Depressionsbehandlung mit Cannabinoiden - International ...

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Cannabinoids 2008;3(2):10-13 [deutschsprachige Version]OriginalartikelDepressionsbehandlung mit CannabinoidenKurt BlaasLindengasse 27/10, 1070 Wien, ÖsterreichZusammenfassungObwohl für die Behandlung von Depressionen bewährte Medikamente zur Verfügung stehen, istsie nicht immer wirksam, sodass weitere Therapieoptionen wünschenswert sind. TierexperimentelleStudien, Erfahrungen von Patienten mit Cannabis und Beobachtungen in klinischen Studienmit Cannabinoiden bei schweren Erkrankungen legen ein antidepressives Potenzial von Cannabinoidrezeptor-Agonistennahe. In einer allgemeinärztlichen Praxis wurden in den Jahren 2003 bis2006 etwa 75 Patienten, die an Depressionen, Belastungsreaktionen und Burnout-Syndrom litten,erfolgreich mit dem Cannabiswirkstoff Dronabinol behandelt. Zum Teil wurde das Cannabinoidzusammen mit anderen Antidepressiva eingesetzt. Zwei Fallberichte werden exemplarischvorgestellt. Nach den vorliegenden Erfahrungen besitzt Dronabinol ein antidepressives Potenzial,das in der medizinischen Praxis genutzt werden kann.Stichwörter: Depressionen, Burnout, Cannabinoid, Cannabis, DronabinolDieser Artikel kann unter der Maßgabe, dass die Originalarbeit korrekt zitiert ist (siehe die unten stehenden Copyright-Informationen),für alle nicht-kommerziellen Zwecke frei aus dem Internet herunter geladen, gedruckt und verteilt werden. Verfügbar onlineunter www.cannabis-med.orgAdresse des Autors: Kurt Blaas, drblaas@blowdoc.atEinleitungIn mehreren prospektiven Studien war Cannabiskonsummit einem erhöhten Risiko für die Entwicklungvon Depressionen und Angststörungen assoziiert, vorallem wenn Cannabis bereits im Jugendalter konsumiertwurde (Hayatbakhsh et al. 2007, Wittchen et al.2007), während eine Assoziation zwischen Cannabiskonsumim Erwachsenenalter und Depressionen wenigergesichert erscheint (Moore et al. 2007, Harder et al.2006).Andererseits wurden in vielen Umfragen und Befragungenvon Patienten angstlindernde und antidepressiveWirkungen von Cannabis beschrieben (Joy et al.1999, Gieringer 2004, Schnelle et al. 1999, Prentiss etal. 2004, Amtmann et al. 2004, Woolridge et al. 2005,Ware et al. 2005). Cannabisprodukte werden von vielenMenschen mit unterschiedlichen chronischen Erkrankungennach eigenen Angaben nicht nur wegenkörperlicher Symptome, wie Schmerzen, Übelkeit undAppetitlosigkeit, sondern auch zur Steigerung desallgemeinen Wohlbefindens, zur Linderung von Angstund Depressionen eingesetzt (Prentiss et al. 2004,Woolridge et al. 2005, Amtmann et al. 2004, Page et al.2003).In einigen klinischen Studien mit Cannabinoiden, beidenen subjektive Parameter erfasst wurden, führtendiese nicht nur zur Linderung körperlicher Symptome,sondern auch zu einer Steigerung des Wohlbefindensbzw. zu messbaren antidepressiven Effekten (Regelson1976, Beal et al. 1995, Maida et al. 2007). In einerStudie von Musty (2002) mit gesunden Freiwilligenwar das Rauchen von Cannabis positiv mit den Wertenauf einer Depressionsskala (MMPI) im Sinne einesantidepressiven Effekts korreliert.Die Hinweise auf ihr therapeutisches Potenzial beidieser Symptomatik ermutigten den Autor, Dronabinolzunächst bei einzelnen Patienten mit Depressioneneinzusetzen.Erfahrungen aus der ärztlichen PraxisDer Autor betreibt eine allgemeinmedizinische Praxisin einem Innenstadtbezirk von Wien, in dem sehr vielejunge Menschen wohnen und arbeiten. Ende der 90erJahre begann ich bei einzelnen jungen Patienten, dieauf Grund von Nebenwirkungen etablierter Antidepressivaoder mangelnder Wirksamkeit mit der bisherigenTherapie unzufrieden waren, Dronabinol zur Behandlungihrer depressiven Erscheinungsbilder einzusetzen.10 © International Association for Cannabis as Medicine


