Gespenst aus der Zukunft

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Gespenst aus der Zukunft

Sie bestimmen die Vergangenheitsie verspielen die Gegenwartund sie gewinnen die ZukunftIvan Howard, der Herausgeber vieler Science FictionundHorror-Anthologien, präsentiert in diesem Bandsechs ungewöhnliche und faszinierende Stories weltbekannterSF-Autoren wie:RAYMOND F. JONESJAMES BLISHPOUL ANDERSONLESTER DEL REYDAMON KNIGHTNOEL LOOMISmit der Geschichte vom Geschenkder Göttermit der Geschichte vomWarten auf das Jahr 2000mit der Geschichte vom Gespenstaus der Zukunftmit der Geschichte vom neuenGehirnmit der Geschichte von denSchöpfern undmit der Geschichte vom kleinengrünen Mann


TTB 175IVAN HOWARDGESPENST AUSDER ZUKUNFTSF-AnthologieDeutsche ErstveröffentlichungMOEWIG-VERLAG MÜNCHENDieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!


Titel des amerikanischen Originals:THINGSAus dem Amerikanischen von Birgit Reß-BohuschCopyright © 1951, 1953, 1955, Columbia Publications Inc.Printed in Germany 1970Titelzeichnung: StephanGesamtherstellung: H. Mühlberger, AugsburgDer Verkaufspreis dieses Buchesenthält die gesetzliche Mehrwertsteuer


INHALTRaymond F. JonesDAS GESCHENK DER GÖTTER(The Gift of the Gods) .............................................................. 6James BlishWARTEN AUF DAS JAHR 2000(Turn of a Century) ................................................................. 70Poul AndersonGESPENST AUS DER ZUKUNFT(Courier of Chaos) ................................................................... 76Lester del ReyDAS NEUE GEHIRN(Mind of Tomorrow) ................................................................ 115Damon KnightDIE SCHÖPFER(In the Beginning) ................................................................... 142Noel LoomisDER KLEINE GRÜNE MANN(Little green Man) ................................................................... 176


Das Geschenk der Göttervon Raymond F. Jones1Eine Geschichte hat normalerweise einen Anfang, einenMittelteil und einen Schluß. Es ist schwer zu sagen,ob diese Geschichte auf Mahlia XII begann, alsdas Schiff mit einem einzigen Roboter an Bord in dieNacht des Raumes hinausgestoßen wurde – niemandweiß recht, wann das geschah –, oder ob sie im Jahre1936 an jenem Tanzabend des Western-College fürTechnik und Naturwissenschaften ihren Lauf nahm.Oder vielleicht hatte sie überhaupt keinen Anfang.So wie sie keinen Schluß hatte.Doch wenn sie etwas an literarischem Wert verliert,weil sie diese künstliche Gliederung nicht einhält, sogewinnt sie vielleicht dadurch, daß sie unsere täglichenErlebnisse widerspiegelt, die auch weder Anfangnoch Schluß kennen – abgesehen von Geburtund Tod. Jedenfalls, wo die Geschichte auch aufgenommenwurde – sie begann vor langer Zeit, und dashier ist die Mitte.Das Schiff fiel vor der Küste von New Jersey insMeer. Es glühte wie heiße Schlacke, als es sich derErde näherte, und man schätzte, daß es von mindestenszehn Millionen Menschen gesehen wurde. DieZeitungen würdigten das Ereignis mit entsprechendreißerischen Schlagzeilen: Fliegende Untertasse landetim Meer.Wie die meisten noch wissen werden, fand man


das Schiff am darauffolgenden Tag auf der Wasseroberfläche.Es wurde sofort von Küstenwachbooteneingekreist und ohne jede Schwierigkeit geentert.Und dann traf die Regierung der Vereinigten Staateneine jener absolut unglaublichen Entscheidungen, fürdie sie so berühmt ist und die den Durchschnitts-Europäer nur fassungslos staunen lassen. Obwohlsich das Schiff eindeutig im Hoheitsgewässer derVereinigten Staaten befand, wurde es kurz danachden Vereinten Nationen übergeben, damit die ganzeWelt es untersuchen könne, einschließlich der Nationenauf unserer und der anderen Seite.Genau genommen jedoch führte das nicht zu demeigentlichen Konflikt, der durch die Gegenwart desSchiffes entstand. Er hätte sich wahrscheinlich auchentwickelt, wenn die Russen nicht zugegen gewesenwären. Denn es war im Grunde ein Konflikt zwischenzwei Männern, die auf der gleichen Seite standen, diejedoch verschiedene Auffassungen vertraten ...*Es war ein grauer, verregneter Novembermorgen inChicago, als Dr. Clark Jackson von dem Anruf ausWashington verständigt wurde. Seine Forschungsarbeitbefand sich in einer kritischen Phase, und es warihm ziemlich gleichgültig, woher der Anruf kam; erließ die Leute eine Viertelstunde warten, bis er seineMeßanalyse unterbrechen konnte. Als er schließlicherfuhr, daß der Anruf von Generalleutnant GeorgeDemars stammte, wünschte er einen Moment lang,daß er überhaupt nicht an den Apparat gegangen wäre.


»Clark!« sagte George Demars. »Wie geht es immer?«»Ich kann nicht klagen«, erwiderte Clark. »Natürlichwäre ich an einem solchen Morgen lieber in Florida,aber sonst ist alles in Ordnung.«»Nach Florida kann ich dich leider nicht bringen«,sagte George, »aber ich kann dich von Chicago wegholen.«»Unmöglich. Mein Forschungsprogramm läuftnoch mindestens zehn Monate.«»Du hast die Zeitungen gelesen. Du weiß, weshalbich anrufe.«»Die Sache mit der Fliegenden Untertasse? Tut mirleid, aber da werde ich dir nicht helfen können. Indiesem Punkt habe ich keinerlei Erfahrung.«»Das versteht sich von selbst, Clark. Ich war in demSchiff. Es ist das tollste Ding, das der Menschheit je inden Schoß fiel.«Er geht ziemlich weit, dachte Clark, selbst wennman seine Art einberechnet. Aber dann waren auchfünf Jahre vergangen, seit sie einander zum letztenmalgesehen hatten. »Ich hoffe, du schickst mir eineAbschrift deines offiziellen Berichtes, sobald du diesenFund ausgewertet hast – vorausgesetzt natürlich,daß er nicht streng geheim ist.«»Ich muß dich hier haben, Clark, und wenn ichpersönlich herauskomme und dich in ein Flugzeugstecke. Ich kann dir per Telefon nicht sagen, wiewichtig die Sache ist, aber ich täusche mich nicht, undich lüge auch nicht. Dieses Ding kam aus der Tiefedes Raumes; es besitzt Antriebe, die es an ganzenGalaxien vorbeigetragen haben, und wir wissen nicht,wie sie funktionieren.Dann ist es auch eine Frage der Zeit. Die Russen


schreiben uns bereits vor, wie viele Wissenschaftlerwir zur Untersuchung des Schiffes an Bord schickenund wie lange sie hinsehen dürfen. Wir brauchen denbesten Mann im Lande als Leiter der amerikanischenUntersuchungsmannschaft, damit uns nicht alleMurmeln in diesem verrückten Spiel abgenommenwerden. Und du bist dieser Mann.«Einen Moment lang ruhten Clark Jacksons Blickeauf der glatten, schwarzen Fläche des Telefons. Erfragte sich, wieviel er abziehen sollte, weil es von GeorgeDemars kam. Seit seiner Studienzeit haßte erGeorge mit einem finsteren, verbitterten Haß, der umso mehr in ihm fraß, als die Ursache geringfügig erschien.George war sich über seine Gefühle vollkommenim klaren, und doch hatte er Clark während desKrieges wiederholt angerufen, als der Haß nochbrennender und schärfer war als jetzt.Er hatte sich während der langen Jahre seit ihremletzten Zusammentreffen fast gelegt, aber Georgekonnte das nicht wissen. Demars ignorierte die Möglichkeitund rief ihn an, um ihm einen Auftrag zu geben,den seiner Meinung nach nur Clark Jacksondurchführen konnte. Das allein schien das alte Gefühlwieder zu wecken, das so lange in Clarks Brust gebrannthatte.Aber das Entscheidende war nun, ob George tatsächlichetwas in die Finger bekommen hatte oder obes sich als Hirngespinst erweisen würde. Die Möglichkeit,daß es etwas Ernsthaftes war, entfachte einneues Feuer in Jackson. »Also gut, ich komme«, sagteClark. »Wo sollen wir uns treffen?«*


Sie kannten einander vom College her. Clark Jacksonstammte von einer nicht gerade wohlhabenden Farmersfamilieab; das war noch lange bevor der Kriegden Farmern wirtschaftliche Unabhängigkeit gebrachtund es so vielen ermöglicht hatte, große Unternehmerzu werden. Clark verdiente sich das Studiummit den üblichen langweiligen und obskurenJobs, die sich zwischen den langen Unterrichtsstundenausüben ließen.Bei George Demars war es ganz anders. Er kutschiertemit seinem eigenen Cadillac-Kabrio durchdas Universitätsgelände, spielte Fußball und tat nieeine Arbeit, die er nicht freiwillig wählte.Die beiden Männer kamen während der ersten Jahreim Western-College für Technik und Naturwissenschaftenselten zusammen. Sie belegten den gleichenAnfängerkurs für Mathematik und Physik und hattenim folgenden Jahr gemeinsam Differential-Mathematik. Im dritten Jahr trafen sie sich bei Vektor-Analysis. Abgesehen davon gab es wenig bis auf jenenTanzabend.Trotz des seltenen Zusammentreffens bemerkteClark seinen Semesterkollegen jedoch recht deutlich.Er hatte das Gefühl, daß er nur hochzusehen brauchte,wenn er durch irgendeine Straße ging, um dengelben Cadillac dahinbrausen zu sehen – mit heruntergeklapptemVerdeck und vollbeladen mit hübschenMädchen und gutgekleideten Studenten wieGeorge Demars selbst.In jenen harten Jahren erschien es Clark, als besäßeGeorge alles, was er selbst nicht hatte. George gehörtezur Fußballmannschaft der Universität; er verstandes, den Frack so zu tragen, daß er wie ein aufsteigen-


des junges Mitglied des Diplomatischen Corps darinaussah. Bei jeder Geselligkeit saß er am Klavier undspielte alles von Bach bis zum Boogie.Natürlich sah Clark nicht alle seine Vorführungen,aber was er nicht sah, das hörte er von den anderen.Irgendwie gab es keinen im Campus, dem GeorgeDemars nicht aufgefallen wäre. Er war das Idol allerCollege-Studenten.Auch Georges geistige Fähigkeiten waren fragloshervorragend. In den gemeinsamen Vorlesungenhatte er stets die gleichen Noten wie Clark. Er wählteElektronik als Hauptfach, während Clark sich schonimmer theoretische Physik als Ziel gesetzt hatte.Selbst wenn George es nie zu einer offenen Bosheithätte kommen lassen, so hätte Clark ihn dennoch gehaßt.Vielleicht verstehen das nur Leute, die währendihrer Jugend ständig gezwungen waren, neben einemGeschöpf wie George zu bestehen – in jenen hartenJahren, in denen man Selbstbestätigung so dringendbraucht und sie so schwer erkämpfen muß.Später konnte sich Clark eingestehen, daß ein großerTeil dieses Hasses auf seine eigene Unzulänglichkeitzurückzuführen war. Wenn ihn die Umständenicht gezwungen hätten, mit George zusammenzuarbeiten,so hätte er ihn ganz damit erklärt; doch sobaldGeneral Demars in der Nähe war, stiegen Clarks alteGefühle mit einer Macht hoch, die sich nicht unterdrückenließ, denn die Jahre hatten nichts Wesentlichesan ihrem Verhältnis geändert. Auf seinem Gebietwar Dr. Clark Jackson einmalig – aber George Demarswar überall einmalig.Während seiner College-Jahre erschien Clark seltenbei gesellschaftlichen Veranstaltungen. Er besuchte in


seinem zweiten Studienjahr ein paar zwanglose Tanzereienund ging zum alljährlichen Empfang des Präsidenten,weil er fand, daß das wichtig war – obwohler bei der Schlußprüfung merkte, daß der Präsidentund die meisten Fakultätsmitglieder ihn überhauptnicht kannten.Die große Ausnahme zu seinen sonstigen Gewohnheitenstellte der Besuch des Junioren-Tanzabends im dritten Studienjahr dar. Er ging hin,weil Ellen Pond, die verwirrend schöne Soziologie-Studentin, die er seit seinem ersten Studientag ausder Ferne angebetet hatte, seine Einladung zum Tanzwie durch ein Wunder angenommen hatte.*Es dauerte zwei Jahre, bis er es fertigbrachte, sie hinund wieder lässig zu grüßen. Ihre Zustimmung, ihnzu dem Tanz zu begleiten, war geradezu lähmend fürihn. Er lieh sich zu dieser Gelegenheit seinen erstenFrack und merkte sofort einen neuen, großen Unterschiedzwischen sich und George Demars.Er war überzeugt davon, daß er wie eine Vogelscheucheaussah, die man zu einem Fest ausstaffierthatte und die nicht verbergen konnte, daß sie eineVogelscheuche war. Eine Zeitlang quälte er sich mitdem Gedanken, ob er die Verabredung mit Ellen absagensollte, aber sein Wunsch, mit ihr zusammenzusein,war übergroß.Er war erleichtert, als Ellen ihn an der Tür freundlichbegrüßte und nicht die leiseste Andeutungmachte, daß sie ihn lächerlich fand. Aber dann dachteer daran, daß Ellen sicher zu anständig war, um et-


was Unfreundliches zu sagen, ganz gleich, was siedachte oder fühlte.Es schien sie auch nicht zu stören, daß sie mit demTaxi fuhren, und den ganzen Abend hindurch war sieso fröhlich und wunderbar, daß Clark eine unbestimmteFurcht hatte, weil alles zu gut ging. Das Gefühlkristallisierte sich in dem Moment, als er GeorgeDemars im Mittelpunkt einer lachenden Gruppe entdeckte,die seinen galanten Humor bewunderte.George bemerkte jedoch erst spät am Abend, daßClark und Ellen anwesend waren. Dann – es wirktebeinahe zufällig – kam er auf sie zu und stellte seineBegleiterin vor, ein Mädchen, das auf seine Weiserecht hübsch war, das Clark jedoch im Vergleich zuEllen gewöhnlich vorkam. Zögernd machte ClarkGeorge und Ellen miteinander bekannt.»Aber Ellen und ich sind alte Freunde«, sagte George.»Ich hoffe, du gestattest, daß ich zumindest eineRunde mit ihr tanze.«Er sah mit einem fragenden Lächeln von einemzum anderen und hielt es offensichtlich für selbstverständlich,daß seine Bitte nicht abgeschlagen wurde.Clark nickte fast unmerklich und wünschte, er hätteden Mut besessen, den anderen zum Teufel zu schikken.Doch das hätte nur eine Spannung geschaffen,die er Ellen nicht erklären konnte.Er wußte, daß George log, denn Ellen hatte ihmzuvor gesagt, daß sie ihn gern kennenlernen würde.So beobachtete Clark, wie sie von ihm weg über dieTanzfläche wirbelten. Er legte seinen Arm um GeorgesBegleiterin, ohne sie auch nur anzusehen; erwußte nur noch, daß sie Marcia hieß.Später, als deutlich wurde, daß George und Ellen


die Tanzveranstaltung verlassen hatten und nicht dieAbsicht hatten, wiederzukommen, brachte er Marciain einem Taxi heim, und sie bedankte sich freundlichbei ihm. Einen Moment lang blieb sie an der Tür stehen,und Clark spürte, daß sie irgendeine mitleidigeGeste vorhatte – sie würde ihm sagen, daß er sichnichts daraus machen sollte, von George ausgestochenzu werden. Das könne jedem passieren. Er flohmit einem Gefühl der Übelkeit und Panik die Treppehinunter.Während der ganzen Nacht wälzte er sich schlaflosin seinem Bett und nährte eine eisige Wut in sich, dieihm Halt gab, bis er am nächsten Tag George nachder Vektor-Analysis-Vorlesung im Gang traf. Er zogGeorge in die Tür eines leeren Saales und versuchte,seine trotzigste und finsterste Miene aufzusetzen.»Das war ein ganz dreckiger, hinterhältiger Trick gesternabend, Demars«, sagte er. »Ich warne dich.Mach so etwas nie wieder und geh vor allem MißPond aus dem Weg.«Er drehte sich um und ging, bevor sich GeorgeDemars von seinem Staunen erholt hatte.Später an diesem Tag traf er Ellen, und sie entschuldigtesich bei ihm: »Das war wirklich nicht meineAbsicht, Clark. Ehrlich, ich wollte dich nicht sitzenlassen.Ich sagte George, daß ich schon immer seinenWagen bewundert hätte, und er erwiderte, daßwir ja kurz um den Block fahren könnten. Ich konntenicht widerstehen, aber er fuhr immer weiter, und alswir zurück zu dem Fest kamen, war es zu spät.Kannst du mir nicht verzeihen? Ich würde die Sachegern wiedergutmachen und zwar bald.«Er würgte nur hervor: »Aber Sie müssen sich doch


nicht entschuldigen, Miß Pond. Dafür ist wirklichkein Grund vorhanden.« Er ging steif weg.Er hatte nicht den Mut, sie später noch einmal einzuladen,und im nächsten Jahr kam sie nicht mehr andas College. Er erfuhr nie, was mit ihr geschehen war,aber lange Zeit gab er sich der wütenden Vorstellunghin, daß er vielleicht Ellen Pond geheiratet hätte,wenn George nicht gewesen wäre.2Die Maschine flog in der Dunkelheit nach Osten, under beobachtete die Lichter der Städte unter sich unddachte an diese Dinge, die so weit weg waren. Erkonnte jetzt ein wenig lächeln, aber es bereitete ihmimmer noch einen feinen, ganz besonderen Schmerz,wenn er sich daran erinnerte. Er hatte nie geheiratet.Jetzt, da er über die Dreißig hinaus war, hielt er es fürviel zu spät. Aber manchmal – wie jetzt, wenn ernichts zu tun hatte und außer ein paar Lichtpunktenin der Dunkelheit nichts zu sehen war – fragte er sich,ob je die echte Möglichkeit bestanden hatte, daß Ellenihn heiraten würde.Er warf einen ungeduldigen Blick auf die Uhr. Biszur Landung auf dem Flughafen von Newark warimmer noch eine halbe Stunde Zeit. George war etwasfrüher von Washington gestartet und hatte ihmversprochen, einen Wagen zu schicken, der Clark zudem Platz bringen sollte, an dem das sogenannteRaumschiff unter Bewachung examiniert wurde. EinRaumschiff, dachte er. Wie unwahrscheinlich!Und doch mußte es so sein. Es paßte nur zu gut,


daß die Verbindung zwischen ihm und George Demarsgerade auf diese Weise aufrechterhalten wurde.Er hatte während seiner Karriere als KernforscherHunderte von Nächten wach gelegen und hatte davongeträumt, was er und seine Kollegen erreichenwürden: das erste Raumschiff – der Griff des Menschennach den Sternen.Aber George mußte es sein, der zuerst auf einesstieß und es ihm präsentierte. So war es immer zwischenihm und George Demars gewesen.George war ein guter Ingenieur geworden, einerder besten seines Landes; und Clark hatte sich alsRaumfahrtphysiker ebenfalls an die Spitze vorgearbeitet.Beide hatten während des Krieges eineschnelle und steile Karriere gemacht, aber es war Georgegewesen, der sich mit Verwaltung, Politik undden Verhandlungen beschäftigte, die zur Anwendungder Grundlagenforschung geführt hatten. Und alshabe es nie böses Blut zwischen ihm und Clark gegeben,nahm George Kontakt mit Clark auf und sichertesich sein Talent für Dutzende von scheinbar unlösbarenFragen.Sie hatten gut gearbeitet und nie von der Vergangenheitgesprochen, so als würde jeder von ihnenaufgrund eines Paktes darauf achten, daß die genaudefinierte Schranke zwischen ihnen aufrechterhaltenblieb. Als sie sich bei Kriegsende trennten, hatte Clarkangenommen, daß es diesmal endgültig sein würde.Er wollte sich in die Tiefen rein mathematischphysikalischerForschung zurückziehen und GeorgeDemars seine brillanten, öffentlich gelobten Triumphelassen.Vage spürte er, daß es am besten so geblieben wä-


e. Er hätte nicht kommen sollen. Es war falsch, daßer wieder mit George zusammenzuarbeiten versuchte,jetzt, da der Druck des Krieges sie nicht mehr, aneinanderkettete. Er hätte nicht kommen sollen – aberer hätte auch nichts anderes tun können; er mußtemehr über das Schiff erfahren, das nach Georges Berichtaus dem Raum gekommen war.Die Maschine landete bei Regen. Er lief auf das Torzu, das das Landefeld vom Verwaltungsgebäudetrennte. Zwei Männer traten aus dem Regenschutz,und einer legte ihm die Hand auf den Arm. »Dr. Jackson?«fragte er.Clark warf einen Blick auf die Uniformen. »Ja.«»General Demars hat uns geschickt«, sagte der Mann.Clark nickte und ging mit ihnen auf das Parkgeländeneben dem Gebäude. »Ist George – GeneralDemars – am Ziel?«»Ja. Wir sind in Kürze bei ihm. Hier entlang, bitte,Sir.«Keiner von Ihnen war sehr gesprächig. Clark saßvorn neben dem Mann, der ihn angesprochen hatte,und gab den Versuch auf, ihn auszuhorchen. Erstarrte durch die fächerförmigen Flächen, die derScheibenwischer freimachte und versuchte sich diedunkle Landschaft einzuprägen, durch die sie fuhren.Nach anderthalb Stunden vorsichtiger Fahrt aufdem nassen Highway bogen sie in einen Kiesweg ein,der zur See führte. Eine Meile weiter vorn wurden sievon einem bewaffneten Posten aufgehalten, der amTor eines hohen Drahtmaschenzaunes stand. Sie wiesensich aus und fuhren auf eine riesige, düstere Massezu, die im Licht der Scheinwerfer langsam Gestaltannahm.


»Zerlegbarer Hangar«, sagte der Fahrer auf Clarksunausgesprochene Frage. »Wir haben ihn von derNavy ausgeliehen – das heißt, die UN haben es getan.«Er versuchte nicht, die Bitterkeit in seiner Stimmezu verbergen.In einer Ecke des Hangars zeigte eine lange Fensterreihean, wo sich das Büro und die Arbeitsräumebefanden, die man für das Projekt errichtet hatte. DieMänner brachten Clark aus dem Wagen in die rauchige,stickige Atmosphäre des Raumes.Es waren ungefähr ein Dutzend Leute anwesend,aber ihre Gesichter erschienen Clark erst einmal verwischt– alle bis auf eines. George sah von seinemSchreibtisch hoch und stand auf. Er kam mit ausgestrecktenHänden auf Clark zu. Er lächelte, als hättensie im Laufe der Jahre eine feste und unerschütterlicheFreundschaft entwickelt. Seit ihrem letzten Zusammentreffenwar er ein wenig voller geworden,und seine Haare zeigten eine Spur von Grau.»Freut mich, dich wiederzusehen, Clark«, sagte ermit echter Herzlichkeit. »Du weißt ja gar nicht, wiedankbar wir dir sind, daß du sofort gekommen bist.«Clark erwiderte den Händedruck. »Und ich weißnicht, warum ich es tat. Hoffentlich ist es die Sachewert. Könnte ich mir dieses Ding nun mal ansehen?«»Sofort. Du kannst dir jetzt einen allgemeinenÜberblick verschaffen; später wird das Schiff in allenEinzelheiten untersucht. Ich stelle eine Begleitmannschaftzusammen.«Er ging, und Clark sah sich im Zimmer um. Fast einwenig schockiert stellte er fest, daß die meisten Anwesendenfremden Nationen angehörten. Einige warenin Uniformen gekommen, andere in Zivilklei-


dung. Mit Freude sah er, daß auch drei Bekanntedarunter waren: Dr. Oglethorpe, der englische Physiker;Professor Rousseau aus Paris und der DeutscheDr. Schwartz.Er ging auf sie zu, aber George kam plötzlich zurück,legte die Hand auf Clarks Schulter und wandtesich an die Gruppe: »Meine Herren, das hier ist Dr.Clark Jackson, der das amerikanische Subkomiteeleiten wird. Wie Sie sicher verstehen werden, brennter darauf, das Schiff zu sehen. Wenn Sie gestatten,warten wir mit der offiziellen Vorstellung, bis wir mehrZeit haben und Dr. Jacksons Neugier befriedigt ist.«Vier andere Männer tauchten jedoch hinter Georgeauf, und er stellte sie rasch namentlich vor. Clarkkannte keinen von ihnen. Sie verließen zusammenmit ihm und George den Raum.»Wir sind nie allein, wenn wir uns in der Umgebungdes Schiffes befinden«, sagte George, der sichbemühte, etwas Abstand von den anderen zu gewinnen.»Sobald wir an Bord gehen, wird einem Wissenschaftlerein Vertreter des Militärs mitgegeben. Zu jederZweiergruppe von uns gesellt sich eine Zweiergruppeder anderen und eine neutrale Gruppe. Das istdas sogenannte Minimum-Team. Nicht weniger alssechs dürfen an Bord – drei Wissenschaftler, die einanderüber die Schultern gucken, damit keiner etwasentdeckt, das dem anderen entgehen könnte, und dreibewaffnete, schießfreudige Militärs, die jeden faulenZauber verhindern sollen.«George sprach erbittert, aber Clark kam die Situationso komisch vor, daß er beinahe laut aufgelachthätte. »Gemütlicher hättet ihr es gar nicht arrangierenkönnen.«


»Ich wußte, daß du nicht kommen würdest, wennich etwas von diesen Dingen am Telefon erwähnthätte, aber jetzt bleibst du vielleicht.«Sie traten durch die Tür in den Haupthangar. Georgedeutete auf den Gegenstand im Zentrum, dervon Scheinwerfern angestrahlt wurde und von einerkreisförmigen Abgrenzung umgeben war. Das Schiffwar keine Untertasse. Es hatte die Form einer Kugel,war grau und besaß einen Durchmesser von etwazwanzig Metern.Clark blieb stehen, um das Schiff als Ganzes zu betrachten.Obwohl es vom Boden her hell beleuchtetwar, wirkten seine oberen Flächen dunkel und schemenhaft.Es flüsterte von Geheimnissen und unbekanntenWelten, und Clark dachte daran, wie es einsamund schnell zwischen den Sternensystemen desRaumes dahingeeilt war.Aber andererseits sah es auch so aus, als wäre esdirekt hier im Hangar hergestellt worden. Clarkwandte sich an George: »Ist das nicht irgendein komplizierterScherz?« Seine Stimme klang fast bittend.»Kommt es wirklich von den Sternen ...?« George lächelteein wenig finster, dann warf er einen Blick aufdie offene Luke des Schiffes. In ihr zeigte sich plötzlicheine Gestalt. »Da hast du die Antwort auf deineFrage«, sagte er.*Clark starrte mit offenem Mund und ungläubig geweitetenAugen. »Dieses Ding ...«, murmelte er.Der Schatten kam aus der Luke und bewegte sichauf sie zu. Er war nicht ganz so groß wie ein Mensch,


und nun sah Clark drei steife Beine, die sich so elegantbewegten, wie er es nicht für möglich gehaltenhätte. Auf diesen drei Beinen saß eine abgeplatteteKugel mit einem Durchmesser von etwa zwei Fuß.Sie war umgeben von einer horizontalen Ebene, aufder sich fortwährend sechs peitschenähnliche Tentakelbewegten.Clark hatte eine Vision der Marsbewohner, wie sieH. G. Wells in seinem »Krieg der Welten« beschriebenhatte.»Das ist Hain Egoth«, sagte George, als die Gestaltherankam. »Er ist der Pilot des Schiffes, der Pilot unddas einzige Mannschaftsmitglied. Alles, was dasSchiff und seinen Inhalt betrifft, werden wir durchihn erfahren.«»Aber er ...«»Ja, er ist aus Metall – ein Roboter, von einem Volkhergestellt, das nicht mehr existiert. Er zeigte mir Bilderseiner Schöpfer, aber sie waren nicht schöner anzusehenals er.«Clark starrte den Roboter mit dem unangenehmenGefühl an, daß er etwas sagen müßte. Es machte ihnunsicher, daß er in dem Ding nicht einfach eine Metallmassemit vorberechneten Reaktionen sehenkonnte. Aber George behandelte die Maschine wieein Geschöpf, und Clark folgte seinem Beispiel gezwungenermaßen.»Das hier ist Dr. Clark Jackson, einer der führendenWissenschaftler meines Volkes«, sagte George.Die Kugel schwenkte leicht herum, und Clarkspürte, wie sich winzige Lichtflecke in der oberenHälfte des Metallkörpers auf ihn richteten. Eine melodischeStimme sagte in perfektem Englisch: »Das


Volk von Alkardia heißt Sie willkommen, Dr. ClarkJackson. Es wird mir ein Vergnügen sein, mit Ihnenzu arbeiten.«»Danke«, erwiderte Clark. »Man hat mir nochnichts von Alkardia erzählt, und ich weiß auch nicht,weshalb Ihr Schiff hierhergekommen ist. Diese Dingemuß ich alle erst erfahren.«»Es handelt sich nur um einen kurzen Besuch«,sagte George. »Ich möchte Dr. Jackson vor allem zeigen,daß Sie wirklich ein Besucher von einem anderenSternensystem sind. Es ist nicht nötig, daß Sie ihm dieGrundinformationen geben. Das kann ich besorgen,wenn wir wieder draußen sind.«»Wenn Sie es gestatten, würde ich es sehr gerntun«, widersprach Hain Egoth.Die beiden russischen und die beiden schwedischenBeobachter schlossen dicht auf, als Clark undGeorge dem Roboter über die kurze Rampe zur Lukefolgten. Die Öffnung war einen halben Kopf zu niedrigfür die Terraner, und sie mußten sich bücken, alssie eintraten. Clark blieb einen Moment stehen undfuhr mit dem Finger über das glatte, kalte Metall. DerRumpf des Schiffes war mehr als zwei Fuß stark; ervermutete, daß er aus zahlreichen Schichten bestand,zwischen denen sich Vakuum befand. Das Metall warohne Farbüberzug und zeigte keinerlei Zeichen vonKorrosion. Sein stumpfer Glanz ließ auf eine komplizierteStahllegierung oder vielleicht auch auf eineMetallkombination schließen, die von Terranern nochnicht erforscht war.Clark hatte das Gefühl, als sei ein Teil seines Bewußtseinsdurch die Realität des Schiffes betäubt. Erwollte den Schritt verlangsamen und Zeit zum Nach-


denken gewinnen, aber der Roboter drängte sie weiter.»Hier entlang, bitte«, sagte Egoth.Es war schwer, in ihm keinen lebenden Führer zusehen. George hatte es offenbar aufgegeben, gegenden Gedanken zu rebellieren, daß der Roboter einempfindendes, lebendes Ding war. Vermutlich wardas einfacher als eine Etikette zu erfinden, die denRoboter vom Menschen deutlich unterschied.Hain Egoth ging durch einen schmalen Korridor zueinem Zentralraum, der mehr als sechs Meter durchmaß.Er war angefüllt mit Schaltpulten, Komputerspeichernund Kabelwerk, alles beschriftet mit unbekanntenSymbolen. Clark schätzte, daß es sich umden Maschinenraum handelte.Der Roboter bestätigte das. »Wir benutzten hauptsächlichdie Atomkraft«, sagte er. »Sie ist etwas weiterentwickelt als auf der Erde. Die Energieübertragungenjedoch sind für euch etwas vollkommenNeues, da sie gänzlich auf Feldphänomenen beruhen.Sie werden die Einzelheiten dazu später erfahren.«Während Clark den Raum musterte, verließ ihn derZynismus, mit dem er sich gegen eine mögliche Enttäuschunggewappnet hatte. Er erfuhr nun selbst dieüberwältigende Wahrheit, daß das Schiff von denSternen abstammte, das Produkt einer Kultur, die derErde vielleicht um viele Jahrtausende voraus war.Aber weshalb war das Schiff gekommen? Was warmit der fremden Kultur geschehen?Er drehte sich um und warf den Männern im Hintergrundeinen Blick zu, und er erschrak, als er ihreGesichter sah. Die Wissenschaftler starrten mit einemAusdruck umher, den man nur als Gier bezeichnenkonnte. Fast schien es, als leckten sie sich die Lippen


in Erwartung der Dinge, die sie an sich reißen würden.Jackson fragte sich, ob auch sein Gesicht dieseHabsucht widerspiegelte.Aber es waren vor allem die Gesichter der Militärs,die seinen Atem in plötzlicher Furcht stocken ließen.Selbst der schwedische Oberst – aber besonders deutlichder Russe – stand mit verkniffener und grimmigerMiene neben seinem Wissenschaftler-Partner unddrückte nur ein Gefühl aus: Besitzgier.Als hätten sie laut gesprochen, verstand Clark dieGedanken von ihnen allen: Sie wollten die Dinge, diesie im Moment anstarrten, ganz für sich allein haben.Dann sah er George an, und ihm wurde beinahe übel.Das Gesicht seines Partners übertraf die Mienen deranderen noch an grimmiger Entschlossenheit.Clark zwang sich, sein Gespräch mit Hain Egothfortzuführen. »Das hier ist der Beweis für eine herrlicheKultur, die weit über der unseren steht. Ich hoffe,wir erhalten die Chance, davon zu lernen.«Er war dem Roboter nahe. Einen Moment lang gabHain Egoth keine Antwort, aber Clark hatte das Gefühl,daß die mechanischen Augen ihn in einerschnellen, verzweifelten Suche abtasteten.»Sie werden die Chance bekommen«, sagte er leise,als wollte er nicht, daß die anderen es hörten.Im Zentrum des Raumes führte eine steile, nahezusenkrechte Rolltreppe zu den oberen Decks. HainEgoth betrat sie, und die anderen folgten ihm nachoben. Hier befand sich ein großer Saal voll vonSchränken und Fächern. Der Roboter blieb vor ihnenstehen und machte eine dramatische Bewegung. SeineAugen ruhten dabei auf Clark – zumindest bildeteClark es sich ein.


»Deshalb bin ich gekommen«, sagte Hain Egoth.»In diesem Raum und in den Räumen darüber sinddie Produkte, die eine Zivilisation in einer halbenMillion Jahre hervorgebracht hat. Ich bringe sie alsGeschenk von meinem Volk.«»Weshalb?« rief Clark. »Weshalb wurden Sie mit soeinem Geschenk hierhergeschickt?«»Mein Volk ist nicht länger in der Lage, das zu bewahren,was es geschaffen und entdeckt hat; meinVolk existiert nicht mehr.«Die Worte des Roboters klangen wie eine dumpfeGlocke, die in weiter Ferne anschlug.»Wie konnten sie versagen?« fragte Clark ruhig.»Sie brachten es nicht fertig, eine genügend stabileBeziehung untereinander herzustellen – trotz ihrergroßen Errungenschaften im Bereich des physikalischenUniversums. Ich werde später noch ausführlicherdarüber sprechen.«Er wandte sich an ein Schaltpult, das sich an einemder Schränke befand, und drückte auf eine viereckigeTaste. Die Vorderfront des Schrankes glitt auf undgab einen dunklen Hohlraum frei; doch schon imnächsten Moment befand sich eine Kugel inmittender Dunkelheit – wie ein Planet, den man aus einerEntfernung von ein paar tausend Meilen betrachtet.»Meine Welt«, sagte Hain Egoth. »Anders als dieeure, denn die Atmosphäre hätte euch umgebracht.Auch ist sie sehr viel wärmer, da sie näher an ihrerSonne liegt.Aber mein Volk ist den gleichen Pfad gegangen,auf dem ihr euch jetzt befindet. Es hatte die Gedankenund Hoffnungen, die ihr hegt. Durch ihr Geschenkwollten sie vermeiden, daß ihr an das gleiche


Ende des Pfades kommt wie sie.«Er drückte auf einen anderen Knopf, und die Kugelschwoll an, bis sie die Dunkelheit völlig ausfüllte unddie Männer nur einen Teil der Oberfläche sehenkonnten. Es war eine dunkle, wilde Welt mit stürmischenMeeren. Dichte Wolken zogen über das Land,und an einigen Stellen waren Vulkane in Tätigkeit.Andere Gegenden wurden von riesigen Wäldernverdeckt, in denen grausige Lebensformen hausten.»Das war der Anfang«, sagte der Roboter, »nochbevor mein Volk kam. Soviel ich hörte, sah es auf derErde ähnlich aus.«Clark nickte schweigend und stand ehrfürchtig vorder vollkommenen Wiedergabe der Vergangenheit.»Und das hier ist ein Bild aus der Zeit, als wir amgrößten waren«, sagte Hain Egoth.Er veränderte die Szene. Die Urwelt machte einemriesigen Garten Platz. Es schien nirgends große Städtezu geben, aber überall fanden sich Häuseransammlungenvom Umfang kleinerer Dörfer.»Klimakontrolle ermöglichte es uns, die gesamteLandfläche des Planeten auszunützen.«»Sie werden uns das natürlich auch zeigen«, sagteder russische Oberst in einem beinahe vorwurfsvollenTon, als würde der Roboter ihnen etwas verheimlichen.»Gewiß. Und jetzt – das Ende.«Er zeigte ein neues Bild, und es war, als sei die ersteSzene noch einmal auf dem Schirm. Die Dörferwaren verschwunden, aber hier und da konnte mannoch Spuren von Ruinen erkennen. Dunkler Dschungelhatte sich über das Land gebreitet, nur von gelbenWüstenflecken unterbrochen.


