Georges-Henri Pingusson und der Bau der Französischen Botschaft ...

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Georges-Henri Pingusson und der Bau der Französischen Botschaft ...

L‘Ambassade de FranceMarlen DittmannWir schreiben das Jahr 1951.Die politische Struktur desSaargebietes ist ein Provisorium,die Zukunft nochungewiss, wirtschaftlichist das Land mit Frankreichverbunden. Mit den Saarkonventionenwurde 1950 dieAutonomie anerkannt. DieSaarfrage soll endgültig imZuge einer Europäisierung desLandes gelöst werden. Vorerstist das Land assoziiertes Mitgliedim Europarat, bemühtsich um die Vollmitgliedschaftsowie die Aufnahme in dieMontan union, deren HauptstadtSaarbrücken werdenkönnte. Bis 1955 wird manfür einen künftigen Hauptstadtsitzplanen und eineninternationalen Architektenwettbewerb„MontanhauptstadtSaarbrücken“ durchführen.Diese Aufgabe wirdhinfällig, als die Saarländersich 1955 gegen das im Jahrzuvor zwischen Frankreich undder Bundes republik ausgehandelteSaarstatut aussprechen.In der Folge wird das Saarlandelftes Bundesland.Eine wichtige Rolle bei allenEntscheidungen spielt derVertreter Frankreichs, der HoheKommissar Gilbert Grandval,dessen „Haut Commissariat“1951 in die „Mission DiplomatiqueFrançaise en Sarre“um gewandelt wird.Grandval hatte zuvor schon denArchitekten Georges-HenriPingusson (1894-1978) mitdem Bau einer Botschaftbeauftragt. Pingusson zähltezur Elite der französischenArchitekten, war ein Freundund GeistesverwandterLe Corbusiers, Gründungsmitgliedder Union d`ArtisteModerne (UAM) und desCongrès Internationald`Architecture Moderne(CIAM) sowie Hochschullehreran der Pariser École des BeauxArts 1 . Die städte bauliche Planungfür Saar brücken konntePingusson nicht umsetzenund so war er 1949 resigniertnach Paris zurückgekehrt.Gleichwohl sah er im Auftrag,eine Botschaft zu bauen,den Auftakt zur Realisierungseiner Pläne. „La constructionde l`Ambassade de Franceà Sarrebruck constitue uneétape dans la réalisation duplan d`urbanisme.“ 2Gleichzeitig symbolisierte dieBotschaft in seinen Augen einZeichen des Friedens zwischenden Völkern, vor allem aberrepräsentierte sie die „GrandeNation“ und deren Kultur. AlsPingusson 1965 den GrandPrix d`Architecture erhielt,äußerte es sich auch zur Botschaft:„Ce que j`ai recherchédans le plan de l`Ambassade,cette pierre française à la Sarre,S. 4 Ehrenhof und HaupteingangS. 6/7 SüdfassadeS. 9 Rohbau Bauphase 1952-1954S. 10/11 Ansicht von Süden8


c`était le sentiment de cetordre tranquille, de force sanscontrainte qu‘ apportait notreprésence, par le rhythme desfacades, comme par la dispositiondu plan …” 3Nach schwierigen Grundstücksverhandlungenmit 50 Eigentümernhatte das Saarland einGelände zwischen Saar undAlt- Saarbrücken erworben,begrenzt von der damaligenSaaruferstraße, der Hohenzollern-,Kepler- und derRoon straße. An diesem mitBedacht gewählten Ort solltedie Botschaft den perspektivischenAbschluss eines aufder Hafeninsel geplantenPlatzes bilden. Hier errichtetePingusson von 1951 bis1954 die „Ambassade deFrance“, die FranzösischeBotschaft, seit 1960 Heimstattdes Kultusministeriums,jetzt des Bildungsministeriums.Sie verkörpert bisheute eine wichtige Etappeder Nachkriegsgeschichtedes Landes und steht seit1985 unter Denkmalschutz.Bisher konnten damit alleden Bau beeinträchtigendenschwerwiegenden Maßnahmenverhindert werden.Weithin sichtbar am Ufer derSaar erhebt sich seit nunmehrsechs Jahrzehnten dasbemerkenswerte Bauensem ble.Das Stadtbild prägt vor allemdie lange Scheibe des Verwaltungstraktes,im Volksmund„schmales Handtuch“ oder„Schoko ladenstückchen“genannt. Die weiteren Bauteiletreten kaum in Erscheinungund sind daher fast unbekannt.Das dürfte in den 1950erJahren noch anders gewesensein, als hier die Staatsgästeempfangen wurden. Damalsstand die Botschaft als einZeichen des Aufbruchs ineinem noch wüsten, kriegszerstörtenGelände. Damalsversperrte noch keine Stadtautobahnden direkten Zugangan der Saaruferstrasse. Auchkeine Westspange bedrängte,keine Reklame verunstaltetedie Stirnseite des Hauses, siekonnte sich mit ihren schmalenDimensionen und der raffiniertenDetaillierung ins Gedächtnisgraben. Auf der Südseitebreitete sich der parkähnliche,große Garten aus, eine Pergolaführte auf den Eingang desVerwaltungstraktes in derRoon straße zu. Der für eineBotschaft in einem kleinen Landeigentlich über dimensionierteBau lässt sich nur mit derzu nächst nicht ganz unrealistischenVorstellung erklären, inSaarbrücken Europäische Institutionenansiedeln zu können.Beim Bau einer Botschaft sindimmer unterschiedliche, auchräumlich zu trennende funktionaleAspekte zu berücksichtigen:den öffentlichenund für die Öffentlichkeitzugängigen Verwaltungsteil,den halböffentlichenGesellschafts- und Repräsentationsteilund die privatenWohnräume des Botschafters.Über Jahrhunderte hinwegbefanden sie sich unter einemDach, erst in neueren Residenzenwird zum größerenSchutz der Privatsphäre aufdie Wohnung verzichtet, wiees z.B. die Botschaftsbautenin Berlin deutlich machen.Pingusson nun musste alledrei Ansprüche noch zueinem stimmigen Gesamtgefügevereinen. Pingussonzur Seite gestellt wurden diebeiden deutschen ArchitektenBernhard Schultheis und HansBert Baur, die die örtlicheBauleitung übernahmen.Nach mehreren Vorentwürfenentstand der Realisierungsplan1951 mit der charakteristischenfunktionalen und formalenTrennung von Residenz imFlachbau und Verwaltungsbauim Hochhaus. In der Baubeschreibungvom 21. Januar1951 gliedern die Architektendie Botschaft in zwei Blöcke:die eigentliche Botschaft, zuder sie die RepräsentationsundBüroräume des Botschaftersund die dazugehörendenAnsicht von Süden mit Eingangzum Verwaltungsblock12


Fotodokumentation des Neubausin „Natur und Technik. Zeitschriftfür Kunst, Naturwissenschaft,Technik“, 1955Grundriss des 1. Obergeschosses15


Wirtschafts- und Diensträumezählen, wie auch den privatenBereich, die Wohnung Grandvals.4 Der zweite Block umfasstdie Verwaltung mit 180 Büros,den dazu gehörenden Nebenräumenund Erschließungen.Das Büro des Botschaftersfungiert als Bindegliedzwischen den beiden Blöcken,die damit eine organischeEinheit bilden, ohne ihreEigenständigkeit zu verlieren.„C`est autour de la personnemême de l`Ambassadeur etde son poste de travail ques`ordonne la composition desdivers éléments depuis leslocaux de caractère publicet officiel jusqu`à ceux decaractère privé.” Schon in derBaubeschreibung erläutern dieArchitekten das „système detravées“, das „Jochsystem“der Büro etagen, das 1,20 mbreit, je nach Bedarf Räumeunterschiedlicher Größe erlaubt.Die Wahl des Baumaterials– Stahlbeton oder Stahl– machten sie abhängig vonder billigeren Konstruktion,vorgesehen waren selbstverständlichZentralheizung undKlimaanlage.Als Resumé heißt es: „Pourl`équipement de l`édifice,il a été fait appel à tous lesmoyens de la techniquemoderne, en particulier pour ledemeure de l`Ambassadeur quidoit comporter un aménagementdigne et correspondant àson but representative”. 5Bevor wir das Botschaftsensembleim Einzelnenbetrachten, noch ein kurzerRückblick. Pingussons berühmtesterBau, das HôtelLatitude 43 in Saint Tropez(1931) ist ebenfalls aus unterschiedlichhohen Baukörpernzusammen gefügt, darunterauch einer Hochhausscheibe.Der mittige Treppenturm verleihtihr plastische Prägnanz.In der Publikation „Die Saar.Städtebau“, erschienenbereits 1946, ist die Skizzefür ein „großes Hotel fürSaarbrücken“ abgebildet, einauf Stützen stehender Baumit flachem Dach, betontenErschließungstürmen, einerherausgehobenen Eingangssituationund Geschosshöhen,die zwei Ebenen einnehmen.Auch der Vorschlag für einVerwaltungsgebäude von1948 zeigt eine auf Piloti gestelltelange Rechteckscheibe,mit untergeschobener Eingangshalleund rhythmisiertvon Treppentürmen. Bei alldiesen Bauten wird das Übereinanderlagernder Geschossedurch eine streng horizontaleAusrichtung betont, Fensterbänderund auskragendeBalkone oder Laubengängeunterstreichen diese Tendenz,während die vorgestelltenTreppentürme sie wiederdurchbrechen und für einharmonisches Gleichgewichtsorgen.Das BotschaftsensembleDie Botschaft nun erstrecktsich über die gesamteGrundstückslänge in Ost-Westrichtung mit dem prägnantenAbschluss des fast100 m langen, aber nur 8 mbreiten Verwaltungstraktes,der in einen nur wenigbreiteren „Kopf“ mündet.Dieser erschließt sämtlicheEtagen und bündelt Treppen,Fahrstühle und Serviceeinrichtungen.Pingusson weicht alsovon seiner Idee der vor dieFassaden gestellten Treppentürmeab. Eine Begründungist weder in den Archivaliennoch der Literatur zu finden.So muss spekuliert werden:Vorgelagerte Treppentürmebedingen eine Erschließungvon der Saaruferstraße. EinEingang hier wäre jedoch eineKonkurrenz zum repräsentativenHaupteingang imEhrenhof und dürfte diegewünschte funktionaleTrennung nicht mehr zulassen.Eine unliebsame Konsequenzder gewählten Kopfbauerschließungsind lange Wegefür die Mitarbeiter.Ein eingeschossiges, zweiseitigverglastes Entree schiebtsich in den Garten, setzte sichfrüher in einer Pergola fort.Sie wies den Besuchern denWeg und trennte Garten undanschließende Parkplätze ander Roonstraße.16


