Denkmalpflege Tonbildschau 2004 - crarch-design.ch

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gönne mirnur einen Kuss, wenn auch nicht mehr Erhörung,dass ich ein Denkmal deiner Liebe mit zu denToten nehme.Friedrich Schiller


Es hatte aber alle Welt einerlei Sprache undeinerlei Worte. Als sie nun im Osten aufbrachen,,fanden sie eine Ebene im Lande Sinear, und sieliessen sich dort nieder. Und sie sprachen untereinander:Wohlan, lasst uns Ziegel streichen undhart brennen! Und es diente ihnen der Ziegel alsStein, und der Asphalt diente ihnen als Mörtel.


Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadtbauen und einen Turm, dessen Spitze bis in denHimmel reicht; so wollen wir uns ein Denkmalschaffen, damit wir uns nicht über die ganze Erdezerstreuen. Da fuhr der Herr hernieder, um die Stadtzu besehen und den Turm, den die Menschenkindergebaut hatten. Und der Herr sprach: Siehe, siesind ein Volk und haben alle eine Sprache. Unddies ist erst der Anfang ihres Tuns; nunmehr wurdihnen nichts unmöglich sein, was immer sich vornehmen.


Wohlan, lasst uns hinabfahren und daselbst ihreSprache verwirren, dass keiner mehr des andernSprache verstehe. Also zerstreute sie der Herrvon dort über die ganze Erde, und sie liessen ab,die Stadt zu bauen. Daher heisst ihr Name Babel,weil der Herr daselbst die Sprache aller Weltverwirrt und sie von dort über die ganze Erdezerstreut hat.


Bedauerlicherweise verbindet man mit dem Wort "Denkmal" allzu leicht nur die ursprünglich gemeinten "gewollten Denkmäler" underwartet unter jedem einen Sockel! Verbreitet ist auch die Auffassung, dem "Denkmalpfleger" obliege vor allem die Aufgabe, dieseWerke vor dem Anflug der Tauben und ihren Folgen zu bewahren. Es ist offensichtlich, dass das nur noch einen ganz kleinen Teildessen abdeckt, was die Aufgaben des "Denkmal-schutzes" umfasst.


Aus Tauben sind längst Falken geworden.


Geschichtlicher Überblick"Jede Epoche setzt sich erneut mit ihrer gebauten Vergangenheit auseinander. Sie wird zum Prüfstein einer jeden Generation. ... dasist doppelsinnig", schreibt Friedrich Mielke in seinem 1975 erschienenen Buch "Die Zukunft der Vergangenheit", "an ihnen zeigt sicheinerseits, ob die Vertreter einer Epoche den ererbten Werken gewachsen sind und anderseits, ob die Werke einer Prüfungstandhalten." Aus dieser Sicht lässt sich denkmalpflegerisches Verhalten in der ganzen Baugeschichte verfolgen.


RömischeArchitekturMarcus Vitruvius Pollio beginnt 33 v.Chr. mit der Aufzeichnung seiner 10 Bücher über Architektur. In diesem Lehrbuch undNachschlagewerk gehen seine theoretischen Erörterungen meist auf ältere hellenistische Architekturtheoretiker zurück.


Er leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur grossen Wertschätzung der griechischen Kultur durch die Römer. Sein Werk istheute noch als einziges umfassendes Zeugnis der Antike von Bedeutung. Er will seine Bücher, die Augustus gewidmet sind,verstanden wissen "als Prüfstein für den künstlerischen Wert Deiner bereits ausgeführten, wie noch zu schaffenden Bauschöpfungenin den besagten Regeln." Vitruvius' Ziel ist die Erhaltung der neugebauten Monumentalbauten von Augustus, denn sie sollen alsZeugen seiner Taten würdigen Pracht der Nachwelt erhalten bleiben.Die Römer kennen für ihre Monumentalbauten Schutzverordnungen verschiedenster Art. Ein Abbruchverbot unter Kaiser Vespasianz.B. legt fest, dass nicht durch den Abbruch ganzer Gebäude der Anblick von Strassenbilder beeinträchtigt werden darf.Die Wertschätzung der griechischen Kultur durch die Römer beschränkt sich nicht nur auf den Wunsch nach Kopien. Massenweiseverschleppen sie Kunstgüter aller Art aus allen von ihnen besetzten Gebieten. Die Trophäen schmücken sowohl öffentliche als auchprivate Bauten. Zierstücke oder gut erhaltene Bauteile geniessen ein hohes Ansehen und sind geschützt. Grabdenkmäler scheinenbesonders gefährdet.


Ein Gesetz um 340 unter Constantius lautet:"Wer bei Zerstörung der Gräber getroffen wird, soll, wenn er das ohne Vorwissen des Eigentümers tut, zu Bergwerks-arbeit verurteiltwerden; geschieht es aber auf Anlass- oder Geheiss des Herrn, so soll er mit Verbannung bestraft werden. Und wenn etwas, das etwavon den Gräbern genommen und nach seinem Hause oder seiner Villa gebracht ist, nach dieser Verordnung gefunden wird, so soll dieVilla oder das Haus oder Gebäude, was es sei, dem Vermögen des Fiskus zugeeignet werden."Auch wenn die Römer ihre Kunstbeute mit grösster Sorgfalt behandeln - übrigens zum Leidwesen der verdrängten lokalen Künstler,stellt die Entfernung eines Zier-stückes vom ursprünglichen Ort einen fragwürdigen Aspekt von Denkmalpflege dar. Ihre Gesetzestehen im Widerspruch zu ihren eigenen Taten.


FrühchristlicheArchitekturKonstantin übernimmt nach der Anerkennung des Christentums im Jahre 313 den damals eigentlich veralteten profanen Bautyp derBasilika als neuen Kultraum. Dieser ursprünglich öffentliche Raum scheint geeignet, weil er frei von heidnisch-religiösen Assoziationenund überall vertraut ist.


Viele Tempel werden geschlossen und verfallen. So schreibt Papst Gregor der Grosse am Ende des 6. Jahrhunderts über Rom:"Ueber den antiken Stätten wuchert Gras und auf den öffentlichen Plätzen weidet das Vieh." Die Ruinenfelder werden als Steinbrüchebenützt, wobei besonders wertvolle Bauteile, meist Säulen und Zierstücke, wieder als Schmuckstücke an anderer Stelle Verwendungfinden.


