Gordon R. Dickson

dassein.de

Gordon R. Dickson

Krieg der Guerillas und der SternenkämpferDer Ost-Koalition und der West-Allianz, den beidenirdischen Supermächten, ist es selbst im dritten Jahrtausendnicht gelungen, ihre politischen Streitigkeitenbeizulegen. Doch in dem Wissen, daß ein heißerKrieg die Mutterwelt der Menschheit vernichtenwürde, haben die Politiker und Ideologen denSchauplatz ihrer Konflikte auf die von Menschen besiedeltenPlaneten des interstellaren Raumes verlegt.Ein solcher Kampfplatz ist die Welt Kultis. Dort stehenGuerillas, die von der Ost-Koalition unterstütztwerden, und reguläre Truppen der West-Allianz inzähem Ringen um die Vorherrschaft auf dem Planeten.Sobald aber Cletus Grahame, der geniale Taktikerund Militärwissenschaftler, in das Geschehen aufKultis eingreift, kommt ein neuer, unbekannter Faktorin die jahrhundertelange Auseinandersetzung derSupermächte.Cletus Grahame verfolgt konsequent ein Ziel, dasweit jenseits dessen liegt, was Freunde und Gegnererwarten.


TTB 266GORDON R. DICKSONDas Planeten-DuellERICH PABEL VERLAG KG · RASTATT/BADENDieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!


Titel des Originals:TACTICS OF MISTAKEAus dem Amerikanischenvon Birgit Reß-BohuschTERRA-Taschenbuch erscheint vierwöchentlich imErich Pabel Verlag KG, 7550 Rastatt, PabelhausCopyright © 1971 by Gordon R. DicksonDeutscher ErstdruckRedaktion: G. M. SchelwokatVertrieb: Erich Pabel Verlag KGGesamtherstellung: Clausen & Bosse, LeckEinzelpreis: 2,80 DM (inkl. 5,5 % MWST)Verantwortlich für die Herausgabein Österreich: Waldbaur Vertrieb, A-5020 Salzburg,Franz-Josef-Straße 21NACHDRUCKDIENST:Edith Wöhlbier, 2 Hamburg 1, Burchardstr. 11,Tel. 040 / 33 96 16 29, Telex: 02 / 161 024Printed in GermanySeptember 1975


1.Der junge Oberstleutnant schien betrunken – und festentschlossen, sich ins Verderben zu stürzen.Es war der erste Abend auf der Reise von Denvernach Kultis, und er kam mit unsicheren Schritten inden Speisesaal des Raumschiffs, ein schlanker, hochgewachsenerMann in der grünen Ausgehuniformder Terranischen West-Allianz. Die Dienststreifen anseinem Rock verrieten, daß er dem Expeditionskorpsangehörte. Seine Züge wirkten offen, ja geradezuharmlos, und jeder der Anwesenden fragte sich, wieer zu seinem hohen Rang gelangt sein mochte.Er achtete nicht auf den Steward, der ihn zu einemEinzelplatz in einer Nische lotsen wollte, sondernsteuerte geradewegs auf die Tafelrunde von DowdeCastries zu.Pater Ten, der nervöse schmächtige Mann mit demblassen Gesicht, der stets in deCastries' Nähe anzutreffenwar, erhob sich unauffällig und wechselte einpaar leise Worte mit dem Steward. Nach einem mißbilligendenBlick auf den Oberstleutnant verließen siebeide den Speisesaal.Der junge Mann hatte die Gesellschaft erreicht.Wortlos angelte er sich vom Nebentisch einen freienStuhl und nahm gegenüber dem hübschen blondenMädchen Platz, das links von deCastries saß.»Guten Abend«, sagte er freundlich. »Soviel ichhörte, gibt es beim ersten Dinner an Bord einesRaumschiffs keine feste Sitzordnung, damit die PassagiereGelegenheit bekommen, einander kennenzulernen.Sie gestatten?«


Einen Moment lang herrschte Schweigen. De-Castries lächelte nur, ein schwaches Lächeln, das seineZüge kaum veränderte und doch irgendwie drohendwirkte. Der elegante Mann mit den grauenSchläfen, der nun seit fünf Jahren bei der Regierungder Ost-Koalition das Ministerium für extraterrestrischeAngelegenheiten leitete, war als Frauenheld bekannt.Seine Blicke ruhten unablässig auf der jungenSchönen, die er zusammen mit ihrem Vater, einemSöldner-Offizier der Dorsai, zum Abendessen eingeladenhatte. Das Mädchen runzelte leicht die Stirn, alssie das Lächeln sah.»Oberst ...«, begann der Söldner und schwieg wieder,als er die Hand seiner Tochter auf seinem Armspürte. Er hatte ein sonnenverbranntes Gesicht undeinen steif gewichsten Schnurrbart, der ihm ein martialischesAussehen verlieh.»Oberst«, sagte das Mädchen an seiner Stelle,»möchten Sie sich nicht lieber hinlegen?« Ihre Stimmeklang zugleich verärgert und besorgt.»Nein«, entgegnete der junge Mann und sah sie an.Ihr stockte der Atem, als sie mit einem Mal die seltsameMacht seiner grauen Augen spürte.Sie löste sich mühsam von seinem Blick. Der Fremdemusterte seine neuen Tischgefährten – den Exotenvon Kultis in seiner langen blauen Kutte, der ebenfallszu deCastries' Gästen zählte, den Söldner, dasMädchen und den dunkeläugigen, spöttisch lächelndendeCastries.»Ich kenne Sie natürlich, Herr Minister«, fuhr erfort, zu deCastries gewandt. »Offen gestanden – ichhabe diesen Flug nach Kultis gewählt, um mit Ihnenzusammenzutreffen. Ich bin Cletus Grahame, bis vor


einem Monat Leiter der Taktischen Abteilung an derMilitärakademie der West-Allianz. Dann reichte ichum meine Versetzung nach Kultis ein – nach Bakhallaauf Kultis.«Sein Blick richtete sich auf den Exoten. »Der Zahlmeisterverriet mir, daß Sie von Kultis stammen und jetztin der Enklave von St. Louis leben. Sie sind Mondar?Der Exote nickte. »Es freut uns, Ihre Bekanntschaftzu machen, Cletus«, sagte er leise, »aber ist es für einenOffizier der Allianz nicht unklug, sich an einenTisch mit Koalitionsleuten zu setzen?«»Hier an Bord?« Cletus Grahame lächelte sorglos.»Sie scheuen auch nicht vor den Koalitionsleuten zurück,obwohl der Osten Neuland mit Waffen undMaterial versorgt.«Mondar schüttelte den Kopf. »Die Kolonie Bakhallaund die Koalition befinden sich nicht im Kriegszustand.Die Tatsache, daß der Osten Neuland ein wenigunter die Arme greift, hat nichts zu bedeuten.«»Die Allianz und die Koalition befinden sich auchnicht im Kriegszustand«, entgegnete Cletus, »und dieTatsache, daß sie in dem Dschungelkrieg zwischenBakhalla und Neuland verschiedene Parteien unterstützen,hat nichts zu bedeuten.«Mondar wollte antworten, doch in diesem Momentkehrte Pater Ten in Begleitung eines hünenhaftenSchiffsoffiziers zurück.»Oberst«, begann er mit dröhnender Stimme, »unserSchiff fährt unter neutraler Flagge. Wir lieben keinepolitischen Zwischenfälle an Bord. Dieser Tisch istfür den Koalitionsminister Dow deCastries reserviert.Wenn Sie mir bitte zu Ihrem Platz dort drüben folgenwollen ...«


Cletus hatte nicht auf die Worte des Schiffsoffiziersgeachtet. Er traf keinerlei Anstalten, sich zu erheben.Aber sein Blick war fest auf das Mädchen gerichtet,als überließe er ihr die Entscheidung.Eine Weile hielt sie dem Angriff stand. Ihre Augensprühten Blitze. Doch dann wurde sie unsicher.»Dow ...«, begann sie bittend.Der Minister genoß einen Moment lang ihre Verlegenheit.Schließlich wandte er sich lässig an denSchiffsoffizier und sagte mit dunkler, melodischerStimme: »Es ist schon gut, mein Freund. Der Oberstbenutzt diesen Abend nach alter Tradition dazu, seineMitreisenden kennenzulernen.«Der Offizier lief rot an. Seine Hand glitt langsamvon der Schulter des jungen Mannes.»Ich verstehe, Herr Minister«, erwiderte er steif.»Tut mir leid, daß ich Sie belästigt habe ...«Er warf Pater Ten einen haßerfüllten Blick zu, derden schmächtigen Mann jedoch nicht zu berührenschien; dann verließ er mit gesenktem Kopf den Salon.»Übrigens hat mir die Enklave von St. Louis ihreumfangreiche Bibliothek zur Verfügung gestellt«,fuhr Cletus fort, als sei nichts geschehen. »Ich fühlemich Ihren Landsleuten zu großem Dank verpflichtet,Mondar.«»Oh, Sie sind Schriftsteller, Oberst?« erkundigtesich der Exote höflich.»Eher Gelehrter«, erklärte Cletus. »Vor drei Jahrenbegann ich ein umfassendes Werk über die Theorieder Taktik und Strategie. Im Moment bin ich bei Bandvier angelangt. Aber das ist nicht so wichtig. WürdenSie mich bitte den übrigen Herrschaften vorstellen?«


Der Exote nickte und beugte sich ein wenig zu demDorsai hinüber. »Oberst Eachan Khan, darf ich Siemit Oberstleutnant Cletus Grahame von den Allianz-Truppen bekannt machen?«»Angenehm, Oberst«, sagte Eachan knapp.»Und mit Melissa, der Tochter von Oberst Khan«,fuhr Mondar fort.»Hallo.« Cletus lächelte.Das blonde Mädchen nickte kühl.»Unseren Gastgeber haben Sie bereits erkannt. HerrMinister – Oberstleutnant Cletus Grahame.«»Was darf es sein, Oberst? Ein Glas Wein vielleicht?«DeCastries winkte den Steward herbei. »Ichhätte Sie gern zum Essen eingeladen, aber wir sindbereits fertig.«»Und Mister Pater Ten«, sagte Mondar unbeirrt.»Mister Ten hat ein eidetisches Gedächtnis, Oberst. Inseinem Gehirn ist ein nahezu unerschöpflicher Wissensschatzgespeichert.«»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, MisterTen. Vielleicht miete ich Sie für eine Weile, wenn ichmit meinem Werk nicht vorankomme.«»Die Kosten können Sie sich sparen«, entgegnetePater Ten heftig. Er hatte eine hohe, aber merkwürdigweittragende Stimme. »Ich las die ersten drei Bände,die Sie verfaßt haben. Aufgewärmte Militärgeschichte,gespickt mit unsinnigen Theorien. Wahrscheinlichhätte man Sie an der Akademie gefeuert, wenn Sienicht selbst eine Versetzung beantragt hätten.«Ein peinliches Schweigen folgte dem Ausbruch.»Ich sagte es Ihnen«, meinte Mondar leichthin, »MisterTen besitzt ein enzyklopädisches Wissen.«»Mag sein«, erklärte Cletus. »Aber Wissen und Lo-


gik sind verschiedene Dinge. Deshalb werde ich meinWerk trotz Mister Tens Bedenken vollenden. Genaugenommendient auch meine Reise nach Kultis diesemZweck.«»Nur immer zu!« fauchte Pater Ten. »Machen Sieden Streitereien der Kolonien ein Ende! Ein Kinderspiel,wenn Sie Ihre Theorien anwenden! VerwandelnSie die drohende Niederlage der Allianz in einenSieg, und lassen Sie sich als Held feiern!«»Hm, kein schlechter Gedanke«, meinte Cletus,während der Steward ihm ein Glas Wein reichte.»Aber auf lange Sicht kann sich weder die Allianznoch die Koalition auf Kultis halten.«»Eine kühne Behauptung, Oberst«, warf deCastriesein. »Und sie grenzt fast an Verrat, finden Sie nicht?«Cletus lächelte. »Werden Sie mich anzeigen?«»Möglich.« In der dunklen Stimme des Ministersschwang Kälte mit. »Aber was bringt Sie zu der Ansicht,die Sie eben äußerten?«»Ich habe mich gründlich mit den Gesetzen der geschichtlichenEntwicklung befaßt.«»Gesetze!« fuhr Melissa Khan auf, und einen Momentlang warf sie ihrem Vater einen bitteren, beinahehaßerfüllten Blick zu. »Muß denn die Menschheitimmer nach irgendwelchen Prinzipien, Normen oderTheorien leben? Ich bestreite es! Die Praktiker bringendie Dinge ins Rollen, sonst niemand. Wer heutzutagenicht praktisch denkt, ist zum Untergang verurteilt.«»Melissa liebt Taten«, meinte deCastries mit einemschwachen Lächeln. »Und ich muß ihr recht geben.Praktische Erfahrung hilft oft weiter.«»Im Gegensatz zu Theorien«, warf Pater Ten hä-


misch ein. »Warten Sie, bis Ihnen im Dschungel vonBakhalla die ersten Geschosse um die Ohren pfeifen!Dann merken Sie vielleicht ...«»Er trägt die Tapferkeitsmedaille der Allianz, MisterTen!« Oberst Khans nüchterne Feststellung unterbrachPater Tens Redestrom.


2.Einen Moment lang dehnte sich die Stille hin. DerSöldner-Offizier deutete auf das rotweißgoldeneBand an Grahames Uniformrock und sagte dann ruhig:»Sie hinken, Oberst, nicht wahr?«Cletus nickte. »Eine Knieprothese«, bestätigte er.»Aber Mister Ten hat nicht so ganz unrecht. Ich besitzekaum militärische Erfahrung. Mein einziger Einsatzerfolgte während des Allianz-Koalition-Kriegesvor sieben Jahren und dauerte knapp drei Monate.«»Und nach diesen drei Monaten erhielten Sie dieTapferkeitsmedaille«, sagte Melissa bewundernd. Siewarf Pater Ten einen spöttischen Blick zu. »Das gehörtewohl zu den wenigen Dingen, die Sie nichtwußten?«Pater Ten starrte grimmig sein Glas an.»Nun, Pater?« fragte deCastries leise.»Vor sieben Jahren drang eine Division unter Führungeines gewissen Leutnant Grahame auf einer Pazifikinselein, die sich in der Gewalt unserer Truppenbefand«, erklärte Pater Ten widerwillig. »Wir riebendie Eindringlinge auf, aber Leutnant Grahame gelanges, unsere Leute mit Hilfe von Guerillas zu umzingelnund festzuhalten, bis einen Monat später Verstärkungvon der Allianz kam. Kurz bevor man ihnablöste, geriet er in eine Minenfalle, die ihn dienstuntauglichmachte, und so steckten ihn die Militärs inihre Akademie.«Wieder entstand am Tisch eine kleine Gesprächspause.DeCastries drehte nachdenklich das Weinglas zwi-


schen den Fingern. »Unser Gelehrter war also einHeld ...«»Du liebe Güte, nein«, widersprach Cletus. »DerLeutnant war ein unbesonnener Soldat. Heute würdeich sicher nicht mehr in ein Minenfeld laufen.«»Und doch zieht es Sie wieder hinaus – Sie suchenden Kampf«, stellte Melissa fest.»Wie gesagt, ich bin klüger geworden. Ich will keineMedaille mehr.«»Was wollen Sie dann, Cletus?« fragte Mondarvom anderen Ende des Tisches.Der Exote hatte ihn während der letzten Minutennicht aus den Augen gelassen.»Die restlichen sechzehn Bände seines Werksschreiben«, spöttelte Pater Ten.»Ganz genau«, entgegnete Cletus ruhig. »Ich habedie Absicht, meine Theorien über die Taktik undStrategie fertig zu entwickeln. Nur muß ich erst dieVoraussetzungen für diese Theorien schaffen.«»Er wird den Krieg auf Neuland in zwei Monatenbeenden!« erklärte Pater Ten. Immer noch klang Spottin seiner Stimme mit.»Ich rechne mit einer noch kürzeren Spanne.« Dieerstaunten Blicke seiner Tischgefährten schienenCletus Grahame nicht zu berühren.»Sie halten sich wohl für einen Militärexperten,Oberst?« meinte deCastries. Auch er beobachtete denjungen Mann schärfer als zuvor.»Ganz im Gegenteil«, antwortete Cletus. »Ein Experteist jemand, der sich in einem bestimmten Bereichsehr gut auskennt. Ich dagegen beherrsche dieallgemeinen Grundlagen und wende sie dann aufeinzelne Gebiete an.«


»Womit wir glücklich wieder bei den Theorien angelangtwären!« seufzte Melissa.»Ein guter Theoretiker kann sämtliche Praktikerbesiegen«, gab Cletus zu bedenken.DeCastries schüttelte den Kopf. »Ich habe schon zuoft miterlebt, wie Theoretiker unter die Räder gerieten,als sie sich mit der Realität konfrontiert sahen.«»Menschen sind real«, erklärte Cletus. »Und Waffensind real. Aber Strategien und politische Konsequenzen?Mit diesen Dingen kann ein geübter Theoretikerbesser umgehen als ein Praktiker, der oft genugWerkzeug und Endprodukt verwechselt ... VerstehenSie etwas vom Fechten?«»Nein«, gestand deCastries.»Aber ich«, warf Eachan ein.»Dann wissen Sie vielleicht, was ich meine. Es gibtbeim Fechten die sogenannte Fehlertaktik, bei derman mit einer Serie von kleineren Angriffen beginnt,um den Gegner zu einer Blöße zu verleiten. Ohne daßer es merkt, lockt man ihn immer weiter aus der Dekkung,bis er schließlich nur noch die Wahl hat, selbstvoll anzugreifen. In diesem Moment holt man dannzum Entscheidungsschlag aus.«»Dazu muß man ein verdammt guter Fechter sein«,sagte Eachan ausdruckslos.»Das schon.«»Und es ist eine Taktik, die sich auf die Fechtbahnbeschränkt, wo alles nach festen Regeln abläuft«, gabder Minister zu bedenken.»Irrtum«, sagte Cletus. »Sie läßt sich auf nahezu jedeSituation anwenden.«Er nahm drei leere Kaffeetassen, die auf dem Tischstanden, stülpte sie um und reihte sie zwischen sich


und deCastries auf. Dann griff er in die Zuckerschaleund schob einen Würfel unter die mittlere Tasse. Erbegann die Tassen blitzschnell hin und her zu schieben.»Ein alter Taschenspielertrick«, meinte er nach einerWeile. »Wo befindet sich Ihrer Meinung nach derZucker?«DeCastries betrachtete die Tassen, traf aber keineAnstalten, eine davon hochzuheben. »Nirgends«, erklärteer.»Würden Sie eine Tasse aufnehmen – nur zum Beweis?«fragte Cletus.»Warum nicht?« DeCastries entschied sich für diemittlere Tasse. Vor ihm lag ein Zuckerstück, weiß aufdem weißen Tischtuch.»Wenigstens sind Sie ein ehrlicher Taschenspieler«,meinte er nach einer kleinen Pause.Cletus nahm ihm die Tasse ab und deckte sie wiederüber den Zuckerwürfel. »Möchten Sie es nocheinmal versuchen?« fragte er, während er die Tassenvertauschte.»Meinetwegen.« Diesmal wählte deCastries dierechte Tasse. Wieder lag ein Zuckerstück darunter.»Und ein drittes Mal.« Cletus stülpte die Tasse überden Würfel und wiederholte das Spiel. Das überlegeneLächeln des Ministers schwand, als er auch diesmaleinen Zuckerwürfel entdeckte.Er stellte die Tasse hart ab.»Was soll das Ganze?« fragte er.»Offensichtlich können Sie nicht verlieren, HerrMinister, solange ich das Spiel in der Hand habe.«Einen Moment lang sah ihn deCastries durchdringendan, dann stülpte er selbst die Tasse über den


Zuckerwürfel. »Diesmal vertauschen Sie die Kaffeetassen,Pater!« befahl er seinem Begleiter.Pater Ten nickte. Er schob die Tassen so langsamauf dem Tischtuch hin und her, daß man seine Bewegungengenau mitverfolgen konnte. Die Tasse mitdem Zuckerstück befand sich in der Mitte. DeCastrieswarf Cletus einen forschenden Blick zu und griff nachder rechten Tasse, aber er hob sie nicht auf.»Ich weiß nicht, wie Sie es anstellen«, sagte er miteinem Lächeln, »aber ich weiß, daß ich wieder einZuckerstück finden werde, wenn ich diese Tasse umdrehe.«Seine Finger schlossen sich um die linke Tasse.»Und hier ist es vermutlich das gleiche.«Cletus schwieg. Er erwiderte das Lächeln des Ministers.»Nur unter der mittleren Tasse ist kein Zuckerwürfel,weil alle das Gegenteil erwarten, nicht wahr?«Cletus lächelte stumm.»Also schön.« DeCastries deutete auf die mittlereTasse, doch er berührte sie nicht. »Ich durchschaueIhr Spiel, Oberst. Sie wollten, daß ich die Situation erkenne,wie ich es eben getan habe – gleichzeitig aberversuchten Sie mich so zu verunsichern, daß ich diemittlere Tasse ein viertes Mal aufheben würde. Siewollten anhand Ihrer Fehlertaktik mein Selbstvertrauenerschüttern, nicht wahr?«Er schnippte mit dem Fingernagel gegen das dünnePorzellan. »Aber ich werde die Tasse nicht umdrehen,Oberst. Ich werde sie einfach an ihrem Platz stehenlassen.Was sagen Sie dazu?«»Daß ich Ihre scharfe Logik bewundere, Herr Minister.«Cletus drehte mit zwei raschen Handbewegungendie beiden anderen Tassen um. Sie waren leer.


»Was sollte ich sonst sagen?«»Danke, Oberst.« DeCastries hatte sich zurückgelehnt.Seine Augen waren schmale Schlitze. »Und Siehaben meine Bekanntschaft nur deshalb gesucht, ummir diesen kleinen Trick vorzuführen?«»Aber nein.« Eine knisternde Spannung umgab dieTischgesellschaft, obwohl Cletus und deCastries völligentspannt wirkten. »Ich wollte sie kennenlernen,Herr Minister, weil ich Sie brauchen werde. Nur Siekönnen mir helfen, die Voraussetzungen für meineTheorien zu schaffen.«»Oh?« entgegnete deCastries. »Und wie haben Siesich das vorgestellt?«»Genaues weiß ich noch nicht – aber die Gelegenheitenwerden sich von selbst bieten.« Cletus schobseinen Stuhl zurück und erhob sich. »Und nunmöchte ich Ihre gesellige Runde nicht länger stören.Ich bitte um Verzeihung, daß ich eine alte Traditionfür meinen Zweck mißbraucht habe ...«»Einen Augenblick, Oberst ...«, sagte deCastries leise.In diesem Moment kippte Melissas Weinglas um,und das Mädchen preßte beide Hände gegen dieSchläfen. DeCastries und Eachan Khan sprangen auf.


3.»Nein, es geht schon wieder«, wehrte sie ab, als derMinister sie stützen wollte. »Nur eine kleine Unpäßlichkeit!Bitte, bemühen Sie sich nicht! Der Oberstbringt mich sicher zu meiner Kabine. Er wollte ohnehinaufbrechen ...«»Selbstverständlich, Miß Khan!« Cletus trat nebensie und nahm ihren Arm. »Kommen Sie!«Er führte sie behutsam aus dem Speisesaal. De-Castries und Eachan Khan sahen ihnen verwirrt nach.Sobald sie den Korridor erreicht hatten, der zu denPassagierräumen führte, richtete sich Melissa auf undzischte: »Sie sind überhaupt nicht betrunken!«»Nein«, entgegnete Cletus ruhig.»Haben Sie den Verstand verloren? Wie können Siees wagen, mit einem Mann wie deCastries Ihre Spielchenzu treiben? Ich kenne die Militärs! Auch wenn siees nicht einsehen wollen – in der Politik sind sie hoffnungslosverloren.« Sie sah den jungen Oberstleutnantan und spürte erneut die Macht seiner großen grauenAugen. »Ich habe Ihnen geholfen, weil mir eine Tapferkeitsmedailleetwas bedeutet. Nur deshalb, verstehenSie? Ein zweites Mal werde ich es nicht tun.«»Hm ...«»Gehen Sie jetzt in Ihre Kabine und meiden Sie de-Castries! Halten Sie sich auch von mir und Dad fern... hören Sie überhaupt zu?«»Natürlich«, sagte Cletus. »Aber Sie gestatten doch,daß ich Sie in Ihre Kabine bringe? Wenn jemand demMinister berichtet, daß Ihre Unpäßlichkeit so raschverging ...«


Melissa preßte die Lippen zusammen. Cletus nahmerneut ihren Arm und führte sie den Korridor entlang.»Und was die Militärs betrifft«, fuhr er beiläufigfort, »es sind nicht alle gleich ...«Wieder blieb sie stehen und machte sich von ihmlos. »Sie glauben wohl, daß mein Vater sein Lebenlang Söldner war?«»Aber nein«, erklärte er ruhig. »Bis vor etwa zehnJahren diente er als Generalleutnant in der KöniglichenArmee von Afghanistan.«Sie starrte ihn an. »Woher wissen Sie das?«»Die neuere Militärgeschichte gehörte zu meinenHauptfächern. Ich habe mich eingehend mit der Revolutionvon Kabul beschäftigt, bei der die Regierunggestürzt wurde. Ich nehme an, daß Ihr Vater einigeJahre nach dem Putsch die Erde verlassen hat.«»Er – er mußte nicht emigrieren. Auch nachdemsich Afghanistan der Koalition angeschlossen hatte,bot man ihm einen Platz in der Armee an. Aber dawaren andere Dinge ...«»Ja?«»Sie verstehen das sicher nicht.« Sie ging weiterund sagte leise: »Meine Mutter starb – und – SalaamBadshahi Daulat Afghanistan – als sie unsere Nationalhymneverboten, da gab er auf und emigrierte zu denDorsai.«»Eine neue Welt«, meinte Cletus. »Eine Soldatenwelt.Sicher fiel ihm der Wechsel nicht allzu schwer.«»Man stellte ihn als Captain ein – als Captain einesSöldnerbataillons!« brach es aus ihr heraus. »In zehnJahren diente er sich zum Rang eines Obersten hoch.Aber dabei wird es bleiben, denn die Dorsai haben


keine größeren Einheiten als Regimenter. Bei seinerPensionierung wird er nicht genug Geld haben, umauf die Erde zurückzukehren – es sei denn, die Exotenschicken ihn in offizieller Mission dorthin.«Cletus nickte. »Jetzt begreife ich, weshalb Sie de-Castries' Nähe suchen. Sie selbst waren sicher nochein Kind, als Ihr Vater zu den Dorsai emigrierte. Alsobesitzen Sie das Bürgerrecht der Koalition und derDorsai. Aber Ihr Vater hat Schwierigkeiten. Eine Repatriierungist langwierig, außer sie wird von einflußreichenPolitikern beschleunigt. Entweder Sie oderIhr Vater scheinen zu glauben, daß sich diese Dingeüber deCastries in Ordnung bringen lassen.«»Dad hat nichts damit zu tun!« fuhr sie auf. »Wofürhalten Sie ihn denn?«Er sah sie an. »Nein. Sie haben natürlich recht. Eswar Ihr Gedanke. Ich stamme selbst aus einer Familiemit Militärtradition. Ihr Vater erinnert mich an einigeder Generäle, mit denen ich verwandt bin.«Während er sprach, war Melissa vor einer Kabinentürstehengeblieben. »Weshalb haben Sie dieAkademie wirklich verlassen?« fragte sie.»Oh.« Er lächelte. »Jemand muß die Welt sicherermachen.«»Und das wollen Sie erreichen, indem Sie sich diepersönliche Feindschaft eines Dow deCastries zuziehen?«fragte sie ungläubig. »War es Ihnen nicht Lehregenug, daß er Ihr Spiel durchschaute?«»Aber er hat es nicht durchschaut!« widersprachCletus. »Obwohl es ihm recht gut gelang, diese Tatsachezu verbergen ...«»Was?«»Als er den ersten Zuckerwürfel fand, glaubte er,


mir sei ein Mißgeschick unterlaufen. Beim zweitenVersuch erkannte er seinen Irrtum, aber er besaß immernoch genug Selbstvertrauen, um weiterzumachen.Erst als er merkte, daß ich das Spiel völlig in derHand hatte, brach er das Spiel mit einer Ausrede ab.«Sie schüttelte den Kopf. »Sie verdrehen die Tatsachen.«»Nein. Ich hatte natürlich unter alle drei Tassen einenZuckerwürfel gelegt. Nach dem dritten Fehlschlagwußte das deCastries, aber er konnte es nichtzugeben, ohne sich zum Narren zu machen. Leutewie er fürchten nichts so sehr wie eine Blamage.«»Aber ich begreife nicht, weshalb Sie seine Feindschaftherausforderten«, sagte Melissa.»Es ist wichtig, daß deCastries sich mit mir beschäftigt«,erklärte Cletus. »Ich muß ihn zum Angriffreizen, ihn aus der Deckung locken. Aber Vorsicht,Melissa! Ich kann mit ihm umgehen. Sie dagegen ...«Melissas Augen sprühten vor Zorn. »Was glaubenSie eigentlich? Daß die ganze Menschheit nach IhrerPfeife tanzt? Warten Sie ab, bis Dow deCastries Siedurch den Wolf dreht! Gehen Sie zu ihm und reizenSie ihn, bis er Sie vernichtet! Ich brauche Ihre Ratschlägenicht. Halten Sie sich in Zukunft von mir fern– von mir und von Dad!«Etwas wie Schmerz glitt über seine Züge. »Gewiß«,sagte er und trat einen Schritt zurück. »Wenn Sie daswünschen!«Sie betrat ihre Kabine und schlug die Tür hintersich zu. Mit einem Seufzer kehrte Cletus um undsuchte seine eigene Kabine auf.


4.Während der nächsten Tage vermied es Cletus geflissentlich,mit Melissa oder ihrem Vater zusammenzutreffen.DeCastries und Pater Ten wiederum wichenihm aus. Nur der Exote tat, als sei nichts geschehen.Am fünften Reisetag schlug das Linienschiff eineParkbahn um Kultis ein, eine üppige Tropenwelt, diewie ihr Schwesterplanet Mara nur noch an den Polendünne Eiskrusten aufwies.Von den größeren Kolonien des Planeten stiegenFährboote auf und leiteten die Rendezvous-Manöverein. Cletus versuchte, sich mit dem Allianz-Hauptquartier von Bakhalla in Verbindung zu setzen,aber sämtliche Leitungen wurden von der Neuland-Gruppe belegt, die sich in den vorderen Räumen derUmsteigeschleuse aufhielt. Das war auf einem Schiffunter angeblich neutraler Flagge eine eklatante Bevorzugung.Cletus hegte den Verdacht, daß sich daseine oder andere Gespräch auf seine Person bezog.Er schlenderte zurück in den Mittelteil der Schleuse,wo er auf Mondar stieß. Der Exote wartete ebensowie Eachan und Melissa Khan darauf, daß die Fährevon Bakhalla ankoppelte.»Ich wollte erste Weisungen vom Allianz-Hauptquartiereinholen«, meinte der junge Offizier achselzuckend.»Aber ich komme einfach nicht durch.« Ermachte eine kleine Pause und fuhr dann nachdenklichfort: »Sagen Sie, Mondar, wie weit sind die Neuland-Guerillasnach Bakhalla vorgedrungen?«»Bis vor unsere Haustür«, entgegnete der Exote.»Weshalb die Frage? Denken Sie an die Zuckerwürfel?«


Cletus zog die Augenbrauen hoch. »Sie glauben,deCastries macht sich die Mühe, jeden Schmalspur-Oberst der Gegenseite mit einem Guerilla-Kommandozu empfangen?«»Nicht jeden«, meinte Mondar lächelnd. »Aber keineSorge, Cletus! Ich werde von einem Militärfahrzeugabgeholt, in dem noch Platz für Sie ist. Melissaund Eachan Khan kommen ebenfalls mit.«In diesem Moment klang ein Gong im Warteraumauf.»Die Fähre nach Bakhalla hat angelegt«, hörte man dieStimme des Ersten Schiffsoffiziers im Lautsprecher.»Die Fähre nach Bakhalla hat angelegt. Wir bitten die Passagiere,sich zum Umsteigen bereitzuhalten ...«Cletus wurde von der Menge erfaßt, die sich aufden schmalen Umstiegtunnel zuschob. Er verlorMondar aus den Augen.Die Fähre war im Grunde nichts anderes als einenger, unbequemer Raum-Bus. Das Ding schaukelteund dröhnte, und die Passagiere wurden auf denharten Sitzen ziemlich durchgeschüttelt. Nach einemkurzen Flug landete die Maschine auf einem winzigenBetonfleck inmitten des Dschungels.Cletus trat in den hellen tropischen Tag hinaus. DerHimmel schimmerte in einem seidigen Blaugrün, unddas Gelb der Sonne erinnerte an Honig. Der Dschungel,der die geschwärzte Betonpiste zu überwucherndrohte, roch nach geriebenem Muskat und feuchtemGras. Ein Chor von Insekten empfing ihn. Ihr hohes,durchdringendes Surren machte Cletus nervös. EinenMoment lang stand er einfach da und versuchte diefremdartigen Eindrücke zu verarbeiten. Jemand legteihm leicht die Hand auf den Arm.


»Da kommt unser Wagen«, sagte Mondar. Er deuteteauf ein Geländefahrzeug, das zusammen mit einemLuftkissen-Bus hinter dem Abfertigungsgebäudeauftauchte. »Außer Sie ziehen es vor, mit dem Bus zufahren. Er nimmt das Gepäck und die Zivilisten mit.«»Nein, nein«, versicherte Cletus rasch. »Ich nehmeIhr Angebot gern an.«Das Gefährt blieb neben ihnen stehen. Es hatte einenPlasma-Antrieb und funktionierte ebenfalls nachdem Luftkissenprinzip, aber es besaß zusätzlich Halbketten,die es einsetzen konnte, wenn die Gegend besondersuneben war. Irgendwie erinnerte es an einePanzerversion der Sportwagen, wie man sie für dieGroßwildjagd benutzte. Auf dem offenen Fahrersitz saßein junger Gefreiter. Er hatte ein Vario-Gewehr bei sich.Cletus warf einen neugierigen Blick auf die plumpeWaffe, als er ins Wageninnere kletterte. Er kannte dieDinger, hatte sie aber noch nie im Einsatz gesehen. Jenach Wahl spuckten sie Geschosse der verschiedenstenKaliber aus, von Schrotkörnern bis zu Acht-Unzen-Kartätschen.Eachan Khan und Melissa hatten bereits auf einerder beiden Bänke Platz genommen. Mondar undCletus setzten sich ihnen gegenüber. Der Kompressorzischte, das Fahrzeug hob sich einen Viertelmeterüber die Betonpiste und glitt auf eine Öffnung imDschungelwall zu. Kurze Zeit später jagten sie übereine schmale, gewundene Straße aus festgestampfterErde. Zwei Gräben zu beiden Seiten des Weges versuchtenvergeblich, den Dschungel zurückzuhalten.»Es überrascht mich, daß ihr die Streifen seitlichder Straße nicht abbrennt oder zumindest mit Giftspraybehandelt«, sagte Cletus zu Mondar.


»Auf den wichtigen Militärstraßen tun wir es«, erklärteder Exote. »Aber wir haben kaum Leute, unddie Dschungelflora wächst rasch nach. Man sprichtdavon, eine widerstandsfähige Abart des terranischenGrases zu züchten und entlang der Straßen anzusäen,aber auch in unseren Labors fehlen Kräfte.«»Schwierig – die Versorgungs- und Nachschublage«,warf Eachan Khan ein. Er zwirbelte die Endenseines Schnurrbarts.Cletus sah den Söldner an. »Was halten Sie vondem Vario-Gewehr, das unser Fahrer trägt?«»Falsche Entwicklung für Kleinwaffen«, meinteEachan achselzuckend. Der Wagen holperte, als dasUntergestell gegen ein paar Luftwurzeln stieß. »Vielzu kompliziert. Schränkt die Mobilität der Truppenein, weil man auf den Kolonien kaum Ersatzteile bekommt.«Cletus lächelte. »Zurück zu Armbrust und Machete,was?«»Warum nicht?« entgegnete Eachan Khan. Er begannsich für das Thema zu erwärmen. »Ein Mann,der mit Pfeil und Bogen zur richtigen Zeit an derrichtigen Stelle steht, ist mehr wert als ein Artilleriekorps,das mit seinen Superwaffen irgendwo unterwegssteckenbleibt.«Cletus nickte nachdenklich. »Wie bilden eigentlichdie Dorsai ihre Soldaten aus? Ich meine, die Leutebringen die verschiedenartigsten Voraussetzungenmit. Zudem gilt es, das Spektrum der Einsätze möglichstbreit zu gestalten.«»Wir konzentrieren uns auf die Grundlagen«, erwiderteEachan. »Und wir stellen sehr kleine Einheitenzusammen, die flexibel arbeiten. Diese Gruppen


werden an fremde Regierungen vermietet.« Er sahMondar an. »Leider haben bisher nur die Exoten sievernünftig eingesetzt. Die meisten Vorgesetzten versuchen,unsere Truppen in ihr herkömmliches Verteidigungsschemazu pressen. Das führt zu Schwierigkeiten,da die Leute ihre Fähigkeiten nicht voll entfaltenkönnen. General Trynor beispielsweise, derKommandant von Bakhalla ...« Eachan unterbrachsich. »Nun, mich gehen diese Dinge nichts an.«Er starrte eine Zeitlang durch das Fenster in denDschungel hinaus. Plötzlich wandte er sich dem Fahrerzu.»Irgend etwas ungewöhnlich da draußen?« fragteer besorgt. »Mir gefällt die Ruhe nicht ...«»Nein, Sir«, entgegnete der Gefreite. »Alles in bester...«Im gleichen Moment erschütterte eine Detonationdas Fahrzeug. Erdbrocken spritzten auf, und Cletussah, wie der junge Soldat mit zerschmettertem Hinterkopfvom Fahrersitz stürzte. Ein harter Ruck – dasGefährt neigte sich zur Böschung, und dann wurde esschwarz um Cletus.Kurze Zeit später kam der Oberstleutnant wiederzu sich. Das Panzerfahrzeug hing umgekippt über dierechte Böschung. Die Unterseite wies zur Straße hin;Eachan Khan und Mondar bemühten sich, die Magnesiumblendenvor die Fenster zu schieben, währendMelissa mit blassem Gesicht in einer Ecke kauerte.Sie befanden sich in einem dämmerigen Metallgefängnis.Lediglich hinter dem Fahrersitz waren einpaar schmale Schlitze in die Panzerplatten geschnitten.Sonnenlicht, gedämpft durch das Grün desDschungels, sickerte herein.