Clark spürte Entsetzen, und der Roboter schien seineReaktion zu bemerken. »Ja«, sagte er, »mein Volk hatsich selbst vernichtet. Ein paar der Überlebenden machteneinen letzten verzweifelten Versuch, die Herrschaftüber die Welt ihrer Vorfahren wiederzugewinnen,doch sie hatten wenig Hoffnung auf Erfolg.Ihre wahre Hoffnung lag darin, daß ich mit meinemSchiff die Kultur ihres Volkes weitertragen würde,damit sie nicht für immer unterging.«»Weshalb sind sie nicht mitgekommen?« fragteClark. »Und sie hätten auch andere Schiffe ausschikkenund irgendwo Kolonien gründen können.«»Vielleicht«, sagte der Roboter. »Es waren viele, diefür einen solchen Plan stimmten, aber man führte ihnnicht aus. Es war ihnen wichtig, auf ihrer eigenenWelt, bei ihrer eigenen Rasse, zu überleben. Die persönlicheRettung bedeutete ihnen nichts, wenn sienicht in der Heimat bleiben konnten.Und ich war so konstruiert, daß ich Dinge vollbringenkonnte, die ihnen versagt bleiben würden. Siewußten, daß meine Reise wahrscheinlich über vieleihrer Lebensalter hinweg dauern würde, und das hatsich bewahrheitet. Es geschah alles, wie sie eswünschten. Kritik hat keinen Sinn, denn sie lebennicht mehr. Aber wenn Sie ihre Geschichte und all ihreTaten kennen, werden Sie vielleicht nicht mehr denWunsch haben, sie zu kritisieren.«»Wir können alles in diesem Bildschirm sehen?«fragte Clark.»Ja. Jeder Tag aus der Geschichte meines Volkes istaufgezeichnet. Ich hoffe, ihr findet es der Mühe wert,das Leben meines Volkes genau zu studieren und alldas zu lernen, was es erreicht hat.«


Er schaltete den Apparat aus und verschloß ihn.»Das ist genug für heute abend«, sagte er. »Ich vergessemanchmal, daß ihr Müdigkeit kennt. MeinesWissens nach ist durch Dr. Jacksons Ankunft die Organisationvollzählig, und wir können mit den formellenInstruktionen beginnen. Habe ich recht, GeneralDemars?«George nickte. »Morgen müßten wir mit den Vorbereitungenfertig werden. Dann können wir beginnen.«Clark hatte den etwas lächerlichen Impuls, HainEgoth die Hand zu schütteln, als sie den Schiffsausgangerreichten und zurück durch die Düsterkeit desHangars gingen. Er und George verließen die anderenvor dem Büro und gingen zu einem Wagen.»Ich habe dir in meinem Hotel ein Zimmer besorgt«,sagte George. »Ich fahre dich hin. Ich weiß,daß du müde bist, aber es gibt noch ein paar Dinge zuklären. Du mußt so schnell wie möglich ein vollständigesBild der Lage bekommen.«Es hatte zu regnen aufgehört, und der Mond ließden Highway silbern glänzen.»Es hat keinen Sinn, über die Dummheit derjenigenzu schimpfen, die das Schiff der UN übergaben«, fuhrGeorge fort. »Du siehst selbst, was uns dieser Schnitzereingebracht hat. Der Inhalt des Schiffes bedeutetmilitärische Sicherheit für jede Nation, die ihn zuerstfür sich gewinnen kann.«»Es sieht nicht so aus, als würde das unter den gegenwärtigenUmständen jemandem gelingen.«»Der erste Eindruck ist sehr trügerisch. Jeder, deran der Untersuchung des Schiffes teilnimmt, hat denAuftrag, Daten zu sammeln und mit allen möglichen


Mitteln zu verhindern, daß die anderen sie ebenfallsbekommen. Sie tun es, und wir tun es auf Biegen undBrechen. Sie werden versuchen, Schlüsselinformationenzu erhalten oder zu vernichten, um sie nicht inunsere Hände fallen zu lassen, sobald sie sie ausgewertethaben.«»Wir tun das gleiche?«»Genau«, sagte George. »Es gibt keine andereWahl.«»Wirklich nicht?« fragte Clark. »Wie wäre es, wennsich alle Nationen das gleiche Wissen aneignen undes für friedliche Zwecke nutzen würden?«George lachte leise, als sei Clark ein hoffnungsloserFall. »Ich vergesse immer wieder, daß sich derDurchschnittsbürger, der nicht täglich den Realitätendes Lebens gegenübersteht, keinen Begriff von diesenDingen macht. Für uns, die wir die wahre Situationkennen, heißt die Antwort schlicht Nein. Dein Vorschlagpaßt nicht in die Welt, in der wir leben. Werdie Informationen von Alkardia zuerst ausnützt, bestimmtdamit, wer von uns die Menschenrasse in derZukunft, auf die wir hoffen, repräsentiert.Aber ich muß immer wieder betonen, daß du einendoppelten Auftrag hast. Es genügt nicht, wenn du dieDaten analysierst, die Hain Egoth uns gibt. Du mußtdich auch vergewissern, daß dir unsere Partner keinewichtigen Informationen vor der Nase wegstehlen.Außerdem mußt du dein Möglichstes tun, ihnen bedeutendeDaten vorzuenthalten, damit sie nicht denVersuch machen, ihre Verteidigung mit Hilfe der alkardischenPrinzipien zu verbessern.Ich weiß genau, daß das nicht deine Art ist und daßdu dich dagegen sträubst. Aber alle, die die wahre


Situation kennen, werden dir bestätigen, daß das dereinzig richtige Weg ist.«»Und wenn ich nicht deiner Meinung bin?« fragteClark nach einem langen Schweigen.»Du wirst dich anpassen. Im Innern bist du nichteiner dieser Wirrköpfe, die man bei den Bombenspezialistenimmer wieder findet. So sehr du es haßt, duwirst den Idealismus wieder zugunsten des gesundenMenschenverstandes vernachlässigen. Du hast esschon früher getan, als wir zusammenarbeiteten. Duhast ein paar bedeutende Kämpfe für uns gewonnen,obwohl du den Krieg haßtest. Du wirst es wiedertun.«3George kam mit in das Zimmer, das er für Clark bestellthatte, und setzte sich auf das Bett. Er sprach vonihrer Arbeit während des Krieges, vermied es aber,bis an die Barriere zu gehen, die sie beide stillschweigendanerkannten. Es schien, als wollte er noch nichtgehen, um sich zu vergewissern, daß bei ihrer augenblicklichenBindung alles in Ordnung war, daß Clarkkeine unvermuteten Vorbehalte machte oder neueAnschauungen entwickelt hatte, die ihn zu einemweniger willigen Mitarbeiter als früher machten.Es war fast hell, als er endlich ging. Clark stelltemit gewisser Befriedigung fest, daß an George immernoch eine kleine Unsicherheit war, so als bezweifelteer seine, Clarks, Loyalität.»Heute nachmittag um zwei, vergiß das nicht«,sagte George. »Hoffentlich bist du bis dahin fit. Nur


noch diese eine letzte Konferenz, und wir können beginnen.«»Ich werde da sein«, versprach Clark.Als er allein war, verspürte Clark keine Lust mehr,ins Bett zu gehen. Das rosige Licht der Morgendämmerungwischte seine Müdigkeit und Schläfrigkeitfort. Er saß in einem großen Sessel am Fenster undbeobachtete, wie die Sonne aus dem Meer jenseits derStadt auftauchte.Er wollte, es gäbe eine Möglichkeit, Georges Gedankenzu erkennen, während er sprach. Er hatte esschon damals auf dem College gewünscht. Damalshatte er den Verdacht gehabt, daß George eine ungeheureVerachtung für alle Menschen besaß, die wenigerreich waren als er. Es schien seinen Ausdruck indem auffälligen Cadillac und den Erfolgen auf verschiedenen,von jüngeren Studenten bewundertenGebieten zu finden.Während des Krieges hatte Clark Jackson Georgemit etwas milderen Blicken betrachtet und ihn als extremvitalen Menschen akzeptiert, der sich vermutlichselten die Mühe machte, seine Fähigkeiten mitdenen anderer Menschen zu vergleichen.Jetzt war Clark Jackson wieder unsicher.Den Idealismus zugunsten des gesunden Menschenverstandesaufgeben – das klang, als hätte Georgegesagt: »Clark Jackson wird sich George Demarsfügen.«Und: »Du wirst es wieder tun.« Was würde er wiedertun? Seine Ideale der Dringlichkeit anderer Problemeopfern? Sein Wesen dem Ego von George Demarsopfern?Er fand, daß seine Reaktionen kindisch waren, aber


er konnte es nicht ändern. Wieder stieg schwach derSchmerz in ihm auf, der ihn während der College-Zeit verfolgt hatte und das wackelige Selbstvertrauenerschütterte, das er gewonnen hatte, als er sah, daßauch er imstande war, ein eigenes Leben zu führen.Er konnte die Tatsache nicht leugnen, daß die bloßeGegenwart von George Demars immer noch genügte,um Zweifel an sich selbst zu wecken. Sie mußten beidein einer Welt leben, in der es um Krieg und Dollarsund Ellen Pond ging – aber nur George schien dieFähigkeit zu besitzen, sich vorwärtszukämpfen.Und doch war vielleicht der Tag nicht mehr fern,an dem es hauptsächlich um eine Welt der Atome,der Sterne und der Matrizenrechnung ging. Vielleichtkonnte auch George damit fertig werden. Und vielleichtwar die wichtigste Frage in diesem Moment, zuwelcher Art von Welt das Schiff von Hain Egoth gehörte.»Den Idealismus zugunsten des gesunden Menschenverstandesaufgeben – du wirst es wieder tun ...«Es war nicht kindisch; es gab nur eine Auslegung.George hatte ihn gerufen, weil er glaubte, er würdesich unbedingt dem Zwang des Militärs beugen, wieer es schon einmal getan hatte, und dabei die Idealeaufgeben, die vielleicht durch die eindrucksvollenGaben der Alkardier geweckt wurden.Er erhob sich, als der erste Glanz der Morgensonnedurch das Fenster drang. Was er auch tat, er würdesich nicht noch einmal beugen. Er wußte im Momentnoch nicht recht, was er von dem Roboter und demSchiff dachte und fühlte – aber er wußte, was er anseinen Begleitern im Hangar entdeckt hatte, und daswar etwas Furchtbares. Das gegenseitige Mißtrauen


und die primitiven Verdächtigungen hingen lähmendüber der Gruppe.Etwas mußte in dieser Richtung geschehen. WennHain Egoths Geschenk so groß war, wie er vermutete,dann mußte es aus den gierigen Klauen des Militärsgerettet werden. Es würde seine Aufgabe sein, sichfür eine freie und gerechte Verteilung dieser Geheimnissean alle Menschen einzusetzen.Und gegen diesen Entschluß konnte auch ein GeneralDemars nichts ausrichten.*Er frühstückte schließlich im Speisezimmer des Hotelsund kehrte in sein Zimmer zurück, um ein paarStunden zu schlafen. Gegen Mittag wachte er auf. Erwar noch ein wenig müde, aber schlafen konnte ernicht mehr.Er rief den Stützpunkt an und erfuhr, daß Georgenoch nicht anwesend war. Er beschloß, direkt hinauszufahren.Das würde George vermutlich nicht passen,aber er wollte sich eine Zeitlang auf dem Geländeumsehen, ohne den General ständig neben sich zuhaben. Er freute sich darauf, mit den anderen Wissenschaftlerndes Projektes zusammenzutreffen. Dabeikonnte er alte Bekanntschaften erneuern und sichdie fremden Kapazitäten vorstellen lassen, die andem Forschungsauftrag beteiligt waren.Er rief eine Mietwagenfirma an und ließ sich einenWagen zum persönlichen Gebrauch schicken. Auchdas würde George nicht passen, aber er hatte keineLust, während seines Aufenthaltes hier nur auf dieMilitärfahrer angewiesen zu sein.


Die Fahrt zum Stützpunkt verging viel schneller alswährend des gestrigen Abends, an dem es geregnethatte. Der Himmel war wolkenlos, und eine steifekühle Brise, die der Kaltfront gefolgt war, wehte inRichtung Ozean. Eine Meile vom Stützpunkt entferntbemerkte Clark die UN-Flagge am Hangar. Irgendwiestimmte ihn der Anblick fröhlich; wenn sich dieIdeale der Organisation je verwirklichen ließen, dannwürde die Menschheit eines Tages diese Flagge auffremden Planeten hissen.Und nachdem man ihn am Tor des Stützpunktesdurchgelassen hatte, sah er noch einmal um und lächelte.Sobald er und die anderen Wissenschaftler ihreArbeit getan hatten, konnten all die Zäune eingerissenwerden.Das Büro erschien beinahe verlassen. Ein amerikanischerOberst sah auf, als Clark eintrat. Er runzelteeinen Moment lang die Stirn, dann kam er Clark entgegen.»Dr. Jackson, nicht wahr?« fragte er. »Ich binOberst Allison. Ich habe eben am Tor mit Ihnen telefoniert.General Demars ist noch nicht eingetroffen,aber er wird jeden Moment hier sein. Wenn Sie sichsetzen wollen ...« Er deutete auf einen Stuhl. »Siemüssen entschuldigen, wenn es mit der Zeiteinteilungund den übrigen Dingen noch nicht rechtklappt. Es war alles etwas kompliziert.«Er warf einen Blick in den dahinterliegendenRaum, und Clark sah, daß sich hier ein Großteil desPersonals aufhielt. Der Raum war zugleich ein Arbeits-und Konferenzzimmer, das mit langen Bibliothekstischenund -stühlen ausgestattet war. An denWänden standen Bücherregale. Ein einziger Blick


zeigte Clark Männer der verschiedensten Nationalitäten.»Es wird schon besser gehen«, meinte Clark. »Siehaben versucht, alles auf einer militärisch-politischenBasis zu organisieren. Ich glaube, Sie werden entdekken,daß die Wissenschaftler dieser Gruppe internationaleSchranken mit größerer Leichtigkeit überwindenals andere Menschen.«»Daran zweifle ich nicht«, erwiderte Oberst Allisonfreundlich. »Aber gewisse Grenzen sind nun mal erforderlich,und manchmal ist schwer festzustellen,wie man sie am besten setzt.«Clark warf dem Offizier einen scharfen Blick zu,aber Allisons Gesicht blieb freundlich, als habe er nureine allgemeine Bemerkung hingeworfen und keineswegsan einen Tadel gedacht.»Wir werden die Lösung schon finden«, sagteClark. »Und meiner Meinung nach besteht sie darin,daß die Mitglieder dieser Gruppe möglichst frei überalle Themen diskutieren.«Der Oberst lächelte und widersprach nicht. »Vielleichtmöchten Sie sich einmal im Arbeitsraum umsehen,bis der General kommt. Wir haben bereits denGrundstock einer umfangreichen Bibliothek.«*Im Arbeits- und Konferenzzimmer versuchte sichClark ein Bild von der allgemeinen Atmosphäre zumachen. Was er entdeckte, gefiel ihm ganz und garnicht. Die Nervosität und Geheimnistuerei schien bereitsin jeden Stein des Gebäudes übergegangen zusein und vergiftete die Atmosphäre.


An einem Tisch in der Nähe der Tür sah Clark denenglischen Physiker Oglethorpe in einer angeregtenUnterhaltung mit anderen Mitglieder seiner Gruppe.Als er Clark erkannte, hellte sich seine Miene auf, under erhob sich mit ausgestreckter Hand.»Dr. Jackson! Ich freue mich so, daß Sie hier sind.Ich hoffte schon gestern abend, wir würden etwasZeit zum Plaudern finden, aber ich konnte natürlichverstehen, daß Sie nach der Reise müde waren undunbedingt das Schiff sehen wollten.«Und dann, während Clark dem Engländer dieHand reichte, hatte er plötzlich das Gefühl, als sei eineisiger Wind durch das Zimmer gefahren. Eine Gänsehautlief ihm über den Rücken. Das Leuchten inOglethorpes Augen war schwächer geworden. SeinHändedruck wurde schlaff, und er warf einen nervösenBlick über seine Schulter.Er folgte dem Blick des Engländers. Er ging zu demTisch, an dem seine fünf Gefährten saßen und ihn beobachteten,drei Militärs und zwei Zivilisten. IhreAugen waren auf Oglethorpe und seinen amerikanischenFreund gerichtet – sie wägten ab, kalkulierten,verdächtigten und mißbilligten.»Ganz schön lange her, seit wir uns getroffen haben,was?« sagte Oglethorpe ohne Schwung. »Dreiundvierzigin Monmouth ...«Clark nickte. »Ich habe später eine Reihe Ihrer Veröffentlichungengelesen. Die letzte über die Strahlungsreflexionwar ausgezeichnet.«»Ja – vielen Dank, freut mich, daß Sie das sagen.«Oglethorpe bewegte sich unruhig. »Hm, ich fürchte,ich muß Sie jetzt allein lassen. Ich diskutierte geradeeine kleinere Sache mit meiner Gruppe, und wir wollen


uns noch vor der Konferenz einigen. Warten Sie, ichstelle Sie wenigstens noch meinen Kollegen vor.«Er schüttelte einem nach dem anderen die Hand.Die kühle Erwiderung seines Händedrucks war zugleichBegrüßung und Verabschiedung. Als er vorgestelltwar, konnte er nichts anderes tun als wieder gehen.Er warf einen Blick auf die anderen Gruppen, diesich um die Tische drängten. Die Schweden saßen zusammen,ebenso die Italiener, Franzosen und Russen.Nirgends überquerte einer die Schranke und geselltesich einer fremden Gruppe zu. Niemand lud ihn ein,an der Diskussion teilzunehmen. Niemand begrüßteihn.Er setzte sich allein an einen leeren Tisch undstarrte um sich. Was war nur mit ihnen geschehen?fragte er sich. Es war die Furcht vor den militärischenWächtern, die sie wie Marionetten handeln ließ. Ermußte sich noch heute Oglethorpes Adresse gebenlassen und den Kollegen privat besuchen, damit siesich wieder wie Menschen unterhalten konnten.Seine düsteren Gedanken wurden durch das Eintretenvon. General Demars unterbrochen. George sahsich um, und Verärgerung huschte über seine Züge,als er Clark sah, aber er brachte ein herzliches Lächelnhervor, als er auf den Wissenschaftler zukam.»Du bist aber ein Frühaufsteher«, sagte er. »Ichdachte, du würdest bis nachmittags durchschlafen.«»Je älter man wird, desto weniger Schlaf brauchtman«, sagte Clark.»Dann müssen wir jede Stunde ausnützen, solangees geht«, sagte George. Er warf einen Blick auf dieUhr. »Es ist gleich Zeit für unsere Konferenz. Mir lag


esonders am Herzen, daß du dabei bist, damit dudir ein vollständiges Bild der Lage machen kannstund außerdem einen Einblick in die Regeln bekommst,die wir ausgearbeitet haben. Aber zuerstsollst du die Mitglieder unseres Subkomitees kennenlernen.Sie sind draußen im Büro.«Clark folgte George und wurde mit Dr. Alvin Barker,einem Chemiker, und Dr. John Paris, einem Mathematiker,bekannt gemacht. Er kannte beide Männerdem Namen nach. Dann wurden ihm ihre militärischenBegleiter, Korvettenkapitän Benson von derNavy und Generalleutnant Stagg von der Luftwaffe,vorgestellt. Als er ihnen die Hand gab, spürte er, daßdie Militärs ihn mit dem gleichen Mißtrauen musterten,das auch Oglethorpes Gefährten an den Tag gelegthatten. Ist es schon soweit, daß jeder jedem mißtraut?fragte er sich entsetzt.George Demars drängte sie an den Konferenztisch.»Es wird höchste Zeit«, sagte er. »Unsere Tagesordnungsieht eine Menge Punkte vor, und wir müssenvermutlich Überstunden einlegen, um bis morgen alleszu klären.«Die Amerikaner setzten sich an den Tisch, denClark noch vor ein paar Minuten für sich allein gehabthatte. George stellte sich an einen Tisch in derNähe der Tür und nahm ein Mikrophon in die Hand,das zur Ausstattung des Raumes gehörte. Stühlescharrten, als diejenigen, die mit dem Rücken zu ihmsaßen, sich herumdrehten. »Als provisorischer Sekretärdes Untersuchungsausschusses bitte ich umRuhe«, begann er.Clark wunderte sich, wie man die Sache mit denDolmetschern geregelt hatte. Er konnte keinerlei


Übersetzungssystem erkennen. Erst später erfuhr er,daß das Komitee sich nach anfänglichen Schwierigkeitendarauf geeinigt hatte, in jede Gruppe ein Mitgliedaufzunehmen, das Englisch verstand und alsDolmetscher fungieren würde. Das, zusammen mitder in allen Sprachen gedruckten Tagesordnung,überbrückte die schlimmsten Sprachschwierigkeiten.»Punkt Eins«, sagte George, »ist der Bericht überdie Vervollständigung der Subkomitees, die von jederteilnehmenden Nation gestellt wurden. Ich kann berichten,daß mit der Ernennung von Dr. Clark Jacksonzum Vorsitzenden des Subkomitees die amerikanischeDelegation komplett ist. Nach den Aufzeichnungensind damit alle Subkomitees vollständig. Hatnoch irgend jemand dazu Einwände? Ist eine derDelegationen nicht komplett?«Er warf einen Blick auf die Teilnehmer, die in denverschiedensten Sprachen diskutierten.»Dann wäre dieser Punkt abgeschlossen«, erklärteer. »Punkt Zwei betrifft das Verteilersystem. Wir kamenvon Anfang an überein, daß sämtliche Informationen,die in dem Raumschiff enthalten sind, ohneVorbehalt allen hier vertretenen Gruppen oder Nationenzugänglich gemacht werden sollen. Als wirunsere letzte Sitzung aufhoben, stand immer nochnicht fest, in welcher Form wir diesen Punkt gewährleistenkönnen.Wir kamen überein, daß zu jeder Zeit die kleinsteEinheit eines Subkomitees aus einem Wissenschaftlerund einem Militär bestehen sollte. Ferner kamen wirüberein, daß eine Gruppe nur dann Einlaß zum Schifferhalten dürfte, wenn sie aus mindestens einer westlichenEinheit, einer östlichen Einheit und einer neu-


tralen Einheit besteht, wobei neutral im Verlauf derDiskussion noch definiert wird.Es bleibt die Frage, wie viele Personen höchstensdas Schiff betreten dürfen, was sich nach der Größeund den Einrichtungen des Schiffes richtet. Ebenfallsstand zur Debatte, ob wir Hain Egoth bitten sollen,sein Material hier im Konferenzraum vorzulegen anstattim Schiffsinnern. Wir diskutierten ...«Clark Jackson zwang sich dazu abzuschalten. DasGeschwätz, das George hervorbrachte, bereitete ihmÜbelkeit. Es war wie bei Kindern im Schulhof, die umdie Verteilung von Murmeln stritten. Oder eher nochwie bei Banditen, die ihre Beute verteilten und dabeimit der Hand am Messer aufpaßten, daß keiner vonihnen zu kurz kam.Er hörte anschließend ein paar verrückte Vorschläge,daß man den Roboter einfach ausschalten und dasSchiff selbst übernehmen solle. Eine Zeitlang sah esfast so aus, als würde man darauf eingehen. Man betonte,daß Hain Egoth schließlich nur zur Schiffsmaschineriegehörte und etwa das Leben und die Intelligenzeines Tonbandgerätes besaß.Jetzt konnte sich Clark nicht länger beherrschen. Ermeldete sich zu Wort und spürte einen Moment langgrimmige Befriedigung, als er Georges Stirnrunzelnsah. George hatte wohl Angst, er könnte die Realitätenverkennen und irgendeinen Schnitzer mache.Aber er konnte Clark auch nicht das Wort verbieten.»Wir können manchmal bei unserer eigenen Rassekaum zwischen Leben und Tod unterscheiden«, sagteClark. »Wir haben deshalb nicht das Recht, über eindenkendes, sprechendes Geschöpf zu urteilen, dasmit den Gaben seines Volkes zu uns gekommen ist.


Selbst wenn gesagt wird, daß Hain Egoth nichts anderesals eine Anhäufung von Metallteilen und elektrischenImpulsen ist, so behaupte ich doch, daß erkein totes Ding ist.Wir sehen nachts zu den Sternen auf und könnennicht einmal sagen, ob sie schon längst verschwundensind; wir sehen nur das Licht, das aus der fernen Vergangenheitzu uns kommt. Auf die gleiche Weisebringt uns Hain Egoth das Licht eines Volkes, das esgut mit uns meinte, das seine letzte Energie erschöpfte,damit wir es weiterbringen könnten als sie.Der Roboter bringt den Auftrag dieses Volkes; erträgt sein Leben. Wir haben nicht das Recht, es zuverletzen. Das Leben und das Vermächtnis der Alkardierexistieren in der Person von Hain Egoth, sosicher wie die Sterne, deren Licht wir jede Nacht sehen,von denen wir jedoch nicht wissen, ob sie nichtlängst erloschen sind.«Als er sich setzte, bemerkte er das zustimmendeNicken von fast allen Wissenschaftlern. Das Militärdemonstrierte eisige Mißbilligung. Aber Clarks Argumenttrug die Debatte für den Augenblick. Er ließes auch gar nicht erst zur Diskussion darüber kommen,welche Waffen oder Alarmsignale der Roboterhaben könnte, um sich gegen einen solchen Angriffzu wehren.Als die lange Sitzung endlich vorbei war, fühlte ersich erschöpft von seiner inneren Rebellion gegen dasVerfahren, gegen die lächerlichen Bedingungen, diedas Komitee sich selbst auferlegte. Er fand, daß dasalles so völlig nutzlos war. Warum benahmen sie sichwie streitende Kinder und nicht wie reife, zivilisierteMenschen?


Die Komiteemitglieder verließen den Raum, ohnemiteinander zu sprechen. Oglethorpe ging hinaus,ohne in Clarks Richtung zu sehen, aber Clark beschloß,später mit ihm Verbindung aufzunehmen.George rief ihn zu sich, als die anderen fort waren.»Ich schätze, du verstehst die Situation jetzt«, sagte ergrimmig. »Weißt du nun, was ich meinte, als ich dirdeinen Auftrag erklärte?«Clark nickte. »Ich fürchte ja. Und was ich heutenachmittag so gesehen habe, läßt mich zu dem Schlußkommen, ich sollte mich auf ein Messer in den Rippengefaßt machen.«»Ja«, sagte George. »Auch auf das.«*George blieb am Stützpunkt. Clark aß allein im Speisesaaldes Hotels und rief Oglethorpe unmittelbardanach an. Der Engländer meldete sich mit vorsichtigerZurückhaltung: »Hier Oglethorpe.«»Dan, hier spricht Clark. Ich wollte mich etwaslänger als heute nachmittag mit dir unterhalten.Könnten wir uns nicht heute abend zusammensetzenund Erinnerungen austauschen ...«»Es tut mir leid wegen heute nachmittag«, sagteOglethorpe. »Ich hätte so gern mit dir gesprochen,aber – na ja, sie wollen es nicht. Vielleicht könntest duin mein Hotel kommen. Dann setzen wir uns für einpaar Minuten ins Foyer.«Seine Stimme klang äußerst zurückhaltend, undClark hatte das Gefühl, daß er befürchtete, sein Telefonkönnte überwacht werden.»Ich bin in einer Viertelstunde da«, sagte Clark.


Oglethorpes Vorsicht und Zurückhaltung hatte sichetwas gelegt, als Clark kam. Der Engländer hatte ineinem tiefen Sessel im Foyer Platz genommen underhob sich, als er den Freund sah. Er begrüßte Clarkmit einem warmen Händedruck und führte ihn zueinem braunen Ledersofa gegenüber dem Fenster. Erlächelte, aber seine Stimme war ernst. »Sie beobachtenmich«, sagte er. »Es hat keinen Sinn, anderswohinzu gehen. Ich glaube, ich bin heilfroh, wenn das allesvorbei ist.«»Muß es denn immer so wie heute nachmittagsein?« fragte Clark.»Ich weiß nicht«, seufzte Oglethorpe. »Wie stellstdu es dir vor?«»Ganz anders – du und ich, Fenston, Smernoff unddie anderen Wissenschaftler müßten sich zusammentunund alles allein ausarbeiten – ohne daß unsere Beschützerdauernd mit einem Pistolenlauf in unseremRücken herumfuchteln. Weshalb können wir nichtunter uns die wissenschaftlichen Probleme lösen?«Oglethorpes Züge schienen wieder kühl und fremdzu werden. Als er Clark ansah, wirkten seine Augenbeinahe feindselig. »Du weißt, daß es so nicht gehenwürde«, sagte er. »Die Welt ist in zwei bewaffneteLager gespalten, und die Wissenschaftler machenkeine Ausnahme.Euer größter Chemiker setzt sich für den Wohlfahrtsstaatein; ein Physiker verkauft sorgfältig gehütetePrinzipien über die Grenze an das andere Lager.Wem von diesen Männern könntest du trauen?Könnte ich dir das Leben und das Wohlergehen meinesStaates in die Hände legen? Könntest du mir vertrauen?«


Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein, Clark, es würdeniemals funktionieren. Wir müssen ihnen zugestehen,daß sie die Angelegenheit auf die einzig möglichepraktische Art lösen.«»Wir könnten dafür sorgen, daß es funktioniert«,beharrte Clark. »Du und ich und die anderen, die einechtes Interesse daran haben, in einer Atmosphärevon Vertrauen, Ehrlichkeit und gegenseitigem Verständniszu arbeiten.«»Ich habe dir gesagt, weshalb es dafür keineGrundlage gibt! Man kann einem Wissenschaftlernicht mehr als einem normalen Menschen trauen.Früher war das vielleicht möglich. Die letzten Jahrehaben uns das Gegenteil gelehrt.«»Daß die letzten zehn oder zwanzig Jahre ein Fehlschlagwaren, heißt nicht unbedingt, es müßte immerso sein«, erwiderte Clark.Oglethorpe schüttelte den Kopf. »Es ist hoffnungslos.«»Aber was wird dann aus diesem Geschenk derAlkardier – aus ihrem großen Idealismus? Sollen wiretwa das Schiff nach allen neuen Prinzipien ausplündern,die wir entdecken können, und dann wie verrücktheimrennen, um neue Waffen daraus zu machen?«»Ja«, sagte Oglethorpe langsam, »genau so wird esgeschehen. Ich werde es tun, du wirst es tun. Clark,insgeheim weißt du, daß es keinen anderen Weg gibt.Wir könnten keinen anderen Weg wählen, selbstwenn wir es wollten. Wir sind in einer Welt aufgewachsen,in der sogar der Versuch, deinen Plandurchzuführen, scheitern muß.Meine militärischen Ratgeber haben mich freundli-


cherweise gewarnt, daß ich ins Gefängnis wandernkönnte, wenn ich so etwas sage, aber das ist mirgleich.« Der Engländer lächelte wehmütig. »Siewarnten mich ganz besonders vor dir. Sie sagten, duhättest den Befehl, die gerechte Verteilung der Datenauf alle Fälle zu verhindern.«Clarks Augen wurden schmal, als er seinen Freundansah. »Das ist nicht wahr. Sie können nicht wissen,welche Befehle ich erhalten habe. Verstehst du nicht,Dan? Sie feuern ihre Schüsse ins Dunkel ab. Alle – sieschlagen blindlings um sich, schaffen Mißtrauen, wosonst keines ist und machen aus Freunden Feinde.«Oglethorpe breitete die Hände aus und ließ sie inden Schoß sinken. »Was können wir tun, Clark? Waskann einer von uns tun?«4In dieser Nacht lag Clark lange wach und beobachteteden Mond, der zwischen schwarzen Wolken dahinglitt.Er dachte an Oglethorpes letzte Frage. Vielleichtwar es nicht so leicht, wie er dachte, aber irgend etwasmußte geschehen, um die Atmosphäre zu verändern,die durch Hain Egoths Geschenk entstandenwar. Wenn die Wissenschaftler es jetzt, bei der Übergabe,nicht fertigbrachten, eine Einheit zu erreichen,dann würde Oglethorpe recht behalten. Es war hoffnungslos,wenn die Barrieren noch höher, stärker undbreiter wurden. Das durfte nicht geschehen. Er warüberzeugt davon, daß sich alle hinter ihn stellenwürden, wenn er eine praktische Lösung des Problemsfand. Sogar Oglethorpe würde mitmachen, das


wußte er bestimmt, wenn er dem Engländer nur beweisenkonnte, daß noch nicht alles verloren war.Der Morgen kam viel zu früh. Er zog sich an, trankhastig eine Tasse Kaffee und aß eine Semmel dazuund fuhr dann mit zu hoher Geschwindigkeit zumStützpunkt. George Demars legte ihm die Hand aufden Arm, als er den Hangar betrat.»Ich bin froh, daß du so früh gekommen bist«,sagte George. »Hole deine Gruppe zusammen undsorge dafür, daß alle über die beschlossenen Punkteder gestrigen Sitzung Bescheid wissen. Hier ist deineKopie. Wir dürfen uns keinen Schnitzer leisten, derden Genossen Grund zu Streitereien gibt. Hain Egotherwartet uns pünktlich um acht.«Clark saß an einem Tisch im Konferenzraum undüberprüfte die Liste, die ihm so kindisch erschien.Vereinbarungen zwischen intelligenten Menschenwaren notwendig, das sah er ein, und sie stellten sogareine große Leistung dar, wenn sie dazu beitrugen,schöpferische Bemühungen zu fördern. Aber dieseVereinbarungen basierten auf Mißtrauen, Neid undgegenseitiger Vernichtung und waren deshalb lächerlich.Als die Amerikaner nach und nach hereinkamen,machte er sie mit den Beschlüssen der Sitzung vertraut.Die Militärs hatten sie bereits auswendig gelernt.Barker und Paris waren ebensowenig begeistertdavon wie er, aber sie schienen gewillt, sie zu beachten.Er hatte bisher noch keine Zeit gehabt, mit den anderenMitgliedern des amerikanischen Subkomiteesbesser bekannt zu werden. Er überlegte, daß er dasgleich gestern hätte tun sollen, anstatt Oglethorpe


aufzusuchen. Er mußte feststellen, was seine beidenKollegen von ihrer Rolle hielten. Keiner von ihnenwar unfreundlich, aber auch in ihrer Haltung spürteer eine an Mißtrauen grenzende Reserviertheit. Siewaren also bereits von den anderen Mitgliedern derKommission angesteckt.Als sich der Raum füllte, verbreitete sich eine erwartungsvolle,ängstliche Nervosität – eine Anspannung,wie man sie vielleicht am ersten Schultagspürte, und zugleich eine Unsicherheit vor demgänzlich Neuen, das nun enthüllt werden sollte.Clark kam es merkwürdig vor, daß Hain Egoths Gegenwartso gänzlich ignoriert wurde. Er war dieHauptfigur, aber die Schachzüge wurden ausgeführt,ohne daß man einen Gedanken an ihn verschwendete.Abrupt ging eine Bewegung durch die Leute, alsGeorge erschien und ankündigte, daß es Zeit zumGehen wurde. Sechzig Mitglieder, die die Teilnehmerdes ersten Hauptkomitees darstellten, erhoben sichund verließen den Raum. Das war ein knappes Drittelaller Anwesenden, aber das Schiff faßte nicht mehrauf einmal.»Der Unterricht beginnt«, sagte John Paris mit einemtrockenen Grinsen.Hain Egoth erwartete sie am Eingang des Schiffes.Als die Kommissionsmitglieder erschienen, drehte ersich um und ging ins Innere. Im Oberdeck befandensich Sitzgelegenheiten und semantische Induktionsgeräte.Die letzteren gestatteten es ihm, Bildmaterialund Erklärungen unabhängig von der Sprache dereinzelnen Teilnehmer zu übermitteln, so daß komplizierteDolmetschvorgänge ausfielen.


Am Tisch der amerikanischen Gruppe saß Georgeneben Clark. Beide befestigten die kleinen Metallknöpfedes semantischen Induktors nach Hain EgothsAnweisungen an ihren Köpfen. Der Roboter hatteschon vorher terranische Standardtexte in Physik,Chemie und Mathematik analysiert, um einen Ausgangspunktfestlegen zu können. In der ersten Lektionbegann er mit einer Ausdehnung der Quantenmechanikund Relativitätstheorie.Für Clark verging dieser erste Tag wie ein Augenblickim Paradies, und er konnte sehen, daß beinahealle Wissenschaftler ähnlich fühlten wie er. Ihre Gesichterspiegelten Ekstase wider, als sie den Ausführungendes Roboters folgten.Clark bekam einen zusätzlichen Aufschwungdurch die wachsende Sicherheit, daß sich Oglethorpespessimistische Vorhersagen nicht zu erfüllenschienen. Die Informationen, die sie von den Alkardiernerhielten, würden ein Band zwischen den Wissenschaftlernknüpfen, das keine noch so strengen Sicherheitsmaßnahmendes Militärs zerreißen konnten.Wenn das alle erkannt hatten, würde sich die Spannunglösen. Die Kommissionsmitglieder würden einanderwieder wie Bewohner eines Planeten begrüßen.Die Lösung sah so simpel aus, daß Clark sich fragte,weshalb er sich überhaupt Sorgen gemacht hatte.Die Wissenschaften hatten schon immer die Patentlösungfür alle Differenzen der Menschheit dargestellt.Sie hatten nur dann versagt, wenn die Verbindungder Wissenschaftler in aller Welt durch Gewaltunterbrochen worden war. Und jetzt wurde dieseVerbindung stärker als je zuvor wieder hergestellt.Gegen Mittag machten sie eine kurze Pause, um


etwas zu essen, doch sie versammelten sich sofortdanach wieder im Schiff. Als George sich schließlichgegen acht Uhr abends erhob und den Roboter daranerinnerte, daß Terraner nicht unendlich weiterarbeitenkonnten, fand Clark, daß dies der kürzeste Tagseines Lebens gewesen war. Hain Egoth entließ siemit einer Entschuldigung und drängte sie, sobald wiemöglich wiederzukommen, da es viele Monate dauernwürde, bis alles übermittelt war.Später traf sich das amerikanische Subkomitee inGeorge Demars' Hotelzimmer, um die Daten, die manerhalten hatte, noch einmal zu wiederholen und auszuwerten.Eine Stunde lang tauschten die drei WissenschaftlerInformationen und Meinungen aus. Obwohldie Militärs naturwissenschaftlich gebildet waren,mußten sie bald kapitulieren.Als schließlich eine Pause entstand, sagte Georgeruhig: »Und vergessen wir nicht, daß die Genossenheute das gleiche Material erhalten haben.«Es war, als hätte jemand plötzlich die Lampen ausgeschaltetund durch das Fenster einen kühlen Luftzughereingelassen. Barker und Paris rutschten tieferin ihre Stühle.»Was sie auch daraus machen werden, wir müssenes schneller und besser schaffen«, sagte George. »Waskönnt ihr aus den Informationen schließen?«»Ich weiß nicht«, sagte John Paris langsam. »Ichweiß nicht, was wir folgern sollen. Es scheint einSchritt über die elektromagnetischen Strahlungsvorgängehinaus zu sein, so wie wir sie kennen.«»Todesstrahlen? Neue Arten von Fernwaffen?«»Möglich. Du darfst nicht vergessen, daß das hiererst die Anfangsgründe einer vollkommen neuen


Wissenschaft sind. Wir können nur ahnen, wie siesich entwickeln wird.«»Und warum müssen unsere Prognosen unbedingtin diese eine Richtung gehen?« fragte Clark heftig.»Es gibt tausend andere Möglichkeiten.«»Du hast vollkommen recht«, erwiderte George.»Und wir werden die anderen Möglichkeiten erforschen– aber zuerst müssen wir diese Seite betrachten,denn sie haben sich ebenso versammelt wie wir undwerden auch über die militärische Anwendung sprechen.Wir haben nur zwei Möglichkeiten: Entwederhinken wir hinter ihnen drein, oder wir ergreifen dieInitiative und ersticken die Gefahr, die sie darstellen.Was zieht ihr vor?«Gleich, als Clark am nächsten Morgen das Gebäudebetrat, wußte er, daß George recht gehabt hatte. AlleSubkomitees hatten sich beraten, und alle hatten dasgleiche gesagt. Die Gesichter der Männer wirkten angespanntund ausweichend. Die freudige Erregung,mit der sie am vergangenen Abend das Schiff verlassenhatten, war eine neuen Ängstlichkeit und einemverstärkten Mißtrauen gewichen. Die kleinen Gruppender Subkomitees schienen sich, wo es möglichwar, noch mehr abzusondern.Clark hatte das Gefühl, daß er mitten in einemAlptraum aufgewacht war. Die Atmosphäre war unglaublich.Noch bevor die Einführung um war, würdensie einander an die Kehlen fahren.Als die erste Woche verging, zeigte es sich, daß dieSchlüsse nach der ersten Lektion richtig gewesen waren.John Paris arbeitete einen Beweis aus, daß dieneuen Strahlungsprinzipien den gefürchteten Todesstrahlmöglich machten. Einige hundert Stunden


technischer Arbeit – und die vernichtende Waffe, dieWasserstoff- und Atombomben bei weitem übertraf,ohne jedoch das kostbare Land zu zerstören, war einsatzbereit.Die Amerikaner, die Engländer, die Franzosen unddie Russen – es gab keine Nation, die darauf verzichtenmußte. Denn keiner der Wissenschaftler war soprimitiv, daß er diesen Strahl nicht auch entwickelnkonnte.Und dann, zu Beginn der zweiten Woche, wurdeeiner der Wissenschaftler von einem Militär einer anderenNation erschossen.Der Offizier beschuldigte den Wissenschaftler, daßer versucht habe, eines der Originalbänder, die nichtverteilt worden waren, ins Freie zu schmuggeln. Dienachfolgende Untersuchung zeigte, daß die Beschuldigungstimmte.Die Amerikaner waren blaß und erschüttert, als siean diesem Abend nach dem Unterricht zusammentrafen.Clark fühlte eine gewisse Betäubung, als habejemand eine Entscheidung für ihn getroffen, aber ererkannte, daß er die gleiche Entscheidung fast vonBeginn an ins Auge gefaßt hatte. Erst jetzt merkte er,daß er schon immer gewußt hatte, wie unmöglich dasUnterfangen war.»Dieses Komitee ist nichts anderes als ein Abbildder menschlichen Rasse«, sage er. »Wir haben heuteein kleines Beispiel dafür erlebt, was auf der ganzenWelt geschehen wird, wenn wir den jetzigen Wegweitergehen. Wir müssen Schluß machen.«»Das können wir nicht«, entgegnete John Paris.»Wäre es nicht besser, wenn wir es täten?« fragteClark. »Wäre es nicht schon jetzt besser, wenn wir


Hain Egoth sagten, daß er sein Schiff nehmen undstarten solle? Wir sind noch nicht bereit für das, waser uns anzubieten hatte. Er hat uns das Geschenk derGötter gebracht, und wir sind noch nicht reif dafür.«Er sah sofort, daß die anderen nicht seiner Meinungwaren. Barker schüttelte heftig den Kopf. »DasVolk des Roboters war offensichtlich auch noch nichtreif dafür. Es gelang den Leuten nicht, das Geschenkzu halten, aber sie hatten wenigstens ihre Chance.Wir müssen auch eine Chance haben.Unsere Sicherheit ist durch den gemeinsamenNenner gewährleistet, auf den wir alles gebracht haben.So sehr wir es versuchen, ich glaube, keiner kannaus dem Material mehr als der andere machen. DerVorfall von heute ist eher günstig als tragisch, denn erunterstreicht, daß es niemand gelingen wird, sich einenVorteil zu verschaffen. Wenn es uns weiterhingelingt, Gleichheit zu bewahren, besteht nicht die geringsteGefahr.In früheren Zeiten war es vor allem die Ungleichheit,die eine Gruppe zu einem Angriff verleitete.Jetzt, mit der Wissenschaft der Alkardier, ist einekleine Nation ebenso mächtig wie eine große. Es istdas Prinzip, das sich damals im Wilden Westen zeigte,als Colt seinen berühmten Revolver erfand. Nachden ersten Wirren entstanden friedliche Siedlungen,und der Colt war der ausgleichende Faktor, durchden der Friede erst ermöglicht wurde.Es wird wieder so werden. Die ganze Erde ist jetztein Grenzland, und wenn alle Nationen die entsprechendenAusgleichsfaktoren besitzen, werden wir eineWiederholung unserer amerikanischen Geschichteauf weltweiter Ebene erleben. Der Vorfall von heute


ist sicher nicht der letzte, aber wenn solche Dinge imkleinen Rahmen ausgemerzt werden, werden sie imgroßen Rahmen um so seltener vorkommen.«Clark wollte seinen Ohren nicht trauen. Das sagteein Wissenschaftler! Er fühlte sich plötzlich verlorenund einsam, als er erkannte, wie weit sie schon in derRichtung des Militärs dachten.Während der Diskussion hatte George Demars seineBlicke nicht von Clark gelassen. »So steht es nunmal, Clark«, sagte er schließlich. »Du würdest dochnicht im Ernst Hain Egoth bitten, seine Informationenzu nehmen und zu verschwinden? Nicht, nachdemdu gesehen hast, zu welchen Höhen uns das Materialführen kann.«Clark sah auf seine Hände, die er auf der Tischplattezusammengepreßt hatte. »Nein, natürlich nicht«,sagte er. »Aber wir müssen eine bessere Lösung alsjetzt finden, und wir müssen sie schnell finden.«*In der Nacht hatte er das Gefühl, daß er träumte, under schrie beinahe laut auf, als sich ein dunkler Schattengegen den Himmel abhob. Während er einenMoment lang wie gelähmt dalag, halb bewußtlos vomSchlaf und der plötzlichen Furcht, sprang der Schattenvom Fensterbrett.Dann erkannte er ihn, beinahe bevor die unmenschlicheStimme sprach. »Ich bin es, Hain Egoth«,erklärte der Roboter. »Ich muß mit Ihnen sprechen,Clark Jackson, aber niemand darf wissen, daß ich hierbin.«Clarks momentane Furcht wich einem Staunen. Der


