Unfal von Tschernobil - Dr. Hussein Saado Portrait des GOSKs in ...

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Unfal von Tschernobil - Dr. Hussein Saado Portrait des GOSKs in ...

Group of Oppositional Syrian KurdsGruppe der Oppositionellen syrischen KurdenFraksîyona Opozîsyona kurdên Sûrîyê ار‏ ارد‏ ار‏ ار‏ اد‏ ار‏Group of Oppositional Syrian KurdsGOSKContactDr. Hussein SaadoHoltorfer Str. 1553229 Bonn, GermanyE-Mail drsaado@g,x.de ار‏ اد‏ ار‏Tel. 0049 228 9480530Fax 0049 228 9480531E-Mail saado@t-online.de1


Nr. 1 vom 3.Januar 2006Sonderausgabe - 20 Jahre TschernobylEditorialNur wer mitfühlt, will auch verstehenAm 26. April 2006 jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 20. Mal.Es war die schwerste Katastrophe in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Nach nunbald 20 Jahren geraten die verheerenden Auswirkungen des Unfalls in Vergessenheit.In Vergessenheit zu geraten drohen auch die Risiken atomarer Grosstechnologie undderen Folgen für Mensch und Natur.Wenn eine grosse Katastrophe aus den Schlagzeilen verschwunden ist, bedeutet diesnicht, dass für die betroffenen Menschen und Staaten die Not vorbei ist. DieBewohner der vom Tschernobylunglück am meisten betroffenen Länder - Belarus,Ukraine und Russ-land - haben noch nach 20 Jahren und weit in die Zukunft hineinan den schweren Folgen zu tragen.Wenn sich die Uno-Generalversammlung an ihrer 60. Sitzung demTschernobyldesaster widmet, ist das zu begrüssen. Der Bericht des Generalsekretärswird jedoch bei der Bevölkerung der betroffenen Länder eher auf Unverständnis,wenn nicht auf Ablehnung stossen. Dass die «Strahlung in den meisten Gebieten aufihren natürlichen Hintergrund zurückgegangen sei und dass die grosse Mehrheit derBevölkerung nicht in Angst vor ernsthaften Gesundheitskonsequenzen lebe, die aufStrahlung auf Grund des Unfalls zurückgeführt werden könne [...]» - diesenAussagen kann nicht zugestimmt werden.Weiterhin wird auf Unverständnis stossen, dass die von der US-Regierunggesponserten Überwachungsprogramme für Geburtsdefekte undPräventionsprogramme keinerlei Zusammenhang zur Strahlenexposition ergebenhätten. Der Bevölkerung der betroffenen Länder werden im Uno-BerichtFehlwahrnehmungen - «misconceptions» - unterstellt, wenn sie sich krank und zueiner verkürzten Lebensdauer verurteilt fühlen. Mehr als 100000 Menschen«misconceptions» zuzuschreiben dürfte einer der groben Tiefschläge des Berichtessein. Die Ausführungen der Ukraine, von Belarus und Russ-land im Anhang desUno-Berichts geben die Realität anders und besser wieder.Tschernobyl berührt viele Sphären unseres Lebens wie Energie, Risikotechnologien,Krieg und Frieden, Gesundheit, Ernährung, Umweltverschmutzung und weiteresmehr. Die heutige Energiediskussion, die so dringend auf dem Boden der Vernunftgeführt werden muss, ist auch diejenige um Krieg und Frieden - Krieg umÖlressourcen, Uranressourcen, Bau von AKW zur Plutoniumherstellung für «nuclear2


devices». Wenn es um die Verantwortung der heutigen Generation für die Zukunftgeht, so sind auch nach 20 Jahren noch Lehren aus dem Tschernobylunfall zu ziehen.Energiepolitik, Strahlenschutz, Katastrophen- und Zivilschutz,Gesundheitsprävention und Gesundheitsschutz sind nur einige der Forschungsfelder,die weiterhin ins Auge gefasst werden müssen. Erfühlt man die Tragödie, die inTschernobyl und im weiten Umkreis die Zerstörung von Menschenleben, Natur,Nahrung, Erbgut und Heimat bedeutet, so wird man sich auch gegen die konzertierteAbsicht wenden, aus Forschungsprojekten Erfahrungen und Befunde schlichtwegabzuschöpfen und damit Nutzen aus dem Unglück zu ziehen, ohne zu helfen.Wir empfehlen diese Sonderausgabe der besonderen Aufmerksamkeit unserergeschätzten Leser.Redaktion Zeit-FragenInhaltTschernobyl - 20 Jahre späterMedizinische Betrachtungen aus menschlicher Sicht - Von Theodor Abelin,emeritierter Professor für Sozial- und Präventivmedizin, Universität BernChronik eines ReaktorunglücksKatastrophale SprachregelungDr. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Berlin,kritisiert die Sprachregelung durch die IAEA/WHO-BeschlussfassungHoffen auf Heilung jetzt!Ein Besuch in der Tschernobylzone - 20 Jahre danachVon Barbara Hug, Arbeitskreis Tschernobyl und die Folgen, Tobel TGDas Verlassen der Heimat ist bitterDer Sarkophag IIDer Friedhof in MitinskDenkt an die Kinder!Julia Golenko, Schülerin der 9. Klasse, Mittelschule Nr. 18 der Stadt MogiljewFreigesetzter Brennstoff und seine Auswirkungen Auf Boden, Wasser, Luft,Pflanzen, Tiere und NahrungPhysikalische GrundlagenEinschätzung der Strahlenschäden durch ICRP muss revidiert werdenBeobachtungen der Tschernobylfolgen geben Hinweise auf korrekte Kriterien für denStrahlenschutz - Von Inge Schmitz-Feuerhake, European Committee on RadiationRisk (ECRR)«Tschernobyl Generation»3


Lebenssituationen und Perspektiven im Vergleich von drei Ländern und Regionen -Gomel (Belarus), Brjansk (Russland), Chernigov (Ukraine) - Direktion fürEntwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Bern, SchweizRisikoreiche Technologien minimieren20 Jahre nach Tschernobyl - Erfahrungen und Lehren für die ZukunftEinladung zum Internationalen Kongress vom 3. bis 5. April 2006 in der BerlinerCharité - 1. Ankündigung, 1st Announcement, Call for PapersGrenzwerte für Strahlenbelastung in LebensmittelnLiteraturTschernobyl - 20 Jahre späterMedizinische Betrachtungen aus menschlicher Sichtvon Theodor Abelin, emeritierter Professor für SozialundPräventivmedizin, Universität BernDie Nachricht Ende April 1986 war erschreckend: In einem Atomkraftwerk in derUkraine hatte sich eine Explosion ereignet, doch die Meldung kam aus Skandinavien,wo in der Luft eine erhöhte Radioaktivität gemessen worden war. Auch bei uns in derSchweiz war die Radioaktivität erhöht. In unseren Seen durfte nicht mehr gefischtwerden. Schwangere fürchteten um das Wohl ihrer Kinder und vermieden die Milchunserer Kühe. Pulvermilch wurde knapp, aber niemand wusste, wie gross die Gefahrwirklich war. Strahlenexperten versuchten, die Bevölkerung zu beruhigen, währendUmweltexperten von einem GAU - einem «grössten anzunehmenden Unfall» -sprachen. Kaum jemand konnte die in den Medien berichteten Messwerteinterpretieren. Es herrschte Angst.Chaos in den betroffenen GebietenSpäter vernahmen wir von den Strahlenärzten in der staatlichen Krebsklinik vonWeissruss-land bei Minsk, etwa 380 Kilometer nördlich von Tschernobyl, dass amMorgen des 26. April 1986 ihre Messgeräte weit über die Maximalwerte ausschlugenund unbrauchbar waren. Auf ihre Nachfrage bei den Behörden erhielten sie keineErklärung. Die Einwohner in der Umgebung von Tschernobyl wussten von nichts.Hier ernährten sich die Schwangeren wie immer von der Milch ihrer Kühe. Auseinem Umkreis von etwa 30 Kilometern um Tschernobyl wurde die Bevölkerung inweiter entfernt gelegene Unterkünfte evakuiert. Die Stadt Pripjat, rund 100 Kilometernördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew und in nächster Nähe der Atomreaktorenvon Tschernobyl, hatte damals rund 50000 Einwohner, ist aber heute nur noch eineGeisterstadt, in der am 26. April hängengebliebene Plakate noch immer zur grossenErste-Mai-Feier von 1986 einladen.4


Im Vergleich zur unmittelbar betroffenen Bevölkerung konnten wir in der Schweizund ganz allgemein in Westeuropa nach einigen Wochen weitgehend zurTagesordnung übergehen. Doch in der Ukraine, in Weissrussland und in denbenachbarten Gegenden von Russ-land ist die Tagesordnung auch heute, 20 Jahrespäter, noch immer nicht eingekehrt.Gesundheitliche Schäden: Zählen nur die Todesfälle?Vier Jahre nach der Tschernobylkatastrophe berichteten Ärzte in den am stärkstenbetroffenen Regionen, dass sie bei Kindern Schilddrüsenkrebs entdeckt hatten - ineinem Alter, in dem diese Krankheit sonst ausserordentlich selten ist. Diese Nachrichtwurde vorerst von zahlreichen Wissenschaftern als unwahrscheinlich abgetan. Uns istein Fall bekannt, wo eine sorgfältig durchgeführte statistische Übersicht über dieersten 160 in Weissruss-land diagnostizierten Fälle von einer international führendenmedizinischen Fachzeitschrift ohne nähere Überprüfung von der Veröffentlichungausgeschlossen wurde, weil - wie der Redaktor den Autoren schrieb - eineKrebsentstehung so wenige Jahre nach einer Bestrahlungseinwirkung nicht möglichsei. Dass eine noch nie dagewesene Katastrophe auch noch nie dageweseneAuswirkungen haben könnte, wurde nicht in Betracht gezogen. Ähnlich tönte es vonder Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) in Wien, deren Auftrag es ist, diefriedliche Nutzung der Atomenergie zu fördern. Vor zehn Jahren ging diese Agentur,die vor kurzem den Friedensnobelpreis erhalten hat, sogar so weit, die Publikationwissenschaftlicher Berichte über gesundheitliche Tschernobylfolgen zu verhindern,die bei der Weltgesundheitsorganisation bereits zum Druck bereitlagen.Nun stehen wir vor dem 20. Jahrestag der Tschernobylkatastrophe, und nach wie vorhören wir sich widersprechende Einschätzungen der gesundheitlichen Schäden. Werdiese herunterspielen will, weist darauf hin, dass der Schilddrüsenkrebs nur seltenzum Tode führt und dass in der Folge von Tschernobyl weniger als 1 Prozent derFälle zum Tode geführt haben. Wer aber - wie heute in der Einschätzung vongesundheitlichen Schäden üblich - die verlorenen Jahre in guter Lebensqualitätbetrachtet, wird sehen, dass die meisten der nach Tschernobyl aufgetretenen 4000Schilddrüsenpatientinnen und -patienten nun lebenslänglich krank sind und sozialausgeschlossen werden. Bereits Anfang der 90er Jahre wurde festgestellt, dass beiüber 60 Prozent aller Kinder mit Schilddrüsenkrebs Ableger (Metastasen) in denLymphdrüsen vorhanden waren. Wurde ein Fall entdeckt, musste das betroffene Kindin einer meist weit entfernten Klinik genau untersucht werden und sich je nachBefund einer chirurgischen oder einer Strahlenbehandlung unterziehen. JährlicheKontrolluntersuchungen mit umständlichen Reisen ins medizinische Zentrum wurdennötig, und wenn die Schilddrüse entfernt werden musste, entstand einelebenslängliche Abhängigkeit von der regelmässigen Einnahme vonSchilddrüsenhormonen.Kommt dazu, dass junge Leute, bei denen Schilddrüsenkrebs festgestellt worden ist,als verseucht gelten und - teils auch bei der Partnerwahl - gemieden werden. Ob dieAnnahme einer andauernden radioaktiven Verseuchung dieser Menschen5


wissenschaftlich korrekt ist, spielt keine Rolle - ihr Leben bleibt durch Tschernobylgezeichnet.Vor einigen Jahren wollten wir diese sozialmedizinische Seite der Tschernobylfolgenzusammen mit einer weissrussischen Ärztin näher untersuchen, und sie war bereit, inihren jährlichen Nachuntersuchungen entsprechende Fragen zu stellen. Doch dieBehörden verweigerten im Rahmen ihres engen Gesundheitsverständnisses dieErlaubnis.Ähnlich unterschiedlich wird über die gesundheitlichen Folgen bei den Liquidatorenberichtet, das heisst den Hunderttausenden von Arbeitern und Soldaten, die zumLöschen des Feuers im Reaktor und zum Aufräumen der Explosionsschäden in undum Tschernobyl eingesetzt worden waren. Tausende von ihnen sind seithergestorben, viele davon an Krebs. Während die einen die Todesfälle der Bestrahlunganlasten, glauben die anderen, dass hier die Armut in der Folge der Auflösung derSowjetunion massgeblich beteiligt war. Es ist mir nicht bekannt, inwieweit zurzeitnoch Studien im Gange sind, in denen mit bestmöglicher Methodik versucht wird,diese Faktoren einzeln gegeneinander abzuwägen, doch darf gehofft werden, dass inden zum 20. Jahrestag von Tschernobyl organisierten wissenschaftlichen Tagungendarüber berichtet werden wird.Doch auch wenn weiterhin widersprüchliche Ergebnisse zur Tschernobyl-bezogenenSterblichkeit von Liquidatoren veröffentlicht werden sollten, steht doch fest, dasssich diese Hunderttausende von Männern ebenso wie die jungen Leute mitSchilddrüsenkrebs ein Leben lang Kontrolluntersuchungen unterziehen müssen, vonAngst vor einem negativen Befund geplagt.Lehren für die SchweizWas können wir bei uns von Tschernobyl lernen? Was tun wir damit, dass statistischgesicherte Häufungen von Schilddrüsenkrebs bei Kindern beobachtet wurden, dienach Westen wie auch nach Osten bis zu 300 Kilometer entfernt von Tschernobyllebten? Welche Gegenden in der Schweiz sind da noch sicher? Was tun wir damit,dass bei der Verursachung der Katastrophe von Tschernobyl menschliches Versagenund Alkohol eine entscheidende Rolle spielten? Wird der Faktor Mensch genügendberücksichtigt, wenn es um die Beurteilung der Sicherheit technischer Anlagen geht?Wie sollen wir überhaupt mit technischen Grossanlagen umgehen, bei denen Unfällekatastrophale Ausmasse annehmen können?Während diese Zeilen geschrieben werden, wütet nördlich von London ein immenserBrand in riesigen Treibstoffanlagen mit unvorstellbaren Folgen auf Klima undUmgebung. In unseren Bergen sollen zur Erhöhung der Stromproduktion Stauseenvergrössert werden mit dem Risiko der Bedrohung unserer Städte durchzerstörerische Flutwellen, sollte einmal - durch Naturkräfte, menschliches Versagenoder menschliche Bösartigkeit - eine Staumauer brechen.6