Eigentliche Christianisierungen heidnischer Kultstätten finden relativ spät statt. Der gleiche Papst hat während einer Prozession gegendie Pest, wie eine Legende erzählt, folgende Vision: Er sieht über dem Hadriansmausoleum einen Engel, der sein blutiges Schwertin die Scheide steckt, als Zeichen der beendeten Seuche. Er lässt auf dem heidnischen Grabmal, das von nun an Engelsburg heisst,eine Kapelle errichten.


Erst ca. 15 Jahre später, im Jahre 608, wird das Pantheon als wichtigstes heidnisches Denkmal von Gregors Nachfolgerzur christlichen Kirche geweiht.Die Wiederverwendung von heidnischen Tempeln als christliche Kirchen geht im wesentlichen auf Papst Gregor den Grossen zurück.Er äussert sich dazu in einem Brief an Bischof Mollitus wie folgt: "Die heidnischen Tempel sollen nicht zerstört, sondern in christlicheKirchen umgewandelt werden, wenn sie gut gebaut sind. Das Volk lasse leichter von seinem Irrtum, wenn es sich, den wahren Gotterkennend und verehrend, umso vertrauter an den gewohnten Orten versammle."


Romanik


Ab dem 7. Jahrhundert sind vor allem die Klöster die kulturellen und wirtschaftlichen Zentren.In der politischen Zerrissenheit der Zeit bildet die romanische Kirche eine Zufluchtstätte, einen Ort innerlicher Zurückgezogenheit.Die Wallfahrten, durch den aufkommenden Heiligenkult stark gefördert, sorgen für einen kulturellen Austausch. So entstehen entlangvon Wallfahrtsrouten grössere und kleinere Kirchen und Klöster, die - heute oft ziemlich abgelegen - uns zu einem grossen Teil nochin ihrer ursprünglichen Form erhalten sind.


Die Romanik stellt einen "Neubeginn" dar, auch wenn sie, wie der erst 1818 geprägte Begriff sagt, einige wenige Bauformen derRömer übernimmt.Als die ersten Kirchen in den damaligen Missionierungsgebieten bilden sie das Fundament von unzähligen später errichteten Kirchen.Mit Abbrüchen werden die Kirchenbauer somit nicht konfrontiert. Wiederverwendete antike Bauteile und Zierstücke sind beliebtund Gegenstand besonderer Verehrung.


Gotik


Die Kathedrale, das grösste und massgebende gotische Bauanliegen des Mittelalters, zeichnet sich aus durch grosse Flexibilität undVariationenreichtum. Kontinuierliche Veränderungen und Anpassungen im Laufe der sehr langen Bauzeiten ermöglichenverschiedenen Bauleuten, sich mit ihren Vorgängern auseinander zusetzen. Es entsteht auch in gestalterischer Hinsichtein Gemeinschaftswerk.Die Ausweitung der klösterlichen Bruderschaften auf ein umfassenderes soziales Gebilde bewirkt einen enormen Platzmangel in denbestehenden Kirchen. Abt Suger beschreibt 1144 die Notwendigkeit der Erneuerung der Abteikirche St. Denis in Parisunter anderem durch folgende Szene:


"Für Frauen war dieses unerträgliche Gedränge besonders peinlich: eingekeilt zwischen starken Männern, wie in einer Presse,wurden sie in Todesangst ohnmächtig oder schrieen schrecklich wie Gebärende. Mehrere von ihnen, die elend niedergetreten waren,wurden dank der rechtschaffenen Entschlossenheit einiger Männer über die Köpfe der Leute emporgehoben und schritten nun wieauf einem Fussboden, viele aber gaben im Hofe der Brüder nur nochchelnd den Geist auf."


Mit welcher Sorgfalt man damals diese Chorerweiterung plant, sagt das gleiche Dokument:"Bei diesen Vorbereitungen waren wir vor allem beunruhigt, wie das neue Bauwerk mit dem alten in Einklang zu bringen sei.Wir dachten und grübelten daher nach, woher wir marmorne oder doch gleichwertige Säulen holen könnten."Die "überreichliche Freigebigkeit des Allmächtigen" er-übrigt nach langen Jahren der Suche einen Transport von Säulen ausdem antiken Rom nach St. Denis. In Pontoise, in der Nähe klostereigener Ländereien, entdeckt man einen geeigneten Steinbruch.


Renaissance


Die Vorstellung von der entscheidenden Bedeutung der menschlichen Schaffenskraft und ihren Möglichkeiten prägen die Kultur derRenaissance. Einflussreiche Familien als wichtigste Bauherren bemächtigen sich der Kunst als Kampfmittel.Diese Zeit macht keinen Unterschied zwischen Kunst und Erfindung.


Der Begriff "Wiedergeburt" wird vom Kunstkritiker, Maler und Architekten Giorgio Vasari in die Kunstgeschichte eingeführt. Er setztdamit eine "tote oder kunstlose" Zeit voraus. Kunst wird von nun an als Teil eines historischen Ablaufes verstanden.So vergleicht Vasari diesen Prozess mit dem menschlichen Leben:"Die Natur der Kunst hat, wie die menschlichen Körper, das Geborenwerden, das Wachsen, das Altern und das Sterben an sich."


Für den Petersdom Neubau verwendet man wiederum die Ruinen Romʻs als Steinbrüche.So akzeptiert man auch den Verfall der antiken Bauten weitgehend. Sie dienen lediglich als Beispiel und geben den Baumeisterpersönlichkeiten die Möglichkeit, die Antike zu übertreffen. Sogar die wichtigste, damals 1200 Jahre alte, stark verfallene, aber noch benützbarePetersbasilika wird trotz Rettungsplänen Albertis abgebrochen. Dass Alberti selbst von seinen Plänen nichtvollumfänglich überzeugt ist, deutet er in seinen zehn Büchern über die Baukunst an. Sie basieren zum Teil auf dem Werk von Vitruv.Im 7. Buch äussert sich Alberti über die Basilika im allgemeinen. Er stellt fest, dass sie doch eher einen profanen Charakter habeund sich besser für einen Justizhof eigne.