1962 wurde die transparenteWand durch eine von Karl-Heinz Grünewald kunstvollgestaltete Betonverglasungersetzt, auch sie ist heuteentfernt. 6 Damals fiel der Blickungehindert aus dem Entreein den weitläufigen Garten.Der Betrachter entdeckte dieebenerdige offene Pfeilerhalleaus zwei Reihen engnebeneinander stehender,sich nach unten verjüngenderStützen, sogenannten Pilotis.Sie heben den Bau vom Bodenab, Straßenraum und Gartenfließen in einander und dieBlicke können ungehindertschweifen. Die Öffentlichkeitder Verwaltung korrespondiertauf der Erdgeschossebene miteiner Durchlässigkeit des Baus,während der „Kopf“ ihn festim Boden verankert.Rechtwinklig an diese langeScheibe schließt, weit in denGarten vorgeschoben, dieDreiflügelanlage des Repräsentationstraktesan undumfängt einen „Ehrenhof“,der sich in die Saaruferstraßeals Besucher Ein- und Vorfahrtöffnet. Die Mitte, dasCorps-de-Logis, nimmt dieGesellschaftsräume auf, derwestliche Flügel den Arbeitsbereichdes Botschafters, deröstliche Wirtschaftsräume.Mit dem erneuten Wechsel derFunktionen differenziert auchdie Baufigur zum letzten Mal.In L-Form beenden die Wohnräumedes Botschafters denGesamtkomplex im Osten.Modell aus der Bauzeit, Ansicht von Süd-OstenModell, angefertigt von Studierenden der HTW Saarbrücken im Rahmen einerProjektwoche 2007 mit dem Titel „Vision d‘une Ville“, Ansicht von Nord-Osten17


Auf der Südseite entstand eingeschützter privater Gartenbereich,auf der Nordseite warPlatz für einen Wirtschaftshof,über den die Wohnung vonder Keplerstraße aus betretenwurde. Drei eigenständigeEingänge ermöglichten somiteine konsequente Trennungder Besucher und entsprechender Dreiteilung der Aufgabe.Analog zu diesen verschiedenenFunktionen konstruiertePingusson auch den Bauin unterschiedlicher Weise.Verwaltungsbau, Botschafterflügelund Corps de Logismit den Gesellschaftsräumensind als Stahlbetonbau bzw.als Stahlbetonskelett errichtet,der Wirtschaftsflügel unddie Wohnung als Massivbau.Konsequent entwickelte eraus der Konstruktion auch dieäußere Gestalt. Das Sichtbarmachender Konstruktion warein herausragendes Merkmalder modernen Architektur,bevor sich der „curtain wall“,die Vorhangfassade durchsetzte,die die Konstruktionnun wieder versteckte.Der VerwaltungsblockDas Stahlbetonskelett desVerwaltungsbaus gewannPingusson aus aneinandergereihten vorfabrizierten1,20 m breiten Moduli,dem „Jochsystem“ derBaubeschreibung, das sichaus Stützen und Längsträgernzusammensetzt. Siebestimmen das Fassadenbildsowohl der Nord- wie derSüdseite und charakterisierensieben Bürogeschosse miteinem streng rechtwinkligenRaster aus horizontalen undvertikalen Linien, die wieein Kunstwerk von einemumlaufenden breiten Wandstreifengerahmt werden. Mitkostbaren Muschelkalkplattenverkleidet, fängt er dasStakkato der Stützen auf, dassich wie ein Netz als äußersteWandschicht über die Fassadespannt und dieser ein betontsenkrechtes Profil verleiht. ImGegensatz zu Pingussons früherenEntwürfen tritt hier diehorizontale Konstruktion in denHintergrund und bleibt dennochwirksam. Denn Gesimsbänderund Brüstungsfelderunter den Fenstern verbindensich im Auge des Betrachterszu einer breiten durchgehendenLinie. Schließlich entfaltetsich in der perspektivischenAnsicht eine wahre Dynamik,wenn diese scheinbar alsflache Ebene komponierteWand sich im immer engerenTakt verdichtet. Die Lebendigkeitder Fassade verstärktenzusätzlich noch individuellzu öffnende, horizontal zukippende Fenster. Sie wurdenum 1985 ersetzt.Auch die scheinbar gleichenBrüstungsfelder variieren. Aufder Gartenseite im Südensind es Elemente aus hochrechteckigenFensteröffnungenund niedrigen quadratischenBrüstungen, etwaim Verhältnis eins zu zweigeteilt. Auf der Nordseiteist das Verhältnis ein anderes,ein betont dreigeteiltes,nämlich: Brüstung – Fenster –Brüstung, wobei sich untereund obere Brüstung überdie Etagen hinweg zu einemlangrechteckigen Feld zusammenschließen.In dieserTeilung steckt ein Überbleibselder ersten Pläne, in denenPingusson zweigeschossigeBüroräume vorschlug. Siesollten sich mit einer Emporein den langen, notwendigerweiseschmalen Korridorschieben und hätten nichtnur Licht von zwei Seiten bekommen,sondern auch denBlick auf die Saar erlaubt.Dieses Prinzip hatte er erfolgreichim Hotel Latitude 43erprobt. Dass nur der langeFlur übrig blieb, haben diebeiden hiesigen Architektenzu verantworten, die denPingusson-Plan vereinfachten,aber sicher nicht verbesserten.„Die Abschirmung der Büroräumezur Saar machen einender Kompromisse deutlich, diePingusson bei der Realisierungeingehen musste.“ 7 Baur undSchultheis begründen ihrenEingriff so: „Die Flurfenstergegen die Saar hin sind ihremZweck entsprechend bewusstklein gehalten, wobei18


Hall d‘honneurdie große Wandfläche durchBetonung der Pfeilergliederungenund farbige Behandlungder Fenster brüstungen innerhalbeines wohltuenden Rahmenseinen reizvollen Kontrastbilden.“ 8 Die Folge aber war,dass trotz der variablen Breiteund der Ausrichtung nachSüden, nur schlecht beleuchteteBüroräume entstanden,die heute zudem mangelhaftisoliert sind, aber damals demStand der Technik entsprachen.Pingusson war zwar einVerfechter des funktionalenBauens, lehnte jeglichen Dogmatismusaber ab. Er trennteentschieden zwischen Erschließungund Arbeitsräumen, nichtnur in der Anlage des Grundrisses,sondern auch in der ästhetischenAussage der Fassaden.Dieses Prinzip zeigt sich im gesamtenKomplex der Botschaft,hier im Verwaltungstrakt in derunterschiedlichen Behandlungder Süd- und der Nordseitesowie des Baukörper kopfes,der mit breiter, weit gehendgeschlossener Wandflächedie Fassadenlänge eindeutigbegrenzt. Ein Prinzip derklassischen Baukunst, damalsnotwendig, um die Festigkeitder Statik durch Mauerwerkzu unterstützen, nutzt er alsgestalterisches Moment. Er teiltdie Fläche nach einem an denMuschelkalkplatten abzulesendenZahlenverhältnis 2:3:5,ein Zahlenverhältnis, das in derArchitektur seit der Antike alsein besonders ausgewogenesharmonisches Verhältnis gilt.Der zwei Platten breite Streifengehört zum Rahmen wie zumKopf und vermittelt zwischenoffener Fensterfront und geschlossenerWand.Drei Platten breit zeigt sich diesenkrechte Reihe aus jeweilszur Vierergruppe zusammengefasster kleiner Rundfenster.19


Petit salon d‘accueilSie perforieren die Wand undmarkieren die Mittelachse,während die fünf Plattenbreite zweite Wandhälftegeschlossen bleibt. Auchdie Stirnseite proportioniertPingusson nach einem Zahlenrhythmus.Ein Drittel derFassadenbreite beherrscht einweit vorstehendes Fensterbandaus Glasbausteinen,das vom Boden bis zumDach aufsteigt. Die seitlichenWandabschnitte unterbrechenwieder das Motiv derRundfenster, die sorgfältig indie Plattenstruktur eingebundensind.In der traditionellen Architekturbildete das Dach mitseinen verschiedenstenFormen den krönenden Gebäudeabschluss.Hier tritt anseine Stelle die Dachterrasse.Die umlaufende gedecktePergola hoch oben erscheintin der Ansicht als Flugdach.Sie begrenzt den Bau eindeutiggegen den Himmel.Den Abschluss mit einerDachterrasse hatte Pingussonbereits im Hotel Latitude 43erprobt – wie dieses Motivviele Architekten der Modernenutzten, häufig allerdings nurbei Einfamilienhäusern. EinenBau vergleichbarer Längeerrichtete damals auch LeCorbusier, der wenige Jahrezuvor die Maison d`Habitationin Marseille mit einemDachgarten ausstattete. Inder Botschaft betrat man dasDach über das Mitarbeiter-Casino im 7. Obergeschoss; essoll bei schönem Wetter aucheifrig besucht worden sein.Allerdings halten Schönwetterperiodenin Saarbrücken imGegensatz zu Marseille nichtlange und die Bedeutung derDachterrasse als ErholungsundFeierraum ging verloren.Auch das Casino, Speise- undRuhe- und Lesezimmer derMitarbeiter, wurde funktionslosund zu Büroräumenumgenutzt und die künstlerischeAusgestaltung entfernt,teilweise auch zerstört.Die Stirnwand schmückte ursprünglichein Wandrelief vonBoris Kleint. Die plastischenFarbformen setzten sich alsfarbige Flächen auf drei Glaselementenfort, die mit Hilfeeines Trägersystems zu einemtransparenten Raumteilerverbunden waren. 9Obwohl im Kern nur einestandardisierte monotoneAnhäufung von Arbeitszellen,20


wird der Verwaltungstraktdurch seine ungewöhnlichenProportionen, durch Pilotis undDachterrasse, die über dastatsächliche Bauvolumen hinwegtäuschenund es leichtererscheinen lassen, durch dieraffinierte Detaillierung undverhaltene Dynamik seinerFassaden zu einem poetischenSignal der Baukunst.Der RepräsentationsblockDie im Gesamtensemble herausragendeRolle des Repräsentationstrakteswird nachAußen durch die Bauanlagebetont: einem „Ehrenhof“ imNorden und einer großzügigenGartentreppe im Süden.Sie begleitet den Corps-de-Logis in ganzer Länge undverbindet die Innenräumemit dem parkartigen Garten.Erneut arbeitet der Architektmit einem bewährtentraditionellen System, das sichin der klassischen französischenwie auch der deutschenSchlossarchitektur immerwieder findet, dem Pingussonaber mit den Mitteln dermodernen Architektur einzeitgemäßes Gesicht verleiht.Filigrane Stützen unterbrechendie ganz in Glas aufgelösteWand und gliedernsie in einzelne Elemente.Deren jeweilige Mitte öffnenzweiflügelige Terrassentüren,Petit salon d‘accueilseitlich begleitet von schmalerenFeldern. So entstehtein geradezu leichtfüßigerRhythmus, wie ein Walzertaktaus: eins, zwei, drei oder:breit – schmal – schmal. Dieuntergeordnete horizontaleLinienführung in der Wanddeuten nur ein durchlaufenderschmaler Steg überden Türen sowie das leichtauskragende Dach gesims an.Sonnensegel unterstreichenden beschwingten Charakter.Immer wieder galt das Strebenmoderner Architekten, denZusammenhang von InnenundAußenraum zu verdeutlichen.Die gläserne Wand alsKristallisation zweier Räumehaben Bauhausarchitekten undinsbesondere Mies van derRohe oder Le Corbusier vorbildlichgelöst, Pingusson stehtdem nicht nach. Der westlicheTeil dieser Gartenfassade nunscheint wieder fest gefügter,dem Arbeitszimmer desBotschafters gemäßer, das sichdahinter befindet.21