Roboter war den langen Weg vom Stützpunkt bishierher gekommen und hatte ihn gefunden, ohneselbst entdeckt zu werden.»Weshalb sind Sie gekommen?« fragte Clark. »Manwird Sie im Schiff sicher suchen.«»Niemand wird es erfahren. Ich kann mit Leichtigkeiteure hohen Wachzäune überspringen und dieRadarstrahlen neutralisieren, die durch dieses Gebietgehen. Und wenn jemand an Bord kommt, wird manmich nicht vermissen. Ich bin nicht das, was Sie glauben.Es gibt fünf Ausführungen von mir im Schiff.«Clark zuckte überrascht zusammen, als er bei diesemZugeständnis erkannte, daß der Roboter vielleichtnoch viele Geheimnisse hatte, die er nie enthüllenwürde.»Ich bin hergekommen«, sagte der Roboter, »weilSie der einzige sind, mit dem ich sprechen kann. Ichhabe alle analysiert, und Sie stehen ganz allein da.Einzig Sie verstehen, daß ein Fehler begangen wurde.Hain Egoth hat sein Volk verraten.«»Was meinen Sie damit?«»Das Geschenk war niemals für die Menschen bestimmt.Sie haben selbst gesehen, daß man aus meinenGaben nichts machen kann. Sie haben recht,wenn Sie es ein Geschenk der Götter nennen, aber esist zu groß für die Menschen der Erde. Es würde nurTod und nicht das Leben bringen.«»Das glauben Sie auch!« rief Clark.»Ja. Es ist unvermeidlich. Aber ich mußte einenMenschen finden, der der gleichen Ansicht war.«»Weshalb haben Sie uns das Geschenk gegeben,wenn Sie wußten, daß wir ungeeignet dafür waren?«»Die Entscheidung lag nicht ganz bei mir. Sie wur-


de mir eher aufgezwungen. Ich kam in die Nähe derErde, um Ihr Volk zu erforschen. Ich hatte eine langeReise hinter mir und war auf wenige Rassen gestoßen,die den erforderlichen Normen auch nur annäherndentsprachen. Auf den ersten Blick schien IhreWelt den Anforderungen fast zu genügen. Ich wurdeunvorsichtig. Ich erwartete nicht, daß man mich angreifenwürde.«»Angreifen? Aber wie denn?«»Offensichtlich hat sich Ihr Volk auf Besuche ausdem Raum vorbereitet. Eines Ihrer Flugzeuge schoßein Atomprojektil ab, das mein Schiff beschädigteund zur Landung zwang.«»Ich wußte nicht«, sagte Clark, »daß sie eine Verteidigungdieser Größenordnung errichtet hatten! Ichwußte auch nicht, daß sie außer Atombomben Flugzeugebesitzen, die Atomprojektile verschießen.«Hain Egoth fuhr fort: »Als mein Schiff gefundenwurde, führte Ihr Volk die Reparaturen sehr nachlässigdurch. Ich konnte später einige davon verbessern.Ich wurde gebeten, den Angriff nicht zu erwähnen.«»Offensichtlich wollten sie nicht, daß die anderen;UN-Staaten das erfuhren«, meinte Jackson. »Aberwas hat das mit Ihrem Entschluß zu tun, uns dasMaterial auszuliefern?«»Der Schaden war derart, daß mein Schiff nichtmehr starten konnte. Es war offensichtlich, daß ichkeine Unterstützung von den Leuten bekommenwürde, die das Schiff reparierten. Aber ich hielt es fürmöglich, daß sie seine Prinzipien verstehen würden.Andererseits hatte es für mich so ausgesehen, alsmüßte ich ewig durch den Raum fliegen, bis meineEnergiequellen erschöpft waren, ohne auf ein Volk zu


stoßen, daß die Intelligenz der Menschen besaß. Sobeschloß ich, meine Mission zu vollenden, indem ichden Terranern das Material übergab.«»Und nun glauben Sie, daß das trotz der Umstände,unter denen die Entscheidung getroffen wurde,ein Fehler war?«»Ja. Lieber soll mein Schiff für immer in der Tiefedes Raumes verlorengehen, als zur Vernichtung diesesVolkes beizutragen, das soviel erhoffen läßt, abernoch einen so weiten Weg gehen muß.«»Wir alle haben uns eine Frage gestellt, die Sie niebeantwortet haben. Weshalb versagte Ihr Volk? Wiekann irgendein Volk sein ewiges Fortbestehen erreichen,wenn Ihre Erbauer es nicht schafften?«»Da mein Volk diese Frage nicht beantwortenkonnte, kann ich es natürlich auch nicht«, sagte HainEgoth. »Aber das Problem, das es nicht zu lösen vermochte,wird sich auch noch euch stellen, wenn ihrweit genug vordringt.Je weiter sich denkende Geschöpfe entwickeln, destogrößer wird ihre schöpferische Kraft und ihr freierWille. Damit verblaßt die Forderung nach äußerenGesetzen, und allmählich werden die Lebewesen sichselbst Gesetz. Die theoretisch letzte Gesellschaft istvollkommen ohne Gesetze, denn in ihr richten sichdie schöpferisch begabten Lebewesen nach eigenenRegeln, die ihr persönliches und das Wohlergehen ihrerMitmenschen fördern.Sobald man sich diesem Ideal jedoch nähert, wirdjede kleinste Abweichung kritisch. Ein winziges Abgleitenin der Nähe des Gipfels schafft weit mehrChaos als ein schweres Verbrechen in einer tieferenEbene. Mein Volk erreichte ein Stadium der Instabi-


lität, und die letzten Versuche zum Erlangen deridealen Gesellschaft riefen eine Art Rückkoppelunghervor, die den ganzen Planeten rasch ins Unglückstürzte. Jeder Versuch, den Fall abzubremsen, schienihn noch zu beschleunigen. Unsere Wissenschaftlerentdeckten die Grundprinzipien dieses Vorgangserst, als es viel zu spät war, als sie selbst bereits imAbsinken begriffen waren. Sie erfuhren nie, wie mandas Unglück hätte aufhalten können – oder ob dasüberhaupt möglich gewesen wäre. Einige kamen zudem Schluß, daß sich die Theorie der gesetzlosen Gesellschaftnicht in die Praxis umsetzen ließe. Doch siekonnten das nicht mehr beweisen.«Clark schwieg eine Zeitlang und ließ sich die Wortedes Roboters durch den Kopf gehen. Er versuchtesich eine Gesellschaft vorzustellen, die fast die Ebeneder Götter erreichte und dann zurückfiel und vernichtetwurde. Er fragte sich, ob die Alkardier rechtmit der Annahme hatten, daß kein denkendes Lebewesenden Gipfel ganz erreichen konnte.»Was können wir tun?« fragte er schließlich. »Ichsehe ein, daß mein Volk mit Ihrem Geschenk nichtsanfangen kann, aber wie können wir es ihm wiederentreißen? Jeder Versuch, das Begonnene zu unterbrechen,hätte Gewalt zur Folge. Könnten Sie IhrSchiff zerstören, wenn das einträfe?«»Ja – und ich würde es im Notfall tun«, sagte HainEgoth. »Aber dann hätte ich ganz versagt. Lieberwürde ich den Versuch machen, meinen Flug fortzusetzenund weiterzuforschen, so lange es möglich ist.Mit ein wenig Hilfe wäre es nicht schwer, mein Schiffwieder zu reparieren. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«


»Wie kann ich Ihnen helfen? Was kann ich für Sietun?«»Es sind gewisse Reparaturen erforderlich, die ichnicht allein durchführen kann. Sie müssen etwas vonmeinem Aufbau erfahren, um zu verstehen, worinder Schaden besteht.Diese Form, die Sie vor sich sehen, ist in Wirklichkeitnicht der Roboter Hain Egoth, sondern nur eineVerlängerung davon. Der Gehirnmechanismus, wieSie es nennen würden, befindet sich fest verankert imSchiff, in einem Raum unterhalb der Energiezentrale.Die fünf Roboter, die alle wie ich aussehen, werdenvon diesem Gehirn gesteuert. Zusätzlich stehen dieSchiffskontrollen in direkter Verbindung mit demGehirn, so daß kein Roboter zwischengeschaltet werdenmuß. Und genau dieser Teil des Apparates wurdebeschädigt.«»Aber können Sie ihn nicht mit Hilfe einer der Roboterformenreparieren?«»Nein. Ich brauche Hilfe von außen. Die Reparaturerfordert eine kurzzeitige Loslösung des gesamtenGehirns bis auf einige Stromkreise, die eingeschaltetbleiben. Ich kann einen der Roboter dazu verwenden,daß er Ihnen Anleitungen beim Reparieren gibt, aberich kann die eigentliche Reparatur nicht selbst durchführen.Man könnte es mit einer Operation am eigenenGehirn vergleichen. Sobald man daran arbeitet,kann man nicht mehr unabhängig denken.«»Ich werde Ihnen helfen, so gut ich kann«, sagteClark. »Aber ich weiß noch nicht, wie ich allein insSchiff kommen soll? Sie kennen die Regeln.«»Morgen abend werde ich Sie nach dem Unterrichtrufen lassen. Sie kommen in Begleitung einer Mini-


mum-Gruppe zurück ins Schiff. Sobald Sie im Innernsind, können sich die fünf Roboterformen um die anderenLeute kümmern. Damit Sie nicht als Verrätergebrandmarkt werden, tue ich so, als würde ich Sieebenfalls mit Gewalt zurückhalten. Sobald die Arbeitgetan ist, lasse ich Sie frei und verschwinde. Es dürfteeigentlich keine Schwierigkeiten geben. Ich schätze,daß die Arbeit etwa dreieinhalb Stunden dauert.«»Aber die Roboter werden eine Zeitlang ausgeschaltetsein.«»Ja. Dieses Risiko müssen wir eingehen. Wir werdenIhre Begleiter einsperren. Es wird spät sein, undich kann mir nicht denken, daß jemand das Schiff betretenwird. Aber ich werde etwa zwei Stunden langhilflos sein, und während dieser Zeit sind Sie auf sichselbst angewiesen. Wollen Sie das tun?«5Nachdem Hain Egoth gegangen war, hatte Clark immerwieder das Bild des Wissenschaftlers vor Augen,der erschossen worden war, weil er versucht hatte,Material aus dem Schiff zu stehlen. Wenn er, Jackson,erwischt wurde – oder wenn man nur den Verdachthatte, daß er bei der Flucht des Roboters geholfenhatte –, würde ihm das gleiche widerfahren.Im Gegensatz zu den Sitzungen der vorhergegangenenTage erschien die nächste unendlich lange.Clark hatte das Gefühl, daß jeder seine Nervositätbemerken mußte. Er machte zahlreiche schnelle Notizen,um seine Angst zu verbergen, aber er konnte esnicht verhindern, daß seine Finger beim Schreiben


hin und wieder zitterten.Endlich war der Unterricht vorbei. Clark blieb nochsitzen, um beim Hinausgehen einer der letzten zusein. George machte eine verärgerte Handbewegung.»Komm. Ich bin heute wirklich fertig.«Dann, als sie sich vom Tisch entfernten und denKorridor entlanggingen, rief Hain Egoth: »GeneralDemars, könnte ich Sie ein paar Minuten sprechen?«George blieb stehen und drehte sich um. »Wenn esunbedingt sein muß. Aber wir müssen erst eine Minimumgruppezusammenstellen. Könnte es nicht bismorgen warten?«»Leider nicht. Es handelt sich um ein besondersdringendes Problem, das ich mit Ihnen besprechenmuß. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die anderenMitglieder der Gruppe zusammenrufen und hierbleibenwürden.«»Also gut.« George fluchte unterdrückt und ginghinaus. Clark folgte ihm.Es dauerte ein paar Minuten, bis sie die protestierendenMitglieder ihrer Gruppe zusammengetrommelthatten, und bis dahin hatten die meisten anderendas Gebäude verlassen. Clark stellte es mit Befriedigungfest.»Worauf sollen wir denn warten?« knurrte derRusse verärgert. »Es ist doch alles zu Ende besprochenworden. Das Ganze ist äußerst ungewöhnlich.«»Ich weiß es nicht«, sagte George, »aber je schnellerwir es hinter uns bringen, desto besser. Der Roboterhat irgendwelche Schwierigkeiten.«Im gleichen Moment, als sie das Oberdeck betraten,kamen die fünf Roboter aus ihren Verstecken und ergriffendie Mitglieder der Gruppe. Die Tentakel


schnürten sich wie Stahlbänder um die Männer.Die Gefangenen starrten verblüfft die Roboter an,von denen sie bisher immer nur einen gesehen hatten.»Was, zum Kuckuck, soll das?« rief George. »Laßtuns los, bevor ...«»Ja?« fragte Hain Egoth. »Bevor was ...?«Der General hörte zu kämpfen auf und versuchtemöglichst würdevoll dreinzusehen. »Bitte, erklärenSie das«, sagte er kühl.»Sie haben sich die Erklärung selbst zuzuschreiben«,sagte Hain Egoth. »Ich habe Ihnen das Geschenkder Götter angeboten, und Sie sind daraufherumgetrampelt.«Clark war von einem der Roboter gepackt worden,der noch einen zweiten Mann festhielt. Ein Tentakelschnürte sich mit unnötiger Härte um seine Armeund seine Brust, und er hatte das Gefühl, daß dasDing einen Menschen glattwegs durchschneidenkonnte.Sie wurden zu einer Kammer am anderen Ende desRaumes geführt und bis auf Clark hineingestoßen.Nackte Metallwände umgaben sie.»Diesen Mann brauche ich«, sagte der Roboter unddeutete auf Clark. »Wenn er seine Aufgabe gelöst hat,werdet ihr alle befreit. Ich will euch keinen Schadenzufügen, aber versucht nicht auszubrechen.«Der Raum war nicht als Gefängnis geplant. DerVerschluß an der Tür war ganz einfach. Der Roboterbrach die innere Klinke ab und schob den Riegel vor.Er versicherte Clark, daß die Männer nicht ins Freiekonnten. »Und jetzt müssen wir uns beeilen«, sagteer.Clark entdeckte zu seiner eigenen Überraschung,


daß seine Anspannung und Nervosität nachgelassenhatte, als Hain Egoth ihn zur Steuerzentrale führteund ihm die Lage des Gehirns zeigte. Es war einRaum, den bisher noch keiner der Terraner betretenhatte.Der Roboter löste die massigen Deckplatten, dieden Mechanismus schützten, und Clark keuchte, alser durch die Öffnung sah. Unbewußt hatte er angenommen,daß es sich vielleicht um einen schmalenKasten handeln würde, der ein paar raffinierte Relaisoder Röhren enthielt, aber er war ganz und gar nichtauf das Gewirr von Einzelteilen vorbereitet, das erjetzt erblickte.Mehr als das, die Größenordnung entsetzte ihn. DieTeile waren winzig, einige sogar mikroskopisch klein,und Tausende waren auf Stützrähmchen montiert.Die Zwischenverbindungen erinnerten an ein hauchdünnesSpinnennetz, das man schon durch zu heftigesAtmen zerstören konnte.»Ich kann doch nicht ...«, stammelte Clark.»O doch«, unterbrach ihn Hain Egoth. »Setzen Siebitte diesen Empfänger auf und stecken Sie das andereEnde in die Schalttafel dort drüben. Es gehört zuder Arbeitszeit, die ich einkalkuliert habe.«Clark setzte sich und befestigte einen kleinenKnopf seitlich des Kopfes. Eine Stunde lang jagte eineFlut so komplizierter und genauer Einzelheiten durchsein Gehirn, daß er glaubte, sie würden nie bis zu seinemBewußtsein vordringen. Doch er merkte, daßsich alles abrufbereit ordnete.Am Ende der erzwungenen Belehrung war er vollkommenerschöpft, und dabei hatte seine eigentlicheAufgabe noch nicht begonnen. Doch als er den kom-


plizierten Mechanismus noch einmal untersuchte,spürte er mit überwältigender Sicherheit, welcheFunktion jedes einzelne der vielen tausend Teilchenhatte. Er wußte, daß er jede Reparatur, die der Robotervon ihm verlangen würde, durchführen konnte.»Ich bin fertig«, sagte er.»Ja – es wird Zeit, daß wir anfangen.«Der Roboter nahm eine Position ein, von der er denGehirnmechanismus sehen und gleichzeitig die BewegungenClarks überwachen konnte. Er konnteweiterhin sprechen und sehen, aber sonst war er leblos,als Clark den Mechanismus von der Energieversorgungtrennte.Durch den Angriff war eine größere Anzahl vonTeilen am Boden der Anordnung zerstört worden.Eine Stunde lang entfernte Clark die verbrannten undbeschädigten Teile, und er kam sich dabei fast wie einChirurg vor, der eine Gehirnoperation durchführte.Als – wie er es selbst bezeichnete – die Wunde gereinigtwar, ging er an den Schrank mit den Ersatzteilenund holte aus dem reichhaltigen Vorrat dieDinge heraus, die er brauchte, um das Gehirn wiederan das Kontrollsystem des Schiffes anzuschließen.Schnell begann er mit der Arbeit. Der hauchdünneDraht lag geschmeidig in seiner Hand. Er schien unzerbrechlichzu sein. Er begann an der Steuerzentraleund arbeitete sich zum Gehirn vor, um diese Stromkreiseeinschalten zu können, bevor er die Gehirnmechanismender Roboter anschloß.Plötzlich hörte er einen Warnruf von Hain Egoth.»Sie kommen! Ihre Leute nähern sich dem Schiff vonallen Richtungen, soweit ich das feststellen kann. Siedürfen Sie hier nicht erwischen. Lassen Sie Ihre Ge-


fährten frei und sagen Sie ihnen, daß Sie gezwungenwurden, den Mechanismus zu reparieren. Dann sei esIhnen gelungen, ihn zu zerstören und zu fliehen. Manwird Ihnen glauben.«Clark zögerte. Er warf einen Blick auf das unbeweglicheGesicht des Roboters. Die mechanischenAugen glänzten immer noch schwach. Dann betrachteteer den Mechanismus unter seinen Fingern.Er würde nie wieder die Chance erhalten, wenn er esjetzt nicht schaffte.Nur eines schien ihn zurückzuhalten. Er sah einenMoment lang das spöttische Gesicht von George Demarsvor sich. »Ich mache fertig«, sagte er. »Vielleichtreicht die Zeit.«Lange Zeit schwieg der Roboter, aber Clark spürteseine Augen. »Ich wollte, mein Volk hätte Sie gekannt,Clark Jackson«, sagte er.*Clark arbeitete so schnell er nur konnte. Ein neuerGedenke kam ihm in den Sinn, und er betete, daß Zeitgenug bleiben würde, um ihn durchzuführen. Dann,während er sich immer noch über die Drähte beugte,hörte er Schritte hinter sich. Er sah nicht auf. Erwußte, wessen Schritt es war.»Verschwinde, Clark«, sagte George. »Verschwindevon dieser Maschine, oder ich bringe dich um.«»Du wirst mich umbringen müssen«, sagte Clark.»Aber ich würde gern wissen, wie du dahintergekommenbist.«»In deinem Zimmer war ein Mikrophon. Glaubstdu, wir hätten bei einer so wichtigen Sache jemanden


unbeobachtet gelassen? Selbst deine Alpträume wurdenaufgezeichnet. Nimm die Hände von dieser Maschine!«Clarks Linke ruhte auf einem kleinen Hebelin der Nähe seines Kopfes. »Ich glaube, ich bin sicher,solange meine Hände sich hier befinden. Selbst wenndu schießt, bringe ich im Fallen das fertig, was ichwill.«»Und das wäre?«»Weißt du es nicht? Die Außenschleuse ist offen. Indrei Sekunden können wir fünfzigtausend Fuß in derHöhe sein, und wenn uns die Kälte und das Vakuumnicht töten, tut es die Beschleunigung.«Er sah einen Moment lang auf und sah zu seinerÜberraschung, daß Georges Gesicht ebenso verzerrtund schweißbedeckt war wie sein eigenes. »Ich glaubees nicht«, sagte George. »Die anderen müssen jedenMoment hier sein. Wir können dich wegzerren,ohne zur Schußwaffe zu greifen.« Er drehte sich einenMoment um und brüllte: »Leutnant! Hierher ...«Verzweifelt sah Clark auf den Mechanismus. Esfehlte noch etwa ein Dutzend Verbindungen, um dieDrohung wahrzumachen, aber George konnte dasnicht wissen.»Wehe, es kommt einer näher als du ...«Er ließ die eine Hand auf dem Kontrollhebel ruhenund arbeitete mit der anderen schnell weiter. Er versuchtedie Unterhaltung fortzuführen, um George zubeschäftigen.»Ich verstehe nicht, weshalb du mich so weit hastkommen lassen, wenn du mein Gespräch mit HainEgoth abgehört hast. Weshalb hast du mich nichtgleich festgenommen?«»Weil ich dich retten wollte«, sagte George. »Ich


kann es mir nicht leisten, dich zu verlieren. ZehnSpitzenwissenschaftler können die Arbeit nicht machen,die du in der Vergangenheit geleistet hast. Undich brauche dich jetzt hier.«»Aber das ist dir nicht gelungen«, erwiderte Clark.»Entweder mußt du mich erschießen, oder ich jageuns alle mit dem Schiff in den Tod.«»Ich werde dich nicht erschießen«, sagte Georgeleise. »Und du wirst diesen Hebel nicht ziehen. Wennich dich letzte Nacht verhaftet hätte, wärst du für unsverloren gewesen, weil du nicht mehr mitgemachthättest. Ich mußte dich gehen lassen. Du mußtestselbst erkennen, daß du es nicht schaffst, uns das Geschenkder Götter vorzuenthalten. Vielleicht stimmtder Ausdruck; vielleicht kann es Götter aus dem Volkmachen, das es besitzt. Wir werden es herausfinden,und nichts auf der Erde kann uns daran hindern. Duhast es versucht, und es ist dir nicht gelungen. Kommjetzt zurück und hilf uns.«Clark war einen Moment lang wie betäubt, als ermerkte, daß George seine Worte ernst meinte. Georgewürde ihm verzeihen und ihn auch jetzt noch in derKommission einsetzen.Plötzlich sah er jeden Augenblick seines Zusammenseinsmit George Demars scharf vor sich. Er sahwieder den arroganten College-Studenten vor sich,der alles doppelt so gut konnte als jeder andere; derDifferentialgleichungen löste und ein Brahms-Konzert spielte; der mit einem gelben Kabrio protzteund anderen Studenten die Mädchen ausspannte.»Das Schiff hier ist kein gelber Cadillac«, sagteClark ruhig.George riß die Augen auf, als habe ihm jemand ei-


ne Ohrfeige versetzt, und dann zeigte sich ungläubigesMitleid in ihnen. Die Hand mit der Pistoleschwankte. »All die Jahre ...«, murmelte er. »SovielZeit ist vergangen, und du denkst immer noch daran.«Zwei Leutnants zeigten sich hinter George. Clarkkrampfte die Hände um den Hebel. Er hatte die letzteVerbindung geschafft. »Sorge dafür, daß sie nicht näherkommen«,sagte er.George winkte sie zurück, hielt aber den Dienstrevolverweiterhin auf ihn gerichtet.»Merkwürdig, wie du mit Leuten umgehst«, fuhrClark so ruhig fort, als handelte es sich um einfreundschaftliches Tischgespräch. »Du willst michretten, damit du mich ausnützen kannst. Du nütztalle Leute aus. Wenn dir meine Niederlage Vergnügenmacht, dann koste sie jetzt richtig aus.«»Idiot!« rief George. »Wirst du denn nie klüger?Hast du nie den Mumm, dich auf die Hinterbeine zustellen und dir das zu nehmen, was du willst undworauf du ein Recht hast? Dein ganzes Leben langhast du dich zu billig verkauft; jetzt bist du bereit, dasgleiche für die ganze menschliche Rasse zu tun.Du hättest Ellen Pond haben können – hast du dasgewußt, Clark? Sie weinte an jenem Abend nach demTanz, als ich sie zurückbrachte und du fort warst. Sieweinte, weil sie wußte, was du denken würdest. Ichhätte es dir sagen sollen. Vielleicht hätte es einigesgeändert. Aber ich habe es nicht getan, weil du einMädchen wie Ellen nicht wert warst – und du bist esheute noch nicht.Wenn du glaubst, daß ich ein Lügner bin, dannmußt du es beweisen. Denkst du, ich weiß nicht, was


es bedeutet, diese Wissenschaft loszulassen, bevorwir sie richtig verdaut haben? Vielleicht hast durecht; vielleicht wird sie uns vernichten, anstatt unsnach oben zu tragen. Aber wir haben ein Recht darauf,es herauszubringen, das Recht auf eine positiveAntwort. Was nützt es, wenn wir sie nie erfahren undewig bedauern müssen, daß wir vielleicht etwas Großesvergeudet haben.Es erfordert Mut, eine gültige Antwort auf dieseArt von Frage zu finden. Es erfordert keinen Mut, unsheimlich in den Rücken zu fallen und die einzigeChance zur Beantwortung dieser Frage zu zerstören.Wenn du Mut hast, nimm deine Hand von diesemHebel und ...«Fast gleichzeitig verkrampfte sich Clarks Handgelenkein wenig, und ein Schuß dröhnte los.Clark riß in einer Reflexbewegung die Hand hoch,als der Schmerz in seine Brust eindrang. Er gingwankend in die Knie und fiel langsam und keuchendzur Seite.George ließ die Pistole aus der Hand fallen. Übelkeitund Schmerz stiegen in ihm hoch, als er den hellrotenBlutstrahl sah. Er ging um das Robotergehirnherum und kniete neben dem Physiker nieder.Clarks Augen blieben offen. Sie suchten verzweifeltnach einem Punkt, auf den sie sich konzentrierenkonnten. Dann ruhten sie einen Moment lang auf GeorgesGesicht. »Du gewinnst immer«, murmelte er.»Das Schiff da ist noch viel toller als ein gelber Cadillac,was?«Er schloß die Augen und machte dann eine letzteAnstrengung. »Ich habe dich mein Leben lang gehaßt«,sagte er leidenschaftlich.


Nach einiger Zeit stand George auf. Seine Armehingen schlaff herunter. Er starrte auf den toten Physikerund den Roboter hinunter. Die mechanischenAugen beobachteten ihn, aber Hain Egoth hatte keinWort gesagt. Er fragte sich, ob sie das mechanischeGeschöpf wieder reparieren konnten. Daß sie ClarkJackson nicht mehr »reparieren« konnten, war ihmklar.»Ich hätte es dir sagen sollen«, flüsterte er dem Totenzu. »Vielleicht wäre es anders geworden, wenndu Ellen bekommen hättest. Du hattest mehr als genug,um es zu schaffen. Aber wie kann ein Mensch jewissen, ob er den richtigen Weg geht oder nicht?Wir können nur unseren Überzeugungen folgen,aber sicher sind wir nie.«


Warten auf das Jahr 2000von James BlishSchon kurz nach Einbruch der Dämmerung hattendie Fax-Reporter ein Höllenfeuer in Gang gesetzt, indas sie alles warfen, was sie in der schneebedecktenLandschaft rings um den Berg finden konnten. Siehatten den Auftrag, die Ankunft des 21. Jahrhundertsin der Erstausgabe der Faksimile-Zeitung – das RosaBlatt nannte man sie – in der ganz besonderen Sichtder »Kirche der Verborgenen Gnade« zu beschreiben.Da jedoch die Jahrhundertwende höchstwahrscheinlichnicht unvermutet hereinbrechen würde, genoßdas Warmhalten im Moment Vorrang.Nach einer Stunde jedoch waren die drei altenZäune, mit denen man das Feuer gespeist hatte, verbrannt.Da niemand freiwillig zurück zu den Zaunrestenstapfen wollte, wurden die Flammen beträchtlichkleiner.Dennoch waren sie hell genug, um die eine Seiteder hölzernen Arche am Berggipfel zu beleuchten.Hin und wieder, wenn sich der bitterkalte Winddrehte, konnte man aus dem Innern des kleinen SchiffesGesang hören. Die Fax-Reporter achteten nichtdarauf; es war noch nicht spät genug für das Jenseits.Nachdem das Würfelspiel auf der Zeltplane eineZeitlang in Gang war, machten Flaschen die Runde.Das führte zu ein paar Auseinandersetzungen bei denWürfelspielern, aber die meisten froren zu stark, umes ernsthaft auf einen Streit ankommen zu lassen. Eswar sofort alles vergessen, als einer der jüngeren Re-


porter mit zwei Hühnern aus dem Schnee auftauchte.Man rupfte und zerlegte sie sofort, wenn auch mitungeübten Fingern.Die Fernsehleute hatten bis dahin das Feuer gemieden,weil der Rauch ihre Aufnahmen vermurkste.Einige von ihnen waren sogar auf die andere Seitedes Berges gegangen, um das Boot auf dem Gipfelgegen den hellen Hintergrund aufzunehmen. Aberals sich der Bratengeruch der Hühner verbreitete,kamen sie einer nach dem anderen herbei, obwohlauch ihnen klar sein mußte, daß man zwei Hühnernicht an so viele verteilen konnte.»Warum setzt du sie nicht ein?« fragte einer derälteren Reporter.»Wir haben doch keinen Glückshafen! Die Fernsehfritzensollen sich ihre eigenen Hühner organisieren,so wie ich es tun mußte.«»Also, Kleiner, wenigstens ein paar Schenkel oderFlügel könntest du opfern.«»Das wäre eine Idee«, meinte einer der Würfelspielerund streckte den schmerzenden Rücken.»Haut ab«, erklärte der provisorische Koch. »Ichgebe nichts her. Das Geld ist ohnehin nichts wert.Nächstes Jahr können wir uns Zigaretten damit drehen.«»Hör auf mit deinen Unkereien und laß den Flügelnicht anbrennen«, sagte der junge Reporter. »Außerdemist es nächstes Jahr vielleicht ganz anders. Ichhabe so ein Gefühl. 1999 ist ein ganz ordinäres Jahrwie alle anderen, aber 2000 muß doch etwas Besonderessein.«Über ihnen erklang ein Pfeifen und Dröhnen, unddas schneebedeckte Farmgelände wurde grellweiß


und schattenlos. Es dauerte lange, bis die Leuchtbombeam Fallschirm heruntergetrudelt war undausbrannte – lange genug, daß die Fernsehleute zuihren Kameras rennen und ein paar ordentliche Bildervon der Arche übertragen konnten.Das Licht war hell genug, um die kabbalistischenSymbole zu zeigen, die in allen Farben an ihrenRumpf gemalt waren. Es zeigte sogar die Rauchwolke,die aus dem Kamin des Deckaufbaus kam. Menschenwaren nicht zu sehen, aber eine Kamera erwischteeinen Köter, der mit blinzelnden Augen undflach an den Kopf gelegten Ohren aus einem der vierBullaugen sah.»Es wird etwas Besonderes – wie das da«, sagte derältere Reporter und deutete auf den schwächer werdendenGlanz. »Nur wirst du das nächste Mal, wenndu so ein Licht siehst, kaum noch quatschen können.Dann bist du nämlich Gas.«Der junge Reporter sah pflichtschuldig düsterdrein. »Tja«, sagte er. »Warum setzen sich die Kerle inWashington nicht endlich auf die Hinterbeine undschicken Buenos Aires zum Teufel? Weshalb sitzenwir hier herum und warten, bis sie uns erwischen?«»Das entscheidest weder du noch ich, Sonny. Dukannst doch nicht verlangen, daß die Freunde in Washingtonetwas unternehmen, bevor der Diplomatenschnapsalle ist? Gib mir mal eine Flasche 'rüber,wenn wir schon beim Thema sind.«»Ich finde immer noch, daß die Roten recht hatten«,sagte der junge Mann widerspenstig. »Wir hättenuns aus der Sache heraushalten und ihnen Brasilienund Argentinien lassen sollen. Sie waren eher daals wir.«


»All diese verdammten Büsche«, knurrte einer derFernsehleute. »Und keine einzige Blondine, die mandavor posieren lassen könnte. Müssen wir ausgerechnethier Neujahr feiern! Ich möchte wissen, wie esjetzt auf dem Times Square aussieht.«Der ältere Reporter zuckte mit den Schultern.»Er ist vollgestopft mit Menschen, und die Menschenbeobachten alle den Bildschirm auf dem TimesBuilding, weil sie wissen wollen, was mit den Idiotenauf dem Berggipfel da oben passiert. Viel bekommensie von euch nicht zu sehen.«»Dafür sind wir ja hier, daß wir ihnen möglichstwenig senden. Wenn hier wirklich etwas los wäre,hätten wir von hier bis Dubuque den reinsten Kabelsalat.«»Ach, Quatsch! Ihr würdet euch bei Jimmy alleunter den Tischen verkriechen und hoffen, daß maneuch bei der Verwirrung übersieht.«»Meinetwegen sollst du recht haben, Opa.«Vom Berg her hörte man wieder Gesang, und einemächtige Stimme rief unverständliche Worte. Mittenin der zweiten Strophe muhte eine Kuh abfällig. Eswaren nicht wenige Tiere in der Rettungsarche.»Mich hast du noch nie unter einem Tisch gesehen«,sagte der jüngere Reporter und stellte die Flascheab. »Eine Bombe oder das Ende der Welt – mirist das alles egal. Ich bin so gut wie jeder andere auch,und das könnt ihr alle erfahren. Was ich meine, istfolgendes: Bin ich ein Mensch oder eine Maus?«»Besoffen bist du«, sagte einer der Fax-Leute, undfischte sich einen Würfel aus dem Schnee. Er warfdem älteren Mann einen Blick zu. »He, dich kenne ichdoch. Bist du nicht der Bursche, der die Story mit


dem Polobetrug groß herausgebracht hat? Was zumTeufel machst du denn hier draußen? Du müßtest inZaster schwimmen.«»Sie haben mich herausgeangelt«, knurrte der ältereMann. »Und was geht's dich an? Ich will dir malwas verraten, du Naseweis: Diese College-Bürschchen haben alle Bewährung gekriegt. Die üblicheTränentour, und schon war es geschafft. Und ichtreibe mich hier draußen herum. Warum, frage ichdich? Einfach so, das ist es.«»Scheußlich«, sagte der Würfelspieler.»Daß ich hier draußen bin, macht mir nichts aus«,meinte der ältere Mann. »Aber es bringt mich in Wut,daß diese Kerle so ungeschoren davongekommensind. Ein Jahr Kittchen – was ist das schon im Lebendieser Lausebengel? Sie hätten die ganze Bande zumBarras stecken sollen. Das hätte ihnen die Köpfe zurechtgerückt.Ich war im letzten Krieg ein guterSchleifer. Wenn die in meiner Gruppe gewesen wären...«Einer der Fernsehleute stand auf und warf ein abgenagtesHühnerbein ins Feuer. »Viertel vor zwölf«,sagte er.Alle standen auf, einige steif, aber keiner von ihnenüberhastig. In der Ferne konnte man das Flugzeughören.»Na, ich bin verdammt froh, wenn das vorbei ist«,sagte der ältere Reporter, ohne sich an jemand Bestimmtenzu wenden. Der junge Mann nickte undheftete sich an seine Fersen.»Für die Leute auf dem Gipfel wird es auchscheußlich sein«, sagte er. »Ich meine – man könntesich vorstellen, daß es dumm für sie ist.«


»Weshalb denn?«»Versuch dich doch mal in ihre Lage zu versetzen.Sie sind darauf vorbereitet, daß sie um Punkt Zwölfin den Himmel auffahren. Alle anderen werden ihrerMeinung nach ertrinken, verbrennen oder sonst etwas.Wenn nichts passiert, ist es doch vermutlich einSchock für sie. Es trifft sie bestimmt sehr hart: Esmacht sie entweder ganz wahnsinnig, oder es bringtsie wieder zur Vernunft.«»Könnte man meinen, aber in Wirklichkeit ist esanders. Ich habe schon genug Leute ihrer Art gesehen.«Das Dröhnen des Flugzeugs kam in die Nähe undentfernte sich wieder, als der Pilot zu einer engerenSchleife ansetzte. Der ältere Mann stolperte über einenvom Schnee verdeckten Stein und fluchte.»Es wird sie überhaupt nicht ändern. Warum wirfter nicht endlich die Bombe ab? Die ändern sich nie,Sonny, nie.«


Gespenst aus der Zukunftvon Poul Anderson1Der Geächtete sagte: »Aber wenn es den freien Willengibt, den freien Willen als echten, vollkommen unabhängigenZufallsfaktor, dann führt das zum Chaos.Man hat eine Zukunft, die nicht ausschließlich vonder Vergangenheit bestimmt wird, und alles – alles –kann geschehen.«»Nicht unbedingt«, erwiderte der Philosoph. »Natürlich,Sie stimmen zugunsten des absoluten Determinismus;und doch gibt es viel, das für den Glaubenan den freien Willen spricht. Ganz abgesehen vonunmittelbaren Erfahrungen wären Punkte anzuführenwie die Relativitätstheorie ...«»Nicht hier«, sagte der Geächtete scharf und zündetesich eine Zigarette an. Im kurzen Aufflackerndes Streichholzes hob sich sein Gesicht unvermitteltgegen die Dunkelheit des Zimmers ab, hager und hakennasig,mit wirrem, rotem Haar, das ihm über diehohe, schmale Stirn fiel. Seine Augen waren unstet;sie durchstreiften das dichte Dunkel. Jedes schwacheGeräusch, das von der nächtlichen Stadt hereindrang,zog sie zu dem Fenster mit den schweren Vorhängenhin. Den Jahren nach war er ein ziemlich jungerMann, aber das Leben hatte ihn altern lassen.»Nicht hier«, wiederholte er. Die Worte sprudeltenhervor, ein harter, unregelmäßiger Rhythmus überdem leisen Tappen seiner Füße die auf und ab durch


das Zimmer gingen, in dem der Philosoph nur eindunklerer Schatten in dem alten, vertrauten Lehnstuhlwar. »Die Relativitätstheorie gilt nur für einzelnesubatomare Phänomene, nicht für die statistischeGesetzmäßigkeit des makroskopischen Universums.«»Ich kann hier ein Beispiel des NaturwissenschaftlersDarwin entlehnen«, sagte der Philosoph. »Angenommen,Sie hätten ein Gerät oder Atom, das ein einzigesElektron aussendet; und dieses Elektron schlägtmit gleichgroßer Wahrscheinlichkeit eine von zweiverschiedenen Richtungen ein. Da das Elektron nureinen Weg nehmen kann, ist seine tatsächliche Richtungnicht durch seine Vergangenheit bestimmt. Mankönnte also sagen, daß es freien Willen besitzt, nichtwahr? Nun stellen Sie an einer der möglichen Bahneneinen gewöhnlichen Geigerzähler auf und an der andereneine Verstärkervorrichtung, die durch dasElektron einen Impuls erhält, der ein Lager mit Dynamitzur Explosion bringt. Und der Unterschiedzwischen einem harmlosen Ticken und einer Explosion,die eine ganze Stadt zerstören kann, ist doch auchim Makrokosmos wichtig. Oder nicht?«Der Philosoph lachte leise, ein stilles Lachen, an dassich der Geächtete über verlorene Jahre hinweg erinnerte.Es war, als stünde der Mann wieder vor seinerKlasse und diskutierte nach allen Seiten hin mit Rätselnund Paradoxien, nur um eine Gedankenreaktionauszulösen. Jede echte Reaktion befriedigte ihn – derPhilosoph hatte nie viel darauf gegeben, was seineSchüler glaubten, solange nur irgend etwas in ihrenHirnen vorging. Er hatte immer behauptet, daß eineEndlösung den Untergang des Intellekts darstellte,und seine Einstellung hatte ihn schließlich den Posten


gekostet. Wenn er nicht auf der ganzen Welt so berühmtgewesen wäre, hätte sie ihn wahrscheinlichdas Leben gekostet.Der kleine, rote Zigarettenpunkt wurde schwächerund stärker, wie eine winzige Faust, die gegen dieTore der Dunkelheit schlug. Anstrengung zitterte inden Worten des Geächteten mit. Er war zu seinemalten Lehrer geflohen, weil er um sein Leben fürchtete,und er nahm Zuflucht bei dieser Diskussion, weiler um seinen Verstand fürchtete; aber seine gewaltsamerzwungene Ruhe konnte jeden Moment zusammenbrechen.»Das ist etwas anderes«, erwiderte er. »Die Bahndes Elektrons wird nicht durch Energieleistungen bestimmt.Aber man kann den vorbestimmten Kurs desMakrokosmos nicht verändern, ohne Energie zur Bewegungder Atome aufzuwenden, oder? Und da dieseEnergie selbst einer der Bestimmungsfaktoren ist,folgt daraus, daß so eine Veränderung – oder eineAusübung des freien Willens, wenn Sie wollen – demGesetz von der Erhaltung der Masse widerspricht.«»Kein anderer als Maxwell zweifelte das an«, sagteder Philosoph. »Er erklärte einmal ...«»Zum Teufel mit Maxwell!« Es war Haß gegen dieganze Welt, der in der Stimme des Geächteten mitschwang.Es war noch nicht lange genug her, seit erden Folterzellen des Staates entkommen war. »Ich sageIhnen, daß ein Universum des freien Willens einUniversum des Chaos wäre – Ihre Darwin-Explosionen würden sich dauernd und überall ereignen.Und doch haben Sie immer behauptet, daß denGeschehnissen eine Ordnung innewohne, daß dasLeben auf irgendein Ziel zustrebe ...