20 Jahre Tschernobyl gibt uns Gelegenheit, über diese Fragen nachzudenken und dieauf Grossanlagen gestützte Energieversorgung durch neue Modelle einer dezentralenEnergieproduktion und Lagerung zu ersetzen.Wir müssen uns aber auch bewusst werden, wie leicht wir - geleitet von unseremMitgefühl und im Zugzwang durch für uns unannehmbare AussagenAndersdenkender - in Versuchung geraten könnten, das Leiden der von Tschernobylam meisten betroffenen Bevölkerungen zu instrumentalisieren. So sehr wir auf ihrLeiden hinweisen müssen, müssen wir uns doch auch bemühen, es nachhaltig zureduzieren und eine dauernde Opfermentalität zu vermeiden - sei es mit Hilfe derheute verfügbaren Möglichkeiten der psychologischen Traumaverarbeitung oderdurch die Stärkung der Motivation und des inneren Antriebs im Sinne des«Empowerment».Ich würde mir wünschen, an den bevorstehenden Anlässen zu «20 JahreTschernobyl» auch in diesem Zusammenhang von erfolgreichen Programmen zuhören.«Die Katastrophe dauert an - und sie ist noch lange nicht zu Ende. Sowohl diedirekten Schäden durch die Verstrahlung als auch die ebenso bedeutenden indirekten,wirtschaftlichen, sozialen, gesundheitlichen und ökologischen Folgen betreffenweiterhin Millionen von Menschen.»Walter Fust, Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA),SchweizQuelle: www.chernobyl.info«Die Halbwertszeit unserer Erinnerung an Katastrophen wie ÐTschernobylð beträgtein Bruchteil der Halbwertszeit jener radioaktiven Isotope, welche bei der Reaktorexplosionam 26. April 1986 in der Ukraine freigesetzt wurden. In diesem Sinnverstehen wir die Internet-Plattform www.chernobyl.info als ein Manifest gegen dasVergessen.»Walter Fust, Direktor der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA),Schweiz Quelle: www.chernobyl.infoChronik eines Reaktorunglücks26. April 1986: Im ukrainischen «Lenin»-Kernkraftwerk Tschernobyl wird einExperiment gestartet: Es soll geprüft werden, wie lange die Turbine mit derRestwärme des abgeschalteten Reaktors weiterläuft.26. April, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden: Es kommt zum Turbinenstillstand. DerKühlwasserzufluss ist eingeschränkt, die automatische Abschaltung ist unterbrochen,es entwickelt sich ein Hitzestau. Innerhalb von Sekunden steigt die Leistung desMeilers um ein Vielfaches an. 6 Sekunden nach der Notabschaltung ereignet sich der7


grösste anzunehmende Unfall (GAU). Der Block 4 des AtomkraftwerkesTschernobyl explodiert.27. April 1986: Die Stadt Pripjat ist abgeriegelt, die Telefone funktionieren nicht, dieBehörden informieren die Bewohner darüber, dass sie für 3 Tage in Zeltenuntergebracht werden. Die Löscharbeiten im Kraftwerk dauern an. VonHubschraubern aus wird Sand, Stahl, Blei und Lehm auf den brennenden Reaktorgeworfen.28. April 1986: In Schweden, Norwegen und Finnland wird erhöhte Radioaktivitätgemessen. Die sowjetische Atomenergiebehörde bestreitet eine Reaktorkatastrophe.28. April, 21 Uhr: Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS teilt mit, dass es imKernkraftwerk Tschernobyl einen Unfall gegeben habe.28. April, 23 Uhr: Ein dänisches Laboratorium für Nuklearforschung gibt bekannt,dass im Atommeiler Tschernobyl ein GAU stattgefunden habe, wobei eineReaktorstufe vollständig geschmolzen sei. Beim Durchschmelzen des Reaktorkernswerde die gesamte Radioaktivität an die Aussenwelt abgegeben.29. April 1986: In Deutschland erfolgt die erste offizielle Meldung darüber, dass sichin der Sowjetunion «offenbar ein ernster Atomunfall ereignet hat». Es soll eine 30-Kilometer-Sicherheitszone um das Kraftwerk gezogen werden. Mehrere zehntausendMenschen seien aus diesem Bereich zu evakuieren.30. April 1986, 17 Uhr: Der Reaktorbrand ist angeblich gelöscht.1. Mai 1986: Die Bevölkerung nimmt überall in den betroffenen Gebieten an denFeiern zum «Tag der Arbeit» teil. Der Umzug in Kiew befindet sich sowohl räumlichals auch zeitlich in dem Gebiet der höchsten radioaktiven Belastung.3. Mai 1986: Die deutschen Behörden warnen erstmals vor den Auswirkungen derReaktorkatastrophe. Bei der Explosion wurde etwa ein Viertel der radioaktiven Stoffesofort aus dem Reaktor nach aussen gestossen, der Rest gelangte innerhalb derfolgenden 14 Tage in die Atmosphäre. Allein in der Katastrophennacht wurden«vorsichtigen Annahmen» der Wissenschaftler zufolge rund 180 Millionen Curie frei.Die strahlende Wolke verteilte sich danach in drei Windrichtungen.21. Mai 1986: Pripjat wird offiziell vollständig evakuiert.26. Juni 1986: Anweisung der Dritten Hauptabteilung des Gesundheitsministeriumsder UdSSR: «Alle Mitteilungen über die Havarie sind geheim zu behandeln.» Endedes Jahres 1986 ist Tschernobyl wieder am Netz.Quelle: Franke, F./ Schreiber, N./ Vinzens, P., Verstrahlt, vergiftet, vergessen: DieOpfer von Tschernobyl nach zehn Jahren, Frankfurt a.M./Leipzig 1996. Aus:www.ohsi-hilft.de8


Katastrophale SprachregelungDr. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, Berlin,kritisiert die Sprachregelung durch die IAEA/WHO-Beschlussfassung.Das Chernobyl Forum folgt der bisher von den internationalen Gremien undnationalen Behörden verfolgten Argumentationslinie, es gebe eine deutlicheZunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen, aber man könne jadiese bedauerliche Erkrankung heute gut behandeln. Dass Kinder, denen dieSchilddrüse entfernt werden muss-te, lebenslang mit Medikamenten versorgt werdenmüssen, fällt unter den Tisch.Das mag in Westeuropa ein zu vernachlässigendes Problem darstellen, unter denLebensbedingungen in Russland, Belorussland und in der Ukraine ist es das aberdurchaus nicht. Es fällt auch unter den Tisch, dass diese Kinder in kurzen Abständenregelmässig in einer darauf spezialisierten medizinischen Einrichtung vorsprechenmüssen, damit rechtzeitig bemerkt werden kann, wenn es neue Knoten oderMetastasen in anderen Organen gibt. Viele Eltern haben für die erforderlichen Reisenin die Klinik einfach nicht das Geld. Und es fällt unter den Tisch, dass dieSchilddrüsenkrebsrate auch bei Erwachsenen drastisch angestiegen ist.E. Lengfelder publizierte in den Münchner Medizinischen Wochenschriften, dass imGebiet Gomel in Belorussland die Schilddrüsenkrebsrate bei Neugeborenen bis18jährigen in den 13 Jahren nach der Katastrophe im Vergleich zu den 13 Jahrendavor 58mal höher ist. In der Altersgruppe von 19 bis 64 Jahren liegt dieSchilddrüsenkrebsrate nach der Katastrophe immerhin 5- bis 6mal höher als vor derKatastrophe, und die absoluten Zahlen der erkrankten Erwachsenen sind sehr vielhöher als die der Kinder.Quelle: Katastrophale Sprachregelung: Bericht über die Konferenz «Chernobyl:Looking Back to Go Forwards» der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) am6. und 7. September 2005 in Wien, in: Zeit-Fragen Nr. 39 vom 3.10.2005Das Schilddrüsenzentrum: Hoffen auf Heilung jetzt!Im Jahr 1991 startete das Otto Hug Strahleninstitut - Medizinische Hilfsmassnahmene.V., eine deutsche, nichtstaatliche und gemeinnützige Non-profit-Organisation untermassgeblicher Federführung von Prof. Edmund Lengfelder, mehrere langfristigeBehandlungs- und Forschungsprojekte zum Krebs und anderen Erkrankungen derSchilddrüse in Belarus. In das Institut sind zahlreiche Experten für Strahlenmedizin, -biologie und -physik und Statistik aus mehreren verschiedenen Universitäten undForschungszentren eingebunden. Die Zusammenarbeit mit Belarus beruht auflangfristigen Verträgen mit dem dortigen Gesundheitsministerium und schliesstmehrere Universitätsinstitute im Westen mit ein. Die Laboratorien und medizinischen9


Einrichtungen in Belarus erhielten Ausrüstungen und werden seither kontinuierlichmit dem erforderlichen Nachschub versorgt, um die medizinische Behandlung unddie Forschung zu ermöglichen. Wesentlicher Bestandteil aller Projekte ist dieFortbildung des Fachpersonals im Westen.Seit 1993 wurden im Rahmen des Projektes «Schilddrüsenzentrum Gomel», welchesvon der Chefärztin L. Birjukowa geleitet wird, mehr als 90000 Patienten diesesVerwaltungsgebietes medizinisch betreut. Bei der Behandlung derSchilddrüsenerkrankungen, einschliesslich Schilddrüsenkrebs, wurden bisher mehrals 220000 Blutanalysen auf Schilddrüsenparameter untersucht. Das klinische Labornimmt regelmässig an internationalen Programmen zur Qualitätssicherung teil. Dashistopathologische Labor des «Nationalen Schilddrüsenzentrums von Belarus»(Chefarzt Prof. Demidtschik) nahm seinen Betrieb 1995 auf und wurde mit Hilfe desdeutschen Otto Hug Strahleninstituts aufgebaut, das neben der Grundausstattungregelmässig die Verbrauchsmaterialien nachliefert. Mittlerweile wurden dort über7800 bösartige Schilddrüsenerkrankungen diagnostiziert. Dafür wurden über 40000pathologische Präparate nach international geltenden und akzeptierten Standardsangefertigt. Seit 1993 führte eine fruchtbare internationale Zusammenarbeit auf demGebiet der Pathologie und Molekulargenetik des Schilddrüsenkrebses zu erheblichenFortschritten im Verständnis der Molekularbiologie der Erkrankung und in derEinrichtung einer Tumorgewebebank. Geplant ist ferner die Lieferung einesmolekularbiologischen Labors nach Belarus durch das Otto Hug Strahleninstitut.Im Jahre 1997 startete das Projekt «Radiojod-Therapie« (Leitung: T. Prigoschaja undL. Gamolina) in Gomel, bei dem Schilddrüsenkrebspatienten inzwischen über 2100diagnostische und therapeutische Behandlungszyklen gegeben werden konnten.Dafür wurden vom Otto Hug Strahleninstitut Ausrüstungen und die regelmässigeLieferung von Radiojod zu Untersuchungszwecken zur Verfügung gestellt. Seit 1991beläuft sich der Wert der medizinischen, sozialen und wissenschaftlichenHilfsleistungen für Belarus durch die Projekte des Otto Hug Strahleninstituts auf über13 Millionen Euro. Wegen der ständig steigenden Patientenzahl deckt dies aber nureinen kleinen Teil des tatsächlichen Bedarfs.UntersuchungspatenschaftenDie moderne Ausstattung des Laborbereiches im Schilddrüsenzentrum in Gomelermöglicht Hormonuntersuchungen auf höchstem medizinischem Niveau(Lunineszenz-Immuno-Assays). Die regelmässige Nachlieferung der Reagenzien undTestkits muss durch uns auf lange Zeit gewährleistet werden. Die Kosten einerUntersuchung (Testkits, Verbrauchsmaterial und Medikamente) und bei Bedarf einerBehandlung betragen je Kind durchschnittlich 50 Euro. Damit sind alle erforderlichenAufwendungen für die Diagnose und die eventuell notwendige medikamentöseSchilddrüsentherapie für 1 Kind gewährleistet.Auch wenn Sie persönlich kein Kind aus dieser Region kennen, bitten wir Sie um dieÜbernahme von Untersuchungspatenschaften (je Kind 50 Euro)!10


Helfen Sie helfen! Spenden Sie Zukunft!Otto Hug Strahleninstitut - MHM e.V., Spendenkonten:Stadtsparkasse München Konto 382 002 BLZ 701 500 00Volksbank Heilbronn Konto 290 964 008 BLZ 620 901 00Ein Besuch in der Tschernobylzone - 20 Jahre danachvon Barbara Hug, Arbeitskreis Tschernobyl und dieFolgen, Tobel TGEine milde Herbstsonne lässt die weiche, sandige Flusslandschaft des Pripjat - breiteAuen, Weiden und Schilf - als Oase der Ruhe und der Ausgeglichenheit der Naturerscheinen. Gelb ist das Gras, hell der Sand, spärlich die Menschen, und die Strassensind leer. Wo befinden wir uns? Wir sind zwei Tage auf einer wissenschaftlichenExkursion mit -Sebastian Pflugbeil, dem Präsidenten der Gesellschaft fürStrahlenschutz, Berlin, unterwegs, in der gesperrten Zone um das 1986 explodierteKernkraftwerk bei Tschernobyl, Ukraine.Kein normales Leben möglichFast 20 Jahre nach der Explosion des Reaktorblocks 4 ist in einem weiten Umkreiskein normales Leben möglich. Die Sperrzone von 30 Kilometern ist militärischabgeriegelt und bewacht. Mit einer Sondererlaubnis ist der begrenzte Zugangmöglich. Das Unterfangen ist nicht ungefährlich, man kann sich mit einemMundschutz nur partiell vor radioaktiv verseuchtem Staub schützen. Uran, Cäsium134, Plutonium, das zu Americium zerfällt, Strontium 90 - viele andere Radionuklidewurden im April 1986 aus dem Reaktor in die Luft und die Atmosphäre geschleudert,alles kam auch über einem Teil Europas mit dem Regen wieder herunter. Haare undKleider werden nach der Exkursion gewaschen, die Schuhe entsorgt.Bis vor wenigen Jahren wurden die Reaktorblöcke 1 und 2 sowie der intakteReaktorblock 3 im gleichen Gebäudekomplex wie der explodierte Reaktor 4weiterbetrieben. 5700 Kraftwerksarbeiter waren in der Schlussphase nochbeschäftigt. Obwohl jetzt abgestellt, stehen die Reaktoren noch dort, die Brennstäbesind aus keinem der Reaktorblöcke entfernt. In der Zone der strikten Kontrollearbeiten Menschen, sie leben im Städtchen Tschernobyl, welches ansonstenvollkommen evakuiert ist. Hier leben die Arbeiter ohne ihre Familien, denn fürKinder und junge Menschen ist die Strahlung in diesem Gebiet immer noch viel zuhoch. Sie ist allerdings auch zu hoch für die Arbeiter, die im explodierten AKWarbeiten, die die stillgelegten Reaktoren warten, die den radioaktiven Müllungeschützt auf Lastwägen transportieren, die auf den Lagerhalden arbeiten undversuchen, eine Art Entsorgung des Schrotts vorzunehmen.11


Unser Geigerzähler misst die Gammastrahlung. Die Warnstufe ist auf 1 Mikrosievert/Stundeeingestellt. Am Strassenrand und zwei Schritte neben der Strassebeginnt es zu piepsen. Was ist das? Die Strassen wurden hundertfach mit Wassergereinigt. Die Radio-nuklide wurden in den Strassenrand, ins Gras gespült. Siebleiben im Erdboden und werden mit dem Wasser durch das Gras wiederhinaufgesogen.Tschernobyl ist leer bis auf die erwähnten Arbeiter, ein paar alte Busse, ein Café, eineBar und einen Laden, ein kleines Zentrum für Besucher. Die schönen Holzhäusersind überwachsen, verfallen. Auch hier piepst das Strahlenmessgerät.Ist es Sorglosigkeit oder Nachlässigkeit, mit der die Arbeiter in der Zone mit derradioaktiven Umgebung umgehen? Manche arbeiten zwar nur Schicht, besonders die,die im zerstörten Reaktor Stabilisierungsarbeiten durchführen müssen - aber es sindjunge Männer, zeugungsfähig, mit dem Wunsch nach einer Familie, oder sie sindbereits Väter. Viele Arbeiter leben in Slavutych. Sie werden mit dem Zug überbelarussisches Gebiet transportiert. Man hatte Slavutych nach der Katastrophe alsErsatz für die evakuierte Kernkraftwerkerstadt Pripjat erbaut, in der Annahme, dortsei es sicher. Man hatte sich geirrt.Die radioaktive Kontamination der Ukraine ist auf Karten des Jahres 2003 zuerkennen. Kiew wurde - gemäss Karte - von der Kontaminierung verschont. Wie wardas möglich? Hat der liebe Gott seine Hand über die Stadt gehalten, oder stimmt hierdie Karte nicht? Wo stimmt die Karte dann? Vergleicht man mit der Cäsium-Kartevon Belarus, wurde auch hier die Stadt Gomel vom radioaktiven Fallout verschont.Wenn es Wunder gibt, so dieses, aber Wunder gibt es wenige …Radioaktiver MüllAuf der Fahrt über das Gelände durch eine sanfte Hügellandschaft begegnen wirkleinen Schildern mit der Aufschrift «Radioaktivität». Radioaktiver Müll isteingegraben, ein wenig zugeschüttet, Erde und Gras darüber - die erste notdürftigeEntsorgung. Wahrscheinlich wird es aber bei dieser bleiben. Später passieren wir denRoten Wald. Das Strahlenmessgerät piepst. Der Rote Wald strahlt stark, die Bäumesind knapp 20 Jahre alt. Die Bäume - Fichten - sind rötlich, nicht dunkelgrün, wie esnormal wäre. Der «echte» Rote Wald wurde vergraben, die in den Nadelbäumengefangenen Radionuklide bleiben im biologischen Kreislauf. 20 Jahre nach derExplosion kann niemand verkünden, die Radioaktivität in der Tschernobylzone seiabgeklungen. Halbwertszeiten sind eine eindeutige Angelegenheit: Cäsium 137: 30Jahre, Strontium 90: 29 Jahre, Plutonium 239: 24400 Jahre, Uran 238: 4468000000Jahre.Auf dem mit Stacheldraht abgesperrten AKW-Gelände befinden sich Anlagen für dieBehandlung flüssigen radioaktiven Abfalls und für die Zwischenlagerung derBrennstäbe. Westeuropäische Firmen sind am Bauen, nichts ist fertiggestellt. DasFundament sei instabil, die Öffnungen für die Brennstäbe zu klein. Die Regierung derUkraine prozessiert, unterdessen stehen die millionenteuren Bauruinen da, was keine12