»Sind Sie bewaffnet, Oberst?« fragte Eachan Khanruhig. Er hatte ein flaches Pfeilschußgerät aus der Innentascheder Uniformjacke geholt und begann, denLauf einer Jagdflinte auf die Mündung zu schrauben.Ein Kugelhagel prasselte gegen die Panzerplatten. Eswaren Sportstutzen – Zivilistenwaffen, aber imDschungel tödlich.»Nein«, entgegnete Cletus knapp.»Schade.« Eachan Khan schob den Lauf seiner Waffedurch einen der Seitenschlitze. Er blinzelte ins Tageslichtund schoß. Ein blonder Hüne in einem Tarn-Overall wankte auf die Straße und brach dort zusammen.»Der Bus ist dicht hinter uns losgefahren«, sagteMondar aus dem Halbdunkel. »Ich vermute, daß derChauffeur anhält und telefonisch Hilfe anfordert. VonBakhalla aus können die Truppen in einer Viertelstundehier sein.«»Gut«, sagte Eachan und feuerte erneut. »Vielleichthalten wir so lange durch. Komisch ist nur, daß dieGuerillas uns angriffen und nicht den Bus. Mehr Gepäck,weniger Schutz und eine Menge wertvollerGeiseln ... Ducken Sie sich, Oberst!«Der letzte Satz war an Cletus gerichtet, der sichbemühte, die Einstiegsblende an der rechten Seite desFahrzeugs hochzuhieven. Der Wagen hing halb überdie Böschung, und so gelang es Cletus, eine schmaleÖffnung zu schaffen.Melissa legte ihm die Hand auf den Arm. »Es hatdoch keinen Zweck«, sagte sie drängend. »Dem Fahrerist nicht mehr zu helfen. Er muß sofort tot gewesensein, als die Mine hochging.«»Er hat das Vario-Gewehr«, fauchte Cletus und


schüttelte ihre Hand ab. Er zwängte sich durch dieÖffnung ins Freie.Im nächsten Moment peitschten Schüsse auf. DerOberstleutnant rollte die Böschung hinunter. Manhörte ein Klatschen im Graben; ein Arm flog hoch.Melissa stieß einen unterdrückten Schrei aus, als siesah, wie ein Geschoß die Hand vom Gelenk trennte.Mondar legte dem Mädchen einen Arm um die Schulter.Melissas Gesicht war eine schneeweiße Maske.Die Salven aus dem Dschungel verstummten miteinem Mal. Eachan und der Exote sahen einander an.Der Dorsai nickte.»Der Busfahrer hat sicher die Schüsse gehört«,murmelte Mondar.»Wenn die Truppen aus Bakhalla nicht gleich eintreffen,nützen sie uns nichts mehr«, entgegnete derSöldner. »Ich kann mit einem Gewehr nicht Dutzendevon Angreifern in Schach halten.«Zu beiden Seiten des Dschungelweges tauchtenGestalten in Tarn-Overalls auf. Die Waffe Eachansbellte in regelmäßigen Abständen, und jedes Geschoßtraf sein Ziel. Aber die Angreifer hatten nur noch eineEntfernung von fünfzehn Metern zurückzulegen.Eachans Gewehr klickte – leer.Doch in der gleichen Sekunde, als sich ein Guerillaan der Einstiegsluke zu schaffen machte, hämmerteaus dem Graben ein Vario-Gewehr los. Die Angreiferliefen aufgescheucht durcheinander und versuchtenin den Dschungel zu entkommen. Nur wenigenglückte die Flucht.Eine bedrückende Stille lag über dem Fahrzeug.Eachan kletterte ins Freie, gefolgt von Melissa undMondar.


Cletus kroch schlammverschmiert aus dem Graben.Er zerrte das Vario-Gewehr hinter sich her.»Großartig gemacht, Oberst«, sagte Eachan mitechter Wärme.»Oh, schon gut.« Jetzt, da der Kampf vorüber war,zitterten Cletus die Beine.»Sie haben uns das Leben gerettet«, meinte Mondar.Melissa starrte unterdessen den toten Fahrer an.Cletus hatte ihn so aufgerichtet, daß sein Arm ausdem Graben ragte. Nach einer Weile wandte sie sichmit zusammengepreßten Lippen ab. Der Blick, densie Cletus zuwarf, verriet widerstreitende Gefühle.»Da kommt unsere Verstärkung«, stellte Mondarfest und deutete zum Himmel. Zwei Maschinen mit jeeinem Infanteriekommando an Bord senkten sich undlandeten auf der Straße. Kurz darauf tauchte auch derBus auf.


5.Die Detonation hatte den Kompressor des Militärwagensbeschädigt, und so ließ man das Fahrzeug imDschungel zurück. Eine der Maschinen brachte dievier Überlebenden nach Bakhalla. Eachan und MelissaKhan verabschiedeten sich auf dem Landefeld undfuhren mit einem Robotertaxi zu ihrer Stadtwohnungweiter. Mondar bestieg ein zweites Taxi und winkteCletus auf den Nebensitz.»Ich bringe Sie zum Hauptquartier der Allianz.Man wird Ihnen dort eine Unterkunft zuweisen.« DerExote gab dem Roboter das Fahrtziel an; Sekundenspäter glitt das Taxi auf seinem Luftkissen dahin.»Vielen Dank.« Cletus lehnte sich aufatmend zurück.»Oh, das ist doch selbstverständlich. Cletus, ichmöchte mich gern für Ihre Hilfe erkenntlich zeigen.Wenn ich mich nicht täusche, liegt Ihnen daran, mitdeCastries zusammenzutreffen.«»Und ob – besonders nach diesem Zwischenfall.Aber ich dachte, deCastries sei in Neuland?«Der Exote lächelte. »Mit dem Flugzeug erreichtman Bakhalla von Neuland aus in fünfundzwanzigMinuten. Ich gebe heute abend eine zwanglose Partyin meinem Haus, zu der ich den Minister erwarte.Darf ich Sie ebenfalls einladen? Eachan und Melissakommen übrigens auch ...«»Ich nehme dankend an«, sagte Cletus. »Stört esSie, wenn ich meinen Adjutanten mitbringe?«»Adjutanten?«»Einen Leutnant namens Arvid Johnson – wenn er


noch keinem Regiment zugeteilt ist«, erklärte Cletus.»Er hatte auf der Akademie einige meiner Vorlesungenbelegt. Vor zwei Monaten besuchte er mich, als ersich auf Heimaturlaub befand. Ich muß gestehen, daßmich sein Bericht erst auf die Lage in Bakhalla aufmerksammachte.«»Tatsächlich? Ich bin gespannt auf ihn.« Das Taxihielt vor dem Eingang eines großen weißen Gebäudesan. Mondar drückte auf einen Knopf; die Wagentürneben Cletus sprang auf. »Dann darf ich Sie gegenacht begrüßen?«»Wir kommen pünktlich«, versprach Cletus.Er wartete, bis das Robotertaxi verschwunden war,dann betrat er das Allianz-Hauptquartier.»Oberst Cletus Grahame?« fragte der junge Leutnantam Empfang. »Sie sollen sich unverzüglich beiGeneral Traynor melden!« Seine kindlich helle Stimmeklang arrogant.Cletus zuckte mit den Schultern und machte sichauf die Suche nach dem Büro des Generals. Nach längeremHerumirren entdeckte er eine Glastür mit derAufschrift Brigadegeneral John Houston Traynor. ImVorzimmer erteilte ein glatzköpfiger, gedrungenerOberst um die Fünfzig einem fetten Captain geradeseine Befehle. Langsam drehte er sich um.»Grahame?« fragte er.»Jawohl, Oberst«, erwiderte Cletus freundlich.»Und Sie ...«»Dupleine«, knurrte der Glatzkopf unwirsch. »Stabschefvon General Traynor. Sie kommen also nicht aufunsere Offiziersliste?«»Nein, Oberst, ich bin in einer Sondermission hier.«Dupleine warf ihm einen haßerfüllten Blick zu und


verließ wortlos das Zimmer. Der schwergewichtigeCaptain erhob sich mit einem Seufzer. »Ich melde Siean, Sir. Wenn Sie einen Moment Platz nehmenmöchten ...«Cletus setzte sich, der Captain schaltete die Sprechanlageein. »General Traynor, soeben ist OberstleutnantGrahame eingetroffen.«Die Antwort war nicht zu verstehen, aber derCaptain nickte Cletus zu. »Gehen Sie einfach hierdurch, Sir ...«Der junge Offizier betrat das Büro des Generals.Ein grobknochiger, kräftiger Mann um die Fünfundvierzigmit buschigen schwarzen Augenbrauen saßhinter dem Schreibtisch. Cletus wußte, daß man denGeneral wegen seiner merkwürdigen Augenbrauen»Bat« – die Fledermaus – nannte.Bat Traynor musterte ihn nun mit unheilverkündendemBlick.»Na schön, Oberst, nehmen Sie Platz.« Dankbarkam Cletus der Aufforderung nach. Seine Knieprotheseschmerzte nach dem Zwischenfall im Dschungelwie verrückt.»Ich habe hier Ihre Personalakte, Oberst«, fuhr derGeneral fort. »Drei Monate aktiver Dienst – ein wenigmager, finden Sie nicht auch? Meinen Sie, das reicht,um eine zwanzigbändige Theorie über Militärtaktikzu schreiben?«»Sir?« fragte Cletus kühl.»Schon gut.« Der General winkte müde ab. »Jedenfallssind Sie mir jetzt als taktischer Berater zugeteilt.«Er blätterte wütend in der Akte. »Hoffentlich hat dasnichts damit zu tun, daß die Akademie einen Teil ihrerLeute feuern will. Da ist eine kleine Pfründe weit


weg vom Schuß nicht das Schlechteste.«»Sir, ich betrachte diesen Auftrag nicht als Pfründe«,erklärte Cletus ruhig. »Kultis steht im Brennpunktpolitischer Machtkämpfe. Sie werden eineMenge Arbeit bekommen.«»Hoffentlich nicht, Oberst.« Bat seufzte. »VerzeihenSie, wenn ich Ihnen nicht gerade vor Begeisterung umden Hals falle, aber ich habe bereits vor einem Vierteljahrum ein Dutzend Dschungeltanks angesucht –und was bekomme ich? Sie!«»Vielleicht erweise ich mich als Hilfe.«»Das bezweifle ich. Sie werden hier ein oder zweiMonate nutzlos herumlungern. Daraufhin schreibeich einen entsprechenden Bericht an das Allianz-Hauptquartier auf der Erde und suche erneut ummeine Tanks an.« Er griff nach einem Stück Papier,das auf seinem Schreibtisch lag. »Ach ja, noch etwas,Oberst! Hier steht, daß Sie an Bord des Raumschiffsden Koalitionsminister Dow deCastries anpöbelten –in betrunkenem Zustand!«»Wie konnten Sie das so rasch erfahren?« wundertesich Cletus. »Als ich kurz vor Anlegen der Fähre Verbindungmit Ihnen aufnehmen wollte, waren sämtlicheTelefone belegt – von den Leuten der Koalition ...«»Der Kapitän persönlich hat mich verständigt«,knurrte Bat.»Seit wann kümmert sich der Kapitän eines Handelsschiffsum die Manieren eines Allianz-Offiziers?«»Das kann Ihnen egal sein. Ich werde jedenfalls einenEintrag in Ihre Personalakte veranlassen.« Bat sahCletus scharf an. Die Drohung schien den jungenMann nicht zu beeindrucken. »Und als Ihr Vorgesetzterverlange ich eine Erklärung.«


»Sir, ich war noch nie im Leben betrunken«, entgegneteCletus fest. »Entweder erhielt der Kapitän einenunzutreffenden Bericht, oder er zog die falschenSchlüsse.«»Das soll ich Ihnen glauben?«»Mondar von der St.-Louis-Enklave wird es Ihnengern bestätigen.«Einen Moment lang starrte ihn der General verwirrtan. »Aber – was hat dieses Schreiben dann zubedeuten?«»Ich gewann den Eindruck, daß die Schiffsbesatzungstark mit der Koalition sympathisierte.«»Und Sie haben sich nicht bemüht, die Angelegenheitzu klären?«»Wozu? Es kann nicht schaden, wenn die Koalitionden taktischen Berater der Gegenseite unterschätzt.«»Taktischer Berater!« fuhr Bat auf. »Mann, ichbrauche Sie hier ebenso notwendig wie ein Sinfonie-Orchester! Wir führen einen kleinen Guerillakrieg,der keinerlei taktische Geheimnisse enthält. PassenSie auf: Die Exotenkolonie besitzt Geld, einen hohentechnischen Standard und eine Meeresküste. Neulandhat keine Meeresküste, keine Industrie und aufgrundder blöden Vielweiberei einen starken Bevölkerungsdruck.Kein Wunder, daß die Bewohner von Neulandnach Bakhalla hinüberschielen. Die Koalition unterstütztihre Wünsche, und wir versuchen zu verhindern,daß sie ans Ziel gelangen. Das ist die ganze Lage.Ich bin überzeugt davon, daß deCastries sie ebensoeinschätzt wie ich und daß er die Entsendung einesBücherstrategen belächelt.«Cletus zuckte ungerührt mit den Schultern. »Nun,vielleicht kann ich Ihnen doch einen Teil Ihrer Arbeit


abnehmen. Es gilt, so rasch wie möglich einen Plan zuentwickeln, der das Eindringen von Guerillas überden Etter-Paß unterbindet.«Bat zog seine buschigen Augenbrauen hoch. »Washolen Sie da wieder für ein Kaninchen aus IhremHut?«»Kein Zaubertrick«, wehrte Cletus ab. »Lediglichgesunder Menschenverstand. Die Leute von Neulandmüssen sich etwas Spektakuläres einfallen lassen,jetzt, da deCastries zu Besuch weilt. Haben Sie eineKarte?«Bat drückte auf eine Schreibtischtaste, und dieWand links von Cletus verwandelte sich in eine Kartenprojektion.Sie zeigte die lange, schmale Küstenlinieder Exotenkolonie und das Gebirge, das sie vonNeuland im Landesinnern trennte. Cletus studiertedie Abbildung einen Moment, dann deutete er auf einenPunkt etwa in der Mitte der Bergkette.»Der Etter-Paß«, sagte er. »Ein schöner, breiter Einschnitt,der von Neuland nach Bakhalla führt. Guerillasbenutzen ihn selten, weil sie auf der Seite derExoten über hundert Meilen zurücklegen müssen, bissie auf bewohntes Gebiet stoßen. Aber wenn es wenigerum den militärischen Wert geht, sondern um dieSchau, dann lohnt es sich durchaus, eine größereStreitmacht über den Etter-Paß zu schicken und einesder armseligen Küstenstädtchen zu überfallen.«Cletus setzte sich wieder. Der General starrte dieKarte mit gerunzelter Stirn an.»Bei Two Rivers könnte man sie ohne weiteres abfangen«,fuhr Cletus fort. »Ich kümmere mich persönlichdarum, wenn Sie mir ein Bataillon Fallschirmspringer...«


Bat lachte schallend los. »Was glauben Sie, Mann?Daß Sie in einem Hörsaal stehen, wo man die Truppennach Belieben aus dem Boden stampfen kann? Esgibt keine Fallschirmspringertruppen auf Kultis.Selbst wenn Ihre Vermutung stimmt ...«»Sie stimmt, verlassen Sie sich darauf!«Bat warf ihm einen nachdenklichen Blick zu.»Hmm. Ich habe aber nun mal keine Bataillone übrig.Außerdem sind Sie als Berater hier, Oberst, und nichtals aktiver Soldat ... Ich mache Ihnen einen Vorschlag.Wir stellen eine Kompanie Reservisten zusammenund schicken sie mit einem Stabsoffizier zum Etter-Paß. Sie können die Leute als Beobachter begleiten,aber ich werde dem Offizier einschärfen, daß er sichan Ihre Ratschläge halten soll. Einverstanden?«»Jawohl, Sir.«»Schön.« Der General grinste hart. »Dann kümmernSie sich jetzt erst einmal um Ihr Quartier,Oberst. Aber halten Sie sich zu meiner Verfügung.«Cletus erhob sich. »Vielen Dank, Sir«, sagte er undverließ das Büro.»Keine Ursache, Oberst«, rief der General ihmspöttisch nach.Cletus ließ sich ein Zimmer im Offiziersblock zuweisenund erkundigte sich dann nach Arvid Johnson.Als er erfuhr, daß der junge Leutnant noch keinerEinheit angehörte, bat er ihn telefonisch um eineUnterredung. Kurze Zeit später ertönte der Türsummer.»Arvid!« strahlte Cletus, als er die Tür öffnete undden hünenhaften blonden Leutnant erkannte. Er zogden Besucher ins Zimmer.»Ich bin so froh, daß Sie gekommen sind, Sir«,


meinte Arvid. »Ich befürchtete schon, Sie würden dieAkademie wegen einer solchen Kleinigkeit nicht verlassen.«»Oh, auf Kultis spielen sich zur Zeit große Dingeab, mein Lieber. Dow deCastries kam mit dem gleichenSchiff wie ich nach Neuland.«»DeCastries?« Arvid runzelte die Stirn.»Der Koalitions-Minister für extraterrestrische Angelegenheiten«,erklärte Cletus. »Ein Sportsmann, dernicht immer die feinsten Tricks anwendet. Sie werdenihn heute abend kennenlernen, wenn Sie mich auf eineParty begleiten.«


6.Ein dumpfes Donnergrollen kam von den fernenBerghängen, als Cletus und Arvid die Residenz vonMondar erreichten. Über der Stadt jedoch war derHimmel klar, und die Sonne von Kultis überzogHimmel und Meer mit einem Hauch von Goldrosa.Mondars Heim, umgeben von Bäumen und Blütensträuchern,lag auf einem Hügel im Osten der Stadt.Es war sonderbar verwinkelt angelegt, mit vielen Innenhöfenund Terrassen, so daß man nie so rechtwußte, ob man sich nun im Freien oder im Hausselbst befand.Der Exote empfing sie in einem Saal, der nach einerSeite hin offen war. Ein dichtes Geflecht von Lianenfing die Brise ab, die durch den Park wehte. Mondarführte sie in einen Raum mit niedriger Decke undweichen Sitzgruppen. Hier warteten bereits eine Reihevon Gästen, unter ihnen Melissa und Eachan Khan.»DeCastries?« fragte Cletus den Exoten.»Er und Pater Ten haben eben ein Gespräch mitmeinen Freunden beendet.« Mondar führte sie an eineRobot-Bar am Ende des Raumes. »Bitte, bedienenSie sich! Im Moment muß ich mich noch um meineGäste kümmern, aber später hätte ich Sie gern untervier Augen gesprochen, Cletus. Wäre das möglich?«»Gewiß.«Der Exote verabschiedete sich mit einem leichtenKopfnicken, und Arvid trat an die Bar, um ein GlasBier für sich zu holen. Auf seinen fragenden Blick hinwinkte Cletus ab.»Vielen Dank, ich trinke jetzt nichts.« Er sah sich


um und entdeckte Eachan Khan allein in einer Fensternische.»Bleiben Sie bitte in der Nähe, Arvid, damitich Sie jederzeit finde.«»In Ordnung, Sir.«Cletus trat auf den Söldner-Offizier zu. EachansZüge hellten sich auf, als er den jungen Mann sah.»Nun«, meinte er mit einem schwachen Lächeln,»soviel ich erfuhr, haben Sie Ihren neuen Kommandantenkennengelernt.«»Die Neuigkeiten scheinen sich hier wie ein Lauffeuerzu verbreiten.«»Unser Militärposten ist nicht besonders groß«, erklärteEachan. »Sie erwähnten etwas von einer Guerilla-Infiltrationüber den Etter-Paß ...«»Ja. Halten Sie das für unwahrscheinlich?«»Nein, ganz im Gegenteil – wir hätten von selbstdarauf kommen können.« Eachan machte eine kleinePause. »Ich habe mir übrigens aus der Exoten-Bibliothek die ersten drei Bände Ihres Werkes geholt.Eine beachtliche Arbeit, das läßt sich schon beimDurchblättern feststellen.«Der Offizier warf einen Blick in den Saal, und miteinem Mal wirkten seine Züge hart und verschlossen.Cletus drehte sich unauffällig um. Er entdeckte Melissaim Gespräch mit Dow deCastries.»Melissa scheint sich mit dem Minister gut zu verstehen.«»Er wirkt anziehend auf Frauen.«»Hmm.« Cletus nickte. »Übrigens sagte mir GeneralTraynor, daß sich keine Fallschirmspringer hierauf Bakhalla befinden. Das überraschte mich. Sovielich weiß, enthält die Ausbildung der Dorsai unteranderem einen Fallschirmspringerkurs.«


»Natürlich«, erwiderte Eachan trocken. »AberTraynor unterscheidet sich nicht im geringsten vonden anderen Kommandanten der Allianz – und derKoalition. Man bezweifelt, daß unser Trainingsprogrammfür die Praxis ausreicht.«»Neid?« fragte Cletus. »Oder betrachtet man dieDorsai als eine Art Konkurrenz?«»Das habe ich nicht gesagt«, wehrte Eachan hastigab. Wieder wanderten seine Blicke zu Melissa hinüber.»Ah, noch etwas«, fuhr Cletus fort. »Auf der Truppenlistesind einige Navy-Offiziere verzeichnet. Marine-Ingenieure,die zum Ausbaggern des Hafenbekkensund der Flüsse abkommandiert wurden ...«Eachan deutete auf eine Sitzgruppe am anderenEnde des Raumes, wo sich ein halbes Dutzend Männerangeregt unterhielten. »Da – der Mann auf derCouch. Das ist Kommandant Wefer Linet, in Zivilkleidungwie meistens. Kommen Sie, ich mache Siemit ihm bekannt!«Cletus folgte dem Söldner-Offizier quer durch denRaum. Sie kamen dicht an Melissa und deCastriesvorüber, konnten aber nicht verstehen, was die beidenbesprachen.»Kommandant«, sagte Eachan, und ein gedrungenerMann um die Dreißig erhob sich geschmeidig.»Darf ich Sie mit Oberst Cletus Grahame von der Erdebekannt machen? Er wurde General Traynor alstaktischer Berater zugewiesen.«»Freut mich, Oberst.« Wefer Linet reichte Cletus lächelnddie Hand. »Verschaffen Sie uns einen besserenJob als dieses ewige Baggern, und wir nehmen Sie mitoffenen Armen auf!«


»Abgemacht!« sagte Cletus. »Sie besitzen doch dieseriesigen Unterwasser-Bulldozer, nicht wahr? Ichhabe vor einem halben Jahr im Truppen-Journal darübergelesen. Der Bericht war eine einzige Lobeshymne.«Linets Züge hellten sich auf. »O ja, wir haben insgesamtsechs Mark-V hier. Ich nehme Sie jederzeit zueiner Probefahrt mit, Oberst. Bat Traynor wollte, daßwir sie im Dschungel einsetzen, anstatt unter Wasser.Klar, das schaffen sie auch, besser sogar als die herkömmlichenMaschinen, aber es wäre jammerschade,sie dafür zu verheizen. Ich konnte dem General natürlichnicht direkt widersprechen, aber ich bestanddarauf, den Dschungeleinsatz von der Erde genehmigenzu lassen. Dort lehnte man zum Glück ab.«Cletus lachte. »Also schön. Während der nächstenTage werde ich zwar außerhalb der Stadt zu tun haben,aber sobald ich zurückkehre, erinnere ich Sie anIhr Angebot.«»Rufen Sie mich an!« sagte Wefer. »Wir arbeitenzur Zeit im Hafen von Bakhalla. Eine halbe Stundegenügt, um die Dinger startklar zu machen ... Hallo,Mondar! Der Oberst hat eben versprochen, meineBulldozer zu besichtigen.«Der Exote war während des Gesprächs unbemerktneben Cletus getreten. Nun meinte er leise: »WolltenSie nicht mit deCastries zusammentreffen, meinFreund? Er steht dort drüben und plaudert mit Melissa.«»Ja, ich habe ihn bereits entdeckt.« Cletus sah Weferund Eachan an. »Würden Sie mich einen Momententschuldigen?«Er ging mit langsamen Schritten auf Melissa und


Dow deCastries zu. Sein Knie schmerzte, aber er ließsich nichts anmerken.»Hallo, Oberst«, empfing ihn Dow deCastries undlächelte liebenswürdig. »Wie ich hörte, hat man Ihneneinen unfreundlichen Empfang bereitet.«»Ich hatte mich darauf eingestellt«, entgegneteCletus ebenso liebenswürdig.Zwischen Melissas Augenbrauen stand eine kleineFalte. »Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte sie kühl,»mein Vater möchte mich sprechen. Ich bin gleichwieder da.«Die Blicke der beiden Männer trafen sich.»Kein schlechter Anfang«, sagte deCastries. »Eigenhändigeine Guerilla-Bande zu besiegen ...«»Ohne Eachan und sein Gewehr wäre ich verlorengewesen«, entgegnete Cletus. »Melissa übrigensauch.«»Ja.« Dow deCastries nickte. »Ein scheußlicher Gedanke.«»Ich finde, sie hat ein besseres Los verdient.«DeCastries zuckte mit den Schultern. »Im allgemeinenbekommt jeder das, was er verdient – aucheine Melissa Khan. Aber seit wann befassen sich Gelehrtemit Individuen?«»Sie befassen sich mit allem und jedem.«»Auch mit Falschspielertricks, nicht wahr? Ich erfuhrvon Melissa, daß Sie unter alle drei Tassen Zukkerwürfelgeschoben hatten.«»Ich streite es nicht ab.«»Ein guter Trick«, meinte der Minister. »Aber einzweites Mal würde er nicht funktionieren.«»Nein. Man muß sich stets etwas Neues einfallenlassen.«


»Sie haben so gar nichts von einem Bücherwurm ansich, Oberst. Ich gewinne allmählich den Eindruck,daß Ihnen das Handeln ebensoviel Freude bereitetwie die Theorie. Wenn Sie die Wahl hätten zwischenZupacken und Predigen, wofür würden Sie sich entscheiden?«Cletus zuckte mit den Schultern. »Mag sein, daßmir die Praxis liegt. Aber sehen Sie, wir Gelehrte sindmeist Idealisten. Und auf lange Sicht – wenn es denKolonien gelingt, den Einfluß der Erde abzuschütteln– nützen die Theorien eines Mannes vielleicht mehrals seine Taten.«»Sie deuteten schon auf dem Schiff an, daß Weltenwie Kultis sich von der Allianz und der Koalitionfreimachen müßten. Haben Sie keine Angst, dieseAnsicht in unmittelbarer Nähe Ihrer Vorgesetztenaufrechtzuerhalten?«»Meine Vorgesetzten belächeln diese Ansicht ebensowie Sie.«Der Minister nickte. Er nahm ein Weinglas von einemkleinen Tisch, hielt es prüfend gegen das Lichtund nippte daran. »Dennoch – es interessiert mich,wie Sie sich diese Befreiung vorstellen.«»Oh, ich werde versuchen, sie in die Wege zu leiten«,erklärte Cletus.»Tatsächlich? Ohne Geld, Truppen und politischenEinfluß? Wenn ich eine Änderung wollte, könnte ichsie ohne weiteres durchsetzen – aber Sie ...?«»Manchmal genügen, wie gesagt, Theorien.«DeCastries schüttelte langsam den Kopf. Er stelltedas Weinglas ab und rieb die Fingerspitzen gegeneinander,als seien sie klebrig geworden. »Oberst,entweder Sie sind ein Agent, den die Allianz auf mich


angesetzt hat, oder ein Verrückter. Im ersten Fall erfahreich die Wahrheit, sobald ich mich mit der Erdein Verbindung setze, im zweiten werden die EreignisseSie überrollen.«Er musterte Cletus, der seinen Blick gelassen erwiderte.»Offen gestanden, ich halte Sie eher für einen Spinner.Schade. Wären Sie Agent gewesen, so hätte ichdie Allianz überboten und Sie in meine Dienste genommen.Aber Sie sind mir zu unberechenbar ...«»Ich scheine viele Leute zu enttäuschen«, meinteCletus lächelnd, doch dann unterbrach er sich, weilMelissa zu ihnen zurückkehrte.»Es war nicht weiter wichtig«, sagte sie, zu de-Castries gewandt. Dann sah sie Grahame an. »Oh,Cletus, Mondar läßt Ihnen ausrichten, daß er Sie inseinem Arbeitszimmer erwartet. Es befindet sich ineinem eigenen Gebäude. Gehen Sie hier durch« – siedeutete auf ein Bogenportal – »und dann nach links.Der Korridor führt in den Garten.«»Danke.« Cletus verabschiedete sich und ging.Er fand den Korridor und den Garten, ein kleines,in Terrassen angelegtes Stück Land mit verschlungenenPfaden, die zu ein paar hohen alten Bäumenführten. Von einem Bauwerk war jedoch nichts zusehen.Eben wollte er wieder umkehren, da entdeckte erjenseits der Baumgruppe einen schwachen Lichtschein.Er ging darauf zu und kam an einen bunkerähnlichenBau, der mit der Landschaft zu verschmelzenschien. Die Tür glitt geräuschlos auf, als ernäher trat, und schloß sich sofort hinter ihm.Instinktiv blieb Cletus an der Schwelle stehen. Er


efand sich in einem Raum mit weicher, aber durchausheller Beleuchtung, der eher an eine Bibliothekals an ein Arbeitszimmer erinnerte. Die Luft warmerkwürdig dünn und rein – wie auf einem hohenBerggipfel. In den Wandregalen standen viele bedruckteBücher, Kostbarkeiten in einer Zeit der Mikrofilme.Eine Kartei und ein Lesepult befanden sichauf einer Seite des Raumes. Mondar jedoch hatte inder Mitte des Zimmers Platz genommen, auf einembreiten Sessel ohne Armlehnen, und verharrte in derLotos-Pose eines Buddha.Cletus entdeckte weiter nichts Außergewöhnliches,aber er spürte eine Spannung im Raum – eine gewaltige,unsichtbare Kraft, die sich in einem genau ausgewogenenzeitlichen Gleichgewicht befand.Mondar schien mit einem Male zu schweben, undeine lange Kette halb transparenter Gestalten erstrecktesich vor und hinter ihm, jede von der typischenArt des Exoten und doch leicht verändert.Auch von ihm selbst gab es zahllose Abbilder – einenCletus mit zwei gesunden Knien, einen einarmigenKrieger, aber auch einen gebieterischen alten Mannauf einem weißen Pferd, mit einem Marschallstab inder Hand.Der Raum selbst war ein Gewirr von Kräften undStrömungen, die sich wie goldene Lichtfäden verwoben.Einige liefen zwischen den Gestalten von Mondarund Cletus hin und her.Dann, mit einem Mal, verschwand die Vision.Mondar sah seinen Besucher forschend an.»Ja«, begann er leise, »ich spürte schon auf demSchiff, daß Sie die Gabe besitzen. Und ich habe michnicht getäuscht.« Er machte eine Pause. »Ist Ihr Ge-


spräch mit deCastries zustande gekommen?«Cletus betrachtete das faltenlose Gesicht und dieblauen Augen seines Gegenübers und nickte langsam.»Er wollte, daß Sie für ihn arbeiten, nicht wahr?«»Er sagte mir ins Gesicht, daß er mich für einenunberechenbaren Spinner hält. Daraus schließe ich,daß er echtes Interesse an meiner Person hat.«»Nicht an Ihrer Person«, widersprach Mondar miteinem Lächeln. »Nur an Ihrer Eignung als sein Werkzeug.«Er machte eine lange Pause. »Cletus, kennenSie die Ziele der Exotengemeinschaft?«»Gewiß, ich habe mich gründlich damit beschäftigt.Ihren Leuten geht es um die Evolution des Menschen.Aber glauben Sie wirklich, daß sich der Mensch nochweiterentwickeln kann? Und wie soll die nächste Stufeaussehen?«»Das wissen wir nicht«, sagte Mondar. »Kann sichder Affe den Menschen vorstellen? Aber wir sindüberzeugt davon, daß die Wurzel zur Evolution inmanchen von uns steckt – und vielleicht schon keimt.Die Exoten suchen nach diesen Keimen und schützensie, damit sie ungestört heranreifen können.«Cletus schüttelte den Kopf. »Ich weiß, was alsnächstes kommt, Mondar. Sie möchten, daß ich michIhrer Kolonie anschließe. Aber ich gäbe einenschlechten Exoten ab. Ich habe meine eigenen Ziele.«»Das eine schließt das andere nicht aus«, meinteMondar. »Wir üben auf unsere Mitglieder keinerleiZwang aus. Jeder dient auf seine Weise der Zukunft.Nur wenn wir die Talente eines Mitglieds in einembesonderen Fall benötigen, verlangen wir, daß es sichzur Verfügung stellt. Dafür helfen wir unseren Ge-


fährten, ihre Fähigkeiten in der Gemeinschaft zu stärkenund zu vervollkommnen, so daß sie ihre eigenenZiele wirksamer verfolgen können. Ich habe Ihnengezeigt, was Sie vermögen, Cletus. Wenn wir Sie ausbilden,können Sie Ihre Psi-Kräfte bewußt einsetzen.«Wieder schüttelte Cletus den Kopf.»Wenn Sie ablehnen, mein junger Freund, verrätdas Ihren unterbewußten Wunsch, den gleichen Wegzu gehen wie ein deCastries«, sagte Mondar ernst.»Sie ziehen es vor, Menschen und Situationen zu manipulieren,anstatt nach Grundsätzen zu suchen, welchedie Menschheit letzten Endes frei von jeder Manipulationmachen.«Cletus lachte hart. »Soviel ich weiß, tragen dieExoten niemals Waffen, nicht einmal zur Selbstverteidigung.Deshalb müssen sie Söldner wie die Dorsaianstellen oder Bündnisse mit politischen Gruppeneingehen ...«»Ja, aber aus einem anderen Grund als die meistenLeute vermuten«, fiel ihm Mondar ins Wort. »Wirhaben keine moralischen Bedenken gegen das Kämpfen.Wir gehen lediglich davon aus, daß die Emotionen,die dabei eine Rolle spielen, das klare Denkvermögeneinschränken. Deshalb rühren wir keine Waffenan.«Der junge Oberst nickte. »Genau das dachte ichmir. Ihre Haltung verrät eine besondere Art der Härte,Mondar. Menschen, die hart zu sich selbst sind,sind es auch gegenüber anderen. Als Philosophenachtet ihr Exoten den Einzelmenschen gering.«»Cletus – wissen Sie, was Sie da sagen?«»Aber ja«, entgegnete Cletus ruhig. »Die Lehrender Philosophen mögen sanft und gewaltlos sein –


aber die Theorien, die dahinterstecken, sind unerbittlich.Die meisten Kriege wurden von Anhängern deseinen oder anderen Philosophen oder Glaubensbegründersentfacht.«»Wir Exoten hassen Blutvergießen.«»Mag sein«, sagte Cletus. »Aber wenn Sie die Zukunftaufbauen wollen, von der Sie träumen, müssenSie die Gegenwart zerstören. Und zu derart radikalenMaßnahmen bin ich nicht fähig.«Er schwieg. Mondar sah ihn lange an.»Cletus«, sagte der Exote schließlich, »sind Sie Ihrerselbst so sicher?«»Ich fürchte ja.«Grahame wandte sich zum Gehen, doch an derSchwelle hielt er noch einmal an. »Dennoch, vielenDank, Mondar. Vielleicht gehen Sie und Ihre Gemeinschafteines Tages meinen Weg. Gute Nacht.«


7.Cletus erwachte mit dem Gefühl, daß sein linkes Knielangsam in einem Schraubstock zusammengepreßtwurde. Er drehte sich auf den Rücken, starrte diehelle Zimmerdecke an und begann sich bewußt zuentspannen. Sein Körper wurde schwer und schlaff,die Geräusche aus dem Hauptquartier verwischtensich, und seine Gedanken trieben dahin wie auf einemwarmen Ozean. Der Schmerz wich.Vorsichtig setzte Cletus sich auf. Das Knie war geschwollenund steif, aber nirgends dunkel verfärbt.Nun begann die Hauptarbeit. Er mußte versuchen,die Geschwulst einzudämmen. Cletus konzentriertesich darauf, die Schmerzreaktion in seinem Knie mitder Schmerzbotschaft in seinem Gehirn zu verbindenund sie langsam in eine Botschaft der Entspannungumzuwandeln.Während der ersten zehn Minuten veränderte sichnichts. Dann ließ der Druck ein wenig nach; Wärmehüllte das Knie ein. Nach weiteren zehn Minuten wardie Schwellung so zurückgegangen, daß Cletus dasKnie abbiegen konnte. Er erhob sich mühsam undschlüpfte in seine Dschungel-Uniform. Kurz vor fünfklopfte jemand an der Tür.»Herein«, sagte Cletus.Arvid betrat das Zimmer. »Morgen, Oberst. Ich habealles besorgt, was auf Ihrer Wunschliste stand.Schalltrichter und Minen sind im Marschgepäck verstaut.Das Gewehr mußte ich am Rahmen des Flugeselsbefestigen.« Der junge Leutnant zögerte. »Ichhätte Sie gern begleitet, Sir, aber ich erhielt keinen Be-


fehl dazu. Der Stabsoffizier heißt übrigens Bill Athyer...«»Und taugt nicht viel, was?« ergänzte Cletus lachend.»Woher wissen Sie das?« fragte Arvid verblüfft. Siegingen durch einen langen Korridor zum Haupteingang,wo das Kommandofahrzeug wartete.Cletus antwortete erst, als sich die Luftkissenkabinein Bewegung gesetzt hatte. »Ich hatte den Eindruck,daß der General seine Wahl in dieser Richtungtreffen würde. Aber keine Sorge, Arv, für Sie gibt eshier mehr als genug zu tun. Ich benötige dringendBüroräume und einen Mitarbeiterstab – einen Offizier,der die ganze Sache organisiert, dazu zwei Bürotechnikerund einen Mann mit Archiv-Erfahrung.Glauben Sie, daß Sie das fertigbringen?«»Klar, Sir – nur ... haben wir die Vollmacht dazu?«»Noch nicht, aber ich werde sie beschaffen. Sie leitenalles in die Wege, so daß wir sofort mit der Arbeitbeginnen können, wenn ich die Genehmigung habe.«»Jawohl, Sir.«Als Cletus den Teil des Rollfelds erreichte, auf demsich die Truppentransporter befanden, war seineKompanie bereits auf dem grauen Beton versammelt.Er stieg steifbeinig aus dem Kommandowagen undsah zu, wie Arvid seine Ausrüstung zurechtlegte.»Oberst Grahame?« klang eine Stimme hinter ihmauf. »Ich bin Leutnant Athyer, der Kompaniechef.Wir können starten, nachdem Sie nun eingetroffensind.«Die letzte Bemerkung war eine Unverschämtheit,aber Cletus überhörte sie. Er drehte sich langsam um.Athyer war ein dunkler, leicht untersetzter Typ mit


einer scharf vorspringenden Nase. Cletus schätzte ihnauf etwa fünfunddreißig Jahre. Seine Sätze klangenschroff, beinahe aggressiv.»Gut, dann fangen wir mit dem Verladen an«,sagte Cletus freundlich. »Wo haben Sie einen Platzfür mich vorgesehen?«»Wir fliegen mit zwei Atmosphäre-Transportern«,knurrte Athyer. »Ich kümmere mich um die erste Maschine,mein Sergeant übernimmt die zweite. Sie begleitenmich, Oberst ...« Er unterbrach sich und starrteArvid an, der die Rotoren des Flugesels eingeschaltethatte, um das Ding zur Frachtluke des Transporterszu rollen. Offensichtlich hatte Athyer den Einmann-Flieger bis zu diesem Moment nicht mit Cletus inVerbindung gebracht. Die Konstruktion erinnerte aneinen Fahrradrahmen ohne Räder; vorne und hintenragten zwei Schäfte auf, an denen Rotoren befestigtwaren. Diese Rotoren wurden von einer Miniturbineunter dem Sattel des Vehikels angetrieben. Man benötigtedie Dinger in erster Linie zu Reparatur- undInspektionsarbeiten in einem Raumhafen.»Was soll denn das?« fragte Athyer unwirsch.»Ich brauche den Flugesel«, entgegnete Cletus ruhig.»Sie müssen wissen, ich trage eine Knieprothese. Ichmöchte Sie und Ihre Leute auf keinen Fall aufhalten.«»Hmm ...« Man sah dem Leutnant an, daß er denFlugesel gern zurückgewiesen hätte, aber ihm fielkeine passende Begründung ein. So wandte er sichwortlos ab und ging mit seinen Leuten an Bord desTransporters. Knapp zwanzig Minuten später flogendie Maschinen dicht über den Dschungel hinweg aufden Etter-Paß zu. Am Saum des Gebirges zeigte sichder erste Lichtstreifen.


