KIRGISISTAN: Mit neuer Dynamik - Gustav-Adolf-Werk

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KIRGISISTAN: Mit neuer Dynamik - Gustav-Adolf-Werk

Mit neuer DynamikDie lutherische Kirchein Kirgisistan wird immereinheimischervon Doris KrauseSeit etwa 15 Jahren pflegt die Evangelische Kirchevon Kurhessen-Waldeck eine enge Partnerschaft zurEvangelisch-Lutherischen Kirche in Kirgisistan (ELKK).Zusammen mit Bischof Martin Hein, dem stellvertretendenPräses der Landessynode Wilfried Henning und derneuen Ökumenedezernentin Ruth Gütter besuchte PfarrerinDoris Krause, die Vorsitzende der GAW-Hauptgruppe unddes landeskirchlichen Ausschusses für die Kirgisistan-Partnerschaft, im Mai 2013 das zentralasiatische Land.Anlass des Delegationsbesuches war die alle zwei Jahrein Bischkek stattfindende Synode.Gemeindeabend in einer kirgisischen Gemeindegruppe · Fotos: HenningEine Kirche mit NachwuchsDie Evangelisch-Lutherische Kirche in der RepublikKirgisistan wurde seit ihrer Gründung Anfang der1990er Jahre durch ein ständiges Trauma gezeichnet:Einer lebendigen Aufbauarbeit in den Gemeinden folgtenimmer neue Abwanderungswellen. Die Fluktuationin den 17 über das ganze Land verstreuten Gemeindenwar schmerzlich. Die Kirche hat es vor allem durchihre intensive Jugendarbeit geschafft, die Zahl ihrerMitglieder bei ca. 1000 zu stabilisieren. Von der heranwachsendenjüngeren Generation wollen vielebewusst in Kirgisistan bleiben und sich dort eineExistenz aufbauen, auch zum Wohl des Landes. Wie esdie Wahlen bei der vom 16. bis 17. Mai 2013 inBischkek stattfindenden Synode der ELKK zeigten,sind gut ausgebildete junge Leute inzwischen auchbereit, in der Kirche Verantwortung zu übernehmen.Das neue Präsidium ist ein deutliches Zeichen einesGenerationenwechsels. Neuer Präsident der Synodewurde Pastor Dimitrij Schlebajew aus Belowodskoje.Doch es wird sicher noch etwas Zeit vergehen, bis sicheine tragfähige Leitungsstruktur aus den eigenen, einheimischenReihen fest etabliert hat.Kirgisischer und islamischer KontextAm Vorabend der Synode erlebten die kurhessischenDelegierten einen Gemeindeabend in einer kirgisischenGemeindegruppe. Nach dem Gottesdienst imWohnzimmer der Familie des Predigers RysbekSaidow gab es ein gemeinsames festliches Mahl mitden Gemeindegliedern und den Gästen, kirgisischeTänze wurden aufgeführt. Am Ende gab die Großmutter,obwohl sie nicht dem christlichen Glaubenangehört, als Älteste des Hauses den Reisesegen.Alfred Eichholz, Bischof der ELKK, der selbst inKirgisistan aufgewachsen ist, erzählt, dass die deutschgeprägten lutherischen Gemeinden sich zur Sowjetzeitnicht für die kirgisische Kultur und ihre Traditioneninteressiert haben. Mit der nun bewussten Öffnungder Kirche für die ethnischen Kirgisen hat in derELKK eine neue wichtige Entwicklung begonnen.Man schätzt, dass im ganzen Land inzwischen rund30 000 Kirgisen zum christlichen Glauben übergetretensind, darunter viele zu den Baptisten und denPfingstlern – und dies, obwohl ein Übertritt oft einenDie Kellerräume, in denen sich die Nähwerkstatt des Projektes „Unsere Stimme”befindet, sind nicht optimal, doch alles andere wäre unbezahlbar.Bischof Alfred Eichholz im Gespräch mit Bewohnern des Altersheims „Haus derBarmherzigkeit” in WinogradnojeGesangbuch – mit kyrillischen Buchstaben, aber auf Kirgisisch12


