Loomit auf Reisen, Teil 2 (pdf)

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Loomit auf Reisen, Teil 2 (pdf)

ENTDECKE DIE VIELFALT Bei tag // Reportage // 07Loomits „Mission Kulturaustausch“:2011 trommelte der HipHop Kultur NetzwerkerAkim Walta einige Street-Art-Kulturschaffende zusammen,um im Rahmen des Deutschlandjahres in Indiendeutsche HipHop-Kultur zu präsentieren. Während dieeingeladenen DJs auf verschiedenen HipHop-Partysals musikalische Kulturbotschafter auftraten, trugenLoomit und seine Graffiti-Artist-Kollegen zur nachhaltigenVerschönerung der deutschen Botschaft sowiezur farblichen Bereicherung manch trister StadtviertelDelhis und Mumbais bei.Ganze 150 Meter nach Verlassen des Parkhauses amFlughafen Dehli waren wir mitten in der indischen Wirklichkeitangekommen: Der japanische Kleinwagen mit demuns unser „Host“ Shaleen – in dessen Elternhaus wir dienächsten Wochen untergebracht werden sollten – abholte,ein Mumbaier Kennzeichen und drei käseweiße Mitfahrerwaren wie geschaffen für die Verkehrskontrolle eines legergekleideten Beamten, der einen einsamen Kreisverkehrbewachte. Vollkommen zu Recht pfiff er uns an die Seite,nachdem Shaleen in die entgegengesetzte Richtungeingebogen war, um schneller zur gewünschten Ausfahrtzu kommen. Lässig an sein Dienstmotorrad gelehnt, folgtedann ein kurzes Gespräch auf Hindi und 300 Rupies (umgerechnetetwa 5 Euro) wanderten vom Wageninneren indie Hand des Verkehrshüters, um die gewünschte Richtungbeziehungsweise Abkürzung beibehalten zu dürfen. „Hätteeigentlich 3.000 Rupies gekostet“, erklärte uns Shaleenbeim Weiterfahren, aber weil er so ein netter Typ sei, wäreder Beamte auch mit einem Zehntel der Summe zufriedengewesen. Alles Verhandlungssache. Für jemanden wiemich, der beim Graffiit-Sprühen und Malen im öffentlichenRaum öfter mal der einen oder anderen Ordnungsmachtbegegnet, sind solche Beobachtungen extrem wichtig.Bestechung undZeitdiebstahlChai Pani – Tee und Brot wird hier die gängige Praxisbezeichnet, bei der die Polizei zwar nie etwas schriftlichfixiert, aber auf jeden Fall ein Bußgeld einfordert, welchessich je nach Situation, Verhalten und Umgangston bemisst.Zum Glück konnte ich während meines gesamten Indien-Aufenthaltes eine derartige Verhandlung mit der Obrigkeitumgehen. Das lag jedoch zum größten Teil daran, dass ichmich vor allem in den frühen Morgenstunden durch dieStadt bewegte. Schon bei meiner ersten Erkundungstouram nächsten Morgen stellte ich fest, dass selbst eine Millionenmetropolewie Delhi um 8 Uhr in der Früh still seinkann. Der ganze hupende Stoßverkehr, der sich bis spät inder Nacht an unserem Haus vorbeigedrückt hatte, war weg,kein Laden hatte auf, und außer ein paar Schulkindern, dievon vereinzelten, fast leeren Bussen aufgenommen wurden,war niemand auf den Straßen zu sehen. – Eine perfekteSteilvorlage für Sprüher mit präseniler Bettflucht!Da aber die Anlieferung unserer Dosen aus Deutschlandnoch auf sich warten ließ, musste ich erst einmal dieFarbläden der Nachbarschaft nach brauchbarem Materialdurchstöbern. Die Farbläden waren einfach zu finden, dasie sich wie Perlen an einer Kette gleich an der nächstengrößeren Kreuzung aneinanderreihten: vier doppelgeschossigeLäden, die schlauchartig ins jeweils 3 Meter breiteInnere führten und mehrere Stapel 10 Liter-Blecheimervor dem Tresen aufgestapelt hatten. Ich entschied michfür den Laden, bei dem ich eine Farbmischanlage imHochparterre erspähen konnte. Ein älterer Herr mit großerBrille hatte sich dort am Ladentisch postiert, und hörtesich nun milde lächelnd meine Pinsel- und Farbbestellung


