Texte über Kunst und Kultur - Kunst & Wort

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Texte über Kunst und Kultur - Kunst & Wort

Kunst & Wort: Manchmal passiert es in einer Vorstellung,manchmal nur für die Dauer einer einzigen Arie, dass alleMasken fallen, die der Sänger und die des Publikums.Vesselina Kasarova: Das erreichen nur ganz wenigeKünstler, die sehr stark sind. Ich kenne einen, vielleichtzwei. Das ist große Kunst.Kunst & Wort: Wo liegt das Geheimnis?Vesselina Kasarova: Sie lieben die Menschen.Zum Schluss des Konzerts in Düsseldorf gab es mehrereZugaben (darunter bulgarische Lieder), die mindestensgenauso spannend wie das reguläre Programm waren. DasPublikum hörte sie stehend und hätte die Sängerin amliebsten nicht gehen lassen.OPERNBALL (Arien)2. Juni 2007Kaiserslautern – FruchthalleKONZERT (Rossini-Arien)5. Juni 2007Frankfurt – Alte OperKONZERT (Rossini-Arien)9. Juni 2007Schwetzinger Festspiele – Schwetzinger SchlossLIEDERABEND14. / 18. / 22. / 26. / 30. Juni 2007Wien – Wiener StaatsoperWERTHER (Charlotte)7. / 9. / 12. Juli 2007Münchner Opernfestspiele 2007 – PrinzregententheaterALCINA (Ruggiero)10. (P) / 15. / 18. / 21. / 26. August 2007Salzburger Festspiele 2007BENVENUTO CELLINI (Ascanio)Kunst & Wort widmet sich in dieser Ausgabe demKulturleben der zwei neuen EU-Mitglieder: Bulgarienund Rumänien. Die bekannte bulgarische LyrikerinMirela Ivanova schreibt in ihrem Essay über denschwierigen Weg der vom Kommunismus befreitenKultur in dem Land am Schwarzen Meer und CarmenMuşat, eine prominente rumänische Kulturjournalistin,dokumentiert den aktuellen Zustand derLiteratur ihres Landes.BulgarischesAllesaufeinmalGrenzenlosvon Mirela IvanovaEtwas wie Erinnerung, wie Träumerei –weder nur allgemein noch nur persönlich, etwas wieAllesaufeinmal© Marco Borggreve for SONY BMG MasterworksDie bevorstehenden Auftritte und Konzerte von VesselinaKasarova:17. / 20. / 23. / 26. Mai 2007München – Bayerische StaatsoperORPHÉE ET EURYDICE (Orphée)18. Mai 2007München – Haus der KunstDie bulgarische Literatur- und Kulturszene ist bereits Teilder europäischen ... Ja, so würde sich ein hochgestellterKulturbeamter unter Aufbietung all seiner geistigenRessourcen ausdrücken – wenn er nicht gleich denadministrativen Jargon benutzte. Dieses Klischee ist derarthohl und leer, dass es sogar die allerallgemeinsteInformation ausspart, nämlich die, dass sich in Bulgarienüber Jahre hinweg, vor allem in den Jahren nach derWende, in der literarischen und kulturellen Szene einmaligeEreignisse abgespielt haben. Lange unterdrückte undangestaute Energien brachen sich Bahn, Experimenteschossen empor und welkten dahin, immer neueStrömungen entstanden, und schnell vergessene ErfolgeKunst & Wort, Frühling2007 3


wechselten sich ab mit denkwürdigen und lange inErinnerung gebliebenen Blamagen. Das Herausgerissenwerdenaus der scheinbaren Ewigkeit des Kommunismuswurde just durch jene Elemente markiert, die in alleBereiche der Kunst eindrangen, der bulgarischen Kunst, dieerst noch laufen lernen muss, erste Schritte hier macht,erste Talentproben da ablegt, jenseits ihrer Grenzen willsie ihre Male und Bedeutungen zurücklassen. Nicht nur,weil ihr „Zuhause“ so drückend eng und bekannt vorkommt,sondern vor allem aus dem Drang heraus, sich zulegitimieren, sich in ihrer Andersartigkeit mit den anderenzu messen und den sichtbaren Horizont des Bekannten zuüberschreiten. Das Klischee verschweigt auch dieerbitterten Anstrengungen der bulgarischen Kunstschaffenden,ihr Talent und ihre Geistesgaben durch dieZeit zu retten, ihre Kreativität und ihre Würde zu wahrenund in Zeiten des Chaos und des Elends, der blindenRaffgier und der Kapitalanhäufung auf der einen und dergroben und unzeremoniösen Zerstörung der Werte auf deranderen Seite ihre Sehnsucht nach Mitteilung undAusbruch aus der provinziellen Spießerenge nicht zuverlieren. Das Klischee bedient sich assoziativ auch eineranderen entmutigenden Konnotation: dass sich bis gestern,geschweige denn vor Zeiten, fast niemand in Europaaußerhalb des Kontextes der Erfüllung der EU-Beitrittsklauseln, -kapitel und - paragraphen für unsinteressiert hat. Wir wurden wahrgenommen als finstereBalkansubjekte, unser Image von Dieben und Bettlern, dieüber die Prachtstraßen des glanzvollen Westens schlichen,wurde in aufdringlichster Weise kolportiert, ja, dasbedrohliche Szenario Die neuen europäischen Barbarenkommen – barfüßig, nackt und ausgehungert wurde imDutzendpack, hundertfach wiedergekäut, von hohen undniedrigen Rednerpulten beschworen, und regelrecht mitdem Vorschlaghammer in die Köpfe der selbstzufrieden inihrem Wohlstand verharrenden Westeuropäer gedroschen.Der bulgarische Staat betrieb keine Politik, die dasVorhandensein eines zeitgenössischen, gegenwärtigen undspannenden Kulturlebens verlautbart hätte, – erstens, weiler von der Kulturpolitik in verantwortungsloser Weise völligabgedankt hat, und zweitens, weil ein solches KulturlebenSynonym von Freiheit und Experimentierfreude ist, vonUnruhe