Perspektiven für Bürgerschaftliches Engagement in ... - Bela

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Perspektiven für Bürgerschaftliches Engagement in ... - Bela

Bürgerengagement für Lebensqualität im Alter (BELA)Träger: Sozialministerium Baden-WürttembergFortbildung für Teilnehmer des Landeswettbewerbs zum Bürgerengagement inPflegeeinrichtungen Baden-WürttembergsKatholische Fachhochschule FreiburgMittwoch 16. Februar 2005, 10.00 bis 16.00 UhrVortrag (10.15 bis 10.40 Uhr):Martin MybesImpulse: Perspektiven für Bürgerschaftliches Engagement in stationärenEinrichtungen – Wege und ZieleDauer:Zeichen:Bilder:25 Minutenca.20.00017 (Powerpoint)AnredeVor einigen Wochen besuchte ich eine relativ neue Pflegeeinrichtung für inNorddeutschland, sie ist, zumindest in Fachkreisen, bekannt für die konsequenteUmsetzung eines innovativen Konzepts in der stationären Altenhilfe.Von einem so genannten Hausgemeinschaftsmodell ist hier die Rede –Dezentralisierung, Deinstitutionalisierung, Autonomie und Partizipation sind dieeinschlägigen Stichworte dieses Konzepts. Und im konkreten Fall:Maximale Wohngruppengröße von 13 BewohnerInnenFamilienähnliche Strukturen statt institutionalisierte FunktionalitätAbschaffung hierarchischer Strukturen (z.B. keine Wohnbereichsleitungenmehr)Pflege als „Gast“ im Haus (also festangestellte Pflegekräfte, welche dieWohnbereiche nur zur Verrichtung pflegerischer Tätigkeiten betritt)Abschaffung der Pflegehilfskräfte zugunsten von Alltagsbegleiternu.a.mAls ich im Nachgang der Besichtigung dieser wirklich sehenswerten Einrichtung mitden Hausverantwortlichen sprach, war ich natürlich auch an den Normalität undAlltag sichernden Elementen der ehrenamtlichen oder freiwilligen Arbeitinteressiert. Der dann folgende Schock wirkt bis heute nach:Ich zitiere den Geschäftsführer fast wörtlich:„In einem derart professionell geführten Unternehmen sehen wirderzeit keinen Raum für den geplanten / gezielten Einsatz vonFreiwilligen. Wir haben eher den Eindruck, dass wir wesentlicheElemente unserer Arbeit durch den konzeptionell verankerten Einsatzvon Freiwilligen gefährden könnten“.


Perspektiven für bürgerschaftliches Engagement in stationären Einrichtungen –Wege und Ziele.Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn wir von Beispielen wie dem bewusstan den Anfang gestellten hören, sollte man nicht meinen, dass freiwilligesEngagement und Engagementförderung Hochkonjunktur in unserem Land haben.Entgegen möglicher Befürchtungen nach dem „Internationalen Jahr derFreiwilligen“ (2001) könne es zu einer „Beruhigung“ des festgestelltenEngagementschubes kommen, haben sich aber nicht bestätigt – im Gegenteil! Inkaum einem sozialpolitischen Bereich lässt sich dies so überzeugend darstellen wiedem der Altenhilfe. Tatsächlich, so jedenfalls mein Eindruck, hat die „von außen“in die stationären Einrichtungen getragene Diskussion um den Stellenwertbürgerschaftlichen Engagements in seinen vielschichtigen Facetten mehr zurWeiterentwicklung dort beigetragen, als so manche „interne“ Bemühung.Die soziale Altenhilfe wurde seit ihren Anfängen mit geprägt durch ehrenamtlichesfreiwilliges Engagement. Die zunehmende „Verberuflichung“ von Teilbereichendieser Arbeitsfelder – insbesondere auch im stationären Bereich – hat traditionelleAktivitätsformen wie Besuchsdienste, die Organisation von Veranstaltungen,Vorträgen, Begegnungen, Ausflüge oder auch die Begleitung sterbender Menschenkeineswegs verdrängt. Wenn sich die Beziehung etwa zwischen älteren Menschenund dem Ehrenamt weiter spürbar wandelt, wenn Ältere heute gleichermaßen alsNutznießer und Akteure vielfältiger Engagementformen auftreten, liegt dies