Empfehlung für das viel kompliziertere Projekt des zweiten Sarkophags ist. WenigeTage vor unserer Exkursion wurden die ersten Stücke des Fundamentes für dengeplanten grossen Bogen über dem zerstörten Reaktor gegossen. Die geplantenKosten sind inzwischen von 760 Millionen auf 1,2 Milliarden Dollar gestiegen.Die EndlagerungAuf dem Gebiet der Sperrzone, 30 Kilometer rund um den explodierten Reaktor, sindverschiedene Formen der Endlagerung radioaktiven Metalls und Schrotts angelegtund im Bau. Jedes Lager wird nochmals separat bewacht. Man befürchtet Diebstähle- die wohl auch vorkommen. Mit Altmetall und Autoersatzteilen kann man etwasdazuverdienen. Das Lager Burjakowa dient der Endlagerung schwach- undmittelaktiver Abfälle. Im sandigen Boden werden Wannen gegraben und mit Lehmabgedichtet. Bildet sich aus dem Regenwasser ein Teich, wird die Wanne als genugdicht erachtet, gut genug für die Endlagerung radioaktiver Abfälle für Tausende vonJahren. Mit kontaminierten Betonblöcken, Metallteilen usw. aufgefüllt, wird derHaufen wiederum mit Lehm zugedeckt, Erde darüber und Gras. Nicht weit entferntdavon stehen auf mehreren Plätzen Unmengen von Schrott, Lastwägen, Autos,Hubschraubern, Räumfahrzeugen. Seit 19 Jahren wehen radioaktive Partikel mit demWind durch die Gegend und sickern mit dem Regenwasser in die Erde. Seit einigerZeit werden die Fahrzeuge verschreddert, das Altmetall soll angeblich nach Indienund China verkauft werden. Wird es wohl für die Herstellung von Zahnspangenverwendet? Von den noch vor wenigen Jahren dort zu bewundernden vielen kleinenund grossen Hubschraubern sind nur noch ein paar Gerippe übrig.Einige Kilometer weiter bauen verschiedene bekannte Firmen aus dem Ausland undaus der Ukraine ein Endlager - Vektor. Hier soll der Abfall in Container verpacktoder lose aufgestapelt und anschliessend abgedeckt werden. Auf verschiedene Weisewird der Untergrund der Atommülldeponie aufgebaut. Die geplanten Lagerflächensind riesig. Die Arbeit geht schleppend voran, die Frist für die Fertigstellung wirdüberschritten. Unser ukrainischer Führer lacht, aber ohne Freude. Die Endlagerungder Unmengen an Abfall sei nicht nur eine Arbeit für Jahrzehnte, sondern schlichtnicht zu bewältigen.PripjatDie Stadt Pripjat, ehemals für die Arbeiter im AKW aus dem Boden gestampft, wieviele andere Städte in der ehemaligen Sowjetunion. Hochhäuser, ein Kulturhaus, einFestplatz, der Kindergarten und die Schule. Zwischen Stadt und AKW verläuft eineBahnstrecke. Welch eine Katastrophe für die Menschen, die in der Nachthinausliefen, als der Reaktor explodierte. Sie schauten sich das Feuer an - der Graphitbrannte, am Tag standen sie noch mit ihren Kindern und schauten sich das Szenarioan und wurden bis ins Innerste verstrahlt -, sie sahen dem Tod ins Auge, ohne sichdarüber im klaren zu sein. Der Tod kommt schnell oder nach ein paar Jahren, der Todan der Verstrahlung ist elend - und nicht aufzuhalten.13


Pripjat heute: Eine sehr ruhige Szenerie, hohe Pappeln, dichtes Gras, Gebüsch,Scherben, Trümmer überall, die Häuser wurden geplündert, alles wurdemitgenommen, was nur ging, die verstrahlten Fernseher und Plüschtiere der Kinder,in Kiew später verkauft. Harmlos ist dieser Spaziergang nicht. Das Gebüsch nebendem Kindergarten - das Strahlungsmessgerät piepst. Auf dem Dach des Hochhausesbietet sich eine Aussicht über das Gelände des AKW bis zum Fluss, das Moos aufdem Dach, es piepst. Alpha- und Betastrahlung messen wir nicht … Die in derSperrzone arbeitenden Menschen schützen sich praktisch nicht. Ist das Fatalismusoder Fehlinformation, oder kann man mit dem Wissen einfach nicht leben?Wahrscheinlich letzteres. Die Dame, die uns einen nachgestellten Film über dasReaktorunglück in der Vorführhalle zeigt, bemerkt: «Frankly speaking, we have bigdifficulties to get personal for the job in the reactor ... »Nach Angabe der US-amerikanischen Nuclear Threat Initiative will man in derverseuchten Stadt Pripjat die Auswirkungen einer Dirty bomb untersuchen.Die Schiffe auf dem Pripjat, im ehemaligen Hafen von Tschernobyl, sind im Flussversunken - rostende, radioaktiv strahlende Schiffsgerippe ragen herauf. DerSchiffsverkehr auf dem Pripjat wurde seit der Katastrophe eingestellt. Man hatte nochversucht, Menschen mit den Passagierschiffen zu evakuieren.Keine InformationWarum waren die Menschen nicht informiert über radioaktive Strahlung? Warumschickte man sie nicht sofort in die Häuser und verteilte Kaliumiodid? DieSowjetunion hatte bis dahin schon mehrere grosse nukleare Unfälle erlebt, derbekannteste in Mayak im Ural in der Nähe von Chelyabinsk. In Dörfern und Städtenin der Sowjetunion kann man bis heute kleine Lautsprecher sehen, montiert anLaternenmasten oder auf Dächern. Warum wurde nicht angeordnet, dass dieMenschen einfach einmal in den Häusern bleiben sollten? Warum liess man dieKinder noch den ganzen 27. April 1986 mit ihren Müttern auf dem Festplatz spielen?Die Aufklärungssatelliten der USA hatten bereits wenige Minuten nach derExplosion eine grössere Wärmequelle aufgezeichnet, die nur von einer Explosionstammen konnte. Die Verbündeten der USA in Europa wussten dies offenbar nichtund tappten lange im dunkeln über die Ursache der erhöhten Radioaktivität.Die LöscharbeitenEs existieren einige Dokumentarfilmausschnitte, die die entsetzlichen Szenen desVersuchs der Eindämmung der Explosion zeigen. Die über dem brennenden Reaktorkreisenden Hubschrauber wollen das Feuer mit Sand und Beton löschen, die ersteneingesetzten Katastrophenhelfer, in der damaligen Sprache Liquidatoren genannt,sind junge Männer, eiligst herangekarrt aus allen Teilen der Sowjetunion. DieFeuerwehrleute - sie wuss-ten nichts -, wurden in den sicheren Strahlentod geschicktund dachten, es gäbe halt ein grösseres Feuer zu löschen.Die schwerverstrahlten Liquidatoren starben eines schrecklichen Todes. Eilig wurdensie noch nach Moskau in ein Spezialkrankenhaus gebracht, wo sie von ihren14


Angehörigen nicht besucht werden durften. Die Toten liegen auf einem Friedhof beiMoskau in -Mitinsk - unter Bleiplatten.Später wurde den Überlebenden echte Hilfe versagt, da man sie nicht einmalregistriert hatte. Eine offizielle Registrierung der Liquidatoren gab es erst seit 1989.Bis dahin war es Praxis, verfälschte Angaben über die Todesursachen zu machen, z.B. Tod durch Lungenentzündung. Heute spricht man von bis zu einer Million jungerMänner, die in Tschernobyl im Einsatz waren, 800 000 seien krank, 20 000 schongestorben.Die grossen 1.-Mai-Umzüge fanden am 1. Mai 1986 in Kiew programmgemäss statt.Bei schönstem Wetter waren grosse Mengen Menschen auf den Strassen, Umzüge,feierlich geschmückte junge Frauen. Sie alle setzten sich ohne ihr Wissen derRadioaktivität aus. Hätte man im Westen bei einer analogen Situation einen sogeschichtsträchtigen Umzug abgesagt? Das wird man nie wissen, doch mit demFinger auf die sowjetische Regierung zeigen sollte sich kein westliches Landerlauben, das am Atombombenbau ebenso wie an der nuklearen Aufrüstung beteiligtist. Die Atomtests, die die USA, England oder Frankreich, Israel oder auch Indiendurchgeführt haben - sie alle fordern ihre Opfer noch nach Jahrzehnten. Doch werzählt diese Toten?Evakuierung und RückkehrMan muss sich auch erinnern, dass die Evakuierung der Stadt Pripjat und später dergesamten Zone zum grossen Teil mit Autobussen vor sich ging, die in der Ukrainezusammengesammelt worden waren. Diese Fahrzeuge wurden nur in aller Eile undnotdürftig dekontaminiert. Viel zu gross war das Unglück. Zu gross die Panik, zuschwer die anderen zu bewältigenden Probleme nach dem Unfall. Kinder, alte Leute,Mütter - sie rissen sich nicht gerne los von ihrer vertrauten Umgebung und amwenigsten die Bauern in den Dörfern. Manche von ihnen kehrten bereits 1987 wiederin ihre Häuser zurück, hatten aber dann noch eine durchschnittliche Lebenserwartungvon 10 bis 20 Jahren. Die Kinder der Bauern kamen nicht mit zurück. Wir besuchtenein sehr altes Bauernehepaar, sie leben nur mit dem Allernötigsten: einem Schwein,einigen Apfelbäumen, einer Kuh beim Nachbarn. Sie lachen, ja, der Friedhof seinicht weit, deshalb seien sie hier. Niemand habe dann Mühe, sie ins Grab zu tragen.1987 seien sie mit 120 Menschen wieder ins Dorf zurückgekommen, am Anfangillegal, später legal; heute sind sie noch 18.Die Gefährdung dauert an ...Vor der Exkursion in die Zone der strikten Kontrolle besuchten wir ein kleinesZentrum für die ärztliche Betreuung von Liquidatoren und Evakuierten und ihrenFamilien. Inmitten einer Vorstadt, die von den dort lebenden Liquidatoren geprägtwird, arm wie alles andere ausserhalb des Zentrums von Kiew. Hier können Kinderund Erwachsene abklären lassen, ob ihre Schilddrüse in Ordnung ist, ob sie einenKnoten haben und wie hoch ihre innere Verstrahlung ist. Die offiziellen Datensprechen von 105000 Invaliden unter den Liquidatoren, d.h. von arbeitsunfähigen15


Männern im mittleren Alter. Die Ukraine sagte vor 10 Jahren, dass 3 MillionenMenschen vom Unglück betroffen waren. Auf vielen Dörfern werden Nahrungsmittelproduziert, die unzulässig hoch radioaktiv belastet sind. Die Verseuchung reicht weitüber die 30-Kilometer-Zone hinaus.Die Flüsse Pripjat und Dnjepr speisen den Kiew-See nördlich von Kiew. Beidefliessen durch die Zone, das AKW liegt in den wunderschönen Flussauen zwischenPripjat und Dnjepr. In Kiew hat man berechtigterweise Angst vor einem möglichenSinken des Wasserstandes des Djnepr oder vor einem wie immer geartetenAufwirbeln des Flusssediments. Im Sediment liegen die Radionuklide, vor allemStrontium, das Wasser darüber ist nicht belastet. Die Karpfen als pflanzenfressende,gründelnde Fische sind belastet. Auch bei einem allfälligen Hochwasser würde derradioaktiv verseuchte Sand und Erdboden aus dem Bereich der Zone mit dem Fluss indas Wasserreservoir von Kiew geschwemmt.Nach all dem, was unser Arbeitskreis bei den früheren und jetzigen Aufenthalten inBelarus und in der Ukraine erlebt, gehört, gesehen und erfahren hat, können wir unsder Aussage des WHO-Repräsentanten Repacholi nicht anschliessen, wonach «keinGrund zur Beunruhigung» bestehe. Die Krankheitsstatistiken der drei am schwerstenbetroffenen Länder sprechen eine allzu deutliche Sprache.Das Verlassen der Heimat ist bitterDer Mensch lebt nicht vom Brot allein, und als sozialpsychologisches Wesenbedeuten Wohnung und Heimat sehr viel für seine Existenz. Wenn es aber infolgeeiner Katastrophe in einem Kernkraftwerk notwendig wird, ein Gebiet mit einerFläche von 3000 bis 4000 km2 in wenigen Tagen zu entsiedeln, dann wären inDeutschland in Abhängigkeit von der Bevölkerungsdichte etwa 1 bis 1,5 MillionenMenschen davon betroffen.Diese Menschen müssten konstant mit sauberen Nahrungsmitteln und Wasserversorgt werden und könnten auf unabsehbare Zeit ihre alten Wohnstätten nicht mehrbetreten.Es ist offensichtlich, dass durch ein solches Ereignis sehr umfangreicheversorgungstechnische, medizinische und soziale Probleme in kurzer Zeit zubewältigen wären.R. MeierQuelle: Tiere im radioaktiven Strahlenfeld. Tschernobyl und seine Folgen, Band 2.Klitzschen: Elbe-Dnjepr-Verlag, 1994. ISBN 3-9803645-2-616


Der Sarkophag II ... und kein Geld für die krankenMenschenS.P. Der russische Physiker Tschetscherow war nach der Explosion des Reaktors imAuftrag des Kurtschatow-Instituts, Moskau, im Reaktor. Er sollte sich kundigmachen, wieviel im Reaktor verblieben ist. Sein Untersuchungsergebnis: Es ist fastnichts drin geblieben, fast alles ging in die Luft und die Umwelt. Tschetscherowsollte die Temperatur im Innern der Reaktorruine von einem Hubschrauber aus miteiner Wärmesonde messen. Sein Ergebnis war: Die Temperaturen innerhalb derRuine sind niedriger als ausserhalb. Die erwartete blubbernde Plutoniumschmelze -Fehlanzeige. Tschetscherow untersuchte die Räume oder was davon übrig war. Erging bis dorthin, wo früher der Kern des Reaktors gigantische Energiemengenerzeugte. Niemand hätte für möglich gehalten, dass man von dort lebend wiederzurückkommen kann.Nach der Ausstrahlung des Films «Tschernobyl - der Millionensarg» (Arte) erhieltTschetscherow erneut den Auftrag, in den Reaktor zu gehen, nochmals ein Gutachtenzu erstellen. Die Gruppe, die den Shelter - Sarkophag II - bauen will, wollte genaueDaten haben über den Verbleib des Kernbrennstoffes. Die Aussagen des Filmswerden bestätigt, rund 90% des Kernbrennstoffs sind weg, raus, über dem Reaktorwie eine verpuffende Atombombe explodiert.Im Jahr 2004/5 wurde das Gutachten «Atlas» fertig. Es wurde erfolgreich verteidigt,abgenommen und erhielt einen Preis für die ausgezeichnete Qualität der Arbeit.Lesen kann man es aber nicht. Warum wird es wohl nicht freigegeben? Inzwischensind die Verträge gemacht, einen Millionensarg, einen zweiten Sarkophag um dieReaktorruine zu bauen. Die Geberländer wollen 1,2 Milliarden US-Dollar dafürbezahlen, dass dieses Schandmal der Atomtechnik ein nettes Outfit bekommt, wie eingrosser Flugzeughangar wird es aussehen, aus blankem Metall - man hat die Sacheim Griff, Schluss mit dem Gejammer, «kein Grund zur Beunruhigung» ...Der Friedhof in MitinskWeit entfernt von Tschernobyl, auf einem kleinen Friedhof ausserhalb von Moskau,liegt ein Teil der Geschichte dieser Tragödie begraben. Wenn es jemals einePilgerstätte für die Opfer der Katastrophe gab, dann ist sie dort, denn auf demFriedhof von Mitinsk liegen die Menschen begraben, die in den Wochen nach derKatastrophe in der Moskauer Klinik Nr. 6 ihren schweren Verstrahlungen erlagen. Esist ein unauffälliger Ort. Keine Gedenkstätte, keine Inschrift erinnert an das, was dieMenschen verband, die hier ihre letzte Ruhe gefunden haben. Seite an Seite, wie siein jener Nacht gegen die Atomkatastrophe gekämpft hatten, liegen sie nun an diesemtraurigen Ort.17


