Rede anlässlich der Landestagung des Bayerischen ... - Freller, Karl

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Rede anlässlich der Landestagung des Bayerischen ... - Freller, Karl

- 5 -Welche „Themen der Zeit“ kann sie besetzen?‣ Eine ganz zentrale Aufgabe scheint mir dieSprachförderung benachteiligter Personengruppen,insbesondere von Migranten.‣ Eine wichtige Rolle spielt die Vermittlung vonLern- und Schlüsselkompetenzen.‣ Die Entwicklung von modularen Weiterbildungsangeboten,insbesondere für Frauen,muss gefördert werden.‣ Für den weiteren Ausbau der Eltern- und Familienbildungbesteht großer Bedarf.‣ Die Bereiche Krisenbewältigung und Konfliktmanagementmüssen stärker berücksichtigtwerden.- Anrede -Es ist unerlässlich, dass die Erwachsenenbildungdiese aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungenaufgreift. Bitte bedenken Sie, dass die Trägerder Erwachsenenbildung oft die einzigen Institutionensind, die in den genannten Bereichen tätigsind. Es wäre aber verfehlt, die Erwachsenenbildungausschließlich als „gesellschaftlichenReparaturbetrieb“ zu sehen, wenn Sie mir diesenAusdruck gestatten. Dies käme einer Überforde-


- 6 -rung der Träger der Erwachsenenbildung gleich.Vor allem aber würde es dem umfassenden Bildungsanspruchder staatlich anerkannten Trägerder Erwachsenenbildung zuwiderlaufen,wenn man ihre Aufgabe allein kompensatorischdefinieren würde.Identitätsbildung alsAufgabe der ErwachsenenbildungErwachsenenbildung dient daher nicht alleinder gesellschaftlichen Integration, sondernauch in hohem Maße der Identitätsbildung desEinzelnen. Sehr viele Menschen wollen auch nachAbschluss ihrer Ausbildung weiterlernen und Neuesentdecken:‣ Das sind zum Beispiel Menschen, die ihre beruflicheAusrichtung als zu einseitig erlebenund neue geistige Anregungen suchen.‣ Das sind zum Beispiel ältere Menschen, dienach Abschluss ihres Berufslebens eine neuegeistige Herausforderung brauchen.‣ Das sind zum Beispiel Menschen, die aus eherbildungsfernen Schichten stammen und ihrenHorizont erweitern wollen.Es gibt noch viele weitere gute Gründe, sich imnicht-beruflichen Bereich weiterzubilden. In jedemFall ist das Bedürfnis sich zu bilden eng verwobenmit dem Wunsch seine Persönlichkeit weiterzu-


- 7 -entwickeln. Erwachsenenbildung trägt insofern zurIdentitätsbildung innerhalb von Kultur und Gesellschaftbei. Die erworbene Bildung befähigtden Menschen dazu, seine Position in der Gesellschaftzu begreifen und diese gegebenenfalls zuverändern. Auch in dieser Hinsicht ist Bildung alsein lebensbegleitender Prozess anzusehen. Bildungkann und soll zu lebenslanger Aufgeschlossenheitführen!Ganzheitlicher AnsatzIch möchte daher betonen, dass Erwachsenenbildungnicht nur auf eine ihrer Aufgaben reduziertwerden darf. Drei Funktionen erscheinenmir dabei gleichermaßen wichtig:1. Erwachsenenbildung verhindert, dass Menschenden Anschluss an gesellschaftliche Entwicklungenverpassen.2. Erwachsenenbildung dient der Erweiterung deseigenen Qualifikationsprofils.3. Erwachsenenbildung ist ein wichtiges Mittel derPersönlichkeitsbildung des Individuums.Diese Funktionen stehen nicht im Gegensatz zueinander.Aufgabe der Träger der Erwachsenenbildungist es, diese Aufgaben im Sinne einesganzheitlichen Ansatzes zu berücksichtigen.


- 8 -Profiliertes BildungsangebotderVolkshochschulenDie Volkshochschulen in Bayern repräsentierenin vorbildlicher Weise diesen ganzheitlichenAnsatz. Sie verfügen über ein überaus breit gefächertesund profiliertes Bildungsangebot.Eine der großen Stärken ist der so genannte„klassische“ Programmbereich. Ich denke hierzum Beispiel an das Fremdsprachenlernen, wodie Volkshochschulen in der bayerischen Erwachsenenbildungslandschaftunangefochten dastehen.Zusammen mit dem schulischen Fremdsprachenunterrichtleisten die Volkshochschulen hier einenwesentlichen Beitrag zur interkulturellen Verständigung.Ich will auch den Bereich der Gesundheitsbildungnicht unerwähnt lassen, in dem dieVolkshochschulen ein qualitativ hochwertiges Angebotaufweisen.Neben dem klassischen Programmbereich setztder Bayerische Volkshochschulverband verstärktauf Angebote, die aktuelle gesellschaftliche Herausforderungenin den Mittelpunkt stellen. Ich habeeinige dieser Themen der Zeit eingangs bereitserwähnt, zum Beispiel die Sprachförderung fürMigranten.


