmnt und nahm einen Juden zu seinem Leibarzt.Ebenso war Mohammed IL, der Eroberer, denJuden sehr wohlgesinnt* Jüdische Soldaten kämpftenin seiner Armee, als er in Siebenbürgen Krieg führte*In diesem Feldzuge soll auch Rabbi Samuel Soncinogefallen sein, welcher dem Mönche Capistran den Kopfspaltete* Auch Mohammed IL hatte einen Juden zumLeibarzt* Ein anderer, Mose Capsali, ein frommer undgelehrter, asketisch lebender Jude, wurde von Mohammed ILzu den höchsten Würden des Reiches erhoben. UnterBajesed IL erfolgte die Einwanderung in die Türkeider aus Spanien vertriebenen Juden* Derselbe erliesseinen Firman an alle seine Gouverneure, die Judennicht nur nicht zurückzuweisen, sondern überall freundlichaufzunehmen* Juden unterrichteten die Türken imKanonengiessen und in der Pulverfabrikation* Das wardie Rache für ihre grausame Behandlung von Seiten derChristen* Sultan Suleiman I. liess zur grossen Freudeder Juden die Mauern Jerusalems und Tiberias wiederherstellen und soll eine der Mauern der Stadt unterjüdischen Schutz gestellt haben* Wir entnehmendaraus, wie sehr tolerant sich die Mohammedaner gegenIsrael benommen haben und um wieviel christlicher alsdie christlichen Staaten des Mittelalters* So ist es dennwirklich kein Wunder, wenn inden zahlreichen Kriegendes Christcnthums mit dem Islam die Juden immer undüberall Partei für den letzteren ergriffen haben* DiegrösstenFeinde der Juden im osmanischen Reiche warennatürlich stets die Griechen, die immer wieder die Blutbeschuldigungaufs Tapet brachten, so dass nichtweniger als drei Sultane, nämlich Suleiman L, AbdulMedjid und Abdul Aziz sich veranlasst sahen, ineigenenJ8*


276Fifmanen die Unwahrheit der Blutbescholdigungf zu ctklären.Eine fürstliche Stellung nahm unter SultanSulciman und Selim IL der Jude Josef Nassi ein,welcherden Titel Herzog von Naxos und der übrigen i i Inselnerhieltund welchem der deutsche Kaiser eine Jahresrentcvon 2000 Thaler zahlte»Unter Murad IIL erlebten die Juden böse Tage. Ineinem Augenblicke schlechter Laune gab er einmal denBefehl, sämmtliche Juden im ganzen Reiche umzubringen,weil er sich über den von den Juden zur Schaugetragenen Luxus geärgert hatte»Es kam jedoch nichtzu dieser blutigen Massregel» Im Allgemeinen lässt sichsagen, dass die Juden in der Türkei unvergleichlichbesser behandelt worden sind als in den christlichenStaaten» Da sie den Mohammedanern bürgerlich nichtgleichgestelltund ihnen die Bekleidung von Staatsämtern— wenige Ausnahmen abgerechnet — untersagt war,so betrieben sie eifrig den Handel, und es gelang vielenvon ihnen grosse Reichthümer zu erwerben» Warirgendwo nun eine Gemeinde reich geworden, so geschahgewöhnlich, was inder Türkei geradezu zur Regierungsmassregelgeworden ist» Man presste den Schwammaus, nachdem man ihn gerade dort hingelegt, wo ersich voll hatte saugen können, d» h» man liess diereichen Juden furchtbar zahlen, wobei auch häufig,wenn man auf Widerstand stiess, Juden massacrirtwurden» Oft war die Veranlassung zu Judenmassacresaber auch das Auftreten jüdischer religiöser Schwärmer,die sich in Folge übermässiger Leetüre der geistreichenBücher Cabala und Zohar einbildeten, sie seien der imalten Testamente angekündigte Messias, und dadurchUnruhen im Reiche erregten» Im Niederwerfen solcher


— 277 —Unrohen sind die Türken seit jeher Meister gewesen.Der berühmteste von diesen Schwindlern war derSmymaer Jode Schabatai Zevi^ der heute noch Anhängferzählt. Unter Sultan Mohammed II., welcherden griechischen Patriarchen Gregor in Constantinopelhatte aufhängen lassen, weil einige Griechen ein Schiffmit mohammedanischen Mekka pilgern geplündert hatten,fand in Morea von Seite der Griechen ein Massacregegen die Juden statt, welchem 5000 derselben zumOpfer gefallen sein sollen, weil sich dort das Gerüchtverbreitet hatte, die Hinrichtung des griechischenPatriarchen sei auf jüdisches Anstiften erfolgt.Unter Sultan Abdul Medjid erhielten die Juden diebürgerliche Gleichberechtigung. Im Jahre J860 warDamaskus der Schauplatz der blutigen Excesse gegendie Juden, welche beschuldigt wurden, den Pater Thomasund seinen Diener zu rituellen Zwecken ermordet zuhaben, was Einige von ihnen auch unter der Folterbekannten. Durch Vermittelung Montcfiore's und Cremieux'wurden siespäter freigelassen*Es erübrigt noch einen Blick zts werfen auf dieStellung der Juden in Persien und Marokko. In beidenLändern geht es ihnen herzlich schlecht. Es giebt vielleichtwenige Länder, in welchen die Juden sich ineiner so traurigen Lage befinden wie im indogermanischenPersien, wo der Fanatismus der mohammedanischenPriester (MoUahs) die Bevölkerung beständiggegen die Juden aufstachelt. Noch im Jahre 1892fanden dort verschiedene Judenhetzen statt — namentlichin Hamadan — wo die Bevölkerung den Juden22 Ausnahmsgesetze auferlegen wollte. Dieselben sind:Verbot des Ausgehens, wenn es regnet oder schneit.


- 278 —Die jüdische Fraa ist verpflichtet, auf den Sti-assenohne Schleier zu gehen wnd einen zweifarbigen Mantelzu tragen.Jüdische Männer dürfen sichnur in blaue Baumwollekleiden, keine schönen Kleider und Schuhe tragen undmüssen sich auf der Brust ein Stück rothen Stoffes annähen*Kein Jude darf einem Mohammedaner auf öffentlicherStrasse vorausgehen, noch laut mit ihm reden*Verlangt er die Zahlung einer Schuld, so darf diesnur im zitternden und ehrfurchtsvollsten Tone geschehen*Ein Jude muss, wenn er Fleisch gekauft, es vor demBlicke des Mohammedaners verbergen*Der Jude darf keine schönen Häuser bauen*Sein Haus darf nicht höher sein als das seines mohammedanischenNachbars.Er darf seine Zimmer nicht mit Kalk weissen*Die Eintrittsthür zu seinem Hause muss niedrig sein*Er darf sich nicht in seinen Mantel einhüllen, sichnicht den Bart scheren, die Stadt nicht verlassen, nochAusflüge indas Land machen*Jüdische Aerzte dürfen nicht reiten*Ein Jude, der im Verdachte steht, Branntwein getrunkenzu haben, darf unter Androhung der Todesstrafenicht auf die Strasse gehen*Jüdische Hochzeiten sind in aller Stille zu feiern*Juden dürfen kein gutesObst essen*Als diese Gesetze verfasst wurden, liefen die Muslimsschreiend in der Stadt herum und verlangten unter lauterAnrufung Ali's, die Juden sollen getödtet werden,oder sich bekehren* Vierzig Tage waren die JudenHamadans in ihren Häusern belagert und starben fast


— 279 —vor Hunger und Angfst. Der Urheber dieser Bewegungwar ein mohammedanischer Priester Namens Abdullah;ein zweiter Fana tiker dieser Sorte war Seyed AbdulMedjid* Jüdischen Frauen wurde auf offener Strasse derSchleier heruntergerissen^ um sie auf diese Weise zumRang von Prostituirten zu degradiren. Dem 60jährigenRabbiner Abraham liess Abdul Medjid die Bastonade Cftheilen^weil er das Judenzeichen nicht getragen*Es kam soweit, dass die Regierung sich gezwungen sah, Truppen nachHamadan zu senden, um die Ruhe wieder herzustellen*Aehnliche Unruhen fanden noch im Jahre J896 inKirmanschah statt, wo das Judenviertel geplündert wurde*Da ein allgemeines Judenmassacre bevorstand, tratenviele Juden zum Islam über*Ein Gesetz bestimmte, dass,wenn ein Jude stirbt, sein ganzes Vermögen jenen seinerAngehörigen zufallen solle, die sich zum Islam bekennen*Es waren immer wieder die Mollahs, die das Volkaufhetzten*Im Jahre J897 fanden Unruhen gleicher Art in Teheranstatt*Der Anstifter war der Priester Seyed Rihan Allah,welcher die Juden zwang, das Judenzeichen und eineandere Haartracht als die Muslims zu tragen* Damalsschriebder Bagdader Correspondent der AUiance Isra£lite:„In Persien lässt sichdie constante Thatsache beobachten,dass, so oft ein Priester aus seinem Dunkel heraustretenund sich einen Namen als frommer Mann machen will,er den heiligen Krieg gegen die Juden zu predigen beginnt."Die jüdische Bevölkerung Teherans ist arm; esgiebt dort höchstens zwei oder drei Juden, die 30—40000Francs besitzen* Also auch in Persien haben die antisemitischenUnruhen einen ausschliesslich religiösenCharakter*


- 280 —Nicht viel besser ist die Lage der Juden in Marokko*Gewaltthätigfkeiten gegen dieselben sind auch dort ander Tagesordnung. Noch vor J 2Jahren fühlte sich der SultanMuley- Hassan veranlasst , seinem Caid in Schetschuan^Mohammed Ben Ahmed^ den Befehl zu ertheilen, Sorgedafür zu tragen, dass den antisemitischen Plackereien einEnde gemacht werde. Im Jahre J892 beauftragte derSultan seinen Minister der auswärtigen Angelegenheiten,der Judengemeinde zu schreiben, wie sehr ihn die vielenUngerechtigkeiten und Misshandlungen, denen die Judenausgesetzt gewesen, missfallen haben, und dass sie sichin Zukunft bei solchen Gelegenheiten mit ihren Klagenimmer directan den Sultan wenden mögen.Als im Jahre J894 Sultan Muley -Hassan starb undsein Sohn, damals beinahe noch ein Kind, ihm auf demThrone folgte, begannen wieder Judenverfolgungen, dadie schützende Hand des alten Sultans fehlte. VieleStämme im Innern revoltirten gegen den neuen Sultan,und alle diese Unruhen begannen mit Judenhetzen* AlleWochen dringen aus Marokko Berichte von Attentaten,Plünderungen, Fällen von Nothzucht, Bastonaden undZwangsbekehrungen. Ich muss aber hier ausdrücklichbemerken, dass diese Unthaten nicht blos aus religiösemFanatismus erfolgen, der hier im semitischen Marokkoeine kleinere Rolle spielt als im indogermanischen Persien,und dass Diebstahl und Raubsucht die Hauptmotive jenerVerbrechen sind. Nur bei den Gerichten spielt dannwieder der Fanatismus die Hauptrolle, indem den Judendas Recht gewöhnlich verweigert wird und zwar darum,weil siekeine Mohammedaner sind*Ueber die Stellung der Juden in nichtmonotheistischen,also in den sogenannten heidnischen Ländern haben wir


— 28J —nur spärliche Nachrichten. Es ist jcdoeh unzweifelhaft,dass sie nirgends weniger verfolgt wordensind» als gerade in heidnischen Ländern* Der persischeKönig Jesdegerd III. t der vom Jahre 440—457 regierte,verfolgte in gleicher Weise die Manichäer, Christenund Juden; ebenso König Firuz, welcher die Hälfte derjüdischen Einwohner von Ispahan tödten und die jüdischenKinder im Tempel von Horvan gewaltsam für denFeuer-Cultus erziehen liess. Da es den alten PersernJahrhunderte hindurch niemals eingefallen war, anderenihre metaphysischen Privatansichten aufzudisputiren, undsie den ersten Versuch in dieser Richtung erst dannunternahmen, nachdem sie mit den zwei „monotheistischen^*Religionen nähere Bekanntschaftgemacht hatten, so liegt der Gedanke ganz besondersnahe, dass die Zoroasterianer das religiöse Verfolgenzuerst den Christen und Juden abgeguckt haben. Injene Zeit fällt wahrscheinlich die Auswanderung einesTheiles der babylonischen Judenschaft nach Indien, woes bis heute noch zwei Klassen von Juden giebt, die sichin Hautfarbe, Gesichtszügen und Sitten unterscheiden;die weissen und die schwarzen Juden. Nichts deutetdarauf hin,worden sind.dass dieselben jemals Verfolgungen ausgesetztEbenso habe ich nirgends eine Notiz überJudenverfolgungen in China auffinden können.Auch in China existirt seit uralten Zeiten einejüdische Gemeinde. Wann dieselbe dorthin eingewandertist, lässt sich nicht bestimmen, eben so wenig wie beiden Juden im Kaukasus, Buchara, Yemen und Indien*Es ist jedoch aus gewissen Anzeichen wahrscheinlich,dass bereits nach der Eroberung Samaria's durch dieAssyrier und Jerusalems durch die Babylonier Scharen


— 282 —von Juden in die g^enannten Gegenden verpflanzt wordensind. Die chinesischen Juden residiren in Kai-feng-khuund sind heute auf ein geringes Häuflein zusammengeschmolzen*Die erste Nachricht über diese Gemeindestammt von Trigaltius, welcher J6J7 berichtet, dass einJude aus jener Stadt zu Pater Ricci nach Peking gekommenist, um, wie er vermuthete, die Bekanntschafteines seiner Glaubensgenossen zu machen. Das interessanteGespräch dieses chinesischen Juden mit PaterRicci ist uns durch Trigaltius aufbewahrt. Pater Riccizeigte dem Juden ein Bildnis von Christus und Maria,vor welchem Johannes kniet. Der Jude hielt diese Darstellungfür die der Rebekka mit ihren beiden SöhnenJacob und Esau. Eine Gruppe der Apostel hielt derJude für die zwölf Söhne Jacobs. Auf die Frage: „BistDu ein Jehudi?^* antwortete er: „Ich bin ein Israeli.**Er glaubte, dass die Nazarener das mosaische Gesetzbeobachteten, und hatte von der Existenz eines neuenTestamentes nie etwas gehört. Im Jahre J704 besuchtesieder Jesuitenmissionär Pater Gozani, welcher berichtet,dass sie sehr erstaunt waren, als sie den Namen Jesus,des Messias, aus seinem Munde hörten. Sie hätten wohlvon diesem Namen gehört, doch sei dieser Jesus derSohn des Syrach gewesen und nicht der Mann, vondem Gozani sprach. Sie hatten also von Jesus Christusin ihrem Leben nichts gehört. Wie interessant wäre esdoch zu wissen,ob diese Juden auch unter dem Fluchestehen, den sich das Judenthum in Folge der KreuzigungChristi zugezogen. Ich würde meine geehrtenLeser gern über diese Frage aufklären, kann dies leiderjedoch nicht thun, da mir die diesbezüglichen theologischenKenntnisse total fehlen. Die chinesischen Juden


— 283 —haben ihren Ilturgfischen Dienst längfst aufgegfeben unddürften recht bald im Mohammedismus und Buddhismuszerschmelzen^ falls es den Bemühungen der AllianceIsradlite nicht gelingen sollte^ sie dem Judenthume zuerhalten. Vor 40 Jahren starb der letzte ihrer Rabbinen^der noch etwas Hebräisch verstand. Die Kinder werdennicht mehr beschnitten, sie heirathen öfters chinesischeFrauen, die dann ihre Religion annehmen*Ueber die Zahl der chinesischen Juden sind die Berichtesehr schwankend* Herr von Brandt hält sie füreine verschwindend kleine; nach anderen soll sie einehalbe, ja sogar eine Million betragen* Es ist diesäusserst unwahrscheinlich und dürfte auf einer Verwechslungmit Mohammedanern beruhen* Es scheint,dass sie im toleranten China niemals verfolgt wordensind; wenigstens war es mir nicht möglich, irgend etwasüber Judenverfolgungen in China in Erfahrung zubringen* Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin,Folgendes zu erwähnen* Ein mir befreundeter, gelehrterAntisemit bat mich im vorigen Jahre, ich möge ihmmittheilen, was mir bekannt wäre über die Mittheilungeines gelehrten chinesischen Diplomaten, welcher dieBehauptung aufgestellt, dass in China schon um 250V* Chr. Juden der zehn Stämme eingewandert sind,welche sich dort bis heute auf wenigstens 40 Millionenvermehrt hätten und hohe Stellungen inRegierung, Armee und Presse (!) einnehmen und welchedie eigentlichen Urheber der gegenwärtigenChristenverfolgungen seien* Ich antwortete daraufdermit folgendem Schreiben: „Bezugnehmend auf Ihr geehrtesSchreiben vom 20* d* M* beeile ich mich Ihnenmitzutheilen, dass ich von N* N* nichts weiss* Wenn


— 284 —et aber behauptet, dass in China an 40 Millionen Nachkommenvon Juden leben, welche die Hauptufheber derChristenvetfolgungfen dortselbst sind, so ist dies sicherlicheine bewüsste Mystif ication.Was die Juden in China anbelangt, so hat Williamsin dem berühmten Standard work über China: „TheMiddle Kingfdom^% New York (883, darüber geschriebenBand II, Seite 27 J und fgd. Vergleiche auch JamesFinn: „Jews in China**» Darnach leben in Kaifung inder Provinz Honan circa 400 Juden in einem Zustandegrösster Armuth und Ignoranz; keiner von ihnen kannHebräisch lesen, ihre Synagoge ist zerfallen» Dyer Ballin seinem Werke „Things Chinese**, London J893,schreibt: „In a few years the last traces of this JewishCommunity of from two to four hundred souls willprobably bc lost in the mass of their heathen and Mohammedansurroundings»**Vergleiche den sehr interessanten Briefüber die Judenin China vom Jesuitenpater Gozani an Pater Suarezvom 5» n» J704, gedruckt in Aime Martin: Lettresedifiantes et curieuses, Paris (843, III» Band, Seite (49*Pater Gozani hat sie selbst besucht» Sie hatten nie vonChristus gehört und verwechselten ihn mit Jesus, Sohndes Syrach» N» N.'s Behauptung soll wahrscheinlichden Zweck haben, die Chinesen auf Kosten derJuden rein zu waschen, wenn das Ganze nichteine von den Antisemiten erfundene Lüge ist,um den Juden wieder etwas Neues anzuhängen»Solche Behauptungen erinnern mich an die SchwindeleienTaxil^s. Behauptungen wie jene N» N»'s können einemMenschenfreund und Gebildeten übrigens nur willkommensein, da sie der Wahrheit nur um so schneller


— 285 —zum Siege verhelfen, indem sie die Verlogenheit undBosheit, aber auch die Verlegenheit des Gegners bloslegen.Die Chinesen sind fast ausnahmslos Lügner und thunund schreiben um Geld Alles, was man will. N. N.wird auch keine Ausnahme sein/*Wir haben hier wieder ein Beispiel von der geradezuwahnsinnigen Leichtgläubigkeit, deren die Antisemitenin allen jenen Angelegenheiten fähig sind, die sich aufdie Juden beziehen* Die Christenverfolgungen inChina des vorigen Jahres wären das Werk chinesischerJuden! Die chinesische Regierung wäre daranvöllig unschuldig! Das ist allerdings grossartig. Dergelehrte chinesische Diplomat kennt sein Publikum;in verschmitzter Weise versucht er es, den ZornEuropas abzulenken auf den alten, wohlbewährtenSündenbock — die Juden — und er findetwirklich von Judenhass verblendete gelehrteMänner, die ihm vollständig aufsitzen.O, Ironie! In der That, es sind Juden, die daranSchuld sind, dass Tausende von Christen Chinas ineinen Gemüthszustand und eine geistige Verfassungversetzt wurden, dass sie vor die Wahl gestellt, entwederdie alte chinesische Staatsreligion anzunehmenoder unter Qualen zu sterben, das letztere zu wählensich veranlasst fühlten. Aber diese Juden Jehovist,Elohist, Esra u. s. w* sind seit über 25 Jahrhundertentodt, und die heutigen Juden haben mit den Christenverfolgungenin China nicht das Geringste zu schaffen.Auch hat sich die chinesische Toleranz darin bewährt,dass die chinesischen Juden ganz von selbst dazu gekommensind, den Confucius geradeso zu verehren, wie


286die Chinesen selbst — das Gescheiteste, was siethun konnten«Wenn sich der geehrte Leser wundern solltet dass ichAngfesichts der blatigfen Verfolgungen der Christen undMohammedaner durch die Chinesen der grossartigenchinesischen Toleranz Erwähnung gcthan habe, so erlaubeich mir, zu bemerken, dass die chinesischen Verfolgungendurchaus nicht gegen den Glauben derChristen und Muslims gerichtet, sondern hervorgerufensind durch die ablehnende Stellung der letzteren gegendie chinesische Staatsreligion* Am 28* März brachtedas „Vaterland** im Beiblatt zu seiner Nummer 85 dieSchulvereinsrede des Herrn Franz Stadler, welcher inderselben gesagt hat:„Aber wir verlangen diese religiöse,diese christliche Erziehung nicht blos um unseresheiligsten Glaubens willen» Wir verlangen sie vorAllem im Interesse unseres Vaterlandes, denn geradedas Christenthum ist die beste Hüterin des Vaterlandes,der beste Schutz der staatlichen Ordnung. Nurder Glaube ist wahrhaft und unter allen Umständenpatriotisch» Denn der Glaube hat uns zum Gebotegemacht, das Vaterland zu lieben» Der Unglaubedagegen ist kosmopolitisch» Selbst Rousseau musste esgestehen: „Es kann keine Tugend geben ohne Religion;Anfangs dachte ich nicht so, aber jetzt sehe ich, dassich mich getäuscht habe«" (Rufe: Jawohl!) DieVaterlandsliebe ist eine Tochter der Religion»Auch Machiavelli hat das eingesehen, als er sagte:„Vergesset nicht, dass die Anhänglichkeit an dieReligion die grösste Garantie der Staaten ist unddass die Verachtung der Religion ihren Verfall bedeutet»**


— 287 —Kann man es also den Chinesen verübeln, wenn siedieselbe Auffassung vom Patriotismus haben wieRousseau, Machiavelli und Franz Stadler, welch Letztererdie "Worte gesprochen hat: „Die Vaterlandsliebeisteine Tochter der Religion,"Untersuchen wir jetzt die von den Christen gegendie Juden erhobenen Anklagen und Beschwerden.


Fünftes CapiteLDie Blutanklage.19


Unterden vielen Beschuldigungfen^ die seit 900 Jahrenden Juden von Seiten ihrer christlichen Feinde gemachtwerden, ist keine, die den Forscher über Völkerpsychologiederart interessirt, wie jene, die behauptet, es existireim Judenthum eine geheime religiöse Vorschrift, die dieTödtung christlicher Kinder verordnet, um sich derenBlut zu verschaffen und dasselbe bei rituellen Handlungen,Zubereitung der ungesäuerten Brode, Stillung des Blutflusses,Bestreuung der Beschneidungswunde u* s. w* zuverwenden. Nicht nur der Gegenstand der Anklage istdas Interessante in der Sache, sondern auch die Art derEntstehung derselben und die Art und Weise ihrer Verbreitung,sowie das Verhalten der Personen in verschiedenenZeiten zu derselben*in meiner Darstellung alleIch werde mir erlauben,jene Beweisgründe anzuführen,welche von den Antisemiten für die Existenz des Ritualmordcsins Treffen geführt werden, ferner alle Gründe,die gegen dessen Existenz angegeben werden, zu untersuchen,und zum Schlüsse versuchen die ganze Sachethunlichst zu erklären.zwei Formen.Die Blutanklage erscheint uns inIn sehr vielen Fällen wird blos das Tödten,Martern und Kreuzigen christlicher Kinder durch Judenbehauptet, ohne dass von irgend einer Absicht, sichderen Blut zu rituellen Zwecken zu verschaffen, die Redewäre. Bei anderen Fällen handelt es sich blos um dasVerschaffen des Blutes eines Christenkindes, oft sogarohne Tödtung, sondern blos mittels eines kleinen un-19*


— 292 —gefährlichen Schnittes in das Fleisch* Dieser Unterschiedscheint mir äusserst wichtig zu sein und verdient festgehaltenzu werden» Fast alle Antisemiten ignorirendiesen Unterschied und zählen alle Fälle angeblicherTödtung und angeblicher Blutab:2apfung> mit und ohneTödtung christlicher Kinder durch Juden, als zu einerund derselben Gattung von Verbrechen gehörig, in einereinzigen Reihenfolge auf.Der Zweck ist klar und durchsichtig.Es soll dem Leser der Gedanke nahe gelegtwerden, dass in jenen Fällen, wo die Geschichte nur vonTödtung ohne Blutabzapfung spricht, dieselbe doch dereigentliche Zweck des Mordes war, wenn auch der Berichterstatteres nicht ausdrücklich sagt, oder vielleicht nichteinmal wusste. Dies ist zum Mindesten ein kritiklosesVorgehen; geschieht es jedoch mit Absicht, so streift esdas Gebiet frivoler Verleumdung der denkbar gefährlichstenArt. Eine solche Zusammenstellung sämmtlicher in der Geschichteauffindbarer Fälle von angeblichen Ermordungenund Blutabzapfungen mit und ohne Tödtung, von Judenan Christen begangen, hat ein anonymer Schriftstellerunter dem Titel: „Die Juden und das Christenblut^* verfasst.Derselbe hat J53 derartige Begebenheiten mit derJahreszahl, Ort derThat, Namen der Betheiligten, eine kurzeZusammenstellung des Factums, sowie Angabe der Quellegeliefert.Er führt 5 Fälle an, die sich vor dem Jahre J07Jereignet haben, darunter die bekannte Verleumdung desAppio, wonach König Antiochus Epiphanes beiPlünderung des Tempels in Jerusalem auf ein verborgenesGemach gestossen sei, in welchem ein Grieche auf demBette lag, der den König um Rettung anflehte. Aufderdes Königs Nachforschungen sei ihm von den Aufwärternbekannt gegeben worden, es bestehe bei den Juden ein


— 293 —geheimes Gesetz, das ihnen gebiete, jährlich zu einer gcwissenZeit einen Menschen zu opfern. Sie suchten dahereinen Fremden in ihre Gewalt zu bekommen^ mästetendiesen zur bestimmten Zeit^ führten ihn dann in einenWald, wo sie ihn opferten, etwas von seinem Fleischeässen und die Ueberreste seines Körpers in eine Grubewarfen. Nun wissen wir aber von Josephus Flavius, dassAppio behauptet hat, dass die Juden einen goldenenEselskopf anbeten, ferner, dass er das Wort Sabbath, wasbekanntlich Ruhe heisst, mit dem ägyptischen WorteSabbatoess (Sabbo), welches eine Art von Geschwür bedeutet,in Verbindung bringt, dass er somit über dieJuden Unwahrheiten geschrieben hat.Gläubige Christenwerden die Behauptungen Appio's um so weniger glauben,da sich diese angeblichen Thatsachen, nämlich der goldeneEselskopf und der gemästete Grieche, im Jahre i69 v. Chr.zugetragen haben sollen, zu einer Zeit also, wo die Juden,wie die Christen sagen, noch die Träger der einzig wahrenReligion, Gottes auserwähltes Volk, sein Eigenthum, seinErbe, Gottes Kinder, seine Knechte, seine Braut, GottesWohnung, ein königliches Priesterthum, ein heiliges Volk,denen die Aussprüche Gottes anvertraut, die Verwahrerdes geoffenbarten Gesetzes, die Knospe des Evangeliums,die Besitzer der wahren geoffenbarten Religion und deswahren Gottesdienstes u. s* w. u. s. w. waren. Auch warder gemästete Grieche des Jahres J69 v. Chr. — manmöchte wenigstens glauben — kein gemästetes Kind.Soviel über die erste, von unserem Anonymus angeführtegeschichtliche Thatsache. Die zweite Thatsache betriffteine blutige Rauferei zwischen Römern und Griecheneinerseits und den Juden andererseits, von der uns DioCassius berichtet* Die Juden sollen das Fleisch ihrer


— 294 —Feinde gefressen (guten Appetit I)^ ihre Köpfe mit denEingeweiden derselben umwunden^ sich mit ihrem Blutebestrichen und mit ihrer Haut bekleidet haben* Voneinem rituellen Christenkindermorde keine Spur* Im Jahre418 n* Chr* entstand eine blutige Rauferei zwischenChristen und Juden in Alexandrien^ bei welcher sehrviele Christen getödtet wurden, und im Jahre 6J4, behauptetunser Anonymus, sollendie Juden dem persischenKönige Chosroes II* bei der Eroberung Jerusalems 90 000christliche Gefangene abgekauft und dieselben dann grausamermordet haben* Der Autor verschweigt aber, dasses sich in diesem Falle um einen Krieg zwischen demPerserkönig Chosroes und dem oströmischen KaiserHeraklius handelte, inwelchem die Juden auf persischer,die Christen auf römischer Seite standen, dass die Geschichteblos erzählt, dass die Juden 90000 Christenmassakrirt und viele christliche Gefangene den Persemabgekauft, um sie zu ermorden, nicht aber 90000 Christenzu diesem Zwecke abgekauft, was ein Unsinn ist,da sichdieselben sicherlich gewehrt hätten* Von den fünf erwähntenangeblichen geschichtlichen Thatsachen habenalso vier mit dem Christenkindermorde gar nichts zuthun; nur die vierte erwähnt, dass die Juden in demsyrischen Orte Imnestar im Jahre 4J9 n. Chr* ein christlichesKind ans Kreuz geschlagen und zu Tode gegeisselthätten*Es ist aber nicht gesagt, aus welchem Grunde dieJuden dieses Verbrechen begangen, daher dasselbe fürRitualmordfrage nicht zu verwerthen ist* SechseinhalbJahrhunderte vergehen seitdiejenem Morde in Syrien, ohnedass von Ermordungen christlicher Kinder durch Judendie Rede ist* Sehr merkwürdig ! Hätten sie diese schöne


— 295 —Gewohnheit etwa gehabt und dann verloren?Der ersteFall von angeblicher Ermordung christlicher Kinder durchJuden in Europa soll in Blois während des Osterfestesdes Jahres t07i stattgefunden haben. Also ein ganzesJahrtausend war vergangen, ohne dass für Europa einsolcher Fall überliefert worden ist. Hatten die JudenEuropas den blutigen Ritus noch nicht? Oder wusstendie Christen nichts von seiner Existenz? Verblüffend istund bleibt, dass ein Jahrtausend vergangen ist,ohne irgend welche Nachricht über das angeblicheBlutritual. Aber noch viel verblüffender ist derUmstand, dass uns im zweiten Jahrtausend die Kleinigkeitvon J49 solcher Fälle aufbewahrt worden sein soll,die nun vom Jahre J07J angefangen, bis zum heutigenTage sich, wie man behauptet, fortwährend wiederholen.Ich überlasse es meinen geehrten Gegnern, sich dieseshistorische Wunder zu erklären. Es ist ihre Sache nachzuweisen,wie es kommt, dass trotz der grossen Abneigungder Christen gegen die Juden, trotz so vieler,von den Kirchenvätern gegen die Juden verfassten Schriften,in Europa im Laufe des ganzen ersten Jahrtausendsdie Juden weder des Gebrauchs von Christenblut,noch des Wuchers und der Aussaugung derChristenangeklagt worden sind. Unser Anonymus giebt nunin seiner Liste im H. Jahrhundert einen, im t2. Jahrhundert5, im J 3. Jahrhundert 27, im J 4« Jahrhundert J2,im J 5. Jahrhundert J7, im J 6. Jahrhundert 2J, im J 7. Jahrhundert9, im J8. Jahrhundert 7, im J9. Jahrhundert 45(noch ohne Polna) Fällevon Blutbeschuldigung an*Der erste Schriftsteller, welcher in neuerer Zeit versuchthat, die Existenz eines Ritualmordes im Judenthumenachzuweisen, ist Constantin Cholewa de Pawli-


— 296 —kowski in seinem Werket ,,Def Talmud in seiner Theorieund Praxis", Regensburg J860. Derselbe zählt 73 Menschenopferauf, die die Juden entweder getödtet, oder zu tödtenversucht hätten, um sich deren Blutes zu bemächtigen.Geza von Onody giebt ein Capitel von 9 t Seiten überrituelle Mordthaten und Blutopfer der Juden. Desporteshat diesen Thatsachen 200 Seiten gewidmet. Ein ähnlichesVerzeichnis hat Athanasius Fern.Endlich brachtedas Mailander Blatt „Osservatore Cattolico" eine Reihevon Artikeln für die Existenz des Ritualmordes* DerHauptvertreter dieser Anschauung ist Professor Dr. Rohlingund Pfarrer Josef Deckert, welch Letzterer jedoch dieSache nicht apodictisch als wahr hinstellt.Hier habe ich nur jene von den Judenfeinden aufgezähltenFälle erwähnt, bei welchen thatsächlich einKind verschwunden ist, oder sein soll. Natürlich sindsolche Fälle, wo ein verlorenes Kind, von welchem manglaubte, die Juden hätten es gestohlen oder umgebracht,nach einigen Tagen wieder gesund und kregel gefundenwird, bedeutend zahlreicher. Die Jahresberichte derAlliance Israelite bringen regelmässig eine stehende Rubrikunter dem Titel: „Falsche Anklagen". Aus diesen Jahrbüchernentnehme ich, dass die Blutbeschuldigung imJahre J890 erhoben worden ist in Batalan in Böhmen,in Genitschensk in Russland, in Smyrna, in Klobuk inBöhmen, in Damaskus, in Bayreuth, in Mustapha-Pascha;im Jahre J89J in Korfu, in Zante, in Vratza bei Sophia,in Philipopoli, in Yamboli, Aleppo, Smyrna, Budapest,Mustapha-Pascha, Yömlek; im Jahre 1892 in Korfu,Zante, Syra, Port-Seyd, Rodosto, Sylivria, Mustapha-Pascha, Damaskus, Holleschau, Bacau (Rumänien),In-Grandes, Malta; im Jahre J893 in Vratza, Sophia,


— 297 —Sistov, Volof Larissa, Athen, Magnesia, Golin; im JahreJ894 in Cavalla (Türkei), Gallipol, Berent, Sophia, Slivno,Szenicz und Chotzen. So hat jede Nummer der genanntenZeitschrift alle Jahre eine Menge Nachrichten vonsolchen, angeblich stattgefundenen, oder versuchten jüdischenBlutmorden, von denen es sich selbstverständlichimmer herausstellt, dass dieselben auf einem Irrthum beruhen,indem das betreffende Kind fast immer lebendigwiedergefunden wird. Von diesen Fällen ist dannnatürlich nie mehr die Rede« Für das Studium der Fragescheinen sie mir doch ausserordentlich wichtig.Hier kann ich nicht umhin, meine unmassgebendeMeinung über den Mann abzugeben, der gewissermassender Vater des religiösen Antisemitismus genannt zu werdenverdient; ich meine den früheren Prager UniversitätsprofessorCanonicus Dr. August Rohling. Er ist vielgeschmäht, tief beleidigt worden; er wurde öffentlichLügner, Meineidscandidat, Betrüger geschimpft und seinehrlicher Name in den Koth gezogen.Ich kenne Rohlinggut, er ist mein Freund, ich schätze ihn hoch und würde,was seine Ehrlichkeit und Anständigkeit betrifft, meineHand ins Feuer legen. Er war einmal während mehrererTage hier in Ronsperg mein Gast, ich habe Stundenlang mit ihm über die Judenfragegesprochen und weissgenau, wie er darüber denkt. Nun behaupte ich, dassProfessor Rohling durch seine theologischen und mystischenStudien in einen Zustand versetzt ist, der einer partiellenHirnlähmung und der Staarblindheit gleichkommt.Er ist,da er seinem Hange zur Mystik nachgegeben, nachmeiner Meinung nicht mehr fähig,die einfachsten Dingeder Welt objectiv zu beurtheilen, sobald dieselben mitdem katholischen Glauben in entfernter Beziehung stehen.


— 298 —Für ihn ist Alles, was nicht katholisch ist, einfach Irrthumund fast immer bewosster, strafbarei* Irrthum, Teufelswerk.Man muss lesen, wie Rohling über den Protestantismus,über die Rationalisten, über den Liberalismusschreibt, man muss seine "Werke studieren über die christlicheEschatologie, über den Zukunftsstaat, über dieWunder in nichtkatholischen Confessionen, um sich eineVorstellung davon zu machen, wohin dieLehre von deralleinigen Seligmachung, der Schuldbarkeit des Irrthums,der Inspiration sämmtlicher canonischer Schriften einengelehrten und edlen Mann landen lassen kann. Rohlingvertheidigt die Inquisition, die Ketzergerichte und Ahnliches;er glaubt an eine Unzahl von "Wundern göttlichen,wie dämonischen Ursprungs, das Studium mythischerund apocalyptischer "Werke hat seinen "Verstand verwirrt.In allen Fragen jedoch, die mit der Religion nichts zuthun haben, sieht er klar und scharf. Er hasst dastalmudische Judenthum mit der ganzen Wucht einesodium theologicum, hasst aber nicht den Juden, nichtdas jüdische Volk. Ja, ich habe sogar häufig den Eindruckgewonnen, dass er die Juden als Menschen eherliebt als hasst. Nicht um die Juden zu kränken, hater zur Feder gegriffen, sein Zweck ist, wenigstens einenvon ihnen zum Katholicismus zu bekehren.Rohling istsicherlich der festen Ueberzeugung, dass die ungeheuereMehrzahl der Juden ewig in der Hölle brennen wird, erwill daher so viele von ihnen retten, als er kann. Zudiesem Zwecke entwirft er Schauerbilder vom Talmudismusund verschweigt Alles, was sich Gutes von ihm sagenlässt. Die Freude, eine für seine Bekehrungszweckegünstige Stelle in einem hebräischen oder sonstigen Werkeentdeckt zu haben, ist bei ihm, wie ich glaube, jedes Mal


— 299 —eine derartig: grosse, dass er sie ein zweites Mal zu prüfenond zu untersuchen nur aus Furcht unterlässtt dieselbekönnte sich bei näherer Betrachtung und Prüfung dochvielleicht nicht für so brauchbar erweisen, als beim erstenoberflächlichen Durchfliegen* Nur so erkläre ich mirseine Irrthümer.Rohling ist sicherlich unfähig, wissentlich eine Unwahrheitzu sagen, aber er ist blind* Liebe macht bekanntlichblind, der Verliebte sieht nicht mehr die Fehler desgeliebten Wesens und verabscheut Jeden, der dasselbenicht in gleichem Masse bewundert* So Rohling. Seinegrenzenlose Liebe gehört ausschliesslich der römischkatholischenKirche, sie ist sein Alles auf dieser Welt,ihr Seelen zuzuführen ist sein brennender Wunsch* Rohlinggehört mit seinem Fühlen und Denken einerlängst entschwundenenZeit an, er hat keinen Sinn, noch wenigerSympathie für die moderne Aufklärung, für die freieWissenschaft. Er gehört in die Kategorie der altenScholastiker des Mittelalters. Die Reinheit seiner Absichtenund seines Charakters ist aber nach meinerMeinung über allen Zweifel erhaben.Im vorigen Jahrhundert war es Professor Eisenmenger,der in seinem berühmten Werke: „Entdecktes Judenthum**,das über 2000 Seiten fasst und im Jahre 1700 gedrucktwurde, diese Beschuldigung zuerst erhebt und eine langeListe von Christenkindern giebt, die durch Juden ermordetworden sein sollen* Er bemerkt jedoch zum Schlüsse:„Jedermann kann muthmassen, dass nicht Alles unwahrsein müsse; ich lasse es aber dahingestellt sein, ob sichdie Sache so verhalte oder nicht.**Ein antisemitischer Schriftsteller behauptet fälschlich,dass der berühmte Agobardus, Bischof von Lyon, der


~ 300 —im 8« Jahrhundert lebte, die älteren Thatsachen bis zuseiner Zeit mittheilt, und zwar in seinen Werken: „Deinsolentia Judaeortim*^ond „De Judaicis superstitionibus"*Die Vertheidiger der Juden berufen sichaber mit Rechtgerade auf diesen den Juden so feindlich gesinntenBischof Agobardus und sagen, dass in seinen Werkenauch nicht ein "Wort zu finden ist, das eine Anklageauf Christenmord enthält. Es ist aber geradezu undenkbar,dass Bischof Agobard, der den Juden allesmögliche Schlechte nachsagt, vom rituellen Christenmordenichts gesprochen haben sollte, wenn er etwas davongewusst hätte. Sehr merkwürdig ist auch, dass PfarrerDeckert und Abbe Clemens Victor sich ebenfalls nichtauf Agobard berufen, was sie sicherlich thun würden,wenn es ihnen möglich wäre. Ein weiterer, von unsererQuelle angeführter Zeuge für den Ritualmord soll einfrüher zum Christenthum bekehrter Rabbiner PauloMedici sein, der in italienischer Sprache ein Buch geschriebenhat über die Riten und Sitten der Hebräer.Die Vertheidiger der Juden behaupten jedoch,dass sichwas mit dem Ritual-in diesem Werke gar nichts befindet,mord in Verbindung gebracht werden könnte. Eindritter Zeuge für den Ritualmord soll der ExrabbinerMoldavo sein mit seinem Werke: „Untergang der hebräischenReligion*^ Dieses Buch ist einverleibt dem WerkeAchille Laurents: „Relation historique des affaires deSyrie depuis J840ä 1842, etc.''Paris J846, Bd. II, S. 388 ff.Im ganzen Werke wird der Name eines Rabbi Moldavonicht erwähnt, sondern nur gesagt, dass dieses Buchin rumänischer Sprache (langue moldavienne) geschriebenist. Daraus, sagen die Juden, sei der NameRabbi Moldavo fabricirt worden. Der Pfarrer Josef


— 30J —Deckert ciütt ebenfalls das Werk dieses ExrabbinersMoldavo.Ein weiterer Zeuge soll Rabbi Mendel sein. Derselbewar Rabbiner in Kossow in Galizien, starb in derMitte des vorigfen (I9ten) Jahrhunderts und soll einhebräisches Buch gfeschrieben haben unter dem Titel:^tGan naul^* (der geschlossene Garten), das in einigen20 Auflagen existiren und in Lemberg gedruckt wordensein soll. Dieses Buch soll ebenfalls genaue Angaben,betreffend den ganzen jüdischen Blutritus enthalten* DieVertheidiger der Juden haben sich, wie sie sagen, alleerdenkliche Mühe gegeben, dieses Buch zu entdecken,doch ist CS ihnen nicht gelungen. Professor Strackerklärt; dass dieses Buch überhaupt gar nichtexistirt; Abbe Clemens Victor sagt, dieses Buch existirtund befindet sich in der Wiener Hofbibliothek.Selbst die Antisemiten müssen zugeben, dass sich imTalmud nichts vorfindet, was auf das Blutrituale hinweisenwürde. Dafür berufen sie sich aber auf die Aussagedesim Tricnter Processe angeklagten Vorstands derSynagoge Samuel: „Vor langer Zeit, bevor noch derchristliche Glaube in solcher Macht war, hätten die gelehrtenJuden in Babylon unter sich Rath gehalten undseien darüber überein gekommen, dass das Blut einesgetödteten Christenknaben zum Heile der Seele viel nütze,er müsse aber getödtet werden wie Jesus; es sei besser,wenn ein Knabe getödtet werde, als ein Mädchen, auchwenn es unter 7 Jahre alt wäre. Die italienischen Judenhätten davon nichts in ihren Büchern, wohl aberfindet sich darüber Schriftliches jenseits des Oceans (imOriente) bei den Juden vor. Die Sache wird aberunter den älteren und gelehrten Juden als ein Ge-


— 302 -heimnis betrachtet^das von einem auf den andern überliefert,,Daswird.'*Dieses Zettgfnis führt Pfarrer Deckert in seinem Werke:Christenthum im Talmud der Juden** Seite J40 an;was er aber verschweigt, ist die Art und Weise, wiediese Aussagte zu Stande gekommen ist* ProfessorHermann Strack hat es nun in seinem Werke: ,tDasBlut im Glauben und Aberglauben der Menschheit**aufgeklärt, indem erdie Martern und Foltern beschriebenhat, welche gegen Samuel vom Bischof Hinderbach anwendetworden sind, um ihn zum Geständnis zu bringen*Am 30* März J475 wurde Samuel zum ersten Male „verhört**,bei welcher Gelegenheit er vor Schmerzen ohnmächtigwurde. Am folgenden Tage wurde er nackt anHänden und Füssen gebunden, unter einem Seile hochgezogen,so dass die Glieder von der Schwere des Körpersniedergezogen, aus den Gelenken gerenkt wurden. Dieganze Niederträchtigkeit und Grausamkeit der Procedur zuwiederholen, ist hier nicht nothwendig* Man findet sieausführlich bei Strack* Am 3J. März wurde er wiedergefoltert, dann wieder am 3* und 7* April, am 6* Juni,am n* Juni; so gesteht er Natürlich Alles, was manwollte, damit der Tod ihn endlich erlöse* Am 2J*Juliwurde der Mann verbrannt und zwar nur verbrannt, daihm versprochen worden war, dass, wenn er die Wahrheiteingestehen würde, er keinen schmerzlicheren Todwürde sterben müssen, als blos den Verbrennungstod.Ob wohl eine gewisse Gattung sehr frommer Antisemiteneinem christlichen Chinesen, der auf der Folteraussagen würde, dass die Missionäre chinesische Kinderverstümmeln, um mit ihren Körpertheilen Zaubermittelund Arzneien anzufertigen, Glauben schenken würde?


— 303 —Der heilige Jostinus Märtyrer schreibt in seinerII* Apologfie^ Capitel 12 Folgfendes: ffT^cnn, da man aufdie falsche Anklägferei hin^ die gegen uns gäng^ undgäbe ist, Einige hinrichtete, schleppten diese auch Hausgesindevon den Unsrigen, Knaben und Mägdlein zuden Folterbänken und zwingen sie da mit entsetzlichenMartern, jene erdichteten Verbrechen zugestehen»" Derselbe Protest gegen leichtgläubiges Hinnehmendurch die Folter erpresster Geständnisse findetsich auch in der Kirchengeschichte des Eusebius*Wenn also Christen in der Todesangst undunter den Qualen der Folter falsches Zeugnisabgelegt und die von den Heiden ergangenenBeschuldigungen gegen die Christen für wahrerklärt haben, sie, die sich doch des einzig wahrenGlaubens erfreuten und von dergöttlichen Gnade erfülltwaren, wie können dann gewisse christliche Antisemitender Aussage eines oder mehrerer gefolterterJuden so unbedingten Glauben schenken?Um zu beweisen, dass die Juden christliche Jungfrauenschlachten, brachte der bekannte AntisemitDr* Justus zum nicht geringen Erstaunen aller GelehrtenEuropas die folgende Stelle aus einem, Sefer Halikkutimgenannten hebräischen Buche ; sie lautet nach Dr. Justus^Uebersetzungj„Es steht in der hL Schrift (Sprüche 30, J9): DerWeg eines Mannes zu einer Jungfrau etc. (es sind dortin der Bibel drei Dinge genannt, von denen es heisst:Drei Dinge sind mir zu wunderbar und das vierte, nämlichdes Mannes Weg zu einer Jungfrau, verstehe ichgar nicht). Was meint die hl. Schrift damit? Der Sinnist in kurzgefassten Worten folgender: Es ist wunderbar,


— 304 —dass das Jungfrauenblut der Unreinen, der Klipoth (derNichtjüdinnen)t dem Himmel doch ein so wohlriechendesOpfer ist. Ja, nichtjüdisches Jungfrauenblut zu vergiessenist ein ebenso heiliges Opfer als die besten Gewürze, undein Mittel, Gott mit sich zu versöhnen und Gnade aufsich herabzuziehen* Das meint also die hl* Schrift: Esist wunderbar, dass die Jungfrau persönlich unrein undKlipa (NichtJüdin)und doch die Vergiessung ihres Blutesein so teures Opfer ist/^Das Aufsehen, welches diese Stelle erregte, lässt sichdenken* Professor Rohling schrieb damals an denungarischen Abgeordneten von Onody:An den Herrn Abgeordneten Geza OnodyinTisza-Eszlar*Prag, am J9* Juni J883*Nachdem ich in meinen „Antworten an die Rabbiner"gesagt habe, dass ich im Talmud, so weit wirdenselben im Druck kennen, keinen Beweis für denrituellen Mord der Juden gefunden habe, so discutirendie Juden darüber, dass derartiges in ihrer Literaturüberhaupt nichtvorkomme.Ich erachte es für meine Pflicht, jetzt, wo einsolcher Fall gerade vor Gericht verhandelt wird. EuerHochwohlgeboren zu verständigen, dass ich nach Verfassungmeiner obigen Schrift in den Besitz einesdurch die Jerusalemer Unternehmung des MosesMontefiore noch im Jahre J868 hinausgegebenensolchen hebräischen Werkes gelangt bin, auf dessenSeite J56a geschrieben ist, dass das Vergiessen desBlutes einer nicht jüdischen Jungfrau für die Judeneine überaus heilige Handlung, dass das so vergossene,-^v


— 305 —Blut dem Himmel sehr angfenehm and den JudenGottes Erbarmen verschaffe.Dies ist ein kurzer Auszug der glänzen Stelle^welche ich wortgetreu binnen Kurzem der Oeffcntlichkeitübergeben werde.Auf die Wahrheit des Obigen bin ich, wenn esnothwendig ist, bereit, hier vor Gericht auch einenEid zu leisten.Dr. August Rohling m. p.,kaiserl. königl. Universitätsprofessor in Prag«Jetzt trat der alte Nestor dct Professoren für Bibelexegeseund hebräische Sprache, Franz Delitzsch, aufden Kampfplatz. In seiner Broschüre „Schachmatt denBlutlügnern'* brachte er den hebräischen Text der ganzenStelle und gab dazu die folgende Uebersetzung:„(Von einem andern [nämlich Ueberlieferer der Lehrendes Meisters]). Abschnitt der Bibelverse (schaar hapesükim):Drei Dinge sind mir zu wunderlich u. s. w.(wekullo). Das erste ist dies: warum ist das Gesichtdes Adlers, obwohl es unrein ist, doch dem Thronwageneingefügt worden und zwar in der Sefira der Schönheit(ha-tifereth), welche „Himmel'* genannt wird? Das ist'sja, was die Worte: Des Adlers Weg am Himmel besagen(wezehu scheamer). Und das zweite ist derSchlange Weg auf dem Felsen — wie so giebt es einenHalt für die unreine Schlange in (der Sefira) des Reichs,welches „Fels** genannt wird? Das dritte ist des SchiffesWeg im Herzen des Meeres, denn onija (der Name desSchiffes) bedeutet die böse Magd, welche immerfortheulet, mit geheimer Hindeutung auf taanija waanija(Wehklage und Klage Klagel. 2, 5. Jes. 29, 2) — wie20


— 306 —kann sie (die böse Magd) ihre Herrin verjagen und eindringenin das Herz des Meeres^ das ist, in die GemeindeIsrael, welche ,,Meer*' genannt wird. Es ergiebtsich hieraus, dass seine (des dort im Spruchbuch Sprechenden)Verwunderung darin aufgeht: wie giebt esEingang und Wege für die Aussenstehcnden in dieHeiligkeit? Bis hieher (ad kän) von einem Andern.**Wir kommen nun zu dem zweiten Absatz und theilcnihn in zwei Hälften. Die erste Hälfte ist nur über- undeinleitend, so dass sich bei bösestem Willen nichts Argesherausschnüffeln lässt.„Es spricht Samuel [so heisst Chajim Vitals Sohn]:Demzufolge wird der Vers, wenn es weiter (acher käch)heisst: und vier erkenne ich nicht, dies meinen, dass esnoch ein viertes [Verwunderliches] giebt, nämlich einesMannes Weg zu einer Maid, und der Sinn ist nicht,dass es ausser den drei [verwunderlichen Dingen] nochvier andere gebe, denn es geschieht ja ihrer (solcher vierausser den drei) keine Erwähnung* Und ich habe aucheine Erklärung (perusch) des gedachten Vierten unterden Handschriften (kithbe jad) des Meisters gesegnetenAndenkens (zichrono libracha) gefunden und will siehierherschreiben und kurz verdeutlichen.**„Der Sachverhalt ist der, dass es ihm wunderbar erscheint,wie so es Jungfräulichkeitsblut (Blut, welcheszeigt, dass das Hymen der Angetrauten bis dahin unverletztwar) in der oberen Welt geben kann, denn alleDinge, welche hienieden vom Fluche betroffen sind(dies scheint auf den Urtheilsspruch über das WeibJ. Mose 3, J6 zu gehen), haben auch oben, wenn manso sagen darf, eine entsprechende Scharte erlitten, und(dass es ihm wunderbar erscheint), da ja doch die ge-


— 307 -krönte Braut eine Jungfrau ist, mit welcher, fern sei es(chas wcschalom)! kein Mann von den Schalen (d. i.der zu den oberen Welten wie die äusserste Schale sichverhaltenden materiellen sinnlichen Welt) geschlechtlichzu thun hat* Und nicht nur das, sondern da die Begattungnur bewerkstelligt wird mittelst (al jcdt) Besänftigungder richterlichen Strenge und indem dieBarmherzigkeit die Oberhand gewinnt — woher magdie Röthe des Blutes kommen, welches, obgleich (aphal pi) es rein ist (nämlich das Jungfräulichkeitsblut imUnterschiede von Menstruationsblut), auf richterlicheStrenge hinweist? Das ist eine schwierige Frage, undSit ist gleicher Art (al derech), wie was ich erklärungsweiseüber des Adlers Weg am Himmel und des SchiffesWeg in Meeresmitte und der Schlange Weg auf Felsengesagt habe* Es giebt auch noch eine andere Art derErklärung, doch mag das für jetzt genügen*'*Zu den vielen Dingen, zu welchen ich den Judennicht gratulire, gehört ihre heilige Schriftsprache, wennman sie überhaupt eine Schriftsprache nennen darf* Imnächsten Capitel mehr davon* Wenn aber mit dieser„Sprache" auch noch ein derartiger kabalistisch-mystischerUnsinn, solche hirnverrückte Tollheitengeschrieben werden,so ist es kein Wunder, wenn Uebersetzungenherauskommen, wie jene des Dr* Justus*Aber solltedenn wirklich die Blutbeschuldigung einepure Unwahrheit, ein Wahn, eine Verleumdung sein?Sollten sich denn so viele Berichterstatter über so zahlreicheThatsachen constant geirrt haben? Ist es anzunehmen,dass sie Alle gelogen haben? Seit zehn Jahrhundertenfinden wir immer und immer wieder Fälle,dass Juden des Blutrituales angeklagt und schuldig be-20*