08 // Reportage // ENTDECKE DIE VIELFALT Bei tagan, während er in aller Seelenruhe seine eigenen, vor ihmliegenden Bestellzettel ausfüllte. Ein junger Mann um diezwanzig kletterte sogleich mit einer alten Bambusleiter anden verstaubten Regalen hoch und reichte ihm – ebenfallsin überaus gemütlicher Manier – verschiedene Farbeimer.Dies alles passierte mit einer so atemberaubendenLangsamkeit, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie ichdiesen Menschen je verständlich erklären könnte, was einBurn-Out Syndrom ist. Nach etwa vierzig Minuten stelltesich schließlich heraus, dass sie mir von den vier bestelltenFarben nur die Hälfte mischen konnten, da weder sie selbstnoch einer der umliegenden Läden die passenden Kompo-nenten auf Lager hatten. Für mich nicht weiter tragisch,schließlich hatte ich die Zeit genutzt, um den Laden vonvorne bis hinten nach brauchbaren Utensilien abzusuchen.Mein Fundstücke, verschiedene Abtöner, exotische Farbrollenund eine handliche Aluminiumröhre, die sich bestensals Teleskopstange eignen würde, stapelten sich nun aufdem Ladentisch. Der Blick des Ladenbesitzers verriet, dassihm so viel Neugier und Bewegung in seinem Laden trotzseines schier unverwüstlichen Lächelns nicht ganz geheuerwar … Nach eineinhalb Stunden verließ ich den 20 qm großenLaden mitsamt Rechnung und den fünfzehn Sachen,die ich für meine ersten Projekte brauchen würde.Während meines Aufenthalts stattete ich dem Ladennoch zwei weitere Besuch ab, um uns weiter mit Farbe einzudecken– immer um die gleiche Zeit und mit der gleichenNeugier – zu meinem Bedauern schien mein deutschesEffizienzdenken jedoch abgefärbt zu haben: die gewünschtenEimer sowie die Rechnung hatte ich fortan nämlichbereits nach wenigen Minuten in den Händen. Zum Glückblieb dieser Laden diesbezüglich eine Ausnahme, denn ichfing an, diese Art des Zeitdiebstahls zu genießen. Auch dieallgemeine Entspanntheit, die selbst im Dauerstoßverkehrvon 10 Uhr Vormittag bis spät in die Nacht herrschte, undbei der sich eine bunte und laute Mixtur aus Motorrikschas,Reitern (die seltsamerweise nur Schimmel ritten), Kleinwägen,Radfahren und Kühen über die Straßen bewegte,wirkte irgendwie ansteckend. Hier und da wurde natürlichimmer wieder einmal gehupt, den dauerlächelnden Fahrernund Verkehrsteilnehmern scheint es dabei jedoch im Lebennicht einzufallen, laute Flüche oder Verbalattacken über dieLippen zu bringen


ENTDECKE DIE VIELFALT BEI tag // Reportage // 0 9Jedem sein MasalaVon Chetu, unserem Schreiner, der uns beim Aufbau derWände für das Bild an der deutschen Botschaft behilflichwar, und der mich zudem jeden Morgen quer durch die Stadtchauffierte, erhielt ich eine Einführung in den Verkehr vonDehli. Da er lange in Kalifornien gelebt hatte, konnte er mirmit markigen Bruce-Willis-Sprüchen aufs Amüsanteste dieFahrweisen und Transportwege der Menschen und Güter inden Straßen erklären. Auch zur Erläuterung des indischenZeitmanagements hatte er überaus Erhellendes beizutragen,was mir bei einigen meiner Projekte in der Nachbarschaftgleich zu Gute kommen sollte. Bei den Bildern, mit denenich vorhatte ein paar Läden in der Nachbarschaft von ihremtristen Aussehen zu befreien, war ich schließlich immerwieder auf Handwerker angewiesen: auf geniale Elektriker,die jedes chinesische Billiggerät zu einer haltbaren Versionumbauten genauso wie auf Kinder, die sich mit kleinerenMaler- und Anstreicharbeiten ein wenig Geld verdienenkonnten. Da das Anliefern einer Leiter über eine Distanz von,sagen wir mal 200 Metern, ruhig mal seine zwei Stunden inAnspruch nehmen kann, überredete ich einen der Jungs, denzwölfjährigen Mubarik, ein paar meiner Skizzen mit einemLackstift auf einen Wasserspeicher zu zeichnen. Er war leichtzu begeistern, hatte Talent und Spaß – und das Ergebniskonnte sich definitiv sehen lassen.Die prinzipielle Neugier, die mir in den kleinen Viertelnund Siedlungen begegnete, öffnete mir auch viele andereTüren in die indische Kultur. Mir war zwar bereits vor meinerReise bewusst, wie stark hier noch Familien sämtlicheAufgaben bewältigen, die bei uns schon lange der Staatübernimmt – vom Arbeitsamt bis zur Kleinkinderbetreuung –,oder wie sich die indischen Kasten noch heute voneinanderabgrenzen, was jedem seinen vorgegebenen Arbeitsplatzgarantiert, aber andererseits auch die immensen Wohlstandsunterschiedefür die Zukunft zementiert, hier vor Ort wurdedieses Wissen jedoch um so einige interessante Facettenund Details ergänzt: So lernte ich zum Beispiel eine Familieaus Punjab kennen, die mir von ihrem Masala (Gewürzmischungfür eigentlich fast alle indischen Gerichte) einPäckchen für zu Hause mitgab, und mir erklärte, dass esdieses Gewürz sei, das die Familienbande zusammenhielt.Jeder Teil der Familie sei für eine bestimmte Zutat verantwortlich,die er in ausreichenden Mengen herstellen müsse.Durch eine festgelegte Choreografie an gegenseitigenBesuchen (teils über weite Distanzen!) und den Austauschvon Rohstoffen entstehe das typische Aroma einer Familie,sozusagen ein duftendes Namensschild .To be continued …

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