La Gueule 2/10

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Nathalie Wittig – Vizepräsidentin JCBB 2010EditorialBei JCBB wird bereits das Jahr 2011 vorbereitet. Am19. August 2011 wird die Junge Wirtschaftskammer Biel40 Jahre alt.Die erste Jahreshälfte und die Sommerpause sind bereitsverstrichen. Schon gilt es wieder innerhalb der JungenWirtschaftskammer Biel das Führungsteam für das kommende Jahrzu finden. Diese Übung ist nie ganz einfach, denn dieArbeitsbelastung und die Verantwortung steigen mit derÜbernahme eine Vorstandfunktion oder der Leitung einerArbeitskommission gegenüber der reinen Teilnahme an einersolchen.In unserer schnelllebigen Zeit fällt es auch JC-Mitgliedernschwer sich für den Zeitraum von ein bis drei Jahren zuverpflichten. Innerhalb von drei Jahren kann so vielpassieren! Der Jungunternehmer denkt bereits darüber nach,ins Ausland zu expandieren. Andere melden Familienzuwachsoder einen Arbeitswechsel an, der mehr Zeit beanspruchenwird. Die neue Stelle zieht nicht selten auch einenWohnortwechsel nach sich. So bekommt bspw. auch die JungeWirtschaftkammer Biel, die Konsequenzen der Gebietsauflösungdurch die UBS zu spüren. Da, wie der Name es schon sagt, dieJunge Wirtschaftskammer, aus jungen Mitgliedern besteht, undda im Leben von jungen Menschen noch viel Bewegung ist, mussla gueule 2/2010 1


die Kammer stets flexibel bleiben, ist aber auch ständig aufder Suche nach neuen Mitgliedern, die bereit sind, die Zieleder Kammer zu verfolgen.Zwei dieser Ziele sind die Persönlichkeitsentwicklung und dieEntwicklung persönlicher Fähigkeiten auf dem Weg zurFührungskraft. Nirgends kann jeder einzelne für sich andiesen Zielen so gut arbeiten, wie bei der Übernahme vonVerantwortung für die Kammer. Senatoren der Kammer könnenbelegen, dass so Mancher erst bei der Übernahme undAusführung einer Führungsaufgabe an dieser richtig gereiftund gewachsen sind. Daher hoffe ich, dass wir auch für daskommende Jahr ein engagiertes Team aufstellen werden können.Dies ist umso wünschenswerter, da im nächsten Jahr die JungeWirtschaftskammer Biel Ihren 40. Geburtstag feiern wird.JCs, Kandidaten, Interessenten, Senatoren und Altmitgliedersollten sich schon das Datum vom 18. August 2011 vormerken!Es grüsst,Nathalie WittigVizepräsidentin JCBB 2011la gueule 2/2010 2


InhaltSommaireEditorialEuropakongress in Arhus 4Treffpunkt Wirtschaft 2010: Ethik und Bilinguisme 5Soziale Innovation – Wie das Internet den Alltagvon Senioren verändern kann – und muss 9Unternehmenskultur und Innovation 14Nice to Know 22Knigge – seiner Zeit voraus und noch immer aktuell 24Jugendliche im öffentlichen Raum als Forschungsobjekt 27la gueule 2/2010 3


Schön isch's gsi und vor auem luschtig!la gueule 2/2010 4


Thomas MäderHIV-Sektionspräsident Biel SeelandTreffpunkt Wirtschaft 2010: Ethik undBilinguismeDie Themen 2009 des „Treffpunkt Wirtschaft“ standen ganz imZeichen der schwierigen wirtschaftlichen Zeiten. Am erstenAnlass dieses Jahres vom 26. Mai 2010 wurde zum Thema „Ethikund Wirtschaft – Welche Werte zahlen?“ diskutiert.Dank der intensiven Mitwirkung (Co-Organisation) der jungenWirtschaftskammer konnten fürs Podium wieder sehrinteressante Gäste gewonnen werden.Der neu ernannte HIV-Sektionspräsident Biel Seeland, HerrThomas Mäder, beurteilte zu Beginn des Anlasses die aktuellenKonjunkturzahlen unserer Region. Seine persönlichenErfahrungen aus der beruflichen Sicht zeigen eine rechtgrosse Übereinstimmung.Zum Thema „Ethik statt Monetik“ hielt Jesuitenpater und Zen-Meister Niklaus Brantschen einen denkanregenden Vortrag.Unter anderem bezieht er sich auf die von der BP verursachteÖlkatastrophe, die wie viele andere Firmen eine reine„Reparaturethik“ betreiben. Ethisches Handeln sei etwasanderes „Es beinhaltet achtsames Wahrnehmen des Lebens in allseinen Formen“, was so viel heisst wie keine Ethik ohneTugend.la gueule 2/2010 5


Als erster Podiumsteilnehmer betont Adrian Haas, Direktor HIVBern, dass die Unternehmer im Seeland während der Krisesozial handelten und das Know-How im Betrieb behielten.Die ehemalige Geschäftsführerin der Max-Havelaar-StiftungPaola Ghillani begleitet heute Unternehmen, die ihr Business-Modell an die Nachhaltigkeit anpassen wollen.Hart ins Gericht geht sie mit u.a. mit den Banken, die gemässihr in virtuelle Sphären abgehoben. Ihr Rat an dieUnternehmungen ist, dass man nicht nur auf grosse Volumen undbillige Preise, sonder vermehrt auf Innovation setzt.Da uns auch die Haltung von Thomas Mäder zu diesem Themainteressierte, haben wir ihn nach dem Anlass für einumfassendes Interview gewinnen können:Fragen und Antworten zum Thema Ethik vonThomas Mäder, HIV-Sektionspräsident Biel Seeland1. Was ist aus Ihrer Ansicht ethisches Handeln?Ethisches Handeln ist aus meiner Sicht die Übernahme vonVerantwortung gegenüber unseren Mitmenschen und derGesellschaft.2. Ist Ethik und Wirtschaft ein Widerspruch?Ethik und Wirtschaft ist und soll kein Widerspruch sein. ImWesentlichen soll man sich in der Beschäftigung mitUnternehmensethik die Frage stellen, nach welchen anderen alsbloss ökonomischen Kriterien unternehmerische Entscheidungengefällt werden können. Jeder Unternehmer trägt einegesamtgesellschaftliche Verantwortung, im BesonderenVerantwortung für seine Entscheidungen gegenüber seinenKunden und Geschäftspartnern.3. Welche Anregungen geben Sie Ihren Mitgliedern und unsjungen Führungskräften, damit wir bewusst ethischerHandeln?Eine ausschliesslich an der Rendite ausgerichteteEntscheidungspraxis läuft schon dem gesunden Menschenverstandzuwider. Ein Lieferant, ein Arbeitgeber oder ein Kunde wirddie Wertschätzung seiner Mitmenschen im Geschäftsbetriebnicht dadurch gewinnen, dass er sich besonders raffgierig undegoistisch verhält, sondern dadurch, dass er für korrekt undinteger erachtet wird.la gueule 2/2010 6