Unweit vom Eingang, von der Hauptallee aus links, stehen mehrere Reihen gleicherGräber, weisse Marmortafeln mit goldenen Aufschriften. Die Geburtsdaten sindverschieden, die Todesdaten liegen fast ausnahmslos im Mai 1986. Hier liegen dieHelden und die Opfer von Tschernobyl, möglich, dass unter ihnen auch dieSchuldigen von Tschernobyl sind. Aber wer vermag diese schwierige, quälendeFrage schon zu beantworten im Angesicht ihrer Grabsteine? Der Tod hat sie allegleichgemacht und uns Lebenden das Recht auf nur ein einziges Gefühl gegeben: aufTrauer um den Verlust dieser jungen Menschenleben.Der Friedhof, heute ein Ort des ewigen Friedens, war damals Schmelztiegel desSchmerzes und der Trauer, Sinnbild für die Unbeherrschbarkeit des friedlichenAtoms und den Mut, der in manchen von uns steckt, oft tief verborgen, bis manschliesslich im Angesicht der Gefahr über sich hinauswächst. Der russischeLiedermacher Wladimir Wissotzki hat in einem seiner gefühlvollen Lieder gefragt:«Wie kann ein Mensch sich bewähren, da ruht des Krieges Geschrei?» Die Menschenvon Mitinsk haben diese Frage eindrucksvoll beantwortet.Die Särge dieser Toten wurden innen mit bleihaltiger Plastikfolie abgedeckt, überdem Sarg 1 Meter Betonplatten, mit Bleiverkleidung. Aber ihre letzte Ruhe wurdegestört. Leonid Toptunows Vater stand in diesen Wochen oft am Grab seineseinzigen Sohnes und weinte. Viele Leute gingen an ihm vorbei, manche riefen: «DeinHundesohn hat das Kraftwerk in die Luft gesprengt.» Wie schwer müssen jeneWochen für diesen Mann gewesen sein, der zuerst seinen Sohn einen qualvollen Todsterben sah und danach an dessen Grab miterleben musste, wie Leonids Andenkenbeschmutzt wurde?Grigori Medwedew besuchte den Friedhof am ersten Jahrestag der Katastrophe. Erbeschreibt, wie er von der Metrostation Planernaja aus noch 20 Minuten mit dem Buszum Dorf Mitinsk fuhr und dort die Totenstätte aufsuchte:«Die Gräber der Feuerwehrleute, es sind sechs, versanken in Blumen und Kränzenmit Aufschriften von Verwandten und Kollegen. Die Feuerwehrleute des Landesgedachten ihrer Helden. Die Gräber der Operatoren trugen weniger Blumen undüberhaupt keine Kränze. Dennoch sind auch sie Helden, denn sie taten alles, was inihren Kräften stand. Sie zeigten Mut und Tapferkeit und gaben ihr Leben. Auf denStelen der Feuerwehrleute waren goldene Sterne graviert. Über den Gräbern derOperatoren gab es keine Unterscheidungsmerkmale. Auch ihre Fotografien warenverschwunden. Nur das Grab von Leonid Toptunow trug noch ein Bild. Er war nochein Junge gewesen, mit rundem Gesicht und vollen Wangen. Sein Vater hatte anseinem Grab eine hübsche, kleine Bank aufgestellt. Sein Grab schien mir dasgepflegteste von allen zu sein. Ich dachte an die Toten, wie sie in ihren Zinksärgenliegen. Auf diese Weise kann nicht einmal die Erde ihr notwendiges Werk tun - diesterblichen Überreste der Toten in Staub zu verwandeln. Selbst den Tod hat dernukleare Teufel entstellt.»Eindrücke, zusammengestellt von Sebastian Pflugbeil18


Denkt an die Kinder!Julia Golenko, Schülerin der 9. Klasse, Mittelschule Nr. 18 der Stadt MogiljewImmer wenn ich etwas von Tschernobyl höre, muss ich an einen schreck-lichenTraum denken, den ich einmal hatte und von dem ich am ganzen Körper zitterndaufwachte. Ich ging einen Flur mit vielen Türen entlang, öffnete jede dieser Türenund sah, was sich hinter ihnen verbarg. Dort lagen körperlich unterentwickelte Kinderund weinende, abgemagerte und blasse Mütter. Die Kinder starben vor meinenAugen, verschwanden im Nichts. Als ich fragte, was das sei, antwortete man mir:«Das ist das, was sich noch lange auf dieser Erde fortsetzen wird.» Als ich in dasnächste Zimmer trat, befand ich mich am Rande einer Wüste und erblickte in derFerne ein grünes Licht, den einzigen hellen Fleck überhaupt. Dorthin rannte ich soschnell, wie wenn mich jemand jagen würde.Als ich von diesem Traum erzählte, konnte niemand eine Ähnlichkeit mit etwastatsächlich Existierendem feststellen. Jetzt aber ist mir klar geworden, dass ich dieTragödie von Tschernobyl träumte.Ich bete zu Gott, dass er den Menschen helfen möge, mit dieser Tragödie fertig zuwerden, damit es den mit nichts zu vergleichenden Kummer nicht gäbe, den eineunschuldige Mutter wegen der unheilbaren Krankheit ihres Kindes erleidet.Um leben zu können, brauchen Fische sauberes Wasser, Vögel saubere Luft, derMensch aber braucht das eine wie das andere. Alle brauchen eine saubere Erde. Es istnoch nicht zu spät, um zu Verstand zu kommen, die Kräfte zusammenzunehmen undnicht zuzulassen, dass sich eine weitere Havarie ereignet, die vielleicht nochschlimmer wäre als die von Tschernobyl. Ich wohne in der Stadt der «Grosschemie»mit erhöhter Verschmutzung durch alle möglichen Substanzen und Radionuklide, miteiner Atmosphäre, die vielfach gefährlich ist für die Gesundheit. Doch ich hoffe aufdas Beste, glaube an die Zukunft, an die Rettung der Menschheit durch die Einsicht.Ich bitte euch Erwachsene, verschlimmert nicht noch durch euer Nichtstun dasUnglück und lasst nicht zu, dass sich ein zweites Tschernobyl ereignet. Denkt an dieKinder, denen ihr das Leben schenkt, hier, auf diesem Stück Erde, wo unsereVorfahren beerdigt sind, in der heiligen, weissrussischen Erde.Quelle: Die Spur der schwarzen Wolke, S. 93 (vgl. Literaturliste Artikel 11)Freigesetzter Brennstoff und seine Auswirkungen AufBoden, Wasser, Luft, Pflanzen, Tiere und Nahrung19


Die Menge freigesetzten Brennstoffs bei der Explosion des Reaktors in Tschernobylwird auf 50 bis 250 Millionen Curie geschätzt. Das zerstörerische radioaktivePotential von mindestens 100 Atombomben wurde entfesselt.Welche Radionuklide wurden freigesetzt?Aus dem zerstörten Reaktor entwichen vor allem in den ersten zehn Tagen nach demUnfall mehr als 40 verschiedene Radionuklide. Für die Analyse der Folgen desUnfalls sind dabei vor allem Jod (I 131) und Cäsium (Cs 137) sowie Strontium (vorallem Sr 90) von Bedeutung. Etwa 50 Prozent des Reaktor-inhalts an Jod und 30Prozent des Cäsiums gelangten in die Atmosphäre. Durch die heissen Gase desbrennenden Graphitmantels wurden die radioaktiven Stoffe auch in Höhen von mehrals 1500 Metern getragen. Gesteuert von den unterschiedlichen Wetterverhältnissenin den Tagen nach dem Unfall, verteilte sich die Radioaktivität grossräumig inSkandinavien, Polen, auf dem Baltikum, aber auch in Süddeutschland,Nordfrankreich und England.In Weissrussland, Russland und der Ukra-ine verteilten lokale Regenschauer dieRadioaktivität ungleichmässig. So wurde das Gebiet um das weissrussische Gomel,im Nordosten von Tschernobyl, zum Teil so stark belastet wie Landstriche inunmittelbarer Umgebung des Reaktors. Hoch belastete «hot spots» liegen oft dichtneben nur gering belasteten Flächen.Vom Gesichtspunkt der Strahlenbelastung hatte Jod das grösste Gefahrenpotential derersten Wochen. Der Körper verwechselt das radioaktive Jod mit dem natürlichen,stabilen Element Jod. Er speichert es vor allem in der Schilddrüse.Radioaktives Cäsium mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren ist das bis heute ammeisten verbreitete Isotop. Zwischen 125000 und 146000 km2 gelten als mit Cäsiumbelastet. Eine langfristige radioaktive Belastung droht ausserdem durch Strontium (Sr90) mit einer Halbwertszeit von 29 Jahren sowie durch Plutonium (Pu 241) unddessen verschiedene Abbauprodukte. Einige davon werden in 24000 Jahren erst zurHälfte abgebaut sein.Die Folgen des Tschernobylunfalls für die Umwelt lassen sich nicht allein mit derräumlichen Ausdehnung der kontaminierten Gebiete beschreiben. Sowohl Cäsium alsauch Strontium und Plutonium werden über den Kreislauf Boden - Pflanze -Tier/Mensch weiterverbreitet. Andere Pfade der räumlichen Verteilung sind dieErosion durch den Wind, Waldbrände sowie die landwirtschaftliche Bearbeitung desBodens und der Transport durch die Flüsse.Folgen für den BodenDie Belastung der Böden wird von mehreren Faktoren beeinflusst: vom natürlichenZerfallsprozess der radioaktiven Isotope, von ihrer Beweglichkeit (Mobilität) imErdreich und von der Art des Bodens. So galten in Weissrussland, wo 70 Prozent desFallouts niedergingen, nach dem Unfall 1986 rund 22 Prozent des Landes als mit20


Cäsium 137 verstrahlt. Heutzutage beträgt diese kontaminierte Fläche noch immer 21Prozent.Dort, wo das Cäsium im Boden steckt, bleibt es über Jahre hinweg in den oberenSchichten des Erdreichs. Messungen aus dem Jahr 1996 zeigen, dass noch immer 90Prozent der strahlenden Last in den oberen 5 Zentimetern des Erdreichs deponiertwaren. Cäsium wird noch für lange Zeit in den Schichten bleiben, in denen diePflanzen wurzeln. Besonders hoch belastet sind nach wie vor die Waldböden.Wurzeln, Nadeln und Blätter haben die Radioaktivität wie ein Filter gespeichert.Fallen sie zu Boden, dann reichert sich die Strahlung dort an. Auch in Lehm- undSandböden wandert das Cäsium nur sehr langsam in die Tiefe, etwas rascher erfolgtder Austausch in tiefere Bodenschichten bei Torfböden.Mobiler als das Cäsium, leicht in Wasser löslich und dadurch viel schwererkalkulierbar ist Strontium. Dieses strahlende Element fand sich in den Böden der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor und in den Gebieten rund um Gomel undMogiljow. Experten gehen davon aus, dass bis zu 80 Prozent des Strontiums bereitsin den Naturkreislauf gelangt sind.Strontium-Spuren werden in Feldern der Südukraine nachgewiesen. Die Bauernhatten ihre Äcker mit Wasser aus dem Dnjepr bewässert. An einem der Nebenflüssedes Dnjepr, am Pripjat, liegt das Kernkraftwerk Tschernobyl.Folgen für Gewässer und LuftNeben dem Regen waren es die Flüsse - vor allem der Pripjat und der Dnjepr -, derenWasser die Radioaktivität in den ersten zehn Tagen nach dem Unfall auf derWasseroberfläche transportiert hat. In den grossen und mittleren Flüssen von Belarusist die radioaktive Belastung inzwischen so weit gesunken, dass die Grenzwerte fürdie gesamte Republik von 10 Becquerel/Liter nicht mehr überschritten werden.Für die Ukraine ist die radioaktive Belastung durch das Flusswasser dagegen nachwie vor ein grosses Problem, da die meisten Flüsse in Richtung Süden fliessen. Umdie Ausbreitung der Radioaktivität zu bremsen, wurden nach dem Unfall entlang desDnjepr Schutzdämme gebaut. Vor allem bei Hochwasser wird nach wie vorRadioaktivität vom Festland ausgewaschen. Dies ist vor allem eine Bedrohung für die30 Millionen Menschen, die aus dem Gebiet des Dnjepr-Bassins ihr Trinkwasserbeziehen.Messungen zeigen, dass sich die Radioaktivität in den Flusssedimenten konzentrierthat. Das gilt vor allem für stehende Gewässer wie Seen und Teiche. Trotzgigantischer Werte von bis zu 1 Million Becquerel pro Kubikmeter Schlamm,beispielsweise in den Gebieten von Gomel und Mogiljow, wird jedoch auch dortnoch geangelt. Die Seen spielen eine bedeutende Rolle in der Verstrahlung derBevölkerung über die Nahrungskette.Als potentielle Bedrohung für das Grundwasser gilt in beiden Ländern das beimUnfall freigesetzte Strontium, da es viel rascher in tiefere Erdschichten gewandert istals Cäsium. Zwar werden beim Grundwasser in Belarus, so die offiziellen Messungen21


der Regierung, die Grenzwerte nicht überschritten. Die durchschnittlicheKonzentration der Radionuklide im Grundwasser von Belarus ist in den 16 Jahrenseit dem Unfall in Tschernobyl um das 10- bis 100fache gegenüber den Werten vordem GAU gestiegen. Die Radioaktivität über die Wassereinzugsgebiete der grossenFlüsse ist längst bis zu den Erdschichten vorgedrungen, in denen das Grundwasserentsteht. Man rechnet in allen Gewässern mit2- bis 35mal mehr Strontium als Cäsium.Im 30-Kilometer-Sperrgebiet um den Reaktor und in sechs Bezirken südlich vonGomel sowie in einem Bezirk in der Nähe der Stadt Mogiljow fürchten Staat undExperten überdies eine Belastung des Grundwassers durch Americium. In diesesIsotop verwandelt sich Plutonium. Americium wandert schneller als das Plutonium intiefere Bodenschichten. In 433 Jahren wird erst die Hälfte des Americiums abgebautsein.Ist die Luft in den kontaminierten Gebieten noch belastet?Mit Ausnahme von Gebieten innerhalb der Sperrzone ist die Atemluft in denkontaminierten Gebieten heute unbelastet. Problematisch sind bis heute - auchausserhalb der belasteten Gebiete - Kontaminationen durch das Aufwirbeln der Erdebeim Pflügen, durch Waldbrände und durch Winderosion.Folgen für die PflanzenAllein in Weissrussland wurden 18000 km2 landwirtschaftlicher Fläche radioaktivbelastet, 2640 km2 können nicht mehr bewirtschaftet werden. In der Ukraine war vorallem der Wald betroffen: 35000 km2 Wald - 40 Prozent der Forste - wurdenverstrahlt. In den Forsten haben die Nadel- und Laubbäume die Radioaktivität wie einFilter aufgenommen. Der Fallout konzentrierte sich zunächst dort. Mit denabgestorbenen Blättern und Nadeln ist die Belastung inzwischen in den Bodengewandert.Am stärksten belastet sind zurzeit typische Waldpflanzen wie Beeren, Pilze,Heidekraut, Flechten und Farne. Dies gilt bereits für Gebiete mit einer geringenBelastung von 1 bis 2 Curie/km2.Andere Pflanzen und Gräser sind je nach Art, Form der Wurzeln undBodenbeschaffenheit unterschiedlich hoch belastet. Pflanzen mit flachen Wurzelnsind stärker betroffen, als wenn sie ihre Nährstoffe mit einer Pfahlwurzel aus tiefenBodenschichten holen. Dort, wo Böden arm an Mineralstoffen sind, nehmen diePflanzen besonders viel Cäsium auf, da sie es mit dem Mineralstoff Kaliumverwechseln.Offenbar spielt es auch eine Rolle, wie stark der Boden bearbeitet wird: So ist dieVegetation auf Wiesen und Weiden, die nicht umgepflügt werden, 3- bis 5mal mehrbelastet als Weizen und Kartoffeln von Ackerland, das jährlich neu bestellt wird.22


Wissenschaftler des Friedrich-Miescher-Instituts in Basel haben 14 Jahre nach derKatastrophe auf einem Feld neben dem Reaktor und in 30 Kilometer EntfernungWeizen gepflanzt. Bereits nach 10 Monaten oder einer Generation zeigten diePflanzen eine Muta-tionsrate von 6,63 Promille. Auf dem Kontrollfeld betrug dieRate nur 1,03 Promille.Folgen für die TiereUnter den Haus- und Hoftieren reichern vor allem Gras- und Heufresser wie Küheund Ziegen die Radioaktivität in ihrem Körper, in Fleisch und Milch an. Hinzukommt, dass es in den Waldgebieten von Weissrussland üblich ist, die Kühe aufWaldweiden zu treiben, die noch stärker als die Wiesen kontaminiert sind.In den belasteten Waldgebieten ist das Wild nach wie vor stark verstrahlt, weil es sichvon kontaminierten Flechten, Beeren und Pilzen ernährt. Unter den Waldtieren sinddie Raubtiere Wolf und Fuchs bis zu 12mal höher belastet als die grasfressendenTiere.In den Flüssen und Seen hat sich die Radioaktivität vor allem in denBodenablagerungen konzentriert. Hier werden in Weissruss-land Werte bis zu 1Million Becquerel pro Kubikmeter Schlamm gemessen. Da sich Fische ihre Nahrungin diesem Schlamm suchen, sind auch sie hoch belastet.Folgen für die NahrungDie hohe radioaktive Belastung von Pilzen, Beeren, Wild und Fisch sowie dieKontamination von Gras und Heu als Futter für Milchkühe sind nach wie vor dieHauptbelastungspfade für die Nahrung. Durch unbelastetes Heu und Zusatzfutter(Sorbenten) sowie die Begrenzung der Weidezeit kann die Belastung von Milch undFleisch gesenkt werden. Entsprechende staatliche Programme existieren sowohl inBelarus als auch in der Ukraine. Zentrales Problem der landwirtschaftlichenProduktion und damit der Ernährung sind die kleinen Bauern, die für ihren eigenenBedarf wirtschaften.Als Risikogruppe gelten in allen drei Ländern die Menschen, die sich mitselbstproduzierten und gesammelten Lebensmitteln versorgen. Das sind vor allemFamilien mit vielen Kindern auf dem Land sowie Jäger und Förster. DieVerstrahlungsdosis von Bauernfamilien kann um ein Mehrfaches diedurchschnittliche Dosis der sonstigen Bevölkerung übertreffen. Verbote des Angelnsoder der Jagd in verseuchten Territorien seien wenig effektiv.Physikalische GrundlagenAktivität: Physikalische Grösse, die angibt, wieviel radioaktive Zerfälle pro Sekundestattfinden. Die Einheit der Aktivität ist das Becquerel (Bq). 1 Bq bedeutet also, dass1 Zerfall pro Sekunde stattfindet.23