nichtzuletzt auch an den Veränderungen, welche die soziale Altenarbeit selbstdurchgemacht hat.Das früher eher dominierende Betreuungsverständnis, das sich vorrangig anDefizitvorstellungen vom Alter orientierte, ist verdrängt und ergänzt worden vonzeitgemäßen Modellen, die Alter(n) durchaus auch mit Entwicklung, Zugewinn undKompetenz assoziieren.Die moderne (stationäre) Altenhilfe kommt ohne Freiwillige nicht mehr aus. Diesnun ausdrücklich nicht nur aus ökonomischen Gründen, vielmehr muss neben dersozial- und gesellschaftspolitischen Dimension auch die Sicherung vonLebensqualität und Würde des einzelnen Menschen das Ziel einesbetriebskonzeptionell verankerten und forcierten Strukturwandels sein.Gesellschaftspolitisch gibt es unübersehbare Signale dafür, dass ein nachhaltigesUmdenken im Verhältnis professioneller „sozialer“ Dienstleistung und privatemEngagement stattfindet. Über die Grenzen aller Parteien, Wohlfahrtsvertreter undsonstiger Akteure hinweg wird unterstellt, dass die Sicherstellung von Leistungenzukünftig immer weniger durch den Staat oder die Kommunen sichergestellt seinwird. Dem steht eine – man darf es sicher so sagen – Welle an Engagementförderunggegenüber, die insbesondere eine Stärkung privater Initiativen vorantreibt.Auch das Pflegeversicherungsgesetz zeigt wesentliche Elemente dieses Wandelsauf: Eine durch Gesetzgebung formalisierte Solidarität, die gleichwohl eine vorallem ökonomische und, darf ich es so sagen(?), distanziert-bürokratische Strukturaufzeigt. Die mit der Realisierung des Pflegeversicherungsgesetz einhergehendeProfessionalisierung der Pflege hat faktisch zu einer unguten Dominanz der


„Pflege“ in Heimen geführt, die heute durch wiederum als wegweisendbeschriebene Konzepte relativiert werden soll bzw. wohl auch muss.Schon die vergleichsweise einfache Frage, wie der Anspruch von Ganzheitlichkeit –mithin ein immer wieder genanntes hehres Ziel – in der Betreuung alter,behinderter, kranker und hilfeabhängiger Menschen mit einer nahezu ausschließlichauf professionelle Leistungserbringung fixierte Struktur in Einklang gebrachtwerden soll, dürfte äußerst schwierig zu beantworten sein.Ich selbst bin wohl vergleichsweise unverdächtig, wenn ich unter Hinweis aufmeinen vor rund 25 Jahren erlernten Erstberuf, den des Krankenpflegers, daraufhinweise, dass Pflegequalität und Lebensqualität mitnichten dasselbe sind. ImGrunde genommen, ist dies auch allen „Profis“ in Pflegeheimen völlig klar. Wirwissen doch nur zu gut, dass pflegerische Normen und Standards – und leider allzuoft funktionales Agieren – den Heimalltag dominieren. Alle weiterenArbeitsbereiche passen sich dem regelmäßig an oder ordnen sich unter. Einezunehmende Flut von Verordnungen und Gesetzen sanktioniert zudem diesesSystem, anstatt es in Frage zu stellen. Es ist schon erstaunlich mit welcherVehemenz Träger und Heimverantwortliche sich nach wie vor vergleichsweiseeinseitig auf die Diskussion um Personalschlüssel und Fachquoten konzentrieren.Dabei sind hier ganz gewiss nicht die entscheidenden Antworten auf die Frage nachder Zukunft der stationären Betreuung und Pflege zu finden.Meine sehr geehrten Damen und Herren, es liegt – zumal im stationären Bereich –mehr denn je die Versuchung nahe, der „totalen Ökonomisierung des Bewusstseins“(EPPLER) nachzugeben und die Frage nach Bürgerschaftlichem Engagement in einenprimär monetären Kontext zu stellen. Doch dies wäre ein fatales Missverständnis,ein nicht nur vordergründig untaugliches Motiv.Unbestritten, der ökonomische Mehrwert und Nutzen durch den gelingendenEinsatz Freiwilliger in unseren Einrichtungen und Diensten ist gegeben. Er lässt sichauch ziemlich präzise