Wie bei ...« Er unterdrückte die häßlichen Worte,die ihm auf die Lippen gekommen waren, zog heftigan seiner Zigarette und fuhr mit mühsamer Beherrschungfort: »Wie können Sie die beiden Begriffe miteinandervereinen? Der freie Wille und das teleologischeUniversum widersprechen einander.«»Nein.« Vielleicht lächelte der Philosoph. Mankonnte es in der Dunkelheit nicht erkennen. »Ich habeeben gesagt, daß Maxwells philosophische Spekulationeneinen Weg für die Existenz des freien Willensandeuteten; aber in seinem rein wissenschaftlichenWerk über Bestimmungsfaktoren kann man einenHinweis auf die Mechanik der Teleologie finden. DerBegriff der Rückkoppelung ...«Etwas schien in dem Geächteten zusammenzubrechen.Er warf sich in einen Stuhl und saß lange Zeitda, ohne zuzuhören. Als er wieder sprach, klang seineStimme irgendwie tot.»Außerdem, Sir, bin ich zum Teil sogar Ihrer Meinung– was das sinnlose Chaos des unkontrolliertenfreien Willens betrifft. Wenn man das Jüngste Gerichtherankommen sieht und erkennt, daß der Mensch esselbst heraufbeschwört – gegen alle Vernunft –, dannfragt man sich, ob es überhaupt Vernunft im Universumgeben kann ...Haben Sie nicht einmal gesagt, daß die Geschichteeine Tendenz zum Besseren zeigt – daß immer dann,wenn die Lage zu schlimm wird, eine Art Ausgleichstattfindet?«»Das stimmt.« Der alte Mann nickte. »Man kann esan vielen Beispielen sehen. Wir leben nicht in der bestenWelt, aber es ist auch nicht die schlechteste, undwir machen Fortschritte. Es scheint, als hätte uns die


Vorsehung den freien Willen gegeben, damit wir unserGeschick selbst bestimmen können, und zusätzlichdem Universum eine Art Regler verpaßt, der sicheinschaltet, wenn wir die Herrschaft verlieren oderden falschen Weg wählen. Eine Art negative Rückkoppelung,könnte man sagen, so daß ein zu großesÜbel von selbst Ausgleichsreaktionen hervorruft. DerGedanke des dynamischen Gleichgewichts ist in derPhysik alt; ich sehe nicht ein, weshalb man ihn nichtauf die Welt der Menschen anwenden sollte.«Als der Geächtete heftig an seiner Zigarette sog,konnte man sein verzerrtes Grinsen sehen. »Da habeich andere Erfahrungen gemacht. Ich habe gesehen,wie Dinge zerstört wurden, und ich weiß, daß es zuspät ist. Sie sperrten alle ein, die sich dagegen wandten.Sie folterten und erschossen sie; Außenstehendewaren zu feige zum Handeln, solange es noch Zeitwar – und nun, mein Freund, hat der Staat die Umwandlungsbombe,und wir können nichts dagegentun.«Nach einem Moment fügte er beinahe geistesabwesendhinzu: »Deshalb habe ich keinen Selbstmord begangen.Der Staat wird mir die Mühe ersparen, wenner diese Reaktion in Gang setzt. Ich werde in einemprächtigen Feuerwerk sterben.«Eine lange Stille. Von den verdunkelten Straßendrangen vereinzelte Geräusche herauf, das Knirschenvon Schritten im Schnee, das Brummen eines Autos,und einmal das hohe, dünne Pfeifen einer Düsenmaschinein den Wolken. Es war kalt im Zimmer. Diebeiden Männer waren schlecht gekleidet, und sie froren.»Einen Augenblick Wärme«, sagte der Geächtete


träumerisch. »Ein großes weißes Licht.«»Glauben Sie wirklich, daß es ... die Atmosphäreentzünden wird?« Das Flüstern des Philosophendurchlief das Zimmer, vermischte sich mit denSchatten und kroch unter der Decke dahin. Holzknackte in der wachsenden Kälte.»Ja. Deshalb ... Was zum Teufel ...?«Der Geächtete sprang auf und wich an die Wandzurück, während er nach der gestohlenen Pistolegriff. Der Philosoph bewegte sich schwerfälliger. Erstand auf und zog sich langsam vor dem plötzlichenGlanz zurück. »Nein ...«Ein Summen im Raum; die Wände schienen zuzittern; ein Windstoß, als das Perlmuttlicht, das keinenUrsprung hatte, stärker wurde. Zweimal belltedie Pistole des Geächteten auf. Die Kugeln trafen dasDing, das langsam Gestalt annahm, und explodiertenin kleinen roten Flammen.»Herr im Himmel ...«»In der Hölle«, krächzte der Geächtete. »Sie habeneinen Sonderbotschafter von der Hölle geschickt, umuns zu holen.«Seine Gedanken liefen einen Moment lang wie verrücktweiter: Zweifellos braucht der Teufel ein paarHinweise über die moderenen Abscheulichkeiten.Nun, mir kann er nicht viel vormachen. Ich habe zuvielgesehen.Die Vision wurde körperhaft. Die Bodenbretterächzten unter dem Gewicht des Dings. Es hatte einenSchwanz und einen runden Kopf mit einer Schnauze.Sein haarloser, blaßgoldener Körper war nur mit einerArt Riemen bekleidet, und ein unbestimmterblauer Glanz umgab es und hob es von der Dunkel-


heit ab. Seine Augen waren groß und leuchtend undwunderschön.Es starrte die Männer verwirrt und verwundert an.Erst allmählich schien es zu verstehen und die beidenzu akzeptieren. Dann begann es zu sprechen.2Viele Millionen Jahre später stand Ushtu an der großenMaschine und betrachtete sie mit einem würgendenGefühl im Hals. Seine Gedanken waren abgehacktund spiegelten die innere Spannung wider. Erkonnte jetzt kurz vor dem Einstieg eine kleine Furchtnicht unterdrücken.»Es ist ein weiter Sprung.«»Ja«, erwiderte Zanasthuwain langsam. »Ja, das istes. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Wir wissen,daß es funktionieren wird.«»Oh, daran zweifle ich nicht. Es ist lediglich eineFrage der Energie, nicht wahr?«Zanasthuwain wedelte mit dem Schwanz – ein Zeichender Zustimmung. »Die gesamte Energieausstrahlungvon sechs Schwärmen. Man kann Weltenlinienin dieser Größenordnung nur durch entsprechendeAnstrengung verronnen. Aber im Prinzipunterscheidet es sich nicht von den Zeitreisen, die wirwährend der letzten fünftausend Jahre durchführten.Nur der Weg ist länger.«Seine Gedanken waren mitfühlend. »Ich verstehe,daß es dir nicht gefällt, vom Gehirn des Schwarmesabgeschnitten zu sein – nicht einmal für kurze Zeit –und dich allein in einer Epoche aufzuhalten, von der


wir nur wissen, daß sie unvorstellbar fremdartig war.Doch die Entfernung für einen Verbindungsstrahl isteinfach zu groß.« Er legte die Klauenhand auf UshtusSchulter. »Keine Angst, du wirst nicht lange bleiben.Wir geben dir drei Tage und holen dich dann zurück.Es ist ja nur eine Voruntersuchung.«Das ist eine ganz grobe Wiedergabe des subtilenGedankenstroms, der zwischen ihnen pulsierte. EineTelepathenrasse, in der jeder Geist eine Bindung zujedem anderen Geist unterhält; eine Rasse, in der zuNotzeiten jede einzelne Persönlichkeit sich in das umfassende,an Erfahrungen reiche Gehirn versenkenkann, das die Seele des Schwarms ist und die sterblichenEinzelwesen überlebt – so eine Rasse brauchtebensowenig Rede, Antwort und Diskussion wie einNicht-Telepath, wenn er sein Inneres durchforscht.Und doch lebt der Nicht-Telepath im Streit mit sichselbst. Er überlegt zum hundertsten Mal die Faktoren,die zu seiner Entscheidung geführt haben; er rekapituliertund fragt sich, ob er alles richtig gemacht hat –und schließlich stürmt er voran, um der Qual seinereigenen Gedanken zu entkommen. In ähnlicher Manier– wenn auch die Ähnlichkeit vage ist – untersuchtendie beiden Einzelwesen Ushtu und Zanasthuwain(Bezeichnungen, die nicht nur Namensind) noch einmal die Aspekte einer Entscheidung,die bereits getroffen worden war. Tief in ihnen floßder starke, ruhige Strom des Schwarm-Gehirns, dassie verband, ein riesiges, lebendes Potential, das imMoment schlummerte und das für sie doch realer warals die Außenwelt.»Ich –« Ushtu suchte innerhalb der Begrenzungenseines Einzelbewußtseins nach dem richtigen Aus-


druck – »ich war noch nie zuvor so abgeschnitten. Ichkenne auch niemand, dem es widerfahren ist.«»Ich glaube, das Schwarm-Gehirn kennt ein paarähnliche Fälle«, dachte Zanasthuwain nach einigerÜberlegung. »Wir suchten einmal nach, um einschwieriges psychologisches Problem zu lösen; wirstöberten bis in die Tiefe der Rassenerinnerungen, dieälter sind als jedes Lebewesen. Ich weiß noch undeutlichetwas von Einzelwesen, die zeitweise vomSchwarm abgeschnitten waren und dann nach ihrerRückkehr dem Rassengedächtnis eine Abneigung gegendieses Experiment einpflanzten. Aber es war nureine flüchtige Information, die nicht in meinem persönlichenGedächtnis haften blieb.«»Es wird einsam sein«, dachte Ushtu. »Aber dreiTage – ich glaube, das ertrage ich.«Ihm kam gar nicht der Gedanke, gegen die Entscheidungdes Schwarm-Gehirns zu rebellieren. Daswäre Rebellion gegen sich selbst gewesen und gegendas, was größer als er war und seinen Glauben an dieUnsterblichkeit darstellte. Sein Körper starb vielleicht,aber das Gehirn – das Schema der Erinnerungenund Gedanken, die das Wesen seines Ichs bildeten– würde im Rassengedächtnis weiterleben.Und dann war es eine interessante Aufgabe.»Du mußt soviel wie möglich herausfinden, ohnedich dabei in unnötige Gefahr zu begeben«, dachteZanasthuwain. »Später können wir ganze Forschungsteamsausschicken; aber das erste Mal wollen wirnicht zu viele Organismen riskieren. Wir senden dichzurück zu dem ungefähren Zeitpunkt, an dem dieAlte Rasse ausgelöscht wurde – soweit wir ihn berechnenkönnen –, aber ich bezweifle, ob du bei dei-


ner ersten Reise mehr entdeckst als ihr Aussehen, ihrGedankenschema und ihre Kulturstufe. Es könntesein, daß wir sie nie verstehen werden. Sie sind zufremdartig.«Er sah durch das Fenster auf die öde Wüstenlandschaft– schmale, windzerfressene Felsen, rötlicheDünen und niedrige graue Büsche, die sich bis zumHorizont erstreckten. Ushtus Blicke folgten den seinen.Es war, als sähe er die verschwommenen Geisterjener untergegangenen Rasse in der erbarmungslosgrellen Sonne flimmern – als wehte ein Hauch vonAlter und Fremdartigkeit über das müde Land. Erschauderte ein wenig und wandte den Blick wiederder tröstlichen Wirklichkeit des Zeitumformers zu.»Das Klima war damals feucht, nicht wahr?« fragteZanasthuwain.Ushtu wedelte mit dem Schwanz. Er – sein eigenes,persönliches Gehirn – war von dem Rassengedächtnisgründlich über alles belehrt worden, was es an geologischenund paläontologischen Kenntnissen besaß. Inähnlicher Manier war Zanasthuwain Physiker. Undwenn das Schwarm-Gehirn zu Rate gezogen wurde,nahmen sie zu Fragen ihres persönlichen SektorsStellung. Als Einzelwesen besaßen sie jedoch wenigWissen außerhalb ihrer Spezialgebiete.»Feuchter als jetzt zumindest«, erwiderte Ushtu.»Soweit wir es bestimmen können – und die Spurensind verdammt wirr –, handelte es sich um das Endeeiner Eiszeitepoche. Wüsten scheinen damals eher eineAusnahme gewesen zu sein. Dann, ganz plötzlich– offensichtlich gleichzeitig mit dem Verschwindender Alten Rasse und dem Aussterben fast aller Land-Lebewesen – begann die Wüstenepoche. Die Wüste


war damals noch stärker ausgeprägt als jetzt. In derGegenwart ist die Erde sehr viel grüner und feuchterals direkt nach der Katastrophe.«»Und wodurch kam es zu dieser Katastrophe?«»Wer weiß? Das sollen wir schließlich herausbringen.Vielleicht eine astronomische Sache ...«»Unwahrscheinlich.« Zanasthuwain tat den Gedankenungeduldig ab. »Wenn ich die riesigen geschmolzenenGebiete in Betracht ziehe, die aus dergleichen Zeit stammen, dann neige ich eher zu derTheorie, daß es sich um eine Konversions-Reaktionhandelte, die außer Kontrolle geriet.«»Das ist ziemlich phantastisch«, widersprach Ushtu.»Wir wissen, daß die Alte Rasse zu einer hochentwickeltenSäugetierart gehörte, die sich in verschiedeneTypen gliederte und über alle Kontinenteverteilt war. Wir wissen, daß sie mit Steinen und Zementumgehen konnte, und es besteht sogar dieMöglichkeit, daß sie Metalle kannte. Wir wissen, daßsie durch die gleiche Katastrophe vernichtet wurde,die alle höheren Lebensformen auslöschte und dieEvolution zu einem neuen Anfang zwang. Und damitsind wir schon am Ende. Ich kann mir beim bestenWillen nicht vorstellen, daß sie so etwas wie Atomenergiekannten.«»Es war ja nur ein Gedanke«, meinte Zanasthuwainentschuldigend. »Und ich muß gestehen, daß er nichtsehr logisch war. Eine Rasse, die so klug ist, daß siedie totale Umwandlung von Masse in Energie einleitenkann, wurde auch die notwendigen Vorsichtsmaßnahmentreffen. Aber – nun ja – irgendwelcheHypothesen müssen wir aufstellen.«»Das«, erwiderte Ushtu mit einem Eifer, der seine


Furcht überlagerte, »wird bald nicht mehr nötig sein.In Kürze wissen wir Bescheid.«Der längste Zeitsprung hatte sie eine Million Jahrezurück ins primitive Zeitalter der eigenen Rasse geführt.Theorie und Praxis besagten eindeutig, daß esnur möglich war, in die Vergangenheit zu reisen. DieZukunft konnte nur auf dem üblichen Prozeß desWartens erreicht werden. Aber das glänzende Ungeheuer,das in diesem düsteren, kalten Raum stand,konnte eine Masse über undenkbare Zeitentfernungenschleudern und sie dann wieder zurückholen,indem es die künstlich geschaffene Spannung zusammenbrechenließ. Es konnte eine Masse ins Zeitalterjener geheimnisvollen Rasse zurückschleudern,die einst den Planeten beherrscht hatte, die der ZukunftKnochen und bearbeiteten Stein hinterlassenhatte und die zusammen mit den anderen höherenLandformen vernichtet worden war. Die Schwarm-Gehirne der Erde wollten die Ursache der Katastrophenicht nur aus Neugier erforschen. Sie wollten sieerfahren, um im Notfall ihr eigenes Leben dagegenschützen zu können. Vielleicht wiederholte sie sicheines Tages.»Ich bin fertig«, dachte Ushtu. Er trat auf die Plattformdes Zeitumformers.Kurz wie die flüchtige Berührung einer Hand verbandsich ein anderer Geist mit ihm – Chutha, dieMutter seiner Jungen. In dem Streicheln war eineZärtlichkeit, die Ushtu die Kehle zusammenschnürte.»Los!« sagte er hart.


3Einen Augenblick war alles leer. Er spürte eineschreckliche Stille und Furcht, als seine Nerven dassuchten, was nicht mehr da war.Das, was nicht mehr da war – die Gemeinschaft,das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das großeRassen-Gehirn, das dem Leben seinen Sinn gab, warnicht da. Es existierte nicht. Es würde sich erst infünfzig Millionen Jahren entwickeln. Ushtu war allein.Langsam erholte er sich und kämpfte die Paniknieder, die in der Tiefe seines Gehirns schrie. Er betrachtetemit ungeheurer Willensanstrengung seineneue Umgebung. Man hatte ihn unter anderem seinerstabilen Nerven wegen ausgewählt. Er konnte dieIsolation drei Tage lang ertragen.Metallgeschosse schlugen gegen seinen Energieschildund explodierten in geschmolzenen Tropfen.Sie kamen von einem der beiden Wesen, die sich gegendie Mauer des Zimmers preßten – es mußte wohlein Zimmer sein – und ihn mit Wahnsinn in den Augenansahen. Sie stammelten Laute vor sich hin.Hm – sie kannten also die Metallverarbeitung unddas chemische Rückstoßprinzip. Ushtu zwang sich zueiner unnatürlichen Ruhe. Das war die Alte Rasse; erhatte den Golf der Zeit überbrückt, das Geheimnis –und nun, beim Geist des Schwarmes, würde er siestudieren.Die Paläontologen hatten ziemlich genaue Rekonstruktionenangefertigt – aber sie waren auch von denFragmenten der Steinstatuen unterstützt worden, dieman hin und wieder gefunden hatte. Die nahezu


haarlose Haut der Geschöpfe war nicht pigmentiert;(war das ein allgemeines Rassenmerkmal oder nureine Besonderheit dieser Gattung?) und selbst imschwachen Licht konnte Ushtu die rosa Farbe vonGesicht und Händen erkennen, die durch das Blutverursacht wurde. Ansonsten waren ihre Körper inGewänder gehüllt, die seiner Schätzung nach ausverwebten organischen Fasern bestanden. Er freutesich, daß seine eigene Wissenschaft der Wahrheit sonahe gekommen war. Es gab ihm ein gewisses Selbstvertrauen.Aber ihre Gehirne – das war das Wesentliche.Ushtu mußte in ihr Wesen eindringen.Er öffnete seine Telepathie-Zentren so weit wiemöglich und ließ den entsetzlichen Mischmasch insich eindringen. Man konnte nicht erwarten, daß ihrnormales Mitteilungszentrum genau wie das seinerRasse aussah. Aber die Untersuchungen des SiebentenSchwarms hatten vor langer Zeit (in ferner Zukunft,verbesserte er sich) ergeben, daß sich notwendigerweisein allen intelligenten Lebewesen eine gemeinsameBasis befinden mußte. Ushtu mußte dieEnergieausstrahlungen des Nervensystems umgehenund zum eigentlichen Wesen vordringen, das wederMaterie noch Energie, sondern ein bestimmtes Musterwar.Seine erste Entdeckung war verblüffend. Diese Geschöpfestanden in keiner Verbindung zueinander; siekonnten die Gedankenschemata ihrer Artgenossennicht fühlen, und die Verständigung erfolgte rein äußerlich.Das war auch in seiner Zeit kein unbekanntes Phänomen,aber ihm wäre nie der Gedanke gekommen,


daß wahre Intelligenz ohne Telepathie möglich war.Staunen und Abscheu wichen Mitleid. Arme Dinger!Arme Tiere, die für immer in ihr eigenes Ich gesperrtwaren, verurteilt zu einer Einsamkeit jenseitsaller Vorstellung. Ushtu dachte an die lebendigeWärme, die ihn und Chutha verbunden hatten, under fragte sich, wie es sein mochte, wenn man einenPartner hatte und nie genau wußte, ob er einen liebte.Aber das Schema – er mußte mit ihnen sprechen.Bald, bevor die Angst sie zum Wahnsinn trieb.Es gab eine Sprechzentrale. Er spürte sie auf undließ die Struktur in sein eigenes Nervensystem eindringen,wo er sie eine Zeitlang studierte. Sie benutzenalso Lautsymbole. Ihm kam der Gedanke, daß diemerkwürdigen Zeichen, die sich auf manchen der altenSkulpturen befanden, das visuelle Äquivalent fürdie Laute sein mußten.Der ganze Prozeß von seinem Auftauchen bis zurBeherrschung ihrer Sprache hatte vielleicht eine Minutegedauert.»Habt keine Angst«, sagte er. »Ich bin nicht hier,um euch etwas anzutun. Ich will euch nur studieren.«Nein, das hatte noch andere Bedeutungen. »Ich meine,ich will euch besser kennenlernen.«Das ältere, stärkere Wesen antwortete mit rauherStimme: »Wer sind Sie? Wer sind Sie?«Lügen war ein Begriff, den man auf Ushtus Weltnicht kannte. »Ich bin Wissenschaftler. Ich kommeaus eurer Zukunft. Ungefähr fünfzig Millionen Jahreliegen zwischen unseren Welten.«»Nein!« Das rothaarige Wesen schrie dieses Wortbeinahe.»Ja«, sagte Ushtu.


»Aber das ist nicht – das ist nicht – nein, zurück!Ich schieße!«»Warten Sie, Boris! Mein Gott, warten Sie!« DerPhilosoph schüttelte den großen, kahlen Kopf undsah Ushtu nun mit klaren Augen an. »Wir müssenunseren Sinnen glauben.«Ja, dachte Ushtu mit einem neu aufwallenden Mitleid.Sie müssen glauben, was sie sehen, fühlen undhören. Sie sind an ihr Inneres gefesselt und kennenkeine andere Realität.»Die Zeitreise – ihr habt die Zeit überbrückt undkönnt zurück in die Vergangenheit ...« Der Philosophfuhr sich mit zitternder Hand über die Augen. »Es istwie ein Traum.«»Es ist die Wahrheit«, sagte Ushtu. »Und ich versichereeuch, daß ich friedliche Absichten habe. WelchesInteresse könnte ich daran haben, Mitglieder einerRasse zu töten, die fünfzig Millionen Jahre vormir unterging?«Er zitterte ein wenig. Die Feuchtigkeit und Kältedieses Zeitalters machten ihm zu schaffen. Er freutesich schon auf die Rückkehr.»Meine – Bezeichnung? Name? Man nennt michUshtu«, sagte er. »Sie sind Boris Iljitsch Petrow undWladimir Rojanski, und Ihre Rasse nennt sich Menschen.«»Woher wissen Sie das?« flüsterte der rotköpfigeBoris.»Ich bin Telepath, wie Sie es ausdrücken würden –obwohl ich bis jetzt nicht alle Ihrer Gedanken auffangenkann. Aber jemand kommt.«»Was?«Ushtu war verblüfft von der Angstreaktion der


eiden. »Ich kann sie spüren«, erklärte er. »Ich werdemich verstecken, damit niemand von meinem plötzlichenAnblick erschreckt wird.«»Jemand – sie müssen meine Schüsse gehört haben...« Boris wirbelte zur Tür herum. »Die Polizei ...«Ushtu spürte, daß Furcht und Haß von ihm ausgingen;er fühlte sich ein wenig übel davon. Er suchtein den Gedanken der Männer nach dem Ausdruck»Polizei«. Es war ein Schwarm – nein, eine Organisation– eine Gruppe von Männern, die zum Staat gehörten.Der Staat war eine Art Schwarm. Aber es warschockierend, welche Bedeutungen »Staat« und »Polizei«für diese beiden Männer hatten. Konnten siegeistig krank sein? Er wußte nicht, was in dieser Weltfür »normal« galt und was eine Krankheitserscheinungwar.»Verstecken Sie sich, Boris«, sagte Rojanski scharf.»Ich werde ...«»Verstecken? In einer Einzimmerwohnung?« DerRotkopf trat an die Tür und preßte sich eng an dieMauer daneben. »Nein, lassen Sie sie herein. Unddann – vielleicht kann ich sie erwischen ...«Die lauten Stiefel kamen zum Halten, und jemanddonnerte an die Tür. »Aufmachen da drinnen!«»Schon gut, schon gut, ich komme ja.« Rojanskidrehte den Schlüssel herum und trat zur Seite. Alsder erste Uniformierte hereinkam, schoß Boris ihn inden Magen.Ushtus Starre löste sich mit einem Mal. Seine Gedankenjagten tastend durch den Raum, überlagertenNervenströme – und die beiden Wesen, die ihre eigenenArtgenossen töteten, schwankten und stürzten zuBoden.


Die Polizei hatte sie im nächsten Moment. Ushtuwar bereits durch das Fenster verschwunden. Erduckte sich unter der Öffnung und horchte auf dieGewalttätigkeiten. Die Kälte der Nacht verbiß sich inseiner nackten Haut.Es ist verständlich, dachte er einen Moment lang,daß Gehirne, die nicht miteinander in Verbindungstehen, gelegentlich erkranken – bis sich der Krankeschließlich gegen den eigen Schwarm wandte. Es warvermutlich nötig, solche Kranke festzunehmen undzu heilen – oder, wenn man nicht die Mittel dazuhatte, sie schnell und sanft zu erlösen.Ein Polizist sah aus dem Fenster, direkt auf Ushtusgroße, geduckte Gestalt. Der Wissenschaftler, demder menschliche Körperaufbau allmählich vertrautwurde, verschloß die Sehzentren des Mannes, so daßsich das Bild auf der Retina nicht im Gehirn einprägenkonnte.Es war ein Fehler gewesen, sich sofort zu zeigen,dachte Ushtu, obwohl er es eigentlich nicht hattevermeiden können. Vielleicht war sein plötzliches Erscheinender letzte Schock gewesen, der zwei instabileMenschen in den Abgrund des Wahnsinns getriebenhatte. Er würde seine Gegenwart eine Zeitlanggeheimhalten und die Menschen beobachten,ohne selbst beobachtet zu werden. Dann konnte erseine Schlüsse ziehen. Sobald er genug Wissen besaß,konnte er dem Staat gegenübertreten.Boris, Rojanski und der verwundete Polizist wurdenzu einem Fahrzeug getragen, das vor dem Hausstand. Die Männer, die darin saßen, trugen eine andereUniform und wurden mit geduckter Unterwürfigkeitbehandelt. Die dunkle Maschine erwachte zu Le-


en und fuhr leise durch die nächtliche Straße.Ushtu schlich vom Haus weg, und da er nichtwußte, in welche Richtung er gehen sollte, folgte erden Spuren, die der Wagen im dünnen Schnee hinterlassenhatte. Er hielt sich im Schatten, und die wenigenPassanten sahen ihn nicht.Es war kalt, knackend kalt. Die Sterne leuchtetenhart und in unbekannten Konstellationen über hohen,weiß verschneiten Dächern; die Nacht schmiegt sichschaudernd ganz eng um die Stadt und erfüllte siemit Dunkelheit. Schnee knirschte unter Ushtus Füßen,und sein Atem rauchte geisterhaft im schwachenSternenlicht. Er drehte seinen Energieschild etwashöher, damit er sich an der überschüssigen Hitze erwärmenkonnte.Die Stadt schlief, aber es war ein unruhiger Schlaf;seine suchenden Gedanken stießen überall auf lähmendeFurcht. Furcht, Unsicherheit, Anspannung –das alles schlug ihm entgegen, wohin er sich auchwandte. Sorgen und ein dumpfer, tiefer Haß saßen inden Menschen. Die Stadt war krank.Die Stadt war wahnsinnig.Ushtu erkannte es mit einem kribbelnden Gefühldes Ekels. Die Stadt war kein Schwarm; sie war einsinnlos zusammengewürfelter Haufen aus Einzelwesen,deren Gehirne stumm blieben – und doch, auf irgendeinebösartige Weise lebte die Stadt. Sie war einTeil des Staates, des allmächtigen Staates, dessenAgenten durch die leeren Straßen zogen und mittenin der Nacht an Türen klopften. Und aus den Fragmenten,die Ushtu während seiner Wanderung durchdie leeren Winterstraßen auffing, gewann er den Eindruck,daß der Staat irgendwie ein Feind war.


Und doch – was konnte der Staat anderes sein alseine Schöpfung der gleichen Wesen, die er so unerträglichverängstigte? Der Staat war kein Schwarm, erwar ein Mythos, ein Wort – wie konnte er in all dengeflüsterten Unterhaltungen vorkommen, in all denunausgesprochenen Gedanken, wenn nicht als derAlptraum eines kranken Gehirns?War die Alte Rasse wahnsinnig?Aber was war »normal«?Ushtu schüttelte den Kopf. Er konnte sich aus demGewirr nicht befreien.Heimweh stieg in ihm auf, bis er stehenbleiben undsich zur Ruhe zwingen mußte. Die klare, nackte,windige Einsamkeit seiner Wüsten, staubige Dornensträucherüber kühlem Wasser, die schillerndeSchönheit eines großen Kraters aus der Zeit des großenUmsturzes und immer und überall die lebendigeAnwesenheit seiner Rasse – die jetzt noch ungeborenwar! Er war ein Gespenst aus der Zukunft, das eineWelt heimsuchte, die seit fünfzig Millionen Jahren imGrabe lag, und er sog schluchzend die stechendkalteLuft ein und sehnte sich nach der Wärme, die nirgendswar.Allein – kein Wesen des ganzen Universums war jeso einsam gewesen.Ein gewisses Maß an Selbstbeherrschung kehrtezurück. Es wurde heller. Ein fahles Grau tastete sichüber den südöstlichen Himmel und floß zwischen diehohen, schwach umrissenen Häuser. Er mußte einVersteck finden.Das war nicht schwer. Ushtu betrat das Kellergeschoßeines großen Gebäudes, indem er mit seinemMagnetstrahler die Türen öffnete und wieder hinter


sich schloß, und rollte sich dankbar neben der Wärmeeines Ofens zusammen. Danach mußte er nur nochdie Sinneswahrnehmungen des Hausmeisters ausschalten.Zwischen kleinen Schlafpausen durchforschteer telepathisch die Stadt.4Nun konnte Ushtu den Gesprächen der Menschenschon auf beträchtliche Entfernung folgen, ohne dieWorte hören zu müssen. Es war erstaunlich, wie vieleInformationen er sammeln und was er daraus machenkonnte. Aber es half nicht viel; diese Geschöpfewaren einfach zu fremdartig. Sie waren nicht die besessenenWahnsinnigen, für die er sie gehalten hatte –nicht ganz. Es war Wärme in ihnen, Liebe und Humorund Hoffnung wider alle Vernunft – eine Mutterund ihre Jungen; ein Weibchen mit seinem Partner;ein Handwerker, der sich über seine Arbeit beugteund Freude daran empfand; ein Lied; traurige Zärtlichkeit,die nach Erfüllung drängte und nie erhörtwurde. Man konnte diese Wesen lieben und die Tapferkeitbewundern, mit der sie ihrer grausamen Weltbegegneten.Denn es war eine harte und bittere Existenz; eswar, als läge die Kälte der zurückweichenden Gletscherimmer noch im Herzen des Landes. Es warnicht das Schlimmste, daß die meisten von ihnen armwaren – ärmlich genährt, ärmlich gekleidet, ärmlichuntergebracht, verstrickt in den grauen Alltag, derdie hellen Träume von früher immer schwächer werdenließ. Schlimmer war, daß sie Angst hatten. Ihr


ständiger Begleiter war der Alptraum der Angst.Sie hatten Angst vor dem Staat und seinen Agenten.Sie hatten Angst vor den anderen Staaten – irgendwodraußen in der Welt – und bereiteten allesvor, um sie zu vernichten, auch wenn sie keinenGrund dafür wußten. Sie hatten Angst vor Tod, Hunger,Schmerz, Krankheit – alles Geschicke, die man inBetracht ziehen mußte. Sie hatten Angst voreinander.Nachbar beobachtete Nachbar und fragte, ob er einSpion war, der ihn denunzieren würde. Man fragtesich auch, was aus jenen geworden war, die manmitten in der Nacht fortgeholt hatte. Und – so großwar ihre Anpassungsfähigkeit – die meisten von ihnenwaren sich nicht einmal darüber im klaren, wasfür ein entsetzliches Leben sie führten; die meistenvon ihnen akzeptierten es als völlig normal und unabänderlichund genossen seine kleinen Freuden.Ushtu erkannte gewisse Möglichkeiten der Gedankenübermittlung.Man sagte Dinge, von denen manwußte, daß sie nicht stimmten – eine Art Tarnungdurch Worte. Aber wie wußte man dann, was die»Wahrheit« war? Wie weit von der Realität hattensich diese Menschen entfernt?Und doch – und doch war diese gepeinigte, gequälte,verschüchterte Schar von Tieren einmal ausden Wäldern gekommen, nackt und unwissend undschutzlos; und in weniger als zehntausend Jahrenhatten sie gelernt, wie man Atome spaltete. Nunträumten sie von der Eroberung des Raumes.Zehntausend Jahre! Ushtu dachte nach und merkte,daß im Leben der Schwärme seit fast einer Millionvon Jahren keine bedeutsame Änderung eingetretenwar. Was konnte die Alte Rasse alles erreichen? Ge-


trieben von der eigenen Einsamkeit, erhoben sie sichüber ihre Grenzen und strebten nach den Sternen;und an dem Tage, an dem ihre Sonne erkaltete, würdeihre Geschichte erst beginnen.Doch das stimmte nicht. Irgendwann innerhalbdieser Epoche würden sie verschwinden – ohne Erinnerungenzu hinterlassen. Ein vernichtetes, vergessenesVolk.Die Weite und Unsicherheit des Universums kamUshtu mit schrecklicher Deutlichkeit vor Augen. Umihrer eigenen Zukunft willen mußten die Schwärmeseiner Rasse erfahren, was diese verrückten, sorgengeplagtenund herrlichen Wesen vernichtet hatte, sodaß sie sich dagegen schützen konnten. Seine Missionhatte nichts mit Neugier zu tun – es ging um dasÜberleben seines Volkes.Er dachte an die beiden ersten Menschen, denen erbegegnet war. Die Gedanken, die er von ihnen aufgefangenhatte, waren im Vergleich zum Durchschnittscharf und klar gewesen – neurotisch vielleicht, aberkeineswegs verrückt. Sie hatten versucht, die Agentendes Staates zu töten, gewiß – aber konnte es nichtsein, daß diese Agenten den Tod verdienten?Wenn die beiden noch lebten, könnte es nützlichsein, noch einmal mit ihnen zu reden. Als der kurzeWintertag sich seinem Ende zuneigte, war Ushtu zueinem Entschluß gekommen. Er würde die Rebellensuchen.Ushtu öffnete die versperrte Gittertür und betrateine so winzige Zelle, daß der Mann darin bis an diegegenüberliegende Mauer zurückweichen mußte, umihm genügend Platz zu verschaffen. Das gedämpfteLeuchten seines Energieschilds war das einzige Licht.


Die Wächter, an denen er sich ungesehen vorbeigeschlichenhatte, befanden sich außerhalb des großenZellenblocks. Die anderen Gefangenen hier, dienoch nicht schliefen, dösten auf Ushtus Befehl hin ein.Er war allein mit dem Mann, den er gesucht hatte.Boris sah ihn gleichgültig an. Das hagere, blutverschmierteGesicht hob sich gegen die undurchdringlicheDunkelheit dahinter ab. Als er sprach, war seineStimme tonlos. »Sie sind also wiedergekommen. Eswar kein Traum.«Ushtu kauerte sich auf den feuchten Boden undstützte sich mit dem Schwanz ab. Er sah dem Menschennicht in die Augen. Es stand zuviel Anklage inihnen.»Ich nehme an, Sie haben uns gelähmt«, fuhr Borisfort. »Sonst hätten wir eine schwache Chance gehabt,uns freizukämpfen.«»Ich war mit den Zuständen dieser Epoche nichtvertraut«, erwiderte Ushtu. »Der Schock beim Anblickdes Mordversuches hat mich zu einer Tat verleitet,die vielleicht falsch war. Aber wo ist der andere,Rojanski? Ich konnte Sie finden, weil Sie ein charakteristischesGedankenschema haben, aber er istnicht in diesem Gebäude.«»Nein, sie müßten ihn an einen anderen Ort gebrachthaben«, sagte Boris. »Sehen Sie, er ist internationalbekannt – sie können mit ihm nicht so umspringenwie mit einem unbekannten kleinen Physiker.Außerdem hat er ein schwaches Herz; wenn erbeim Verhör sterben würde, wäre es peinlich.« Erzuckte mit den Schultern. »Schätzungsweise habensie ihn aus der Stadt gebracht und überlegen, was siejetzt mit ihm tun sollen.«


»Aber Sie ... man hat ... Sie sind verletzt«, stammelteUshtu.»Oh, es ist nicht so schlimm – noch nicht.« Dasschiefe Grinsen sah furchtbar aus. »Ich habe ein paarZähne verloren. Vermutlich ist auch eine meiner Nierennicht mehr in Ordnung, und dann bin ich natürlichgroggy. Aber sie sind jetzt ziemlich sicher, daßich keiner größeren Organisation angehöre, und sowerden sie sich die Verhöre ersparen und mich gleicherschießen.«»Was haben Sie getan? Weshalb behandelt man Sieso?«Boris zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein Staatsfeind.«»Soviel ist klar«, meinte Ushtu trocken. »Weshalb?«»Oh – das ist eine lange Geschichte.« Die Stimmewar müde. »Ich hatte schon immer an der Notwendigkeiteiniger Dinge gezweifelt, die der Staat tat. Ichfragte mich, weshalb die anderen Nationen der Weltso einheitlich blutrünstig waren – und, na ja, ichstellte hier und da Fragen. Man kann immer noch dieWahrheit erfahren, wenn man es geschickt anfängtund an die richtigen Leute herankommt.Man hatte mich als vielversprechenden jungenPhysiker bei Forschungsarbeiten über Atomenergieeingesetzt – natürlich auf militärischem Gebiet. EineZeitlang hatte ich die Aufgabe, ausländische wissenschaftlicheZeitschriften zu lesen. Auf diese Weisewurde ich mit einer Physik bekannt, die nicht durchsozialistische Zweckmäßigkeit verfärbt war. Unteranderem stieß ich auf Berechnungen über die totaleUmwandlung von Masse in Energie.Sie kann durchgeführt werden, wir wissen das.


Materie bis zu einem Kilogramm kann unverzüglichin reine Strahlungs- und kinetische Energie umgewandeltwerden. Unser eigenes militärisches Laborhatte so eine Bombe nahezu fertiggestellt. ZumSprengen ganzer Kontinente, hah!Diese neuen Berechnungen zeigten jedoch, daß esalles andere als sicher war. Es war bekannt, daßdurch das Freiwerden so intensiver Energien allemöglichen Reaktionen in der umliegenden Materie zuerwarten waren, aber unsere Wissenschaftler nahmenan, daß man die Wirkung rasch dämpfen könne. DieArbeit, die ich studierte, zeigte – zu meiner Befriedigung,wie ich sagen kann –, daß sich mit hoher Wahrscheinlichkeitin der Atmosphäre eine Kettenreaktionabspielen würde. Es würde etwa eine Minute dauern,bis diese Reaktion abgeebbt war – doch inzwischenwürde sie sich um den ganzen Erdball fortgesetzt haben.Überall eine kurze Flamme, ein Stückchen Sonnein den Lungen jedes Lebewesens und dann das Ende.«Boris saß einen Moment lang schweigend da, bevorer weitersprach: »Selbstverständlich machte ich dieBehörden darauf aufmerksam. Man befahl mirprompt, den Mund zu halten. Das Projekt lief weiter.Die eigenen Leute versicherten ihnen, daß die Warnungreine Propaganda sei. Nach der politischenPhysik, die hier bei uns gilt, ist so eine Kettenreaktionunmöglich. Ich sah mir ihre Berechnungen an, und eswar das Schlampigste an Mathematik, das ich je erlebthatte. Die grundsätzlichen Annahmen waren sozurechtgeschneidert, daß sie die gewünschten Resultateergeben mußten – ach was, zum Teufel damit.«Sein Fluch klang müde. »Ich versuchte meine Kolle-


gen zu alarmieren. Man verhaftete mich wegen Sabotage.Durch etwas Glück und verzweifelte Anstrengungengelang mir die Flucht. Ich ging zu meinemfrüheren Professor und Freund – dem einzigenMenschen, dem ich trauen konnte. Und dann kamenSie.«»Einen Moment«, widersprach Ushtu. »Niemandkann so wahnsinnig sein und auch nur das Risikoeingehen, die ganze Rasse und damit sich selbst zuvernichten. Man kann doch keine Selbstmörder undWahnsinnigen an die Spitze stellen ...«»Sie sind kein Mensch«, sagte Boris. »Sie könnenuns nicht verstehen. Ein Mensch, der nicht bis in dieTiefen des logischen Denkens vorgedrungen ist – unddas kann man von keinem Politiker oder Amtsleiterbehaupten –, kann sich von irgend etwas überzeugen.Er kann die wildesten Wahnideen rational erklären,wenn sein eigenes Wohlergehen davon abhängt.Und in diesem Fall ist es so. Nach nahezu zwei GenerationenParteiregierung haben sich die Dinge eherverschlimmert als verbessert. Die Armut stieg, dieTyrannei verstärkte sich, und die alte Entschuldigung,daß man von Feinden umgeben sei, wird allmählichschal. Denn obwohl es stimmt, daß die anderenNationen unsere Regierung hassen und fürchten– weil sie wissen, daß bei uns die eigentlichen Aggressorenund Despoten sitzen – haben sie bishernoch nicht angegriffen. Sie haben lange gewartet. Siehaben einen Angriffsversuch nach dem anderen abgeschlagen,aber sie selbst haben nicht angegriffen.Wenn die Diktatur überleben will, braucht sieKrieg und zwar bald. Aber es muß ein siegreicherKrieg sein, und ich glaube, der Staat erkennt allmäh-


lich seine wachsende Schwäche. Daher dieses verrückteProjekt mit der Konversions-Bombe. Wenn dernächste Krieg schlecht für sie steht, können sie die eineWaffe einsetzen, die ihre Feinde nicht besitzen.Denn selbst wenn die ausländischen Physiker rechthaben – was gibt es für die Staatsmänner noch zuverlieren?«Ushtu saß wortlos da, ohne sich zu rühren. Er warin seine eigenen düsteren Gedanken versunken.Konnte dieses gräßliche Versagen einer Rasse aufdas Fehlen der Telepathie zurückgeführt werden, aufden darauf folgenden Solipsismus und Wahnsinn?War das Fehlen der Telepathie verantwortlich für denSelbstbetrug und die Falschheit? Oder steckte nochetwas anderes dahinter?Denn der menschliche Geist besaß ein Potential,das Ushtu auch nicht annäherungsweise erfaßte. MitAusnahme des Zeitumformers – und die allgemeinenwissenschaftlichen Grundlagen, die nicht weit überdie der Menschen hinausgingen – hatten die großenSchwarm-Gehirne in einer Million Jahre nichts entwickelt,was die Alte Rasse nicht in wenigen Jahrtausendenerreicht hätte. Aber mehr als das – dieses Volklebte.Verurteilt zu ewiger Einsamkeit, blind und angetriebenvon einer dämonischen Energie, die Ushtusich kaum vorstellen konnte, lebte und fühlte und begriffdie Alte Rasse mit einer Intensität, die die geruhsamenSchwarmgehirne und die einseitigen Individuen,die zu ihnen gehörten, niemals kennen oderverstehen würden. Diese Alte Rasse – diese Menschenlachten und weinten, dachten und arbeitetenund spielten, sangen und liebten und haßten mit all


ihrer Kraft, und aus diesem unaufhörlichen Sturm erhobsich eine Kunst und Musik und Literatur, dienicht ihresgleichen finden würde, bis die Sterne zuAsche zerfielen.Ihr Versagen war ungeheuer. Aber es konnte nurungeheuer sein, weil ihre Triumphe ebenso groß gewesenwaren.»Und Sie kommen wirklich aus der Zukunft«, sagteBoris lächelnd. »Komisch, daß ich nicht überraschtbin, daß ich es als ganz selbstverständlich hinnehme.Vermutlich hat man kurz vor dem Jüngsten Gerichtsolche Visionen.«Ushtu saß immer noch schweigend und nachdenklichda.»Sie sind nicht einmal entfernt menschlich«, sagteBoris. »Also scheinen wir es tatsächlich geschafft zuhaben, unsere Rasse zu vernichten. Wissen Sie etwasdarüber?«»Nichts«, sagte Ushtu sanft. »Die Beweise der Paläontologensind zu gering. Wir wissen, daß es etwa indieser Epoche geschehen ist – aber natürlich könnenwir uns um ein paar tausend Jahre täuschen. Eskönnte morgen geschehen – oder in zehntausend Jahren.«»Morgen ist wahrscheinlicher.« Die Stimme desMannes war hart. »Wenn es die Menschheit schafft,diese Krise zu meistern, hat sie wohl viel dazugelernt.Aber schon Ihr Erscheinen beweist, daß wir sie nichtgemeistert haben.«Eine kurze, verzweifelte Bitte flammte in seinenAugen auf. »Sie verstehen mehr über die Natur derZeit als wir – es ist wohl nicht möglich, die Vergangenheitzu verändern?«


»Nein«, sagte Ushtu ruhig. »Es ist nicht nur eineempirische, sondern auch eine logische Unmöglichkeit.Ein Ereignis kann nicht gleichzeitig stattfindenund nicht stattfinden. Das wäre ein Widerspruch.«»Natürlich, natürlich ... soviel zur Theorie des Professorsüber den freien Willen.« Boris seufzte ein wenig.»Aber –« Ushtu tastete sich langsam zu einem Entschlußvor – »aber, Boris Iljitsch, bedenken Sie, daßwir den vorherbestimmten Kurs der unmittelbaren Zukunftnicht kennen. Nehmen wir beispielsweise an,daß Ihre Rasse diese Periode überlebt. Sie könnte nochzehntausend Jahre haben, bevor sie ausgelöscht wird.Und bis dahin gibt es vielleicht schon Kolonien aufanderen Planeten, draußen im Universum, die diemenschliche Rasse aufnehmen, wenn die Erde verbranntist ...«Die Schultern von Boris sackten nach unten.»Träume! Träume!«Ushtus Augen glänzten plötzlich. »Nein. Denn eswäre möglich, daß wir genau das vollbringen.«»Wie? Was? Was meinen Sie?« Der Mann zucktehoch.»Es scheint, daß ich Ihnen ein Unrecht zugefügthabe«, sagte Ushtu immer entschlossener. »Und ichwürde es gern wiedergutmachen. Auch möchte ichvermeiden, daß Sie und Ihr Volk unnötig leiden.Schließlich, wenn Sie noch einige Jahrhunderte überleben,erreichen Sie zweifellos Dinge, die über die Fähigkeitenmeiner eigenen Rasse hinausgehen – undunsere Wissenschaftler können sie dann kopieren. Sowäre es also am besten, wenn wir diese Konversionsbombefortschaffen.«


»Aber – aber ...«»Wenn Sie die Situation richtig geschildert haben«,sagte Ushtu, »führt die Vernichtung der Bombenfabrik– sicher eine komplexe Anlage, die nicht leichtwiederaufgebaut werden kann – zur Aufhebung derDrohung.«»Ja – ja, das ... mein Gott, wenn sie herausbringen,was geschehen ist, können die Vereinten NationenMaßnahmen treffen – und überall im Land lauert Rebellion,die nur noch auf den Zündfunken wartet ...«Boris begann plötzlich zu zittern. »Sie schaffen esnicht. Sie sind einer gegen eine halbe Welt! Wir ... wirbeide haben nicht genug Energie, um es durchzuführen...«»Das Gehirn besteht weder aus Masse noch ausEnergie«, sagte Ushtu ruhig. »Es ist nichts als einSchema – eine Nicht-Materie, geboren aus der Materie– und des kommt dem alten Begriff der ›Seele‹ vielnäher, als Ihre heutigen Psychologen zu erkennenscheinen. Dementsprechend ist die Energie, die einenGedanken, eine Willensanstrengung oder einen ähnlichenProzeß begleitet, nur eine Nebenerscheinung;die wahre Aktion des Gehirns erfordert überhauptkeine Energieverlagerung. Und wo Energiebetrachtungenden Ausgang einer Handlung nicht ausschließlichbestimmen, kann das Gehirnschema dieeine oder andere Möglichkeit herbeizwingen. Das istdie wahre Bedeutung des Begriffes ›freier Wille‹.«Er erhob sich, ein gigantischer Schatten gegen dieDunkelheit. »Mein Freund, jetzt geht es nicht nur umTheorien. Wir müssen uns bemühen, diese Aufgaberichtig zu lösen.«


5Ushtus Gehirn tastete umher und suchte in den gequältenTiefen der Seelen um sich. In wenigen Sekundenhatte er einen Wächter entdeckt, der seineArbeit haßte, den Staat fürchtete und auf ein Wunderhoffte.Der brodelnde Widerstand vieler Jahre kristallisiertesich ganz plötzlich in einer Entscheidung. Erspürte einen tiefen Frieden. »Entschuldige mich mal«,sagte er zu seinem Gegenüber am Schachbrett. »Ichmuß einen Moment hinaus.«Er ging hinaus, um den Zellenblock herum, undbetrat ihn von der rückwärtigen Seite her. Er hattegewußt, daß der neue Gefangene Wissenschaftlerwar; Fetzen des brutalen Verhörs am Vormittag hattenseine Zweifel geweckt, und nun war er plötzlichzu dem Schluß gekommen, daß er dem Mann selbstein paar Fragen stellen mußte.»Petrow«, flüsterte er vor der Tür. »Dr. Petrow!«Boris trat vor und packte die Stäbe der Gittertür.Ushtu war unsichtbar, aber er führte die fünfminütigeUnterredung. Als sie zu Ende war, schloß der Wächterdie Tür auf.»Gehen wir«, sagte er ruhig, »und hoffen wir aufdie Vorsehung.«Boris wußte nicht, ob die Vorsehung sie begleiteteoder nicht. Aber Ushtu war da, und er verbreiteteSchlaf und Unachtsamkeit. Nur Boris konnte ihn sehen.Die anderen Gefangenen schliefen. Niemand gabAlarm. Als die Rebellen in die Außenhöfe des Gefängnisseskamen, sahen die verschiedenen Wachen –wie durch ein großes Wunder – nicht in die Ecken, an


denen Boris und Ushtu standen. Sie ließen ihren Kollegendurch, als er sagte, er hätte einen Botengangund sie sahen wiederum wie durch ein Wunder in dieandere Richtung, als die beiden Fremden an ihnenvorbeihuschten.Die drei traten in eine grausame, eiskalte Nachthinaus. Der Wind trieb die Wolken vom Osten herbei,und Schnee wirbelte in die leeren Straßen herab. Siezitterten in der Kälte und liefen den größten Teil desWeges, bis sie einen Wagen vor einem Haus entdeckten.Ein Militär-Chauffeur saß darin. Ushtumachte ihn schläfrig, als Boris und der Posten Yakownäherkamen. Er erwachte erst, als er kraftvolle Armeum seinen Hals spürte, und da war es zu spät.Der Wagen jagte in verzweifelter Hast durch dieStraßen der Stadt zum Flughafen. Er bremste vor demHaupttor, und die sonst so mißtrauischen Wächterließen die beiden Männer und das unsichtbare Monstrumdurch – einfach auf die Versicherung hin, daßsie es eilig hätten. Vielleicht hatte die Tatsache, daßeiner der Männer die Uniform der Geheimpolizeitrug, etwas damit zu tun. Oder vielleicht ...Es war keine Nacht zum Fliegen, aber ein Jäger liefin einem Hangar warm. Der Hauptmechaniker hatteplötzlich entschieden, daß jetzt genau der richtigeAugenblick zur Flucht aus der Stadt war, und er hattedeshalb seinen Untergebenen befohlen, die Maschinezum Test vorzubereiten. Als nun ein Mann in derUniform der Geheimpolizei erschien und die Maschinefür sich beschlagnahmte, widersprach keiner –obwohl die Männer normalerweise mißtrauisch gewesenwären und die Sache an eine höhere Dienststelleweitergeleitet hätten.