und Unbeugsamkeit, und daher in aller Regelweder irgendjemandes politischen noch wirtschaftlichenInteressen dient.Am wesentlichsten ist jedoch die Tatsache, dass dieKunstschaffenden in den Jahren nach der Wendevollkommen sich selbst und ihrem Talent, ihrer Moral undihrem Charakter überlassen waren, und darin bestand fürsie immerhin eine reelle Chance, der plötzlichen Freiheit inall ihrer Originalität ihren eigenen Stempel aufzudrücken.Dieses zwiespältige Sich-selbst-Überlassensein der Kunsterlaubte es uns, der Selbstzensur und den ideologischenFesseln zu entkommen, dem versumpften realsozialistischenVorher, das wir mit all seinen bitterenLektionen dennoch nicht vergaßen. Es erlaubte uns auch,die Schläge der orkanartig über uns hereinbrechendenKommerzialisierung wegzustecken, die uns zweifellos tiefeseelische Wunden zugefügt hat, und es erlaubte uns, allebeide Übel – so gut wie heil – zu überstehen und, weisergeworden (sofern ein Künstler überhaupt jemals weisewird), uns wieder dem Essenziellen des Schaffensprozesseszuzuwenden. Ich werfe häufig, mal pathetisch, mal ironisch,das Thema der Spaltung in unseren Biographien auf, dieweder ausgelöscht noch beendet werden kann, und dieverantwortlich ist für die Widersprüchlichkeit der freiwerdenden Energien, menschlichen Konflikte, geistigenZusammenbrüche und Aufstiege, um sie schließlich inKunst zu verwandeln.Es ist wohl kaum möglich, auf „mechanische“ Weise diesegeistige Erfahrung aus der Zeit nach der Wende in diesesoder jenes europäische Land zu verfrachten; es gibt keine„Bühnenarbeiter“, die gelernt hätten, wie man einbulgarisches Wende-Szenario abbaut und an einemanderen Ort wieder aufbaut, ohne dass dessen Aura dabeiauf der Strecke bliebe. Und wie haben wir nun dieEreignisse von vor über siebzehn Jahren erlebt undgestaltet? Und was erwarten wir bzw. was erwartet unsnach der kürzlich erfolgten Aufnahme Bulgariens in die EU?Auf diese Fragen gibt es zahllose und oftmals nichtwahrheitsgetreue Antworten, wenn wir sie beispielsweisedurch die „Lupe“ der neuesten bulgarischen Literaturbetrachten. Unmittelbar nach der Wende schlug zuerst dieStunde der Lyrik. Sie behauptet ihren hohen Rangirgendwie bis heute, verteidigt ihn, häuft neueSinnschichten auf, weist in neue Richtungen. Die Gedichteverließen rasch die Territorien der Metaphern undgleichnishafter Ausdrucksweise und begannen, in derschnörkellosen Sprache der Straße zu reden, mit der hohenund rauen Stimme der Ironie und Theatralik. Die Lyrik der90er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde zum Zeichennicht nur der literarischen und gesellschaftlichen Prozessein Bulgarien, sondern auch des Durstes nach geistigerEntfesselung und der Stillung dieses Durstes. Ihre Präsenzwar eine ungeheure Herausforderung auch für die anderen,ihrer Natur nach schwerfälligeren Genres. Doch auch dieHandvoll großer Romane, die teils verwickelt und inepischer Breite, teils postmodernistisch und atemlos dieschwierige Wahrheit über unsere Zeit sagend, ließen nichtauf sich warten. Heute liegen sie bereits in englischer,deutscher und französischer Übersetzung vor und machenihre Leser mit der Dichte der Ereignisse und denangespannten menschlichen Schicksalen bekannt, mit denutopischen Welten der Sehnsucht nach Freiheit und mit derZerbrechlichkeit dieser Utopien. Im Inneren der seriösenbulgarischen Prosa kocht und brodelt es vor Leidenschaft,vor stupende lebendigen Figuren, Charakteren, Helden,von realen und tiefen Problemen, die in ihrer Tiefe auchvon künstlerischer Aussagekraft sind. Entsprechend diesemliterarischen Boom stand auch die Buchproduktion – inkürzester Zeit wurden Dutzende von Verlagen neugegründet, noch einmal so viele schafften es, in ebensokurzer Zeit wieder von der Bildfläche zu verschwinden.Doch auch in den schwierigsten Zeiten hörte derLiteraturmarkt nicht auf, uns mit einer immer größerenVielzahl von Neuerscheinungen zu überraschen. Vor kaumeinem Jahr las ich eine Statistik, aus der hervorging, dasszwischen 1990 und 2000 alljährlich zwischen 380 und 400Gedichtbänden erschienen sind, und wenn das wirklichstimmt, grenzt es doch an Wahnsinn. Es muss sich hier umeine verständliche Entladung einer angestauten Energiehandeln, die plötzlich frei wurde, um einen Versuch derMenschen, sich selbst, die richtigen Werte undOrientierungspunkte zu finden, um eine Rettung aus demChaos durch die Neuordnung der Worte.Ich würde nur zu gern das bisher Gesagte nach innenstülpen, es zum Futter der eigenen Mütze machen, dennich habe ja auch mein Scherflein zu dieserWahnsinnsstatistik und den Überschwängen dieser Zeitbeigetragen, bin ebenfalls eine jener erwähntenbulgarischen Autoren mit zerrissener Biographie, einemgespaltenen Los, das ich immer und immer wieder mitWorten zusammenzunähen versuche. Nach allerleiSchwierigkeiten, Aufs und Abs erschien im Jahr 1985 meinKunst & Wort, Frühling2007 4