Einzig ein großes quadratischesFenster mit weit auskragendenGewänden beherrschtdie weiß verputzte Wand.Als ein ebenfalls klassischesArchitekturelement präsentiertsich die Anlage eines„Ehrenhofs“, dessen Fassadender jeweiligen Funktionentsprechend gegliedert sind.Die Sockelzone des westlichenFlügels schmückt ein Sgraffitovon Otto Lackenmacher undPeter Guggenbühler, darübersind in zwei Etagen dreiteiligeFensterelemente aneinandergereihtund werden wie imVerwaltungstrakt von einemrahmenden Band zusammengefasst.Auf der großenWandfläche des gegenüberliegendenFlügels wiederholtsich das bekannte Motiv derperforierenden Rundfenster.Die Hauptrolle jedoch spieltdie transparente Fassade desCorps-de-Logis. SchlankeStützen führen hoch hinauf biszu einem schmalen horizontalenWandstreifen unter demauskragenden Dachgebälkund geben den Teilungsrhythmusder Glaswand vor. Alsmoderne Interpretation einerKolossalordnung, erinnert seian die Louvre-Kolonnaden vonPerrault, symbolisiert sie diepolitische Bedeutung einer Botschaft,die Kultur und Machtdes Heimatlandes nicht mehrdemonstrativ, dennoch aberverschleiert zur Schau stellt.Der Besucher betrat die Botschaftdurch den Eingang inder Mitte des Corps-de-Logis,einen fragilen Windfangaus Glas, über den ein weitauskragendes, schützendesDach zu schweben scheint,das tatsächlich jedoch vonzwei Säulen, hier allerdingsohne Basis und Kapitell, getragenwird und als zeitgemäßeVariante eines Eingangstoresangesehen werden kann.Die transparente Übergangszonevon außen nachinnen führt in eine elegantezweigeschossige Vorhalle,die die gesamte Länge desCorps-de-Logis einnimmt,und stößt im Eingangsgeschosszunächst auf einegeschlossene, mit Marmorverkleidete Wand – dahinterverbergen sich Garderobenund Toilettenräume. Diesedient gleichzeitig als hohermassiver, durch Lisenengegliederter Sockel, überdenen sich eine Säulenreihemit dazwischen geschobenemGeländer erhebt. Siebegrenzen die „Ehrengalerie“im Obergeschoss, das auf derEbene des Gartens liegt, undöffnen und schließen dieseEmpfangszone. Dem engenRaster der Stützen in dertransparenten Außenwandder Vorhalle antworten weitauseinander stehende Säulenals gefühlter, jedoch keineswegstrennender, da durchlässigerAbschluss. In dieseüber zwei Ebenen fließendeRaumteiler und Wandgestaltungvon Boris Kleint im Casino22


Raumeinheit schiebt sichals grandioser Auftakt eineraumbreite Treppe mit weißenMarmorstufen, beidseitigbegleitet von einem massivenGeländer aus dem Wandmaterial.Ein umlaufendesBand aus farbig abgesetztemMarmor fasst die Wangen ein.Den Handlauf formen schlichteeng nebeneinander stehendeBaluster. Dieses Motiv setztsich im Geländer der Galeriefort. Wieder nutzt Pingussonein traditionelles Architekturmotiv,übersetzt in die klareSprache der Moderne. Vonoben können Ankommendegesehen werden, wenn siehinauf schreiten in zunehmendeWeite und immer stärkereund intensivere Lichterfülle.Jetzt entdeckt der Besucherauch eine zweite paralleleSäulenreihe, die Galerie übernimmtdie Rolle eines Foyersoder Wandelganges vor denRepräsentationsräumen. Ineiner Enfilade folgen aufeinander:der langgestreckteSpeisesaal im Osten, dermittlere, größte Saal und imWesten der Salon mit einerkleinen, in einer Klappwandversteckten Bühne.Klappwände trennen dieeinzelnen Räume voneinander,so dass sie sich zu einemeinzigen großen Festsaalvereinen lassen.Arbeitszimmer des Botschaftersaktueller Zustand24


Ebenfalls fügen sich Wandelementezu einer beweglichenLängswand, die,zusammengeschoben, einegeschlossene, auch optischeGrenze bilden. Aber geöffnetfällt der Blick auf die transparenteAußenwand undweiter hinaus in den Garten,die Wirkung von Weiteund Lichterfülle steigernd.Sind schließlich auch nochdie Querwände zusammengeklappt, steht der Besucherin einem lichtdurchflutetenRaumkontinuum von höchsterFlexibilität und beeindruckenderTransparenz, das in seinerAbfolge von Vorhalle, Ehrengalerieund Empfangsräumenprotokollgerecht genutzt werdenkonnte. Dieser Eindruckbietet sich uns Heutigen.Die Differenzierung derRäume lässt sich auch anDetails ablesen, etwa demWechsel im Fußbodenbelag:Marmorplatten mit einemsparsam verteilten Muster auskleinen Dreiecken gehen überin dunkles, in diagonalemSchachbrettmuster verlegtesParkett.Eine raffinierte, von Pingussonfür diesen Bau entwickeltekünstliche Deckenbeleuchtungverstärkt den vornehmeleganten,großzügigenRaumeindruck.Wanddgliederung im Foyer25


Eingang zum Verwaltungsgebäude,Fenster von Karl Heinz Grünewald, 1962Hall d‘honneur, Wandteppich vonFrançois Arnal, 195427


dem privaten Arbeitszimmerdes Botschafters und denSchlafräumen.In die kostbar mit Lederausgekleideten Wände desArbeitszimmers sind Bücherschränkeund Rundfunkgeräteeingebaut. Dieser Teil derBotschaft ist heute umfunktioniertzu Büroräumen, dochnach wie vor in seinem Charakterbewahrt.Le Corbusier und Pingusson,Zeit- und Weggefährten,blieben zeitlebens einemfunktionalen Bauen verhaftet.Doch während Le Corbusierbegann, aus dem starrenBeton organische Formen zugießen, gewann Pingussondie Poesie seiner Bauten ausder künstlerischen Freiheit,architektonische Zwänge zuüberspielen. Betrachtet mandas scheinbar so rationaleGesamtgefüge des Botschaftsensemblesgenauer, entdecktman überall die raffiniertenAbweichungen von der Regel,die Beachtung der Angemessenheit,auch den Rückgriffauf traditionelle Wurzeln undBezüge und das meisterlicheKönnen, jeder Funktion dieihr gemäße Aussagekraft zuverleihen, um daraus ein harmonischaufeinander bezogenesuntrennbares Ganzes, einGesamtkunstwerk zu formen.Anmerkungen1 s. Marlen Dittmann: www.kuenstlerlexikon-saar.de/Pingusson2 Vgl. L‘Architecture d`Aujourd`hui,1953, S. 823 Zitiert nach: Simon Texier:Georges-Henri Pingusson.Architecte, 1894-1978. EditionsVerdier, Paris 2006, S. 2224 Projet descriptif de la construction.46 IFA 30/298, Archives nationales/Institutfrançais d‘architecture,Archives d‘architecture du XX esiècle, Paris5 Zitiert nach Texier, S. 2206 Jo Enzweiler (Hg.): Kunst im öffentlichenRaum. Saarbrücken BezirkMitte. Saarbrücken 1997, S. 1837 Anne Katrin Haufe-Wadle:Repräsentation zwischenFunktionalismus und Poesie.Zur Architektur der ehemaligen„Ambassade de France“ vonGeorges-Henri Pingusson.In: Saar-Geschichten 2006,Heft 2, S. 10s. a. Anne Katrin Wadle:Die‚Ambassade de France‘ an der Saarvon Georges-Henry Pingusson.Unveröffentlichte Magisterarbeit,Universität des Saarlandes,Saarbrücken 19958 Der Neubau der französischenBotschaft in Saarbrücken. In: Naturund Technik. Zeitschrift für Kunst,Naturwissenschaft, Technik,Heft 4, 1955, S. 579 Enzweiler (Hg.) 1997, S. 20610 Haufe-Wadle 2006, S. 11Foyer des Repräsentationsblocks,Treppenaufgang29