Er wünscht sich vermutlich einen Zentralbau.Raphael Sanzio von Urbino widmet sich in seinem letzten Lebensabschnitt intensiv der Erforschung dieser Ruinen. Seine erstenKlassifizierungen sämtlicher römischer Bauwerke in antike, byzantinische, gotische und moderne und seine Rekonstruktionsversucheversetzen ganz Rom in Erstaunen. Raphael bittet Papst Leo X, sich. des Leichnams der alten Stadt zu erbarmen. Er erhält deshalbvom Papst den Auftrag, sich der antiken Baudenkmäler Roms anzunehmen. Im Zusammenhang mit seiner Ernennung zumBaumeister des Petersd0ms erweitert ein päpstliches Breve aus dem Jahre 1515 den Umfang seiner Tätigkeit. Das Breve lautet:"An Raphael aus Urbino: Höchst wichtig für den Bau des römischen Tempels des Apostelfürsten ist es, dass Steine und Marmor, dereneine grosse Menge dazu erforderlich sind, eher mit Bequemlichkeit aus der Nähe als von auswärts dazu geholt werden.Da wir nun wissen, dass die Ruinen Roms deren im Überfluss liefern und dass ihnen allerwärts Marmore jeder Art fast jeder entnimmt,der in und um Rom bauen will oder Ausgrabungen macht, so ernennen wir Dich, der Du die Leitung des Baues von uns erhalten hast,zum Präfekten über allen Marmor und alles Mauerwerk, welches von nun an in Rom und seiner Umgebung im Umkreis von 10 Meilenausgegraben wird, dass Du sie erwerbest, wenn sie zum Bau des Tempels dienlich sind.


Wir befehlen daher allen, welchen Standes sie auch seien, dass sie Dich zuerst davon benachrichtigen, als den Präfekten aller zutagekommenden Altertümer, wenn sie in dem genannten Umkreis Marmor oder andere Steine finden. Wer diesem Befehl nicht im Verlaufdreier Tage nachkommt, verfällt einer Strafe, nach Deinem Urteil zwischen 100 und 300 Goldstücken.Da es uns ferner bekannt geworden ist, dass viele von den alten Marmorstücken Inschriften oder sonstige Denkmale eingegrabenzeigen, die oft irgendeine wichtige Erinnerung enthalten und es wohl verdienen, zum Nutzen der Kenntnis und der Schönheitder lateinischen Sprache aufbewahrt zu werden, und da wir erfahren haben, dass dieselben von Marmorarbeitern oftunbedacht zersägt werden und die Inschriften verloren gehen, so befehlen wir allen Steinmetzen, dass sie ohne Deine Erlaubniskeinen Inschriftenstein fortan zersägen oder behauen dürfen."Papst Leo X rettet dadurch Schriften und Skulpturen, während er architektonische Werke der Antike weiterhin zerstört.


Barock


Die Kirchen und die zentralisierten politischen Systeme prägen die Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts.Der Schlossbau rückt als gleichwertiges Bauanliegen an die Seite des Kirchenbaues.


Als Ausdruck der Gegenreformation gilt es vor allem, die alten Kirchenräume zu aktualisieren und zu verschönern;die Räume entbehren der notwendigen "Überredungskunst".Die Anzahl der dabei geopferten Inneneinrichtungen, besonders der Altäre, ist unermesslich.


Erhalten bleiben nur die grossräumlichen Gegebenheiten der Kirchen. Barockisierungen sind im allgemeinen sehr umfassendeErneuerungen. Deutlich erkennbare Spuren vergangener Gotik z.B. sind selten.


1647 beauftragt Papst Innozenz X. Borromini, die Basilika "San Giovanni in Laterano" zu modernisieren. Dazu existiert ein Dokumentvon Juan de San Bonaventura, einem Freund Borrominis, wie man vermutet. Er lobt darin Papst Innozenz X.,aus all den tüchtigen Architekten Roms Francesco Borromini ausgewählt zu haben.


"Auf Grund dieser Ernennung hat er, Borromini, die stark zerstörte und sich in schlechtem Zustand befindliche Kirche wieder errichtetund mit Stuck und Marmor verschönert. Noch nobler wäre die Kirche geworden, wenn Herr Francesco die Möglichkeit gehabt hätte,sein beabsichtigtes Gewölbe zu bauen.Auf der Höhe der Kapitelle angelangt, wo die Vorarbeiten für das Gewölbe gemacht werdensollten, wurde er vom Papst verhindert, die alte Decke anzutasten.Aus diesem Grunde; weil er nicht die Freiheit hatte, die Kirche gemäss seiner Fantasie und seines Könnens auszuführen,hat ihm das Ganze nicht die gleiche Befriedigung gegeben wie allen andern."


Historismus


Im 19. Jahrhundert verlieren Kirche und Schloss weitgehend ihre Bedeutung. Bauaufgaben wie Ausstellungshallen, Theaterbauten,Wohnbauten, Bürobauten und anderes mehr werden von nun an von einer viel grösseren Zahl von Architekten gelöst.


Neue Elemente wie Fabrik, Eisenbahn und Elendsviertel sind Ausdruck des willkürlichen Spiels der Wirtschaftskräfte.Neue Idealbilder stehen vielfach im Widerspruch zur Wirklichkeit.


Der Architekt Karl Friedrich Schinkel äussert sich in einem ersten Gutachten zur Vollendung des Kölnerdomes auch über dieArchitektur seiner Zeit. Schinkel sieht in Wiederherstellungen unter anderem eine willkommene Bauaufgabe.Er sagt:"So bleibt es doch gewiss, dass es der neuen Zeit an grossen Kunstaufgaben dieser Art,wodurch doch allein die wahre Kunst bestehen kann, gänzlich mangelt."Schinkel glaubt, dass die Bedrohung und Zerstörung der alten Denkmäler ihre Ursache im Verlust der Bestimmung dieses Erbteils hat."Überall hat uns die Vorzeit zu viel hinterlassen, und nachdem die Bestimmung dieses Erbteils verloren gegangen, arbeiten wir schonseit einem halben Jahrhundert aufs eifrigste, mit barbarischer Planmässigkeit an seiner Vernichtung."Von Minderwertigkeitsgefühlen und Resignation gekennzeichnet sind die folgenden Äusserungen:


"Wenn aber die Aufgaben für die Kunst zufällig sich fänden, so würden wir in dem Zustande, wie wir noch sind, höchstens uns als guteund verständige Nachahmer der Vorzeit zeigen können und noch keineswegs gewürdigt sein, von einem Genius begünstigt zuwerden, der uns wahrhaft schöpferisch machte, wie es die Griechen waren und die Vorfahren in unserem Lande."Aus dieser Situation folgert Schinkel: "In einem solchen Zustande scheint die würdigste Bestimmung des Menschenmit aller Sorgfalt dasjenige zu erhalten, was die Kraft eines früheren Geschlechtes hinterliess und wir nicht ohne Ehrfurcht betrachtenkönnen, und es liegt ein Trost darin, mit einer ehrenvollen Tätigkeit über eine Zeit wegkommen zu können,die so wenig Veranlassung zu einer genügenden Wirksamkeit dieser Art gibt."Zehn Jahre später, unter der. Eindruck der englischen Industrie-Architektur, fragt Schinkel:"Sollten wir nicht versuchen, unseren eigenen Stil zu finden?"


Emmanuel Viollet le Duc (1814-1879) und John Ruskin (1819-1900)Viollet le Duc restauriert im Auftrage Napoleons III. zahllose mittelalterliche Monumente, vor allem aber Kirchen.Er wagt sich mit grosser Selbstsicherheit und umfassenden Kenntnissen über das Mittelalter an die zum Teilsehr vernachlässigten Bauwerke heran.Sein Ziel formuliert er folgendermassen:"Einen Bau restaurieren bedeutet nicht, ihn zu unterhalten, flicken oder wiedererrichten, sondern ihn in einem vollendeten Zustand zuetablieren, in einem Zustand vielleicht, der noch nie zuvor existierte."Ruskin empfiehlt seinen Schülern, Viollet le Ducs "Dictionnaire raisonné de l'Architecture" zu lesenEr lobt den gegenständlichen Teil des vielbeachteten Werkes, warnt aber gleichzeitig vor den geistigen Folgerungen des Autors.


Er selbst betrachtet die Restauration als moralisches Problem. Über die Architektur der Kathedrale sagt er:"Wir haben nicht das Recht sie zu berühren, sie gehören nicht uns." Die Wiederherstellung der Abteikirche in Dunblane im Jahre 1887nennt er die "vulgärste Brutalität",er schreibt:"Restaurationen sind in allen Fällen entweder fette Bissen für Architekten oder sie entstammen der Eitelkeit der betreffendenBauherren, und ich zähle sie zur schlimmsten Klasse des Schwindels und der Prahlerei. Die Restauration der Abteikirche in Dunblane,der reizvollsten Ruine Schottlands, ... muss ich für die gemeinste Brutalität erklären, deren Schottland sich seit der Reformationszeitschuldig gemacht hat. Viel lieber wäre es mir zu vernehmen, dass man eine Eisenbahn quer durch die Ruine gelegt und dieSteintrümmer in den Bach geworfen hätte."


Beide, Ruskin und Viollet le Duc, sind interessanterweise grosse und begeisterte Bewunderer der Berge.Ruskin schreibt angesichts des Alpenpanoramas 1833:"Sie, die Berge, waren klar wie Kristall, sie ragten in den reinen Horizont des Himmels, gerötet durch die untergehende Sonne. Allesübertraf jeden Gedanken und jeden Traum. Die Mauern von Eden wären weder schöner noch schrecklicher gewesenals die himmlische Mauer des Todes."Seine Begeisterung entsteht aus einem Augenblick der unmittelbaren Gegenwart.Viollet le Duc reagiert weniger emotional. Seine Zeichnungen zur Entstehung des Mont-Blanc-Massivs illustrieren auch ein Interessean Kristallformen. Umgekehrt interpretiert er durch seine Rekonstruktion den Berg als eine im Entstehen begriffene Ruine.Gegen einen Vergleich von "Kathedrale und Gebirge" hätten vermutlich beide nichts einzuwenden.Die Bedeutung der Denkmalpflege im 19. Jahrhundertliegt vor allem in der Planmässigkeit der Massnahmen, in der administrativenBewältigung, im Schaffen weiterführender rechtlicher Grundlagen und in der Anwendung und Entwicklung neuer technischerVerfahren. in der Zusairmenfassung also von allem, was als Prinzip schon seit Jahrhunderten gewachsen ist.


Kritik am 19. Jahrhundert: Georg Dehio (1850-1932)Die grossen Kontroversen über die Wiederherstellung von Denkmälern und die Folgen der Säkularisation veranlassen denKunsthistoriker Georg Dehio schon 1905, sich mit der Denkmalpflege des 19. Jahrhunderts kritisch auseinanderzusetzen. Er versucht,gleichzeitig auch Einfluss auf die Tätigkeit der kunstgeschichtlich interessierten Architekten auszuüben. In seiner Festrede über"Denkmalschutz und Denkmalpflege im 19. Jahrhundert" an der Kaiser Wilhelms-Universität zu Strassburg im Jahre 1905 bezeichneter die Denkmalpflege als Kind des Historismus und der Romantik.Nach dem Schock der französischen Revolution gilt es nicht mehr nach subjektiven Wertschätzungen oder Verachtungen zu urteilen,denn die historische Existenz als solche ist von Bedeutung. Er sagt:"Denkmäler schützen heisst nicht, Genuss suchen, sondern Pietät üben."Dass dieses "Pietät üben" den Denkmalpflegern einige Mühe bereitet, beschreibt Dehio wie folgt:"Der Historismus hat ausser seiner echten Tochter, der Denkmalpflege, auch ein illegitimes Kind gezeugt, das Restaurationswesen.Sie werden oft untereinander verwechselt"


Er versteht unter Restaurationswesen:"das Bedürfnis, nicht mehr vorhandene Substanz wieder herzustellen in der Annahme, die künstlerische Vollkommenheit liege in derEinheit der Erscheinung".Die Ursache sieht Dehio in der völligen Erschöpfung der originalen Stilkraft mangels einer eigenen Sprache der Architekten.Für ihn bietet die Architektur ein Bild der "Anarchie, unfrei und willkürlich zugleich", und er hofft:"Von dem Augenblick ab, wo wir wieder eine klare und einheitliche baukünstlerische Überzeugung haben werden - von diesemAugenblick ab wird der vom Hauptstrom der schaffenden Kunst verirrte Nebenarm, der unter dem Namen der Wiederherstellungunsere alten Denkmäler bedroht, in sein natürliches Bett zurückkehren."