Moralisches Verhalten wird in allen Lebensbereichen, alsoauch im Geschäftsleben, geschätzt und durch Anerkennungbelohnt. Erfolg und moralisches Agieren schliessen sich alsomitnichten aus. Ich durfte dies in der Vergangenheit oft ameigenen Leib sehr angenehm erfahren.4. Wie unterscheidet sich Ihre ethische Haltung im privatenund beruflichen Bereich?Ich bemühe mich im privaten wie auch im beruflichen Bereichnach den genau gleichen Grundsätzen zu agieren. Für mich gibtes hier kaum Unterschiede. Leider ist es im beruflichenAlltag hin und wieder so, dass wir aufgrund wirtschaftlicherZwänge zu einer Gratwanderung gezwungen werden, bei der ichmich jeweils nicht wirklich wohl fühle. Wer mich besserkennt, weiss dies.5. Gab es in Ihrer beruflichen Karriere Situationen zum ThemaEthik, die Sie heute anders bewältigen würden?Ich bin ein Mensch der einiges aus seinem Bauch herausentscheidet. Jede und jeder kennt das, hinterher ist manimmer klüger. Trotzdem würde ich wieder gleich handeln, auchwenn ich mir das eine oder andere Mal den Kopf gestossenhabe.6. Sie bewegen sich erfolgreich im Bereich Militär, Sport,Politik, Wirtschaft und Familie. Welche ethischenGrundsätze sind stets einzuhalten?Den menschlichen Wesenszug, den man „Gier“ nennt, bekämpfen.Die Anliegen der Mitmenschen ernst nehmen und sich ab und zuin den Dienst der Gesellschaft stellen.Es ist zwar bequem zu konsumieren aber es lohnt sich, sich zuengagieren. Dies zwar nicht unbedingt materiell aber dochzumindest moralisch. Moralisches Verhalten wird in allenLebensbereichen, also auch im Geschäftsleben, geschätzt unddurch Anerkennung belohnt. Erfolg und moralisches Agierenschliessen sich also nicht aus.7. In welchem Bereich sollte die regionale Wirtschaftunbedingt handeln, um ethische Grundsätze wahren zukönnen?Die Unternehmen sollten versuchen, ihre Ziele vermehrtgemeinsam, auch mal unter dem Gesichtspunkt des Verzichts zuerreichen. Dies ist aus meiner Sicht weit nachhaltiger.la gueule 2/2010 7


Der nächste Anlass dieses Jahres wird im November zum Thema„Zweisprachigkeit/Mehrsprachigkeit,bilinguisme/multilinguisme“ stattfinden. Gerade kürzlicherschien zu diesem Thema eine regionale Studie. Das Ziel derStudie war herauszufinden, wie die Bieler Unternehmen mit derZweisprachigkeit umgehen. Wir sind überzeugt, dass das Themaneue und interessante Denkanstösse zu einem vielschichtigenThema hervorbringen wird. Sicherlich werden die Gäste auchbeim anschliessenden Apéro wiederum die Gelegenheit haben,sich mit altbekannten und neuen Gesichtern auszutauschen. DerAnlass ist bekanntlich unter anderem für die Pflege derberuflichen Kontakte sehr beliebt. Wir von der JungenWirtschaftskammer freuen uns immer wieder über neue jungeFührungskräfte, die schon bald zum zukünftigen Stammpublikumgehören werden.Caroline Ruchti und Valerio Magnanimola gueule 2/2010 8


Soziale Innovationen – Wie das Internet denAlltag der Senioren ändern kann – und mussIn den vergangenen Jahrzehnten hat das Internet die Weltnachhaltig verändert. Ob als Informationsquelle,Kommunikationsmedium, oder zum Einkaufen; die Mehrheit derGesellschaft ist mittlerweile täglich online, viele sogarmehrmals. Dabei ist die Rolle des Internets schon längstnicht mehr eine, die lediglich bestehende Abläufeunterstützen oder vereinfachen soll. Ganz im Gegenteil:Einige Internetdienste sind dabei, traditionelle Kanäle zuersetzen, oder wenigstens auf den zweiten Rang zu verweisen.So werden Musik und Filme immer häufiger und ganz legal ausdem Netz heruntergeladen statt im Laden gekauft, undReisebuchungen werden immer öfter online abgewickelt. AuchBehörden benutzen das Internet, um Abläufe zu vereinfachenund so Kosten zu sparen und den Service zu verbessern. Diesekommerziellen und nicht-kommerziellen Dienstleistungen werdengut angenommen. Denn es bedeutet grosse Vorteile fürerfahrene Internetnutzer, die Zeit, Mühe und häufig auch Geldsparen können. Diese Entwicklung führt dazu, dass immer mehrAnbieter ihren Internetservice ausweiten, manchmal auf Kostender traditionellen Services.la gueule 2/2010 9