erster schmaler Lyrikband mit 33 Gedichten unter demTitel „Steinerne Flügel“. Alle begriffen diese Metapher alsgenaues und unzweideutiges Symbol einer Zeit, in der unsein durchideologisierter Staat und sein langes Dahinsiechenalle Möglichkeiten zu fliegen genommen hatte. Selbst dieGedankenflüge hatten ihre Grenzen, mindestens ihreöffentliche Mitteilung wurde rigoros unterbunden. DasBüchlein und sein Titel trugen mir eine Reihe vonGlückwünschen ein, einen Haufen Begeisterung erhielt ichkostenlos dazu. Die Auflage von 1000 Exemplaren warrasch vergriffen und viele kopierten sich Gedichte daraus,und als ich gerade anfangen wollte, mich so richtig übermeine unglaubliche Berühmtheit zu freuen, die durch dieFanfaren des Erfolges hinausposaunt wurde, da wurdeauch schon die schwere Artillerie der damaligen Kritik inStellung gebracht und beschoss mich mit Anschuldigungenwie „Anschwärzung der Wirklichkeit“, „ideologischerBankrott“ und „Kupplerei mit dekadenten westlichenTendenzen“. Anders gesagt: Meine Metapher wurdevollkommen entmetaphorisiert und geerdet. Nun war ichgebrandmarkt als ein für das Regime wenig hoffnungsvollerAutor, und im Verlauf der nächsten drei Jahre wurden mirmeine steinernen Flügel auf der Suche nach einerArbeitsstelle buchstäblich in den Weg gelegt, bis ich amEnde ein Pöstchen als Korrektorin bei einem ekligenBlättchen einer Komsomolzenorganisation fand. Ichdramatisiere die Ereignisse im Rückblick keineswegs. Heutescheint es mir sogar so, als hätten diese Prüfungen in derZeit meines poetischen Aufbruchs meinen Charaktergefestigt und mich gelehrt, dass, wenn ich fliegen will, ichwohl oder übel auch lernen muss, dies mit steinernenFlügeln zu tun.Nach der Wende war das auch nötig. Sie verlagertenämlich derart die atmosphärischen und gesellschaftlichenSchichten, generierte derart viele unterschiedliche WindundOrkanarten, dass kein Höhenflug, kein geistigesAbheben leicht war. Wir, die wir uns am Ende der 1970erund am Anfang der 1980er Jahre entschlossen hatten, unsder Kunst zu weihen, sie als unser Los zu betrachten,entwickelten dabei eine Art Zähigkeit bei der Bewältigungder Wirklichkeit. Ein Element dieser Zähigkeit war einantiideologisches Immunsystem. In den 90ern mussten wirschließlich auf einmal mit vollkommen anderen Umständenfertig werden, die nicht einfach bloß akzeptiert, sonderninnerlich angenommen werden mussten, ohne dass sie unszerstörten. Jene von uns, die das überlebt haben, gehörenheute zu den wichtigen Namen in der bulgarischen Kunstund Literatur. Es sind mit Sicherheit mehr als zwei Händevoll und sie harren aus an ihrem Platz wie die steinernenFlügel meiner Jugend.Wenn ich meine Jugend erwähne, muss ich immer anmeine Schuljahre denken und die quirlig aufgekratzteAtmosphäre in der Redaktion der Zeitschrift „Rodnaretch“ (so viel wie: Muttersprache). In der Rubrik „ErsteSchritte“ arbeitete ein ganzes Dutzend begabter jungerLeute aus dem ganzen Land zusammen, und einmal imJahr versammelten sie sich zu einem Seminar. Der amstärksten leuchtende „Star“ in dieser Zeit war die jungeDichterin Peja Dubarova aus Burgas, die, bevor sie sich mitsiebzehn Jahren das Leben nahm, bereits über eine vollausgebildete poetische Welt verfügte. Der tragischeAbglanz dieses Selbstmordes im Jahr 1979 traf auch uns.In einem Atemzug mit ihrem Namen fielen immer die vieleranderer hoffnungsvoller Autoren, Lyriker und Erzähler.Das Schicksal zweier von ihnen, Mitschüler auf demEnglischen Gymnasium in Sofia, hört sich jetzt wie einelehrreiche Fabel an, mit der ich diesen Text beschließenmöchte. Dejan E. und Nikola K. schrieben Erzählungen,handwerklich ungemein geschickt und sehr reif für ihr Alterund ihre Lebenserfahrung. Sie beendeten das Gymnasium.Dejan E. begann, Zahnmedizin zu studieren, Nikola K.hingegen wurde Student an der Fakultät für slawischePhilologie mit dem Schwerpunkt Serbokroatische Spracheund Literatur (damals gab es diese Sprache und dieseFachrichtung noch). Kurz darauf unterbrachen beide ihrStudium, wurden für zwei Jahre in die unausweichlicheHölle einer sozialistischen Kaserne gesteckt, anschließendheirateten sie. Dejan E. bekam einen Sohn, Nikola K. eineTochter. Dejan E. verließ nach zwei Jahren dieStomatologie und begann, als Pfleger in psychiatrischenAnstalten und in Leichenhallen zu arbeiten oder alsFabrikarbeiter. Anschließend setzte er sein Studium fortund veröffentlichte seinen ersten Band mit Erzählungen –„Lektüre für den Nachtzug“, ein Literaturereignis, das seitseinem Erscheinen im Jahr 1986 nicht in Vergessenheitgeraten ist. Nikola K. beendete sein Serbokroatisch-Studium, ging als Korrespondent für die BTA (BulgarischeTelegraphen-Agentur) nach Belgrad, kehrte zurück undwurde von irgendeinem linientreuen Typen imAuslandsressort einer staatlichen Zeitung (als hätte esandere gegeben!) eingestellt. Inzwischen war derKommunismus gefallen, die Demokratie war ausgebrochen.Dejan E. fuhr fort, die Arbeitsplätze zu wechseln undimmer großartigere Bücher zu schreiben, immer haarscharfentlang der Grenze zwischen Herausforderung und Armut.Nikola K. hingegen wurde ein schwerreicherstellvertretender