Architektur des20. Jahrhunderts


In den Zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts proklamiert der "internationale Stil" sein Anliegen, "die neue Sachlichkeit",lautstark und deutlich. Ihm fehlt es kaum am nötigen Selbstbewusstsein, um den verirrten Nebenarm des Restaurationswesens wiederin sein natürliches Bett, das Bett der lebendigen Kunst, zurückzudrängen. Doch ihre Vertreter betrachten ihren Stil im allgemeinen alsNeubeginn, und es kommt zu keiner wirklichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.Le Corbusier schreibt in "Baukunst und Revolution:"Ein gewaltiger Missklang herrscht zwischen der modernen Geistesverfassung, die innerer Befehl ist, und der erstickenden Anhäufungjahrhundertealten Schuttes."


Nach dem 2. Weltkrieg und vor allem in der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs erweisen sichdie Thesen der "progressiven" Architektur der Zwanziger Jahre für niemanden ergiebiger als für dasprofit orientierte Baugeschehen. Die Glorifizierung der Maschine, das Trennen von Funktionszusammenhängenmit all seinen Folgen ermöglicht ihren grossen Erfolg.Mies van der Rohes bekannter Ausspruch "weniger ist mehr" bekommt leider eine neue Bedeutung: weniger Sorgfalt ist mehr Gewinn.


Die sogenannte repräsentative zeitgenössische Baukunst,eine verschwindend kleine Minderheit im täglichen Baugeschehen, wird vor allem durch Architektennamen geprägt.Das ständige krampfhafte Bemühen, sich sowohl von der Vergangenheit als auch von seinem Nachbarn abzusetzen,bringt uns, wenn auch auf einem andern Weg, wieder ins 19. Jahrhundert."Die Architektur mietet ein Bild der Anarchie, willkürlich und unfrei." Doch nicht "die völlige Erschöpfung deroriginalen Stilkraft mangels einer eigenen Sprache", wie im 19. Jahrhundert, führt zu Verwirrungen,sondern die Vielfalt der Sprachen.Inspirationen aus der internationalen Fachpresse fördern die lokale Unverbindlichkeit.


Charta von Venedig 1964In dieser Zeit Akzente unserer Vergangenheit zu setzen und diese zu pflegen ist die schwierige Aufgabe der nunmehrinstitutionalisierten Denkmalpflege. Stehen da Auswahl und Art der Erneuerung nicht auch nach wie vor unter dem Zeichen der"Willkür und Unfreiheit"?Um dieser Willkür der Auswahl soweit als möglich vorzubeugen und die Grenzen der Antastbarkeit von Denkmälern anzudeuten,verfassen, Architekten und Kunsthistoriker aus 16 Länder 1964 die "Internationale Charta von Venedig über die Erhaltung undRestaurierung von Denkmälern und Denkmalgebieten."Dieses Dokument definiert nur das "historische Denkmal", wobei das Kunstwerk darin enthalten ist.


Art. 1: Der Begriff "Historisches Denkmal" umfasst sowohl die einzelne Bauschöpfung als auch, das städtische oder ländliche Gebiet,das Zeugnis einer besonderen Kultur, einer bezeichnender. Entwicklung oder eines historischen Ereignisses ist. Er erstreckt sich nicht nurauf die grossen Schöpfungen; sondern auch auf die bescheidenen Werke, die mit der Zeit eine kulturelle Bedeutung erworben haben.Und zu ihrer Erhaltung heisst es in Art. 4-8 u.a.:Art. 4: Als erstes verlangt die Erhaltung der Denkmäler eine ständige Pflege.


Art. 5: Die Erhaltung der Denkmäler wird stets begünstigt durch die Verwendung in einer für die Gesellschaft nützlichen Funktion.Art. 6: Die Aufgabe der Erhaltung eines Denkmals umfasst auch die Erhaltung seiner massstäblichen Umgebung.Art. 7: Das Denkmal ist nicht zu trennen von der Geschichte, deren Zeuge es ist, und von der Umwelt, in die es gestellt wurde.Art. 9-13: äussern sich über Restaurierungen.Auch diese Thesen entsprechen den Ansichten Dehios im schon erwähnten Vortrag aus dem Jahre 1905: "dass jede Epocherespektiert werden muss" und "dass jede als unerlässlich anerkannte Ergänzung sich von der architektonischen Kompositionunterscheiden und den Stempel unserer Zeit tragen soll".Die Charta beabsichtigt in ihrem Zweckartikel ein Bildungsziel, wenn sie sagt:Art. 3: Die Konservierung und die Restaurierung der Denkmäler dienen der Aufgabe, sowohl das Kunstwerk als auch das Zeugnis derGeschichte zu schützen.


"Der moderne Denkmalkultus, sein Wesen und seine Entstehung", Alois Riegl,1903Der Kunsthistoriker Alois Riegl reflektiert in seinem Aufsatz aus dem Jahre 1903 "Der moderne Denkmalkultus, sein Wesen und seineEntstehung" die Geschichte der Denkmalpflege selbst. Er liefert damit einen bedeutenden Beitrag zum entwicklungsgeschichtlichenAspekt des Denkmals, der heute noch nichts an Aktualität eingebüsst hat.Von ihm stammen die Begriffe "gewolltes" und "ungewolltes" Denkmal, das "historische Denkmal" und das "Altersdenkmal". Dazu Riegl:"In der Klasse der gewollten Denkmale gelten nur diejenigen Werke, die mit Willen ihrer Urheber an einen bestimmten Moment derVergangenheit erinnern sollen; in der Klasse der historischen Denkmale erweitert sich der Kreis auf solche, die zwar noch auf einenMoment hinweisen, deren Wahl aber in unser subjektives Belieben gelegt ist; in der Klasse der Altersdenkmale zählt endlich jedesWerk von Menschenhand, ohne Rücksicht auf seine ursprüngliche Bedeutung und Zweckbestimmung, sofern es nur äusserlichhinreichend sinnfällig verrät, dass es bereits geraume Zeit vor der Gegenwart existiert und 'durchlebt' hat. Die drei Klassen erscheinenals drei aufeinanderfolgende Stadien eines Prozesses zunehmender Verallgemeinerung des Denkmalbegriffes."