Die Französische Botschaftund der Aufbauplan vonGeorges-Henri Pingussonfür SaarbrückenDietmar KollingSieben Hochhäuser sah diestädtebauliche Planung desfranzösischen ArchitektenGeorges-Henri Pingusson imBereich des Saarufers von Alt-Saarbrücken vor, in Doppelreihe,streng in Ost-West-Richtung, mit der Hauptfassadenach Süden hin orientiert,jeweils etwa 12 Geschossehoch. Die geplanten Hochhaus-Scheibenentsprachen derIdee der „Unité d’Habitation“(Wohneinheit), welche etwa zurgleichen Zeit von dem ArchitektenLe Corbusier in Marseillegeplant und gebaut wurde(1946-52). Pingusson und LeCorbusier waren befreundeteArchitekten, tauschten sichbezüglich ihrer beruflichen Auffassungengegenseitig aus undnahmen beide an den „CongrèsInternationaux d’ArchitectureModerne“ teil. Gebaut wurdenur eines dieser Scheiben-Hochhäuser, allerdings nicht,wie ursprünglich gedacht, alsWohngebäude, sondern als„Ambassade“ für den französischenBotschafter im neuenSaarstaat, Gilbert Grandval.Geschichtlicher HintergrundNach der Kapitulation derdeutschen Wehrmacht am8. Mai 1945 und der sichanschließenden Übernahmeder besatzungsgemäßenVerwaltung des Saarlandes30


durch Frankreich, rief der eingesetztefranzösische GouverneurGilbert Grandval zahlreichefranzösische Architekten insSaarland, um bei der Planungdes Wiederaufbaus, vor allemder stark zerstörten StädteSaarbrücken, Neunkirchen undSaarlouis mitzuwirken.Hierbei stand ihm der französischeDesigner und MetallkonstrukteurJean Prouvézur Seite, den Grandval ausder Zeit des französischenWiderstandes, genauer ausder Bewegung „Ceux de laRésistance“ kannte. Prouvéhatte ihn mit den Ideen dermodernen Architektur unddes Städtebaus bekanntgemacht und Grandvalglaubte, mit den Mitteln desfunktionalistischen Städtebausseine (erklärten!) Besatzungszieleumsetzen zu können:„Auslöschung des preußischenGeistes, Nutzung derwirtschaftlichen Ressourcendes Saarlandes, Verewigungdes Bandes, welches das Saarlandan Frankreich knüpfte“. 1Grandval gründete gleich zuBeginn seines Gouvernementseine Abteilung „Wiederaufbauund Stadtplanung“ innerhalbder Militärregierung undnutzte seine Verbindungenzu Prouvé, der ihm Empfehlungenfür die Besetzung derzu schaffenden Stellen gab.Alle daraufhin angeworbenenfranzösischen Architektenkamen aus dem Umfeld LeCorbusiers, gehörten der1929 gegründeten „Union desArtistes Modernes“ (UAM) anund hatten an den „CongrèsInternationaux d’ArchitectureModerne“ (CIAM) teilgenommen.Neben Marcel Roux,Edouard Menkès, André Sive,Jean Mougenot, Pierre Lefèvre,René Herbst u. a. war diesGeorges-Henri Pingusson. 2Wie sehr das Denken überdas moderne Bauen in derAvantgarde der beidenLänder Deutschland undFrankreich noch bis Anfangder 1930er Jahre verknüpftwar (auch Walter Gropiuswar seit seiner Gründungregelmäßiger Teilnehmer derCIAM, er war ihr Vizepräsidentvon 1929-57) 3 , belegenzum Beispiel diese Gebäude:das bereits 1929-32 vonPingusson errichtete HotelLatitude 43 in St. Tropez oderdas etwa zur gleichen Zeitdurch Le Corbusier erbauteZentrosojus-Gebäude inMoskau.Beide Projekte spiegeln inihrer Erscheinung den Einflussdes avantgardistischen Bauensder 1920er Jahre in Deutschland(Erich Mendelsohn, ThiloSchoder) und insbesonderedes Bauhauses (Walter Gropius,Mies van der Rohe) wider.Exkurs 1CIAM 1928Aus der Erklärung vonLa Sarraz (Schweiz)Die unterzeichneten Architektenstellen unter sich eine grundlegendeÜbereinstimmung ihrer Auffassungenvom Bauen sowie ihrerberuflichen Verpflichtung gegenüberder Gesellschaft fest und betonenhierbei im einzelnen, dass sie unterBauen eine ganz elementare Tätigkeitdes Menschen verstehen, die inihrem ganzen Umfang und in ihrerganzen Tiefe an der gestalterischenEntfaltung unseres Lebens beteiligtist. Die Aufgabe der Architekten istes deshalb, sich in Übereinstimmungzu bringen mit den großen Aufgabender Zeit und den großen Zielen derGesellschaft, der sie angehören, undihre Werke danach zu gestalten… .Sie haben deshalb beschlossen, sichin Zukunft über die Grenzen ihrerLänder hinaus gegenseitig in ihrenArbeiten zu unterstützen. 431


Paul Colin, Union des ArtistesModernes (UAM),Ausstellungsplakat 1930Schwierigkeiten aufdem Weg zur ModerneDer Einsatz der Architektenund Städteplaner im Saarlandwurde von Grandvalgenau festgelegt. Pingussonsicherte sich den Löwenanteilmit dem Bebauungsplanfür den Wiederaufbau vonSaarbrücken. Menkès übernahmden von Saarlouis,Lefèvre jenen des Industriegebietsvon Neunkirchen.Sive und Roux wurden beauftragt,den Regionalplan desSaarlandes zu erarbeiten. 5Innerhalb eines Jahres, allerdingsmit einigen späterenAnpassungen und Änderungen,wurde der Aufbau-Planfür Saarbrücken von Pingussonerstellt. 6 Doch außer bei OttoRenner, Architekt, Herausgeberund Redakteur der anspruchsvollen„Bau Zeitschrift wohnen,arbeiten, sich erholen“ (sie erschiennur in drei Ausgaben inSaarbrücken), fand das planerischeResultat bei den ansässigenFachleuten und Architektenkaum Interesse und insbesonderebei den deutschenFachplanern in den Behördenwenig Anerkennung. Rennerveröffentlichte die Ergebnissein „Bau Zeitschrift“ Nr. 1 unddie Franzosen selbst in der Zeitschrift„Urbanisme“ 7 . Gleichzeitigerschien in deutscherund in französischer Sprache,allerdings in geringer Auflage(je 1200 Exemplare), eine Broschüremit den Resultaten derfranzösischen Planungen fürdas ganze Saarland. 8 Teil dieserVeröffentlichungen waren sehranschauliche Modellfotografien,welche die Vorschläge ausder Vogelperspektive zeigten.Das zugrunde liegende Modellder Planung, das vor allem derInformation der Bevölkerungdienen sollte, wurde nichtetwa im Planungsamt der StadtSaarbrücken gefertigt, sondernvon Studenten des (von denFranzosen) neu gegründeten„Centre de métiers d‘artsarrois“ (Staatliche Schule fürKunst und Handwerk), wobeider Direktor Henry Gowa 9 undder Leiter der Klasse ArchitekturGabriel Guévrékian 10 besondereUnterstützung leisteten.Die deutschen Kollegen imstädtischen Planungsamtformierten sich aber – je längerdas Kriegsende zurücklag unddie politischen Verhältnisse sichänderten – in zunehmenderOpposition. Vor allem StadtbaudirektorWilhelm Feien 11und Oberbaurat Karl Cartal 12entwickelten sich zu Widersachernder französischenInitiativen. Schnell klärten sichdie Fronten: Pingusson standfür den Städtebau von morgen,Feien und Cartal warendie Beschützer des Bestandes.Pingusson sah angesichts derweitgehenden Zerstörung derStadt die Chance, diese für dieAufgaben der Zukunft zu konditionieren,seine Widersacher32


eagierten auf die Herausforderungenüberaus pragmatisch,sie erinnerten an die erst vorwenigen Jahren neu verlegtenAbwasserkanäle und Versorgungsleitungenund lehntenneue, abweichende Straßentrassenalleine schon ausökonomischen Gründen ab.Natürlich ging es dabei auch,wenn auch nicht ausgesprochen,um die bis zum heutigenTag gestellte Frage was bessersei: „sich beim Wiederaufbauder Stadt an die alte anzulehnenoder das nie Dagewesene,allenfalls kühn Geträumte zuverwirklichen“. 13Zur Soziologie derPlanungsentscheidungenEs lag in der Natur der Sache,dass die unterschiedlichenberuflichen und gesellschaftlichenRollen zu unterschiedlichenPositionen bzw. Verhaltensmustern zwangen.Das Elend der ausgebombtenMenschen, die zu Tausendenin Behelfsunterkünften (meistKellerräumen) hausten, ließenden unmittelbar für den WiederaufbauVerantwortlichen(Pingusson bezeichnete Cartalals die „Exekutive“) kaum Zeitzur Entwicklung eigener städtebaulicherVisionen, geschweigedenn dazu die Visionen andererrichtig zu bewerten und entsprechendeinzuordnen.Hatte sich Pingusson bei seinerEntwurfsarbeit in die akute Notund die unmittelbaren existenziellenSorgen aber auch in denunbändigen Wiederaufbauwillender Bevölkerung hineingedacht?Vermutlich schon. Doch derWiderstreit zwischen den Interessenund Nöten Einzelner und derUmsetzung eines am Gemeinwohlorientierten Plans für denAufbau einer zukunftsfähigenStadt war ohne die Mittel derAufklärung (Presse) und einesgroßzügigen materiellen Ausgleichsnicht lösbar.In der konkreten Praxis war– trotz gegenteiliger Beteuerungen– die Unterstützung fürdie Ideen Pingussons durch diedeutschen Kollegen aus denFachämtern eher gering. Auchein gewisses Konkurrenzdenkenist nachweisbar. An einerAufklärung und Beteiligung derBürger am Planungsgeschehen,beispielsweise durch Veröffentlichungder Pläne, bestandseitens des städtischen Wiederaufbauamteszu Beginn desJahres 1947, nach Vorlage derersten Pläne kein Interesse. Eineentsprechende Anfrage desStadtamtes IV A/5 beispielsweise,die Pläne und vorhandenenModelle über den Wiederaufbauder Öffentlichkeit zugänglichzu machen, beantworteteOberbaurat Cartal abschlägig. 14Soweit die Saarbrücker Bürgeraber doch durch die Pressezum Thema Pingusson-Pläneinformiert wurden, reagiertensie mehrheitlich ablehnend.Titelblatt der Zeitschrift „Urbanisme“,16. Jg., Paris 1947, Nr. 115, Themenheftzum Wiederaufbau an der SaarTitelblatt derBau Zeitschrift –wohnen, arbeiten, sich erholen“,1. Jg., Saarbrücken 1947, Heft 1,mit Beiträgen über den internationalenmodernen Städtebau unddie Planungen für den Wiederaufbauan der Saar33


Dies vorweg: Wie säheSaarbrücken wohl aus, wärendie Vorschläge Pingussonsumgesetzt worden?Nun, Saarbrücken wäreheute in einigen Bereichenmöglicherweise attraktiver, injedem Fall verkehrstechnischbesser erschlossen, damit zukunftsfähiger.Es gäbe keineStadtautobahn am Ufer derSaar und keine Hochhäuserauf den umliegenden Hügeln,stattdessen einige wenigeWohn-Hochhausscheiben inTal-Lage. Die Stadt hätte mitdem Bau einer U-Bahn begonnen(unter der Trierer- undder Bahnhofstraße) und einenBateau-Bus-Verkehr auf derSaar. Es gäbe ein attraktivesStadtzentrum (im Bereich desehemaligen Kohlehafens) undviele Grün- und Parkanlagen,die Messe läge an geeigneterStelle und das Regierungsviertelan einem repräsentativen,zentralen Ort, die Fußgängerzoneam St. Johanner Marktwäre schon 30 Jahre frühereingerichtet worden, dieUmgehungsstraße durch dasDeutschmühlental zusammenmit der Schanzenberg-Brückenach Malstatt und Burbachwären längst gebaut. UmSaarbrücken herum gäbe eseinen Autobahnring in Formvon Tangenten...Aufbau projekt von Georges-HenriPingusson für Saarbrücken,Skizze: neues Regierungsviertel (links),geplante Wohnhochhäuser (rechts)34