Die Zahlen beweisen es. Medien behaupten, dass mittlerweile70% der schweizer Bevölkerung täglich online sei 1 . Wie eineStudie des deutschen ACTA Instituts zeigt, sind es immer nochvor allem Jugendliche die sich das Medium besonders starkangenommen haben: 89% der 14-29 Jährigen nutzen das Internet.Die Nutzung der älteren deutschen Bevölkerung liegt dagegennoch bei 54%, aber wächst stark, mit 16% jährlich 2 . Und dasist wichtig. Denn wenn das Internet immer häufiger deneinfachsten Zugriff auf Informationen und Dienstleistungenbietet, heisst das, dass die, die nicht online sind, immermehr benachteiligt sind. Dabei bietet das Internetinsbesondere auch für Ältere Lösungen, die die Bewältigungdes Alltags sehr vereinfachen und die Lebensqualitätverbessern können.Ein praktisches Beispiel stellen die vielen neuen undkostengünstigen Kommunkationsmittel dar. So bietetInternettelefonanbieter Skype (www.skype.ch) kostenfreieSprach- und Videokommunikation an, die häufig von Familienverwendet wird, die keine Möglichkeit haben, sich regelmässigpersönlich zu treffen. Soziale Netzwerke wie Facebook(www.facebook.ch) erlauben es Nutzer, sich mit Freunden undVerwandten zu vernetzen und diese in das eigene Leben miteinzubeziehen, indem sie persönliche Bilder und Nachrichtenveröffentlichen. Beide Dienste sind für Senioren die wenigermobil sind hervorragende Mittel, um den Kontakt mitNahestehenden zu behalten und eine soziale Isolation zuvermeiden.Aber das Internet bietet mehr. Viele Händler bieten mittelsOnline Shops die Möglichkeit, Ware Online einzukaufen und perPost liefern zu lassen. Das passiert über OnlineHandelsportale wie www.Ricardo.ch, aber auch über tausendeunabhängige Webshops, die über Suchmachinen wie Googlefindbar sind. Und auch herkommliche Geschäfte wie Migros undCoop bieten Internetdienste an: Man kann seine Einkäufe überdas Internet vorbestellen und danach entweder abholen oder zusich nach Hause liefern lassen.1Kaltenrieder, B, Wütrich B Das neue Einkaufsverhalten und die Anforderungen an E-Commerce, Marketing & Kommunikation 12/ 2009 http://news.orange8.com/fachartikel/dasneue-einkaufsverhalten-und-die-anforderungen-an-e-commerce/gesehen 06.07.20102Schneller, J Zentrale Trends der Internetnutzung in den Bereichen Information,Kommunikation und E-Commerc, Institut für Demoskopie Allensbach, 21.10.09http://www.acta-online.de/praesentationen/acta_2009/acta_2009_Trends_Internetnutzung.pdf gesehen 06.07.2010la gueule 2/2010 10


Für Menschen mit körperlichen Behinderungen können solcheDienste eine echte Erleichterung darstellen.Doch gibt es sicherlich noch einiges zu tun, bevor diesozialen Möglichkeiten des Internets wirklich ausgeschöpftwerden können. Inbesondere Senioren sehen sich häufig grossenHindernissen gegenübergestellt. Fehlende finanzielle undtechnische Mittel und insbesondere fehlendeInternetfähigkeiten verhindern oftmals den Sprung in dieOnline-Welt. Es ist wichtig, solche Hindernisse aktiv zubeseitigen, damit das Internet die ältere Bevölkerungunterstützt, statt ausbremst.Soziale Innovationen - Die nächste Stufe: die mobileRevolutionWährend die meisten von uns sich immer noch mit dem Erfolgrelativ neuer Internet Phänomene wie Twitter und sozialeNetzwerke beschäftigen, sind die Experten schon längst zumnächsten grossen Thema übergegangen. Und dieses nächstegrosse Thema ist Mobil: Die Zeit, dass Handys lediglich fürKommunikation zuständig waren und Laptops für alles andere,wird nach Meinung der Kenner sehr bald vorbei sein. Die neueGeneration Smart-Phones" wird alles können, was Rechner jetzttun - und noch viel mehr. Erstens bieten mobile Endgeräte dieMöglichkeit, den Träger zu lokalisieren und relevanteInformationen über seine Umgebung zu vermitteln. Zweitensstellen Entwickler unzähliche Applikationen zur Verfügung,die auf die mobilen Endgeräte heruntergeladen werden können.Die Kombination von Lokalisierung und unzähligenApplikationen bieten Möglichkeiten, die das Potenzial haben,das soziale Leben grundlegend zu ändern.Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie brauchen unbedingt einenneuen Mantel, und zwar einen ganz bestimmten, haben aberwenig Zeit und wollen auch nicht zuviel ausgeben. Sie wollenaber unbedingt sicher gehen, dass der Mantel genau passt undIhnen gut steht. Was tun? In der neuen mobilen Welt könntenSie folgendes machen: Sie nehmen Ihr Smartphone und geben ineine Suchmachine relevante Suchbegriffe ein. Die Suchmachineliefert Ihnen Beispielangebote, inklusive Bilder. Sie suchensich das Bild des schönsten Mantels aus und verwenden dieBildersuche, um nach ähnlichen Mänteln zu suchen. Sobald siela gueule 2/2010 11


einige schöne Angebote zusammenhaben, fragen Sie ab, wo essolche Mäntel bei Ihnen in der Nähe gibt. Das Smartphone, mitGPS Funktionalität ausgestattet, weiss ja genau, wo Sie sindund verfügt auch über unzählige Informationen über IhreUmgebung.Sie können sich dann sofort zu den richtigen Läden begeben,um den Mantel anzuprobieren. Wenn Sie sich nicht sicher sind,können Sie mit Ihrem Smartphone ein Bild von sich machen undeinem Bekannten schicken, der Ihnen dann seine Meinung gebenkann. Oder vielleicht hat der Laden sogar eine Webcam zu demZweck? Sollte der Mantel Ihnen gefallen, könnten Sieeventuell noch kurz im Internet abfragen, ob es ihn irgendwonoch günstiger gibt. Auch können Sie den Barcode des Mantelsmit Ihrem Smartphone scannen, um ganz spezifischeProduktinformationen abzufragen. Wenn nein, bezahlen Siesofort, zum Beispiel mit einem Online Bezahlservice.Wenn es den Mantel woanders günstiger gibt, können Sie ihnsofort über Ihr Smartphone bestellen und wieder mit einemOnline Bezahlservice bezahlen. Der Verkäufer kann IhnenInformationen zum Versand inklusive Trackingnummer zukommenlassen. Der Versandservice kann Ihnen automatisch Bescheidgeben, wann der Zusteller bei Ihnen in der Nähe sein wird,damit Sie nicht zu lange warten müssen. Sollte es Problememit dem Mantel geben, können Sie es dem Verkäufer über IhrSmartphone mitteilen; möglicherweise schicken Sie ein Videomit.Sollte Ihnen der Mantel nach einiger Zeit dann doch nichtmehr so gefallen, können Sie wieder ein Bild mit IhremSmartphone machen und/ oder die Produktspezifikationenmittels des Barcodes abfragen und den Mantel in wenigenSekunden mit allen benötigten Informationen bei einem OnlineMarktplatz einstellen wo der Kreis sich schliesst.la gueule 2/2010 12