- 9 -Innovative ESF-ProjekteSehr geehrter Herr Eisfeld!Man kann den Bayerischen Volkshochschulverbandmit Fug und Recht als eine Speerspitze fürInnovationen im Bereich der allgemeinen Erwachsenenbildungbezeichnen. Ich erinnere indiesem Zusammenhang insbesondere an wegweisendeProjekte, die vom Europäischen Sozialfonds(ESF) gefördert werden. Inzwischen sinddas etwa 400 Projekte - eine, wie ich meine, stattlicheZahl! Sie ist das sichtbare Produkt der engenKooperation zwischen Ihrem Verband, Ihren Mitgliedseinrichtungenund dem Kultusministerium.Dass der Anteil Ihres Verbandes an den bewilligtenProjekten in Bayern bei 70% liegt, sprichtfür sich.Gute Kooperationdes KM mit dembvvDie ESF-Förderung ist eine denkbar komplizierteMaterie, deren Bewältigung für nicht wenige Trägereine Hürde darstellt. Die Kompetenz, die der Verbandzusammen mit dem Kultusministerium in denletzten Jahren erworben hat, hat es vielen Volkshochschulenerst ermöglicht, ihre hervorragendenProjektideen zu realisieren.ESF-Projekt „Mamalernt Deutsch“Ich möchte näher auf ein ESF-Projekt des bvv eingehen,das meiner Meinung nach idealtypisch dasverkörpert, was zeitgemäße Erwachsenenbildung


- 10 -ausmacht. Es handelt sich um das Projekt „Mamalernt Deutsch an der Schule ihrer Kinder“, dasübrigens auch hier an der VolkshochschuleAschaffenburg durchgeführt wird. Im Mittelpunktsteht eine bestechende Idee: Diese Deutschkursefür ausländische Mütter finden parallel zur Unterrichtszeitin der Schule der Kinder statt. Die Frauenverlieren so Schwellenängste gegenüber der InstitutionSchule und können sich besser mit der Situationihrer schulpflichtigen Kinder identifizieren. DieErziehungspartnerschaft von Schule und Familieprofitiert davon enorm.Der Sprachunterricht befähigt die Frauen dazu, Alltagssituationenzu meistern, was ihr Selbstbewusstseinerheblich steigert. Daneben findet in denKursen auch Berufsorientierung statt. Ein „Mamalernt Deutsch“-Kurs ist also viel mehr als nur einSprachkurs - er ist praktische Lebenshilfe! VerschiedeneZiele werden dabei geschickt vernetzt:Sprachförderung, soziale Integration, schulischeFörderung und berufliche Orientierung.Die „Mama lernt Deutsch“-Kurse sind nicht zuletztein gelungenes Beispiel für eine konstruktive Zusammenarbeitverschiedener Akteure innerhalbeiner Kommune.


- 11 -Das Kultusministerium will die erfolgreiche Zusammenarbeitmit dem bvv bei „Mama lerntDeutsch“ daher weiter fortsetzen. Obwohl die finanziellenSpielräume im ESF-Bereich enger werden,haben wir für die Weiterentwicklung des Projektsin der nächsten Zeit ESF-Mittel vorgehalten.ESF-Projekt „AGSüdstadtkids“Lassen Sie mich noch auf ein anderes ESF-Projektdes Volkshochschulverbands zu sprechen kommen,das mir sehr am Herzen liegt. Ich meine die„AG Südstadtkids“ in Nürnberg. Die NürnbergerSüdstadt ist eines jener so genannten städtischenProblemgebiete, in der viele benachteiligte Jugendlicheund junge Erwachsene leben. Die „AGSüdstadtkids“ hat bewiesen, dass es möglich ist,durch innovative Projekte sozial-integrativesLernen erfolgreich zu fördern. Im Rahmen desProjekts wurden Jugendliche zu Moderatoren fürdie interkulturelle Elternarbeit und zu Stadtteilführernausgebildet.Ich hatte vor zwei Jahren die Gelegenheit einigedieser Jugendlichen kennen zu lernen. Ich war tiefbeeindruckt von ihrem Engagement und ihremWunsch etwas in ihrem Stadtteil zu bewegen. Mirist klar geworden, dass solche Projekte tatsächlichin der Praxis funktionieren können und damit mehr