Der alltägliche KonfliktDie Auffassungen der deutschenArchitekten und desfranzösischen ChefplanersPingusson klafften demnachgewaltig auseinander. EinSchreiben der Verwaltungskommissiondes Saarlandesfür Wirtschaft und Verkehrvom 21. Juli 1947 an die Abt.Städtebau und Wiederaufbau(Reconstruction et Urbanisme)erzählt viel über die Art desMit- bzw. Gegeneinanders:„Hochverehrter Herr Directeur!Ich habe die Ehre, Ihnen inAbschrift den Bericht der StadtSaarbrücken betreffend die Unterbringungvon 100 Familien,die sich z. Zt. in Elendsunterkünftenbefinden, zu unterbreiten.Die Stadt Saarbrückenschlägt vor, diese Familienanstatt in Holzbaracken, invon ihr angegebenen, instandzusetzenden Gebäudennoch vor Eintritt des Wintersunterzubringen, wenn ihr dieangegebenen Baustoffe sofortzugeteilt werden könnten.Die Instandsetzungen würdenauf Kosten der Gebäudeeigentümererfolgen“. 15 Dochan einem der aufgelistetenGebäude war es bereits zuBautätigkeiten gekommen,welche Pingusson zu einerAktennotiz für „Herrn Cartal“veranlassten: „Es ist mirbekannt geworden, dass dieWiederaufbauarbeiten desHauses Zastrostraße 2 auf demPunkt sind, in Angriffe genommenzu werden. Ich muss Siedarauf aufmerksam machen,dass, wenn diese Arbeitenohne die Genehmigungdu Gouvernement Militaireausgeführt werden, ich ... dasBauamt verantwortlich macheund mir alle Konsequenzen,die eine derartige Initiative insich birgt, vorbehalte“ 16 . DerWiederaufbau des Gebäudesstand den NeuplanungenPingussons entgegen.Vision eines Stadtumbausnach den Prinzipien der„Charta von Athen“Pingusson, im Innersten vonseinen Ideen eines humanenStädtebaus überzeugt, hattedie Erwartung, dass sich dieSaarbrücker Bevölkerung fürseine Vorschläge begeisternwürde. Da die Kernstadtdurch den Bombenkrieg sehrstark zerstört war, sah er sichlegitimiert, in freier Entfaltungseiner fachlichen Fähigkeiten,die modernen Städtebautheorienohne Rücksicht etwa aufgegebene Parzellenstrukturenoder Eigentumsverhältnisseumzusetzen. Doch im Denkender Menschen war fürZukunftsvisionen kein Platz.Sie hatten andere Sorgen.Das wichtigste war ihnen einDach über dem Kopf sowie38


das bisschen Besitz, das ihnenvielleicht geblieben war, diekleine Parzelle mit einer Ruine,vor einer eventuellen Enteignungzu retten. Sie wolltendas Häuschen, so wie es frühereinmal ausgesehen hatte,schnell wieder aufbauen. Undkeinesfalls wollten sie in eine12-stöckige „Wohnmaschine“,wie die Wohnhochhäuserdamals auch genannt wurden,ziehen, um dort zu leben.Pingussons Irrtum war es, einStadtgebiet, wenn auch einzerstörtes, also eine Trümmerlandschaft,zu bewerten wieunbesiedeltes Terrain, wie die„grüne Wiese“, wo man freiund ohne Rücksichten hättewalten können. Was er wollte,war nicht die „Trabantenstadt“draußen, außerhalb deralten, in ihrer Struktur nochbestehenden Stadtlandschaft(etwas ähnliches hat beispielsweiseim britischen SektorDeutschlands, nämlich inHamburg mit einer sehr ähnlichenHochhausstruktur wiesie Pingussons Plan vorsah,fast problemlos funktioniert) 17 ,sondern er wollte die Umwandlung,die völlige Überformungder vorhandenen Stadt,er wollte die „funktionelle“Stadt. Das war nach denTheorien der europäischenArchitektur-Avantgarde dieStadt, welche den Prinzipiender „Charta von Athen“folgte. Diese Resolution desKongresses CIAM IV – welcher1933 an Bord der Patris II aufdem Weg von Marseille nachAthen durchgeführt wurde– formulierte in zahlreichenThesen städtebaulicheZielsetzungen. In einer von LeCorbusier während der deutschenBesatzungszeit in Parisanonym verbreiteten Schriftwurden diese Thesen für eingrößeres Publikum erstmaligöffentlich gemacht.In der These Nr. 77 heißt es:„die Schlüssel zum Städtebauliegen in folgendenvier Funktionen: wohnen,arbeiten, sich erholen, sichbewegen (Verkehr)“ und inder These 78 heißt es weiter:„die Planungen werdendie Struktur jedes den vierSchlüsselfunktionen zugewiesenenViertels bestimmen,und sie werden derenentsprechende Lokalisierunginnerhalb des Ganzen fixieren“.18 Es ist die Geburt des„funktionellen Städtebaus“,von den meisten Architekten(etwas verkürzt) als Aufforderungverstanden, die vier„Schlüsselfunktionen“ stadträumlichzu separieren.Exkurs 2Zum Begriff Charta von AthenDer Initiant des 1968 an der ETHZürich gegründeten „CIAM-Archiv“,Alfred Roth sah sich 1979 zu einerKlarstellung des Begriffs „Charta vonAthen“ veranlasst. Roth, selbst Mitgliedder „Internationalen Kongressefür neues Bauen CIAM“, stellt esfolgendermaßen dar: Der Begriff seiim Jahre 1933 und auch später nichtexistent gewesen. Die Überschrift derResolution des Kongresses von 1933habe „Die funktionelle Stadt – Feststellungenund Richtlinien“ gelautet.Der Begriff „Charta von Athen“ seieine typische Kreation von Le Corbusiergewesen, der die Athener Resolutionenunter diesem Titel im PariserVerlag Plon in französischer Sprache– allerdings bei Einbringung seinersehr persönlichen Auffassungen überStadtplanung – veröffentlichte. Daherweiche sie in mehreren Punkten vonder Originalfassung ab. Hierzu gehöreauch der Vorwurf, die Charta fordere„eine absolute Trennung der Funktionen“.Tatsächlich habe aber keineAbsicht bestanden, diese Funktionen(Wohnen, Erholen, Arbeiten, Verkehr)beim Aufbau oder Rekonstruktion vonStädten zu trennen. (Schreiben vonRoth an die „Bauwelt“) 1939


Pingussons „Plan pour lareconstruction de Sarrebruck“jedenfalls bestand im Kern ineiner Modernisierung der Verkehrsinfrastrukturund – wasdie bauliche Strukturierungbetraf – auch in der Neuordnungder städtischen Funktionen.Historische Orte wiez. B. der St. Johanner Markt,das Saarbrücker Schloss oder– trotz erheblicher Zerstörung– der Ludwigsplatz mitder Ludwigskirche warenfür Pingusson Monumentevon besonderer historischerBedeutung. Diese stellte erunter Schutz.Die Funktion „Wohnen“verlegte er im Wesentlichenauf die Saarbrücken umgebendenHügel („für Wohnbautenin freier Bauweise“)bzw. in Hochbauten, z.B. indas Quartier der heutigenBruchwiese und an das linkeSaarufer in Alt-Saarbrücken,im Bereich Keplerstraße bisSchanzenbergbrücke. Hiersituierte er erst sieben, in einerspäteren Entwurfsvariante vierHochhäuser als Zeilenblöcke ineinem Viertel mit der Plan-Bezeichnung: „Zone Administrationprivé et Habitationhaute“. 20 Diese von Pingussonhier vorgesehenen Wohnhochhäuserbelegten ein Gebiet,das durch den Krieg bis zu 90Prozent zerstört und vor demKrieg kleingewerblich unddurch mehrgeschossige Wohnbautenbebaut war. Doch derPlan zum Bau von Hochhäusernzum Wohnen fand inSaarbrücken kaum Zuspruch.Die negativen Nachrichten ausMarseille mögen die Skepsisder Saarbrücker noch verstärkthaben. Dort intrigierteman gegen das Projekt einerUnité d’Habitation, welchesLeCorbusiers gerade zu bauenbegonnen hatte (1946-1952).Ein perfides Gutachten prognostiziertedie Entwicklungvon Geisteskrankheiten beiden künftigen Bewohnern undlöste damit eine landesweiteKontroverse aus. 21Exkurs 3Die Akzeptanz der „Unité d’Habitation“Die insgesamt fünf Wohnhochhäuser,die Le Corbusier nach Art der Unitéd’Habitation, Marseille, errichtete(eines davon in Berlin), sind heute allesaniert, gut gepflegt und hoch geehrt,die meisten in Form von Wohnungseigentumin privater Hand. Sie sindäußerst nachgefragt.Die internationale Zeitschrift „Bauen+ Wohnen“ schrieb bereits 1957 imZusammenhang mit einem Berichtüber die zweite Unité d’Habitation LeCorbusiers in Nantes-Rezé über deneinsetzenden Erfolg ausgerechnet desMarseiller Projektes: „Die Besucherströmen nach Marseille-Michelet:100 000 in achtzehn Monaten, undjeder bezahlt 150 fr Eintritt. Resultat:15 Millionen Ertrag... und Tausendeweitere Besucher: Sie entströmen denDampfern, sie kommen in Cars vonCalais oder Malmoc, im Flugzeug nachMarignane und vor allem mit Autos,Motor- und Fahrrädern...“ 2240


Der Direktor der Schule für Kunst undHandwerk Henry Gowa, der Leiter derArchitekturklasse Gabriel Guevrekianund Studierende am Modell zumWiederaufbau Saarbrückens nachPlänen von Georges-Henri Pingusson41