Zukunftsmusik? Nicht wirklich. Die meisten Applikationen gibtes schon und deren integrierte Verwendung ist nach Meinungvon Experten eine Frage der Zeit - schon in 2013 sollen 20%der deutschen Online Umsätze auf Mobile Commerce entfallen 3 .Also, eine neue Revolution steht bevor und zwar eine, die dieBrücke zwischen der online und der offline Welt endgültigschlagen kann.Annemarie van Leijen3 Studie: Mobile Endgeräte werden zukünftig das Einkaufsverhalten nachhaltigbeeinflussen, Medienhandbuch.de, 04 April 2010,http://www.medienhandbuch.de/news/studie-mobile-endgeraete-werden-zukuenftig-daseinkaufsverhalten-nachhaltig-beeinflussen-36297.htmlviewed 09 Juli 2020la gueule 2/2010 13


Tom RychigerRychiger Executive Supportwww.rychiger.infoJCI Switzerland Hintergrund:Tom Rychiger war aktives Mitglied bei der Thuner Wirtschaftskammerder Jungen, 1998 als Präsident.1999 bis 2002 hat er als Leiter JCIS Training das TrainingsundCoaching-Angebot der JCI Switzerland mitgestaltet und warselber in den Bereichen Führung und Kommunikation als Trainerim Einsatz.Drei berufliche Stationen:1988 – 1996: Vertriebsleiter und Verwaltungsrat Hans RychigerAG, Verpackungs-Maschinenbau, Steffisburg.1996 – 2003: Als Business Coach und Teilhaber Heinrich KornerAG, entwickelt und realisiert er Führungs- undKommunikations-Konzepte.Seit 2003: Als Business Coach und Inhaber Rychiger ExecutiveSupport begleitet er Firmen in Nachfolge-, Integrations- undStrategie-Prozessen.la gueule 2/2010 14


Weshalb steckt in Unternehmenskultur und Innovation besondersfür junge Unternehmen viel Potenzial? Wie kann das nutzbargemacht werden? Zwei von vielen weiteren Fragen, denen wir imInterview mit Tom Rychiger nachgehen wollen.La Guele:Weshalb sind die Themen Unternehmenskultur und Innovationbesonders für junge Unternehmen interessant?Tom Rychiger:Der gesündeste Antrieb zur Selbständigkeit ist der, dass mandaran glaubt, einem spezifischen Markt Besseres bieten zukönnen als alle anderen. Differenzierung ist das (jung-)unternehmerische Lebenselixier.Und wie differenziert sich die junge Unternehmerin? Durchihre Persönlichkeit und ihre Ideen. In anderen Worten: DurchKultur und Innovation.Nebenbei: Ich verwende gerne die weibliche Form und sagedazu: Gleiches gilt meist auch für Männer!La Guele:Wie erklärst Du den Zusammenhang zwischen Innovation undUnternehmenskultur?Tom Rychiger:Wie schon angetönt: Der Nährboden für Innovation ist dieUnternehmerin. Deren Haltung und deren Handlungen habenentscheidenden Einfluss darauf, wie innovativ das ganzeUnternehmen handelt und wahrgenommen wird.la gueule 2/2010 15


Grundsätzlich ermöglicht Unternehmenskultur Innovation, nichtumgekehrt.La Guele:Hat denn ein Unternehmer, der nicht innovativ ist, auf langeSicht überhaupt eine Überlebenschance?Tom Rychiger:Das ist in mehrfacher Hinsicht eine Definitionsfrage: Washeisst auf lange Sicht? In welcher Branche und Situation sindwir? Wie breit oder eng definieren wir Innovation?Ganz allgemein betrachtet sage ich: Ja, es gibt Unternehmen,die ohne nennenswerte innovative Leistung auf lange Sichtüberlebt haben und überleben werden. Nach meiner Beobachtungsind das allerdings eher die Ausnahmen, die die Regelbestätigen.La Guele:Kann eine Unternehmenskultur auch innovativ sein – oder musssie es sogar sein?Tom Rychiger:Die Unternehmenskultur an sich ist sozusagen das Gegenteilvon Innovation: Sie widerspiegelt vielmehr dieunternehmerische Seele der obersten operativenVerantwortlichen. Und das ist etwas, was grundsätzlich überJahre und Jahrzehnte Bestand haben kann.Was innovativ sein muss, ist die bewusste Entwicklung einerwünschenswerten Unternehmenskultur. Nur mit Mut und Ideenkann man Menschen dafür begeistern, sich in eine neue Kulturhinein zu entwickeln.Es gilt, Prägungen und Vorurteile loszulassen und Neuesanzunehmen und glaubwürdig zu vertreten. Nur so bleibt dieneue Kultur nicht in den Köpfen hängen, sondern erreicht alsgelebte Kultur auch die Bäuche - oder wenn es Dir bessergefällt: die Herzen!La Guele:Wie stark beeinflusst die UnternehmenskulturUnternehmenserfolge und soziale Geflechte? Kannst Du uns einpositives und ein negatives Beispiel aus DeinerPraxiserfahrung zeigen?Tom Rychiger:Da fällt mir ein aktuelles Beispiel ein, das gleich fürpositive und negative Effekte stehen kann:Ein Patriarch stirbt. Mit ihm stirbt auch seine militärischeArt der Führung, die seine Leute weitgehend davon befreithat, selber zu denken und Verantwortung zu übernehmen.la gueule 2/2010 16


Die Inhaberfamilie stellt eine neue Unternehmerin an und dietut etwas, was sich niemand in diesem Unternehmen gewohntist: Sie fordert Ideen und Lösungen von Leuten, die sichgewohnt sind, Befehle auszuführen.Diese neue Unternehmenskultur führt zu einer natürlichenSelektion – vereinfacht gesagt bilden sich drei Kategorienvon Mitarbeitenden heraus:1. Jene mit Innovations-Potenzial, die endlich einbringenkönnen, wozu sie schon seit Jahren fähig gewesen wären. Diewerden zu prägenden Elementen der neuen Unternehmenskultur.Ausserdem (und das kann gar nicht deutlich genug gesagtwerden) wird das Unternehmen noch erfolgreicher, weilschlummernde Potenziale entdeckt und nutzbar gemachtwerden.2. Jene, die mit dieser neuen Forderung nach Ideen undLösungen überfordert sind, bei denen es sich aberherausstellt, dass dies für die Erfüllung ihrer Aufgabenkeine negativen Folgen hat. Die können sich in der neuenUnternehmenskultur gut zurecht finden, weil sie in denBefehlsempfängermodus zurückfallen und bestmöglicheLeistung erbringen dürfen.3. Jene, deren Funktion die Einbringung von Ideen und Lösungenfordert, die aber trotzdem nicht willens oder fähig sind,diesen Schritt zu tun. Die werden das Unternehmen über kurzoder lang verlassen.La Guele:Gibt es einen innovativen Prozess für die Entwicklung einerUnternehmenskultur?Tom Rychiger:Ja. Gesunde Innovation in der Entwicklung derUnternehmenskultur beginnt mit der Erkenntnis derUnternehmerin, dass Sie die prägende Figur für die bewussteEntwicklung einer gewünschten Unternehmenskultur sein muss.Dann folgt der Abschied von den verlockend einfachenStandard-Modellen und -Instrumenten. Es braucht den Mut, sichauf eine Entdeckungs- und Entwicklungsreise zu begeben: Dieeigene unternehmerische Seele will entdeckt werden.Um ihr Potenzial nutzbar zu machen, entwickelt dieverantwortungsbewusste Unternehmensführung dieseunternehmerische Seele gedanklich weiter zu der, die heuteund morgen vom Zielmarkt verlangt wird.la gueule 2/2010 17