Bruch mit der eigenen, meist muslimisch geprägtenFamilie bedeutet. Die in den lutherischen Gemeindenzu spürende Angst vor immer stärkeren Einflüsseneines sich ausbreitenden dominanten Islams ist auchvor diesem Hintergrund verständlich. War Kirgisistanbislang eher von einem „Volksislam“ geprägt, der sichin Riten und Alltagsbräuchen äußerte, so ist in denletzten Jahren die Tendenz zu einem immer stärkerenFundamentalismus zu beobachten.Der Staat und die KirchenMit der Verschärfung der Religionsgesetzgebung versuchtdie Regierung, den islamischen Fundamentalismuseinzudämmen. Allerdings erschweren die neuenBestimmungen dann auch das Leben von anderenreligiösen Gruppierungen im Land, z. B. auch denLutheranern.Bischof Eichholz pflegt die Kontakte zu den staatlichenStellen so gut und intensiv wie nur möglich.Bei Fragen der Registrierung von Gemeinden und derjeweiligen Erteilung einer Arbeitserlaubnis für denkirchlichen und missionarischen Dienst ist dies immerwieder notwendig. Im Sinne einer gemeinsamen Vertretungder christlichen Minderheiten im Land werdendie ökumenischen Beziehungen von den Kirchenund christlichen Gemeinschaften als äußerst wichtigerachtet. Durch die Zusammenarbeit in einem „InnerprotestantischenRat“ haben sich inzwischen auch dieBeziehungen zu den Baptisten verbessert. Schwierigsind nach wie vor die Kontakte zur russisch-orthodoxenKirche, die eine Sonderrolle beansprucht. Auchmit Vertretern des Islams werden Gesprächskontakteauf öffentlicher und formeller Ebene gesucht.Missionarische DiakonieIn seinem Bericht vor der Synode führte BischofEichholz das Konzept der „diakonischen Mission“ aus:„Die praktische Ausübung der Liebe Gottes ist aucheine großartige Möglichkeit, das Evangelium weiterzusagen.“Die soziale und gesellschaftliche Lage inKirgisistan ist nach wie vor sehr schwierig. Deshalbhat die lutherische Kirche in den letzten Jahren lokalangebundene Projekte initiiert. Sie sind in ihren Hilfsangebotenoffen für alle – unabhängig von der religiösenoder ethnischen Zugehörigkeit. Deutlich wirdjedoch, dass das Engagement aus dem christlichenGlauben heraus motiviert ist. Die Arbeit wird von denGemeinden der ELKK verantwortet und hat einen indie Ortsgemeinde einladenden Charakter. Auf diechristliche Atmosphäre (z. B. Tischgebet, gemeinschaftlichesGebet, Gottesdienste und Andachten)wird Wert gelegt, aber immer unter dem Aspekt derFreiwilligkeit.Eine Anerkennung der sozialdiakonischen Arbeit derlutherischen Kirche seitens staatlicher Stellen ist nachwie vor schwierig, gelingt aber zunehmend besser, dadie Erfolge sichtbar werden. Die Kirchenleitung derELKK sucht hier immer wieder kreative und außergewöhnlicheWege. So ist „Unsere Stimme“ als eineNichtregierungsorganisation angemeldet, um überhauptarbeiten zu können.lität gemacht. In betreuten Wohnverhältnissen in denEinrichtungen von „Unserer Stimme“ bekommen sieUnterstützung in der Alltagsbewältigung, in derWahrnehmung ihrer Rechte und werden medizinischberaten. Vielen werden neue Berufsperspektiven eröffnet:Inzwischen konnten 150 junge Menschen betreutund in Ausbildungs- bzw. Studienplätze vermitteltwerden.„Unsere Stimme“ arbeitet in Bischkek an drei Standorten:Es gibt zwei Wohnhäuser, in denen die Mädchenwohnen; in einem davon befinden sich auch dasBüro und die Wohnung der Projektleiterin. Im Stadtzentrumist in den Kellerräumen eines Mietshauseseine Nähwerkstatt untergebracht, wo die jungenFrauen unter fachlicher Anleitung eine Ausbildungzur Schneiderin machen können. Der Ort für dieNähwerkstatt ist nicht ideal, aber aufgrund der hohenMietpreise in der Stadt ist derzeit keine andereRäumlichkeit finanzierbar und verfügbar. Mit derAnfertigung landestypischer Kleidung sowie vonkunsthandwerklichen Gegenständen und Textilien,die verkauft werden, wird das Projekt mitfinanziert.In den Jahren 2012 und 2013 erhält „Unsere Stimme“auch Unterstützung durch das GAW.„Haus der Barmherzigkeit”Seit gut zehn Jahren besteht in Winogradnoje (ca.40 km nördlich von Bischkek) das Altersheim „Hausder Barmherzigkeit“, das mehrfach von der Frauenarbeitdes GAW Kurhessen-Waldeckunterstützt und in den Projektkatalogdes GAW 2014 aufgenommenworden ist. Derzeit werden15 Bewohnerinnen betreut.Seit einigen Monaten lebthier auch ein 16-Jährigeraus der Gemeinde Dschalalabad,der infolge einesUnfalls halsabwärts gelähmtist. Das geräumige Haus miteinem großen Garten machteinen guten und gepflegtenEindruck. Das Dach des Hausesmuss jedoch dringend erneuertwerden. Im Gespräch mit denBewohnerinnen ist eine großeZufriedenheit und Dankbarkeitzu spüren.Es gibt in Kirgisistan bislangnur wenige Einrichtungen derAlten- und Behindertenhilfe.Der Bedarf ist sehrviel größer, als mit denkleinen Einrichtungender lutherischenKirche abgedecktwerden kann.■■■„Unsere Stimme”Das Projekt „Unsere Stimme“ in Bischkek wird seitetwa drei Jahren entwickelt und wendet sich an Mädchenund junge Frauen im Alter von ca. 16 bis 25 Jahren,die aus sozial schwierigen Verhältnissen stammenoder aus Kinderheimen entlassen werden. Vielfachhaben sie Erfahrungen mit Prostitution und Krimina-Sie können die beiden Projekte unterstützen:IBAN: DE42 3506 0190 0000 449911BIC: GENODED1DKDStichwort: „Unsere Stimme” oder „Hausder Barmherzigkeit”Durch die Anfertigung landestypischerKleidung wird „UnsereStimme” mitfinanziert.Gustav-Adolf-Blatt 4/2013 13

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