Auch heute steht die Denkmalpflege vor eine konkrete Aufgabe gestellt, im Spannungsfeld dieser drei Pole.Dazu das Beispiel "Königsplatz" in München.KönigsplatzEin städtebaulicher Wettbewerb von 1808 für die Stadterweiterung war die Grundlage für das Konzept der sogenannten Maxvorstadtin München. 1812 billigte König Maximilian I. den Generalplan von Karl von Fischer und Ludwig von Sckell, in welchem derKönigsplatz der Lage nach be-reits festgelegt wurde. Ludwig I., begeistert für den Geist der Griechen, wollte aus dem Königsplatzeinen Platz der Kultur bzw. Forum nach antikem Vorbild machen.Leo von Klenze baute 1816-1830 die Glyptothek, einen Ausstellungsraum für Skulpturen.


Georg Friedrich Ziebland erhielt den Auftrag für die gegenüberliegende Antiken-Sammlung. Ihre Bauzeit dauerte von 1838-1845. Sieist im Gegensatz zur ionischen Glyptothek in korinthischem Stil gestaltet.Nach einem langen Vorspiel war es wiederum Klenze, der 1848-1860 die Propyläen, einen Torbau als Abschluss der Maxvorstadt,diesmal in dorisierendem Stil errichtete. Der Bau sollte auch an König Otto I. und den sogenanntengriechischen Befreiungskampf erinnern.Man muss wohl sagen, dass die Gesamtkonzeption des Königsplatzes von Ludwig I. und Klenze gemeinsam erarbeitet wurde.Die architektonischen Vorstellungen des Kronprinzen waren ausserordentlich konkret, und die vielen Projekt-varianten sind Zeugnisseheftiger Auseinandersetzungen. Eine Projektvariante war z.B. die Erbauung eines Armeedenkmals gegenüber der Glyptothek.Ein "Denkmal in Form einer Halle" wünschte sich Maximilian I. Joseph, als Erinnerung an die Gefallenen des vorangegangenennapoleonischen Russlandfeldzuges, an dem sich Bayern beteiligt hatte. Das Projekt von Karl von Fischer scheiterteaus finanziellen Gründen.


Es ist kein Zufall, dass Hitler 1933 ausgerechnet diesen Platz nach seinen Wünschen umfunktionierte.Paul Ludwig Troost (1879-1934) gestaltete symmetrisch zur Platzachse, gegenüber der Propyläen, die beiden "Ehrentempel"als Erinnerung an die Gefallenen des Putschversuches von 1923. Die beiden sogenannten "Führerbauten",das Verwaltungsgebäude der NSDAP und Hitlers Kongressbau stehen ebenfalls symmetrisch zur Platzachsenördlich und südlich der Ehrentempel.


Ab 1935 verschwanden die platzgliedernden Rasenflächen. Der mit grossen quadratischen Granitplatten belegte, von Sitzmauerngefasste Platz ermöglichte nun nazionalsozialistische Grossaufmärsche. Die Fachpresse lobte damals diese architektonischenVerbesserungen. Die Ehrentempel standen räumlich bestimmt nicht am falschen Ort.Selbst Klenze hatte in einem seiner Projekte an derselben Stelle zwei gleiche Gebäude vorgesehen.Der Königsplatz erlitt schwere Kriegsschäden. Die beiden Ehrentempel überlebten den Krieg und wurden1945 von den Amerikanern gesprengt. Der notdürftig geflickte Platz dient heute als Parkfläche.Die heftige Diskussion um die zukünftige Gestalt des Königsplatzes zeigt das grosse Interesse der Oeffentlichkeit. Die Mehrheit dermassgebenden Stellen setzt sich für eine Wiederbegrünung ein, wobei die Berücksichtigung des starken Autoverkehrs und derneuen U-Bahnstation grosse Schwierigkeiten bereiten.


Zur Hauptsache aber zerbricht man sich den Kopf darüber, in welcher Form Gras über den Platzund damit über seine Vergangenheit wachsen soll.Müsste man sich an dieser (heiklen) Stelle nicht fragen, ob "gewollte Denkmale" heute noch eine Berechtigung haben?Soll der Platz über seine bitteren Erfahrungen von 1933-1945 einfach schweigen?


Die Erhaltung des Granitplattenbelages wäre aus verschiedenen Gründen ungeeignet, diese Erinnerung wachzuhalten,denn diese "Versteinerung" des Platzes wäre nicht populär genug und vieldeutig. Zudem drängt sich ein aktives Zeichen derVeränderung auf, um dem Vorwurf der Gleichgültigkeit gegenüber dieser Vergangenheit entgegenzuwirken.Aber was erinnert denn noch an diese unheilvolle Zeit?Eine Möglichkeit, die Ereignisse 1933-1945 nicht spurlos zu beseitigen, wäre z.B., den Höhepunkt dieses Lebensabschnittesfestzuhalten, und zwar durch die Rekonstruktion der Sprengung der beiden "Ehrentempel".Die Rekonstruktion der Sprengung in Form einer Skulptur wäre ein aktives, unmissverständliches Zeichen. Im ausgebautenSockelgeschoss könnte man, als Kontrast zu den andern kulturellen Institutionen am Königsplatz,Räume für aktuellere Ausstellungen und Veranstaltungen unterbringen.


Doch zurück zu Riegl: Seine Überlegungen haben heute noch Gültigkeit: Während sich innerhalbder Entwicklung des Denkmalkultus die Verteidiger des Alterswertes, die Befürworter des historischen Wertes unddie Anhänger des gewollten Erinnerungswertes mehr oder weniger heftig bekämpften, sind wir heute aufalle drei Aspekte angewiesen, um die Idee des Entwicklungsgedankens erlebbar zu machen.Am Königsplatz drängt sich eine "Image-Verbesserung" auf und zwar nicht nur durch einen Schritt zurück,sondern auch durch ein Zeichen einer Entwicklung nach vorne.