kalkulieren. Aber „Bürgerschaftliches Engagement“ alsGegenstand einer reinen Kosten-Nutzen-Kalkulation? Möglicherweise würdezumindest den Kostenträgern das gefallen, Heimverantwortliche dagegen wissenum die enorme Fragilität derartiger Planspiele, nicht wenige Fachleute derBetriebs- und Volkswirtschaft fürchten sie.Wenn Heime und Heimverantwortliche sich ernsthaft mit der Frage der Entwicklungund Implementierung von Freiwilligenmanagement auseinandersetzen wollen, setztdieser Weg zunächst einige sorgfältige interne Klärungen voraus.Welches sind die Motive und Wünsche, welches die konkreten Vorstellungen undAbsichten der Einrichtung?Können mögliche Einsatzfelder benannt werden, wie wird die Betreuung undBegleitung organisiert und wie viele Freiwillige sollen es denn überhaupt sein?Schließlich, und die Liste der zu bearbeitenden Fragen ist damit sicher noch nichtvollständig, welche unternehmerischen Risiken können oder sollen nichtausgeschlossen werden, ist die Einrichtung tatsächlich bereit und selbstbewusst


genug um eine unmittelbare Partizipation und Mitsprache von Freiwilligen zudulden, sie gar zu wollen?Lassen Sie es mich etwas pointiert so ausdrücken:Es ist ein Unterschied, ob man gelegentlich Helfer/innen für denSamstagnachmittag-Kaffee oder die Durchführung eines Sommerfestes benötigt,oder ob man den gezielten Einsatz von Freiwilligen als konzeptionell begründetenMehrwert zur Sicherung von Lebensqualität und Lebensvielfalt in einer Einrichtungwill. Das eine schließt das andere nicht aus, aber für letzteres braucht es danndoch noch etwas mehr.Die konsequente Umsetzung eines professionellen Freiwilligenmanagements ineiner Pflegeeinrichtung kommt aus meiner Sicht einem wünschenswertenParadigmenwechsel nahe. Freiwillige sind demnach nicht Zaungäste, sondernwertgeschätzte und anerkannte, in nahezu jeder Hinsicht integrierte, an allenwesentlichen konzeptionellen Fragen der Einrichtung zu beteiligende und geplanteingesetzte Mitarbeiter/innen. Natürlich variieren dabei die Einsatzfelder,Einsatzformen und die Einsatzintensität.Im Gegensatz zu manch veröffentlichter Meinung benötigen gut aufgestellte Heimeneben einem schlüssigen Freiwilligenkonzept aus meiner Sicht keineweitergehenden oder „neue“ Strukturen. Die sinnstiftende Integration vonFreiwilligen gelingt hier über ohnehin vorhandene Kommunikations-, HandlungsundEntscheidungsebenen. Ob nun in Gesprächskreisen, im Qualitätsmanagement,im Heimbeirat, bei Festen und Veranstaltungen, bei Fort- undWeiterbildungsprogrammen und anderem mehr: Freiwillige sind grundsätzlichimmer gleichberechtigte Partner im Heimalltag mit Rechten und –selbstverständlich – auch mit Pflichten.Meine sehr geehrten Damen und Herren, nicht nur zum traditionellen Verständnisdes sozialen Ehrenamtes, vielmehr auch für das heutige Verständnis vonFreiwilligenarbeit, gehört seine Interpretation als biographisch und gesellschaftlichbesonders wertvolles Lern- und Erfahrungsfeld. Die in Deutschland geführteDiskussion zu diesem Aspekt ist dabei allzu oft zu sehr auf die Sicht und Rolle derFreiwilligen konzentriert.Hilfreich scheint mir eher, der Nutzen-Balance von Einrichtung und Freiwilligengleichermaßen nachzuspüren.„SeitenWechsel“, ein nicht nur in der Schweiz inzwischen weit verbreitetes,sondern auch solide etabliertes Modell, in dem Führungskräfte der Wirtschaft oderder öffentlichen Verwaltung mindestens eine Woche in einer sozialen Institutionihrer Wahl freiwillig mitarbeiten, kommt ohne diese Balance nicht aus. Ich zitiereTONY ETTLIN, Mitglied der SGG-Kommission (SGG – Schweizerische gemeinnützigeGesellschaft):„Die einfachste Methode, um von anderen zu lernen, ist der Blick überden Gartenzaun. Oder noch besser: der Spaziergang in Nachbars Garten.Und wenn ich meinen Nachbarn wirklich kennen lernen und etwas vonihm lernen will, dann verbringe ich Zeit mit ihm, helfe ihm bei der