Chefredakteur des einstgewerkschaftlichen und heute privaten Blattes und will sichnicht mehr im Geringsten daran erinnern, dass er malliterarische Ambitionen gehabt, als Schüler veröffentlichtund dergleichen windige Dummheiten begangen hat. DejanE. kann sich nicht einmal eine Klapperkiste von Autoleisten, während Nikola K. mit einem der neuestenMercedes-Modelle durch die Gegend fährt. Die Namen undGesichter der beiden sind in ganz Bulgarien wohlbekannt,doch niemand und nichts bringt die beiden miteinander inVerbindung – außer mein Gedächtnis und die aufbewahrtenHefte der Zeitschrift „Rodna Retch“ vom Ende der 70erJahre. So viel der kleinen Fabel vom Weg und Preis eineserfolgreichen literarischen Werdegangs. Einen ihrerProtagonisten, Dejan E. – da bin ich mir sicher – wird innicht allzu ferner Zukunft auch die europäischen LiteraturundKulturszene entdecken.Aus dem Bulgarischen von Thomas FrahmMirela Ivanova schreibt Gedichte, Erzählungen, Literaturkritikund Publizistik und übersetzt aus dem Deutschen.Ihre Gedichtbände sind: „Steinerne Flügel“ – „GeorgiBakalov“, Varna, 1985; „Geflüster“ – Samizdat, Sofia,1989; „Einsames Spiel“ – „Balgarski Pisatel“ (BulgarischerSchriftsteller), Sofia, 1990; „Gedächtnis für Einzelheiten“ –„Pan“, Sofia, 1992; „Auseinandernehmen derSpielsachen“ – „Otechestwo“ (Heimat), Sofia, 1995;„Einsames Spiel“ – „Wunderhorn“, Heidelberg, 2000(Gedichte auf Deutsch – Übersetzung, Anmerkungen undNachwort – Norbert Randow); „Eklektiken“ – „Snom“, Sofia,2002. Der Band „Gedächtnis für Einzelheiten“ erhielt denPreis des Verbandes der bulgarischen Schriftsteller für dasbeste Poesiebuch 1992 und „Eklektiken“ den Preis für dasbeste Buch 2002 der Vereinigung der bulgarischenSchriftsteller. Mirela Ivanova ist Trägerin des Poesiepreisesder Zeitung „Trud“ (Arbeit) 1999 und des Nationalpreisesfür bulgarische Literatur „Christo G.Danov“ 2003. 2002erhielt sie in München den jährlichen Hermann-Lenz-PreisKunst & Wort, Frühling2007 5


für moderne Poesie aus Ost- und Südosteuropa. 2004 hatder Verlag „Wunderhorn“ einen zweiten Band mit ihrenGedichten und poetologischem Nachwort, „Versöhnung mitder Kälte“, übersetzt von Gabi Timann, herausgegeben. DiePoesie von Mirela Ivanova ist ins Englische, Deutsche,Spanische, Tschechische, Ungarische, Türkische, Serbischeund Iranische übersetzt. Sie moderiert eine eigene Rubrikim Radiosender „Deutsche Welle“.GrenzenlosEruption und keinEndevon Carmen MuşatAnmerkungen zur zeitgenössischen Literaturin RumänienDer Anfang der 1990er Jahre setzte in der rumänischenLiteratur eine deutliche Zäsur. Nur wenige der vor demNiedergang des kommunistischen Regimes berühmtenSchriftsteller bestanden die Prüfung des freien Schreibens.Sie alle beherrschten das Stilmittel des „Schreibenszwischen den Zeilen“, das ihnen erlaubte, sich durchAnspielung und Parabel auf die soziale und politischeRealität zu beziehen. Das ist auch der Grund, warum heuteviele der vor 1990 geschriebenen Romane und Dramen nurschwer verstanden werden können – ihr Kontext existiertnicht mehr. Manchen Schriftstellern allerdings ist derWandel gelungen. Sie publizieren erfolgreich und ziehenweiterhin die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich:Gabriela Adamesteanu, Norman Manea, Radu Cosasu,Mircea Horia Simionescu, Radu Petrescu und CostacheOlareanu sowie einige der Schriftsteller, die in den 80erJahren debütierten, wie Mircea Nedelciu, Gheorghe Craciun,Mircea Cartarescu, Cristian Teodorescu, Petru Cimpoesuoder Petre Barbu.Die rumänische Gesellschaft verlangte zu Beginn der 90erJahre neue Ausdrucksformen und lehnte die Fiktion ab, vorallem die früher so hoch geschätzte politische Anspielung.Sie verspürte zwar ein starkes Bedürfnis, sich mit ihrerVergangenheit auseinanderzusetzen, allerdings im direktenund authentischen Diskurs. Verleger stürzten sicheinerseits auf die früher verbotenen Werke und Autoren,interessierten sich andererseits auch für allerhandautobiographische Texte wie Tagebücher oderumfangreiche Memoiren von Autoren, deren Schicksal indramatischer Weise mit den geschichtlichen Ereignissenverknüpft war (manche waren bekannte Schriftsteller undPolitiker, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg geweigerthatten, mit dem kommunistischen Regimezusammenzuarbeiten und deswegen emigrieren musstenoder verhaftet wurden). Viele dieser Bücher hattendokumentarischen Wert und halfen, die Atmosphäre desTerrors in der an Gefängnis erinnernden politischenRealität zu rekonstruieren. Diese Texte wurden zu einerliterarischen Schule sui generis für die Schriftsteller der90er Jahre.Schon zum Anfang der 80er Jahre begann eine Gruppe vonjungen Schriftstellern eine heiße Debatte über diepolitische und soziale Realität im Lande. Sie weigerten sich,das Elend der kommunistischen Wirklichkeit in Parabeln zuverkleiden und stellten sich in die Tradition ihrer erklärtenVorbilder, der Schriftsteller der Gruppe Targoviste (MirceaHoria Simionescu, Radu Petrescu, Costache Olareanu,Tudor Topa) und