Die Bauten von Architekt Paul Ludwig Troost (1879-1934) sind im Rahmen der zeitgenössischen Architektur nicht mehr geeignet,ein eindeutiges Zeugnis seiner Zeit abzulegen.


Bewertungsmethode nach Friedrich Mielke 1975Heute sind Behörden mit Abklärungen und Festlegungen von Baudenkmälern beauftragt. Nicht nur aus Gründen derGerechtigkeit, sondern auch als Entscheidungshilfen für die betreffenden Organe entsteht verständlicherweise der Wunsch nachBewertungsmethoden. Eine davon stellt Friedrich Mielke in seinem bereits erwähnten Buch dar. Mit seinem Modellversuchchteer mehr Objektivität in einen Entscheidungsprozess einfliessen lassen.Er betrachtet vorerst ein Bauwerk unter den vier Gesichtspunkten: Original, Zeit, Qualität und Symbol. Unter Original versteht Mielkedie charakteristischen Zeiteinflüsse, die in einem Bauwerk unmittelbar nach der Fertigstellung ihren Niederschlag gefunden haben.Diese sogenannten Komponenten charakterisieren die Originalität eines Bauwerkes.Es sind dies:


1) der Bauwunsch des Bauherrn2) die Beeinflussung des Bauwunsches durch die verfügbaren Finanzmittel3) die Einschränkung des Bauwunsches durch öffentliche Belange, Gesetze, Verordnungen oder allgemeine Moralauffassungen4) der Standort und seine topographischen oder geologischen Bedingungen5) die Einschränkung des Bauwunsches durch das zur Verfügung stehende Baumaterial6) die fachgerechte Formulierung des Bauwunsches durch den Architekten in Zeichnung und Ausschreibung7) die Übersetzung des Architektenentwurfes in die Baupraxis durch den Baumeister, Bauführer oder Polier8) die Detaillierung des Entwurfes durch Handwerker,Kunsthandwerker oder Künstler.Und weiter: "Die Architektur ist durch ihre vielen Komponenten so weitgehend in die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrerEntstehungszeit eingebunden, dass sie zu dem untrüglichsten Zeitdokument wird, das wir besitzen." Ob dieser Originalitäts-Faktor"untrüglich" oder "objektivierbar ist und einen festen Halt in der Vielfalt der Meinungen bildet", wie Mielke glaubt, ist fraglich,denn nur in den seltensten Fällen lassen sich diese verschiedenen Komponenten eindeutig beantworten.Ausdrücklich formulierte "Bauwünsche von Bauherren" sind selten.


Der Versuch, ursprüngliche Originalsubstanz zu erforschen und ihre Bedeutung soweit als möglich zu erkennen, ist notwendig.Baudenkmäler mit einem einzigen Originalzustand sind sehr selten. Der Faktor Zeit soll deshalb "die historisch gewachseneIndividualität weitgehend genau bestimmen und messen".Mit Hilfe der Original- und Zeitfaktoren kann ein beliebiges Bauwerk beschrieben werden. Es ist also notwendig,auch die Qualität und den Symbolcharakter zu untersuchen, um sich dem sogenannten Denkmalwert anzunähern.Mielke schreibt:"Unser Qualitäts-Faktor ist also keine messbare Grösse, er kann nur in bezug auf den Menschen und seine sich wandelndenQualitätsbegriffe relativiert werden. Der Mangel einer exakten Messung des Qualitätsfaktors wird kompensiert durch die Notwendigkeit,sich ständig mit dem Qualitätsbegriff auseinander zusetzen. Durch diese Auseinandersetzung aber entsteht eine lebendigeKunstanschauung; sie bewahrt die Denkmalpflege vor Schematismus und Erstarrung."


Mielke hält es nicht für notwendig, den Qualitäts-Faktor aufzugliedern in die Summe aller Qualitäten, denn es ist allein wichtig,dass das letztlich entstandene Gesamtwerk eine ausreichende Qualität besitzt. Für die Beurteilung der Qualität aber kann manauf ein Abwägen der verschiedenen Qualitäten bzw. Mängel nicht verzichten.Dasselbe gilt auch für den Symbolwert eines Bauwerkes. Ein Symbol ist nur in ganz seltenen Fällen eine eindeutige Sache.


Maximilianstrasse in StarnbergVersuchen wir trotzdem, das dargestellte Modell in vereinfachender Form an den Häusern derMaximilianstrasse in Starnberg anzuwenden.Die Auseinandersetzung um Erhaltung oder Abbruch der Villenhäuser an der Maximilianstrasse im Zentrum von Starnberg waren sehrheftig und dauern immer noch an. Es ist deshalb notwendig, die Frage nach dem Grad des Denkmalwertes dieser Bauten zu stellen.OriginalOhne auf die einzelnen Komponenten einzugehen, kann man sagen, dass es sich bei sämtlichen Bauten um Originale handelt. Einzigdie beiden mittleren Häuser unterscheiden sich nicht in allen Punkten; sie entstanden nämlich gleichzeitig, haben gleiche Grundrisseund unterscheiden sich vor allem im aufgesetzten Dachstuhl. Die verfügbaren finanziellen Mittel oder vielleicht der Bauwunsch desBauherrn beeinflussten anscheinend das Vorhaben. Je reicher der Bauherr, desto grösser und schöner die Krone, sprich Dachstuhl?ZeitAlle vier Häuser sind zwischen 1880 und 1905 entstanden und dokumentieren einen wichtigen Abschnitt in der StarnbergerGeschichte als neu erschlossenem Kurort. Abgesehen von den Umfunktionierungen wurden sie äusserlich nicht wesentlich verändert.Aus den ehemaligen Sommersitzen reicher Münchner sind heute Etagenwohnungen und Erdgeschossgeschäfte entstanden, mit allihren Vor- und Nachteilen.