— 308 —funden werden, und viele haben es sogar eingestanden;gelehrte Schriftsteller, Christen «nd getaufte Juden, sindfür die Wahrheit desselben eingetreten» Nichts, sollteman glauben, ist daher begründeter und bewiesener, alsdiese Anklage. So die Antisemiten»Die Leugner der Existenz eines geheimen jüdischenBlutrituales haben bei ihrer Widerlegung einen schwererenStand, als ihre Gegner. Ein Negativum lässt sich nurselten beweisen. Es ist unmöglich, zu beweisen, dasssich bei den Juden ein geheimes Blutrituale nicht vorfindet.Der beste Weg, den die Bekämpfer der Blutbeschuldigungeinschlagen können, ist der, nachzuweisen,dass die Menschen unzählige Male Thatsachen geglaubthaben, die scheinbar ebenso bewiesen waren, wie diejüdische Blutschuld, von denen wir aber heute wissen,dass sie auf Wahnvorstellungen beruhten. Die Auswahlist nicht schwer. Eines der wirksamsten Beispiele istder Hexen glaube im Mittelalter. Der geschichtlicheBeweis für die Wirklichkeit der Hexerei ist so durchschlagend,als er nur überhaupt sein kann. Jahrhundertelang werden Fälle von Hexerei nicht blos geglaubt,sondern auch bewiesen. Hunderttausend Fälle dieserArt wurden in fast allen Ländern Europas, d. h. inallen indogermanischen (arischen), nie aber in den turanischen(ungarischen und türkischen) von ernsten Gerichtshöfengeprüft. Gelehrte Rechtsgelehrte und Geistlichewaren die Richter und Sachverständigen, und die angeblichenThatsachen wurden von unzähligen gläubigen,eines Meineides unfähigen Zeugen bestätigt, von denRichtern geprüft, bewiesen und abgcurtheilt. Die Richterwaren in der Mehrzahl der Fälle keine Schurken, sonderndas gerade Gegentheil, sie standen auf der Höhe der


— 309 —Bildungf ihrer Zeit, sie handelten mit dem Bewusstscinstrenger Pflichterfüllungf, im Vollgefühl ihrer Verantwortlichkeit.Sie hatten nicht den geringsten Vortheilvom Verbrennen der unglücklichen Hexen, die häufigarme alte Weiber waren, deren Hinrichtung nicht denkleinsten Nutzen einbrachte* Gelehrte Schriftstellerhaben den ganzen Hexenglauben in ein System gebracht,dicke Bände darüber geschrieben* Erwähnt seihier blos der Hexenhammer von Jakob Sprenger undHeinrich Institoris, die Abhandlung über die Hexen vonBartholomaeus Spina, von Bernhard Comensis, Ambrosiusde Vignate, Franz Leo, Alphons de Castro, PaulusGrilandi, Peter Mamoris, das berühmte Werk Delrio's:Disquisitionum magicarum libri sex, Binsfelds Tractatusde confessionibus maleficorum et sagarum und andereund besonders dieSummis desiderantes*Und doch sagen wir heute,berühmte Hexenbulle Innocenz VIII* Jdie Gebildeten wenigstens:tant pis pour les preuves. Wir glauben es doch nicht*Wir können natürlich nicht beweisen, dass es keineHexen, Zauberer und Besessene gegeben hat, denn einNegativum lässt sich nicht beweisen* Trotzdem sinddem Gebildeten alle oben angeführten Beweise für denHexenglauben unzureichend, und zwar wohl zunächstdarum, weil wir wissen woher und aus welcher Quelleer entstammt und ganz logisch abgeleitet wird* Geradeso spricht heute wohl jeder gebildete Jude über dieKabbalah und das Buch Zohar und über die unzähligenZaubergeschichten desTalmuds*Ich habe die Ueberzeugung , dass heute der strenggläubigsteChrist oder Jude, vorausgesetzt, dass 'erwenigstensseine Matura abgelegt hat, einen Mann, der ihm


— 3J0 —erzählen würde, er habe bei gfesondem Leibe und Geistden Teufel §fesehen, weder zu seinem Cassirer, noch zuseinem Gutsbeamten , noch zum Erzieher seiner Kinderwird engagiren wollen, und würde er ihn auch noch sosehr lieben und schätzen. Der Grund liegt auf der Hand.Ich besitze eine Sammlung von chinesischen Bildern,welche im Jahre tZ9tm Hankau von einem protestantischenMissionär unter dem Titel:„Die Ursache der Aufständeim Yangtse-Thal" herausgegeben und den europäischenResidenten zugesandt wurden, um dieselben in die Lagezu versetzen, sich eine Vorstellung davon zu machen,auf welche diabolische Art und Weise von Seiten der gebildetetenchinesischen Litterati gegen die Europäer gehetztwird. Damals schrieb der Herausgeber in seinerVorrede: Wenn diese Classe von Litteratur nicht unterdrücktwird,Jahre sein.isteingetroffen.dann werden die Jahre, die kommen, blutigeDer Missionar hatte Recht; seine ProphezeiungEines dieser Bilder stellt einen christlichen Gottesdienstvor; an einem Kreuze hängt ein Thier, das bei uns denInbegriff des Schmutzes vorstellt, auf dessen Körper befindensich die zwei chinesischen Charaktere, mit denender Name des Heilandes geschrieben wird. Vor diesementsetzlich obscönen und blasphemischen Bilde knienchinesische Christen, auf drei Bänken sitzen Missionäremit chinesischen Weibern und treiben Unzucht. Obensteht: Die Verbreitung der Religion in den christlichenCapellen. An den Seiten des infamen Bildes steht: „Derunerträgliche Gestank ist heruntergeströmt 200 Jahre.Leute, die sich gewöhnlich gar nicht einmal kennen,kommen von allen Seiten zusammen und paaren sich,wie es ihnen gefällt. Menschliche Wesen und Teufel,


— 3n —Männer und Weiber schlafen auf demselben Polster zusammen.Diese bildliche Darstellung^ hat den Zwecke dieBewohner der J9 Provinzen (ganz China) zu warnen undaufzuklären^ damit sie genau die Thatsachen erfahrenund damit Alle, die unter einander verwandt und benachbartsind, sich zusammenthun und sich sorgfältig vordiesen Verführern schützen , damit die Brüder des himmlischenSchweines nicht in ihre Thüren eintreten.**Ein anderes Bild stellt Missionäre dar, die eineschwangere Frau aufschneiden und ihrdie Frucht herausziehen*Das Bild trägt folgende erklärende Inschrift:,,Alle Menschen tragen Sorge, die drei Pflichten derkindlichen Pietät zu üben, sie sammeln verdienstvolleWerke und bitten die Götter, damit sie mit Söhnen gesegnetwerden. Jeder hasst den gewissenlosen Hahnrei*Beeilet euch, die Häresie wegzufegen und die Teufel zuvernichten; seid auf euerer Hut und erlaubt der Schweinssectenicht, den Himmel zu beleidigen*** Ein drittes Bildstellt christliche Missionäre dar, die mit convertirtenChinesinnen einer Frau die Brüste und einem Kinde denBauch aufschneiden; ein anderes stellt die Castrationeines Kindes durch die Missionäre und deren Convertirten,ein anderes wieder stellt zwei Missionäre vor, die einemauf einem Bette liegenden Chinesen die Augen ausstechen.In einer chinesischen Hetzschrift, die den Titel führt:„Ein tödtlicher Hieb der verworfenen Lehre**, ist Folgendeszu lesen:„Bei Begräbnissen pflegen die Religionslehrer alleVerwandte und Freunde aus dem Hause zu entfernen,und die Leiche wird in einen Sarg gelegt, nachdem dieThüren geschlossen wurden; dann werden beide Augenvon der Leiche herausgenommen und die Höhlung mit


— 3J2 —Pflastern zugfeklebt* Das nennen sie t^das Zusiegfein derAugen für die Reise nach Westen*'» Der Grund, warumsie die Augen herausreissen, ist folgender: Aus JOO Pfundchinesischen Bleies können 8 Pfund Silbergewonnen, derRest 92 Pfund Blei kann dann zum ursprünglichen Preiseverkauft werden« Die einzige Möglichkeit jedoch, umdas Silber zu gewinnen, ist die Vermischung des Bleiesmit Augen von Chinesen. Die Augen der Ausländersind 2u diesem Zwecke unbrauchbar, daher nehmen sienicht die Augen ihrer eigenen Leute, sondern blos jeneder Chinesen* Die Methode, durch welche das Silbergewonnen wird, ist von keinem der eingeborenen Christenjemals verrathen worden während der langen Periode, inwelcher diese Religion hier zu Lande verbreitet worden ist.Sie schneidensogar den Mädchen die Eierstöcke aus,castriren Knaben und benützen verschiedene Methoden,um sich das Gehirn, die hebet und das Herz vonKindern zu beschaffen. Wenn wir nach der Ursachesuchen, die sie zu dieser That veranlasst, so ist es ihrfester Entschluss, unser Volk von Grund aus zu betrügenund unter diesem Vorwande esauszurotten.**Inden sogenannten chinesischen „Blaubüchern**, einerchinesischen Sammlung officieller Documente über alleStaatsfragen, ist Folgendes zu lesen: „Nach meiner Meinungbenützen die verrotteten Secten (Christenthum), um Zaubermittelund Arzneien zu erlangen, gewisse Theile desmenschlichen Körpers und vermengen sie mit Gehirn.Sie beginnen damit, von den Leichen das zu nehmen,was sie brauchen, und wenn das nicht angeht, so nehmensie es von den Lebenden, daher verstümmeln sie Kinder, solangenoch Leben in ihren Körpern ist. Die Mehrzahlder Missionäre, welche seit Aufhebung der Bestimmungen


3J3gfcgfen die Verbreftung des Christenthums nach Chinakommen^ sind Franzosen»In den letzten Jahren haben sich Gerüchte verbreitet,dass siedas Gehirn der Kinder herausnehmen und kleineMädchen verstümmeint denn siebauen nicht nur Kirchen,sondern haben jetztauch Waisenhäuser eröffnet.**Ein anderes chinesisches Werk, das den Titel führt:„Tod der Religion des Teufels", schreibt: „Die christlicheSecte zerhackt die Geschlechtstheile der Knaben; gfrossist die Zahl der Kinder, die auf diese Weise zu Todegehackt wurden. Mögen daher alle Kinder auf ihrerHut sein, da sie sonst durch einen Schnitt des Messersin die Unterwelt befördert werden können.**Diese Hetzschriften sind durchaus nicht das Werkungebildeter Menschen. Die Autoren sind gebildeteLitterati.Nun sei die Frage gestattet. Was ist das? Ist dasWahn, Irrthum oder absichtliche blosse Verläumdung,oder dies alles zusammen? Wir haben hier genau dieselbenMomente, wie bei der jüdischen Blutanklage:Unzählige, angeblich wirklich vorgekommeneFälle von durch christliche Priester an Kindern begangenenFrevelthaten, das Ganze in eine wissenschaftlicheErklärung gehüllt und auch logisch begründet,die Anklagen verbreitet durch sehrgebildete, ^studierte Mandarine, diemöglicherweiseselbst daran glauben* Wir aber wissen, dass diese Anklagenfalsch sind. Wir glauben es nicht blos, wirwissen, dass unsere Missionäre keine kleinen Kinder verstümmeln,wir lachen über den Unsinn und den Zweck,den sie nach chinesischer Auffassung dabei verfolgensollen. Wir sind von der Unwahrheit der Anklage


— 3J4 —geradeso überzeugt, als davon, dass morgen die Sonnewieder aufgehen wird. Und doch können wir nicht beweisen,dass die Chinesen lügen oder sich irren, da sichdie negative Behauptung nicht strict erweisen lässt»Ich habe wiederholt die Beobachtung gemacht, dassim sogenannten Mittelstand auch unter Gebildeten, dieaufgeklärt sind, die ungeheure Mehrheit die Ueberzeugunghat, dass kein gesunder christlicher Priester sich desgeschlechtlichen Umganges mit Frauen enthält* Selbstan die Tugend der Klosterfrauen zweifeln die Meistender erwähnten Menschenkategorie* Der Gebildete, derden Clerus in vielen Ländern gesehen und studiert hat,weiss aber mit apodictischer Gewissheit, dass eine sehrgrosse Zahl von Priestern, in einigen Ländern sogarsicherlich die Mehrzahl ihr Gelübde halten, in Klösternganz gewiss überall die bei Weitem grösstc Majorität*Aber was nützt dem Erfahrenen, dem Wissenden seineUeberzeugung* Die Leute glauben doch ihren Vorurtheilen*Der Beweis des Gegentheils ist logisch unmöglich*In Japan versicherte mich einmal ein sehr gebildeterund vollkommen aufgeklärter japanischer Freund, dassder dortige russische Bischof keinen Japaner in die christlicheKirche aufnehme, der nicht vorher das Bild desKaisers von Japan mit Füssen getreten* Es war mirnatürlich unmöglich, das Gegentheil zu beweisen*Glücklicherweisehatte ich in jenen Tagen einmal Gelegenheit,das russische Osterfest mitzumachen, und wohnte alsZeuge dem Gebete bei, das der russische Priester für denMikado, die Kaiserin und das kaiserliche Haus spricht.Ich bat den Priester um den Text des Gebetes, liess esins Japanische übersetzen und gab es meinem Freunde,


— 3J5 —der sich nun ühctzcu^tct das die russische Kirche fürdas japanische Kaiserhaus betete es also nicht insultirt.In Japan hatte ich einen Diener, der lange in Constantinopelgelebt hatte. Ich war einst gezwungen, ihmdringend zu rathen, täglich ein Bad zu nehmen, undwies auf das Beispiel der Japaner hin, wo jeder Mann,selbst der ärmste, täglich ins Wasser geht» Mein Dienerantwortete mir: „Ja, die Japaner müssen sich täglichwaschen, gerade so, wie die Mohammedaner bei uns,denn wenn sie dies auch nur einen einzigen Tag unterlassen,so stinken sie gleich penetrant, weil sie nämlichnichtgetauft sind!"Ich weiss positiv, dass noch vor wenigen Jahren beiden Ungebildeten in Japan der Wahn verbreitet war,dass die Europäer, wenn ein Japaner nach Europakommt, ihn ergreifen, bei den Füssen aufhängen, ihmein Loch in den Kopf bohren und das herabfliessendeBlut trinken! „Bevor ich meinen Sohn den Jesuitenzur Erziehung gebe, erschiesse ich ihn lieber,'' sagtemir einmal ein gebildeter Wiener Zahnarzt.„Ein Jesuit*',bemerkte mir einmal ein Civil-Reitlehrer, „der erstichtSie, wenn es ihm passt!" Als ich einst einem Türkengegenüber die Schönheit einer europäischen verheirathetenFrau lobte, gab er mir zu verstehen, ich könnte dochleicht ihre Eroberung machen, unter den „Franken" seidies ja gäng und gäbe. Denn ungebildete Mohammedanerhalten jedes unverschleiert gehende Weib für mehroder weniger sittenlos* Mohammedanische Fürsten nennensich oft Herren der keuschen Frauen; das Gegentheilsind dann die Unverschleierten.Die Christen wieder behaupten oft, der Islam lehre,die Weiber haben keine Seele; Blutrache und Päderastie


— 3J6 —seien erlaubt^ jeder Muselman lebe in Polygamiet undzahllose andere Iffthümer. Christliche Missionsschriftensagfen mehr oder wenigfer deutlich^ dass buddhistischeMönche ihr Cölibatsgelübde nie halten und ein höchstunzüchtiges Leben führen, was bei vielen sicherlichrichtig zutrifft, aber ganz gewiss nicht bei allen» DieBeschuldigung wird aber von christlicher Seite als eineausnahmslose festgehalten, da sie nicht zugeben kann,dass ein Ungetaufter die höchste Tugend des Christenthums,die Keuschheit, erlangen und bewahren könne.Wer wissen will, was die Katholiken von den Freimaurern,ihrem angeblichen Teufelscultus, ihren MordundUnzuchtsthaten glauben, der lese die Schriften vonLeo Taxil, dieses grossartigen Schwindlers, dem fastdie ganze katholische Welt aufgesessen ist. Es ist sehrbezeichnend, dass diefurchtbarsten Anklagen von christlicherSeite gerade immer gegen Juden und Freimaurergerichtetwerden; von den letzteren wird dann in gleicherWeise gegen die Dominicaner und Jesuiten vorgegangen.„Zuletzt bei allen Teufelsfesten wirkt der Parteihassnoch am besten^* (Goethe). Aber wo bleibt dann dieWahrheit?Das Repertoire der möglichen Beschuldigungen infamerVerbrechen ist nothwendigerweise sehr klein: es beschränktsich auf Cannibalismus, Blutschande und Unzuchtwider die Natur. Daher finden wir sehr häufig,ja es ist fast eine Regel, dass eine Religion der anderensolche Verbrechen zur Last legt. Es war unmöglich,die Juden der obigen Unzuchtsverbrechen anzuklagen;so blieb denn nur die Möglichkeit, sie des Cannibalismuszu beschuldigen. Wer sich viel mit vergleichender Religionsgeschichtebefasst hat, der wird zugeben müssen.


— 3J7 —dass es ein Wunder wäre» wenn von Seite der Fanatikerdie Anklage des Cannibalismus gegen die Juden nichterhoben worden wäre.Im gläubigen Mittelalter wurden die Juden fast ebensooft wie des Christenmordes der Hostienschändungbeschuldigt. Die Antisemiten sollen einmal die Fragebeantworten, warum die Beschuldigung des Blutritualesgeblieben^ jene der Hostienschändung aber so gut wieaufgehört hat? Der Grund hierfür scheint mir in derheutzutage viel geringeren Intensivität des Glaubens, inseiner Abschwächung und inseinem vielfachem Erlöschenbei Christen zu liegen. Denn der jüdische Fanatismuswird sich doch nicht geändert haben? Es ist aber sehrbedenklich für die Wahrheit solcher Anklagen, wennihre Häufigkeit und ihr Vorkommen überhaupt in einemZusammenhange stehen mit der Privatreligion des Anklägers,ja als eine Function derselben sich äussern.Inden ersten Jahrhunderten des Christenthums warenes die Römer, welche die Christen beschuldigten, Blutschandeund Cannibalismus zu betreiben. Der KirchenvaterTertuUian verwahrt sich in seinem Apologeticusadversus gentes pro Christianis gegen diese infamenLügen und fordert die Feinde des Christenthums auf,Beweise für ihre Anklagen zu erbringen. Athenagorasvertheidigt seine Christen in seiner Supplicatio proChristianis gegen die oben erwähnte Beschuldigung.Als das Christenthum die allmächtige Staatsreligionwurde, hatten diese lächerlichen Anklagen natürlichbald ein Ende, und es ist ausserordentlich wahrscheinlich,dass dieses Märchen in späterer Zeit, da es nichterlöschen wollte, auf die Juden übersprang, wiewohlnicht gleich, sondern auf Umwegen; denn zuerst wurde


— 3J8 —dieselbe Verleumdungf gegen verschiedene Ketzer geschleudert*Dr. Strack hat mehrere Beispiele angeführt.Hieronymüs erwähnt, dass die Montanisten mit dieserBeschuldigung beglückt wurden; man warf ihnen vor,dass sie Kinder mit Nadeln zerstechen, um sich derenBlutes bei ihren Opfern zu bedienen. Und welcheSchandthaten werden erst den Karpokratianern, denKainiten, den Gnostikern, Manichäern, den sogenanntenWahnbrüdern, den Stedingern, Waldensern und wohlnoch vielen anderen vorgeworfen! Was ist nun wahrscheinlicher?Dass diese Thaten wirklich begangenworden sind oder dass sie erfunden wurden, um glaubenzu machen, dass Ketzer und Apostaten in Folge ihresAbfalles von der Wahrheit nothwendig zu Gottverlassenen,Sündern und Verbrechern werden?Es ist nämlich ein bekanntes probates Mittelaller Theologen, wenn sie eine andere Confessionangreifen und Mühe haben, deren Unwahrheitzu beweisen, sich aus der Schwierigkeitdadurch herauszuhelfen, dass sie behaupten,dass die Gläubigen und namentlich die Priesterund Heiligen jener Confession ein unsittlichesLeben führen und aus dem Grunde allein imfalschen Glauben verharren. Ein praktisches Beispielwäre folgendes. Einem Mohammedaner gelingt esnicht, einen Juden von der Wahrheit des Islams zuüberzeugen; der Muslim sagt ihm daher: „Du siehstwohl die Wahrheit des Islams und die Falschheit desJudenthums ein, aber du willst nicht überzeugt sein,weil du im Islam dem Wein entsagen müsstest, unddas willst du nicht, du willst in der Sünde des Trunkesweiterleben. Daher ist jede Ueberredung fruchtlos.'*


— 3J9 -Nun aber kommt das Beste.Was selbst gelehrten und leidenschaftslosen Männernpassfren kann^ wenn sie da, wo keine triftigfen Beweisefür die Wahrheit einer Lieblingsthese vorliegen, dieselbeauf dem Wege von Indicien herauslesen, zuwelchen haarsträubenden Resultaten sie dann oftgelangen, dafür liefert uns ein Buch einen Beweis, dasim Jahre 1847 in Hamburg erschien unter dem Titel:Die Geheimnisse des christlichen Alterthums. Der Autorist G. Fr» Daumer. Das Werk hat 574 Seiten. DerVerfasser behauptet Folgendes: Die alten Juden waren,wie ihre Nachbarn, Anfangs Götzendiener, ihr HauptundNationalgott Jahwe war nichts anderes, als derphönicische Feuer- und Stiergott Moloch, der durchKinderopfer verehrt wurde; sein Symbol war der Stierrespective der Ofen. Das Passahfest war ursprünglichein Fest, an welchem dieser Gott durch Kinderopferverherrlicht wurde. Im Laufe der Zeit rang sich dasJudenthum zu einer höheren Gottesauffassung empor,der ursprüngliche Feuergott Jahwe wurde der unsichtbareeinzige Gott der Welt, und statt der Menschenopfer,die abgeschafft wurden, wurde er durch Thieropferverehrt. Nun kam Christus. Sein Plan sei esgewesen, den ursprünglichen alten Molochcultinclusive Menschenopfer mit Cannibalismuswieder einzuführen. Ihm seien immer viele Kindernachgefolgt, die zu nichts anderem bestimmt gewesenseien, als geschlachtet, als unschuldige Opfer Gott dargebrachtund auf diese expeditive Weise ins Reich derHimmel befördert zu werden. Daraus, dass seine Jüngereinmal verhindern wollten, dass dem Heiland einegrössere Anzahl Kinder auf einmal gebracht würde.


— 320 —damit et sie berühre und segnen schliesst Daumer^ dassdiese Berührung etwas ganz Eigenes an sich gehabthaben müsse ^ nämlich eine W^eihe zum Opfertode.Beim letzten Abendmahl^ meint Daumer, wurdewahrscheinlich ein solches Kind verspeist, daherdas Entsetzen des Judas, der nun hinausging, um dieSache anzuzeigen» Die Anklagen der Juden und Heidengegen die Christen der ersten Jahrhunderte, wonachletztere bei der Feier des Abendmahles schauderhaftenCannibalismus getrieben, hält Daumer für begründet*Er meint, dass es undenkbar sei, dass die so äussersttoleranten und religiös indifferenten Römer, welche inihrem Reiche jeden fremden noch so absonderlichenCult duldeten, unmöglich einen solchen Abscheu vordem Christenthum hätten haben können, wenn nichtbei den Agapen der letzteren entsetzliche Verbrechenverübt worden wären. Tacitus hätte nicht, von denChristen redend, die Ausdrücke gebrauchen können,tper flagitia invisa*% „exitiabilis superstitio*% „malumatrox et pudendum** und sie des „odium generis humani"angeklagt, wenn er nicht dazu einen vortrefflichenGrund gehabt hätte« Ebenso hätte Sueton nichtgeschrieben „genus hominum superstitionis novae etmaleficae", und edle und sanftmüthige Kaiser hättendas Christenthum nie und nimmer ohne triftige Gründeso heftig verfolgt. Nun führt Daumer eine Reihe vonAussprüchen der Apostel und Kirchenväter an, inwelchen von den christlichen Mysterien der Abendmahlsfeierdie Rede ist, von der Verpflichtung, sie vor Nichteingeweihtengeheim zu halten — namentlichdie CyriUs,der geschrieben habe, dass die Mittheilung der christlichenGeheimnisse so gefährlich sei, dass jener, der nicht


32 (stark gfenugf sei, solche Dingte zu ertragfen, dem Wahnsinnverfallen könnte* Derselbe nenne das Abendmahlein furchtbares und schauderhaftes Opfergeheimnis. DieZurückgfezogenheit und das verborgene Leben dererstenChristen führt Daumer auf dieselbe Ursache zurück.Dann citirt er eine Reihe von Aeusserungen christlicherHeiligen, namentlich Märtyrer und ihrer Biographen, wodavon die Rede ist, dass sie ihren Körper, ihre GliederGott dem Herrn „zum Opfer bringen*^Er führt mehrereheilige Märtyrer an, die mit einem Stier, respective Opferstierals Attribut abgebildet werden, und meint, diese Darstellungbeziehe sich nicht auf die Art ihres Märtyrertodes,sondern auf die Gottheit, wegen deren Verehrungsie hingerichtet wurden.Nun reitet Daumer die vielen Legenden vor von derplötzlichen Bekehrung Ungläubiger zum Christenthum,welche Bekehrungen dadurch veranlasst worden seinsollen, dass jene Ungläubigen Hostien bluten oder inderselbenein Kind erscheinen sahen, und behauptet, jenePersonen hätten ganz richtig und deutlich die Schlachtungeines Kindes bei der Messe gesehen und ihre Bekehrungsei nur sagenhafte Ausschmückung*Zur weiteren Bestätigung seiner These führt Daumerdann eineganze Reihe mittelalterlicher Sagen, Legenden,Märchen und Geschichtlein an: die heilige Katharinaund die Mönche am Sinai, die schmerzvollen ErscheinungenChristi vor einigen Heiligen, den Nobiskrug, den Dunstan,angeblichen klösterlichen Menschenraub, die zwölf Brüderin Nürnberg, den Croppenstedter Vorrath, die Klösterzum Lämmchen in Köln, die Gerenonskiste, den Ausgangder Kinder zu Hameln, die Gräfin von Hollandund ihre Kinderschar, die Gräfin von Orlamünde etc. etc.2)


— 322 —Nact Daumer bedeuten die rothen Ostereier den religiösenrituellen Kindermord; das Ei bedeute das Kind,die rothe Farbe ihr vergfossenes Blut. Also habe sichder Cannibalismus verbunden mit dem alten Molochismusnoch bis tief ins Mittelalter hinein erhalten. Massacrekomme von messe sacre = heilige Messe. Messe vonmess = gemeinschaftliches Mahl! Zum Schlüsse seinesBucheSf das einen wahren Regen von nach seiner Meinungtriftigen Beweisen fürden Cannibalismus der Kirche enthälttmeint Daumer^ dass die von den Christen gegendie Juden im Mittelalter so vielfach erhobene Blutanklagenichts anderes gewesen sei als eine Ablenkung der Aufmerksamkeitdurch dieeingeweihten christlichen Priestervon sich auf die unschuldigen Juden. Die jüdischenKinderdiebe seien Christen gewesen^ die sich als Judenmaskirt hätten.Nun frage ich den geehrten Leser, was er dazu sagt?Vergleichen wir die Zahl und Qualität der Beweise für dasjüdische Blutrituale mit jenen, die Daumer für die Existenzdes christlichen Menschenopfers und Cannibalismusanführt und wir werden zugestehen müssen, dass dieoben erwähnten Fälle von angeblichen jüdischen Ritualmordenverblassen und zu nichts werden vor der Zahlund der scheinbaren Beweiskraft der von Daumer angeführtenMaterialien. Wit Christen wissen aber sosicher, als es überhaupt möglich ist zu wissen, dass dieTheorie Daumers falsch ist.Wir erkennen seinem massenhaftherangezogenen Beweismaterial nicht die geringsteBeweiskraft zu, wir verstehen, wie seineentsetzliche Ideein seinem Gehirne entsprungen sein könnte und wie dannseine grosse Gelehrsamkeit diesem Wahngedanken Sklavendiensteleisten und ein ungeheures Beweismaterial herbei-


— 323 —schaffen musste» aber et überzeugt uns doch nichts weilwir das Christcnthum kennen. Aber wie, wenn die Juden»die dem Christenthum fern stehen , sich von Daumerüberzeugen liessen» den Spiess umdrehen und den Christenzurufen würden:»»Nicht wir» sondern ihr seid die Kindermörderund Cannibalen!^' Nun» sie thun es nicht» dennsie sind zu gescheit und haben zu viel bon sens» uman Daumers Theorie zu glauben. Sie sind dazu viel zupraktisch» viel zu sehr gewohnt Gewisses» Wahrscheinliches»Mögliches und Unmögliches auseinander zu halten»kurz» klar zu denken und scharf zu unterscheiden. Nehmenwir uns alle ein Beispiel daran» vergessen wir nie» wieleicht man sich täuschen kann und welch schrecklicheVerwüstungen der Irrthum in der Welt angerichtethat. Schon die Gerechtigkeit verpflichtet zurVorsicht.Uebrigens hat Daumer selbst seinen Irrthum eingesehen»denn er trat später gläubig zur katholischenKirche über.Sehr merkwürdig wird diegegen die Juden gerichteteBlutbeschuldigung» wenn man sie in ihre Theile zerlegtund näher betrachtet. Handelt es sich um Blutabzapfung»oder um Mord» oder um Beides» und was soll der Zweckdabei sein.Hören wir darüber Eisenmenger» den grossenPropheten des Antisemitismus. Er schreibt im Jahre i 700im II. Theil seines »»Entdeckten Judenthums** Seite 225:»»Von solchen entsetzlichen und unmenschlichenJudischenmordthaten» kann noch ein mehrers im obgedachten buch»welches Das schwehr zu bekehrende Juden- herz genennctwird» gelese» auch der Genebrardus im viertenbuch» paginä 343 &c. und das buch Fortalitium fidei»im dritten buch auffgeschlagen werden. Mann höret aber21*


— 324 —jcUigfcr zeit nichts mehr von solchen grausamen thatenin Teutschland, ausser dem das ich, wann ich mich rechterinnere, vor etlichen jähren in der zeitung gelesen hab,dass in Frankenland ein ermordetes kind seye gefundenworden, und habe mann die Juden desswegen im verdachtgehabt: dann weil mann vordiesem mit den Juden sehrscharff verfahren ist, allwo solche Dinge seind begangenworden, so ist nicht zu «weiffeien, sie auss furcht vorder straff sich nun solches blutvergiessens enthalten,wiewohl ihr hass gegen die Christen eben so gross ist,alss er jemahls vor diesem gewesen sein mag. Es istaber auss obigem allem klärlich zu ersehen, dass dieJuden ihnen kein gewissen darüber machen, wann sieeinen Christen tödten, und dass es ihnen erlaubt seinmüsse, wann es nur füglich und heimlich ohne gefahrgeschehen kann.Was den gebrauch des Christen -bluts betrifft, dessenim vorhergehenden ist gedacht worden, so schreibet auchder gemeldte Raderus in seinem Bavaria Sancta, imdritten theil, paginä t72. wie auch paginä i79» auss demEckio cap* II.dass die Judische schwangere weiber ohneChristen -blut nicht gebähren können* Hiervon lassetsich der bekehrte Samuel Friedrich Brentz in seinemJudischen abgestreifften Schlangenbalg, im ersten Capitel,paginä 5. col* i* 2. auch also verlauten: Ist aber eineJüdin vorhanden, die ihrer weiblichen bürden nicht kannloss werden, und in grossen nöthen stehet, so nimmt derRabbi, oder der oberste Jud nach ihm, Pirnas genannt,ein rein hirschen pergament, und schreibet drey unterschiedlicheZettel: den ersten legt mann ihrauff das haupt,den anderen gibt mann ihr in den mund, und den drittenin die rechte hand, so gebähret sie dann. Was aber das


— 325 —für eine dinten sein muss^ damit diese zettel g^eschriebenwerden, halten sie gar verborgen. Ich hab aber solchesdurch wahrhaffte und glaubwürdige geschieht , dass dieJuden bissweilen Christen-kinder gekaufft,oder gestohlen,und dieselbe gemartert, mit deren blut vielleicht solcheZettel geschrieben werden, welches ich wol weiss, sie fürkeine sünde achten, dass sie -wieder die Gojim, das ist,wider die Christen fürnehmen; sagen auch es seye bessermann bringe einen Christen umb das leben, dann dasein ganzes geschlecht solte des Satans sein, das vondiesem mögte herkommen. Dieses seind die wort desBrentzen. Dass sie es aber hier zu brauchen, und es beydenselben solche würckung habe, und die geburt befördere,kann ichnicht glauben*Dass esauch vor diesem bey den Juden gebräuchlichgewesen sein soll, an ihrem Osterfest Christen -blut zugebrauchen, und dasselbe in ihre süsse kuchen, welche siematzkuchen nennen, und in ihren wein zu mischen, dessenwird auch in dem büchlein Schevet Jehüda fol* 6 col* 2gedacht, und allda gelesen, dass der König von SpanienAlphonsus mit einem gelehrten, nahmens Thomas, welcherohne zweiffei ein bekehrter gewesen ist, desswegen geredetund ihm gesagt habe, dass ein Bischoff in seineStatt, nemlich nach Madrit, gekommen seye, welcheröffentlich geprediget habe, dass die Juden kein Osterfesthalten können, alss mit Christen-blut, und habe er desswegenselbigen gefraget, ob es wahr seye dass solchesgeschehe, der Thomas aber habe dem König, wie esalldafol* 7* col. (* 2* in hebreisch vorgebracht wird, alsogeantwortet: Siehe wir haben gesehen, dass ein Jud keinblut isset von allem was da lebet, ja sie haben auch verbottendas blut von den fischen zu trinken, von welchem,


- 326 —die Talmudistcn doch sagen, dass es nicht blut gfenennctwerde, und ist dassclbige bey ihnen sehr verachtet («ndeckelicht) dieweil (ein Jud) nicht daran gewehnet ist;wiewol er siehet dass viel Völcker das blut essen: wieviel mehr wird er dann vor dem blutder menschen einenabscheuen haben, da er keinen menschen gesehen hatt,welcher dasselbe esse? Der König kann auch solchesdaran sehen, dass wann ein Jud von einer leber (odereiner sach die hart zu beissen ist) isset, und ihm aussden zahnen (oder seinem Zahnfleisch) blut darauff gehet,so wird er selbige nicht essen, bis dass er es abgeschabenhatt* Nun ist bekannt, dass der mensch an andererleuthen blut einen grösseren eckel hatt alss an seinem,und dass er auch an seinem eigenen blut einen abscheunhabe, die weil er desselben nicht gewohnet ist* Hieraussiehet mann also, dass gedachter Thomas die Juden indiesem stück,vor unschuldig erkläret habe.Der Rabbi Isaac Abarbenel klaget auch in seinerausslegung über den Propheten Ezechiel, fol. 202. col. 4.über die wort des 36. capitels v. (4. Also spricht derHErr, weil sie zu euch sagen, du bist eine menschenfresserin,über solche beschuldigung, wann er in diesewort aussbricht: Siehe er (nemlich der Prophet Ezechiel)hatt diese prophezeihung, Weil sie zu euch sagen, dubist eine menschen-fresserin , hierzu gesetzet, umb damitauff das grosse unglück zu deuten, welches uns indiesem exilio oder elend unter den kindern Edoms (nemlichden Christen) wider fahret, welche den KindernIsraels einen bösen ruff machen, dass sie die Gojim oderChristen heimlich tödten, auff dass sie am Osterfest vonihrem blut essen: und ist diese Unwahrheit und lügeneine ursach sehwehrer Verfolgungen, und todtschlägen


— 327 —gewesen f welche die Gojim oder Christen an unseremVoick verübet haben* GOtt räche derselbigen räche.Ebensolchesschreibet er auch in seinem buch Maschmia jeschüafoi. 45 col. i* und seind dessen allda befindliche wortschon oben pagfinä 103* in diesem zweiten theil, imzweiten capitel beygfebracht worden*Es könte also hieraussgeurtheilet werden^ dass den Juden in dieser sach unrechtgeschehen seye» sonderlich weil in den büchern Mosis»alss Genes* 9* v* 4. und Levit. 7. v* 26* 27* und J7. v* J4*wie auch Deuter. J2. v. 23. 24* 25. es so scharff verbottenist* Dieweil aber von vielen wackeren authoribus istgeschrieben worden, dass die Juden der Christen blutbrauchen t welche es mit exempelen erwiesen haben t dievon denselben getödtete kinder auch meistensauff Osternseind umbgebracht worden , so kann mann dargfegenmuthmassen, dass nicht alles unwahr sein müsse* Ichlasse es aber dahingestellet sein, ob die sach sich alsoverhalte, oder nicht* Dass aber die Juden den kindermordmeistens auff Ostern begangen haben, wird ohnezweiffei desswegen geschehen sein, weil unser HeylandChristus auff Ostern ist gecreutziget worden, zu dessenVerachtung sie solches thun* Dieses seye aber hiermitvon diesermateri genug*^*Also die Nachricht, dass der Zweck des Blutes dieErleichterung der Entbindung einer jüdischen Frau sei,entstammt der Feder eines jüdischen Apostaten; dass esfür die Osterkuchen verwendet werden soll, hat derspanischeKönig Alphonsus gehört*Die Proselyten Friedrich Brenz und Paul ChristianKirchner wären also die zwei Hauptzeugen für die Blutanklage,wozu man noch den mysteriösen Rabbi Moldavound den Rabbi Mendel mit seinem unauffindbaren Buche


- 328 —Gan naul rechnen kann. Zo erwähnen wäre noch einsicherer Paulus Meyer, von welchem der katholischePfarrerDeckert schreibt:,,Der Convertit Paulos Meyer, der inseiner Broschüre:ffWölic im Schafsfelle", Leipzig J893, E. Rust, sich S. 76Dr. Strack gegenüber erbot, in einer öffentlichen Discussionnachzuweisen, dass der Gebrauch des Christenblutesin dem Ritus der Juden noch jetzt seine volleGeltung habe — und dafür auchden wissenschaftlichenNachweis in einem „Buche" (chesronoth h'schas) zuführen — hat sichaber als „Schwindler" oder wenigstensals „Feigling** entlarvt, gelegentlich des Ostrowo-Processcsin Wien 1893. Merkwürdig bleibt aber immerhin dessenBemerkung, 1* c. S. 74, gegenüber Nöldeke und Strack,welche behaupten, im Talmud stünde nichts vom Blutaberglauben;das sei ein Beweis, dass sie den Talmudnur oberflächlich studiert haben.**Professor Strack schreibt:„Diejenigen Proselyten, welche die in Rede stehendeBeschuldigung gegen das Judenthum ausgesprochenhaben, sind durchweg ebenso boshafte wie unwissendeJudenfeinde gewesen, auf deren Aussage, da keine Beweisehinzugefügt sind, kein Gewicht zu legen ist,z. B. Samuel Friedrich Brenz, Verfasser von „Jüdischerabgestreiffter Schlangenbalg**, Nürnberg J6J4 (wiederabgedruckt in J Wülfer's Theiraca Judaica ad examenrevocata, das. J68J, 4^) oder Paul Christian Kirchner,*)*) "Was für ein Gesell dieser K. gewesen, haben Joh. de le Roi,Die evangelische Christenheit und die Juden I« (J884), 405, und S. J.Jugendres, der Veranstalter einer zweiten, verbesserten Auflage des„Ceremonicl", Nürnberg, J734, S. J50 gezeigt. Letzterer begründet zugleich,weswegen K. „mit dieser Beschuldigung hätte zu Hauss bleiben


— 329 —Verfasser von ,Jüdisches Ceremoniell", Frankfurt i720roder Paulus Meyer, den die Berliner Antisemiten imJahre J892 mich zu verleumden gedungen hatten undder dann wegen seiner Schrift ,,Wölfe im Schafsfelle,Schafe im Wolfspelz! Enthüllungen über die Judenmissionund eine Abrechnung mit Professor Strack.Alle Rechte vom Autor vorbehalten 1^% L. J893 (94) imNov. J894 vom Königlichen Landgericht in Leipzigwegen verleumderischer Beleidigung zu einem Jahre undzehn Monaten Gefängnis verurtheilt worden ist. Uebersein „"Wirken" in Wien vgl. J8 zum J. J893 ,,DasKleeblatt P. Meyer, J. Deckert, F. Doli". — Sogar einso judenfeindlicher Proselyt wie Julius Morosini, f J687als Lector der hebräischen Sprache in Rom, Verfasservon Via della fede mostrata agli Ebrei, Rom J683, hatdie Anklage des Blutgebrauchs als eine Erfindung bezeichnet,und auch der Arzt Paolo Medici, Riti e costumidegli Ebrei confutati, Madrid (727 und oft, hat sie nichtausgesprochen."Hierzu erlaube ich mir nun zu bemerken: Es gibtnach deutschem Strafrecht kein Verbrechen der Feigheitfür Civilisten, für welches man in Leipzig zu einemJahre und zehn Monaten Gefängnis verurtheilt werdenkönnte. Das weiss Pfarrer Deckert so gut wie jederAndere; auch konnte er leicht in Erfahrung bringen,dass Paulus Meyer wegen Verleumdung und nichtwegen Feigheit bestraft worden ist. Was meint alsoPfarrer Deckert mit den Worten: „Schwindler" oderwenigstens als„Feigling"?sollen'^ Dass K. bewusst die Unwahrheit gesagt hat. ergiebt sichaus einem Briefe des gelehrten Pastors Chr. Teoph. Unger (gest. J7J9)an Joh. Chr. Wolf (s. dessen Bibl. Hebr. III. S. 9J4).


— 330 —Im Chesfonoth h'schas haben wir wieder einmal einunauffindbares Buch^ wie der Gan naul — schönes Beweismaterial!Was aber die Aussagfe des ungflücklichen^ siebenmalgefolterten Samuel^ der nach zweimonatlichem Martyriumzur Verbrennung begnadigt worden ist für denFall und unter der Bedingung , dass er die Wahrheitgestehe t so war seine Bemerkung ^ es müsse sich inden jüdischen Büchern jenseits des Meeres (im Oriente— wie Deckert hinzufügt — ) etwas darüber finden, geradezuausgezeichnet» Denn er sagte dies im Jahre J475,also 22 Jahre nach der Eroberung Constantinopels durchdie Türken. Wäre damals ein Christ nach dem Orientgereist, um die gewünschten Bücher zu entdecken, sowäre er höchstwahrscheinlich von den Muslims todtgeschlagenworden» Vielleicht hat Samuel daran gedachtNun aber zu den Zeugen gegen die Existenz einesRitualmordes. Da haben wir keine unauffindbarenBücher, gefolterte arme Menschen, fanatische Volksmassenoder zwei bis drei Proselyten, sondern eine ganzandere Gesellschaft tritt uns hier entgegen; vier Päpste,zum Christenthum aus Ueberzeugung übergetreteneJuden, darunter Priester, Zeugnisse notorischer Judenfeinde,Zeugnisse gekrönter Häupter und, was nochwichtiger ist, Zeugnisse und Gutachten gelehrter Orientalisten.Gehen wir siedurch.Als Zeugen für die Unwahrheit der Blutbeschuldigunglassen sich anführen: die Päpste Innocenz IV., Gregor X.,Martin V., Paul III., Clemens XIV., ferner die Sultane


— 331 —und Chalifen Suleyman I.^ Abdul Medjxd und AbdulAziZf Kaiser Otto III. und Friedrich IL, Rudolf vonHabsburgf, Kaiser Sigismund, Friedrich IIL und AlezanderL, Königf Ferdinand der Katholische und Königf AIphonsoVIII» und Andere, ferner Dr. Luther, die gelehrtenAntisemiten Wagenseil und Schudt, de Lagarde, derJesuit Haselbauer, die Leipziger Universität in ihremGutachten vom 8. Mai 17H, Erzbischof Lathas,CardinalMoran, Bischof Draeseke, Bischof Kopp, Bischof Rcinkens,die Gelehrten und Professoren Franz Delitzsch,Oort, Alois Müller, Gustav Dalman, Dr. Stade,ProfessorMcrx, Professor Nöldeke, die Professoren S. und H.Strack, Professor Wünsche, Professor Camphausen, G.Freytag, Victor Hugo, Ernst Renan und Professor Masaryk,der im Oktober J899 in Rom versammelt geweseneOrientalisten-Congress. Ein weiterer Grund für die Unwahrheitder Blutbeschuldigung ist das Schweigen hierüberder dem Talmudismus so feindlich gesinnten jüdischenKaraiten und Samaritaner, sowie dasSchweigen des Bischofs Agobard von Lyon und derAnnalen des Cardinais Baronius. Auch das Zeugnisgetaufter Juden gegen die Blutbeschuldigung isthier anzuführen,und zwar haben 58 Proselyten die Lügenhaftigkeitder Anklage behauptet.Unter solche Zeugenfallen ausserdem: Pfefferkorn, Aloysius von Sonnenfels,der berühmte Neander, Missionär Biesenthal, DanielChwolson, Professor Kaikar, Christiani, DompredigerVeith.Möge jetzt der Leser Zeugen und Gegenzeugen aufdie Schalen einer Wage legen und sich ein Urtheil bilden*Selbst der frechste Judenfeind konnte bis jetzt nichtbehaupten, und keiner hat es meines Wissens noch zu


— 332 —thun gewagft, dass die Juden in ihrer Majorität^ — alsodas Jüdenthum — Kenntnis haben von der Existenz einesBlütfituales in ihrer Religion; sie sind vorsichtig undsagen^ das Blutrituale erbe sich fort im Geheimen ^ seinur einigen wenigen Juden bekannt — den Eingeweihten— wie der Ausdruck lautet. Immer und immer dasalte Lied!Gewisse Christen wissen^ was in den geheimstenjüdischen Conventikeln geschieht: Millionen von Judenhaben keine Ahnung davon.Andere Christen sind genauunterrichtet über das, was in den Versammlungen derFreimaurer vorgeht; nur die Majorität der Freimaurerhat davon keine Ahnung. Was die für Trotteln seinmüssen !Die chinesischen Litterati wissen bestimmt, wasin den christlichen Klöstern in China für Gräuelthatcnverübt werden. Nur wir Christen haben davon keineVorstellung.Eine gewisse Classe von sogenannten Aufgeklärtenweiss genau, was der Jesuitenorden beschliesst,denkt und will, aber kein Jesuit hat Kunde davon; sofabelt einer über den andern, jeder weiss besser, was imNebenhaus geschieht, als der eigene Hausherr. Das istthatsächlich grossartig. Das ist und bleibt für mich einBeweis von der fabelhaften Urtheilsunfähigkeitder Menschen*Enthüllungen sind immer etwas sehr Bedenkliches,wie die Affaire Taxil beweist. Einige sagen, die Judenbrauchen Christenblut, um jüdischen Frauen das Entbindenzu erleichtern, andere, um die Beschneidungswundedamit zu bestreuen, andere, um daraus die WLa-ZZca.zu machen. Meinetwegen; aber wozu denn dann dasKind tödten? Sie können sich ja das Blut leicht undbillig verschaffen. Es gibt doch arme Eltern, derenKinder Nasenbluten haben und wenn sie dafür etwas


— 333 —Geld bekommen könnten^ würden sie den jüdischen"Wünschen im reichlichsten Masse entgegenkommen. Underst von anderen Blutungen nicht zu reden. Das Blutchristlicher Kinder könnten die Joden flaschenweisebekommen^ ohne befürchten zu müssen^eingesperrt oder aufgehängt und massakrirt zuwerden.Will man darauf antworten^ dass dies nicht genüge^und dass das arme Kind in Qualen gestorben sein müsse,wozu dann die Geschichten von Juden, die den Kinderndas Blut nur abgezapft haben und zwar nur ein paarTropfen, ohne ihrer Gesundheit zu schaden? Handelt essich um Ermordung christlicher Kinder aus Rache oderAberglauben, was solldann die Geschichte von der Blutabzapfung?Mit der Tödtung oder Marterung wäre jaGenüge gethan. Und was haben denn eventuelle Verbrechendieser Gattung mit der Religion zu thun? DerVerfasser der Broschüre: ^»Die Juden und das Christenblut'*gibt zwei Fälle an, in welchen Mohammedanerdie Opfer gewesen sein sollen. J824 in Bairüt derDolmetscher Fatch-allah Seyegh und J829 eine Türkin.Was haben denn diese Morde mit Christenblut zu thun?Andere Antisemiten behaupten, dass sogar jüdische Kinderals Opfer gewählt worden sind. Eine grosse Zahl dervom Verfasser dieser Broschüre erwähnten Fälle enthaltenselbst naeh Angabe des Verfassers nichtsauf einenRitus Bezügliches, und wären, wenn sie stattgefunden,blosse Morde. Und wer wird denn behaupten wollen,dass Juden nie aus Rache oder Lust einen Kindermordbegangen, oder dass sie solcher Thaten und Motive unfähigsind? Das wäre ein unverdientes Complimentfür die Juden. Das Verbrechen ist leider intercon-


- 334 —fessionell und international zu allen Zeiten ^ bei allenVölkern;unter den Bekennern einer jeden Religion sindarme Kinder aus Grausamkeit^ aus Radie^ oder Unzuchtdas Opfer verworfener Verbrecher geworden. Solltensich nur unter den Juden keine Verbrecher dieserArt gefunden haben? Gewiss, auch unter ihnen gabes solche. Aber die Antisemiten scheinen sie dazu fürunfähig zu halten. Jcdct Mord, den ein Jude begeht,wird alsRitualmord vorgeritten.Gross ist leidet die Rolle, die das Blut im Aberglaubender Menschheit spielt. Man vergleiche die zahlreichenBeispiele in Professor Dr. Stracks hochinteressanterBroschüre: „Das Blut im Glauben und Aberglauben derMenschheit^S München J900. Sollen etwa die Judenallein gefeit gewesen sein gegen jede Gattungvon localem Blutaberglauben der Völker, unterdenen sie lebten? Sollten sie nie davon angestecktworden sein? Auch das ist unmöglich.Sollten aber, was durchaus nicht bewiesen ist, abermöglicherweise vorgekommen sein könnte, Juden Christenkindergetödtet haben aus religiösem Wahnsinn oderFanatismus, im Glauben, eine religiöse Pflicht, oder eineGott wohlgefällige That zu erfüllen, so wirft das nichteinen Schatten auf diejüdische Religion oder das Judenthum.Denn solche Verbrecher hätten das Gesetz desJudenthums mit Füssen getreten; sie wären Juden nurdem Namen nach, aber Verbrecher an der jüdischenReligion und amJudenthum* Wenn katholische italienischeBanditen am Freitag fastenund der Madonna eine Kerzeversprechen, wenn ihnen ein Ucberfall gelingt, oder sichsonst noch so fromm nicht nur gebärden, sondern auchfühlen, so sind sie doch Katholiken nur dem Namen


— 335 —nach, in "Wirklichkeit aber Frevler» Verbrecher am katholischenGlauben. Wenn ein Muselmann Päderastiebetreibt, in Friedenszeiten Christen und Juden beraubtund bestiehlt, so hat er aufg:ehört Muslim zu sein undmagf er sich selbst noch so sehr für einen frommenGläubigfen halten*Und selbst wenn, was noch nie gelungen ist, derBeweis geliefert würde, dass unter den Juden eine Sectebesteht, die den Mord des Ritus betreibt, so wäre derSache der Antisemiten noch immer nicht gedient, denndie Verirrung einer Secte besudelt nicht den Glauben,aus welchem sie entsprossen.Kein Vernünftiger, dem derFanatismus nicht das Urtheil verkümmert, wird auf denIslam einen Stein werfen wollen, weil auf seinem Bodendie Verbrecherbande der Assassinen erwachsen, oderdem sanften und edlen Hinduismus, weil sich aus seinemSchosse die Mördersecte der Thugs entwickelt hat, dieihre Göttin Durga durch Erwürgung, und zwar rituelleErwürgung unzähliger Opfer verehrten und dienten*Wer würde, wenn nicht von Hass verblendet, das Christenthumals solches anklagen für die Gräuelthaten so vielerauf seinem Boden entsprungenen Secten, oder das Freimaurerthumfür die Thaten einzelner seiner Mitglieder,oder selbst vielleicht ganzer Zweiglogen? Wer würdeeswagen, christliche Orden oder Congregationen verantwortlichzu machen fürdie Thaten einzelner Mitglieder?Die Antwort der Antisemiten auf diese Fragen istbekannt* Wenn irgendwo ein ritueller Christenmord vorkommt,so nimmt sich gleich das Judenthum wie einMann der Sache seiner angeklagten Glaubensgenossenan* Da wird von den Juden gepoltert und geschrien,Richter und Geschworene bestochen und bedroht, die


— 336 —öffentliche Meinung in der Presse bearbeitet ttnd itrcgeführt, sogar die Regierung eingeschüchtert, bis dieSchuldigen endlich freigesprochen werden! Dies beweist,sagen die Antisemiten, dass sich alle Juden der "Weltmit den Mördern solidarisch fühlen, indem sie wie einMann für den Beschuldigten eintreten und kein Opferscheuen, bis sie ihn gerettet haben* Das ist zwar gutgebrüllt, hat aber doch einen Haken. Es wäre wohl so,wie die Antisemiten sagen, wenn die Majorität der JudenKenntnis hätte von der Existenz eines Blutrituales*Das aber soll, wie die Antisemiten behaupten, gar nichtder Fall sein; denn die Zahl der Wissenden und Eingeweihtensoll ja eine sehr geringe sein* Also erscheintdieBlutanklage den meisten Juden der Welt alsein infames, verleumderisches Attentat gegen die Religionihrer Väter und daher erheben sie sich dagegenmit allen Mitteln wie ein Mann*Das ist aber sehr erklärlich; denn, da die Christendas talmudische Judenthum als solches des Ritualmordesbeschuldigenund nicht etwa einzelne Juden des Mordesaus Unzucht, Rache oder Aberglauben, so betrifft dieBeschuldigung thatsächlich jeden einzelnen Juden mit*Die Juden wissen aber auch nur zu gut, dass, so ofteine Blutanklage dieser Gattung irgendwo auftaucht, esvon christlicher Seite von Insulten und Thätlichkeitengegen die Juden zu regnen beginnt.Früher wurden siebekanntlich bei solchen Gelegenheiten dutzendweise gefoltert,massakrirt, verbrannt, gerädert und gehenkt*Kein Wunder also, wenn sie sich in solchen Fällen sobenehmen, wie sie es thun, und bei ihrer Vertheidigungoftgar sehr über die Schnur hauen, das Ziel überschiessenund viel Unsinn reden und schreiben*