BlaasDer Cannabiswirkstoff ist in Österreich seit 1998 fürdie medizinische Therapie verfügbar. Der größte Teildieser ersten Patienten, die an einer reaktiven Depressionoder an einem Burnout-Syndrom erkrankt waren,war über Cannabis und ihre medizinischen Möglichkeitengut informiert und hielt einen Behandlungsversuchmit Dronabinol für sinnvoll.In den Jahren 2003 bis 2006 wurden in unserer Praxisetwa 250 Patienten, die an einen breiten Erkrankungsspektrumlitten, mit dem Cannabinoid behandelt, davonetwa 75 Patienten (30%) mit Depressionen, Belastungsreaktionenoder Burnout-Syndrom. Es wurdenzumeist Einstiegsdosen von täglich 2,5 mg Dronabinolin Kapselform verordnet, die in den ersten Folgetagenüberwiegend auf 5 oder 7,5 mg gesteigert wurden. Innahezu 80% der Fälle ging die Medikation mit einerraschen Verbesserung der depressiven Verstimmungoder der Überlastung einher. Lediglich eine kleineGruppe von etwa 20% der Patienten verspürte keinedeutliche Stimmungsaufhellung. Bei diesem Kollektivwurde meistens eine Kombinationstherapie aus Dronabinolund der zusätzlichen Gabe eines selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmers(SSRI) oder einesSerotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmers(SNRI) wie zum Beispiel Fluoxetinhydrochlorid (20mg täglich) oder Milnacipran (50 mg täglich) vorgenommen,die im Allgemeinen zu einem befriedigendenTherapieergebnis mit rascher Besserung von Niedergeschlagenheitund Antriebslosigkeit führte.Die Nebenwirkungen waren meistens gering. Die wirksamenTagesdosen lagen im Allgemeinen zwischen 7,5und 12,5 mg Dronabinol. Nur wenige Patienten benötigteneine höhere Dosierung. Dabei handelte es sichvor allem um Patienten mit einer zusätzlichen Schlafstörung.FallberichteAus der Vielzahl der erfolgreich behandelten Patientensollen hier exemplarisch zwei Kasuistiken vorgestelltwerden.Fallbericht 1:Frau H. kam erstmals im Alter von 48 Jahren in unsereOrdination und wird seit etwa 6 Jahren von uns medizinischbetreut. Sie bot eine lange psychiatrische Vorgeschichtemit depressiven Episoden sowie AlkoholundMedikamentenabusus (vor allem Benzodiazepine).Sie ist heute pensioniert, arbeitet jedoch weiterhin alsSchauspielerin. Sie war früher Lehrerin.Die Patientin befand sich zu Beginn der Therapie ineiner äußerst schwierigen Lebenssituation. Ihr Vaterwar gerade verstorben, sie war stark depressiv, teilweisesuizidal. Starker Medikamentenabusus (v.a.Oxazepam) und Alkoholabusus erschwerten die Gesamtsituationzusätzlich. Nach einem ausführlichenGespräch wurde eine Behandlung mit oralem Dronabinolin einer Dosierung von täglich 2-3 mal 2,5 mg begonnen.Frau H. nimmt das Medikament nun seit ca. 6 Jahrenein und hat daher viel Erfahrung im Umgang mit Dronabinol.Sie nimmt symptomabhängig zwischen 2 und4 Kapseln zu 2,5 mg täglich ein. Sie ist nicht mehrbenzodiazepinabhängig und trinkt zur Zeit auch keinenAlkohol. Als zusätzliche Therapie nimmt sie täglich2,5 mg Olanzapin (ein atypisches Neuroleptikum), 25mg Venlafaxin (ein SNRI) und bei Bedarf Trazodon(ein SSRI). Sie gibt an, dass sich mit der Dronabinol-Therapie ihre Lebensqualität entscheidend verbesserthabe. Sie fühle sich stabiler als früher, die chronischrezidivierenden depressiven Episoden fielen abgeschwächtaus. In ihrer Fahrtauglichkeit im Straßenverkehrfühle sie sich durch eine Reaktionsverzögerungbeeinträchtigt. Daher