Le Corbusier, Ideenskizze fürNemours, 1934. Mehrere innerhalbausgedehnter Grünanlagen verstreutliegende „Unités d‘Habitation“ bildeneinen Stadtteil oder eine Stadt.Le Corbusier, Studie für den Stadtbau -plan von São Paulo, Brasilien, 1929Die Geste des in die Stadt schneidendenAchsenkreuzes, das keine Rücksicht aufvorhandene Gegebenheiten nimmt,taucht auch in Pingussons Verkehrsplanungfür Saarbrücken auf.Die vertikale GartenstadtLe Corbusiers: ein Konzeptfür Saarbrücken?In Saarbrücken hingegenwaren die WohnbauvorschlägePingussons praktisch chancenlos.Heute stellt sich die Frage,warum die nur wenige Jahrespäter in den 1960er und1970er Jahren auf SaarbrückensHügeln realisiertenzahlreichen Wohnhochhäusereher akzeptiert wurden alsdas französische Konzept der„Unité d’Habitation“, dasPingusson nach Saarbrückenimportieren wollte. Le Corbusiernannte es auch „vertikaleGartenstadt“. In Marseilleist die „Wohneinheit“ sokonzipiert: 165 m lang, 24 mtief, 56 m hoch, sie bestehtjeweils aus mehrgeschossigen,gestapelten Wohnungstypen,insgesamt 336 und einerFülle von sozialen Einrichtungen.„Der Zugang zu denAppartements erfolgt durchfünf übereinander liegende‚innere‘ Straßen (Flure). Inhalber Höhe des Gebäudesbefindet sich die „Straße“ mitden Lebensmittelgeschäften,mit Zubringerdiensten in dieWohnungen. Ein Restaurantund ein Tea Room dienen derVerpflegung. Ferner sind vorhanden:Wäscherei... Drogerie,Friseur, Post, ... Buchladen,Apotheke. An der gleicheninneren Straße liegen dieHotelzimmer für die Gäste. Imobersten, dem 17. Stockwerk,sind Krippe und Kindergarteneingerichtet, die mit einer fürKinder reservierten Dachterrassemit Schwimmbassinverbunden sind. Auf demDachgarten befinden sichAussichtsturm, Sonnenbad,Turnhalle...“. 23 „Jede Wohnungist zwei Stockwerkehoch und hat einen ‚Ziergarten‘,ein Zimmer ohne Außenwände,das auf gleicher Höhemit dem Wohnraum liegt.“ 24Le Corbusier hat viele Jahre,unter Hinzuziehung zahlreicherExperten, gearbeitetund experimentiert. Die „citéradieuse“ wie das Wohnbauprojektauch genannt wurde,ist aus Sicht der meistenArchitektur-Historiker Le Corbusiersberühmtester Beitragzur modernen Architektur.Dass es seiner Zeit voraus war,hat Le Corbusier anfangs inMarseille und später auchin anderen Orten (Berlin) zuspüren bekommen und ingleicher Weise Pingusson inSaarbrücken. Die Bevölkerungund die örtlichen Planer inSaarbrücken jedenfalls lehnteneine Hochhausbebauungstrikt ab. 25An einem anderen Ort hattendie beiden Architekten nurwenig später mehr Fortune.Unweit von Saarbrücken,in der Stadt Briey-en-Forêterstellte Pingusson 1952, kurznach seinem Fortgang aus42


dem Saarland den Bebauungsplan.Dort konnte er dieGemeinde überzeugen, LeCorbusier den Auftrag füreine „Unité d’Habitation“ zuerteilen. 26 Diese wurde dannauch (1960) gebaut.Gründe für denWiderstand gegen denWiederaufbau-PlanFür den Widerstand gegen dieNeubau-Pläne der Militärregierunggibt es aus heutiger Sichtauch durchaus nachvollziehbareGründe. So war derschnelle Wiederaufbau derRuinen sicherlich das Gebotder Stunde und entsprach derMentalität der Menschen. Eswar ohne Zweifel die schnellsteMethode der obdachlosenBevölkerung Wohnraum zuverschaffen. Viele Details derPlanung Pingussons warenschwer finanzierbar und deshalbnur langfristig realisierbar.Die Menschen in ihrem Elendausharren zu lassen, konntendie Planer der „Exekutive“aber nicht verantworten. DasVorhaben, sie vorübergehendin schnell aufzubauenden,demontablen Fertighäusernunterzubringen 27 , hat nichtfunktioniert. Auch stand dasgeltende Baurecht, welchesdas Eigentum an Grund undBoden schützte, der großflächigenÜberformung derStadt entgegen. Und nichtzuletzt sprechen auch modernestädtebauliche Grundsätzefür die Intension, historischeKontinuität im Wiederaufbauwirken zu lassen, also Respektvor dem baulichen Erbe,dem Schaffen der vorangegangenenGenerationen zubezeugen.Das ist heute sicher leichter zuerkennen und zu verstehenals damals. Die Soziologie mitihren städtebaulichen Analysenund den daraus abgeleitetenForderungen nach Mitbestimmungund Sozialplanim modernen Städtebau übteihren positiven Einfluss erst abden 1970er Jahren aus.Die internationale Avantgardejener Zeit dachte noch anders.So führte die von Le Corbusierpropagierte Maxime des„hygienischen Stadtumbaus“,welche die ideale Besonnungund Belüftung der Wohnungenzum wichtigsten Zielerhob, innerhalb des „neuenBauens“ zur Verneinung desStadtraums. Nach dieser Logikpolemisierte Le Corbusier beispielsweisegegen Straßen undPlätze der historischen Stadt:„il faut tuer la rue-corridor“. 28Es ist unübersehbar: von daresultierte letztlich die neueStädtebaustrategie Pingussons:Abriss der alten Bausubstanz(zumindest in Alt-Saarbrücken)und Bau von frei im Grünenstehenden mehrgeschossigenZeilenbauten.Die außenpolitische Dimensiondes WiederaufbauplansOberbaurat Cartal, der Widersacher,hatte prinzipiell einehohe Meinung von Pingussonsplanerischen Fähigkeiten(was in den hinterlassenenDokumenten durchaus zumAusdruck kommt). Von seinerGrundeinstellung her war ersicher nicht gegen Frankreichund „die Franzosen“ eingenommen.1933 war er in dasSaargebiet und – nach derSaarabstimmung von 1935 –nach Frankreich emigriert. 29Von den modernen Theorienwar er somit – anders als inDeutschland – in den Kriegsjahrennicht abgeschnittengewesen. Seine entschiedeneGegnerschaft zu den Scheibenhochhäusern,welchenach dem Plan Pingussonsdie ehemalige Bebauung inAlt-Saarbrücken ersetzensollten, ist aber eindeutig undhinreichend dokumentiert. Sobleibt die Vermutung, dassCartal, außer den Tagesproblemen,auch andere Städtebauprinzipien,z.B. die Furchtvor dem Verlust von Urbanitätantrieben, als er sich dem Flächenabrissund der „Totalabräumung“in Alt-Saarbrückenentgegenstellte.Pingusson dagegen war sehrstark motiviert durch dieDiskussionen innerhalb der43


Kongresse der CIAM, welcheimmer wieder die Zukunft derStädte zum Thema hatten. Ersah zudem die außenpolitischeDimension seines Plans:Saarbrücken als Zentrum einerwachsenden, multinationalenRegion und einer Einwohnerzahlvon weit mehr als 200000Menschen. Das alte, überkommeneSaarbrücken sah er nichtausreichend aufgestellt fürdiese Aufgabe. Somit trafenzwei völlig unterschiedlichePositionen aufeinander. Diepflichterfüllten Pragmatiker,die tagtäglich die große Notaber auch den ungeheurenAufbauwillen der Bevölkerungvor Augen hatten, und der vonder Siegermacht beauftrageStadtplaner, der als Verhindereroder Bremser gesehen wurde,der aber nicht zulassen wollte,dass eine Stadt erst saniert,wiederaufgebaut und anschließend,vielleicht schon nachwenigen Jahren in wesentlichenTeilen wieder abgerissenwerden müsste, weil sie dannvielleicht ihre Aufgaben nichtmehr würde erfüllen können.Zur VerkehrsplanungDen größten Widerstand erfuhrPingusson in Saarbrückenmit seiner Verkehrsplanung.So verwundert es kaum, dassdavon nur wenig realisiertwurde. Doch gerade dieVerkehrsplanung, selbstverständlichim Entwurfsplannicht bis zum i-Tüpfelchendurchdacht, war der bei weiteminteressanteste Teil seinesPlans. Wäre man ihm gefolgt,hätte dies den Saarbrückernin den folgenden Jahren sehrviel Verdruss erspart.Pingusson plante für denFernverkehr einen Autobahnringrund um Saarbrückenin Form von Tangenten.Ausgeführt wurde nur einedavon: die südliche Umfahrung(die aber schon, wennauch in etwas anderer Form,in den 1930er Jahren als„Reichsautobahn“ geplantwar). Sie sollte sowohl alsFernstrecke nach Paris alsauch als Umfahrung der Stadtdienen. Doch selbst hierwurde nur ein kleiner Teil,und zwar nach dem AbschiedPingussons aus Saarbrücken,realisiert.Der von Pingusson geplanteautobahnähnliche Abzweigzum Deutschmühlental undseine Weiterführung übereine neu zu errichtendeSchanzenbergbrücke endetheute an der Metzerstraße.Ob eine Trasse als Ersatz fürdie von Pingusson geplanteNordumfahrung heute, nacherheblicher Bautätigkeit in diesemBereich, noch gefundenwerden kann, erscheint eherunwahrscheinlich. Das gleichegilt für eine Osttangente.Ein großes Straßenkreuz,streng Nord-Süd bzw.Ost-West orientiert, wurdebisher sehr unterschiedlichgedeutet: als Straße für denDurchgangsverkehr oderals Prachtstraße. Es scheintaber, diese beiden Straßenwaren als Transversalen mitSammlerfunktion gedacht,trotz Kreuzungsfreiheiteher als Pracht – denn alsSchnell- oder Durchgangsstraßen,aber mit einer bisherunerwähnten Funktion: alselementares Orientierungsmerkmalim Stadtbild, dieswegen der klaren, kompromisslosenStrenge derAusrichtung, eher nach denHimmelsrichtungen als etwanach der Topographie, nachhistorischen Gegebenheitenoder einer besonderenZweckmäßigkeit orientiert.Sie teilten, ob gewolltoder ungewollt, die Stadtgewissermaßen in Quartiere:in eine Nord-Ost-, eine Süd-Ost-, eine Süd-West und eineNord-West-Stadt.Städtebauliches Modell des Aufbauprojektesvon Georges-Henri Pingussonfür die Stadt Saarbrücken,Blick von Westen nach Osten44


Straßenverkehrsnetz und neuesStadtzentrum für Saarbrücken,Gesamtübersicht. Planung Georges-Henri Pingusson, undatiert (um 1948,Hervorhebung der Hauptverkehrswegedurch Dietmar Kolling 2011)46