Arbeit, spreche mit ihm, höre ihm zu und versuche zu verstehen, warumer bestimmte Sachen so sieht, wie er sie sieht, oder so tut, wie er sietut. Ich lerne ihn dabei von einer anderen Seite kennen, muss meinbisheriges Bild vielleicht in einigen Punkten revidieren.“Seiten-Wechsel, oder Cross-Over, wie es andernorts auch genannt wird ist übrigensauch in Deutschland auf dem Vormarsch. „Seiten-Wechsel“ und „Cross-Over“stehen beispielhaft für die mögliche Vielfalt von Freiwilligenengagement und derbewussten Benennung eines wechselseitigen Nutzens. Es steht aber auch für diezwingende Notwendigkeit einer nicht intuitiven sondern gezielten undprofessionellen Arbeit der Institution.Hochspezifische Strategien Bürgerschaftlichen Engagements wie „Seiten-Wechsel“oder „Cross-Over“ verweisen übrigens auf ein ursprünglich eher als Nebeneffektgedachtes Modell des Fundraising, also der Finanzakquise. Mehr und mehr setzt sichhier eine Philosophie des „Gebens und Nehmens“ durch. Führungskräfte derWirtschaft sammeln in komprimierter Form Erfahrungen und entwickeln in hierfürgeeigneten Strukturen die eigene Sozialkompetenz weiter. Im Gegenzug erfolgeneinsatzbezogene Zuwendungen, etwa in Form einer Spende, an die Einsatzstelle.Eine äußerst spannende und in hohem Maße motivierende Strategie für alle amProzess Beteiligten. Aber bitte Vorsicht: Für die Realisierung derartiger Konzeptebraucht es weit entwickelte Voraussetzungen und ein gerütteltes Maß an knowhow,ist also eher etwas für „Fortgeschrittene“.Ich plädiere immer wieder dafür, weder die Einsatzfelder noch die EinsatzformenFreiwilliger unnötig zu dogmatisieren. Ich komme aus einer Einrichtung, in der 11zum Teil hochaltrige bereits im Ruhestand lebende Ordensschwestern alsFreiwillige mitarbeiten – sie legen durchaus Wert darauf auch so gesehen zuwerden! Hinzu kommen rund 60 externe Männer und Frauen allerAltersgruppierungen und Bildungsstände, aber auch primär hauptamtlich tätigeMitarbeiter/innen. Das mag auf den ersten Blick verwundern: Hauptamtliche alsFreiwillige?Tatsächlich machen sich in wenigen Wochen und damit bereits im dritten Jahrhauptamtliche Mitarbeiter/innen unseres Hauses auf den langen Weg von Freiburgan die Nordsee, um dort 10 bis 14 Tage Urlaub mit Bewohnern der Pflegestufen IIund III zu verbringen. Nur damit wir uns nicht missverstehen: Das ist keine Initiativeder Hausleitung bzw. der Einrichtung, es ist eine Initiative, verantwortet, geplantund durchgeführt von Pflegekräften unseres Hauses. Und weiter: Dieser 20-Stunden-Job ist nur im üblichen Rahmen Dienstzeit, der Rest ist „geschenkte Zeit“unserer Mitarbeiter/innen, geschenkt nicht nur den Bewohner/innen, sondern auchdem Haus. Dabei ist noch nicht gesprochen von den jeweils monatelangenVorbereitungen, die selbstverständlich auch eigenverantwortlich imZusammenwirken mit Angehörigen und Betreuern organisiert werden. Nur sonebenbei: Die hauptverantwortliche Altenpflegerin dieser Initiative ist geradeeinmal 26 Jahre alt. Ist das nicht faszinierend?Für die Realisierung solcher Konzepte ist in sozialen Einrichtungen ein anderes, einpositiveres Klima erforderlich, als dies gegenwärtig vielerorts der Fall ist. Daspostulierte „Notstandsgebiet Altenpflege“ bietet keine wirklichen Anreize fürfreiwilliges Engagement. Neben einem innovativen Führungsverständnis, dem