Es braucht dann Innovationskraft und Nähe zur Basis, um zueiner scharfen Wunsch-Formel (in Wort und Bild) der neuenunternehmerischen Seele zu kommen, die für alle verständlichund verbindlich sein kann.La Guele:Wie sieht den nun der konkrete Prozess aus? Wie muss ich mirdas in der Praxis vorstellen?Tom Rychiger:Da kann ich nur vom Ansatz erzählen, den ich gefunden habe.Der ist nicht der allein selig machende und wahrscheinlichauch nicht der beste. Aber er hat in den letzten Jahren invielen Unternehmen unmittelbar etwas bewirkt und scheint auchauf lange Sicht zu funktionieren.Was mit aller Deutlichkeit gesagt werden muss: DieEntwicklung einer auf lange Sicht passendenUnternehmenskultur kann nicht von einem auf das andereUnternehmen kopiert werden!Leider gibt es immer noch viele Unternehmer, Berater undCoaches, die dies nicht einsehen wollen. Sie versuchenModelle über Unternehmen zu stülpen, was höchstkontraproduktiv sein kann und in jeder Hinsicht viel kostet.Wenn man mit gesundem Menschenverstand die Zusammenhängezwischen einer Familien- und einer Unternehmenskultur undderen Entwicklung erkennt, dann weiss man, dass man nur aufeinem Weg an die wahre Essenz herankommen kann:Im intensiven persönlichen Dialog mit jener Persönlichkeit,die die Unternehmenskultur unmittelbar und auf lange Sicht ammeisten prägen wird. Das ist eben meistens die Unternehmerin.Ich verweile im Dialog mit der Unternehmerin keine Sekunde inder Vergangenheit oder in der Gegenwart und sie investierteinen Bruchteil der Zeit, die sie für diesen gedanklichenEntwicklungsprozess normalerweise investieren müsste.Mein Geheimnis (das ab dieser La Gueule Ausgabe nun keinesmehr ist): Ich mache am Anfang des intensiven Dialogs eineZeitreise, definiere mit der Unternehmerin ein Datum,welches 5 – 10 Jahre in der Zukunft liegt und führe denDialog so, als befänden wir uns an diesem Zeitpunkt.Die Grundfrage, die meinem Gesprächspartnerin und mich dabeiantreibt, ist ganz einfach:Was möchte ich zu diesem Zeitpunkt über die Entwicklungmeiner Persönlichkeit und meines Unternehmens sagen können?Aus der Essenz dieses ersten Zukunftsdialogs erarbeite ichinnerhalb von zwei Wochen ein scharfes Zukunftsbild ausSicht der Unternehmerin.la gueule 2/2010 18


Im nächsten Dialog redigieren wir dieses Zukunftsbildgemeinsam, bis die Unternehmerin es als Wunsch-Spiegel Ihrerunternehmerischen Seele erkennt. So haben wir eine guteAusgangslage, um das wahre Potenzial in der Persönlichkeit,im Unternehmen und insbesondere auch in derUnternehmenskultur zu entdecken und nutzbar zu machen.La Guele:Wo liegen die grössten Stolpersteine, wenn Veränderungen inder Unternehmenskultur vorgenommen werden sollen?Tom Rychiger:Es gibt mehr Stolpersteine, als man gemeinhin wahrhaben will.Ich erwähne der Einfachheit halber den nach meiner Erfahrunggrössten Stolperstein:Die Unternehmerin und die Persönlichkeiten mit dem stärkstenEinfluss auf die Geschehnisse im Unternehmen sind nichtwillens oder fähig, die geforderte Entwicklung derUnternehmenskultur glaubwürdig mitzugestalten und zu prägen.Kurz: Sie predigen Wasser und saufen Wein!Als weiteren Stolperstein kann ich dir auch ein Beispiel ausder Praxis erzählen.Ich moderiere bei einem Unternehmen die Entwicklung der dreiKernwerte als Ausdruck der wünschbaren unternehmerischenSeele. Dabei kommt der Begriff „proaktiv“ ins Spiel.Ich hasse diesen Begriff! Ich habe ihn schon immer für einehöchst überflüssige Mode-Erscheinung gehalten.Die Unternehmerin aber, mit der ich bereits den intensivenDialog hinter mir hatte, war begeistert davon. Im Workshopmit der Geschäftsleitung haben wir beide unsere Klingengekreuzt bis sie entnervt rief: „Tom, wer führt eigentlichdiese Unternehmung, Du oder ich?“Diese Episode zeigt auf, wie wichtig es ist, die Moderatoren-Rolle von der Führungs-Rolle getrennt zu halten … und wieschwierig!Und nun kommt der Clou: Niemand auf der ganzen Weltverkörpert „proaktiv“ überzeugender als diese Unternehmerin!Schon nur aus Trotz mir gegenüber, natürlich!Was ich damit auch unterstreiche: Kernwerte als Ausdruck derunternehmerischen Seele können ein Erfolgsmotor sein … wennSie von der Unternehmerin und von den Persönlichkeiten mitdem stärksten Einfluss auf die Geschehnisse im Unternehmenglaubwürdig verkörpert werden.La Guele:Damit Unternehmungen erfolgreich am Markt operieren können,brauchen sie Deiner Meinung nach überhaupt eineUnternehmenskultur oder würde es auch ohne gehen?la gueule 2/2010 19