Boris, der als Reservist fliegen gelernt hatte, übernahmden Pilotensitz, und die Maschine jagte in denHimmel. Als sie über den Wolken war, wo die Sterneklar und kalt schienen, schwang er sie nach Ostenherum, wo die große Bombenfabrik war. Er wußte alseiner von wenigen, wo sie sich befand. Er war sogarschon dort gewesen.Yakow, der nichts von dem Geschöpf sah oderwußte, das sie begleitete, konnte nicht glauben, daßalles so einfach gegangen war. Er saß mit offenemMund da, während das Flugzeug donnernd dahinjagte.»Weshalb habe ich es getan?« murmelte er. »Ichmuß verrückt gewesen sein. Wie haben wir es nur geschafft?«Eine halbe Stunde später flog die Maschine niedrigüber der dunklen Masse der Fabrik dahin. »Beeilenwir uns«, sagte Boris, und sein Gesicht zuckte vorAnstrengung. »Sie haben eine Menge Abwehrwaffenda unten.«»Ja«, murmelte Ushtu. »Sofort.«Er beugte sich vor, ein fremdartiges Ding ausSchatten und schimmerndem Licht. Seine Gedankentasteten sich nach unten. Sie analysierten, berechneten,kamen schließlich zu einem Ergebnis.Eine Bombe, auch eine kleine Bombe, die genau diesenPunkt traf, würde einen Stromkreis unterbrechenund dadurch einen Schalter schließen, der die Fabrikzur Explosion brachte.Die Bombe raste nach unten. Boris jagte die Maschineim steilen Bogen über die Wolkendecke hinaus.Als die Bombe fiel, dachte Ushtu sehr viel. Es gab


keinen Grund, weshalb er gerade jetzt an sein eigenesZeitalter und seine Heimat denken sollte; an die geliebtenhellen Wüsten und die bräunlichen Berge, diehoch in einen wolkenlosen Himmel ragten; an dieSchwärme und seine Jungen und Chutha, die er liebteund mit der er so wundervoll eins war. Aber erdachte daran, und die Erinnerung an die Heimat warein brennender wilder Schmerz in ihm. Und vielleichtschrie er auf, als die Bombe fiel.Der Himmel flammte auf. Einen Moment lang warendie Sterne verschwunden. Das All war eine Schaleaus glühendem Messing, und bläulich-weiße Strahlunglief bis zum Horizont über die winterlichen Ebenen.Nomaden, die hundert Meilen entfernt waren,sahen die Lichtsäule am Rand der Welt aufsteigenund warfen sich heulend vor dem neuen, wilden Gottin den Schnee. Dann kam die Dunkelheit, und dieSäule aus Rauch, Staub und röhrender Wut kletterteimmer höher, bis sie Orion verdeckte und sich zwischendie Gestirne drängte. Danach kam der Donnerund das Aufbäumen der gepeinigten Erde, und rundum den halben Planeten schlugen die Seismographenaus.Wir werden nie erfahren, ob Ushtu einen Momentlang die Wahrheit erkannte, bevor er verschwand, ober durchschaute, daß er und seine Welt ihren Zweckerfüllt hatten; wir wissen auch nicht, ob er in dieserQual immer noch an seine Heimat und Chuthadachte. Ist es möglich, daß ein Wesen sich als Gliedeiner selbstvernichtenden, unerwarteten Kettenreaktionsieht?Wahrscheinlicher ist, daß er nichts merkte; dennschließlich hatte er nie richtig existiert.


Boris und Yakow sahen einander mit wachsenderVerwunderung an, hoch oben in den Wolken, überden Ruinen des Tyrannentraums. Dann steuerten siedie Maschine auf die nächste Grenze zu.*»Wenn Sie bezweifeln, daß die Vorsehung den Laufder Ereignisse verändern kann«, sagte der Philosoph,»dann brauchen Sie nur einen Blick auf die phantastischeSerie von augenscheinlichen Zufällen, Übereinstimmungenund glatten Wundern zu werfen, die esIhnen ermöglichte, den sicheren Selbstmord derMenschheit aufzuhalten. Ich will Ihre Leistungennicht schmälern, Boris, aber – nun, überlegen Sieselbst. Es war gleich zu Anfang unwahrscheinlich,daß Sie nach Ihrer Flucht zu mir in einem Momentder Hysterie auf einen eingebildeten Feind schießenund somit die Polizei auf uns aufmerksam machenwürden. Ich glaube auch nicht, daß wir zu gelähmtvon dem Vorfall waren, um uns wirksam zu verteidigen.Der plötzliche Entschluß Ihres Freundes Yakow,Sie zu befreien, ist ein Impuls, den er sich bis jetztnicht erklären kann. Er ging gegen alle Vernunft,ebenso wie die Tatsache, daß Sie beide durch eineReihe von glücklichen Umständen fliehen und dasFlugzeug stehlen konnten. Und daß Ihre aufs Geratewohlabgeworfene Bombe genau da einschlug, wosie alles zerstörte und zufällig noch ein paar derwichtigsten Männer erwischte, die in der Nähe waren– das läßt doch den Verdacht an einen Schutzengelaufkommen, oder?Natürlich waren die nachfolgenden Ereignisse, die


zu unserer endgültigen Befreiung führten, logischgenug – aber jener entscheidende Augenblick, in demSie handelten, kann nur erklärt werden, wenn man andas Übernatürliche glaubt.«»Aber sagten Sie nicht einmal, daß eine göttlicheEinmischung schlampige Vorausplanung seitens derGottheit voraussetzt?« fragte der Physiker.»Richtig. Ich glaube nicht an das altmodische Wunder,o nein.« Der Philosoph rauchte zufrieden seineZigarre. »Andererseits ist ein göttliches Kontrollsystemnötig, wenn wir freien Willen besitzen, um unserebegrenzte Intelligenz vor zu großen Irrtümern zuschützen.«»Da wären wir schon wieder«, klagte der Physiker.»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß der freie Wille eineIllusion ist, die von unseren unvollständigenKenntnissen in der Psychologie herrührt. Unter anderemverstößt diese Auffassung gegen das Kausalitätsprinzipund gegen das Energieerhaltungsgesetz.«»Maxwell dachte anders«, sagte der Philosoph milde.»Er erklärte einmal, daß es kritische Zeiten gebenkönnte, in denen zwei oder mehrere Ereignisse möglichwären. Wie das Darwin-Elektron, das ich einmalerwähnte. Universalkausalität ist ein Begriff, den dieNaturwissenschaften seit Heisenberg aufgeben mußten;und reine Energie- und Impulsbetrachtungen bestimmenden Ausgang mancher Situationen nichteindeutig.Maxwell meinte, daß an dieser Stelle der freie Willeseinen Platz hätte. Ohne selbst Energie zu verbrauchen,könnte das Gehirn in der Lage sein, als Bestimmungsfaktorzu dienen und festzulegen, welcheder verschiedenen Möglichkeiten in die Tat umge-


setzt werden soll. Sollen wir unsere Existenz durchAtomenergie vernichten – was unsere frühere Regierungoffenbar wollte –, oder sollen wir eine vernünftigeWelt aufbauen, wie es die Vereinten Nationen imMoment versuchen? Ich glaube nicht, daß eine reineImpuls-Energie-Analyse – selbst wenn man sie bei jedemElektron durchführt – uns enthüllen wird, welcheEntscheidung die richtige ist. Die einzelnen Teilchenunterliegen nicht der Kausalität. Nein, manbraucht einen zusätzlichen Faktor, und diesen Faktornenne ich den freien Willen.«»Aber in diesem Fall öffnet Ihre Vorsehung die Torezum Chaos«, sagte der Physiker. »Denn dann könnensich die Menschen für alle Möglichkeiten entscheidenund den göttlichen Plan, wie er auch aussehenmag, völlig verwirren. Ganz im Ernst – wie könnenSie Ihren Glauben an den freien Willen mit demKonzept vereinen, daß das physikalische Universumeinen bestimmten Zweck, ein Geschick, hat?«»Weil meine Geschichtsstudien mich davon überzeugthaben, daß wir irgendein Ziel anstreben. Immerwenn die Lage einfach hoffnungslos aussieht, kommtetwas Unvorhergesehenes, um uns zu retten«, erwiderteder Philosoph. »Denken Sie an Ihr eigenesphantastisches Erlebnis. Es ist nur ein Beispiel vonvielen. Nun?Nein, ich glaube nicht, daß die Vorsehung persönlicheingreifen muß, um uns vor unserem eigenenTun zu retten. Aber ich glaube, daß – Er – einen Reglereingeschaltet hat, ein negatives Rückkoppelungssystemfür das Universum, damit krasse Abweichungenvom Plan automatisch Korrekturmaßnahmenhervorrufen. Wir besitzen den freien Willen, um uns


zu retten, aber wir besitzen auch einen Schutz dagegen,daß wir uns selbst vernichten.«»Das ist eine Form der Teleologie, nicht wahr?«fragte der Physiker.»Nicht ganz«, sagte der Philosoph. »Teleologie ist,grob gesprochen, der Gedanke, daß die Zukunft einenkausalen Einfluß auf die Vergangenheit ausübenkann. Mein Glaube braucht diese Annahme nicht.Obwohl«, murmelte er nachdenklich, »der Gedankefaszinierende Aussichten bietet. Es wäre demMenschen dann möglich, einfach alles zu tun. Gleichzeitigwürde sich eine Zukunft entwickeln, die nichtzwingend ist. Dann würde der Regler des Geschicksin Kraft treten, und die Zukunft würde die Vergangenheitso beeinflussen, daß sie selbst nicht mehr entstehenkönnte. Das könnte das eigentliche Prinzip derRückkoppelung sein: jede Kette von Ereignissen, dienicht mit dem Gesamt-Geschick in Einklang steht,muß notwendigerweise ihre eigene Vergangenheitändern und damit ihre Existenz annullieren.«»Jetzt gehen Sie aber zu weit«, meinte der Physikerverächtlich. »Sie widersprechen sich selbst. Etwas istentweder geschehen oder nicht geschehen. Die Logikläßt keine Zwischendinge zu. Ihre angeblichen selbstzerstörerischenZukünfte hat es nie gegeben und wirdes nie geben.«Der Philosoph nickte mit einer sonderbaren Nachgiebigkeit.»Ja«, sagte er ruhig. »Ja, Sie müssen rechthaben. Es hat sie nie gegeben.«


Das neue Gehirnvon Lester del ReyPaul Ehrlich blickte von seinem Essen hoch und sahnoch, wie sein Vater vom Stuhl auffuhr und in RichtungKüche rannte. Er erwischte den alten Herrn geradenoch am Arm und zerrte ihn mit Gewalt zurück.Daß er bei dem Manöver mit beiden Schienbeinengegen den Tisch stieß, verringerte seinen Zorn nichtgerade.»Verdammt, Justin, ich habe dir gesagt, du solltestGerda zufrieden lassen, und ich habe es ernst gemeint.Sie hat Schwierigkeiten genug, ihre Arbeit insechzehn Stunden zu schaffen, und kann keine zusätzlichenAufregungen gebrauchen. Jetzt setz dichwieder und iß – und laß sie in Ruhe!«»Paul, eines Tages werde ich dir zeigen, daß ichdich immer noch verprügeln kann.« Justin Ehrlichließ sich auf den Stuhl fallen, aber die Empörung inseinen Zügen blieb. »Diese Butter da ist ranzig! Ichhabe ihr gesagt, daß ich keine ranzige Butter mag.«»Dann wirst du eben ohne auskommen müssen,wenn du keine Milchzentrifuge bauen willst. So mußdie Milch leider stehenbleiben, bis die Sahne hochkommt.Man kann aus saurer Sahne keine süße Buttermachten. Außerdem ist Butter Luxus. Wir könnenfroh sein, daß wir Kühe besitzen.«»Ja. Müssen uns allerdings nach einem Bullen umsehen.«Harry Raeßler wischte den letzten TropfenRübensirup mit einem Stückchen Pfannkuchen aufund deutete düster durch die primitive Fensterschei-


e auf die Welt vor dem Holzhaus, das sie mit Lehmziegelnverstärkt hatten. »Es ist nicht mehr die gleicheWelt, in die Sie geboren wurden, Mister Ehrlich. Klar,meine Frau tut, was sie kann, aber sie hat auch nurzwei Hände. Komm, Paul, wir machen uns jetzt besseran das Scheunendach.«Paul nickte und folgte seinem Partner ins Freie. Erspürte eine Erleichterung, daß er von seinem eigensinnigenVater loskam. Der alte Herr wurde wohl senil,wenn er die Bedeutung des Wortes richtig verstandenhatte. Nichts als Gekeife und Geknurre! Sieführten ein Leben, das der Mehrzahl der anderenÜberlebenden wie ein Himmelreich erschienen wäre– und es befanden sich wenige darunter, die älter alsfünfzig waren. Er schüttelte wieder den Kopf undspaltete Schindeln von großen Fichtenklötzen, währendHarry sich daran machte, ihren spärlichenSchatz an rostigen Nägeln geradezuklopfen.Es hatte eine Zeit gegeben, da war ihm sein Vaterfast wie ein Gott vorgekommen. Und er mußte auchzugeben, daß ihr jetziger Wohlstand nur zum Teilvon seinen eigenen Bemühungen herstammte. Justinwar auf die Insel MacQuarie geflohen, als er denFünften Krieg vorhersah, und seine Vorkehrungenfür den Aufenthalt hatten sich als ebenso vernünftigerwiesen wie die Wahl seines Zufluchtsortes. Mehrals zwanzig Jahre hatte er seine Forschungsarbeitendort fortgesetzt, bis der Krieg von Nationen auf Dörferzusammenschrumpfte und dann ganz ausbrannte.Und erst dann hatte er sich bereiterklärt, die lange,gefährliche Rückreise zu wagen.Aber so genau er die Folgen des Krieges vorhergesehenhatte, so hatte er sich doch geweigert, sie als


gegeben hinzunehmen, sobald sie zurück waren, undalle Last lag seitdem auf Pauls Schultern. Die neunzehnJahre des höllischen Krieges hatten dasSchlimmste angerichtet; Hungersnöte hatten dieHälfte der überlebenden sechs Milliarden Menschengetötet. Die übrigen waren zurückgefallen und bildeteneine Mischung aus Pionieren und Farmern, unddas Leben ging weiter. Zumindest gab es Land genug,und viel davon war noch unversehrt, wenn esauch an Ackergeräten fehlte.Dennoch, Paul hatte nicht schlecht gearbeitet. Inden zwei Jahren, seit das Boot festgemacht und er esfür andere Dinge getauscht hatte, war er durch dasLand gezogen und hatte sich durchgeschachert, bis erdiesen Platz erreicht und zur Hälfte erworben hatte.Und immer hatte er seinen Vater mitgezogen. Dochnun, seit die Raeßlers vor einem Vierteljahr ihre Partnergeworden waren ...»Paul, verflixt, Paul, wo steckst du? Oh!« Der alteHerr stürmte um die Ecke der Scheune und fluchteüber den Schutt, der am Boden herumlag. Er unterbrachdie bitteren Gedanken seines Sohnes. »Hast dumir nicht gesagt, daß gestern meine Ausrüstung gekommenist? Wo, zum Teufel, hast du sie versteckt?«Paul schnitt eine Grimasse, als er mit der Axt danebenschlugund eine Schindel zerbrach. »Im Holzschuppen.Die Männer waren zu müde, um das Zeugnoch lange aufzuräumen, nachdem sie es den SnakeRiver heraufgebracht hatten. Und höre dein Geschimpfeauf! Du hattest Glück, daß wir genug Tauschobjekteim Haus hatten, um die Leute bezahlen zukönnen. Ich würde den Snake River nicht für zehnBullen und einen Traktor stromaufwärts rudern.«


»Glück? Wozu glaubst du wohl, daß ich diesesZeug erstanden habe, bevor wir hierherzogen? Weshalbhabe ich meine halbe Zeit verschwendet, umdich zum Lesen der landwirtschaftlichen Bücher zuzwingen, die ich mitgenommen hatte? Glück! Glaubstdu, ich sah nicht vorher, was kommen würde? Obwohlich nicht gedacht hätte, daß du einen so gottverlassenenOrt auswählen würdest. Wenn ich ...«»Natürlich«, unterbrach ihn Paul. »Ich weiß. Duhättest das Paradies wiederentdeckt – mit einer Eisenbahnquer durch den Garten Eden. Wenn du besseresLand findest, das obendrein sicherer ist und indem einigermaßen normale Menschen leben, dannkomme ich gern mit. Es hat ja nur zwei Jahre gedauert,bis ich das hier fand ... Dein Zeug ist im Holzschuppen,Dad.«Justin eilte brummelnd weg. Er schimpfte etwasüber Pauls verdammte Rotznäsigkeit, und Harry sahauf. »Solltest nicht so mit deinem Dad reden, Paul.Schließlich hat er es dir ein gutes Stück schöner gemacht,als es die meisten anderen haben. Eines Tagesgehört dir vielleicht ganz Idaho, wenn wir uns insZeug legen. Im Moment muß es noch so gehen, aberzumindest weiß man, daß es besser wird. Hat keinenSinn, davonzurennen. Davon wird die Angst nichtkleiner.«»Ja, ich weiß, Harry, aber – ach was, steigen wiraufs Dach. Ich habe genug Schindeln zum Flicken.«Sie waren die Leiter zur Hälfte hochgeklettert, alseine Reihe von durchdringenden Schreien aus demHolzschuppen kamen, die in einem wütenden Geheulendeten. Justin rannte auf sie zu. Paul seufzte müde,winkte Harry, daß er weiterklettern solle, und stieg


nach unten, um sich dem Wutausbruch zu stellen.Mein Gott, es war großartig! Man sagte schon nichts,wenn der alte Herr nichts arbeitete, obwohl jedeHand bitter benötigt wurde, aber nun machte er auchnoch den anderen die Arbeit unmöglich.»Na schön, was gibt es?« fragte er, als er in denSchuppen trat, in den sich sein Vater wieder zurückgezogenhatte.»Da! Ruiniert! Absolut ruiniert! Ich habe dieseSchreibmaschine selbst verpackt, und nun sieh sie diran!«Es war ein scheußlicher Anblick, gut. Außer einemgebrochenem Gehäuse, verbogenen Tasten und einemheillosen Wirrwarr aus Drähten und Hebelnhatte das Ding nahezu keine Ähnlichkeit mit einerSchreibmaschine. »Wenn ich je deine Träger erwische!Ich werfe sie in siedendes Öl – ich stecke ihnenheißes Blei in die Stiefel – ich ... Die einzige Schreibmaschine,die ich besaß, und sieh sie dir an!«Die Mundwinkel des Jungen zuckten nach unten,aber sein Lachen war grimmig. »Wenn du ihnennachschwimmen willst, bitte. Aber schätzungsweisewäre es vernünftiger, mit der Hand zu schreiben.«»Was!« Justin preßte die Lippen aufeinander undgab sich beherrscht, als wolle er einem aufsässigenKind gut zureden. »Wir werden uns eine neue beschaffenmüssen. In Boise haben sie zwar schon vieldurchwühlt, aber soviel ich weiß, ist es den schlimmstenPlünderungen entgangen. Und nach Schreibmaschinenwird keiner gesucht haben. Du fährst michmorgen nach Boise, und wir graben, bis wir eine finden.«Er ging zurück in den Schuppen und durchsuchte


seine restliche Habe, während Paul zu der Scheunefloh. Diese letzte Forderung! Wo die Felder gesprengtund gejätet werden mußten! Das würde sogar Raeßlerzu bunt sein. Boise, pah!Aber zu seiner Überraschung hatte Harry eine andereAnsicht davon. Er verzog nachdenklich das Gesichtund rollte sich eine Zigarette, bevor er antwortete,aber sein Tonfall war fügsam. »Mach lieber mit,Paul. Wenn ein Hexer Maschinen braucht, ist esschon gut, sie zu besorgen.«»Ein – was?«»Ein Hexer – ein Kerl, der zaubern und so waskann; wie die Leute, die Geister gegen Soldatenkämpfen ließen. Nein, natürlich, das kannst du nichtwissen – da warst du noch nicht da. Jedenfalls glaubendie Nachbarn, daß dein Dad ein Hexer ist. Istschon was Tolles, wenn du Hexer auf deiner Seitehast. Fahr ihn lieber hin. Ich sprenge die Kartoffeln,und Gerda kann mir vielleicht helfen.«»Zauberei ist Blödsinn«, erklärte Paul säuerlich.»Deine Geister waren vielleicht gut getarnte Menschen.Ich habe zwar nicht viel von den alten Wissenschaftengelernt, aber ich weiß genug, daß ich nichtan solche Dinge glaube. Und ich gehe nicht nach Boise.Los, machen wir das Dach fertig, bevor es hieroben zu heiß wird.«Gerda hatte genug zu tun, auch ohne die Kartoffelnzu sprengen, und Harry tat bereits mehr als seinenAnteil an der Arbeit. Wenn Justin schon Zeit vergeudenwollte, dann sollte er es allein tun.*


In Boise regte sich kein Lüftchen, und über Pauls Gesichtperlte der Schweiß, als er sich in den Schattendes Wagens warf und das Essenspaket auswickelte,das Gerda hergerichtet hatte. Justin wühlte noch einwenig im Schutt und kam dann zu ihm. Zum erstenmalhatte der alte Herr richtig gearbeitet. Er war somüde, daß er drei Bissen herunterschluckte, bis erplötzlich zu würgen und zu spucken begann. »RanzigeButter! Ich habe Gerda gesagt, daß ich keine Butterwill – ganz trocken, habe ich gesagt, wie ihr verdammtesBrot nun mal ist.«»Du hast auch mein Paket erwischt. Deines ist inder anderen Tasche. Und Gerda ist eine sehr gute Köchin.«Paul spülte das Sandwich mit dem warmen,bitteren Bier herunter, das sie selbst brauten, und betrachteteden Schutt der früheren Stadt mit beträchtlichemZweifel. »Erstens ist sie schon durchwühltworden, und zweitens wissen wir nicht, wo wir anfangensollen. Es war schon ein tolles Glück, daß wirdiese Büchse mit ANTU fanden. Wenn das Zeugwirklich Ratten tötet, wie du behauptest, hat sich unsereFahrt gelohnt. Aber mehr finden wir nicht mehr.Warum gibst du's nicht auf?«»Weil ich noch keine Schreibmaschine gefundenhabe! Was ist das da?«Paul schüttelte den Kopf und reichte ihm das kleineDing. »Frag mich nicht! Ich dachte, du wüßtest, obman was daraus machen könnte. Sieht komisch aus.«»Hmm. Magnetronisches Speicherrelais, soweitman das durch den Schmutz sehen kann. M-hm, genaudas ist es.« Justin betrachtete es zweifelnd undwollte es schon wegwerfen, doch dann sah er es mitneu erwachtem Interesse an. »Weißt du, was es be-


deutet, oder hast du es schon vergessen?«Von irgendwo aus seinem Gedächtnis kramte Pauldie Grundlagen hervor. Die Naturwissenschaft wardurch Zufall darauf gestoßen, kurz nachdem man dieMagnetstürme wiederentdeckte und technisch ausnützte.Eine Kolloid-Suspension von Metallen in Silizium-Gelwurde mit Schwingungsknoten versehen. Jezwei beliebige Knoten, die man miteinander verband,schufen dann ein permanentes, leitfähiges Bindeglieddurch das Gel – so wie zwei Tatsachen eine permanenteund immer wieder brauchbare Bindung zwischenGehirnzellen darstellen. Es konnte durch Erfahrungenverbessert werden, da die Bindungen durch denhäufigen Gebrauch immer stärker leitfähig wurden.Das Ding hatte sich vor allem wertvoll als Ersatz fürdie bis dahin gebräuchlichen Telefonrelais erwiesen.Justin nickte. »Und für Addiermaschinen. Das hierist ein Apparat mit einer Zehner-Doppelbindung, alsostammt er aus einer Addiermaschine. Da Addiermaschinenund Schreibmaschinen meist von den gleichenLeuten verkauft wurden, hoffe ich, daß du dirden Platz gemerkt hast, an dem das Ding lag.«Es dauerte weniger als eine halbe Stunde, bis siedas Loch hinter dem Wagen um weitere zwei Metervertieft hatten, da der Schutt recht locker lag. Justinstieß mit seiner Schaufel zuerst auf Beton, und manerkannte ihn nicht wieder, als er die Stelle freiräumte.Dem Jungen schmerzten die Arme, bis der ganzeSchutt beiseitegeräumt war und der Zement endlichnachgab. Sein Vater verschwand in einer Wolke ausStaub und Flüchen.»Uff ...« Die Flüche klangen so kräftig, daß er keinenernsthaften Schaden erlitten haben konnte, und


eine Sekunde später erschien der Kopf des altenHerrn wieder. »Los, komm, wir sind auf einen Kellergestoßen, den sie übersehen haben. Stinkt, aber allmählichwird die Luft besser. Wirf mir die Lampenach unten – hm, zwei Keller, und die Holzwand dazwischengesprungen. Die Leiter hier drüben müßtereichen, wenn ich sie durch den Spalt bringe.«Aber Paul kümmerte sich nicht um Leitern. Er hatteden Rechen gesehen, der aus einer Packkiste herausragte,und die Beilenden, die unter den morschenHolzplanken hervorsahen. Beile und Rechen! Eineandere Kiste enthielt nutzlose Pickelstiele, aber in dernächsten entdeckte er einen Schatz – Eisenwaren.Nicht viel, da der Keller offensichtlich von einemEnergiestrahl gestreift worden war, aber genug, umihn fassungslos vor dem Wunder dastehen zu lassen.Justin knurrte, als er nichts sah, das sich für ihneignete. Mit ein paar Streichen hatte er die dünneHolztrennwand zum Nachbarkeller eingeschlagen,und nun kletterte er durch. Paul kam auf sein Rufenhin nach, aber er sah nichts außer ganzen Stapeln vonaufgeweichtem Papier und Büchern. Dann kam seinVater aus einer Nische und deutete auf einen halbeingefallenen Erdtunnel, der entlang der Holztrennwandverlief.»Da drüben war wohl ein Papier- und Büromaschinen-Geschäft.Sieh dir den Kasten an! Eine derAddiermaschinen, von denen dein Speicherrelais abstammt.Ist wertlos ohne magnetischen Generator,aber wenn wir hier weitergraben ...«Paul wandte sich wieder seinen eigenen Schätzenzu. »Grab nur allein weiter. Wenn ich nach demAufladen noch Zeit habe, komme ich zurück und hel-


fe dir. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daßdu in diesem Durcheinander etwas findest. Möchtestdu mir nicht lieber beim Aufladen helfen?«Aber wie gewöhnlich hatte Justin seine eigenenGedanken über Zusammenarbeit, und während Pauleinen provisorischen Flaschenzug bastelte und dasZeug nach oben holte, hörte er das gleichmäßigeHacken und Schaufeln. Er lud den Wagen selbst auf.Dann sah er sich noch einmal im Keller um, ob erauch nichts vergessen hatte, aber es war alles leer.»Paul, du faules Stück, hör deine Schatzsuche aufund hilf mir mal!« Sein Vater hüpfte in dem Lochzwischen den beiden Kellern auf und ab. Seine Lippenwaren schmutzverklebt, aber seine Stimme klangso befehlsgewaltig wie eh und je.Im Moment war Paul jedoch so zufrieden, daß ihnnichts ärgern konnte, und er folgte dem alten Herrndurch den gewundenen, gefährlichen Tunnel, bis eran einer geöffneten Kiste stand, die eindeutig eineunbeschädigte Schreibmaschine enthielt.»Alte Tastatur, wertlos«, sagte Justin, als er sichbückte und mit den Fingern darüberstrich. »DieDvorak-Tastaturen waren schon seit fünfzig JahrenNorm, und sie stellten immer noch diese Dinger her.Verdammte Reaktionäre! Die gute ist da hinten, siehstdu? So, wenn du jetzt ... Uff! Puh! Ich schleppe siehinaus. Und dann ist noch eine Kiste da, die ich aufdeiner Seite drüben gefunden habe – nur Maschinenteile,aber ich kann sie gebrauchen. Hier! Glaubstdu, daß du sie allein schaffst?«»Vielleicht. Ja, das dürfte gehen ... Uff! Sollen wirdie Teile nicht herausnehmen und die schwere Kistedalassen?«


»Damit die Hälfte verlorengeht! Unsinn!«Der Alte legte stöhnend den Weg durch den Tunnelzurück und sparte sich den Atem für ein paar saftigeFlüche, bis sie wieder oben waren. »Vielleicht istnoch mehr unten – zumindest ist es einer der wenigenPlätze, die noch nicht von Schatzsuchern abgegrastwurden. Während du alles auflädst, verwischeich unsere Spuren. Und später, wenn du vielleicht mitdeinem widerspenstigen Brummen aufhörst, erzähleich dir, weshalb ich diese Maschine haben mußte. Ichhätte es schon vor Jahren getan, aber so etwas interessiertdich ja nicht.«Aber Paul hörte nicht recht hin, als die Arbeit getanwar und er seinen Platz neben den beiden Küheneinnahm, die zugleich Zugtiere und Milchlieferantenwaren. Sein Vater saß auf der großen Kiste, die kostbareSchreibmaschine in den Armen, beinahe zufriedenmit sich und der Welt. Die Wagenräder, die voneinem alten Laster stammten, rumpelten und holpertenüber den Schutt. Seine Gedanken waren weitmehr mit der Ladung als mit der Geschichte beschäftigt.Wenn man alle Rechtfertigungen, Übertreibungenund Verzerrungen abzog, war sie ganz einfach. SeinVater hatte offensichtlich einen Mann beschäftigt, derseine diktierten Arbeiten auf der Maschine abschrieb,und die normalen Fehler, die dabei entstanden – oderdie entsetzlichen Fehler, wie Justin behauptete –,hatten zu einem Streit geführt. Es hatte ein Gerichtsverfahrengegeben, noch einen Streit, einen gebrochenenArm für den Schreiber und ein weiteres Verfahren,in dem es Justin untersagt wurde, den Schreiberdadurch zu beleidigen, daß er behauptete, eine


Maschine könne seine Arbeit besser leisten. Es waralles sehr ausgeschmückt und kompliziert, und eshatte damit geendet, daß der alte Mann schwor, soeine Maschine zu bauen. Und er hatte sich auch andie Arbeit gemacht.»Und jetzt, bei Lord Harry, wo ich eine anständigeSchreibmaschine habe, werde ich ihm ein für alleMale beweisen, daß er genau das war, was ich ihnnannte. Paul, du wirst ein Manuskript sehen, das jedenVerleger entzücken würde. Keine Irrtümer, keineRadierstellen, keine Rechtschreibfehler und keineausgelassenen Absätze. Ich werde das Buch beenden,und zwar ohne jeden Fehler!«Paul lachte. »Du willst damit sagen, daß du zwanzigJahre damit zugebracht hast? Während der schwerenZeit auf der Insel hast du nur daran gedacht? Ja,es sähe dir ähnlich, obwohl ich zugeben muß, daß wiraus diesem Grund heute vermutlich noch leben. Zuschade, daß nicht mehr Leute so reich waren wie duund sich zurückziehen konnten.«»So reich und so schlau, vergiß das nicht«, verbesserteihn Justin verhältnismäßig ruhig. Er war immernoch in seinen Triumph versunken. »Und wenn sie esgeschafft hätten, dann wären die Schwierigkeiten geblieben.Sobald mal hundert Menschen zusammenleben,brauchen sie eine Verwaltung. Diese Verwaltungfährt sich fest, bis sie einen Krieg inszenieren muß,um die eigene Unfähigkeit zu überdecken. Sicher habeich zwanzig Jahre damit verbracht – und ich hättetausend damit verbracht, wenn ich so lange lebenkönnte. Ich sagte ihm, daß ich es beweisen würde,und ich werde es tun.«»Kaum, Justin. Er ist tot. Du kannst nach seinen


Nachkommen suchen, aber ich glaube nicht, daß duviel Glück dabei haben wirst – auch nicht in weiterenzwanzig Jahren. Hüh, Bessy!« Er führte die Küheüber ein Loch im Weg und bemerkte dabei ihrschmerzerfülltes Muhen. Aber er entschied, daß siedie drei Stunden bis zum Melken noch warten konnten.Vielleicht mußte man einen Teil der Milch weggießen,aber schließlich hatten sie jetzt schon dieHälfte des Weges zurückgelegt.Die triumphierenden Worte seines Vaters brachtenihn in die Gegenwart zurück. »Du hältst mich wohlfür einen Idioten, Paul? Ich sagte dir schon, daß ichkeiner dieser modernen Einfaltspinsel war. DerMistkerl hatte eine Tochter – ein sehr hübsches Mädchen,Junge, sehr hübsch. Sie mochte mich gern. Nein,es wird mir keine Schwierigkeiten machen, seineNachkommen zu finden. Du bist nämlich sein Enkel.«Paul schüttelte den Kopf, aber er stimmte in dasLachen seines Vaters ein. Einen Moment lang spürteer etwas von der alten Verehrung für seinen Vater,obwohl ihm klar war, daß die Situation lächerlichwirkte. Vielleicht war Justin wirklich ein Hexer; dieSache mit Boise jedenfalls grenzte ans Wunderbare.Aber Hexer oder nicht, er war einmalig!Harry Raeßler schien der gleichen Meinung zusein, als er einen Blick auf den beladenen Wagen warfund dann die beiden anderen Kühen vorspannte.Eindeutig ein Hexer, und was für einer! Wenn MisterEhrlich sich beeilte, fand er vielleicht sogar die Altwarenhändler,die irgendwo in der Nähe sein mußten,und machte ein gutes Geschäft mit ihnen! Geradekam heraus und lächelte schüchtern. Sie versichertedem alten Herrn, daß keine Butter bei seinem Abend-


essen war, und alles war Freude und Sonnenschein.Natürlich konnte das nicht lange anhalten. Einschwerer Regen erwischte Harry und Justin, als siezurückkamen, und machte alle Pläne zunichte,nochmals in Boise nachzugraben, weil die Wege unpassierbargeworden waren. Ihre vielbewundertenNeuerwerbungen – ein Bulle, drei Pferde, dazu einpaar Schweine und Hühner – verloren etwas von ihremReiz, als sich der Hengst wie ein Killer benahmund die beiden halbverhungerten Stuten sich als nichtzugeritten erwiesen.Am nächsten Morgen hatte Justin einen Schnupfenund entdeckte, daß die Sahne für seinen Malzkaffeesauer geworden war. Alles wurde mit einem Schlagnormal. Gerda hatte sich heulend in die Küche zurückgezogen,und Paul hatte seinem Vater Worte aufden Weg mitgegeben, die er einerseits bedauerte, dieer aber andererseits als zu schwach empfand.Nun kam Harry vom Feld zurück und warf einenfinsteren Blick auf die Wolken, die sich am Himmelzusammenballten. »Ich kann ebensogut hierbleiben,Paul. Hat keinen Sinn, die Felder zu sprengen, wennes ohnehin regnet. Schön, wir brauchen das Zeug,aber kann es denn nicht gleichmäßiger kommen?«»Ja. Warum fragst du nicht Vater, er ist doch derExperte für Widerspenstigkeiten.« Paul hatte ihn fastvergessen, als er die schwere Pumpe der Sprühanlagebetätigte, aber es kam ihm alles wieder in den Sinn,als sie zum Haus zurückgingen. »Was wollte eigentlichder Mann von Payette? Du hast über eine Stundemit ihm verhandelt.«»Er wollte unsere alte Mähmaschine haben, um dieTeile für eine andere zu verwenden, die er gefunden


hatte. Erst hatte ich gewartet, bis er mit seinem Angebotin die Höhe geht, aber nun besitzen wir schon alles,was er uns geben wollte. So habe ich ihm einfachseine Maschine für ein paar Schrotsägen und Beileabgehandelt. Himmel, damit bekommen wir Erntehilfeaus der ganzen Gegend – eine Woche Arbeit gegeneinen Tag Mähmaschine ... Und, Paul, vergiß nicht,daß uns das alles dein Dad verschafft hat. Er schuldetuns keine Stunde Arbeit. Ich sagte dir doch, daß einHexer etwas Gutes ist.«»Er schuldet Gerda mehr Respekt. Verdammt, es istmir egal, daß ich seine Arbeit tun muß, auch ohneunser plötzliches Glück. Aber ich kann es nicht ausstehen,daß er sein Gift bei euch beiden verspritzt.«»Na ja, für sie ist es nicht so leicht, wo das Kleineunterwegs ist. Aber sonst ist sie froh, daß wir hiersein können. Wir werden zu reich, und das sprichtsich herum. Banditen hören es, und eines Nachts istman mausetot – aber wenn man einen Hexer bei sichhat, halten sie hübsch Abstand ... Geh schon nachdrinnen, ich mache die Kühe los.«Die ersten Tropfen fielen, aber sie hatten bereits dieScheune erreicht, und das blitzschnelle Rattern einerSchreibmaschine drang an ihre Ohren. Harry horchtemit schräggelegtem Kopf und der ganzen Ehrfurchteines Mannes, der die Worte buchstabieren mußte,um sie zu verstehen, aber er sagte nichts.Paul war selbst ein wenig von der Geschwindigkeitdes Tippens überrascht. Er betrat das Haus undmachte sich an die mühsame Arbeit, eine Gleitschienezurechtzufeilen, die später einmal die Getreideaussaaterleichtern sollte. Sein Vater hatte wohl dasKunststück fertiggebracht, den Text auf ein korrigier-


ares Band vorzuschreiben, das man dann in fertigerForm der Schreibmaschine zuführen konnte; denn soschnell bewegten sich menschliche Finger nicht. Eswar raffiniert, aber keine zwanzig Jahre Arbeit wert.Ein Ingenieur hätte kaum eine Woche dazu gebraucht.Und er hatte seinen Vater für einen Wissenschaftlergehalten!Und selbst das wäre noch gerechtfertigt gewesen,wenn das Buch irgendwelche neuen mathematischenTheorien gebracht hätte, die einen absolut fehlerfreienText erforderten. Statt dessen sollte es ein Romanwerden – ein romantischer, kitschiger Roman, wie sievor dem Krieg beliebt gewesen waren, als es nochVerlage gab und Leute, die Zeit genug hatten, um derWirklichkeit zu entfliehen.Paul knirschte mit den Zähnen und zwang sich,weniger heftig mit der Feile umzugehen, damit dieGleitschiene nicht ruiniert wurde. Er hatte währendseiner zweijährigen Wanderzeit echte Wissenschaftlergesehen. Da waren der alte Kinderhook und Gleason,die zusammen mit dem jungen Napier die wenigenStunden opferten, die ihnen nach der mühsamenPlackerei auf den Feldern noch blieben. Sie kämpfteneinen hoffnungslosen Kampf, aber zumindestkämpften sie. Und irgendwie schnitten sie in monatelangenBerechnungen, die eine Maschine in ein paarSekunden geschafft hätte, die alten, kompliziertenTheorien auf ein Niveau zurecht, wo man sie mit demspärlichen Material, das man besaß, beweisen konnte.Während solche Männer ohne jede Hilfe Wunder zuvollbringen versuchten, saß sein Vater in aller Ruheda und diktierte einen dämlichen, völlig veraltetenRoman.


