Was ich euch erzählen will - VSA Verlag

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4 Zu Anfang6 Die Familie Schmuck8 Frühe Erinnerungen an den Vater13 „Sie kommen“Der Prozessbeginn · Aus der Broschüre „Dokumentation Stadthaus“ ·Wesentliches Ergebnis der Ermittlungen26 Luruper Weg 19: Frieda Schmuck und die KinderStille Solidarität · Der Terror · Angst und Mut ·Johnny Dabelstein · Onkel Otto und sein Papagei40 Leben in der VorkriegszeitPflichtarbeit auf dem jüdischen Friedhof ·Der Rausschmiss · Das Wort „Krieg“ taucht auf49 Im Krieg – Willi SchmuckGriechenland unter deutscher Besatzung · Ohne Nachricht58 Im Krieg – Herbert Buth63 Eine Jugend im KriegEin Besuch in der Gedenkstätte Neuengamme ·Tante Mary · Der Zigarettenladen · Bomben auf Eimsbüttel ·Die „Operation Gomorrha“ · Oma Sengelmann in Krakau ·Das Café am Bieberhaus · Schuhgeschäft Herrmann ·Umschulung und „Pflichtarbeit“ bei Blohm & Voss ·Mitten im Winter frische Erdbeeren und Erbsen86 Skizzen aus der Nachkriegszeit94 Elfies Familie95 Nachwort3


Frühe Erinnerungenan den VaterTrotz aller Not, welche die Arbeiterbevölkerunggegen Ende der Weimarer Republik aufgrund derdamaligen Weltwirtschaftskrise erleiden musste,trotz der Armut und der beengten Wohnverhältnisseihrer Familie haben die frühen ErinnerungenElfies etwas kindlich Unbeschwertes. Die Fotosvon den Ausflügen der Familie zur BadeanstaltJungbrunn in Eidelstedt oder an den Elbestrandvermitteln den Eindruck einer behüteten Kindheit.Dies sollte sich mit der Machtergreifung derNationalsozialisten Anfang 1933 ändern. ElfiesVater, Willi Schmuck, war nach einer Periode derArbeitslosigkeit Ende der zwanziger Jahre einigeZeit auf See. Er fuhr meistens auf den Südamerika-Linien zwischen Hamburg, Argentinien, Brasilienund Mexiko hin und her. Im September 1931musterte er wegen eines Arbeitsunfalls aus undwurde wieder arbeitslos.Während seiner Auslandsreisen hat Willi Schmucksich politisiert. Nach seiner Rückkehr trat er derKommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei.Das Leben der Familie wurde ab 1933 vom Terrorder Nazis gegen die Organisationen der Arbeiterbewegungüberschattet.Hat es schon vor dem Eintritt deines Vatersin die KPD eine politische Familientraditiongegeben?Nein und Ja. Meine Großeltern habenschließlich die Monarchie, die Großgrundbesitzerund den Ersten Weltkrieg erlebt.Die Abschaffung der Monarchie haben meineGroßväter ja nicht mehr erlebt, weil sie imKrieg gefallen sind. Aber mein Vater hat dasalles schon sehr bewusst mitbekommen.Er ist 1904 geboren und war 14, als der Kriegzuende war.Elfie zwischen zwei Tanten in der BadeanstaltJungbrunn. Das Naturbad war während derNazi-Zeit auch ein beliebter und unverdächtigerTreffpunkt der oppositionellen Arbeiter. Es wurdespäter zugeschüttet.Er hatte den Krieg miterlebt. Er hatte natürlichauch von der Russischen Revolutiongehört, die auch unter den Arbeitern inDeutschland große Hoffnungen weckte. InDeutschland hatte man 1918 die Monarchieund den Feudalismus abgeschafft. Wir habenspäter lange darüber gesprochen.8


Willi Schmuck (vorn rechts) im Kreise seiner Mannschaftskameraden auf einem Frachter9