Tom Rychiger:Es ist ausgeschlossen, dass ein Unternehmen keine Kultur hat.Genauso wie es ausgeschlossen ist, dass eine Familie keineKultur hat. Genauso wie es ausgeschlossen ist, dass einMensch keine Kultur hat.Insofern könnte man beruhigen: Um die Unternehmenskulturbrauchst Du Dich nicht zu kümmern, sie ist sowieso da.Will man sie bewusst in eine gewünschte Richtung entwickeln,dann gibt es neben der glaubwürdigen Verkörperung durch dieUnternehmerin noch zwei interessante Aspekte, die ich gernebeleuchte:1. Es gibt eine Grundkomponente, die in jederUnternehmenskultur vorhanden sein muss, wenn sie auf langeSicht tragen soll: Respekt.2. Es gibt Unternehmen, in welchen Teilkulturen stärker sindals die Gesamtkultur.1. RespektRespekt gegenüber Mensch und Umwelt ist etwas, wofürUnternehmen, Persönlichkeiten und Marken stehen müssen, diemorgen und übermorgen auch noch Erfolg haben wollen. Das giltfür den globalen Massenmarkt scheinbar etwas ausgeprägter alsfür den lokalen Individualmarkt:Ich kann heute nicht mehr Kleider anbieten, die aus Baumwollegemacht sind, die von Sklaven unter erbärmlichen Bedingungengeerntet worden ist. Ich kann aber sehr wohl noch Häusererstellen mit Billigst-Arbeitskräften aus juristischenGrauzonen.2. TeilkulturenEs gibt Unternehmen, unter deren juristischer Einheitverschiedene Kulturen gelebt werden, gelebt werden dürfen undauch gelebt werden sollen.Es ist beispielsweise ganz natürlich, dass bei einerGrossbank wie bei UBS die verschiedenen Bereiche auchverschiedene Kulturen repräsentieren, die wiederumverschiedene Kundengruppen ansprechen. Pikant ist an diesemBeispiel, dass Fehlhandlungen von einigen wenigenPersönlichkeiten aus einem einzelnen Bereich, die denallgemeinen geforderten Respekt verletzen, ausreichen, um dieganze Marke und deren Wert in den Sumpf zu ziehen.Übertragen auf den Jungunternehmer und die Jungunternehmerinbleibt die Erkenntnis:In jedem Moment, in dem ich als Vertreter meines Unternehmenswahrgenommen werde, wirke ich als Botschafter desUnternehmens und präge damit meine Unternehmenskultur.la gueule 2/2010 20


Das ist je nach Betrachtung natürlich einfach oder einherausfordernder Anspruch!Interview von Stephan Gafner mit Tom Rychigerla gueule 2/2010 21


……nice to know……Innovationen schaffen, könnte man wie folgt umschreiben:„Neues zu tun oder etwas, was bereits gemacht wird, auf eineneue Art zu machen“. Die Grundlage jeder Innovation ist die„Idee“. Wie aber können Ideen gewonnen werden? Wir stellenIhnen hier zwei Kreativitätstechniken zur Gewinnung von Ideenvor:Brainstorming (Teamprozess)Eine Gruppe gut vorbereiteter Personen sammelt während einerSitzung Ideen zur Lösung eines bestimmen Problems. FolgendePunkte sollten beachtet werden:• Sitzungsdauer max. 45‘• Gruppengrösse 6 – max. 12 Teilnehmer• Möglichst heterogene Gruppe• Protokollführer notiert kommentarlos• Jede, auch die verrückteste Idee, wird festgehalten• Absolutes Kritikverbot der Ideen!• Wichtig: freie und ungezwungene AtmosphäreDas Brainstorming kann als Gruppengespräch abgehalten werden.Bei der Kartentechnik schreibt jeder Teilnehmer seineGedanken auf. Die Ideen werden danach vor der Gruppe erklärtund die Teilnehmer geben Ihre Kommentare ab – was oft zuweiteren Ideen führt.la gueule 2/2010 22


Der grösste Vorteil / Nutzen vom Brainstorming ist, dass ofteine riesige Anzahl von Ideen zusammenkommt.Das Brainstorming birgt jedoch auch Nachteile. So fehlt eingeordnetes Sammeln und Systematik. Der Verlauf derGruppendynamik muss gut beobachtet werden.Morphologischer Kasten (Team oder Einzelperson)Die Morphologie ist eine umfassende Denk- und Konstruktionsmethode.Sie ist eine kreative Technik zur systematischenSuche nach einer Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten.Die Methode funktioniert wie folgt:1. Umschreibung des Problems2. Suche aller Bestimmungskriterien (Parameter) z.B.Zielgruppe u.s.w.3. Suche aller Lösungsalternativen je Parameter z.B.innerhalb der Zielgruppe: Lehrlinge, Arbeiter, u.s.w.4. Kombination der LösungsalternativenBeispiel:Eine Firma sucht neue Mitarbeiter. Das Hauptproblem kann mit„Personalbeschaffung“ umschrieben werden. Anhand desmorphologischen Kastens sollen nun möglichst vieleAlternativen erzeugt werden.Ausprägung / LösungsalternativenParameter 1 2 3 4 5ZielgruppeLehrlinge Arbeiter Angestellte Vorgesetzte TopmanagementAnwerbung Inserate Arbeitsamt Headhunter interneSucheKontakt zuSchulenAuswahlaufgrundBewerbungsunterlagenaufgrundGesprächGespräch +BewerbungsunterlagenAssessment-CenterDurchführungPersonalabteilungdirekterVorgesetzterexterne HRTeamEinarbeitungEinführungsveranstaltungTrainingsprogramm„Pate“„kaltesWasser“la gueule 2/2010 23


Adolph Freiherr Knigge (1752 - 1796)Knigge – seiner Zeit voraus und noch immeraktuellKnigge - einer der bedeutenden Gesellschaftsphilosophen undAufklärer Deutschlands, der berühmt geworden ist durch seinenBestseller „Über den Umgang mit Menschen“, ein Buch über denAnstand in der bürgerlichen Gesellschaft. Kein zweites Werkder deutschen Geistesgeschichte wurde von der Nachwelt sogründlich missverstanden, weshalb der er als Benimm-Apostelheute jedermann bekannt ist.Den Namen „Knigge“ kennt jeder. Er ist ein Synonym fürBenimm- und Verhaltensbücher aller Art – vom Flirt- über denBekleidungs- bis zum Öko-Knigge. Kaum einer kennt jedoch denMenschen Knigge, den grossen Aufklärer und Publizisten desausgehenden 18. Jahrhunderts, der neben seinem Bestseller„Über den Umgang mit Menschen“ ein Lebenswerk hinterlassenhat.Das Internet offeriert bei Nennung der sechs BuchstabenKnigge erst einmal alles, was heute im Verständnis derZeitgenossen mit dem Begriff „Knigge“ verbunden wird: zumBeispiel Karriere-Knigge, Business-Knigge, Schnupfen-Knigge(man erfährt, dass damit Apotheker Händewaschen mit Wasser,Seife und Einmalhandtuch meinen) und unzählige Anleitungenmehr. Offenbar ernennt heute jeder, der Ratschlägela gueule 2/2010 24