Aber das Tippen war sporadisch geworden, als ernun wieder hinhörte, und ein unterdrücktes Fluchenklang auf, gefolgt von einer schnellen Tippfolge undeinem Wutschrei. »Paul! Paul!«Er erhob sich mit einem Seufzer und ging in dasandere Zimmer, bevor der alte Herr herausstürmenund den ganzen Haushalt in Aufruhr bringen konnte.»Ja, was gibt es denn jetzt schon wieder?«Sein Vater stand mitten im Zimmer vor einer kompliziertenAnlage. Auf flachen Steinen saß ein kleiner,holzbeheizter Dampfkessel, der seinen Rauch zumFenster hinausblies. Daneben standen ein summenderDynamo und die Schreibmaschine, alles verbundendurch ein flaches schwarzes Kästchen, das mit winzigenBalken über die Typenhebel und den Maschinenwagengriff. Justin sah das Kästchen an undschüttelte ohnmächtig die Fäuste.»Kaputt, hörst du, kaputt! Wenn ich ein Boot hätte,würde ich diesen idiotischen Trägern nachrudern.Zwanzig Jahre Arbeit, und jetzt ist es nicht in Ordnung...«Paul stöhnte müde. »Und wenn ich ein Boot hätte,würde ich nichts dagegen sagen, wenn du sie aufdem Snake River verfolgen würdest. Was, zum Teufel,soll denn der Unsinn?«»Dieser Unsinn«, erwiderte sein Vater mit bitteremSarkasmus, »ist eine Schreibmaschine, die nur mitHilfe einer Stimme betätigt wird – und sie funktioniert.Das heißt, sie hat funktioniert. Nicht wie diesertonnenschwere Apparat des Instituts, der wederSatzzeichen setzen konnte noch Homonyme auseinanderhielt– oder von einem ganz bestimmten Sprecherbedient werden mußte. Mein Vocatyp hat funk-


tioniert, bis es hierhergebracht wurde. Jetzt ist es kaputt.«Unwillkürlich war der Junge beeindruckt, obwohler noch gar nicht wußte, ob die Behauptung stimmte.Er nahm das Mikrophon auf, drückte auf den Knopfund sprach schnell ein paar Sätze hinein. »Währendder Müller die Säcke vom Wagen auf die Waage trägt unddas Getreide zu Mehl mahlt, malt draußen der Bauer weißeKreise auf den Boden und macht den Kindern weis, daß dasein starker Zauber sei. Viele Äpfel fielen von den Bäumen.Er verzieht nicht die Miene, als sich die Mine wie prophezeitals unbrauchbar erweist.«Es war kein einziger Fehler im Text!»Aber eine Milliarde Relais ...« Und der Kastenkonnte nicht mehr als hundert Pfund wiegen. Erstand in starrer Verwunderung da und wartete aufeine Erklärung seines Vaters. Und diesmal paßte ergenau auf, auch wenn sein Vater ins Prahlen geriet.Der Stimmen-Analysator und die Tastenmagnetenwaren alt, ebenso die Suchmechanismen, die Irrtümerder Maschine und des Umformers aufdeckte. DerUmformer verwandelte Elektrizität in einen Magnetstrom.Der Rest war so einfach, wie seine Theoriekompliziert war. Eine magnetronische Speicherröhremit tausend Knoten, die sein Vater selbst konstruierthatte, nahm eine kleine Ecke des Kastens ein und tatdie eigentliche Arbeit. Zwischen den Knoten konnteneine halbe Million Verbindungen hergestellt werden,die wiederum als Knoten für mehr als hundert MilliardenUnterverbindungen dienten und so fort. DasDing war von ungewöhnlicher Größe und Kompliziertheit,aber es hatte nur ein paar Monate gedauert,bis es fertig war.


Den Rest der langen Jahre hatte sein Vater damitzugebracht, Wörter auszusprechen und Tasten anzuschlagen,bis die Röhre einen Reflex für jedes Wort,das im Lexikon stand, entwickelt hatte, und Justin mitder nahezu hoffnungslosen Aufgabe beginnen konnte,sie zwischen verschiedenen Formen unterscheidenzu lassen und ihr die Interpunktion beizubringen.Kein normaler Mensch hätte es für möglich gehalten,und nur der sturste Mensch der Welt hätte es so langeversucht, bis sich endlich der Erfolg einstellte.»Und jetzt ist es kaputt«, beendete Justin seine Erzählung,und die Aufmerksamkeit und Überraschungseines Sohnes hatten wohl seinen Ärger besänftigt,denn in seiner Stimme war nur noch Bitterkeit. Ernahm ein Blatt mit seinen Steno-Notizen auf und begannzu diktieren, während die Maschine in Sekundenabständenhinter den Worten herratterte. »... ›sosicher, wie ich Patrick Xenophon heiße‹ ... Da! ... ›sosicher, wie ich Patrick Xavier heiße!‹ Zwanzigmal habeich nun Xenophon gesagt, und zwanzigmalschreibt die Maschine Xavier. Meine ganze Einübungwar umsonst – alles muß noch mal gemacht werden.«Paul kratzte die Buchstaben mit der Spitze seinesTaschenmessers vom Papier und tippte das richtigeWort per Hand. »Das wäre dir natürlich nicht eingefallen«,begann er, als ihn ein Klicken von der Maschineaufmerksam werden ließ. Sie hatte das Blattausgestoßen, ein neues eingespannt, und begann dieSeite noch einmal zu schreiben. Als sie fertig war,stand wieder die Originalfassung da.Justin starrte seine Schöpfung eine lange Weile entsetztund erstaunt zugleich an, und seine Schulternsanken müde nach unten. Dann drückte er mit einem


unterdrückten Schluchzen seine Notizen und die bereitsgeschriebenen Seiten Paul in die Hand und verließschweigend das Zimmer. Minuten später sahPaul ihn langsam durch den Regen zur Scheune gehen.Gerda folgte ihm, und das Mädchen lächelte!Der Junge sah von der Maschine zu den beidenkleiner werdenden Gestalten und dann auf die Blätter,die er in der Hand hielt. Dann ließ er sich kraftlosin einen Sessel sinken.Gerda kam Stunden später herein und zwang ihmdas Abendessen auf. Sie zündete die Lampe an, aberer murmelte nur ein Danke und las weiter. Zu seinerÜberraschung war es ein großartiges Stück der Unterhaltungsliteratur,und es war meisterhaft geschrieben.Sobald die Worte der ersten Seite in sein betäubtesHirn eingedrungen waren, mußte er unweigerlichweiterlesen. In gewisser Weise war es schade,daß man es nie veröffentlichen würde; die Notwendigkeitnach echter Zerstreuung war nie größer alsjetzt gewesen.Und es war eine wirksame Geschichte, die irgendwiebesänftigte. Zunächst hatte er nach dem erstenKapitel aufhören wollen, aber dann spürte er, wie dasLesen entspannte, und er machte weiter und ließ dieUmwelt aus seinen Gedanken verschwinden. Außerdem,wenn das Ding zwanzig Jahre Arbeit im Lebeneines Mannes darstellte, sollte es wenigstens einengeben, der es las.Er legte das letzte Blatt hin und ging an die Maschine,wo immer noch der angefangene Satz stand:»... so sicher, wie ich Patrick Xavier heiße ...« Patrick XavierO'Malley hätte es heißen müssen oder PatrickXenophon ...


»Justin! He, Justin!« Sein Gebrüll war fast ebensolaut wie das seines Vaters, aber die Ähnlichkeit kamihm nicht zu Bewußtsein. Als die Tür aufging, deuteteer bereits auf die Textstelle und hielt sie dem älterenMann unter die Nase. »Du hast ihn tatsächlichXavier genannt und nicht Xenophon! Sieh dir Seitevier an.«Justin warf einen verwirrten Blick auf die Seite undnahm das Mikrophon auf. Diesmal gab es keine Unterbrechung,als das Vocatyp seinem Diktat bis zumEnde der Seite folgte und dann das fertige Produktausstieß. Dann lachte Justin leise.»Manchmal glaube ich fast, daß ich stur bin, Paul.Ich hätte schwören können, daß ich im Recht war,deshalb dachte ich gar nicht daran, nachzusehen.Weißt du, was das bedeutet? Eine Maschine, die sokonstruiert ist, daß sie Diktate aufnimmt, die das abernur tut, wenn das Diktat logisch ist. Also, das ist eineperfekte Sekretärin! Wenn wir ihr noch etwas Mathematikbeibringen, kann sie fehlerlos wissenschaftlicheArbeiten schreiben! Paul, du hast dich zum erstenmalwirklich nützlich gemacht.«Der Junge wollte schon darauf antworten, aber Justingab ihm keine Gelegenheit dazu. Er streicheltedie Maschine und sprudelte seine Worte geradezuhervor.»Jetzt können wir das Buch beenden«, erklärte erder Maschine und gab ihr einen liebevollen Klaps.»Schöne Maschine – brave Maschine! Wir werdenihm noch zeigen, daß sein Großvater ein engstirnigerTrottel war. Übrigens, Junge, wie war der Stoff?«»Großartig«, erwiderte Paul und verschwand ausdem Zimmer in sein Bett, aus Angst, er könnte noch


mehr Verrücktheiten erleben. Nur sein Vater brachtees fertig, so eine unmögliche Maschine zu erfinden,die Ansätze von Intelligenz zeigte. Und nur Justinkonnte sie dazu verwenden, eine Romanze fertigzuschreiben,die niemals veröffentlicht werden konnte.Aber als er unter die Bettdecke kroch, war er nichtmehr so überzeugt davon, daß sein Vater sie falschverwendet hatte. Vielleicht enthielt sie irgendwo inihren geheimnisvollen Bindungen potentielle Intelligenz,doch man würde sie nie im Leben ausnützenkönnen. Der Gedanke ist ohne ein Kommunikationsmittelsinnlos, aber während er Tatsachen lernenkann, ist die Sprache ein Nebenprodukt des Protoplasmasund enthält so abstrakte und tatsachenverwirrendeVeränderliche wie die Wahrheit oder dasGute.Er träumte, daß er auf einer Klippe stand und einBlinder ihm einen nagelneuen Roboter anbot, wenner ihm nur Grün und Orange beschreiben könne.Die Morgendämmerung war kaum hereingebrochen,als Justin ihn hochrüttelte, und einen Momentlang dachte er, daß er immer noch auf der Insel sei.Die Wirklichkeit stellte sich jedoch wieder ein, als ernach seinem Overall tastete. Die Augen seines Vaterswaren rot vor Übermüdung, aber sie verrieten eineganze Skala von Gefühlen.Justin unterbrach die Stille mit einer Stimme, diesanfter als seit Jahren klang.»Ich weiß, was du von mir denkst, Paul, aber ichhabe die wahre Welt nie vergessen. Da ich wußte,daß ich versagen würde, kämpfte ich um einen anständigenAbgang, wie wohl wenige Männer gekämpfthaben. Ich floh erst in der letzten Minute ...


Nein, laß es mich auf meine Weise erzählen ... DieVereinheitlichung der Verwaltung in einer Welt mitfortgeschrittener Technik ist ungeheuer kompliziertund komplex – selbst die Männer, die damit beschäftigtsind, haben nur einen schwachen Schimmer, wiekomplex sie ist. Die große Politik hängt von den Ergebnissender Unterabteilungen ab, und so geht esvertikal über fünfzig Stufen hinunter, ganz zuschweigen von den horizontalen Verzweigungen. Bürokratismusist nicht komisch; er ist nötig und entsetzlich.Eine Komplikation beschwört die nächsteherauf und damit die Loslösung von der Realität.Fehler werden gemacht; niemand sieht und überprüftsie rechtzeitig, und sie führen zu weiteren Fehlern,die schließlich einen Krieg entstehen lassen.Eine Zeitlang kämpft man dagegen an. Und dannkämpft man nur noch. Ich tat, was ich konnte, dochich versagte. Auf der Insel konnte ich nichts dagegentun, deshalb baute ich das Gehirn. Und hier – weshalbsollte ich kämpfen, um den alten Teufelskreisneu entstehen zu lassen, der schließlich noch dieRasse auslöschen wird? Ich versuchte, dich daraufvorzubereiten, aber ich schaffte es nicht einmal, michselbst vorzubereiten.«»Wenn du das früher erklärt hättest ...«, begannPaul schwach, aber sein Vater machte eine abwehrendeGeste und fuhr fort:»Aber nun kann etwas geschehen. Die Regierungkann funktionieren. Sie braucht nur ein Gehirn, dasmit dem Bürokratismus fertig wird – ein Gehirn, dasnicht besser, doch komplexer als das menschlicheGehirn ist –, ein paar riesige Gehirne mit perfektemGedächtnis, um die zahlreichen, ineinandergreifen-


den Abteilungen zu steuern. Die Menschen sollen dieEntscheidungen treffen, aber die Roboter sollen dafürsorgen, daß es weise, unbelastete Entscheidungensind. Und sie können in Sekunden durchführen, wozuder Bürokratismus Jahre gebraucht hätte. Paul, wirgeben den Menschen diese Gehirne!«»Nein, Dad«, sagte der Junge leise und verfluchtedie angeborene Sturheit, die es ihm verbot, seinenVater in der neuen Traumwelt zu lassen. »Vielleichtbesitzen sie eines Tages diese Gehirne. Dann verdankensie es dir. Aber nicht jetzt. Du hast mir genugSemantik beigebracht, und ich weiß, daß es eine unlösbareAufgabe ist, deiner Maschine auch nur annäherungsweisedie nötigen Begriffe beizubringen.«Der alte Mann zeigte sich nicht enttäuscht. Sein Gesichtversteifte sich, und die schreckliche Sturheitmachte sich wieder bemerkbar, aber er gab keineAntwort. Statt dessen winkte er Paul, mitzukommen,und betrat schweigend den Raum mit dem Vocatyp.Auf der Maschine lag ein kleiner Papierstreifen, undandere wurden von den Suchmechanismen überprüft.»Das Schwierige ist, daß du eine falsche Vorstellungvon der Wissenschaft hast, Paul. Du denkst, esgehört zur Wissenschaft, wenn du weißt, daß manmit Elektrizität einen Motor betreiben kann. Wissenschaftist der Vorgang, alle Dinge auf den kleinstengemeinsamen Nenner zu bringen und von dort systematischaufzubauen. Ich hatte eine wissenschaftlicheAusbildung, bevor ich Romanschreiber wurde,und ich habe sie immer noch. Ich habe die Nacht hindurchnicht geträumt. Sieh dir die Wortliste an.« Justingab ihm den Papierstreifen und legte verschiede-


ne bunte Papierstücke unter den Suchmechanismus.»Was?« fragte er, als die Maschine summend zumLeben erwachte. »Was?«Neues Papier wurde in den Wagen eingespannt,und langsam kamen die Worte. »Ein blaues Dreieckund ein roter Kreis liegen auf einem weißen Quadrat.Ein schwarzer Kreis ist auf einem ... was?«»Hexagon«, erwiderte Justin ruhig.»Ein schwarzer Kreis ist auf einem Hexagon. DasHexagon ist orange. Welche Farbe ist orange? DasHexagon ist orange? Welche Farbe ist orange?«Pauls Augen verengten sich. »Orange ist bei denneuen Worten nicht angeführt.«»Natürlich nicht – ich habe es dem Gehirn nie beigebracht.Aber es hat den gleichen Trick schon einmalgemacht, bevor ich dich aufweckte.« Der alte Manndrückte auf den Mikrophonknopf und wandte sich andie Maschine. »Orange ist die Farbe des Hexagons.Das Hexagon ist orange! Welche Farbe ist Orange?«Die Tasten klickten. Dann wurde die Seite herausgenommenund eine neue eingespannt. Ohne Zögernwurden folgende Worte auf das Papier geschrieben:»Das Glück des O'Malley müßte wahr sein wie dieAxiome der Geometrie und die Grundgesetze derPhysik. So unveränderlich wahr wie die Mischungaus Rot und Gelb Orange ist ... (Seite 119).«Eine Zeile wurde freigelassen, dann fügte die Maschinehinzu: »Das Hexagon ist rot und gelb. Das Hexagonist orange. Welche Farbe hat das Hexagon?«»Orange. Rot und gelb ist orange«, versicherte Justinder zweifelnden Maschine und schaltete sie aus. »Dusiehst, sie hat ein perfektes Gedächtnis und kann analysieren.Und sie muß auch einen Sinn für die Bedeu-


tungen der Worte haben, sonst könnte sie Homonymenicht voneinander unterscheiden. Jedenfalls habe ichschon angefangen, ihr den Bedeutungsunterschiedvon ein und das beizubringen. Es wird zwar Jahredauern, aber keine Jahrhunderte ... Und das wäre esfür heute. Mal sehen, ob wir etwas zu essen finden.«Pauls Gehirn war noch ganz wirr. Er sah zu, wiesein Vater das Brot aufschnitt. Allmählich kristallisiertesich der Plan heraus, und er war überzeugt, daßJustin Erfolg haben würde. Sie mußten Gleason, Kinderhookund Napier hierherholen, wo es ihnen derverhältnismäßige Wohlstand gestattete, in Ruhe anwissenschaftlichen Problemen zu arbeiten. Zuerstmußten sie sich vermutlich auf die Hilfe der Nachbarnverlassen, aber wenn der Wohlstand wuchs,konnten sie sich Maschinen leisten.Sie würden die Gemeinschaft aus ihrer gegenwärtigenAnarchie herausführen und organisieren, sodaß einige die Farmarbeit übernahmen und anderedas Lehren und Denken. Es würde nicht leicht sein ineiner Welt, die alle Regierungsformen haßte, weil dieErfahrung nichts Gutes gelehrt hatte. Aber wennauch das Gehirn noch keine perfekte Verwaltungsmaschinewar, so würde es doch wie ein mächtigerZauber unter dem abergläubischen Volk wirken. SeinVater würde es ausbilden und seinen Ruf als Hexerfestigen, bis die Vorteile der Organisation so einenBetrug unnötig machten.Vielleicht war es aber auch besser, das Gehirn geheimzuhalten.Aber ganz gleich, wie sie das regelten,das Wissen und die Hoffnung für die Zukunft, die es inAussicht stellte, würden alles andere möglich machen.»Hm-hm«, murmelte Justin mit vollem Mund. »Ich


glaube, jetzt wird alles gut, Sohn. Aber wenn ichGerda sehe ...«Und Pauls Traum brach zusammen! Es war eineschöne Illusion gewesen, aber man konnte keine stabileZukunft auf Haßgefühlen wegen ranziger Butteraufbauen. Er drehte sich ruckartig seinem Vater zu,und seine Lippen waren blaß und zusammengepreßt,als er hervorstieß: »Ich sagte dir, du sollst sie in Ruhelassen, Justin. Wenn ich je ...«»Hm. Vielleicht könntest du aus dem Fenster sehenund warten, bis ich fertig bin«, erwiderte der alteHerr, und er lachte. »Während ich hin und her überlegte,was an dem Gehirn nicht stimmen könnte, packteich die andere Kiste aus, die ich auf deiner Seite desKellers gefunden hatte. Gerda und ich hatten ganzschön zu tun, bis wir den Motor durch eine Kurbelersetzt hatten, aber schließlich schafften wir es.«Paul schluckte seinen Zorn langsam hinunter undsah durch die kleine Glasscheibe zur Scheune hinüber.Zuerst erkannte er nur Harrys Rücken, der sichrhythmisch hob und senkte, aber als der Mann zurSeite trat, konnte er auch die anderen Dinge erkennen.Gerda wollte sich offenbar auch versuchen, dennsie lächelte, als sie die Kurbel drehte und zwei Flüssigkeitsströmein die Eimer schossen. Die Milchzentrifugearbeitete zufriedenstellend.»Wie ich schon sagte, bevor du mich unterbrachst –wenn ich Gerda sehe ...« Justin biß noch einmal tüchtigvon dem dick bestrichenen Brot herunter. »Wennich sie sehe, muß ich ihr ein Kompliment machen,was sie heute nacht für großartige Butter gemachthat. Wirklich gut. Ich kann ranzige Butter einfachnicht ausstehen.«


Die Schöpfervon Damon Knight1»Nun, was hältst du davon?«Grün sah von dem glänzenden kleinen Apparat aufund betrachtete den anderen einen Moment lang, ohnezu antworten. Sein Gegenüber war eine Einheit inder Blüte seiner Jahre, höchstens ein Jahrhundert alt,wenn nicht noch jünger. Seine Energien leuchtetenimmer noch grell blauweiß in der sieben Meter starken,kugelförmigen Kraft-Matrix seines Körpers.Grün war sich schmerzhaft bewußt, wie stumpfseine eigene, alternde Matrix wirkte; obendrein warer verwirrt und ein wenig ängstlich.Er sandte seine Sprechfarben absichtlich schwungvollan die Hemisphäre, die der andere sehen konnte.»Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Erwartest duwirklich, daß es funktioniert?«»Das nicht. Ein Wissenschaftler glaubt erst an Erfolg,wenn er ihn gesehen hat. Bisher kann ich nur sagen,daß ich keinen Grund weiß, aus dem es nichtfunktionieren sollte. Sieh doch her: Dieser Motor wirdvon meiner eigenen Batterie gespeist. Die Maschineselbst kann ohne weiteres aus einer gewissen Entfernunggesteuert werden. Du hast die Tests beobachtet.Die Rezeptoren«, er deutete auf eine Reihe vonGittern, die sich am Bug des winzigen Luftautos befanden,»nehmen jede abgestrahlte Energie auf undübertragen sie auf meinen Empfangsschirm. Im In-


nern befinden sich noch weitere Mechanismen, dieunserem Masse-Sinn entsprechen. Wenn ich alsoGlück habe, bekommen wir ein vollkommenes Bildeines Ortes, den keiner von uns je im Leben gesehenhat.«»Ich weiß das alles«, unterbrach ihn Grün. »Duhast es mir oft genug erklärt. Aber – glaubst du, daßes funktionieren kann? Glaubst du, daß es selbst mitden raffiniertesten Mitteln für Sterbliche möglich ist,das Undurchdringliche zu erforschen?«Das Spektrum von Blauviolett flammte ungeduldigauf. »Das Undurchdringliche, beim Nukleus! Grün,dein Fehler ist, daß du einfach nicht von der Erziehungloskommst, die du in deiner Jugend erhaltenhast, als die Renaissance erst am Beginn stand. DeineKunstwerke haben durch die neue Ausdrucksfreiheitgewonnen. Weshalb löst du dich nicht auch auf anderenGebieten von dem alten Aberglauben?«Grün schwieg unglücklich.»Wovor hast du Angst? Daß wir versagen und daßdie Götter uns in ihrem Zorn vernichten werden?«»Nein«, erwiderte Grün langsam, »ich habe Angst,daß du es schaffst.«Blauviolett sandte einen Zugstrahl aus und holtedas Luftauto herauf. »Ich schätze, es hat keinen Sinn,mit dir zu diskutieren. Ich muß dir beweisen, daß duim Unrecht bist; aber hoffentlich macht es dich nichtwahnsinnig.«Blauvioletts Assistent wartete mit einem leichtenGleiter am Fenster. »Alles in Ordnung?« fragte derWissenschaftler.»Alles in Ordnung. Es standen ein paar Nichtstuerherum, aber ich konnte keine Priester darunter er-


kennen. Sie sind vermutlich alle in Neuasien undnehmen an den Andachten teil.«Grün stieg ein, und sie schwebten sanft von demriesigen, zylindrischen Gebäude weg. Der Motorsummte leise. Unter ihnen breitete sich das gezackteRelief der Erde aus. Sie überquerten den Golf, derBlauvioletts Labor auf drei Seiten umgab, und jagtenüber Tafelebenen, die mit Felsblöcken bedeckt waren.Von Horizont zu Horizont bewegte sich nichts außerihnen; kein grüner Fleck zeugte von Leben. Die große,heiße Sonne brannte aus einem blauschwarzenHimmel und ergoß eine unaufhörliche Strahlungsflutüber das Land. Hitzewellen verwischten und verzerrtendas Bild. Weit in der Ferne bildete ein winzigerFluß den einzigen Hauch von Kühle gegenüberden Feuerfarben der Ebene.Nackte Zyklopenberge tauchten weiter vorn aufund rückten schnell näher. Sie wichen einer Kette vondonnernden Vulkanen aus, die ihre aschgrauen Gaseund Gesteinsbrocken hoch in die dünne Luft spien.An ihren narbigen Flanken rannen dünne Lavaströmein die Tiefe. Dann wichen die Berge wiederum Tafelebenen,und die wachsende Geschwindigkeit verwischtedie Landschaft zu einem amorphen Strom.*»Ich kann Grüns Standpunkt verstehen«, sagte derAssistent Stunden später. »Bedenke folgendes: UnsereRasse lebt, soviel steht fest, seit mindestens sechzigtausendJahren hier. Und es war schon immer sowie heute. Wir entstehen an jenem – Platz – amNordpol des Planeten. Während unseres ganzen Le-


ens bis zu der Stunde, in der wir zum Sterben zurückkehrenmüssen, ist es uns nicht möglich, demPlatz nahezukommen oder mehr über ihn zu erfahren.Zweihundert Generationen unseres Volkes habenversucht, das einzige Geheimnis zu lösen – und siehaben versagt. Unter diesen Umständen gibt es nurzwei Wege, wenn man den Verstand nicht verlierenwill: Entweder man akzeptiert das Dogma der Priesterund gibt sich selbst ihrem blinden Glauben an dieguten und bösen Götter hin. Oder man stellt sich denPlatz einfach als bisher ungeklärtes Phänomen vor –ein Problem, das die Wissenschaftler bisher nicht gelösthaben, das aber im Laufe der Zeit bestimmt seineErklärung findet.Aber auf keinen Fall läßt sich die Tatsache verleugnen,daß der Platz das Werk von denkenden Wesenist und keine Naturerscheinung. Wir sind keine Geschöpfemit freiem Willen. Wir sind ...Hast du die Werke von Orangerot aus der Antarktisgelesen? Die Oligarchie hat sie natürlich auf denIndex gesetzt – aber er dachte unter anderen, daß wirEigentum sind. Das ist kein sehr angenehmer Gedanke... Mich wundert es nicht, daß so viele in der erstenZeit der Renaissance den Sprung machten.«Grün sah durch den transparenten Boden des Gleitersauf das blaue Meer der Arktis, das vorbeihuschte.Er dachte an den schnellen, leichten Sprung durch dieStratosphäre ins Vakuum, wo die unabgeschirmteStrahlung der Sonne seinen Körper so stark durchflutenwürde, daß er sie weder aufnehmen noch reflektierenkonnte – und dann kam die schnelle, gnädigeVernichtung ... Nein, kein angenehmer Gedanke.


Sie flogen jetzt langsamer und glitten auf einenRing von Bergen zu, die das flache Tal verbargen.Grün sah einen Tempel, der sich an den Hang deshöchsten Berges schmiegte und ein paar Meilen entferntden nächsten. Ein breiter, flacher Vorsprungkam auf sie zu, und der Gleiter landete sanft imSchatten eines niedrigen Berges. Hinter dem Berg ...»Es ist verbotenes Territorium«, signalisierte Blauviolett.»Es ist besser, wenn wir schnell arbeiten. Holdas Luftauto heraus, Gelb.«»Gut, Boß. Soll ich die ganze Anordnung auf denGipfel schaffen?«»Nein. Wir können das Ding auch von hier auskontrollieren, und es ist sicherer so. Setze es ab.«Eine blauweiße Kugel erschien plötzlich über demRand eines toten Vulkans. Sie schwebte einen Momentlang an einem Fleck und kam dann rasch näher.Gelb kletterte in den Gleiter, überlegte es sich andersund stieg dann wieder aus.»Wer ist es?« fragte Blauviolett angespannt.»Ich weiß nicht ... oh, oh, es ist ein Priesterleider.Ich kann die dunklen Streifen am unteren Ende seinesSpektrums erkennen. Diese Typen treten unweigerlichder Kirche bei.«Blauviolett stellte sich neben ihn. »Steig wieder ein.Ich werde mit ihm sprechen.«Der Priester stieß nach unten und hielt hundert Fußüber ihnen abrupt an. »Weshalb entweiht ihr das heiligstealler Heiligtümer?« strahlte er ihnen zu.»Im Namen der Wissenschaft«, erwiderte Blauviolettkurz.Der andere starrte einen Moment lang stumm nachunten und begann dann: »Jüngling, fürchtest du nicht


um deine unsterbliche Seele? Gib diese Torheit aufund verlasse den Ort. Der Zorn der ...«Blauviolett unterbrach ihn. »Ich nehme den Zornauf mich, den du herabrufst. Dieser Standort istwichtig für ein paar Beobachtungen, und ich werdebleiben.«»Du wärst besser beraten, wenn du dich entferntest.Die Götter haben ihre treuen Diener auf Erden;und wenn Sie es verschmähen, dich zu strafen, sowerden wir es nachholen.«»Ich gehe das Risiko ein.«Der Priester wollte noch etwas sagen, doch dannbesann er sich anders und flog schnell fort. Blauviolettbeobachtete ihn, bis er außer Sicht war und liefdann zum Gleiter.Gelb betrachtete den Horizont, hinter dem derPriester verschwunden war. »Aber das war nochnicht der letzte«, sagte er.2Energiestrahlen von Blauvioletts Körper drückten dieTasten auf dem Schaltbrett vor ihm nach unten, unddas leuchtende kleine Luftauto erhob sich und stiegüber den Hang. Der dunkle Schirm neben der Konsoleerwachte zu Leben und zeigte einen Momentlang den wolkenlosen Himmel und wirre Felsmassen;dann, als sich die Maschine senkte, kam das schalenförmigeTal ins Blickfeld. Weit unten in seinem Zentrum,winzig durch die Entfernung, hob sich eineHalbkugel aus schimmerndem, schwankendem Weißvom nackten Boden ab.


Viel zu langsam kam sie näher. Während sie hinsahen,kam eine blutrote Kugel über den gegenüberliegendenRand des Tales; dann folgten zwei weitere.Sie jagten auf die Halbkugel zu und verschwandendarin wie hinter einem flimmernden Vorhang.Grün sah entsetzt weg, aber er drehte sich geradenoch rechtzeitig um, als die drei milchweißen Kugelnhervorkamen und ziellos dahinschwebten. »Gleichgewicht«,strahlte ihnen der Assistent sanft zu. »Geburtgegen Tod.« Blauviolett beobachtete angespanntseine Instrumente und sagte nichts.Die Geschwindigkeit des Luftautos wurde zu einemKriechen, als die Halbkugel den Schirm ausfüllte.Langsam schob es sich unter der sorgfältigen Führungvon Blauviolett vor. Sein Bug verschwand hinterder opalisierenden Barriere; dann folgten die Rezeptorgitter– und der Schirm wurde dunkel.»Oh, verdammt noch mal!« Der Wissenschaftlerüberprüfte vergeblich die Anschlüsse und ließ dasLuftauto wieder vorwärtsgleiten. Eifrig beobachteteer die Bänder seiner Aufzeichnungsgeräte, aber nichtsrührte sich.Immer und immer wieder schickte er das Autodurch den trügerisch dünnen Vorhang. Außerhalbder Barriere funktionierten die Geräte tadellos. Sobalder im Innern war, rührten sie sich nicht.»Es hat keinen Zweck«, sagte er schließlich. »Wirsind wieder geschlagen. Maschinen können dasKraftfeld durchdringen, das uns nur bis auf eineMeile herankommen läßt, aber sie können nichtsdurch die Barriere senden. Ich hätte es mir denkenkönnen, als Kobalt mit seinem ferngesteuerten TelevisionsgerätPech hatte; aber das war vor mehr als


zweihundert Jahren, und keiner wußte, ob er nichteinen Fehler gemacht hatte.«»Und die Bänder?« fragte Gelb.»Nichts. Das Magnetfeld löscht sie. Sie haben offensichtlichan alles gedacht. Das hier war mein stärkstesGeschütz, und es hat versagt.«»Ich sollte es vielleicht nicht sagen«, meinte Grünabrupt. »Aber ich bin froh.«»Ach, verschwinde doch!« blitzte ihm der Wissenschaftlerzu. Und dann: »Tut mir leid, Grün. Ich habees nicht so gemeint. Kommt, wir gehen lieber.«Die Nacht war hereingebrochen, als sie das Laborerreichten. Sie ließen den Gleiter im Erdgeschoß undschwebten den Mittelschacht hinauf, bis sie zu BlauviolettsWohnung im obersten Stock kamen, wo sichdie Energielampen befanden. Blauviolett schaltete sieein, und die drei aalten sich in der lebensspendendenStrahlung.»Du kannst ohne deine Lampe nicht zum Studiozurückgehen«, sagte der Wissenschaftler niedergeschlagen.»Bleib lieber bis morgen bei mir.«»Gut«, erwiderte Grün.Jetzt, da es vorbei war, fühlte er sich merkwürdigerleichtert. In seinem Innern waren immer nochZweifel und Unsicherheit, aber die schreckliche, bedrückendeFurcht, die ihn gequält hatte, ließ bei derwohltuenden Energieflut nach. Er war angenehmüberrascht, daß er sogar an ein neues Werk denkenkonnte – etwas in Malachit vielleicht. Er war es leid,immer nur Kunststoffe zu bearbeiten. Und als Thema...Er griff nach seiner Tasche, die auf einer nahenWerkbank lag, und holte ein Sphäroid aus klarem


Glas hervor, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt war. Indieser Flüssigkeit konnte er Myriaden von winzigen,wimperbehafteten Tierchen sehen, die sich in ständiger,zielloser Bewegung befanden.Er beobachtete sie lange Zeit aufmerksam undformte im Geiste eine Statue, die auf ihrer pantoffelartigenGestalt aufbaute und die kinetischen Beziehungenihrer Bewegungen ausdrückte. Dann bemerkteer vage, daß Blauviolett irgend etwas sagte.»Was?«»Diese Dinger – was sind sie?«»Ach, die hier? Eine Art Super-Wichte. Ich besuchteletzte Woche Safranorange, und er gab sie mir für eineKopie meiner ›Würfel‹ – du weißt schon, die ausblauem Kristall. Du mußt irgendwo einen Abguß haben...«»Ja, ja, natürlich. Aber was meinst du mit Super-Wicht?«»Oh. Also, du weißt, was normale Wichte sind:Kleckse aus einer bestimmten chemischen Verbindung,die eine Art Pseudoleben zu haben scheinen.Safranorange spielte mit einigen davon herum, die erin seinem Labor hergestellt hatte, und kam auf dieIdee, sie mit Strahlen von verschiedener Wellenlängezu bombardieren. Einige Strahlen brachten sie natürlichum, aber andere hatten ganz komische Wirkungen.Er könnte dir das genauer erklären – durch mancheStrahlen wuchsen sie schneller, durch anderelangsamer und so fort. Schließlich fand er eine Frequenz,die sie irgendwie veränderte. Wenn sie sichteilten, wurden die Hälften ganz anders. Er machtedamit weiter, und schließlich erhielt er die Dingerhier. Sie sind keine formlosen Materiekleckse, son-


dern haben eine bestimmte Form und Fäden an denSeiten, mit deren Hilfe sie herumschwimmen können.Ich ...«»Aber warum hat er das nicht veröffentlicht?«»Ich schätze, er hielt es nicht für so wichtig. Siesind auch nur eine Kuriosität. Wenn ich gewußt hätte,daß du dich dafür interessierst, hätte ich sie dir schonfrüher gezeigt.«»Und ob es mich interessiert!« strahlte Blauviolettheftig aus. »Gib mir das her, du Idiot!«Gelb schwebte durch den Raum und gesellte sichzu ihm, als er die Schale aufnahm und den Inhalt anstarrte.»Was denkst du, Boß?« fragte er.»Das sind tatsächlich Super-Wichte. Sie sind verbessert.Wenn man sie aus normalen Wichten gewinnt,dann könnte man den Prozeß doch fortsetzen...?«»Bis man Super-Super-Wichte hat?«Blauviolett sah ihn an. »Nein. Bis man irgendeine Intelligenzentwickelt hat – eine Intelligenz, die zum Platzvordringen kann und uns sagt, was sie gesehen hat.«»Also, hör mal, Blauviolett«, blitzte ihn Grün an,»das geht zu weit.«»Glaubst du?«»Intelligente Materie!«»Weshalb nicht? Weil wir die einzige bekannte Lebensformmit Intelligenz sind, dürfen wir noch langenicht annehmen, daß wir die einzige intelligente Lebensformüberhaupt sind.«»Aber angenommen, du könntest so ein Geschöpfmachen – es ist phantastisch, aber nehmen wir eseinmal an. Wie würdest du dich mit dem Ding verständigen?«


»Ich weiß nicht. Telepathisch vielleicht. Damit beschäftigeich mich erst, wenn ich soweit bin.«Grün spürte, wie Zorn in ihm hochstieg. Er wußte,daß das unvernünftig war, und er war um so zorniger,weil er es wußte.»Du bist wahnsinnig!«»Vielleicht – geh lieber ins Dunkel nach unten,Grün, und ruhe dich ein wenig aus. Du bist überarbeitet.Ich spreche morgen mit dir, wenn du dich erholthast. Komm jetzt, Gelb, wir haben noch viel Arbeit.«Grün sah mit hilfloser Wut, wie sie gingen.*Grün sagte langsam: »Tut mir leid, daß ich letztenMonat so explodierte; ich weiß selbst nicht, was mitmir los war.«»Vergiß es. Wir haben alle mal unsere schlechteLaune. Willst du sehen, was Gelb und ich geschaffthaben?«Es standen Reihen mit geräumigen Tanks im Mittelpunktdes Raumes, jeder von einer Lampenbatteriebestrahlt. Blauviolett führte ihn an den Tanks vorbei.Einer enthielt Hunderte verschiedener Protozoen, diehin und her wirbelten. Im nächsten waren winzigeGeschöpfe mit harten Panzern, die Gelenkglieder besaßen.Im nächsten wieder befanden sich Zellenhaufenund Farngewächse.»Erstaunlich ist vor allem die Vielzahl«, sagteBlauviolett. »Alle Arten von Monstrositäten werdengeboren, aber die schlimmsten sterben oder vermehrensich nicht. Es scheint gar kein Ende zu nehmen.«


Er machte eine Pause. »Grün, das ist der tollsteKnüller des Jahrtausends. Hier verbergen sich einDutzend neuer Wissenschaften; ich bin erst ganz ander Oberfläche. Ich habe bis jetzt noch nichts veröffentlicht– hat keinen Zweck, mit der PriesterschaftKrach zu bekommen. Aber ich habe mit Safranorangeund einigen anderen gesprochen. Sie sind alle begeistertund machen ebenfalls Experimente.Allerdings gibt es eine Menge Schwierigkeiten, vondenen ich nichts gewußt habe. Sie brauchen nicht nurWasser, um leben zu können, wir müssen auch ständigSauerstoff in die Flüssigkeit pumpen.«»Sauerstoff? Weshalb?«»Zur Verbrennung. Sie bekommen ihre Energiedurch chemische Reaktionen. Und noch etwas – siefressen einander auf.«»Sie – was?«»Sie fressen einander auf. Sie brauchen schließlichetwas als Brennstoff, verstehst du? Also gut, sie verbrenneneinander.« Er führte Grün zum ersten Tankzurück. »Da – sieh dir das an!«Eine Hydra hatte die sechs Arme vorgeschnellt undsich ein heftig zappelndes Protozoon geschnappt.Während sie zusahen, sog sie das widerstrebendeTierchen in den eigenen Körperhohlraum und verschlanges.Grün zog sich zurück. »Das ist – grauenhaft.«»Aber auch faszinierend.«»Ja, das auch. Aber – die Sache gefällt mir nicht,Blauviolett. All dieses hungrige, grausame, unvernünftigeLeben! Hast du hier etwas ins Rollen gebracht,das du nicht mehr aufhalten kannst?«Blauviolett wirkte nachdenklich. »Ich glaube nicht


– ohne meine Betreuung könnten die Wesen nicht leben.Ob ich allerdings die Willenskraft zum Aufhörenhabe, ist eine andere Frage. Ich glaube nicht, daß iches freiwillig täte, selbst wenn es einen guten Grunddafür gäbe – was bisher nicht der Fall ist. Weshalbfragst du?«Grün wollte antworten, doch er unterbrach sich, alsGelb in das Zimmer schoß. »Boß!« strahlte er erregt.»Priester kommen!«»Wie viele?« fragte Blauviolett scharf.»Dutzende – in Panzergleitern. Vom Westen.«Blauviolett jagte zum Fenster, gefolgt von Grün.Eine Flotte von fünf großen Booten kam mit grimmigerEntschlossenheit auf das Gebäude zu. »Das istkein Nachmittagsbesuch«, sagte er. »Hast du eineBatterie?« Er wandte sich blitzschnell ab, ohne GrünsAntwort abzuwarten.»Gelb!« Der Assistent kam blitzschnell zurück insZimmer und zog einen großen metallischen Zylinderauf Rädern hinter sich her. Dann holte er drei kleinereAusgaben des Apparats. »Ah, da bist du ja. BraverBursche!«Er warf einen der kleinen Zylinder Grün zu. »Da,fang!« Wie gelähmt vor Furcht, ließ Grün ihn zu Bodenfallen. Die näherkommende Armada jagte aufdas Gebäude zu und verteilte sich dann mit militärischerPräzision um das Labor. Ein harter Energiestrahlging haarscharf an ihm vorbei und zerstörte einpaar Geräte hinter ihm. Er duckte sich ängstlich undhob den kleinen Zylinder auf.