— 337 —Nein, nof dann könnte den Joden ein Vorwurf wegenParteinahme für die Christenkindermörder gemacht werden,wenn die Anklage nicht auf Ritualmord gerichtet, oder,wenn letzteres der Fall wäre, falls die Juden selbst andie Existenz eines Ritualmordes glauben würden* Dasist aber sicherlich nichtder Fall und von den Antisemitenmeines Wissens auch nie behauptet, freilich aber oftinsinuirt worden« Ich kenne viele, sehr viele Juden vonallen Schattirungen* Juden waren meine Lehrer derRechtswissenschaften, und als Diplomat hatte ich sehroft Gelegenheit in jüdischen Häusern zu verkehren; ichglaube das Volk gut zu kennen. Es ist meine Ueberzeugung,dass Hunderttausende von Juden sich sofortconfessionslos erklären würden, wenn sieauch nurden Schatten eines Verdachts hätten, dass im talmudischenJudenthum so etwas wie Ritualmord existirt; im bestenFall würden sie dem Talmudismus einen tüchtigen Fusstrittgeben und jüdische Karaiten werden, weil diese denTalmud verwerfen, nur die heilige Schrift anerkennenund weil gegen sie nie die Blutanklage erhoben worden ist.Der Gedanke, dass gebildete Männer im Judenthum andie Existenzeines Ritualmordes glauben, Mörder wissentlichbeschützen, die kleine Christenkinder martern undschlachten, dass hochgebildete, philanthropische, aufgeklärteJuden sich wissentlich zu Beschützern von Mördernaufwerfen könnten, ist ein wahnwitziger Gedanke*Noch merkwürdiger ist aber die Behauptung derAntisemiten, dass die Juden durch Bestechung und Bedrohungder Richter, Fürsten und Regierungen es dahinbringen, die schuldigen Juden in letzter Instanz immerfreizusprechen*Welche Beleidigung in dieser Behauptungenthalten ist, liegt auf der Hand* Sie besagt, dass die22


— 338 —Richter, die Minister, Könige, Kaiser, Präsidenten, jaPäpste jedes Mal bestechlich gewesen sind. Dass dieMänner, die auf den höchsten Posten des Reichesstehen, vielleicht mehr Einblick in die Fragehaben könnten, als die Herren von unten, auchunparteiischer urtheilen dürften, daran denken sie nicht;und so schreien sie denn Bestechung! Bestechung auchhoher und reicher Persönlichkeiten kommt natürlich oftund in allen Ländern vor, dass sie aber in den hier behandeltenzahlreichen Fällen ausnahmslos vorgekommensein sollte, ist ein Wahngedanke*Es ist eine von den Antisemiten häufig wiederholteEinwendung, dass die Regierungen aus dem Grunde dieGerichte beeinflussen, des Blutmordes angeklagte Judenfreizusprechen, weil sie befürchten, dass eine Verurtheilungder Juden wegen dieses Verbrechens Unruhen, Judenmassacres,Revolutionen zur Folge haben könnte*DieseEinwendung ist jedoch darum hinfällig, weil jede Regierung,die eine ungerechte Freisprechung herbeiführenkann, noch viel besser und leichter durchsetzen könnte,dass ein des Mordes angeklagter Jude verurtheilt werde,indem sie als Motiv seiner That ein anderes als dasBlutrituale an der Oberfläche erscheinen lässt*Dem Kaiser Joseph ist vorgeworfen worden, Juden,welche des Blutmordes überführt und verurtheilt wordenwären, aus dem Grunde freigesprochen zu haben, weiler ein Freimaurer gewesen! Das sind zwei Fliegen aufeinen Schlag; man beschuldigt in einem Athemzuge dieJuden des Blutrituales und die Freimaurer als deren Beschützerund Mitschuldige* Das kennt man* Es ist einbeliebter Trick beide in Zusammenhang zubringen und als verbündete Erbfeinde der Kirche dar-


— 339 —zustellen. Die Sache hat aber den Haken ^ dass es mitdieser Verbrüderung zwischen Judenthum undLogfe nicht weit her ist. Denn die Aufnahmevon Juden in Freimaurerlogen datirt so zu sagenvon gestern und ging nicht ohne schweren Kampfvon Statten. Im aufgeklärten grossen England wurdenzwar Juden schon im Anfang des J8. Jahrhunderts indie Loge aufgenommen, nicht so in anderen Ländern«Die erste deutsche Loge, die Juden und Farbige für aufnahmefähigerklärte, war die von Hamburg im Jahre J84I.Dann folgten erst langsam, sehr langsam die anderennach. Zuerst die Loge von Hannover, die Loge RoyalYork gestattet seit J854 den Besuch, erst seit J872 dieAufnahme, 1873 folgte die Grossloge ,fZut Eintracht".Die grosse Nationalmutterloge „zu den drei Weltkugeln"licss J874 nur den Besuch der Juden zu, verweigerte aberdie Aufnahme.In Schweden wird das christliche Principin den Logen noch so streng festgehalten, dass keinemJuden der Eintritt gestattet wird. Heute, d. h. recht spät,werden fast in allen Logen der Welt Juden zugelassen,ausgenommen ist die grosse Landesloge in Berlin, diegrosse Nationalmutterlogc „zu den drei Weltkugeln"und die Grosslogen von Dänemark,Schweden und Norwegen, welche den Juden dieAufnahme immer noch verweigern. Dies zur lUustrirungder bekannten bewussten Lüge: Freimaurer undJuden seien ungefähr dasselbe. Sollten aber Juden trotzder kurzen Zeit, seit welcher sie aufgenommen werden,schon die Führer der Loge sein, so kann man ihnenein Compliment machen, aber nicht dem christlichenTheile.Wer nicht, wie die Franzosen sagen, midi ä 14 heures,22*


— 340 -suchen will, sondern die Sachen so nimmt, wie sie sichdarstellen, der wird mit einigem guten Willen für dieEntstehung und Erhaltung des Blutritualmärchens eineErklärung finden können* Es ist wahrscheinlich, dassdiese Beschuldigung dieselbe ist, wie die uralte Beschuldigung,die die sogenannten Heiden zuerst gegendie Christen schleuderten, die dann von den Christenauf die Ketzer angewendet und später von den Christenden Juden ins Antlitz geschleudert wurde. Möglicherweisegeht sie noch weiter zurück; ihre erste Wurzelwäre dann in der Schrift des Appio zu suchen, vonwelcher bereits die Rede gewesen ist» Die grausameVerfolgung der Juden im Mittelalter musste diese Religionsgesellschaftnothwendigerweise mit einem namenlosen,titanenhaften Hass gegen die Christen erfüllen, den sieaber unterdrücken und herabwürgen musste. An Erwachsenenkonnten sieihre Rache nicht durch physischeAngriffe kühlen. So mag es denn vorgekommen sein,dass schlechte Juden, dieGesetze der jüdischen Religionmit Füssen tretend, ihre Rache dadurch gekühlt haben,dass sie christliche Kinder tödteten und sichdabei in Gedankenweideten am Kummer der Eltern, die sie verlierensollten. Hatten doch die Christen unzählige Malejüdische Kinder zwangsweise getauft und sie dann inFolge der Taufe den Eltern für immer entrissen undnach jüdischer Meinung der Hölle geweiht!Hatten dochHunderte von jüdischen Eltern ihre eigenen Kinder eigenhändiggeschlachtet, damit sie ihnen nicht durch dieTaufe entrissen würden. Zahn um Zahn, Aug' umAug'! Ich kenne wenig Traurigeres, als die Antworteines Juden gegen die Blutbeschuldigung: „Ja, wir habenin dem letzten halben Jahrtausend des Mittel-


— 34J —alters Kinder gfeschlachtet, aber unsere eigfenen,um sie vor der Taufe zu bewahren." Merkwürdig!Wir haben Zeugnisse gefolterter Juden aus dem Mittelalter»worin sie das Blutrituale unter Martern eingestandenhaben sollen. Hm? Sollten diese Juden nie erklärthaben^ sie hätten aus Rache gehandelt für die ihnen zugefügtenblutigen Verfolgungen? Nun, was glauben Sie?Ich bin überzeugt, obwohl ich es werde nie beweisenkönnen, dass sie es unzählige Male bekannt und erklärthaben, dass aber die Henker die Sache todtgeschwiegenaus vortrefflichen Gründen. Da sie aber doch einenGrund für den Mord haben und zu Protokoll bringenwollten, so haben sie wohl so lange weiter gefoltert, bissie die Aussagen hatten, die sie brauchten. Dies meineunmassgebende Privatmeinung.Unter der Folter gestehendie meisten Menschen alles, was man will; sogar Christenhaben unter der Folter gestanden, dassdie Anklagen derHeiden auf "Wahrheit beruhen, wie uns der KirchenvaterJustin berichtet. So löst sich der rituelle Mord inNebel auf, es bleibt blos Mord übrig, der sich durchBlutrache sehr leicht erklärt. Wo aber das Motiv der Rachefehlen sollte, da wird die Sache durch lokalen Blutaberglauben,der mit der jüdischen Religion aber auch garnichts zu thun hat, ja sogar ihren Satzungen diametralzuwiderläuft, sehr erklärlich*Der frühere französische Minister jüdischer ConfessionCremieux schrieb am 7. April J840 folgende Worte:„Wenn die jüdische Religion den Mord und das Vergiessenmenschlichen Blutes anbefiehlt, dann erhebenwir uns alle in Massen, wir alle:philosophisch denkendeJuden, Christen, Mohammedaner! vernichten wir undzwar sogar durch Vernichtung jener Menschen, die ihn


— 342 —ausüben, diesen barbarischen und gfotteslästerlichen Cttltus,welcher Mord «nd Todtschlag zum Range gföttlicherVorschriften erhebt/*Die beständige Anklage der Christen, dass die Judenfür gewisse Handlungen ihres Ritus des Blutes christlicherKinder bedürfen, verbunden mit ihrer Behauptung,dass die eines solchen Verbrechens schuldigen Judendurch die Macht des jüdischen Einflusses in der Presseund des jüdischen Geldes von den Gerichten immer freigesprochenwerden, hat noch eine sehr gefährlicheSeite, die nicht ausser Acht gelassen werden darf. Esist die mögliche Irreführung der Justiz. Ein jeder Verbrecher,der sich aus was immer für Motiven einesKindermordes schuldig macht, braucht heutzutage blosan seinem Opfer den sogenannten Schächterschnitt auszuführenund kann sicher sein, dass der Verdacht seinerThat auf die Juden fallen wird* Mittlerweile hat erreichlich Zeit, sich aus dem Staube zu machen* Nungar ein Jude, der aus was immer für einem Motiv einenKindermord begangen hätte! Der Schächterschnitt, dieBlutabzapfung, und es ist sicher, dass er des Ritualmordesgeziehen und dass sämmtliche Juden und vieleaufgeklärte Christen sich natürlichin Folge dessen seinerVertheidigung annehmen und den tüchtigsten Advocatcnals seinen Vertheidiger engagiren werden» Das Märchendes Blutrituales gibt dem Mörder die kräftigsten Mittelzur Hand, um dem strafenden Arm der Gerechtigkeitzu entfliehen»Ein Kindermörder müsste heute entwederein ehrlicher Mensch oder das grösste Rhinoceros derWelt sein, wenn ihm der Gedanke nicht in den Kopfkommen sollte, sein unglückliches Opfer so herzurichten,dass es als ein corpus delicti für die Blutanklage dienen


— 343 —könnte. Es ist dies ein fast sicherer Wegf zu seinerschliesslichen Freisprechung.Und wie oft dürfte eine derartige Irreleitung nichtschon vorgekommen sein! Der Jude M. Franco hat inseiner ^^G^schichte der Juden im türkischen Reich^* nichtweniger als J6 Fälle von Blutbeschuldigungen angeführt^deren Gegenstand die Juden in verschiedenen Theilendes türkischen Reiches während der Regierung desSultans Abdul Aziz allein, also innerhalb der Jahre \Z6ibis iZ76f gewesen sind. J6 mal verleumdet, wurden siei6 mal freigesprochen, und Sultan Abdul Aziz sah sichsogar am 24. Juni 1866 (27. Sefer 1283) veranlasst,einen eigenen Firman herauszugeben, in welchem dieseBeschuldigung eine Verleumdung genannt wird. Alsogerade dieselbe Erklärung, die mehrere Päpste, Sultaneund christliche Kaiser und Könige wiederholt abzugebensich moralisch verpflichtet gefühlt haben. Ist aber dieIrreführung der Justiz hei einem Kindesmorde geradedurch den Glauben an das Blutrituale dem Mörder soungeheuer leicht gemacht, so kann man sich vorstellen,wie sehr die Versuchung zu diesem Verbrechen wegenmangelnder Abschreckung bei verworfenen Menschenvergrössert werden kann.Noch eins. "Wenn die Blutbeschuldigung immer undimmer wiederholt und der Glaube daran im Volke verbreitetwird, so ist es klar, dass schwachsinnigen Judenleicht der Gedanke kommen könnte, Christenblut sei einsehr wirksames Zaubermittel, oder das Vergiessen desselbenmöglicherweise denn doch ein der Gottheit angenehmesOpfer, oder was derlei Wahngedanken mehrsind. Welche Versuchung, das Verbrechen zu begehen,könnte auch bei schwachsinnigen jüdischen Individuen


— 344 —in der traurigfcn Berühmtheit liegen, die ein derartigerSkandal, zu dessen Helden sie sich durch eine solcheThat emporschwingen können, ihnen verleihen muss*Die Sucht, berühmt zu werden, von sich reden zumachen, die Spalten der Zeitungen Wochen hindurchzu zwingen sichmit ihrer lieben Person zu beschäftigen,die Passion der Mystification, die Freude am Skandalkönnten bei verkommenen Individuen geradezu als Reizmittelzum Verbrechen des Kindermordes wirken.Wenn einmal die Christen aufhören werden an dasjüdische Blutrituale zu glauben, dann wird es den Gerichtensicherlich leichter gelingen nicht blos den Mörderzu entdecken, sondern auch das Motiv seiner That.Dann wird aber die Blutbeschuldigung dasselbe Schicksalerleben, wie die Behauptungen von der Existenzjener Hexen, die auf Besen in der Nacht auf denBlocksberg reiten, sich mit den Teufeln geschlechtlichversündigen, mit ihnen Kinder zeugen, Menschen inThiere verwandeln und dergl. mehr* Die wahrenMörder wird man entdecken, das Motiv ihrer Thatfeststellen und ihnen die Strafe ertheilen, die sie verdienen.


SechstesCapiteLAnklagen gegen den Talmud.


Blotbeschüldigungf für sich allein hätte niemals jeneDieDimensionen annehmen können^ zu denen sie thatsächlichangewachsen istf und soviel Glauben und Verbreitunggefunden^ wenn sie nicht an einer grossen Zahlvon Talmudstcllen, die einen bedeutenden Hass gegenAndersgläubige athmen^ eine scheinbar wissenschaftlicheStütze hätte* Man argumentirte nämlich folgendermassen:Wenn auch die Vorschrift des Mordes christlicher Kindersich im Talmud^ wenigstens in jenen Talmudexemplaren^die in christlichen Ländern noch angetroffen werdenkönnen^ nicht vorfindet ^ so geht doch aus zahlreichenStellen des Talmuds klar hervor^ dass der jüdische Hassgegen die Christen ein derartiger ist, dass jene Mordthatenganz im Sinne und Geiste des Rabbinismus liegenund^ wenn sie vorkommen^ Niemand darüber erstaunensoll. Wir wollen nun jenen Talmudstellen unsere Aufmerksamkeitwidmen*Der Talmud ist ein grosses Sammelwerk ^ das imMittelalter entstanden ist^ womit fast schon alles gesagtistt was wir hier zu wissen brauchen*Der Talmud ist für die Juden ungefähr dasselbe^ wasfür die Christen eine Sammlung sämmtlicher Kirchenväterund sämmtlicher Aussprüche und Decrete derKirchenversammlungen, oder für die Muslims alle Korancommentaresowie die ganze Hadisa zusammen bedeutenwürde*


— 348 —Es gibt bekanntlich zwei Talmttde; der palästinischeund der babylonische» Der erstere entstammte der inTibcfias blühenden Schule des Rabbi Johannan. DiesesWerk entstand im Laufe des 4. und 5« Jahrhunderts undzwar allmählich; es ist nicht einmal vollendet t grosseTheile davon sind verloren gegangen. Das Werk bestehtaus einem Foliobande. Der babylonische Talmud hatJ2 Foliobändet was die Feinde der Juden gern vergessen; er wurde Ende des 6. Jahrhunderts abgeschlossen.Beide Talmude sind somit J4 respective J5 Jahrhundertealt, was man immer vor Augen haben sollte.Hält man die drei Thatsachen fest, dass beide Talmudewenigstens J4— J5 Jahrhunderte alt sind, dass sieLehren und Meinungen vielerHunderte von Rabbinernenthalten, vo^ denen viele zu einer Zeit lebten, wo dasJudenthum aufs grausamste verfolgt wurde und zwarsowohl im römischen als im persischen Reiche, in welchletzterem übrigens die Verfolger Magier waren und keineChristen, so wird man sich wohl über gewisse Aussprüchedes Talmuds nicht übermässig wundern können. Auchdie grossen Commentatoren des Talmuds Raschi, Riph,Hananael von Kairwan und Maimonides lebten zuZeiten, wo das Judenthum verfolgt wurde. Dass nunder Talmud viel Läppisches enthält, viele gehässigeAeusserungen gegen die NichtJuden, viel echt babylonischenUnsinn und Aberglauben, um das zu erfahren,brauchen wir keine antisemitischen Schriftsteller. Dassagen uns die jüdischen Gelehrten selbst. Hören wir dieWorte des Rabbiners Grätz. Er schreibt im vierten Bandeseines grossen Werkes Seite 378—379: „Es ist nicht zuleugnen, dass der Talmud, d. h. der in Babylonien entstandene,mit einigen Mängeln behaftet ist, wie jedes


— 349 —Geistesprodukt , das eine einzige Richtung mit unerbittlicherConsequenz und ausschliesslicher Einseitigkeit verfolgt»Diese Mängel lassen sich in vier Rubrikenzusammenfassen. Der Talmud enthält manches Unwesentlicheund Kleinliche r welches er mit vieler Wichtigkeitund ernster Miene behandelt; er hat ferner aus seinerpersischen Umgebung abergläubische Praktikenund Anschauungen aufgenommen^ welche die Wirksamkeitvon dämonischen Mittelwesen, von Zauberei, Beschwörungsformeln,magischen Curen und Traumdeutungenvoraussetzen und dadurch mit dem Geiste desJudenthums im Widerspruch stehen; er enthält manchelieblose Aussprüche und Bestimmungen gegen Gliederanderer Völker und Religionsbekenner, endlich begünstigter eine schlechte Schriftauslegung, geschmacklose,oft wahrheitswidrige Deuteleien. Kein nochso leiser Hauch von Poesie weht durch seine Blätter,und man muss beim Lesen des Talmuds die Poesie derBibel vergessen, ihre schmucklose und doch fesselndeFormenschönheit, die lebensvolle Beredtsamkeit der Propheten,den himmelan ragenden Schwung der Psalmen, dasgedankentiefe Buch Hiob, das alles muss man vergessen,wenn man dem Talmud nicht grollen und im Groll ihmnicht Unrecht thun will. Für diese Mängel hat manden ganzen Talmud verantwortlichgemacht und ihn alsKleinigkeitskram, als einen Quell der Unsittlichkeit undUnwahrheit verdammt, ohne in Erwägung zu ziehen,dass er nicht das Werk eines einzigen Verfassers ist, derfür jedes Wort einstehen müsste. Ueber sechs Jahrhundertcliegen im Talmud versteinert in anschaulichsterLebendigkeit, in ihren eignen Trachten, Redeweisenund Gedankenzügen, gewissermassen ein litterarisches


— 350 —Herkulanum und Pompeji, nicht geschwächt durchkünstlerische Nachbildung, welche ein Riesenbild in verjüngtemMaassstabe auf einen engen Raum tiberträgt»Es ist demnach kein Wunder, wenn in dieser WeltErhabenes und Gemeines, Grosses und Kleines,Ernstes und Lächerliches, der Altar und die Asche,Jüdisches und Heidnisches nebeneinander angetroffenwerden»Oft waren solche gehässige Aussprüche, anwelche sich der Judenhass angeklammert, weiter nichtsals Aeusserungen eines augenblicklichen Unmuthes, dieeinem Einzelnen entfahren und von allzu eifrigen Jüngern,welche keines der Worte von den verehrten Alten verlorengehen lassen mochten, aufbewahrt und dem Talmudeinverleibt wurden» Sie werden aber reichlich von Lehrendes Wohlwollens und der Menschenliebe gegen Jedermann,ohne Unterschied der Abstammung undReligion, die nicht minder im Talmud aufbewahrt sind,aufgewogen»"Der Talmud besteht:Soweit Rabbiner Grätz.i* Aus dem Texte der Mischna, d. h» der mündlichenUeberlieferung; es ist die Erklärung zum Gesetze,die Jahwe dem Moses am Sinaihaben sollmündlich gegebenund die mündlich sich weiter fortpflanzte,bis die Amoräer sie niederschrieben.2. Aus der Gemara, d» h. den rabbinischen Commentarenzur Mischna, den später hinzugekommenenTosephoth (sogenannte Zugaben) und dem Peruschgenannten Commentare des Maimonides»Der babylonischeTalmud hat 63 Bücher und 524 Capitel»Dieses riesige Sammelwerk verdankt seine Entstehungder Zerstreuungdes Tempels durch Titus»der Judenheit nach der Zerstörung


— 35J —In Folge des Untergfangfes des jüdischen Staates wardie Befolgung des Gesetzes, wie sie bisher bestandenhatte, einfach unmöglich geworden. Abgeschafft, geändertdurfte kein Jota werden; was war aber angesichts derveränderten Verhältnisse zu machen! Die Casuistik tratauf und ermöglichte durch höchst complicirte Auslegungendesheiligen Textes einen neuen Rechts- und Cultuscodexzu schaffen, der für die neuen Verhältnisse passte unddennoch kein Wort der canonischen Schriften abschaffte.Ein Kunststück fürwahr! Doch es ist gelungen.*)Dieses grosse Sammelwerk war stets den Christen einwahrer Dorn im Auge, den man zu entfernen eifrigstbemüht war. Im J 3. Jahrhundert verdammten die PäpsteGregor IX. und Innocenz IV. die Bücher des Talmuds,weilsie Schmähungen gegen das Christenthum enthieltenund voller Irrlehren seien. Talmudfeindliche Decrctcerflossen noch durch die Päpste Clemens IV., Honorius IV.,Clemens V., Johannes XXII., Alexander V. Ludwig derHeilige verbrannte im Jahre J242 alle Tadmudexemplarc,die er erhalten konnte; 24 volle Wägen! Dasselbethaten später noch andere christliche Fürsten. Da kamdie Buchdruckerkunst und machte diesem Attentate aufdas grosse alte Werk ein Ende.Welches ist nun der Grund der Feindseligkeit derKirche gegen den Talmud? Er liegt unzweifelhaft in*) Die Gesetze des Talmuds, oder besser gesagt, die im Talmudenthaltenen Umdeutungen und Abschwächungen der drakonischenGesetze der Thora stellen einen bedeutenden Fortschritt dar,weil er sich als eine Milderung von Grausamkeit darstellt.Aus diesem Grunde hatten die Rabbinen sehr Recht, ihrenSchäflein einzutrichtern, dass sie im Leben zuerst ihrer Auslegungdes Gesetzes zu folgen hätten und nicht in erster Linie der Thora.


— 352 —der Thatsache^ dass sich in diesem Riesenwerke mehrereStellen finden^ die nach christlicher Auffassung Schmähungenund Lästerungen gegen Christus^ die Gottesmutterund das Christenthum enthalten* Nur nebenbei will icherwähnen t dass es Feinde der Kirche gegeben hat^ diedie Behauptung aufgestellt, die Verfolgung des Talmudssei blos deswegen inscenirt worden, weil sich darin alleSätze des ,, Gebets des Herrn ^% sowie zahlreiche seineruns in den Evangelien erhaltenen Aussprüche vorfinden.Welche sind nun jene Christus feindlichen Aussprüche?Zunächst ist hier zu bemerken, dass nichts auffallenderist, als die ungemeine Spärlichkeit und Dürftigkeit sowiedie fabelhafte Beschaffenheit jener Christus-Stellen. Imbabylonischen Talmud kommt sein Name Jeschu garnicht vor, da er aber im palästinischen Talmud erwähntwird unter der Bezeichnung Jeschu Ben Pandera oderJeschu Ben Stada, so wird geschlossen, dass alle imbabylonischen Talmud vorkommenden Stellen, wo vonBen Pandera und Ben Stada die Rede ist, sich auf denchristlichen Heiland beziehen. Das Institutum Judaicumin Berlin hat nun vor einigen Jahren alle jene Stellendes Talmuds, von denen man glaubt, dass sie sich aufChristus beziehen, veröffentlicht in einer Broschüre:„Jesus Christus im Talmud" von Heinrich Laible, inwelcher jene Stellen ins Deutsche übersetzt sind. Dietalmudischen Texte stehen im Anhang; ihre Mittheilungverdanken wir dem Professor Dalman. Es sind deren 42.Sie beschränken sich auf die Behauptungen, dass Jesusin Unzucht und Ehebruch geboren sei, er war mamzerund ben niddah, einThor, Verführer, Götzendiener, einErzzaubercr, der die Zauberei in Aegypten erlernte; erwurde ans Kreuz gehängt, ist in der Hölle begraben im


— 353 -siedenden Koth^ ward ein Götze für seine Anhänger.Die Juden haben oft behauptet^ der Talmud enthaltekeine Schmähungen gegen Christus, und sie begründetendiese Behauptung durch die Bemerkung , dass jene BenPanderas oder Ben Stadas zu einer ganz anderen Zeitgelebt haben als der christliche Heiland. Nach denAngaben das Talmud wird Ben Pandera in Lud hingerichtetund war Zeitgenosse des Akiba, welch Letztererunter Kaiser Hadrian den Märtyrertod starb, circaJ35 n. Chr. Die Panderafabel dürfte vor dem Jahre J78entstanden sein. Eine andere Talmudstelle versetzt dieZeit seines Jeschu um circa JOO Jahre vor unsere Zeitrechnung.(Siehe Laible.) Daraus folgt mit Bestimmtheitdie überaus merkwürdige Thatsache, dassdie Rabbiner, welche denTalmud schrieben, vonJesus nichts wussten, sonst hätten sie unmöglichsolche chronologische Schnitzer machen undeinen so blühenden Unsinn zusammenschreibenkönnen. Babylonien, wo der babylonische Talmud entstand,war ja kein christlicher, sondern ein zoroastrischerStaat,kein Mensch hätte sie dort gehindert, über Christuszu schreiben, was ihnen beliebt hätte, — wenn sieetwas von ihm gewusst hätten. In diesem Nichtwissendes Talmud von Christus liegt ein Räthsel, dasaber geradezu verblüffend wirkt, wenn man gleichzeitigin Betracht zieht, dass auch Josephus Flavius, der überjede Bagatelle und Lappalie seiner Zeit Bericht erstattet,den Heiland ebenfalls nicht erwähnt; denn dass jeneStelle im Josephus, worin seiner Erwähnung geschieht,eine Interpolation späterer Zeit von fremder Hand ist,bezweifelt heute Niemand mehr. Ob dieses Räthsel jebefriedigend gelöst werden wird?23


— 354 —Mich hat es stets ausserordentlich gfewundert, dassdie christlichen Machthaber so spät darauf gekommensindt dass der Talmud Schmähungen gegen Christus enthält.Pfarrer Deckert sagt:tfDicsct Papst war der erste, welcher gegen den Talmudentschieden auftrat: das Buch hatte bisher, obgleichschon St. Hieronymus auf dasselbe aufmerksam gemachtund die römischen Kaiser Justinian und Basilius dasselbeverboten hatten, wenig Beachtung gefunden* Die Veranlassung2ur Massregclung des Talmud gab einjüdischer Convertit aus Frankreich Namens NicolausDon in, auch Rupella genannt, der dem Papsteüber den Inhalt des Talmud berichtete.In Folge diesesBerichtes erliess der Papst ein Schreiben an alle ErzbischöfeFrankreichs, wenn dasjenige, was man ihmüber den schamlosen und abscheulichen Inhalt desTalmud erzählt habe, wahr sei, verdienten die Judenjegliche Strafe; der Talmud sei wohl die hauptsächlichsteUrsache, warum die Juden in ihrem Unglaubenverhärtet seien. Die jüdischen Büchersollen daher an „einem'* Tage, während dieJuden in ihren Synagogen versammelt seien,confiscirt und in Klöstern aufbewahrt werden;diejenigen, welche Irrthümer enthalten, solle man verbrennenund die Widersacher des christlichen Glaubensmit Strafen zurechtweisen, dem Papste aber über denErfolg berichten.'*Sollte dem Justinian wirklich ein fertiges Talmudexemplarvorgelegen haben? Ich bezweifle es sehr;wahrscheinlich hat er nur hebräische Schriften als solcheverboten. Der Grund hierfür ist nicht angegeben.Dass aber das Papstthum, die Kirche von den


— 355 —Schändlichkciten des Talmuds nichts gcwussthat bis zum 14. Jahrhundert^ ist ausserordentlichmerkwürdig» Oder wusste man etwas und fand esnicht der Mühe werth, darauf zu reagiren? Wer wirddieses Räthsel lösen? Geradezu gottvoll ist der berühmtePfefferkorn-Reuchlin'sche Streit über den Talmud unddessen bedenkliche Stellen und über die Frage, ob er zuvernichten sei oder nicht. Ganz Europa war in Aufregungüber diesen Streit, der mehrere Jahre dauerteund schliesslich damit endete, dass Papst Leo X. beidenParteien Stillschweigen auferlegte. Das Merkwürdigedabei ist, dass es Jahre dauerte, bis sich die streitendenParteienein Urtheil darüber bilden konnten, ob christusfeindlicheStellen im Talmud wirklich vorkommen odernicht. Welche colossale Ignoranz muss noch damalsin orientalischen Sprachen geherrscht haben, und wassagt man dazu, dass dieserganze lächerliche Streit solcheDimensionen annehmen konnte, und besonders dazu, dassdamals schon beinahe ein Tausend Jahre seitAbfassung des Talmuds verstrichen waren undcirca JV2 Jahrtausend seit der Trennung des Christenthumsvom Judenthum?? Und früher war Niemandemetwas derartiges eingefallen!!! Aeusserstkomisch ist, dass damals Reuchlin dem Pfefferkorn vorwarf,kein Hebräisch zu verstehen, und Pfefferkorn demReuchlin dasselbe entgegnete; was aber diese Komikburlesk macht, ist der Umstand, dass der Talmud zumgrossen Theil gar nicht hebräisch, sondern aramäischgeschrieben ist. Ich habe mich viel mit der Polemikder drei monotheistischen Religionen befasst, es ist sozusagenmein Specialstudium seit Jahren, und ich habedaher massenhaft jüdische und christliche polemische23*


— 356 —Broschüren gelesen. Da habe ich nun immer gefunden^dass einer dem anderen vorwirft^er könne nicht hebräisch(oder aramäisch)» So Reuchlin dem Pfefferkorn undvice-versa, Canonicüs Rohling dem Rabbi Bloch undvice-versa; kurz, diese Erscheinung ist regelmässig dicselbe,sie ist typisch. Ich habe mir nun auch eine Ansichtgebildet, die natürlich ganz falsch sein kannj ichbin gern bereit, mich durch eine Wette vom Gegenthcilüberzeugen zu lassen*Ich habe die feste Ueberzeugung, dass es nicht zweiMenschen auf der Welt giebt, die eine Seite eineshebräischen (oder aramäischen) Manuscriptes, vorausgesetzt,dass die Schrift ohne Vocale (ohne Massora)und die Worte nicht getrennt geschrieben sind, auf dieselbeArt lesen, geschweige denn übersetzen können«.Die hebräische Sprache hat 22 Consonanten, die Vocalewurden Anfangs nicht geschrieben, erst im 7. Jahrhunderterfand man ein System der Schriftvocalisirung,inwelchem die Vocale unter die Consonanten geschriebenwurden, hinter welchen, manchmal aber auch vor (!)welchen sie auszusprechen sind* Zwei dieser Vocalzeichen,das lange a und das kurze o (Kamez undKamez chatüph genannt), werden auf dieselbe Art geschrieben.Jetzt vergleiche man die Aehnlichkeit derConsonanten Beth und Caph, Vav und Jod, He undChcth und Tav, Vav und Resch, Resch und Daleth,und man wird zugeben müssen, dass es keine unpraktischereSchrift auf der Welt geben kann,als die hebräische, um einen Gedanken zu Papier zubringen*Was also hätte in aller Welt den Christen für einSchaden daraus erwachsen können, wenn die Juden im.


- 357 —Mittelalter ihre Talmodmanoscriptc rohigf in ihrenKästen hätten aufbewahren dürfen? Von den Christenwar Jahrhunderte lang wohl keiner im Stande, auchnur eine Zeile davon zu lesen oder zu verstehen» Wieviele konnten wohl überhaupt lesen? Von den Judengab es wohl auch nur eine kleine Minorität, die imStande war, den Talmud zu lesen und zu verstehen.Dadurch, dass man dem Talmud zu Leibe ging, wurdedie Aufmerksamkeit auf die beanstandeten Stellen erstrecht hingeleitet und die censurirten Sätze, die in dieneuen Talmuddrucke nicht aufgenommen werden durften,wurden extra gesammelt, gedruckt, im Geheimen gelesen,verbreitet und erst recht geglaubt» Denn zu allen Zeitenlag es in der Natur des Menschen zu glauben, dass,wenn die Autorität, die geistliche oder weltliche, einBuch verschwinden machen will, dieses Buch nothwendigerweisedie reine Wahrheit sprechen müsse» Imfinstersten Mittelalter schrieb ein anonymer Jude einPamphlet, das den Titel führt „Toldoth Jeschu*',Geschichte Jesu, und das an Hass gegen Christus dieTalmudstellen noch weit übertrifft; der RabbinerGrätz nennt es ein elendes Machwerk. Es wärevielleicht nie und nimmer geschrieben worden, wenn dieChristen nicht die Juden und den Talmud so unsinnigund grausam verfolgt hätten» Der Talmud ist ein ganzantiquirtes Werk, interessant durch sein Alter, durchdas Licht, welches er auf die Geschichte wirft, durchdie eigenthümliche Cultur, die er beleuchtet» DasTalmudstudium ist eine Disciplin für sich, wie dasStudium der chinesischen Klassiker oder der Vedas; esgehört ein Leben dazu, um ihn gründlich durchzustudiren»Es ist sehr zu wünschen, dass er einmal


— 358 —wörtlich übersetzt wird mit textkritischenAnmerkungfenund Erläuterungen^ denn sonst würde er natürlich ganzunverständlich bleiben. Uebersetzungen dieser Art^ derVedas^ der chinesischen Klassiker etc. etc. tragen^ wiewenige Dinge, zur Aufklärung der Menschheit bei. Dasgrosse Werk Max Müllers ,tThe sacred books of theEast*% eine Sammlung der meisten heiligen SchriftenAsiens, ist ein Werk, das für sich allein die gelehrteMenschheit auf ein höheres Niveau heben muss. Wiesegensreich wäre z. B. die Uebersetzung der grossen6 J 09 bändigen chinesischen Encyclopädie! Der Talmudgehört in diese Kategorie von Werken. Nicht überihn schimpfen, nicht ihn bekämpfen sollte man, sondernihn übersetzen und studieren! Sind Arbeit und Studiumin Action, dann ist auch die Wahrheit auf dem Anmärschebegriffen.*)Dass die Juden im Mittelalter Schriften verfassten,in denen der christliche Heiland geschmäht wird, liegt*) Die Antisemiten haben den Rabbinern vielfach vorgeworfen, dasssich ein grosser Theil von ihnen gegen die Uebersetzung des Talmudsaus Furcht vor der Enthüllung christenfeindlicherStellen aufs heftigstegesträubt hat. Hierin machen die Rabbiner aber keine Ausnahme;denn auf dem ganzen Erdenrunde hat sich das Priesterthum jedes Malauf das äusserste dagegen gewehrt, wenn seine heiligen Schriften,aus einer heiligen todten in eine unheilige lebendige Sprache übersetztwerden sollten. Das jüngste Beispiel ist der Spektakel, den in Indiendie Pundits unter Anführung des Hindus Schoschodhor Tarko Cht*-ramoni gegen die von Romesch Chünder-Dütt, Steuereinnehmer undRichter zu Bürisaül, unternommenen Uebersetzung der Rig-Veda ausdem Sanscrit ins Bengali losgeschlagen haben. Die gelehrten Punditshatten vollkommen recht, sie knirschten mit den Zähnen, denn dasneue Gewand der Rig-Veda wird, wie sich eine englische Zeitungin Indien ausgedrückt hat, ihr Sterbekleid sein.


— 359 —leider in dem Geiste der damalig^en Zeit und war einenothwendigfe Folge des Auftretens und der Lehre derChristen^ gewissermassen eine jüdische Repressalie; dergrösste Hass entstand wahrscheinlich zur Zeit der Barkochba-Revolution(um J35).Kein aufgeklärter Jude dürfte heute glauben, dassChristus ein Zauberer gewesen ist oder ein Sohn desPandera, dass er in Lyd aufgehenkt worden ist und inder Hölle im siedenden Koth leidet* Es wird nochTausende von Juden geben in Galizien, Russland, Rumänien,in der Türkei, die so unwissend und roh sind,an diese Fabeln zu glauben oder glauben zu können,weil sie abgesperrt sind von guten, wissenschaftlicharbeitenden Schulen, Büchern und Bibliotheken. Abersolche Juden sind nicht gefährlich, sie sind arme, bedauernswürdigeGeschöpfe, die Jahrhunderte zurück sind.Glauben denn die Religionsantisemiten, dass jene Juden,von denen die ultramontanen Blätter, wie z* B* dasWiener Vaterland, die Germania, der Univers etc.,immerstereotyp schreiben „Juden und Freimaurer'% sich inihrem Urtheilüber Christus auch nur im Geringsten beeinflussenlassen durch die Jesusgeschichtleinoder desToldoth Jeschu?des TalmudsEin Jude hat heute die Wahl zwischen drei Standpunkten,die er bezüglich der Person Jesu Christi einnehmenkann: den christlichen, den talmudischen, denich soeben geschildert, und den der modernen rationalistischenWissenschaft. Dass ein Jude, der die Jesusgeschichtendes Talmuds und des Toldoth Jeschu alswahr hinnimmt, aufhört, ein gebildetes Wesen zu sein,habe ich bereits gesagt. Es bleiben noch die zweianderen Gesichtspunkte. An eine gläubige Bekehrung


— 360 -zum Christenthum ist nor in den seltensten Ausnahmsfällenzu denken; bleibt somit die dritte Alternative,und da sehen wir thatsächlich fast alle gebildeten Jtidensie zu der ihrigen machen. Hier einige Stellen ausVorträgen^ die von Juden in Chicago im Jahre J893beim Congress der Weltreligionen gehalten wurden»Diese Aussprüche sind bedeutsam, denn sie wurden sozusagenvom Judenthum öffentlich vor der ganzen Weltgesprochen und sind an die ganze Menschheit gerichtet.So hielt Frau Josephine Lazarus am 6» Congresstageeine Ansprache, in welcher sie Folgendes sagte:„Unsere Bestimmung ist noch nicht erfüllt. Wenndas Judenthum noch etwas sein will in der Welt, dannmuss es eine geistige Macht werden. Juden undChristen sind beide von dem Wege der Wahrheitabgewichen. Die Christen haben ein Gebäude derCivilisation errichtet, welches in vollem Widerspruchsteht mit ihrer Lehre, und wir Juden müssen eine andereStellung einnehmen: wir müssen in Geistesgemeinschafteintreten mit der Welt, die uns umgibt. Wir bedürfenkeiner Judenmissionen, wir können Johannes und Paulusund auch Jesus als den Unsrigen betrachten.Christen und Juden bedürfen aber einer grösserenEinheit des Geistes, nicht einer neuen Lehre.Christus ist nicht in die Welt gekommen, das Gesetzaufzulösen, sondern zu erfüllen."Der Rabbiner Kaufmann Kohler sprach auf demspeciellen Judencongresse in dem Art Institute folgendeWorte:„Jesus und seine Apostel waren Juden, imLeben wie in der Lehre. Jesus war in jeder Hinsichtein treuer Sohn der Synagoge. Ebensowenig


— 361 —wie Johannes der Täufer hat Jesus den Lehren derSynagoge je widersprochen. Der Antisemitismus deszweiten Jahrhunderts hat zuerst alle Schuld auf die Judenund auf ihre Religion geschleudert.^*David Gordon Lyon, Professor der Assyriologie ander Harward University in Cambridge, sagte in seinerRede am 8.t,DieCongresstage unter anderem Folgendes:im Gange befindlichen Verhandlungen der Judenüber Anerkennung des Sonntags als eines allgemeinengottesdienstlichen Feiertages und die Anerkennungder Grösse Jesu Christi durch synagogischeAdressen gestatten einen prophetischen Blick ineineglückliche Zukunft*Und — so fährt der Redner fort — Christus warauch ein Jude» Wie oft ist diese Thatsache vergessenworden!*) — Fern sei es von mir — so sagtder Redner — die Bedeutung des Charakters und derWerke Christi für die Vervollkommnung der Menschheiteiner Beurtheilung unterziehen zu wollen: das verbietetseine über alle nationalen Grenzen weit hinausragendePersönlichkeit* Ich wünsche nur michselbst und Andere von Neuem zu erinnern an dieNationalität dessen, den ein sehr grosser Theil der jetztlebenden Menschen für den Grössten und Besten desganzen Menschengeschlechtes hält* Ich übersehe dabei*) Vergleiche die wunderschöne Stelle in Lessings Nathan denWeisen:^ttUnd ist denn nicht das ganze ChristenthumAufs Judenthum gebaut?Es hat mich oftGeärgert, hat mir Thränen genug gekostet,Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,Dass unser Herr ja selbst ein Jude war/^


— 362 —nichts dass die Zahl der Juden ^ die Jesu Christi Grösseanerkennen t noch nicht sehr gross ist. Dies erklärtsich leicht durch gewisse theologische Lehren bezüglichseiner Person und durch die grossen Leiden^welche die Juden erduldet haben von denen ^ die ChristiNamen tragen. In seiner Persönlichkeit liegt aberso gewaltige Macht zur Beseligung und Er-einehebung^ dass die Juden ihn dereinst vielleichtauch noch als ihren grössten und geliebtestenLehrer anerkennen werden.**Rabbiner Joseph Silverman sprach am J3. Congresstage:,^Die Reform-Juden verwerfen die absolute Autoritätder Bibel und des Talmud und wollen nur an demGeiste des alten Gesetzes festhalten.Die Reform -Juden haben das Judenthum in vielerHinsicht gekräftigt und haben in ihrem Schosse zurückgehalten— nicht diejenigen, die zum Christenthum übergegangensind, wohl aber viele von denen, die zumAtheismus überzugehen geneigt waren.**Es ist meine feste Ueberzeugung, dass es nurmehreine Frage der Zeit ist, bis alle gebildetenJuden in Folge ihrer Bildungsfähigkeit und ihresWissensdranges Christus den Herrn als einen derbesten, grössten und heiligsten Männer ihrer Nation begrüssenund verehren werden bei gleichzeitig fortdauernderAbneigung gegen das Christenthum. Dieser Hass wirdsich auf die Apostel, namentlich auf Paulus, auf Constantin,die Kirchenväter von Nicaea und andere kirchlicheGrössen werfen, aber die Abneigung gegen Christuswird nicht blos verschwinden, sondern langsamgrenzenloser Begeisterung und Liebe den Platzräumen. Das wird eintreffen am Tage, wo ihr Un-


— 363 —gflaube sie dazu reif gemacht haben wird in Folge vonSkepticismos gegen die Verfasserder Evangelien und desTalmuds. Viele rationalistische Juden sind bereits aufdiesem Standpunkte angelangt, obwohl ihnen die moderneBildung, der Zutritt zu den Universitäten, erst seit wenigenJahrzehnten offensteht* Warten wir noch 50, noch J00Jahre!Jesus Christus, der Herr und Heiland der Welt,erobert sich langsam alle Herzen. Gläubige Christenbeten ihn an als den Sohn Gottes, als die zweite Personder Dreifaltigkeit; für die Muslims ist er der einzigesündlose Mensch, der Je gelebt. Nach islamitischerTradition ist gesagt, dass nur zwei Menschen bei ihrerGeburt nicht vom Satan berührt worden seien, wiealle anderen Sterblichen: Christus und seine stets jungfräulicheMutter Mirjam. In Japan schmückt das rotheKreuz — Christi Symbol — das Kleid buddhistischerKrankenwärter, Japans ganze neue Gesetzgebung beruht aufGrundsätzen, die, wie jede civilisirte Gesetzgebung, demtiefsten Wesen, dem Kern der Jesuslehre entnommensind. Japan unterscheidet sich nicht mehr von anderenchristlichen Ländern. Die Freimaurer sogar und dieSocialdemokraten nicht minder, alle wollen Jesusfür sich haben, alle zählen ihn zu den ihrigen.Ebenso unzählige aufgeklärte Buddhisten* Zwarnicht im Sinne der Kirche, jedoch vom Standpunkteaufgeklärten Rationalismus lässt sichheute schon sagen, dass Christus thatsächlichder Herr der Menschheit, ihr Heiland und Seligmaqherist. Erhöht auf dem Berge seiner unsterblichenPredigt zieht er heute schon alle Menschenzu sich heran. Getaufte und Ungetaufte.Bekanntlich existirt über die angebliche Verwandt-


— 364 —schaftt ja Abhängigkeit des Christenthums vom Buddhismuseine ansehnliche Litteratur*Was die Gefühle anbelangt^ die ein grosser Theil derHindus dem christlichen Heiland entgegenbringt, somöchte ich 2wei Punkte hier besonders hervorheben*Der berühmte indische Reformator Keshub Chunder Sen,der Gründer des Brahmo Somaj, hat über Christus folgendeAussprüche gethan» die ich seiner, von P. C. Mozoomdarin Calcutta verfassten Biographie entnehme.,,Der Einfluss Christi,^* sagte er in einem Vortrageim Jahre t866, ,,Anfangs blos ein schwaches Bächlein,hat weiterfliessend zugenommen an Tiefe und Breite undmit unwiderstehlicher Fluth weggeschwemmt die uneinnehmbarenBollwerke von Irrthum und Aberglauben unddie seit Jahrhunderten angehäufte Corruption/* Nachdemer über die Mission Christi gesprochen und in bebegeistertenSätzen seine moralische Grösse, seine Sanftmuth,Demuth, Güte und Wahrheitsliebe dargestellt, riefer aus: „Fürwahr, Jesus stand über der gewöhnlichenMenschheit^^ Diese äusserst interessanten AussprücheKeshub Chunder Sens befinden sich auf SeiteJ76— J89 seiner genannten Biographie. Und doch warKeshub Chunder Sen ein „Heide^^Interessant ist auch die von Max Müller herausgegebeneBiographie des Hinduheiligen Rämakrishna(geboren (833 und gestorben 1886). In diesem äusserstanziehenden Werkchen ist folgende Stelle zu lesen: „Inseinen letzten Jahren dachte Rämakrishna daran, dieVorschriften des Christenthums auszuüben. Er hatteChristus in einer Vision gesehen, und währenddrei Tagen konnte er an nichts Anderes denkenund von nichts Anderem reden, als von Jesus und


- 365 —seiner hiebe»**Und auch Rämakrishna war, wie KeshubChunder Sen, ein Heide, ein Götzendiener, einQäfir, ein Akum* Solche Beispiele von Liebe und Bewunderungfgebildeter frommer Heiden für Christus sindsehrzahlreich.*)Selbstmoderne Heiden, sogenannte Atheisten, habenden Gedanken geäussert, dass, wenn nach ihrer AuffassungGott nichts Anderes bedeutet, als das Princip derVerneinung des Willens zum Leben, dieses Princip Gott,thatsächlich Fleisch geworden ist in Jesus von Nazareth,der durch seinen Tod am Kreuze die ganze Menschheit,die ja eine Einheit ist und sich nur in Folge des principiumindividuationis als eine Vielheit darstellt, erlöst hat vonden Banden endlosen Leidens, d. h* des Egoismus.Es ist ausserordentlich betrübend, wenn man täglichdie Beobachtung machen kann, dass einer gewissenGattung christlicher Antisemiten der orthodoxe fanatischeJude bei Weitem lieber ist, als der aufgeklärte Reformjude,d. h« also, dass sie jenen, im tiefsten Aberglaubenversunkenen Juden, welche den vielen Verleumdungenund Gehässigkeiten gegen Christus und seine Mutter, diewir in den alten jüdischen Schriften finden, Glaubenschenken, den Vorzug geben vor jenen, die im christlichenHeiland einen der grössten, besten und heiligstenMänner ihrer Religion erblicken.Zur Zeit des Tisza-Eszlaer Processes sagte mir einmalein Antisemit dieser Kategorie: „Ich versichere dich.*) Hätte nun ein Christ dem Rämakrishna oder Keshub gesagt:„Ihr s^id Christ, ohne es zu wissen, ein unbewusstes Mitglied derKirche Christi'^ so hätten ihm Beide sicherlich geantwortet: „Undihr seid Hindus, ohne es zu ahnen.'^ Ich aber sage dazu sursumcordal


— 366 —dass diese Juden^ welche Kinder schlachten (aus religfiÖsenMotiven) mir tausendmal lieber sind als jene^ die an garnichts mehr glauben und die schlechten (ungläubigen)Zeitungen schreiben/*Soviel über die feindseligen Aussprüche des Talmudsgegen den Stifter des Christenthums. Gehen wir nunüber zu den Stellen t die gegen das Christenthum unddie Christen als solche gerichtet sein sollen* Die ärgstendavon finden sich in Rohlings: ,,Talmudjude**, Justu's:tjudenspiegel*% Ecfccrs:,tDer Judenspiegel im Lichte der"Wahrheit", Deckert: ,,Das Christenthum im Talmudder Judcn*% Rohling: ,,Meine Antworten an die Rabbiner**,Pawlikowski: ,,Der Talmud**, Rohling: „Delitzsch unddie Judenfrage** zusammengestellt» Ich rathe sehr zurLeetüre dieser Schriften, jedoch unter gleichzeitigemStudium der grossartigen Entgegnungen von Dr. Kopp:„Zur Judenfrage**, H» L. Strack: „Das Blut im Glaubenund Aberglauben der Menschheit**, Delitzsch: „RohlingsTalmudjude**, „Schachmatt den Blutlügnern** und „WasDr» A» Rohling beschworen hat und beschwören will**und „Neueste Traumgesichte des antisemitischen Propheten**.Diese Polemik ist eine der interessantesten Leetüren,die ich überhaupt kenne. Es ist mir hier unmöglich aufdie Details einzugehen, was mich zu -weit ablenken würde.Hier also nur das Allgemeine. Dieses findet sich inProfessor Rohlings Gutachten zusammengestellt, dasfolgendermassen lautet:„Mein Zeugnis inSachen Grumbkows.Gott fordert von den Juden im Alten Testament dieHaltung der Gebote und verspricht ihnen dafür zeitlicheund ewige Güter.Das Verhältnis zwischen Jchova und


— 367 —Israel erscheint dcmgemäss als ein Vertragfsverhältnis. —Während aber die gleiche Beziehung zwischen Gott unddem Geschöpfe auch im Christenthum ausgedrückt ist^hat das nachchristliche Judenthum in dieses Vertragsverhältnisso unsaubere Elemente aufgenommen ^ dassbesagter Vertrag zu einem höchst verwerflichen Verhältnisdegradirt wird. Diese Elemente sind insbesonderefolgende:J. Dass der Jude gegenüber dem Nichtjuden an dieGebote der Gerechtigkeit und Nächstenliebe nichtgebunden ist.2. Dass der Jude sogar Unrecht thut, wenn er gegenüberdem NichtJuden die Gebote der Gerechtigkeitund Nächstenliebe beobachtet, wenigstens in Fällen,wo er ungestraft den Nichtjuden übcrvortheilen undverkürzen könnte.3. Dass es für den Juden Recht, und wenn er kann,Pflicht ist, die Nichtjuden, besonders die Christen,moralisch und physisch auf jede Weise zu schädigen,zu vernichten, heimlich sowohl, als mit Gewalt. —Es giltder Grundsatz — gufo muthar kol schechenmamona, d. h. das Leben des Nichtjuden (o Jude)ist in deiner Hand, wie viel mehr sein Eigenthum.4. "Wenn ein Jude Richter ist, so soll er in Streitigkeitenzwischen Juden und Nichtjuden die Judengewinnen lassen; geht es nicht mit Hilfe des Gesetzes,so soll der Richter über den Nichtjuden mitRänken kommen, aber vorsichtig sorgen, dass derName des Gottes Israels nicht blossgestellt werde,d* h. dass Israel nicht blamirt werde; kurz, dieRänke sollen so angewandt werden, dass man sie


— 368 —nicht entdeckt resp* handgfreiflich fassen oder bestrafenkann*5. Dem Juden gelten die NichtJuden wie ein StückVieh. — Deshalb ist auch der Eid eines Juden inHändeln mit NichtJuden ohne Werth. Denn wassoll der Eid gegen ein Thier? Es ist ein Unding;denn der Eid ist das letzte Mittel^ einen Streitzwischen Menschen beizulegen. Deshalb lehrt derRabbinismusy es sei erlaubt^ dass der Jude^ wenn erzum Eide gezwungen würde^ den Eid in Gedankenvernichte. — Als Beispiel dieser Vernichtung dientdann z. B. Rabbi Jochanan» der einer vornehmenFrau wegen eines Geheimnisses eidlich bekräftigte:ffDcra Gotte Israels — ich will es nicht offenbaren*^d. h. bei Gott, Gott zu ehren, will ich es verborgenhalten, und Jochanan dachte bei sich: „dem VolkeGottes will ich es offenbaren*'.Wenn ein Fürst, so heisst es anderswo, einenJuden schwören lässt,nicht aus dem Lande zu gehen,so schwört der Jude und denkt: „Heute gehe ichnicht"; wenn aber der Fürst schwören lässt, erwolle niemals gehen, sound der Bedingung**.denkt der Jude: „unter derDiese Vernichtung des Eides ist nach dem Rabbinismuserlaubt, wenn man den Eid übertreten kann,ohne dass der NichtJude es erführe. Wenn er esaber erführe, so ist es wegen der Entheiligung desNamens Gottes (d. h. wegen der Blamage Israels)verboten; deshalb istauch König Zedekias bestraftworden, weil er seinen dem Nabuchodonoser geschworenenEid übertrat, wiewohl dieser Eid eingezwungener gewesen. Und wenn ein Jude gegen


— 369 —einen Juden vor Gericht Zeugfnis gibt, so soll ernach dem Talmud in den Bann gfethan werden.6. Dem Juden ist es erlaubt, NichtJuden zur Befriedigungunsittlicher Fleischeslustzu gebrauchen, undes wird, um trotz dieser und anderer Verbrechenselig zu werden, nur erfordert, dass der Jude Judebleibe* Pecca fortiter, fortius crede, das ist dieDevise, deren sich das Judenthum bedienen darf«Dabei lehren die Rabbiner obendrein, dass die Verstellunggegen die Gottlosen (d. h. die NichtJuden)erlaubt ist und man desshalb zum Schein auch äusserlichden Islam oder das Christenthum annehmendürfe*7* Der Jude ist an keine Schranke von Gesetz undGewissen gebunden, wenn ihn der „jecer hara^%d* h* die böse Natur, überfällt; während der Christden Versucher bekämpfen und besiegen soll, darfder Jude, wenn er sündigt, sich mit der bösen Naturentschuldigen, so dass wegen der vorgeblichenzwingenden Versuchungen seine Verbrechen keineVerbrechen sind*8* Der Jude ist auch ein Theil des göttlichen Wesens,von Gottes Substanz wie der Sohn von der Substanzseines Vaters. — Auch aus diesem Grunde kannder Jude allen Begierden seines Herzens folgen,denn alle sind gut uud erlaubt, alle sind GottesBegierden.9. Die zwei letzten Momente beweisen auch, dassGott der Herr kein Recht hat, die Juden wegenihrerVergehen zu strafen.JO. Diese Grundsätze t— 9 darf jeder Judet wenn es ihmgefällt,von Religionswegen befolgen.24


— 370 —Das in der Religion vorliegende Vertragsverhältnis«wischen Gott und der Menschheit hat nach dem Gesagtenfür das nachchristliche Judenthum ein eigenthümlichesAussehen, indem darin Vertragselemente vorhandensind, welche dieses Vertragsverhältnis offenbar höchstunmoralisch gestalten*Indem ich auf meinen Amtseid erkläre, dass ich durchmeine Studien volle Gewissheit über die Wahrheit desVorstehenden besitze, gebe ich zugleich dem GedankenAusdruck, dass es zwar Israeliten geben wird und gibt,welche dieguten Principien ihrer Religion befolgen unddie oben verzeichneten Grundsätze verwerfen, dass aberdoch, wie gesagt, jeder Jude, wenn es ihm gefällt, diesub i — 9 vorgelegten Grundsätze von Religionswegenanwenden darf — ausgenommen die in der Krim lebendenKaräer, welche blos die Bibel des alten Testaments, nichtaber die rabbinische Tradition, den pharisäischen Talmudismus,bekennen*Eine Revision der Gesetzgebung über die bürgerlicheGleichstellung der Juden möchte nach dem Dargelegtendringend nothwendig sein.Prag, den J4. Mai J88J.Dr. August Rohling,o. Universitätsprofcssor.Was mich bei diesem ganzen wissenschaftlichen Streitam meisten empört hat, ist der Umstand, dass von christlicherSeite,d. h. von den Religionsantisemiten, den Judender Vorwurf gemacht wird, dass eine Reihe höchst feindseligerAeusserungen des Talmuds gegen sie, d. h. dieChristen, gerichtet ist. Sie bekämpfen aber diese Stellendurchaus nicht, insofern sie auf die Götzendiener gerichtetsind. Die Juden rackern sich wieder in ihrer Abwehr


— 37J —&ht um den Beweis zu Stande zu bringen ^ dass jeneStellen nicht auf die Christen gemünzt sind, sondern aufdie Götzendiener. Gelingt ihnen der Beweis, so sind sieberuhigt; bleiben die Christen überzeugt, dass nur dieGötzendiener gemeint sind, so geben sie dann auch gernRuhe. Das ist aber ganz einfach ein Scandal.Denn es wird als sousentendu betrachtet, dassjene Stellen, wenn auf die Götzendiener gemünzt,nicht so bedenklich und eher zu entschuldigensind. Und darin liegt das Aergernis.Wie das römische Christenthum eine genaue Unterscheidungmacht zwischen Schismatikern, Häretikern,Juden und „Heiden*^ und diese Unterscheidung strengconsequent in seiner Theologie durchführt und aufrechterhält, so haben auch die jüdischen und mohammedanischenTheologen von ihrem Standpunkte aus diegleicheUnterscheidungsart. Der mohammedanische Theologeund den heidnischen Ungläubigen, den sogenanntenGötzendienern, andererseits. Erstere sind ihm ahl el kitab„Volk des Buches*% d. h. ein Volk, das ein göttlichesOffenbarungsbuch bekommen hat, nämlich die Judenunterscheidet genau zwischen Juden und Christen einerseitsdie Thora (taurat), die Christen das Evangelium (indjil).Nur die NichtJuden und Nichtchristen , die sogenannten„Heiden", sind dem Muselman Qufär, Ungläubige. Aehnlichim Talmudismus. Weder die Christen noch dieMuslims sind für den jüdischen Theologen Götzendiener,sondern sie sind sogenannte Ger-toschäb, Beisassenproselyten.Darunter verstehen die Juden alle jene Andersgläubigen,welche die 7 noachidischen Gesetze befolgen.Von diesen noachidischen Gesetzen sagt der Talmud,Traktat Sanhedrin 56 a und b:Unsere Meister haben ge-24*


— 372 —lehrt: t^Sicben Vorschriften sind den Kindern Noahs gcgfegeben,Rcchtspflegfe zu üben, Lästerung des Gottesnamens, Abgötterei, Unzucht, Blutvergfiessen, Raub undden Genuss eines Gliedes von einem lebenden Thiere zuvermeiden/^„Durch diese Distinktion^^ sagt Dr. Kopp, „welchein der ganzen rabbinischen Litteratur immer wieder erwähntwird, war die Möglichkeit gegeben, zwischenReligionsfremden, die man nach Moses verfolgen muss,und solchen, auf welche dieses Gebot keine Anwendungfindet, zu unterscheiden.^' Schon die Aufstellung dieserUnterscheidung allein beweist den höher vorgeschrittenenStandpunkt des Talmuds im Vergleichezur Thora.Der Gegensatz dazu ist der Ger-Cedek — der Proselytder Gerechtigkeit — , welcher alle Vorschriften des Judenthumsauf sich genommen hat und befolgt. Nie undnimmmer ist, theoretisch gesprochen, der Christ für denJuden ein Götzendiener, ebensowenig wie er für denMuslim ein Qäfir ist.Nun hat es sicherlich auch gebildete Muslims gegeben,die die Christen per Qufär titulirt haben, sicherlich auchJuden, die auch die Christen unter die Götzendienersubsumirten.*) Letzterer Ansicht war Maimonides, der*) Noch im Jahre )866 schrieb der türkische Rabbiner SchelomoKamhi eine Broschüre, in welcher er gegen die Karaiten, die bekanntlichauch Juden sind, aber den Talmud verwerfen, die entsetzlichstenund unsinnigsten Beschuldigungen aufhäufte und dieselbenauf das Niveau der Thiere degradirte. Dieser liebe Mann predigte,dass es ein gottgefälliges Werk sein würde, sammtliche Karaitentodtzuschlagen, um den Karaitismus mit Stumpf und Stiel zuvernichten. Was aber liegt an der Meinung solcher Narren!