- 12 -als bloße Zeitgeistrhetorik sind. Ich habe daher beschlossen,die Südstadtkids im Juni wieder zu besuchen,um mich über den Fortgang des Projektspersönlich zu informieren.RegionalspezifischeErwachsenenbildungEs gibt noch weitere Bereiche, in denen der BayerischeVolkshochschulverband sich als ein Vorreiterfür Innovationen im Bereich der Erwachsenenbildungerweist.‣ Ich denke hier an regionalspezifische Entwicklungskonzeptefür den Tourismus.‣ Vorbildlich sind auch die Projekte zur Förderungdes grenzüberschreitenden Wirtschaftshandelns.Gerade im fränkischen Raumgibt es überaus ambitionierte Fördermaßnahmenzur Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeitbenachteiligter Personengruppen.Schwerpunkt fränkischerRaumGenerell stelle ich erfreut fest, dass ein hoher Anteilder innovativen ESF-Projekte des bvv inFranken durchgeführt wird. Das betrifft zum Beispiel29 der 51 Projekte der regionalspezifischenErwachsenenbildung:‣ Allein im Landkreis Hof werden 18 dieser ambitioniertenGroßprojekte gefördert.


- 13 -‣ Des Weiteren finden über die Hälfte der etwa100 „Mama lernt Deutsch“-Kurse in Frankenstatt.‣ Das Gleiche gilt für die so wichtigen Kurse zurNachholung des Hauptschulabschlusses.Es freut mich außerordentlich, dass der fränkischeRaum einen Schwerpunkt der ESF-Projekte desbvv bildet!Öffentlichkeitsarbeitund Image des bvvSehr geehrter Herr Eisfeld,der Volkshochschulverband kann stolz auf seineRolle in der bayerischen Erwachsenenbildungslandschaftsein!Gleichwohl möchte ich den Verband und seineMitgliedseinrichtungen bitten, selbstkritisch zufragen, ob diese Tatsache der Öffentlichkeitund auch manchen Entscheidungsträgern hinreichendbekannt ist.Ich kann gut verstehen, dass Sie sich ärgern, wennSie mit Vorurteilen bezüglich der Arbeit der Volkshochschulenkonfrontiert werden. Bei Manchen istdas Bild der Volkshochschulen von dem einenoder anderen vielleicht fragwürdigen Kursangebotgeprägt. Es nützt aber nichts, sich über dieses verzerrteBild zu beklagen. Man sollte vielmehr engagierthiergegen angehen. Der Volkshochschul-


- 14 -verband ist angesichts seiner starken fachlichinhaltlichenPositionierung sehr wohl in derLage, die Qualität der Arbeit seiner Einrichtungenoffensiv zu vermitteln.„Mama lerntDeutsch“ in RegensburgEs freut mich sehr, dass der bvv gerade in letzterZeit verstärkt, die Öffentlichkeit über die Leistungenseiner Einrichtungen informiert. Ichmöchte hier an eine äußerst erfolgreiche Veranstaltungerinnern, die im April in Regensburg stattgefundenhat. Hier hat der Volkshochschulverbandauf gelungene Weise sein Vorzeigeprojekt „Mamalernt Deutsch“ der Öffentlichkeit präsentiert.Sie haben die Presse eingeladen, an dem „Mamalernt Deutsch“-Kurs an der Von-der-Tann-Grundschule teilzunehmen. Auch die politischeSpitze des Kultusministeriums hat sich dabei vorOrt ein Bild darüber verschafft, wie wertvoll derKursbesuch für die Frauen ist. Die Resonanz aufdiese Veranstaltung war sehr positiv. WeitereGrundschulen wurden dadurch ermutigt, in Kooperationmit dem bvv ein „Mama lernt Deutsch“-Projekt zu starten.