3An der gegenüberliegenden Wand kauerten Blauviolettund Gelb je an einem Fenster, Blauviolett mit demgroßen Zylinder und Gelb mit den beiden kleinen.Als die Flugzeuge vorbeirasten, entnahmen sie denBatterien Energie und gaben sie in hellen, tödlichenStrahlen wieder von ihren Körpern ab. Immer undimmer wieder sprangen sie zur Seite, als vernichtendeStrahlen die Stellen trafen, an denen sie Sekundenzuvor gestanden hatten. Das Innere des Raumes warein heilloses Gewirr.Grün wollte fliehen und sich in der entferntestenEcke verstecken, wo ihn diese suchenden Strahlennicht finden konnten, aber er zwang sich, am Fensterzu bleiben und die konzentrierte Energie aus demZylinder zu holen. Dann, als die Angreifer vorbeikamen,jagte er ihnen die Strahlen entgegen. Sein Strahlfand eine Öffnung im Bug eines Bootes, der einenMoment lang ungeschützt war. Der Pilot wurde sofortschwarz und explodierte in einer einzigen Stichflammeaus Energie. Das Boot kippte nach unten,schwankte und wurde von den anderen Insassen abgefangen.Grün hatte mehr Angst als je zuvor.»Zwei erwischt«, sagte Blauviolett. »Grün hatschätzungsweise einen erledigt. Wie geht es bei dir,Gelb?«»Bis jetzt alles in Ordnung.«Blauviolett verfolgte ein Boot mit seinem Strahlund bemühte sich, eine Öffnung zu finden. Plötzlichdurchzuckte ein heftiger Schock seinen Körper, under sah, wie seine Aura da, wo ihn ein Strahl gestreifthatte, dunkel wurde. Verzweifelt holte er aus der


großen Batterie neue Kraft. Der schwarze Fleck wurdeunerbittlich größer ... Und dann war Gelb nebenihm und überstrich den Fleck mit sanften Strahlenvon seinem eigenen Körper. Der Fleck wurde kleinerund verschwand.Er sah wieder aus dem Fenster, aber die Booteschienen verschwunden zu sein. »Sie haben sich zurückgezogen,um ihre Verluste zu zählen«, sagteGelb. »Aber sie werden in ein paar Minuten wiederda sein. Sie können einen gebührenden Abstand einhaltenund uns mit Strahlen beschießen, bis das Gebäudezusammenkracht. Was sollen wir tun?«Blauviolett sah sich verzweifelt um. In der anderenEcke des Raumes sagte Grün armselig: »Oh, Götter!Noch nichts! Es ist ohnehin bald genug aus. Nochnicht! Noch nicht!«»Verschwinde!« blitzte Gelb ihn an, aber ohne Erfolg.Während die Minuten verstrichen, zerbrach sichBlauviolett das Gehirn nach einem Ausweg. Fluchtwar zwecklos. Sie konnten sich nirgends verstecken,und ihre Waffen waren zu schlecht. Ein scheußlichesDilemma.Es war merkwürdig, daß er so gelassen bleibenkonnte, obwohl er in spätestens einer halben Stundetot sein würde. Es stimmte also, daß man kurz vordem Tod eine Art Gehirnlähmung spürte – und nichtHysterie und Entsetzen, wie er geglaubt hatte. Abernein! Er schweifte ab. Es mußte irgend etwas geben –Nichts. Die Instrumente, die von den Strahlen verschontgeblieben waren – Energielampen, Drehbänke,metallverarbeitende Werkzeuge – nützten ihm nichts.Im Gegenteil, das scheußliche Durcheinander auf


dem Boden hemmte nur. Die zersplitterten Tanks, diewinzigen Organismen, die in dem dünnen Rest Wasserherumkrabbelten und -zappelten ... das Wasser!Das Wasser!»Da kommen sie«, sagte Gelb.Der artesische Brunnen – der Druck würde genügen.Schnell! Er gab dem Assistenten blitzschnelle Befehleund wartete nicht, ob sie ausgeführt wurden odernicht. Er selbst jagte durch den Mittelschacht in einenGeräteraum ganz unten. Fieberhaft durchwühlte erBerge von altem und unbenutztem Material. Erkippte Behälter um und fegte Unrat von den Regalen.Schließlich hatte er gefunden, was er brauchte – einStück biegsamen Gummischlauch.Er zerrte ihn hinter sich her und ließ sich wiedernach oben gleiten. Gelb hatte die Wasserleitung abgesperrt,die sie installiert hatten, und schraubte nun einender Hähne ab. Als Blauviolett zurückkam, jagteder erste Strahl der Angreifer dicht vor ihm in denBoden. Grün stand an seinem Fenster und erwidertezaghaft das Feuer, wobei er ständig vor sich hinfluchte.Blauviolett warf ein Ende des SchlauchesGelb zu.»Schließ das an, oder halte es im Notfall selbst andie Leitung, und drehe sie auf, sobald ich es sage!« Erselbst nahm das andere Ende des Schlauches und rastedamit zum Fenster.»Fertig!« rief der Assistent.Ein Boot kam in sein Sichtfeld, und von denÖffnungen im Bug und im Heck kamen zwei Strahlenauf ihn zu.»Jetzt!«Der Schlauch in seiner Hand wurde hart. Ein


mächtiger Wasserstrahl jagte aus dem Fenster direktauf das näherkommende Boot zu. Er führte ihn so,daß er die beiden tödlichen Strahlen kreuzte. Ein unerträglichgreller Energieblitz, und das Boot war verschwunden.»Ausschalten!« rief er.Das nächste Boot kam vorbei. »Oh!«Es war zu leicht. Bevor die Strahlen ihn erreichenkonnten, schloß das Wasser sie kurz, und die Explosionvernichtete das Boot mit seinen Insassen. Wiedereines erledigt.Und wieder eines.Und dann drehten die beiden letzten um und rastenin blinder Flucht davon.Er ließ den Schlauch fallen und war selbst erstauntdarüber, wie sehr ihn der Kampf mitgenommen hatte.*Monate später wurde Grün bei seinem Flug zum Labormitten in der Luft gestoppt, als er noch zweihundertMeter von seinem Ziel entfernt war. Überraschtund erschreckt sah er die durchaus normale Atmosphärean, die zwischen ihm und dem Gebäude lag.Er versuchte es noch einmal. Wie zuvor prallte er voneiner harten, aber unsichtbaren Barriere ab.Einen Moment später erschien Gelb am Fenster,das ihm am nächsten war. »Oh, hallo, Grün«, signalisierteer. »Warte einen Moment.« Er verschwand.Grün wartete und versuchte es noch einmal. Diesmalhielt ihn nichts auf, und er flog direkt in das Fenster.


Blauviolett tauchte am Eingang auf und begrüßteihn herzlich. »Du bist wohl gegen eine Wand angerannt,Grün?«»Ja. Was auf Erden war das?«»Ein Kraftfeld – ähnlich wie das Feld, das uns amBetreten des Platzes hindert. Du wirst merken, daßwir unsere Verteidigung seit deinem letzten Besuchbeträchtlich verbessert haben.« Er richtete einenStrahl auf die hohen, tödlichen Zylinder, die in ihrenGelenkbügeln neben jedem Fenster standen. »Konverter.Sie wandeln normale, gespeicherte Energie inTodesstrahlen um – so wie es auch unsere Körpertun. Aber sie können weit mehr Energie verarbeiten.Wir dachten, wir hätten eine tolle Erfindung gemacht,als wir das Feld entwickelten, das dich aufhielt.Ich arbeitete eine Unterbrecherfrequenz aus,aber –« Er ließ ausdrucksvoll seine Farben spielen –»sie funktioniert nicht bei dem Feld rund um denPlatz. Je mehr Energie wir dem Unterbrecherstrahlzuführen, desto stärker wird der Widerstand des Feldes.Wir haben es aufgegeben und arbeiten jetzt anden Wichten weiter.«Grün warf einen beunruhigten Blick auf die Tankreihen,die drei Wände säumten, und fragte: »Hattetihr keine Schwierigkeiten mit den Priestern mehr?«»Doch – seit jenem ersten Angriff ging es nahezupausenlos weiter. Safranorange und die anderenwurden auch überfallen – Malve aus Afrika wurdesogar getötet. Wir schickten ihnen die Pläne des Konvertersund des Kraftfeld-Generators, und sie sindjetzt ebensogut geschützt wie wir. Irgendwo muß jemandsein, der nicht dicht hält. Es ist komisch, daßdie Priester jeden von uns fanden. Nun, das ist jetzt


unwichtig geworden. Rate mal, wer mich gesternpersönlich per Videoschirm anrief?«»Wer?«»Der Hohepriester.«»Wirklich?«»Ja. Es war zu ihm durchgedrungen, daß die örtlichenOrganisationen enorme Mengen an Priesternausschickten, um uns zu töten. Wir hatten ein langesGespräch. Er scheint unsere Versuche ebensowenigzu billigen wie die anderen, aber er war vernünftiggenug, um einzusehen, daß die vielen Überfällenichts einbrachten. So befahl er, daß sie eingestelltwurden.«»Das ist – ausgezeichnet«, sagte Grün und drehtesich nervös um seine Achse.»Hm – es ist schön, daß du uns wieder einmal besuchst,Grün. Was hast du in letzter Zeit getrieben?«»Oh, nichts Besonderes. Ein paar Plastiken, aucheine oder zwei Bronzestatuen. Aber ihr interessiertmich mehr. Welche Fortschritte habt ihr gemacht?«Blauviolett glühte. »Ich habe schon auf die Fragegewartet. Um ehrlich zu sein, Grün, ich glaube, esfehlt uns nicht mehr viel – gar nicht mehr viel. Willstdu einmal hierherkommen?«Die Tanks waren angefüllt mit dicht wachsendenPflanzenarten, und dazwischen wimmelten winzigeGeschöpfe umher.»Der Prozeß war zu langsam«, erklärte Blauviolett,»und so fanden wir einen Weg, um ihn zu beschleunigen.Das Feld, das wir um jeden Tank errichtet haben,läßt die chemischen Reaktionen ihrer Körperschneller ablaufen und verkürzt dadurch ihren Lebenszyklus.Von der Geburt bis zum Tode sind es nur


ein paar Wochen. Natürlich können wir sie aus demFeld herausholen und nach Belieben untersuchen.Hier –« Er führte ihn zu einem Tank am Ende derReihe – »hier sind einige unserer neuesten Exemplare,die nicht von einem Kraftfeld umgeben sind undnormal aufwachsen.«Tausende von winzigen Geschöpfen mit Chitinpanzernhuschten durch die Myriaden von Tunnels,die sie in ihren Bau gegraben hatte. Grüns Spektrumzuckte verwirrt.»Intelligenz?«»Nein«, erwiderte Blauviolett bedauernd. »Zumindestnicht sehr viel. Wir waren auch aufgeregt, als wirsie das erstemal beobachteten, aber sie haben sichnicht weiterentwickelt. Offenbar das Ende einer Entwicklungsreihe.Irgendwie hat die Größe damit zutun, wenn wir auch nicht wissen, worin der Zusammenhangbesteht. Wir haben schon unsere Erfahrungenmit anderen Gruppen von Wichten gemacht. Sieentwickeln eine Art Verstand, aber das hört an einergewissen Grenze auf. Dieser allerdings ...«Im letzten Tank befand sich eine Gruppe von behaartenGeschöpfen mit weichem Fleisch. Es warenVierfüßler, und ihre Vordergliedmaßen erinnerteneher an Arme als an Beine. Einige von ihnen kämpftenspielerisch miteinander; andere kletterten auf dieBäume und holten sich die purpurnen, büschelförmigenFrüchte herunter, oder sie streiften einfach neugierigam Boden umher. Während Grün hinsah,nahm einer einen Stein auf und schlug damit dieSchale einer Nuß ein.»Werkzeuge«, sagte Blauviolett. »Das ist derSchlüssel. Ihre Körper sind weich und schwach. Sie


sind gezwungen, sich Hilfsmittel zu besorgen. Dashier«, sagte er mit einer umfassenden Geste, »ist erstder Beginn. Noch ein paar Wochen, und wir wissenmehr. Davon bin ich überzeugt.«Grün betrachtete ihn nachdenklich. »Und die Verständigung?«»Das haben wir auch fast geschafft. Gelb hat aufdiesem Gebiet wirklich großartige Arbeit geleistet. Erhat das da gebastelt.« Er nahm einen metallischenKegel auf, der mit Kupferdrähten an einer Batterie befestigtwar. »Zum Glück haben sie die gleichenDenkprozesse wie wir. Sie sind elektrischer Natur.Dieser Mechanismus nimmt die elektronischen Wellenauf und verstärkt sie so, daß wir sie empfangenkönnen. Es ist noch nicht vollkommen – Gelb hat einTeil davon unten und zieht neue Drähte ein – aberwir konnten bereits schwache, ziemlich wirre Gedankenbildervon einigen Wichten übertragen.«Grün trug immer noch seine Ausrüstung. Langsamschob er einen Strahlungsfinger in die Tasche undholte den glänzenden Zylinder einer Batterie heraus.Bevor Blauviolett etwas sagen konnte, ging von seinemKörper ein schmaler, greller Strahl aus undschmolz den winzigen, sorgfältig gearbeiteten Kegel,der auf dem Tisch lag.»Es tut mir leid, Blauviolett«, sagte Grün. »Rührdich nicht. In Kürze muß ich auch dich umbringen.«Blauviolett starrte ihn stumm und verständnislosan. »Grün! Dann – warst du der Spion ...«»Du bist zu weit gegangen. Ich habe versucht, dichaufzuhalten, aber du wolltest nicht hören. Ich muß estun, ich muß einfach.«»Grün, hör mir zu!«


»Nein. Jetzt hörst du zu. Es ist nicht mehr viel Zeit.Gelb könnte heraufkommen und mich davon abhalten,dich zu töten. Ich muß dir meine Gründe nennen.Es ist nicht so, daß ich nur um mich selbst Angst habe.Ich denke an die zukünftigen Generationen. Duwillst dem Leben seinen festen Halt nehmen; duwillst den Schleier zerreißen, der das Leben erträglichmacht. Was soll aus uns werden, wenn du alles herausfindest,wenn du es der Welt erzählst und alle Bescheidwissen? Du bist egoistisch, Blauviolett, daß dunicht an diese Dinge denkst. Und deshalb mußt dusterben. Deshalb –« Er machte eine Pause. »Deshalbmußt – du ...«Blauviolett sah, daß die Aura des anderen sichlangsam verdunkelte und dann rot wurde.»Ich – etwas ...«Verzweifelt warf Blauviolett seine Kraft gegen denkleinen Zylinder, den der andere mit einem dünnenEnergiestrahl festhielt.»Nein! Ich bin so schwach. Nein! Ich kann nicht –noch nicht! Du ...«Ein tödlicher Strahl jagte aus einem Körper, doch erhatte einen stumpfen Glanz. Er prallte ohne Kraft anBlauvioletts Verteidigungsschirm ab. Und im gleichenMoment riß der Strahl, der den Zylinder mitseinem Körper verband, und Blauviolett schleudertedie Batterie in einer Ecke.Grün starrte ihn einen Moment lang stumpf an,und dann tanzten irrsinnige kleine Lichter über dieweinrote Oberfläche seiner Aura.


4Immer weiter nach Norden kam Grün, und er flogwie in einem schrecklichen Traum immer schneller,obwohl er es gar nicht wollte. Er schrie seinen Protestheraus, aber niemand hörte ihn. Er stemmte sich mitaller Kraft dagegen an, aber ein unwiderstehlicherZwang riß ihn weiter.Die öde Welt glitt unter ihm vorbei: Ebenen, wildeVorberge, dann höhere Gipfel. Die schroffe Flanke eineraufragenden Felsnadel kam auf ihn zu; er konnteweder anhalten noch ausweichen, sondern stieß dagegen,prallte ab und rollte dann schnell den holprigenHang nach oben.In wahnsinniger Furcht wollte er sich nach obenschleudern, durch den Vorhang der Atmosphäre hindurch,immer höher, bis der sanfte Tod kam. Aber dieEbene unter ihm entfernte sich nur ein Stückchen undglitt dann wieder unerbittlich und gleichmäßig anihm vorbei. Noch nicht, Götter!Vulkane erschienen vor ihm und geiferten ihm zu.Er glitt mitten durch eine dichte Säule heißen Gases,in der Gesteinsbrocken mit hochgeschleudert wurden.Dann floh er weiter, und die Vulkane bliebenhinter ihm zurück.Schneller und schneller ... nur noch so wenig Zeit! DieLandschaft unter ihm wurde verwischt, und er schoßganz allein durch eine graue, unfreundliche Leere.Gibt ... es ... keine ... GERECHTIGKEIT ... auf ... der ...Welt? Aber keiner hört zu. Keinen rührt es. Alles, wasich getan habe – alles, was ich erreicht habe – umsonstHalt, halt! Du kannst mir das nicht antun, hörstdu? HALT!


Aber das Meer unter ihm war die Arktis, und derLandsaum weiter vorn ... HALT!Der Kranz der Berge kam näher. Die blauweißeKugel eines jungen Priesters kam aus einem derTempel, die an den Flanken verstreut lagen, und betrachteteihn ohne Neugier.Dann hatte er die Berge überquert, und der Augenblickkam näher. Die schimmernde Halbkugel desPlatzes schwamm heran; näher, näher – unendlichfurchterregend, unendlich schön. Sie holte aus undhüllte ihn ein, und dann war er im Innern.Grün war wahnsinnig. Die aufragenden Ungeheuerum ihn waren so fremd. Kleine, schwankende Farbspurenliefen über seinen blutroten Körper, als er –weder glücklich noch unglücklich – auf den Mittelpunktder Halbkugel zuschwebte.Aber im letzten Moment, der ihm noch blieb, sah erdurch einen goldenen Nebel die rätselhaften Titanen-Maschinen, an denen er vorbeikam, und dann, imMittelpunkt, ein flimmerndes Labyrinth von verrücktenFarben und komischen Winkeln. Soviel sah ermit gleichgültigen Blicken, und dann umschloß ihndas dunkle, kalte Vergessen für immer.*Schnell schob sich der kleine blutige Kopf durch; dasWunder der Geburt war vorüber. Einen Moment langlag das winzige Geschöpf neben seiner Mutter, unddann nahm sie es auf und lief so schnell mit ihm davon,daß man sie nicht verfolgen konnte.»Hast du das gesehen?« strahlte Gelb aus.»Ja. Das könnte es sein. Schalte das Feld aus


Das Gewimmel in dem riesigen Tank wurde plötzlichlangsamer, und die Miniaturwelt zeigte ihr blühendesLeben. Kleine Wesen strichen durch die niedrigenBerge und lauerten in Liliput-Dschungeln und -Wäldern auf Beute.»Da!« Die Mutter ruhte in einer Waldlichtung aus,und ihr bereits halb erwachsenes Kind spielte nebenihr.»Was glaubst du?«»Es ist möglich – der Kopf ist größer und die Behaarunggeringer. Schalte das Feld wieder auf volleStärke ein.«»Sollten wir ihn nicht markieren?«»Nein. Wenn er das ist, was wir vermuten, werdenwir ihn auch so wiederfinden. Fang an!«Wie aus der Zeitlupe heraus wurde das Bild wiederschneller, bis sich die Bewegungen verwischten. Siewarteten ungeduldig, während sich die Minuten zuStunden dehnten. Keiner von ihnen wollte seinenPlatz verlassen, um anderen Aufgaben nachzugehen.Blauviolett sah zum hundertsten Mal auf die Uhran der Wand und sagte endlich: »Jetzt müßte es reichen.Sehen wir nach!«Gelb drückte auf den Kontakt, und die Szene wurdewiederum langsamer. Es hatte sich während derJahre, die wie Minuten verstrichen waren, wenig Auffälligesgeändert. Kinder krabbelten immer noch überdas Moos am Boden des Tanks, aufmerksam bewachtvon ihren Müttern. Aber es waren nicht die gleichenKinder. Die ergrauten Alten von jetzt waren die Jugendlichen,die vorher miteinander gespielt und sichgebalgt hatten. Irgendwo unter den lauten, geschäftigenMännchen, die jetzt durch die Berge und Täler


streiften, mußte sich derjenige befinden, den siesuchten.Eine Zeitlang entdeckten sie nichts. Die Männchenin der Umgebung hatten den gleichen Pelz und diegleichen vorgewölbten Augenbrauen wie ihr Väter.Nirgends konnte man einen bedeutenden Unterschiedfeststellen.Und dann sahen sie ihn. Er lehnte an der durchsichtigenWand des Tanks und starrte mit großen,verwunderten Augen nach draußen.Blauviolett betrachtete ihn mit Staunen und Befriedigung.»Neugier«, sagte er. »Die anderen nehmenihre Welt als selbstverständlich hin. Er macht sichGedanken.«Während sie ihn beobachteten, nahm er einen Stockauf, der neben ihm lag, erhob sich aus seiner zusammengekauertenStellung und stieß dabei gegen einenseiner Gefährten, der ziellos am Rand des Tanks umherwanderte.Der andere war größer und hatte kräftigereMuskeln. Er fletschte sofort die Zähne undsprang dem Mann an die Kehle. Einen Moment langrollten sie beide am Boden dahin. Dann machte sichihr Schützling frei und hob den Stock, den er immernoch in der Hand hielt. Mit groben Schlingen war anseinem Ende ein spitzer Stein befestigt. Die Waffe trafden Gegner am Kopf, und er fiel blutend zu Boden.»Das genügt«, sagte Blauviolett. »Hol ihn heraus.«Gelb wartete bereits am oberen Ende des Tanks.Ein Zugstrahl schnellte vor und holte den Sieger vorsichtigvon dem betäubten Gegner fort. Er legte ihnauf eine weiche Plattform.Mit sorgfältigen Bewegungen paßte Blauviolett einenMetallkegel an den Kopf des Tieres an. Die


Drähte, die von dem Apparat ausgingen, waren mitseinem eigenen Körper verbunden. Er überprüftenoch einmal die Verbindungen und schaltete dannein.»Hörst du etwas?«»Bist jetzt spüre ich nur Furcht ... ich muß versuchen,ihn zu beruhigen. Moment ...Da! Er hat immer noch Angst, aber seine Neugierwird stärker. Die Bilder sind sehr viel klarer als je zuvor... Er sieht mich. Er fragt sich, was ich sein könnte.Jetzt befehle ich ihm, daß er zu mir kommen soll.«Der Zweifüßler zögerte, dann kletterte er vorsichtigvom Podium herunter und starrte mit offenem Mundzu ihnen auf.»Ausgezeichnet. Nimm ihm den Kegel ab undbringe ihn her, Gelb.«»Du willst den Versuch jetzt machen?«»Natürlich.«»Aber glaubst du nicht ...«»Nein! Der hier genügt, ich bin überzeugt davon.Du weißt nicht, was das für mich bedeutet, Gelb.Wenn ich mit diesem Experiment Erfolg habe, kannich glücklich sterben.«»Schön, Boß.«»Du hast keine Angst wie Grün, oder?«»Nein. Nein, natürlich nicht.«Gelb erschien es nur so, als sei der Erfolg einfach zufrüh gekommen. Er hatte ihn seit einiger Zeit erwartet,aber dennoch ... Während sie nach Norden eilten,brachte sie jede Sekunde näher an das endgültigeZiel. Und das war eine beunruhigende Erkenntnis.Nein, er hatte keine Angst wie Grün.Aber er hatte ein unbehagliches Gefühl. Trotz der


Ausbildung, die er erhalten hatte – Blauviolett hatteihn gleich nach seiner Geburt adoptiert – ließ sich diegrundsätzliche Unsicherheit nicht ausmerzen. DerPlatz war für sein Volk tabu. Und es stimmte, was ergesagt hatte: »Wir sind – Eigentum. Das ist kein angenehmerGedanke.«Bald. Er warf einen Blick auf den zitternden, verwirrtenZwerg, der sich gegen die Wand des Bootespreßte. Durch dieses plumpe Ungeheuer würden sieversuchen, das Geheimnis ganzer Zeitalter zu entwirren.Und wenn es ihnen gelang – was dann?Er sah weiter hinten eine schnelle Bewegung unddrehte sich schuldbewußt um. Es war seine Aufgabe,Wache zu halten, und er träumte einfach vor sich hin.Da war es wieder. Eine Gestalt, die sich schnell imSchutz der herantreibenden Sturmwolken näherte.»Boß!« sagte er drängend. »Wir werden verfolgt.«Blauviolett starrte ihn an. »Was? Wo?«»Da – siehst du? Sie verringern den Abstand.«»Also doch«, sagte der andere nachdenklich. »Ichhätte damit rechnen müssen – aber sie können dochnicht die ganze Zeit auf uns gewartet haben. Dennoch...« Er schaltete die Reservebatterie ein, und das Bootschnellte vorwärts.Sie betrachteten den wechselnden Horizont eineZeitlang schweigend, und dann schrie Gelb wiederauf: »Da! Links – noch einer. Er versucht uns denWeg abzuschneiden.«»Ja, ich sehe ihn. Offenbar haben sie gründlicheVorbereitungen getroffen. Wir hätten es einkalkulierenmüssen.«»Wenn wir es bis zum verbotenen Gebiet schaffenkönnen ...«


»Vielleicht folgen sie uns sogar dorthin; aber siewürden sich psychologisch im Nachteil befinden. Ichglaube, es ist unsere einzige Chance.«Sie beobachteten angespannt, wie der erste Verfolgerzurückfiel und dann allmählich wieder ihre Geschwindigkeiterreichte. Der andere war schneller. Erkonnte ihnen jeden Moment den Weg abschneiden.»Halte den Wicht fest«, sagte Blauviolett drängend.Während er das Schiff immer noch mit einem dünnenEnergiestrahl lenkte, nahm er aus einer Wandöffnungdie schlanke Röhre eines Konverters. »Schieße, bis ichHalt rufe!« Das tödliche schnelle Boot jagte ihnen inden Weg. Seine Strahlen waren bereits eingeschaltet.Gelb ließ die volle Energie des Konverters los, den erdurch eine Öffnung des Schiffes nach draußen hielt.Dann brachte Blauviolett das Schiff mit einer abruptenSchleife gefährlich nahe an den Gegner heran.Der andere Pilot scherte verwirrt aus, und sie gewannenAbstand. Doch das erste Boot war nähergekommen,und nun wurden sie von zwei Verfolgernmit Strahlen bombardiert.Blauviolett setzte zu einem Zickzack-Kurs an. Gelbschoß durch die Heckluke und versuchte so genauwie möglich zu zielen. Er sah, wie das nähere Schiffschwankte und zurückfiel, als sein Pilot sich gefährlichverdunkelte. Ein kurzer Blick nach unten verrietihm, daß sie sich bereits über dem Arktischen Meerbefanden.In den Tempeln an den Berghängen wimmelte esvor Priestern. Als sie vorbeirasten, schickte man ihnenStrahlenbündel nach, aber sie reichten nicht weitgenug. Und dann waren sie über dem Kreis der Bergeund landeten sanft an einem Hang.


Blauviolett versteckte das Boot in einer Schluchtkurz vor der Barriere. Er sah sich suchend um. DieVerfolgerboote schwebten über den Berggipfeln undzögerten, weiterzufliegen. Strahlen wurden ihnennachgeschickt, aber sie prallten harmlos an den Felsenab.»Geschafft!« sagte er. »Wie wir hier herauskommen,ist eine andere Frage, aber wenigstens sind wirhier.«Er hob den Zweifüßler hoch und stellte ihn insLicht. »Er ist unverletzt«, sagte er befriedigt. »DenKegel, bitte.«Gelb gab ihm wortlos das Instrument.Drängende Gedanken bestürmten das verwirrteGehirn des Menschen. Er durfte keine Angst haben ...Sie wollten ihm nichts tun ... Wer waren sie? Aber derGedanke war schwach und brach schnell zusammen.Die Frage war zu schwer für ihn. Er durfte keineAngst haben ...Aber es waren Feinde in der Nähe, die ihm Leidzufügen wollten. Um ihnen zu entfliehen, mußte er indas Tal hinuntergehen, in das Innere der großenHalbkugel. Dort würde er sicher sein.Dort würde er sicher sein ... Er mußte hinuntergehen... Immer wieder, mit hypnotischer Kraft. Unddann mußte er umkehren ...Er konnte es nicht verstehen. Aber die Befehle warenüberwältigend. Sein unentwickeltes Gehirnkonnte ihnen nicht widerstehen. Jetzt kam es ihm sovor, als habe er immer schon gewußt, daß er in dasgroße Ei hinuntergehen mußte ... Und dann mußte erwieder umkehren ...Er raffte sich ungeschickt auf, um an der durch-


sichtigen Wand vorbeizukommen, die ihn vom Talfernhielt. Und dann wurde das harte Ding von seinemKopf genommen, und eine unsichtbare Kraft hobihn sanft auf und setzte ihn auf den felsigen Boden.Er sah auf und war entsetzt. Anstatt des vertrautenHimmels seiner Kindheit, den ein Mann vielleichteinmal erreichen konnte, wenn er einen Weg nachoben entdeckte, sah er hier eine azurblaue Weite, dieunvorstellbar fern war, so fern, daß sein Gehirn dieEntfernung nicht aufnehmen wollte. Schwindelpackte ihn plötzlich. Er schwankte, stolperte und fielzu Boden.Der rauhe Sturz brachte ihn in die Wirklichkeit zurück.Er rappelte sich aus der kleinen Rinne hoch undbegann ins Tal zu klettern.Es war weiter, als er gedacht hatte. Die schimmerndeHalbkugel rückte in die Ferne, als er denBerg hinunterstieg, doch ihre Größe nahm in seinenGedanken ständig zu.Doch er gab auch diese Gedanken auf. An solcheriesigen Maße durfte man nicht denken. Er mußtenach unten gehen – und dann mußte er wieder umkehren...Er mußte nach unten gehen ... und dann mußte erwieder umkehren ...Die Halbkugel stieg gigantisch vor ihm auf, als erüber den Talboden näherkam. Sie erfüllte sein Sichtfeldund wurde schließlich irgendwie unwirklich. Erging mechanisch auf sie zu, halb im Traum, undwußte, daß er sie betreten mußte, daß er wieder umkehrenmußte ... und dann würde der Traum vorbeisein.Er zögerte, als er vor dem schimmernden Vorhang


stand. Es war keine Öffnung da. Er war fest – odernicht?Er ging vorwärts. Einen Moment lang war alles wieausgelöscht, doch bevor er sich zurückziehen konnte,hatte er die Barriere überwunden und befand sichwiederum in einem fremden Land, das golden umschleiertwar.Er stand einen Augenblick da und starrte mit offenemMund die ungewohnten, hoch aufragendenFormen an, die ihn umgaben. Dann wandte er sichzum Gehen, aber etwas hielt ihn fest. Er spürte dieNähe von etwas Unsichtbarem. Das Ding war ganznahe und doch noch unvorstellbar fern. UnsichtbareKräfte hielten ihn, so daß er sich nicht rühren konnte,und fremde, leidenschaftslose Gedanken suchten inseinem Gehirn.Es entstand eine endlose Pause, und dann merkteer, daß das Ding andere geholt hatte. Er war von denStrömen ihrer ernsten Gedanken umflutet.Tut mir leid, daß ich euch stören muß, aber das ist etwasganz Neues.Eine Pause.Tatsächlich. Hast du sein Gehirn untersucht?Woher kam es?Das ist interessant: die Energiewesen haben es geschaffen.Wirklich interessant. Das wird den ganzen Verlauf desExperiments verändern.Hast du dem Mentor Bescheid gesagt?Nein. Überraschen wir ihn!Was glaubst du, Dritter?Weshalb er hier ist? Oh, ich verstehe.Inneres Lachen.


Eine blutrote Kugel schwebte durch die schillerndeWand und strebte zum Zentrum der Halbkugel, wodie Perspektive sich zu unmöglichen Winkeln verzerrte.Die Maschinen im Umkreis erwachten zumLeben; neue Energie floß in die Kugel.Er hat es gesehen. Sollen wir ihn mit dem Wissen zurückkehrenlassen?Kommt darauf an. Wenn wir das Experiment wie geplantweiterführen, dann nicht. Es würde den Energiewesendas Gleichgewicht rauben und alles in Trage stellen.Aber haben wir nicht genügend Daten über die Energiewesenund ihre einfache Kultur! Sie sind schließlich eineganz gewöhnliche Schöpfung. Das hier ist neu.Ganz meine Meinung.Und?Wir haben bisher nicht in ihr Leben eingegriffen. Abervielleicht sollten wir es jetzt vorsichtig tun.Was hast du vor?Ich schicke ihn zurück und gebe seinem kleinen Gehirndie nötigen Informationen mit. Dann veranlassen wir sie,die Arbeit in dieser Richtung fortzusetzen. Vielleicht liefernsie uns noch mehr Daten. Und allmählich lassen wirdie Energiewesen aussterben. Wir übergeben diesen Planetenden Dingen, die sie geschaffen haben.Wir werden uns um die Religiösen kümmern müssen,sonst vernichten sie das neue Leben früher oder später.Das kann geschehen.Vorsichtig, Vierter. Du erschreckst ihn mit deinem Suchen.Besänftige ihn. Was will er?Essen. Und eine Gefährtin.Du sollst beides haben, Kleiner. Und noch mehr – deineNachkommen werden deine kleine Welt regieren. Aber er


versteht mich nicht; sage ihm, daß er eine Gefährtin bekommenwird. Das genügt.Schwach und dann immer deutlicher verstand dererste Mensch: Eine Frau würde auf ihn warten ... DieKräfte, die ihn festhielten, lockerten ihren Griff. Ertrat durch die schillernde Barriere und lächelte instürmischer Erwartung.


Der kleine grüne Mannvon Noel LoomisDer kleine grüne Mann mit den rosa Augenbrauenund dem Pfauenfedernschwanz erschien auf derWerkbank aus Steingut, die sich im Chemielabor befand.»Ich warne dich zum letztenmal«, sagte er zuEngar. »Wenn ihr Terraner die Station auf Uranusnicht innerhalb von drei Tagen abbaut, werde ich dienötigen Schritte einleiten.«Er sprach mit einem vogelartigen Pfeifen, so daßEngar immer das Gefühl hatte, er redete nur, um seineigenes Schnarren zu hören. Der kleine Mann war einekomische Erscheinung – bis auf seine goldenenAugen.Gewöhnlich waren seine Augen sanft und weich,doch in diesem Moment war der kleine Mann offensichtlichwütend. Die goldenen Augen brannten miteinem seltsamen Feuer, das Engar Unbehagen einflößte.Natürlich konnte der Mann den Terranernnichts anhaben – aber er wirkte so selbstsicher.Engar, der auf seinem Chromstuhl saß und das Berichtstonbandvor sich liegen hatte, beobachtete diewechselnden Farben der hundert Fuß hohen Ionenaustausch-Säulen.Die Lösungen mit den seltenen Erdensickerten durch die Kunstharze nach unten, under fühlte sich eindeutig unbehaglich. Er rutschte einwenig auf dem Hocker hin und her und notierte insgeheim,daß die Säule Nummer Drei zum Anzapfenbereit war. Er durfte sich von dem kleinen Mannnicht ablenken lassen, denn das Ergebnis war che-


misch reines Praseodym – ein Ergebnis, auf das er seitWochen fieberhaft gewartet hatte.»Ich fürchte, daß du meinen Worten nicht die nötigeAufmerksamkeit schenkst«, sagte der Mann, undseine Vogelstimme stieg um eine Oktave.»O doch«, erwiderte Engar und beobachtete denpfirsichfarbenen Ring, der sich unten an der Säulebildete. Er sah zu dem kleinen Mann auf und wollteihm versichern, daß er ihn achtete, aber das Licht ausden goldenen Augen war zu stark für ihn; er mußtewegsehen. »Schließlich bin ich hier nur Labortechniker«,sagte er.»Technisch gesehen sprichst du die Wahrheit«, erwiderteder Uranier. »Aber moralisch gesehen leugnestdu die Tatsache, daß du für einen Terraner einensehr hohen Rang hast.«Engar war ein stolzer junger Mann, aber er warauch ziemlich bescheiden. Er gab keine Antwort,sondern heftete die Blicke auf die Säule mit ihrenwechselnden Farben.»Jedem außer vielleicht einem Froschmann wirdklar sein, daß nur die besten Wissenschaftler der Erdeauf einen solchen Außenposten geschickt werden.«»Das mag stimmen«, erklärte Engar, »aber dennochbin ich hier im Grunde nichts als ein Arbeiter.«»Du hast einen Vorgesetzten, nicht wahr?«»Ja«, sagte Engar und sah jetzt anstelle der Ionenaustausch-Säuledas herzförmige Gesicht von CorinneMadison mit dem schwarzen Haar und der glatten,weißen Haut. Sie versuchte dauernd ihre Weiblichkeitauszuschalten und geschäftsmäßig zu wirken.Ein Blick auf Corinne genügte, um jeden erkennen zulassen, daß sie das nicht scharfen würde – und Engar


hatte sie gründlich angesehen. »Aber sie hat wahrscheinlichnicht die Erlaubnis, die Station hier abbauenzu lassen.«»Dann muß jemand auf der Erde die Erlaubnis geben«,sagte das Geschöpf. Seine Hartnäckigkeit wurdeallmählich ärgerlich. Plötzlich wünschte Engar,daß er wegginge; es war völlig lächerlich, daß so einGeschöpf ihm drohte. Schließlich hatte die Erde eintechnisches Niveau erreicht, das einzigartig im Sonnensystemwar. Natürlich gab es Einzelwesen – undhin und wieder auch eine ganze Rasse –, die ziemlichungewöhnliche Kräfte besaßen. Aber sie waren insgesamtein Nichts gegen die vereinten Bemühungen derterranischen Technik. Einen Moment lang fühlte sichEngar versucht, den kleinen Mann scharf anzuredenund ihn zum Verschwinden aufzufordern; aber dannerinnerte er sich, daß man ihnen eingeschärft hatte,unter allen Umständen höflich zu fremden Völkernzu sein. Er sagte: »Also schön. Ich werde deine Botschaftzur Erde übermitteln.«Die Stimme des kleinen Mannes erreichte ihrenormale Tonlage. »Ich komme morgen wieder.«Engar wollte gerade auf den Knopf drücken, derdas Anzapfen in Gang brachte. »Euer Tag hat wenigerals elf Stunden«, betonte er, »und per Mikrowellendauert es etwa drei Stunden, bis eine Botschaft aufdie Erde gelangt. Du mußt verstehen, zwei MilliardenMeilen sind eine lange Strecke ...«»Sechs Stunden zur Übermittlung!« fauchte derkleine Mann und fügte hinzu: »Außerdem ist dannnoch genügend Zeit bis morgen.«»Man wird auf der Erde darüber nachdenken müssen«,erklärte Engar.