QualitätAls Qualitäten könnten unter anderem folgende Eigenschaften der in Frage stehenden Häuser gelten:ihre originelle äussere Formensprache im Kontrast zu den üblichen Neubauten der Umgebung, oder die von den Bewohnerngeschätzten verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten der Häuser.Baukünstlerisch handelt es sich nicht um Werke ersten Ranges, als Gruppe aber besitzen sie einen gewissen Seltenheitswert.Hauptfeind der Häuser bildet die hohe mögliche Ausnützung der Grundstücke im Rahmen eines neuen Richtplanes. Sie sind somit imVergleich zur Umgebung unrentabel. Die Landhäuser stehen heute in einem Stadtzentrum!.Alle vier Villen an der Maximilianstrasse in Starnberg sollten in einer neuen Bebauung ihren Platz behalten. Ihre Aufreihung stellt sieerst ins richtige Licht und sie alle dokumentieren eine wichtige Etappe in der Entwicklung von Starnberg. Wird nur eine oder zwei derVillen geschützt, so erleben sie dadurch eine ungerechtfertigte Aufwertung.


SymbolDiese Häuser stellen keine gewollten Denkmäler dar. Es liegt deshalb an uns, einen Symbol-Inhalt zu suchen. Eine Vielzahl derdamals entstandenen Villen wecken Assoziationen an das Königsschloss "Neuschwanstein", das 1868-1886 als neue Burg zuHohenschwangau von Ludwig II. gebaut wurde.Baustilistische Parallelen sind unter anderem auch die einfachen Grundrisse mit unverhältnismässig aufwändigen Ansichten undbevorzugten theatralischen Schauseiten. Während sich die einsame Überheblichkeit Ludwig des II in "Neuschwanstein" auf imponierendeWeise artikuliert, kann sich die gewünschte Selbstherrlichkeit dieser Landhausvillen in Serie verständlicherweise nicht entfalten.Assoziationen an König Ludwig werfen offensichtlich ein zwiespältiges Licht auf die Symbolik der Starnberger-Villen. In diesemZusammenhang kann man die in der Auseinandersetzung um den Abbruch dieser Häuser gefallenenAnspielungen auf "Kitsch" verstehen.


Geschützte Objekte sollen möglichst umfassend von ihrer Vergangenheit erzählen. Ihre originelle äussere Erscheinung allein darf nichtnur dazu dienen, uns über vermit-telte Langeweile weitverbreiteter neuerer Architektur hinwegzutrösten.Es ist notwendig zu wissen, was für Zeugen und aus welcher Zeit wir uns erhalten wollen. Schliesslich identifizieren wir uns bis zueinem gewissen Grade mit dem erhaltenswerten Objekt und damit auch seiner Entstehungszeit.


Eine numerische Auswertung in Prozentzahlen, wie Mielke vorschlägt, täuscht nicht vorhandene Exaktheit vor.Die Faktoren Original, Zeit, Qualität und Symbol eignen sich aber weitgehend zur Beschreibung und Beurteilung von Bauten.Allgemeingültige Regeln zur Beurteilung von Bauwerken aufzustellen ist vermutlich ein unmögliches Unterfangen,denn die denkmalpflegerische Tat ist zu allen Zeiten die Ausnahme im Ausleseprozess der Geschichte.Es zu versuchen lohnt sich trotzdem.


Die Hauptschwierigkeit bei der Erfassung eines Denkmals liegt im Erkennen seiner Bedeutung.Dabei spielt die variable Grösse des Kunstbegriffs eine entscheidende Rolle. An der Bildung und Entstehung dieses Begriffs aberwirkt die Denkmalpflege ihrerseits wiederum selbst mit.Diese gegenseitige Beeinflussung äussert sich in der Entwicklung der beiden Begriffe Kunst und Denkmal.Der Vergleich, die Denkmalpflege bestreite ein "hinhaltendes Rückzugsgefecht", trifft in mehreren Beziehungen zu.Nicht nur einseitiger Fortschrittsglaube, sondern auch die Vergänglichkeit im allgemeinen bringen die Denkmalpflege in Bedrängnis.


Die Vergangenheit ist die einzige Potenz, welche die Gegenwart in Frage stellen kann.Pier Paolo Pasolini (1922-1975)


MusikBilder einer AusstellungMaurice Ravel (1875-1937) / Petrovich Musorgsky (1922-1975) / Isao Tomita (*1932)BibliographieHermann BAUER: Kunsthistorik, eine kritische Einführungin das Studium der Kunstgeschichte. München 1979Eva BRÜES/Karl Friedrich SCHINKEL: Die Rheinlande.Berlin: Rave GesamtausgabeFranco BORSI: Leon Battista Alberti. Mailand 1975Paul CLEMEN: Die Deutsche Kunst und die Denkmalpflege, ein Bekenntnis. Berlin 1933Georg DEHIO: Kunsthistorische Aufsätze. München/Berlin 1914Wolfgang GÖTZ: Die Entwicklung der Denkmalpflege in Deutschland vor 1800. Beiträge zur Vorgeschichte der Denkmalpflege. Diss.Karl-Marx-Universität Leipzig 1956GRIMM: Wörterbuch der Deutschen SpracheHans JANTZEN: Die Gotik des Abenlandes. Köln 1963 Wilhelm KELBER: Raphael aus Urbino. Stuttgart 1979 Friedrich MIELKE:Die Zukunft der Vergangenheit.Stuttgart 1975Winfried NERDINGER, Hsgr: Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken 1775-1825. Ausstellungskatalog. München 1980Christian NORBERG-Schulz: Vom Sinn des Bauens. Stuttgart 1979Nikolaus PEVSNER/John FLEMING/Hugh HONOUR: Lexikon der Weltarchitektur. HarmondsworthPaolo PORTOGHESI: Francesco Borromini. Mailand 1967 Alois RIEGL: Gesammelte Aufsätze: Der moderne Denkmalkultus,sein Wesen und seine Entstehung. Wien 1903VIOLLET le Duc: Centenaire de la Mort ä Lausanne.Exposition au Muse historique de 1'Ancien-Ev ch2.1979Marcus VITRUVIUS Pollio: Zehn Bücher über Architektur.Uebersetzt und erläutert von J. Prestel. Strassburg 1913Vorlesungsskripte:Tilmann BREUER: InventarisationNorbert KNOPP: Geschichte der Denkmalpflege Herbert WEIERMANN: Geschichte von BaudenkmälerZeitschriften:Der Baumeister, München, 35. Jahrgang/März 1937/Heft

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