»Wie sehen Ihre Pläne aus, Leutnant?« begannCletus, der Athyer in der winzigen Passagierkabinedes Transporters gegenübersaß.Der Leutnant breitete eine Karte auf seinen Knienaus. »Ich errichte hier entlang eine Postenkette.« SeinFingernagel zog einen Bogen durch den Dschungelder Berghänge unterhalb des Passes. »Zusätzlichwarten ein paar Leute ein Stück höher, an beidenSeiten des Paßeinschnitts. Sie haben die Aufgabe, dieNeulander erst einmal durchzulassen und innendann zu folgen, bis sie auf die Postenkette stoßen. Dieperfekte Falle – wenn die Guerillas kommen ...«Wieder überhörte Cletus die letzte Bemerkung.»Und was geschieht, wenn der Feind die Paßstraßenicht direkt benutzt?« fragte er. »Der Dschungel bietetden Männern weit mehr Schutz.«Athyer starrte ihn an wie ein bockiger Schüler, dereine Prüfungsfrage zu schwer fand. »Die Leute amPaßeinschnitt können die Postenkette verständigen,und wir ziehen die Linie weiter auseinander.«»Wie groß ist die Sichtweite im Dschungel?«»Fünfzehn bis zwanzig Meter.«»Dann wird es der Postenkette schwerfallen, dasUmzingelungsmanöver durchzuführen – vor allem,da sich die Guerillas sofort in kleine Gruppen aufteilenwerden.«Athyer zuckte mit den Schultern. »Wir tun unserMöglichstes.«»Ich schlage Ihnen eine andere Lösung vor.« Cletusnahm die Karte an sich. »Wenn die Guerillas überden Etter-Paß kommen, haben sie zur Rechten denWhey River und zur Linken den Blue River; die beidenFlüsse vereinigen sich hier unten bei der Ort-


schaft Two Rivers. Wohin sich die Neulander alsoauch wenden, sie müssen das Wasser durchqueren.Werfen Sie einen Blick auf die Karte, Athyer. Es gibtnur wenige Stellen, an denen das möglich ist – dreiam Blue River und zwei am Whey River.« Er machteeine Pause und sah den Stabsoffizier an, aber der begriffden Wink nicht. So fuhr Cletus mit einem Seufzerfort:»Ich will damit folgendes sagen, Leutnant: Weshalbversuchen wir die Guerillas im unwegsamenDschungel unterhalb des Passes abzufangen, wennwir am Wasser bequem auf sie warten können?«Athyer zog die Stirn kraus und beugte sich nocheinmal über die Karte.»Die beiden Furten am Whey River sind dem Paßam nächsten«, erklärte Cletus. »Zudem führen sie aufdem schnellsten Weg zur Küste. Die Übergänge amBlue River hingegen bringen die Guerillas in gefährlicheNähe der Ortschaft Two Rivers. Es wäre also logisch,sie am Whey River abzufangen.« Wieder warteteer einen Moment. »Aber – die Neulander wissen,daß wir das Terrain ebensogut kennen wie sie. Sowerden sie uns vermutlich einen Streich spielen unddie Übergänge am Blue River wählen – wenn sieüberhaupt mit uns rechnen ...«Athyer schüttelte langsam den Kopf. »Nein,Oberst«, meinte er, »Sie kennen die Neulander nichtso gut wie ich. Erstens – warum sollten sie mit unsrechnen? Zweitens halte ich sie nicht für besondersschlau. Sie werden den Paß überqueren, in ZweierundDreiergruppen den Dschungel durchdringenund sich dann am Whey River treffen. Und dortschnappen wir sie. Mein Sergeant bewacht mit einem


Teil der Leute die obere Furt, ich warte mit dem Restunten.«»Sie haben das Kommando«, sagte Cletus ruhig,»aber General Traynor legte Wert darauf, daß ich Ihnenmit Rat und Tat zur Seite stehe. Und ich findenun einmal, daß Sie kein Risiko eingehen und dieÜbergänge am Blue River ebenfalls bewachen sollten.«Athyer sah finster die Karte an. Nach einer Weilemurmelte er: »Ich könnte höchstens einen Korporalmit sechs Mann abstellen.« Seine Miene hellte sichauf. »Es war Ihr Vorschlag, Oberst. Wenn Sie die Verantwortungam Blue River übernehmen ...«»Als taktischer Berater habe ich nicht das Recht,das Kommando Ihrer Leute unter Kampfbedingungen...«Athyer schnitt ihm das Wort ab. »So genau haltenwir uns hier draußen nicht an die Vorschriften,Oberst. Ich sage dem Korporal Bescheid. Er hat sichgenau nach Ihren Befehlen zu richten.«»Genau?«Athyer nickte.»Aber wenn die Guerillas nun tatsächlich über denBlue River kommen? Dann habe ich nur eine HandvollLeute zur Verfügung.«»Keine Angst, sie kommen nicht. Aber falls widerErwarten doch einige versprengte Trupps auftauchen– nun, das dürfte für einen Taktik-Experten kein Problemdarstellen.« Damit faltete er die Karte zusammenund begab sich zu seinen Leuten, um ihnen dieveränderten Befehle mitzuteilen.Der Truppentransporter setzte Cletus und seinekleine Schar in einer baumumstandenen Lichtung


nahe des Blue River ab. Ein schlaksiger Neunzehnjährigernamens Ed Jarnki hatte das Kommando. DieSoldaten warfen ihre Ausrüstung achtlos zu Bodenund suchten sich bequeme Plätze im Moos. Als Cletuszu ihnen trat, betrachteten sie ihn mit einer gewissenNeugier.Der junge Oberst erwiderte schweigend ihre Blicke.Nach einer Weile stand Jarnki achselzuckend auf undgab seinen Männern einen Wink. Sie stellten sich inReih und Glied hin und warteten.Cletus lächelte. Aber seine Züge wirkten stahlhart,und seine Augen schienen Funken zu sprühen. »So istes besser«, sagte er leise. »Leute, ihr werdet heute dieEntscheidung hier am Etter-Paß herbeiführen. Undwenn ihr meine Befehle genau befolgt, wird es dabeikaum zu Blutvergießen kommen.«


8.Sie starrten ihn an.»Sir?« fragte Jarnki schließlich.»Ja, Korporal?«»Sir ... ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.«»Ich meine, daß ihr eine Menge Neulander gefangennehmenwerdet, ohne selbst Verluste zu erleiden.Beantwortet das Ihre Frage, Korporal?«»Äh – jawohl, Sir.«Seine Züge drückten Mißtrauen aus. Auch in denGesichtern der anderen spiegelte sich Skepsis.»Gut, dann machen wir uns an die Arbeit!«Cletus postierte die Männer – einen gegenüber derFurt, zwei unterhalb der Böschung, und die vier übrigenin den dichten Baumkronen zwischen Fluß undGebirgshang.»Keine Sorge, Korporal«, sagte er zu Jarnki, nachdemer ihm als letztem einen Platz zugewiesen hatte,»die Neulander werden Sie nicht lange warten lassen.Sobald Sie die ersten Guerillas sehen, feuern Sie eineSalve ab und klettern dann in die Tiefe. VersteckenSie sich irgendwo, damit Sie nicht getroffen werden!«»Jawohl, Sir.«Man hatte sie an der Furt abgesetzt, die am weitestenflußaufwärts lag. Der Oberst schwang sich aufseinen Einmann-Flieger und steuerte ihn dicht überden Dschungel hinweg zu den beiden anderen Übergängen.Das Surren der Rotoren war kaum lauter alsdas Gezirpe der Insekten im Unterholz. Cletus entdecktenirgends am Fluß die Spuren der Guerillas; sowandte er sich dem Paß zu.


Achthundert Meter von der unteren Furt entferntnahm er die erste Bewegung wahr. Die Farnwedelunter ihm schwankten und zitterten. Er schaltete denAntrieb ganz aus, um sich nicht zu verraten, und ließsich ein Stück in die Tiefe gleiten. Sekunden späterkroch eine Gestalt im grünbraunen Dschungel-Coverall aus den Farnstauden.Der Fremde trug nur einen Schlafsack und eineSportflinte über der Schulter. Das war eine Vorsichtsmaßnahme.Guerillas konnten nur dann vor einMilitärgericht gestellt werden, wenn man bei ihnenmilitärische Ausrüstungsgegenstände fand. Und voreinem Zivilgericht mußte man ihnen ein Vergehengegen die einheimischen Gesetze nachweisen, um sieverurteilen zu können.Cletus nickte zufrieden. Die Konus-Gewehre seinerLeute waren den Sportwaffen der Eindringlinge weitüberlegen. Er beobachtete den Fremden eine Weile,dann begann er nach seinen Gefährten zu suchen. Esdauerte nicht lange, bis er sie ausgemacht hatte. Siedrangen auf einer Breite von etwa dreihundert Meternin einer lockeren Schützenkette vor – insgesamtzwanzig Mann.Der Oberst begann zu rechnen. Wenn die Neulanderihre Guerillas gleichmäßig auf die drei Übergängeverteilt hatten – und das entsprach der primitivstenmilitärischen Vorsichtsregel –, dann bestand die Unterwanderungstruppeaus etwa sechzig Mann. ZwanzigProzent Verluste mußte der Feind bis zur Küsteeinkalkulieren. In diesem Fall blieben noch an dieachtundvierzig Mann. Das reichte, um ein kleines Fischerdorfzu überfallen und für ein paar Tage besetztzu halten. Aber Cletus hatte eigentlich mit einem


größeren Unternehmen gerechnet. Nun – vielleichtbefand sich hinter der ersten Kette eine weitere ...Cletus flog noch ein Stück auf den Paß zu. Und inder Tat, nach achtzig Metern entdeckte er die zweiteLinie. Sie bestand aus fünfzehn Mann. Einige trugenSeitenwaffen und Funkgeräte; Cletus schloß, daß siedie Anführer der Aktion waren.Als er zur vorderen Linie zurückkehrte, sah er, daßsich die Männer bereits zur Flußüberquerung sammelten.Er berechnete ihren Treffpunkt und begannihn bis zur Wasserfront hin in Abständen von zwanzigMetern zu verminen.Der Flugapparat brachte ihn erneut hinter diezweite Gefechtslinie. Er hielt an, löste das Konus-Gewehr vom Metallrahmen und feuerte eine breitgestreuteGarbe ab.Die winzigen, kegelförmigen Geschosse verließenden Lauf mit relativ niedriger Geschwindigkeit, wurdenaber durch einen Treibsatz beschleunigt, so daß siemit einem schrillen Kreischen durch die Luft jagten,kurz bevor sie ihr Ziel erreichten. Ohne kugelsichereKleidung hatte ein Mann keine Chance gegen diese Dinger.So war es nicht verwunderlich, daß im Dschungeleinen Moment lang atemlose Stille herrschte. Dann,ein wenig zögernd, bellten die Sportgewehre los.Die Guerillas feuerten ohne Ziel; Cletus kehrte ineinem weiten Bogen zum Fluß zurück und löste perFunk die erste Mine aus. Eine gewaltige Detonationerschütterte den Dschungel. Der Baum, an dem Cletusdie Sprengladung befestigt hatte, stürzte splitterndins Unterholz. Vogelschwärme stoben auf, Wildflüchtete, und die Eindringlinge von Neuland schossenihre Flinten in alle Richtungen ab.


Cletus wartete fünf Minuten, dann wiederholte ersein Spiel. Die Guerillas hatten ihre Gefechtsformationaufgegeben, eine instinktive, wenn auch taktischnicht besonders kluge Handlungsweise. Sie rottetensich zu einem dichten Haufen zusammen. Befehleklangen auf. Offensichtlich bemühten sich die Anführer,die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Aber siehatten keine Ahnung, ob der Angriff von einer kleinenPatrouille kam, die sich zufällig in diesem Gebietbefand, oder ob sie es entgegen aller Erwartung miteiner größeren Streitmacht zu tun hatten.Ihnen blieb keine andere Wahl, als Späher auszuschicken.Und diese Späher, so überlegte Cletus,würden rasch herausfinden, daß die Furt nicht verteidigtwurde. Das durfte er nicht zulassen. Er zündetezwei weitere Minen und begann die Guerillaserneut mit Schüssen einzudecken. Eine Zeitlang erwidertensie das Feuer, doch dann gaben sie auf. Siezogen sich zur höhergelegenen Furt zurück.Cletus flog ihnen voraus. Auch am mittleren Übergangfiel es ihm nicht schwer, die beiden Guerillagruppenauszumachen, die durch das Unterholzdrangen. Zum Glück waren sie noch an die neunhundertMeter von ihrem Ziel entfernt. Der Oberstverminte rasch den Dschungelstreifen vor dem Fluß,dann begab er sich an die obere Furt, wo Jarnki undseine Männer warteten.Zu seinem Entsetzen stellte er fest, daß sich dieGuerillas hier nicht an den allgemeinen Zeitplan gehaltenhatten. Ihr Abstand zum Fluß betrug nur nochknapp hundertfünfzig Meter. Es galt unverzüglich zuhandeln.Cletus brachte vier Minen in den umliegenden


Bäumen an, steuerte seinen Flieger hinter die zweiteGefechtslinie und eröffnete das Feuer, während ergleichzeitig zwei der Sprengladungen zündete.Das Ergebnis befriedigte ihn. Die Guerillas löstenihre Formation auf. Mehr noch – Ed Jarnki und seineLeute, aufgeschreckt durch die Schüsse aus demDschungel, begannen ebenfalls ihre Konus-Gewehreeinzusetzen. Die Neulander mußten den Eindruckgewinnen, daß sie von zwei größeren Truppenverbändeneingeschlossen waren.Cletus machte sich auf die Suche nach dem Korporal.Der junge Mann hatte, wie befohlen, seinenHochsitz verlassen, aber er war nicht in Deckung gegangen.Totenblaß lag er zwischen den Farnstauden,keine fünfzehn Meter von den Guerillas entfernt, undfeuerte unentwegt. Als Cletus neben ihm auftauchte,erwachte er aus seiner Erstarrung. Er wollte sich aufrichten,doch der Oberst drückte ihn zu Boden. »Zurück!«zischte Cletus und zerrte Ed Jarnki mit sich.Die Guerillas hatten haltgemacht. Sie schienen sichzu sammeln, um neue Pläne zu fassen. Der Korporalwarf Cletus einen unsicheren Blick zu.»Sie sind ein tapferer Mann, Ed«, sagte der Oberstund schwang sich mit schmerzverzerrter Miene vonseinem Fluggestell, »aber tapfere Männer nützen unsnur etwas, wenn sie am Leben bleiben.«Jarnki schluckte und grinste verlegen.Cletus drückte ihm eine Schachtel mit Minen in dieHand. »Verteilen Sie die Dinger auf einer Breite vonfünfzig bis achtzig Metern. Aber gehen Sie kein Risikodabei ein! Sobald die Neulander zum Fluß vordringen,fallen Sie mit Ihren Männern zurück. ZündenSie die Minen, und geben Sie sporadisch Schüsse


ab! Ihre Aufgabe ist es, die Guerillas zu verlangsamen,bis ich wiederkomme und Sie unterstützenkann. Auf diese Weise gewinnen wir etwa eine Stunde,vielleicht auch anderthalb.«»In Ordnung, Sir.«»Dann verschwinde ich jetzt.«Cletus kehrte an die mittlere Furt zurück. Er flogdicht über die Baumkronen hinweg. Die Anzahl derGuerillas hatte sich verdoppelt. Offenbar waren dieGruppen von der unteren Furt bereits zu ihren Gefährtengestoßen. Sie bewegten sich flußaufwärts.Das hatte er erwartet. Die Guerillas waren eher Saboteureals Soldaten. Vermutlich hatte man ihnenstrikt verboten, sich auf dem Weg zur Küste in irgendwelcheKämpfe einzulassen. Er folgte ihnen, bissie ihre Kameraden am oberen Übergang fast erreichthatten. Dann steuerte er den Flugapparat ein Stückhöher, um die Lage abzuschätzen.Der obere Guerillatrupp hatte einen lockeren Halbkreisum die Furt gebildet, machte aber keinen Versuch,sich den Weg über den Fluß freizukämpfen.Noch während Cletus die Leute beobachtete, tauchtendie beiden anderen Gruppen auf. Es kam zu einemlebhaften Meinungsaustausch.Cletus versuchte sich in die Lage des Anführers zuversetzen. Einen Moment lang schloß er die Augenund dachte ganz ruhig nach. Dann strömten Bilderund Ideen auf ihn ein ...Es galt, eine rasche Entscheidung zu treffen. ZweiDrittel der gesamten Streitmacht hatten sich bereitszurückdrängen lassen. Hier bestand die letzte undeinzige Möglichkeit, den Blue River zu überqueren –aber die Stärke des Feindes war unbekannt.


Das eine stand jedenfalls fest: Von einem heimlichenEindringen seiner Guerillas konnte keine Redemehr sein. Damit hatte die Aktion jeglichen Wertverloren. Ein vernünftiger Kommandant würde sieabblasen. Aber wie ließ sich das bei seinen Vorgesetztenvertreten?Überhaupt nicht, das war es. Deshalb mußte er versuchen,sich den Weg über den Blue River freizukämpfen.Er hoffte nur, daß die Exoten heftigen Widerstandleisteten. Dann konnte er den Rückzugrechtfertigen ...Cletus nickte vor sich hin. Er schaltete den Flugapparatein, flog dicht über die Baumwipfel hinweg undwarf drei Minen in drei verschiedene Richtungen.Während er sie zündete, feuerte er gleichzeitig einigeGarben aus seinem Konus-Gewehr ab. Seine Soldatenbegannen ebenfalls zu schießen. Die Angegriffenensetzten sich mit ihren Sportwaffen zur Wehr.Kampflärm durchdrang den Dschungel. Grahamewartete, bis der Wirrwarr ein wenig nachgelassenhatte, dann holte er den Schalltrichter aus seinem Gepäck,schaltete den Verstärker ein und rief in denDschungel hinunter:»FEUER EINSTELLEN! ALLIANZTRUPPEN – SO-FORT FEUER EINSTELLEN!«Die Konus-Gewehre seiner Leute schwiegen. Nachund nach hörten auch die Guerillas zu schießen auf.Cletus ergriff erneut das Wort:»NEULANDER, IHR SEID UMZINGELT! ES HATKEINEN SINN, WEITERZUKÄMPFEN! HIERSPRICHT DER KOMMANDANT DER BAKHAL-LAEINHEITEN. WER SICH FREIWILLIG ERGIBT,KANN MIT EINER FAIREN BEHANDLUNG GE-


MÄSS DER KRIEGSGEFANGENEN-KONVENTIONRECHNEN. MEINE LEUTE STELLEN DREI MINU-TEN LANG DAS FEUER EIN. WÄHREND DIESERZEIT HABT IHR GELEGENHEIT, DIE WAFFENWEGZUWERFEN UND MIT ERHOBENEN ARMENAUF DIE LICHTUNG HINAUSZUTRETEN. DIEFRIST BEGINNT – JETZT!«Er schaltete den Verstärker aus, verstaute denSchalltrichter wieder im Gepäck und wandte sichdem Fluß zu. Hier hatte er den besten Überblick, ohneselbst gesehen zu werden.Zuerst geschah gar nichts, dann raschelte es imUnterholz, und ein Mann im Tarn-Overall der Neulandertrat mit erhobenen Armen auf die Lichtunghinaus. Zögernd ging er bis zur Mitte weiter undblieb stehen.Sekunden später kamen seine Kameraden aus allenRichtungen herbei. Cletus wartete. Nach Ablauf derFrist zählte er dreiundvierzig Guerillas. Er nickte zufrieden.Kein schlechter Fang.»Ed«, sagte Cletus durch das Helm-Mikrophon,»Ed, kommen Sie zu mir. Ich befinde mich ein Stückrechts von Ihnen.«Jarnki lief geduckt herbei, während Cletus imSchutz der Uferbäume landete und sich steifbeinigvon seinem Fluggestell schwang.»Sir?« fragte der Korporal eifrig.»Ich möchte, daß Sie ein Gespräch mitverfolgen.«Cletus schaltete die Funkanlage des Einmann-Fliegersein und peilte Leutnant Athyer an.»Hallo, Leutnant, hier spricht Oberst Grahame!«Eine kurze Pause, dann kam die Antwort über denkleinen Lautsprecher der Maschine.


»Oberst – was gibt es?«»Die Guerillas haben doch versucht, über den BlueRiver nach Bakhalla zu gelangen«, sagte Cletus. »Wirhatten Glück und konnten etwa die Hälfte gefangennehmen...«»Guerillas – die Hälfte ...«, stammelte Athyer.»Der Rest ist uns leider entwischt«, fuhr Cletus fort.»Die Männer werden versuchen, über den Paß nachNeuland zurückzukehren. Es müßte Ihnen ohneSchwierigkeiten möglich sein, sie abzufangen.«»Ohne Schwierigkeiten ... Und woher weiß ich, daßSie die Wahrheit sagen?«»Leutnant«, erklärte Cletus scharf, »ich habe Ihnendie Lage geschildert. Alles Weitere liegt bei Ihnen.«»Ich – jawohl, Sir. Ich setze mich dann später wiedermit Ihnen in Verbindung. Äh – warten Sie, bis einerder beiden Truppentransporter kommt und dieGefangenen aufnimmt. Bei sechs Mann Bewachungist der Weg durch den Dschungel zu riskant ...« Erschluckte. Zum erstenmal schien er zu erkennen, wasCletus mit seinem winzigen Trupp geleistet hatte.Und er war sich natürlich im klaren darüber, daß GeneralTraynor ihm die Sache als Schlappe ankreidenwürde.»Brauchen Sie einen Arzt?« fragte er eingeschüchtert.»Ja, Leutnant. Schicken Sie ihn mit dem Transporterher! Und nun noch viel Glück! Ende.«»Danke, Sir. Ende.«Erschöpft lehnte sich Cletus gegen einen Felsblock.»Sir?« fragte Jarnki verwirrt. »Wozu brauchen wireinen Arzt? Es ist doch niemand verletzt ...«»Ich«, sagte Cletus mit zusammengebissenen Zäh-


nen. Er holte die Machete aus dem Stiefel und zerschnittden Stoff des Coveralls über dem linken Knie.Es war blaurot angelaufen und stark geschwollen.Der Oberst nahm eine Spritzenpistole aus dem Erste-Hilfe-Kasten, hielt die Mündung gegen die Vene unddrückte ab.Wohltuende Schwärze umgab ihn.


9.Cletus betrachtete nachdenklich sein linkes Bein. DerMilitärarzt hatte einen Streckverband angelegt unddas Knie hochgelagert.»Aber ich liege jetzt seit drei Tagen hier«, beklagtesich Cletus bei Arvid, der ihm einen Almanach überKultis gebracht hatte, »und er hat versprochen, daß erden Verband am dritten Tag abnehmen würde. Bitte,schauen Sie doch noch einmal in den Korridor, ob Sieihn irgendwo entdecken!«Arvid gehorchte. Nach ein paar Minuten kam ermit einem bedauernden Achselzucken zurück.»Pech, Sir«, meinte er. »Aber General Traynor istauf dem Weg hierher. Die Empfangsschwester hat esmir eben verraten.«»Hmm.« Cletus verstellte den Hebel am Bett, sodaß er aufrecht sitzen konnte. »Passen Sie auf, Arv!Durchsuchen Sie die angrenzenden Zimmer! Sie sindleer. Vielleicht können Sie irgendwo Raumpost-Kuverts auftreiben.«Arvid nickte und ging. Er hatte es sich abgewöhnt,Fragen zu stellen.Drei Minuten später kehrte er mit fünf der dünnengelben Umschläge zurück, die für den Briefverkehrzwischen den Planeten bestimmt waren. Auf jedemprangte der viereckige schwarze Stempel der terranischenPostbehörde. Cletus legte sie so auf seinenNachttisch, daß man nur die Unterseite erkennenkonnte.»Äh – haben Sie im Almanach gefunden, was Siesuchten, Sir?« erkundigte sich Arvid.


»Ja«, erwiderte Cletus. Als er Arvids stumme Fragespürte, fügte er lächelnd hinzu: »Heute nacht istNeumond.«»Aha.«»Arv, wenn der General hier ist, bleiben Sie bitte imKorridor und halten die Augen offen! Ich möchtenicht, daß der Doktor einen Bogen um mein Zimmermacht, weil er sich vor Bat fürchtet. Für wann war dieBesprechung mit dem Sicherheitsoffizier anberaumt?«»Für elf Uhr, Sir.«»Und jetzt ist es schon halb zehn.« Cletus warf einenBlick auf die Uhr. »Vom Badezimmerfenster aussieht man die Auffahrt vor dem Krankenhaus. Wennder General mit einem Bodenauto kommt ...«Arvid begab sich gehorsam ins Bad. »Nichts zu sehen,Sir.«»Passen Sie weiter auf!«Cletus lehnte sich zurück und schloß die Augen.Bat Traynor war der letzte einer langen Reihe von Besuchern.Selbst Ed Jarnki hatte vorbeigeschaut undihm bei dieser Gelegenheit stolz seine neuen Sergeanten-Streifengezeigt.Es klopfte. Gleich darauf schwang die Tür auf. DerGeneral trat ein. Arvid steckte immer noch im Bad,und Cletus hoffte nur, daß er sich ruhig verhielt.Bat Traynor zog einen Stuhl heran und nahm Platz.»Nun, Oberst«, meinte er mit gerunzelten Brauen,»immer noch ans Bett gefesselt?«»Heute wird der Verband entfernt«, entgegneteCletus. »Nett, daß Sie mich besuchen.«»Das tue ich immer, wenn einer meiner Offiziereim Spital liegt«, knurrte Bat. »Keine Sonderbehand-


lung also für Sie – obwohl ich zugeben muß, daß Sieam Blue River eine großartige Leistung vollbrachthaben.«»Oh, die Guerillas waren nicht auf einen Kampfaus, Sir. Außerdem hatte ich Glück, weil sie genaudas taten, was ich von ihnen erwartete. Sie wissenselbst, daß im Ernstfall die Pläne nur selten aufgehen.«»Sicher, sicher – aber das soll Ihr Verdienst nichtschmälern.« Der General deutete auf die gelben Kuverts.»Gratulationen von der Erde?«»Nun ja, einige Leute haben mir auf die Schultergeklopft.« Das war nicht gelogen, wenn er an Mondar,Eachan und Melissa dachte. »Schade nur, daß dierestlichen Guerillas den Paß überquerten, bevorLeutnant Athyer sie zurückhalten konnte.«Einen Moment lang trafen sich ihre Blicke. Dannzuckte Traynor mit den Schultern. »Athyer hat seineChance bekommen – und er ist dabei auf die Nase gefallen.Eine Prüfungskommission wird sich mit seinerTauglichkeit als Allianz-Offizier befassen.« Er machteeine Pause. »Ich habe Ihren Antrag auf Büroräumeund einen Mitarbeiterstab übrigens genehmigt. VerstehenSie mich recht, Oberst. Ich brauche Sie immernoch so notwendig wie ein Sinfonie-Orchester, aberihr jüngster Erfolg scheint im Allianz-Hauptquartiergünstig gewirkt zu haben. Zufrieden?«»Jawohl, Sir. Vielen Dank.«»Keine Ursache. Sehen Sie, ich warte immer nochauf meine Panzer. Deshalb muß ich versuchen, Sie sobald wie möglich wieder auf die Erde abzuschieben.Berücksichtigen Sie das bei Ihren Prognosen! Äh –noch irgendwelche Wünsche?«


Bat Traynor stand auf und wandte sich zum Gehen.»Ja, General«, sagte Cletus. »Sie könnten mir einenGefallen erweisen ...«Bat blieb stehen. »Und welchen, Oberst?«»Wenn Sie meine Einmischung verzeihen, General– Leutnant Athyers Hauptproblem liegt darin, daß eran seine Aufgaben mit zuviel Phantasie und zuwenigSelbstvertrauen herangeht. Hier in Bakhalla gibt eseine umfassende Bibliothek, die sämtliche einschlägigenMilitärwerke enthält. Vielleicht könnte man denLeutnant eine Zeitlang als Informationsoffizier einsetzen...«Der General schüttelte den Kopf. »Ich begreife Sienicht, Grahame!«»Nun, General, ich sehe es nicht gern, wenn einwertvoller Mann entlassen wird.«Bat zuckte mit den Schultern und verließ wortlosdas Krankenzimmer.Arvid tauchte verlegen aus dem Bad auf. »Tut mirleid, Sir«, sagte er. »Der General muß mit einem Helikopterauf dem Dach gelandet sein.«»Schon gut, Arv! Machen Sie sich jetzt auf die Suchenach dem Arzt! Ich will hier heraus.«Zwanzig Minuten später hatte er seinen Streckverbandlos und befand sich auf dem Weg zu den Büroräumen,die Arvid organisiert hatte. Sie lagen in einemleerstehenden Gebäude, das die Exoten ursprünglichzur Unterbringung terranischer Besuchererrichtet hatten. Im Moment bestand die Einrichtungaus ein paar Klappstühlen, einem Behelfstisch undeinem Feldtelefon. Ein hagerer Major betrachtete dieMöbel mit verächtlicher Miene.»Major Wilson?« fragte Cletus und reichte dem


Fremden die Hand. »Ich bin Oberst Grahame.«»Es geht um ein Sicherheitsproblem, Sir?«»Genau«, erklärte Cletus. »Ich soll dem Generalwöchentliche Berichte über voraussichtliche Feindaktivitätenliefern. Das heißt, daß wir hier eine MengeGeheimmaterial verarbeiten werden. Früher oderspäter erfahren die Neulander davon, und ich nehmean, daß sie sich dann näher mit meinem Büro befassenwerden. Ich schlage deshalb vor, wir richten es soein, daß es für jeden Schnüffler zur Falle wird.«»Zur Falle, Sir?«»Ganz recht«, bestätigte Cletus. »Es stört michnicht, wenn jemand in die Räume einbricht – aber erdarf sie nicht mehr verlassen.«Wilson nickte langsam. »Eine Menge Arbeit,Oberst. Ich hoffe, Sie besitzen die nötige Vollmacht...«»Die beschaffe ich mir. Wichtig ist, daß Sie sich sofortan die Arbeit machen. Ich sprach erst vorhin mitdem General. Er steht dem Büro positiv gegenüber.«»Der General.« Unwillkürlich nahm Wilson Haltungan. »Natürlich!«Nachdem sie noch ein paar Einzelheiten besprochenhatten, verabschiedete sich Wilson mit der Zusicherung,alles Nötige in die Wege zu leiten.Cletus bat Arvid, eine telefonische Verbindung zuEachan Khan herzustellen. Der Dorsai-Offizier befandsich mit seiner Truppe gerade auf dem Übungsgelände.»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie besuche?«fragte Cletus.»Aber nein – Sie sind jederzeit willkommen, Cletus!«


»Gut. Ich komme in einer halben Stunde.« Damitunterbrach der Oberst die Verbindung.Arvid erhielt den Auftrag, ordentliche Büromöbelzu beschaffen, und Cletus fuhr mit einem Jeep zumÜbungsgelände der Dorsai hinaus.Er entdeckte Eachan Khan auf einem Nebenplatz.Die Soldaten hatten ihre Sprunggurte angelegt undübten von einem zehn Meter hohen Metallgerüst ausgezielte Landungen. Für Leute, die nicht ausschließlichals Fallschirmtruppen eingesetzt wurden, hieltensie sich bemerkenswert gut.»Da sind Sie ja«, sagte Eachan Khan, ohne sich umzudrehen.»Was halten Sie von unserem Niveau?«»Ich bin beeindruckt«, erwiderte Cletus. »SagenSie, wie steht es mit der Guerillatätigkeit am BakhallaRiver?«»Nun, der Fluß führt mitten durch die Stadt zumHafen«, meinte Eachan und warf ihm einen neugierigenBlick zu. »Das ist natürlich verlockend. Soviel ichweiß, wird vor allem Sabotage-Material eingeschmuggelt.Warum fragen Sie?«»Heute nacht ist Neumond«, erklärte Cletus.»Wie?« Eachan starrte ihn an.»Und nach den Gezeitenplänen können wir mit einerungewöhnlich starken Flut rechnen. Ein günstigerZeitpunkt für die Neulander, um entweder großeNachschubmengen oder besonders schwere und unhandlicheGeräte einzuschleusen.«»Hmm ...« Eachan zwirbelte seine Schnurrbartenden.»Ich glaube nicht, daß sich dagegen etwas tunläßt. Die Flußpatrouille besteht aus einer HandvollSoldaten, die mit primitiven Waffen und ein oderzwei Amphibienfahrzeugen ausgerüstet sind. Damit


kann man keine Schlacht gewinnen, und jeder weißes. Leider hält General Traynor nicht sehr viel vonder Flußverteidigung. Vor einem halben Jahr bot ihmdas Hauptquartier zwei Patrouillenboote an, aber erbeharrte auf Truppentransportern und schwor, daß esam Fluß keine Schwierigkeiten gäbe. Wenn Sie nundas Gegenteil behaupten, wird er nicht gerade erfreutsein. Ich rate Ihnen eines: Schließen Sie in diesem Fallbeide Augen!«»Vielleicht haben Sie recht«, meinte Cletus. »BegleitenSie mich zum Lunch?«Sie verließen das Übungsgelände und fuhren zumOffiziersklub, wo sich Melissa zu ihnen gesellte. DasMädchen wirkte kühl und vermied es, Cletus anzusehen,aber der Oberst tat, als ob er ihre Zurückhaltungnicht bemerkte.»Wefer Linet liegt mir ständig in den Ohren, daßich eine Fahrt mit einem der Mark-V-Bulldozer machensoll«, meinte er, als sie beim Kaffee angelangtwaren. »Hätten Sie nicht Lust, mich zu einem kleinenUnterwasser-Ausflug zu begleiten, Melissa? Wirkönnten anschließend in Bakhalla essen gehen.«Melissa zögerte, aber Eachan sagte rasch: »Ein guterGedanke, Kind! Du hast hier viel zuwenig Abwechslung.«Seine Tochter warf ihm einen ärgerlichen Blick zu,wagte aber keinen Widerspruch. »Also gut, ich kommemit«, meinte sie. »Vielen Dank für die Einladung,Cletus.«


10.Die ersten Sterne leuchteten über Bakhalla, als Cletusund Melissa die Marinewerft erreichten. Ein jungerLeutnant holte sie ab und brachte sie zu einer Rampeam Hafenbecken. Die mächtigen Umrisse eines Mark-V hoben sich schwarz gegen das golden gefärbteWasser ab.»Irgendein besonderes Ziel?« fragte Wefer, nachdemer Cletus und seine Begleiterin herzlich begrüßthatte. Der Bulldozer glitt langsam die Rampe hinunter.»Erst einmal flußaufwärts«, erklärte Cletus.Wefer nickte und gab den Befehl an den jungenLeutnant weiter, der die Gäste empfangen hatte.Cletus und Melissa warfen einen Blick auf den gewölbtenBildschirm, der eine Wand des Kontrollraumsausfüllte. Die Unterwasserkameras durchdrangendie trübe Brühe des Hafenbeckens, als sei sieglasklar. Die Unterseiten von Schiffen tauchten aufund huschten geisterhaft vorüber.Das Rumpeln der Gleisketten verstummte, als dieschwere Maschine den schlammigen Grund des Hafensin etwa zwanzig Metern Tiefe erreichte.»Sehen Sie«, erklärte Wefer mit dem Stolz einesVaters, der seinen Erstgeborenen vorstellte, »die Kettenberühren den Grund überhaupt nicht. Wir habenan die drei Meter Schlick und losen Treibsand unteruns. Natürlich könnten wir uns einbuddeln, bis wirauf festen Boden stoßen, aber wozu? Die Schwimmertragen uns vorzüglich, und der Bulldozer bleibt beweglicher.Aber nun passen Sie auf ...«


Er deutete auf den Bildschirm. Ein Stück vor ihnenfiel der Grund steil ab, um erst nach gut zwanzigMetern wieder anzusteigen.»Das ist die Hauptfahrrinne«, sagte Wefer. »Siefolgt der Strömung zum Meer. Wir baggern sie täglichaus – nicht etwa, weil die Schiffe hier besonderenTiefgang haben, sondern weil die Strömung den Sandmitreißt und so verhindert, daß der Hafen verschlammt.Man kann sich eine Menge Arbeit ersparen,wenn man die natürliche Wasserbewegung ausnützt.«Er führte seine Gäste durch das Innere des Mark-V,von der Taucher-Ausstiegskammer, die zwischen denmassiven Gleisketten lag, bis zum Gefechtsturm mitseinen Energie-Gewehren und Unterwasser-Lasern.»Sie begreifen jetzt sicher, weshalb Traynor dieBulldozer im Dschungel einsetzen möchte«, meinteWefer, als sie in den Kontrollraum zurückkehrtenund vor dem Bildschirm Platz nahmen. »Sie sind denDschungelpanzern in jeder Hinsicht überlegen –wenn man einmal von der Bewaffnung absieht.«»Sir«, unterbrach ihn der Leutnant, der die Steuerungübernommen hatte, »ein Schiff kommt uns entgegen.Wir müssen uns eingraben.«»In Ordnung.« Wefer wandte sich an den Schirmund deutete auf einen V-förmigen Schatten. »Da – sehenSie? Ein Schiff mit mehr als drei Metern Tiefgang.Die Rinne ist hier knapp zwanzig Meter tief. Wirmüssen bis auf den Grund sinken, damit genügendAbstand zwischen dem Bulldozer und dem Schiffskielbleibt.«Er betrachtete den Schatten mit zusammengekniffenenAugen. »Ah, eines der Patrouillenboote.