- 15 -Vhs LandkreisRegenAls ein weiteres Beispiel gelungener Öffentlichkeitsarbeitwill ich die Volkshochschule für denLandkreis Regen erwähnen. Sie belässt es nichtdabei, qualitativ hochwertige Projekte der regionalspezifischenErwachsenenbildung durchzuführen.Sie flankiert diese immer wieder mit sehr effektivenöffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen. Dieseverbessern nicht nur das öffentliche Image derVolkshochschulen, sondern zeigen einer breitenÖffentlichkeit, dass diese profilierte Bildungsangebotevorweisen können.- Anrede -Qualitätssicherungund EvaluationDer Bayerische Volkshochschulverband ist auchmaßgeblich auf einem Gebiet beteiligt, das für dieZukunft der Erwachsenenbildung immer bedeutsamerwird: Ich meine die Themen Qualitätssicherungund Evaluation. Auf dem Fort- undWeiterbildungsmarkt tummelt sich bekanntlich einefür den „Kunden“ unüberschaubare Fülle von Anbietern.Für den interessierten Bürger ist damitnicht ohne weiteres erkennbar, ob eine Einrichtungoder gar ein einzelner Kurs hohen Qualitätsansprüchengenügt.


- 16 -Wie ich bereits andeutete, sind viele Mitgliedseinrichtungendes bvv für diese Herausforderungengut gewappnet, weil sie bereits mit der Einführungeines Qualitätsmanagementsystems begonnenhaben. Es freut mich sehr, dass das ehrgeizigeProjekt des bvv zur Einführung eines„Qualitätsmanagementsystems nach EFQM“bereits Früchte getragen hat. Das Kultusministeriumhat dieses Projekt über vier Jahre hinwegdurch Mittel aus dem Kulturfonds Bayern unterstützt.Seit zwei Jahren wird die Einführung diesesZertifizierungskonzepts auch großzügig aus ESF-Mitteln gefördert.Qualitätszertifizierungnach EFQMInzwischen sind es 81 von 218 Volkshochschulenin Bayern, die mit EFQM systematisch ihr Programmangebotund ihre einrichtungsspezifischenProzesse evaluieren und in der Folge auch bedarfsgerechtweiterentwickeln. Dies sollte für dieübrigen Mitgliedseinrichtungen des bvv Motivationund Ansporn sein, diesen Weg einzuschlagen. Ichmöchte sie heute Abend nachdrücklich dazu ermuntern!Man darf hoffen, dass - auch mit Unterstützungdes bvv - regionale Netzwerke entstehen,innerhalb derer die einzelnen Volkshochschulen inpunkto Qualität voneinander lernen können. Davon


- 17 -werden neben den Trägern selbst vor allem diebayerischen Bürgerinnen und Bürger profitieren!Ich will deutlich betonen, dass sich die Einrichtungender Erwachsenenbildung selbst wie auchihr Programmangebot in der Zukunft stärker alsbisher an klar definierten Qualitätsstandardsmessen lassen müssen. Diese Forderung wird inZukunft sicher nachdrücklicher gestellt werden. Inwieweitsie sich auch gesetzgeberisch niederschlägt,bleibt abzuwarten.Konstruktives MiteinanderzwischenFreistaat und KommunenIch möchte abschließend auf einen Punkt zu sprechenkommen, der mir sehr am Herzen liegt. Inletzter Zeit war zu hören, dass die Zusammenarbeitzwischen dem Freistaat und den Kommunenverbesserungsbedürftig sei. Meine sehr verehrtenDamen und Herren, der Bereich der Volkshochschulenist ein hervorragendes Gegenbeispiel!Zwischen den Volkshochschulen als kommunalenEinrichtungen, dem Volkshochschulverbandund dem Staatsministerium hat sich ein vertrauensvollesund konstruktives Miteinander entwickelt.


- 18 -Dank an die Mitarbeiterdes bvvundSchlussSehr geehrter Herr Präsident Deimer,sehr geehrter Herr Vorsitzender Eisfeld!Ich möchte Ihnen und Ihrem Team im Verbandebenso wie den zahllosen haupt- und nebenamtlichenMitarbeitern und Kursleitern auch im Namenvon Herrn Staatsminister Siegfried Schneider herzlichfür die geleistete Bildungsarbeit danken. Meinbesonderer Dank gilt dabei den vielen ehrenamtlichenKräften. Es ist in unserer Gesellschaft keineSelbstverständlichkeit, wenn Menschen für einegute Sache ihre Freizeit für die Gemeinschaft opfernund Aufgaben für die Allgemeinheit wahrnehmen.Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie ihren wichtigenBildungsauftrag auch weiterhin mit Engagementund Innovationsbereitschaft erfüllen und den Herausforderungender Zukunft mit Mut und Aufgeschlossenheitbegegnen.In diesem Sinne wünsche ich der Landestagungeinen erfolgreichen Verlauf.Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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