präsentieren oder verkaufen will den Freiherrn Knigge zuseinem Schutzheiligen, indem er dessen Namen alsGattungsbegriff verwendet und sich dadurch als Ratgeber füralle Lebenslagen empfiehlt, was der wahre Knigge nie war undnie sein wollte.Die meisten Autoren machen sich nicht einmal die Mühe zuerklären, warum sie den Namen Knigge verwenden, so dass derMensch Adolph Freiherr Knigge, sein Leben und sein Werkhinter dem Namen unbekannt bleiben. Auch ein grosser Teil desWerkes verschwindet hinter seinem bekanntesten Buch „Über denUmgang mit Menschen“ (1788). Genau auf dieses Buch beziehtsich aber alles, ein Aufklärungsbuch vom Anstand – und nichteine Benimmfibel. Gegenstand seiner Schrift sind nicht dieManieren, sondern der Umstand des Umgangs mit Menschen.Knigge setzt sich als Aufklärer mit konkreten Denkmustern unddifferenzierten Verhaltensweisen auseinander. Direkt oderindirekt haben einige Schriften auf Knigge gewirkt und habenso Eingang in das Werk „Über den Umgang mit Menschen“gefunden. Dazu gehört beispielsweise Lessings „Erziehung desMenschengeschlechts“, auch Wolffs „Vernünftige Gedanken vonder Menschen Tun Lassen zur Beförderung ihrer Glückseligkeit“oder Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung desMenschengeschlechts“.Die Ausgabe des „Umgangs“ von 1796 umfasst 762 Seiten undbeleuchtet die Spielregeln für das Ehe- und Familienlebenoder den Umgang unter Verliebten ebenso wie das Verhältniszwischen Jung und Alt, die Probleme und Chancen derGastfreundschaft oder der Nachbarschaft wie auch die Regelnvon Teilnahme und Respekt im Sozialgefüge. Dabei geht es ihmnie um äussere Benimmregeln, sondern immer um den Anstand.Wertedebatte: Abzocker und die französische RevolutionDas Thema Anstand hat in den letzten Jahren an Brisanzgewonnen. In der Wirtschaft fanden Entwicklungen statt undSchlagworte sind geschaffen worden wie „Abzocker“ oder „hoheManagerboni“. Medial breitgeschlagen, von Politikernaufgenommen und am Stammtisch polternd diskutiert – dieWertedebatte ist im Gang und ein Ende ist nicht absehbar. Esfindet eine Veränderung statt, was in Bezug auf Top-Gehälteranständig ist.Das Wort Anstand bezeichnet die „gute Sitte“ im Benehmen.Zweck des Anstands ist die individuelle Willkür dengesellschaftlich akzeptierten Werten anzupassen. ÜberbordendeGehälter sind erlaubt, aber deswegen nichtla gueule 2/2010 25


zwingend anständig. Entscheidend ist vielmehr, ob es breiteKreise der Gesellschaft akzeptieren oder eben anstössigfinden. So sehen gewisse Zeitungen bereits dengesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr.Werte sind also auch eine Art Regelwerk. Es hilft uns sich imUmgang mit Menschen so zu verhalten, dass wir akzeptiertwerden. Es ist nicht verboten zu niesen ohne die Hand vor denMund zu halten, aber es ist allgemein üblich.Das Beispiel soll uns verdeutlichen, dass esgesellschaftliche Erwartungen gibt, welche sich in Regelnmanifestieren. Verletzt man diese Regeln, verletzt manletztlich das Empfinden von Menschen.Die Werte einer Gesellschaft verschieben sich ständig. Was imalten Rom als anständig galt, wurde im Mittelalter andersbeurteilt und ebenso in der Epoche der Aufklärung, in derKnigge gelebt hat. Es ist die spätabsolutistische Epoche, derBeginn der Aufklärung und die Zeit vor der französischenRevolution.Die Massen haben sich mit der französischen Revolution demFeudalsystem und den Adelsständen entledigt. Heute ist es füruns undenkbar, dass ein König als Alleinherrscher über unserSchicksal bestimmt. Jedoch verändern sich Werte oft langsamund es braucht Jahre bis eine gesellschaftliche Übereinkunftbesteht, was als anständig gilt. Das lässt sich treffendzeigen an einem Auszug aus dem Werk von Knigge im Kapitelüber den Umgang mit den Grossen dieser Erde: Nütze die Zeitihrer Gunst … Stimme ihnen nicht bei, wenn sie je vergessenwollen, dass sie, was sie sind und was sie haben, nur durchÜbereinkunft des Volkes sind und haben, dass man ihnen dieseVorrechte wieder abnehmen kann, wenn sie Missbrauch davonmachen … .In grossen zeitlichen Dimensionen betrachtet ist eineVeränderung der Vorläufer der Konvention. Dank desaufklärerischen Geistes, welcher bis heute weht, sind wir inder Lage die Werte von Morgen mit der Debatte von heute zudefinieren. Wir bestimmen in einer Demokratie was für unsgilt und mit welchen Gesetzen wir dahin gelangen. Vergessenwir aber nicht, dass das zwei Paar Schuhe sind.Philipp Messerla gueule 2/2010 26


Jugendliche im öffentlichen Raum alsForschungs-objekt; Ist die Raumplanunginnovativ genug?Welche Gemeinde hat die Erfahrung nicht gemacht: Anwohnerbeschweren sich über Jugendliche bei nächtlichen Lärm, Mütterklagen über Scherben auf dem Spielplatz, ältere Menschenwundern und empören sich über rumhängende Jugendliche, diescheinbar sinnlos ihre freie Zeit verbringen, oder fühlensich angesichts skatender Jugendlicher auf dem Bahnhofsplatzverunsichert.la gueule 2/2010 27