Möchten Sie es von oben sehen, Cletus?«»Der Mark-V ist mit Oberflächen-Sensoren ausgerüstet,nicht wahr?«»He, Sie wissen ja mehr über die Dinger als ich!«Wefer starrte ihn kopfschüttelnd an. »Noch irgendwelcheInformationen? Ich lasse mich gern belehren.«Cletus lächelte, doch dann wurde seine Mieneernst. »Ja, Linet. Wenn wir Glück haben, bekommenwir heute nacht ein paar Guerillas zu fassen, die mitSabotage-Material von Neuland nach Bakhalla unterwegssind. Besitzen Sie eine Flußkarte?«Wefer beugte sich vor und drückte auf einen Knopfunterhalb des Bildschirms. Die Unterwasser-Landschaft verschwand. Statt dessen tauchte eineKarte des Bakhalla River mit all seinen Nebenarmenauf. Der Mark-V bewegte sich als winziger roterPunkt durch die Hauptfahrrinne.Cletus deutete auf eine Stelle, die etwa sechs Meilenvom Mark-V entfernt war. Hier mündete einbreiter Nebenfluß in den Bakhalla River. »Der Stromhier kommt aus einem unübersichtlichen Sumpfgebiet«,meinte Cletus. »Und wir haben heute nacht einestarke Flut. Es wäre für eine Flußbarkasse ein Kinderspiel,eine Unterwasserkapsel mit Guerillas in denBakhalla River und von dort in den Hafen der Hauptstadtzu schleppen.«Wefer starrte die Karte an und schlug sich erregtauf den Schenkel. »Natürlich, Sie haben recht!« riefer. »Leutnant, wir steuern die Stelle an, die OberstGrahame eben gezeigt hat! Schalten Sie die Geräuschverstärkerein, und machen Sie den Gefechtsturmklar!«»Aye, Sir!«


Am Ziel angelangt, verließ der Mark-V die Fahrrinneund begab sich in das verhältnismäßig seichteWasser gegenüber der Einmündung. Die Sensorenwurden ausgefahren; sie besaßen selbst bei Dunkelheiteine bemerkenswert hohe Auflösung.»Nichts zu erkennen«, murmelte Wefer. »Na, dannwarten wir eben!«»Vielleicht sollten wir inzwischen ein paar Vorbereitungentreffen«, meinte Cletus. »Was halten Siedavon, wenn wir den Neulandern den Fluchtwegverbauen?«»Wie denn?«»Oh, wir errichten stromabwärts eine Schlamm-Barriere in der Fahrrinne!«Wefer sah ihn erstaunt an, doch dann strahlte er.»Wird gemacht!«Der Leutnant steuerte den Mark-V an die hundertMeter flußabwärts. Der Bulldozer hatte die Baggerschaufelnseitlich ausgefahren und kippte von denFlußrändern Sand und Schlamm in die Fahrrinne. EineViertelstunde später verlief von einem Ufer zumanderen eine schräg ansteigende Rampe, die einenMeter unterhalb des Wasserspiegels endete. DerMark-V zog sich ein Stück in den Nebenarm des BakhallaRiver zurück und wartete hier mit ausgefahrenenSensoren.Etwa drei Stunden vergingen, ohne daß etwas geschah.Dann kam eine Barkasse mit gedrosseltemTempo den Fluß herauf. Sie schleppte eine Unterwasserkapselhinter sich her.Die Beobachter hielten den Atem an. Als das Bootvorbei war, sprang Wefer auf und wollte den Interkomeinschalten.


»Warten Sie noch!« riet ihm Cletus.Wefer zögerte. »Worauf?«»Die Barkasse kann uns nicht entwischen. Und eswäre immerhin möglich, daß noch mehr Neulander-Boote unterwegs sind.«Er hatte den Satz kaum zu Ende gesprochen, als dieSensoren das nächste Boot anzeigten. Sie verfolgtenseinen Weg auf dem Bildschirm mit. Es bog in denBakhalla River ein – und im gleichen Moment tauchtein der Nähe des Mark-V eine dritte Barkasse auf.Linet Wefer vermochte es kaum zu fassen: Insgesamtzogen zwanzig Boote an ihnen vorüber, und jedeshatte eine Unterwasserkapsel im Schlepptau.Eine Weile verhielt sich die Besatzung des Mark-Vruhig, dann schlug Cletus vor, daß man an derSchlamm-Barriere nach dem Rechten sehen sollte.Wefer, der den jungen Leutnant am Steuer abgelösthatte, setzte den Bulldozer in Bewegung. Sie verließenden Nebenfluß und glitten in die Fahrrinne desBakhalla River. Die Infrarot-Kameras übermitteltenein Bild des Chaos. Etwa die Hälfte der Barkassen saßenim Schlamm fest. Die übrigen versuchten verzweifelt,ihre Gefährten zu befreien.Wefer betrachtete das Schauspiel mit einem Gemischaus Schadenfreude und Entsetzen. »Was nun?«fragte er, zu Cletus gewandt. »Wenn ich den Mark-Van den künstlichen Damm steuere, entwischen mirdie Kähne, die nicht feststecken.«»Aber wenn der Bulldozer nun eine mächtige Wasserwandvor sich her schiebt ...?«Wefer starrte Cletus an. »Eine Wasserwand?« wiederholteer, und dann noch einmal, begeistert: »EineWasserwand!«


Er erteilte eine Reihe von Befehlen. Der Mark-V zogsich hundert Meter zurück und hielt dann an. Diebeiden Baggerschaufeln wurden schräg nach obengeklappt, so daß sie auf einer Breite von zwanzigMetern halb aus dem Wasser ragten. Dann befahlWefer volle Kraft voraus.Der Mark-V trieb eine gewaltige Woge vor sich her,als er sich der Schlamm-Barriere näherte. FünfzigMeter vor dem Hindernis bremste Wefer das Gefährtab und fuhr die Baggerschaufeln wieder ein. EinenMoment lang war das Wasser so aufgewühlt, daßman nichts erkennen konnte. Doch dann bot sich denBetrachtern ein Bild der Verwüstung.Über die Boote, die im Schlamm festsaßen, hattesich eine Sturzflut ergossen. Manche waren zur Seitegekippt, andere ganz gekentert. Aber die stärksteWirkung hatte der Wasserwall auf die Barkassen, diebis dahin noch nicht auf Grund gelaufen waren. Ertrieb sie mit ganzer Wucht in den künstlichen Damm.»Ich glaube, jetzt machen uns die Neulander keineMühe mehr«, sagte Cletus zu Wefer.Es war weit nach Mitternacht, als der Mark-V inden Hafen von Bakhalla zurückkehrte. Wefer übernahmes, die Gefangenen abzuliefern, während Cletuseine völlig erschöpfte, aber zufriedene Melissaheimfuhr. Aber je näher sie der Wohnung von EachanKhan kamen, desto stiller wurde das Mädchen. Undals der Wagen schließlich anhielt, stieg sie nichtgleich aus.»Ich verstehe eines nicht«, meinte sie nachdenklich.»Weshalb führen Sie eine Art Privatkrieg gegen DowdeCastries?«»Das habe ich doch bereits auf dem Schiff erklärt.


Er ist einer der höchsten Vertreter der Koalition. Überseine Person kann ich Einfluß auf die gesamte Zukunftsentwicklungder Kolonialwelten nehmen. UndSie müssen zugeben, daß er bis jetzt eine Schlappenach der anderen erlitten hat. Ich scheine auf demrichtigen Weg zu sein.«»Ihre Worte klingen nach Größenwahn.«»Finden Sie? DeCastries ist da anderer Meinung. Ernimmt mich durchaus ernst. Als ich seiner erstenFalle entwischte, bot er mir sogar einen Job bei derKoalition an.«Melissa beugte sich im Halbdunkel vor und sah ihnprüfend an. »Sie haben abgelehnt?« fragte sie.»Ja – heute nacht«, entgegnete er ruhig. »Nachmeinen beiden ersten Siegen wußte er, daß ich mitder Aktion der Neulander am Bakhalla River rechnenwürde. Hätte ich nichts dagegen unternommen, sowäre das einem Überlaufen zum Feind gleichgekommen.«Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ganz egal, wassich hier abgespielt hat – deCastries kehrt in dennächsten Tagen auf die Erde zurück. Er hat andereDinge zu tun, als sich mit einem kleinen Allianz-Oberst herumzustreifen.«»Bevor er geht, werde ich ihm eine Lektion verpassen,die er nicht ignorieren kann!«»Und wenn ich ihn warne? Ich sagte Ihnen auf demSchiff, daß ich Dows Hilfe benötige ...«»Ich glaube nicht, daß Sie das tun werden. Sie besitzenmehr Ähnlichkeit mit Ihrem Vater, als Sie wahrhabenwollen. Außerdem lasse ich nicht zu, daß Siesich diesem Mann an den Hals werfen – um etwas zuerreichen, das für Sie und Eachan schlecht wäre ...«


Einen Moment lang schwieg sie. Dann jedochfauchte sie los: »Sie lassen es nicht zu! Sie glaubenwohl, daß Sie mich und meinen Vater herumkommandierenkönnen wie Ihre Rekruten? Woher nehmenSie die Arroganz?«Damit sprang sie aus dem Wagen, warf die Tür insSchloß und rannte ins Haus.


11.»Nun, Oberst«, fragte General Traynor grimmig,»was soll ich mit Ihnen machen?«»Sie könnten mich als taktischen Berater einsetzen,wie es geplant war«, schlug Cletus vor. »Unter denaugenblicklichen Umständen hilft uns nur Taktikweiter.«»Von welchen Umständen sprechen Sie eigentlich?«»Immerhin ist es uns mehr oder weniger gelungen,Dow deCastries hier auf Kultis festzuhalten«, erwiderteder Oberst. »Im Normalfall würde er in ein oderzwei Tagen auf die Erde zurückkehren.«»Würde er?« spöttelte Bat. »Sie scheinen sich in denGepflogenheiten der Koalitionsminister recht gutauszukennen.«»Damit hat das nichts zu tun. Die Situation, die wirgeschaffen haben, läßt ihm gar keine andere Wahl.«Cletus machte eine kleine Pause. »Sehen Sie, die Guerillasvon Neuland befinden sich in einer ähnlichenLage wie die Allianztruppen, wenn es um die Materialbeschaffunggeht. Sie, General, benötigen von derErde Panzer und bekommen sie nicht. Sicher habenauch die Neulander bei der Koalition den einen oderanderen Wunsch angemeldet, der ihnen nicht erfülltwird.«»Und woraus schließen Sie das?« fauchte Bat.»Aus der Tatsache, daß die Koalition hier auf Kultiseinen weniger aufwendigen Krieg führt als wir«, entgegneteCletus. »Das ist übrigens typisch für die Konfrontationenzwischen Allianz und Koalition. Wirneigen dazu, unseren Verbündeten mit Truppen zu


helfen. Die Koalition dagegen unterstützt unsereFeinde mit Waffen und militärischem Rat. Sie ist garnicht darauf aus, all die kleinen Konflikte zu gewinnen;ihr geht es in erster Linie darum, die Allianz-Nationen finanziell so zu schwächen, daß sie irgendwannzusammenbrechen.«Der General schüttelte langsam den Kopf. »Ichmöchte wissen, weshalb ich mir diesen Blödsinnüberhaupt anhöre!«»Weil Sie ein tüchtiger Offizier sind, Sir«, sagteCletus, »und weil Sie merken, daß meine ArgumenteLogik enthalten.«»Manchmal«, murmelte Bat. »Manchmal.« Er runzeltedie Brauen und starrte angestrengt vor sich hin.»Also schön, die Neulander benötigen Material, dasIhnen die Koalition nicht geben will. Und das ist IhrerMeinung nach der Grund für deCastries' Besuch?«»Ganz recht«, bestätigte Cletus. »Die Koalitionverweigert ihren Marionetten Hilfe, aber dann, umdem Nein die Schärfe zu nehmen, schickt sie irgendeinenhohen Staatsmann auf eine Goodwill-Tour. DerBesuch erregt Aufsehen und vermittelt den Marionettendas Gefühl, daß der Koalition ihr Wohlergehenbesonders am Herzen liegt; obendrein kostet er kaumetwas. Nur – diesmal ist die Sache schiefgelaufen.«»Schiefgelaufen?«»Es gelang uns, die beiden Guerilla-Unternehmenzu vereiteln, die man zu Ehren des hohen Gastes inszenierthatte. Natürlich hatte deCastries offiziellnichts mit diesen Missionen zu tun, aber ich bin überzeugtdavon, daß er Bescheid wußte. Und so bezweifleich, daß er, wie geplant, in den nächsten Tagenabreisen wird.«


»Warum?«»Weil der Zweck seines Besuchs darin bestand, denNeulandern moralischen Auftrieb zu geben. Stattdessen mußten seine Schäflein eine Reihe von Niederlageneinstecken. Ein Mann wie deCastries wirdversuchen, die Scharte auszuwetzen. Und diese Situationläßt sich vielleicht zu unseren Gunsten ausnützen.«»Noch nicht genug vom Heldenspiel, Oberst?«fragte Bat.»Immerhin hatte ich Erfolg damit.«»Danke, daß Sie mich daran erinnern! Aber fahrenSie ruhig fort – Ihre Theorien fesseln mich.«»Ich möchte Ihnen lieber zeigen, was ich meine«,sagte Cletus ruhig. »Würde es Ihnen etwas ausmachen,mich zum Etter-Paß zu begleiten?«Bat nagte einen Moment lang an seiner Unterlippe,aber dann befahl er per Interkom, daß man einenAufklärer startbereit machen solle.Der General betrachtete mißmutig das Land, das sichvon Two Rivers aus zwischen den beiden Flüssenzum Paß hin erstreckte.»Oberst, Sie haben eine Stunde meiner kostbarenZeit in Anspruch genommen«, sagte er. »Hoffentlichwarten Sie nun mit vernünftigen Plänen auf.«Cletus deutete auf die kleine Ortschaft am Zusammenflußdes Blue River und des Whey River. »SehenSie, Sir – Two Rivers wäre der ideale Ausgangspunktfür eine Truppeninvasion nach Neuland.«Bat zuckte zusammen.»Invasion!« brüllte er so laut, daß sich der Pilot erschrockenumdrehte. »Grahame, haben Sie völlig den


Verstand verloren? Nicht einmal der Generalstab aufder Erde würde es wagen, so ein Unternehmen zu befehlen,ohne sich vorher Rückendeckung in Genf zuholen.«»Gewiß«, erwiderte Cletus ungerührt. »Aber dasändert nichts an der Tatsache, daß eine Invasion vonTwo Rivers aus vermutlich Erfolg hätte. Wenn ichmeinen Plan zu Ende führen darf, General ...«»Nein!«»Ich schlage doch keine echte Invasion vor, Sir«,erklärte der Oberst. »Ich möchte nur erreichen, daßdeCastries und die Neulander die Möglichkeit einerInvasion ebenso erkennen wie Sie. Dann befinden siesich in einer Zwangslage und müssen etwas unternehmen,um uns zuvorzukommen. Wenn wir jedochbeweisen, daß wir nie eine Invasion im Sinn hatten,ist Dow deCastries blamiert. Es gibt für ihn nur einenWeg, sich reinzuwaschen – die ganze Schuld denNeulandern in die Schuhe zu schieben. Und das wiederumbedeutet, daß die Koalition den Neulandernihre Unterstützung entziehen wird.«Bat saß eine Weile schweigend da, dann seufzte er:»Himmel, Grahame, denken Sie immer so kompliziert?«»Ich gehe davon aus, daß jeder mehr oder wenigerein Gefangener der Situation ist; um sich zu befreien,muß man die Situation verändern.«»Also schön«, sagte Bat. »Und auf welche Weisemöchten Sie die Scheininvasion in die Wege leiten?«»Wir schicken zwei Bataillone zu Manövern in dieseGegend.«»Moment! Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, daßich meine Truppen brauche? Außerdem – wenn ich


sie hierherschicke, wird jede interplanetarischeKommission annehmen, daß ich tatsächlich eine Invasionim Sinn hatte.«»Ich weiß, daß Sie keine regulären Truppen entsendenkönnen«, antwortete Cletus. »Aber OberstKhan führt mit seinen Leuten im Moment einenSpringer-Lehrgang durch. Wenn er den Exoten klarmacht,daß sich dieses Gelände hervorragend zumÜben eignet ...«Etwas wie Bewunderung glitt über die Züge desGenerals.»Hmm – die Dorsai ...«»Sie stehen zudem im Sold der Exoten. Die Allianzhat nichts mit ihnen zu tun.«Bat nickte.»Zwei Bataillone Söldner im Grenzgebiet sind einzu hohes Risiko für deCastries und die Neulander«,fuhr Cletus fort. »Obendrein weiß der Minister, daßich bei den jüngsten Vorfällen die Hand im Spielhatte. Wenn Sie mich als stellvertretenden Kommandantender Dorsai einsetzen, wird sein Verdacht zurGewißheit werden.«Bat warf Cletus einen mißtrauischen Blick zu.»Aber Sie beabsichtigen nicht, die Dorsai über dieGrenze zu führen, Oberst?« fragte er leise.»Nein, Sir. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«Der General zögerte, aber dann nickte er.


12.Vier Tage später setzten Truppentransporter dieSöldner in der Gegend von Two Rivers ab. Cletus flogin einer der ersten Maschinen mit und inspizierte ersteinmal das Gelände.Two Rivers schmiegte sich in das schmale, flacheDelta der beiden Flüsse. Es bestand aus ein paar Lagerhallenam Wasser und einer Handvoll Privathäuser.Die Bewohner nahmen die Invasion der Dorsai-Truppen gelassen hin. Die Söldner benahmen sich inihrer Freizeit weit anständiger als die Allianz-Einheiten – und sie brachten immerhin Geld in dieStadt.Cletus ließ die Männer entlang der inneren FlußuferSchützenlöcher ausheben; auf diese Weise entstandenim freien Gelände unterhalb der Ortschaftund an der Deltaspitze zwei V-förmige Verteidigungslinien,die sämtliche Zugänge nach Two Riverseinschlossen.»Ich erwarte, daß die Neulander Spione ausschikken,sobald sie von ihren Gewährsleuten in Bakhallaerfahren haben, was hier vorgeht«, sagte Cletus zuEachan. »Es wäre gut, eine Postenkette an den Hängendes Etter-Passes aufzustellen ...«Eachan nickte. »Wann?«»Sobald wie möglich.«»In einer halben Stunde sind die ersten Leuteoben.«»Gut. Außerdem sollen die Unterstände durchErdwälle und Sandsäcke geschützt werden.«»In Ordnung.«


»Das wäre im Moment alles«, meinte Cletus. »Ichmuß jetzt zurück nach Bakhalla. Sind Sie hin undwieder in der Stadt?«»Ich habe vor, tagsüber hier nach dem Rechten zusehen und abends in Bakhalla den Schreibkram zuerledigen.«»Vielleicht treffen wir uns. Auf Wiedersehen,Eachan.«Cletus flog mit einer leeren Maschine zurück in dieHauptstadt. In seinem Büro hatten sich inzwischenBerge von Informationsmaterial angesammelt. ArvidsLeute schienen Überstunden zu machen, um ihm dienötigen Unterlagen zu verschaffen.So kam es, daß Cletus während der nächsten fünfTage von sieben Uhr morgens bis gegen Mitternachtan seinem Schreibtisch saß und schuftete. Am Abenddes sechsten Tages bereitete er ein Bündel mit neuenOrdern für Eachan Khan vor und fuhr damit zum Bürodes Söldner-Offiziers.Zwei Wagen standen vor dem Verwaltungsgebäudeder Dorsai, und in den Räumen von Eachan Khanbrannte Licht. Sonst war alles still und dunkel.Als Cletus den leeren Korridor betrat, der zuEachans Büro führte, hörte er plötzlich Stimmen. Erhielt an. Der Söldner-Offizier hatte eine heftige Auseinandersetzungmit seiner Tochter.»Ich dachte, du liebst den jungen Grahame?«»Ja.« Melissas Stimme klang gequält. »Aber das hatdamit nichts zu tun. Begreifst du das nicht, Vater?«»Nein!«»Weil du es gar nicht versuchst!« entgegnete Melissawütend. »Du kannst mir nicht weismachen, daßdir dieses Leben besser gefällt als dein Heim in Jala-


labad. Und mit Dows Hilfe wirst du wieder auf dieErde zurückkehren ...«»Die Erde bietet mir nichts mehr, Melly«, erklärteEachan ruhig. »Ich bin Soldat – keine Marionette inUniform. Als Dorsai habe ich wenigstens meine Aufgabe.«Seine Stimme wirkte resigniert. »Ich weiß, esist dir gegenüber nicht fair ...«»Ach was, ich tue es nicht für mich!« schnitt ihmMelissa das Wort ab. »Ich war ein kleines Kind, alswir die Erde verließen. Aber ich habe Mutter versprochen,daß ich mich um dich kümmern würde.Und ich halte mein Versprechen.«»Melly, du bist so – so entschlossen ...«»Einer von uns muß es sein. Dad, ich habe ihn angerufen– gestern.«»DeCastries?«»Ja. Ich sagte ihm, wenn er es wollte, würden wirgern auf die Erde zurückkehren. Wohlgemerkt, ichsagte wir, Daddy! Aber ich warne dich! Notfalls geheich allein.«Einen Moment lang herrschte Schweigen. Dannerwiderte Eachan: »Du hast eben behauptet, daß dirnichts an der Erde liegt.«»Das stimmt. Dennoch werde ich gehen, weil es dieeinzige Möglichkeit ist, dich zurückzuholen.«Cletus hörte nicht weiter zu. Er schlich auf Zehenspitzenzurück zur Vorhalle und kam dann mit betontlauten Schritten den Korridor entlang. Auf seinKlopfen hin öffnete Eachan die Tür.Der junge Oberst tat, als bemerkte er die gereizteStimmung nicht. »Hallo, Melissa«, sagte er. »Freutmich, Sie wieder einmal zu sehen. Ich bringe nur dieneuen Befehle für Eachans Söldner. Wenn Sie ein paar


Minuten warten, könnten wir vielleicht irgendwo eineTasse Kaffee trinken.«»Nein, danke, ich bin müde und habe Kopfschmerzen.Es wird höchste Zeit, daß ich ins Bett komme.«Damit verließ sie fluchtartig das Zimmer.Als Melissa gegangen war, legte Cletus einen Stapelvon Papieren auf Eachans Schreibtisch. »Was berichtendie Posten?« wollte er wissen.»Die Neulander haben insgesamt an die dreitausendsechshundertMann eingeschleust – fast doppeltso viele wie wir zur Verfügung haben. Und es handeltsich um reguläre Truppen mit leichten Panzernund Artillerie. Meiner Schätzung nach befinden sichan die sechzig Prozent ihrer Armee auf unserem Gebiet.«»Sehr schön«, sagte Cletus zufrieden. »Nun beginnenwir mit dem Rückzug. Eachan, Sie holen alleMänner bis auf zwei Kompanien nach Bakhalla.«Der Söldner-Offizier sah Cletus mit zusammengekniffenenAugen an. »Aber – wozu all das Hin undHer?«»Es soll so aussehen, als hätten wir kalte Füße bekommenoder nie beabsichtigt, nach Neuland einzudringen.Andererseits wird es der Feind kaum wagen,seine Einheiten zurückzuholen.«»Sie glauben, daß deCastries die Gerüchte von derbevorstehenden Invasion geschluckt hat?«»Nein, ganz im Gegenteil. DeCastries ist einschlauer Fuchs. Er weiß sicher, daß wir die Gerüchteausgestreut haben, um die Neulander irrezuführen.«»Nun begreife ich überhaupt nichts mehr«, murmelteder Oberst.»Sehen Sie, Eachan, Leute wie der Minister haben


eine Schwäche: Sie messen ihre Gegner mit dem eigenenMaßstab. Und so geschieht es, daß sie auch daTricks vermuten, wo gar keine sind. DeCastries wirdbeschlossen haben, unser Spiel mitzumachen und unszu übertölpeln, sobald wir uns in Sicherheit wiegen.«Cletus deutete auf den Stapel, den er auf denSchreibtisch gelegt hatte. »Hier finden Sie alle Einzelheiten.Sie beginnen morgen in aller Frühe, Ihre Soldatennach Bakhalla zu fliegen. Geben Sie den Männerndrei Tage Kurzurlaub!«»Das ist alles?« fragte Eachan nach einer längerenPause.»Für den Moment – ja.« Cletus erhob sich und gingzur Tür. »Gute Nacht, Oberst.«»Gute Nacht«, sagte Eachan geistesabwesend.Am nächsten Morgen schlief Cletus einmal richtigaus. Gegen zehn tauchte er im Offizierskasino aufund nahm ein spätes Frühstück zu sich. Mittags begaber sich in sein Büro, aber nur, um seinen Leuten –mit Ausnahme von Arvid – für den Rest der Wochefreizugeben.»Ich will nach Two Rivers, um an Ort und Stelleden Abbruch der Dorsai-Manöver mitzuverfolgen«,erklärte er. »Da bleibt mir keine Zeit, um Informationsmaterialzu sichten. Außerdem habt ihr in denletzten Wochen genug Überstunden gemacht.«Die Männer hatten offenbar Angst, er könnte sichdie Sache noch einmal überlegen. Im Handumdrehenwaren sie verschwunden.Cletus schlenderte durch das Büro und überprüftesorgfältig die Fallen, die der Sicherheitsoffizier aufseinen Wunsch hin eingebaut hatte. Dann trat er anseinen Schreibtisch, wählte die ersten zwei Zahlen ei-


ner Telefonnummer und legte den Hörer auf denTisch. Arvid warf ihm einen befremdeten Blick zu.»Passen Sie jetzt genau auf, Arv«, sagte Cletus. »Irgendwannim Laufe der nächsten zwei Stunden wirdEachan Khan anrufen. Wenn er mich verlangt, erklärenSie ihm, daß ich gerade ein Gespräch mit GeneralTraynor führe – und das werde ich tun, verlassen Siesich darauf! Für andere Leute bin ich nicht zu sprechen.Sie wissen einfach nicht, wo Sie mich erreichenkönnen.«»In Ordnung, Sir«, erwiderte Arvid. »Und jetzt?«»Jetzt warten wir.«Sie warteten nahezu zwei Stunden. In dieser Zeitvertröstete Arvid ein gutes Dutzend Beobachter mit allenmöglichen Ausreden. Erneut klingelte das Telefon.»Hier Oberst Grahames Büro, Leutnant Johnson amApparat ...« Arvid gab Cletus ein Zeichen. »OberstKhan? Jawohl, Sir ...«Cletus hatte bereits den Hörer seines Telefons inder Hand und wählte die angefangene Nummer fertig.»Hier Oberst Grahame«, sagte er. »Ich muß GeneralTraynor persönlich sprechen. Es ist äußerst dringend.«Er wartete. Arvid hatte einige Worte mit EachanKhan gewechselt und dann aufgelegt. Cletus spürtedie Blicke des jungen Mannes auf sich gerichtet.»Grahame?« hörte er Bats barsche Stimme im Hörer.»Was soll das nun wieder?«»Sir, ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht,die zu politischen Verschiebungen nicht nur auf Kultis,sondern auch auf der Erde führen kann. Wäre esirgendwie möglich, daß Sie mich in meinem Büroaufsuchen?«


Es entstand eine lange Pause. Dann meinte der Generalzögernd: »Also schön, Grahame, ich komme!Aber wehe, wenn es nichts Wichtiges ist ...«Cletus legte auf und wandte sich an Arvid, der ihnverwirrt musterte. »Was wollte Eachan?« fragte erruhig.Arvid zuckte zusammen. »Sir, die Neulander greifenTwo Rivers an!« stieß er hervor. »Sie kommen zuFuß und mit Flugzeugen. Und es sind nur noch dreiKompanien Dorsai in der Stadt!«Cletus zog das Telefon heran. Er wählte die Nummervon Oberstleutnant Dodds, dem Stellvertretervon Eachan Khan.»Haben Sie von dem Neulander-Angriff auf TwoRivers gehört?« fragte er ohne Einleitung.»Jawohl, Sir«, erwiderte Dodds. »Oberst Khan hatsoeben durchgegeben, daß der Urlaub der Männergesperrt wird. Wir versuchen, sie wieder zu sammeln.«»Gut«, sagte Cletus. »Ich bin in kurzer Zeit bei Ihnen.«Er legte auf und trat an einen Waffenschrank. Alser zurückkam, drückte er Arvid einen Pistolengurtund ein Gewehr in die Hand.»Sir?« fragte sein Adjutant verwirrt. »Die Neulanderwerden doch nicht die Hauptstadt angreifen?«Cletus lachte. »Nein, Arv«, entgegnete er, »aber siemarschieren in Two Rivers ein, und deCastries ist einMann, der auf Nummer Sicher geht. Vielleicht brauchenwir eine Waffe.«Er überlegte einen Moment, dann ging er nocheinmal zu seinem Schreibtisch und rief Wefer Linetan.


»Wefer«, begann er. »Sie haben mir Ihre Bulldozerangeboten. Gilt das noch?«»Klar, Oberst! Was gibt es?«»Die Neulander haben reguläre Einheiten über denEtter-Paß nach Two Rivers geschickt. Aller Voraussichtnach werden sie die Stadt morgen früh kurznach Sonnenaufgang angreifen. Wäre es möglich, daßSie unbemerkt drei Ihrer Mark-V an den Zusammenflußvon Whey und Blue River schicken? Das ist eineStrecke von nahezu zweihundertdreißig Meilen.«»Eine Kleinigkeit!« versicherte Wefer. »Bleiben Siein Kontakt mit mir?«»Ich spreche Sie auf alle Fälle noch vor Sonnenaufgang.«»Gut. Meine Leute ziehen sofort los.« Wefer Linetlegte auf.»Arv, Sie können schon zum Wagen vorausgehen«,sagte Cletus zu seinem Adjutanten. »Ich kommegleich nach.«Arvid starrte ihn an. »Aber, Sir, wollten Sie nichtden General ...?« Er sprach den Satz nicht zu Ende.»Jawohl, Sir«, sagte er und verließ das Büro.Cletus stellte das Schloß so ein, daß es automatischeinschnappte, wenn der nächste Besucher das Zimmerbetreten hatte. Dann folgte er Arvid ins Freie.