Wie ist er dann zur KPD gekommen?Auf See hat er sein Denken weiter geformt.In den Häfen in Übersee hat er immer ausgemustert,um zusammen mit einem Kollegenins Innere des Landes zu fahren. Er wollte dieMenschen dort kennenlernen. Was denkensie? Was wollen sie? Er suchte den Kontaktzu den Menschen und stellte fest, dass siealle das Gleiche wollten: Frieden, Freiheit,Arbeit. Überall wo er hinkam, nach Brasilien,Argentinien, Mexiko – überall wolltendie Menschen dasselbe. Das war damals diekommunistische Idee.War er auch in Russland?Willi Schmuck (links) mit Kameraden inSüdamerika etwa 1929/30Nein, da war er nicht. Er wollte eigentlich,wie sein jüngerer Bruder, nach Amerika.Der ist in den USA, in Philadelphia geblieben.Aber da kannte er meine Mutter schon.„Deine Mutter wollte ja nicht“, hat er mirspäter erzählt. Sie hatte ihm wohl geschrieben,dass sie schwanger war.Schiffbauer. Hier steht in seinem Abschlusszeugnis„... bei gutem Fleiß und fast guterFührung ...“ (lacht über das „fast‘“)Hat er sich während seiner Seefahrerzeit derKPD angeschlossen?Also du hast eure Auswanderungverhindert?Ja (sie lacht). Ich hab dann später mal gesagt:„Du hättest sie ja auch sitzen lassen können.“„Ja“, sagte er in seinem HamburgischenTonfall, „da hebb ich gar nich über nachgedacht“.Und so kam er dann zurück.Hat dein Vater eigentlich Platt gesprochen?Er ja, manchmal. Aber sonst niemand aus derFamilie. Meine Mutter gar nicht. Nur meineOma Schmuck, die hat mehr so ein MecklenburgischesPlatt gesprochen.Was hat dein Vater gelernt?Nein, ich glaube, das war erst, als er wiederhier war. Er hatte einen Unfall, hatte sichan der Schulter verletzt. Da konnte er nichtmehr zur See fahren. Und dann war er wiederarbeitslos. In dieser Zeit (1931 – d. Verf.) habenwir auch unsere erste eigene Wohnung gekriegt– im Luruper Weg 19.Dein Vater hat den Ersten Weltkrieg als Kindmiterlebt. Er hat den Sturz der Monarchie erlebtund sicher auch vom Matrosenaufstand in Kielgehört. Waren das prägende Eindrücke, die ihnzum politischen Engagement geführt haben?Ja, natürlich. Ich habe in seinen letzten Lebensjahrenviel mit ihm darüber gesprochen.Das hat ihn am meisten beschäftigt: Was10


denkt das Volk? Wie denken die Menschen?Mein Vater hat wahnsinnig viel gelesen.Abends kannte ich ihn immer nur lesend.Was hat er gelesen?Ja ... (Pause, Nachdenken) ... Zum Beispielkannte er die Bibel in- und auswendig.Als Kommunist? War er gläubig?Nein, das nicht. Aber seine Mutter wargläubig und hat viel davon erzählt. Und erinteressierte sich sehr dafür, was die Kirchein der Geschichte bewirkt hat.Erinnerung an eine Reise nach AustralienKannte er das Kommunistische Manifest?Auf alle Fälle. Die Schriften von Marx undEngels. Ich sah ihn immer nur lesend.Hat er Schulungen besucht?Nein, das glaube ich nicht.Das weiß ich nicht genau. Ich habe nur mitgekriegt,dass oft Freunde bei uns zu Hausewaren. Ich denke, das waren seine Gesinnungsgenossen.Anfang 1933 kamen die Nazis an die Macht.Die KPD wurde kurz danach verboten*.Es gab gegen Ende der Weimarer Repu blik dieStraßenkämpfe. Da war er schon erwachsen.Hat er sich daran beteiligt?Das stimmt, die gab es auch hier in Hamburg.Das war Ende der 20er, Anfang der 30erJahre. Das habe ich als Kind irgendwie mitgekriegt.Aber mein Vater war in dieser Zeitmeistens auf See.Er ist also während seiner Arbeitslosigkeit abHerbst 1931 zur KPD gestoßen?Ja, das denke ich.Ist er dann auch zu Parteiversammlungengegangen?Im Sommer 1933 ist er das erste Mal verhaftetund zu einer kurzen Haftstrafe verurteiltworden. Ende 1933 kam er wieder frei. ImSommer 1934 dann die zweite Festnahme.Wo wurde er eingesperrt?In der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis.Später, nach der Verurteilung, kamer ins Zuchthaus in Fuhlsbüttel und späterdann in ein KZ, wo er Zwangsarbeit im Moorleisten musste.*30.01.1933: Hitler wird Reichskanzler;Nacht vom 27./28.02.1933: Reichstagsbrand;28.02.1933: KPD-Verbot11