des Schriftstellers und Dramaturgen des19. Jahrhunderts Ion Luca Caragiale. Sie zeigten dierumänische Wirklichkeit in einem subjektiven Spiegel,indem sie sie durch alle ihre Poren aufnahmen, in einemüberzeugenden Abbild zusammenfügten und dem Leserdarauf einen tiefen Blick gewährten. Dem Bild, das ausihren Romanen und Erzählungen hervortrat, mischten sieoft Ironie bei, gleichzeitig war es aber bitter ernst. Obwohlisoliert innerhalb des osteuropäischen Blocks entdecktendie jungen Schriftsteller auf ihre Weise neue literarischeFormen, so dass ich hier von einer postmodernenGeneration sprechen möchte, auch wenn es keinePostmoderne gab. Autoren wie Gheorghe Craciun, MirceaCartarescu, Mircea Nedelciu, Stefan Agopian, BedrosHoransangian, Adriana Bittel, Ioan Grosan, Ioan Lacusta,Stelian Tanase, Cristian Teodorescu, Razvan Petrescu,Petru Cimpoesu, Petre Barbu publizierten auf diese Weiseeinige ihrer wichtigsten Bücher noch vor 1989, obwohl sieihren ästhetischen Kanon erst in den vergangenen 17Jahren festigten. Ich sage nicht, dass es unter diesenAutoren keine Verschiedenheiten gab. MancheUnterschiede waren von Anfang an sichtbar, anderewurden erst in den letzten Jahren offensichtlich. Zweiprominente Schriftsteller aus dieser Gruppe sind in derZwischenzeit gestorben (Mircea Nedelciu und GheorgheCraciun). Sie hinterließen einige wichtige Werke, die zumTeil auch ins Französische übersetzt sind, wiebeispielsweise Craciun’s Composition aux parallelesinegales, (Edition Maurice Nadeau, 2001). Die anderen sindweiter aktiv und schreiben vielversprechende Texte.Eine neue Generation von Prosaisten erschien in derKulturszene Rumäniens erst Anfang dieses Jahrzehnts.Davor gab es einige neue Namen, allerdings erschienenihre Werke in kleinen Verlagen ohne jegliche Werbung undAußenwirkung. Aber nach 2003 wurden manche dieserTexte erneut zusammen mit vielen neuen Romanenunbekannter Autoren im Polirom Verlag, der zu denwichtigsten in Rumänien gehört, publiziert. Das war derAuftakt dessen, was manche Kritiker „das Polirom-Phänomen“ nennen: beachtlich viele neue Schriftsteller,die meisten von ihnen sehr jung, deren Bücher, dank einerauffälligen und intelligenten Werbung, eine große Resonanzfanden. Polirom startete zwei wichtige Editionen: „Ego.Prosa“ für Debütanten und „Fiktion GmbH“ vor allem fürWiedererscheinungen. Zu den innovativsten undgeschicktesten Prosaisten, die dort entdeckt oderunterstützt wurden, gehören Filip Florian, Florin Lazarescu,Dan Lungu, Lucian Dan Teodorovici, Simona Popescu,Anamaria Sandu, Razvan Radulescu, Florina Ilis, IonManolescu, Petre Barbu, und die Liste könnte verlängertwerden. Der großartige Erfolg macht deutlich, dass essinnvoll ist, in Werbung zu investieren. Offensichtlichexistiert ein breites und junges Publikum, das sich fürLiteratur interessiert. Die richtige Frage lautet also nicht,ob Bücher gelesen werden, sondern welche Art Literaturdie Leser erwarten.Realismus und danachFür das Verständnis der zeitgenössischen rumänischenLiteratur ist der kulturelle und politische Kontext wichtig.Vor dem Jahr 1989 übte er einen enormen Druck auf dieKunst und Kultur aus und erschwerte die Aufgabe derKunst & Wort, Frühling2007 6


Schriftsteller. Trotz der extremen Zensur entstanden indieser Zeit wichtige literarische Werke, wie GabrielaAdamesteanu’s „Verlorener Morgen“ (in französischerÜbersetzung erschienen in 2005 bei Gallimard), Werke derso genannten Targoviste School (Mircea Horia Simionescu,Radu Petrescu, Costache Olareanu, Tudor Topa u. a.),Radu Cosasu’s „Überleben”, Norman Manea’s „SchwarzerBriefumschlag” und „Oktober, acht Uhr“, einige Romaneund Erzählungen der damals jungen Gruppe „80erGeneration” und einige andere, wie Constantin Toiu’s„Galerie des wilden Weins“ oder George Balaita’s „Die Weltin zwei Tagen“ und „Schlechte Körper“ von Sonia Larian.Diese Schriftsteller konnten allerdings nicht offen unddirekt über die kommunistische Realität schreiben. DerRealismus galt damals als staatsfeindlich. Aus diesemGrund ließen große Romane über die kommunistische Zeitauch direkt nach 1990 weiter auf sich warten.Zeitgenössische rumänische Literatur steht vor einemunlösbaren Problem: Ihr Realismus wendet sich derVergangenheit zu, der Art und Weise, wie die Geschichtemenschliche Schicksale zerrüttete. Beispiele dafür sindRomane wie „Die russische Puppe“ (2004) von GheorgheCraciun, dem vielleicht ausdrucksvollsten Text über dastägliche Inferno von Menschen, die zur immerwährendenGefangenschaft und Manipulation verurteilt waren. PetreBarbu’s Roman „Sorglosigkeit“ (2004) wagt sich an dasThema der tiefen Wirkung, die der Mangel an Freiheit aufdie menschliche Mentalität und das Verhalten auch nochJahre nach dem Zusammenbruch des Regimes hat,während Matei und Filip Florian in ihrem „Die Jungs ausBaiut“ (2006) eine typische Kindheit während desKommunismus aus der kindlichen Perspektive beschreiben,indem sie auf eine atemberaubende Art Naivität undIdeologie vereinen. Gabriela Adamesteanu’s „Begegnung“,publiziert 2003, erzählt die Geschichte eines altenExilanten, der nach über 20 Jahren nach Rumänienzurückkehrt. Das Buch ist das Bekenntnis einer verlorenenIdentität und es zeigt die Unmöglichkeit, unsereVergangenheit zurückzugewinnen oder unsere altenBindungen wiederzubeleben. Mit denselben Aspekten vonAbwesenheit, Gedächtnis und Vergessen beschäftigt sichauch Milan Kundera in seiner „Ignoranz“. „Schleudern“, IonManolescu’s neuester Roman, ist ein typischespostmodernes Werk an der Grenze zwischen Realismusund Fantasie, das seinen Leser irreführt, mit einemheterogenen, ironischen Erzähler, der zwischenverschiedenen Zeiten und Identitäten springt. Eine Autorin,die als eine Entdeckung gilt, ist Florina Ilis. Ihre Romane„Kinderkreuzzug“ und „Fünf farbige Wolken auf demöstlichen Himmel“, erschienen in den letzten zwei Jahren,gewannen Anerkennung der Kritik und der Lesergleichermaßen. Der „Kinderkreuzzug“ widmet sich demThema der gewaltsamen Veränderungen, während sich„Fünf farbige Wolken auf dem östlichen Himmel“ mit derMacht der Imagination beschäftigt, die das menschlicheSchicksal beeinflussen kann. Florina Ilis ist eine begabteErzählerin, die ihre fiktiven Welten sehr sicher kreiert undbeherrscht.Werke von Norman Manea’s and Radu Cosasu’s brechenthematisch mit der langjährigen Tradition der rumänischenProsa in zweierlei Hinsicht: ethnisch und politisch. „DieRückkehr des Hooligan“ [auf Deutsch erschienen im CarlHanser Verlag, München] und „Überleben“ thematisierenSelbstverletzung und die Abhängigkeit des Einzelnen vonder Gruppe in einer Welt, in der die menschlichenSchicksale der Beliebigkeit der historischen Ereignisseausgeliefert sind. Es gibt darüber hinaus sozialorientierteLiteratur, die aus dem postmodernistisch abgefärbtenrealistischen Diskurs entstanden ist: Dan Lungu mit seinem„Hühnerparadies” oder „Ich bin eine kommunistische alteHexe“, Lucian Dan Teodorovici, Florin Lazarescu, CosminManolache und vor allem Sorin Stoica (verstorben imvergangenen Jahr mit 27 Jahren), deren Texte ein genauesAbbild der alltäglichen Sprache und Aktivitätengewöhnlicher Menschen sind.Ein anderer Trend in der zeitgenössischen rumänischenLiteratur ist Fantasy. Die hiesigen Schriftsteller scheinenfasziniert von der verlockernden Kraft, die von der Fantasyausgeht, wobei sie ihr eine bedeutungsvolle sozialeDimension verleihen. Romane wie „Kleine Teodosie“ vonRazvan Radulescu, „Kleine Finger” von Filip Florian (das2008 in den USA erscheinen soll) oder „ChristinaDomestica und die Seelenjäger” von Petru Cimpoesubeschreiben eine Welt, in der weder die Konventionen nochdie Sprache der Realität gelten. Allerdings wären sieisoliert von der realen Welt unverständlich – dieser Bezugist für einen Prosaautor der Weg, der ihn zu eineruniversalen Dimension der sozialen und politischen Realitätund der sich in ihr abspielenden Schicksale führen kann.Diese Bücher scheinen eine Abwandlung der heutigensozialen Bedingungen zu sein, die zunehmend hybrid undverwirrt ist. Sie parodieren große Erzählungen, sindkomplex und appellieren an das historische Gewissen derLeser.Zum Schluss kann ich der Verlockung nicht entgehen, diePräferenz vieler junger Autoren für eine sehr persönlicheund intime Erzählweise zu erwähnen, die sich auf diefranzösische autofiction bezieht. Serge Doubrovsky hatdiesen Begriff als Erster benutzt, um die sehr besondereArt der Erzählung zu kennzeichnen, die man auch „dieFiktion über sich selbst“ nennen könnte: Sie vermischtImagination und Realität und fokussiert auf das eigeneLeben und die Gedanken des Autors selbst. Ionut Chiva,Adrian Schiop, Dragos Bucurenci, Adrian Buz, IoanaBaetica sind nur einige wenige dieser jungen Schriftsteller.Lyrik, die Brücke zwischen uns und mirWenn man die große Anzahl der Gedichtbände betrachtet,die einige der wichtigsten Verlage ausgeben, muss maneine große Beliebtheit der Poesie bei den heutigen Lesernfeststellen. Schon vor dem Fall des Kommunismus warenAutoren wie Nichita Stănescu, Ana Blandiana, MarinSorescu oder Mircea Dinescu sehr populär und von einerspeziellen Aura umgeben. Auf Grund dieser Aura lehntenAna Blandiana und Mircea Dinescu öffentlich das Regimeab. In der letzten Dekade des Kommunismus und in den90er Jahren kamen viele neue Namen dazu. Die sogenannte „postmodernistische Generation der 80erJahre“ – sehr aktiv auch in der Prosa, Literaturkritik undLiteraturtheorie – war zutiefst beeinflusst von deramerikanischen Poesie. Viele der Dichter, die in der Zeitkurz vor 1989 debütierten, haben die Erwartungen derKritiker und Leser auch nach 1990 erfüllt.Es gibt zwei wichtige Strömungen in der zeitgenössischenPoesie in Rumänien, die beide ihren Ursprung imPostmodernismus haben. Eine nutzt die Ironie, Parodie undtendiert zur Erzählung (die Autoren dieser Richtung sind:Mircea Ivănescu, Mircea Cărtărescu, Florin Iaru), dieandere schaut nach innen, auf das Ich und seineWandlungen. Anders gesagt: Es gibt eine nach außengerichtete Poesie, die sich direkt mit der grotesken undenttäuschenden Realität befasst (Alexandru Muşina,Kunst & Wort, Frühling2007 7