373Freund und Leibarzt des Saladin, der die Christen jedenfallshasste und während der Kreuzzüge mit Leib undSeele zu den Mohammedanern hielte was bei einemJuden zur Zeit der Judenmassacres denn doch selbstverständlichist.Wir brauchen aber in der Geschichte nicht so weitzurück zu gehen ^ um ähnliche Irrthümer zu finden*In England giebt es gebildete Protestanten, welche dieKatholiken für Götzendiener halten. (Vergleiche dasbereits oben über den königlichen englischen KrönungseidGesagte.) Noch im Jahre J623 schrieb Milton ein"Werk unter dem Titel: On true religion, heresy, schism,toleration. Alle protestantischen Secten sollen tolerirtwerden, — dies ist der Inhalt seiner Schrift — nur dieKatholiken nicht, weil ihr Gottesdienst abgötterischist und das alte Testament die Duldung der Abgöttereiverbietet. So schrieb noch vor 278 Jahren einerder klarstenund genialsten Köpfe Englands, und wie erreden und denken noch ungezählte Tausende andererChristen,sogar Katholiken!Ich aber möchte jenen meiner christlichen, jüdischenund mohammedanischen Freunde, welche noch immer diesogenannten nicht monotheistischendrei Bekenntnisse perUngläubige, Heiden, Qufär, Akum u. s. w. tituliren,einladen,sich einmal nach Indien, China und Japan zu begebenund dort gebildete Hinduprofessoren, die auf HochschulenVedanta vortragen, japanische Staatsmänner,chinesische und Parsi- Kaufherren, die sich alle vor derStatue Buddha's respective Vishnu's oder Shiwa's, vor demheiligen Feuer, vor Amida Butsu und Kwannon tief biszum Boden verneigen, zu fragen, ob sie das Feuer, oderdas Holz der Buddhastatue, oder das Vishnubild anbeten?


— 374 —Ins Gesicht werden sie euch lachen, und ihr werdet siegewiss kein zweites Mal darum fragen. Wenn ihreAntwort höflich stilisirt wäre, so würde sie lauten: Wirverehren das Feuer als Symbol der höchsten Gottheit»wir verehren Buddha als den Mann, der den Weg desHeiles gewiesen, die Kwannon als Symbol der Göttinder Gnade und Wohlthäterin der Unglücklichen, denVishnu als Symbol der Erhaltung, Shiwa als jenes derZerstörung, die wieder zum Brahm führt, und so weiter*Das arme unwissende Volk wird freilich ganz andersantworten, wie übrigens überall auf dem Erdenrund.Die Invectiven des alten Testamentes gegen denGötzendienst sind für Freidenker einfach gar nicht zuentschuldigen. Das Gute dabei ist nur, dass jene Grausamkeitenund Massacres nach dem System des 3). Capitelsvon Numeri nie vorgekommen sind. Der Judekönnte den Christen und den Muslims, die ihm darobVorwürfe machen würden, zurufen: „Ihr habt gethan,was ich nur gemalt habe*^' Alle Schandthaten derreligiösen Verfolgungen in den sogenannten drei Monotheistischensind aus jenen von den Juden verfassten,aber nicht befolgten Blutcapiteln geflossen und mitihnen motivirt und entschuldigt worden.Sie haben sichan Israel furchtbar gerächt, wofür sie, aber leiderauch wir uns mit ihnen, bei ihrem Esra & Cie.bedanken können.Von den Feinden der Juden war es aber sehr ungerechtgehandelt, nur jene Stellenzusammenzuklauben,die Hass und Intoleranz gegen Ungläubige und Nichtjudenathmen.Es istglücklicherweise kein Zweifel darüber möglich,dass die blühendsten und ärgsten aller jener von den


- 375 —Religionsantisemiten gesammelten Talmudcitate, ausdenen infernaler Hass gegen die Nichtjoden spricht,wider das alte römische heidnische Kaiserreichgerichtet sind. Rom hatte Judaea vernichtet, Jerusalemzerstört, entweiht, den Tempel verbrannt, das Volk,decimirt und in die Sklaverei verbannt, die jüdischenWeiber geschändet etc. etc.; da lässt sich denn begreifen,was für ein Titanenhass in der Brust der Juden gegenEdom entstehen musste.*)Wie sehr sich Canonicus Rohling, Justus, PfarrerDcckert und Docent Eckert in ihren Uebersetzungenund namentlich in ihrer Interpretation jener Talmudstellengeirrt, haben Professor Delitzsch und Dr. Kopp,wie nicht zu bezweifeln ist, zur Evidenz nachgewiesen.So hat, wie Kopp darlegt, Rohling sich geirrt, wenn erden Talmudausdruck „das frevelhafte Reich^* auf dieChristenheit bezieht ; gemeint war das heidnische römischeReich. In einer anderen Stelle» wo von Gojim undHunden die Rede ist, wollen die Antisemiten eine feindseligeZusammenstellung erblicken, wonach NichtJudenmit Hunden gleichwerthig wären; thatsächlich ist aberdort von wirklichen Hunden die Rede und der Satzganz harmlos. An einer anderen Stelle wieder werdendie Gojim mit Eseln und Schweinen in Verbindung*) Die Einwendung, dass es zur Zeit, als Rabbi Josef Qaro, resp»Rabbi Mosche Isseries(1576) den Schulchan Aruch zusammenstellte,in Galizien keine Götzendiener mehr gegeben, ist erstens unrichtig,denn in Osteuropa waren damals (und sind wohl zum Theil nochheute) sämmtliche Zigeuner Götzendiener. Nirgends ist gesagt, dassQaro und Isseries die Christen für Götzendiener gehalten. Hättensie es aber gethan, so hätten sie die Theorie vom Ger toschäb vergessenund sich ein Armuthszeugnis in der jüdischen Theologie ausgestellt.


— 376 —genannt, «nd man will daraus einen Schimpf ableiten»Thatsächlich jedoch steht Esel und Wildschwein alsRepräsentant der wilden ungezähmten Kraft und nichtals Symbol der Dummheit oder Unreinlichkeit. AusMärtyrernt die im Himmel der Seligkeit sich erfreuen,,,welche todtgeschlagen worden sind von den abgöttischenVölkern^^ macht Rohling Mörder, welche todtschlagendie Angehörigen der übrigen Völker« In einer Stelle,wo von am haarez, d. h. ungebildete, des Gesetzes unkundigeJuden, die Rede ist, macht Rohling Nichtjudenetc» Dies sind nur einige Beispiele.Das Wort akum übersetzten die Religionsantisemiten,sowie auch die Rassenantisemiten durchwegs mit Christ.Hören wir darüber Dr. Kopp:„Ein in jüdischen Schriften häufig vorkommendesWort ist akum, welches Götzendiener bedeutet. DieEntstehung dieses Wortes ist ein Curiosum. Die jüdischenSchriftsteller liebten es in früherer Zeit, Wortedadurch zu bilden, dass sie die Anfangsbuchstabenmehrerer Worte zusammenfügten. Götzendiener wurdennun genannt: abodath kochabim u mazzaloth, d. h. Anbeterder Sterne und Thierkreiszeichen, aus den Anfangsbuchstabenbildeten sie nun das Wort akum* Nun erklärtRohling ganz bestimmt: „Im Schulchan Aruch istdas übliche Wort für die Christen akum.*^ Zur Unterstützungdieser Behauptung führt er an:). Dass akum eine Geheimbezeichnung für Christensei, wo es dann heisst: abodath Christus u mirjam,d. h. Anbeter von Christus und Maria.2. Im Schulchan Aruch Orach Chajim § n4, 8 (richtignS, 8) wird gesagt, dass ein Jude sich nicht verneigensoll, wenn ein akum mit einem Kreuze


— 377 —voföbergfcht — da non das Kreuz ein christlichesSymbol istt so muss der akum ein Christ sein*3. Die Verfasser des Schulchan Aruch sagen wiederholt,dass sie sich in ihren Werken nur mit Dingender Gegenwart oder Zukunft, nichtder Vergangenheitbefassen; wären also mit akum Sternanbetergemeint, dann hätten die Ausdrücke heutzutagein unseren Gegenden keinen Sinn, weil es ebenvor 300 Jahren in Krakau keine Sternanbeter gab.4. Die Christen sind Götzendiener, weil die Juden keinvon Christen geschlachtetes Fleisch essen dürfen.5. Die Rabbiner begründen ihre Entscheidungen mitSätzen aus dem Schulchan Aruch, in denen vonden NichtJuden fast immer akum gebraucht wird.Zu J : Rohling sagt nicht, wie er auf diese „Geheimbezeichnung**gekommen ist; er hat sie aber offenbaraus Eisenmenger, welcher (I., ii3) als seine QuelleWagenseil nennt, „dem dies ein Jude einmal mitgetheilthat**. Von diesem einen Juden X. hat die Entdeckungihren Weg über Wagenseil und Eisenmenger zu Rohlinggenommen!Aber auch diese Entdeckung verliert noch an ihremvermeintlichen Werthe durch den Umstand, dass, wieDr. Bloch behauptet und die Sachverständigen bestätigen,das griechische Wort „Christus** in keinemhebräischen Werke vorkommt, was seine Verwendungzu einer hebräischen Wortbildung ausschliesst.Zu 2: Dieses Argument schien in der That höchstbedenklich. Dr. Bloch sprach zwar sofort seine Ueberzcugungaus, dass wir es hier mit einem der vielendummen Streiche einer mehr eifrigen als verständigenCensur zu thun haben, wie denn überhaupt die geist-


— 378 —liehe Ccnsof die hebräischen Schriften zoweilen lächerlichverballhornte. In der ewigen Angst, dass diehebräischen Schriften Entsetzliches gegen die Christenenthalten, erschraken sie z* B. vor jeder ErwähnungRoms und der Römer, weil man darunter den Papstund die Christen verstehen könnte, und substituirtendafür Namen, welche geradewegs zu Absurditätenführten. Blochs Hypothese war daher ganz logischconstruirt, aber schliesslich doch nur eine Hypothese,und ich wollte Beweise. Endlich gelang es ihm, trotzdemdie Wiener Bibliotheken mit Hebraicis sehr schlechtdotirt sind, die älteste oder doch eine der ältesten AusgabendesSchulchan Aruch, Venedig J576, welche nochohne die Haga des Isseries gedruckt ist, und eine alteAusgabe mit der Haga, Krakau J594, aufzutreiben —in beiden fehlt das "Wort akum vollständig und steht andessen Stelle das einfache goj, welches den NichtJudenschlechtweg bezeichnet. Ebenso fehlt akum im BethJosef, dem grossen Werke Josef Karo's, aus welchemdieser selbst den Schulchan Aruch gemacht hat. Nunwar der Beweis hergestellt, dass der „Götzendiener mitdem Kreuz" in der uncensirten alten Ausgabe fehlt,also die Schöpfung eines kopflosen Censors ist. Wie istaber der Censor dazu gekommen? Auch darüber sindwir im Klaren. Wir kennen das Decret der Index-Congregation aus dem Jahre J590, womit die Censorenangewiesen wurden, überall, wo in hebräischen Textenein harmloser Ausdruck, wie goj oder nochri, vorkommt,dafür akum und dergleichen zu setzen.Die Herren argumentirten nämlich so: Gojim undnochrim können auch die Christen sein; da nun indiesenSchriften auch über gojim und nochrim unfreundlich ge-


— 379 —sprechen wird, so bezöge sich diese Unfreundlichkeitauch auf die Christen; man muss daher statt gojim undnochrim ein Wort wählen, was ganz gewiss nicht vonden Christen gilt; ein solches "Wort ist akum, weil unterSternanbetern oder Götzendienern Niemand die Christenverstehen kann; folglich haben die Censoren überall woChristen gemeint sein könnten, statt gojim und nochrimrichtig akum zu setzen» So kindisch es ist, alte Schriftdenkmälerso zu verstümmeln, so wäre es noch erträglichausgefallen, wenn die Censoren sich die Mühe gegebenhätten, jede Stelle daraufhin zu prüfen, ob siedarnach lautet, um den Schutz der Christen zu verlangen.Das wäre aber zu viel Mühe gewesen, und so wurdedenn ganz einfach überall, wo der Censor auf die Wörtchengojim oder nochrim stiess, akum oder ein ähnliches Wortsubstituirt.Die Sachverständigen bestätigen dies vollkommen.Sie sagen: „So oft dies Wort (akum) in den von derCensur geänderten Ausgaben (des Talmud) vorkommt,nie haben wir es in Texten gefunden, die von dieserEntstellung nicht oder nur wenig berührt sind. Wirhaben an keiner Stelle der Ausgabe des Schulchan Aruch,Krakau J594, wo wir nachgeschlagen, akum gefunden;positiv können wir behaupten, dass akum in keiner derzahlreichen Stellen aus dem Werke vorkommt, welcheunsere Vorlage gibt.^^Die Sachverständigen wurden dadurch angeregt, demakum auch in anderen Schriften nachzugehen. Ein gelehrterFreund untersuchte für sie in Paris sechs Handschriftenvon dem grossen Werke des Maimonides undfand nirgends das in gedruckten Ausgaben vorkommendeakum; sie kommen endlich zu dem Schlüsse, „dass akum


— 380 —sein Vorkommen awch bei Maimonides überall erst spätererEinschwärzungf verdankt. Ebenso ist akum auch inanderen älteren Werken mit Unrecht eingfesetzt".Selbstverständlichsteht auch an der Stelle Orach Chajim 113, 8in der unverfälschten Ausgabe nichts von einem akum,sondern handelt es sich darum, dass der Jude, wenn erbeim Gebete zu der Stelle kommt, wo er sich verneigenmuss, diesunterlassen muss, wenn ihm gerade ein Fremdermit einem Kreuze begegnet, wozu diebemerken, dass „man billigerweiseSachverständigenden jüdischen Gesetzgeberndie Vorschrift nicht verargen kann, der Jude solleden Schein vermeiden, dass er dem Crucifix religiöseVerehrung erweise^^Ueber die Art, aus Stellen der harmlosesten Naturdasjenige heraus zu lesen, was der vorgefassten Meinungentspricht, vergleiche man das im Capitel über das BlutritualeGesagte.. Resumiren wir kurz. Fanatischen Geist gegen Andersgläubigeausdrückende Stellen gicbt es im Talmud viele.Dafür giebt es aber auch zahlreiche Stellen, die dieedelste und reinste Toleranz predigen.Wer die Theorie der jüdischen Moral, die freilichvonvielen Juden, Gott sei es geklagt, ebenso oft nicht befolgtwird, wie die christliche Moral von vielen Christen,kennen lernen will, der lese das Werk des ProfessorsDr. M. Lazarus: „Die Ethik des Judenthums*% erschienenin Franfurt a. M. J898. Da finden wir denn zahlreicheTalmudcitate,welche Freundlichkeit, Wohlwollen, Liebeauch gegen Andersgläubige vorschreiben, z. B.: „Manbesucht die Kranken der Fremdlinge zugleich mit denKranken Israels, man bestattet die Leichen der Fremdlingezugleich mit den Leichen Israels, und man tröstet


— 381 —die Leidtragenden der Fremdlinge , wie man die LeidtragendenIsraels tröstet wegen der Sitten des Friedens/*An 36 Stellen hat die heilige Schrift ft)cdc Kränkungdes Fremden auch nur mit kränkenden Worten verboten".Resch-Lakisch sagte: ffDa.s Recht des Fremden beugen,heisst das Recht Gottes beugen. Offene Schädigung anNichtJuden ist schlimmer als Raub an Juden, denn jeneist zugleich Entweihung des göttlichen Namens."Lazarus sagt:„Aber nicht der Fremde in Israels Mitte,der Fremde und Beisasse, sondern auch der Wildfremdesoll rechtlich und freundwillig behandelt werden. DerKunstausdruck für diesen lautet immer: „der Fremdeauf dem Markte"; auf dem Markte, der unterschiedslosdie verschiedensten Menschen anzieht, wo deshalb auchvöllig Unbekannte sich zusammenfinden. Ein Lieblingswortdes Abajf war es: „stets sei der Mensch erfinderischin der Gottesfurcht, sanftmüthig und zorndämpfend undden Friedern fördernd mit seinen Brüdern, seinen Freundenund allen Menschen, selbst mit den Fremden auf demMarkte, damit er geliebt sei in der Höhe und beliebt seihier unten (bei Gott und Menschen) und annehmlich beiallen Geschöpfen" (Berachoth I7a). Zu dieser Empfehlungdes Wohlwollens und friedlicher Gesinnung wird gleichdarauf noch von R. Jochanan b. Sakkai erzählt, dassauch seine Zuvorkommenheit Jedermann, auch denFremden auf dem Markte galt."Da bei diesen schönen Talmudstellen sich sehr häufigder Zusatz findet „wegen der Sitten des Friedens", istes den Feinden der Juden eingefallen, die Sache so zudeuten, als ob den Juden Freundlichkeit und Wohlthätigkeitgegen NichtJuden blos aus Politik angcrathen wäre,d. h. um mit den Nichtjuden soviel als möglich im


— 382 —Frieden auszukommen; eine sehr boshafte Deutungf, diehinfällig: wird durch einen anderen Talmudausspruch,welcher lautet: ffDie. ganze Thora ist nur wegender Sitten des Friedens'^Diese Stellen verschweigen und nur diefanatisch angehauchtenreproduciren, ist gegen die Gerechtigkeit undverstösst in einem gewissen Sinne auch gegen die Wahrheit,denn halbe Wahrheit ist nicht reine Wahrheit.Wenn nun alle Aussprüche der Rabbinen inspirirt sindund wahr, so möchte ich wissen, was davon zu haltenist, wenn sich solche Aussprüche schnurstracks widersprechen?Offenbar hat dann der gläubige Jude dieWahl, sein Thun und Lassen einzurichten nach demfremdenfeindlichen oder -freundlichen Texte. Diese Wahlzwischen Gutem und Bösem hat er nun auch so wie so,ganz und gar wie mit, so ohne Talmud. Das lehrt aberauch die tägliche Erfahrung. Wir wissen, dass es Judengibt, die über den Talmud lachen, andere, die sichdarüber einfach hinaussetzen. Die ungeheure Mehrzahlder Juden hat natürlich keine Ahnung davon, was drinsteht. Rabbiner, die religionsfeindliche Stellen im Talmudkennen sollten, werden sich hüten, sie ihren Schäfleinvorzutragen, um nicht in unangenehme Situationenund mit dem Unterrichtsministerium in Collision zugerathen. Wir kennen genau die in unseren Schulengebrauchten jüdischen Katechismen, jeder kann sich davonüberzeugen, — sie kosten nur wenige Heller—. DieSittenlehre, die drinnen abgedruckt ist, lautet mit derdes christlichen Katechismus identisch. Geradeso wieunsere christlichen Religionslehrer in den christlichenSchulen sich wohlweislich hüten, ihren Schülern die feindseligenAussprüche mittelalterlicher katholischer und


— 383 —protestantischer Theologen gegen Häretiker» Ketzer undUngläubige vorzutragen, ebenso hüten sich die jüdischenReligionslehrer davor. Sie müssten auch auf den Kopfgefallen sein, würden sie anders handeln. Wir wissen,dass es zahlreiche, sogar gläubige Juden gibt, welche inreichstem Masse "Wohlthätigkeit üben auch gegen armeChristen. Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass, wennein Rabbiner einem solchen Juden sagen würde, Wohlthätigkeitgegen Christen sei gegen die jüdische Moral,der Jude diesen Rabbiner zur Thür hinauswerfen würde.Das wissen die Antisemiten alle sehr genau. Was sollalso das fade Geschwätz über jene alten, heute längstzu Mumien verdorrten fanatischen Stellen des Talmuds?Der schlechte Jude wäre ebenso schlecht ohne dieselben,geradeso, wie es schlechte und lasterhafte Katholikengibt, trotz der moralischen katholischen Lehre. Der guteJude ist gut und wohlthätig 'trotz dieser Stellen und der Aufgeklärtesogar trotz jener, die zur Wohlthätigkeit und Toleranzmahnen, er wäre auch ohne die letzteren ebenso wohlthätigund edel. Dasselbe gilt auch für Christen undMuslims mit Bezug auf deren Religion. Die Religion istimmer nur eine Hilfe für den Menschen, um moralisch zu•werden und zu bleiben.Es gibt Wahrheiten, die so banalund selbstverständlich sind, dass einen geradezu einGähnen überfällt, wenn man sie auszudrücken Veranlassunghat. Eine solche Wahrheit, — die das nee plus ultra einesfaden allbekannten Truism ist — , ist die, dass es guteund schlechte Menschen gibt in allen Religionen, dasses also keine Religion gibt, die für sich allein denMenschen gut oder schlecht zu machen die Fähigkeit hat.Die eine kann mehr auf die Entfaltung dieser, die andereauf die Entwicklung jener Tugend förderlich wirken.


— 384 —So gfcbühft dem Buddhismus der ewigfc Ruhm, auchdie Rechte des Thieres auf gerechte Behandlung durchdie Menschen anerkannt und ausgesprochen zu haben,sowie die Glorie, diejenige Religion zu sein, welche diewenigsten Beispielevon Religionsverfolgung aufzuweisenhat, keine blutigen Thieropfer kennt und in tolerantesterWeise ihren Gläubigen immer erlaubt hat, auch anderenReligionsgesellschaften gleichzeitig anzugehören undihren Cult mitzumachen. So sind z» B. in Japan vieleBuddhisten gleichzeitig Shintoisten und in China Taoistenund Confucianer**)Der Islam wieder hat den kleinstenProcentsatz von Trunkenbolden, Atheisten, Materialisten,Selbstmördern und Prostituirten. Der Protestantismushat in drei Ländern, wo er die herrschende Religion ist,nämlich inEngland, Amerika und Schweden, das Duellabgeschafft und fossil gemacht; er erfreut sich des geringstenProcentsatzes von Concubinaten, unehelichenGeburten und anderer Laster dieser Gattung; auch hater den Boden für die Aufklärung vorbereitet. DasJudenthum hat seine Gläubigen zu höchster Sparsamkeit,Enthaltsamkeit, Fleiss, Wissensdrang und Gott ergebenerGeduld erzogen und die so musterhafte jüdische*) In seiner Nummer vom J4. April d. J. bringt das „Vaterland*,eine Rede des Erzbischofs von München» in welcher Folgendes zulesen ist: „Noch in anderer, und zwar in verfeinerter Form willdas Heidenthum wieder Eingang finden. Es ist die Götzen dienereides Buddhismus, die man heutigen Tages mancherlei gebildetenKreisen als die höchste Gestaltung des religiösen Lebens anzupreisensucht.Der Christ wird mit aller Beharrlichkeit von sich diese Irreligionabweisen, die den Menschengeist schliesslich in das Nichts versinkenlässt; er wird sich einem Irrwahne verschliessen, der seiner Naturnach den gesammten geistigen und sittlichen Fortschritt der Menschheitzum dauernden Stillstand bringen würde/'


— 385 —Familie herang^ebildet* Die katholische Kirche endlichfdie beste und erhabenste aller Confessionen, die dasmeiste Elend lindert^ die meisten Thränen trocknet^ diemeisten Leidenden tröstet^ die durch die Fülle ihrerGnadenmittel und durch die erhabene Caritas so vielerihrer Mitglieder es wie keine versteht, den armen undleidenden Menschen (also der ungeheueren Majorität)von der Wiege an bis zum Grabe helfend und tröstendzur Seite zu stehen, ihnen die schweren Mühsalen desLebens erträglich zu machen und den bitteren Todeskampfzu erleichtern, hat den grössten Procentsatzheiliger Menschen geliefert; Männer, wie z. B. jenenPater Damien, der sich auf einer der Sandwichs-InselnJ4 Jahre mit den Aussätzigen einschloss, bis er selbstdaran zu Grunde ging; Missionäre, die Alles, was dasLeben bieten kann, Familie, Ruhm, Vermögen, Vaterlandfür immer und auf nie mehr Wiedersehn verlassen,um in Japan oder Birma bis zu ihrem Lebensende ekelhafteAussätzige zu pflegen; edle Männer und Frauen,die in die Cholera- und Pestspitäler dringen, um Krankeund Sterbende zu pflegen und zu trösten; Nonnen, diesich ohne Widerspruch in Länder mit den tödtlichstenKlimaten schicken lassen, den baldigen sicheren Todvor Augen; barmherzige Schwestern, die auf blutigenSchlachtfeldern mitten während der Schlacht ihres erhabenenAmtes walten.So erstrebt denn jede Religion mehr oder wenigerdasselbe. Die eine erreicht einen höheren Procentsatzvon Tugenden unter ihren Gläubigen leichter in dieserRichtung, die andere mehr in jener, wobei ich unterdem Worte „Gläubige*^ die Gesammtsumme aller jenerverstehe, die zufällig in einer Confession geboren sind*25


— 386 —Mit einem Worte, jeder Jude, sowie jeder Katholik«nd Protestant im Staate der österreichisch-ungarischenMonarchie und sicherlich wohl in jedem anderen StaateEuropas kann auf seinen entsprechenden, vom Staateanerkannten und gebilligten Katechismus hinweisen,wenn er nach den Grundsätzen der Moral gegen Andersgläubigebefragt wird. Da steht zu lesen, und jedeskleine Schulkind muss es auswendig büffeln: „Wer istmein Nächster? Mein Nächster ist jeder Mensch, gleichgültigwelchen Glaubens und welcher Nationalität/'*)Was Fanatiker vor vielen Jahrhunderten einmal gedachtund geschrieben haben, ist vielleicht interessant für den,der Völkerpsychologie studiert, und füreinzelne Gelehrte;fürs praktische Leben hat es nicht die geringste Bedeutung«Deo gratias!In Folge der heftigen Angriffe der Antisemiten gegendas Judenthum fanden sich die Leiter der jüdischenGemeinde in Berlin veranlasst, die Hauptgrundsätze derjüdischen Sittenlehre in einer Anzahl kurzer Sätze klarund sachlich zusammenzustellen und in allen jüdischenReligionsschulen zu verbreiten.Nach wiederholten Berathungenfasste die Commission die jüdische Sittenlehrein den folgenden J5 Grundsätzen zusammen und überreichtesie am 14. December J885 dem Gemeindevorstand.Der Text derselben lautet:J. Das Judenthum lehrt die Einheit des Menschengeschlechts.Wir haben alle einen Vater. Ein Gotthat uns alleerschaffen.2. Das Judenthum gebietet: „Liebe deinenNächsten wie dich selbst^' und erklärt dieses*) Ganz dasselbe steht natürlich auch in den mohammedanischenSchulkatechismen des türkischen Reiches.


-— 387 —Menschen umfassende Gebot der LiebeallealsHauptgrundsatz der jüdischen Religion. —Es verbietet daher: gegenüber Jedermann, gleichvielwelcher Abstammung er sei, welcher Nation er angehöreund zu welcher Religion er sich bekenne,jede Art von Gehässigkeit, Neid, Missgunstund liebloses Verhalten; es fordert Recht und Redlichkeitund verbietet Ungerechtigkeit, insbesonderejede Unredlichkeit in Handel und Wandel, jedeUebervortheilung, jede Benutzung (Ausbeutung) derNoth, des Leichtsinns oder der Unerfahrenheit einesAndern, sowie jeden Wucher und jede wucherischeAusnutzung der Kräfte Anderer.3. Das Judenthum gebietet: das Leben, die Gesundheit,die Kräfte und den Besitz des Nächsten zu achten.— Es verbietet daher: durch Gewalt oder List oderin sonstiger widerrechtlicher Weise den Nebenmenschenzu schädigen, ihn um sein Hab und Gutzu bringen oder ihn gegen rechtswidrige Angriffehilfloszu lassen.4. Das Judenthum gebietet: des Nächsten Ehre heiligzu halten wie die eigene Ehre. — Es verbietetdaher: jede Herabsetzung des Nächsten durchüble Nachrede, jede Kränkung desselben durchSpott und Beschämung*5. Das Judenthum gebietet: die religiösen UeberzeugungenAnderer zu achten. — Es verbietetdaher: jede Verunglimpfung oder Nichtachtungreligiöser Gebräuche und AbzeichenAndersgläubiger.6. Das Judenthum gebietet: Barmherzigkeit gegenJedermann zu üben, die Nackten zu kleiden, die25*


388Hungffigen zu speisen, die Kranken zu pflegen,die Trauernden zu trösten. — Es verbietet daher:die Fürsorge auf das eigene Wohl und das Wohlder Angehörigen zxs beschränken und bei fremdemLeid theilnahmlos zu bleiben*7* Das Judenthum gebietet: die Arbeit zu ehren.Jeder an seiner Stelle soll an der Thätigkeit derGesammtheit durch eigene körperliche und geistigeArbeit theilnehmen, im Fleiss des Schaffens undWirkens die Segnungen des Lebens suchen. —Es fordert daher: die Pflege, Ausbildung undthätige Anwendung unserer Kräfte und Fähigkeiten.Es verbietet dagegen: jeden trägen, arbeitslosenGenuss und den Müssiggang im Vertrauen aufdieUnterstützung durch Andere*8. Das Judenthum gebietet: unverbrüchlich die Wahrheitzu bekennen; Wahrhaftigkeit zu üben, dassunser Ja Ja, unser Nein Nein sei. — Es verbietetdaher: jede Entstellung der Wahrheit, jede Vorspiegelung,Heuchelei und Gleissnerei und jedeArt von falschem Schein.9. Das Judenthum gebietet: in Demuth zu wandelnvor Gott und in Bescheidenheit vor den Menschen. —Es verbietet daher: Ueberhebung, Hochmuth undHoffahrt, vordringlichen Dünkel, Prahlerei undGeringschätzung fremder Verdienste.JO* Das Judenthum fordert: Verträglichkeit, Versöhnlichkeit,Milde und Wohlwollen; es gebietet also:Böses mit Gutem zu vergelten, eher Unrecht zuleiden als Unrecht zu thun* — Es verbietet daher:Rache zu üben, Hass zu hegen, Groll nachzutragenund selbst den Widersacher ohne Hilfe zu lassen.


— 389 -n. Das Judenthum gebietet: Keuschheit, Sittenstrengeund Heiligung der Ehe. — Es verbietet daher:Zuchtlosigkeit, Masslosigkeit und jede Lockerungder Famiiienbande*12. Das Judenthum gebietet: die Gesetze des Staatsgewissenhaft zu befolgen, die Obrigkeit zu ehrenund ihr zu gehorchen. — Es verbietet daher: Auflehnunggegen die Anordnungen der Obrigkeitund jegliche Umgehung der Gesetze.J3. Das Judenthum gebietet: das Wohl der Mitmenschenzu befördern,den Einzelnen oder der Gesammtheitnach dem Masse seiner Kräfte zu dienen. — Esverbietet daher: jede träge Gleichgültigkeit gegendas Gemeinwohl und jede eigensüchtige Abschliessungvon den zur Wohlthätigkeit und zur Veredelungder Menschen geschaffenen Einrichtungen der Gesellschaft*J4. Das Judenthum gebietet: das Vaterland zu liebenund für dessen Ehre, Gedeihen und Freiheit, Gutund Blut willigzu opfern.J5. Das Judenthum gebietet: den Namen Gottes durchunser Thun zu heiligen und dazu mitzuwirken,dass jene Zeitherannahe, in welcher alle Menschengeeint sein sollen in der Liebe zu Gott und in derLiebe zu allen Nebenmenschen."Zu diesen Sätzen hatten bis zum Juli J889 nichtweniger als 204 jüdische Theologen Deutschlands —meistens Rabbiner — ihre Zustimmung gegeben, und späterbis zum (. Mai (89( traten auch die Rabbiner derösterreichisch -ungarischen Monarchie mit ihren Unterschriftendieser Erklärung bei.Mit feierlichem Hinweise auf Gott haben im Januar J893


— 390 —die Rabbiner Deutschlands die folgfende^ von 220 Rabbinernunterzeichnete Erklärung abgegeben:,tlm Vertrauen auf den Beistand Gottes erklärenwir zur Steuer der Wahrheit gegenüber falschen Vorstellungen,die über das Schriftthum und die Sittenlehredes Judenthums verbreitetwerden, was folgt:Die heilige Schrift, welche Gemeingut der ganzen gesittetenWelt geworden ist, bildet die Grundlage für dieLehre des Judenthums.Ausser der heiligen Schrift, welche die ,schriftlicheLehre* heisst, besitzt das Judenthum noch eine Religionsquelle,den Talmud, der,weil er ursprünglich nicht niedergeschriebenwurde, die ,mündliche Lehre* genannt wird.Eine endete religionsgesetzliche mündliche Lehre gibt esfür das Judenthum nicht.Der Talmud baut seinen Lehrinhalt auf Grund desbiblischen Wortes auf und gibt Allem Raum, was denmenschlichen Geist und das menschliche Gemüth beschäftigt.Neben dem Religionsgesetze und der Ethik,welche seine beiden Hauptgebiete sind, haben in ihmFragen der Weltweisheit, der Naturkunde, der Medicin,der Geschichte, sowie Erzählungen, Gleichnisse, Legenden,Sentenzen und Aehnliches Aufnahme gefunden. — SeinerForm nach ist der Talmud mit der Aufzeichnung derVerhandlungen einer gesetzgebenden Körperschaft, inwelcher eine Vorlage mit ihren Motiven zur Diskussionsteht, insofern zu vergleichen, als er die von mehr als2000 namhaft gemachten Gesetzeslehrern währendvieler Jahrhunderte in den Lehrhäusern gepflogenenVerhandlungen aufzeichnet, die verschiedenen, oft widerstreitendenMeinungen neben einander stellt, jede Ansicht,die zu Worte kam, jede Auffassung, die geäussert


— 39J —wurde, inder ganzen Lebendigkeit der Diskussion wiedergibt,und zwar ohne dabei immer zu einer endgültigenEntscheidung zugelangen.Der Talmud enthält somit überaus zahlreiche Aussprüche,welche als die Meinungen Einzelner niemalseine bindende Kraft erlangt haben. Seiner ganzenAnlage nach kann daher der Talmud nur als eine Quellenschriftfür die Auffassung des biblischen Wortes und für dieKenntnis, die Geschichte und die Begründung des überliefertenReligionsgesetzes betrachtet werden. Als einesolche Quellenschrift ist der Talmud zu allen Zeiten vonden jüdischenForschern behandelt worden.Die Bezeichnung ,Akum* bedeutet , Anbeter derSterne und Planeten^ und ist selbstverständlich nichtauf die Bekcnner der monotheistischen Religionenanzuwenden.Die Sittenlehre des Talmuds beruht auf der Bibelund erblickt in folgenden Aussprüchen der heiligen Schrift:,Im Ebenbilde Gottes hat Er den Menschen geschaffen^ (GenesisJ,27),(Levit. J9, J8),, Liebe deinen Nächsten wie dich selbst*, Liebet den Fremdling*, ,Liebe ihn wiedich selbst* (Deut. JO, J9; Levit. J9, 34) das Gebot derallgemeinsten, auf alle Menschen, Juden und Nichtjudensich erstreckenden Nächstenliebe. — ImGeiste des Prophetenwortes, das dem in Babylon weilendenIsrael zugerufen wurde: ,Fördert das Wohl der Stadt, indie Ich euch geführt habe, und betet für sie zu Gott,denn in ihrem Wohle wird euch wohl sein* (Jercm. 29, 7),wird im Talmud der Grundsatz aufgestellt und von allenGesetzeslehrern einmüthig zum Gesetz erhoben: „DasStaatsgesetz hat im staatsbürgerlichen Leben verbindlicheKraft** (Talmud babli, Baba bathra 54b,


— 392 —55 a etc.)« Es ist dem8:emäss rcligions gesetzliche Pflicht,mit der Treue gegfcn die Religion Gehorsam gegen dieGesetze des Staates zu verbinden.Die späteraus dem Talmud und der nachtalmudischenLiteratur entstandenen Auszüge , wie Jad hachasaka desMoses ben Maimon, Schulchan-Aruch des R. Josef Karound andere Zusammenstellungen haben niemals fürsich allein als massgebend für die Entscheidung gegolten, sondern stets durch das Zurückgehen auf dieQuellen ihrKorrektiv erhalten.Vereinzelte gegen ,Akum* gerichtete Aussprüche inTalmud, Schulchan-Aruch und anderen Schriften sindals der Ausfluss einer durch die Zeitverhältnisse hervorgerufenenStimmung und als Akte der Nothwehr zu betrachten;sie waren nur gegen diejenigen Heiden gerichtet,welche Ehre, Leben und Eigenthum desNächsten nichtschonten. Derartige Aussprüche sind selbstverständlichfür das Judenthum durchaus nicht verbindlich.— Allgemein anerkannt und auch in Zeiten derVerfolgung festgehalten ist der Ausspruch des Talmuds:, Die Frommen aller Völker sind der ewigen Seligkeittheilhaftig* (Tosephta Sanhedrin 13, 2).Die Sittenlehre desJudenthums erkennt keinen Anspruchund keine Anschauung an, die dem NichtJuden gegenüberetwas erlaubt, was dem Juden gegenüber verboten ist.Die Sittenlehre des Judenthums, die seinen Bekennernheilig ist, die in den Schulen gelehrt und von denKanzeln verkündet wird, gebietet: In jedem Menschendas Ebenbild Gottes zu achten, in Handel und Wandelstrengste Wahrhaftigkeit gegen Jedermann zu bethätigen,jedes Gelübde und Versprechen, welches irgend einemMenschen, sei er Jude oder NichtJude, geleistet wurde.


— 393 —als unauflöslich und unverbrüchlich treu zu erfüllen^Nächstenliebe gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung:und des Glaubens zu üben^ die Gesetze des Vaterlandesin treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl des Vaterlandesmit allen Kräften zu fördern und an der geistigen undsittlichen Vervollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten/*Um nun jenen meiner geehrten Leser, welche etwadie Meinung hegen sollten, dass in den theologischenSchriften des Christenthums vergangener Jahrhundertenicht auch zahlreiche Stellen vorkommen, die dieselbeFeindseligkeit gegen Andersgläubige und dieselbe Moralpredigen, als wie jene Stellen des Talmuds, die ProfessorRohling, Pfarrrer Deckert, Docent Ecker undandere Judenfeinde aus demselben herausgefischt haben,ihre Illusion vollständig und für immer zu benehmen,lege ich Ihnen folgende Zusammenstellung von Citatenzu Füssen und empfehle sie ihrem ganz besonderenStudium. Ich übersetze diese Stellen nicht, da es nichtmeine Absicht ist,den Feinden des Christenthums Waffenin die Hand zu drücken, um dasselbe zu bekämpfen.Jene ernsten Männer, welche sich die Mühe nehmenwerden, jene Stellen in Bibliotheken nachzuschlagen, sindMänner der Wissenschaft, und von ihnen droht wohlkeine Gefahr, dass sie von ihrem Wissen einen unrichtigenGebrauch machen könnten, indem sie diese Stellen unterdie Unwissenden verbreiten, um dieselben aufzuhetzen.Diese Stellen sind nun folgende:J. Julii Firmici Materni V. C. de errore profanarumreligionum caput XXX. (Univ. -Bibliothek. PatristicaII J Patrologiae Cursus Completus Tomus XII.Paris J845 — Seite J048.)Diese Stelle betrifft die Art und Weise, in welcher


— 394 —ein christlicher Kaiser im 4. Jahrhundert mit Berufungfauf das 5» Buch Moses, J3* Capitel, geg^cnGötzendiener vorzugehen hat.2. Corpus jur. canon* Decretum Gratiani II pars CausaXXIII Quaestio V. c. XXXII.Diese Stelle ist aus dem J2. Jahrhundert undhat denselben Inhaltt wie die vorhergehende.3. Corpus jur. canon. Decretum Gratiani II parsCausa XXIII Quaestio V. c. XLVII.Betrifft die Tödtung eines Excommunicirten.4. Corpus jur. can. Decretales Gregorii Lib. V. Tit. VIIcap. XIII. Vom Anfang bis incl. § 5.Betrifft die Art, wie gegen die Ketzer vorzugehenist.5. Corpus jur. canon. Decretales Gregorii Lib. V.Tit. VII eap. X vom Anfang bis incl. »tsed etiamin progeniem Damnatorum^*.Betrifft das Vermögen des Ketzers, wenn seineKinder unschuldig sind.6. Corpus jur. canon. Sexti Decretalium Liber V.Tit. II. cap. II. Vom Anfang bis incl. „perpetuumcareat sepultura^^Betrifft das Begräbnis von Ketzern.7. Corpus jur. canon. Septimus Decretalium Liber V.Tit. III cap. I. Vom Anfange bis incl. „praedictaepunitione non subjaceant innocentiae filiorum".Betrifft Strafen für die Ketzer.8. Quinti Septimii Florentis Tertulliani PresbyteriCarthaginiensis Opera omnia. De Spectaculis LiberCaput XXX (Univ.-Bibliothek. Patristica II t PatrologiaeCursusComplctusTom.I. Paris J844 Seite 660).Kirchenvaters TertuUian Beschreibung der Hölle.


— 395 —9. Jacobi Simancae Pacensis Episcopi de CatholicisJO.Institutionibusbis ,,DimittiinüSLiber XL VI No. 48 vom Anfangeimpunitos", No. 49 von y^Quod sidiutius" bis ^^strangfulari solent", No. 50 vom Anfangsbis ttsubsidium conccdentur", No. 52 vom Anfangbis t^catholicum astrinxerit" und No. 53 vomAnfang bis ^^semper turbavit" (Hofbibliothek Seite364, 365 und 366).EidBehandlung der Ketzer und des Ketzern untergegebenen Versprechens.das Breve des Papstes Urban VIII. d. do. Rom 28. JuniJ63I an Kaiser Ferdinand II. Betreffend die Zerstörungvon Magdeburg.Dasselbe befindet sich inder Wiener Hofburg im k. k. Haus- und Staatsarchiv.n. Sancti Patris Nostri Joannis Chrysostomi Archiepiscopi;Constantinopolitanis Opera OmniaTomus I.De sacerdotio Liber Primus 9 (Hofbibliothek EditioMontfaucon pag. 370) von ^^Neque enim Phineem**bis zum Schlüsse des Buches.Betrifftüber das Täuschen.das Verbrechen des Mordes und handeltJ2. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. parsCausa XXIV Quaestio I c XXIV.Vergleiche auch Epistel Johannes, Vers (Ound JJ.Betrifft das Grüssen von Ungläubigen.J3. Sancti Aurelii Augustini Hipponensis EpiscopiOpera Omnia Sermo V No. J(Univers.-Bibliothek.Patristica II i Patrologiae Cursus CompletusTomus XXXVIII Paris J845 Seite 53) von „Suntenim quidam eorum" bis ,,de arca ventus rapit".Betrifft die Vcrglcichung von Ketzern undSchismatikern*


— 396 —J4. Dasselbe Buch Sermo XLVI No. 29 (Seite 286)vom Anfang bis ffStudio capitur".Betrifft: liebevolle Bezeichnung eines Ketzers.J5. Dasselbe Buch Sermo LXXVIII Cap. VI No. JO(Seite 487) die ganze No. tO.Vergleiche Matthäus J5, 2J—28.für Heiden.^BezeichnungenJ6. Sancti Hilarii Pictaviensis Episcopi Opera Omnia,Commentarius in Evanglium Matthaei Caput VINo. t (Univ.-Bibliothek. Patristica II J, PatrologiaeCursus Completus Tom. IX Paris J844 Seite 95 J)vom Anfang bis ^^non ruminando disponunt".Betrifft Epitheta für Heiden und Ketzer.J7. das sub. No. Jf citirte Werk Adversus JudaeosOrationes^ I oratio pag. 589 von ,,Taliavero brutaanimantia'* bis ,,mactate illos*^; pag. 590 von ^^Multiscio revcrentur^^ bis ,,sed bestiae impurae", pag. 592von „Si quidem nee cauponae** bis ^J^daeorumanimae*% pag. 596 von ,tCum hominibus igitur"bis ^^infestos daemones colerent^^Epitheta für Juden und Synagogen betreffend.J8. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XXVIII Quaestio I c I von Anfang bis,,conjugium non esse inter infideles*^Betrifft die Ehen der Ungläubigen.J9. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XXVIII Quaestio I c X vom Anfang bisy,translata est fidem^*.Betrifft die Ehen von Juden und Christen.20. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XXVIII Quaestio II c II. Vom Anfang bisjtChristianorum conjugiorum".


— 397 -Betrifft die Ehen von Juden und Christen.21. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XXVIII Quaestio III c. J. Vom Anfang bisttvttcta,sunt dimissa*^Betrifft die Ehen von Juden und Christen.22. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XXVIII Quaestio I c. XVII. Vom Anfangebissegregetur.Betrifft die Ehen von Juden und Christen.23. Corpus juris canon. Decretales Gegori Liber VTitulus XVII Caput III.Betreffend See-und Strandraub.24. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XXIII. Quaestio IV. c XIX die(Summa).UeberschriftBetrifft öffentliche und geheime Sünden.!25. Corpus juris canon. Decretales Gregori Liber VTitulus XVIII cap. V.Betreffend heimlicheDiebe.26. Sancti Aurelii Augustini Hipponensis Episcopi Operaomnia Sermo IV cap. XXII (Univ. -BibliothekPatristica II J, Patrologiae Cursus Completus Tom.XXXVIII Paris J845 — Seite 45) Ueberschrift undvon „Non ergo erat verus ille dolus** bis ,,in istumtransierat**.Betrifft den von Jakob an seinem Vater Isaakverübten Betrug. (Vergl. No. JI.)27. Corpus juris canon. Decretum Gratiani II. ParsCausa XVII Quaestio II c XXI. Vom Anfangbis ttfaceret justitiam Dei*'.Betrifft die Abschlachtung der Baalspriesterdurch König Jehu.