13.Auf Grahames Wunsch steuerte Arvid den Kommandowagenzum Offizierswohnheim. Vor demHaupteingang des Gebäudes waren in zwei dichtenReihen die Privatfahrzeuge der Soldaten geparkt.Stille lag über dem Platz. Die Bewohner der Apartmentshatten entweder Dienst oder hielten ihrenMittagsschlaf.Als das Luftkissenfahrzeug durch die schmale Gasseglitt, hob Cletus plötzlich den Kopf. Über demEingang des Wohnblocks reflektierte die Sonne voneinem metallischen Gegenstand. Cletus preßte dieLippen zusammen, duckte sich und riß das Gewehran sich, das neben Arvid lag. Im gleichen Moment erfülltedas Knistern von Energiewaffen die Luft. DieStrahlen schlitzten das Dach des Kommandowagensauf wie dünne Alufolie.Arvid ließ mit einem Aufschrei das Steuer los undfiel gegen Cletus. Der riß den Schalthebel auf Schwebenherum, hechtete aus dem Fahrzeug und warf sichzu Boden. Sein Gewehr dröhnte durch die Mittagsstille.Sekunden später rollten drei leblose Gestaltenvom Vordach des Haupteingangs.Grahame stürzte in die Halle und ans Telefon, umden Sanitätsdienst zu verständigen.»Guerillas!« sagte er knapp auf die erstaunten Fragendes Bereitschaftsarztes. »Insgesamt drei – sie dürftentot sein. Aber mein Adjutant wurde verwundet.Kommen Sie so rasch wie möglich zum Wohnheim!«Er legte auf und rannte zurück auf den Parkplatz.Vorsichtig hob er Arvid aus dem Fahrzeug und bet-


tete ihn ins Gras. Der junge Leutnant war bei Bewußtsein.Von der rechten Schulter bis zur Brust erstrecktesich eine häßliche Brandwunde, die jedochzum Glück nicht blutete.»Wer ...«, flüsterte Arvid, als sich Cletus über ihnbeugte.»Ich sagte Ihnen doch, daß deCastries ein Mann ist,der auf Nummer Sicher geht«, meinte Cletus. »BleibenSie ganz ruhig liegen, Arv! Der Krankenwagenmuß jeden Moment eintreffen.«Sobald die Sanitäter Arvid abtransportiert hatten,eilte Cletus in sein Apartment und streifte die Kampfuniformüber. Er kehrte zurück zum Parkplatz. Jemandhatte inzwischen die toten Guerillas ins Grasgelegt. Sie unterschieden sich weder im Aussehennoch in der Kleidung von den Bewohnern Bakhallas –nur ein heller Streifen am Kinn verriet, daß sie sichihrer Mission zuliebe von der üppigen Bartzier getrennthatten, die bei den Männern von Neuland sobeliebt war.Cletus untersuchte den Kommandowagen; dasDach und die Sitze waren übel zugerichtet, aber derAntrieb funktionierte noch. So rasch er konnte, fuhrer zu dem Teil des Kasernengeländes hinüber, in demdie Söldner untergebracht waren. Er suchte OberstleutnantDodds in seinem provisorischen Hauptquartierauf.»Sie haben noch keine Truppen zurück nach TwoRivers gesandt?« fragte er.»Nein, Oberst«, erwiderte der hochgewachsene,hagere Mann. »Aber es wird höchste Zeit, denn nachEinbruch der Dunkelheit finden unsere Leute die Absprungzielenicht mehr und landen aller Voraussicht


nach im Wasser. Und wenn wir bis morgen warten,sind die Neulander formiert und pflücken die Springerwie reifes Obst vom Himmel.«»Machen Sie sich darüber keine Gedanken«, meinteCletus knapp. »Wir schicken keine Fallschirmspringerin die Stadt.«Marc Dodds hob fragend die Augenbrauen. »Siewerden Two Rivers nicht unterstützen?«»Doch, aber nicht auf diese Weise. Wie viele IhrerLeute sind inzwischen zur Kaserne zurückgekehrt?«»Fast alle. Sie hörten von dem Zwischenfall undkamen von selbst. Kein Dorsai ...«Er unterbrach den Satz, weil das Telefon klingelte.Nachdem er abgehoben und ein paar Sekunden zugehörthatte, preßte er die Hand über die Muschelund flüsterte: »Für Sie – Oberst Ivor Dupleine, derStabschef von General Traynor.«Cletus nickte, und der Oberstleutnant reichte ihmden Hörer.»Hier Oberst Grahame«, meldete er sich. Im nächstenMoment flimmerte der Bildschirm, und man sahDupleines aufgedunsenes, cholerisches Gesicht.»Grahame!« fauchte der Oberst. »Hier sprichtOberst Dupleine. Die Neulander haben Truppen überdie Grenze geschickt. Allem Anschein nach ist TwoRivers ihr Ziel. Befinden sich noch Dorsai-Truppen inder Stadt?«»Zwei Kompanien.«»Nur zwei? Das ist gut«, sagte Dupleine. »HörenSie jetzt genau zu, Grahame. Soviel ich weiß, machensich die Dorsai hier auf dem Kasernengelände abmarschbereit.Ich verbiete Ihnen, irgend etwas gegendie Neulander zu unternehmen, solange Sie nicht den


Befehl dazu erhalten. Das ist eine Order von GeneralTraynor persönlich. Haben Sie verstanden?«»Nein«, entgegnete Cletus.Einen Moment lang herrschte vollkommene Stille.Dupleine starrte Grahame aus hervorquellenden Augenan.»Was?« stammelte er schließlich. »Was haben Siegesagt?«»Vielleicht darf ich Sie daran erinnern, Oberst«, erklärteCletus ruhig, »daß der General mir das Kommandoüber die Dorsai gegeben hat – und daß ich nurihm unterstehe.«»Aber ... aber ich übermittle Ihnen den Befehl desGenerals, Grahame! Haben Sie mir denn nicht zugehört?«»Ich besitze keinen Beweis dafür, Oberst«, meinteCletus liebenswürdig. »Wenn mir der General persönlichIhre Worte bestätigt, bin ich gern bereit zugehorchen.«»Sie sind wahnsinnig!« fuhr Dupleine auf. Erüberlegte eine Weile, und als er weitersprach, klangseine Stimme beherrscht. »Ich glaube, Sie wissen, wasBefehlsverweigerung bedeutet, Oberst. Ich lege jetztauf und gebe Ihnen fünf Minuten Zeit zum Nachdenken.Wenn ich bis dahin nichts von Ihnen höre, geheich mit Ihrer Antwort zum General.«Er unterbrach die Verbindung. Cletus wandte sichan Dodds.»Wo ist Ihr Kartenprojektor?« fragte er.»Hier drüben.« Dodds führte ihn an eine beleuchteteTischplatte, auf der man eine Karte des Etter-Passes sah. Cletus deutete auf den Zusammenflußvon Blue und Whey River.


»Morgen vor Sonnenaufgang werden die Neulander-Truppenangriffsbereit sein. Da sie sich auf dieStadt konzentrieren müssen, fällt es unseren Leutenbestimmt nicht schwer, hier abzuspringen.« Er zeichnetemit dem Finger zwei Halbkreise oberhalb derStadt. »Soviel ich weiß, besitzt der Feind keine richtigeArtillerie?«»Nein, Sir«, entgegnete Dodds. »Kultis gehört zuden Welten, die weder von der Allianz noch von derKoalition mit schweren Waffen versorgt werden. Sovielwir wissen, hat sich die Koalition bis jetzt an dieSpielregeln gehalten.«Gemeinsam begannen sie, die Positionen der Neulander-Truppenzu errechnen und einen Schlachtplanaufzustellen. Während sie arbeiteten, herrschte einemsiges Kommen und Gehen. Immer wieder mußteDodds unterbrechen und Auskünfte oder Befehle erteilen.Es war lange nach Sonnenuntergang, als ein jüngererOffizier zu Cletus kam und flüsterte:»Oberst Dupleine ist am Apparat. Er möchte Siesprechen.«Cletus nahm den Hörer und warf einen Blick aufden winzigen Bildschirm. Das Gesicht des Allianz-Obersts wirkte grau und verzweifelt.»Nun, Oberst?« fragte Cletus.»Grahame, ich – ich muß Sie unter vier Augensprechen.Marc Dodds zuckte mit den Schultern und wollteden Raum verlassen, aber Cletus hielt ihn zurück.»Nein, Oberst. Ich habe den stellvertretenden Dorsai-Kommandanten gebeten, dieses Gespräch als Zeugemitanzuhören.«


Dupleine preßte die Lippen zusammen. »Meinetwegen«,sagte er müde. »Ich nehme an, daß sich dasGerücht ohnehin bald verbreitet. Grahame – GeneralTraynor ist spurlos verschwunden.«Cletus wartete einen Moment. »Ja?«»Begreifen Sie denn nicht?« Mühsam kämpfte derOberst seine Erregung nieder. »Die Neulander marschierenmit regulären Truppen ein, und der Generalist weg. Es handelt sich um eine Ausnahmesituation.Bitte, suchen Sie mich in meinem Büro auf, damit wirdie Lage besprechen können. Sie müssen einsehen,daß es das beste ist, die Dorsai zurückzuhalten, bisTraynor wieder auftaucht ...«»Wir haben Freitagabend«, entgegnete Cletus. »DerGeneral kann zu einer Jagdpartie oder einem Wochenendausflugaufgebrochen sein. Ich halte mich jedenfallsan seine ursprüngliche Order.«»Grahame, Sie sind heute vormittag nur knapp einemAnschlag der Neulander entgangen. Ist Ihnendas keine Warnung? Der Feind geht rücksichtslos vor...«»... und möchte mich als Kommandanten der Dorsaiausschalten«, ergänzte Cletus.Dupleine senkte die Stimme. »Ich warne Sie,Oberst! Wenn Traynor nicht bald zurückkehrt, pocheich auf die Notverordnungen und übernehme dasKommando der Allianz-Truppen. Und als ersteswerde ich Sie von Ihrem Posten absetzen und ins Gefängnisstecken!«Er unterbrach die Verbindung. Mit einem Seufzerlegte Cletus den Hörer auf. Er warf Marcus Dodds einenBlick zu. »Also schön, fangen wir an!«


14.Die Soldaten wurden mit sechs Truppentransporterneingeflogen und sprangen oberhalb von Two Riverszu beiden Seiten der Flußtäler ab. Ein Aufklärer, derseit Stunden über dem Dschungel kreiste, hatte perInfrarot-Sucher die Neulandertruppen ausgemacht.Sie befanden sich fünf Meilen von der Stadt entferntund lagerten in zwei großen Gruppen in der Näheder Flüsse.Cletus, der die Dorsai begleitet hatte, ließ sich voneinem der Piloten an die Stelle bringen, wo Wefer Linetmit seinen drei Bulldozern wartete. Der Ingenieurholte ihn persönlich an Bord.»Da wären wir«, sagte er eifrig. »Und was gibt esfür uns zu tun?«»Könnten Sie knapp hinter der Stadt einen kleinenStaudamm errichten?«»Kein Problem. Wie hoch soll das Wasser steigen?«»An die zwei Meter – so daß die Ebene jenseits derOrtschaft überschwemmt wird. Von dort dringennämlich die Neulandertruppen vor.«Wefer zog die Stirn kraus. »Sind Sie sich darüberim klaren, was das für Two Rivers bedeutet? Wennwir für die Flutschäden aufkommen müssen ...«»Auf keinen Fall«, beruhigte ihn Cletus. »Ich übernehmedie volle Verantwortung – und General Traynorhat mich zum Befehlshaber der Dorsai eingesetzt.«Wefer sah Cletus mit zusammengekniffenen Augenan, doch dann zuckte er mit den Schultern. »Wir fangensofort an. In etwa vier Stunden haben Sie IhrHochwasser.«


»Vielen Dank – und alles Gute.«Cletus ließ sich wieder an Land bringen und setztesich vom Flugzeug aus mit Eachan Khan in Verbindung.Der Söldner-Oberst hatte in einem Lagerhausvon Two Rivers sein Hauptquartier aufgeschlagen.»Grahame?« meldete sich Eachan erleichtert. »Ichwarte seit einiger Zeit auf Nachricht von Ihnen. MeineSpäher im Dschungel draußen melden sich nicht.Entweder hat man sie gefangengenommen, oder siewagen es nicht, sich bemerkbar zu machen. Aber ichnehme an, daß die Neulander entlang der beidenFlüsse vorrücken. Wir haben die Stützpunkte nachIhren Angaben verstärkt und bereits bemannt.«»Sehr gut, Oberst. Und nun noch etwas: In dennächsten Stunden ist in der Stadt mit Hochwasser zurechnen. Warnen Sie bitte die Zivilbevölkerung! Wirwollen die Schäden so gering wie möglich halten.«»Aber – es hat seit Tagen nicht mehr geregnet ...«»Und es wird auch nicht regnen. Stellen Sie sichdennoch auf eine Flut ein!«»In Ordnung. Ich kümmere mich um alles ...«Eachan machte eine Pause. »Bekommen wir hier inTwo Rivers Verstärkung?«»Versprechen kann ich es nicht«, erwiderte Cletus.»Aber wenn Sie Glück haben, ist die Sache vorbei,bevor der Feind die Stadt erreicht hat.«»Verstanden. Gibt es sonst noch etwas, Oberst?«»Nein, das war für den Augenblick alles. Ende.«Cletus unterbrach die Verbindung. Draußen war esinzwischen hell geworden. Die Dorsai, die in denHügeln jenseits der Flußebene gelandet waren, hattensich zu einer lockeren Angriffslinie formiert und eröffnetenim Rücken der Neulandertruppen das Feuer.


Die Gegner schossen gelegentlich zurück, aber da ihrZiel Two Rivers war, ließen sie es auf kein richtigesGefecht ankommen. Langsam rückten sie vor, gefolgtvon den Söldnern. Cletus und Marc beobachteten dieSzene im Bildschirm eines Kurierflugzeugs, das dichtüber den Baumkronen des Dschungels kreiste.»Wir halten sie überhaupt nicht auf«, stellte Doddsfest.»Keine Angst, das kommt noch«, beruhigte ihnCletus und starrte weiter in den Bildschirm.Die beiden Hauptkolonnen der Neulander krochenwie fette Raupen die beiden Flüsse entlang und kameneinander dabei immer näher. Dicht dahinter befandensich die Dorsai – eine Kette von Ameisen,welche die Raupen immer wieder angriffen. Aber dieRaupen ließen sich davon nicht stören. Behäbigwälzten sie sich auf die Stadt zu.Nach einer Weile schaute Cletus auf. »Marc, vonjetzt an überwachen Sie den Kampf! Achten Sie darauf,daß die Neulander nicht nach den Seiten odernach hinten ausbrechen. Unsere Truppen müssen unbedingtdie Hügel besetzt halten. Aber vermeiden Siejedes Blutvergießen!«»Sir, was haben Sie vor?«Cletus hatte einen Sprunggurt aus dem Spind geholtund begann ihn umzuschnallen. »Ich muß untennoch einiges erledigen.« Er deutete auf die Flußbiegungjenseits der Stadt, wo sich Wefer Linet mit seinenBulldozern befand. »Lassen Sie am Blue Riverund am Whey River je eine halbe Kompanie unsererLeute abspringen – und zwar an den Außenufern.Der Feind darf sie ruhig sehen, aber sie sollen sichnicht in Reichweite seiner Waffen begeben. Ich


möchte, daß sie mit mir unterhalb der Stadt zusammentreffen.Wie lange wird das dauern?«»Eine Stunde, wenn alles glattgeht«, meinte Marc.»Aber – was beabsichtigen Sie eigentlich, Sir?«»Die Neulander sollen den Eindruck gewinnen,daß in Two Rivers Verstärkung eingetroffen ist.« Erwandte sich an den Piloten: »Ich springe ab. KoordinatenH29 – R7!«Die Maschine schwenkte herum und nahm Kursauf die Flußbiegung. Cletus ging zur Notluke undlegte die Hand auf den Abwurfhebel. Marc folgteihm.»Sir, wenn Sie nicht in Übung sind ...«»Ich weiß«, unterbrach ihn Cletus. »Es ist nicht einfach,mit den Beinen voraus zu landen. Aber machenSie sich deswegen keine Sorgen!« Er warf dem Piloteneinen Blick zu. »Der Dschungelfleck an der innerenKrümmung! Sie geben mir das Zeichen, ja?«»In Ordnung, Sir.« Der Pilot steuerte die Maschineein wenig tiefer. »Und – Sprung!«Cletus zog den Abwurfhebel, der die Scharniereder Notluke sprengte. Mit einem Mal hatte er keinenBoden mehr unter den Füßen. Der Dschungel kam rasendschnell auf ihn zu.Automatisch umklammerte er die Gurtsteuerung.Die Düsen des Rückentanks begannen zu arbeitenund fingen den Fall auf, so abrupt, daß er einen Momentlang das Gefühl hatte, sein Rückgrat sei gebrochen.Er wurde wieder ein Stück hochgeschleudert.Vorsichtig verstellte er das Ventil. Nun fiel er wieder– aber zu schnell.Cletus korrigierte, doch er hatte das Gefühl, daß erwie ein Stein auf die Baumwipfel zusauste. Zu seiner


Rechten entdeckte er eine kleine Lichtung. Er betätigtedie Seitendüsen, während er das Tempo nochmehr zu drosseln versuchte.Der Boden schnellte ihm entgegen. Ein Baumstumpf,halb unter Lianen verborgen, tauchte auf.Verzweifelt suchte er auszuweichen, aber die empfindlichenDüsen gehorchten nicht mehr. Er kam insTrudeln und schlug seitlich gegen den Stamm. Imnächsten Moment wurde es dunkel um ihn.


15.Als er wieder zu sich kam, merkte er, daß er mit seinemganzen Körpergewicht auf dem linken Knie lag.Vorsichtig setzte er sich auf und versuchte das Beinzu strecken. Ein stechender Schmerz durchzuckte dasKnie. Schwindel und Übelkeit erfaßten Cletus.Er schloß die Augen und zwang sich, tief undgleichmäßig durchzuatmen. Sein Körper schien irgendwoweit weg zu schweben. Ganz allmählich ließder Schmerz in seinem Knie nach. Eine wohligeWärme umfing ihn.Cletus entspannte sich eine Weile. Dann rollte ervorsichtig das Hosenbein hoch und tastete das Knieab. Äußerlich ließ sich, von einer Schwellung abgesehen,nichts feststellen. Cletus umklammerte denBaumstumpf und richtete sich langsam auf. Nach einerVerschnaufpause verlagerte er das Gewicht einwenig auf das verletzte Bein. Er konnte gehen, aber erzitterte dabei am ganzen Körper.Einen Moment lang überlegte er, ob er noch einmaldas Sprunggeschirr einschalten und den Fluß ansteuernsollte. Aber er gab den Gedanken rasch auf. Wennihm die Steuerung nicht gehorchte, landete er vielleichtim Wasser, und schwimmen konnte er mit demsteifen Knie bestimmt nicht.So schnallte er den schweren Rückentank einfachab und ließ ihn in der Lichtung liegen. Auf einenkräftigen Ast gestützt, humpelte er zum Fluß. AmUfer angelangt, holte er ein Funkgerät aus der Tasche,stellte es auf den maximalen Sendebereich von hundertMetern ein und wählte die Navy-Wellenlänge.


Wefer meldete sich sofort. Minuten später tauchtedie mächtige Schnauze eines Mark-V zehn Meter vonCletus entfernt aus dem Wasser.»Wie geht es nun weiter?« fragte Wefer, nachdemseine Leute Cletus an Bord geholfen hatten.»In einer knappen halben Stunde trifft hier eineKompanie von Dorsai ein. Einer der Bulldozer soll siebis zum Stadtrand bringen. Was macht übrigens derWasserspiegel?«»Steigt prächtig«, berichtete Wefer. »Wir könnenohne weiteres eine der Maschinen als Fährboot verwenden.«»Gut.« Cletus lehnte sich zurück und schloß einenMoment lang die Augen.Eine Dreiviertelstunde später befand er sich imHauptquartier von Two Rivers.»Setzen Sie sich, Oberst«, sagte Eachan Khan undführte Cletus zu einem Stuhl in der Nähe des großenBildschirms. »Was geschieht mit dem Fluß? In denStraßen steht knietief das Wasser. Wir mußten die Zivilistenin die hochgelegenen Häuser umquartieren.«»Wefer Linet und seine Leute haben einen Staudammerrichtet«, murmelte Cletus. »Ich erkläre Ihnendie Einzelheiten später. Wie sieht es hier aus?«»Noch gibt es nichts Besonders zu berichten. DieVorhut der Neulander feuert hin und wieder ein paarSchüsse ab, aber es kommen keine gezielten Angriffe.«»Ich habe Ihnen zweihundert Mann Verstärkungmitgebracht«, sagte Cletus. »Glauben Sie, daß wirdamit einen Angriff beginnen können?«Eachan verriet selten, was er dachte, aber diesmal


spiegelte sich in seinen Zügen deutliche Verwirrung.»Eine Attacke?« fragte er. »Mit drei Kompanien gegensechs bis acht Bataillone?«Cletus wehrte ab. »Sie sollen den Angriff ja nichtdurchführen – nur in die Wege leiten! Glauben Sie, esgelingt uns, die Neulander so unter Beschuß zu nehmen,daß sie sich sammeln und geschlossen gegenuns vorgehen?«»Hmm – möglich ...« Eachan zwirbelte seinenSchnurrbart.»Gut. Dann verbinden Sie mich mit Marc Dodds!«Eachan Khan nickte. Kurz darauf meldete sich seinStellvertreter aus dem Flugzeug. »Sir – Sie sind jetztin Two Rivers?«»Ganz recht. Kann ich einmal das Scanner-Bild sehen?«Marc trat zur Seite, und Cletus warf einen Blick aufdie Infrarotaufnahmen, die sich im Bildschirm desFlugzeugs zeigten. Man konnte keine Einzelheitenerkennen, aber Cletus sah, daß sich die Kolonnen derNeulander getroffen hatten und am Fuß der Hügelkettewarteten. Die Front der Angreifer war kaum einehalbe Meile von der ersten Verteidigungskette derDorsai entfernt.»Ich habe überall auf den Hügelkämmen meineMänner verteilt«, berichtete Marc Dodds. »ZweiKompanien mit Energiegewehren sind der Nachhutder Neulander gefolgt und treiben sie durch gezieltesFeuer vorwärts.«»Ziehen Sie diese Leute jetzt zurück!« befahl Cletus.»Die Männer an den Hügelkämmen sollen auf ihrenPosten bleiben, aber nach und nach das Feuer einstellen.«


Marc runzelte die Stirn. »Aber was geschieht mitden Kompanien, die in der Stadt eingeschlossensind?«»Wir greifen an«, erklärte Cletus.Marc starrte ihn wortlos an. Man sah genau, was erdachte. Seine dreitausend Mann erhielten den Befehl,sich vom Feind zurückzuziehen, während Cletus mitknapp sechshundert Leuten einen Angriff startenwollte.»Vertrauen Sie mir, Oberst«, sagte Cletus leise. »Esgeht mir darum, den Kampf möglichst unblutig zubeenden ...«»Jawohl, Sir.« Das klang nicht besonders überzeugt.»Dann geben Sie meine Befehle weiter, Marc! KeineSorge, das Spiel ist noch nicht aus. Ihre Leute sollenweiterhin wachsam bleiben. Sie bekommen in nächsterZeit genug zu tun.« Er unterbrach die Verbindungund wandte sich Eachan Khan zu.»So«, meinte er, »nun kümmern wir uns um denAngriff!«Eine halbe Stunde später begab sich Cletus in einemLuftkissenfahrzeug zum oberen Ende der Stadt.Selbst hier stand das Wasser bereits knöcheltief inden Straßen. Im Schutz von Bäumen und Häusernbewegte sich die erste Angriffswelle der Dorsai vorwärts.Von der Stadt bis zum Fuße der Hügel warnichts als Wasser zu sehen. Hier und da ragten Bäumeund Sträucher aus der Flut, aber nicht immerkonnte man den Übergang zwischen seichtem undtiefem Wasser erkennen. Cletus hatte seinen Leuteneingehämmert, sich auf das Zentrum der feindlichenTruppen zu konzentrieren, damit sie nicht in die


Flußströmung gerieten und abgetrieben wurden.Die Dorsai hielten im Schutz der letzten Häuserreihean und richteten ihre Linie aus. Der Feind war nureinige hundert Meter entfernt.»Los!« befahl Cletus.Die erste Welle von Angreifern lief im Zickzack los.Gleichzeitig eröffneten die Soldaten, die Eachan zuden Unterständen abkommandiert hatte, das Feuer.Die Neulander starrten verwirrt die Gestalten an,die offenbar in selbstmörderischer Absicht durch dasWasser auf sie zukamen. Es dauerte eine Weile, bissie reagierten. Und zu diesem Zeitpunkt hatten dieGeschosse der Angreifer ihre ersten Reihen bereitsgelichtet. Panik machte sich breit.Die Neulander waren in dem Glauben vorgedrungen,daß sie in Two Rivers keinerlei Widerstand erwartete.Nun mußten sie erleben, daß sich ihnen einestattliche Streitmacht in den Weg stellte. Unsicherhielten sie an. Und dann taten sie etwas, was erfahreneSoldaten unbedingt vermieden hätten: Sie eröffnetendas Feuer mit Energiegewehren.Dampfwolken stiegen auf, wo die Hitzestrahlendas Wasser in der Ebene durchfurchten. Sie boten denDorsai eine nahezu ideale Deckung. Ein Hagel vonGeschossen drang auf das Heer der Neulander ein.Im Nu war das Chaos vollkommen.»Zurück!« befahl Grahame seinen Truppen. »Zurückin die Stadt!«Immer noch im Schutz der Dampfschwaden kehrtendie Dorsai um. Sie erreichten ungehindert die Sicherheitvon Two Rivers.Cletus steuerte das Luftkissenfahrzeug zumHauptquartier. Das Wasser war inzwischen bis zum


Eingang des Gebäudes gestiegen. Mit einem langenSchritt überquerte der junge Oberst die Schwelle undhumpelte müde in den Kommandoraum.Eachan wandte sich vom Bildschirm ab und nickteihm zu. »Großartig gemacht!« sagte er.Cletus winkte ab. Er warf einen Blick auf den Monitor.Allmählich begannen sich die Neulander amFuß der Hügel wieder zu formieren.»Jetzt ist es vorbei«, murmelte er.»Noch nicht«, widersprach Eachan. »Eine Weilehalten wir sie bestimmt zurück.«»Aber ...« Das Zimmer schwankte und begann sichum ihn zu drehen. »Aber das ist doch nicht nötig. Ichmeine, der Kampf ist vorbei. Wir haben gewonnen.«»Gewonnen?«Wie durch einen Nebel sah Cletus, daß sich EachanKhan besorgt über ihn beugte.»Sagen Sie Marc, daß er den Weg in die Hügel erstfreigeben soll, wenn sie kapitulieren.« Seine eigeneStimme kam aus weiter Ferne. Er schloß die Augen.»... einen Arzt!« hörte er Eachan. »Verdammt, beeilteuch!«So versäumte Cletus den letzten Akt des Geschehens:Die Neulander, immer noch verwirrt durch denunerwarteten Angriff der Dorsai, drangen nur zögerndvor. Dazu kam, daß in der Ebene unaufhaltsamdas Wasser stieg. Die Unsicherheit der Truppenübertrug sich auf die Offiziere. Nach einigem Hinund Her befahlen sie den Rückzug.In zwei Kolonnen näherten sich die Soldaten denHügeln. Sie mußten inzwischen durch knietiefesWasser waten. Einige gerieten in die Strömung undwurden fortgerissen. Die anderen, von Panik ergrif-


fen, drängten zu den sicheren Hängen, ohne auf dieKommandos ihrer Vorgesetzten zu achten. Hier wurdensie von den Dorsai in Empfang genommen.Die Söldner mußten die Neulander nicht einmalzur Kapitulation auffordern. Die erschöpften Soldatenwarfen von selbst die Waffen weg. Gegen Abendbefanden sich über fünftausend Mann – das warensiebzig Prozent der gesamten Neulander-Armee – inGefangenschaft.Doch davon wußte Cletus nichts. Er lag besinnungslosin einem Zimmer des Dorsai-Hauptquartiers von Two Rivers. Auf Eachans dringendeBitten hatte man von Bakhalla einen Arzt eingeflogen,der auf Prothesen spezialisiert war. DerMann machte ein ernstes Gesicht, nachdem er Cletusuntersucht hatte.»Wie steht es, Doktor?« fragte Eachan. »Wird dasKnie heilen?«Der Arzt schüttelte den Kopf. »Nein«, entgegneteer nüchtern. »Wir müssen vom Knie abwärts amputieren.«


16.»Es gibt inzwischen ausgezeichnete Prothesen«, erklärteder Arzt geduldig. »Nach ein bis zwei Monatenbemerken Sie den Unterschied zu vorher kaum noch.Gewiß, der Gedanke an eine Amputation behagtniemandem, aber ...«»Darum geht es nicht«, unterbrach ihn Cletus. »Ichbrauche für meine zukünftigen Aufgaben zwei gesundeBeine. Warum machen Sie keine Transplantation?«»Unmöglich.« Der Arzt schüttelte den Kopf. »IhrKörper stößt jedes Fremdgewebe ab. Wir haben dieTests bereits durchgeführt. Allem Anschein nach einepsychologische Sperre ...«Cletus biß sich auf die Unterlippe und schwieg einenMoment. »Bevor Sie etwas unternehmen«, sagteer dann langsam, »möchte ich mit dem Exoten Mondarsprechen.«Der Arzt warf ihm einen fragenden Blick zu, dochdann zuckte er nur mit den Schultern. »Wie Sie wünschen,Oberst.« Er ging.Kurze Zeit später meldete ihm die Krankenschwestereinen Besucher: General Traynor.Bat schloß die Tür hinter sich und trat an das Bett.Sein Gesicht war eine ausdruckslose Maske.»Bitte, nehmen Sie Platz, Sir«, sagte Cletus.»So lange bleibe ich nicht«, entgegnete Traynor. Ermachte eine kleine Pause und fuhr dann fort: »Als iches endlich geschafft hatte, den Waffenschrank in IhremBüro aufzubrechen und das Türschloß durch einpaar Schüsse zu zertrümmern, war es Sonntagnach-


mittag. So verzichtete ich darauf, Krach zu schlagenund begab mich erst einmal auf Schleichwegen in dieStadt. Von Dupleine erfuhr ich dann den Stand derDinge. Offiziell hatte ich einen kleinen Jagdunfall, dermich im Dschungel festhielt. Und offiziell handeltenSie in Two Rivers nach meinen Anweisungen.«»Danke, Sir.«»Darauf kann ich verzichten«, fauchte Bat. »Siewußten von Anfang an, daß ich die wahren Umständemeines Verschwindens nicht bekanntgeben würde.Also schön, Sie haben mich eingesperrt, und keinMensch wird es je erfahren. Aber dafür wird man mirin Genf für den Sieg über Neuland auf die Schulterklopfen.«Cletus nickte nur.»Das war das eine«, meinte Traynor. »Und nun zuPunkt zwei. Ich gebe offen zu, daß Sie in Two Riverseine Glanztat vollbracht haben. Aber das heißt nicht,daß ich Ihre Methoden billige, Grahame. Im Gegenteil,sie kotzen mich an. Ich brauche keinen taktischenBerater von Ihrer Sorte. Deshalb erwarte ich, daß Siein den nächsten achtundvierzig Stunden Ihren Abschiednehmen. Auch ich habe einflußreiche Freundeim terranischen Hauptquartier. Ihre klugen Bücherkönnen Sie auch als Zivilist schreiben.«Cletus sah ihn ruhig an. »Ich habe das Formularbereits eingereicht, Sir«, erklärte er. »Und ich verzichtezusätzlich auf mein terranisches Bürgerrecht.Ich habe mich auf den Welten der Dorsai um Aufnahmeals Söldner beworben.«Bat begann zu stammeln. »Sie – Sie lassen die Allianzim Stich?«»Ich emigriere, sonst nichts«, entgegnete Cletus


kühl. »Leben Sie wohl, General. Wir werden unsvermutlich nicht mehr wiedersehen.«Mondar besuchte Cletus erst am Spätnachmittag desfolgenden Tages. »Die Nachricht, daß Sie mich sprechenwollten, kam mit der normalen Post«, entschuldigtesich der Exote. »Offensichtlich hielt der guteDoktor Ihr Anliegen nicht für besonders wichtig.«»Nun, ich kann es ihm nicht verübeln. Es geht umDinge, die außerhalb seines Wissensbereichs liegen.«Cletus begann Mondar seinen Fall zu schildern.»Hm«, meinte der Exote nachdenklich, »und nunhoffen Sie, daß Sie mit meiner Hilfe die psychologischeReaktion so lange ausschalten können, bis dieTransplantation geglückt ist?«»Wäre das möglich?« Cletus sah Mondar scharf an.»Durchaus – bei einem Menschen wie mir, der vonfrühester Jugend an in psychischer und physischerSelbstkontrolle geschult wurde. Sehen Sie, ich kannganz bewußt Schmerzen unterdrücken. Ich schaffe essogar, mein Herz zum Stillstand zu zwingen ...«»Auch ich vermag Schmerzen bewußt zu unterdrücken«,fiel ihm Cletus ins Wort. »Es beginnt damit,daß ich mich entspanne, bis mich ein Gefühl desSchwebens überkommt. Schon das lindert ein wenig.Dann konzentriere ich mich auf die Stelle, wo derSchmerz sitzt, und denke nur noch an die Heilung.Zurück bleibt ein gewisser Druck, mehr nicht. Er behindertmich aber in keiner Weise.«Mondar warf ihm einen prüfenden Blick zu. »Dasist beachtlich für jemanden, der keine gezielte Psi-Ausbildung erhalten hat. Sagen Sie, können Sie auchIhre Träume steuern?«»Mehr oder weniger ja«, bestätigte Cletus. »Ich


stelle mir beim Zubettgehen ein bestimmtes Problemund arbeite es dann im Schlaf aus – manchmal inForm eines Traumes.«Mondar schüttelte den Kopf. »Sie verblüffen mich,Cletus. Ich will es auf einen Versuch ankommen lassen.Aber ich warne Sie gleich zu Beginn – rechnenSie sich keine allzu großen Erfolgschancen aus! Wannsoll die Transplantation erfolgen?«»Ich habe den Gedanken einer Transplantation aufgegeben«,sagte Cletus langsam. »Statt dessen möchte ichetwas anderes ausprobieren – eine Wunderheilung.«»Wunderheilung?« wiederholte Mondar verwirrt.»Ja – warum nicht? So etwas hat es in allen Zeitalterngegeben. Angenommen, ich unterziehe mich einerrein symbolischen Operation. An meinem linkenKnie fehlt eine Menge Muskel- und Knochengewebe.Ich möchte, daß man das künstliche Kniestück herausnimmtund statt dessen winzige Gewebeteile vonmeinem gesunden Bein einsetzt. Dann werden beideKnie mit einem Verband bedeckt, und Sie und ichkonzentrieren uns ganz auf den Heilprozeß.«Mondar blieb eine Zeitlang stumm sitzen. Dann erhober sich mit einem Achselzucken. »Irgendwanngeschieht alles zum ersten Mal«, murmelte er. »Ichhabe Ihnen meine Hilfe versprochen. Aber ich mußerst mit meinen Brüdern über Ihren ungewöhnlichenWunsch beraten. Sie hören wieder von mir.«Einen Tag danach erhielt Cletus Besuch von EachanKhan. Der Söldner-Offizier nahm steif neben seinemBett Platz.»Soviel ich höre, will man versuchen, Ihr Bein zuerhalten«, begann er.


»Ich habe mich auch mit aller Macht gegen eineAmputation gewehrt«, meinte Cletus lächelnd.»Hm – ja.« Eachan starrte aus dem Fenster. »MeineLeute wünschen Ihnen alles Gute. Sie werden alsHeld gefeiert, weil es Ihnen gelang, den Sieg ohneBlutvergießen zu holen.«»Ich habe mir Mühe gegeben, die Verluste so geringwie möglich zu halten«, sagte Cletus. »Daß allesso gut klappte, war der Disziplin Ihrer Soldaten zuverdanken.«»Unsinn!« wehrte Eachan ab. »Es hat sich übrigensherumgesprochen, daß Sie zu den Dorsai-Weltenemigrieren. Wissen Sie, daß Sie damit eine ganzeWelle von Einwanderungsgesuchen ausgelöst haben?Auch Ihr junger Leutnant hat sich als Söldner beworben,obwohl er noch im Lazarett liegt.«Cletus nickte. »Das freut mich. Er ist ein tüchtigerSoldat.« Er räusperte sich und fuhr dann ein wenigunsicher fort: »Ich habe übrigens ein Problem, zudem ich gern Ihre Meinung hören würde. Ich sucheeine Gruppe von Dorsai, die gewillt ist, etwa ein halbesJahr für eine totale Umschulung zu opfern ...«Eachan wirkte nachdenklich. »Ein halbes Jahr ist einelange Zeit für einen Berufssoldaten. Keine Prämien ...«»Ich könnte den Männern garantieren, daß sich ihrSold nach der Ausbildung verdoppelt.«»Das ist natürlich ein Anreiz. Obendrein wissen dieLeute seit der Schlacht von Two Rivers, daß Sie einMenschenleben hoch einschätzen. Das spielt vor allembei den Männern eine Rolle, die eine Familie haben.Soll ich mich einmal umhören?«»Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür.«»Gut. Aber woher wollen Sie die Mittel für einen


solchen Kursus nehmen, Cletus?«Der Oberst lächelte. »Darüber unterhalten wir unsnoch, Eachan.«»In Ordnung.« Eachan zupfte nervös an seinemSchnurrbart. »Ah – Melly wartet übrigens draußen.«»Aber warum kommt sie nicht herein?«»Ich bat sie, ein wenig zu warten, weil ich erst alleinmit Ihnen sprechen wollte.« Plötzlich beugte sichder Söldner-Offizier vor und sagte beinahe verzweifelt:»Cletus, warum heiraten Sie das Mädchen nicht?«»Ich ...« Cletus schluckte. »Aber ich weiß dochnicht, ob ...«»Melissa sieht Sie gern. Ihr würdet euch gut ergänzen.Oh, ich weiß, daß sie sich manchmal starrsinnigbenimmt und so tut, als könnte sie das Leben alleinmeistern. Aber in Wirklichkeit hat sie ein weiches Herz.Und sie ist noch so jung. Sie denkt zu gut von denMenschen und ist dann enttäuscht, wenn sie andershandeln, als sie erwartet hat. Jemand muß sie beschützen.«Cletus schüttelte den Kopf. »Ich mag Melissa, aberIhr Vorschlag verwirrt mich ein wenig, Eachan. SolcheDinge müssen reiflich überlegt werden. Was ist,wenn die Sache schiefgeht?«»Dann haben Sie Melly zumindest vor deCastriesgerettet«, sagte Eachan freimütig. »Sie will sich an ihnwegwerfen, nur um mich zurück auf die Erde zu holen.Und ich weiß, daß deCastries ihr Leben zerstörenwürde. Manche Frauen ertragen seine Art, aber Mellywürde daran zugrunde gehen. Wollen Sie das?«»Nein«, entgegnete Cletus ruhig. »Aber er wird dieFinger von ihr lassen. Das zumindest kann ich Ihnenversprechen.«


»Vielleicht.« Eachan hatte sich erhoben und gingzur Tür. »Ich schicke sie jetzt herein«, sagte er. Dannverließ er das Krankenzimmer.Kurz darauf trat Melissa an sein Bett und reichteihm die Hand. Cletus beobachtete ihr Lächeln, undeinen Moment lang löste sich der harte Panzer, dersein Inneres umgab.»Ich freue mich so, daß eine Chance besteht, IhrKnie zu heilen!« begann sie mit echter Herzlichkeit.»Übrigens läßt Arvid Sie grüßen. Ich sprach heute mitihm ...« Sie ließ den Satz unbeendet. Cletus merkte,daß seine Blicke sie unsicher gemacht hatten.»Melissa«, sagte er langsam, »würdest du mich heiraten?«»Bitte ...« Sie wandte den Kopf ab. Dann fuhr siekaum hörbar fort: »Du weißt, daß ich mich um Dadkümmern muß ...«»Ja«, murmelte er, »natürlich.«Melissa beugte sich über ihn und nahm seineHand. »Eigentlich bin ich hergekommen, um mit dirüber ganz andere Dinge zu sprechen. Nach deinemSieg hier in Bakhalla kannst du in Ruhe deine Bücherschreiben. Der Kampf ist vorbei.«Bitterkeit stieg in ihm auf – und sofort umgab ihnwieder der Wall, mit dem er sich vor Gefühlenschützte. Er war allein unter Menschen, die ihn nichtverstanden.»Leider nicht«, entgegnete er. »Das Vorspiel istvorbei. Jetzt beginnt der eigentliche Kampf, Melissa.«Sie starrte ihn an. »Aber – Dow deCastries kehrtnoch heute auf die Erde zurück. Er wird dir nie mehrbegegnen.«»Darin täuscht du dich.«


»Wie meinst du das?«»Er ist ein ehrgeiziger Mann«, sagte Cletus. »Undich werde diesen Ehrgeiz herausfordern.«»Aber er bekleidet ein wichtiges Ministeramt!«Melissas Stimme klang ungläubig. »In spätestenszwei Jahren wird er dem Obersten Rat der Koalitionangehören.«»Einem Menschen wie deCastries bedeutet dasnichts. Er strebt immer höher.«»Welches Ziel kann er denn noch vor Augen haben?«»Eine vereinte Erde unter seiner Führung«, erwiderteCletus, »dazu die Herrschaft über sämtlicheKolonien.«Sie starrte ihn an. »Allianz und Koalition vereint?Aber das ist unmöglich. Niemand weiß das besser alsDow.«»Ich will ihm beweisen, daß es doch möglich ist.«»Du willst ...« Über ihrer Nasenwurzel stand einesteile Unmutsfalte. »Hältst du mich für beschränkt?Diesen Unsinn soll ich glauben?«»Ich hatte gehofft, du würdest es tun«, sagte er einwenig traurig.Wieder einmal stieg blinder Zorn in Melissa hoch –sie wußte selbst nicht, weshalb. »Ich hatte recht, alsich dir zum erstenmal begegnete und feststellte, daßdu ganz genau wie Dad bist! Ihr glaubt, daß das Lebennur aus Krieg besteht, aus Dreck und Pulverdampf!Ihr redet euch und den anderen ein, daß ihrkaltblütige Rechner seid, daß ihr immer die Nervenbewahrt! Aber mich könnt ihr nicht täuschen! Duhängst in Wirklichkeit an den Menschen, so wie Dadan seiner Tradition hängt – an Begriffen wie Ehre und


Mut und Wahrhaftigkeit. Das haben sie ihm weggenommen,damals auf der Erde, und ich werde dafürsorgen, daß er es wiederbekommt, notfalls mit Gewalt.Du bist wie er – man muß dich zu einem glücklichenLeben zwingen!«»Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, daß erbei den Dorsai seine Tradition wiedergefunden hat?«fragte Cletus ruhig, als Melissa schwieg.»Tradition? Bei den Dorsai?« entgegnete sie verächtlich.»Einen Haufen von Söldnern, die für einenarmseligen Sold die dreckigen Kriege anderer Leuteführen! Das nennst du Tradition?«»Ich glaube, Eachan schaut weiter in die Zukunftals du, Melissa.«»Was kümmert mich die Zukunft!« Melissa waraufgestanden. »Ich möchte, daß er jetzt glücklich ist.Als Mutter starb, mußte ich ihr versprechen, daß ichfür Dad sorgen würde. Und das tue ich, verlaß dichdarauf!«Sie wirbelte herum und ging zur Tür. »Aber glaubenicht, daß ich es auch noch mit deinem verdammtenDickschädel aufnehme! Geh zu deinen Dorsai undbrich dir den Hals, weil du über deine hohen Grundsätzestolperst! Dabei wäre alles so einfach. Eine Villaauf dem Land, wo du in aller Ruhe deine Bücherschreiben könntest ...« Tränen stiegen ihr in die Augen.Sie preßte die Lippen zusammen und rannte ausdem Zimmer.Cletus lehnte sich zurück und starrte die helleWand an. Das Krankenzimmer erschien ihm mit einemMal unerträglich leer.