Die Augen des kleinen Mannes strahlten wiedermit einer Heftigkeit, die Engar wehtat. »Ihr nennteuch eine Rasse von intelligenten Geschöpfen! Kannes dann Tage dauern, bis eure großen Geister zu einerEntscheidung gekommen sind?«Es war klar, daß der Uranier, der in einem dünn –wenn überhaupt – besiedelten Teil des riesigen Planetenwohnte, kaum eine Ahnung hatte, wie man solcheDinge auf der Erde anpackte. Er wußte nicht, daßdazu Konferenzen nötig waren und die Menschenaus allen Teilen der Erde zusammenkamen, wenn soeine wichtige Frage entschieden wurde. Außerdemwar es fraglich, daß die Erde die ganze Installationwegen eines kleinen grünen Mannes abreißen würde,nachdem man das Projekt zwanzig Jahre vorbereitetund ein paar Milliarden Dollar dafür ausgegeben hatte.Und es gab noch einen Faktor: die Ionenaustausch-Säulen stellten Engar Jarvins Lebenswerk dar. Ionenaustauschwar sein Spezialgebiet; er hatte es umfassendstudiert; deshalb hatte man ihn auch für dieStation auf Uranus ausgewählt. Die hundert Fuß hohenSäulen mit ihrer Beschickung von zehntausendGallonen waren sozusagen sein Kind; er konnte sienicht einfach im Stich lassen. Und dann war noch einkleiner, persönlicher Faktor im Spiel: Wie konnte erauf der Erde je wieder seine Karriere aufbauen, wenner die Station ohne Erklärung verließ? Die sturenWissenschaftler auf der Erde würden ihm niemals dieGeschichte vom kleinen grünen Mann abnehmen –und niemand außer ihm hatte den Uranier gesehen.Auf der Erde würde man sagen: »Engar Jarvin hat aufUranus einen Knacks bekommen. Schade um ihn, erwar ein kluger Kopf.«


Nun – Engar holte tief Luft. Er mußte den kleinenMann irgendwie loswerden, ohne ihn zu verärgern.Er mochte das Geschöpf gern – er hatte es vom erstenTag an gemocht, als es aus dem Nichts im Labor erschienenwar, um seine Fragen zu stellen. Engar hattehöflich geantwortet, da der kleine Mann schließlichvor ihm auf Uranus gewesen war. Zumindest nahmEdgar das an.Die Selenzelle blinkte warnend, und Engar begannmit dem Abzapfen. Dann sah er den kleinen Mannan. »Was soll ich sagen, wenn sie wissen wollen, werunseren Abzug von Uranus verlangt?« fragte er.»Nolos.«»Es wäre vielleicht gut, wenn ich sagen könnte, daßdu eine Mehrheitsgruppe auf Uranus vertrittst.«Nolos begann zu fauchen. »Natürlich kann ichnicht die Spinnen vertreten, die am warmen Fleck leben.Du kannst sagen, daß ich den Kalten Gürtel vonUranus vertrete.«»Wie viele Bewohner etwa?«»Alle fünf.«»Hast du fünf gesagt?«»Fünf.«Engar seufzte. Es gab so wenig Gemeinsames zwischenihnen, daß es einfach hoffnungslos war. Fünfgegen fünf Milliarden! »Ich gebe deine Botschaft anmeinen Direktor weiter«, sagte Engar schließlich.Nolos schien etwas besänftigt. »Ich komme in genaudrei Tagen zurück«, erklärte er und fügte hinzu:»Bis dahin kann sich das dümmste Geschöpf allerzehn Planeten entschieden haben.«Das Abzapfen hatte begonnen. Engar beobachteteeinen Moment lang, wie die pfirsichfarbene Flüssig-


keit aus dem Hahn am unteren Ende der Säule tropfte.Dann sah er verwirrt zu Nolos hinüber. Woherwußte Nolos, daß es zehn Planeten gab? Man schriebdas Jahr 2402, und Stygia war erst vor knappen fünfzigJahren entdeckt worden; Engar war überzeugtdavon, daß das Geschöpf keinerlei Verbindungen mitMenschen gehabt hatte, bis er selbst mit der erstenMaterialladung hierhergekommen war, um die Stationauf Uranus zu errichten.Der Terraner erinnerte sich, welche Kopfschmerzenes ihm bereitet hatte, das ganze Zeug richtig zu verstauen.Er war mit dem Plastikhelm über dem Kopfin der Methanatmosphäre von Uranus umhergelaufenund hatte beständig gefürchtet, daß die Heizungseines Anzugs ausfallen könnte – denn die Temperaturauf Uranus betrug nahezu minus vierhundertGrad Fahrenheit. Es war so kalt, daß das gesamteAmmoniak der Atmosphäre vor langer Zeit gefrorenwar. Wenn die Energiezufuhr der Anzugheizung ausfiel,war es am besten, auf die Station loszurennen.Ein Arbeiter hatte das rote Aufblitzen der Warnleuchtegesehen, aber er hatte noch eine Schaufel vollAmmoniak hochgehoben und war erst dann auf denKuppelbau zugegangen. Er hatte es nicht geschafft.Es waren kaum fünfzehn Meter, aber als die anderenihn erreichten, war er steif wie eine Steinstatue – nurnicht so schwer.Das war das Gute an Uranus: Obwohl der Planetfünfmal so groß wie die Erde war, hatte er eine vielgeringere Dichte, und die Schwerkraft an der Oberflächewar etwa so groß wie auf der Erde.Engar erinnerte sich, daß sie den Toten in die äußereLadeluke eines Versorgungskreuzers gelegt hatten,


der wieder auf die Erde zurückflog. Er persönlichhatte gefunden, daß es ein weiter Weg bis zur Beerdigungwar, aber man mußte die Gefühle anderer Leuteberücksichtigen; und der Mann hatte eine Familie.Außerdem hatten die Schiffe auf der Rückreise ohnehinkeine Fracht.Er hatte dem flammenden Bogen der Raketennachgesehen – lodernde gelbrote Streifen in der seegrünenAtmosphäre – und er hatte sich damals gefragt,wie viele Männer noch auf diese Weise zur Erdegeschafft werden müßten. Er saß auf einem Klappstuhlim Innern des Kuppelbaus, das Berichtband aufdem Schoß. Und da war der kleine grüne Mann ausdem Nichts erschienen. Er stand einfach innerhalbder Kunststofftür, mit leuchtenden goldenen Augen,und Engar überlegte flüchtig, wie er durch die Kältegekommen sein mochte.Der Pfauenfederschwanz breitete sich weit aus,und das Geschöpf fragte: »Was macht ihr hier?«Es hatte Engar einen Moment lang verwirrt, dennnach den Berichten der Forschungsschiffe befandensich keine Lebewesen auf Uranus – bis auf die großenSpinnen, die an der einzigen warmen Stelle des Planetenhausten. Und diese Stelle war mehr als fünfzigtausendMeilen entfernt in der Nähe des Pols, wosie immer von der Sonne beschienen wurde.Engar betrachtete den kleinen Mann aufmerksam.Er bemerkte die seegrüne Farbe seiner Haut, das Rosaseiner Augenbrauen, das vogelartige Pfeifen beimSprechen und ganz zuletzt, daß der kleine Mann ineiner terranischen Sprache redete. Er bemerkte auch,daß der Kleine ihm eine Frage gestellt hatte.»Die Erde ist gezwungen, auf andere Planeten zu


gehen, um die meisten der seltenen Elemente zu gewinnen«,sagte Engar. »Zufällig gibt es auf Uranusvon einigen davon besonders reiche Vorkommen.«»Von welchen?«»Von allen seltenen Erden – ganz besonders Praseodym.«»Wozu braucht ihr Praseodym?«»Wenn seine Moleküle mit Hilfe von sehr hohenSpannungen und Hochfrequenzstrom richtig angeordnetund dann mit anderen Elementen vermischtwerden, bildet es eine Substanz, welche die Gravitationabschirmt.«»Weshalb müßt ihr euch vor der Gravitation schützen?«fragte der kleine Mann.»Zum Beispiel, um auf fremde Planeten zu gehen.«Der andere sah ihn mit Abscheu an. »Ihr wollt Praseodym,damit ihr auf andere Planeten gehen undnoch mehr Praseodym erbeuten könnt. Habe ichrecht?«»Das klingt sehr vereinfacht.«»Ich frage mich, ob man etwas zu einfach für denGeist eines Terraners machen kann«, erwiderte dasGeschöpf.»Ich bin nicht verantwortlich für die Kräfte, die unsTerraner bewegen«, unterstrich Engar. »Wir tun alles,wie wir es schon immer getan haben.«»Das ist die erste vernünftige Feststellung, die dutriffst«, sagte der kleine Mann.Engar schwieg.Der kleine Mann fächerte ein paarmal seinenSchwanz. Dann sagte er: »Ich weiß noch nicht, ob ichdamit einverstanden bin. Wir werden abwarten.«Danach kam er noch oft – immer wenn Engar allein


war. Er sprach ziemlich allgemein, aber immer miteiner gewissen Herablassung. Und gelegentlich stellteer ein paar sehr scharfe Fragen – besonders, als diehohen Ionenaustausch-Säulen errichtet wurden. Undentweder wußte er, wovon Engar sprach, oder erhatte nicht die leiseste Ahnung, denn er verfolgte dasThema des Ionenaustausches nicht weiter.Er erschien oft, und es gab mancherlei, das ihmnicht gefiel: die großen Schaufeln, die sich durch dasgefrorene Ammoniak fraßen, um an die seltenen Erdenheranzukommen, die darunter lagen; die Raketenschiffemit ihren Rückstoßdüsen, die große geschmolzeneRinnen in der Oberfläche von Uranushinterließen; die Abgase von der Verarbeitungsanlageder Station. Aber Engar erinnerte sich, daß der kleineMann zum erstenmal erregt gewesen war, als CorinneMadison auf die Station gekommen war – als Direktor.Vielleicht spürte das Wesen Engars Erregungdarüber, denn Corinne war zwei Jahre jünger als Engarund hatte bestimmt keine bessere Ausbildung alser. Engar hatte sich eine Zeitlang darüber geärgert,und während dieser Zeit war der kleine grüne Mannzum erstenmal unfreundlich geworden.Nun sah Engar ihn an und fragte sich, was derUranier wohl gegen die Technik der Erde unternehmenwollte. Nolos spreizte seine Schwanzfedern; die»Augen« in den Federn wurden groß und immerschillernder, bis sie wie Feuer glänzten. Dann ließ derkleine Mann sie zusammenklappen, und Engarwußte, daß er sich auf den Rückweg machen würde.Er hatte recht. Während er die Säule beobachtete,sah er, daß das Abzapfen fast beendet war. Er griffnach dem Abstellhahn, und als er wieder aufblickte,


war der kleine Mann fort. Engar stellte die Apparaturab, zufrieden mit der Arbeit seiner Ionenaustausch-Säule. Er glaubte, daß diese Menge – gute zwanzigLiter – nach dem Destillieren ein ziemlich reines Praseodymergeben würde, das man nicht weiter zu verfeinernbrauchte. Er überprüfte die Säulen und stelltefest, daß als nächste Nummer Sechs an der Reihe war.Die pneumatische Tür zum Büro der Chefin öffnetesich, und Corinne Madison kam mit harten Schrittenauf ihn zu. »Mister Jarvin«, sagte sie scharf, »ich habeSie schon einmal gebeten, mich zu verständigen,wenn Sie Versuche durchführen, die starke Strahlungfrei machen.«Engar sah zu ihr auf. Ihr schwarzes Haar lag seidigglänzend auf der gestärkten weißen Leinenjacke, undsogar die Jacke ...»Mister Jarvin!« Ihre braunen Augen wurdenschmal.»Ja, Miß Madison?« Er warf einen Blick auf SäuleNummer Sechs, stellte das Warnsignal ein und erhobsich. Es war nicht seine Schuld, daß er einen Kopfgrößer als sie war.Nun mußte sie den Kopf zurückbeugen, um ihnanzusehen.»Sie wissen gut, daß bei den Ionenaustausch-Säulen keine Strahlung frei wird«, sagte er.»Ich weiß noch sehr viel mehr«, erwiderte sie gekränkt,»und was ich weiß, gefällt mir gar nicht.«»Ich höre, Miß Madison.«»Erstens haben Sie den Aufbau dieser Station geleitet.Zweitens haben Sie die Ionenaustausch-Säulenkonstruiert und gebaut. Drittens wissen Sie sehr gut,wie wichtig Sie auf Uranus sind. Viertens hat es Ihnen


nicht gepaßt, daß ich als Ihre Vorgesetzte hierherkam.Fünftens habe ich keinen Zweifel daran, daß Sie IhreSäulen zum Strahlen bringen könnten, wenn Siewollten. Sechstens sehen Sie viel zu gut aus, und daswissen Sie genau.«Er sah auf sie herunter und holte tief Luft. EinenMoment lang wollte er sie in die Arme nehmen, aberer beherrschte sich; schließlich war sie seine Chefin,und wer küßte schon seine Chefin? Warum eigentlichnicht? Er konnte sich jedenfalls an keine vergleichbareSituation erinnern.Sie fuhr fort: »Nun hat schon zum drittenmal harteStrahlung meine Berechnungen über den Haufen geworfen,und diesmal habe ich die Spur verfolgt, MisterJarvin! Sie führt zu Ihnen.« Triumphierend hieltsie ihm ein Negativ entgegen. »Da, sehen Sie selbst!«Er warf einen Blick darauf. »Diese Streifen sehenwie Strahlung aus, aber ...«»Beim letztenmal, als es deutlich wurde, daß mirjemand absichtlich Schwierigkeiten machte, stellte ichNachforschungen an, Mister Jarvin. Ich fand unteranderem heraus, daß Sie eine Zeitlang glaubten, daßman Sie zum Direktor der Station machen würde.«»Aber ...«»Keine Ausrede«, unterbrach sie ihn. »Ich weißjetzt, daß Sie zu jedem Trick greifen würden, ummich hier hinauszuekeln. Ich zweifle nicht einmaldaran, daß Sie lieber die ganze Station schließen lassenwürden, wenn Sie das könnten – nur um michloszuwerden.«Er begann sich unbehaglich zu fühlen.»Mister Jarvin, vielleicht interessiert es Sie, weshalbich zum Uranus gekommen bin.«


»Sehr«, erklärte er mit Wärme. »Ein einsames Mädchen– und ein hübsches Mädchen, wenn ich das sagendarf –, das darum bittet, zu siebzehn Männernnach Uranus geschickt zu werden ...«Sie wurde rot, und er fuhr schnell fort: »Natürlichist Ihr Verhalten tadellos, Miß Madison, aber für einMädchen von Hollywood haben Sie doch einen ungewöhnlichweiten Weg zurückgelegt.«»Ich kam nicht von Hollywood hierher«, erklärtesie ihm. »Ich war Atomphysikerin an der Universitätvon Kalifornien, und ich arbeitete über Katalysatoren,die Kernspaltungsenergie in eine andere Energieformals Wärme umwandeln würden – so daß man sie direktals Energiequelle verwenden könnte. VerstehenSie mich?«»Ich glaube schon«, sagte er leise und beobachteteihre ausdrucksvollen Lippen.»Es war wichtig, daß ich ein Labor an einem Platzerrichten konnte, an dem meine Versuche nicht vonStrahlungen gestört wurden, die von der Sonne ausgingenoder verursacht wurden. Als dieser Außenpostenerrichtet wurde, bewarb ich mich um eine Stelleund hoffte, meine eigenen Forschungsarbeiten inmeiner Freizeit erledigen zu können. Und ich kannIhnen versichern, Mister Jarvin, daß ich ziemlich erstauntwar, als man mir die Leitung des Labors übertrug.Es hieß, daß das der einzige Posten sei, an demich genug Zeit für meine Privatforschungen hätte.«Er nickte und beobachtete sie weiter.»Ich war ebenso erstaunt, als ich hier ankam undherausfand, daß ich über dem Mann stehen sollte, derdas Labor aufgebaut hatte; aber ich nahm an, daß derAusschuß der Erde wußte, was er getan hatte, und


machte mich an die Arbeit. Dann begannen die verschiedenenReibereien. Sie gipfeln in der Strahlung,die meine ganze Arbeit zunichte macht. Als ich dasletztemal wieder gestört wurde, legte ich eine Falle.Ich brachte an verschiedenen Stellen im Zimmer Filmean – und hier ist der Beweis. Das Negativ hier befandsich an der Wand zu Ihrem Labor, Mister Jarvin.«Engar warf einen Blick auf Nummer Sechs und sah,daß noch genug Zeit war. »Es tut mir sehr leid, MißMadison«, sagte er schließlich. »Aber ich weiß nichtsdavon.«»Es hat ziemlich lange gedauert, bis Ihnen dieseAusrede einfiel.«Er antwortete sehr langsam: »Miß Madison, dieseSäulen stellen mein Lebenswerk dar; es ist meinePflicht, dafür zu sorgen, daß sie so funktionieren, wieich es berechnet habe. Ich kümmere mich um nichtsanderes.« Er nahm das Negativ und betrachtete esgenauer. »Es ist tatsächlich mehr harte Strahlung daals am Anfang«, gab er zu. »Natürlich nicht zuviel fürjemand, der voll immunisiert ist, aber genug, um IhreBerechnungen über den Haufen zu werfen.«»Über diese Tatsache bin ich mir im klaren«, erwidertesie eisig. »Ich möchte folgendes wissen: Waswerden Sie dagegen tun?«Er sagte ohne viel Hoffnung: »Ich werde das ganzeLabor untersuchen, aber ich kann mir nicht vorstellen,daß ich etwas finde.«»Wahrscheinlich nicht«, spottete sie.»Warum sehen Sie nicht selbst nach?«»Wie würde es wohl aussehen, wenn die Chefinder Erdstation auf Uranus mit dem Geigerzähler herumläuftund nach Strahlung sucht?«


Er hielt das für eine rhetorische Frage. »Ich versucheja nur, Ihnen zu helfen.«Zu spät bemerkte er, daß sie wütend war. Ihrebraunen Augen blitzten, und sie wich um keinen Zollzurück. »Wenn das noch einmal vorkommt, MisterJarvin, dann erwarte ich Ihr Entlassungsgesuch.«Er wollte etwas Unfeines sagen, schwieg dann aber,um nicht zu zeigen, wie gekränkt er war. »Es handeltsich um einen fremden Planeten. Ich glaube, wir wissennoch nicht genug über ihn.«Ihre Antwort war ein grimmiges Lächeln. Er preßtedie Lippen zusammen. Sie drehte sich auf einem derhohen Absätze herum und marschierte aus demRaum. Er beobachtete, wie die vielen Farben undSchattierungen der Säulen an der gestärkten weißenUniform reflektierten, und er fragte sich, was ihreMessungen nun tatsächlich aus dem Gleichgewichtbrachte.Er nahm das Negativ von der Werkbank auf, als ersich setzte. Es war eine ganze Menge harter Strahlung– die geraden Kennlinien der Gamma-Strahlen unddie gekrümmten der geladenen Teilchen; das Auseinandersprüheneines großen Atoms, als es von einemKosmotron getroffen wurde. Er runzelte die Stirn undlegte das Negativ weg. Nummer Vierzehn war fertig.Er hegte den Verdacht, daß der nächste Tag anstrengendfür ihn sein würde, da alle Säulen etwa gleichzeitiggeladen worden waren ...*Am nächsten Tag – nach der Tageszeit von Uranus –fiel ihm zum erstenmal wieder der kleine grüne


Mann ein, der sich Nolos nannte. Aber um diese Zeitwar Engar müde und schläfrig und konnte kaumnoch klar denken. Aber er erinnerte sich an Nolos'Warnung, und er erinnerte sich auch an Corinne MadisonsUltimatum. Eines stand fest: Nachdem Corinnedie Ansicht geäußert hatte, er würde alles tun, umsie von hier loszuwerden, war nicht daran zu denken,daß sie eine Botschaft zur Erde schickte, die die Auflösungder Station verlangte.Zwei Tage später, als sich die Säulen gerade durchdie Promethiumsalze arbeiteten, entspannte sich Engarallmählich. Und da tauchte der kleine grüneMann auf.»Hallo«, sagte Engar. »Freut mich, dich zu sehen.«»Wirklich?« fragte Nolos. Seine goldenen, leuchtendenAugen erfaßten das Ionenaustausch-Labor miteinem Blick. »Du arbeitest immer noch an den Säulen«,sagte er mit seiner Vogelstimme. »Muß ich annehmen,daß die Antwort von der Erde negativ war?«Engar schluckte und rang sich dann zu einer Ausfluchtdurch. Schließlich war es die Antwort, die ohnehingekommen wäre. »Leider ja«, sagte er.Die Pfauenfedern spreizten und schlossen sichlangsam, aber die goldenen Augen des kleinen Mannesbrannten nicht so wie beim letztenmal. »Das istschade«, erklärte Nolos. »Es wird uns fünf furchtbarviel abverlangen, euch von Uranus zu vertreiben.«Engar sah den gefächerten Schwanz des Geschöpfesund dann seine leuchtenden Augen an. Er fühltesich unbehaglich. »Ich verstehe nicht, weshalb ihr sogegen unseren Aufenthalt hier seid. Ich weiß, einigesgefällt euch nicht, aber wir tun euch doch nicht weh,oder


»Nicht zu sehr – bis jetzt«, gab Nolos zu. »Aber waswird morgen sein?«»Morgen?«»Heute wollt ihr Praseodym. Morgen wollt ihrvielleicht Ammoniak. Was geschieht dann mit Uranus?Ist nicht die Geschichte der Erde eine lange Aufzeichnungüber Menschen, die immer etwas wollten,was einem anderen gehörte?«Engar sah nachdenklich drein. »Es stimmt, daß dieTerraner, als Ganzes betrachtet, aggressiv sind. Aberdas ist ein biologischer Trieb, den wir nicht abstellenkönnen. Aber sind viele von uns der Meinung, daßdieser Trieb letzten Endes von Segen für das ganzeSonnensystem sein wird.«Aber Nolos schien nicht an einem Streit interessiertzu sein. Er verschwand.*Zwei Tage später kam der Vorarbeiter der Bauleute,Chuck Delbert, in das Ionenaustausch-Labor und zogdie geheizten Handschuhe aus. »Ich dachte, es interessiertSie vielleicht, Mister Jarvin, was da draußenlos ist. Schließlich sind Sie der Älteste hier und so etwaswie der Vater der Station.«»Mich interessiert jede Einzelheit hier«, erwiderteEngar. »Schließlich wissen wir sehr wenig über Uranus,und wenn wir unser Wissen irgendwie erweiternkönnen ...«»Also, es ist folgendes«, sagte Chuck. »Aus dem gefrorenenAmmoniak wächst etwas.«»Wächst etwas?«Chuck nickte heftig. »Jawohl.«


»Was denn?«»Gras«, sagte Chuck. »Rotes Gras.«Engar starrte ihn an. »Rot?«»Wie das da.« Ein Grashalm lag in Chucks großerHandfläche. Er war breit und rauh und rot. Engarnahm ihn vorsichtig auf. »Ich verstehe das nicht«,sagte er. »Die Chlorophyll-Reaktion ...«»Ich auch nicht«, unterbrach ihn Chuck. »MeineArbeit ist es, mit dem großen Bagger umzugehen.Dachte mir nur, daß es Sie vielleicht interessiert.«»Sehr sogar«, sagte Engar und studierte den Grashalm.»Danke, daß Sie das Ding hergebracht haben.Wenn Sie wieder etwas Auffälliges beobachten, sagenSie mir Bescheid.«Chuck machte sich mit dem Plastikhelm unter demArm auf den Weg. »Schon gut, Mister Jarvin.«Engar nickte. Er war bereits ganz in die Beobachtungdes Halms vertieft. Er legte ihn unter ein Mikroskopund stellte fest, daß er bis auf die rote Farbe wie jedesandere Gras aussah. Natürlich gab es auf der Erde vielePflanzen, die im Herbst rot wurden. Er warf einen Blickauf das Thermometer. Es zeigte minus hunderteinundsechzigGrad Fahrenheit an. Nicht gerade Herbsttemperatur,dachte er. Außerdem begann die Pflanzeerst zu wachsen, und sie wuchs aus gefrorenem Ammoniak.Er legte das Blatt auf die Porzellanwerkbank.Es schien dunkler zu werden. Dann rollte es sich zusammen.Plötzlich entzündete es sich und verpuffte.Engar nickte. Völlig normal.Er holte das Bericht-Tonband, aber eine scharfeStimme unterbrach ihn. »Mister Jarvin, Sie sind keinBotaniker, oder?«Er wandte sich Corinne Madison zu. »Nein«, sagte er.


»Ich schon«, erklärte sie. »Botanik war mein Nebenfach.Außerdem mag ich es nicht, wenn sich etwashinter meinem Rücken abspielt.«»Ich habe nur ...«Sie streckte ihre zierliche Hand aus. »Den Grashalmbitte.«Er biß sich auf die Unterlippe. »Leider kommen Siezu spät.«Sie ließ die Hand sinken. Ihre Augen blitzten.»Weshalb komme ich zu spät, Mister Jarvin?« Erdeutete auf das winzige Aschehäufchen.Sie wuchs um ein paar Zentimeter. »Das ist glatteGehorsamsverweigerung, Mister Jarvin.«»Sie erwarten doch nicht, daß ein Blatt, das von dadraußen kommt, hier im Labor seine Substanz behält?Wenn ich Sie erinnern darf, beträgt der Temperaturunterschiedetwa fünfhundert Grad.«»Nein, ich erwarte es nicht«, sagte sie. »Ich erwarteauch nicht, daß rotes Gras aus gefrorenem Ammoniakwächst.«Engar senkte den Blick. »Es ist ein fremder Planet,und wir wissen sehr ...«»Das haben Sie, glaube ich, schon einmal gesagt.Ich möchte nicht mit Ihnen streiten, Mister Jarvin.Wenn wieder so etwas vorkommt, verständigen Siemich bitte, bevor die Verbrennung stattfindet.«Er gab keine Antwort. Die Situation erforderte keineAntwort. Wenn sie nur nicht so schwarzes Haarund so weiße Haut hätte – er seufzte. Aber er dachte,daß alles seine Grenzen hatte, und er fragte sich, obMiß Madison ihn nicht auf diese Grenze zuschob ...*


Zwei Tage später sah Chuck Delbert wieder vorbei.Über der Nase hatte er zwei scharfe Falten. »Das roteGras«, sagte er und nahm den Helm ab, »wird stärker.Die ganze Ebene draußen ist damit bedeckt.«»In welcher Richtung, Chuck?«»In allen Richtungen. Ich nahm den Eisschlittenund machte eine Runde um die Station. Es ist einganz regelmäßiges Feld.«»Können Sie sagen, wie weit es von der Station ausreicht?«»Ziemlich weit – jedenfalls bis über die Strahlender Suchscheinwerfer hinaus.«»Vielleicht ist es eine jahreszeitlich bedingte Erscheinung.«»Letztes Jahr war es nicht da.«»Nein, das nicht – aber vielleicht sind die Jahreszeitenauf Uranus anders. Der Planet braucht vierundachtzigJahre, bis er die Sonne umkreist hat, deshalbkönnten die Wachstums- und Ernteabschnitteweiter auseinanderliegen.«»Ja, vielleicht. Es ist komisch«, sagte Chuck. »DasGras scheint auf die Station zuzukommen.«»Das bilden Sie sich vielleicht ein.«»Ich nicht«, sagte Chuck. »Meine Lehrer habenimmer behauptet, ich besäße überhaupt keine Phantasie.«An diesem Abend waren die Säulen etwas ruhiger,und Engar stieg zum Beobachtungsposten im oberstenTeil der Kuppel hinauf und schaltete den großenSuchscheinwerfer ein. Er beleuchtete die Dunkelheitvon Uranus in allen Richtungen. Überall war es dasgleiche – eine gefrorene weiße Ebene, flach und riesig.Bis auf eines – das rote Gras, das im Scheinwer-


ferlicht schwarz wirkte, kam von allen Seiten bis aufzweihundert Meter an die Station heran.Es verwirrte Engar; er wußte nicht recht, was erdavon halten sollte. Das rote Gras war fast wie einenäherrückende Armee. Aber Miß Madisons Stimmeverwirrte ihn noch mehr. »Hoffentlich haben Sie einenguten Grund für Ihre Kinderspiele mit demScheinwerfer, Mister Jarvin.«Er sah auf sie herab. Zuerst war er verärgert. Aberder winzige Raum in der Kuppel brachte sie nahe zueinander,und er vergaß seinen Ärger. »Sie müssenmir nicht dauernd beweisen, daß Sie meine Vorgesetztesind, Miß Madison«, sagte er sanft. Er deuteteauf das rote Gras. »Das da gefällt mir nicht.«Sie sah hinaus, schwang das kleine Teleskop herumund stellte es scharf. »Es scheint tatsächlich rotes Graszu sein, Mister Jarvin, aber das ist doch nicht weiteraufregend. Schließlich haben Sie selbst gesagt, daß esein fremder Planet ist ...«Er lächelte. »Genau das waren meine Worte. Aber–« er wurde wieder ernst – »da ist auch noch die Sachemit dem kleinen grünen Mann.«»Dem kleinen was?«Er rieb sich mit dem Handrücken über das Kinnund sah düster dem Strahl des Scheinwerfers nach.»Ich verlange gar nicht, daß Sie mir das glauben, MißMadison. Es ist zu phantastisch.«»Allmählich gewöhne ich mich an solche Dinge.«»Dieser kleine grüne Mann mit den rosa Augenbrauenund dem Pfauenfedernschwanz ...«»Eine furchtbar geschmacklose Kombination, MisterJarvin.« Sie unterdrückte ein Lächeln. »Könnte essein, daß Ihnen die Einbildung einen Streich spielt?«


Er sah sie an und holte tief Atem. »Vielleicht habenSie recht. Ich werde es für mich behalten.«»Sie haben meine Neugier geweckt. Bitte, fahrenSie fort.«»Er kam bald, nachdem wir hier mit den erstenMaterialien gelandet waren, und er taucht gewöhnlicheinmal in der Woche auf.«»Woher – von der gefrorenen Wüste draußen?«fragte sie.»Ich weiß nicht. Er sagte, er sei Uranier.«»Ich wußte nicht, daß Sie Uranisch sprechen, MisterJarvin.«Seine Augen wurden schmal. »Wenn Sie versuchen,mich herauszufordern, dann schaffen Sie dasvielleicht schneller, als Sie glauben.«Sie lächelte. »Was würden Sie tun, Mister Jarvin,wenn ich Sie herausfordern würde?«»Schwer zu sagen. Ich kann mich an keine ähnlicheSituation erinnern.«»Heißt das, daß Sie noch nie herausgefordert wurden?«Seine Antwort war vorsichtig. »Doch – aber nochnie so, daß ich zu einer Verzweiflungstat fähig war.«Sie ging die Leiter hinunter, und erfolgte ihr. »Jetzterzählen Sie mir mehr von dem kleinen grünenMann, Mister Jarvin.«»Er war vor etwa einer Woche hier und forderte,daß wir die Station verlassen sollten. Ich erklärte ihm,daß das ohne Bewilligung von der Erde unmöglichsei. Da verlangte er, daß ich eine Botschaft auf die Erdeschicken und die Bewilligung einholen sollte.« Engarsah auf Corinne herunter. »Dann kamen Sie hereingestürmt,und ich hielt es für klüger, im Moment


nichts davon zu sagen.« Er sah weg.»Und ...«, ermunterte sie ihn.»Er kam wieder und sagte, daß er Schritte unternehmenmüsse – oder so etwas Ähnliches.«Sie sah ihn an, als versuchte sie zu entscheiden, obsie ihm glauben könnte. Dann warf sie einen Blickdurch die Plastikwände der Kuppel. »Ich glaubenicht, daß das rote Gras unserer Station irgendwieschaden kann«, sagte sie.Aber ein paar Tage später wuchs das rote Gras ausdem gefrorenen Ammoniak bis zum Rand der Plastikkuppel.»Ich kann einfach nicht verstehen, woheres die Energie zum Wachsen nimmt«, sagte Miß Madison.Engar trat einen Schritt auf sie zu. Sie war sehr liebenswert,wenn sie nicht versuchte, ihn zu gängeln.Aber im gleichen Moment hörte er das Pfeifen derLuftschleuse, und kurz danach erschien Chuck Delbert.Seine Stirn war gerunzelt, als versuche er etwaszu verstehen, das über seine Kräfte ging. »Da draußenwachsen jetzt Pflanzen, Mister Jarvin – rote Pflanzen.«»Rote Pflanzen?« fragte Corinne.»Ja, Madam. Sie scheinen auf die Station zuzukommen.Eine Viertelmeile von hier entfernt kommensie eben erst aus dem Boden. Aber an der Grenze desSuchscheinwerfers sind sie schon mannshoch. Sie habengroße, nach unten hängende Blätter, und irgendwovon der Mitte kommt eine Art goldenes Leuchten.«Engar erinnerte sich an die Augen des kleinenMannes. »Ein Leuchten«, sagte er nachdenklich.Nach einer Woche konnten sie die seltsamen Pflan-


zen mit dem Suchscheinwerfer erkennen. Es wurdeZeit für eine neue Serie von Abzapfungen, aber Engarbeobachtete zusammen mit Corinne die Pflanzen.»Sie kommen näher«, sagte er.Sie wirkte allmählich beunruhigt. »Was können wirtun?«»Im Moment nichts«, sagte er.Die Pflanzen kamen näher. Man konnte sagen, daßsie in voller Blüte standen. Als sie heranreiften,sandten sie von der Spitze jenes goldene Leuchtenaus, und die Terraner merkten bald, daß sie es nichtaus der Nähe betrachten konnten. Der Glanz war unerträglich.Dann kam der Tag, an dem Chuck Delberts Männerlosmarschierten, sich in der Kälte kurz umdrehtenund mit ihren riesigen mechanischen Schaufeln wiederzurückgerannt kamen.Corinne trat Chuck an der Luftschleuse gegenüber.»Weshalb kommen Sie zurück?«Chuck legte einen kleinen schwarzen Kasten aufden Tisch. »Sehen Sie sich den Geigerzähler an, MißMadison. In unserem Vertrag steht ausdrücklich, daßwir bei solcher Strahlung nicht arbeiten dürfen.«Sie warf einen Blick auf den Papierstreifen und zogdie Augenbrauen hoch, als sie die extreme Höhe derAufzeichnungslinie betrachtete. »Also, das ist mehr,als ein immunisierter Mensch ertragen kann; das gehtja bis zu zehn Röntgen pro Tag.«»Sage ich ja dauernd, Miß.«»Also schön«, erklärte sie. »Ihr habt heute frei.«Engar sah ihr über die Schulter. »Woher kommt dieStrahlung nur?« fragte er.Sie sah nach draußen. »Von den Pflanzen, nehme


ich an. Das goldene Leuchten ist vielleicht das Anzeicheneiner nuklearen Tätigkeit.«Engar beobachtete mit einem Auge Säule NummerAcht.»Kümmern Sie sich lieber um Ihre Abzapfungen,Mister Jarvin. Ich werde versuchen, ob ich eine Lösungfinde.«Er nickte und legte die Hand auf den Schalter. Derpfirsichfarbene Streifen kam ihm komisch vor. Vagehörte er durch die offene Tür des Chefbüros das Ratternund Klappern der Rechenmaschine und schließlicheinen verzweifelten Ausruf von Miß Madison.Aber er hatte keine Zeit, um sich näher darum zukümmern. Wahrscheinlich hatte sie wieder Schwierigkeitenmit der Rechenmaschine, doch er mußtesich um die Farben von Nummer Acht kümmern.Der pfirsichfarbene Streifen wurde unerwartetgraubraun. Engar runzelte die Stirn und schüttelteden Kopf.Er holte seinen Geigerzähler heraus. Die Gammastrahlungkletterte auf die Gefahrengrenze zu. Auchdie Neutronenlinie stieg. Er ging in Miß MadisonsBüro. Sie war nicht da. Der kleine schwarze Kastenlag immer noch auf ihrem Schreibtisch. Sie hatte versucht,an ihrer Maschine zu arbeiten, aber ein Gewirrvon kleinen roten Warnleuchten zeigte an, daß dasDing nicht funktionierte.Er sah sich um. Die Tür zu ihrem Schrank stand offen,und der Raumanzug war verschwunden. Er liefhinaus. Die großen Pumpen arbeiteten, und die Anzeigean der Druckkammer verriet ihm ein Ansteigen.Engar schlug mit der Faust an die Wand. »Machen Siedas nicht!« schrie er.


Natürlich konnte sie ihn nicht hören. Er lief zu seinemSchrank, zwängte sich in den Anzug und setzteden Helm auf. Er sah, daß die Heizung funktionierte.Diesmal war die Luftschleuse leer. Er trat ein undbetätigte die Pumpen.Einen Augenblick später war er draußen. Er sah sieim Licht seiner Gürtellampe, wie sie gegen den starkenWind ankämpfte und auf die roten Pflanzen zuging.Das gefrorene Ammoniak war glatt, aber er beeiltesich. Die nächste Pflanze war zweihundert Meterentfernt, und sie hatte die Hälfte des Weges zurückgelegt,eine kleine, schlanke Gestalt, die von demSturm beinahe umgeweht wurde. Er erreichte sie undlegte ihr die Hand auf den Arm. »Kommen Sie zurück«,sagte er.Sie machte sich frei und sah ihn durch den Plastikhelman. Ihre Stimme klang durch das Sprechgerätkomisch. »Ich muß mir ein Exemplar der Pflanzen besorgen.«Er schüttelte den Kopf. »Wenn Sie zu nahe kommen,werden die radioaktiven Gifte Sie töten.«Er stand zwischen ihr und den Pflanzen. Sie sah anihm vorbei, dann zurück zur Kuppel und schien aufzugeben.Er entspannte sich, im nächsten Momentrannte sie an ihm vorbei.Im gleichen Augenblick wurden die Suchscheinwerferder Kuppel eingeschaltet und beleuchteten dasganze Gebiet. Da war das Feld der roten Pflanzen, dieaus dem gefrorenen weißen Ammoniak wuchsen,und aus jeder reifen Pflanze kam dieser intensivegoldene Glanz.Er lief ihr nach, aber sie war schnell. Sie griff bereitsnach einem der Blätter, als er sie erreichte. Sie ver-


suchte sich freizumachen, aber diesmal hielt er sie eisernfest. Sie rutschten aus und schlitterten über dasEis, aber er ließ sie nicht los. Schließlich gab sie denKampf auf. Er schaffte sie in die Luftschleuse undsetzte die Pumpen in Gang. Er atmete schwer.Als sie im Ionenaustausch-Labor waren, fragte sie:»Es interessiert Sie wohl nicht, weshalb ich dort hinausging?«»Oh doch, sehr«, sagte er, fasziniert von ihrer Gesichtsfarbe.»Diese Pflanzen«, erklärte sie, »diese Pflanzenmüssen einen Katalysator haben, der dem Chlorophyllentspricht.«»Chlorophyll verwandelt Sonnenlicht in Pflanzenenergie– Glukose und ähnliches«, erinnerte er sich.»Setzen – Eins«, spottete sie. »Aber hier draußenauf Uranus haben wir wenig Sonne. Die Energie mußanderswo herkommen – aus dem gefrorenen Ammoniak– und die rote Farbe deutet auf einen Katalysatorhin, der es der Pflanze ermöglicht, Ammoniak inKernspaltungsenergie umzusetzen.«»Der kleine grüne Mann hatte recht«, sagte Engartraurig. »Sobald wir es schaffen, werden wir dasAmmoniak von Uranus wegschaufeln und auf dieErde bringen.«Chuck Delbert kam vom Beobachtungsposten herunter;er sah sie neugierig an und ging dann durchdas Labor zur Arbeiterunterkunft.Corinne begann wieder zu fauchen. »Müssen Sie soengstirnig sein? Wenn dieser rote Katalysator Ammoniakin Kernenergie umsetzt, dann gibt uns dasvermutlich auch einen Hinweis auf die umgekehrteReaktion – oder beispielsweise darauf, wie man Nu-


klearenergie direkt in elektrische Energie umwandelnkann. Wenn Kernenergie vorhanden ist, könnten wirSonnenlicht entbehren. Es muß einen Weg geben, umStrahlungsenergie auszunützen – und diese Pflanzengeben die Antwort.«»Es tut mir leid«, sagte er. »Sie hätten höchstensnoch ein paar Tage gelebt, nachdem Sie die Pflanzenberührt hätten. Selbst wenn die Kernreaktion nur voneiner winzigen Masse ausgeht, wäre die Strahlungtödlich – ganz zu schweigen von der Hitze.«Ihr Tonfall veränderte sich unerwartet. »Sie wissen,daß diese Pflanzen immer näher kommen. Es ist nurnoch eine Frage von Tagen, bis die Strahlung in derStation selbst auf ein Niveau gestiegen ist, das uns inwenigen Stunden zur Aufgabe zwingt. Und wasbleibt mir dann? Sie und ich werden unsere Stellungenverlieren. Niemand wird uns Glauben schenken.Ich möchte ein Gegenargument haben – ein Katalysator,wie ihn diese Pflanzen enthalten, wäre genaudas Richtige.«»Es tut mir leid«, wiederholte er. »Auch für michist das Experiment wichtig – aber keiner von uns beidenhat als Toter einen großen Nutzen.«»Und die Sonnenpflanzen? Wir können sie nichteinmal aufhalten.«»Doch, ich glaube schon.« Er ging zu seinem Arbeitstischund sah in den Schrank darunter. »Ja, ichglaube, wir können sie aufhalten. Wir müssen sie aufhalten,wenn wir am Leben bleiben wollen.«Die nächste halbe Stunde verbrachte er in der Beobachtungsstation.Er rief Chuck Delbert herauf, damiter ihm half. »Schwingen Sie den Suchscheinwerferin alle Richtungen«, sagte Engar, »so, als würden


Sie die Pflanzen da draußen besprengen.«»Er gibt aber jetzt doch gar kein Licht«, erwiderteChuck.Engar nickte. »Oh, doch – infrarotes Licht. Und ichglaube, Sie werden seinen Weg verfolgen können.Fangen Sie gleich an – mähen Sie alles in Reichweitenieder. Es müßte etwa eine halbe Meile sein. Ich mußnach draußen gehen.«Er befand sich außerhalb der Kuppel, als die Sonnenpflanzenin Flammen aufgingen. Die langen rotenBlätter glimmten in einem bläulichen Feuer, das antausend Stellen gleichzeitig auszubrechen schien. Dieerste Pflanze verbrannte. Ein greller Lichtblitz entstand.Der Wind der Explosion warf ihn beinahe um,und die Hitze war abscheulich. Ein orange-blauerFeuerball stieg auf und dann der bekannte Rauchpilz– alles winzig, wenn man es mit atomaren Explosionenauf der Erde verglich.*»Wir hatten Glück«, sagte Engar zu Corinne, als ernach drinnen kam, »daß in jeder Pflanze nur eineSpur von Materie ist.«Im Moment saßen sie nebeneinander da und beobachtetendurch das Fenster, wie das Feld der Sonnenpflanzenin Feuer und Rauch aufging. Es war wie eingigantisches Feuerwerk, und Chuck Delbert arbeiteteäußerst gründlich. Nach ein paar Stunden war dasStrahlungsniveau gesunken. Corinne konnte ihre Maschinewieder benutzen, und Engar leitete das Abzapfenvon Nummer Fünf ein.Und da tauchte der kleine grüne Mann wieder auf.


Seine goldenen Augen waren jetzt fast erloschen, alssei er unendlich müde, und sein Pfauenfedernschwanzschleifte am Boden. »Du hast nicht fair gespielt«,sagte er mit seiner Vogelstimme. »Ihr seid zuviele für uns. Wir sind nur fünf, und wir haben unsereganze Energie dazu verwendet, das Feld der Sonnenpflanzenzu schaffen – aber ihr habt es in ein paarStunden zerstört.«»Es tut mir leid«, sagte Engar. »Aber wir müssenleben.«»Das ist fragwürdig«, sagte das Geschöpf. »Sehrfragwürdig.«»Oh!« sagte eine weibliche Stimme, und Corinnestand hinter Engar. Engar konnte im Augenwinkelden weißen Ärmel ihrer Nylonbluse sehen.Der andere sah auf, aber er verschwand nicht, wieEngar gefürchtet hatte. Er warf Corinne einen Blickzu und wandte sich wieder an Engar. »Ein Weibcheneurer Rasse, nicht wahr?«Engar nahm Corinnes Hand. »Ganz recht«, sagte erwarm.Der kleine grüne Mann seufzte. »Früher einmalhalten wir auch Weibchen. Aber jetzt sind nur nochwir fünf alten Männer da.«»Das tut mir schrecklich leid«, sagte Corinne.Der kleine grüne Mann sah sie an. Seine goldenenAugen begannen zu leuchten. »Das ist nicht nötig«,sagte er. »Ich hatte bereits ein sehr langes Leben, undes war gut. Um die Wahrheit zu sagen, ich wurde geboren,als ihr auf der Erde noch nicht einmal existierthabt.«»Wir werden unser Möglichstes tun, damit Ihr Planetnicht ausgebeutet wird«, sagte Corinne sanft.


»Tut das nicht. Man kann nicht gegen die Evolutionankämpfen, so wenig wie ihr beide gegen dieKräfte ankämpfen könnt, die euch binden.«Engar sah sie an. »Vielleicht hat er recht.«»Vielleicht.«Engar wollte sich wieder an den kleinen Mannwenden, aber er war fort. Engar stand auf. Die Abzapfungvon Nummer Fünf war beendet, und erstellte das Warnsignal neu ein.»Nur schade, daß ich keines der Blätter rettenkonnte, bevor Mister Delbert alles vernichtete«,meinte sie.Engar sah auf sie herunter. »Würde das rote Grasnicht auch genügen?«Sie strahlte. »Ja, natürlich ...« Dann wurde sie traurig.»Aber das ist ja mit den Pflanzen verbrannt.«»Nicht alles«, erklärte er. »Erinnerst du dich an dasGras, das der Kuppel ganz nahe war?«»Ja.«»Ich war draußen und holte ein wenig davon, währendChuck die Infrarotlampe betätigte. Es liegt inder Luftschleuse.«Sie sah mit leuchtenden Augen zu ihm auf. »Liebling!«flüsterte sie.Ihre Nylonbluse raschelte, als er sie in die Armenahm. Er küßte sie. Es gab keine vergleichbare Situation,aber er küßte sie trotzdem.ENDE


Im nächsten »TERRA-Taschenbuch« erscheint:DIPLOMAT DERGRENZWELTENvon KEITH LAUMEREin neues interstellares Abenteuer mit James Retief,dem Diplomaten der GalaxisDas Corps Diplomatique Terrestrienne setzt Mr. Retiefin einer äußerst heiklen und gefährlichen Missionein. Der galaktische Diplomat soll an der Grenze desterranischen Einflußgebietes zwischen Menschen undFremden vermitteln, die einen erbitterten Kampf gegeneinanderführen.Beide kriegführenden Parteien sind starrköpfig undfür orthodoxe Vermittlungsmethoden der Diplomatieunempfänglich. Mr. Retief muß daher zu durchschlagenderenMitteln greifen, um Frieden zu stiften.Zwei vorangegangene Retief-Abenteuer sind unterden Titeln DIPLOMAT DER GALAXIS (Band 115)und DIPLOMAT UND REBELL VON TERRA (Band159) in der Reihe der TERRA-Taschenbücher bereitserschienen.TERRA-TASCHENBUCH Nr. 176 erhalten Sie inKürze im Buch- und Bahnhofsbuchhandel und imZeitschriftenhandel. Preis DM 2,60.

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