habe sie das Medikament vorlängeren Reisen mit dem Auto immer wieder selbstständigfür ca. 1 Woche abgesetzt. Durch das Absetzender Therapie während der ersten Tage erleide sie eineEntzugssymptomatik vor allem im psychischen Bereich.Fallbericht 2:Frau F. kam erstmals im Alter von 22 Jahren in meineOrdination. Dort wurde sie über einen Zeitraum von 12Monaten medizinisch betreut. Die Patientin litt zumdamaligen Zeitpunkt an Spannungskopfschmerzen,Migräne, Asthma bronchiale, einer Neurodermitis undeiner instabilen emotionalen Persönlichkeitsstörung. ImVordergrund stand jedoch ein akut depressives Syndrom,weshalb Frau F. auch bereits im AllgemeinenKrankenhaus der Stadt Wien an der PsychiatrischenKlinik behandelt wurde.Nach mehreren Schulabbrüchen und häufigen Wechselndes Arbeitsplatzes, versuchte die Patientin trotzfehlenden Kontaktes zur Familie ihre triste sozialesowie gesundheitliche Situation wieder in Ordnung zubringen. Frau F. war auch sehr unglücklich, da sie miteiner großen Anzahl (zehn) verschiedener Medikamentebehandelt wurde. Neben Antidepressiva wieFluoxetin und Mianserin, Neuroleptika wie Prothipendyl,Beruhigungsmitteln und Antiallergika wie Hydroxyzin,NSAR wie Diclofenac, Protonenpumpeninhibitorenwie Rabeprazol, Schmerzmittel wie Propyphenazonund Tramadol wurden Asthmamittel wie Terbutalinsulfatund Bricanyl, täglich nach Verordnung vonverschiedenen Kolleginnen und Kollegen eingenommen.Da die Patientin diese "Multimedikationsbehandlung"nicht mehr durchführen wollte, kam sie in die Sprechstundeund bat um eine einfachere, natürlichere Behandlung,womöglich nur mit ein oder zwei Medikamenten.Im Vordergrund der Behandlung stand dasakut depressive Zustandsbild, welches trotz der vielenMedikamente nicht ausreichend gebessert schien. Nachausführlicher Beratung entschied sich die Patientin füreine Monotherapie mit Dronabinol. Dabei wurde dieinitiale Dosis von 2,5 mg innerhalb weniger Tage aufdie dreifache Dosis erhöht. Bereits nach den erstenBehandlungstagen stellte sich bei der Patientin eineCannabinoids Vol 3, No 2 22. Juni 2008 11


Originalartikeldeutliche Besserung des depressiven Zustandsbildesund der Begleiterkrankungen ein.Im Laufe des ersten Monats wurde die Dronabinoldosisnoch um weitere 2,5 mg erhöht, und die körperlicheund psychosoziale Situation der Patientin war 12 Monatenach Beginn der Therapie mit einer Tagesdosisvon 10 mg Dronabinol stabil. In weiterer Folge nahmdie Patientin wieder Kontakt zu ihrer Familie auf undverließ damit auch die Betreuung durch meine Ordination,da sie in ein anderes Bundesland zog.SchlussfolgerungenZusammengefasst kann festgehalten werden, dass eineBehandlung einer Vielzahl von Patienten mit Depressionen,Belastungsreaktionen und Burnout-Syndromenohne große Komplikationen in einer allgemeinmedizinischenPraxis durchgeführt werden konnte. Das Medikamentwurde überwiegend nicht von den Krankenkassenerstattet, im Gegensatz zu Patienten mit somatischenErkrankungen, wie Krebs oder Multipler Sklerose,bei denen in Wien in nahezu 60% die anfallendenKosten von den örtlichen Krankenkassen übernommenwurden.Diese Beobachtungen stimmen mit Ergebnissen vonPatientenbefragungen, Beobachtungen in klinischenStudien zum Einfluss von Cannabinoiden auf dieStimmung, sowie den Resultaten tierexperimentellerForschung überein. In tierexperimentellen Studienverursachten sowohl exogene Cannabinoidrezeptoragonisten(Bambico et al. 2007, Hill 2005) als auch dieHemmung der Deaktivierung des EndocannabinoidsAnandamid (Gobbi et al. 2005, Hill 2005) antidepressiveEffekte. Klinische Studien, die primär die Wirksamkeitvon Cannabinoiden bei Depressionen untersuchen,wurden bisher nicht durchgeführt, sind jedochnach meiner Auffassung wünschenswert und erfolgversprechend.Literaturliste1. Hayatbakhsh MR, Najman JM, Jamrozik K,Mamun AA, Alati R, Bor W. Cannabis and anxietyand depression in young adults: a large prospectivestudy. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry2007;46(3):408-417.2. Wittchen HU, Fröhlich C, Behrendt S, GüntherA, Rehm J, Zimmermann P, Lieb R, PerkoniggA. Cannabis use and cannabis use disorders andtheir relationship to mental disorders: a 10-yearprospective-longitudinal community study inadolescents. Drug Alcohol Depend 2007;88Suppl 1:S60-70.3. Moore TH, Zammit S, Lingford-Hughes A, BarnesTR, Jones PB, Burke M, Lewis G. Cannabisuse and risk of psychotic or affective mentalhealth outcomes: a systematic review. Lancet2007;370(9584):319-28.4. Harder VS, Morral AR, Arkes J.Marijuana useand depression among adults: Testing for causalassociations. Addiction 2006;101(10):1463-72.5. Joy JE, Watson SJ, Benson JA (eds): Marijuanaand Medicine: Assessing the Science Base. Instituteof Medicine. Washington DC: NationalAcademy Press, 1999.6. Gieringer D. Medical use of cannabis: experiencein California. In: Grotenhermen F, Russo E, eds.Cannabis and cannabinoids. Pharmacology, toxicology,and therapeutic potential. Binghamton/NewYork: Haworth Press, 2002.7. Schnelle M, Grotenhermen F, Reif M, GorterRW. Ergebnisse einer standardisierten Umfragezur medizinischen Verwendung von Cannabisproduktenim deutschen Sprachraum. ForschKomplementärmed 1999;6(Suppl 3):28-36.8. Prentiss D, Power R, Balmas G, Tzuang G, IsraelskiDM. Patterns of marijuana use among patientswith HIV/AIDS followed in a public healthcare setting. J Acquir Immune Defic Syndr 2004;35(1):38-45.9. Amtmann D, Weydt P, Johnson KL, Jensen MP,Carter GT. Survey of cannabis use in patientswith amyotrophic lateral sclerosis. Am J HospPalliat Care 2004;21(2):95-104.10. Woolridge E, Barton S, Samuel J, Osorio J,Dougherty A, Holdcroft A. Cannabis use in HIVfor pain and other medical symptoms. J PainSymptom Manage 2005;29(4):358-67.11. Ware MA, Adams H, Guy GW. The medicinaluse of cannabis in the UK: results of a nationwidesurvey. Int J Clin Pract 2005;59(3):291-5.12. Page SA, Verhoef MJ, Stebbins RA, Metz LM,Levy JC. Cannabis use as described by peoplewith multiple sclerosis. Can J Neurol Sci 2003;30(3):201-5.13. Regelson W, Butler JR, Schulz J, Kirk T, Peek L,Green ML, Zalis MO. Delta-9-tetrahydrocannabinolas an effective antidepressant and appetitestimulatingagent in advanced cancer patients. In:Braude MC, Szara S, eds. Pharmacology of marihuana.Vol 2. Raven Press, New York 1976. S.763-776.14. Beal JE, Olson R, Laubenstein L, Morales JO,Bellman P, Yangco B, Lefkowitz L, Plasse TF,Shepard KV. Dronabinol as a treatment for anorexiaassociated with weight loss in patients withAIDS. J Pain Symptom Manage 1995;10(2):89-97.15. Maida V, Ennis M, Irani S, Corbo M, DolzhykovM. Adjunctive nabilone in cancer pain and symptommanagement: a prospective observationalstudy using propensity scoring. J Support Oncol2008;6(3):119-24.16. Musty RE. Cannabinoid therapeutic potential inmotivational processes, psychological disordersand central nervous system disorders. In: OnaiviES, Hrsg. Biology of Marijuana. From Gene toBehaviour. London/New York: Taylor & Francis,2002.17. Bambico FR, Katz N, Debonnel G, Gobbi G.Cannabinoids elicit antidepressant-like behavior12 Cannabinoids Vol 3, No 2 22. Juni 2008


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