- 398 -28» Corpus juris can. Decrctalcs Gregorii Libcr IITitulus XXIV cap.XV.Betrifft aus Furcht geleistete Eide.29. Corpus juris canon. Decretales Gregforii Liber IITitulus XXIV cap. XXVII Ueberschrift (Summa).Betrifft Eide,geschworen sind.die gegen den Vortheil der Kirche30. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV.JuramentumArt. III No. 34 (Seite JJ42) vom Anfang bis ^tdocetcommunis doctorum^*.Betrifft die. Entbindung vom Eide.3J. FerrarisPromptaBibIiothecaTom.lv. JuramentumArt. I No. J3 (Seite J092).Betrifftden geheimen Vorbehalt beim Eide.32. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV. JuramentumAdditiones Casinensis No. 21 und No. 22 (SeitenSO und M5i).BetrifftZweideutigkeiten beim Schwören.33. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV. JuramentumArt. I No. J7 (Seite 1094). Vom Anfang bisffcum. juramento negaverit".Den Eid betreffende Betrachtungen.34. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV. JuramentumAdditiones Casinensis No. 26 (Seite ii 52)*Den Eid betreffendeBetrachtungen.35. Eben daselbst No. 27 (Seite n53).Den Eid betreffendeBetrachtungen.36. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV. JuramentumArt. I, No. J9 (Seite J095).Den Eid betreffende Betrachtungen.37. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. I. Accusatus


— 399 —No. 43 (Seite 208). Vom Anfang bis „et non proploribus'^Den Eid betreffendeBetrachtungfen.38. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV. JuramentumArtic. I. No. J8 (Seite J094).Den Eid betreffende Betrachtungen.39. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. IV. JuramenttimAdditiones Casinensis No. 32 (Seite n54).Betrifft einen qualificirten Eid.40. Ferraris Prompta Bibliotheca Tom. II. ContractusEmptionis et Venditionis Art. III No. 23 ond 25(SeiteJ427).BetrifftBetrug im Handel.Hiessc es nun nicht der "Wahrheit und Gerechtigkeit insGesicht schlagen, wollte man eine Sammlung von blossolchen Stellen, die lächerlich und fanatisch klingen, auschristlichen Theologen anfertigen und dann ausrufen: „Sehther, da habt ihr die christliche Moral V*jeder Christ wäreempört über ein derartiges Vorgehen. Aber der Heilandhat gesagt, dass wir den Leuten das thun müssen, waswir wollen, das sie uns thun, d. h. also Niemandemetwas anthun, was wir nicht wollen, das er uns anthue.In Christian Gersons Werke: „Des jüdischen TalmudsAuslegung und Widerlegung^* von Pfarrer Deckert 224 ff.befindet sich ein „gegen die Rabbiner" betiteltes Capitel,in welchem alles, was sich gegen das Privatleben derRabbiner Ungünstiges sagen lässt,sorgfältigst zusammengestelltist. Alles Günstige ist natürlich ausgelassen.Nun frage ich: Ist das eine ehrliche Kampfesweise?Unter den Heiligen der katholischen Kirche gibt esviele Männer und Frauen, die früher grosse Sünderwaren, sich später bekehrten und grosse Heilige geworden


— 400 —sind (2. B, der heilige Augustinus). "Was würden nundie Christen dazu sagen, wenn einer über die christlichenHeiligen ein Buch schreiben würde, in welchem blos dieFehltritte und menschlichen Schwachheiten derselben angeführt,von ihren Tugenden und guten Werken abernichts erwähnt wäre?Als in den letzten Tagen Februars des laufendenJahres von Seiten eines der katholischen Kirche feindlichenAbgeordneten eine Interpellation im österreichischenReichstage eingereicht wurde, — betreffend einige Steilenaus der Moraltheologic des heiligen Alphonsus vonLiguori — entstand eine furchtbare Aufregung im ganzenkatholischen Lager und es wurde das tendenziöse Hereinziehenin das Parlament einzelner Aussprüche Liguorisals eine infame Bosheit dargestellt; ein Attentat gegendas Sacrament der heiligen Beichte. Abgeordneter Dr.Scheicher erklärte ineiner Rede, welche er am 23. Februarim Abgeordnetenhause hielt, „dass damals, als Liguorischrieb, man mit Vorliebe Casuistik getrieben habe undzwar auch in nichttheologischen Fächern. Man könneüber den Werth derselben verschiedener Meinung sein,die gegenwärtige Zeit und auch Redner finde an derselbensicher keinen sonderlichen Geschmack mehr; dasliege aber in der veränderten Geschmacksrichtung. Manmüsse das ganze Werk des hl. Alphons von Liguori,das mehr als 8 Bände umfasst, von welchen sich nurwenige Seiten auf den in der Interpellation besprochenenGegenstand beziehen, vom Standj/unfct des Schriftstellerseiner vergangenen Zeit bcurtheilen, nichtvom Standpunkt der Gegenwart. Heute huldige manvielfach ganz anderen Anschauungen. Thatsachesei auch, dass damals diese Schreibweise nicht nur in


— 40J —der Theologfic, sondern auch in den juridischen Fächernsich eingewöhnt hatte, und Thatsache sei es ferner, dassdie Interpellation die Theologie mit dem Jus verquickthabe."Wörtlich dasselbe können die Juden denChristen antworten, welche den Talmud undSchulchan Aruch angreifen.Dr. Scheicher hat in dieser Entgegnung, mit welcherer den Nagel auf den Kopf getroffen, vollkommen derWahrheit und Gerechtigkeit entsprochen, und ich empfehleseine Worte herzlichst dem Nachdenken der christlichenAntisemiten. Ich erlaube mir, sie daran zu erinnern,dass der Talmud viele Jahrhunderte älter ist, als dasWerk des heiligen Alphonsus von Liguori, dass er nichtaus 8 kleinen Bändchen, sondern aus i2 grossen Bändenbesteht und nicht blos die Meinung von 860, sondernvon ca. 2000 jüdischen Rechtslehrern und Theologenenthält.Anlässlich derselben Interpellation im Abgeordnetenhausehielt der mit mir persönlich befreundete Rectorder Redemptoristen Pater Freund in der Peterskirche inWien eine schöne und gediegene Predigt, die sich in derNummer des „Vaterland" vom J4. März abgedrucktfindet. Nachdem er den Umstand betont, dass der heiligeLiguori nur für Priester geschrieben, sprach er die folgendenWorte: von denen ich jene gesperrt drucke, diesich mutatis mutandis von jüdischer Seite gegendie christlichen Antisemiten mit ebenso vielRecht anwenden lassen:„Was charakterisirt die Moral -Theologie des heÜxgenAphonsus? Sie ist ein sehr umfangreiches,höchst wissenschaftliches Werk, welches acht Bände26


- 402 —umfasst und in welchem 860 Schriftsteller citirtwerden. Er arbeitete an diesem Riesenwerke mehrereDezennien. Manchmal beschäftigte ihn ein einzigerPunkt mehrere Tage lang, wie er selbst mittheilt, wobeier Alles genau, peinlich genau abwog und dann2u Gott um Erleuchtung flehte, um die richtigeEntscheidung zu treffen. Da sein Werk den ganzenDekalog auf das gründlichste und ausführlichstedurchgeht, musste er selbstverständlich auch die Gegenstände,welche die Keuschheit, respective Unkeuschheit inall den vielgestaltigen Erscheinungen betreffen, einergründlichen Durcharbeitung unterziehen* Und er unterzogsich dieser schweren, peinlichen, ihn oft anekelndenArbeit aus Liebe zu den Priestern, damit sie gegebenenFalles richtig antworten, richtig warnen, richtigentscheiden können; aus Liebe zu den Seelen derPönitenten, damit sie nicht etwa Sünden vermeinen,wo keine Sünde, andererseits aber nichtüber Dinge ohne Bedenken hinweggehen, dievon Bedeutung sind. Die katholische Kirche hatseine Werke wiederholt mit den grössten Lobsprüchenerhoben und, wie wir erwähnt, ihn zum Lehrer derKirche erhoben.Und nun kommt ein ganz obscurer Mensch, der sichGrassmann nennt, seines Zeichens ein Buchhändler improtestantischen Stettin, reisst Stellen, die sorgfältigstgehütet werden müssen, aus den verschiedenstenTheilen des Buches heraus, stellt sie nebeneinander,übersetzt sie ins Deutsche und fälscht dasGanze so, dass es den Anschein hat, als wollte dergrosse, gottinnige Heilige eine pornographische Schriftan Jung und Alt herausgeben, zur Verführung des ganzen


- 403 —Volkes. Grassmann roft aus: ,,AIphonscns Moraleine immense Gefahr*^ Und trotz der Beschlagnahmedieses Pamphlets von Seiten der Behörden weiss er esdoch in tausend und tausend Exemplaren in alle Weltzu schleudern t zum immensen Gaudium aller modernenPharisäer!Es wird dasselbe von einer gewissen Klasse Menschenaus dreifachem Grunde gierigst verschlungen»Fürs ErstCt weil man es als Mittel missbraucht,sinnliche, gemeine Leidenschaft damit aufzustacheln,und zweitens, weil es sogar auch staatlicherseitszu lesen und zu verbreiten untersagtist, und drittens, weil der Hass gegen die katholischeKirche dadurch gemästet werden kann.Jeder darf sich über den Ursprung dieses Schandbüchleinsseine Gedanken machen, wie man es für vernünftighält. Ich habe da meine eigene Meinung undbin überzeugt, dass diese Meinung viele Andere auchhaben und dass sie nicht unbegründet ist. Nämlich:Der Hass gegen die katholische Kirche istgeradezu entsetzlich geworden. Von den Freimaurernan bis hinab zum neuesten „Los vonRom^'-Schreier setzen sie ihre Lebensaufgabedarin, die Kirche zu erdrosseln. Darum jenes ungerechte,unverantwortliche Hetzen gegen die katho"lischen Priester, von dem ich im ersten Vortrage redete.Darum jene gemeine Lüge, die katholische Religionsei mit der Liebe zur Nation im Widerstreite, sodass ein eigentlicher Katholik nicht national seinkönne, nun müsse man national sein, also dürfeman nicht katholisch sein. Darüber sprach ichgestern.26*


404Mit diesen zwei Verleumdungen haben die Gegnernicht genug, sie wollen etwas, was mehr Zugkraft hat»Es braucht noch etwas Pikantes,etwas Neues, was sichnoch nicht ausgelebt hat, man muss weiter vordringen,höher steigen und die katholischen Heiligen an denPranger stellen, aus Heiligen Scheusale machen!Das wird blitzartig zerstörend wirken. — Welchen Heiligenwird man wählen? Nicht einen mittelalterlichen, nichteinen obscuren, nicht einen, wenn ich so sagen darf,tagtäglichen, gewöhnlichen — sondern er muss ausneuerer Zeit sein, er muss mithin bekannt, populär sein,er muss auch ein Geistlicher sein, womöglich ein Ordensgeistlicherund etwa gar ein Bischof.*^Alle vom Pater Freund angeführten Thatsachen undGedanken sind unanfechtbar. Aber mit gerade denselbenArgumenten, mit welchen er die Schriften Liguoris vertheidigtund die Bosheit bekämpft, die darin liegt, auseinem grossen alten Werke in tendenziöser Weise einzelneStellen herauszunehmen und sie ohne Zusammenhangmit dem Vorangehenden und Nachfolgenden zu übersetzen,und zwar überdies ohne Rücksicht auf Ort und Zeit derAbfassung, noch des Publikums, für welches es geschrieben,lassen sich auch die Angriffe der Religionsantisemitcngegen den Talmud zurückschleudern.Der Broschüre Grasmanns ist es schlecht genug gegangen.Das Wiener „Vaterland" schreibt in seinerNummer vom 28. April d.J.:„Die gerichtliche Verurtheilung von Grassmanns Broschüre.Am 25. September J899 wurde die Grassmann'scheBroschüre durch Verfügung des Nürnberger Amtsgerichtsbeschlagnahmt. Am 8. Juni sprach das NürnbergerLandgericht Grassmann objectiv schuldig, aber


— 405 —sobjectiv frei. Die vom Staatsanwälte eingereichteBeschwerde wurde vom Münchener Obcriandesgferichtcverworfen. Hierauf beantragte der Staatsanwalt beimLandgerichte Unbrauchbarmachung aller Exemplare derDruckschrift, sowie der Platten. Mittels Urtheils vom5. October 1900 gab das Landgericht diesem Begehrenstatt. Grassmanns Vertreter legte beim ReichsgerichteRevision ein, und dieses verwies die Sache an die Vorinstanzzur nochmaligen Verhandlung und Entscheidung.Das Landgericht Nürnberg verkündete am 23. März d. J.ein dem ersten conformes Urtheil, aus dessen interessanterBegründung hierder Schlusspassus mitgetheilt wird: „DieGrassmann'schc Schrift will sich zwar den Anschein einerKritik geben, verlässt aber durch die unhaltbare Verallgemeinerungder aufgestellten Sätze und deren Inhaltdas Gebiet der Kritik und geht auf jenes der Beschimpfungüber. Nach der Auffassung des Gerichtes dientdie Moraltheologie des Liguori dem Verfasser nurals Deckmantel für die von ihm unternommenenSchmähungen der römisch-katholischen Kirche.Bei Prüfung der Frage, ob der ganze Inhalt der Druckschriftoder nur die als Beschimpfung der römischkatholischenKirche erachteten Stellen unbrauchbar zumachen sind, kommt das Gericht, da die zahlreichen, eineBeschimpfung enthaltenden Stellen über die ganze Schriftverbreitet und mit dem übrigen Texte eng verbundensind, ferner erkennbar eine Tendenz und ein Zweckvom Verfasser mit der ganzen Druckschrift verfolgt wird,nämlich die Gefahr der Moraltheologie des Liguori fürdie Sittlichkeit des Volkes anzuführen und zum Austritteaus der römisch-katholischen Kirche Veranlassungzu geben, zu dem Ausspruche, dass eine


— 406 —Ausscheidung der strafbaren Stellenvon den nicht strafbarenunthunlich, und deshalb die völligfe Unbrauchbarmachungfder Schriftund der zur Herstellung bestimmtenPlatten und Formen gerechtfertigt ist/*Gegen dieses Urtheil lässt sich nichts einwenden» Nurmuss ich bemerken, dass von den zahlreichen antisemitischenSchriften gegen den Talmud und die dortbehandelten Moralgrundsätzc sich genau mit demselbenRechte sagen liesse, dass die Moraltheologie des Talmudsdem Verfasser nur als Deckmantel diene für die vonihm unternommenen Schmähungen gegen das Judenthumund Versuche, zum Austritte aus demselben Veranlassungzu geben. Aber natürlich dem Judenthum gegenüber istjede Bosheit berechtigt. Und da redet .man noch vonseiner grossen Macht, während wir doch von seiner OhnmachttäglichBeweise erleben.Ich bin darauf gefasst,erhoben zu sehen, dass ichdie Beschuldigung gegen michden Talmud auf Kosten derMoraltheologie Liguori's vertheidigt habe, denn in derVerdrehung der Wahrheit leisten viele das Unglaublichste.Der besonnene und ehrliche Leser wird aber gütigstdarauf aufmerksam gemacht, dass mir eine solche Absichtfern steht. Ich vertheidige den Talmud nicht undklage ihn auch nicht an, auch enthalte ich mich einesjeden Urtheiles über die Moraltheologie des hl. Alphonsus.Ich constatire blos die Identität in der feindlichen Angriffsweise,welche darin besteht, Stellen aus einem altengrossen Werke herauszureissenund ohne Zusammenhang,ohne Rücksicht auf die Zeit, in welcher, und das Publikum,für welches es geschrieben, ohne Rücksicht auf das vieleGute, Edle, Schöne und Nützliche, welches es enthält,und mit der ausgesprochenen Absicht, der Religions-


— 407 —Gesellschaft, welcher es angehört, zu schaden und Anhängferderselben zum Abfalle zu veranlassen, zu übersetzenund zu verbreiten.Es fällt mir auch nicht ein, den Inhalt der Moraltheologiedes Talmuds mit jener Ligfuori's zu vergleichen.Wir haben hier zwei Werke vor uns, das eine enthältdie katholische Moraltheologie und ist geschrieben voneinem katholischen Heiligen, welcher die Meinungen voncirca 860 katholischen Theologen gesammelt, zusammengestelltund benützt hat. Auf der anderen Seite derTalmud, enthaltend die Moraltheologie der Juden, eineSammlung von Ansichten von circa 2000 Rabbinern.Darunter Aussprüche von Männern, welche von denJuden für fromme und Gott wohlgefällige Männer gehaltenwerden.Beide Werke handeln über den Dekalog.Die Tertia comparationis sind die feindliche Angriffsartund die "Werthschätzung des Buches und deren Verfasserin der betreffenden Religionsgesellschaft und dasgegebene Thema die Moral. Nicht zu vergleichen, weilverschieden ist die Art der Behandlung dieses Themas lSacra non tangere!


Siebentes CapiteLAndereAnklagen gegen die Juden»


Esist nicht wahr, dass die Thora den Joden denWucher gestattet.Der berühmte Satz im 23. Capiteldes V. Buches Mosis, Vers 19 und 20 besagt blos, dassdas Nehmen von Zinsen überhauptvon seinem Bruder,d.h. vom Juden, verboten, das Zinsennehmen von Fremdenjedoch gestattet ist. Auch andere Stellen des altenTestaments, Ezechiel Capitel J8, Vers 8 und 9, PsalmJ5, 5 loben denjenigen, der keine Zinsen nimmt. Es istein grosser Unterschied zwischen Procentnehmenund Wucher.Auch die Rabbiner empfehlen, selbst GötzendienernGeld ohne Zinsen zu leihen. Im Schulchan -AruchChoschen Mischpat 34, 29 steht:„Will ein Wucherer dieFähigkeit zur Zeugenschaft wieder erlangen, somuss erseine Schuldscheine von selbst zerreissen und vollständigvon seinem bösen Wandel umkehren, so dass er nichteinmal von einem NichtJuden Zins nehmen will"; undRabbi Isseries sagt, „dass er nicht einmal so viel Zins vomNichtJuden nehmen dürfe, als er zu seiner Ernährung bedarf**.Und thatsächlich tritt uns in der Geschichte der Judenvor Christus, sowie in der ganzen Geschichte der Diasporakein Fall jüdischen Wuchers entgegen. Kein römischer,kein griechischer Schriftsteller, keiner von jenen, die überdie Juden spotteten und soviel Gehässiges und Unwahresüber sie geschrieben, erzählt uns von jüdischen Wucherern;aber mehr noch, Jerusalem und später das römische Reich


4J2fallen, die Juden werden in aller Herren Länder zerstreut,and es vergeht ein Jahrtausend, ohne dass wir vonjüdischem Wucher etwas hören. Ich habe bereitsan einer anderen Stelle dieses Werkes erwähnt, dassauchdie Kirchenväter des ersten Jahrtausends n* Chr., vondenen sich eine grosse Anzahl sehr eingehend mit denJuden beschäftigt, und über welche sie alles niedergeschriebenhaben, was sich über dieselben nur Ungünstigessagen lässt, von einem Wucher der Judennichts zu berichten wissen, dass selbst der Antisemitenkatechismus,der sorgfältigst alles zusammmengestellthat, was sich über den Wucher der Juden sagenlässt,vor dem J2. Jahrhundert n. Chr. keine StellenAus diesemüber den Wucher der Juden vorbringt.Schweigen so vieler gelehrter Judenfeinde während einesZeitraumes von 12 Jahrhunderten lässt sich mit apodiktischerGewissheit schliessen, dass die Judenvor dem J2.Jahrhundert überhaupt keinen Wucherbetrieben haben*Es ist nun leider eine Thatsache, die man den Antisemiteneinfach als wahr zugeben muss, dass der Wucher seitungefähr sechs Jahrhunderten und auch noch heute daseigentliche Nationallaster der Juden geworden und gebliebenist. Der Procentsatz der Wucherer ist bei denJuden ein verhältnismässig viel grösserer als bei denNichtJuden. Wer heute Geld braucht und es auf Wucherausleihen will, der weiss, an wen er sich zu wenden hat.Unzählige Existenzen sind durch jüdische Wucherer zuGrunde gerichtet worden, das ist eine Wahrheit, die sichnicht leugnen lässt, jedoch eine Erklärung verlangt. Geradediese Erklärung ist aber sehr leicht und die Heranzüchtungso vieler Söhne Jakobs zu Wucherern ist be-


— 4J3 —sonders durchsichtig. Die Christen waren es, welchedie Juden gezwungen haben, Wucher zutreiben.Ich sage gezwungen und nicht verleitet. Die Juden imMittelalter waren in eine Lage versetzt, entweder zuwuchern oder zu verhungern; die Juden waren imMittelalter ausgeschlossen von allen Aemtcrn, Würden,akademischen Graden, von den Zünften und Innungen,vom Handwerk und von den meisten Zweigen desHandels. Sie hatten keine andere Wahl, wenn sie nichtverhungern wollten, als Schacher und Wucher zu betreiben,denn den wenigen ihnen erlaubten anderen Beschäftigungen,als da sind: das Wechsel- und Bankgeschäft,Edelsteinhandel etc. konnte sich ja nur einegeringe Zahl widmen. Auch erlaubten die Gesetzemehrerer Staaten den Juden den Wucher ausdrücklich.Die grossen Landesherren erlaubten aber nicht blos denJuden, zu wuchern, sondern Hessen die Juden für ihreKosten Wucher betreiben. Das Odium des Wuchertreibensüberliessen sie den Juden, die Wucherfrüchtesteckten sie aber selbst ein, indem sie, wennsie Geld brauchten, die Juden zwangen, ihnen die FrüchteihresWuchers herauszugeben.Bekanntlich verbietet das canonische Recht dasZinsennehmen überhaupt, unter Berufung auf die obenangeführte Stelle des alten Testamentes. Aus diesemGrunde liess man, um dieses Gesetz nicht zu übertreten,die Juden wuchern, und hatten sich diese vollgesogen,so nahm man ihnen das Geld weg mit der Motivirung,dassdieses Geld unrechtmässig erworben und den armenChristen durch Wucher abgezapft sei. Jene aber,denen das Geld weggenommen war, sahen esnatürlich nie mehr wieder; es floss in ganz


— 4J4 —andere Taschen, nämlich in die Taschen jcactfwelche die Juden beschützten. Ich möchte hierden geehrten Leser ganz besonders darauf aufmerksammachen, dass die durch das canonischeRecht den Christen anbefohlene Enthaltung vomZinsennehmen und die in Folge dessen durchgeführteDressirung der Juden, die Zinsen an Stelleder Christen einzutreiben, direkt aus dem obencitirten Gesetze des Moses entspringt, das Ganzealso wieder eine Folge des Gesetzes der jüdischenThora, also der jüdischen Religion ist*Man kann sich leicht denken, wie die Juden zumWucher ermuntert werden mussten, wenn sie beständigvon den Christen zu hören bekamen: „Wir Christendürfen leider keine Zinsen nehmen, ihr aber dürft es ja;also bitte thut es doch (und dann theilcn wir brüderlich).Uebrigens ist zu bemerken, dass auch die Christen früherden Wucher im grossartigen Massstabe betrieben. Manlese hierüber das sehr interessante Capitel über Geldwechselund Wucher in Johannes Janssens „Geschichtedes deutschen Volkes^* I. Band, Seite 476. Janssenschreibt:„Mit der Vertreibung der Juden war der Wuchergeistkeineswegs ausgerottet, er ging vielmehr auf diechristlichen Wucherer über und bildete sich in derenHänden in Folge des Welthandels und des allgemeinenLuxus zu einem wahren Wucher aus.„Grosswucher und Schinderey** legte man insbesondereden süddeutschen Handelsgesellschaften der Welser undHöchstetter in Augsburg, der Imhof, Ebner, Volkamerin Nürnberg, der Ruland in Ulm und vielen anderenzur Last. Sie verfielen dem allgemeinen Volkshasse ingleicher Weise wie die Juden, und wenn auch manche


— 4J5 —gegfcn sie gerichtete Beschuldigungen unbegründet oderübertrieben sein mögen, so steht doch im Allgemeinendie Thatsache fest, dass sie durch ihre ausgedehnteCapitalwirthschaft und künstlichen Preissteigerungen einedrückende Herrschaft im Reiche ausübten und wesentlicheSchuld trugen an den späteren schweren Verwickelungender gesellschaftlichen Zustände.Diese sogenannten ^^Handelsgesellschaften^* traten zur^liuusbeutung einer bestimmten Handelsrichtung oder einesbestimmten Geschäftszweiges auf bestimmte Zeit zusammenund theilten nach Massgabe der von den einzelnenMitgliedern eingelegten grösseren oder geringerenGeldsumme den erzielten Gewinn. Ihr Streben, denganzen deutschen Markt zunächst in Bezug auf die„fremden, eingebrachten Waren** zu beherrschen, erhielteinenausserordentlichen Vorschub durch die unmittelbareSchiffahrt nach Indien und die Verlegung der Gewürzhandelstrasseauf Lissaboti. In dem näheren Venedigund Genua hatten früher auch die minder bemitteltenKaufleute ihre Waren einkaufen können, in Lissabondagegen war wegen der längeren Reise durchFrankreich und Spanien und wegen der kostspieligenRückfahrt der Einkauf viel schwieriger und erfordertebesondere Factoreien in Antwerpen und Lissabon.So kam es, dass allmählich der ganze Gewürzhandelin die Hände einzelner Gesellschaften fiel, diedann willkürlich die Preise bestimmten und in die Höhetrieben.Aber nichtauf den Gewürzhandel allein beschränktensich ihre Unternehmungen. Sie vereinigten sich zu Aufkaufs-und Preissteigerungs- und dadurch zu Volksausbeutungsgesellschaftenin Bezug auf alle möglichen


— 4J6 —Waren. Sie kauften den Wein auf^ das Korn oderschon die Fcldffüchte in Halm und Garben.Geiler von Kaisersberg nennt sie darum ^^gfrössere undschlimmere überlister und schinder des volks» als jedie Juden gewesenes denn^ sag:t er, ,,sie ziehen nit alleinden gar entbehrlichen blunder an fremden waaren, sunderauch was zum leben not als körn, fleisch, weyn undsunstigfes in ir monopolium und schrauben die preisenach irer geltgir und gitzigkeit und neren sich mit dejsauren arbeit der armen.** Die Blutsauger, Korn- undWeinaufkäufer, eifert er an einer anderen Stelle, „schädigendie ganze gemeinde; man solt ussziehen, sie zuvertreiben von einer ganzen gemeinde als die wölff, diegott und die menschen hassen, wann sie weder gott nochdie menschen fürchten; sie machen hunger und thüreund tödten arme leut . .."Unter den kaiserlichen Räthen waren manche empfänglichfür die „starken handsalben** der Kaufleute,oder auch sie betheiligten sich „durch einschüsse in diehandlung** im Geheimen an der capitalistischen Ausbeutungdes Volkes. Der Kaiser „hett rätt**, sagt einChronist, „die waren lausbuben, dieselben wurden allfast reich und der kayser ward arm**. „So lagen zuZeiten des kaysers rätt etlich mit den kaufleuten auchan mit ihrem gelt, doch nur in gehaim ....**Das monopolistische Unwesen griff immer weiter umsich, und immer lauter wurden die Klagen über das allgemeineSteigen der Warenpreise. In Württembergzum Beispiel stieg der Preis des Weines seit dem Jahre t5i0allmählich um 49, der des Kornes um 32 Procent ....In den österreichischen Erblanden kauften dieGesellschaften,der Augsburger und Nürnberger schon vor den


— 4J7 —Thofcn der Handelsstädte oder auf den Märkten selbstdie Waren, sogar die unentbehrlichsten, in grossen Massenauf und brachten dadurch den ganzen Kleinverkehr unddie Herrschaft über alle Preise in ihre Hand* Daherbeschloss der im Jahre 15 J8 in Innsbruck versammelteAusschusslandtag der gesammten Erblande: ,fDie grossenHandelsgesellschaften, welche ausserhalb Landes ihrenSitz halten, haben durch sich selbst und ihre Faktorenalle Waren, dieden Menschen unentbehrlich sind, Silber,Kupfer, Stahl, Eisen,Linnen, Zucket* Specerei, Getreide,Ochsen, Wein, Fleisch, Schmalz, Unschlitt, Leder, inihre alleinige Hand gebracht und sind durch ihre Geldkraftso mächtig, dass sie dem gemeinen Kauf- und Gewerbsmannn,der eines Guldens bis in zehntausend reichist, den Handel abstricken* Sie machen beliebig diePreise und schlagen nach Willkür damit auf, wodurchsie sichtbarlich in Aufnahme kommen, einige davon inFürsten-Vermögen gewachsen sind, zu grossem Schadender Erblande* Diesen Gesellschaften soll mit Ausnahmeder Märkte kein Einlagern ihrer Waren mit täglichemVerkauf gestattet werden, auch zur Verhütung von Betrugund Schmuggel Niemand im Lande ihnen öffentlichoderheimlich beitreten* Bei den Messen und öffentlichenJahrmärkten in Wien, Botzen, in den Vorlanden undan anderen Orten soll es den Gesellschaften nichtgestattet sein, Güter oder Waren vor Ende desMarktes durch höheres Gebot an sich zu bringen.Keiner Gesellschaft soll es ferner erlaubt sein, das ungarischeoder Landvieh haufenweise aufzukaufen, beiVerlust des Viehes; jeder Verkauf und Treiben inandere Länder zu Verkauf ist verboten* Auch dieneuerlich zur Betreibung des Seifehhandels zusammen-27


— 4J8 —getretene Gesellschaft soll als landesschädlich aufgehobenwerden**In gleicher Weise klagte später die deutsche Ritterschaft:,tEs ist offenbar, wie die grossen Kaufmanns-Gesellschaften in deutscher Nation des heiligen ReichesUnterthanen schier aus allen Ständen bisher hoch undübermässig beschwert haben mit ihrenMonopolien, Verbündnissen,einhelligem Aufsetzen, wie hoch eine jedeWaare verkauft soll werden, Niederdrückung der armengemeinen Kaufleut, bei denen man bessern Kauf allerWaar bekommen möcht, merklichen überschwenglichenWucher, so sie über allen ihren Kosten und ziemlichemGewinne jährlich aus deutscher Nation aufheben, einsammelnund doch neben andern Reichsständen fastwenig Steuer oder Darlegung thun zur Abwendung derzufälligen Beschwerden unsersdes römischen Reichs**gemeinen Vaterlandes undSo erzielte zum Beispiel der Augsburger BartholomäusRem mit einer Summe von fünfhundert Gulden, welcheer dem Ambrosius Höchstetter „zu gewinn und verlustin die handlung lieh^% von JSIJ— J5J7 einen Gewinnvon vierundzwanzigtausendfünfhundert Goldgulden. » .Professor J.Baum schreibt: „Nahe an tausend Jahreverstrichen seit der Entstehung desChristenthums,ohne dass unter den Juden auch nur eine Spur vonWucher vorhanden gewesen wäre. Denn einerseitswaren sie durch die strafenden Schläge des Schicksals,welche die allgerechte, weltleitende Vorsehung stets zuihrem strafvollstreckenden Boten macht, wieder zu denSatzungen der göttlichen Lehre Mosis zurückgekehrt;andererseits aber kamen sie mit den Nichtjudenfast in keinerlei näheren Verkehr und hätten es


:— 4J9 —bei der zeitig eingfenommenent ganz untergeordnetetitrechtlosen Stellung nicht gewagt. Dagegen aber hatdie Christenheit überall stark gewuchert»"Dr. M. Schieiden in seinem Werke „Romantik desMartyriums bei den Juden im Mittelalter" bemerkt:,^Als den Juden ihr Grundbesitz geraubt, ihr Vermögengeplündert, als ihnen durch die wahnwitzigste Tyranneiderchristlichen Gesetze jede Beschäftigung untersagt war,durch welche sie ihr Leben fristen konnten, als sie sogardurch die Gesetze selbst auf den Wucher als daseinzig ihnen erlaubte Gewerbe hingewiesenwurden, da liess Verzweiflung sie dies Mittelergreifen."Dr. M. Güdemann schreibt in seiner „Geschichte desErziehungswesens"„Die nächsten Folgen der Kreuzzüge äusserten sichauf dem Gebiete der bürgerlichen Thätigkeitihres Erwerbszweiges und Berufslebens.der Juden,Der Welthandel,den sie bisher fast allein beherrscht hatten, wurde ihnenaus der Hand genommen. Theilweise vollzog sich dieseWendung von selber, indem die Christen den durch dieKreuzzüge mit dem Oriente angeknüpften Verkehr nunauch für Handelszwecke ausbeuteten;andererseits drängtedie Gesetzgebung und die Eifersucht der christlichenKaufleute, welche sich in Genossenschaften zusammenschlössen,die Juden planmässig von ihrem bisherigenErwerbszweige, dem Grosshandel, ab. An seine Stelletrat nun der Kleinhandel, der Schacher. Hatte jeneretwas Freies,den Blick Erweiterndes und auf das GrosseLenkendes, so war und machte dieser kleinlich, knechtisch,ärmlich, spitzfindig. Indessen konnten die Judenauf die Dauer mit dem ärmlichen Broderwerb des27*


— 420 —Kleinhandels sich nicht begnügen; ihreangeboreneFindigkeit «nd der natürliche Drang, in der Welt sichzu behaupten, der durch die Gegenbestrebungen, siedaraus zu verdrängen, nur befeuert wurde, lenkte ihreBlicke auf einen andern Erwerbszweig, der jenem Drangeallerdings Befriedigung gewährte: das Geldgeschäft undden Wucher.Verstand man ehemals unter Juden sovielwie Kaufleute im edleren Sinne (mercatores, negotiatores),so ist der Name jetzt gleichbedeutend mit Pfandnehmernund Geldgebern. Das Geldgeschäft und der Wucherwurde für die Juden die Quelle ihres Bestandes, aberzugleich auch die Quelle zahlreicher Unbilden. Manbrauchte sie, deshalb hasste und verfolgte mansie'^Sehr richtig sagt Stobbe: „Dem Wucher verdanktees der Jude im Mittelalter, dass ihm trotz allen nationalenHasses und religiöser Unduldsamkeit fast überall derAufenthalt gestattet wurde, ihm hatte er es aber auchzuzuschreiben, wenn von Zeit zu Zeit sich jene Unduldsamkeitin grauenerregender Weise wieder Luft machte.^*Man muss deshalb die Juden beklagen, nicht, wie esoft geschieht, anklagen; aber diejenigen, welcheihnen diesen Erwerbszweig als den einzigen übrig liessen,oder sie in Verfolgung desselben aus Eigennutz bestärkten,trifft ein doppelter Vorwurf* Weltliche und geistlicheFürsten wetteiferten in jeder Art der Erpressung unddrängten dadurch die Juden zum Gelderwerb^^ „Es istja,^' — klagt ein Schriftsteller des J3» Jahrhunderts —„stehende Gewohnheit der christlichen Machthaber, dasssie von dem Juden zehnmal so viel verlangen, als erbesitzt, um ihn zu schrecken und zu ängstigen, damiter sich mit der Auslösung beeile/^ — „Sie tödten dieJuden lieber^* — sagt ein anderer aus derselben Zeit —


— 42J —f,ch.c dass sie umsonst sie freig:eben.^* Als man einmalmit der Auslösung eines Juden zu lange gesäumt hatte»Isagte der «Herr", der ihn gefangen gehalten: ftEt istgestorben, und ich habe befohlen, den Leichnam denHunden vorzuwerfen." Die Juden mussten also nachGeld trachten, um nur ihr Leben und ihre Freiheit zuschützen. — — So wenig trotzdem gebilligt werdenkann, dass die Juden den Versuchungen nachgaben, sohiesse es in einer Schrift, welche, wie diese, die vergleichendeBetrachtung sich zum Ziele gesetzt hat, Lichtund Schatten ungleich verthcilen, wenn mit Stillschweigenübergangen würde, dass auch von den Christen derWucher in hervorragender Weise betrieben wurde, dassüberhaupt Geldgier und Habsucht alle Kreise ergriffenhatte, wie denn seit den Kreuzzügen durch das Kriegshandwerkund die Veräusserlichung der ReligiositäteineVerwilderung der Sitten eingerissen war, die von denzeitgenössischen Schriftstellernund Dichtern unverhohleneingestanden und gegeisselt ward. Als Bernhard vonClairvaux im Jahre 1146 während des zweiten Kreuzzugesvon der Verfolgung der Juden abmahnte, wies erdarauf hin, dass die christlichen Wucherer, die maneigentlich gar nicht Christen nennen könne, es nochschlimmer trieben als die Juden. (Pejus judaizare dolemusChristianos foeneratores, si tamen Christianos, etnon magis baptizatos Judaeos convenit appellare.)Weise:Luther sagt in seiner ihm eigenthümlichen derben„Unsere Narren, die Papisten, Bischöfe, Sophistenund Mönche, haben bisher also mit den Juden verfahren,dass, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögenein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre


— 422 —und hätte solche Tölpel und Knebel den Christenglaubenregieren und lehren gesehen , so wäre ich eher eine Saugeworden, als ein Christ. Denn sie haben mit denJuden gehandelt, als wären es Hunde und nichtMenschen, haben nichts mehr thun können, als sieschelten. Sie sind Blutsfreunde, Vetter und Bruderunseres Herrn; darum, wenn man sich des Blutesund Fleisches rühmen soll, so gehören die JudenChristo mehr an, denn wir. Ich bitte daher meinelieben Papisten, wenn sie müde geworden, mich Ketzerzu schimpfen, dass sie nun anfangen, mich einen Judenzu schelten. — —Darum wäre mein Rath, dass man säuberlich mitihnen umgehe; aber nun wir mit Gewalt sie treiben undgehen mit Lügenteiding und geben ihnen schuld, siemüssten Christenblut haben, dass sie nicht stinken, undweiss nicht, was des Narrenkrams mehr ist, — auchdass man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, handthierenund andere menschliche Gemeinschaft haben, damitman sie zu wuchern treibt, wie sollen sie zu unskommen? Will man ihnen helfen, so muss man nichtdes Papstes, sondern der christlichen Liebe Gesetzan ihnen üben und sie freundlich aufnehmen mit lassenwerden und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen,beiuns und um uns zusein.Diese Wuth (den Judenhass) vertheidigenauch einigesehr abgeschmackte Theologen und reden ihr das Wort,indem sie aus grossem Hochmuth daherplaudern: dieJuden wären der Christen Knechte und dem Kaiserunterworfen. Ich bitte Euch darum, sagt mir: wer wirdzu unserer Religion übertreten, wenn es auch der allersanftmüthigsteund allergeduldigste Mensch wäre, wenn


— 423 —er sieht f dass sie so grausam und feindselige und nichtaliein nicht christlich^ sondern mehr als viehisch von unstraktirt werden? — Die meisten Passionsprediger — inder Osterwoche — thun nichts Anders, als dass sie derJuden Muthwillen, die sie an Christo verübet, sehr schwerund gross machen und die Herzen der Gläubigenwider sie verbittern»" —Professor Dr. Jacob Moleschott, Senator des KönigreichsItalien, sagt: „Ist es doch nur als eine Nachwirkungder Inquisition zu verstehen, was wir an derScheide des neunzehnten Jahrhunderts seit vielen Jahrenerlebenund immer wieder neu erleben»Alba liess in Belgien die Ketzer zu Hunderten vorihren eigenen Thüren aufhängen und bedrückte dasedelste Volk der Erde, indem er ihm sein erstes Blutund sein Geld, das zweite Blut, höhnisch und marterndabzapfte.Die Antisemiten des neunzehnten Jahrhunderts kümmernsich nicht um die Gewissen, nicht um fremde, nicht umdas eigene; sie fallen über die Häuser her, sie brennenund sengen, verjagen die Menschen, als wären's Herdenlästiger Thiere, sie beneiden und verfolgen ihrenMitmenschen, wenn er sie an Geist oder Glücküberstrahlt»Die Schmach ist um so grösser, weil Staatsmännerund Machthaber mitmachen, Priester, welche die Botschaftder Liebe bringen sollten, vergessen, dass Jesus einJude war, Lehrer des Rechts und der Bildung verleugnen,dass wir den Juden wie den Griechen die reichstenQuellen unsrer Menschlichkeit, den eigentlichen Menschenadel,verdanken»Sie ist geradezu schrecklich, weil sie mit ihrer neidischen


— 424 —Wuth sogar einen Theil der sonstso edelmüthigen Jugendvergiftet hat. Sie ist doppelt empfindlich, weil die sogenanntechristlich - germanische Partei, Lessings «ndNathans vergessend , mit den Slawen streitet um dastraurige Vorrecht, die Niedertracht einer ungeschichtlichenGesinnung zu bethätigen.Ist es der Juden Schuld, dass sie durchschnittlich begabter,cdlctf gemüthswärmer sind als Ihr? Musste esnicht so kommen, dass jene begabten, unermüdlichstrebenden, aufopfernd liebenden Menschen — Menschenwie Ihr — nachdem man sie Jahrhunderte lang ausMenschengemeinschaft, aus dem Schutz der Liebe undder freien Bewerbung verdrängt, verhöhnt, verpönt, verfolgtund misshandelt hat, alle ihre Kraft, ihre Lust undihre Liebe zusammennahmen, um sich dennoch den Bodenzu erwerben, den der Mensch unter den Füssen habenmuss, um ein menschenwürdiges Dasein zu leben und zugeben?Man wirft ihnen Eitelkeit vor, und man vergisst, dassdjpr christliche Staat Genossenschaften ernährt, derentheuerstes Streben auf gegenseitige Beweihrauchunghinausläuft.Man spricht von ihrer Härte, als hätte man nie dasBeispiel eines christlichen Banquiers erlebt, der rücksichtslosdie kleinen Familien dem Elend preisgibt, um seinenZinspfennig zu erpressen,deroder das ihm anvertraute Gutunterschlägt, wenn es sich darum handelt, auch nurfür kürzere Zeit den Schein seiner Ehrenhaftigkeit zuretten.Soll es ihnen zum Nachtheil angerechnet werden,dass sie in der Regel genügsamer, sparsamer, vorsichtiger,klüger und ausdauernder sind als die


,425meisten, die, wie man sagt, minder weichen Rassen angehören? dass sie, auf ein enges Gebiet der menschlichenThätigkeit verwiesen, im Erwerben, im Helfen, im Nachdenkenerfolgreicher und grösser wurden als viele Christen,die ihre Begabung über ein weiteres Gebiet zerstreutenund zersplitterten?"Dass es reiche Juden gibt, bezweifelt Niemand. Dasaber ist unwahr, dass in irgend einem Lande das Vermögender Juden grösser ist, als jenes der Christen. Diegrössten Vermögen der Welt, die in Amerika, gehörenNicht -Juden. Wer das nicht glauben will, demrathe ich, die interessanten Studien von M. C. Varigny*u lesen: „Les grandes fortunes en Angleterre und Lesgrandes fortunes aux Etats-Unis". Der Autor gibt einein England im Jahre J884 publicirte Liste der zwölfreichsten Personen der Welt wieder. Sie enthält viergrosse amerikanische Speculanten, einen einzigen Banquier— gleichzeitig der einzige Jude in der Liste —einen amerikanischen Journalisten, zwei grosse amerikanischeGeschäftsleute und vier Mitglieder des englischenAdels. Die Namen nach der Reihenfolge der Grössedes Vermögens sind folgende: Jay Gould, J. W. Mackay,Rothschild, C. Vanderbilt, J. P. Jones, Herzog von Westminster,John J. Astor, W. Steward, J. G. Bennett, Herzogvon Sutherland, Herzog von Northumberland, MarquisdeBute.Andere, von Varigny genannte Crösuse sind derHerzog von Portland, Sir David Baxter, M. J. Williams,M. J. P. Heywood, Baring, Langsworthy, Stephen Girard,W. Phipps, Thomas Brassey, S. Cunard und viele andere*Die Leetüre dieser Artikel ist den Antisemiten wie denSocialdemokraten aufs wärmste zu empfehlen, weil sie


:— 426 —daraus entnehmen müssen — vorausgesetzt^ dass sie esmit der Wahrheit ernst nehmen —J* Dass die Mehrzahl der grössten Privatvermögen derWelt Nicht-Juden gehören; ,2. dass die Mehrzahl der grossen Millionäre aus Männernbesteht, die anfangs ganz arm waren und die durchFleiss und Arbeitsamkeit und auf ehrliche WeiseihrRiesenvermögen erwarben;3. dass die Mehrzahl derselben dem Volke und nichtden höheren Ständen entstammt.Ueber die Confession und die Geschichte der MillionäreSüdafrikas fehlen mir leider nähere Details* Zuerwähnen ist noch die grosse Zahl steinreicher, mehrfacherMillionäre unter den russischen Kaufleuten namentlichMoskaus, die den ganzen Handel mit und durchCentralasien in Händen haben und die keine Juden sind.Bei uns in Oesterreich ist der reichste Mann kein Jude.Erst das zweitgrösste Vermögen gehört einem Juden.Vielleicht kommt als drittes im Range noch eines hinzu,das auch einem Juden gehört, dann aber folgen eineReihe grosser Vermögen, die Nicht -Juden gehören.Manblickt nun auf die nicht sehr zahlreichen jüdischenCrösuse und donnert gegen die reichen Juden. Von denMillionen armer Juden, die in der grössten Armuth leben,den jüdischen Kutschern, Taglöhnern (in Marmaros gibtes Juden, die als Taglöhner bei ruthenischen Bauerndienen), den jüdischen Lastträgern etc. etc., von denenspricht Niemand. Wer sich vom Elende und der schauerlichenArmuth der Juden überzeugen will, der fahreeinmal nach Warschau und nach anderen Städten inRussland und Polen. Sperrt man nun diesen Unglücklichenmehrere Berufszweige ab, so bleibt ihnen die


— 427 —angenehme Wahl, entweder zu verhungfcrn oderGeld zu verdienen auf was immer für eine Art»Die Mehrzahl wählt selbstverständlich das Letztere, wasauch die Mehrzahl der Christen, nur mit viel wenigerGeschicklichkeit, thun würde. In diesem Schweigen liegtsomit Entstellung, — halbe Wahrheit, also Unwahrheit.Die Juden sind nicht geschickter (oder unehrlicher^wie die Antisemiten sagen würden) als die Griechen undArmenier, Parsis, Araber, Banyas und Chinesen, imGegentheil, sie erscheinen schwächer als die genanntenHandelsVölker. Wenn daher unsere Christen aus Hassund Abneigung es den Juden nicht nachthun könnenoder wollen, so rathe ich ihnen, es den Griechen undArmeniern gleich zu machen, und kein Jude wird ihnenjemals ein Haar krümmen.Was aber die grössere Unehrlichkeit der Juden betrifft,so frage ich jede Hausfrau, jeden Grundbesitzer, jedenGeschäftsmann, ob die Christen nicht im grossen Ganzensich von den Juden in nichts unterscheiden. Man denkean die Holz- und Wilddiebstähle, an unzählige falscheRechnungen, geheimes Acceptiren von Provisionen undAchnliches und wird zum wahren und doch so einfachenTruism wiederkehren: „Es gibt gute und schlechteMenschen, bei Christen und Juden in gleicher Proportion.^*Dass die Fehler, Vergehen und Verbrechenbei einem Handel treibenden Volke gewöhnlich mit demHandel in einem Causalnexus stehen werden, ist natürlich.Die Antisemiten sagen, die Juden beherrschen dieWelt und die Politik. Das ist nicht wahr, aus einemhöchst einfachen Grunde, weil es eine Unmöglichkeit ist.Es gibtim Ganzen nur 9 Millionen Juden, nach Einigensogar nur 7 Millionen. Nehmen wir 9 Millionen, als


— 428 —die richtige Zahlt Davon kommen J Million auf Asienoder Afrika, bleiben 8 Millionen, circa 4 auf Russland,bleiben 4 Millionen für das übrige Europa, Amerika undAustralien. Nehmen Sie Kinder und Weiber weg, bleibenmaximum 2 Millionen, darunter nach Tausenden zählendeArme, ja Bettelarme, die 500 Millionen Christen inEuropa, Amerika und Australien beherrschen sollten!Auf einen einzigen herrschenden Juden kämen dann250 beherrschte Christen. Machen wir die Rechnungfür Oesterreich-Ungarn, wo J,860, J 06 Juden auf 4J,057,603Christen kommen, also 23 Christen auf einen Juden.Nunherrschen aber von diesen J,860, 106 Juden Weiber undKinder sicher nicht, bleiben somit höchstens t Jude für69 Christen. Aber wie schwach müssen dann dieseChristen sein! Die brauchen gerade die Juden als Lehrer.Dass der Nationalitätenhass zum grossen Theile vonder jüdischen Presse geschürt wird, behaupten die Antisemiten;dann liegt aber der Gedanke nahe, dass, wenndas wahr ist, das beste Mittel, die Nationalitäten inihrem Hasse gegeneinander zu beruhigen, das wäre, dieJuden in Ruhe zu lassen.Man soll nie vergessen, dass Oesterreich-Ungarn indem Handelstalent von fast 2 • Millionen Juden eingeistiges Capital besitzt, welches zum Nutzen und zumWohle des Staates zu verwenden, ein Ziel der Regierungsein sollte. Wenn Oesterreich-Ungarn je wieder wachsenund blühen soll, so wird das nie durch Eroberungengeschehen können, sondern nur durch den Handel; füreine Entwickelung in dieser Richtung sind aber die Dienste,welche die Juden leistenVarnhagen von Ense schreibt:können, unschätzbar.„Diese stupiden, klein geistigen, selbstsüchtigen Wider-


— 429 —sacher der Juden! — — wie viel Juden sind denn imLande N. N., dass diese — Christen so grosse Furchthaben? — t^Kcine achthundert!" — So wenigf,nur achthundert!sind dort? Ja^ dann wundert's mich nichts dassdie N. N. so dumm gfeblieben sind die müsstensich exprcss welche ausbitten^ damit mehr GescheitheitinsLand käme!"Nichts hat mich auf meinen Reisen in Asien undAmerika so sehr betrübt, als der kolossale Unterschiedzwischen Oesterreich-Ungfarnund anderen Grossmächten.In Singapore, Bangkok, Hongkong, Yokohama, BuenosAires, Wladiwostok, überall trifft man wohlhabende Coloniengebildeter deutscher Kaufleute.Sie besitzen eleganteClubs zum Zwecke geselliger Zusammenkünfte. DieWohnung eines deutschen Kaufherrn in den genanntenStädten erinnert an eine kleine Botschaft* Die jungenCommis speisen häufig mit dem Chef des Hauses, allein Abendtoilette, mit Beobachtung der guten Manieren.Ein deutsches Handelshaus injenen Städten macht wirklicheinen ausserordentlich guten Eindruck in jeder Beziehung.Oesterreichische Handelshäuser dieser Artfehlen dort ganz. Die wenigen anständigen Kaufleuteösterreichischer oder ungarischer Nationalität sind natürlichJuden, ihre Zahl ist aber so gering, dass sie garnicht in Betracht kommt. Oesterreich ist dem Namennach unter der eingeborenen Bevölkerung unbekannt.In Colombo wollte ich einmal aufs österreichische Consulatfahren. Ich sagte dem Kutscher so deutlich alsich nur konnte Austrian Consulate. Er fuhr los, direktzu einer Agencie, irgend einer australischen Bank odersonstigen Gesellschaft. Das wiederholte sich zwei- bisdreimal; endlich frug mich der Kutscher „Hungarian


— 430 —Lloyd?** Als ich diese Frage bejahte, da fuhr er zumösterreichischen Lloyd, wo ich endlich erfuhr, wo dasConsulat ist! Etwas gfanz ähnliches geschah mir inMadras. Im Staate Mysore frugen mich einmal zweigebildete Brahminen, die perfect Englisch konnten, obman in Oesterreich ausser Englisch noch eine andereSprache spricht. Da der Name Oesterreich so ganz unbekanntist, sind in Indien und Ostasien Verwechslungenvon Austria und Australia, Austrian und Australianetwas Alltägliches. Ich erinnere mich, dass ein mir befreundeterDeutscher in Buenos Aires auf das Couverteines nach Wien adressirten Briefes „Alemania** schrieb,er sagte mir, er thue dies der argentinischen Post wegen,damit der Brief ja sicher ankomme! In Argentinien undParaguay nach meinem Vaterland befragt, und nachdemichmit Austria geantwortet, fragte man mich fast immer:„Also Sie sind ein Deutscher?" Als ich dies in Abredestellte, war die staunende Antwort jedes Mal: „AberOesterreich ist doch in Deutschland?" etc. etc. DieStaatsangehörigen der Monarchie reisen äusserst selten.Der Grund dürfte der sein, dass Oesterreich-Ungarn soviel des Genusses und des Wohllebens bietet für Reichund Arm, dass keiner die Lust verspürt, wenn nichtdurch Noth gezwungen, ins Ausland zu gehen. UnsereLänder geben das beste Brod, vortreffliche Biere undWeine, die erste Niederjagd der Welt, eine vortrefflicheHochwildjagd, ausgezeichnete Pferde, sehr schöne Naturscencrienvoller Abwechslung, die beste Oper, weltberühmteConcerte, grossartige Theater, Vergnügungenaller Art und noch vieles Andere, so dass die Stände,aus denen sich die Handelswelt anderswo rekrutirt, garkein Verlangen darnach empfinden, Oesterreich-Ungarn


— 431 —zu verlassen. Unter diesen Umständen ist an eineGründung; von gfrossen Handelsfirmen ond Filialen inüberseeischen Ländern nicht zu denken* Nur unsereJuden allein könnten solche schaffen, das gehtaber nicht, wenn sie verfolgt werden. Also denSchaden wird wieder Oesterreich haben. — Diegewaltigen Fortschritte in Ungarn fallen in auffallenderWeise zusammen mit der Emancipationund Freiheit der Juden, so dass man versuchtsein könnte, sie in einen Causalnexus zu bringen.Einer Blüthe und Macht ersten Ranges erfreute sichGrossbritannien unter dem Ministerium des semitischenLord Beaconsfield. Spanien blühte, als es dort den Judengut ging; als sie weggejagt waren, begann der Zerfall.Graf Nicolaus Bethlen schrieb am 26. Juni J870 inder „Diplomatischen "Wochenschrift*^ Folgendes: „DasVaterland** in Wien hat vor Kurzem über die Judenin Wien einen Artikel veröffentlicht, der von unsererSeite, die wir, als Enkel der protestantischen Rebellen,denn doch keine Juden sind,eine Erwiederung verdient.Das Blatt meint, auf jedem Gebiete (sei es Politik, Litteratur,Kunst, Handel und Industrie) nehmen die Judenin Wien eine hervorragende Stellung ein, und ihr Einflussist in Wien überall massgebend. Man möge daher— sagt das „Vaterland** — die Juden aus Wien hinaustreiben.Wenn die Partei des „Vaterland** je ans Ruderkommt und ihre Drohungen effektuiren wollte, so bittenwir, alle aus Wien hinausgeworfenen Juden unsnach Pest zu schicken*Die Juden sind durch ihr Talent und ihreThätigkeit ein bedeutender Faktor der Civili-