Cristian Popescu, Andrei Bodiu, Robert Şerban, MihailGălăţanu), und eine ichbezogene, die zwar diese Realitätnicht ignoriert, die allerdings auf die Parodie als Stilmittelverzichtet (hier möchte ich Mariana Marin, Marta Petreu,Ion Mureşan, Ioan Moldovan, Ion Stratan, Ioana Ieronim,Nora Iuga, Simona Popescu, Iustin Panţa, Ioan Es. Pop,Liviu Ioan Stoiciu, Angela Marinescu, Ioana Nicolaie, DoinaIoanid erwähnen). Gedichte von Mariana Marin und SimonaPopescu haben eine bedeutungsvolle zusätzliche Dimension,indem sie sich gegen die Repressionen des totalitärenRegimes stellten, welche die persönliche Identität und denpoetischen Ausdruck verstümmelten. Sie alle erzählen inihren Gedichten Geschichten, was ja ein Resultat desnarrativen Elements solcher Poesie ist, jedoch hat jedervon ihnen eine eigene, unverwechselbare Stimme.Und dann gibt es die „Büchernarren“, die intertextuell mitder Sprache spielen: Şerban Foarţă, Emil Brumaru,Octavian Soviany. Sie benutzen Texte anderer, erfindenneue Wörter und fordern kreativ die Sprache heraus. GelluNaum, einer der letzten europäischen Surrealisten, ist erstvor wenigen Jahren, 2001, gestorben und hinterließ einigeSchüler (wie Dan Stanciu, Iulian Tănase). Erwähnen mussman noch die jüngste Generation der Lyriker, die um dieJahrtausendwende auf der literarischen Bühne erschien,die vehement mit jeglicher lyrischer Tradition bricht undeine Wiedergeburt der Poesie proklamiert. Dazu gehören u.a. Marius Ianuş, Claudiu Komartin, Razvan Ţupa, RuxandraNovac, Elena Vlădăreanu, Andra Rotaru.Aus dem Vollen schöpfen: kulturelle PresseWir neigen heute dazu, uns über das nachlassendeInteresse des Publikums an der Kultur zu beklagen.Trotzdem nimmt die kulturelle Kritik in Rumänien einenwichtigen Platz, da fast jede wichtige Zeitung mindestenseine Kulturseite hat. Manche geben einmal in der Wocheein kulturelles Supplement aus: Cotidianul, ein sehrlebendiges, auf Themen der Medien und der Kulturfokussiertes Blatt, oder Adevarul, das sich auf dieWechselbeziehung der Religion, Kunst und Humanwissenschaftenkonzentriert.Die rumänischen Kulturzeitschriften sind sehr verschieden.Romania literara (mit Nicolae Manolescu als Herausgeber)ist die älteste und hat ein literarisches Profil und einzeitloses Erscheinungsbild. Dilema veche ist ein sehrdynamisches, facettenreiches Magazin mit vielen kurzenArtikeln, das sich mit politischen, sozialen, kulturellen undmit Bildung betreffenden Themen befasst. Dilema vechewurde von Andrei Pleşu gegründet und zählt einige derbekanntesten Intellektuellen des Landes zu ihren Autoren(Chefredakteur ist Mircea Vasilescu) und wurde zum Forumfür einige der interessantesten kulturellen Debatten derletzten zehn Jahre (wie beispielsweise „Intellektuelle unddie Tatenlosigkeit“ oder „Warum die rumänischenIntellektuellen streiten?“). Seit dem letzten Jahr gibtdieselbe Redaktion zusätzlich das monatlich erscheinendePeriodikum Dilemateca heraus, nach dem Vorbild desfranzösischen Literaturmagazins Lire. Dilemateca publiziertliterarische Kritiken und kommentiert die gesamteVerlagsproduktion des Landes.Ein etwas anderes Profil hat Revista 22, ein Organ derGruppe des Sozialen Dialogs, einer seit 1990 existierendenunabhängigen Organisation (der Titel spielt auf den22.Dezember 1989 an, als Ceauşescu aus Bukarest floh).Es ist ein vor allem politisches und soziales Magazin mitvielen Kommentaren und Interviews, aber auch mitFeuilletons und theoretischen Synthesen über Politik. Esbildete lange Zeit eine Plattform für die Opposition zu dersozialdemokratischen Regierung. (Nach dem Abgang vonGabriela Adameşteanu, die seit zwei Jahren ein kulturellesSupplement Bucurestiul cultural ausgibt, hat Rodica Paladedie Verantwortung für Revista 22 übernommen.)Eine neue Publikation ist Idei in dialog (unter der Leitungvon Horia Roman Patapievici). Sie hat die Struktur und dasErscheinungsbild des The New York Review of Books.Essays über Politik, Anthropologie, Geschichte, klassischeLiteratur und Übersetzungen stellen den Kern der dortgedruckten Artikel dar. Dazu kommt noch eine Rubrik überdie wichtigsten Ereignisse der Kulturszene, nationale wieinternationale, die von Dan C. Mihăilescu geschrieben wird,einem der bekanntesten Literaturkritiker in Rumänien,populär durch seine kurze TV-Show „Der Mann, der dieBücher bringt”.Und zum Schluss möchte ich noch die von mirherausgegebene Wochenzeitschrift Observator culturalnennen. Seit Februar 2000 beschäftigen wir uns mitInformationen und Analysen zu verschiedenen kulturellenThemen. Observator cultural öffnet ihre Spalten auch fürausländische Autoren, wie Michel Crépu, Luiza Palanciuc(Frankreich/Israel), Jean Harris (USA), Richard Wagner(Deutschland), Alexandru Hancu (Großbritannien), EmiliaDavid Drogoreanu, Monica Joita (Italien). Mit ihrer sehrflexiblen Struktur kommentiert Observator culturaleinerseits die interessantesten Bücher, Theaterstücke,Kunstausstellungen, Filme