17.Drei Tage später stattete Mondar ihm erneut einenBesuch ab.»Nun, Cletus«, begann er, »meine Brüder und ichhaben gründlich über Ihr Problem nachgedacht. Wirbeschlossen, Ihnen bei der Schulung Ihrer Psi-Kräftezu helfen, Ihnen jedoch sowenig wie möglich zu erklären.Ihr Wille, Heilung zu erlangen, soll vom Instinktund nicht vom Verstand gesteuert werden.Ich habe eine Reihe von Übungen ausgearbeitet,die ich täglich mit Ihnen durchgehen werde. Sobaldich erkenne, daß Sie die Kräfte des Unterbewußtseinsbeherrschen, werde ich die Operation empfehlen.«»Vielen Dank«, sagte Cletus erleichtert. »Und wannkönnen wir mit den Übungen beginnen?«»Meinetwegen gleich«, erwiderte Mondar. »Es istallerdings wichtig, daß Sie dabei nicht an Ihr Kniedenken. Schlagen Sie irgendein Thema vor, das Sieablenkt!«»O ja«, antwortete Cletus. »Da wäre ohnehin eineAngelegenheit, die mir einiges Kopfzerbrechen bereitet.Ich benötige einen Kredit von zwei MillionenIWE.«Mondar sah ihn einen Moment prüfend an, dannlächelte er. »Ich fürchte, soviel habe ich nicht beimir«, meinte er. »Sie wissen ja, auf den Kolonien sinddie Interstellaren Währungseinheiten noch knapperals auf der Erde. Brauchen Sie das Geld dringend?«»Ja – und meine Frage war absolut ernst gemeint«,sagte Cletus. »Halten Sie es für möglich, daß mir dieExotenkolonie von Bakhalla diese Summe vorstreckt?«


»Hm.« Mondar zuckte mit den Schultern. »Siemüssen zugeben, daß es ein ungewöhnliches Verlangenfür einen mittellosen Ex-Offizier der Allianz ist.Was möchten Sie denn mit dem vielen Geld anfangen?«»Ich beabsichtige, ein Söldnerheer in einem völligneuen Stil aufzubauen«, erklärte Cletus. »Das schließtdie Organisation ein, die Ausbildung, die Waffen unddie taktischen Fähigkeiten.«»Sie wollen die Dorsai dafür gewinnen?«»Genau. Die Streitmacht, die ich zusammenstelle,soll das Fünffache jeder bisherigen Militäreinheit leisten.Sie wird den Truppen der Allianz und der Koalitionweit überlegen sein. Und selbst wenn ich einenhöheren Sold für meine Leute fordere, wird die Regierung,die uns verpflichtet, weniger bezahlen alsbisher für die Dorsai – weil eine Handvoll Männerdie Arbeit tun können, für die man früher ein ganzesHeer benötigte.«»Und Sie glauben, daß diese Söldnertruppe Sie indie Lage versetzen würde, die zwei Millionen IWErasch zurückzuzahlen?«»Daran besteht kein Zweifel.«»Nein – vorausgesetzt, Ihre Söldner leisten tatsächlichdas, was Sie sagen. Aber wer weiß das von vornherein?Cletus, ich fürchte, meine Organisation wirdeine Bürgschaft verlangen, bevor sie eine so hoheSumme ausleiht.«»Manchmal genügt der Ruf des Schuldners alsBürgschaft.«Mondar zog fragend die Augenbrauen hoch. »Siewollen doch nicht behaupten, daß Sie sich schon desöfteren zwei Millionen geliehen haben?«


»Ich dachte nicht an meinen Ruf als Finanzmann,sondern als Militärstratege«, sagte Cletus ruhig.»Immerhin ist es mir gelungen, mit ein paar Söldnernund ohne jedes Blutvergießen den Einfluß der Koalitionhier auf Kultis zurückzudrängen – eine Tat, zuder die Allianz mit ihrem weit größeren Heer nichtfähig war. Daraus läßt sich ein Schluß mit weitreichendenwirtschaftlichen Folgen ziehen: Ihre Koloniebenötigt die Hilfe der Allianz nicht.«»Kein schlechtes Argument«, gab Mondar zu.»Die Bürgschaft für den Kredit wäre demnachnicht zu unterschätzen – militärische Sicherheit fürBakhalla, bis die Schuldenlast abgetragen ist.«»Und wenn nun die Dorsai den Handel nicht einhalten?Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, Cletus,aber diese Dinge müssen in Betracht gezogen werden.Was geschieht, wenn Sie sich weigern, das Geld zurückzuzahlenoder den militärischen Schutz der Koloniezu übernehmen?«»In diesem Fall würde keine Regierung des Universumsdas Risiko eingehen und uns einen Vertraggeben.«Mondar nickte schweigend. Er starrte eine Zeitlangaus dem Fenster, als versuchte er seine Gedanken zuordnen. Dann wandte er sich wieder Cletus zu, »Ichwerde meinen Brüdern Ihre Bitte vortragen«, meinteer. »Aber ich mache Ihnen keine Hoffnungen. Eshandelt sich, wie gesagt, um eine hohe Summe, undwir haben keine zwingenden Gründe, sie auszuleihen.«»Oh, vielleicht doch«, erwiderte Cletus. »Ihr Exotenwollt unabhängig sein, damit ihr ohne jede Einmischungvon außen eure Welt der Zukunft aufbauen


könnt. Die Hilfe der Allianz kam euch gelegen, abersie brachte Verpflichtungen. Wenn jedoch eine Söldnertruppefür eure Sicherheit sorgt, dann besitzt ihrdie Freiheit, an der euch soviel liegt. Eine Anleihe vonzwei Millionen IWE ist in diesem Fall ein kleines Opfer.«Mondar musterte den Kranken eine Weile undseufzte dann. »Wie schade, Cletus, daß Sie nicht inunsere Gemeinschaft eintreten wollen!« Er lehnte sichzurück. »Aber vielleicht sollten wir jetzt mit denÜbungen beginnen. Schließen Sie die Augen und versetzenSie sich in einen Zustand des Schwebens ...«


18.Ein halbes Jahr später war Grahames Knie vollkommengeheilt. Und nicht nur das – Cletus traf die erstenVorbereitungen für die große Aufgabe, die ersich gestellt hatte.Seit seiner Abreise von Kultis lebte er auf dem Planetender Dorsai. Eachan Khan hatte ihn als Gast inseinem Landhaus aufgenommen, das idyllisch amUfer des Athan-Sees lag, nur wenige Meilen von derStadt Foralie entfernt.Und wie jeden Morgen traf sich Cletus nach seinerharten Frühgymnastik mit Eachan und Melissa imSpeisezimmer.»Nun, Liebling, wie ging es heute?« fragte Melissamit einem warmen Lächeln, als er den sonnenhellenRaum betrat. Sie hatte ihren Widerstand nach undnach aufgegeben. Seine eiserne Selbstdisziplin rangihr Bewunderung ab. Die beiden jungen Leute warenin einem Stadium, in dem Blicke mehr verrieten alsWorte.»Bei dem Fünfzehn-Meilen-Lauf blieb ich imDurchschnitt unter sechs Minuten«, strahlte Cletus.»Und den See durchquerte ich in sechs Minuten.« Erwandte sich Eachan zu. »Ich glaube, wir sollten dieDemonstration für einen der nächsten Tage anberaumen.Ich darf das Stadion von Foralie benutzen.«»Gut, ich kümmere mich um die Vorbereitungen«,sagte Eachan.Drei Tage später fand die Demonstration statt. An dieachtzig Dorsai-Offiziere hatten sich auf Eachans Bitte


hin im Stadion von Foralie versammelt. Sie nahmenvor einem riesigen Bildschirm Platz, der die Impulsevon verschiedenen, an Grahames Körper befestigtenMeßgeräten aufzeichnete.Eachan gab Cletus ein Zeichen, und der jungeMann startete zu seiner ersten Runde um die Kunststoffbahn,die genau eine halbe Meile maß.Die Männer, die sich eingefunden hatten, um dasSchauspiel zu beobachten, wußten, was sich auf Kultisabgespielt hatte. Sie kannten auch GrahamesKrankheitsgeschichte. So verfolgten sie gespannt dieMeßdaten auf dem Monitor mit.Cletus begann mit einem Tempo von etwa zehnMeilen pro Stunde. Nach der ersten Meile ließ er etwasnach; sein Puls, der auf hundertsiebzig geklettertwar, sank auf hundertvierzig und veränderte sichnicht. Bis zur Vier-Meilen-Marke lief Cletus völliglocker und entspannt. Dann erhöhte sich sein Pulswieder. Cletus behielt sein Lauftempo bis zum Endeder sechsten Meile bei. Sein Puls lag bei hundertachtzig.Von hier an wurde der Läufer allmählich langsamer.Nach der achten Meile betrug sein Tempo siebenMeilen pro Stunde, nach der neunten nur nochknapp sechs Meilen pro Stunde. Er näherte sich derErschöpfungsgrenze. Am Ende der zehnten Meileschleppte er sich nur noch mühsam über die Bahn.Aber durch die Reihen der Zuschauer ging ein bewunderndesRaunen. Der Mann, der noch vor einemhalben Jahr unter einem steifen Knie gelitten hatte,vollbrachte eine übermenschliche Leistung. Einigeder Offiziere drängten zur Bahn hinunter, um Cletuszu beglückwünschen.Eachan hielt sie zurück. »Wenn ich noch um etwas


Geduld bitten darf, meine Herren ...«Cletus überschritt die Zehn-Meilen-Marke – undlief weiter. Sein Schritt wurde sicherer, sein Atemging leichter. Ganz allmählich begann sein Puls wiederzu sinken.Ohne jede Mühe lief er drei weitere Meilen. Er erreichtezwar nicht mehr sein Spitzentempo, aber erhielt bei einem Puls von hundertfünfzig seine sechsMeilen pro Stunde.Dann verlangsamte er seine Schritte, bis er vor derTribüne zum Stehen kam. Sein Atem ging normal.»Das war es, meine Herren«, sagte er zu den Offizieren,die sich um ihn scharten. »Wenn Sie gestatten,erfrische ich mich ein wenig und treffe mich dann mitIhnen in Eachans Heim.«Ein Bus brachte die Besucher zu Eachans Landsitz.Man hatte die Flügeltür zwischen Salon und Terrassegeöffnet, so daß alle Platz fanden. Die Männer standenin kleinen Gruppen zusammen und diskutiertenlebhaft.Zwanzig Minuten später stieß Cletus zu ihnen. Ineiner kurzen Ansprache erläuterte er sein Vorhaben,mittels neuer Lehrmethoden ein völlig neues Söldnerheeraufzubauen. »Ich wollte Ihnen mit meinemLauf beweisen, daß man bei sinnvollem Training seinemKörper sehr viel mehr abverlangen kann, als esbisher für möglich gehalten wurde. Dazu ist es allerdingsnotwendig, die Kräfte des Unterbewußtseins zuschulen und einzusetzen.«Er machte eine Pause. Seine Blicke schweiften überdie Zuhörer. »Meine Herren, ich erwarte, daß jeder,der sich meiner Gruppe anschließt, nach einer gewissenAusbildungszeit die gleiche Leistung vollbringt,


die ich eben demonstriert habe. Sehen Sie sich imPark um! Sie werden eine Reihe von Trainingsgerätenfinden, die nach meinen Anweisungen aufgebautwurden. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben, wendenSie sich bitte an Eachan Khan oder mich. In einpaar Tagen halte ich noch eine Zusammenkunft füralle diejenigen ab, die sich entschließen, das neueProgramm mitzumachen.« Er trat an das Büfett, woMelissa Erfrischungsgetränke und kalte Platten aufgebauthatte. Die Besucher folgten seinem Beispiel.Die meisten von ihnen kehrten erst am Spätnachmittagin die Stadt zurück. Insgesamt sechsundzwanzighatten Cletus fest versprochen, an seinem Trainingsprogrammteilzunehmen. Die meisten anderenwollten sich im Laufe der nächsten Tage entscheiden.Zurück blieb eine kleine Gruppe, die sich schon vordem Lauf verpflichtet hatte, in seine Dienste zu treten:Arvid, dessen Schulterwunde inzwischen verheiltwar; Major Swahili und Major David Ap Morgan,die in unmittelbarer Nachbarschaft lebten undbereits sein Training mit lebhafter Anteilnahme verfolgthatten; dazu zwei Freunde von Eachan Khan –Oberst Lederle Dark und Brigadegeneral Tosca Aras.Diese Leute sollten vor den anderen mit der Ausbildungbeginnen und dann ihre Kenntnisse an die einfachenSoldaten weitergeben. Cletus war sich im klarendarüber, daß er allein mit der Arbeit nicht fertigwerden konnte.»Wer sich bis zum Ende dieser Woche noch nichtentschieden hat, ist ohnehin nicht der Richtige füruns«, sagte Cletus. »Ich rechne, daß von den Leuten,die heute hier waren, noch etwa fünfzig kommen.Wir arbeiten also am besten gleich ein Trainings-


schema aus. Oder hat jemand von euch noch Fragen?«»Sir«, warf Arvid ein wenig zaghaft ein, »verzeihenSie, aber mir will nicht einleuchten, weshalb wir diegesamte bisherige Organisation über den Haufenwerfen. Sollen die Männer Ihrer Truppe das Gefühlbekommen, daß sie etwas Besonderes darstellen ...?«»Nein – obwohl auch das nicht schaden kann«, erwiderteCletus. »Sehen Sie, die Einteilung eines Heeresin Kompanien, Bataillone, Divisionen und so forthat hier auf den neuen Welten ihren Sinn verloren.Man kämpft nicht mehr in den alten Formationenund nach den alten Generalstabsplänen. Auf der Erdewird das Handeln einer Armee von der Offiziershierarchiebestimmt, und die unteren Ränge müssen denBefehlen Folge leisten, ob sie ihren Sinn einsehen odernicht. Hier hingegen, auf den Kolonieplaneten, gibt eszu viele unbekannte Größen zu berücksichtigen. Deshalbist es wichtig, einen lockeren Verband von kleinenKampfgruppen zu schaffen, die ihr Handelnselbständig und in eigener Verantwortung auf diejeweilige Situation abstimmen. Ein Katalog vonStichworten und Signalen soll der Verständigungzwischen den einzelnen Gruppen dienen. Sobald dieLeute diese Geheimsprache beherrschen, muß dieZusammenarbeit beinahe instinktiv klappen.«»Aber dazu benötigt man Tausende von Zeichen«,warf Tosca Aras ein.»Gewiß«, gab Cletus zu. »Sie sind jedoch nach einemlogischen Schema aufgebaut, so daß man sie ohneweiteres erlernen kann.Es geht mir dabei vor allem darum, Unterbrechungender Befehlskette, Mißverständnisse oder Fehlent-


scheidungen auszuschalten – Dinge, die nur zu oftden Ausgang einer Schlacht bestimmen. Die Männererhalten keine direkten Befehle mehr. Sie erfahrendurch ein paar Stichworte die Situation und handelndann selbständig im Rahmen ihrer Kompetenzen.«»Ein revolutionäres Konzept«, meinte Tosca Aras.»Nun, die Zukunft wird zeigen, ob es sich verwirklichenläßt.« Er nahm das Handbuch auf, das Cletus analle Anwesenden verteilt hatte, und erhob sich. »Ichfürchte, ich muß eine Menge neu lernen. Wenn Siegestatten, meine Herren, dann ziehe ich mich nun zurück.«Er hielt das umfangreiche Manuskript hoch.»Am besten beginne ich gleich mit meinen Hausaufgaben.«Er löste mit seinen Worten einen allgemeinen Aufbruchaus. Cletus und Eachan Khan blieben allein zurück.Nachdenklich griff Eachan nach seinem Glas. »ErwartenSie für den Anfang nicht zuviel«, warnte er.»Berufssoldaten haben ziemlich konservative Ansichten.Aber wenn die Leute erst einmal begriffenhaben, worum es geht, können Sie mit ihrem ganzenEinsatz rechnen.«Eachan sollte recht behalten. Als Cletus eine Wochespäter mit dem Training der Offiziere begann, hattendie fünf Männer, die ihn dabei unterstützten, ihreHandbücher auswendig gelernt. Und ein Vierteljahrdanach waren die Teilnehmer des Anfangsseminarsbereits selbst in der Lage, kleinere Gruppen auszubilden.Man sah sich bei den Dorsai nach Freiwilligenum. Grahames neue Streitmacht nahm Gestalt an.Etwa zu dieser Zeit erhielt Cletus von einem Pressedienstauf der Erde einen dicken Umschlag mit


Zeitungsausschnitten. Er nahm das Kuvert mit in seinArbeitszimmer, ordnete die Artikel und las sie aufmerksamdurch.Die Entwicklung auf der Erde nahm genau denVerlauf, den er erwartet hatte: Die Koalition, aufgestacheltdurch eine Reihe von Hetzreden, wandte sichin scharfer Form gegen die Söldnertruppen im allgemeinenund die Dorsai im besonderen. Dow de-Castries bereiste den ganzen Planeten, um die Kampagnepersönlich zu leiten.Mit einem Seufzer schob Cletus die Ausschnitte zurückin den Umschlag und schlenderte auf die Terrassehinaus. Es war Hochsommer, und über dem Seeflimmerte die Hitze. Melissa hatte sich in den Schattenzurückgezogen und las ein Buch. Ihre Zügewirkten weicher und reifer als damals in Bakhalla.Cletus trat neben ihren Stuhl und beugte sich übersie. Wieder einmal hielt sein Blick sie gefangen.»Würdest du mich jetzt heiraten, Melissa?« fragteer.Sie schwieg lange. Dann legte sie ihm lächelnd dieHand auf den Arm. »Wenn du mich wirklich willst,Cletus ...«


19.Die Hochzeit sollte vierzehn Tage später stattfinden.Cletus, der die Ausbildung seiner Dorsai in gutenHänden wußte, nahm sich die Zeit für eine Reisenach Kultis und dem noch weiter entfernten Newton,um Verträge für die neue Truppe auszuhandeln.In Bakhalla lud ihn Mondar zu einem lukullischenAbendessen ein, in dessen Verlauf Cletus ausführlichüber die Fortschritte seiner Soldaten berichtete. Späterbegaben sie sich auf eine der zahlreichen Terrassen,die zu Mondars Heim gehörten, und setzten ihrGespräch unter dem Sternenhimmel fort.»Sehen Sie!« sagte Cletus und deutete auf einen gelbflimmernden Stern dicht über dem Horizont. »Mara –die Schwesterwelt von Kultis. Soviel ich weiß, besitzendie Exoten auch dort eine größere Kolonie.«»Ja, das stimmt.« Mondar betrachtete nachdenklichden Stern.»Schade, daß sie so sehr unter dem Einfluß vonTerra steht«, fuhr Cletus fort.Mondar warf ihm einen fragenden Blick zu. Dannlächelte er. »Sie möchten, daß wir Exoten Ihre neueTruppe anheuern, um die Allianz und die Koalitionvon Mara zu vertreiben?«»Aber nein«, wehrte Cletus ab. »Ich dachte an etwasganz anderes. Die Kräfte im Kern des Planetenliegen noch völlig brach. Wenn Sie beispielsweise eineEnergiestation am Nordpol von Mara errichten ...«Einen Moment lang gab der Exote keine Antwort.»Eine Energiestation?« murmelte er dann. »Was habenSie da wieder ausgeheckt?«


»Die Sache ist ganz einfach. Ihre Exoten-Kolonieauf Mara befindet sich in der subtropischen Zone desHauptkontinents. Mit einer Energiestation am Nordpolweitet sich Ihr Einflußbereich nicht nur auf dieunbewohnten subarktischen Gebiete aus – Sie sindzusätzlich in der Lage, Energie an die kleinen, unabhängigenKolonien der gemäßigten Zone abzutreten.Das bedeutet natürlich eine gewisse wirtschaftlicheKontrolle ...«»Die kleinen Kolonien, von denen Sie sprechen,werden samt und sonders von der Koalition unterstützt«,meinte Mondar.»Um so besser«, gab Cletus zurück. »Die Koalitionkann es sich nicht leisten, ihnen eine Energiestationzu bauen.«»Und woher sollen wir die Mittel nehmen?« Mondarschüttelte den Kopf. »Cletus, Sie halten unsereGeldquellen wohl für unerschöpflich?«»So teuer kommt die Angelegenheit nicht, wenn Sielediglich die Vorarbeiten durchführen. Den Rest könnenEinheimische gegen einen Pachtvertrag übernehmen.«»Dann hätten wir wieder die Allianz oder die Koalitionam Hebel.«»Nicht unbedingt. Sie vergessen eine Kolonistengruppe,die sich hier auf den neuen Welten raschausbreitet und über einigen Reichtum verfügt.«»Die Wissenschaftler von Newton?« Mondarrümpfte die Nase. »Ihre Philosophie steht im krassenGegensatz zu unserer Lebensanschauung. Sie bevorzugeneine geschlossene Gesellschaftsstruktur undvermeiden jeden Kontakt zu Außenstehenden, währendwir den Individualismus fördern und unsere


Kräfte für das Wohl der gesamten Menschheit einsetzen.Ich fürchte, es besteht eine natürliche Abneigungzwischen uns und den Newtoniern.« Der Exoteseufzte. »Ich weiß, wir müßten nach Wegen suchen,um diese Schranken abzubauen – aber im Momentsind sie einfach da. Außerdem haben die Newtoniernicht mehr Geld als wir – weshalb sollten sie uns miteinem Kredit und Fachpersonal aushelfen?«»Weil die Energiestation auf lange Sicht einen großenGewinn für sie abwirft.«»Gewiß. Aber Leute von ihrem Schlag gehen nichtgern ein finanzielles Risiko ein.«»Vielleicht doch, wenn man ihnen die Sacheschmackhaft macht. Soll ich bei meinen Gesprächenüber einen Söldnervertrag etwas andeuten?«Mondar musterte ihn mit zusammengekniffenenAugen. »Ich persönlich bin fest davon überzeugt, daßSie nichts erreichen werden. Aber eine Anfrage kannnicht schaden – vorausgesetzt, meine Brüder billigendas Projekt.«»Gut.« Cletus wandte sich dem Haus zu. »Ich beabsichtigeübrigens, einen Teil der hier stationiertenDorsai durch Leute zu ersetzen, die bereits nach derneuen Methode ausgebildet sind. Nach und nach solldas gesamte Personal ausgewechselt werden. Ich sehemich in den nächsten Tagen bei der Truppe um. GegenEnde der Woche fliege ich dann nach Newtonweiter.«»Bis dahin kenne ich sicher die Antwort meinerBrüder.« Mondar folgte ihm ins Innere des Hauses.Cletus verbrachte insgesamt fünf Tage in Bakhalla.Er weihte die Offiziere der Söldnertruppe in seinneues Trainingsprogramm ein. Die Männer zeigten


sich so begeistert, daß sie am liebsten sofort mit derAusbildung begonnen hätten. Cletus versprach ihnen,umgehend den Truppenaustausch in die Wegezu leiten.Als er nach Newton abflog, besaß er die offizielleErlaubnis der Exoten, mit der Regierung von Newtonüber den Bau einer Energiestation auf Mara zu verhandeln.Einen Tag nach seiner Ankunft in Baille, derHauptstadt der Vereinigten Fortschritts-Kolonien – sonannten sich die Emigranten-Wissenschaftler offiziell–, traf er sich mit dem Vorsitzenden der Regierungskammerzu einer Aussprache. Artur Walco, einschmaler Fünfziger mit noch jugendlichen Zügen,empfing ihn in einem nüchternen, beinahe sterilenBüro.»Ich weiß eigentlich nicht so recht, weshalb Sie geradezu uns kommen, Oberst«, begann Walco, alsCletus ihm gegenüber Platz genommen hatte. »Wirleben in guter Nachbarschaft mit allen kleineren Kolonien.«»Oh, dann hat man mich falsch informiert«, erwiderteCletus. Er traf Anstalten, sich zu erheben. »VerzeihenSie, ich ...«»Aber ich bitte Sie, behalten Sie doch Platz!« unterbrachihn Walco hastig. »Ich höre mir Ihre Vorschlägegern an. Ihre weite Reise soll nicht völlig umsonstgewesen sein.«»Nun, wenn Sie keine Söldner benötigen ...«Walco winkte ab. »Im Moment nicht, aber werweiß, was die Zukunft bringt? Ihr Schreiben hat mich,offen gestanden, neugierig gemacht. Sie behauptenalso, daß Ihre Leute weit mehr leisten als die Söld-


nertruppen des alten Schlages. Glauben Sie wirklich,daß heutzutage die Leistung des einzelnen eine Rollespielt? Er ist und bleibt Kanonenfutter.«»Manchmal ist er auch der Mann hinter der Kanone«,gab Cletus zu bedenken. »Das gilt ganz besondersfür den Söldner, der sich ja das Ziel setzt, einenKrieg zu gewinnen, ohne zu sterben. Je weniger Opfer,desto größer der Gewinn – für die Truppe und fürden Auftraggeber.«»Auch für den Auftraggeber?«»Ja. Er befindet sich in der Rolle eines Geschäftsmanns,der entscheiden muß, ob das eine oder andereUnternehmen ihm einen Gewinn bringt. Wenn dieKosten den Profit übersteigen, wird er wohl die Fingerdavon lassen, im umgekehrten Fall wird er dieDurchführung anordnen. Ich will damit folgendessagen: Mit Söldnern, die eine höhere Leistung vollbringen,kann man sich vielleicht an Aufgaben heranwagen,die bis dahin Verlustgeschäfte gewesenwären. Angenommen, es geht um ein Territorium mitwertvollen Rohstoffen ...«»... wie die Stibnit-Minen, die uns die Broza-Kolonie abgenommen hat«, warf Walco ein.Cletus nickte. »Ein Modellfall. Ein Stück Land inmittenvon Sumpfwäldern, das von einer Kolonierückständiger Jäger und Trapper besetzt gehaltenwird – wohlgemerkt mit militärischer Unterstützungder Koalition. Und die gleiche Koalition erhält entscheidendeGewinnanteile vom Verkauf des für euchso wertvollen Antimons ...«Einen Moment lang war Walcos Miene wutverzerrt.»Wir haben die Minen entdeckt und in Betriebgenommen«, stieß er hervor. »Das Land gehört uns –


es war rechtmäßig gekauft. Aber die Koalition wiegeltedie Broza-Kolonie gegen uns auf. Sie gab sichnicht einmal die Mühe, es zu verbergen.« Walcopreßte die Lippen zusammen. »Ein interessantes Beispiel,Grahame. Vielleicht könnten wir einmal reintheoretisch ermitteln, ob sich der Einsatz Ihrer Söldnerin diesem Fall lohnen würde ...«Eine Woche später hatte Cletus den Vertrag in derTasche. Die Vereinigten Fortschritts-Kolonien nahmenfür die Dauer von drei Monaten zweitausendSöldner in ihre Dienste. Cletus machte einen Abstechernach Bakhalla, um Mondar mitzuteilen, daß dieInvestition der Exoten die ersten Früchte trug.»Meinen Glückwunsch«, sagte Mondar. »Walco istals harter Verhandlungspartner bekannt. Wie konntenSie ihn zu dem Kontrakt überreden?«»Ganz einfach. Ich hatte mich gründlich mit derpolitischen Situation auf Newton befaßt, bevor ichihn aufsuchte. Die Stibnit-Minen, die man den Wissenschaftlernabgejagt hatte, waren ein idealer Ansatzpunkt.Ich glaube, Walco war fest entschlossen,die Minen zurückzuerobern, noch bevor ich das Gesprächdarauf brachte.«»Und die Sache mit der Energiestation?«»Sie müssen noch einen Vertreter nach Newtonschicken, aber Sie werden sehen, daß die Wissenschaftlerdas Abkommen mit Freuden unterzeichnen.Sie sind fest entschlossen, sich die Chance nicht entgehenzu lassen. Eigentlich müßte es Ihnen gelingen,die Bedingungen zu diktieren.«»Das kann ich nicht glauben«, sagte Mondar verwirrt.»Wie in aller Welt ist Ihnen das geglückt?«


»Kein Problem«, entgegnete Cletus. »Walco istzwar ein harter Verhandlungspartner, aber nur, wenner sich in der Position des Überlegenen befindet. Alswir den Söldnervertrag abgeschlossen hatten, deuteteich beiläufig an, daß ich auf dem Wege nach Terra sei,um der Allianz die Finanzierung einer Energiestationauf Mara vorzuschlagen. Ich ließ natürlich auch einfließen,welchen Gewinn das auf lange Sicht für dieAllianz bringen würde. Man merkte richtig, wie seineGedanken zu arbeiten begannen.«Der Exote nickte. »Die Wissenschaftler-Kolonie istfür ihren Geiz bekannt.«»Genau. Er schluckte den Köder. Und ich ließ ihnzappeln, um möglichst günstige Bedingungen für Sieherauszuholen. Als ich ging, bettelte er mich geradezuan, die Finanzierung des Projekts übernehmen zudürfen. Ich versprach ihm zögernd, daß ich mit Ihnensprechen würde, bevor ich mich an die Allianzwandte.«»Cletus, Sie sind ein Genie!« lachte Mondar. »Dafürhaben Sie einen Wunsch frei!«»Ich hoffe, die Dorsai und die Exoten halten ohnehinzusammen«, meinte Cletus. »Schließlich haben sieein ähnliches Ziel vor Augen.«Als er acht Tage später auf die Welt der Dorsai zurückkehrte,standen die Söldner für Newton schonbereit. Nur etwa fünfhundert von ihnen gehörten derneu ausgebildeten Truppe an, aber Cletus hoffte, daßer zu seinem Unternehmen ohnehin nicht mehr Leutebenötigen würde.Die Verhandlungen auf Bakhalla und Newton hattenihn doch länger als erwartet aufgehalten, und so


traf er erst eine knappe Stunde vor der Trauungszeremoniein Foralie ein. Hier erfuhr er, daß seine Eileunnötig gewesen war.»Melissa hat es sich anders überlegt«, sagte Eachanhänderingend, nachdem er Cletus in sein Arbeitszimmergebeten hatte. Im Salon warteten die erstenGäste. Auch der Regimentskaplan, der die Trauungvollziehen sollte, war bereits anwesend. »Ich – ichverstehe sie einfach nicht. Vielleicht fühlt sie sich andas Versprechen gebunden, das sie ihrer Mutter gab.«Er seufzte. »Seit sie deCastries kennengelernt hat,spukt ihr der Gedanke im Kopf herum, sie müßtemich auf die Erde zurückholen.«»Wo ist sie im Moment?« fragte Cletus.»Im Sommerhaus drüben.« Eachan warf einen Blickauf den Garten. Ganz am Ende, abgeschirmt von einerSträucherhecke, befand sich ein kleiner Holzpavillon.Cletus überquerte mit raschen Schritten den Rasen.Als ihn Eachan jedoch nicht mehr sehen konnte, boger zur Auffahrt ab, wo er seinen Mietwagen geparkthatte. Er öffnete den Kofferraum, holte in aller Hastden Waffengurt heraus und schnallte ihn um. Dannerst betrat er das Sommerhaus.Melissa stand am Fenster und starrte auf den Seehinaus. Sie drehte sich um, als sie seine Schritte hörte.»Cletus!« murmelte sie. »Dad hat dir Bescheid gesagt?«»Ja.« Er blieb dicht vor ihr stehen. »Du solltestlängst im Haus sein und dich herrichten.«Sie sah ihn verwirrt an. »Aber – hast du noch nichtmit Dad gesprochen?«»Doch.«


»Dann ...« Sie zögerte. »Begreifst du denn nicht,Cletus? Ich kann dich nicht heiraten! Es ist nicht richtig.Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie ist es nichtrichtig.«Cletus sagte nichts. Er schaute sie nur an. Mit einemMal veränderte sich Melissas Miene. »Du willstdoch nicht etwa ...«, flüsterte sie. »Du kannst michnicht zwingen!«»Ich kann dich zumindest zwingen, die Trauungszeremoniemitzumachen.«Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Kein Kaplander Dorsai würde mich gegen meinen Willen trauen.«»Mein Regimentskaplan schon!«»Und du bildest dir ein, mein Vater ließe es zu?«»Ich hoffe es von ganzem Herzen«, entgegnete ermit Nachdruck.Melissa schloß einen Moment lang die Augen. »Dasbringst du nicht fertig«, sagte sie leise. »Niemals. Vaterist dein Freund.«»Und du wirst meine Frau.«Zum ersten Mal schien sie den Waffengurt zu bemerken.»Mein Gott, und ich habe Dow deCastriesimmer für grausam gehalten! Ich gebe einfach keineAntwort, wenn der Kaplan fragt, ob ich dich zumMann nehmen will.«»Sei vernünftig – Eachan zuliebe!«Sie ließ die Arme schlaff herabhängen. Cletus nahmsie am Ellbogen und führte sie durch den Garten zumSalon. Eachan stellte sein Glas ab und eilte ihnen entgegen.»Da seid ihr endlich!« Er warf seiner Tochter einenaufmerksamen Blick zu. »Melly! Was gibt es?«»Nichts«, erwiderte Cletus. »Wir werden heiraten.«


Eachan wandte sich an Melissa. »Stimmt das,Kind?«»Ja«, sagte Cletus. »Der Kaplan soll alles vorbereiten.«Eachan rührte sich nicht von der Stelle. Er mustertedie beiden jungen Leute. Sein Blick blieb an der Waffehängen. »Ich warte immer noch auf deine Antwort,Melissa.«»Es ist gut«, murmelte sie. »Du wolltest doch, daßich Cletus heirate, nicht wahr, Vater?«»Ja.« Eachan holte tief Atem und trat einen Schrittvor, so daß er zwischen Cletus und Melissa stand.»Aber vielleicht habe ich einen Fehler begangen.«Er umklammerte Grahames Hand und versuchte,den Oberst von Melissa wegzudrängen. Cletus faßtenach der Waffe.»Laß los!« sagte er leise zu Eachan.Keiner von ihnen wich. Einen Moment lang schienjede Bewegung im Raum erstarrt.»Nein!« rief Melissa und schob ihren Vater zurSeite. »Dad, was ist los mit dir? Ich dachte, du seistglücklich über unsere Verbindung.«Cletus ließ ihren Ellbogen los, so daß sie einen Augenblickfrei vor Eachan stand.»Melly, ich dachte ...« Eachan schwieg verwirrt.»Was dachtest du, Vater?«»Ich weiß nicht. Ich verstehe dich einfach nicht.«Er nahm sein Glas und trank es in einem Zug leer.Melissa trat zu ihm. Sie schlang ihm kurz die Armeum den Hals und kehrte dann zu Cletus zurück. IhreHand war eiskalt.»Komm«, sagte sie ruhig. »Es wird Zeit.«Von diesem Moment an fand sie keine Ruhe mehr


zum Nachdenken. Erst abends, nachdem die Hochzeitsgästesie zu ihrem neuen Heim geleitet hatten,waren Cletus und Melissa allein. Müde setzte sichMelissa auf die Bettkante. »Was soll jetzt werden?«seufzte sie.Cletus stand vor ihr. »Die Trauung war eine reineFormsache. Wenn du willst, kannst du dich in ein,zwei Jahren wieder scheiden lassen.«»Aber – wozu dann das Theater?«»DeCastries plant in der nächsten Zeit einen Großangriffauf die Kolonieplaneten«, erklärte er. »Ich binsicher, daß er irgendwie versucht hätte, dich auf dieErde zu locken, um Eachan die Hände zu binden.Aber ich brauche Eachan hier. Er ist mein wertvollsterMitarbeiter.«Sie schwieg lange. »Dann hast du mich also nie geliebt?«fragte sie leise.»Darum geht es jetzt nicht.« Mit zusammengepreßtenLippen verließ Cletus das Zimmer.