432sation geworden, und wir können sie in Pestbrauchen*In Pest selbst finden wir zwei Städte* Der eine Theilvon Pest gleicht einer europäischen Handelsstadt — esist die Stadt der Juden* Der andere gleicht einem grossenDorfe der Wüste — es ist die Stadt der Magyaren. Alles,was in Pest alsderein Werk der Civilisation, als ein Zeicheneuropäischen Cultur betrachtet werden kann, ist durchjüdischen Geist und jüdisches Geld zu Stande gebrachtworden. Würde es in Pest keine Juden geben, so würdedie Landeshauptstadt auf dem Niveau des grossen Debreczinstehen, und die Comitatshelden würden in ihremeigenen Staub und Koth ersticken.Sobald man die ungarische Journalistik auf dasNiveau jener von anderen civilisirten Nationen erhebenwollte, war man gezwungen, ein halbes Dutzend Judenzu importiren, damit die Trägheit in der Technik derBlätter theilweise beseitigt und die journalistischen Formenentwickelt werden*Auf welches Gebiet des öffentlichen Lebenswir auch sehen, überall finden wir die Judenemsig arbeiten und gegen den alten Geist derFinsternis im Kriege begriffen* Mehr Juden,mehr Licht!'*Seither sind über 30 Jahre vergangen, die Ungarnsind längst wirthschaftlich mündig geworden und habendieselbe Stufe der Cultur erklommnn, wie die übrigencivilisirten Staaten* Sie sind heute die Führer der Monarchie.Dass aber die Juden in vielen Dingen ihreErzieher waren und sehr dazu beigetragen haben sieauf ihre jetzige Höhe zu bringen, ist sicher*Der Antisemitismus ist eine krankhafte Erscheinung,


l- 433 —und es ist sehr zu bedauern , dass er einen Punkt bildetim Programm der sonst so tüchtigen und vortrefflichenchristlich -socialen Partei. Das Krankhafte an ihm scheintmir darin zu liegen, dass jene, die sich zu seinen Grundsätzenbekennen, eine grosse Zahl von Erscheinungenund Ereignissen des gesellschaftlichen Lebens als verschiedeneWirkungen einer einzigen Ursache statt sehrvieler und mannigfaltiger Ursachen auffassen, in unseremFalle also das Judenthum als die Ursache aufstellen voneiner Menge gesellschaftlicher Uebelstände. Es beruhtdies auf Denkträgheit oder Denkunfähigkeit, indem esnatürlich beim Denken und Urtheilen viel bequemer undleichter ist, alles, was man nicht gleich erklären kann,alles, was man nicht begreift, auf eine und dieselbe Ursachezurückzuführen.Wie oft begegnet man Halbgebildeten, bei denen eszur Manie geworden ist, alles, was auf der Welt geschiehtund ihnen nicht recht und gut vorkommt, als Werk derGeistlichkeit, namentlich der Jesuiten auszuposaunenWelche Lügen hat man nicht gegen diesen für diekatholische Kirche so glorreichenund bedeutendsten allerOrden ausgestreut, gegen diesen grössten aller Orden,dem die römische Kirche es allein verdankt, dass dieReformation Oestcrreich, Frankreich, Spanien, Portugalund Italien nicht überfluthet, und welcher im J7. Jahrhundertdas ganze chinesische Reich ohne Schwertstreichund Blutvergiessen. für die römische Kirche gewonnenhätte, wenn nicht seine Gegner aus Eifersucht und Unverstandihm in den Arm gefallen wären. Stirbt einLandesfürst, ein Cardinal, der ihnen nicht hold war,gleich entsteht ein Riesengetratsche und das Gerüchtverbreitet sich: „Natürlich, die Jesuiten haben ihn28I


— 434 —umgebracht.'* Die heute f die solche Unwahrheiten atisstreuenthaben ihre Zwecke^ aber dass sie Tausende undAbertausende finden t die es ihnen glauben, das ist dasUnglaubliche dabei»Bei jenen nun, die nicht anticlerical und kirchenfeindlichsind, müssen die Juden, bei anderen wieder die Freimaurerherhalten, um alles zu erklären, was geschieht.Es stirbt ein Staatsoberhaupt, der den Juden nicht grünwar: wer muss ihn vergiftet haben? Natürlich dieJuden.Es geschehen eine Reihe von Eisenbahnunglücken,Attentaten, Volksunruhen. Wer soll dahinter stecken?Die Freimaurer. Nun sind aber Juden und Freimaurerbekanntlich der denkbar grösstc Gegensatz der Jesuitenund der Geistlichkeit, doch das geniert die „Denker**nicht! Dies ist wieder ein Beweis dafür, wie leicht derMensch glaubt, was sein Herz, sein Wille den Intellect2u glauben zwingt. Ist er im Herzen ein Feind irgendeiner Rcligions- oder sonstigen Gesellschaft, so führt eralles, aber auch alles auf deren angebliche Machinationenzurück.Wie die Völker in ihrer Kindheit die Naturkräfte,Tugenden, Laster etc. personificirten,polytheistischen Zug inwas auf den starkender menschlichen Natur hinweist,so personificiren auch heute die Ungebildeten ihre Freudenund Leiden, deren Ursprung sie sich nicht anders alsanthropomorphisch vorstellen können, indem sie derenUrsprung auf bestimmte Menschen oder Gesellschaftenzurückführen.Es gibt einen vernünftigen Antisemitismus.Er bestehtdarin, das Volk derart zu erziehen f dass es den Judengeschäftlich vollkommen gewachsen sei. Betrachten wirdie Armenier. Kein Jude kann einen Armenier über-


- 435 —vorthcilcn. Sie sind grossartigc Geschäftsleute. Erwähntsei hier gleich ^ dass in Constantinopel jeder Armenier,ja sogfar jedes armenische Kind, drei Sprachen spricht;Armenisch f das verhasste Türkisch und Griechisch , dieSprache ihrer gefährlichen Conctirrenten. Dass in Englandund Nordamerika der Jude gegen den Angelsachsennicht aufkommen kann, ebenso wenig wie in Griechenlandund in der Levante gegen den Griechen,ist bekannt*Aber wir sind eben keine Engländer, aber sollten wires nicht einmal zur wirthschaftlichen Vorsicht undRoutine von Griechen und Armeniern bringen können?Als ich im vorigen Jahre unter dem Titel: „PolitischeStudie über Oesterreich- Ungarn** eine kleine Broschüreveröffentlichte, in welcher ich einige der hier ausgesprochenenGedanken behandelt hatte, regnete es invielen antisemitischen Zeitungen von allerhand, gewöhnlichziemlich heftig stylisirten Entgegnungen, die jedochfast immer nur meine Person betrafen, d» h. den Zweckverfolgten, mich als einen ganz unwissenden und bornirtenMenschen darzustellen, aber eine ernste Entgegnung mitwissenschaftlichen Gegengründen gar nicht einmal versuchten.Nur ein einziges antisemitisches Blatt, welchesdas bestredigirte dieser Partei sein soll, schrieb bei dieserGelegenheit einen Leitartikel, in welchem Folgendes zulesenwar:„Ernster und trauriger stimmen uns andere Gedanken»Es tauchen Männer auf,weltverloren wie jene sonderbarenim Zobdenberg, und schreiben Flugschriften, politischeStudien über Oesterreich -Ungarn und über den Antisemitismus*Graf Heinrich Coudenhove ist solch einMann* Er scheint lange Jahre am Hofstaat Barbarossa'ssein Doctorat verschlafenzu haben, oder wie der Bruder28*


— 436 —in der Legende ahnungslos nach einem dreihundertjährigenSpaziergang im Wald zurückgekehrt zu sein,so schreibter über die österreichischen Verhältnisse im Allgemeinenund über den Antisemitismus. Sein längerer Aufenthaltin Japan erklärt solch eine Rückständigkeit nicht, wiesie der Mann in jeder Zeile seiner bereits von uns erwähntenFlugschrift verräth» Ihm ist der Antisemitismus eine religiöseFrage; er beruht auf Unwahrheiten, Vorurtheilen,Confusionen.Die ,,gewissen Eigenschaften und Anlagen"der jüdischen Rasse, die Goethe und Schopenhauer schonfanden, leugnet derHerr Graf in Uebereinstimmung mitNothnagel» Wenn aber doch ein kleiner Werthunterschiedwahrnehmbar sein sollte, so sind das die Folgender Drangsalirung und Malträtirung der Juden im Mittelalter*Das haben wir allerdings schon gehört; schadenur, dass der Doktor und der Graf nicht gehört haben,wie schon vor dem finstern Mittelalterdie alten Classikcrüber die Juden urtheilten. Schliesslich gibt der Grafden Rath, man solle es halt den Juden gleichthun oderso gerieben wie ein Armenier werden, den die Judennicht übervorthcilen könnten. Das heisst also: „Werdeein Schuft und nähre dich redlich!" Durch solcheAussprüche verliert ein Politiker allerdings das Recht,ernst genommen zu werden. Die Rückeroberer abernahmen den Kämpen sofort auf in ihre Reihen und erparadirte vor allem in den Spalten, die den Schöps bedeuten."Ichantwortete darauf Folgendes:„Geehrter Herr Redacteur!Den mir gütigst zugesandten Artikel „Die Rückeroberer"Ihres geehrten Blattes vom J2. d. M. be-


— 437 —stätigc ich dankend« Ich habe denselben^ mit Interessegelesen und beehre mich^ darauf Folgendes höflichstzu erwidern.Der Verfasser des Artikels irrt sich, wenn erSchopenhauer, Goethe und die alten Classiker alsBeweis dafür anführt, dass der Antisemitismus keinereligiöseFrage ist.Schopenhauer im ersten Band seiner Parerga sagtausdrücklich, dass die Juden nicht blos als Religionssektebetrachtet werden dürfen, — also zum Theiledoch; — er greift die Juden an in ihrer Religion, ihrerThora, ihren Dogmen, gerade also in dem, was dasJudenthum mit dem Christenthum gemein hat, wasihm von christlich gläubiger Seite oft vorgeworfenworden ist. Goethe in seinem Wilhelm Meister sprichtvom Ursprung und Herkommen der höchsten Cultur,die die Juden verleugnen, steht also ebehfalls aufreligiösem Boden, denn unter höchster Culturmeint er das Christenthum.Was drittens die alten Classiker betrifft, so empfehleich dem Autor des Artikels das Werk von TheodorReinach: Textes d'auteurs grecs et romains relatifs aujudaisme, Paris J895, wo er die Mehrzahl — nichtnur einige — der das Judenthum betreffenden Texteder lateinischen und griechischen Classiker finden wird.Das Ganze kann beleuchtet werden durch folgendeWorte eines der grössten Kenner der Semiten — ErnesteRenans, der im 5. Bande seiner Histoire du peupled^Israel, Seite 227, im Capitel „Le peuple juif sous ladomination romaine" Folgendes schreibt:„Der Antisemitismus ist keine Erfindung unsererTage, er war niemals brennender als im ersten Jahr-


- 438 —hundert vor unserer Zeitrechnung^ und wenn eine Erscheinungsich auf diese Art überall und zu jeder Zeitwiederholt^ so muss sie tiefgehende Ursachen haben^die zu studieren sich der Mühe lohnt. In Alexandrienin Antiochien^ in Kleinasien ist der Krieg zwischenJuden und NichtJuden in Permanenz. . . . Die Zeitdes Religionshasses beginnt^ und man kann nichtleugnen^ dass diese Ausbrüche des Hasses am häufigstenvon den Juden provocirt wurden. Das war die fataleFrucht der Einführung des Absoluten in der Religion.Die Christen werden später das Uebel auf die Spitzetreiben, Anfangs Verfolgte werden sie Verfolger.^^Renan sagt also deutlich, dass es sich indieser Frage um Religion handelt.Was nun die Bemerkung des Autors des Artikelsüber die Armenier betrifft, so wundert mich dieselbeim Munde eines christlichen WienerJournalisten, da derselbe wissen könnte, dass erstvor einpaar Jahren Tausende von Armeniern ihrBlut und Leben für das Christenthum hingegebenhaben, obwohl sie sich durch Apostasie sehrleicht hätten retten können. Ich habe drei Jahre inConstantinopel gelebt und lernte dort viele Armenierkennen, darunter sehr schlechte, aber auch sehr ehrliche,gute und brave Menschen. Der Autor kann mirglauben, wenn ich ihn versichere, dass es guteMenschen gibt in allen Religionen und unter allenVölkern und Nationen, so ziemlich in gleicher Proportion.Ich kann daher mein Urtheil nicht ändern undbleibe bei meiner Ueberzeugung, dass es immer undüberall die Religion war, die Christen, Juden und


— 439 —Mohammedaner dazu gebracht hat^ sich in die Haarezu fahren. Indem ich Sie ersuche» diese Zeilen demVerfasser des Artikels »»Die Rückeroberer" zukommen2u lassen» verbleibe ich» sehr geehrter Herr Redacteur»Ihrganz ergebener Diener»"Zu meinem Staunen und Bedauern habe ich nie eineAntwort auf diesen Brief erhalten. Offenbar hat dergelehrte Autor mich für viel zu unwissend und unbedeutendgehalten» um sein Wissen und seine Kenntnissean mich zu verschwenden.Er hat wahrscheinlich mehrvon der Welt gesehen und mehr gelernt wie ich. Ichbedauere es heute noch lebhaft» von seinem reichenWissen nichts profitiren zu können.So bleibt mir denn nichts Anderes übrig» als michmit für mich sehr schmeichelhaften Kritiken weitgereister»hoher diplomatischer Würdenträger und gelehrter Universitäts-Professoren— unter Andern des berühmtenProfessorsMax Müller — zu begnügen» welch Letztereraus Oxford am J4. Juli vorigen Jahres über jene Broschüregeschrieben hat: »»Sie ist sehr bedeutend undmit wenigen Ausnahmen mir aus der Seele geschrieben.^^Wenn Juden für Armenier» Angelsachsen» Griechen»Banyas» Chinesen» Araber unschädlich» dagegen fürDeutsche» Magyaren» Polen» Russen» Franzosen» Slovaken»Czechen etc. schädlich sind» so kann nach allen Gesetzender Logik die Bedingung für das Eintreten des Schadensnicht bei den Juden liegen» sondern sie muss in einerbesonderen Reccptivität» in ganz bestimmten Eigenschaftender Geschädigten begründet sein. Wenn EdouardDrumont und seine Gesinnungs- und Parteigenossen


440 —Recht haben, so wird Frankreich gänzlich von Jttdenbeherrscht, also 42 V2 Millionen von 206,000 Menschen.Meinetwegen; aber dann möchte ich denn doch mir zufragen erlauben, woher es denn kommt, dass die 42,000Juden von Constantinopel eine so geringe Rolle spielen,warum überhaupt die 500,000 Juden im türkischen Reichesowenig mächtig sind?Nach dem bereits erwähnten Statesman's Year Bookfür das Jahr 1900 und der Encyclopaedia Britannica istdieZahl und Vertheilung der Juden der Erde wie folgt:BenanntlichAnzahlGrossbritannien und Irland,LondonIndien ...Capcolonie .New South "WalesQueenslandSüdaustralien . .TasmanienVictoriaWestaustralienohne LondonAbessinien (Falaschas) (80—200 000) . .Argentinische RepublikOesterreich , . . . .UngarnBelgienDänemarkFrankreichTunis .Deutsches ReichGriechenland, . . .Italien25 70067 500J9 J943 9005 484809840846 45962J40 0007 000J J43 000725 2224 0004 080206 53045 000567 8845 79238 0003 016 540


— 44J —BenanntlichAnzahlLuxemburgMarokkoNiederlandeOranje ,PersienPeru .RumänienPortugalRusslandSerbienTransvaalSpanienSchweden und NorwegenSchweizTürkeiBulgarienAegyptenArabienVereinigte Staaten von AmerikaTransport•. . . .'. .3 016 5401054150 00012 77511335000498300 000JOOO3 000 0004 65210 0004023 4028 069500 00028 30725 20015 000130 4967 242 508Nach Israel Davis, Artikel Jews, inder EncyclopaediaBritannica ergeben sich nur folgende Zahlen der GesammtbevölkerungderErde:Europa 5 000 000Asien 200 000Afrika 700 000Amerika 300 000Australien . . . « « 20 0006 220 000


— 442 —Die Hälfte der Judenheit entfällt auf Russland. Interessantwäre es zu wissen, wieviel von diesen Juden injedem einzelnen Lande herrschende Juden sind, und wievielnicht herrschende; zu letzteren darf man wohl Weiberund Kinder rechnen. Uebrigens ist es wohl überflüssig,beim Anblick dieser Liste auf das Themc „Judenherrschaft"weiter einzugehen.In einer Gesellschaft war einst von einem kräftigen,inden besten Jahren stehenden Ehemanne die Rede, vonwelchem man erzählte, dass seine kleine, schwache, nichtmehr junge Frau ihn täglich betrüge, prügele und ohrfeige-Einige der Anwesenden bedauerten den unglücklichenPantoffelhelden aufs Tiefste und konnten keineWorte finden ihrem Mitleid gebührenden Ausdruck zuverleihen, ja einzelne waren nahe daran Thränen zuvergiessen; nur einer aus der Gesellschaft zeigte nicht diegeringste Rührung. Ob seiner Hartherzigkeit getadelt,sagte er ruhig: „Schade um jeden Schlag, der daneben geht!"Hier ist der Ort, einen beliebten Trick aufzudecken,der im Begriffe „Judenpresse" steckt; ein Ausdruck, derin vielen clericalen Schriften immerfort wiederkehrt.Es gibt eine Judenpresse, von Juden für Juden geschrieben,aber an die denkt man nie, wenn man inantisemitischen Kreisen diesen Ausdruck gebraucht. Alszur Judenpresse gehörig, erwähne ich nur die hebräischenBlätter Esperanza (Smyrna), Haam (Kolomea), Habazeleth(Jerusalem), Hamagid nsrael(Krakau), Hasaron(Lemberg),Ha Zefirah (Warschau), Kol Machsike Hadas (Lemberg),Telegraph und Tiempo (Constantinopel). Von nichthebräischen Blättern, die den Interessen der Juden zudienen den Zweck haben, gibt es eine Unzahl. Erwähntsei hier blos der Univers israelite (Paris), die Schriften


— 443 —der Societe des ctodcs juives, Jcwish World (London),Zcitong für das wahre Jodenthum (Lembergf),UngarischerIsraelit (Budapest), Mittheilungen des israelitischen Lehrervereinesin Böhmen (Prag), Jüdisches Echo (Czernowitz),Der jüdischeCantor (Bromberg), Jüdisches Familienblatt,Jüdische Zeitung, Jüdisches Volksblatt (in hebräischenLettern gedruckt in Lemberg respective Tysmienica), derIsraelit in Lemberg, Allgemeine israelitische Wochenschrift(Berlin), Corriere israelitico (Triest), El progresomit hebräischen Lettern (Wien).Dies ist ein Theil der wirklichen Judenpresse, vonJuden für Juden geschrieben.Was aber Antisemiten gewöhnlich Judenpresse nennen,das gehört durchaus nicht zu den hier genannten Litteraturprodukten.Der gläubige Christ versteht unter dem WorteJudenpresse alle jene Zeitschriften, die nach seiner Auffassungauf Unglauben, Philosopie, Negierung jeder Artvon Offenbarung, Antipathie gegen positive Religionüberhaupt beruhen. Dann soll er aber nicht sagen Judenpresse,sondern atheistische, philosophische, rationalistische,ungläubige, heidnische Presse. Sagt er Judenpresse, soist dies eine Begriffsverwirrung.Die Schreiber in den rationalistischen, ungläubigen,heidnischen Zeitschriften mögen zum grossen Theile Judensein der Abstammung nach, dem Glauben nach sind sieesaber nach christlich- und jüdisch-gläubiger Auffassung nicht,sie sind Ungläubige, Rationalisten, Theisten oder Atheisten.Diese Blätter verbreiten ebensosehr den Unglauben andas alte, als den an das neue Testament. Orthodoxegläubige Juden haben für den christlichen Heiland bekanntlichnur Gefühle des wüthendsten Hasses, wie sieim berüchtigten Toldoth Jeschu dargestellt sind, während


— 444 —aufgeklärte, rationalistische Juden ihm zujubeln und inihm eine der höchsten Blüthen der jüdischen Nationlieben und bewundern, trotz gleichzeitiger Abneigunggegen jede existirende Kirche.Ein strenggläubiger Jude, einer von den Chasidim,wird über die Artikel einer ungläubigenZeitung nicht minder empört sein, als ein gläubigerKatholik. Als ich im Jahre J88J den Rabbi vonSadagora besuchte und mit seinen Söhnen in der hebräischenBibliothek sass, fragten mich dieselben, welcher Parteimein Vater angehöre. Ich crwiederte, er sei Mitglied derconservativen Partei, derselben, welcher auch der polnischeRabbiner S. damals im Reichsrathc angehörte. Sie bemerktenhierauf: „Ja natürlich. Alle, die Religion haben,müssen zusammenhalten*'. Die Civilehe in Ungarn habenzum grossen Theile sogenannte Juden zu Stande gebracht,aber echte,gläubige, orthodoxe Juden sind dieserInstitution dennoch äusserst feindlich gesinnt,da sie einen Versuch vorstellt, Israel mit denGoim zu verschmelzen. Man lese das neunzehnteCapitel des Buches Esra! Schröder in seinen Satzungenund Gebräuchen des talmudisch-rabbinischen Judenthums,Bremen J85J, Seite 463 schreibt: „Bei Verlobungen mitPersonen von anderer Religion ist die Sache von denRabbinen so entschieden: Wenn die Verlobung inallen anderen Punkten auch richtig wäre, aber derBräutigam, der von anderer Religion ist, hätte versprochen,sich beschneiden zu lassen, und umgekehrt,wenn die Braut, die von endetet Religion ist,hätte versprochen, Jüdin zu werden, ohne dasVersprechen zu halten, so ist die Verlobungnichtig.'*


— 445 —Man verg^essc nie Folgfendes: Wenn man die orthodoxenJoden fragen würde , was ihnen lieber istt vollkommeneGleichstellung mit den Christen auf Grundunbedingter Confessionslosigkeit oder Verfolgung allerArt; die ungeheure Mehrzahl würde letzteres wählen.Wenn man sie fragen würde, ob sie bereit wären, blosden einen Glaubenssatz aufzugeben, dass Gott die Judensich allein erwählt, nur Moses sich gezeigt von Angesicht,nur mit ihnen gesprochen, nur ihnen Wunder, nurihnen eine directe Offenbarung, die Thora gegeben, siewürden antworten: „Nein, nie und nimmer, lieber sterbenwir wieder in Qualen und Martern, ihrmöget uns tretenund anspeien, verfolgen, verjagen und verbrennen, wirlassen nicht ab, nicht einmal von diesem einen Satz*Aber lieber als unsere Kinder zu Christen zu machen,tödten wir sie an der Mutterbrust, wie wir es unzähligeMale gethan in den Zeiten der Verfolgung".Die meisten Artikel der sogenannten Judenpresscwürden verflucht werden von den gläubigenRabbinen. Wie viele Artikel bringt die „Neue FreiePresse", der „Pester Lloyd", das „Prager Tagblatt",welche von den Clerikalenund Antisemiten Judenblättergenannt werden, die vorgelegt zur Censur einem Collegiumvon orthodoxen jüdischen Priestern, zurückgewiesen werdenwürden, wie Acosta's Buch im schönen Drama Gutzkows:UrielAcosta:Ja, Jochai!Wie ich mich mit dem Buche so verschlossenIn stille Einsamkeit auf meiner KammerUnd in den Paragraphen las und las,Da weiss ich nicht, es hat mich wunderbarDoch manches innerlichst davon ergriffen!


So manches hat in— 446 —mir den Denket wiederMit allgewaltigem Zauber aufgeregt!Und immer riePs in mir: Unmöglich! Nein!Du darfst den Irrenden an Priester nichtsAn sie den Schüler Plato's nicht verrathen.Und gerne hätt^ ich manches in die Thora,In unsern Talmud eingezeichnet^ wasBei vielem Falschen^ vielem UnbewiesenenIch Tiefgedachtes doch zu lesen fand —Doch da es dort nicht steht und ich gelobte^Nach Talmud und der Thora ihn zu richten,So schrieb ich nur dies eine Wort am EndeDes ganzen Buches: Der Autor ist kein Jude.Nein, die von den Clerikalen bekämpfte sogenannteJudenpresse ist nicht die Judenpresse,sie ist die Presse des Unglaubens, der Freigeister,der sogenannten Aufgeklärten, und darum wird siebekämpft*Die oben mit Namen genannten, wirklich denjüdischen Interessen ausschliesslich dienenden Zeitungen,die werden von den Clerikalen keineswegs angegriffen.Sagt man dies einem Clerikalen, so erhält manzur Antwort: „O ja, es gibt eben Christen, die schlechtersind als die Juden, verjudete Christen, wie man zusagen pflegt*'.Aber wer in aller Welt zwingt denn dieChristen, „Judenblättcr** zu lesen? Würden dieChristen sie nicht lesen, so würden diese „Judenblätter**bald eingehen; die oben erwähnte wirklicheJudenpresse aber nicht, da sie nur fürjüdisches Publikum geschrieben ist. Ganz unverzeihlichund von empörender Ungerechtigkeit ist aberder bekannte Satz: „Ja, eben die Juden haben die


— 447 —Christen verdorben!^* Das heisse ich durch ein TaschenspielerkunststückReligionsgesellschaft verantwortlicheinfach schändlichfür die eigene Schlechtig^keit eine andereund schmachvoll!machen; und das istIch musste das erwähnen^ da daraus hervorgeht^ dassder Kampf gegen das Judenthum ein fast durchaus religiöserist* Er gilt nicht den Juden als solchen^ sondernden sogenannten Ungläubigen« Dass auch derPanslavismus stark mit religiösen Fragen verquickt ist,habe ich bereits in einer früheren Broschüre — die inRussland von der Censur verboten wurde, — nachgewiesen.Halten wir aber in der Geschichte unserer Zeitnähere Umschau, dann können wir nicht umhin, zuconstatiren, dass die Mehrzahl der grossen Fragen,welche die Welt bewegen, einen religiösen Kern haben«Betrachten wir die Gegensätze zwischen Irland undEngland, zwischen Russen und Polen,zwischen Kroatenund Serben, studieren wir die Vorgänge in Frankreich,in Oesterreich, in Ungarn, Italien und der Türkei, dieAffaire Dreyfus, die Massacres in Armenien, den Mahdismusim Sudan, die Feindseligkeiten der österreichischenKatholiken gegen die ungarischen Calvinisten und viceversa, die Geschichte der Lex Heinze, den Cult derCzechen für Hus, die neuesten Annäherungsversuchesüdamerikanischer Staaten an Spanien, die Erfolge dermohammedanischen Propaganda in Indien und Centralafrika,die Versuche einer Einigung der buddhistischenVölker unter Führung Japans, den Taiping-Aufstand,die indische Mutiny etc.; überall finden wir religiöseGegensätze im Kampfe mit einander, die das innersteWesen, den Kern, die geheime Triebfeder der Zeitgeschichteausmachen« Man wird vielleicht nicht ganz


— 448 —fchigfehen, wenn man aus gewissen Ereignissen, die sichin der letzen Zeit in Oesterreich und Frankreich abgespielthaben und sich auch im Gewände von Antisemitismusgezeigt haben, den Schluss zieht, dass diegrösste geistige Macht, welche es je gegeben hat, mitErfolg dahin arbeitet,die durch die zwei folgenschwerstenEreignisse des Jahres J870 geschaffene politische Situationwieder aufzuheben und eine andere an ihre Stelle zusetzen,'die ihrem Wunsche entspricht.So schliesst denn, respectivebeginnt das Jahrhundert durchaus mit theologischenFragen. Man betrachte die Gründe der Reise desdeutschen Kaisers nach Palästina und die Motive der Entsendungdes Prinzen Heinrich nach China, das unbeugsameFesthalten des Vaticans an der Tradition, dass Frankreichder Beschützer der Christenheit in Asien ist, und manwird verstehen! Diese Thatsache ist an und für sich,so unangenehm auch ihre Aeusserungen sind, insofernein grosser Trost, weil sie einen Beweis dafür liefert,dass die Menschheit von Fragen metaphysischer Naturviel mehr beherrscht wird, als von irgend welchen anderen,was auf einen höheren Ursprung und eine höhere Bestimmungder Menschen und der Menschheit hinweist.Professor Ludwig Stein schreibt in seinem grossen"Werke „Die sociale Frage im Lichte der Philosophie**:Noch eine zweite Beobachtung, die bereits Gegenstandmannigfachster Commentirung war, haben wirhier zu machen. Marx und Lassalle waren beide israelitischerHerkunft. Auch dieses Moment ist nicht ganznebensächlich. Nicht umsonst strömen Israeliten,die nur Unverstand schlechthin mit Kapitalistenidentificirt, scharenweise dem Socialismus zuftrotzdem oder vielmehr weil dieser der er-


— 449 —gfrimmtc Feind des Kapitals ist. Die edler veranlagtenIsraeliten können es der Gesellschaft nicht vergessen,dass sie ihre Vorfahren bis vor einem halbenJahrhundert durch Ausschluss von aller productivenArbeit dazu verdammt hat, Kapitalisten werden zumüssen, Sie waren das lebendige, erschreckende Beispieleines gespensterhaft durch die Jahrtausende dahinwandelnden,äusserlich zuweilen mit Brillanten behängten,aber seiner gesellschaftlichen Stellung nach jammervollenRassenproletariats. Das Rassenproletariatist jedoch schlimmer als das ökonomische, denn dieökonomische Schranke ist zu durchbrechen, die derRasse aber nicht. In der Brust eines Marx und einesLassalle macht sich der verhaltene titanenhafte Grollzweier Jahrtausende in vulkanischen ErschütterungenLuft. Aus jeder Zeile, die Marx schrieb, aus jedem Wort,das Lassalle sprach, blickt das concentrirte Elendvon Jahrhunderten hervor. Nur sie, die stolzen Abkömmlingeeines Stammes, der den ihm von der Gesellschaftgereichten Wermuthsbecher von Leiden,Zurücksetzungen, Aechtungen und Ungemach bis aufdie Neige ausgekostet hatte, waren dazu geschaffen,die Befreier des von der kapitalistischenGesellschaft niedergehaltenen Weltproletariatszu werden***Ein weiterer Vorwurf der Antisemiten gegen dieJuden ist ihr Mangel an Patriotismus. Diese Beschuldigungist um so merkwürdiger, als es doch leider nurzu bekannt ist, dass so mancher Staat Hunderttausende,ja Millionen Bürger zählt, die nicht nur ganz ohnePatriotismus sind, sondern ihr Vaterland und sogardie Dynastie geradezu hassen. Dass die Juden die29


— 450 —Bevölkerung eines Landes^ in welchem sie verfolgt, getretenund angespieen werden, nicht besonders liebenkönnen, liegtauf der Hand, und wenn man ihnen immersagt, dass man sie nicht als Deutsche, Franzosen, Russen etc.haben und anerkennen will, so ist es schliesslich auchnatürlich, dass sie sich selbst nicht als Angehörige dieserStaaten betrachten wollen. Dagegen sind die Judeneinem Staatsoberhaupte, das ihnen Gerechtigkeit widerfahrenlässt, immer treu ergeben gewesen, was natürlichganz selbstverständlich ist, da sie im Oberhaupte desStaates ihren höchsten, oft einzigen Beschützer erblicken.Der jüdische Patriotismus concentrirt sich fast gänzlichin der Treue und Ergebenheit gegen den Landesfürsten,was denn doch schliesslich die Hauptsache ist.Die Behauptung der Antisemiten, dass die Juden unfähigsind zum Ackerbau, zum Handwerk und zur Handarbeit,beruht auf einem grossen Irrthum. Sie wurdennicht in die Zünfte aufgenommen und zwar, wie wirgesehen haben, aus religiösen Gründen; auch durftensie keinen Grund und Boden besitzen. Wo sollten alsodie Juden die Lust und das Verständnis für den Ackerbauherhaben, wenn sie in Folge religiöser VorurtheileJahrhunderte lang davon ausgeschlossen waren? Wo sieAckerbau betreiben konnten, dort haben sie ihn betrieben.In jenen Ländern, wo sie davon ausgeschlossen waren,hat sich allerdings durch Gewohnheit und VererbungeineAbneigung gegen denselben herausgebildet.Meinen geehrten Gegnern rathe ich, sich einmal nachSalonich zu begeben.Sie werden dort Scharen von Lastträgern,Bootsleuten und Handwerkern treffen, die Judensind. Dort tliut der faule Türke so wenig wie möglich,während der Grieche (Arier!) sich alle mühelosen und-


— 45J —körperlich nicht anstrengenden Geschäfte zu beschaffengewiisst hat. In London sind die Arbeiter bei Schneidernund Schustern, in New York die Arbeiter in Schuhfabrikenfast ausschliesslich Juden. In Russland, Rumänienund den Vereinigten Staaten zählen jüdische Arbeiterund Handwerker nach Hunderttausenden resp. Tausenden.Die Antisemiten könnten solche Behauptungen nichtaufstellen, wenn sie sich der Mühe unterziehen wollten,das jüdische Leben in den russischen und rumänischenStädten, ferner in Salonich, London und New York zustudieren.Was d'it angebliche jüdische Grausamkeit betrifft, soist über diese Beschuldigung kein Wort zu verlieren.Gott sei es geklagt; entsetzliche Beispiele von Grausamkeitsind bei allen Völkern und zwar ausserordentlichhäufig vorgekommen.Hier muss ichwieder ausdrücklich erwähnen, dass inder ungeheueren Mehrzahl der Fälle, in welchen unsjüdische Grausamkeit begegnet, ihre Religion dasMotiv hiezu geliefert hat. Viele Berichte über die vonden Juden begangenen Grausamkeiten, wie die Ausrottungganzer Völker mit ihren Weibern und Kindern auf göttlichenBefehl sind übrigens ganz unhaltbar* In derThora finden sich mehrere sehr humane und edle Vorschriftenbetreffend die Behandlung der Fremden inIsrael, ja sogar der Thiere, Vorschriften, die den Judenewig zur Ehre gereichen werden.Die Wohlthätigkeit der Juden ist bekannt und auchvon vielen Antisemiten wiederholt anerkannt worden.Vor einigen Wochen brachte das „Vaterland^* den Texteiner Rede, in welcher der Redner — von den christlichenTugenden sprechend — ungefähr sagte: „Die29*


— 452 —Klosterfrau, welche den Juden pflegt» der ihr flucht.**Es ist dies eine boshafte Insinuation. Wahr ist es, dassdiebarmherzigen Schwestern alle Leidenden pflegen undwarten, welche immer deren Confession sein möge.Wahr ist es, dass Klosterfrauen auch Juden pflegen;wahr ist es ferner, dass sie ihres erhabenen Amtes auchgegenüber demjenigen walten, der sie beschimpfen würdeund ihnen flucht. Das ist aber durchaus nicht dasjenige,was vom Redner insinuirt werden wollte. Dieser rechtischaffeneMann wollte offenbar seinem Publikum denGedanken nahe legen, dass Juden, wenn auch nichtimmer, so doch häufig, den Klosterfrauen fluchen, oderwenigstens fluchen möchten. Diesem sehr geehrtenHerrn möchte ich nun Folgendes erzählen: „Als imJahre J893 während meiner Anwesenheit in Tokio einErdbeben einen Theil des Klosters, der Klosterschuleund Kinderbewahranstalt der katholischen Schwesternzerstörte, schrieb ich an mehrere wohlhabende christlicheJugendfreunde und Andere und bat sie inständigst, derOberin des Klosters in ihrer grossen Noth pecuniäreHilfe zu leisten. Nur ein Einziger liess sich herbei, derOberin zu Hilfe zu kommen, und schickte mir circa20 fl. Die Mehrzahl meiner Freunde antwortete mirgar nicht; nur ein einziger Mann schickte der katholischenOberin die nicht unbedeutende Summe von 500 Francs,und dieser Mann war — ein Jude — !"Da haben wir also einen Juden, einen echten ungetauftenJuden, der 500 Francs gibt einem katholischenFrauenklöster, welches heidnische Kinder erzieht, umsie zu Christen zu machen. Welcher Christ, frage ich,würde auch nur einen Heller gegeben haben für einejüdische Bekehrungs- und Erziehungsanstalt heidnischer


Kinder?— 453 —Jch möchte aber diesem geehrten Herrn Rednernoch etwas anderes erzählen. Hier in Ronspergf befindetsich seit 27 Jahren ein Kloster der barmherzigen Schwesternvom heiligen Karl Borromäus. Ebenso gibt es hier einenoch ziemlich orthodoxe^ zahlreiche Jwdengemcinde.jüdischen Familien schicken,Dieseitdem das Kloster besteht,ihre Kinder zur Erziehung und zum Unterricht in dasgenannte Kloster. Ich habe mich bei einer Klosterfrau,welche seit mehr als 20 Jahren hier lebt und einen jedenMenschen kennt, erkundigt, ob die Klosterfrauen jemalsvon Seite der Juden ein beleidigendes Wort gehört hätten.Die erstaunte Antwort war: „Nein, im Gegentheil, dieBeziehungen sind die allerbesten.^* Auch versichertemich die Schwester, dass in vielen Anstalten der genanntenCongregationJuden ihre Kinder zu den Schwesternschicken und sie ihnen ganz überlassen. Es steckt eineBosheit sondergleichen darin, einem Publikum insinuirenzu wollen, dass die Juden als solche den KlosterfrauenFeindschaft entgegenbringen.Johannes Scherr schreibt in seiner „Deutschen CulturundSittengeschichte*':„Der dreissigjährige sogenannte Religionskrieg sollteden Beweis leisten, wie weit die Menschen es überhauptin der Bestialität bringen können. Der Abschaum derSöldnerbanden Europas führte auf dem geschändetendeutschen Boden das grässlichste Kriegstrauerspiel auf,welches unsere, welches die Geschichte überhaupt gesehenhat. Zu einer namenlosen Zügellosigkeit der soldatischenSitte gesellte sich ein haarsträubendesRaffinement der Grausamkeit und eine rasendeum des Mordes selbst willen mordende MordlustDie Hand müsste einem erstarren, wollte man die ent-


454sctzlichen Gt'iuci jener Tage, wie der ehrliche Philandcfvon Sittewalt in seinen ^^Gesichten^^ im Kapitel vomt^SoIdatenlebcn", sie geschildert hat, im Einzelnen nachschreiben.Genug, das Sengen, Rauben und Todtschlagen,das Todtschänden unreifer Kinder, das Nothzüchtigen vonMädchen und Frauen auf den Rücken ihrer gebundenenund verstümmelten Väter und Gatten, das BrüsteabreissenSchwangerer, das Bauchaufschlitzen Gebärender, dasmassenhafte Niedermetzeln der Bewohnerschaften eroberterOrte, das martervolle Tränken mit Jauche (Schwedentrank),die erbarmungslosesten Erpressungen, die muthwilligsteVernichtung von Vieh, Feldfrüchten und Wohnungen:das alles und noch vieles Aehnliche war dreissig Jahrelang in Deutschland an der Tagesordnung. Und woder mitleidslose Kriegssturm vorübergerast war, da liesser hinter sich grässliche Seuchen und Hungersnöthe*Während der Jahre J636—37 war, wie der alte Khevenhillererzählt, in vielen Theilen Deutschlands, voraus inSachsen, Hessen und Elsass, die Hungersnoth so entsetzlich,dass die Bewohner Fleisch vom Schindangerholten, Leichen vom Galgen herabstahlen, die Gräbernach Menschenfleisch umwühlten» Brüder verzehrtenihretodten Schwestern, Töchter ihre verstorbenen Mütter,Eltern mordeten ihre Kinder, um sie zu essen, undnahmen sich dann, über die schreckliche Sättigung inWahnsinn fallend, selber das Leben. Es bildeten sichBanden, die auf Menschen, als wären es wilde Thiere,förmlich Jagd machten, und als man in der Gegend vonWorms eine solche Jagdgenossenschaft, die um siedendeKessel herumsass, auseinandertrieb, fand man menschlicheArme, Hände und Beine zur Speise bereitet in denKochgeschirren vor* So lösten sich alle socialen Bande,


455 —alle Forderungen der Menschlichkeit wurden mit Füssengetreten, alle heiligsten Gesetze verhöhnt; der Acker lagunbebaut, die Werkstätte stand leer, die Civilisation schienmit ihren Wurzeln ausgerottet werden zu sollen. Allesverwilderte und verödete. In dem kleinen HerzogthumWirtemberg allein waren abgebrannt 8 Städte, 45 Dörfer,J58 Pfarr- und Schulhäuser, 65 Kirchen, 36,000 Häuser.Die Bewohnerschaften ganzer Gegenden starben an derRuhr und Pest dahin, welche in Folge des Gebrauchesunnatürlicher Lebensmittel und in Folge der Obdachlosigkeitund Entblösstheit ausgebrochen waren. In densieben Jahren von J634—4J allein gingen in Wirtcmbcrg345 000 Menschen zu Grunde, so dass das Land im JahreJ64I kaum noch 48 000 Bewohner zählte.In Thüringen hatten vor dem Kriege in J9 DörfernJ773 Familien gewohnt;nach dem Kriege waren es noch3J6. In Sachsen sollen einer angestellten Wahrscheinlichkeitsrechnungzufolge nur binnen zweiJahren (I63Jbis J632) nicht weniger als 934 000 Menschen erschlagenworden oder vor Hunger und Kummer zu Grunde gegangensein. Die Pfalz hatte vor dem Kriege eine halbeMillion Einwohner, zur Zeit des Westphälischen Friedenshöchstens 48 000. Noch furchtbarer war der Menschenverlustin Franken. In dem einzigen Kreise Hennebergz* B. schmolzen in der Zeit von J63J bis J649 diet8 J58 Bewohner auf 5840 herab. . .."Ferner:„Das beginnende J8. Jahrhundert zeigte das deutscheStudententhum noch sehr tief in der Barbarei des vorhergegangenenversunken. Edleres wissenschaftlichesStreben war fast ganz von den Universitäten verschwunden,deren Katheder der unendlichen Mehrzahl nach geist-


— 456 —lose Pedanten oder hanswurstige Ignoranten innc hatten*Kein Wunder demnach^ dassdas viehische Rundesaufen,Schlägerwetzen, Duelliren, Deponiren, Philisterprellcn undZotenreissen bei der Lässigkeit oder Kraftlosigkeit derRegierungen seinen Fortgang hatte»Die Studentenliederaus jener Periode sind von roher Geschmacklosigkeit undwimmeln daneben von zuchtlosem Unflath, welcher sichauch in den noch immer modischen Stammbüchern sobreit machte, dass Kästner in Göttingen einmal bekanntlichin ein ihm zur Einzeichnung von Spruch und Namendargebotenes schrieb: „Herr gestatte, dass ich unterdiese Säue fahre/* Neben ausgelassenstem Liebeln,Schwelgen und Spielen wurde auch der dickste Aberglaubetreulich von den Studenten kultivirt, wie dasBeispiel jener durch einen jenensischen Studenten J7J5angestellten Geisterbeschwörung Behufs der Hebung einesSchatzes beweist,Beschwörer selbstwobei zwei Bauern umkamen und derums Haar das Leben eingebüsst hätte.Der akademische Senat inquirirte den Studenten aufZauberei und hatte keine Ahnung davon, dass das Unglücknur durch den Holzkohlendampf der bei der Beschwörunggebrauchten Räucherpfanne verursacht wordensei* Ein Jahr darauf ereignete sich in Halle eine nochgrässlichere Geschichte, deren Katastrophe für ein unmittelbaresStrafgericht Gottes ausgegeben wurde* EineAnzahl von Studenten hatte in Verbindung mit leichtfertigenDirnen eine Orgie gefeiert, wobei sie zuletztdie Passion Christi und die Einsetzung des Abendmahlstravestirten* Nach Verfluss einer Stunde aber warenn von den Studenten todt, ebenso der Wirth und seine2 Töchter, was sich freilich ganz natürlich aus dem Umständeerklärte, dass der betrunkene Wirth in das bei


— 457 —dem Gelage schliesslich verbrauchte Bier statt Wassereinen Eimer scharfer Lauge geschüttet hatte."Wir ersehen daraus^ welche Verwilderung in Deutschlandim Heere und auf den Universitäten injenen Zeiteneingerissen war. Heute sehen wir Deutschland an derSpitze der Civilisation marschiren. Die deutsche Armeegilt mit Recht als die, beste der Weltt das Officiercorpsbesteht vielfach aus sehr gebildeten und durchwegs auswohlerzogenen Ehrenmännern. Die deutschen Universitätensind die Führer in allen Wissenschaften geworden, undDeutschland ist heute wohl die erste Culturmacht derWelt. Man vergleiche einst und jetzt! Welche Zauberinhat diese wunderbare Aenderung herbeigeführt? Es istdie Freiheit t der Fortschritt, die Wissenschaft, die Aufklärung,dieselben Mächte, die im Laufe von 33 Jahrenaus dem uncivilisirten, mittelalterlichen, fortschrittsfeindlichenJapan eine mächtige und civilisirte Grossmacht geschaffenhaben, dieselben Mächte, die, wie wir bereitsgesehen, aus den Parsis das gemacht haben, was sieheute sind. Lassen wir den Juden Zeit, geben wir ihnendie Gelegenheit sich auszubilden, und der Erfolg wirdnicht ausbleiben.Was ihre angebliche masslose Geschlechtsbegier betrifft,so darf auch in dieser Beziehung kein Volk auf denJuden einen Stein werfen. Derartige Anklagen sind fürmich nur ein Beweis von der grossen Verlegenheit derJudenfeinde, welche so oft Behauptungen aufstellen,die sich überhaupt nicht beweisen lassenkönnen. Die Juden sind in dieser Beziehung gewissum kein Haar besser oder schlechter, als die übrigenKinder Adams. In Abessynien gibt es unter den jüdischenFalaschas,wie der Missionar Martin Flad uns mittheilt^


— 458 —sogar einen jüdischen Mönchsorden. Der Gründerdieses Ordens, Aba-Zebra, lebteim 4. Jahrhundert n. Chr.in der Provinz Armatschoho, in einer Hoharewa genanntenHöhle. Er war ein frommer Asket, der Krankedurch Händeauflegen und Gebete auf wunderbare Artgeheilt haben soll. Seit der Zeit Aba-Zebra's müssensich jene, welche Mitglieder dieses Ordens werden wollen,castriren lassen. Dieser jüdische Orden besteht somitvierzehnhundert Jahre und liefertden schlagenden Beweis,dass es auch unter den Juden viele Männer gibt,die der Geschlechtsliebe für immer zu entsagendie moralische Kraft haben.„Dem Juden^^ sagt der Antisemiten-Katechismus, „erscheintnur das als Tugend, was persönlichen Vortheiloder Genuss verspricht.'* Nichts ist ungerechter als dieseBeschuldigung. Sie ist nachweisbar falsch. Wäre siewahr, so hätten die Juden nie die furchtbaren Verfolgungen,welchen sie in den christlichen Ländern ausgesetztwaren, ertragen und ihrem Glauben zu Liebeihre Kinder geschlachtet, Vermögen, Familie, Ansehenund selbst das Leben dahingeopfert. Auch noch heutzutagegehört wenigstens in vielen Ländern ein Heldenmuthdazu, sich als Jude zu bekennen und sich nichtzum Scheine taufen zu lassen, oder confessionslos zuwerden. Mir ist es unfassbar, wie ein Christ solche Sätze,wie den eben aus dem Antisemiten-Katechismus citirten,niederschreiben kann. Mein Gewissen wenigstens liessemir keinen Augenblick Ruhe, solange ich einen derartigenAusspruch nicht widerrufen hätte.Der rumänsiche Minister Carp hat einmal im Parlamentefolgende Worte gesprochen: „Wollt ihr mit demVolk gegen die jüdische Concurrenz kämpfen? Seid so


— 459 —arbeitsam^ nüchtern und sparsam wie sie und ihr werdetsie nicht zu fürchten haben."Der stets latente religiöse Hass bedarf natürlicheiner Veranlassung ^ um sich zu äussern. Diese Veranlassungist sehr häufig nicht religiöser Natur, sondernoft profan und ordinär. Am häufigsten sind es materielleInteressen, welche den schon vorhandenen religiösenFanatismus entzünden.So schreibtder berühmte Professor Wilhelm Röscher:„Ist ein Volk schon reif genug, um des eigentlichenHandels zu bedürfen, aber noch zu unreif, um selbsteinen nationalen Kaufmannsstand zu haben: so liegt esin seinem eigenen Interesse, dass ein fremdes, höhercultivirtes Volk durch einen sehr tief eindringendenActivhandel einstweilen die Lücke ausfülle. Damit verbindetsich freilich immer eine mercantile Bevormundungdes niedriger cultivirten Volkes, oft sogar eine wirthschaftlicheBevormundung überhaupt. Nun wird aberjede Vormundschaft lästig, wenn sie länger dauern willals die Unreife des Mündels; und ganze Völker emancipirensich fast nur unter Kämpfen. So haben diegermanischen und romanischen Völker während derersten, rohern Hälfte des Mittelalters die Juden viel besserbehandelt, als während der zweiten, sonst mehr gebildeten.Die Juden befriedigten eben damals ein grosses Bedürfnisder Volkswirthschaft, welches lange Zeit kein Andererbefriedigen konnte. Wie man die Kirche oft mit derArche Noah verglichen hat,welche aus der Sintfluth derVölkerwanderung von jedem Zweige der alten Culturwenigstens so viel gerettet habe, dass es sich fortpflanzenkonnte, so bildeten auch die Juden, die seit dem babylonischenExil angefangen hatten sich mit grossem Er-


— 460 —folge auf den Handel zu legen, eine Brücke , um dienöthigsten volkswirthschaftlichen,zumal kaufmännischenCulturelemente des Alterthums auf das Mittelalter zuübertragen. Hierzu befähigte sie nicht blos ihr grosses,an diestammverwandten Phönikier mahnendes Handelstalent,sondern auch die merkwürdige Mischung vonhistorischer Unveränderlichkeit und praktischer Biegsamkeit,von geographischer Zerstreuung und religiös-nationalerConcentration , welche sie auszeichnet. — Als die volkswirthschaftlicheUnentbehrlichkeitein nationalerder Juden aufhörte undHandelsstand aufzublühen begann, da begannenauch die Judenverfolgungen: sehr gegen denWillen der Kirche, aber vorzugsweise von kaufmännischerEifersucht der Städte geschürt; also für die meistenLänder im Zeitalter der Kreuzzüge, in Deutschland seitJ096. Während im früheren Mittelalter Jude und Kaufmannals synonym gelten, vermischt sich nun der BegriffJude mit dem von Schacherern, Trödlern, Wucherern.Wo sich das Heranreifen des nationalen Bürgerthumsund Kaufmannsstandes früher oder später einstellte, dasindregelmässig auch die Judenverfolgungen früher oderspäter ausgebrochen. Die Sage vom ewigen Juden, diesePersonification der allgemeinen Schicksale des jüdischenVolkes seit der Zerstörung von Jerusalem, verbunden mitseinen vielhundertjährigen Hausierwanderungen und seinergedrückten Heimathslosigkeit im spätem Mittelalter,scheint nicht vor dem J3. Jahrhundert erwähnt zu sein.— Eine ähnliche^ nachmals unter Kämpfen abgeschüttelteHandelsvormundschaft haben lange Zeit die Phönikierüber die Griechen, die hellenischen Kolonisten auf derNordküste des Schwarzen Meeres über die Skythen geführt;im spätem Mittelalter die Italiener als Waren-


— 46t —kaufleute am Schwarzen Mcere^ als Geldhändler in fastallen minder entwickelten Ländern von Mittel-und West-Europa; so die Hanseaten in Skandinavien und Russland,die Eng:länder unter Elisabeth im Weissen Meere."Man begegnet häufig Gegnern des Antisemitismus,welche behaupten, derselbe wurzle nicht im religiösenFanatismus, sondern in Neid, Eifersucht und dem Gefühlder eigenen Inferiorität. Die Religion sei da nur dieMaske, deren sich der Neid bedient, um nicht gar zuhässlich in die Oeffentlichkeit zu treten. Diese Auffassungtrifft bei vielen Personen auch sicherlich zu;aber jedenfalls bei einer Minorität. Dass im Allgemeinennur der religiöse Fanatismus und nicht der Neid dieHauptquelle des Antisemitismus ist, erhellt daraus, dasswir Judcnhass antreffen bei Hunderttausenden vonMenschen, die mit den Juden gar nichts zu thun haben,mit keinem Juden concurriren, denen mit einem Wortegar kein Jude im Wege steht. So werden z. B. inParaguay die Juden sehr gehasst, obwohl es dort garkeine gibt. Also ist der religiöse Hass das Prius.Wäre aber der Antisemitismus keine religiöse Frage,dann wäre er nichts weiter, als Handelseifersucht undGeschäftsneid. Man schämt sich aber gewöhnlich, dieseinzugestehen, und hängt seinem Neide, seiner Eifersuchtund Galle gar so gern ein moralisches Mäntclchenum.Es istbekannt, dass die amerikanischen Gesetze gegendie chinesische Einwanderung auf gar nichts anderemberuhen als auf Brot- und Concurrenzneid. Das sollteaber nichteingestanden werden, und da mussten ethischeund moralische Gründe für die, Opposition gegen dieChinesen aufmarschiren. Nichts leichter als das. Im


- 462 —Bericht des Hottse Commitee of Congress vom FebruarJ878 steht:„Die Lebensweise und die Gewohnheiten der Chinesensind derartige, dass ihre Anwesenheit in unserem Landein jeder Hinsicht eine Gefahr bedeutet. Ihre Unsauberkeitist unbeschreiblich und ihre Wohnungen sind Infectionsherdeansteckender Krankheiten. Ihre Gewohnheiten,Sitten und Institutionen sind das gerade Gegentheilder unsrigen; sie hassen, was wir lieben, sie verachten,was wir bewundern, sieüben als Tugenden odertolerirenals Nothwendigkeiten, was wir verdammen, sieerniedrigen das Weib, für sie gibt es keinen Eid, siesindmeineidig, ausschweifend, ohne Ehre, ohne Religion,ohne Treue."Ein altes Lied fürwahr, das stets ebenso neu als ungerechtund verlogen bleibt. Man schnappt nach Geldund predigt Moral.Die Antisemiten pflegen ferner den Juden Feigheitvorzuwerfen. Wenn sie mit diesem Worte Mangel anmoralischem Muth ausdrücken wollen, so beweist ihnendieganze Geschichte der Juden, ihr Heldenmuth währendder Verfolgungen und Unterdrückungen das Gegentheil.Wollen siedamit den Mangel an Tapferkeit ausdrücken,so ist die Behauptung für unsere Zeiten wahr und leichterklärlich durch die, den persönlichen Muth unterdrückende,jahrhundertjährige Knechtung. Trotzdem habenwir aber manche Beweise persönlicher Tapferkeit auchbei den heutigen Juden. So haben wiederholt englischeOfficiere die militärische Tüchtigkeit der jüdischen BeniIsrael in Indien lobend hervorgehoben. Im Kriege vonJ870— J87J haben sich die Juden Otto Bibo, Saul Dausund Alexander Hirschmann durch besondere Tapferkeit


— 463 —ausgezeichnet.Ferner hat die Tapferkeit der bulgfarischenJuden in der Schlacht bei Pirot ihnen das Lob desFürsten Alexander eingetragfen, der zu ihnen die Wortegesprochen hat: „Tapfere Juden, ihr habt euch heutedurch euere heldenhafte Haltung als wahre Nachkommender Makkabäer gezeigt^^ Eins aber ist sicher. DieTapferkeit, welche die Juden in den Kämpfen der makkabäischenZeit und in den Kriegen gegen Titus undHadrian an den Tag gelegt haben, istbewunderungswürdig fürunsterblichenRuhm gesichert.einfach grossartigtalle Zeiten und hat ihnen einenDer Antisemiten -Katechismus hat eine ganze Reihevon für die Juden ungünstigen Aussprüchen grosserMänner zusammengestellt, offenbar mit der Absicht, denLeser glauben zu machen, dass die gebildetsten und gescheitestenMenschen Antisemiten sind. Dieses Buchverschweigt jedoch nicht blos die zahlreichen Aussprücheanderer grosser Männer, welche für die Juden günstiglauten und welche der geehrte Leser finden kann indemvon Josef Schrattenholz verfassten „Antisemitenhammer**(Düsseldorf J894), sondern es verschweigt auch judenfreundlicheAussprüche von solchen Männern, die zwareinmal in ihrem Leben etwas Ungünstiges über dieJuden geschrieben oder gesprochen, ihre Ansichten aberspäter geändert und anders geschrieben und gesprochenhaben. Das Buch gibt nur die feindseligen Aussprüchedieser Männer, nicht ihre günstigen. So gibt z* B. derAntisemiten-Katechismus einen Theil der Rede wieder,die der junge 32jährige v. Bismarck im Jahre J847 indem vereinigten Landtage gegen die Judenemancipationgehalten hat, verschweigt aber alle Aussprüche über dieJuden, die der grosse, gereifte deutsche Reichskanzler


— 464 —Fürst Bismarck über die Juden gethan. Ei* erwähntnichts dass die Antisemiten dem Fürsten Bismarck wiederholtden Vorwurf gfemacht haben ^ dass er ein Freundder Juden sei* Ein Theil dieser von der antisemitischenPresse dem Fürsten Bismarck wegen seiner Judenfreundlichkeitgemachten Vorwürfe sind zusammengestellt imAntisemitenspiegel (Druck und Verlag von A.W* Kafemannin Danzig)* So gibt z* B. der Antisemiten-Katechismuswohl die feindseligen Aussprüche Luthers gegen dieJuden, nicht aber dessen judenfreundliche. Ferner reproducirter feindselige Aussprüche, welche FeldmarschallGraf Moltke über die Juden geschrieben, als er nochLieutenant war, die derselbe jedoch im späteren Alterdurchgestrichen haben soll. Damit soll keineswegsgeleugnet werden, dass auch sehr gescheite, gelehrteund geistreiche Männer Antisemiten sindund gewesen sind. „Sie haben nun einmal die Antipathie.^*Interessant wäre nur zu wissen, welches derQuell dieser Antipathie ist. Bei sehr vielen ist dieseQuelle häufig nichts anderes, als persönliche und höchstunangenehme Erlebnisse und Erfahrungen mit Wucherern,RevolverJournalisten u. s. w., bei vielen anderen Hassgegen die sogenannten geoffenbarten Religionen, inEuropa namentlich gegen das Christenthum, und da mannicht direct gegen das Christenthum loshauen will, soschimpft man gegen das Judenthum im Allgemeinen.Bei Anderen wieder entspringt der Antisemitismusthatsächlich aus purem Neid, aus Eifersucht und demGefühle der eigenen Inferiorität; bei Anderen wiederum— es sind dies einige Gelehrte — ist der Antisemitismusein wissenschaftliches Steckenpferd, wie z. B. bei jenen,welche auf der Gleichung herumreiten, Semiten-Nomaden,


— 465 —Juden- Semiten t und die dann dieses Steckenpferd durchDick und Dünn zu Tode reiten.Ich möchte dass ein jeder Antisemit sich einmal frage^ beiwelcher Gelegfenheit er zuerst den Judenhass empfundenhat; in der ungeheuren Mehrzahl der Fälle wird diesschon in der zartesten Kindheit der Fall gewesen sein,zu einer Zeit, wo er mit Juden noch gar nicht zusammengekommen;auch möchte ich, dass er sich selbst frage,wer die Personen gewesen, die ihn zum ersten Maleantisemitisch gestimmt haben*Wer immer noch bezweifeln sollte, dass der Antisemitismuseine religiöse Frage ist, der sei darauf aufmerksamgemacht, dass die Hauptgegner der Juden geistlicheresp. kirchliche Würdenträger sind: CanonicusDr» Rohling, PfarrerDeckert, Dr. Ecker, Dr. Constant,Pastor Stöcker, Herr Pobjedonoszew u» s» w. Dasselbegilt auch von den Führern der Antisemiten in Persien«Wer dann an dem religiösen Charakter des Antisemitismusnoch immer zweifeln könnte, dem empfehle ich dievom ultramontanen Blatt „La Croix" in Paris zur Zeitdes Dreyfus-Processes veröffentlichten Artikel.Jene Antisemiten jedoch, die gegen die jüdische Religionkeinen Widerwillen empfinden und sich einbilden,blos die jüdische Rasse zu verabscheuen, verweise ichhöflichst auf das Seite i52 dieses Werkes Gesagte.Hiermit wäre die Behandlung aller antisemitischenAnklagen gegen die Juden erschöpft. Was bleibt nunals Rest derselben, als wahr bestehen?Nichts weiter als Folgendes: Die Juden liefern heutenoch in einigen Ländern einen verhältnismässig grösseremProcentsatz von Wucherern, Kupplern und Betrügern,als die Christen. — Heute noch! — Das ist eine That-30


— 466 —Sachet die Niemand leugnen kann und die einfach als wahrhingestellt werden muss* — Morgen vielleichtnicht mehr!Diese Thatsachc ist eine nothwendige Folge derStellung t in welche die Christen die Juden hineingedrängthaben. Diese Fehler waren den Judennicht angeboren^ sie haben sich bei ihnen erst seitdem J2» Jahrhundert n.Chr. zu entwickeln begonnen^ undes lässt sich daher mit apodiktischer Gewissheit behaupten^dass diese Ungleichheit zwischen Christen und Juden imProcentsatz jener Fehler sich ausgleichen wird durch dieFreiheit und Aufklärung. Dass diese meine Behauptungrichtig istt folgt logisch aus zwei verschiedenen Deduktionen:J. Weil ein Volk, welches gewisse Fehler, Laster undschlechte Eigenschaften, die es Jahrhunderte langnicht hatte, im Laufe der Zeiten durch den Druckäusserer Verhältnisse angenommen hat, diese Fehlerund Laster gerade so, wie es sie angenommen hat,auch wieder ablegen kann und sicher ablegen wird,wenn eben die Verhältnisse, die sie erzeugt haben,wegfallen.2. "Weil die oben genannten Laster, wie Wucher, Kuppelei,Betrug, gerade die Laster sind,welche mit dem Gelderwerbe— der bis vor Kurzem ausschliesslichenBeschäftigung der Juden — häufiger alsmit anderenBerufszweigen verbunden sind und sich daher ganzvon selbst vermindern werden und zwar in demMasse, alsden Juden andere Berufszweige und Beschäftigungennicht blos möglich gemacht werden,was ja heute bereits der Fall ist, sondern, sobald siesich auch gewöhnt^haben werden dieselben häufigerzu ergreifen.