und Konzerte, andererseitsbeschäftigt sie sich auch mit Politik, Bildung, urbanerGestaltung und Architektur. Ihr Ziel ist, eine Diskussionüber rumänische Kultur zu führen und sie in den Kontextdes europäischen und nordamerikanischen Kulturlebens zustellen. Dabei berichtet Observator cultural über diekulturellen Ereignisse im Ausland zeitnah, indem dieherausragenden Persönlichkeiten der Literatur, Kunst,Politik und der Medien interviewt werden.Zusätzlich erscheinen auch viele kulturelle Zeitschriftenaußerhalb der Hauptstadt: in Cluj (Apostroph, Echinox,Steaua), in Iasi (Timpul, Convorbiri literare), in TarguMures (Vatra), in Sibiu (Euphorion) und in Craiova(Mozaicul). Die meisten von ihnen können sich auf einelange Tradition berufen, auch wenn nur wenige von ihnenlandesweit vertrieben werden.Kulturelle Institutionen und die Rolle derIntellektuellenKulturelle Rezensionen und die Literaturkritik imBesonderen sind also im kulturellen Leben sehr präsent.Und obwohl die Literaturkritik heute ohne der Aura undAutorität, die sie während des kommunistischen Regimeshatte, auskommen muss, ist ihre Rolle immer noch wichtig.Paul Cernat, Luminiţa Marcu, Marius Chivu, Simona Sora,Bianca Burţa, Florina Pîrjol, Daniel Cristea Enache, AndreiTerian, Bogdan Creţu und die Verfasserin dieses Artikelssind die heute am meisten sichtbaren Kritiker. Viele vonihnen unterrichten gleichzeitig auf Universitäten, was denAustausch zwischen der kulturellen Presse und derakademischen Welt fördert und für Kontinuität in denkulturellen Debatten sorgt.Obwohl sich die rumänische Kultur sehr dynamisch undmodern präsentiert, fehlen ihr noch die Instrumente, diefür das Verständnis ihrer Evolution und ihres Profilsnotwendig wären, wie Lexika und Anthologien. Aus diesemKunst & Wort, Frühling2007 8


Grund haben die heutigen Universitätslehrer eine doppelteAufgabe. Neben der Lehre beschäftigen sie sich mit derAufgabe, die bibliographischen Lücken zu schließen.Parallel dazu bauen sie die neuen kulturellen Institutionendes Landes auf. Auch viele der Schriftsteller und Kritikerder so genannten „postmodernen Generation der 80erJahre“ waren nach 1990 in die Gestaltung neuer und dieUmstrukturierung alter Institutionen involviert, darunterUniversitäten, Verlage, Publikationen, kulturelle Stiftungenund Nichtregierungsorganisationen. Die neue Generationder Intellektuellen, die nach 1990 in der Öffentlichkeiterschien, spielte neben den früheren Oppositionellen eineentscheidende Rolle nicht nur in der Kultur, sondern auchauf der politischen und sozialen Szene. Vieles musste neuaufgebaut werden in Rumänien: Demokratie ebenso wieunabhängige Kultur.Interessanterweise bestätigten viele der Schriftsteller, diesich in dieser Bewegung engagierten, ihre Bedeutung nichtnur für die Öffentlichkeit, sondern auch für die Literatur.Die hoffnungslos unvollständige Liste dieser Schriftstellerenthält Namen wie: Gheorghe Crăciun, Andrei Pleşu,Gabriel Liiceanu, Mircea Martin, Mircea Nedelciu, GabrielaAdameşteanu, Caius Dobrescu, Călin Vlasie, Ion BogdanLefter, Horia Roman Patapievici, Adriana Babeţi, CornelUngureanu, Mircea Mihăieş, Corin Braga, Ştefan Borbely,Marta Petreu.Abschließen möchte ich diese Bestandsaufnahme derheutigen Kulturszene in Rumänien mit der Feststellung,dass Merkmale wie Dynamik, Neugier und die Bereitschaftzum Dialog mit anderen Kulturen diese Szene am bestencharakterisieren.GedichtNur kurz aufhaltenWollte ich michBei DirEin wenig ausruhnAngelehntAn Deine SeeleNur ein wenig atmenEin und ausMeine LebensuhrAn Deiner messenUm Kraft zu tauschenEin Streiflicht seinWollte ichEine SternschnuppeNicht ahnenKonnte ichDass ichVerglüheWas es warSanne Stenger-NeebWas es warAus dem Englischen übersetzt von A. SternowskiDr. Carmen Muşat ist Chefredakteurin von Observatorcultural, einer rumänischen kulturellen Wochenzeitschriftund Mitglied des rumänischen PEN-Clubs. Sie publiziertezahlreiche Bücher: „Perspective asupra romanuluiromanesc postmodern si alte fictiuni teoretice“ (Points ofView on the Postmodernist Romanian Novel and OtherTheoretical Fictions, 1998); „Romanul romanescinterbelic“ (Romanian Novel between the two World Wars,1998); „Strategiile subversiunii. Descriere si naratiune inproza postmodernista romaneasca“ (Strategies ofsubversion: Description and narrative in postmodernRomanian fiction, 2002); „Canonul si tarotul“ (The Canonand the Tarot, 2006). Außerdem unterrichtet sieLiteraturtheorie an der Universität in Bukarest.Impressum:Kunst & Wort, Texte über Kunst und Kultur, eine unabhängigeKulturzeitschriftHerausgeber: Andreas SternowskiAdresse: Kunst & WortPostfach 20 05 28D─40103 DüsseldorfDeutschlandE-Mail: Redaktion@kunst-und-wort.dewww.kunst-und-wort.deBeiträge bitte in elektronischer Form einsendenKostenloses Abonnement unter: www.kunst-und-wort.deText- und Grafikpublikation nur mit schriftlicher Genehmigungdes Herausgebers und mit Angabe der QuelleKunst & Wort, Frühling2007 9

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