Verzicht auf sich verfestigende und sinnlose Hierarchien, der Zuordnung klarerRollen und Verantwortlichkeiten – um nur einige wenige Beispiele zu nennen – wirddas Denken und Handeln in gemeinwesenorientierten Netzwerken zunehmend einGarant für den Erfolg sein. Vernetztes Denken aber setzt geistige Beweglichkeit,Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, den Willen zur Nachhaltigkeit, denbewussten Umgang mit Widersprüchen und Kenntnis und Verständnis anderergesellschaftlicher Welten voraus. Sich darin zu üben, immer wieder neu, ist einezentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Implementierung von Freiwilligenarbeitin sozialen Einrichtungen.Soziale Organisationen, Pflegeheime, sind keine statischen Gebilde. Nicht nuraufgrund der bereits angesprochenen mitunter heftig pendelndenRahmenbedingungen, auch aus betriebskonzeptioneller Sicht ist ein hohes Maß anFlexibilität und Anpassungsbereitschaft unverzichtbar. Pflegeheime sind inmehrfacher Hinsicht Lernprozessen unterworfen. Dabei geht es beim „Lernen inOrganisationen“ immer um das Lernen der Individuen und das Lernen derOrganisation als Gesamtsystem. Natürlich ist hierbei nicht das antizipierendeLernen auf einen späteren Zweck hin gemeint, vielmehr bezieht sich dieser Prozessetwa im Rahmen der Organisationsentwicklung auf tatsächliche, reale Situationenund Fragen. In kaum einem anderen Bereich lässt sich dem besser Nachspüren als indem des äußerst facettenreichen und herausfordernden Freiwilligenmanagements.Meine Damen und Herren, eine der am häufigsten gestellten Fragen bezieht sichauf die Gewinnung Freiwilliger. Wie macht man das? Nun ist in meinen bisherigenAusführungen schon manches an voraussetzungsgleichen Bedingungen hierzubenannt worden. Die Konzepte, Strategien und Methoden zur GewinnungFreiwilliger sind zu vielfältig, um sie hier im Detail darzustellen. Grundsätzlich wirdes aus meiner Sicht aber wohl vor allem auf die folgenden Parameter ankommen: Wo liegt die betreffende Einrichtung (Stadt, Land)? Wer ist der Träger (Kirchlich, Kommunal, Privat)? Seit wann ist die Einrichtung vor Ort? Wie groß in das betreffende Einzugsgebiet (Stadtteil, überregional)? Welche Kooperationsstrukturen bestehen (Kliniken, Pfarrgemeinden)? Ist die Einrichtung in das Gemeinwesen oder in Netzwerke eingebunden? Welche Vorerfahrungen bestehen bereits? Besteht Klarheit über die möglichen Zielgruppen? Besteht Klarheit bezüglich der möglichen Arbeitsfelder? Welche konkreten Erwartungen bestehen gegenüber Freiwilligen? Gibt es bereits feste Ansprechpartner für Freiwillige in der Einrichtung?Dies sind selbstverständlich nur einige unter vielen denkbaren Stichworten, die fürdie Überlegungen zur Gewinnung Freiwilliger wichtig sein können.Bürgerschaftliches Engagement als Ressource neu entdecken, das heißt auch undinsbesondere sich mit der heutigen Motivlage potentiell Freiwilliger intensivauseinander zu setzen. Freiwillige sind gewiss keine „Laien“ wie immer wieder zuhören ist. Sie sind vielmehr häufig Profis aus den verschiedensten Berufs- undTätigkeitsfeldern. Freiwillige Mitarbeiter/innen, die neben Familie, Beruf undanderen Pflichten einen Teil ihrer Freizeit durch soziales Engagement abdeckenwollen, sind im Regelfall sehr selbstbewusste Menschen, die ziemlich genau wissen


