Grenzwert

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GrenzwertWolfgang Larsen nahm seine Brille ab, hauchte darauf und wischte sie energisch anseinem Pullover ab. Dann setzte er sie wieder ab und blickte erneut auf den Bildschirm.Das kleine Labor war erfüllt vom gleichmäßigen, einschläfernden Brummen derComputerlüftung. Es ging bereits auf Mitternacht zu und der Raum war in Schwärzegetaucht. Das einzige Licht kam von mehreren Computermonitoren, die Kurvendiagramme,dreidimensionale Abbildungen von Molekülen und Ähnliches zeigten. DerSchreibtisch war mit Ausdrucken übersät und neben der Tastatur lag eine Interpretationdes Neuen Testaments; über der Tür hing ein Kruzifix.Larsen stieß einen tiefen Seufzer aus, fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über dieNasenwurzel und nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse. Das Gebräu war inzwischenkalt geworden, aber das merkte er überhaupt nicht. Der Bildschirm zeigte eineab und zu geringfügig ausschlagende, im Großen und Ganzen jedoch auf dem gleichenNiveau bleibende Linie, die plötzlich abbrach und praktisch senkrecht auf Nullsank. Larsen konnte es nicht fassen. War es tatsächlich möglich, dass all die Jahreharter Arbeit sich nun endlich auszahlten? Hatte seine Theorie, deretwegen er inFachkreisen nie ernst genommen worden war, sich gerade bewahrheitet? Es sahganz danach aus. Aber um Gewissheit zu erlangen, musste er einen Versuch machen.Da die Durchführung etwas… heikel wäre, würde es wohl ein Selbstversuchwerden. Und er würde mit Engelszungen auf die Verantwortlichen einreden müssen,um die erforderlichen Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt zu bekommen. Abernicht mehr heute. Larsen speicherte die Daten und fuhr den Computer herunter.Dann verließ er das Gebäude, stieg in den Wagen und fuhr nach Hause.1


Wolfgang Larsen war 1956 als einziges Kind eines Richters und einer Theologin geboren.Er hatte eine strenge religiöse Erziehung genossen und war dem römischkatholischenGlauben immer treu geblieben. Er hatte keine Probleme, Glauben undmoderne Wissenschaft zu vereinen. Im Gegenteil, sprach nicht gerade die ausgeklügelteKomplexität des Lebens für das Wirken des Allmächtigen?Er wollte nach Hinweisen auf dieses Wirken suchen. Als frischgebackener Doktornahm er eine Stelle an und begann mit den Forschungen. In seinem Ehrgeiz war erbestrebt, die Existenz der menschlichen Seele nachzuweisen. Verbissen forschte er,führte zahlreiche Studien und Untersuchungen durch. Zwar machte er mehrere spektakuläreEntdeckungen auf dem Gebiet der Neurobiologie, fand aber nie, was ersuchte. Die Rückschläge ließen ihn jedoch nicht verzweifeln, sondern spornten ihnnur noch mehr an. Vor einem halben Jahr schließlich hatte er durch puren Zufall einbisher unbekanntes Hormon entdeckt. Mehrere Versuche zeigten ihm, dass es nurim menschlichen Gehirn vorkam. Zudem stellte sich heraus, dass bei Gefühlsregungen,wie Liebe, Freude oder Vergleichbarem aktiviert wurde. Larsen war tief in seinemInneren sicher, dass er entdeckt hatte, wonach er suchte: die menschliche Seele.Er führte weitere Versuche durch. In Krankenhäusern bat er todgeweihte Patienten,ihre Gehirnaktivitäten während des Sterbens überwachen zu dürfen. Er war sichbewusst, dass er sich hart an der Grenze des moralisch Vertretbaren bewegte, aberer beruhigte sich mit der Tatsache, dass es einem höheren Zweck diente. Die Untersuchungenzeigten, dass unmittelbar vor dem Tod das „Seelenhormon“ sich besondershoch konzentrierte. War der Patient dann unzweifelhaft endgültig verstorben, soließ sich nicht einmal mehr die kleinste Spur des Stoffes nachweisen. Dies untermauerteLarsens Theorie, da die Seele ja bekanntlich in den Himmel auffuhr. DerNeurobiologe sah sich bereits als der Mann, der den Graben zwischen Wissenschaft2


Über das weitere Geschehen hatte er keinen Einfluss, es lag in den Händen des Allmächtigen.Er beugte sich vor und sprach in die Kamera: „Um meine Theorie hinsichtlichder menschlichen Seele zu beweisen, wird kontrolliert ein Herzstillstand herbeigeführt.Danach werde ich reanimiert werden. Während des Versuches wird dieHormonkonzentration in meinem Gehirn aufgezeichnet. Simon, darf ich bitten?“ Richartz,schloss nun diverse Elektroden an ihn an. Dann nahm er eine Spritze zurHand und drückte den letzten Rest Luft heraus. Larsen blickte noch einmal in dieKamera. „Der Herr ist mein Hirte, wovor soll ich mich fürchten?“ Dann nickte er Richartzzu. Er spürte ein leichtes Pieksen im Arm und nach kurzer Zeit wurde esschwarz um ihn.Als die abgesprochene Zeit vergangen war, nahmen Richartz und Bruhne den Defilibratorzur Hand. Doch als sie Larsen wiederbeleben wollten, geschah nichts. Danngaben die Überwachungsgeräte ein alarmierendes Piepen von sich.Larsen schlug nun die Augen auf und erblickte vor sich einen Tunnel. Die Wändewaren grau es herrschte ein diffuses Zwielicht. Larsen ging in den Tunnel hinein. Erfragte sich flüchtig, wo er sei, aber der Gedanke verschwand. Er ging immer weiter.Nach einer gewissen Zeit bemerkte, er dass noch andere Menschen im Tunnel unterwegswaren, aber sie schienen weit vor ihm zu sein und er konnte sie nicht einholen,obwohl er seine Schritte beschleunigte. Plötzlich hörte er hinter sich eine Stimme:„Woran bist du gestorben?“ Er drehte sich um und erblickte ein Mädchen vonetwa zehn Jahren. Der Sinn der Frage drang etwas langsamer in sein Gehirn vor unddann kam ihm die Erleuchtung. Natürlich, er war tot. Anders konnte es nicht sein. Erlächelte traurig und antwortete: „Es gibt Fragen, nach deren Antworten ein Menschnicht suchen darf. Allem sind gewisse Grenzen gesetzt.“5

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