— 467Diese Laster und Fehler der Juden werden jedochreichlich aufgewogen durch ihre vielen Tugendenund edlen Eigenschaften^ als da sind: Fleiss^ Sparsamkeit,Wissensdrang, Geduld, Familiensinn, Nüchternheit,Arbeitsamkeit, Wohlthätigkeit. Liefert also dasJudenthum in einigen Ländern ein Plusin den drei obengenanntenLastern, so weist es wiederum ein Minus aufin anderen Verbrechen und Vergehen, Versucht mannun aus der Summe der Tugenden und Laster das Saldozu gewinnen und vergleichtman dasselbe mit jenem deranderen Nationen und Völker, so kommt man wiedereinmal auf die höchst geistreiche, originelle und neueSchlussfolgerung nach dem Muster 2X2 = 4,nämlichzum Schlüsse, dass es gute und schlechte Menschen gibtin einer jeden Religion,Renan sagt: „Wir haben mehrmals auf den seltsamenUmstand aufmerksam gemacht, dass das jüdische Volkin seinem Busen die Extreme von und, wenn ich so sagendarf, den Kampf zwischen Gut und Böse einschliesst,Thatsächlich kommt keine Bosheit der jüdischen Bosheitgleich, und trotzdem hat das Judenthum aus seinem Innerndas Ideal der Güte, der Opferwilligkeit und Liebe entstehenlassen können. Die besten aller Menschenwaren Juden, und die boshaftesten der Menschenwaren ebenfalls Juden. Was von den jüdischen Menschengilt, gilt auch von ihren Schriften» Einige dieserSchriften stellen sich dar als das Höchste und Tiefste,was je geschrieben wurde, wie z, B» das Buch Hiob, derKohelet und viele Abschnitte der Thora und der Propheten,namentlich des Isaias. Dagegen treffen wir auchGiftpilze der bedenklichsten Art, die in ihrem Innern dieSaat geborgen haben, aus welcher Intoleranz, Fanatismus,30*


— 468 —Religionskriege, Ketzefgefichte, Inquisition u. s. w. entsprossensind*Die Juden sind eben ungewöhnlich gross imGuten wie im Bösen* Dass dieses Volk sich vonallen anderen so vielfach unterscheidet t wird ' wohlNiemanden Wunder nehmen , welcher bedenkt, dass ausdiesem Volke entsprossen istChristus der Herr«Dass es aber Juden gibt, welche ihre Zugehörigkeitzu diesem grossen Volke verleugnen, statt sich ihrer, wieder grosse (getaufte) Lord Beaconsfield zu rühmen undstolz mit Uriel Acosta zu rufen: „Ihr dürft mir fluchen,denn ich bin ein Jude*% das ist schmachvoll.


Achtes CapiteLAntisemitismusim Allgemeinen^ Juden-Emancipation,Judennoth,Zionismus,


JohannesSchcrr sagt in seiner ^^Deutschen Coltur- ondSittengeschichte^^:,,Das Grondmotiv der Judenschlächtereienwar, wir wiederholen es, zweifelsohneder religiöse Wahn»" Und dieser religiöse Wahndauert immer fort. „Hören Sie nur einen Aufruf, denwir als Beispiel herausgreifen, um zu sehen, welcherMittel sich die rumänischen Antisemiten bedienen, umnicht mehr erstaunt zu sein, welche Früchte sie ernten.Dieser Aufruf wurde auf den Mauern des kleinen rumänischenStädtchens Alexandria angeschlagen und istgezeichnet: „Das Antisemiten-Comite." Er lautet: „ChristlicheBrüder von Alexandria! Wenige Tage trennenuns von dem Zeitpunkte, wo die Juden Jesus Christus,unseren Gott, gerichtet haben. Wir alle wissen,wie die Juden es verstanden haben, unseren christlichenGott zu verhöhnen, wie sie ihn geplagt und gequälthaben, damit er ihnen den Weg der Gerechtigkeitzeige, weil er ihre schwindelhaften Kaufleute verurtheilthat, weil er es nicht zugelassen, dass sie ihren schamlosenHandel im Hause des Herrn weiter betreiben, weiler sie schliesslich mit der Peitsche aus den Kirchen vertrieben,welche sie zu Schänken verwandeln wollten. Nachdemdie Juden stets unsere Religion verlacht haben unddies noch heute thun, warum sollen wir ihnen Freundschaftentgegenbringen und ihnen den Vorzug inunseremLande geben? Warum sollen wir ihnen unsere christlichenreinen Hände darbieten? Es ekelt uns, ihre Hände


— 472 —zu hctühtcnf die noch von dem Blute unseres heiligenJesus Christus triefen. Vergessen wir nichts dass es ihreHand war, die mit Hammer und Nägeln unseren christlichenGott ans Kreuz geschlagen, demzufolge sie dazuverdammt wurden, von Aussatz hefallen zu werden.Darum, Brüder von Alexandria, bei unserer christlichenEhre beschwören wir Euch, Euch vor allen Juden zuhüten. Eure Kinder zu belehren, dass sie keine jüdischeSchänke besuchen und ihreKleider und andere Bedarfsartikelnicht mehr bei ihnen kaufen. Es wäre eineSchande, wenn die Stoffe dieser Kleider, in welchen Ihrin den Kirchen niederkniet, von den Händen dieserkrätzigen Juden entweiht würden.Belehret Eure Kinderschon in ihrer Jugend, die Juden zu meiden, nichts,selbst nicht das Geringste, sich von diesem verfluchtenVolke schenken zu lassen. Denn nur dann werder Ihrwahre Christen,gute Rumänen sein.*^Ein gründliches Studium des alten Testaments vonEduard Reuss wäre ein radicales Heilmittel für Christenund Juden. Aber gerade der orthodoxe Jude wird amschnellsten herbeispringen, dem Forscher die Fackel ausder Hand zu schlagen, denn er glaubt, dass nur durchden Glauben an die Thora und durch die Befolgungdes Gesetzes das Heil, das messianische Reich herbeigezaubertwerden kann* Also ist die Krankheit unheilbar!Dass dem so ist, daran tragen Juden und Christenin gleicher Weise Schuld. Ein gläubiger Jude darf nichteinmal am selben Tische mit einem Nicht-Juden essen,gläubige Juden und gläubige Christen können keineEhe eingehen, mensa, connubium negatur. Was folgtdaraus? . . . Wahr aber ist, dass die Juden ein Volkfür sich sind, das nothgedrungen zusammenhalten muss


— 473 —und das derart maltraitirt worden ist, dass es unmöglichist, zu erwarten, dass, solange es einen jüdischen undeinen christlichen Glauben gibt, die Juden das verzeihenkönnten, was die Christen ihnen angethan* Hierin liegtallerdings eine grosse Gefahr. Der Antisemitismus hatauf riesigen Umwegen das Gute geleistet, die Christenund Juden auf die Unüberbrückbarkeit der Gegensätzeaufmerksam zu machen, solange beide an ihrem Glaubenfesthalten.Der Antisemitismus hat fernerzur Folge gehabt, dasses der nichtjüdischen Bevölkerung nun einmal klar werdenmusste, dass sie, um mit den Juden concurriren zu können,vor Allem so nüchtern, fleissig und sparsam werden müsse,wie diese. Der Antisemitismus hat insofern auchals heilsamer Sporn gewirkt. Niemand wird es denChristen verübeln, wenn sie dort, wo Juden sich zusammenthun,Geschäftszweige monopolisiren und Ringebilden, diese auf das Energischeste mit denselben Mittelnbekämpften. Aus diesem Kampfe folgt jedoch nicht,dass man sie hasse, verachte und jeden gesellschaftlichenUmgang mit ihnen meide.Die beste Bezeichnung für die Juden bleibt nochimmer, sagt der grosse Schopenhauer, der Begriff Nation.Eine Nation bleibtbestehen auch dann, wenn, wie diesselbstverständlich immer der Fall ist, Mitglieder derselbenin noch so grosser Zahl dieselbe verlassen und sich anderenNationen anschliessen; sie bleibt, wenn auch nochso viele neue Elemente in sie aufgenommen werden.Zwar fehlt bei den Juden das zur Nation gehörendeMoment der Sprache, denn es gibt keine lebende, denJuden gemeinsame Sprache. Sie reden überall die Spracheder Völker, unter denen sie wohnen oder gewohnt haben


— 474 -namentlich Deutsch r Spanisch und Arabisch. Aber dieSprache ihrer heiligfcn Schriften treten für diesen Mangelein^ und die sind Hebräisch und Aramäisch» Hiezu kommennoch als weitere Momente gemeinsame Sitten und Gebrauchetdie wieder in ihrer Religion ihren Ursprunghaben. Gemeinsame Charaktereigenschaftenlassen sich jedoch bei den Juden nur sehr wenige nachweisenwegen dergrossen Verschiedenheit der einzelnen,uns bekannten jüdischen Gruppen, und diese Charaktereigenschaftenentspringen aus ihrer Religion. Zwischendem spanischen und arabischen Juden — den Sephardim— und den deutschen und polnischen Juden — denAschkenazim, — zwischen den Trümmern der chinesischenJudenschaft, die sich noch in Honan vorfinden, und denschwarzen und weissen Juden von Cochin an der indischenMalabarküste, dann wieder zwischen diesen allenund denjüdischen Falaschas in Abessynien dürfte der eifrigsteAntisemit verzweifeln, gemeinsame von der Religion unabhängigeCharaktereigenschaften zu entdecken und nachzuweisen.Der deutsche und polnische Jude ist bekanntfür seinen Schacher und Handelsgeist. Ganz anders dieSephardim im Orient und die arabischen, indischen,chinesischen und abessynischen Juden. Wer von denAntisemiten will das Kunststück probiren, alle dieseJuden unter eine Haube zu bringen? Ich bitte, es zuversuchen. Nehmen wir an, obwohl es nicht zugegebenwerden kann, dass alle jene schlechten Charaktereigenschaftenund Schändlichkeiten, welche die Antisemitenden Juden vorwerfen, wahr wären, nämlich alles, was injenem Kapitel des Antisemiten-Katechismus steht, dasich auf Seite 29 ff. citirt habe, so beträfe dies nur diepolnischen und deutschen Juden, also nur einen Theil


— 475 —der Juden, nicht das Ganze, nicht das Jodenthum. Dasist derart klar und selbstverständlich, dass es als logischerTruism nicht erwiesen zu werden braucht. Wenn aberdie Antisemiten mir dies nicht zugeben wollen, sondernmüssen, so frage ich,woher der Unserschied, und warumsind die Juden, welche Jahrhundertc im Islam und innichtchristlichen Ländern gelebt haben, von den Judendenn gar so verschieden, die immer in christlichenLändern geblieben sind? Der geehrte Leser fühlt wohl,dass der Brennpunkt der Frage gerade hier steckt. Woherdieser Unterschied zwischen den verschiedenen Zweigender Judenschaft, woher der Unterschied und die Vctschiedenheitder Juden in den verschiedenen Epochen derGeschichte?Die Juden sind heute grossentheils das, wasdie Völker, unter denen sie lebten, aus ihnengemacht haben. Hatten sie einst gute und grosseEigenschaften, die sie heute nicht mehr besitzen, habensie Laster und Gewohnheiten angenommen, die sie frühernicht hatten, so ist dies die Wirkung des Einflusses, denjene Völker auf sie ausgeübt.Was sind denn eigentlich die Juden? Die Juden sindiinc künstliche Nation, bestehend aus einer Mischungzahlreicher Nationalitäten, die eine Religionsgesellschaftbildet, entstanden sowohl durch freiwilligeAbschliessung, als auch durch gewaltsameAusschliessung von den anderen Völkern und durchdas Verbot der Mischehen, was alles die Folge vonreligiösen Grundsätzen gewesen ist. Diese Aus-,respective Abschliessung, verbunden mit einer ganz bestimmten,durch ihre Religion vorgeschriebenen Lebensweise(Beschneidung, Ehe-, Speisegesetze etc. etc.), und der


— 476 —Zwangf, in welchem sie lebten, sich nur nach einer bestimmtenRichtung hin entwickeln zu dürfen (Handel,Schacher, Wucher etc. etc*)> haben dieser Nation einenganz bestimmten physischen und moralischen Typus aufgfcprägft»Die Definition der Juden würde somitlauten: „Eine durch religiöse Bestimmungen geschaffene,aus zahlreichen Rassenelementen zusammengesetztekünstliche Nation/*Diese Definition passt für alle jüdischen Gruppen, fürdie polnischen Juden wie für die Falaschas, für die indischenwie für die chinesischen; sie allein erklärt die angeblichenjüdischen Charaktereigenschaften und den vonuns verschiedenen physischen Typus. Seit ungefährJOOO Jahren hat allerdings das Judenthum fast keinefremden Elemente mehr in sich aufgenommen; dagegensind seit dieser Zeit in Folge von Bekehrungen ganzeStröme jüdischen Blutes in die christlichen Nationen geflossen.Renan sagt ausdrücklich, dass es mehrerejüdische Rassen gibt. Dass es eine jüdische Rassenicht gibt, habe ich bereits im ersten Capitel nachgewiesen.Wer durchaus den Begriff Rasse auf die Judenanwenden will, kann dies nur unter dem ausdrücklichenVorbehalt thun, mit diesem Worte jene aus zahlreichenRassen gebildete künstliche Nation bezeichnen zu wollen,die angefangen hat zu existiren mit dem AugenblickedesAufhörens des jüdischen Proselytenthums (Chazarenbekehrung)und sich seit dieser Zeit in Folge des Verbotesder Mischehen, der Aus- und Abschliessung etc.rein erhalten hat. Diese Nation ist blos zum sehr geringenThcil mit dem alten Volke Israel blutverwandt,wegen der verhältnismässig ungeheuren Masse fremdenBlutes, die sie in sich aufgenommen hat. Nehmen wir


- 477 —nun den kleinen Bruchtheil altjüdischen Blotes aus derheutigen Judenheit wegf und fragen wir, was dann übrigbleibt,so ist die Antwort: nichts weiter als eine Religionsgesellschaft,die sich seit circa 1200 Jahren in Folgereligiöser Satzungen zu mehreren neuen Rassen ausgebildethat. Wer von einet jüdischen Rasse redet, denktjedoch immer an die auf dem Wege der Zeugung entstandenenSprösslinge aus dem Stamme Juda und Benjamin,denn die anderen JO Stämme sind ja schon seitdem Sturze des israelitischen Reiches 722 v. Chr. spurlosverschwunden, das heisst in den anderen Völkernaufgegangen, geradeso, wie die Hunderttausende imLaufe der Zeiten zwangsweise zum Christenthum undIslam bekehrter Juden. Spricht man also von einerjüdischen Rasse, so kann dieser Begriff nur dann einenSinn haben, wenn man das Wort „jüdisch** nichtim ethnographischen und anthropologischenSinne auffasst, sondern unter demselben die mosaischeConfession versteht, durch welche dieseneue Rasse geschaffen worden ist. Man bedenkestets, dass schon zur Zeit Christi die Zahl der nichtjüdischen Anhänger des Judenthums grösser war als dieZahl der dem Blute nach echten Juden, und dass unterTitas und Hadrian vielleicht die Hälfte, wenn nicht mehrsämmtlicher palästinensischen Juden ausgerottet wordenist. Aus dem Gesagten folgt, dass die Masse jüdischenBlutes, welche in den christlichen und mohammedanischenVölkern Europas, Westasiens undNordafrikas steckt, grösser ist als jene, die inden Adern der heutigen Juden rollt.Die Emancipation der Juden durch die französischeRevolution, eine Massregel, die bald auch von den1. L


— 478 —meisten anderen europäischen Staaten nachgeäfftwurde^scheint sich immer mehr als ein Fiasco für beide Theilezu entpuppen.Dr. Herzl hat in einer Rede am Zionisten-Congress in Basel sehr richtig bemerkt:„Ich muss das schmerzliche Wort aussprechen: dieVölker, die die Juden emancipirten, haben sich einer Selbsttäuschungüber ihre Gefühle hingegeben. Um ihre volleWirkung zu üben, musste die Emancipation im Gefühlvollzogen sein, ehe sie im Gesetz ausgesprochen wurde.Das war aber nicht der Fall* Das Gegentheil war derFall. Die Geschichte der Judenemancipation ist einsder merkwürdigsten Hauptstücke der Geschichte deseuropäischen Denkens. Die Judenemancipation ist nichtdie Folge der Einsicht, dass man sich an einem Stammeschwer vergangen, dass man ihm Entsetzliches zugefügthabe und dass es Zeit sei, tausendjähriges Unrecht zusühnen; sie ist cmzi^ die Folge der geradlinig geometrischenDenkweise des französischen Rationalismusim J8. Jahrhundert. Dieser Rationalismus construirtesich mit der blossen Logik, ohne Rücksicht auf daslebendige Gefühl, Grundsätze von der Bestimmtheit einesmathematischen Axioms und bestand darauf, diese Gebildeder reinen Vernunft in der Welt der Wirklichkeitenzur Geltung zu bringen. „Eher sollen die Colonien umkommenals ein Grundsatz!" lautet der bekannte Ausruf,der die Anwendung der rationalistischen Methodeauf die Politik zeigt* Die Judenemancipation stellt eineandere gleichsam automatische Anwendung der rationalistischenMethode dar. Die Philosophie Rousseau^s undder Encyklopädisten hatte zur Erklärung der Menschenrechtegeführt. Aus der Erklärung der Menschenrechteleitete die starre Logik der Männer der grossen Um-


— 479 —wälzung die Jodencmancipation ab. Sic stellten eineregelrechte Gleichung auf: jeder Mensch hat von Naturbestimmte Rechte; die Juden sind Menschen: folglichhaben die Juden die Menschenrechte. Und so wurde inFrankreich die Gleichberechtigung der Juden verkündet,nicht aus brüderlichem Gefühle für die Juden, sondernweil die Logik es erforderte. Das Volksgefühl sträubtesich sogar dagegen, aber die Philosophie der Umwälzunggebot, die Grundsätze über die Gefühle zu stellen. Manverzeihe mir den Ausdruck, der keine Undankbarkeit insich schliesst: die Männer von J792 emancipirten unsaus Principienreiterei.'^Ich glaube hinzufügen zu dürfen, dass jene Emancipationgrösstentheils durchgeführt wurde, um die Kirchezu ärgern, die sich heute über den komischen Ausgangdieser That ins Fäustchen lachen darf. „Die Juden sindMenschen", sangen die Liberalen der Emancipationsepoche,„das heisst so zu sagen", ertönt heute der Refrain derAntisemiten.„Die Juden haben die gleichen Rechte, wiealle anderen Staatsbürger", so lautet das Gesetz, „dasheisst auf dem Papier", ist die Antwort unserer aufgeklärtenZeit. Denn thatsächlich schlagen die Amtschefs, wo sienur können, die Thüren vor den Nasen der jüdischenCandidaten zu, und die Berufszweige, die einem Judenoffen stehen, werden immer weniger zahlreich.Die Emancipation ist zu einer Zeit gekommen, woes schon zu spät war. Als die emancipirenden Staatendie Thore des Ghettos sprengten und die Gleichberechtigungsämmtlicher Staatsbürger proclamirten, jubelte ganzIsrael. Glückselig stürzten sich die Juden in die christlicheGesellschaft; ein grosser Theil von ihnen, dieAssimilanten, thaten von Herzen, was sie konnten.


— 480 -um ihren christlichen Mitbürgern in Kleidung, Sitten,Gebräuchen, Manieren und Passionen so ähnlich alsmöglich zu werden. Es ward für sie eine Frage derAmbition, in Gesellschaft nicht für Juden gehaltenzu werden; sie schämten sich ihres Stammes, ja vielevon ihnen wurden selbst Antisemiten, jüdische Antisemiten,so ziemlich das nee plus ultra der Gemeinheit!Wie sind sie aber aufgesessen! Heute gibt man ihnendeutlich zu verstehen, dass getauft oder nicht, correctDeutsch redend oder jüdelnd, sie doch immer verachteteJuden sind und bleiben, mögen sie reich sein oder arm,gute Reiter, gute Tänzer, gute Schützen oder Philister— ganz gleich, „Jud bleibt Jud! ihr gehört nicht inunsere Gesellschaft^^Die liberalen Christen waren einstmals vollkommengewillt, die Juden in ihre Gesellschaft aufzunehmen.Warum sind sie es heute nicht mehr? Der Jude wurdedem Christen, sogar dem liberalsten ausserordentlich unsympathisch»Wie ist das nun zu erklären?In Folge beiderseitiger religiöser Vorurtheile hattenJuden und Christen Jahrhunderte lang in vollständigsterTrennung von einander gelebt* Wegen dieser Abgeschlossenheit— ein Resultat der ReligionsVerschiedenheit!— entstand im Ghetto ein bestimmter jüdischergesellschaftlicher Typus, d* h» eine Kaste mit ganzspecifisch eigenthümlichen Gewohnheiten , Dialekten,Gesten, Bewegungen, Manieren, Sittenund Gebräuchen,mit verschiedenen Begriffen von Ehre und Takt; inFolge der jüdischen Speise- und Reinheitsgesetze, sowiedurch das Zusammengepferchtsein in schmutzigen Ghettosund die sitzende Lebensweise bildete sich auch ein von


481den Christen physisch vielfach verschiedener jüdischerTypos aus. Die Assimilanten unter den Juden gflaubtenAnfandst sie brauchten blos zu wollen und könnten miteinem Schlage das jüdische Wesen des Ghettos abstreifenund mit dem Wesen der christlichen Gesellschaft vertauschen*Hierin täuschten sie sich aber gewaltig. Dasäussere Wesen eines Culturkreises lässt sich nicht wieein Ueberzieher ausziehen und mit dem eines anderenvertauschen. Im Ghetto sprachen die Juden einen eigenenJargon. Diesen Accent behielten natürlich alle^ die ihnin ihrer Kindheit gesprochen, und nur jene Juden verlorenihn, die entjudet, d. h. von Kindheit auf in nichtjüdischenKreisen aufwuchsen und erzogen wurden.DieAusmerzung des Jargons verlangte neue Generationen,— wenigstens zwei — also mehrere Jahrzehnte — unddie Trennung von den jüdischen Stammesgenossen inderKindheit. Aehnlich verhält es sich bezüglich des Gestus.Den Juden wurden im Ghetto gewisse Gesten, HandundFingerbewegungen angeboren und anerzogen, diCfwie dies fast immer der Fall ist, mit der Lebensweiseund Kleidung in innigster Beziehung standen. Es istkein Zweifel, dass bei diesen Gesten auch Vererbung undAtavismus eine Rolle spielen. Man kann sie nicht willkürlichablegen und fremde dafür annehmen.Alles mussgelernt werden, bekanntlich auch das Stehen, Gehen,Sitzen, sich Setzen, Grüssen, die Art in eine Gesellschafteinzutreten, die Art sich zu entfernen, die Art zu essen,zu trinken — mit einem Worte alle unzähligen Nuancendes alltäglichen gesellschaftlichen Lebens. Wer viel inislamitischen Ländern und in Ostasien gelebt hat, weiss,wieviel Mühe es kostet, die Sitten und Manieren eines3J


— 482 —fremden Culturvolkes sich anzueignen* Die graziöse Artdes japanischen Grusses wird ein Europäer wohl nievollkommen nachmachen können; auch gehört das japanischeKleid dazut um ihn graziös ausführen zu können*Im europäischen Anzüge wäre er grotesk und lächerlich*Sich in arabischer Kleidung wie ein Muslim zubenehmen^ erfordert eine Uebung von Jahren. Dasselbegilt von der chinesischen und der ihr so ähnlichenkoreanischen Etiquette* Chinesen und Koreaner haltendie Europäer ihrer Manieren und Gesten wegen für Flegel,obwohl sie sich selbst in Gesellschaft und sogar währendder Mahlzeit Dinge erlauben , die wieder in Europa fürden Culminationspunkt der Flegelei angesehen werden*Aehnliches sehen wir im islamitischen Oriente* DieJuden nun hatten in ihren Ghettos ihre eigenen Regelnfür ihr gesellschaftliches Benehmen* Dieses Benehmenwar ein durchaus asiatisches, würdevolles*Ich habe selbstwiederholt Gelegenheit gehabt, es zu beobachten in denHäusern und als Gast von orthodoxen Juden in Bosnienund in der Bukowina* Die dortige Etiquette, das Benehmender Kinder gegen die Eltern, der Untergebenengegen die Vorgesetzten, der Jüngeren gegen die Aelteren,war ein sehr würdevolles, ceremonielles und anständiges,jedoch total verschieden vom Benehmen in modernenchristlichen Häusern*Nun fielen die Thore der Ghettos* Die Juden tratenmit ihren Gewohnheiten indie christlichen Gesellschaftenein* Ein Theil von ihnen, jedenfalls der bessere undklügere, behielt die jüdische Kleidung und das würdevolleasiatische Auftreten, das ihnen jedoch vielfach für Kriechereiausgelegt wurde. Der andere Theil trachtete es derchristlichen Bevölkerung nachzumachen. Sie nahmen die


— 483 —christliche Kleidung an und copirten, so gfut sie es konnten,auch die Manieren und das Benehmen* Selbstverständlichgelangf dies der ersten emancipirten Generation nicht, derzweiten nur in sehr geringem Masse und wieder nurjenen wenigen, die von Kindheit auf wie diechristlichenMitbürger erzogen und herangebildet werden konnten*Gerade wie ein Europäer, der im arabischen,chinesischen,japanischen Kostüm sich bemüht, die Manieren des betreffendenfremden Volkes nachzumachen, bei diesemeine ausserordentlich lächerliche Figur spielt, so erginges auch den Juden.Sie zogen sich zunächst sehr schlechtund geschmacklos an, griffen begeistert zu den Cylinderhütender unglaublichsten Gestalt,kurz, sie kleideten sichso unmalerisch als nur möglich, ihre Bewegungen undGesten, die zum langen Kaftan gut passen mochten, behieltensie beim Gehrock und Frack bei und übten dadurcheinen widerwärtigen Eindruck auf ihrechristlichenMitbürger aus* Namentlich ist es die bei den Juden sooft vorkommende tänzelnde Bewegung der Füsse, dasErheben der nach aussen gekehrten Handfläche mitausgespreizten Fingern zur Schulterhöhc und dievielfachgebeugte Haltung, welche die Indogermanen aus derFassung bringt.Es ist eine leichtzu machende Beobachtung, dass sehrhäufig Leute, welche nicht wissen wie sie sich in Gesellschaftbenehmen sollen, in grosse Verlegenheit gerathenund, um diese Verlegenheit zu maskiren, unverfroren,naseweis und keck werden. So erging es häufigauch den Juden bei dem ersten Eintritt in die christlicheGesellschaft*und woher hätten sieSie trafen Anfangs fast nie den rechten Ton,denn denselben auch kennen lernenkönnen; doch nicht in ihrem Ghetto l Sie glaubten3J*


— 484 —in Gesellschaft reden zu müssen und zwar von Dingten»welche die Gesellschaft, in der sie sich befanden, interessiren.Nun wwssten sie häufig nicht, über was sie redensollten, und stellten daher Fragen oder berührten Themata,welche den andern unangenehm und peinlichwaren.Bekanntlich gibt es in den verschiedenen Culturkreisenmannigfache erlaubte und missliebige Gesprächsstoffe.Im mohammedanischen Oriente gilt es als unhöflich, imGespräche der weiblichen Familienmitglieder des Angesprochenenirgendwie zu erwähnen.In anderen Ländernist ein Gespräch über das Staatsoberhaupt und das Aussprechenseines Namens verpönt u. s. w. Neugierdezu zeigen über dieFamilien- und Vermögensverhältnisseeiner angeredeten Person, mit welcher man nicht sehrbefreundet ist, gilt bei uns für unhöflich, bei den Chinesenfür einen Akt der Höflichkeit. Das sind alles gesellschaftlicheNuancen in Takt und Benehmen, und dieselbenvariiren sogar bei den verschiedenen VölkernEuropas. Wie verschieden sind das gesellschaftliche Leben,dieRegeln des Anstandes, die Manieren in Russland undEngland! Man kann sich nun denken, welche gesellschaftlichenSchnitzer die unglücklichen Juden begehenmussten, als sie zum ersten Male das Ghetto verliessenund in die christliche Gesellschaft hineingelassen wurden.Es ist zum Staunen, dass sie deren nicht mehr begingenund dass sie sich doch so weit zu assimilirenwussten, wie sie es gethan. Heute freilich ist die jungeJudengeneration, die ausserhalb des Ghettos aufgewachsenund ganz in christlicher Weise erzogen worden ist, diedas Turnen und die übrigen Sports betreibt, namentlichin England, Frankreich und Amerika, von den Christen fastgar nicht mehr zu unterscheiden. Noch eine, höchstens


— 485 —zwei Generationen hätten gfcnügt, und das Jodcnthumvon West- und Central -Europa wäre wie Zucker imWasser mit den christlichen Völkern zerschmolzen undin sie aufgegangen.Doch das sollte nicht sein. Der Antisemitismusloderte plötzlich wieder auf, vertrieb die Juden aus derchristlichen Gesellschaft und zwang sie mehr denn je,sichnoch enger an einander zu schliessen.Die Juden haben nun klar erkannt, dass man sienicht haben will, dass man es ihnen verweigert, sie alsDeutsche, Franzosen, Oesterreicher etc. anzuerkennen.Sie kehren daher zurück, von wo sie hergekommen,und rufen den Christen zu: „Ihr wollt uns nicht alsStammesgenossen anerkennen, ihr ruft uns zu, dass wirFremde und Juden sind; also gut. Seien wir es, seienwir Juden, wie ihr es von uns aussagt.*^ Der Antisemitismushat den Zionismus zur nothwendigen Folge.Beide Erscheinungen haben denselben Kern, dasselbeWesen und sind nur verschiedene Ausdrücke für dieselbeSache, obwohl natürlich zwischen Zionisten und Antisemitenauch nicht der Schatten eines Einverständnissesbestehen kann. Fremd und kalt stehen sich beideGruppen gegenüber, und gerade die Antisemitenhalten den Zionismus für eine lächerliche Utopie;man vergleiche die interessante Schrift? „Rabbinismusund Zionismus** des gelehrten Antisemiten ProfessorDr. Adolf Wahrmund. Hiermit aber erklärt auch dieJudenemancipation der französischen Revolution ihrenvollständigsten Bankerott, und als Siegerin auf demPlatze bleiben die verschiedenen christlichen Kirchen,die sich nun zu Tode lachen können über die Blamageihrer Gegner. — Vorläufig!


486Da die meisten Antisemiten diefixe Idee haben, dassdie Mehrzahl der Juden reich oder wohlhabend ist, jamit dem ßegfriffe ff Jude** stets die Vorstellung einesreichen jüdischenGeschäftsmannes oder eines WuchererJsverbinden, so ist es von grösster Wichtigkeit, die Lageder Majorität des Judenvolkes und zwar in unserer Zeit,in der Gegenwart, zu betrachten. Die Zeit der blutigenVerfolgungen, die ich in einem früheren Capitel geschildert,sind längst vorüber, und ich zweifle nicht,dass jeder Antisemit in Deutschland oder Oesterreich-Ungarn den Geist, der sie hervorgerufen, verflucht undverabscheut« Viele Antisemiten glauben ferner wirklich,dass die Juden aus religiösen Gründen heute nicht mehrverfolgt werden und dass der Antisemitismus mit derReligion nichts zu schaffen habe. Schuld daran ist dieUnkenntnis des entsetzlichen Elends, in welchem diegrössere Mehrzahl der Juden nicht so sehr dahin lebt,als vielmehr dahin siecht. Ich weiss wohl, dass diedeutschen und die österreichischen Antisemiten von derNoth, dem Elend und dem Jammer der Juden in Russland,Galizien, Rumänien, Bulgarien u. s. w. keine Vorstellunghaben; denn ich kenne meine Mitbürger, ichkenne das edle deutsche Volk und die sanften SlawenOesterreichs zu genau, um daran zweifeln zu können,dass ihnen das Herz brechen würde beim Anblicke desjüdischen Massenelends.Ich zweifle nicht, dass die Mehrzahl der BewohnerWiens dem Antisemitismus entsagen würde, wenn siesehen könnten, was Israel täglich leidet. Sie könntennicht Antisemiten bleiben, denn dazu ist derWiener zu gut, zu mitleidig. Dieser Judennothseien nun die folgenden Zeilen gewidmet; sie sind, was


— 487 —Russland betrifft^ zum grössten Theile entnommen demWerke des Leo Errera, Universitätsprofessors in Brüssel:„Die russischen Juden, Vernichtung oder Emancipation?",das in Brüssel im Jahre 1893 erschien. Professor Th.Mommsen sagt in seiner Vorrede zu diesem WerkeFolgendes: t^Es ist eine Pflicht,an der armen Menschheitnicht zu verzweifeln, aber diese Pflicht wird immer undimmer schwieriger. Der Fanatismus ist unverbesserlich.Wir können nur hoffen, dass die Staatsmännereines grossen Kaiserreiches und ein Herrscher, derSchiedsrichter von Europa ist, nicht für immer der Verblendungeines auferstandenen Torquemada unterworfenseinwerden."Bekanntlich lebt über die Hälfte der Juden in Russland,und zwar bewohnten sie die Gebiete, in welchensie sich heute befinden, schon lange vor der russischenEroberung. Ihre heutigen bürgerlichen Verhältnissewurden im Jahre 1882 durch das vom Grafen Ignatieffins Leben gerufene Gesetz neu geregelt. In diesemGesetze wurde bestimmt, dass die Juden innerhalb desihnen zugewiesenen Territoriums sich in Zukunft nichtausserhalbder Städte und Marktflecken ansiedeln dürfen.Hiervon sind die bereits bestehenden jüdischen Colonienausgenommen, sowie jene Juden, die sich mit Ackerbaubeschäftigen, und gewisse Privilegirte. Auch dürfen siekeinen Grund und Boden erwerben, an christlichenSonn- und Feiertagen keinen Handel betreiben undmüssen ihre Geschäfte an diesen Tagen schliessen. Dasklingt auf den ersten Blick nicht sehr arg. Betrachtenwir jedoch die Sache in der Praxis und sehen wir unsauch die gesetzlichen Verfügungen an, die im Nachhangezu diesem Gesetze getroffen worden sind* Zu-


— 488 —nächst sind ungefähr 150000 fremde Juden, welche dierussische Staatsbürgerschaft nicht hatten und Unterthanenfremder Staaten waren, des Landes verwiesen worden.Ferner wurden sämmtliche Juden innerhalb des Territoriums,welche nicht in Städten und Marktflecken,sondern in Dörfern wohnten, aus diesen ihren Wohnsitzenverjagt und in die Städte hineingedrängt. DieJuden ausserhalb des Territoriums erhieltendie Weisung,ihre Wohnsitze zu verlassen und in das Territorium einzuziehen.So wurden im Jänner J892 bei einer Kältevon — 32° zweitausend Juden angewiesen Moskau zuverlassen. Bei dieser Gelegenheit sind kleine Kindervor Kälte gestorben, eine Frau, welche vor vier Tagenniedergekommen und von sechs Kindern umgeben war,musste halb todt in einem Waggon zurückgelassenwerden. Zu den sogenannten privilegirten Juden, welchendas Recht zusteht, auch ausserhalb des Territoriumszu wohnen, gehören auch die sogenannten „geschicktenHandwerker *^ Die Anerkennung dieses Charakterswurde sehr häufig verweigert, um den Unglücklichendas Herauskommen aus dem Territorium unmöglich zumachen. In vielen Fällen ist privilegirten Juden verbotenworden, ihre Kinder bei sich zu behalten. Einjüdisches Kind darf nach dem russischen Gesetze auchgegen den Willen der Eltern zum orthodoxen Glaubenübertreten, wenn es das J4. Lebensjahr erreicht hat.Ferner wurde einer grossen Zahl von Juden verboten,sich bestimmten ehrlichen Geschäften zu widmen. Alsvor einigen Jahren der Staat die Eisenbahnstrecke vonLibau ankaufte, wurden alle jüdischen Eisenbahnbeamtenentlassen. Dem jüdischen Ingenieur Koiranski, welcherbeinahe 26 Jahre bei dieser Gesellschaft diente, wurde


— 489 —zu wissen gfcthan, dass er sich entweder taufen lassenoder demissioniren solle. Der Mann nahm sich dasLeben.So wurden langsam sämmtliche Joden aus ihrenStellen bei Eisenbahn- und Dampfschiffsgesellschaftcnverdrängt. Ferner wurde die Zahl jener Juden^ welcheZutritt zu den Gymnasien und Universitäten habendürfen^ in grausamer Weise eingeschränkt. Hierzukommen noch eine Menge staatlicher Abgaben, welcheblos die Juden treffen. Jüdinnen, die nicht zu denPrivilegirten gehören, dürfen das Territorium nicht verlassen;dagegen darf die jüdische Prostituirte im ganzenReiche circuliren. Im ganzen Russland verfolgt undgehetzt, wird dieses unglückliche Volk von allen Seitenins Territorium zurückgedrängt, aber selbst dort werdensie immer und immer in engere Räume, d. h. in dieStädte und Marktflecken hineingepfercht. Auch dortwird es ihnen verboten, Grund und Boden zu kaufenoder zu pachten; man verbietet ihnen, ihren Wohnsitzzu ändern, vertreibt sie aus den Dörfern, jagt sie ausdem Lande, quetscht sie immer mehr und mehr in denStädten zusammen, wo sie ersticken und sich gegenseitigerdrücken. Die Ausübung ihres Cultus wird ihnenerschwert, man schliesst ihre Schulen, man versagtihnen, soweit thunlich, den Eintritt in die höherenSchulen, verschliesst ihnen eine Menge ehrlicher Berufe,lässt ihnen nur einige Geschäftsbranchen übrig, denensie sich noch widmen können. Alle diese Einschränkungenhaben natürlich einen furchtbaren Concurrenzkampfunter ihnen zur Folge gehabt, einen unaufhörlichenKampf um das tägliche Brod. So ist denn auchbegreiflicherweise das Elend unter ihnen entsetzlichgeworden.


— 490 —Ein berühmter noch lebender russischer Staatsmann^dem man dieses Elend schilderte^ soll gesagt haben:,tWas liegt daran* Ein Drittel wird auswandern^ einDrittel sich bekehren, ein Drittel sterben*" Bei der Besprechungdes Motives dieser Verfolgung bemerkt Errcra:„Die Civilisation des J9. Jahrhunderts, welchersich auch Russland zum Theile angeschlossenhat, verhindert es offen zu bekennen, dass esseine Dissidenten als Häretiker verfolgt unddass sie ein Kind, das heute erst von jüdischenEltern geboren wurde, verantwortlich macht fürdie Kreuzigung Christi* Die Regierung aberträgt Sorge, wie dies auch anderswo geschieht,ihrem Antisemitismus ein wirthschaftlichesMäntelchen umzuhängen*" Sehr wahr, sehr richtig!Die Vorwürfe, die von Seite der russischen Antisemitenden Juden gemacht werden, sind dieselben,wie bei uns, und findet sich ihre Widerlegung an anderemOrte*Die Antisemiten sind gewöhnt, immer nur auf diereichen Juden zu blicken, und bilden sich dann ein, dassReichthum oder "Wohlhabenheit unter den Juden dieRegel bildet* Dies ist jedoch ein kolossaler Irrthum*Wenigstens die Hälfte der Juden besitzt, wie Dr*Theodor Herzl auf dem Baseler Congress sich ausdrückte,nicht einen Stein, wo sie ihr Haupt hinlegen,keinen Fetzen, mit welchem sie ihre Blossebedecken kann* Auf diesem Zionistencongress, welcherEnde August J897 in Basel zusammenkam, waren Judenaus aller Herren Ländern zusammengekommen, wovonviele Vorträge hielten über die Lage der Judenschaft inihrem Vaterlande* Die Bilder schrecklichen Elends, die


— 49J —bei dieser Gelcg:enheit von den Berichterstattern entrolltwurden^ sind entsetzlich*In Galizien leben im Ganzen 772 2 J3 Juden, wovon71 Procent in Städten wohnen. Vor einigen Jahrenwurde durch den Reichsraths-Abgeordneten Dr. Rappaportein Hilfscomite für die nothteidenden Juden in Galizienins Leben gerufen und eine Rundfrage über die öconomischeLage der Juden an 126 Ortschaften gerichtet«Unter den J 45 000 Juden dieser J26 Ortschaften waren,wie sich herausstellte, 74 000 Beschäftigungslose, oderrichtiger gesagt, Bettler» Die Folge des Elends der galizischenJudenschaft ist ein bedeutendes Sinken ihrerMoralität. Die Behauptung des Antisemiten-Katechismus,dass der berüchtigte Mädchenhandel fast ausschliesslichvon Juden betrieben wird, ist wahr. Nur hätte er hinzufügensollen: von galizischen, polnischen und rumänischenJuden. Es ist leider eine Thatsache, dass dieverrufenen Häuser der grossen Städte Südamerikas, Constantinopels,der Levante, theilweise sogar in Indien,Sibirien, Aegypten, ja bis hinauf nach Singapore undHongkong, von galizischen Jüdinnen bevölkert sind unddass polnische Juden diese Häuser von Europa aus mitlebendiger Ware — fast ausschliesslich Jüdinnen — versehen.Betrachtet man jedoch die kolossale Armuth derrussischen und galizischen Judenschaft, bedenkt man,dass der Mädchenhandel zugleich mit dem Wucher diezwei charakteristischen Entartungen des Handels vorstellt,so wird sich das Entsetzen, welches man vor dieserGattung des Handels empfindet, sehr abschwächen müssendurch das Mitleid für jene Unglücklichen, welche zudiesem Gewerbe gegriffen haben, weil sie sonst zu Hauseverhungern.


— 492 —Hierbei muss ich bemerk en^ was der Antisemiten-Katechismus verschweigt» dass noch im Jahre J898 dieRabbiner Zadoc Kahn (Paris), Hildesheimer (Berlin),Hirsch (Hamburg), Horovit2 (Frankfurt), Ehrenreich(Rom) und Güdemann (Wien) einhebräisches Warnungsschreibengegen den Mädchenhandel erlassen haben! DerBrief ist an alle Rabbiner und Rabbinats-Verweser inGalizien, Rumänien und Russland gerichtet, denen zurPflicht gemacht wird, doch alle Eltern darauf aufmerksamZis machen, dass sie ihre Töchter nicht Personenzweifelhaften Rufes anvertrauen, die sie durch Versprechungenvon lukrativen Dienststellen an sich locken,um sie dann zu unsittlichen Zwecken nach Amerika oderAfrika zu transportiren. In dem Schreiben wird derAdressat aufgefordert, jedem, der sich mitMädchenhandel beschäftigt, aus der Gemeindezu stossen, und schliesslich die Zuversicht ausgesprochen,dass es auf diese Art gelingen werde, das Uebel auszurotten»In Algerien gibt es 45 000 Juden, wovon mehr als30 000 im tiefsten Elende leben. In Rumänien und Bulgarienist ihre Lage ebenfalls eine verzweifelte. Nichtbesser geht es den Juden in der Bukowina. In Wienkönnen von 25 000 jüdischen Haushaltungen J5 000 wegenihrer Armuth zur Cultussteuer nicht herangezogen werden.Gut geht es ihnen in England, Amerika, Italien, Frankreich,wo sie jedoch nur in geringer Zahl vorhandensind; am besten wohl in Ungarn. Es ist jedoch sehr zubefürchten, dass auch in Ungarn der Antisemitismusunter der Asche glimmt und dass es nur eine Frage derZeit ist, wann seine Flammen auflodern werden.In Frankreich und in Deutschland haben die Juden


— 493 —zwar zu lebeiif sind aber fortwährend Kränkungen undEhfcnbcleidigfungfen ausgesetzt. So ist denn die Nothder Juden trotz der zahlreichen Millionäre^ die sich unterihnen befinden, eine sehr bittere.Ein Kind höchster Noth und edler Menschlichkeitist auch die viel geschmähte Alliance Israclite Universelle,von den emancipirten freien Juden gegründet, umihren unterdrückten Brüdern überall, und namentlich inunfreien Ländern zu Hilfe zu kommen. Ihr ist es unterAnderem gelungen, die abessinischen und chinesischenJuden dem Judenthum zu erhalten.Wir sehen auf der ganzen Welt ein Wiederaufflackemdes religiösen,wie des nationalen Fanatismus, wir sehenden nationalen sich des religiösen Particularismus bedienen— wie inder Los von Rom-Frage, dem Husscult,den zahlreichen russischen Regierungsmassregeln gegenAndersgläubige — und umgekehrt, die Religionsgesellschaftensich des Nationalitätenwahnes bedienen zur Erreichungihrer Zwecke, wofür Frankreich und das Verhalteneines Theiles seiner Bevölkerung zur Dreyfusaffaireals Beispiel dienen kann. Sehr häufig ist es sogarschwierig zu unterscheiden, wer schiebt und wer geschobenwird, ob die Politik oder die Religion.Da aber,wo, wie dies in der Judenfrage der Fall ist, die Gegensätzenicht zu vereinigen, der Karren bereits derart verfahrenist, dass er aus dem Schlamme nicht mehr herausgezogenwerden kann, der Hass und die Abneigungimmer mehr zunehmen, trotz der Heilversuche, da istTrennung das Beste für beide Theile. Diese Trennungbeabsichtigt nun auch der sogenannte Zionismus, eineunter den Juden der ganzen Welt sich stets mehr undmehr verbreitende Bewegung, die den Zweck verfolgt.