Alpha-Strahlung: Bestimmte Atomkerne senden einen Heliumkern (He 4)(bestehend aus zwei Protonen und zwei Neutronen) aus. Kernladungszahl undNeutronenzahl des ursprünglichen Atomkerns reduzieren sich also um jeweils zwei,es entsteht ein anderes chemisches Element.Alpha-Strahlung hat nur eine geringe Reichweite (z. B. in Luft meist nur wenigeZentimeter), ist innerhalb des menschlichen Körpers auf einer kurzen Strecke aber inder Lage, sehr viele Atome zu ionisieren und die benachbarten Zellen stark zuschädigen, man spricht von dicht ionisierender Strahlung.Atombombe (genauer: Kernspaltungswaffe): Bei einer unkontrolliertenKettenreaktion wird alles spaltbare Material (Uran oder Plutonium) innerhalbkürzester Zeit unter Energiefrei-setzung gespalten, es kommt zur Explosion. Diedabei freigesetzte Energie entspricht oft mehreren zehntausend Tonnen einesherkömmlichen chemischen Sprengstoffs.Atome (von griechisch atomos: unteilbar): Sie sind mit chemischen Mitteln nichtweiter zerlegbar und bilden die Bausteine für die Materie. Jedes Atom ist aufgebautaus Atomkern und Atomhülle. Atome unterscheiden sich durch die Anzahl derElektronen in der Atomhülle bzw. (was zahlenmässig das gleiche ist) von der Anzahlder Protonen im Atomkern (auch Kernladungszahl). Demnach sind sie elektrischneutral. Elektronen- bzw. Protonenzahl sind immer gleich (ausser bei ionisiertenAtomen) und bestimmen die Position eines Atoms im Periodensystem derchemischen Elemente.Atomhülle: Umgibt den Atomkern und bildet den Aufenthaltsort der Elektronen.Durchmesser etwa 10-10 m. Damit ist der Durchmesser 100000mal so gross wie derdes Atomkerns. Das entspricht der Grösse eines Fussballfeldes im Vergleich zu einerErbse.Atomkern (auch Nukleus): Kompaktes Inneres des Atoms. Er ist aufgebaut ausProtonen und Neutronen, den sog. Nukleonen, und versammelt jeweils über 99% derMasse des gesamten Atoms auf extrem kleinem Raum (Durchmesser des Atomkerns:etwa 10-15 m, das ist der trilliardste Teil eines Meters), hat also eine extrem hoheDichte.Obwohl er u.a. aus Protonen besteht, die sich elektrisch abstossen, wird der Kerndurch die sog. Kernkraft zusammengehalten. Diese wirkt nur zwischen Nukleonen.Atomkraftwerk (oder Kernkraftwerk): In einem Reaktor werden die Atomkernebestimmter Isotope mit Hilfe einer kontrollierten Kettenreaktion gespalten. Dabeiwerden weitere Neutronen freigesetzt, die aber zu schnell sind, um weitereAtomkerne zu spalten. Deshalb benötigt man einen sog. Moderator, der sie abbremst.Bei der Kettenreaktion entstehen weitere, meist radioaktive Isotope (z. B. Strontium90, Iod 131 und Cäsium 137) mit z.T. langen Halbwertszeiten, die als Abfalldauerhaft aus der Biosphäre verbannt werden müssen. Für diese sog. Endlagerunggibt es bislang weltweit kein praktikables Konzept.24


Die bei der Spaltung in Form von Wärme freigesetzte Energie wird benutzt, umWasserdampf zu erzeugen, der einen Generator (ähnlich einem Dynamo) antreibt.Dieser produziert dann elektrische Energie.Beta-(Minus-)Strahlung: Bestimmte Atomkerne senden ein Elektron aus beigleichzeitiger Umwandlung eines Neutrons in ein Proton. Die Neutronenzahl wirdalso um 1 reduziert, die Protonenzahl um 1 erhöht. Die abgestrahlten Elektronenhaben in Luft meist eine Reichweite von mehreren Metern und in biologischemGewebe von einigen Zentimetern. Wie die anderen ionisierenden Strahlungsartenkann bereits ein Beta-Minus-Teilchen eine Krebszelle erzeugen.Biologische Halbwertszeit: Bezeichnet die Zeitspanne, nach der eine bestimmteSubstanz, die in den menschlichen Körper gelangt ist, zur Hälfte wiederausgeschieden wurde.Cäsium 137: Hat eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren und ist das durch denReaktorunfall von Tschernobyl am meisten verbreitete radioaktive Isotop. Es ist einBeta- bzw. Gamma-Strahler. Es wird vom Menschen z.B. über die Nahrungaufgenommen und nach etwa 80 Tagen ist erst die Hälfte wieder ausgeschieden.Dosis: Bezeichnet die Menge an Strahlungsenergie, die von einem KilogrammMaterie bzw. biologischem Gewebe aufgenommen wird. Die physikalische Einheitist 1 Gray (Gy).Dosimeter: Es dient zur Messung der Strahlendosis.Elektromagnetische Wellen bzw. Strahlung: Funkwellen (z.B. für Radio oderFernsehen), Handywellen, sichtbares Licht, UV-Licht, Mikrowellen, Röntgen- undGamma-Strahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Sie unterscheidensich lediglich in ihrer Energie, Wellenlänge und Frequenz. So kann normales Lichtkeine Hautzellen schädigen, hartes UV-Licht jedoch sehr wohl, und Röntgen-Strahlung gehört bereits zur ionisierenden Strahlung. Elektromagnetische Strahlungbesteht nicht aus Teilchen, sondern aus Energiepaketen, den sogenannten Photonen.Elektron: Sehr kleines, negativ geladenes Teilchen. Bildet die Atomhülle und ist fürdie chemischen Bindungen verantwortlich.Gamma-Strahlung: Elektromagnetische Strahlung, ähnlich der Röntgenstrahlung,nur noch energiereicher. Sie hat eine grosse Reichweite und ist nur schwerabzuschirmen. Am besten geschieht dies durch Blei. Obwohl diese Strahlung alslocker ionisierend bezeichnet wird, kann auch sie Zellen irreparabel schädigen.Halbwertszeit: Bezeichnet den Zeitraum, innerhalb dessen die Hälfte einerradioaktiven Substanz zerfallen ist.Nach zwei Halbwertszeiten ist also nur noch ein Viertel der ursprünglichen Substanzvorhanden. Nach vier Halbwertszeiten existiert nur noch ein Sechzehntel desursprünglichen radioaktiven Materials und kann damit oft vernachlässigt werden.Allerdings entstehen beim Zerfall oft weitere radioaktive Isotope, die alle wieder ihreeigene Halbwertszeit haben.25


Instabiler Atomkern/radioaktives Isotop: Atomkern, der sich unter Aussendungvon radioaktiver Strahlung umwandelt, man sagt auch: Er zerfällt. Dieser Prozesskann nicht durch äussere Einflüsse beeinflusst werden.Iod 131: Ist ein Beta- und Gamma-Strahler und hat eine Halbwertszeit von achtTagen. Bei dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurde viel davon freigesetzt undvom Menschen v.a. über die Luft aufgenommen, um dann in den Schilddrüsengespeichert zu werden. Die biologische Halbwertszeit beträgt 120 Tage, d.h. dass indiesem Zeitraum auf Grund der kürzeren physikalischen Halbwertszeit bereits allesIod 131 zerfallen ist. Die Schilddrüse erhält während dieser Zeit eine sehr hoheDosis.Ion: Ionen sind elektrisch geladene Atome. Man erreicht dies, indem man derAtomhülle ein Elektron entzieht oder hinzufügt, man erhält ein positives odernegatives Ion.Ionisierende Strahlung: Strahlung, die in der Lage ist, neutrale Atome durch Zufuhrvon Energie in geladene Atome (Ionen) umzuwandeln, heisst ionisierend. Beispielefür ionisierende Strahlung: Röntgenstrahlung, Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung.Elektromagnetische Strahlung von Handys ist z.B. nicht ionisierend, obwohl auchhier Energie abgeben wird, diesmal aber in Form von Wärme.Isotop: Bei gleicher Kernladungszahl Z (und damit gleicher Elektronenzahl in derAtomhülle, also bei gleichen chemischen Eigenschaften) kann der Atomkern einesElements eine unterschiedliche Anzahl von Neutronen besitzen. Damit sind die Kerneunterschiedlich schwer. Beispiel: Wasserstoff (H 1) besitzt ein Proton und keinNeutron im Kern. Mit einem Neutron zusätzlich bleibt es chemisch Wasserstoff,dieses Isotop heisst aber jetzt schwerer Wasserstoff (oder Deuterium) (H 2) und istannähernd doppelt so schwer wie normaler Wasserstoff.Kernfusion: Hierbei werden Isotope mit geringer Massenzahl miteinanderverschmolzen. Dadurch entstehen neue chemische Elemente unter Aussendung vonEnergie. Dieser Prozess ist für die Energieabgabe unserer Sonne zuständig.Kernladungszahl Z: Gibt die Anzahl der Protonen im Atomkern an.Kernspaltung: Durch Beschuss von bestimmten Isotopen mit langsamen Neutronenkönnen erstere dazu gebracht werden, sich zu spalten und dabei Energie freizusetzen.Kernspaltung zur Energiegewinnung ist nur bei Isotopen mit grosser Massenzahl(z.B. einige Uranisotope) möglich.Kettenreaktion: Bei der Kernspaltung werden neben Energie auch Neutronenfreigesetzt, die dazu dienen können, weitere Atomkerne zu spalten. Unter anderemwird bei der Spaltung von Uran 238 pro gespaltenem Atomkern im Schnitt nurwieder 1 weiteres Neutron benutzt, um einen weiteren Urankern zu spalten. Manspricht dann von einer kontrollierten Kettenreaktion. Passiert dies schlagartig, werdenalso nahezu alle spaltbaren Atomkerne innerhalb kürzester Zeit gespalten, wird auchdie Energie schlagartig freigesetzt. Dieses Prinzip benutzt man beim Bau vonAtombomben.26


Moderator: Er dient in einem Atomkraftwerk dazu, schnelle Neutronenabzubremsen. Meist wird dazu Wasser benutzt, in russischen Atomkraftwerken aberhäufig auch Graphit, eine besondere Art Kohlenstoff.Massenzahl (A): Gesamtzahl der Kernbausteine (Nukleonen). Sie wird aus derSumme der Protonenzahl Z und Neutronenzahl N (A = Z + N) gebildet. DieMassenzahl wird oft hinter der Abkürzung des chemischen Elements angegeben (z.B.Uran mit 92 Protonen und 143 Neutronen: U 235)Neutron: Bildet zusammen mit den Protonen den Atomkern. Es ist elektrisch neutralund etwas schwerer als ein Proton. Die Anzahl von Neutronen im Atomkern heisstNeutronenzahl N.Neutronenzahl N: Gibt die Anzahl der Neutronen im Atomkern an.Nukleonen oder Kernbausteine: Sie bilden den Atomkern. Es gibt zweiverschiedene Arten von Nukleonen: Protonen und Neutronen. Nur zwischen ihnenwirkt die Kernkraft, die sie gegenseitig anzieht.Periodensystem der chemischen Elemente: Tabellarische Auflistung derverschiedenen Atomsorten. Sie unterscheiden sich in ihren chemischenEigenschaften, welche durch die Anzahl der Elektronen in der Atomhülle (alsoletztlich durch die Kernladungszahl Z) bestimmt werden. Das Periodensystembeginnt beim ersten Element (Wasserstoff, chem. Abkürzung: H) mit einem Protonim Atomkern bzw. einem Elektron in der Atomhülle und endet (vorläufig) mit demkünstlich hergestellten, äusserst kurzlebigen Element 112 mit 112 Protonen imAtomkern.Plutonium: Künstlich hergestelltes, auf der Erde (nicht mehr) natürlichvorkommendes, radioaktives Element, welches chemisch extrem giftig ist. Plutonium239 kann durch Neutronen gespalten werden und wird zum Bau von Atombombenbenutzt. Es hat eine Halbwertszeit von 24000 Jahren.Proton: Es ist etwa 1800mal so schwer wie ein Elektron, elektrisch positiv geladen,mit genau entgegengesetzter Ladung wie das Elektron. Die Anzahl von Protonen imAtomkern heisst Kernladungszahl Z.Radioaktiver Zerfall: Umwandlung eines instabilen Atomkerns unter Aussendungvon radioaktiver Strahlung. Meist entsteht danach ein wiederum instabiler Atomkern.Der Prozess ist erst beendet, wenn ein stabiles Isotop entstanden ist.Radioaktivität: Beim radioaktiven Zerfall wird immer Strahlung freigesetzt. Diefreigesetzte Strahlung (Alpha-, Beta- und Gamma-Strahlung) kann z.B. menschlicheZellen schädigen, da diese durch Energie der Strahlung auf atomarer bzw.molekularer Ebene verändert werden können.Stabiler Atomkern/stabiles Isotop: Atomkern, der nicht radioaktiv ist und sichdemnach nicht umwandeln kann.Strontium 90: Ist ebenfalls nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl in die Biosphäregelangt und wird über die Nahrung aufgenommen. Es hat eine Halbwertszeit von27


etwa 30 Jahren und ist ein Beta-Strahler. Es wird im menschlichen Körper teilweisein die Knochensubstanz eingebaut und verbleibt demnach viel länger im Körper alsCäsium. Die biologische Halbwertszeit beträgt 20 bis 40 Jahre.Uran: Radioaktives Element, welches drei Isotope mit so grossen Halbwertszeitenbesitzt, dass sie noch natürlich vorkommen und bergmännisch abgebaut werdenkönnen. Nur U 235, welches im natürlich vorkommenden Urangestein einen Anteilvon lediglich 0,72% besitzt, kann durch Neutronen gespalten werden. Es wird inKernkraftwerken und Atombomben als spaltbares Material benutzt.(TB)Einschätzung der Strahlenschäden durch ICRP mussrevidiert werdenBeobachtungen der Tschernobylfolgen geben Hinweise aufkorrekte Kriterien für den Strahlenschutzvon Inge Schmitz-Feuerhake, European Committee on Radiation Risk (ECRR)Diesen Beitrag widme ich dem Andenken von Frau Prof. Dr. Hedi Fritz-Niggli, dieim Mai 2005 verstorben ist.Der absolute Schutz des ungeborenen Lebens vor den Einwirkungen vonRöntgenstrahlung und Radioaktivität war in den Frühzeiten der Strahlenforschung einehernes Prinzip. Demgegenüber behauptet die InternationaleStrahlenschutzkommission ICRP, das richtungsweisende Beratergremium derIndustrienationen, unter 100 mSv bestünde kein Risiko. Diese Dosis entspricht dem100-fachen des Jahresgrenzwerts für die Bevölkerung oder 100 Röntgenaufnahmen.Zahlreiche Beobachtungen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl bestätigenjedoch, dass die Einschätzung der ICRP nicht haltbar ist, und machen eineRückbesinnung auf frühere Strahlenschutzkriterien erforderlich.Bei der Einschätzung der Folgen einer vorgeburtlichen Exposition durch ionisierendeStrahlung stützen sich internationale und nationale Strahlenschutzgremien auf dieBefunde an den japanischen Atombombenüberlebenden. Bei diesen wurdenBeeinträchtigungen der Intelligenz und verminderter Kopfumfang festgestellt, jedochkeine weiteren signifikanten Effekte. Als Risikoperiode gilt die 8. bis 15.Schwangerschaftswoche.Die Internationale Strahlenschutzkommission ICRP nimmt in ihrer Publikation Nr.90 von 2003 für diese Effekte eine Schwellendosis von 100 mSv an, das heisst, beiBestrahlung unterhalb dieses Dosiswertes werden keine Folgeschäden erwartet. DieseAuffassung steht im Gegensatz dazu, dass die Entwicklungsphase der Lebewesen inden frühen Zeiten der Strahlenforschung und noch lange danach als dieempfindlichste angesehen wurde.28