was sie wollen und was nicht. Vergessen wir also Freiwillige endgültig in der Rollevon „Lückenbüßern“ oder billigen „Helfern“.Freiwillige werden mit ihrem Engagement in Heimen gerne als „Brücken zwischenden Welten“ bezeichnet. Wenn diese Formulierung ernst gemeint ist, dann sindFreiwillige als unverzichtbare Instanzen anerkannt, anerkannt als ein Bindeglied,dessen Verlust nicht zu kompensieren ist oder bei nicht vorhanden sein signifikanteDefizite in Beziehungsgeflechten von Menschen provoziert.Interessantes zum Engagement älterer Menschen wurde im Sommer dieses Jahresveröffentlicht: Rund ein Drittel der 55- bis 69-jährigen und immerhin knapp 20Prozent der über-70-jährigen sind bürgerschaftlich engagiert. BürgerschaftlichesEngagement wird von älteren Menschen als eine Möglichkeit verstanden, sich aktivam gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, Einfluss zu nehmen, Menschen kennenzu lernen, Erfahrungen einzubringen und neue Fähigkeiten zu erwerben – so dasKURATORIUM DEUTSCHE ALTERSHILFE.Nach meiner Erfahrung ist das freiwillige Engagement in Heimen aber auch fürjüngere Menschen ein interessantes Feld. Als wir vor einigen Monaten eine Anzeigein unserer badischen Tageszeitung schalteten, waren wir einmal mehr überrascht,dass sich eben nicht nur ältere Menschen (Rentner) und am beruflichenWiedereinstieg orientierte für eine Mitarbeit interessierten, sondern gerade auchjunge Menschen, Berufstätige oder Hausfrauen und Mütter – die ich auch alsBerufstätige sehe.Dabei hatten wir nicht nach Freiwilligen für den Altenhilfebereich gesucht, sondernganz gezielt für unseren Fachpflegebereich VIVA, in dem aktuell 20 zumeist jungeMenschen im Wachkoma gepflegt und betreut werden, ein unter kommunikativenund emotionalen Aspekten betrachtet äußerst anspruchsvolles Feld. Insgesamt 26ernsthafte Anfragen haben uns schließlich erreicht, vier davon zogen nach demErstkontakt zurück, für zwei weitere konnten und wollten wir uns nichtentscheiden (ja, auch das gehört zu einem professionellenFreiwilligenmanagement), zehn sind schlussendlich bis heute geblieben. Dierestlichen haben sich noch nicht endgültig entschieden.In Freiburg bzw. der Region sehen, man darf es offen sagen, nicht alle Kolleginnenund Kollegen die Initiativen unseres Hauses gern. Nicht nur die beispielhafterwähnte Initiative unserer hauptamtlichen Mitarbeiter/innen wurde vereinzeltsehr kritisch hinterfragt(„Sie erwecken hier den Eindruck in der Altenhilfe sei alles in Ordnung...“)auch nach der Stellenanzeige für Freiwillige in VIVA war deutliches Murren zuhören. Nun könnte man sportlich sagen: „Viel Feind, viel Ehr“. Andererseits nutztdie Auseinandersetzung mit Argumenten immer der Überprüfung eigenerStandpunkte und eigenem Verhalten. Das haben wir getan – und machen genausoweiter!Die Zusammenarbeit von freiwilligen und hauptamtlichen Mitarbeitern in derstationären Altenhilfe ist gewiss nicht immer einfach. Die für viele Freiwillige„fremde Welt Pflegeheim“ verunsichert und kann auf Unerfahrene sogarschockierend wirken. Und vielen, sehr vielen Pflegeprofis muss immer wieder die


Bedeutung der „fragilen Professionalität“, der Wert eines in der InstitutionNormalität gebenden Engagements erklärt werden. Im St. Carolushaus haben wirüber sechs Jahre dafür gebraucht. Auch gemeinsame Konfliktfelder gibt esgenügend. Allein die Schnittstelle von Freiwilligen und Hauptamtlichen hältgenügend davon bereit.Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war nun nur ein kurzer Streifzug durchdas vielschichtige Themenfeld des Bürgerschaftlichen Engagements in derstationären Altenhilfe, ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht insoweit auchnicht.Schließen möchte ich mit einem Bild vom letzten Nordseeurlaub unserer„hauptamtlichen Freiwilligen“ und einem schlichten Satz eines geschätztenholländischen Kollegen (Utrecht, 07/2004):„Der Verzicht auf Volunteers/Freiwillige im Heim ist unprofessionellund schadet unseren Bewohnern“.Wenn sich die Mehrheit der bundesdeutschen Heimleiterinnen und Heimleiterndieser Feststellung anschließt ist ein wichtiges Ziel erreicht – vorher nicht!Abschluss

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