Einbau von Arkaden in Saarbrückennach dem Konzept von Pingussonhier: Bahnhofstraße Ecke Schifferstraße,Kaufhaus Gebr. Sinn, Foto 1948S. 50/51 Alt-Saarbücken zehn Jahrenach Kriegsende, links die BotschaftUm eine Vorstellung zubekommen, was mit diesemStraßenkonstrukt bezwecktwerden sollte, muss man sichdie Veröffentlichungen der1920er und 1930er Jahre zur„futuristischen und funktionellenStadt“ 30 anschauenund sich mit den Vorschlägenbeispielsweise von Augusteund Gustave Perret (1922)und Le Corbusier (1925) fürParis, Karl Moser (1933) fürZürich oder Cornelis vanEesteren für Berlin (1925)vertraut machen. Georges-Eugène Haussmann 31 hates in Paris schon 100 Jahrefrüher vorgemacht und mitHilfe feudaler Macht radikalumgesetzt.In Paris mag die damitverbundene, radikale Überformungder Stadt durchmonumentale Sichtachsen(die letztlich auch einenmilitärischen Hintergrundhatten) die Stadt tatsächlichin die Zukunft geführt haben,in Saarbrücken aber erscheint,aus heutiger Sicht, dieserVorschlag Pingussons alsam wenigsten von all seinenVorschlägen begründet.Gerade dieses Straßenkreuz –vor allem die Ost-West-Achse– stieß auch auf Seiten derdeutschen Planer auf entschiedeneAblehnung. 32Für einige der innerstädtischenGeschäftsstraßen,insbesondere für die Bahnhofstraße,Dudweilerstraße,Kaiserstraße, Viktoriastraßeund die Eisenbahnstraßeerwartete Pingusson für dieZukunft einen wesentlichstärkeren Autoverkehr, dendie vorhanden Straßenbreitenseiner Ansicht nach nichtaufnehmen konnten.Sein Lösungsvorschlag: dieEinrichtung von Arkaden. DieStraßen ließen sich so fast bisan die Fassaden der Häuserverbreitern. Die Bürgersteigewurden 5 m breit in denHäusergrundriss verlegt.Zum Ausgleich durften dieGrundstückseigentümer dieHofflächen bebauen. DieKellerbereiche unter denArkaden mussten für dieVerlegung von öffentlichenLeitungen zur Verfügunggestellt und freigehaltenwerden.Zuerst von den Hauseigentümernbekämpft, entwickeltensich die Arkaden wegenihrer besonderen Vorteilebei schlechter Witterungzum Erfolgsmodell, welchessich weit über die Grenzenherumsprach. PingussonsUrheberschaft für dieArkaden in Saarbrücken istein deutig belegt. 3348


Aus Respekt vor der hohenDenkmal-Qualität des historischenSt. Johanner Markteswollte Pingusson ihn für denAutoverkehr sperren. Die Fußgängerzonehätte man somit,wäre man dem Vorschlaggleich gefolgt, schon in den1950er Jahren also mehr als30 Jahre früher einrichtenkönnen.Pingusson plante keine Flussbegleitende „Stadtautobahn“durch Saarbrücken. SeinPlan sah normale Straßen, ernannte sie „Allee am Saarufer“,auf beiden Seiten derSaar vor. Doch nur am linkenSaarufer wurde der Vorschlagauch umgesetzt und bestandals „Saaruferstrasse“ bis zumBau der Autobahn A 620 (derersten Stadtautobahn derBundesrepublik). 34In einer überarbeiteten Versiondes Aufbauplanes von1947-48, bekannt ebenfallsdurch ein großes Massenmodell,ist das vorgeschlageneGeschäfts- und Regierungsviertelausgearbeitet.Die Nord-Süd-Transversale isthier Mittelpunkt der Darstellung.Diese tangiert einengroßen Platz, mit der neu zuerrichtenden Präfektur, imweiteren Verlauf RichtungMalstatt befinden sich Hochhäuserfür Regierung undVerwaltungsfunktionen: dasneue Stadtzentrum. Auf dergegenüberliegenden linkenSaarseite sind bei dieserEntwurfsvariante nur nochvier Hochhausscheiben stattsieben zu sehen.Die weitere Bebauung Alt-Saarbrückens ist gegenüberder ersten Entwurfs-Fassungkleinteiliger und niedriger.Pingusson hatte sich kompromissbereitgezeigt.Einer der vier Zeilenblöckewird später die Funktion derfranzösischen Botschaft imneuen Saarstaat erhalten.Botschafter Gilbert Grandvalwählte als Architekten für denNeubau des Botschaftsgebäudesden Mann, der Ende1949 resigniert seine Stelleals Stadtplaner in Saarbrückenaufgegeben hatte undnun wieder als freier Architektzur Verfügung stand:Georges-Henri Pingusson.Er plante und errichtete dasGebäude zusammen mit zweisaarländischen Kollegen,den Architekten BernhardSchultheis und Hans BertBaur, fertig gestellt wurde es1954. 35 Später wurde es Sitzdes Saarländischen Kultusministeriums.Otto Renner, auchHerausgeber der Zeitschrift„Natur und Technik“ schriebin Heft 4 (1955): „Mit derWahl des Bauplatzes ander Saaruferstraße für denNeubau der französischenBotschaft ist der durch Kriegseinwirkungfast vollständigzerstörte Stadtteil Alt-Saarbrückenum ein markantesGebäude im Geiste (des) moderneneuropäischen Bauensbereichert worden. Es wäre zuwünschen, dass Maßstab undRhythmus dieser Bauweiseeine Fortführung erfahren...Durch die Anordnung einesHochhauses kann man aufdemselben Gelände die sowohltuenden und in unsererStadt fast ganz fehlendenGrünflächen auch in kleinemRahmen schaffen.“ 36Pingusson kam mit Enthusiasmusnach Saarbrücken. Er unterbracheine große Architektenkarrierein Frankreich, umim Saarland eine – wie es ihmschien – wichtige Aufgabe zuerfüllen: Saarbrücken zu einerder modernsten Städte Europasumzugestalten. Damit ister gescheitert. Hinterlassenhat Pingusson viele Ideen,die bis heute in den Köpfender Stadtplaner für Unruhesorgen, etwas bedrucktesPapier in den Archiven undein einziges Gebäude: dasehemalige Botschaftsgebäudedes Gilbert Grandval, einesFranzosen, der es gut mit demSaarland meinte, auch wenner dabei an Frankreich dachte.49


Anmerkungen1 vgl. Gilbert Grandval. In:Urbanisme. Revue Mensuellede l’Urbanisme Français del’Equipement et des Travauxdes Collectivités Locales, 16eAnnée Nr. 115, Mai 1947, Sonder-Nummer über den französischenWiederaufbau im Saarland, S. 872 Zu den Gründungsmitglieder desCIAM gehörten René Herbst, LeCorbusier, Eileen Gray, Jean Prouvéund als Präsident Robert Malle-Stevens. Vgl. Peter Adam: EileenGray. Architektin/ Designerin.Schaffhausen 1989, S. 2433 Walter Gropius: Architektur.Frankfurt 1955, S. 824 vgl. V. Haas, M. Schneider,A. Wenschuh (Red.): Von derfuturistischen zur funktionellenStadt. Planen und Bauen in Europa1913-1933. Berlin 19775 Rémi Baudoui: Jean Prouvé: vonder Résistance zum ExperimentSaarland. In: Alexander vonVegesack (Hg.): Jean Prouvé.Weil a. Rhein 2005, S. 1916 Der Generalplan Pingussonswurde am 14. Januar 1947 vomSaarbrücker Stadtrat angenommen.7 Bau Zeitschrift wohnen arbeitensich erholen. Saarbrücken 1947;Urbanisme, Nr. 115, 16. Jg., 19478 Die Saar. Städtebau im Saarland.Saarbrücken 1947; La Sarre. Urbanismeen Sarre. Saarbrücken 19479 Henry Gowa wurde 1902 inHamburg als Hermann Gowageboren. Er studierte Kunstgeschichteund Kunst, ab 1925arbeitete er als Bühnenbildner,1933 emigrierte er nach Paris undnahm den Vornamen Henry an.1946 übernahm er die Leitung derStaatlichen Schule für Kunst undHandwerk in Saarbrücken (www.künstlerlexikon-saar.de)10 Gabriel Guevrekian wurde 1900in Istanbul geboren. Er studiertean der Kunstgewerbeschule Wien,arbeite zusammen mit JosefHoffmann. Ab 1926 arbeiteteer als selbstständiger Architekt,Gartenarchitekt und Designer. Von1946-1948 war er Klassenleiter Architekturan der Staatlichen Schulefür Kunst und Handwerk Saarbrücken.(www.künstlerlexikon-saar)11 Wilhelm (Willi) Feien war Stadtbaudirektorund Leiter des Amtes fürWiederaufbau.12 Karl Cartal, geboren 1908, Oberbauratim Amt für Wiederaufbau,seit September 1945 Chefarchitektder Stadt Saarbrücken und Leiterder Städtebauabteilung. StA Saarbrücken,G60 Nr. 338, SchreibenCartal an Pingusson vom 3.1.194713 Vittorio Magnago Lampugnani:Architektur als Kultur. Die Ideenund die Formen. Aufsätze 1970-1985. Köln 1986, S. 13714 Schreiben von Theissen, StA IVan Oberbaurat Cartal: „…nachdemdurch die Stadtverordnetensitzungam 14.1.1947 der Wiederaufbauplander Stadt Saarbrückenangenommen worden ist, erlaubeich mir die Anfrage, ob es nichtzweckmäßig erscheint, die Pläneund vorh. Modelle über den Wiederaufbauder Stadt der Öffentlichkeitzugänglich zu machen.“Antwort Oberbaurat Cartal: „InBeantwortung Ihrer Anfrage v.16.1.1947 teile ich Ihnen mit, dassdie Stadtverordnetenversammlungzwar beschlossen hat, denBebauungsvorschlag des HerrnPingusson als Grundlage fürden Wiederaufbau der StadtSaarbrücken anzunehmen, diesermeines Erachtens aber noch zumancherlei Kritik herausfordertund es unzweckmäßig ist, schonheute damit an die Öffentlichkeitzu treten… In einer Zeit, in der esuns nicht möglich ist, die Löcherin unseren zerschlagenen Dächernzu schließen oder die instandzusetzenden Häuser an ausgebautenStrassen bewohnbar zumachen, könnte ein konstruierterOptimismus einer peinlichen FlautePlatz machen.“ StA Saarbrücken,G60 Nr. 33815 StA Saarbrücken, G60 Nr. 339Akte 35, übersetzter Text16 ebd. Akte Nr. 59, übersetzter Textder Aktennotiz v. 30. Juli 194717 Die Grindelhochhäuser inHamburg-Harvestehude (ArbeitsgemeinschaftHermkes, Jäger,Lodders, Sander, Streb, Trautwein,Zess) 1950-56 erscheinen fast exaktals die gebaute Umsetzung derPingussonschen Vorschläge für dasSaarbrücker Saarufer, vgl. HubertHoffmann. In: Der deutscheWerkbund 1907, 1947, 1987. Berlin1987, S. 6418 Le Corbusier: An die Studenten –Die „Charte d‘Athènes“.Reinbek 196219 vgl. veröffentlichter Brief. In:Bauwelt 1979, Heft 31/31, S. 1220 Urbanisme Nr. 115, 16. Jg., 1947,Faltplan zwischen Seite 106und 10721 Jean-Louis Cohen: Le Corbusier1887-1965. Köln 2004, S. 5752