Ergebnisse der Zürcher Strahlenbiologen Fritz-Niggli und Michel sowie andererForscher vor dem Tschernobylunfall 1986Strahleninduzierter Krebs geht nach allgemeiner Auffassung von einer einzigengenetisch veränderten Zelle aus. Eine solche Mutation kann im Prinzip durch einebeliebig kleine Dosis - genaugenommen durch ein einzelnes Strahlenquant (a, b, goder Röntgen) - ausgelöst werden. Die ICRP hat dafür den Begriff des«stochastischen Schadens» geprägt. Wird ein grosses Kollektiv mit einer geringenDosis bestrahlt, lässt sich nicht vorhersagen, bei welchem Individuum der Schadeneintritt, nur eine Wahrscheinlichkeit lässt sich angeben. Die Anzahl der Schadensfällesteigt mit der Gesamtdosis, jedoch bei der halben Dosis gibt es immer noch die halbeSchadensrate. Daher besteht kein Schwellenwert, die Dosiswirkungskurve beginnt abder Dosis Null zu steigen.Für strahleninduzierte Entwicklungsschäden kommen andere Primäreffekte undWechselwirkungen in Betracht. Wie man sich vorstellen kann, sind die biologischenFolgen sehr stark vom Stadium der Entwicklung abhängig. Beobachtet werden zweiKlassen von Schädigungen: a) das vorzeitige Absterben der Frucht, b) Missbildungenvon Organen oder des Körperbaus und fehlerhafte Organfunktionen.Ein Schema der Entwicklungsstörungen in ihrer Häufigkeit in den wesentlichen dreiEntwicklungsperioden zeigt Abbildung 1:Abb. 1: Entwicklungsstörungen nach Bestrahlung von Säugetieren in utero (ausFritz-Niggli 1997); d = days (Tage)Diese Angaben beruhen auf einer umfangreichen tierexperimentellen Forschung, diegrossenteils bereits in den 60er Jahren durch Rugh und andere internationale Forschererfolgte und ein sehr breites Spektrum an Missbildungen ergab. Eine Aufstellungdamals bekannter Effekte beim Menschen zeigt Tabelle 1. Diese wurden teils nachhöheren Strahlendosen erhalten (Strahlentherapie), teils auch nachRöntgendiagnostik:Mikrozephalie (Unterentwicklung von Gehirn und Schädel)Nystagmus (Augenzittern)29


Hydrozephalus (Wasserkopf)Porenzephalie (Lückenbildung im Grosshirn)Geistige BehinderungDownsyndromSchwachsinnDefekte der SchädelknochenentwicklungSchädelmissbildungMikromelie (Kleinheit der Gliedmassen)Microphthalmus (Unterentwicklung des Aug-apfels)11.Microcornea (Kleinheit der Netzhaut)Kolobom (Spaltbildung bei einem Organ)Strabismus (Schielen)Katarakt (Grauer Star)Chorioetinitis (Entzündung der Ader- oder Netzhaut des Auges)TotgeburtenVermindertes GeburtsgewichtSäuglings- und KindersterblichkeitOhranomalienSpina bifida (Spaltbildung in der WirbeGaumenspalteMissbildungen der ArmeKlumpfussVerminderte FingerzahlSyndaktylie (Verwachsung von FingernHypermetropie (Übersichtigkeit, zu kurAmelogenesis (Zahnschmelzbildung)Unvollständige ZahnentwicklungMissbildung der GenitalienTabelle 1: Beim Menschen beobachtete Effekte nach vorgeburtlicherRöntgenbestrahlungDie Frage, eine wie geringe Dosis bereits einen der beobachteten Schäden auslösenkann, wurde zunächst anhand von Tierversuchen beantwortet. Während die Expertender deutschen Strahlenschutzkommission sich ausschliesslich auf den sicherenSchwellenwert einschworen, waren andere Forscher wie die Zürcher StrahlenbiologinFritz-Niggli und ihr Mitarbeiter Michel der Auffassung, dass auch stochastischeEffekte zu erwarten sind. Denn es ist kaum vorstellbar, dass es im vorgeburtlichenLeben nicht Stadien geben soll, wo einzelne Treffer in einer Zelle zuEntwicklungsschäden führen. In ihren eigenen Untersuchungen fanden sie eine Reiheverschiedener Missbildungen noch bei 10 mSv. Dazu verwendeten sieRöntgenstrahlen, die als «locker ionisierend» eingestuft werden und biologischweniger wirksam sind als Alphastrahlung.Tabelle 2 zeigt minimale Dosen an, bei denen noch Defekte im Tierversuchbeobachtet wurden, wobei hier nur Ergebnisse unterhalb von 100 mSv, dem ICRP-Schwellenwert, aufgeführt sind. (Sie bedeuten nicht, dass unter diesen Werten keineEffekte auftreten können.):30


Dosis mSvTage nachBefruchtungEffekteAutorenMaus105050508 Gesamtschädigungsrate Michel, Fritz-Nig0,5 Embryonaltod Rugh, Grupp 10,5 u. 1,5 Embryonaltod, Polydaktylie Ohzu, Makino7,5 Embryonaltod, Skelettanom. Jacobsen 19Ratte105018 Reflexstörungen UNSCEAR 19 und 16 h Fetaltod Roux u.a. 19Tabelle 2: Kleinste Dosis, bei der Effekte im Tierversuch nach Bestrahlung in uterogefunden wurden (aus: Fritz-Niggli 1997, Zitate: siehe dort)Ergebnisse der Untersuchungen an den japanischen AtombombenüberlebendenErst etwa 40 Jahre nach den Atombombenexplosionen in Hiroschima und Nagasaki1945 bildete sich die heute bestehende Lehrmeinung über vorgeburtlich erzeugteEntwicklungsstörungen beim Menschen heraus, wonach signifikante Effekte beimittleren Strahlendosen nur auf Schädelbildung und Zentralnervensystem zuerwarten sind. Letztere äussern sich als Minderungen der Intelligenz bis hin zumSchwachsinn, wobei sich als empfindlichste Bestrahlungsperiode die 8. bis 15.Schwangerschaftswoche ergab (Miller 1990, Yamasaki 1990). Nach Exposition vorder 8. Woche wurden keine Effekte registriert.Auch in der niedrigsten Dosisgruppe unterhalb 10 mSv wurden zwei Fälle vonSchwachsinn registriert (siehe Abb. 2):31


Abb. 2: Häufigkeit schwerer geistiger Behinderung bei in utero exponiertenÜberlebenden von Hiroschima und Nagasaki in Abhängigkeit von der Dosis und vomEntwicklungsstadium bei Bestrahlung (aus Yamasaki 1990). Die vertikalen Linienstellen die 90-%-Vertrauensbereiche der Werte dar.Der Dosiswirkungszusammenhang könnte aus diesen Messwerten nach der 8. bis 15.Schwangerschaftswoche ebensogut ohne Schwelle wie mit Schwelle konstruiertwerden. Daher halten die Autoren die Schwellwertfrage anhand der Daten nicht fürentscheidbar.Die Verminderung des IQ mit der Dosis wird zu 21 bis 29 Punkten pro Sv angegeben(Miller 1990). Für diesen Effekt wurde ein dosisproportionaler Zusammenhanggefunden, ohne erkennbare Schwelle.Es ist daher nicht nachvollziehbar, wie die ICRP anhand dieser Datenlage zu ihrerSchwellwertfeststellung kommt. Die japanischen Überlebenden stellen ohnehin keinegeeignete Vergleichsgruppe zu einer Normalbevölkerung dar, da sie nicht nur untereiner Strahlenbelastung zu leiden hatten, sondern unter Verletzungen, demZusammenbruch der gesamten zivilen Ordnung für Wochen und Monate, demVerlust von Verwandten, Wohnung, Nahrung und einer medizinischen Versorgung.Man muss daher annehmen, dass bei den Schwangerschaften nach demAtombombenfall erheblich mehr Todesfälle bei Müttern, Feten und Neugeborenenauftraten als normalerweise und dass dadurch u.a. nur eine vergleichsweise geringeAnzahl von strahleninduzierten Fehlbildungen evident wurde und einevergleichsweise geringe spätere Kindersterblichkeit. Dies wird bestätigt durchUntersuchungen von Stewart und Kneale (1993), die herausfanden, dass sich in demKollektiv der nachuntersuchten Überlebenden vergleichsweise viel zu wenigePersonen im Kindesalter unter 10 Jahren befanden und dass in der Gruppe der inutero exponierten der Anteil derjenigen unterhalb 8 Wochen bei Bestrahlung zugering war.32


Auch wurden sich die Forscher der Tatsache bewusst, dass die Auskünfte derÜberlebenden nur eingeschränkt verlässlich waren, da diese Personen gesellschaftlichdiskriminiert wurden und insbesondere Schädigungen ihrer Kinder nicht angaben, umdie Heiratschancen der Geschwister nicht zu gefährden (Yamasaki 1990).Besonders gravierend ist aber darüber hinaus, dass die Exposition bereits fünf Jahrezurücklag, als die Erfassung der Schwangerschafts- und Geburtsdefekte begann. Dasamerikanisch-japanische Forschungsinstitut in Hiroschima, auf dessen langjährigeUntersuchungen sich die Angaben der ICRP beziehen, nahm erst 1950 seine Arbeitauf.Teratogene Effekte nach der Reaktorkatastrophe von TschernobylDer Schwellwerthypothese widersprechen eine Reihe von Beobachtungen an anderenmenschlichen Kollektiven, die nach diagnostischen Massnahmen oder nachradioaktiven Umweltverseuchungen gemacht wurden. Besonders auffällige Folgenzeigte der Tschernobylunfall.Am 26. April 1986 kam es zu einem Super-GAU in einem Block desKernenergiekomplexes Tschernobyl in der Ukraine, auf Grund dessen radioaktiveWolken bis nach Westeuropa gelangten. Nach Auffassung internationalerStrahlenschutzgremien sind in den kontaminierten Bevölkerungen - ausserSchilddrüsenkrebs - keine Strahlenschäden zu beobachten. Teratogene Effekte hältman a priori wegen der Schwellwertthese für ausgeschlossen, da die geschätztenUterusdosen im allgemeinen weit darunterliegen.Tabelle 3 enthält eine Zusammenstellung publizierter Ergebnisse. Ausser in dendirekten Anrainerländern Ukraine und Weissrussland wurden im zum Teilhochkontaminierten Nachbarland Türkei Fehlbildungen gemeldet. Erstaunlich sinddie Effekte in weit entfernten europäischen Ländern. Es bestätigen sich die besondershohen Wirkungen auf das Zentralnervensystem, die auch in Hiroschima undNagasaki auftraten. Darüber hinaus zeigt sich ein breites Spektrum weitererFehlbildungen und Defekte:Region Art der Effekte ReferenzenWeissrusslandZentralregisterAusgewählteRegionenAnenzephalie, offener Rücken, Lazjuk u.a. 1997Lippen-/Gaumenspalten,Polydaktylie, VerkümmerungvonGliedmassen, Petrova u.a. 1997DownsyndromKongenitale Fehlbildungen,Perinatalsterblichkeit*, AnämieWeissrussland Verzögerte geistige Kondrashenko u.a. 1996Entwicklung,33


Intelligenzminderung ychik, Stozharov 1999a,bErkrankungen im Kindesalter,Kolominsky u.a. 1999Störungenvon OrganfunktionenGestörte Sprachentwicklung,IntelligenzminderungWeissrussland,belastetes Gebiet GomelChechersky-Distriktbei Gomelhoch Kongenitale FehlbildungenBogdanovich 1999;Savchenko 1995Kongenitale Fehlbildungen,Kulakov u.a. 1993Perinatalsterblichkeit,verminderte Geburtenrate**,Erkrankungen im KindesalterWeissrussland,Region BrestWeissrussland,RusslandUkraine,Polessky-Distriktbei KiewPerinatalsterblichkeitKongenitale FehlbildungenKörbleinShidlovskii 1992Ukraine, Geistige Behinderung Kozlova und u.a. 1999anderementale StörungenKongenitale Fehlbildungen, Kulakov u.a. 1993Perinatalsterblichkeit,verminderte Geburtenrate,Erkrankungen im Kindesalter2003a,bUkraine,Provinz RovnoErkrankungen im Kindesalter Ponomarenko u.a. 1993Ukraine,Region LygynySäuglingssterblichkeit,kongenitaleFehlbildungenGodlevsky, Nasvit 1998Ukraine,Gebiet Zhitomir,Perinatalsterblichkeit,Region verminderte GeburtenrateKiew, Stadt KiewKörblein 2003a,bImmigranten aus den thma Kordysh u.a. 1995verstrahlten Gebieten in IsraelTürkeiAnenzephalie, offener Rücken Akar u.a.1988/89; Caglayanu.a.1990; Güvenc u.a. 1993;Mocan u.a. 1990Europa o. Deutschland:34


Griechenland, Ungarn, Polen, Totgeburten Scherb u.a. 1999b, 2000b,Schweden2003KroatienFehlbildungen in Autopsien Kruslin von u.a. 1998Abortenund nach frühem Tod desNeugeborenenWesteuropa Downsyndrom Dolk u.a. 1999Polen Säuglingssterblichkeit Körblein 2003aNorwegen Spontane Aborte Ulstein u.a. 1990Schweden Downsyndrom Ericson, Kallen 1994Schottland Downsyndrom Ramsay u.a. 1991Ungarn Niedriges Geburtsgewicht Czeisel 1988FinnlandBulgarien,gion PlevenFrühgeburten bei fehlgebildeten Harjulehto u.a.1989SäuglingenHarjulehto u.a. 1991Verminderte Geburtenrate Scherb, Weigelt 2003TotgeburtenFehlbildungen bei Herz u. ZNS, Moumdjiev u.a. 1992Mehrfach-anomalienItalien Verminderte Geburtenrate Bertollini u.a. 1990DeutschlandGesamt (BRD+DDR)Perinatalsterblichkeit Körblein, Küchenhoff 1997;Scherb u.a. 2000a, 2003SüddeutschlandDownsyndromSäuglingssterblichkeitSperling u.a. 1987, 1991Lüning u.a.1989BayernPerinatalsterblichkeit,TotgeburtenGrosche u.a. 1997; Scherbu.a. 1999a, 2000a, 2003Kongenitale Fehlbildungen Körblein 2003a, 2004;Verminderte Geburtenrate Scherb, Weigelt 2003Körblein 2003aDDR, Zentralregister Lippen/Gaumenspalten f.Zieglowski, Hemprich 1999FehlbildungenJena(Fehlbildungsregister)Isolierte Fehlbildungen Lotz u.a. 199635


JahresgesundheitsberichtWestberlin 1987Fehlbildungen für bei Totgeborenen trahlentelex 1989Westberlin Downsyndrom Sperling u.a.1991/1994Tabelle 3: Nach dem Tschernobylunfall beobachtete Anstiege teratogener Effekte*Die Perinatalsterblichkeit setzt sich zusammen aus den Totgeburten und derSäuglingssterblichkeit innerhalb der ersten 7 Lebenstage **Verminderte Geburtenrategilt als Mass für spontane AborteDass die Angaben darüber nicht einem einheitlichen Muster folgen, hat damit zu tun,dass die Registrierung bei den einzelnen Forschern oder Behörden nachunterschiedlicher Auswahl und Klassifizierung erfolgte. Die Effekte wurden imallgemeinen durch Vergleiche der Raten vor und nach dem Unfall festgestellt.Ein Beispiel aus den Arbeiten von Scherb und Mitarbeitern (GSF-Forschungszentrumfür Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München), die Sterblichkeitsdaten ausverschiedenen europäischen Ländern auswerteten, zeigt Abbildung 3:Abb. 3: Totgeburtenrate für Ungarn, Bayern +DDR +Westberlin; Change-Point-(CP) und reduziertes Change-Point-Modell (CPr) (aus Scherb, Weigelt 2003)Die Verläufe müssen in diesem Fall aus abfallenden Kurven gewonnen werden, daTotgeburten und Säuglingssterblichkeit keine konstanten Raten aufweisen. Einpikantes Detail ist, dass die Geschäftsführung der GSF den Autoren dieGenehmigung zur Veröffentlichung versagen wollte und diese erst nach öffentlichemDruck erfolgen konnte («Süddeutsche Zeitung» 1998).Wütende Schmähungen erfuhr auch der Genetiker Sperling, der nach Tschernobylüber einen auffälligen Anstieg der Fälle von Downsyndrom in Westberlin berichtete(Abb. 4), exakt 9 Monate nach dem Unfall. Dabei war das Downsyndrom als36


Strahlenfolge in der Literatur seit langem bekannt und schon bei sehr niedriger Dosisbeobachtet worden. Da Westberlin zu der Zeit sozusagen eine abgeschiedene Inselwar, gibt es keinen plausiblen Grund, den Zusammenhang mit der radioaktivenWolke abzulehnen.Abb. 4 Anstieg der Fälle von Downsyndrom in Westberlin, 9 Monate nachTschernobyl (aus Sperling u.a. 1994)Das DosisargumentTrotz ihrer erdrückenden Fülle werden alle diese Ergebnisse offiziell nicht zurKenntnis genommen. Das gängige Argument ist, die Dosis sei viel zu klein, um einenerkennbaren Effekt hervorzurufen. Oder aber es wird behauptet, es gäbe keinenZusammenhang zwischen der Höhe der Strahlendosis in verschiedenen Regionen undden dort beobachteten Effekten. Dabei wird immer davon ausgegangen, dass dieDosis hinreichend genau ermittelbar ist. Bei näherem Hinsehen erweist sich diesesjedoch nicht als stichhaltig.Die Dosis ist physikalisch eine absorbierte Energie pro kg Gewebe. Bei einerBelastung durch Umweltradioaktivität muss man wissen, auf welchem Wege dieRadionuklide in den Körper gelangen, wohin - das heisst in welche Organe undGewebe - sie sich dort auf Grund ihres Stoffwechselverhaltens begeben und wielange sie sich dort aufhalten. Die ICRP hat für jedes Nuklid Dosisfaktoren entwickelt,die angeben, wieviel Dosis in Sievert (Sv) ein Mensch während seines weiterenLebens erhält, wenn er ein Bequerel (Bq) des radioaktiven Stoffes entweder einatmetoder über den Mund aufnimmt. Dazu hat sie Modellrechnungen vorgenommen.Zugrunde gelegt wird das Modell eines Standardmenschen (für verschiedeneAltersstufen), in dem die Organe und Gewebe geometrisch nachgebildet werden, umsie mathematisch erfassen zu können.37


Das Stoffwechselverhalten im Körper wird ebenfalls modellmässig nachgebildet.Man kann sich vorstellen, dass dabei eine grosse Zahl von Parametern berücksichtigtwerden muss, die erheblichen individuellen und milieubedingten Variationenunterliegen. Ausserdem müssen Annahmen darüber gemacht werden, in welcherchemischen Verbindung und physikalischen Form die radioaktiven Substanzenvorliegen.Die Modelle sind mit der Zeit immer komplizierter geworden. Besonders beimEinatmen radioaktiver Aerosole hat man das Problem, die Ablagerung und denWeitertransport sowie den Lösungsvorgang in den verschiedenen Bereichen derLunge nachbilden zu wollen. 1994 hat die ICRP ein neues Lungenmodell angegeben,dessen Beschreibung ein Buch von fast 500 Seiten füllt. Seitdem hat in der Literatureine Diskussion über die Verlässlichkeit der Dosisfaktoren eingesetzt, die ohneVertrauensbereiche angegeben sind. Es stellt sich heraus, dass die Unsicherheiteneinige Zehnerpotenzen betragen können.Von offizieller Seite wird behauptet, die Dosisfaktoren seien für den Strahlenschutzanwendbar, weil sie «konservativ» seien, das heisst, sie liegen angeblich auf dersicheren Seite. Dafür gibt es jedoch keinerlei Beweis, und so sind sie auch nichtgewonnen worden. Was wir aber inzwischen feststellen können, ist, dass dieAngaben über die Strahlenbelastung der betroffenen Bevölkerungen, die auf ebendiese physikalische Weise gewonnen wurden, viel zu klein sind.Eine solche Schlussfolgerung ist zwingend, wenn man Ergebnisse zur Kenntnisnimmt, die mit Hilfe der «Biologischen Dosimetrie» gewonnen wurden. IonisierendeStrahlen erzeugen in den Zellen des Menschen sichtbare Chromosomendefekte. Einebestimmte Sorte davon, «dizentrische» Chromosomen, die sich in den weissenBlutkörperchen zeigen, sind ein besonders empfindlicher und sicherer Indikator füreine Bestrahlung. Dizentrische Chromosomen entstehen durch Zusammensetzenzweier Chromosomen mit abgebrochenen Enden, sie haben daher zwei Knotenpunkte(Zentromere). Die Bruchstücke ohne Zentromere sind ebenfalls im Präparat zu finden(azentrische Fragmente); siehe Abb.5:38


Abb.5: Chromosomenpräparat eines weissen Blutkörperchens mit drei dizentrischenChromosomen (schwarze Pfeile) nach Hochdosisbestrahlung; lehre Pfeile:dazugehörige azentrische Fragmente (aus: Fritz-Niggli 1997)Verschiedene Forschergruppen haben solche Untersuchungen nach Tschernobyldurchgeführt. Die physikalisch ermittelten Dosen wurden in den weiter entfernteneuropäischen Ländern mit kleiner als 1 mSv pro Jahr angegeben (zum Vergleich:etwa 1 mSv pro Jahr beträgt die natürliche Strahlenbelastung, wenn man dasradioaktive Edelgas Radon in der Atemluft, das sich in unseren Häusern ansammelt,nicht mitzählt). Für die weniger betroffenen Gebiete der Länder Weissrussland,Ukraine und Russland wurden Gesamtdosen von einigen mSv ermittelt. Selbst in derhochkontaminierten Region um Gomel nahe dem Reaktor soll die Dosis im Mittelnur 13 mSv betragen haben. Die Rate dizentrischer Chromosomen in Mitgliedern derBevölkerung war jedoch auch noch in Deutschland und Österreich signifikant erhöht,und zwar bei Berchtesgaden und Salzburg. Das wäre bei den angegebenenphysikalischen Dosen nicht möglich. Man kann daraus schliessen, dass die wahrenDosen um 1 bis 2 Grössenordnungen höher liegen.Schlussfolgerungen aus den TschernobylbeobachtungenAus den vorgestellten Beispielen über unbeachtete Strahleneffekte folgt:1. Die massgeblichen internationalen und nationalen Strahlenschutzgremien machenunvollständige Annahmen über die zu erwartenden Effekte bei niedriger Dosis. Diestets bemühten und nahezu ausschliesslich für Risikobewertungen herangezogenenjapanischen Atombombenüberlebenden sind keine geeignete Referenzbevölkerungzur Beurteilung der Gesundheitsschäden durch Umweltradioaktivität.39


2. Das System zur Sicherung der Einhaltung der Grenzwerte ist fehlerhaft. Anhandder Fülle der zu beobachtenden Effekte durch Umweltradioaktivität ist evident, dassman die Dosis mit Hilfe der herkömmlichen und amtlich vorgeschriebenen Methodiknicht bestimmen kann.Hedi Fritz-Niggli und Christian Michel gehörten zu den Forschern, die auf diemangelhaften Kenntnisse über die Wirkungen inkorporierter Radioaktivität imEntwicklungsstadium hingewiesen haben. Der Mainstream-Wissenschaftsbetrieb hältjedoch die strahlenbiologischen Grundlagen für hinreichend erforscht. DasStrahlenbiologische Institut der Universität Zürich gibt es wie etliche andere inEuropa schon lange nicht mehr.Literatur:Akar, N., Cavdar, A.O., Arcasoy, A.: High incidence of Neural Tube defects inBursa, Turkey. Paediatric and Perinatal Epidemiol. 2 (1988) 89-92Akar, N., Ata, Y., Aytekin, A.F.: Neural Tube defects and Chernobyl? (Letter)Paediatric and Perinatal Epidemiol. 3 (1989) 102-103Bertollini, R., Lallo, D., Mastroiacovo, P., Perucci, C.A.: Reduction of births in Italyafter the Chernobyl accident. Scand J Work Environ Health 16 (1990) 96-101Bogdanovich, I.P.: Comparative analysis of the death rate of children, aged 0-5, in1994 in radiocontaminated and conventionally clean areas of Belarus. In:Medicobiological effects and the ways of overcoming the Chernobyl accidentconsequences. Collected book of scientific papers dedicated to the 10th anniversaryof the Chernobyl accident. Minsk-Vitebsk 1997, p. 4Caglayan, S., Kayhan, B., Mentesoglu, S., Aksit, S.: Changing incidence of neuraltube defects in Aegean Turkey. Paediatric and Perinatal Epidemiol. 4 (1990) 264-268Czeisel, A. E., Billege, B.: Teratological evaluation of Hungarian pregnancyoutcomes after the accident in the nuclear power station of Chernobyl. Orvosi Hetilap129 (1988) 457-462 (Ungar.)Dolk, H., Nichols, R., and a EUROCAT Working Group: Evaluation of the impact ofChernobyl on the prevalence of congenital animalies in 17 regions of Europe. Int. J.Epidemiol. 28 (1999) 941-948Ericson, A., Kallen, B.: Pregnancy outcome in Sweden after the Chernobyl accident.Environ. Res. 67 (1994) 149-159Fritz-Niggli, Hedi: Strahlengefährdung/Strahlenschutz. Verlag Hans Huber 4. Aufl.1997Godlevsky, I., Nasvit, O.: Dynamics of health status of residents in the Lugnynydistrict after the accident of the ChNPS. In: Imanaka, T. (ed.): Research activitiesabout the radiological consequences of the Chernobyl NPS accident and social40


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J.M., Matveeva, N.K., Kaliznuk, E.S., Miturova, L.B., Orlova, N.S.: Femalereproduction function in areas affected by radiation after the Chernobyl power stationaccident. Environ Health Persp. 101, Suppl. 2 (1993) 117-123Lazjuk, G.I., Nikolaev, D.L., Novikova, I.V.: Changes in registered congenitalanomalies in the Republic of Belarus after the Chernobyl accident. Stem Cells 15,Suppl. 2 (1997) 255-260Lotz, B., Haerting, J., Schulze, E.: Veränderungen im fetalen und kindlichenSektionsgut im Raum Jena nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Vortrag auf derInt. Konf. Ges. f. Medizinische Dokumentation, Statistik und Epidemiologie in Bonn1996Lüning, G., Scheer, J., Schmidt, M., Ziggel, H.: Early infant mortality in WestGermany before and after Chernobyl. Lancet 1989; II, 1081-1083Miller, R.W.: Effects of prenatal exposure to ionizing radiation. Health Physics 59(1990) 57-61Mocan, H., Bozkaya, H., Mocan, Z.M., Furtun, E.M.: Changing incidence ofanencephaly in the eastern Black Sea region of Turkey and Chernobyl. Paediatric andPerinatal Epidemiol. 4 (1990) 264-268Moumdjiev, N., Nedkova, V., Christova, V., Kostova, Sv.: Influence of theChernobyl reactor accident on the child health in the region of Pleven, Bulgaria. 20thInt. Congr. Pediatrics Sept. 6-10, 1992 in Brasil, 1992, p.57. Cited by Akar, N.:Further notes on neural tube defects and Chernobyl. (Letter). Paediatric and PerinatalEpidemiol. 8 (1994) 456-457Petrova, A., Gnedko, T., Maistrova, I., Zafranskaya, M., Dainiak, N.: Morbidity in alarge cohort study of children born to mothers exposed to radiation from Chernobyl.Stem Cells 16, Suppl. 2 (1997) 141-150Ponomarenko, V.M., Nagornaia, A.M., Proklina, T.L., Litvinova, L.A., Stepanenko,A.V., Sytenko, E.R. Osnach, A.V.: The morbidity in preschool children living on theterritory of Rovno Province subjected to radioactive contamination as a result of theaccident at the Chernobyl Atomic Electric Power Station. Lik Sprava. 2-3 (1993) 36-38 (Russ.)Ramsay, C.N., Ellis, P.M., Zealley, H.: Down's syndrome in the Lothian region ofScotland - 1978 to 1989. Biomed. Pharmacother. 45 (1991) 267-272Rugh, R.: Low levels of X-irradiation and the early mammalian embryo. Am. J.Roentgenology, Radium Therapy and Nuclear Med. 87 (1962) 559-566Savchenko, V.K.: The Ecology of the Chernobyl Catastrophe. Scientific outlines ofan international programme of colloborative research. Man and the Biosphere SeriesVol. 17, UNESCO Paris 1995, p.83Scherb, H., Weigelt, E.: Spatial-temporal logistic regression of the cesiumcontamination and the time trends in annual stillbirth proportions on a district level in42


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Yamasaki, J.N., Schull, W.J.: Perinatal loss and neurological abnormalities amongchildren of the Atomic bomb. Nagasaki and Hiroshima revisited, 1949 to 1989.JAMA 264 (1990) 605-609Zieglowski, V., Hemprich, A.: Facial cleft birth rate in former East Germany beforeand after the reactor accident in Chernobyl. Mund Kiefer Gesichtschir. 3 (1999) 195-199European Committee on Radiation Risk (ECRR)Das European Committee on Radiation Risk wurde 1997 auf Grund einer Initiativeder Fraktion der Grünen im Europäischen Parlament gegründet. Damals wurdenBedenken an der EU-Richtlinie 96/29/Euratom auf einer Konferenz in Strassburgformuliert. Die grundlegenden Annahmen über die gesundheitlichen Auswirkungender künstlich erzeugten Radioaktivität erschienen etlichen Teilnehmern alsunverantwortliche Verharmlosung. Es wurde beklagt, dass eine demokratischeKontrolle der normgebenden Beratergremien ICRP (International Commission onRadiological Protection) und UNSCEAR (United Nations Scientific Committee onthe Effects of Atomic Radiation) von jeher gefehlt hat. Daher sollte eine Möglichkeitgeschaffen werden, das gesamte Spektrum der wissenschaftlichen Erkenntnisse zuerfassen und zu berücksichtigen.Das infolgedessen eingerichtete ECRR versteht sich als unabhängigerZusammenschluss von Wissenschaftlern, der seine Bewertung der Strahlenfolgen alsAlternative vorträgt und Strahlenschutzempfehlungen abgibt. Die erste Vorsitzendewar die bekannte Spezialistin für Niederdosiseffekte, Prof. Alice Stewart. IhremAndenken ist der erste ECRR-Report von 2003 gewidmet. Der wissenschaftlicheSekretär der Vereinigung ist der Strahlenforscher Dr. Chris Busby, U.K.Quelle: www.euradcom.org«Tschernobyl Generation»Lebenssituationen und Perspektiven im Vergleich von dreiLändern und Regionen - Gomel (Belarus), Brjansk(Russland), Chernigov (Ukraine)Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Bern, SchweizTschernobyl liegt im Jahr 2006 rund eine Generationsfolge zurück. Aus diesemAnlass ist es wichtig zu wissen, wie die junge Generation betroffen wurde und vomEreignis geprägt wird. Sie hat die grösste technogene Katastrophe erfahren damals,als sich ihre Lebenswünsche und ihr Bild von der Zukunft geformt haben. Allebetroffenen Generationen erlebten zugleich die Wirbel des sozialen und -politischen44


Umbruchs seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Verarbeitung derKatastrophe erfolgte zusammen mit Öffnungen und damit verbundenen Hoffnungenoder Befürchtungen. Die drei Regionen suchen ihren Weg als Teile der neuenNationen in unterschiedlicher Weise. Die Frage ist gestellt, wie diese regionalenUnterschiede die Verarbeitung von Tschernobyl beeinflussen. Die «TschernobylGeneration» hat wichtige Botschaften an die internationale Gemeinschaft zuvermitteln: Was können wir aus Katastrophen lernen, wenn wir den Blick auf diebetroffenen Menschen und ihre Regionen lenken?2270 Befragungen wurden in den betroffenen Regionen der drei Länder durchgeführt.Die ersten Auswertungen erfolgten auf den 10. November dieses Jahres. DieResultate zeigen einen eindrücklichen, vielfältigen und wissenschaftlich begründetenEinblick in die Situationen der betroffenen Menschen und Regionen.Diese Ergebnisse beruhen auf der Erst-analyse der Daten und sind vorläufig.• Die Katastrophe hat Randgruppen geschaffen; die Gesundheitsgefährdung bleibt dieerste Sorge, die durch materielle Defizite verstärkt wird.• Die Katastrophe hat die betroffenen Räume zu besonderen Randregionen und -Peripherien gemacht. Die Distanz zu den nationalen Zentren ist durch dieNachwirkungen, Gesundheitsfolgen, Armut und Gefühle der Vernachlässigung,vergrössert worden.• Das Verhältnis der betroffenen Randregionen zu den jeweiligen nationalen Zentrenist in den drei Ländern sehr unterschiedlich und wirkt in eindeutiger Richtung: DieRegion Gomel zeigt bedeutend bessere Einstufungen der Befindlichkeit, derMassnahmen und der Wirksamkeit der Hilfe als die Region Brjansk und vor allem alsdie Region Chernigov. Letztere zeigen eine sehr hohe Entfremdung zu denVerantwortlichen im Zentrum.• In allen drei Peripherien fühlen sich die Menschen überwiegend an den lokalen Ortgebunden. Um so einschneidender ist die Tatsache, dass die Zukunftsperspektivender Region mit Abstand am meisten pessimistisch empfunden werden; die Zukunftdes Landes und besonders der Weltgemeinschaft werden in helleren Farben gesehen(Graphik); dies ist genau umgekehrt in reichen Ländern, z. B. in der Schweiz, in derEuropa und die Welt pessimistisch gesehen werden.• Katastrophen sind in der Wirkung bedeutend gravierender als «Unfälle», dieIndividuen betreffen. Sie verändern die lokalen Gesellschaften und die in ihnenlebenden sozialen Gruppen als Ganzes. Soziale und regionale Randlagen sind dielangfristige Folge. Sie werden verstärkt durch die Distanzierung und Gleichgültigkeitder nationalen Zentren. Es liegt bei der Regionalpolitik und der Bereitschaft derZentren, ihr Verhältnis zu den Peripherien zu verbessern.45


Regionen im Schatten: Zukunftsoptimismus der Teenager in den drei Ländern für sichpersönlich, die Region, das Land und die Weltgesellschaft.Risikoreiche Technologien minimierenSeit dem Zweiten Weltkrieg sind in unseren industrialisierten Ländern Energie- undMaterialverbrauch enorm gestiegen. Diese Vergrösserung des ökologischenFussabdruckes war nur durch umfassenden Raubbau und mittels Einführungrisikoreicher Technologien (Kernenergie, Chemie ... ) möglich.Wir und künftige Generationen sind aufgerufen, mit Schaffenskraft und Phantasiediesen Trend zu korrigieren und damit eine umfassend nachhaltigere und friedlichereGesellschaft zu entwickeln.Dazu gehören die konsequente Minimierung von risikoreichen Technologien sowiedie Reduktion unseres heutigen Energieverbrauchs auf ein Drittel. DieseTransformation zur 2000-Watt-Gesellschaft wäre ohne Verzicht auf relevanteLebensqualität möglich.Schaffen wir zusammen mit unserer Jugend eine realistische Vorstellung, wie einesolche Gesellschaft im Einklang mit unserer Umwelt aussehen wird.Ein Sekundarlehrer naturwissenschaftlicher Richtung20 Jahre nach Tschernobyl - Erfahrungen und Lehren für die ZukunftEinladung zum Internationalen Kongress vom 3. bis 5. April2006 in der Berliner Charité46


- 1. Ankündigung, 1st Announcement, Call for Papers -Vor 20 Jahren explodierte das Kernkraftwerk Tschernobyl. Die Katastrophe trafMillionen von Menschen unvorbereitet. Der Versuch, die Katastrophe einfachgeheimzuhalten, verhinderte wichtige Massnahmen, die zum Schutz der Bevölkerunghätten getroffen werden können. Wichtige Daten über den Unfallablauf und über dieStrahlenschäden wurden nicht dokumentiert, geheimgehalten oder frei erfunden.Bis heute werden die Folgen nicht vollständig erfasst und dargestellt. Wichtigeinternationale Gremien unterwerfen sich der Praxis der Verschleierung. 1991 kam das«Tschernobylprojekt» unter der Leitung der Internationalen Atomenergieagentur(IAEA) in Wien zu dem Ergebnis, es gäbe keine Gesundheitsstörungen, die direkt derStrahlenbelastung zugeordnet werden könnten. Das Wissenschaftliche Komitee derVereinten Nationen für die Wirkung der Atomstrahlung (UNSCEAR) erklärte imJahre 2000, ausser dem Schilddrüsenkrebs bei Kindern gäbe es keinen Nachweiseiner Zunahme von Krebserkrankungen, der zur Strahlenbelastung in Beziehunggesetzt werden könnte. Und seit 2003 arbeiten die Organisationen der VereintenNationen (UN) im sogenannten «Tschernobylforum» an der Formulierung vonbeschwichtigenden Sprachregelungen. Der Manager des Strahlenprogramms derWeltgesundheitsorganisation (WHO), Dr. M. Repacholi, erklärte im September 2005in Wien: «Die Hauptbotschaft des Tschernobylforums ist: kein Grund zurBeunruhigung.»Es gibt jedoch eine grosse Anzahl von Ärzten und Wissenschaftlern aus denbetroffenen Ländern Ukraine, Weissruss-land und Russland sowie aus den weiter vonTschernobyl entfernten europäischen Ländern, die zu ganz anderen Ergebnissengekommen sind. Ziel einer vom 3. bis 5. April in der Berliner Charité stattfindendenTagung ist es deshalb, ihre Erkenntnisse darzustellen und für ihre Verbreitung zusorgen. Veranstalter sind die deutsche Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. und dasEuropean Committee on Radiation Risk (ECRR), mit Unterstützung der deutschenSektion der IPPNW und des Fachinformationsdienstes Strahlentelex. Mit der Tagungist die Hoffnung verbunden, den betroffenen Menschen wirksamer helfen zu könnenund die wahrheitsgemässe Erfassung ihrer Beschwerden sicherzustellen.FragestellungenGesundheitliche Auswirkungen in der Ukraine, Weissrussland und Russland: Wiehaben sich die Daten für Erkrankungen, zum Beispiel der Schilddrüse, Brustkrebs,Leukämie, Augenkrankheiten, teratogene Schäden, und für den Gesundheitszustandder Bevölkerung insgesamt verändert?Gesundheitliche Folgen in Europa: Über die beobachteten gesundheitlichenAuswirkungen des Unfalls in anderen europäischen Staaten soll berichtet und einzusammenfassender Überblick gewonnen werden.Technische Fragen: Gibt es neue Erkenntnisse zur Ursache der Katastrophe? Ist derteure Bau eines Sarkophags II erforderlich? Haben wir etwas für denKatastrophenschutz gelernt? Sind wir gegen Atomkatastrophen ausreichend47


versichert? Können Kernkraftwerke vor Terror und Krieg geschützt werden? Reichtdie übliche Umgebungsüberwachung für Kernkraftwerke aus?Strukturelle Hintergründe, internationale Informationspolitik und internationaleProgramme zur Beseitigung der Folgen: Können wir uns auf internationale Gremienwie die ICRP, WHO, EURATOM, UNSCEAR und IAEA verlassen?Programmkomitee:Elena B. Burlakova, MoskauChris Busby, LiverpoolPere Carbonell, BarcelonaRose Goncharova, MinskWolfgang Hoffmann, GreifswaldAlexej Jablokow, MoskauWolfgang Köhnlein, MünsterHorst Kuni, MarburgRudi H. Nussbaum, Portland, OregonAngelina Nyagu, KiewSebastian Pflugbeil, BerlinInge Schmitz-Feuerhake, KölnSteve Wing, Chapel Hill, North CarolinaWeitere Informationen und Kontakt:Gesellschaft für Strahlenschutz e.V. (GSS), Dr. Sebastian Pflugbeil,PräsidentGormannstr. 17, D-10119 Berlin, Germany, Telefax: +49-30-44 34 28 34;E-Mail: Pflugbeil.KvT@t-online.deOrganisation und Koordination:GSS c/o Thomas Dersee, Waldstr. 49, D-15566 Schöneiche bei Berlin, Germany,Telefax: +49-30-64329167; E-Mail: thomasdersee@strahlentelex.deGrenzwerte für Strahlenbelastung in LebensmittelnUmweltinstitut München gewährleistet Forschung undInformationDie Europäische Union reagierte auf den Unfall von Tschernobyl zunächst mit demEinfuhrverbot von Agrarerzeugnissen und dann mit Höchstwerten für48


Nahrungsmittel. Die Höchstwerte sollten die Verbraucher in der Gemeinschaft nurvor radioaktiv kontaminierten Lebensmitteln aus Drittländern schützen. Wegen derfrühzeitigen Entwarnung durch offizielle Stellen und dementsprechend nachlässiggehandhabte Kontrollen gab es in den Jahren 1997 und 1998 wiederholte Fälle vonNichteinhaltung der Höchstwerte, insbesondere bei einigen Pilzarten ausosteuropäischen Ländern. Dies führte damals dazu, dass die Einfuhrbedingungen fürlandwirtschaftliche Erzeugnisse ergänzt und für Pilze verschärft wurden.Obgleich die bis heute hohen Kontaminationen, insbesondere von Waldprodukten,bekannt sind, hat es die EU erst im Jahr 2003 geschafft, eine Empfehlungauszusprechen, die auch bei heimischen Produkten die Einhaltung der Höchstwertefordert. Und dies auch nur, weil sonst mit dem Beitritt einer Reihe «verdächtiger»osteuropäischer Länder zum 1. Mai 2004 hoch belastete Lebensmittel ganz legal EUweithätten verkauft werden dürfen.Allerdings können weder an den Grenzen noch innerhalb der einzelnenMitgliedsländer lückenlose Kontrollen durchgeführt werden. Es finden lediglichStichprobenkontrollen statt. Der Höchstwert für die Cäsium-Belastung ist in denLändern der Europäischen Union auf 600 Bq/kg für Nahrungsmittel und 370 Bq/kgfür Milch und Säuglingsnahrung festgelegt. Die Grenzwertregelung gilt bis zum31.März 2010.Das Umweltinstitut München e.V. und andere unabhängige Experten raten zustrengeren Grenzwerten: 30 bis 50 Bq/kg bei Nahrung für Erwachsene und 10 bis 20Bq/kg für Kinder, stillende und schwangere Frauen, bei Babynahrung bis 5 Bq/kgCäsium-Aktivität. Während des Wachstums teilen sich die Zellen häufiger, für dieReparatur einer geschädigten Zelle bleibt oft nicht genügend Zeit. [...]Unter www.umweltinstitut.org/atom finden Sie weitere Informationen zuRadioaktivität.Quelle: Umweltinstitut München e.V., Pilze und Wild. Tschernobyl - noch nichtgegessen. 2005Telefon: +49 89 30 77 49-0E-Mail: info@umweltinstitut.orgwww.umweltinstitut.orgLiteraturMaterial der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt, erhältlich bei:Tschernobyl-Initiative, Hauptstr. 34, D-38170 Uehrde-Watzum,E-Mail: Tschernobyl-Initiative.Schoepp@Onlinehome.deTschernobyl-Initiative.welcomes-you.com49


• Kljashtchuk, Anatol. Kinder von Tschernobyl: Erben einer Atomkatastrophe.Fotomappe mit Arbeitshilfe für den Unterricht. Hrsg: Paul Koch und ManfredKwiran, 2000• Die Spur der schwarzen Wolke: Die Katastrophe von Tschernobyl mit den Augender betroffenen Kinder und Eindrücke einer deutsch-weissrussischen Reisegruppe.Klitzschen: Elbe-Dnjepr-Verlag 2000. ISBN 3-933395-15-1• Wegner, Dietrich. Wunden heilen langsam: Tschernobyl - drei Leben danach (zweisprachig:Deutsch/Russisch), Wolfenbüttel und Minsk 2003• Koch, Paul und Wohlfarth, Horst. Belarus nach Tschernobyl. Schriftenreihe zuverschiedenen Schwerpunkten• Radiobiologische Aspekte der Tschernobyler Katastrophe. Tschernobyl und seineFolgen, Band 1. Klitzschen: Elbe-Dnjepr-Verlag, 1994. ISBN 3-9803645-1-8• Tiere im radioaktiven Strahlenfeld. Tschernobyl und seine Folgen, Band 2Klitzschen: Elbe-Dnjepr-Verlag, 1994. ISBN 3-9803645-2-6• Ökologische Probleme eines Flusses nach der Katastrophe in Tschernobyl.Tschernobyl und seine Folgen, Band 5. Klitzschen: Elbe-Dnjepr-Verlag, 1998. ISBN3-9803645-6-9Alexijewitsch, Swetlana. Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft. Berlin: BerlinVerlag, 1997. ISBN 3-8270-0215-XBruschko, Sergej und Jaeggi, Hugo (Fotos); Butschkin, Semlon und Jaeggi, Peter(Text). Die Hoffnung stirbt zuletzt. (Deutsch/Russisch) Aarau: AT Verlag, 1998.ISBN 3-85502-637-8Yaroshinskaya, Alla. Verschlusssache Tschernobyl: Die geheimen Dokumente ausdem Kreml. Mit einem Vorwort von Sebastian Pflugbeil. Berlin: BasisDruck Verlag,1994. ISBN 3-86163-062-1Yaroshinskaya, Alla. Die grosse Lüge - Tschernobyl 20 Jahre danach. Erscheint zurLeipziger Buchmesse am 16. März 2006, Melzer Verlag GmbHPolidori, Robert. Sperrzonen: Pripjat und Tschernobyl. Göttingen: Steidl Verlag,2004. ISBN 3882439211Permanentes Völkertribunal: Tschernobyl: Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheitund Menschenrechte. Wien, 12.-15. April 1996. ISBN 3-00-001500-0. Zu beziehenüber Dr.Michel Fernex, Postfach 167, CH-4118 RodersdorfLengfelder, Edmund et al. Klärung von Gesundheitsfolgen des Tschernobyl-Unfallsstösst auf Widerstand. Sonderdruck aus Zeit-Fragen Nr. 8 vom 1. März 2004,erhältlich bei Zeit-Fragen, Postfach, CH-8044 -Zürich, E-Mail: redaktion@Zeit-Fragen.ch; www.zeit-fragen.ch50


Burlakova, Elena B. (Hrsg.). Consequences of the Chernobyl Catastrophe: HumanHealth. Nova Science Publishers Inc., USA, New York, 1999Imanaka, Tetsuji (Hrsg.). Research Activities about the Radiological Consequencesof the Chernobyl NPS Accident and Social Activities to Assist the Sufferers by theAccident. Kyoto: Kyoto University, 1998, ISSN 1342-0852, zu bestellen überimanaka@rri.kyoto-u.ac.jpKörblein, Alfred. Säuglingssterblichkeit nach Tschernobyl und Scherb, Hagen;Weigelt, Eveline: Zunahme der Perinatalsterblichkeit, Totgeburten undFehlbildungen in Deutschland, Europa und in hochbelasteten deutschen undeuropäischen Regionen nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl im April 1986,Berichte des Otto Hug Strahleninstitutes, Bd. 24 (2003), ISSN 0941-0791Dersee, Thomas (Hrsg.). Strahlentelex. Unabhängiger Informationsdienst zuRadioaktivität, Strahlung und Gesundheit. Erscheint monatlich. Zu bestellen bei Th.Dersee, Waldstr. 49, D-15566 Schöneiche bei Berlin. www.strahlentelex.deCaufield, Catherine. Das strahlende Zeitalter: Von der Entdeckung derRöntgenstrahlen bis Tschernobyl. München: Beck, 1994. ISBN 3-406-37415-8Vinke, Hermann (Hrsg.). Als die erste Atombombe fiel. Ravensburg: Otto MeierVerlag, 1998. ISBN 3-473-58062-7Caldicott, Helen. Atomgefahr USA: Die -nukleare Aufrüstung der Supermacht.Diederichs Verlag, 2003. ISBN 3720523853Coulmas, Florian. Hiroshima: Geschichte und Nachgeschichte. Verlag C.H. Beck,2005. ISBN 3-406-52797-3Hesse-Honegger, Cornelia. Heteroptera: Das Schöne und das andere oder Bilder einermutierenden Welt. Steidl-Verlag, 2003 ISBN 3-88243-360-4Filme und DokumenteThe SacrificeIn der Nacht des 26. April 1986 und in den folgenden Monaten wurden eine MillionMänner aufgeboten, sogenannte Liquidatoren, um den in Flammen stehenden Reaktorvon Tschernobyl mit seiner erschreckend hohen radioaktiven Strahlung mit einemimprovisierten Sarkophag zu überdecken. Mit blossen Händen, Schaufeln undWasserwerfern gingen sie gegen die Radionuklide vor. Zehntausende starben undsterben noch. Der Film folgt über einen Zeitraum von 10 Jahren den Geschichten unddem Leiden fünf dieser Männer, die inzwischen alle gestorben sind.Schweiz 2003, Buch und Regie: Emanuela Andreoli, Wladimir Tchertkoff, 25 Min.,Untertitel Russisch/EnglischBezugsadresse: Emanuela Andreoli, eandreoli@vtx.ch51


Tschernobyl-Informations-CDAnlässlich des ersten Ökumenischen Kirchentages in Berlin 2003 haben sich dieTschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V. und die Stiftung desLandes Niedersachsen «Kinder von Tschernobyl» zu einer Kooperationsgemeinschaftzusammengefunden. Innerhalb der Ausstellung «Wunden heilen langsam ...» gab esInformationen und Dokumentationen aus der Tschernobyl-Hilfe der beidenInstitutionen.Bezugsadresse: tschernobyl-initiative.welcomes-you.comPripjatDie Stadt Pripjat liegt 5 Kilometer neben dem Atomkraftwerk Tschernobyl. 50000Menschen lebten 1986 hier. Heute ist Pripjat eine von der Miliz schwer bewachte,hoch kontaminierte Geisterstadt inmitten der radioaktiv verseuchten Zone. Pripjaterzählt vom Überleben in einem improvisierten Mikrokosmos, in dem man nichtsessen, nichts trinken und bei Wind keinen Staub einatmen sollte - doch weilRadioaktivität mit menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar ist, hält sich kaumjemand an diese Empfehlung.Österreich 1999, Regie: Nikolaus Geyrhalter. 100 Min., Russisch/Ukrainisch,Untertitel: Deutsch, Englisch, FranzösischBezugsadresse: www.docushop.atTschernobyl - Der MillionensargDer zweite Sarkophag - Die GeldmaschineEin zweiter Sarkophag für Tschernobyl wäre ein teurer Flop, wenn der MoskauerAtomphysiker Tschetscherov recht hat und 95 Prozent des radioaktiven Inventarsschon längst aus dem Unglücksreaktor entwichen sind. In zwei Dokumentationen, dievon ARTE und vom ZDF gesendet wurden, stellten die Redakteure den Sinn eineszweiten Sarkophags über dem zerstörten Tschernobylreaktor in Frage.Dänemark/Deutschland 2002, Regie: Sabine Kemper, Bente Milton, Jörgen Pedersen.DeutschBezugsadresse: www.Tschernobylhilfe.ffb.org.52

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