Elfies FamilieGroßeltern: Emma Sengelmann Wilhelmine SchmuckHenry Sengelmann Wilhelm Schmuck(im 1. Weltkrieg gefallen) (im 1. Weltkrieg gefallen)Eltern- Onkel Henry Willi Schmuck Onkel Hugogeneration: Onkel Max (25.03.1904 – 19.07.1984) Onkel ArthurOnkel HansFrieda Schmuck, geb. SengelmannTante Hertha (16.03.1907 – 14.12.1985)Tante CarlaElfies Werner Schmuck Elfie Buth, geb. Schmuck Margot Oppermann,generation: (08.05.1937 – 11.01.2011) (*08.11.1927) geb. SchmuckHerbert Buth (*24.07.1932)(20.03.1923 – 10.03.1990)Kinder von Elfie und Herbert: Herbert Buth Doris Röttger, geb. Buth(*17.12.1946) (*30.12.1947)94


NachwortAn dieser Stelle möchte ich zunächst und vor allemElfie für ihr Engagement, ihre Offenheit undihr Vertrauen danken. Für mich kann ich sagen,dass die langen Gespräche und die gemeinsamenExkur sionen an einige wichtige Schauplätzeihrer Erzählungen mich sehr bewegt und bereicherthaben. Geschichte ist eben nicht nur dieAbfolge der „großen“ Ereignisse, der politischenMachtkämpfe und kriegerischen Konflikte. Siebildet sich ab in den Lebensverhältnissen der„normalen“ Leute, in den Erfahrungen, Freudenund Zumutungen des Alltags. Um wievielmehr gilt das für die Zeit von 1933 bis 1945 mitbrutalem politischen Terror, mit einer beispiellosenmoralischen Verwahrlosung der politischenMacht und Machthaber, mit Krieg undVernichtung.Aber Elfie erzählt nicht nur davon. Ihre Geschichtenrufen uns auch das Andere in Erinnerung:den Überlebenswillen der Menschen,ihre trotz allem behauptete moralische Integrität,das Leiden am Unrecht und – ja, auchdie Freude am Leben. Auch für diese aufbauenden,ermutigenden Botschaften können wirihr dankbar sein.Die vorliegende Wiedergabe von Elfies Erzählungenist entstanden aus unserer langjährigennachbarschaftlich-freundschaftlichen Beziehungin dem Zusammenhang einer lebendigenHausgemeinschaft in der Lutterothstraße 96.Dort haben wir die Erzählerin Elfie kennen undschätzen gelernt. Wir haben erlebt, wie sie beipassender Gelegenheit im Familien- und Freundeskreiseindrucksvoll von ihren Erlebnissenberichtete, auch und gerade, wenn unsere Kinderdabei waren. Und vor Jahren schon hat dieJournalistin Charlotte Böhm, ebenfalls Mitgliedder Hausgemeinschaft Lutterothstraße 96, denVorschlag gemacht, den in Elfies Erinnerungenliegenden Schatz zu heben, sie also systematischund zusammenhängend zu befragen underzählen zu lassen.Die Gelegenheit ergab sich, als sie in ihre jetzigeWohnung im Lenzweg umgezogen ist, wobeiall die alten Dokumente, Fotos und Unterlagensortiert und verpackt werden mussten. Ich hattegerade ein anderes Projekt abgeschlossen undverabredete mich mit ihr zu einem ersten Interviewtermin,dem noch einige weitere folgensollten, alle über mehrere Stunden. Das Ergebnissind ihre nun auch schriftlich vorliegenden Erinnerungen– ein Geschenk an ihre Kinder undEnkel, an ihre Freundinnen und Freunde, an dieKinder, Jugendlichen und Mitarbeiterinnen imEimsbütteler Mehrgenerationenhaus, das sieimmer noch aktiv unterstützt, und vielleichtauch an all die Menschen, die sich von ihrenErzählungen berühren lassen.Die vorliegende Zusammenstellung ist alsohauptsächlich Elfies Werk. Danken möchte ichaber auch der Fotografin Cordula Kropke, dieuns aus purem Interesse auf unseren Exkursionenbegleitet hat. Herzlichen Dank auch an RalfBuckendahl, der das Buch mit viel Sorgfalt undEinfühlung gestaltet hat. Erwähnen möchte ichauch Rike Carton, die uns bereitwillig Zugangzu ihrer Wohnung gewährt hat. Darin erlebtedie fünfjährige Elfie vor fast 80 Jahren die Verhaftungihres Vaters.Martin Kempe95

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