20.Als Cletus ein paar Tage später in seinem Büro eineListe der Leute durchging, die ihn nach Newton begleitensollten, meldete Arvid einen Besucher an.»Ich glaube, Sie kennen ihn, Sir«, sagte Arvid.»Leutnant William Athyer vom Expeditionskorps derAllianz. Er ist vor kurzem emigriert und zu den Dorsaigestoßen.«»Athyer?« Cletus schob seine Papiere zur Seite.»Schicken Sie ihn herein, Arv!«Arvid verließ den Raum, und kurz darauf tratAthyer ein. Er trug die braune Uniform der Dorsai-Rekruten und die Insignien eines Offiziers auf Probe.»Kommen Sie!« Cletus winkte ihn näher. »Aberschließen Sie bitte die Tür hinter sich!«Athyer gehorchte. »Ich – ich freue mich, Sie wiederzusehen,Sir«, begann er stockend. »Sie hattenwohl nicht mit mir gerechnet ...«»O doch«, widersprach Cletus. Er deutete auf einenfreien Stuhl, und Athyer nahm Platz.»Sehen Sie, Sir, ich hatte in der Bibliothek von BakhallaGelegenheit, eine Menge über Strategie zu lesen,aber irgendwie verstand ich das Zeug nicht, bis – ja,bis ich Ihre Werke in die Hand bekam. Da war dannplötzlich alles sonnenklar. Die Dinge paßten zusammen.Sir, kein Mensch scheint zu merken, was für einenGrundstein Sie mit diesen Büchern legen! Niemandbeachtet sie – dabei werden sie unsere ganzeZukunft bestimmen.«»Das haben Sie herausgefunden?« fragte Cletus lächelnd.»Und nun kommen Sie, um ...«


Athyer schnitt ihm das Wort ab. »Sir, ich bin Ihretwegenzu den Dorsai emigriert. Wäre es irgendwiemöglich, daß ich in Ihrer Nähe bleiben kann? Ich habenoch soviel zu lernen. Oh, ich weiß, daß Sie in Ihremengeren Stab keine Stelle frei haben, aber wenn sicheinmal eine Änderung ergibt ...«»Ich habe wirklich mehr oder weniger mit Ihnengerechnet«, meinte Cletus. »Melden Sie sich beiKommandant Arvid Johnson und bestellen Sie ihm,daß ich Sie als Adjutant angenommen hätte. Sie begleitenmich und die Truppe nach Newton. Ihre Ausbildungkönnen Sie anschließend beenden.«»Sir, vielen Dank!« Athyer strahlte.»Das wäre es also für den Augenblick.« Cletuswandte sich wieder seiner Liste zu. »Sie finden Arvidim Vorzimmer.«Zwei Wochen später landeten die Dorsai auf Newton.Unter den Männern befand sich der frischgebackeneGruppenführer Bill Athyer.»Hoffentlich überschätzen Sie Ihre Truppe nicht,Marschall«, meinte Artur Walco ein wenig spöttisch,als er mit Cletus am Rande des Exerzierplatzes standund die Männer bei ihren Lockerungsübungen beobachtete.Major Swahili hatte das Kommando übernommen.»Dafür kenne ich sie zu genau«, erwiderte Cletusruhig.»Nun, mir soll es recht sein.«Die Sonne hatte den Horizont erreicht, und der Regierungsvorsitzendezog fröstelnd die Schulternhoch. Hier am Rande des Dschungels, der sich vonDebroy bis zu den Stibnit-Minen und der Broza-Stadt


Watershed erstreckte, wehte ein kalter Nordwind.»Zweitausend Mann reichen vielleicht aus, um dieMinen zu erobern«, fuhr er fort. »Aber in unseremVertrag steht ausdrücklich, daß Sie die Minen haltenmüssen, bis die reguläre Streitmacht von Newton Ihnenzu Hilfe kommt – und das kann bis zu drei Tagendauern. Was wollen Sie tun, wenn die Broza-Koloniemit zehntausend Mann angreift?«»Machen Sie sich darüber keine Gedanken! Wir bekommenunser Geld nur, wenn wir den Kontrakt erfüllen.Die Vereinigten Fortschritts-Kolonien habenalso keinen materiellen Schaden zu befürchten.«»Das vielleicht nicht«, gab Walco zu. »Aber meinRuf steht auf dem Spiel.«»Meiner auch«, entgegnete Cletus trocken.Walco zuckte mit den Schultern und ging. Cletussah ihm eine Weile nach, dann schlenderte er zumHauptquartier des Camps, das seine Leute am Randevon Debroy errichtet hatten. Er rief Arvid und Swahilizu sich in den Kartenraum.»Hier«, sagte er und deutete auf die beleuchteteTischplatte. Sie sahen ein Relief des breiten Waldstreifenszwischen Debroy und den Stibnit-Minen. »Walcound seine Leute rechnen sicher damit, daß wir ersteinmal eine Woche herumlungern und gar nichts tun.Die Spione der Broza-Kolonie sollen den gleichenEindruck gewinnen. Aber in Wirklichkeit werden wirkeine Sekunde verschwenden. Major ...«Er wandte sich an Swahili, der aufmerksam dieKarte studierte. Der Schwarze mit dem narbenbedecktenGesicht schaute auf.»Morgen in aller Frühe beginnen wir im Dschungelmit dem Eingewöhnungstraining. Wir dringen dabei


nicht tiefer als fünf Meilen in den Wald ein – das istein gutes Stück von der Grenze entfernt.« Er deuteteauf eine rote Linie, die sich etwa zwanzig Meilen vonDebroy entfernt quer durch den Waldstreifen zog.»Die Männer werden in kleinen Gruppen exerzierenund keine besonderen Leistungen zeigen, so daß siezur Strafe ein Nachttraining absolvieren müssen. DasGanze soll sich, von morgen an gerechnet, über zweibis drei Tage erstrecken. Geben Sie die entsprechendenBefehle an Ihre Offiziere weiter, Major!«»Ich selbst nehme also nicht an der Übung teil?«erkundigte sich Swahili.»Sie kommen mit mir«, erwiderte Cletus. »Dasgleiche gilt für Arvid und ungefähr zweihundert unsererbesten Leute. Wir sondern uns von den anderenab, sobald wir den Dschungel betreten, und gehen inkleinen Gruppen nach Norden. In vier Tagen treffenwir uns dann südlich von Watershed.«»In vier Tagen?« wiederholte Swahili. »Das bedeutetmehr als fünfzig Meilen täglich – zu Fuß durchein unbekanntes Gelände!«»Ich weiß. Deshalb wird der Feind auch kaum annehmen,daß wir es versuchen. Aber wir wissen, daßunsere besten Leute die Strecke schaffen, nicht wahr,Major?«Swahili nickte.»Schön.« Cletus wandte sich vom Kartentisch ab.»Die Einzelheiten arbeiten wir nach dem Abendessenaus. Major, darf ich Ihnen Arvid als Begleiter vorschlagen?Ich selbst nehme Gruppenführer Athyermit.«»In Ordnung, Sir.« Der Schwarze ließ sich sein Erstaunenkaum anmerken. Er hatte zwar Athyer im


Training des öfteren gelobt, aber er wußte, daß derehemalige Allianz-Offizier vor allem auf dem Gebietder autogenen Übungen noch einiges nachzuholenhatte.Arvid dagegen war deutlich gekränkt. Er wartete,bis Swahili den Raum verlassen hatte, dann wandteer sich an Cletus.»Sir ...«, begann er unsicher. »Ich bin doch immernoch Ihr Adjutant?«»Natürlich, Arv.«»Dann verstehe ich nicht, weshalb Athyer mit Ihnennach Watershed geht.«Cletus warf ihm einen kühlen Blick zu. »Kommandant,Sie müssen eines lernen: Wenn ich eine Entscheidungtreffe, haben meine Untergebenen nichtdas Recht, sie anzuzweifeln, weder heute noch in derZukunft!«Arvid sah an ihm vorbei. »Jawohl, Sir.« Damitdrehte er sich um und ging.Cletus seufzte ein wenig, als er sein Quartier aufsuchte.Es fiel ihm nicht leicht, den Diktator zu spielen.Am nächsten Morgen um neun Uhr war er mitGruppenführer Athyer fünf Meilen in den Dschungelvorgedrungen. Swahili händigte ihm ein Kästchenvon der Größe einer Streichholzschachtel aus, das zugleichals Kompaß und Karte diente.»Ist es eingestellt?« fragte Cletus, als er das Miniaturgerätin die Tasche seiner graugrünen Felduniformsteckte.Swahili nickte. »Das Camp dient als Bezugspunkt«,erklärte er.»Gut«, erwiderte Cletus. »Bill und ich machen uns


jetzt auf den Weg. In gut neunzig Stunden sehen wiruns in der Nähe von Watershed wieder.«»Wir werden da sein«, sagte Swahili betont. Er warfAthyer einen fragenden Blick zu, dann drehte er sichum und ging.Cletus nahm das Orientierungskästchen in dieHand, schaltete es ein und wartete, bis die Kompaßnadelauf den Norden ausgerichtet war. Dannklemmte er die winzige Lupe ans Auge. Er sah einReliefbild des Territoriums zwischen Watershed undseiner augenblicklichen Position. Eine rote Linie, indie Karte einprogrammiert, zeigte die Route, die ernehmen sollte. Cletus drückte auf einen Knopf seitlichdes Kästchens. Im Bildausschnitt erschien eineGroßaufnahme der ersten sechs Meilen. Es handeltesich um ein Waldgelände ohne jede Tücken.»Kommen Sie!« sagte er über die Schulter zuAthyer. Er schob das Gerät ein und schlug ein lockeresDauerlauftempo ein.Athyer folgte ihm. Während der ersten beidenStunden bewegten sie sich wortlos durch das Halbdunkeldes Dschungels. Ein dicker Nadelteppich bedeckteden Boden. Nur hin und wieder, in der Nähevon Quellen oder feuchten Kuhlen, breiteten Kriechpflanzenihre dicken, fleischigen Blätter aus.Nach zwei Stunden wechselten sie im Rhythmusvon fünf Minuten zwischen Marsch- und Laufschritt.Am Ende jeder Stunde legten sie eine kurze Ruhepauseein, in der sie versuchten, sich vollkommen zuentspannen.Erst bei Sonnenuntergang hielt Cletus an. Er wählteeine flache Stelle am Fuße eines breiten Baumstamms,warf das Marschgepäck ab und setzte sich. »Zeit zum


Abendessen«, meinte er. »Wie geht es?«»Danke, Sir, sehr gut«, erwiderte Athyer.Cletus warf ihm einen prüfenden Blick zu. Manmerkte dem Neuling die Anstrengung des Tageswirklich kaum an. Sein Atem ging tief und gleichmäßig,und nur auf seiner Stirn standen ein paarSchweißtropfen.Sie holten Konserven heraus und öffneten die Hitzeversiegelung.Während sie aßen, brach die Dunkelheitherein.»In einer halben Stunde geht der erste von Newtonsfünf Monden auf«, sagte Cletus. »Versuchen wirinzwischen zu schlafen!«Sie streckten sich auf dem Nadelteppich aus undschlossen die Augen. Nach wenigen Sekunden hatteCletus den vertrauten Zustand des Schwebens erreicht.Als er die Augen wieder aufschlug, sickerteblasses Mondlicht durch die Baumkronen.»Wir müssen weiter!« sagte er zu Athyer. Wiederschlugen sie ein lockeres Dauerlauftempo ein. EinBlick auf das Orientierungsgerät verriet Cletus, daßsie einunddreißig Meilen zurückgelegt hatten. Währendder nächsten neun Stunden kamen sechsundzwanzigMeilen hinzu. Dann gingen die Monde vonNewton unter, so daß die beiden Männer das Geländenicht mehr genau erkennen konnten. Sie nahmeneine leichte Mahlzeit zu sich und schliefen fünf Stunden.Gegen Mittag des folgenden Tages stießen sie aufein Sumpfgebiet. Lianen, zähe Kriechpflanzen undhalbverdeckte Schlammlöcher behinderten sie. Nacheiner Weile sahen sie sich gezwungen, einen Umwegeinzuschlagen, und so legten sie bis zum Abend ins-


gesamt nur etwa zwanzig Meilen zurück. Grahamewar enttäuscht, denn er hatte gehofft, an diesem Tagdie Hälfte der Strecke zu schaffen. Er wußte, daß sichauf dem letzten Teil Müdigkeit und Erschöpfung bemerkbarmachen würden.Zum Glück sah er auf der Karte, daß die Sumpfzonenach weiteren zwanzig Meilen zu Ende ging.Während der ersten halben Stunde der Dunkelheitnahmen sie ein kurzes Mahl zu sich, dann hetzten sieweiter. Kurz vor Monduntergang hatten sie denSumpf überwunden. Sie legten sich mit bleischwerenGliedern schlafen.Am nächsten Tag wurde das Gelände leichter, aberihre Kräfte begannen nachzulassen. Cletus bewegtesich wie ein Schlafwandler. Er merkte gar nicht, wiesehr er seinen Körper auspumpte. Athyer hingegenwar völlig am Ende. Sein Gesicht wirkte grau undhager, und immer häufiger stolperte er. In dieserNacht dehnte Cletus die Ruhepause auf sechs Stundenaus. Sie liefen sechzehn Meilen, dann legten sieerneut eine sechsstündige Rast ein.Am Morgen erwachten sie mit dem Gefühl, frischund erholt zu sein. Aber schon nach zwei Stundenfühlten sie sich so elend wie vor der letzten Ruhepause.Gegen Mittag zwangen sie sich, einen Teil der Rationenzu essen, aber abends brachten sie keinen Bissenüber die Lippen. Sie tranken an einer Quelle klares,kaltes Wasser und fielen dann in einen tiefenSchlaf. Zwei Stunden später waren sie erneut unterwegs.Im Morgengrauen trennte sie nur ein halbes DutzendMeilen von ihrem Ziel. Aber als sie aufzustehenversuchten, gaben ihre Knie einfach nach. Cletus biß


die Zähne zusammen und zog sich mühsam an einemBaumstamm hoch. Athyer dagegen rührte sich nicht.»Laufen Sie allein weiter!« murmelte er. »Es hatkeinen Zweck.«»Los!« Steif und breitbeinig stand Cletus nebendem früheren Allianz-Leutnant.Athyer schüttelte stumm den Kopf.»Los, Mann! Sie sind ein Dorsai!«Athyer starrte ihn lange wortlos an. »Ich wollte einersein«, sagte er dann erschöpft. »Ich wollte seinwie Sie. Ich wußte, daß ich es nie ganz schaffen würde,aber ...«»Sie schaffen es, wenn Sie den festen Willen zeigen.Stehen Sie jetzt auf!«Athyer zog den Oberkörper hoch, aber er sankwieder zurück.»Sie sind das, was Sie immer sein wollten!« sagteCletus eindringlich. »Achten Sie nicht auf Ihren Körper!Die Muskeln machen von selbst mit, wenn derWille stark genug ist.«Er wartete. Athyer kam mit einem Ruck auf dieKnie, drückte die Beine durch und taumelte auf dennächsten Baum zu. Er warf Cletus einen triumphierendenBlick zu. »Geschafft! Und jetzt?«»Wir gehen weiter, sobald Sie sich etwas kräftigerfühlen.«Vier Stunden später hatten sie den Treffpunkt erreicht.Swahili, Arvid und ein Fünftel der Leute wartetenbereits auf sie. Cletus und Athyer ließen sicheinfach fallen. Sie waren eingeschlafen, bevor ihnendie anderen das Marschgepäck abnehmen konnten.


21.Cletus erwachte am Nachmittag. Er fühlte sich steifund litt unter leichtem Schwindel, aber nach einerkräftigen Mahlzeit erholte er sich rasch. Athyerschlief noch fest.»Insgesamt fehlen noch sechsundzwanzig Leute«,berichtete Swahili. »Alle anderen trafen ein bis zweiStunden nach Ihnen ein.«Cletus nickte. »Sehr gut. Dann sind sie bei Anbruchder Dämmerung wieder einsatzbereit. Aber zuallererstbenötigen wir jetzt ein Fahrzeug.«Und so kam es, daß ein Lastwagenfahrer auf derDschungelstraße nach Watershed plötzlich ein halbesDutzend Männer in graugrünen Uniformen vor sichauftauchen sah. Sie trugen Waffen und hatten an dielinke Brusttasche das blauweiße Emblem der VereinigtenFortschritts-Kolonien geheftet. Ihr Anführer,ein hochgewachsener Bursche mit einem Kranz vonSternen auf den Schulterklappen, trat an die Tür undöffnete sie.»Steigen Sie aus!« sagte er knapp. »Wir brauchenIhren Wagen!«Zwei Stunden später, kurz vor Sonnenuntergang,hielt der gleiche Lastwagen vor der kleinen Polizeistationder Minenstadt. Die Männer betraten das Gebäude.Gleich darauf heulten die Feuersirenen aufdem Dach der Station los. Erschrocken liefen die Bürgerauf die Straßen – und mußten erkennen, daß derOrt von feindlichen Truppen umstellt war.»Sie haben den Verstand verloren! Damit kommenSie niemals durch«, tobte der Manager der Stibnit-


Minen, den man zusammen mit dem Bürgermeisterund dem Polizeichef zu Cletus gebracht hatte. »BrozaCity liegt zwei Wegstunden von hier entfernt. Sobaldman entdeckt, daß Sie hier eingedrungen sind ...«»Das weiß man bereits«, unterbrach ihn Cletustrocken. »Ich war so frei und habe den Polizeisenderbenutzt, um durchzugeben, daß wir die Minen besetzthalten.«Der Manager starrte ihn an. »Glauben Sie im Ernst,daß Sie mit fünfhundert Mann zwei Divisionenstandhalten können?«»Das soll nicht Ihre Sorge sein«, meinte Cletus.»Von Ihnen und den beiden anderen Herren erwarteich lediglich, daß Sie die Zivilbevölkerung zur Besonnenheitmahnen. Die Leute haben nichts zu befürchten,wenn sie in ihren Häusern bleiben.«Es dauerte in der Tat nicht lange, bis die erstenTruppen eingeflogen und in einem dichten Ring umWatershed abgesetzt wurden. Während der Nachterhielten sie Verstärkung durch Panzer und Artillerie-Einheiten.Im Morgengrauen hatte sich nach Grahamesund Swahilis Schätzung eine ganze Divisionim Dschungel vor der Minenstadt verteilt.Swahili, der vom höchsten Gebäude des Ortes denWald beobachtete, gab den Feldstecher an Cletusweiter. »Ich nehme an, daß sie auf die schweren Waffenverzichten werden, um die Zivilbevölkerung zuschonen. Das bedeutet, daß sie zu Fuß kommen. Ichrechne in den nächsten Stunden mit einem Angriff.«»Ich nicht«, widersprach Cletus. »Meiner Ansichtnach werden sie es zuerst mit einem Unterhändlerversuchen.«Er behielt recht. Während der nächsten drei Stun-


den geschah gar nichts. Dann, gegen Mittag, tauchteaus dem Schatten des Dschungels ein Kommandowagenmit weißer Flagge auf. Dorsai-Söldner geleitetenihn zur Polizeistation. Ein schmächtiger, kahlköpfigerGeneral und ein jüngerer Oberst betratendas Gebäude. Cletus empfing sie im Büro des Polizeichefs.»Ich bin gekommen, um Ihnen meine Kapitulationsbedingungenvorzutragen, äh ...« Der Generalwarf einen ratlosen Blick auf Grahames Insignien.»Marschall«, half ihm Cletus. »Marschall CletusGrahame von den Dorsai-Welten. Wir haben seit kurzemeine neue Organisation.«»Oh? General James Van Dassel. Und hier meinBegleiter-Oberst Morton Offer. Also, die Kapitulation...«»Ich glaube, Sie wissen sehr gut, daß eine Kapitulationüberhaupt nicht zur Debatte steht«, unterbrachihn Cletus.»Nein?« Der General zog die Augenbrauen hoch.»Vielleicht sollte ich Ihnen verraten, daß der Ort voneiner Division schwerbewaffneter Soldaten umstelltist.«»Vielleicht sollte ich Ihnen verraten, daß Sie einBlutbad unter den Zivilisten anrichten, wenn Sie dieseWaffen einsetzen. Legen wir die Karten auf denTisch, General! Ich habe Sie empfangen, um Ihnenunsere nächsten Schritte mitzuteilen. Wie Sie zweifelloswissen, wurden die Stibnit-Minen von den VereinigtenFortschritts-Kolonien gekauft und rechtmäßigausgebeutet. Das hat der internationale Gerichtshofvon Newton bestätigt – auch wenn die Brozanerdas Urteil ignorieren. Ich habe die VFK bereits unter-


ichtet, daß sich die Minen wieder in ihrem Besitz befinden.Soviel ich gehört habe, treffen die ersten regulärenTruppen gegen achtzehn Uhr hier ein, ummeine Leute abzulösen und das Gebiet zu besetzen...«»Sind Sie sicher, daß ich diese Truppen passierenlasse?« fragte Van Dassel sanft.»Wie bereits erwähnt – die Behandlung der Zivilistenhängt vom Verhalten Ihrer Leute ab«, erwiderteCletus mit einem Achselzucken.Van Dassel und sein Begleiter verließen stumm diePolizeistation. Swahili sah ihnen skeptisch nach.»Und wenn er angreift, bevor die Ersatztruppenhier eintreffen?« gab der Schwarze zu bedenken.»Er wird sich hüten«, sagte Cletus. »Seine Lage istohnehin nicht rosig. Die Politiker der Broza-Koloniewollen sicher genau wissen, weshalb das Militär eszuließ, daß wir die Minen eroberten. Vielleicht nimmtder General diese Hürde – aber nur, wenn keinem derEinheimischen ein Haar gekrümmt wird. Van Dasselweiß das ebensogut wie ich. Vermutlich läßt er sichauf kein Risiko ein.«General Van Dassel unternahm tatsächlich nichts.Als die Streitmacht der Fortschritts-Kolonien einrückte,befanden sich seine Truppen bereits auf demRückmarsch.»Eine großartige Leistung«, sagte Walco, der mitdem letzten Truppenkontingent nach Watershedkam. »Wer hätte geglaubt, daß Sie in so kurzer ZeitOrdnung schaffen würden? Wann wollen Sie Newtonverlassen?«»Sobald wir unseren Sold erhalten haben«, meinteCletus.


»Das dachte ich mir.« Walco lächelte ein wenig gequält.»Ich habe bereits alles Nötige veranlaßt.«Er legte seine Aktentasche auf den Tisch undreichte Cletus das Entlassungsformular zur Unterschrift.Währenddessen stellte er einen Scheck aus.Cletus warf einen Blick auf die Summe und schüttelteden Kopf. »Das ist nicht einmal die Hälfte desvereinbarten Geldes.«Walco blieb freundlich. »Gewiß, aber wir dachten,die Kampagne würde etwa ein Vierteljahr dauern. Siehaben das Ziel in einer Woche erreicht und dabei nureinen Bruchteil Ihrer Söldner eingesetzt. Wir sind ohnehingroßzügig und bezahlen einen Monat voll aus –Kampfsold für fünfhundert Leute, Garnisonssold fürden Rest.«Cletus sah ihn an. Das Lächeln des Regierungsvorsitzendenschwand.»Sie kennen die Abmachung ebenso genau wieich«, sagte Cletus leise. »Bei Mißlingen der Aktionhätten wir überhaupt keine Entschädigung erhalten.Wir haben Ihnen die Minen zurückerobert. Das wardie Grundlage des Vertrages. Ich verlange den vollenVierteljahressold für meine ganze Truppe.«»Kommt nicht in Frage«, lehnte Walco ab.»Ist Ihnen klar, daß sich die Zivilbevölkerung vonWatershed in meiner Hand befindet?«Walco preßte die Lippen zusammen. »Sie würdenes niemals wagen, Zivilisten etwas anzutun!«»General Van Dassel war da anderer Meinung.Deshalb zog er seine Streitmacht zurück.«Seufzend zerriß der Regierungsvorsitzende denScheck und stellte einen neuen aus. Dann verließ ermit gebeugten Schultern die Polizeistation der Mi-


nenstadt und begab sich zu seiner Maschine.Cletus wandte sich vom Fenster ab. Sein Blick fielauf Arvid, der neben dem Schreibtisch stand.»Ah, gut, daß Sie hier sind«, sagte er. »Arv, BillAthyer möchte sich mit meinen Taktik- und Strategiemethodennäher vertraut machen. Deshalb setzeich ihn zu meinem Adjutanten ein, sobald wir wiederauf den Dorsai-Welten sind. Sie übernehmen einKommando. Es wird ohnehin Zeit, daß Sie IhreKampferfahrung ein wenig auffrischen.«Ohne Arvids Antwort abzuwarten, verließ er denRaum.


22.»Ihre Preise sind Wucher«, sagte James, der Ältesteder Ersten Militanten Kirche von Harmonie und Association– auch die Lieblichen Welten genannt.Der »Arm des Herrn«, wie der offizielle Titel desÄltesten lautete, war ein Mann in mittleren Jahren,mit schütterem grauen Haar und einer schmächtigenGestalt. Auf den ersten Blick wirkte er harmlos, aberseine stechenden Augen und die leidenschaftlicheStimme zerstörten diesen Eindruck rasch. James gehörtezu den Menschen, die von einem inneren Feuerverzehrt wurden.»Ich weiß, daß Sie nicht die Mittel besitzen, ummeine Söldner einzusetzen«, sagte Cletus. »Im Gegenteil,ich wollte einen Teil Ihrer jungen Leute fürmeine Armee anwerben.«»Unser Nachwuchs soll in den sündigen Kriegender Gottlosen verbluten?« fuhr James auf. »Niemals!«»Keine Ihrer Kolonien auf Harmonie oder Associationist besonders hoch entwickelt«, gab Cletus zubedenken. »Die Militante Kirche hat zwar eine breiteAnhängerschar, aber ihr fehlt das Geld zum Aufbaueiner vernünftigen Industrie, die ihr die Unabhängigkeitvon anderen Mächten geben würde. Wenn Sieeinen Teil Ihrer jungen Leute zu uns schicken ...«Die Augen des Ältesten glitzerten. »Was bezahlenSie?« fragte er knapp.»Den Standardlohn.«»Ah, und für Ihre Dorsai verlangen Sie das Dreifache?«»Die Dorsai besitzen eine Spezialausbildung und


haben durch eine Reihe von Siegen gezeigt, daß sie zukämpfen verstehen. Ihre Leute können nichts dergleichenvorweisen. Sie sind nur das wert, was ich bezahle.Andererseits verlange ich auch nicht viel vonihnen. Ich benötige sie in erster Linie für Ablenkungsmanöver– wie die Fallschirmeinheiten bei unseremSieg auf Freiland ...«Die Eroberung von Margaretha auf Freiland bildeteden vorläufigen Schlußpunkt einer Serie von unblutigenSiegen, die Cletus mit seinen Söldnern auf den Kolonieweltenerrungen hatte. Mehr als ein Jahr war seitder Einnahme der Stibnit-Minen auf Newton vergangen,und in dieser Zeit hatten die Dorsai auf Cassida,St. Marie, Freiland und der Neuen Erde gekämpft.James wußte das natürlich, und er wußte auch, daßder Vorschlag des Marschalls einiges für sich hatte.Als Cletus ihn verließ, stand sein Entschluß beinahefest – doch das gab er nicht zu.Cletus begab sich mit einem Linienschiff zur NeuenErde, dem Schwesterplaneten von Freiland im Sirius-System. Marcus Dodds, der ehemalige Stellvertretervon Eachan Khan, holte ihn am Raumhafen ab undbrachte ihn nach Adonyer, der Hauptstadt derBreatha-Kolonie. Die Miene des Kommandantendrückte Besorgnis aus.»Spainville hat sich mit vier der fünf Stadtstaatenverbündet«, berichtete er. »Sie nennen sich das Kombinatund besitzen eine Armee von mehr als zwanzigtausendMann. Zudem rechnen sie mit unseremAngriff. Eine Überraschung wird uns diesmal kaumgelingen. Und die fünftausend Leute, die wir hierstationiert haben, reichen nicht aus, um den Gegnerzu besiegen.«


»Hm – und was schlagen Sie vor?«»Daß wir aussteigen«, sagte Marcus Dodds entschieden.»Wir haben keine andere Wahl. Sie könnensich darauf berufen, daß sich die Situation seit Vertragsabschlußgeändert hat. Mag sein, daß Breathaprotestiert, aber jede vernünftige Nation wird unsrecht geben ...«»Nein.« Cletus schüttelte den Kopf. »Wenn wir ersteinmal anfangen, Verträge zu brechen, vertraut unskein Mensch mehr.«Er trat an die Karte und studierte die ausgedehnteEbene, die Breatha mit fünf anderen Kolonien teilte.Breatha, das einen schmalen Korridor zur Küste besaß,lag praktisch inmitten von Feindesland. Ursprünglichein Industriezentrum, hatte es die umliegendenlandwirtschaftlich orientierten Kolonien mit Fertiggüternbeliefert und dafür Farmprodukte erhalten.Aber inzwischen war ein heftiger Konkurrenzkampfmit den Nachbarstaaten entbrannt, der sogar dazuführte, daß Spainville, die größte Kolonie, einen eigenenRaumhafen in Armoy errichtete. Die Politikervon Breatha hatten sich an die Dorsai gewandt, weilsie befürchteten, daß Spainville den Küstenstreifenannektieren und sie damit völlig einschnüren würde.»Wenn der Feind andererseits den Eindruck gewinnt,daß wir noch mehr Söldner herholen«, fuhrCletus fort, »ist das fast so gut wie eine echte Verstärkung.«»Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?« fragteDodds skeptisch.»Das muß ich mir noch überlegen.« Cletus lächelte.»Jedenfalls mache ich erst einmal einen kurzen Abstecherauf die Dorsai-Welten.«


Am gleichen Abend ging Cletus an Bord eines Linienschiffes,und drei Tage später traf er in Foralieein. Melissa empfing ihn mit unverhohlener Freude.Ihr Verhältnis hatte sich nach der erzwungenen Heiratrasch gebessert, und seit der Geburt ihres Sohnesvor drei Monaten standen sie sich näher als je zuvor.Dagegen hatte Cletus den Eindruck, daß ihnEachan kühl und distanziert wie einen Fremden begrüßte.Sobald sich Melissa mit dem Baby zurückgezogenhatte, holte Eachan seinen Schwiegersohn insArbeitszimmer und reichte ihm eine Reihe von Zeitungsausschnitten.»Sieh dir das mal an!«Cletus überflog die Artikel. Sie beschäftigten sichalle mit ihm und seinen Dorsai, und sie waren inscharfer Form abgefaßt, ob sie nun von Nationen derAllianz oder der Koalition stammten.»Nun?« fragte Eachan, als Cletus schließlich aufschaute.»Wenn du nicht achtgibst, ziehen die beidengrößten Mächte der Erde gemeinsam gegen dich los.«»Das erwarte ich sogar«, entgegnete Cletus ruhig.»Was?«»Gewiß – ich hatte es von Anfang an eingeplant.Aber lassen wir das Thema im Moment! Ich bin hergekommen,um ein paar wichtige Dinge zu erledigen.Unsere Feinde auf der Neuen Erde sollen den Eindruckgewinnen, daß ich eine zweite Dorsai-Divisionnach Breatha verschiffe. Dazu benötige ich zweiRaumfrachter ...«»Ich war noch nicht am Ende«, unterbrach ihnEachan. »Wußtest du, daß du Swahili verlierst?«Cletus zog die Stirn kraus. »Nein«, murmelte er.»Aber es überrascht mich nicht.«Eachan öffnete eine Schreibtischschublade und


eichte Cletus ein Entlassungsgesuch. Es trug dieUnterschrift von Swahili.»Ich werde mich mit ihm unterhalten«, sagte Cletus.»Bitte.« Eachan zuckte mit den Schultern. »Aber ichglaube nicht, daß es etwas nützen wird.«Am Tag darauf trafen sich die beiden Männer zueiner Aussprache. Swahili, der den Rang eines Generalserreicht hatte, wirkte in seiner dunkelblauenAusgehuniform imposanter als je zuvor.»Schade, daß Sie uns verlassen«, sagte Cletus. »Ichnehme an, Sie lassen sich nicht mehr umstimmen?«»Nein, Marschall«, erwiderte Swahili. »Sie verstehenmeinen Schritt?«»Ich glaube schon. Sie sind ein Killer, auch wennSie davor die Augen verschließen.«»Das stimmt nicht, Grahame. Das Töten alleinmacht mir keinen Spaß. Ich liebe den Kampf. Oh, ichmöchte weder verwundet werden noch fallen. Wenndie Strahlen der Energiewaffen loszischen, habe ichein hohles Gefühl im Magen wie jeder andere. Aberdas gehört dazu. Wir leben in einem dreckigen Universum,und hin und wieder bekommt man dieChance, ihm eins auszuwischen. Das ist alles. Wennich am Morgen wüßte, daß ich noch am gleichen Tagabkratzen muß, würde ich dennoch losziehen – weilich mir nichts Schöneres vorstellen kann, als in demMoment zu sterben, in dem ich dem Universum eineverpasse.«Er schwieg einen Moment und sah Cletus an.»Und diese Elemente haben Sie dem Kampf genommen.Deshalb gehe ich. Vielleicht finde ich anderswodas, was ich suche.«


Cletus reichte ihm die Hand. »Viel Glück.«»Ihnen auch«, erwiderte Swahili. »Sie werden esbrauchen. Letzten Endes hat die bloße Faust immernoch mehr erreicht als die Samthand.«»Wir werden sehen«, sagte Cletus.