Konfliktfeld öffentlicher RaumÖffentliche Räume werden von Jugendlichen oft andersinterpretiert und angeeignet als von Erwachsenen erwartet undvon Planenden vorgesehen. Sie verbinden mit öffentlichenRäumen unterschiedliche Qualitäten ("Rumhängen",Gruppeninteraktion etc.), die mit den Vorstellungen derErwachsenen (ästhetische Qualitäten, Ruhepol, Durchgangsortetc.) nicht immer übereinstimmen. Aus Plätzen mit Treppenwerden Skater-Flächen, aus Bahnhofsbereichen muntereabendliche Treffs. Sind solche Räume nicht vorhanden, schon„besetzt“ oder werden sie von anderen Nutzergruppen,Eigentümern sowie Sicherheitsdiensten verwiesen, kommt es zuProblemen. Es entstehen Interessen- und Nutzungskonflikte.Diese Konflikte, aber auch Alkohol- und Drogenkonsum,Vandalismus und Gewalt prägen verstärkt die Wahrnehmungöffentlicher Räume. Entsprechend steigt der Handlungsdruck inden Gemeinden.ProblemhintergrundDie Ursachen für die Probleme sind vielfältig. Sie liegenunter anderem darin, dass Jugendliche als eigene Nutzergruppevielerorts nicht vorgesehen sind. Ihnen fehlt es zum einen anMöglichkeitsräumen. Auch der moderne Städtebau mit derTrennung von Funktionen (Wohnen, Arbeiten, Erholen) sowie dieBetreuung bzw. der Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen aneigens dafürla gueule 2/2010 28


geschaffenen Orten (Spielplätze, Jugendeinrichtungen) hatdazu geführt, dass der Anspruch, vor jeglicher Störunggeschützt zu sein, gestiegen, und die Toleranz gegenüberJugendlichen im öffentlichen Raum gesunken ist.Zum anderen fehlt es Jugendlichen auch an Möglichkeiten derEinflussnahme bei Entscheidungen über die Gestaltung ihrerLebensräume. In der Verwaltung sieht man sich nicht zuletztmit der Situation konfrontiert, Probleme mit einer Zielgruppezu lösen, die bei der Planung ihrer räumlichen Umwelt nichtbeteiligt wurde.Raumaneignung durch Jugendliche als ForschungsfeldDer Themenkomplex "Aneignung öffentlicher Räume durchJugendliche" hat in der Forschung in den letzten Jahren einezunehmende Bedeutung bekommen, was nicht zuletzt in der Suchenach Antworten auf die beschriebenen Konflikte inöffentlichen Räumen begründet ist. Dabei geht es neben denBedürfnissen und Aneignungsformen Jugendlicher auch um dieFrage, welche Veränderungen der gesellschaftlichen undräumlichen Rahmenbedingungen dazu geführt haben, dass dieseKonflikte auftreten oder überhaupt als solche wahrgenommenwerden.Jugendliche verbringen im Vergleich zu Erwachsenen einendeutlich höheren Anteil ihrer Freizeit ausserhalb des Hauses.Gerade für Jugendliche spielen Aneignungsprozesse inöffentlichen Räumen eine wichtige Rolle der Raumerfahrung,la gueule 2/2010 29


als Kristallisationskern ihrer Identitätsbildung und als Ortder Integration in eine immer komplexer werdendeGesellschaft. Repräsentation und Selbstdarstellung, aber auchdie Möglichkeit der Kommunikation und Interaktion sindwesentliche Funktionen des öffentlichen Raumes. Jugendlichebrauchen daher Aneignungswelten, die sie selbst formen(spacing), nach eigenen Bedürfnissen nutzen, die sie mitihren Bedeutungen besetzen, die ihnen unkontrollierten,kostenneutralen Aufenthalt erlauben und in denen sie sichungezwungen treffen können. Jugendliche können sich hiergegenüber anderen Personen, meist Erwachsenen, ‚in Szenesetzen’ und profilieren. Bei dieser „Erprobung“ derAussenwirkung von jugendlichem Handeln öffnen sich immerwieder die aufgezeigten Konfliktfelder.Das Projekt JugendRaum erprobt neue WegeMit dem Projekt "JugendRaum – Aneignung öffentlicher Räumedurch Jugendliche" wird das Ziel verfolgt, in Zusammenarbeitvon Forschung und Praxis einen Wissens- undInstrumentenkoffer zu entwickeln: Zur Wahrnehmung derAnsprüche und Aneignungsformen Jugendlicher in öffentlichenRäumen, zur Gestaltung jugendgerechter Räume und zurEntwicklung von Beteiligungsverfahren, die den Interessen,Fähigkeiten und Bedürfnissen der Jugendlichen gerecht werden.Partnergemeinden des Projekts neben Biel sind Aarau, Baar,Liestal, Wädenswil und Wallisellen.Um die Interpretationen, Bedürfnisse und AneignungsformenJugendlicher in verschiedenen Typen öffentlicher Räume undihre Vorschläge zu Verbesserungen zu ermitteln, wurdenInterviews, Fotodokumentation etc. mit Jugendlichendurchgeführt. Aber auch Erwachsene (Anwohner,Geschäftsbetreiber etc.) wurden befragt, um ihre Wahrnehmungzu erfahren.Die nachfolgend in einem Streitgespräch diskutiertenErkenntnisse sind das Ergebnis der Auswertung der Befragungen(1500 Interviews hauptsächlich mit Jugendlichen) zwischenAugust und Oktober 2009 in ausgewählten öffentlichen Räumender genannten Gemeinden.Raimund Kemperla gueule 2/2010 30


Impressum„la gueule“ erscheint drei Mal pro Jahr in einer Auflage von1200 Exemplaren. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oderVervielfältigung von Artikeln auch auszugsweise nur mitZustimmung der Redaktion.Sollten Sie den Erhalt des Heftes nicht wünschen, bitteabmelden unter la.gueule@jcbb.ch„la gueule“ paraît trois fois par an. Tirage 1200exemplaires. Tous droit réservés. Réimpression oureproduction des articles aussi par extraits seulement avecpermission de la rédaction.Si vous souhaitez ne pas recevoir ce magazine, veuillez vousdésinscrire: la.gueule@jcbb.chRedaktion/mise en page:Leitung/directeur: Olga VoiteshenkoMitwirkende/équipe: Claudia von Gunten, Markus Wittig,Nathalie Wittig, Stefan Gafner, Caroline Ruchti, ValerioMagnanimo, Remo Zehnder, Annemarie van Leijen, Oliver IslerLayout: Philipp MesserInserate/annonces: la.gueule@jcbb.ch(Preis auf Anfrage/prix sur demande)Druck/impression: Ediprim AG, Hansruedi Weyrichla gueule 2/2010 31

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