22 Bauen + Wohnen 1957, Heft 1, S. 323 Norbert Huse: Le Corbusier inSelbstzeugnissen und Bilddokumenten.Reinbek 1976, S. 9124 Der Spiegel, Heft 15, 195225 In einer Aufstellung der Unterscheidungsmerkmalezwischen derPlanung Pingussons und den Wiederaufbauabsichtender Stadtbauverwaltung(1946) stellt Cartal fest:„Zum Schluss ... sei die Auffassungder Stadtverwaltung bezüglich derdurch die französische Militärregierunggeplanten Hochhausbebauungdargelegt. Abgesehen von derstädtebaulichen Veränderung, diedas Stadtbild durch diese neueBebauungsform erfahren habenwürde, hält das Wiederaufbauamtdie Durchführung dieser Bautennur unter ungeheueren finanziellenund materiellen Aufwendungen fürmöglich, die bei der wirtschaftlichenNotlage der Stadt auf Jahre hinausnicht verwirklicht werden kann. ...Neben... technischen Schwierigkeitenbestehen Bedenken bezüglich derVerwendung dieser Hochbauten fürWohnzwecke. Bei der wirtschaftlichenund sozialen Einstellungder Saarbevölkerung dürfte diesesamerikanische Wohnungssystemwenig Anklang finden und nur voneinem verhältnismäßig kleinen Kreisder Bevölkerung als zweckmäßigempfunden werden. Die Stadtplanungverzichtet daher auf die Ausführungirgendwelcher Hochhäuserfür Wohnzwecke und beabsichtigtlediglich einen Wiederaufbau dervorhanden Stadtgebiete nach einemzweckmäßigen, der heutigen Zeitangepassten Bebauungssystem.“ StASaarbrücken, G60 Nr. 33826 vgl. Marlen Dittmann: Pingusson,Georges-Henri. In: www.künstlerlexikon-saar.de27 Zu diesem Zweck war Jean Prouvéin das Saarland gekommen.28 Lampugnani 1986, S. 13429 Ulrich Höhns: Saarbrücken:Verzögerte Moderne in einerkleinen Großstadt. In: Klausvon Beyme, Werner Durth u.a.(Hg.): Neue Städte aus Ruinen.Deutscher Städtebau der Nachkriegszeit.München 1992, dort:Anmerkungen30 Von der futurischen zur funktionellenStadt. Planen und Bauen inEuropa 1913-1933. Berlin 1978,S. 2/98 ff31 Napoléon III ernannte Georges-Eugène Haussmann 1853 zumPräfekten von Paris. Er erwartetevon ihm eine grundlegendestädtebauliche Umgestaltungder Stadt. Durch monumentaleSichtachsen sollte eine übersichtlicheGliederung erreicht werden.Auch Grünanlagen nach demVorbild Londons waren das Ziel. Eswurden Straßen mit einer Längevon insgesamt ca. 150 km vonHaussmann gebaut.32 In seiner Stellungnahme zumBebauungsplan Pingussons mitder Überschrift: „Unterscheidungsmerkmalezwischen demBebauungsplan der französischenMilitärregierung und den Wiederaufbauabsichtender Stadtbauverwaltung...“mokiert sich Cartalüber den schematischen Verlaufder Achse „Heuduck-/Stengelstraße,schräge Saarüberquerung,Durchschneidung von Gerber-und Landwehrplatz, um imBruchwiesengebiet vor irgendeinembeliebigen Hochhaus, dassich in keiner Weise städtebaulichvon den übrigen unterscheidet, zuenden.“ Vgl. StA Saarbrücken G60Nr. 338 (Datum der Übersetzung16. Dezember 1946)33 Schreiben vom 20.9.48 vonStadtbaudirektor Wilhelm Feienan den Beigeordneten Triebel,Mönchen-Gladbach, der eine entsprechendeAnfrage gestellt hatte:„… für die Stadt Saarbrückenwurde ein Neuordnungsplanaufgestellt und zwar durch einenvon der Militärregierung desSaargebietes beauftragten französischenChefarchitekten. DieserNeuordnungsplan sah für die vierGeschäftsstraßen des Stadtinnerneine Aufweitung des Verkehrsraumesdieser Straßen vor…Da dieGrundstücke vielfach eine geringeBautiefe haben, sieht der Plan vor,die Bürgersteige unter Arkaden zuverlegen...“, StA Saarbrücken,G 60, Nr. 10434 Die Stadtautobahn gründet aufeinem Vorschlag des VerkehrsplanersProfessor Feuchtinger,umgesetzt wurde sie von HansKrajewski. Vgl.: Hans KrajewskiSchaffenskreise. Architekt undStadtbaurat in Bremen, Leverkusenund Saarbrücken. Saarbrücken1981, S. 15235 Anne Katrin Haufe-Wadle:Repräsentation zwischen Funktionalismusund Poesie. In: Saar-Geschichten, Heft 2, Saarbrücken2006, S. 836 Natur und Technik. Zeitschrift fürKunst, Naturwissenschaft, Technik.Saarbrücken, Heft 4, 1955, S. 56f53


Georges-Henri Pingusson1894 in Clermont-Ferrand geboren1913 Dipl.-Ing. an derÉcole Supérieure de Mécaniqueet d‘Électricité1920-25 Studium der Architekturan der École des Beaux Arts, Parisim Atelier Umbdenstock1929 Mitglied der U.A.M(Union des Artistes Modernes)1945-50 Chefplaner für denWiederaufbau Saarbrückens1949-61 „architecte en chefde la réconstruction de la Moselleet de la Lorraine“, Metz1949 Architekturprofessur,École des Beaux Arts, Paris1950 Ehrenmitglied derArchitektenkammer Saar1955 Grands Prix d’ArchitectureFachpreisrichter Wettbewerb„Montan-Union-Stadt Saarbrücken“1978 gestorben


ImpressumBildnachweisAutorenHerausgeberDeutscher Werkbund Saarland undInstitut für aktuelle KunstRedaktionOranna Dimmig, Claudia MaasGestaltungNina Jäger© Institut für aktuelle Kunst imSaarlandVerlag St. Johann GmbH, SaarbrückenISBN 3-938070-67-6Saarbrücken 2011Druck und LithografieKrüger Druck+Verlag GmbH, DillingenAuflage: 1000LaboratoriumInstitut für aktuelle Kunst im SaarlandChoisyring 1066740 SaarlouisFon: 06831/460530info@institut-aktuelle-kunst.dewww.institut-aktuelle-kunst.dewww.kunstlexikonsaar.dewww.künstlerlexikonsaar.dePubliziert mit freundlicherUnter stützungArchiv Oranna Dimmig: S. 48(Fritz Mittelstaedt)Archiv Norbert Mendgen: S. 4,S. 17 untenArchiv der Stadt Saarbrücken,Historische Karten und Pläne, Bd.2,Nr. 211: S. 46/47Archives nationales/Institut françaisd‘architecture, Archives d‘architecturedu XXe siècle, Paris, Fonds G.-H.Pingusson/Historisches Museum Saar,Bildarchiv: S. 6/7, 19, 20, 21, 54Historisches Museum Saar: S. 41Institut für aktuelle Kunst: S. 27Landesarchiv, Saarbrücken: S. 9 oben,S. 10/11, 13 (Erich Oettinger), S. 23Landesinstitut für Pädagogik undMedien Saarbrücken: Umschlag,S. 50/51 (Marcel Klippel)Landesdenkmalamt Saarbrücken:S. 24, 25, 28 (Kristine Marschall)Urbanisme en sarre. Saarbrückenohne Jahr (1947), Seite 46, 54, 39, 53:S. 34, 35, 36/37, 45Leonrado Benevolo: Die Geschichteder Stadt. Frankfurt/Main 1991,Seite 932: S. 42 obenCarlo Cresti: Le Corbusier. Luzern1969, Seite 25: S. 42 untenKurt Hoffmann, Alex Pagenstecher(Hg.): Büro- und Verwaltungsgebäude.Stuttgart 1956, Seite 131: S. 15, 17 obenHans Joachim Neyer (Hg.): GenormteVerführer – la course au moderne. Giessen1993, Umschlagrückseite: S. 32Otto Renner. In: Natur und Technik.Zeitschrift für Kunst, Naturwissenschaft,Technik, Saarbrücken, Heft 4,1955, Seite 56 f: S. 14Simone Texier: Georges-HenriPingusson, Architecte (1894-1978).Paris 2006, Seite 223: S. 9 untenDipl.-Ing. Marlen Dittmann1940 in Kiel geboren1960-65 Studium der Architektur ander Rheinisch WestfälischenTechnischen Hochschule AachenVorsitzende des Städtebau beiratsder Landeshauptstadt Saarbrücken,Vorsitzende des DeutschenWerkbundes SaarlandBeiträge zur heutigen Architektur, zurStadtplanung, zur Baugeschichte undzum DenkmalschutzAufsätze in Zeitungen undZeitschriften, Ausstellungs katalogenund Sammel bänden, mehrere BücherDipl.-Ing. Dietmar Kolling1940 in Langenberg geborenStudium der Architektur an derStaatlichen IngenieurschuleSaarbrücken und Soziologie an derUniversität des Saarlandes1982 Gründung einesArchitekturbüros in SaarbrückenGründungsmitglied des SaarbrückerBürgerforums e. V.Mitglied im Deutschen WerkbundSaarland. Einige Fachpublikationen


„Dieses Haus steht für die50er Jahre – im Saarland einepolitisch und kulturell besondersspannende Zeit – wie kaum einanderes. Entworfen von demfranzösischen Architekten undStädteplaner George-HenriPingusson ist es Symbol für denmodernen Städtebau im SinneLe Corbusiers, dessen funktionaleVisionen sich in Frankreichebenso wenig durchsetzenkonnten, wie die von Pingussonim Saarland. So wurden seineKonzepte nur ansatzweiserealisiert – zu den wenigengehört dieses Gebäude. (...) Esist Auftrag und Verpflichtungdieses Architektur-Denkmal undMonument der Zeitgeschichte zupflegen und zu bewahren.“Schrifttafel in der ehemaligenFranzösischen Botschaft.56

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