— 494 —es den Juden aller Länder zu ermögflichent auszuwandern^um in einem bestimmten Lande — Palästina oder Argentinien— eine einheitliche Nation, einen jüdischen Staatzu bilden. Dies ist das einzige radicale, das einzige vorläufigmögliche Rettungsmittel. Das oder keines; dennauf Erkenntnis und Frieden ist bei der geringen Aufklärungder heutigen Menschheit noch lange nicht zurechnen. Hinaus mit den Juden! So erschallt es allenthalbenaus den antisemitischen Lagern. Gut, aber wohin?Das ist nicht unsere Sache, rufen die Antisemiten,das ist Sache der Juden, sie sollen sich selbst darumkümmern, wo sie hinfallen, uns geht es nichts an. Aberes geht sie doch sehr viel an, denn der Nachbarstaatschreit auch: „Hinaus mit den Juden!**, und wenn einStaat sie hinauswirft, dann wirft sie der Nachbarstaatwieder zurück und vielleicht seine eigenen Juden zumTheil mit eingeschmuggelt dazu, und dann ist man soweit wie früher! Es muss also ein jeder Staat dochdaran denken, diese Frage „wohin mit ihnen?" zu lösen,und es lohnt sich, dies gemeinschaftlich zu thun und zuberathen. Hat man einmal ein Land gefunden, sindsämmtliche Juden zu Bürgern dieses Landes erklärtworden, dann erst sind sie bei uns wirklich Fremdemdann kann man meinetwegen die gewünschten Ausnahmsgesetzemachen, ohne Fortschritt und Aufklärung,Humanität und Nächstenliebe mit Füssen zu treten, dannkann man, ohne grausam zu sein, sich gegen sie so benehmen,dass ihnen das Verbleiben in der Fremde verleidetwird, dann wird der Antijudaismus unklug, sicherlichengherzig, aber nicht mehr grausam sein. Abernamentlich sehr, sehr unklug. Denn man vergesse nicht,dass die Juden eine der genialsten und talentirtesten Na-


— 495 —tionen der Welt sind. Erstens in Folge der bei ihnenso häufigf vorgekommenen Kreuzung mit fremdem Blute»was fast immer eine talentirtere Progenitur zur Folgehat; zweitens, weil ihre Lage im Mittelalter sie gezwungenhat, ihren Intellcct aufs Höchste anzustrengen, um lebenzu können, wodurch sich auf dem Wege der Vererbungund des Training eine oft stupende, intellectuelle Leistungsfähigkeit,zu welcher noch ihr Fleiss und ihre Nüchternheithinzutreten, ausgebildet hat. Was haben doch dieJuden trotz des auf ihnen lastenden Druckes für eineSchar grosser und berühmter Männer in allen Lebensstellungengeliefert. Ich erwähne hier blos in der Musik:Bizet, Halevy, Brüll,Meyerbeer, Mendelssohn, Offenbach,Rubinstein, Goldmark, Auer, Joachim, Remenyi; inSchauspielkunst; Sonnenthal, Sarah Bernhardt, Dawison,Ascher, Rothmühl, Robert; in der Malerei: Jacoby,Junker, Liebermann, Oppenheim, Sichel, Kaufmann,Possart, Horowitz; in der Dichtkunst: Heine, Börne,Auerbach; in der Litteratur: HerzI, Nordau, Saphir,Wolff; in der Wissenschaft: Halevy, Derenbourg, Geiger,Goldzihcr, Grätz, Neander, Lazarus, Mendelssohn, Vambery,Grünhut, Emin Pascha; in der Staatskunst undPolitik: Lord Beaconsfield, Cremieux, Kuranda, Lasker,Marx, Lassalle. Dies ist jedoch nur ein verschwindendkleiner Theil der berühmten Juden unsererZeit. Wer sich dafür interessirt, was Jeder thundersollte, der über die Juden schreibt, dem empfehleich das jetzt in J8 Lieferungen erscheinendeWerk von Dr. Adolf Kohut: „Berühmte israelitischeMänner und Frauen in der Culturgeschichte der Menschheit^^Und solchen Mitbürgern will man die Thür weisen l


— 496 —Dann verliert ja der ausweisende Staat am meisten dabei,und es profitirt derjenigfe, welcher sie aufnimmt.Ich aber bin überzeugt, dass das grosse und wunderbareVolk der Juden — das Reformjudenthum natürlich,nie und nimmermehr das orthodoxe — der ganzenMenschheit noch einmal Heil und Segen bringen wird!Die Judenverfolgungen und die Ausnahmsgesetzchaben das jüdische Gehirn zur höchsten Leistungsfähigkeitentwickelt auf Kosten aller übrigen Organe, namentlichauf Kosten der körperlichen Leistungsfähigkeit. Aberdann sollten die christlichen Staaten doch wenigstensversuchen, von diesen von ihnen selbst gezüchteten Intellectenzu profitiren, sie einzuspannen für den Fortschrittdes Landes, statt sie hinauszuwerfen, zu unterdrückenund dadurch noch mehr in die Handelsgeschäfte,wo sie, wie die Christen sagen, so verderblich wirken,hineinzudrängen.An der Durchführungder Ziele des Zionismus sind^/e der gesammten Judenheit im denkbar höchsten Gradeinteressirt. Ve sämmtlicher Juden der Welt sind heutebereit, sofort auszuwandern, um sich in den zu gründendenJudenstaat zu begeben. Es ist ein grober Irrthum,wenn von Seite der Antisemiten behauptet wird, dieJuden würden nicht gehen, denn sie müssten sich danngegenseitig betrügen, und das wollen sie nicht, weil siedazu lieber Christen verwenden. So probiren Sie es doch,meine Herren, und arbeiten Sie für den Zionismus, undSie werden sehen, wie die Juden und in welchen Massensie abziehen werden. Freilich war, als der Gedanke zuerstauftauchte, ein bedeutender Theil der Judenheit nochdagegen, aber vielebekehrt.von den Widerstrebenden haben sichErwähnt sei z. B. ein französischer Jude, J. Bahar,


— 497 —der erst im Jahre J897 in einer ,,Restons" titulirten Broschüreden Zionismus aufs Eifrigfste bekämpfte, heuteaber für die Sache schon gewonnen ist. Nun wächstunter den Juden diese Bewegung immer mehr und mehrund sie muss zunehmen, denn mit der Verbreitung desAntisemitismus wächst das jüdische Massenelend auchimmer mehr, und sie müssen zum. Wanderstab greifenoder zu Grunde gehen. Die Antisemiten können, wiedie Dinge heute nun einmal stehen,den Juden nicht vielanhaben. Todtschlagen kann man sie denn doch nichtmehr, ihnen ihr Vermögen wegnehmen wäre eingefährlichesPrecedens und hätte zur Folge, dass man anderenReichen früher oder später auch ans Vermögen rückenwürde. Wenn einmal das Eigenthum angetastet wird,dann bricht auch unsere ganze sociale Ordnung zusammen.Und nähme man den reichen jüdischen Millionärenihr Geld auch weg, so blieben doch die jüdischenMillionen von Proletariern, und würde man dasGeld der jüdischen Millionäre — sagen wir, es gäbederen ein Tausend mit einem Gesammtvermögen vonJ 0,000 Millionen Kronen — an die 10 Millionen armeso bekäme jeder arme Jude JOOO KronenJuden vertheilen,und es gäbe dann bald nur mehr arme Juden, dieder christlichen Wohlthätigkeit zur Last fielen, und keinereichen Juden mehr, die den armen Juden helfenkönnten. Das Elend wäre das gleiche geblieben, unddie vielen Christen, welche in Diensten reicher Judenstehen, wären brodlos wie ihre Herren. Ausnahmsgesetze,durch welche den Juden verboten würde, irgend ein Amt,einen Staatsdienst etc. etc. zu bekleiden, akademischeGrade zu erwerben und irgend welchen Berufen sich zuwidmen, die in keiner Beziehung zum Handel stehen,32


— 498 —wie es die Antisemiten verlangen, würden die gesammteMasse der Juden nur noch mehr ins Handelsgewerbehineintreiben, und da sie darin den Christen überlegensind, würden sie noch reicher werden und ihr zunehmenderHass gegen ihre Peiniger sie veranlassen, ihr Geldzum Schaden der Christen zu verwenden* Wird derZionismus nicht durchgeführt, dann stehen wahrscheinlichblutige Katastrophen bevor, von denen kein Menschsagen kann, ob sie auf die Juden beschränkt bleibenwerden. Der einmal losgelassene Pöbel wird nicht zwischenjüdischem und christlichem Kapital unterscheiden,und geht esden besitzenden Juden an den Kragen, dannwerden es die Juden sein, die den Pöbel auch gegenChristen auslassen werden» Sie werden sagen, und werkann es ihnen verübeln: „Wenn wir financiell zu Grundegehen sollen, dann wollen wir nicht allein krachen; nein,du reichen Christen sollen nur mit uns krachen'^ undsie werden schon wissen, wie sie das zu machen haben.Mögen die Juden also fortziehen, wenn sie wollen,legen wir ihnen nur ja keine Hindernisse in den Wegund arbeiten wir für die zionistische Idee.Thun wir dies nicht, machen wir ihnen in ihren Auswanderungsplanen Schwierigkeiten, versagen wir ihnendie nöthige diplomatische Unterstützung, dann lässt sichnicht absehen, was bevorsteht. Die Verzweiflung, dieWuth, die Riesenkraft verleiht, wird sich der Judenheitbemächtigen, sie werden wie der Götz mit der eisernenHand im Rathhaus zu Heilbronn ihren verstümmeltenArm heben mit der goldenen Faust und den Völkernzurufen: „Wer kein Ochs ist, komm' mir nicht zu nah%er soll von dieser meiner goldenen Faust eine solcheOhrfeige kriegen, die ihm Kopfweh, Zahnweh und alles


- 499 —Weh der Erde aus dem Grunde kuriren wird". Daskönnte aber äusserst gefährlich werden, daher es Noththutf sich bei Zeiten umzusehen. Diese Macht, einederartige Drohung auszuführen, haben sienatürlich nicht,nur die Antisemiten trauen sie ihnen zu. Was würdenwir von einem Menschen denken, welcher Flüchtlinge,die flehend und bittend zu ihm gekommen, in dumpfenKellerräumen einsperren, jeden Verkehr mit ihnen abbrechenund sie zwingen würde, sich den gemeinsten,schmutzigsten und niedrigsten Beschäftigungen zu widmen,um ihr Leben zu fristen! Nach Jahren wären diese unglücklichenEingepferchten physisch und moralisch ruinirt.Sie hätten sich einen lächerlichen Jargon angewöhnt,komische Gesten, ihre Kleidung wäre vernachlässigt, ihreAugen triefend, ihr Rückgrat krumm, ihre Bestrebungenniedrig und gemein geworden. Dieses Verbrechen wäreein entsetzliches, aber es wäre immer noch durch dieschlechte menschliche Natur erklärlich. Wenn aber diePeiniger die also künstlich Degenerirten jetzt mit Fusstrittenbehandeln, sich über ihre physischen und moralischenGebrechen lustig machen und sie mit Spottund Hohn überhäufen würden, dann wäre diese Thatnicht mehr menschlich; sie wäre teuflisch. Aber dasAllerhässlichste am Antisemitismus ist, dass er ein Kampfist gegen die eigene Mutter, nicht gegen Fremde.sein,Die Rassenantisemiten werden vielleichtder Meinungdass kein Antisemit der Welt etwas dagegen habenwird, wenn die Juden ins gelobte Land zurückziehen.Wer aber das glaubt, irrt sich gewaltig. Dass die Judenkeinen Staat mehr bilden werden, kein Scepter in Judamehr erblühen, der Tempel nimmer mehr aufgebautwerden wird, ist beinahe ein Dogma aller gläubigen32*


500Christen» Rohling: spricht diese Meinung der christlichenTheologie offen aus, wenn er schreibt:t3ekanntlich sagt die Bibel, Israel werde als Volkbestehen bis zum Ende der Zeiten und sich dann auchin der Masse bekehren: eine stete Beglaubigung Christiist also die Judenschaft vor unseren Augen, aber Vielehaben Augen und sehen nicht«Bei diesem Anlass nocheine andere Bemerkung. Christus hat geweissagt, derjüdische Tempel zu Jerusalem werde für immer zerstörtwerden» Es würde sich für Juda der Mühe lohnen, wasJulian der Apostat versuchte,noch einmal zu versuchen.Juda hat Macht, hat Geld, es regiert die Fürsten; aufalso, bauet den Tempel, und wenn das Werk gelingt,so ist die Weissagung des Nazarcners aufgehoben,seine Gottheit eitler Wahn und wir Alle wollen Judenwerden»"Es dürfte nun viele Theologen geben, die insgeheimdie Meinung hegen, der Tempel in Jerusalem könntenun doch einmal wieder aufgebaut werden, was einemcolossalen Dementi der christlichen Lehre gleichkommenwürde» Was werden sie nun thun? Alles, was in ihrerMacht liegt, um zu verhindern, dass die Juden je ineine Lage hineingerathen, in welcher sie das Kunststückdes Wiederaufbaues probiren können» Sollte es je soweit kommen, dass alle Vorbereitungen zum Exodusgetroffen erscheinen, und stellen sich dann über Nachtunerwartete Hindernisse ein, so werden die Judenwenigstens wissen, wo jene zu suchen sind, die dieRiegel vorschieben.Ganz abgesehen aber vom hier Gesagten wird sichdie ganze gläubige Christenheit dagegen wehren, dassdas heilige Grab unter jüdischen Schutz gestellt werde.


— 50J —Alles natürlich ontcr der unwahrscheinlichen Voraossetzungf^dass die türkische Regierung den Juden Palästinaüberlasse* Viel günstiger stehen die Aussichtenbezüglich Argentiniens; nur würden sich die Juden inbedeutend geringerer Zahl und mit weniger Enthusiasmuszur Auswanderung dorthin entschliessen* Viel wahrscheinlicherwäre, glaube ich, der Erfolg, wenn er mitMarokko versucht werden könnte* Dieses Sultanat istgrösser als die österreichisch -ungarische Monarchie undzwar um J 90 000 qkm* Der "Widerstand des marokkanischenSultans wäre wohl zu überwinden* Marokko istsehr gesund und fruchtbar, dabei wenig bevölkert* Manschätzt die Bevölkerung auf höchstens 8, andere Forschersogar auf weniger als 6 Millionen* Für die Ansiedelungder Juden in Marokko spräche noch die semitische Landessprache,die grosse Zahl der dort und im benachbartenAlgier bereits ansässigen Juden, endlich die Nähe von Europa,besonders von Spanien*Ein verdorbenes Spanisch istheute noch die Umgangssprache der sephardischen Juden*Das grösste Hindernis wäre der Fanatismus der maurischenBevölkerung und die Wildheit einiger Stämme, die kaumdem Sultan unterthan sind* Doch diese Schwierigkeitenmüssten eben überwunden werden* Ein Analogon, freilichim kleinen Massstabc einer derartigen Ansiedelung, beiwelcher noch bedeutend grössere Entfernungen in Betrachtkamen, war die Gründung der kleinen NegerrepublikLiberia* Sie wurde im Jahre J822 gegründet durchamerikanische Philanthropen, als Niederlassung für befreiteNegersklaven, welche in ihre Heimath zurückzukehrenwünschten und politische und sociale Rechte geniessenwollten, die den Negern in Amerika versagtwaren.


— 502 -Ist einmal das Gros der Juden weg, so werden sichdie Christen mit den in Europa zurückgebliebenen Judenwegen deren geringer Zahl sehr gut vertragen, der Antisemitismuswird ausgelebt haben. Im Zionismus liegtdas Heilmittel, die Befreiung, die Rettung für Juden;ihn durchzusetzen mit allen Mitteln sollte das gemeinschaftlicheZiel aller Juden und christlicher Philanthropensein« Denn schimpfen, poltern, fluchen, beleidigen,verdächtigen bringt die Sache nicht vom Fleck;gehandelt muss werden, ruhig, überlegt, systematisch,consequent, dann wird auch dieseleidlich gelöst werden können.FrageUeber den Zionismus erhalte ich die folgenden authentischenAngaben:Der I. Congress versammelte i97 Delegirte ausOesterreich, Deutschland, Russland, Rumänien, Bulgarien,Italien,Frankreich, England, Scandinavien, Amerika undPalästina. Diese Delegirten vertraten n7 Vereine.Am II.9J3 Vereinen.Congress erschienen über 300 Delegirte vonDie Zahl der Vereine zur Zeit des III.und IV. Congresseskonnte nicht festgestellt werden, da ein neuesOrganisationsstatut eingeführt wurde. Man zählte aberam III. Congresse 114370 Schekelzahler und am IV. bei1 30 000. (Der Schekel = t Krone ist die jährliche Kopfsteuer,die jeder Zionist unabhängig von seinen sonstigenBeiträgen und Spenden an die Parteikasse zu entrichtenhat.)In denjenigen Ländern, in welchen das neue Statutbereits durchgeführt wurde, konnte nach dem II. undIII. Congresse ein mächtiges Ansteigen der Bewegungconstatirt werden.So zählte Russland am III. Congresse


503877 Vereine, am IV. bereits 1034, Amerika wies amIV« Congresse t35 Vereine auf, Bulgarien 42.Das Wachsthum der Bewegfungf erforderte den Zosammenschlossder einzelnen Vereine zu Landesorganisationen.So entstand die English Zionist Federation(J898), die American Federation (1898),South Africa Fed.(J899), die bulgarische Convention (1899), der österreichischeVerband Zion (Neuconstituirung J899), die Liga derargentinischen Vereine (1898) etc. . Ebenso musste dasCollegium der Vertrauensmänner (das grosse Actionscomite),welche der jährliche Congress auf ein Amtsjahrzur Leitung der Agitation in ihren Wohnländern wählt,am Londoner Congres (IV. Congress) vergrössert werden.Russland erhielt statt der bisherigen JO Vertrauensmänner J3,Oesterreich „ „ „ „ 9 „ J2,Amerika „ „ „ „ 2 „ 5,Südafrika „ „ „ „ t „ 2.Tunis, Marokko erhielt ein neues Agitationscomitcmitglied.Die Thätigkeit der Landesorganisationen besteht nichtallein in zionistischer Agitation, sondern auch in culturellerArbeit, besonders in Russland und im Orient. Es werdenMusterschulen, Litteraturcurse, Bibliotheken, Krankenkassen,Genossenschaften, etc. errichtet.Das financielle Instrument der Bewegung ist diejüdische Colonialbank (Jewish Colonial Trust)in London,welche im Frühjahr 1898 erstand. Die Vorsubscriptionergab schon 4 Millionen Francs.Die Hauptsubscriptionerzielte über 300000 Shares (J Share = J Pfund).Eine mächtige Förderung fand die Bewegung durch denEmpfang desCongresspräsidiums durch den deutshen Kaiseram J I.November 1898 in Jerusalem. Das officielle Amtsblattder Bewegung ist „Die Welt" (Wien).Als officielle Blätter


— 504 —erscheinen das spagfniolische Blatt El Progreso (Wien),L'Echo Zionistc (Paris), Hatjcha (Chicago). Unter deninofficiellen sind die hervorragendsten: Jüdische Volksstimme(Brunn), Jüdisches Gefühl (Prag), Wschod (Lembcrg),Jüdisches Familienblatt (Hamburg), Menorah(München), Zionist (Berlin), Jewish "World (London),-Messenger of Zion (London), Woschod (Petersburg),Hamelitz (hebräisches Tagblatt, Petersburg), Hazephirah(hebräisches Tagblatt, Warschau), Israelita (Warschau),Budrischnostje (Petersburg), Rasaritul (Jassy), El ColonoIsraelitico (Buenos Aires), El Sionista Israelitico (BuenosAires), Centraalblad van Israeliten en Nederland (Amsterdam)*Neujahr J90J erstand auf den Philippinen, von amerikanischenSoldaten gegründet, eine zionistische Organisation,ebenso ein zionistischer Verein in Sydney.Der Erfolg der 4jährigen Thätigkeit der zionistischenParteileitung kann hauptsächlich darin gesehen werden,dass die öffentliche Meinung und auch massgebendeFactoren für die Bewegung gewonnen wurden, dass einfinancielles Instrument zur Verhandlung mit der Türkeigeschaffen wurde und dass fortschreitend eine mächtigeOrganisation der Juden aller Länder ersteht, die inmoralischer, aber auch cultureller Hinsicht schon mancheserzielt hat*^ ^ ^


Schlusswort.^


Ichglaube nun bewiesen zu haben, dass das Wesendes Antisemitismus nichts weiter ist als fanatischerReligionshass, welches auch immer die Masken sein mögen,die er sich aufsetzt, oder die veränderten Gesichtszüge,die er heute wirklich angenommen hat« Ich habe, wieich überzeugt bin, zur Evidenz nachgewiesen, dass eskein Rassenhass sein kann, weil es eine jüdischeRasse nicht gibt, ebenso wenig wie eine semitischeRasse oder ein semitisches Wesen, was alles Wahnvorstellungensind.Ich habe gczeigtf dass die Menschengruppe,dieheute das Judenthum ausmacht, und welchevielfach von unserer Art zu denken, zu handeln, zu begehren,zu fühlen und sich zu benehmen abweicht, dasProduct einer künstlichen Zuchtwahl ist, ein Resultatvon Behandlung und Erziehung, und dass die Grundsätze,welche diese Differencirung zu Wege gebrachthaben, ausschliesslichin der Religion ihre Wurzeln haben*Sowohl Juden als Christen sind daran Schuld;der Antisemitismus ist nicht blos eine religiöse Erscheinungin dem Sinne, dass die Juden sich dazu passiv verhaltenund der Gegenstand von Seite der NichtJuden sind oderwaren, an welchem diese ihre religiöse Auffassung bethätigten,die Juden waren kein lebloser Teig, an welchemReligionsantipathie herummodellirt hat, nein, sie warendabei sehr activ und thätig betheiligt, und zwar in denletzten Jahrhunderten vor und den ersten Jahrhundertennach Christus mehr offensiv, später im Mittelalter und


— 508 —in der Neuzeit mehr defensiv. Geht man der Sache aufden tiefsten Grund, so sind freilich Juden an demglänzen Unheil Schuld, in Folge von Grundsätzen,die einige ihrer biblischen Autoren aufgestellt habentwelche Grundsätze dann später auch von den Christenund Muslims als wahr und richtig recepirt worden sind.Es ist der Grundsatz, dass es nur eine wahre Religiongibt, dass Gott ein eifersüchtiger Gott ist, der nur aufeine einzige Art verehrt werden will, dem der Cultanderer Götter ein Gräuel ist und ein strafwürdiges Verbrechen;es ist der Grundsatz, dass man keinen anderenGott haben darf als ihn, der sich auf eine bestimmteArt, durch bestimmte Personen geoffenbart, und der aufdiese einzige Art und auf keine andere verehrt werdendarf, der Grundsatz, dass man sich vor keinen anderenGöttern verneigen, also keinen anderen Cult mitmachendarf, — keine Communio in sacris mit Andersgläubigen,dass eine solche Handlungsweise eine schwere Sünde ist,die mit der ewigen Höllenstrafe gestraft wird, dass manlieberdas Leben unter den entsetzlichsten Martern opfernmuss, als die einzig richtige Religion, ausser welcherkein Heil ist, zu verlassen und das Bekenntnis eineranderen durch Wort und That anzuerkennen, sei es auchnur aus Selbsterhaltungstrieboder Courtoisie.Diese Grundsätze, jüdische Grundsätze, sie alleinund ganz allein haben das Martyrium in Judenthum,Christenthum und Islam überhaupt möglich gemacht, ohnesie wäre es überhaupt undenkbar, und so sind zweifellosjüdische Schriftsteller Schuld am Märtyrerblutder Juden, Christen und Muslims aller Zeiten,von den Makkabäern angefangen, bis zu denchinesischen Märtyrern unserer Tage. Hierzu


— 509 —kommt noch die Vorstellung ^ dass das Hingeschlachtetwerdenfür den Glaoben ein Gott wohlgefälliges, sichund anderen segenbringendes Opfer ist,ein Gedanke, dengewisse Freidenker Molochismus genannt haben. Derhat aber wieder eine innige Verwandtschaft mit derjüdischen Vorstellung, dass Gott Gefallen finde am Opferbluteder Thiere. Denn gesetzlich rituelle Verordnungendes Inhalts, dass ein Opferthier rein, edel, jung, fehlerfreisein soll, führen leicht zum Schlüsse: je edler objectivdas Opfer, desto mehr ist es Gott wohlgefällig, das edelsteGeschöpf aber ist der Mensch; je edler, je reiner, je unschuldiger,desto wohlgefälliger. Ist jedoch die Wohlgefälligkeitnicht in dem Werthe und der Schönheit oderReinheit des Opferthieres objectiv, sondern subjcctiv imPretium affectionis, im Wcrthe begründet, den das geopferteWesen für den Opfernden hat, so ist die Tendenzebenfalls vorhanden, zum Gegenstand eines Opfers daszu wählen, was uns am werthvollten und liebsten ist:das eigene Kind, den Freund, mit einem Worte wiederden Menschen.So führen denn diese beiden Auffassungenimmer wieder zum Menschenopfer. Die freie Wissenschaftist nun bemüht zu zeigen, dass jene Schriften, die vomjüdischen Thieropfer reden, von der Sühnkraft des Blutes,dem Wohlgeruch geschlachteter Opfer, von der Sträflichkeitdes Unglaubens und des Irrthums, von der alleinigenSeligmachung etc. etc., nichts weniger als glaubwürdigsind,dass jene Bücher das Werk sind anonymer jüdischerwann, noch woAutoren, von denen kein Mensch weiss,sie gelebt, noch wer sie waren, noch wie sie hiessen.*)*) Nämlich jüdische Schriftsteller, welche die Exegese mit P.(Verfasser des Priestercodex), J. (Jahwist), E. (Elohist), D. (Deuteronomiker).Dt. (Deuteronomisten), R. (Redactor) u. s. w. bezeichnet.


— 5t0 —Die furchtbare Consequenz hievon wäre, dass dieBekennet des Judenthums, Christentht»ms und Islams ganzeinfach alle miteinander seit Jahrhunderten das Opfereiner ungeheuren Mystification sind. Die drei monotheistischenReligionen wurzeln in diesen anonymenSchriften, inde lacrimae der letzten zweieinhalb Jahrtausende(einer übrigens, wie die Geologie beweist,verschwindend kleinen Epoche in der Geschichte derMenschheit). Daher erschallt so vielfach der Ruf:zurück, zurück zum Glauben jener, die gut gewesensind zu einer Zeit, wo weder Judenthumnoch Christenthum, noch Islam existirten, wojene Bücher noch nicht geschrieben waren; alsozurück zum Urglauben der kindlichen Menschheit.Da taucht denn thatsächlich die Figur einesMannes auf am Horizonte des alten und des neuenTestamentes, sowie des Koran, eines Mannes, der wederJude, Christ, noch Muselman gewesen ist, aber nachchristlichem, jüdischem und mohammedanischem Glaubenein so heiliges Leben geführt hat, dass Gott ihn zu sichberufen,ohne ihn das Leiden des Todes kosten zu lassen;gleichzeitig halten ihn die Muslims für den Erfinder derSchreibkunst und der Wissenschaft. Seine Tugend kannin nichts anderem bestanden haben, als in Gottes- undNächstenliebe; ein Zurückgehen auf seinen Glauben wäredaher ein Zurückgehen auf nur zwei Moralsätze: GottesundNächstenliebe, und auf die Gluubenssätze: Gott,Unterbliqh^eit , Verantwortlichkeit. Hiemit wäre dannDahin zielenjede weitere Moral und Dogmatik zu Ende.nun auch sämmtliche Freidenker der Erde. Es fehlt ihnenaber bis heute das concrete Schlagwort, die Personificationdieses Gedankens, den ich in dem von allen drei mono-


— 5ii —theistfschen Religionen hochverehrten und daher als Symbolsicherlich acceptablen Henoch zu erkennen glaube.Wenn aber Judenthum, Christenthum und Islam dereinstihre innige Blutsverwandtschaft erkennend^ sich friedlichdie Hände reichen und alles ^ was Blut heisst, auf ewigaus ihrer Theologie und Moral verbannen, dann erstundnicht früher kann jene erhoffte Zeit herandämmern,welche die Juden symbolisiren durch das Zusammenweidenvon Lamm und Wolf, d. h. das messianische Zeitalter.Kein vernünftiger Mensch wird diegrossen Vortheileleugnen, welche die Annahme der grossen Weltreligionen,auch der monotheistischen, jenen Völkern gebracht hat,die sich zu ihnen bekannten, als sie auf niederer Culturstufestanden, wenn er den Culturzustand jener Völkerbetrachtet und vergleicht, wie er vor ihrer Bekehrungwar und wie er nach derselben sich gestaltete; wenn erferner bedenkt, wie sehr nothwendig eine angeblich aufhöherer Offenbarung beruhende, praktisch ins täglicheLeben eingreifende Religion ist, um den armen Menschenim Unglück und im Leiden aufrecht zu erhalten. Philosophiemacht nicht glücklich und hat noch keinen beseligt;das leistet nur die Religion, daher sie erhalten zuwerden verdient, denn die Erfahrung lehrt, dass diemeisten Menschen, die ihren Glauben verlieren, dem Unglückund Elend des Materialismus verfallen. Vor diesemUnglück bewahrt nichts besser und sicherer als eine der3 monotheistischen Religionen, denn Kant, Schopenhauerund die Vedantaphilosophie verstehen bekanntlich Wenige.Diesen bedeutenden Vorzügen der Religionen stehtjedoch das Unheil gegenüber, welches über die Menschheitgekommen ist in Folge der Gegensätze, welche diemonotheistischen Religionen nicht blos trennen, sondern


— 5J2 —in einen feindlichen Gegfensatz zu einander und zu denanderen Religionen stellen.Die Feindseligkeiten und dieUnvereinbarkeit der drei monotheistischen Bekenntnisseund ihrerSecten untereinander und mit den übrigen Religionenwar und ist seit 25 Jahrhunderten die Quelleeines entsetzlichen Unheils geworden, das sich über diearme Menschheit ergossen und dieselbe so oft mit Strömenvon Blut und Thränen überfluthet hat. Man erwäge, was diese gegenseitige Feindseligkeit bereits geleistethat: Man denke an die Kriege der Juden, an dieChristenverfolgungen im römischen Reiche, an die furchtbarenKriege der Muslims gegen Christen und „Heiden*^an die Kreuzzüge, den 30jährigen und Albigenserkrieg,wie an die Religionskriege überhaupt, die sich nur aufbiblisch-jüdische Principien, auf die man sich daher auchwiederholt berufen hat*), gründen, an die Inquisition,die sich bis Goa und Lima erstreckt hat, die Ketzergerichte,die Autos da fe, die Hexenprocesse, die ihretiefste Wurzel haben im levitischen, also jüdischen Gesetze:„Du sollst eine Hexe nicht am Leben lassen**; andie Judenschlächtereien, die Bluthochzeiten, die Ausrottungganzer Stämme heidnischer Indianer in Amerika,die Vertreibung und Ausrottung der Mauren in Spanien,die schändlichen gegenseitigen Verfolgungen der Katholikenund Protestanten in England und Irland; man studieredie Rolle, die der feindliche Gegensatz der Religionengespielt hat, beim Taipingaufstand, der 20 MillionenMenschen das Leben gekostet haben soll, bei der indischenMutiny, dein Mahdismus, bei den scheusslichen Massa-*) Man vergleiche das II. Buch Moses 32, 27, das IV. BuchMoses 25 and 31, V.Bach Moses 7, Josaa 6, 8, JO und JJ. FernefII. Buch Moses 3, 22.


— 5J3 —eres in Armenien, bei den mohammedanischen Aufständenin China und den jüngsten, so furchtbar traurigen Christenmassacresdortselbst, und man wird das entsetzliche Unheilverstehen . .Dass dieses Unheil erfolgt ist durch Principien, diein jüdischen Schriften enthalten sind, und dass diese Principienunbekannt waren im Alterthum bei den sogenanntenHeiden, ebenso in ganz Ostasien und Indien, wo dieHälfte der ganzen Menschheit wohnt — so lange undinsoweit diese Ländergebiete nichtmit dem Christenthumoder Islam in Berührung gekommen, dass diese Leidenalso durchaus nicht zum nothwendigen traurigenMenschenlose gehören — , diese Erkenntnisund die Bekämpfung und Neutralisirung jener Principien,das allein ist der richtige und heilbringende Antisemitismus,zu dessen Anhängern sicherlich die Mehrzahl deraufgeklärten Reformjuden gehören wird, d. h. Juden vomSchlage und von der Gesinnung eines Salomon, Philo,Josephus, Maimonides, Spinoza, Mendelssohn, Lazarusund unzählige Andere*Wohl glaubten manche, die schwarzen Zeiten desFanatismus seien vorüber für immer» Aber was erlebenwir? Ueberall flackern die Religionsgegensätze wiederauf und auf erschreckende Art, mag auch dieselbe Bewegungtheilweise und in höherem Grade als früher mitder Politik verquickt sein, ja in ihrem Dienste stehen.Man blicke nur auf die antisemitische und auf die „Losvon Rom**-Bewcgung, auf die Rührigkeit des Panslawismusund den Panislamismus und man wird eingestehenmüssen, dass der religiöse Fanatismus überall glimmt,stellenweise schon lodert. Man sagt und zwar mit Recht,die Los von Rom-Bewegung sei eine rein politische Dc-33


5J4monstration und habe mit der Religion nicht das Geringstezu schaffen. Das ist ganz wahr und unzweifelhaftrichtig. Aber sie kann von heute auf morgen einereligiöse Bewegung werden. Gläubige Katholiken werdenselten protestantisch werden, aber es werden ganzungläubige oder laue Katholiken , die Protestanten gewordensind, in Folge ihres Uebertrittes anfangen sichmit Religion überhaupt zu beschäftigen, zum ersten Malein ihrem ganzen Leben und dadurch das Christenthumresp. den Protestantismus kennen lernen und ihm Geschmackabgewinnen. Convertiten werden fast immerzelotisch. Dass die Führer der katholischen Partei, dieberufensten Personen, um die Sache zu beurtheilen, diereligiöse Bewegung unserer Tage für nichts weniger alsgeringfügig halten, beweisen die Reden und Predigtenderselben, welche in der letzten Zeit beständig im Wiener„Vaterland" veröffentlichtSo hat zum Beispielwerden.mein hochverehrter und gelehrterFreund Pater Victor Kolb von der Gesellschaft Jesu, dersicherlich nicht an Wahnvorstellungen leidet und eherwegen seiner Mässigung bekannt ist, am 2J. April d. J.in der Stephanskirche in Wien vor einer an die J5000 Mannzählenden Versammlung eine Predigt gehalten, welchedann auch von der „Times** im Auszuge wiedergegebenworden ist, worin er die gegenwärtigen Angriffe, welchegegen die katholische Kirche unternommen werden, mitdem Kampfe der Türken gegen Wien verglichen unddabei unter anderen gesagt hat:„Der alte Stephansdom hat viel gesehen und viel erlebt,aber vielleicht noch nie eine solche Versammlungkatholischer Männer, eine so hochbedeutsame Versammlungzur rechten Zeit.


— 5J5 —Eine staatlich,polizeilich verbotene Bande — die Freimaurerei— seit ihrem Bestehen im Kampfe gegfen Gottond die Menschheit ,gegen Thron und Altar — hat einenWeltangriff gegen die katholische Kirche unternommen.Nach jahrelangen Vorarbeiten — Entchristlichung derEhe und Familie, der Volks-, Mittel- und Hochschulen —nach Entchristlichung der Litteratur und Presse, nachVerdrängung des Christenthums aus dem officiellen öffentlichenLeben — ist der Commandoruf der Grosslogen erfolgt»In Spanien wird ein Theaterstück schmutzigsterVerleumdung aufgeführt, und dieses erlogene Machwerkgibt das Alarmzeichen zur blutigen Verfolgung der Kirche^die in Portugal ihr tolles Echo findet. Italien ist imvierzigjährigen Kampfe gegen die Kirche. Frankreichsinnt auf neue Gesetze zur Vernichtung der religiösenOrden. In Deutschland scheint die ganze schmutz- undunrathtriefende Litteratur der Reformationszeit aufs Neueausgegraben mit all ihren Lügen und Verleumdungenzur Untergrabung der katholischen Religion und derösterreichischen Monarchie. In Oesterreich sehen wireine Hand voll frecher Buben die heiligsten Gefühle4er ganzen Monarchie, den uralten Glauben der christlichenMenschheit mit Koth bewerfen im Kampfe gegendie Kirche, gegen Christus, gegen die christliche Civilisationauf der ganzen Linie.Wem drängt sich da nicht unwillkürlich ein Vergleichauf mit den Tagen, da der Halbmond das Christenthumbedrohte, Christus, seine Kirche und alle seineSegnungen der Menschheit für immer zu entreisscn».... Es handelt sich bei allen Katholiken um die Vertheidigungdesselben Glaubens, derselben Religion. Also^eideinig, einig, einig!33*


— 5i6 —Erkennet die Zeit! Es gibt kein Zuwartenmehr« Die kostbare Zeit geht verloren! Heraus z\staentscheidenden Kampfe für Christus und seine Kirchemit allem Muthe, mit allen Kräften 1 Ein Jeder inseiner Stellung^ in seinen Verhältnissen! Alle Mann anBord!Und da sei Euer Erstes: Nehmt vor Allem den Feindendie Waffen aus der Hand! Die wichtigste Waffeder Gegner ist ihre Presse« Fort mit dieser Presse!Werfet mit Ekel jedes Juden-, jedes kirchen- und österreichfeindlicheBlatt von Euch! Keiner lese diese schlechtenBlätter mehr!Es würde Euch ekeln, mit gewissen Leutenan einem Tische zu essen! Lasset Euch darum dochnicht Eure tägliche geistige Kost von diesen Leutenreichen! Jeder, der ein solches Blatt unterstützt, ist einVerräther an Gott, an dem Kaiserhause, am Vaterland,am Glauben und an der Sitte der Menschheit! Mitdiesen Waffen untergräbt die schlechte Presse alles unsHeilige, uns Theuere! Diese Waffen darf Keiner mehrvon uns unterstützen! Das wäre ja so, wie wenn wirunseren Feinden die Gewehre in die Hand gäben, mitdenen man uns todtschiesst!Niemand lasse sich täuschen! Mit unseren Feindengibt es kein Abfinden! Ihr Ziel ist die Zerstörungunseres Vaterlandes, unseres Glaubens* JedesZugeständnis, jedes Nachgeben beschleunigt dieKatastrophe!Als der Türke Wien belagerte, da stiegen jede NachtFeuerraketen auf vom Stephansthurm, um Hilfe herbeizurufen.So mögen zu unseren männlichen Entschlüssen,Wien und Oesterreich und die Menschheit gegen dieTürken der Neuzeit zu retten, auch die Feuerraketen


— 5J7 —des Gebetes von diesem heiligfen Dome aufsteigen undGottes mächtige Hilfeherniederflehen/*So denken jene Männer, die in erster Linie dazu berufensind, die Situation zu beurtheilen, und die auch inFolge ihrer Stellung, Bildung, Erfahrung und Beziehungenam besten in der Lage sind, dieselbe zu verstehen«Natürlichbleiben Juden und Freimaurer die Antwortnicht schuldig und versetzen der römischen Kirche, derGeistlichkeit und namentlich den Jesuiten bei jeder sichdarbietenden Gelegenheit in Wort und Schritt die gleichenComplimente, so dass bei dieser Leetüre einem die Haarezu. Berge stehen. So zum Beispiel beim Lesen der Grassmann'schen,,Papstbriefe*% die eine Antwort sein sollenauf den von hoher katholischer Seite ausgegangenenAusspruch: „Die protestantische Kirche seider christlichenKirche^*.die PestbeuleErwähnt sei hier nochmals die unverantwortliche undunerhörte Beleidigung der katholischen Kirche, die imenglischen Krönungseide enthalten ist; ferner die Worte,die der katholische Bischof bei seiner Weihe zu sprechenhat: Haereticos, schismaticos pro posse persequar et impugnabo.Und wer kann sagen, wie das enden wird,welche Dimensionen solche Bewegungen annehmen könnten,was geschehen würde, wenn irgend ein Monarchdurch sein Volk gezwungen werden würde, als Schutzherrseines und seiner Unterthanen Glaubens gegen einefeindliche Religionsgesellschaft kriegerisch aufzutreten,die ebenfalls einen mächtigen Fürsten zum Schutzherrnhätte. Der Gedanke allein ist geeignet, eine Gänsehauthervorzurufen. Daher es Noth thut, dass alle Jene, dietolerant denken und das Gute, sowie die Vorzüge einerjeden grossen Religionsgesellschaft verstanden und ein-


- 518 —gfcschcn haben, sich zusammenthun in Henochs heiligemNamen zu einem grossen Bunde, dem Henochismws, mitdem ausgesprochenen Zwecke, den Fanatismus, untergleichzeitiger Hochhaltung und Wahrung ihrer eigenenReligion, überall zu bekämpfen, wo er auftritt, und besondersda, wo er gefährlich wird, um überall die Funkenreligiöser Conflicte rechtzeitig auszutreten. Jede Religionsollte studiert, das Gute in ihr beleuchtet und nachgewiesenund die Kenntnis darüber in die weitestenKreise verbreitet werden und zwar womöglich durchPersonen, die ihr nicht angehören, denn das liefert einegrössere Garantie für die Unparteilichkeit; keine Religiondürfte angegriffen, geschmäht oder lächerlich gemachtwerden, ausser da, wo sie feindlich und gehässig gegenandere Confessionen auftritt» Der Fanatismus allein wäreGegenstand der Bekämpfung, nie und nimmer die Dogmen,Ansichten oder Institutionenirgend eines Glaubens*Sacra non tangere wäre oberster Grundsatz, dann abersuum cuique reddere, wozu auch die Beleuchtung undPublicmachung alles dessen gehört, was gläubige guteMenschen in Befolgung der Grundsätze und Lehren ihresGlaubens, also in Folge ihrer Religion, Gutes und Segensreichesgestiftet haben.Die sichersten Mittel, jene Toleranz im henochistischenSinne zu erwerben und zu verbreiten,wäre das Studiumder Wohlthätigkeit und Caritas bei den verschiedenenBekenntnissen, das vergleichende Religionsstudium im Sinneder in Paris gegründeten Hochschule für die Geschichteder Religionen, die Verbreitung der Biographien derHeiligen, Frommen, Märtyrer, guten Priester und Philanthropenaller Bekenntnisse, das vergleichende Studium derpsychologischen Phänomene („Wunder") an den Gnaden-


5J9orten und Wallfahrtsstätten derselben , die Kritik derheiligen Schriften , auf welchen alle Religionen fussen,ihrer Entstehung» Abfassungszeit und der Geschichteihrer Texte » vor Allem aber der Beziehung des Inhaltesder ersten elf Capitcl der Genesis, auf welchen jadas Judenthum, Christenthum und der Islam aufgebautsind, zur Mythologie des nach der Sagevon Nimrod*) gegründeten babylonischen Staates,der Urquelle, aus welcher unsere ganze moderneCivilisation geflossen ist, ferner das Studium der Verfolgungen,denen einejede neue Religion ausgesetzt war,und der Geschichte ihrer Verbreitung.Wer einmal die grosse Wahrheit begriffen hat, dasses eigentlich nur eine Religion gibt, deren alleinigesSubstrat das moralische Bewusstsein ist, und nur eineMoral, nämlich das Mitleid und die Nächstenliebe, diein diesem Bewusstsein geheimnisvoll wurzelt, welches*) Nimrod gilt nach israelitischer Ueberlieferung als der ersteBegründer einer Gewaltherrschaft und eines grossen Imperiumsauf der Erde. Er ist nach der Sage der Gründer desbabylonischen Reiches, der Erbauer Babylons und Ninives. Einigehaben ihn mit dem Sternbild des Orion identificiren wollen, Andere(Smith) wollen in ihm eine Identität mit dem altbabylonischenSonnenheros Izdubar erkennen. Die späteren Juden machen ihnzum Empörer gegen Gott, zum Verfolger Abrahams und zum Einführerdes Götzendienstes auf Erden. Auch der Koran erwähnt seiner.Die mohammedanische Theologie macht ihn zum Sohne Kanaans,die Bibel zum Sohne des Kusch, also zum Enkel Chams. Ueber dienahe Verwandtschaft der Völker, welche semitische und chamitischeIdiome sprechen, vergleiche die Aeusserung Maspero's auf Seite 54dieses 'Werkes.


— 520 -moralische Bcwusstscin aber, weil es ein metaphysischesPhänomen istt aller Erklärungfsvcrsuche spottet; dann dassjede Religionsform sich umsonst und ewig hoffnungslosabmühtt durch empirische Erkenntnisformen dieses Phänomenzu erklären, der wird überhaupt nicht mehr intolerantsein können. Auch sollte jeder Mensch immer bedenken,dass der Umstand, dass er von der Wahrheiteiner Sache überzeugt ist, durchaus kein Beweis dafürist, noch sein kann, dass seine Ueberzeugung derWahrheit entspricht.Diese Betrachtungen, zu denen unsdie Wissenschaft führt, sind wohl dazu geeignet, unsnicht blos tolerant, sondern auch demüthig und dadurch vorGott und Menschen angenehm zu machen wie jenerRing der schönen Sage und uns beten zu lehren wie derKönig Heinrich im Lohengrin: „So hilf uns, Herr, zudieser Frist, weil unsre Weisheit Einfalt ist^^Das Reformjudenthum ist unzweifelhaft die tolerantestealler monotheistischen Religionsformen. Wer das bezweifelt,sei höflichst verwiesen auf die auf Seite 386—392dieses Werkes abgedruckte Erklärung der deutschenRabbiner und auf die von den Vertretern des Judenthumsam Weltreligionencongress in Chicago gesprochenen Reden(vide Seite 360—362). Der Katholicismus, Protestantismusund die orthodoxe Kirche lehren, dass kein Heil möglich istausserhalb der Kirche Christi und ohne Glauben an dieselbe*Der Islam lehrt, dass alle verdammt werden, diean die Gotteseinheit und Gottesgesandtschaft Mohammedsnicht glauben, dass also alle Nichtmuslims (kleine Kinder,die ja alle als Muslims betrachtet werden, ausgenommen)in die Hölle kommen. Dagegen lehrt der Talmud,dass die Frommen aller Völker der Seligkeit theilhaftigsind, daher machen die Juden auch keine Pro-


522griffen haben und an dct Ausführung derselben arbeiten.Nur wenn Juda's Tochter den Schleier alter Vorurtheilevon sich wirft, kann sie die Fackel des Fortschrittesschwingen und ihre Kinder zurückführen zum ureinfachenalten Glauben der Menschheit, den wir in Henoch symbolisirtfinden.Salus ex Judaeis! Das Heil kommt von den Juden!eine tiefe Wahrheit, die leider oft vergessen wird.Dieses Heil ist für Millionen Menschen heute wie vorJahrhunderten der Glaube, dass wir alle Kinder einesElternpaares und daher Brüder, alle Geschöpfe eines allmächtigenund allgütigen Gottes sind, der die Welt erschaffenund unser Geschick beherrscht und leitet, dasswir eine unsterbliche Seele besitzen, die für die ewigeSeligkeit bestimmt ist* Dieser Glaube ist von den Judengekommen, von jüdischen Propheten ausgesprochen worden,in jüdischer Sprache sind diese Worte erklungen, die dasHeil, den Trost,die Seligkeit von Millionen und MillionenMenschen, Juden, Christen und Muslims, ausgemachthaben und noch ausmachen.Dieser Glaube hat die armeMenschheit getröstet und gestärkt in ihren Leiden, ertrocknet die Thränen der Wittwen und Waisen, er lindertdie Qualen des Kranken, er stärkt sie in der Todesstunde,er hütet vor Verzweiflung. Das ist es, was dieWelt Israel verdankt! Diesen Glauben zu wahren, zuerhalten, wieder herzustellen da, wo er verloren gegangenund überwuchert worden ist, ihn zu reinigen von denSchlacken der Jahrhunderte, dies ist die zweite Aufgabe,die sich das Reformjudenthum gesetzt hat, wie seineVertreter inChicago ausdrücklich erklärt haben.Die Liebe zur Gerechtigkeit und die Hoffnung, zueiner Versöhnung zwischen Juden und Antisemiten nach


523Massgabe meiner schwachen Kräfte beizutragen, warenallein die Motive, die mich veranlasst haben, dieses Buchzu schreiben. Ich habe die furchtbaren Leiden und Verfolgungengeschildert, denen dieses unglückliche Volkausgesetzt war, sowie die Noth und das Elend, in welcheres sich heute noch in so vielen Ländern befindet. Dergeehrte Leser wird mir zugeben, dass die Juden trotzeinpaar hundert Millionären und einigen hunderttausendWohlhabenden unter ihnen zu zwei Drittelein Volk vonBettlern sind. Diese Bettler leiden aber weit schwerer,als die christlichen oder mohammedanischen Armen, inFolge der Ausnahmsgesetze, denen sie unterworfen sind,mögen dieselben nun niedergeschrieben sein und zu Rechtbestehen, oder sich nur durch Gewohnheit im gesellschaftlichenLeben geltend machen. Sie bedürfen daherdes Mitleids mehr als die Andern. Die Mehrzahlder Antisemiten ahnt nicht, was Israel gelittenhat und noch leidet. Viele halten die antisemitischeBewegung für eine moralische; ungezählte edle,brave und grosse Männer sind Antisemiten.Denn diese äusserst ansteckende moralische Influenzaergreift ihre Opfer ohne Rücksicht darauf, ob sieWeise sind oder Thoren, Gute oder Böse, Gelehrte oderIgnoranten.Ich gestehe, dass ich unter meinen christlichen Freundenund Bekannten mich nur an drei erinnere, die philosemitischangehaucht sind. Ich gestehe, dass ich selbsttheoretischer Antisemit war. In noch jüngerenJahren war ich sogar praktischer Antisemit undzwar aus vortrefflichen Gründen, da ich mit jüdischenWucherern u. s. w. die denkbar unangenehmsten persönlichenErfahrungen gemacht habe* Wenn man, als


— 524 —ich vor einigen Jahren mich entschloss, die Jüdenfragezu studieren und über dieselbe zu schreiben, mich gefragthätte, ob das Werk antisemitisch ausfallen würde,so hätte ich diese Frage wahrscheinlich bejaht. Einernstes, und wie ich glaube, gründliches Studium derSache hat mich eines Besseren belehrt, und ichhabegeglaubt, sowohl den Juden als den Antisemiten einenDienst zu erweisen, wenn ich das Resultat meiner Arbeiten:„Der Antisemitismus beruht auf religiösem Fanatismus"darlege und beweise. Ja, einen Dienst allen jenen Antisemiten,die zu überzeugen mir gelungen sein sollte, dasssie auf falscher Fährte sind, wenn sie den Juden Schuldgeben an einer ganzen Reihe von politischen und socialenMissständen, woran dieselben ganz unschuldig sind, weilsie dann umkehren, eine andere Fährte suchen könnenund die richtige vielleicht entdecken werden.Ich werde einem jeden meiner verehrten Gegner zuDanke verpflichtet sein, wenn er mir Irrthümer nachweisenwollte, um dieselben in künftigen Arbeiten corrigiren,respektive vermeiden zu können. Nur bitte ichum wissenschaftliche Begründung eventuellerKritiken, denn blosse Behauptungen des Gegentheils,oder gar Schmähungen könnte ich leidernicht als Gegenbeweise ansehen.Arbeiten wir nur Alle daran, dassder Antisemitismus,in welchem wir ein übrig gebliebenes Monstrum längstvergangener Zeiten erblicken, recht bald irgendwie dasEnde nehme, welches er verdient. Unsere Zeit des Fort--Schrittes und der Arbeit hat noch grössere und interessantereProbleme zu lösen; zunächst die weitaus wichtigstenvon allen, nämlich die Abschaffung der Kriegedurch Unterwerfung der Staaten unter ein internationales


— 525 —Schiedsgericht; dann die Besserungf der Lage der Arbeiterund Proletarier, kurz der Armen und die Linderung ihrerLeiden. Noch sind die Flugmaschine und der lenkbareLuftballon nicht erfunden, die Pole noch nicht entdeckt,noch harren unzählige der wichtigsten wissenschaftlichenAufgaben ihrer Lösung. Vergessen wir vor Allem nicht,dass der Antisemitismus dazu wie geschaffen ist, dieJuden wegzutreiben von Christus dem Herrn, welchemsichin Liebe zuzuneigen, wie ich bereits dargethan, schonviele der besten und gelehrtesten Reformjuden begonnenhaben im richtigen Gefühle, dass er allein es war, derdas Volk der Juden zu einer Wichtigkeit, Grösse und Berühmtheiterhoben hat, die es sonst nie und nimmer erlangthätte; denn wo immer heute Christenthum undIslam herrschen, sind die Hauptbegebenheiten der jüdischenGeschichte, die Namen ihrer grossen Männer, Könige,Gesetzgeber, Propheten nicht nur jedem Gebildeten, sondernauch jedem Kinde aus der biblischen Geschichte und demKoran bekannt und geläufig. Erschiene Christus heutewiederum auf Erden, sowürde der Hass gegen die Restedes Volkes, dem er angehörte, mit seinem heiligsten Willengewiss nicht übereinstimmen. Der Antisemitismus ist durchund durch unchristlich und direkt entgegengesetzt demWillen Christi, der sein Volk so sehr geliebt hat»Christi Geiste aber wird nichts widerstehen. Vorihm beugt sich schliesslich, wie wir es täglich erleben. Alles;vom Orient und Occident kommen die Völker und machendie Hauptgrundsätze seiner Moral zu Pfeilern ihrer bürgerlichenund gesellschaftlichen Ordnung. Es ist schliesslichein Erfolg des tiefsten Kernes christlicher Grundsätze, wenndie Gladiatorenspiele, die Sklaverei, die Polygamie, dieTortur, in einigen Ländern auch die Todesstrafe, das


526Abschlachten der Kriegfsgefangfenen, das Duell ^ dasHarakiri von der Bildfläche verschwunden sind. Auchder Antisemitismus istgerichtet, seine Tage sind gezählt,und wie die obigen Monstra kann er Juda's grösstemSohne die Worte zurufen: „Ave Caesar, moriturus tesalutat! Christi Lehre, deren Hauptinhalt daraufhinausläuft, dass wir alle Kinder eines einzigen Gottesund daher Brüder sind;die das jüdische Gesetz „Du sollstDeinen Nächsten lieben wie Dich selbst** (Levit. J9, J8)auf die ganze Menschheit ausgedehnt hat und die nachdem grossartigen und erhabenen Capitel 25, 3J— 46 desMatthäus den Urtheilsspruch am Tage des Gerichtes überHeil und Verderben, Seligkeit und Verdammnis, Himmelund Hölle von nichts anderem abhängig gemacht hat alsvon der Ausübung oder der Nichtausübung der Werkeder Liebe, der Barmherzigkeit, des Mitleids, läuft auchder Antisemitismus schnurstracks entgegen, unddaher muss er früher oder später in Trümmergehen, denn immer wahr bleiben die Sätze: „Salusex Judaeis** undecce vicit leo de tribu Juda*).*) „Siehe der Löwe vom Stamme Juda hat überwunden, Apoc.Joh. V. 5."I


—Inhalts -Angabc.Einleitung: „Henoch" Seite 5— 20Vorwort „ 2J— 3JI. Capitel: Semitenthumt semitische und jüdischeRasse,, 33—UIII. Capiteh Antijudaismus im Alterthum ... ,t H3III. Capitel: Geschichte des christlichen Antisemitismus„ J53—259IV. Capitel: Juden in nichtchristlichen Ländern . „ 261—287V. Capitel: Die Blutanklage „ 289—344VI. Capitel: Anklagen gegen den Talmud ... „ 345—407VII. Capitel: Andere Anklagen gegen die Juden . „ 409—468VIII. Capitel : Antisemitismus im Allgemeinen, Juden-Emancipation, Judennoth^ Zionismus ... „ 469—504Schlusswort ., 505—526152


Druckfehler-Verzeichnis.Se te 43, Ze: Ic JO von unten statt Bibel-Dogma lies Bibel-Glauben.47,67,75,79,88,182,22J,239,282,293,366,7


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