23.Eine Woche später flogen zwei Frachter von den Dorsai-Weltenauf die Neue Erde. Die Besatzung hatteden strikten Befehl erhalten, in ihren Kabinen zu bleiben,während die Truppenverladung stattfand. Sokonnten die Männer später nur aussagen, daß siestundenlang das Trampeln schwerer Stiefel gehörthätten. Agenten des Kombinats beobachteten, daß dieLandefähren in einem dichten Waldgebiet nahe derGrenze von Spainville aufsetzten. Als sie sich näherheranschleichen wollten, wurden sie von einemdichten Kordon Dorsai-Soldaten zurückgedrängt. Soberichteten sie, daß man ihrer Schätzung nach an diefünftausend Mann neu nach Breatha gebracht hatte.General Lu May, der Kommandant der Kombinatstruppen,knurrte nur, als man ihm die Nachrichtübermittelte.»Sieht diesem Grahame ähnlich!« meinte er geringschätzig.Er war über siebzig und befand sich längstim Ruhestand, aber bei Ausbruch der Unruhen hatteihn die Regierung gebeten, noch einmal das Kommandozu übernehmen. »Möchte uns weismachen,daß er von zwei Seiten angreift! Wetten, daß er diebeiden Truppenverbände bei der nächstbesten Gelegenheitvereint und dann losschlägt? Nun, auf dieseTricks falle ich nicht herein!«Er kicherte. Der Gedanke, daß er diesem unverschämtenGrünschnabel von seinem bequemen Sesselaus eine Lektion erteilen würde, erheiterte ihn ungemein.Er befahl, daß man die Zufahrten nach Spainvilleverminen und die Stadt selbst mit einem dichten


Ring von Energiewaffen schützen sollte. Das alleinwürde genügen, um die Dorsai zurückzuhalten.Inzwischen hatten sich Grahames Streitkräfte inBewegung gesetzt. Schwere Luftkissenfahrzeuge undPrivatlastwagen überquerten in einem langen Konvoidie Grenze und fuhren in Richtung Armoy, wo sichder neue Raumhafen befand. Man konnte erkennen,daß die Gefährte von Dorsai gesteuert wurden.»Ruhe bewahren!« erwiderte Lu May auf die Botschaftender aufgescheuchten Bevölkerung. Er selbstbeobachtete vom Schreibtisch aus, wie Grahameszweite Truppe die Grenze überquerte und auf Spainvillezukam. Die Söldner marschierten an der Stadtvorbei, formierten sich zu einem lockeren Halbkreisund kehrten dann um. Gleichzeitig bog die Streitmacht,die Armoy bedroht hatte, von ihrem ursprünglichenZiel ab und näherte sich ebenfallsSpainville. Zwei Tage später war der Ort völlig eingekreist.Lu May kicherte und klatschte sich auf die fettenSchenkel. Aber auch im feindlichen Hauptquartierherrschte Schadenfreude. Kanzler Ad Reyes, der Regierungsvertreterder Breatha-Kolonie, rieb sich dieHände.»Famos, Marschall!« rief er. »Es ist uns geglückt,sämtliche Kombinatstruppen in Spainville einzusperren!«»Das haben Sie General Lu May zu verdanken undnicht mir«, entgegnete Cletus trocken. »So günstigbeurteile ich unsere Lage gar nicht. Der Feind befindetsich in einer geschützten Position und ist weit inder Überzahl. Meine Dorsai können in dieser Situationihre größere Mobilität nicht zum Einsatz bringen.«


»Aber Sie müssen die Stadt doch nicht stürmen!«widersprach Reyes. »Es genügt, wenn Sie Lu Mayund seine Leute aushungern.«»Selbst ein miserabler General hätte Vorräte herbeigeschafft.Und Lu May versteht etwas von seinemHandwerk.«»Heißt das, daß Sie sich weigern, Spainville zu belagern?«»Im Moment nicht«, erklärte Cletus. »Noch paßtdie Belagerung zu meiner Taktik. Aber darf ich Siedaran erinnern, daß ich diese Kampagne leite? Das istvertraglich festgelegt.« Er nahm an seinem SchreibtischPlatz. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigenkönnten – ich habe noch eine Menge Arbeit zu erledigen.«Reyes zögerte einen Moment, dann drehte er sichum und verließ den Raum.Die Belagerung von Spainville zog sich drei Wochenhin. Dann schien Cletus die Geduld zu verlieren.Er erteilte neue Befehle, die sofort Kanzler Ad Reyesauf den Plan riefen.»Sie – Sie ziehen die Hälfte der Truppen ab undgreifen damit den Raumhafen von Armoy an!« beganner empört.Cletus schaute von seinem Schreibtisch auf. »Ah,Sie haben davon gehört?«»Nicht nur das!« Reyes trat dicht vor Cletus hin.»Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie die Wagenkolonnein Richtung Armoy abrollte! Oder sollteich mich da getäuscht haben?«»Nein«, sagte Cletus liebenswürdig. »Allem Anscheinnach hat die Belagerung von Spainville keinenSinn mehr. Ich hebe sie daher auf und versuche den


Raumhafen zu erobern. Die restlichen Truppen ziehenin vierundzwanzig Stunden ab.«»Was – was heißt das? Hat das Kombinat Sie etwabestochen ...?« Ad Reyes schwieg erschrocken, dennCletus war mit einem Ruck aufgestanden.»Werfen Sie mir Vertragsbruch oder gar Verratvor?« fragte Grahame mit eisiger Stimme.»Nein, das nicht – ich meine nur ...«, stammelteReyes.»Dann seien Sie in Zukunft vorsichtiger mit IhrenAnschuldigungen«, fuhr Cletus fort. »Wir Dorsai sindes gewohnt, Wort zu halten. Im übrigen erinnere ichSie ein letztes Mal daran, daß ich allein diesen Feldzugleite!«»Jawohl, ich ...« Reyes floh geradezu aus demHauptquartier.Am nächsten Morgen, kurz vor Sonnenaufgang,setzten sich die übrigen Dorsai in Bewegung. Nur ihreFlugzeuge kreisten noch über Spainville, um diefeindlichen Aufklärer vom Start abzuhalten.Erst gegen Mittag merkten die Posten der Stadt,daß die Stellungen der Dorsai verlassen waren. Manbrachte Lu May die Kunde, und der alte Generalführte einen Freudentanz auf.»Damit hat er sich sein eigenes Grab geschaufelt!«triumphierte er.»Aber – wie meinen Sie das, Sir?« fragte der Oberst,der ihm die Neuigkeit gemeldet hatte.»Was versteht ihr Jungen schon vom Krieg!« LuMay schlüpfte ächzend in seine Uniform. »Grahamehat sich entschlossen, Armoy City zu erobern!«»Ja, sicher, aber ...«»Er mußte einsehen, daß es keinen Zweck hat,


Spainville zu erobern. Begreifen Sie denn nicht, SieSchwachkopf? Er merkt, daß er seinen Kontrakt nichteinhalten kann, und versucht, sich nun möglichst ehrenvollaus der Affäre zu ziehen. Wenn er wenigstensden Raumhafen gewinnt ...«»Aber wir brauchen den Raumhafen, Sir!« fiel ihmder Oberst ins Wort.»Was Sie nicht sagen!« Lu May schnallte den Waffengurtum und watschelte kurzatmig zur Tür.»Wenn wir uns beeilen, erwischen wir diese Dorsai inArmoy City. Sie haben keine Vorräte und werden einerBelagerung nicht lange standhalten ...«Der General erteilte seine Befehle. Die Energiewaffenwurden von den Perimeterstellungen weggeholtund auf Lastwagen verfrachtet. Die Truppen formiertensich in gewohnter Marschordnung. Kurz danacherfolgte der Aufbruch. Lu May hielt es für klug,seine Leute zur Eile anzutreiben. Die schweren Armeelasterfuhren Tag und Nacht durch, immer aufder Spur der Dorsai. Erst als die Männer am Steuereinzuschlafen drohten, ließ Lu May anhalten und einLager aufschlagen.Seine Leute befanden sich im tiefsten Schlaf, als sievon einer Reihe dumpfer Detonationen aufgeschrecktwurden. Zu ihrem Entsetzen erkannten sie, daß dieWagen mit den Energiewaffen in Flammen standen.Dorsai-Söldner in dunklen Uniformen hatten dasCamp umstellt. Bevor die übermüdeten Soldaten zurBesinnung kamen, waren sie entwaffnet.General Lu May blinzelte Grahame, der sein Zeltbetreten hatte, verwirrt an. »Aber – aber ihr seid dochvor uns!« stammelte er.»Das ist der große Irrtum. Vor euch befindet sich


ein Konvoi mit leeren Lastwagen. Wir haben das Lagerumzingelt. Wollen Sie sich nicht ergeben, General?«Lu May erhob sich mühsam von seinem Feldbett.Mit einem Mal wirkte er sehr alt und hilflos. Er gabseinen Leuten den Befehl zur Kapitulation.Kurz darauf suchte Cletus Kanzler Ad Reyes auf.»Sir, Sie können Ihrem Volk mitteilen, daß sich dieKombinats-Armee in unserer Gewalt befindet ...«In diesem Moment betrat Athyer das Zelt undreichte ihm einen gelben Umschlag. »Von GeneralKhan, Sir«, sagte er. »Man hat die Botschaft vonAdonyer nach hierher weitergeleitet.«Cletus öffnete den Brief und las:Allianz- und Koalitionstruppen zu einem »Friedenskorps«vereint. Dow deCastries Oberkommandeur.Angriff auf Bakhalla vorerst abgewehrt.Cletus schob die Nachricht in eine Tasche seinerUniform und wandte sich an Reyes:»Lassen Sie sofort die regulären Truppen vonBreatha hierherkommen. Sie müssen die Gefangenenin etwa vierundzwanzig Stunden übernehmen. MeineLeute und ich werden dringend auf den Dorsai-Welten gebraucht.«Reyes starrte ihn verwirrt an. »Aber die Siegesparade...«, begann er unsicher.»Vierundzwanzig Stunden«, unterbrach ihn Cletusund verließ das Zelt.


24.Sofort nach seiner Landung auf den Dorsai-Weltenrief Cletus Major Arvid Johnson an und bestellte ihnnach Foralie. Dann nahm er ein Luftkissen-Taxi undbefahl Bill Athyer, alles aus dem Fahrzeug herauszuholen.Melissa, Eachan und Arvid erwarteten ihn bereits.Nach einer hastigen Begrüßung bat er die Männer insein Arbeitszimmer.»Wie liegen die Dinge im Moment?« fragte er seinenSchwiegervater, während er am SchreibtischPlatz nahm.»DeCastries wurde offenbar schon vor einigen Monatenals Oberkommandeur des Friedenskorps eingesetzt«,berichtete Eachan. »Man hielt die Ernennungbis zuletzt geheim, um das Volk nicht vor den Kopfzu stoßen. Übrigens, draußen wartet Artur Walco aufdich. Er scheint als erster Schwierigkeiten mit denvereinten Truppen von Koalition und Allianz zu haben.«Cletus nickte. »Auf den Kolonien werden jetztüberall zugleich Kämpfe ausbrechen. Sag bitte Walco,daß ich morgen mit ihm spreche. Zunächst gibt eswichtigere Dinge zu regeln.«Er wandte sich an Major Johnson. »Arvid, wenn esbei den Dorsai Medaillen gäbe, hätten Sie sich eineverdient. Ich hoffe, Sie können mir irgendwann verzeihen,daß ich ein so übles Spiel mit Ihnen trieb. Ichließ Sie absichtlich bei dem Glauben, daß ich Sie abgeschobenhätte ...«»Warum, Sir?« fragte Arvid ruhig.


»Weil Sie erwachsen werden mußten, mein Junge!«Und in der Tat, Arvid wirkte um Jahre gealtert.Sein Gesicht war von Wind und Sonne gegerbt, undin seiner blonden Mähne zeigten sich die ersten weißenSträhnen. Seine ehemals schlaksige Haltung hattesich gewandelt. Er schien Muskeln aus Stahl zu besitzen,und wenn er sich bewegte, erinnerte er an einRaubtier.»Das erleichtert mich, Sir«, sagte er leise. »WelcheAufgabe haben Sie mir zugedacht?«»Sie sollen eine Welt verteidigen«, erklärte Cletus.»Von heute an stehen Sie im Rang eines Vize-Marschalls.« Er sah sich nach Athyer um, der ein wenigschüchtern in einer Ecke des Raumes wartete.»Bill, auch Ihnen habe ich eine neue Stelle zugedacht.Sie erhalten den Titel eines Koordinators.«Eachan musterte seinen Schwiegersohn mit einigerVerwirrung. »Koordinator?« murmelte er.Cletus nickte. »Marschall, Vize-Marschall und Koordinatorbilden in Zukunft das Generalkommando.Der Koordinator ist der theoretische Stratege, der Vize-Marschallder Taktiker auf dem Schlachtfeld. Zuerstarbeitet der Koordinator einen Angriffsplan aus.Darin hat er völlig freie Hand. Verstehen Sie mich,Bill?«»Jawohl, Sir.«»Der Vize-Marschall übernimmt diesen Plan undsetzt ihn in die Praxis um. Dabei steht es ihm frei,Einzelheiten entsprechend der jeweiligen Situation zuverändern. Arv?«»Ich habe begriffen, Sir.«»Gut. Dann beginnen Sie und Bill sofort mit derneuen Arbeit. Die Welt, die ich Ihnen übergebe, ist


der Planet der Dorsai – und Ihre erste Streitmachtwird aus Frauen und Kindern, Alten und Krankenbestehen.« Er lächelte ein wenig. »Also los, ihr beiden!Wir haben keine Sekunde zu verlieren.«Johnson und Athyer reichten einander die Hand.Dann verließen sie gemeinsam den Raum. Als sichdie Tür hinter ihnen geschlossen hatte, merkte Cletuserst, wie erschöpft er war. Er trug immer noch seinenKampfanzug. Einen Moment lang hielt er sich an derTischkante fest. Eachan trat neben ihn und stützteihn.»Es geht gleich wieder«, murmelte Cletus. »Ich binnur todmüde. Wenn du mich nach oben begleitenkönntest ...«Eachan brachte ihn zu seinem Schlafzimmer, undCletus ließ sich auf das Bett fallen, ohne auch nur dieStiefel auszuziehen. Er war im Nu eingeschlafen.Kurz vor Sonnenuntergang erwachte er, nahm einBad und aß eine Kleinigkeit. Dann schloß er sich mitEachan in seinem Büro ein und ging die Berge vonPapierkram durch, die sich während seiner Abwesenheitangesammelt hatten. Die beiden Männer arbeitetenbis zum Morgengrauen.Das Gespräch, das Cletus am Tag darauf mit demRegierungschef der Wissenschaftler-Kolonie führte,war kurz und hart.»In unserem Kontrakt stand nur, daß wir die Stibnit-Minenzurückerobern und an Ihre Truppen übergebensollten«, erinnerte er Walco. »Alles Weiterewar Ihre Angelegenheit.«»Wir schlossen ein Abkommen mit der Broza-Kolonie«, sagte Walco verbittert. »Aber jetzt, da ihnendas Friedenskorps fünfzehntausend Mann zur Verfü-


gung gestellt hat, behaupten sie plötzlich, das Abkommensei unter Druck entstanden.«»Und stimmt das nicht?«»Vertrag ist Vertrag. Ich bin hergekommen, weilich Ihre Söldner benötige.«Cletus schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, im Momentsind sämtliche verfügbaren Leute im Einsatz. Ichselbst habe auch keine Zeit, nach Newton zu fliegen.«Walcos Miene verfinsterte sich. »Ich finde, Sie habendie moralische Pflicht, uns zu helfen!«»Moral!« entgegnete Cletus heftig. »Sie haben dieMinen zwar mit Ihrem Geld und Ihren Technikern erschlossen,aber das konnten Sie nur, weil die Brozanerzu arm waren, um es selbst zu tun. Sie besitzenvielleicht finanzielle Ansprüche, doch das moralischeRecht liegt bei den Brozanern ...« Er unterbrach sich.»Entschuldigen Sie, ich bin ein wenig überarbeitet.Diese Dinge gehen mich nichts an. Aber es bleibt dabei,daß ich Ihnen im Moment keine größere Streitmachtzur Verfügung stellen kann. Wenn Sie wollen,schicke ich ein paar Offiziere nach Newton, die dasKommando über Ihre Truppen führen und die militärischenEntscheidungen treffen ...«Walco zuckte mit den Schultern. »Das ist wenigerals nichts.«»Die Entscheidung liegt bei Ihnen.«Der Regierungschef der Wissenschaftler-Kolonienüberlegte einen Moment. »Also gut«, sagte er beinahedemütig. »Ich nehme die Offiziere.«»In Ordnung. Oberst Khan wird den Vertrag vorbereiten.In zwei Tagen ist alles bereit. Wenn Sie michnun entschuldigen könnten ...«Walco ging. Cletus rief David Ap Morgan zu sich


und übertrug ihm das Kommando über die Truppender Vereinigten Fortschritts-Kolonien.»Was erwarten Sie von mir?« fragte der ehemaligeVertraute Eachan Khans.»Ich gebe Ihnen zwölfhundertfünfzig Mann mit,die sämtliche einheimischen Offiziere ersetzen sollen.Der Kontrakt sieht vor, daß Sie das Oberkommandohaben. Lassen Sie es sich unter keinen Umständenentreißen! Wenn Walco Ihnen dreinreden möchte,drohen Sie mit dem Abzug.«David nickte. »Wird gemacht, Sir. Irgendwelchekonkreten Pläne?«»Achten Sie nur darauf, daß die Truppen in keinegrößeren Kämpfe verwickelt werden«, riet ihm Cletus.»Führen Sie mehr oder weniger einen Guerillakrieg.Der Feind soll in ständige Unruhe versetztwerden. Vernichten Sie vor allem die Vorräte und dietechnische Ausrüstung.«Wieder nickte David.»Ich nehme an, daß während der ersten vier Wochensiebzig bis achtzig Prozent der regulären Truppendesertieren werden. Die Leute, die Ihnen bleiben,können Sie nach unserem Schema ausbilden.«»Gut, sonst noch etwas?«»Nein, das wäre es für den Moment. Viel Glück,David.«In den nächsten Wochen erreichten Cletus von allenSeiten Hilferufe. Wo immer er einen Feldzug gewonnenhatte, tauchten Truppen des Friedenskorps aufund versuchten, seine Erfolge zunichte zu machen.Zum Glück wurde die Streitmacht des Gegnersdurch die eigene Schwerfälligkeit stark gebremst. Die


traditionelle Organisation mit ihrem aufgeblähtenVerwaltungsapparat behinderte ein wirksames Eingreifender Kampfverbände. Dazu kamen die tiefverwurzeltenRivalitäten zwischen Allianz und Koalition,die sich nicht über Nacht beseitigen ließen.Immerhin, es blieb ein Kern von achtzigtausend guttrainierten und hervorragend ausgerüsteten Soldatenvon der Erde, denen Cletus kaum zwanzigtausendDorsai entgegenstellen konnte.Auf manchen Welten genügte die Entsendung vonOffizieren; andere jedoch, wie Cassida und St. Marie,hatten keine eigenen Heere. In solchen Fällen mußteer größere Truppenkontingente schicken.»Warum machen wir nicht einfach Schluß mit denewigen Kämpfen?« fragte Melissa eines Abends verzweifelt.Sie hatte eine befreundete Familie besucht,deren einziger Sohn gefallen war.»Das würde unseren Untergang bedeuten«, erwiderteCletus ernst. »DeCastries und sein Friedenskorpshaben sich das Ziel gesetzt, das Ansehen derDorsai als Söldner zu zerstören.«»Und du bildest dir das nicht nur ein?«»Nein. Jeder, der die Sache logisch betrachtet, wirdzu dem gleichen Schluß kommen. Es ist uns im Laufeder letzten Jahre gelungen, den militärischen Einflußder Erde auf den Koloniewelten entscheidend zuschwächen. Damit aber schwindet auch die wirtschaftlicheAbhängigkeit. Wir stehen im Begriff, dieVormacht der Erde für alle Zeiten zu brechen. ImGrunde handelt es sich um einen Überlebenskampfzwischen Terra und der Welt der Dorsai ...«Melissa sah ihren Vater an. »Dad, das kann nichtwahr sein!«


»O doch, Kind«, entgegnete Eachan ruhig. »Wirwaren zu erfolgreich ...«In diesem Moment klopfte es. Ein Adjutant kamherein.»Rebon von der Exoten-Kolonie auf Bakhalla, Sir«,flüsterte er Cletus zu.»Schicken Sie ihn sofort herein!« befahl Grahame.Der Adjutant nickte. Gleich darauf betrat einschmächtiger Mann in einer langen blauen Kutte denRaum. Eachan und Cletus erhoben sich.»Ich bringe keine guten Nachrichten, Cletus«, begannder Exote. »Das terranische Friedenskorps hatdie Energiestation auf Mara erobert. Die Ausrüstungwurde beschlagnahmt, und die Techniker befindensich in Gefangenschaft.«»Und die Grundlage für dieses Vorgehen?« fragteEachan empört.»Die Koalition behauptet, finanzielle Ansprüchegegenüber den Vereinigten Fortschritts-Kolonien zubesitzen«, berichtete Rebon. »Sie will die Energiestationerst nach Begleichung der Schulden freigeben.«Er wandte sich wieder an Cletus. »Mondar erbittet IhreHilfe.«»Wann geschah der Überfall?«»Vor acht Stunden.«Cletus und Eachan sahen einander an. Das schnellsteRaumschiff benötigte zwei bis drei Tage, um einesolche Nachricht zu übermitteln.»Und wir dachten, das Friedenskorps hätte keineReservetruppen mehr«, seufzte Eachan.»Zweifellos handelt es sich um Söldner von denLieblichen Welten«, sagte Cletus.Rebon warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Das


stimmt. Hatten Sie etwa mit diesem Schachzug gerechnet?«»Ich rechnete damit, daß deCastries irgendwannUnterstützung von Harmonie oder Association erhaltenwürde«, sagte Cletus knapp. »Ich breche sofortauf.«»Nach Mara?« Die Stimme des Exoten klang erleichtert.»Nein, nach Kultis«, entgegnete Cletus. »Ich mußMondar sprechen.«


25.Mondar hatte sich seit ihrer letzten Begegnung irgendwieverändert. Sein Blick war nach innen gerichtet,so als hätte er ein neues Verständnis der Dingegewonnen.»Sie können uns also auf Mara nicht helfen, Cletus?«begrüßte er den Dorsai-Marschall.»Ich habe keine Truppen mehr«, sagte Cletus.Sie schlenderten durch die verwinkelten Gänge desHauses, bis sie zu einer pflanzenumrankten Terrassekamen. Mondar deutete auf einen Korbstuhl. Erst alsCletus Platz genommen hatte, sprach der Exote wieder.»Es ist ein harter Schlag für uns, alles zu verlieren,was wir auf Mara investiert haben«, sagte Mondar.»Und wenn wir die Söldner, die hier in Bakhalla stationiertsind, einsetzen?«»Dann überfällt deCastries von Neuland aus IhreKolonie.«Mondar nickte. »Dennoch, es fällt schwer, einfachdie Hände in den Schoß zu legen und mitanzusehen,wie die Söldner der Lieblichen Welten die Station besetzen.«»Mondar, wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie zugeben,daß der Energiestation auf Mara keine Gefahrdroht. Das Projekt ist für die Erde genauso wertvollwie für Sie. Man wird die Anlagen auf keinen Fallzerstören.«»Das vielleicht nicht, aber das Geld, das uns zusteht,fließt in fremde Taschen.«»Nur vorübergehend«, beruhigte ihn Cletus. »In


spätestens einer Woche ist die Entscheidung zwischenmir und deCastries gefallen. Siegt er, so könnenSie immer noch mit ihm verhandeln. Siege ich, so ziehendie Truppen in kürzester Zeit von Mara ab.«Mondar kniff die Augen zusammen. »Eine Woche?Wie kommen Sie darauf?«»Ganz einfach«, erwiderte Cletus lächelnd. »Dowhat Söldner angeworben. Das bedeutet, daß er seineElitetruppen für die Entscheidungsschlacht zusammenzieht.«»Sind Sie sicher?« Mondars Blick ruhte fest aufGrahames Zügen.»Wir kennen die Stärke des Friedenskorps, und wirwissen, daß deCastries sämtliche Truppen einsetzte,um meine Dorsai auf den Kolonieplaneten zu beschäftigen.Er hat keine Reserven mehr. Aber wenn erauf den Lieblichen Welten seine Leute vorübergehenddurch Söldner ersetzt, besitzt er theoretisch eineStreitmacht, die ausreicht, um mich zu vernichten. Ichhabe ihm übrigens selbst diesen Tip gegeben ...«»Sie haben ...?« Mondar starrte ihn verständnislosan.»Ja«, erklärte Cletus. »Vor einiger Zeit suchte ichJames, den Führer der Ersten Militanten Kirche, aufund bat ihn, mir einen Teil seiner jungen Leute alsSöldner zu überlassen. Ich bot ihm einen schlechtenPreis. Mir war völlig klar, daß der Älteste sich mitmeinem Vorschlag an deCastries wenden würde, ummehr Geld aus der Sache herauszuholen.«»Und Dow zahlte mehr«, sagte Mondar nachdenklich.»Aber weshalb hat er diese Truppen nicht schonfrüher eingesetzt?«»Weil sich rasch herausgestellt hätte, daß die jun-


gen Leute von den Lieblichen Welten keinerlei militärischesGeschick besitzen. Dow konnte sie nur für eineneinzigen Zweck verwenden: Er steckte sie kurz inUniformen des Friedenskorps, um seine Elitetruppenheimlich für den Endkampf abzuziehen.«»Sie scheinen einfach alles zu planen, Cletus.«Der Marschall der Dorsai nickte. »Erinnern Sie sichan unsere erste Begegnung auf dem Raumschiff nachKultis? Damals stand mein Vorgehen bereits in grobenZügen fest.«»Das muß nicht unbedingt heißen, daß deCastriessich an Ihre Pläne hält.«»Ich glaube, er wird es tun. Mondar, könnten SieIhre Brüder noch um eine Woche Geduld bitten?«»Ich will es versuchen.« Mondar zögerte. »Waswerden Sie in dieser Zeit tun?«»Warten«, erklärte Cletus.»Hier? Obwohl deCastries seine Elitetruppen zumAngriff sammelt? Es überrascht mich, daß Sie angesichtsdieser Lage die Welt der Dorsai überhaupt verließen.«»Die Exoten scheinen schneller als normale Menschenzu erfahren, was sich auf fremden Welten abspielt.Ich dachte, daß ich wichtige Informationen hieram raschesten erhalten würde. Oder täusche ichmich?«»Nein.« Mondar lächelte schwach. »Sie täuschensich nicht. Wenn Sie wollen, lasse ich Ihnen ein Gastzimmerherrichten.«»Vielen Dank.«Während der ersten drei Tage seines Bakhalla-Aufenthalts inspizierte Cletus die Dorsai-Truppen,suchte die Bibliothek auf, die Bill Athyer geholfen


hatte, einen neuen Weg zu finden, und erneuerte seineFreundschaft mit Wefer Linet.Am Morgen des vierten Tages, als er mit Mondarbeim Frühstück saß, brachte ein junger Exote wortlosein Schreiben herein. Mondar überflog es und reichtees an Cletus weiter.»Dow ist vor zwei Tagen mit seinen besten Truppenauf der Welt der Dorsai gelandet.«Cletus erhob sich.»Was haben Sie vor?« Mondar sah ihn forschendan. »Ohne Ihre Dorsai können Sie nichts anfangen ...«»Was besaß ich, bevor ich zu den Dorsai emigrierte?«entgegnete Cletus. »Dow will mich, nicht meineLeute. Solange ich mich frei bewege, hat er nicht gewonnen.Ich breche sofort auf.«Mondar stand ebenfalls auf. »Ich komme mit Ihnen.«


26.Die Fähre mit dem Emblem der Exoten-Kolonie landeteungehindert auf dem Flugfeld von Foralie. Abersobald Cletus und Mondar das Boot verließen, wurdensie von Soldaten des Friedenskorps entwaffnetund zu einer Militärmaschine gebracht, die GrahamesLandsitz ansteuerte.Im Salon warteten Melissa und Eachan. Sie saßenam Tisch und hatten Drinks vor sich stehen, an denensie nicht einmal nippten. Dow deCastries, in der elegantengrauweißen Uniform der Koalition, lehnte ander Bar. In einer Ecke des Raumes hatte sich Swahilipostiert. Auch er trug die Uniform der Koalition –und er hielt eine schwere Energiepistole in der Hand.»Hallo, Cletus«, sagte Dow. »Ich hatte eigentlichgehofft, Sie bereits bei meiner Landung hier anzutreffen.Es überrascht mich, daß Sie heimkehrten, obwohlmeine Truppentransporter den Planeten umkreisen.Eine heroische Geste? Wollten Sie die Welt der Dorsaidurch Ihre Person freikaufen? Wenn ja, dann hättenSie sich die Mühe sparen können. Ich will Ihren Planetenohnehin nicht. Aber Sie haben mir die Arbeitabgenommen, Sie durch das ganze Universum zuhetzen. Ich soll Sie auf die Erde bringen ...«Cletus nickte. »Dort wird man mir den Prozeß machenund mich zum Tode verurteilen, nicht wahr? EinGnadenakt von Dow deCastries wandelt den Spruchin lebenslängliches Gefängnis um, und nach ein paarJahren, wenn die Vorfälle vergessen sind, verschwindeich sang- und klanglos.«»Ganz recht«, bestätigte Dow.


Cletus warf einen Blick auf seine Uhr. »Wannzeigte sich mein Raumschiff zum erstenmal auf IhrenBildschirmen?«»Vor etwa sechs Stunden.« DeCastries stellte seinGlas ab. »Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie nochmit einer Rettung rechnen? Möglich, daß die paar Offiziere,die hier die Stellung halten, das Schiff ebenfallsregistriert haben. Aber sie werden voll und ganzdamit beschäftigt sein, die eigene Haut zu retten.« Ersah Cletus einen Moment lang prüfend an. »Nun, wirwollen kein Risiko eingehen. Swahili, erteilen Sie demhiesigen Kommandanten den Befehl, einen Sicherheitskordonum das Flugfeld von Foralie zu errichten!Und lassen Sie von einem der Truppentransportereine Fähre kommen! Wir wollen Grahame so raschwie möglich von hier fortschaffen.« Er lächelte hart.»Diesmal unterschätze ich Sie nicht, Cletus.«Swahili reichte Dow seine Waffe und verließ denRaum.»Sie haben nie aufgehört, mich zu unterschätzen«,erwiderte Cletus. »Deshalb sind Sie auch hierhergekommen.«DeCastries zog nur stumm die Augenbrauen hoch.»Ich sage die reine Wahrheit«, fuhr Cletus fort. »Ichbrauchte einen Hebel, den ich auf die Militärgeschichteansetzen konnte, und ich wählte Sie. Vom Momentunseres Kennenlernens an war mein ganzes Tun daraufausgerichtet, Sie in diese Situation zu manövrieren.«Dow stützte sich mit dem Ellbogen an der Thekeab. Er hielt die schwere Waffe ruhig auf Cletus gerichtet.»Gehen Sie ein paar Schritte zur Seite, Mondar«,sagte er. »Ich kann mir zwar nicht denken, daßSie sich opfern würden, um Grahame die Flucht zu


ermöglichen, aber sicher ist sicher.«Mondar trat wortlos zur Seite.»Weiter, Cletus«, meinte Dow. »Wir haben noch einwenig Zeit.«Cletus zuckte mit den Schultern. »Oh, es war ganzeinfach. Erst einmal lenkte ich Ihre Aufmerksamkeit aufmeine Person. Dann zeigte ich Ihnen, daß ich militärischesTalent besaß. Als nächstes schuf ich mir einenNamen auf den neuen Welten. Ich wußte, daß meinHandeln einen Gedanken in Ihnen auslösen würde –den Gedanken, daß Sie mit meiner Hilfe das erlangenkönnten, was Sie schon immer angestrebt hatten!«»Und das ist?«»Die Herrschaft über Allianz und Koalition – unddamit auch die Herrschaft über die Kolonien«, erwiderteCletus. »Sie begannen mit Hetzkampagnen ...«Swahili kehrte zurück, und Dow reichte ihm die Pistole.»Wie lange?« fragte er.»Zwanzig Minuten«, antwortete Swahili.DeCastries warf Cletus einen nachdenklichen Blickzu. »Sie stellen ein Risiko für mich dar. Wenn Sie beider Verhandlung auch soviel reden ...« Er unterbrachsich.Vor dem Haus hörte man Rufe. Gleich darauf fielenein paar Schüsse. Swahili rannte zur Tür.»Nein!« fauchte deCastries. Der Schwarze wirbelteherum. Dow deutete auf Cletus. »Erschießen Sie ihn!«Swahili hob die Waffe, doch im gleichen Momentdrang ein kurzes, trockenes Knacken an die Ohrender Anwesenden. Swahili ging in die Knie. Die Energiepistolepolterte zu Boden.Die Blicke der anderen wandten sich Eachan zu.Der Dorsai-Offizier hielt eine flache Miniaturwaffe in


der Hand – die gleiche, die er vor langer Zeit benutzthatte, um die Guerillas vor Bakhalla abzuwehren.Dow trat einen Schritt vor.»Nicht!« warnte ihn Eachan.DeCastries blieb stehen. Draußen klangen erneutRufe auf. Eachan ging zu Swahili und beugte sichüber ihn.»Tut mir leid, Raoul«, sagte er leise.Der Schwarze schaute zu ihm auf und lächelte. Sekundenspäter sank er zurück und blieb reglos liegen.Die Tür zum Salon wurde aufgerissen. Arvid, einKonus-Gewehr in der Hand, stürmte herein, dicht gefolgtvon Bill Athyer.»Alles in Ordnung?« fragte Arvid und sah Cletus an.»Ja«, bestätigte Cletus. »Wie steht es draußen?«»Wir haben sie besiegt.« Der Vize-Marschallwandte sich an Dow deCastries: »Ihre Truppen befindensich in unserer Hand.«DeCastries starrte den jungen Mann an. »Das glaubeich nicht«, sagte er ruhig. »Es waren nur Frauenund Kinder auf dem Planeten.«»Und?« warf Cletus ein. »Meinen Sie nicht, daßman mit einer Welt voller Frauen und Kinder einpaar tausend Soldaten besiegen kann?«Dow betrachtete ihn wortlos. »Sie, Cletus, könntenes«, erwiderte er schließlich. »Aber Sie waren nichthier.« Er hob die Rechte und streckte den Zeigefingeraus. »Und Sie vergessen ...«Eine winzige weiße Rauchwolke stieg von seinemHandgelenk auf. Cletus spürte einen heftigen Schlag ander rechten Brustseite. Er stolperte gegen den Tisch.Arvid war mit einem Schritt neben deCastries undschlug ihm mit der Handkante gegen den Oberarm.


Dann streifte er mit einem raschen Griff den Uniformärmelzurück. An Dows Handgelenk war ein Pfeilwerferbefestigt – ein winziges Rohr, das auf einenMuskelreflex hin einen Schockbolzen abfeuerte. Arvidschnallte die Waffe los und warf sie in eine Eckedes Salons.»Rühren Sie sich nicht von der Stelle!« sagte erdrohend zu deCastries.Melissa kniete bereits neben Cletus. »Du mußt dichhinlegen!« drängte sie.Er schüttelte den Kopf. Mit aller Kraft kämpfte ergegen den Schwindel an, der ihn zu überwältigendrohte. »Ich – bin noch nicht am Ende.«Er stützte sich auf den Tisch. »Hören Sie zu, Dow«,murmelte er. »Wir werden Sie nicht töten. Wir schikkenSie auf die Erde zurück.«DeCastries sah ihn furchtlos, beinahe neugierig an.»Dann tut es mir leid, daß ich geschossen habe. Ichdachte, meine letzte Stunde sei gekommen, undwollte Sie mitnehmen. Aber warum lassen Sie michgehen? Sie wissen, daß ich ein neues Heer zusammenstellenwerde. Und das nächstemal bleibe ichSieger.«»Nein.« Cletus schüttelte den Kopf. »Die Erde hatihre Herrschaft über die Kolonien endgültig verloren.Sagen Sie das den Politikern! Von jetzt an werden dieDorsai die neuen Welten schützen ...«Dow runzelte die Stirn. »Sie haben die Dorsai starkgemacht – aber Sie leben nicht ewig!«»Doch.« Cletus machte eine Pause, weil ihn vonneuem der Schwindel erfaßte. »Sie – Sie wissen, ichwar nicht hier, als Ihre Truppen landeten.« Er deuteteauf Arvid und Bill. »Sehen Sie die beiden da? Meine


Nachfolger – der Kämpfer und der Theoretiker! Ichbefahl ihnen nur, die Welt der Dorsai zu verteidigen...« Er begann zu schwanken.»... warum das alles?« hörte er deCastries aus weiterFerne sagen. »Etwa wegen der Bücher, die Sieschreiben wollten?«»Das auch ...« Cletus umklammerte krampfhaft dieTischkante. »... Lehrwerk für die Dorsai ... keinenSinn für ... terranisches Militär ... neue Soldaten ...Körper und Geist ...«Es wurde dunkel um ihn.Als Cletus die Augen aufschlug, beugte sich geradeein Militärarzt über ihn. Im Hintergrund erkannte erMelissa und Mondar.»Dann – bin ich nicht tot?« stieß er heiser hervor.»Dow hat die falsche Waffe benutzt, Cletus«,meinte Mondar mit einem Lächeln. »Schockpfeilelähmen den Organismus und führen innerhalb vonMinuten zum Tod – wenn man seinen Körper nichtso perfekt beherrscht wie Sie!« Er wandte sich an denArzt. »Er kommt durch, Doktor, nicht wahr?«»Garantiert!« Der Arzt richtete sich auf und gabden Weg für Melissa frei, die sich mit Tränen in denAugen über Cletus beugte. »Als er die erste Minutelebend überstanden hatte, gab es für sein Nervensystemgar keine andere Wahl mehr, als sich wieder zuerholen ...« Er nahm Mondar am Arm und schob ihnzur Tür. »Ich glaube, er braucht uns im Momentnicht.«ENDE


Als nächstes TERRA-Taschenbuch erscheint:Die Verschwendervom MarsVier der besten Stories des weltberühmtenScience-Fiction-AutorsIsaac Asimov x 4Isaac Asimov, SF-Autor und Biochemiker, ist durch seine SF-Romane, SF-Erzählungen und populärwissenschaftlichen Werkeweltbekannt geworden.Aber gerade in den Stories, die entweder von trockenem Humoroder grimmigem Realismus zeugen, kommt Asimovs Begabung,wissenschaftliche Tatsachen mit den unvorhergesehenen und »unwissenschaftlichen«Reaktionen der Menschen zu kombinieren, ambesten zum Ausdruck. Kein Wunder daher, daß die meisten Asimov-Storiesauf der ganzen Welt immer wieder neu aufgelegt werden.Wir bringen hier im 2. Teil der Sammlung mit dem OriginaltitelTHE BEST OF ISAAC ASIMOV-Erzählungen, die der Autor persönlichausgewählt hat und die er für die besten seines mehr als dreißigjährigenSchaffens auf dem SF-Sektor hält.Die Story von den »Müllmännern« des Mars –die Story des Volkes, das in der Tiefe lebt –die Story von der sterbenden Nacht –und die Story von der Trümmerjagd.Der erste Teil der Sammlung THE BEST OF ISAAC ASIMOV erschienals Band 264 in der Reihe der TERRA-Taschenbücher.TERRA-Taschenbuch Nr. 267 in Kürze überall im Zeitschriften-und Bahnhofsbuchhandel erhältlich. Preis DM 2,80.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine