Chance für eine nachhaltige Stadtentwicklung Urban renewal - Ebn24

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Chance für eine nachhaltige Stadtentwicklung Urban renewal - Ebn24

24 Stadtentwicklung

Dipl.-Wirt. Ing. René Deschner

Der 1974 in Karl-Marx-Stadt/jetzt Chemnitz

geborene Autor absolvierte nach

einer Bankausbildung bei der Dresdner

Bank AG ein Studium zum Diplom-Wirtschaftsingenieur/Bau

an der HTWK in

Leipzig. Von 1994–2006 gehörte er dem

Chemnitzer Stadtrat an. Seit 2007 ist er

Geschäftsführer der Stadtumbau GmbH

– Chemnitz.

The author was born in Karl-Marx-

Stadt (now Chemnitz again) in 1974.

After training as a bank officer at

Dresdner Bank AG, he completed a

degree in sales engineering, majoring

in construction, at the Hochschule für

Technik, Wirtschaft & Kultur in Leipzig.

From 1994 to 2006 he was a member

of the Chemnitz city council and since

2007 he has been general manager of

Stadtumbau GmbH – Chemnitz.

Stadtumbau – Chance für eine

nachhaltige Stadtentwicklung

Urban renewal – An opportunity for

long-term urban development

Stadtentwicklung

im gesellschaftlichen Wandel

Seit Menschengedenken befinden sich

Städte im permanenten Wandel. Beeinflusst

durch Krieg, Frieden, Bildung oder

Wohlstand veränderten sie sich stetig.

Mit wachsender wirtschaftlicher Entwicklung

und dem so gewonnenen Wohlstand

wuchs die Bevölkerung und die Städte

expandierten. Besonders deutlich wurde

dies in Chemnitz in der Zeit der Industrialisierung,

als die Bevölkerung binnen

nur 100 Jahren um über 300.000

Menschen zunahm. Der technische

und wirtschaftliche Aufschwung trug

Chemnitz den Beinamen „Sächsisches

Manchester“ ein.

In diesem Zeitraum entstanden so bedeutende

Baudenkmäler wie die Villa

Esche von Henry van de Velde, das

größte Jugendstilviertel Europas auf

dem Kaßberg oder das von Erich Mendelsohn

entworfene Kaufhaus Schocken

– ein zur damaligen Zeit sehr gewagtes

Vorhaben. Seine voluminöse Größe stand

im deutlichen Kontrast zu der damals

vorhandenen kleinteiligen Altbaustruktur.

Bis 1930 wuchs die Bevölkerung auf

360.000, eine Einwohnerzahl, die nach

dem Krieg nicht wieder erreicht wurde.

1990 wohnten in Chemnitz 315.500

Menschen.

In den 90ern des letzten Jahrhunderts

ist es den Chemnitzern neben der ba-

rocken Landeshauptstadt Dresden und

der Messestadt Leipzig gelungen, kontinuierlich

bedeutende Architekten nach

Chemnitz zu holen und ihrer Innenstadt

wieder ein neues Gesicht zu geben. Egal

ob Galerie Roter Turm, Rathaus, St. Jakobi

Kirche oder das gläserne Kaufhaus

Galeria Kaufhof, die moderne Zentralhaltestelle

oder die Innere Klosterstraße

mit den beiden Karrees der

Rathauspassage – die hier neu entstandene

Innenstadt spiegelt ein attraktives

Miteinander von alter und neuer

Architektur wider, was vor allem der

ständigen Neugier der Chemnitzer auf

etwas Neues zu verdanken ist.

Stadtumbau als Chance

Die demographische Entwicklung macht

jedoch auch vor Chemnitz nicht halt.

Wurden 1990 noch 315.500 Einwohner

gezählt, so waren es 2006 nur noch

245.000. Aber auch hier zeigte die Stadt

ihr Vordenken und initiierte die Gründung

der Stadtumbau GmbH – Chemnitz,

welcher zwischenzeitlich fünf der

sieben großen Wohnungsunternehmen

und die Stadtwerke Chemnitz AG als

Gesellschafter beigetreten sind.

Mit der Stadtumbau GmbH – Chemnitz

wurde ein deutschlandweit einmaliges

Instrument des Stadtumbaus geschaffen,

in welchem die unternehmenspolitischen

Ziele der Wohnungsunternehmen

und die stadtplanerischen Ziele der


1 Gartenstadt Gablenz-Siedlung:

älteste in Sachsen existierende Gartenstadt

The garden city of the Gablenz settlement,

Saxony’s oldest existing garden city

Urban development

as a part of social change

Since time immemorial cities have been

in a state of permanent change. Influenced

by war, peace, education or prosperity

they have changed constantly. With

increasing economic development and socalled

prosperity, populations have grown

and cities have expanded. This became

particularly obvious in Chemnitz in the

industrial age, when the population grew

to over 300,000 people in only 100 years.

Technical and economic change gave

Chemnitz its nickname of “the Saxon

Manchester”.

In this era many major historic buildings

were built, such as the Villa Esche by Henry

van de Velde, the biggest Art Nouveau

suburb in Europe on the city’s Kaßberg,

or the Schocken department

store designed by Erich Mendelsohn –

a very daring undertaking for its time.

2 Scheffelstraße:

vom Plattenbau zum Reihenhaus

Scheffelstraße: from pre-fabricated slab-construction

apartment buildings to terraced housing

Its voluminous size stood in marked

contrast to the small-featured, old-fashioned

design of the day. By 1930 the

population had grown to 360,000, a

figure never reached after the Second

World War. In 1990 Chemnitz had a

population of 315,500.

In the 1990s Chemnitz, together with the

baroque state capital of Dresden and

the trade fair city of Leipzig, succeeded

in continually attracting major architects

to Chemnitz to redesign its central city

again. Be it the Red Tower Gallery, the

Town Hall, the Church of St James, the

glass Galeria Kaufhof department store,

the modern Central Bus Stop or the Inner

Convent Street with the two squares

of the Town Hall arcades – Chemnitz’ redeveloped

central city reflects an attractive

combination of old and modern architecture,

due particularly to the people

of Chemnitz’ constant interest in the new.

Urban Development

1 2

Urban renewal as an opportunity

However, demographic development has

not stopped at Chemnitz. While in 1990

the city had 315,500 residents, in 2006

there were only 245,000. However, here,

too, the city demonstrated its progressive

thinking and initiated the founding

of Stadtumbau GmbH – Chemnitz, which

has since been joined by five of the seven

major housing construction companies

and Stadtwerke Chemnitz AG

(Chemnitz City Works Department) as

partners.

The creation of Stadtumbau GmbH –

Chemnitz meant the creation of a unique

nationwide urban reconstruction

instrument in which the company objectives

of the housing construction companies

and the town planning objectives

of the city of Chemnitz – but mostly

the concerns of its citizens in their

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26 Stadtentwicklung

3

Stadt Chemnitz, vor allem aber die Belange

der Bürger in ihrer Eigenschaft

als Mieter, moderiert, koordiniert und

kommuniziert werden können. Mit ihrem

frühzeitigen Erkennen, dass stabile und

zukunftsfähige Quartiere nur mit einer

Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure

zu schaffen sind, versuchte und versucht

die Stadt nicht nur auf die Folgen

der demographischen Entwicklung zu

reagieren, sondern den Stadtumbau als

Chance zu begreifen und zu nutzen.

Gelungene Beispiele hierfür sind der

Heimgarten, die Gartenstadt Gablenzsiedlung

oder die Siedlungshausanlagen

Am Karbel, wo mit flächigen Sanierungen

nicht nur die Objekte, sondern ganze

Quartiere eine Aufwertung erhielten.

Eine andere Lösung erfolgte im Heckertgebiet,

dem größten Plattenbaugebiet

der Stadt. Hier ist der Leerstand am Ort

seines Entstehens beseitigt worden und

es entstanden neue, aufgelockerte, mit

Grün durchzogene Quartiere. Mit einem

intelligenten Teilrückbau der Platte, wie

den Markersdorfer Terrassen, den Reihenhäusern

an der Scheffelstraße oder

der Garagenanlage an der Alfred-Neubert-Straße,

ist es nicht nur gelungen,

den Leerstand zu beseitigen, es entstand

auch eine vollkommen neue Qualität des

Wohnens, indem aus tristen Wohnanlagen

wieder attraktive Wohnquartiere geschaffen

wurden.

Stadtumbau

= Stadtentwicklung

= Aufwertung

Häufig wird in den Medien der Stadtumbau

dem perforierten Abriss gleichgesetzt.

Dass dem nicht so ist, zeigt die

Praxis. Vielmehr erfolgt mit einem intelligenten

und vorausschauenden Stadtumbau

eine nachhaltige Aufwertung von

Quartieren. Dies kann beispielsweise dadurch

erfolgen, dass stadtumbaubedingte

Freiflächen wieder einer neuen Nachnutzung

zugeführt werden, wie es unter

anderem auf dem neugeschaffenen

Concordiapark geschah, wo eine der

angesehensten BMX- und Skateranlagen

in Deutschland entstand. Ein weiteres

Beispiel für eine gelungene Aufwertung

werden die Bunten Gärten auf dem

südlichen Sonnenberg sein. In einem

Zusammenspiel von Sport-, Freizeitund

Parkanlage und zu stabilisierenden

Alt- und Neubaubereichen will die

Stadt Chemnitz gemeinsam mit den

Partnern vor Ort Rückbauflächen revitalisieren

und den Stadtteil so aufwerten,

dass ein für alle Bewohner nutzbarer

Wohn- und Lebensraum entsteht.

Stadtumbau als kontinuierlicher

Prozess der Stadtentwicklung

Mit dem 2002 vom Stadtrat beschlossenem

Integrierten Stadtentwicklungsprogramm

(InSEP) hat die Stadt Chemnitz

den Einstieg in den Stadtumbau-

prozess geschaffen. Bereits damals erkannte

man, dass der Stadtumbau keine

starre Ist-Aufnahme darstellt, sondern

einer regelmäßigen Evaluierung und Fortschreibung

bedarf. Diese Aufgabe wird

zurzeit in einem integrativen Arbeitsprozess

umgesetzt, in welchem die bisherigen

Ergebnisse auf den Prüfstand

gestellt und neu abgestimmt werden.

Ziel ist es, 2008 ein Städtebauliches Entwicklungskonzept

(SEKo) zu beschließen,

worin die strategischen Stadtentwicklungsziele

bis 2020 fortgeschrieben

werden.

Dafür sind langfristige Handlungsstrategien

zu entwickeln. Instrumente, wie

etwa Entwicklung einer Methodik für

Flächentauschoptionen, Einbeziehungsmöglichkeiten

von privaten Eigentümern

in den Stadtumbauprozess oder vertragliche

Vereinbarungen der Großvermieter

untereinander mit Festsetzung

mittelfristiger Entwicklungsziele im eigenen

Bestand unter Berücksichtigung

der gesamtstädtischen Entwicklung,

werden untrennbar mit dem Stadtumbauprozess,

und damit mit der Stadtentwicklung,

verbunden sein.

Nur mit einem intelligent agierenden

Stadtumbau wird die Stadt Chemnitz

in der Lage sein, vorhersehbare Entwicklungen

aktiv durch Gestalten zu steuern

und zukunftsfähige Wohn- und Lebensquartiere

zu entwickeln.


4

capacity as tenants – can be moderated,

coordinated and communicated. With

its early realisation that stable and future-proof

residences, can only be created

through the cooperation of all

involved parties, the city tried and

continues to try not only to react to the

consequences of demographic change

but also to regard and use urban reconstruction

as an opportunity. Successful

examples of these are the Heimgarten

(Home Garden), the garden city of

the Gablenz settlement or the Am Karbel

settlement housing area, where not

only individual houses but also whole

suburbs have been renovated.

Another solution was implemented in

the Heckert suburb, the largest area of

pre-fabricated slab-construction apartment

buildings in the city. Empty apartments

were re-let to tenants again and

suburbs were made livelier with the creation

of many green areas. Through intelligent

restoration of these apartment

buildings to their former state, such as

the Markersdorf Terraces, the semi-detached

houses in Scheffelstraße or the

garages in Alfred Neubert Straße, efforts

to fill empty apartments have not only

succeeded but a completely new living

quality has developed, in which depressed

and depressing apartment

buildings have been made into attractive

residences again.

Urban renewal

= urban development

= upgrading

Urban renewal is often equated in the

media with the tearing-down of individual

buildings, leaving empty sections

next to buildings which are still-standing.

Practice shows that this is not the case.

Rather, urban renewal is carried out

intelligently and in a forward-looking

manner in order to achieve long-term

improvements to residential areas. For

example, this can be achieved by empty

sections intended for renewal being

put for new uses such as the newly-created

Concordia Park, where Germany’s

most popular BMX and skating rink were

built. A further example of successful

upgrading are the Colourful Gardens on

the south side of Chemnitz’ Sonnenberg

(Sunny Hill). In a combination of sports

grounds, leisure and park areas to be

stabilised with areas containing new and

older buildings, the city, together with

local partners, plans to revitalise areas

by restoring them to their former design

and thereby upgrade the suburb to create

residential space.

Urban renewal as a continual process

of urban development

With its Integrated Urban Development

Programme (InSEP) approved by the

City Council in 2002, the city of Chemnitz

created the beginning of the urban

Urban Development

3 Gelungener Rückbau:

Markersdorfer Terrassen

Successful renewal:

Markersdorf Terrasses

4 Beispiel einer Aufwertung

von Stadtumbauflächen:

die „Bunten Gärten“ vom Sonnenberg

An example of the upgrading of city renewal

properties: the “Bunten Gärten”

(“Colourful Gardens”) of Sonnenberg

renewal process. Even then it was realised

that the renewal of the city was no

rigid as-is analysis but something requiring

regular evaluation. This task is currently

being implemented in an integrated

working process in which the former results

will be tested and re-adjusted. The

aim is to approve a new Urban Development

Concept (SEKo) in 2008 in which

strategic urban development aims will

be updated by 2020.

For this purpose long-term strategies need

to be developed. Instruments such as the

development of a system for property exchange

options, working out ways of involving

private owners in the urban development

process or devising contractual

agreements for large property owners between

each other on the establishment

of mid-term development aims in the

city’s own housing stock as part of the

overall development process of the city

will be linked inseparably with its renewal

process, and hence its development.

Only by means of intelligent urban renewal

will the city of Chemnitz be able

to actively control foreseeable developments

with redesign and to develop

sustainable residential suburbs.

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