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kurzgeschichte - SpecFlash

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2<br />

vorwort<br />

Liebe Leserinnen und liebe Leser,<br />

willkommen zur inzwischen 13.Ausgabe unseres<br />

Magazins für spekulative Fiktion. Mit 144 Seiten<br />

eines der bisher Umfangreichsten. Meinen Dank<br />

dafür an alle, die mitgeholfen haben, diese<br />

Ausgabe mit Inhalten zu füllen.<br />

Wie ihr feststellen werdet, heißt unsere Rubrik<br />

„Kais Bücherdimension“ ab sofort „Die Bücherdimension“.<br />

Der einfache Grund dafür ist, dass<br />

Kai Krzyzelewski, der die Rubrik bisher betreut<br />

hat, nicht mehr zum Team des Magazins gehört.<br />

Er hat sich entschieden einen anderen Weg<br />

einzuschlagen, was wir natürlich alle sehr bedauern.<br />

Wir wünschen ihm aber alles Gute auf<br />

seinem weiteren Lebensweg und vielleicht<br />

findet er ja wieder mal zurück.<br />

Da sich die Rubrik aber im Magazin etabliert hat,<br />

haben wir uns entschlossen sie mit leicht veränderten<br />

Namen weiterzuführen und zukünftig alle<br />

Rezensionen, Buchtipps und Vorstellungen hier<br />

zu bündeln.<br />

Trotz des Abgangs von Kai starten wir ab sofort<br />

noch weiter durch, da sich einige neue Mitstreiter<br />

eingefunden haben. Sandra Kern, Anke Wittmark,<br />

Kilian Kuhn und meine Nichte Isabell<br />

Schwippl werden zukünftig die Rezensionsecke<br />

aufmischen.<br />

Auch werden wir ab sofort von der Computerund<br />

Videospiel-Seite GameCaptain.de in jeder<br />

Ausgabe 2-3 interessante Tests bei uns veröffentlichen.<br />

Vielen Dank dafür Redaktion des<br />

Magazins und ich wünsche uns eine gute Zusammenarbeit.<br />

Vorwort<br />

In der weiteren neuen Rubrik „Ein Verlag stellt<br />

sich vor“ beginnen wir in dieser Ausgabe mit<br />

dem Verlag „Saphir im Stahl“ von Erik Schreiber<br />

und setzen sie in der nächsten Ausgabe mit dem<br />

MCK-Verlag von Carola Kickers fort. Solltet ihr<br />

auch Interesse daran haben euren Verlag hier<br />

bei uns vorzustellen, meldet euch bei mir.<br />

Zum Schluss möchte ich noch auf eine Ausschreibung<br />

hinweisen, welche wir zusammen mit den<br />

Net-Novellisten veranstalten. Lest doch einfach<br />

mal das Interview mit Helke Böttger und Kay<br />

Beißert durch, welches von Markus Kügle<br />

geführt wurde. Im Anschluss daran gibt es die<br />

Einzelheiten zu der Ausschreibung.<br />

Genug der Neuigkeiten. Ich möchte euch nun<br />

nicht länger von Lesen abhalten und widme mich<br />

wieder meinem Longdrink. Ach nee, war ja nur<br />

Kaffee.<br />

Viel Spass und hoffentlich bis zur nächsten<br />

Ausgabe, welche am 24.Dezember erscheinen<br />

wird. Also nicht verpassen.<br />

Rainer Schwippl<br />

Chefredakteur<br />

E-Mail: redaktion@specflash.de


Artikel<br />

4 Kolumne "Ars Poetica"<br />

53 Kolumne "Stiftung Wahrnehmungstest"<br />

72 Flash Fiction "Hannelore aus Hannover"<br />

73 Artikel: Warum Androiden und Roboter<br />

uns niemals ersetzen werden<br />

77 Neues aus dem Netz: Die Net-<br />

Novellisten<br />

83 Die Bücherdimension<br />

83 DB: Buchtipp und Leseprobe: Das<br />

Schicksal der Paladine<br />

92 DB: Interview mit Jörg Benne<br />

96 DB: Roboter im Film - Eine Einführung<br />

98 DB: Buchtipp: Roboter im Film<br />

99 DB: Rezension: Roboter im Film<br />

102 DB: Rezension: Ninragon Band 1<br />

107 DB: Rezension: Etwas endet, etwas<br />

beginnt<br />

110 DB: Rezension: Gors Fluch<br />

111 DB: Buchtipp: Das Schwarze Kollektiv<br />

119 DB: Buchtipp: Die Stille Nach Dem Ton<br />

121 GameCaptain<br />

122 GC: Skyrim - Dawnguard<br />

126 GC: Darksiders 2<br />

131 GC: Endless Space<br />

inhaltsverzeichnis<br />

Inhaltsverzeichnis<br />

3<br />

136 Ein Verlag stellt sich vor: Saphir im Stahl<br />

139 Ankündigung: TOHIL<br />

Kurzgeschichten<br />

55 Human Capital<br />

von Peter Mair<br />

61 Der Fleck<br />

von Jan Nieswandt<br />

65 Der Neurohacker<br />

von Sven Klöpping<br />

69 Auf gute Nachbarschaft<br />

von Tracy Stahlhut<br />

Rubriken<br />

2 Vorwort<br />

3 Inhaltsverzeichnis<br />

143 Künstlernachweis<br />

144 Impressum


4<br />

von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica<br />

Dieses Mal geht es in ARS POETICA kunterbunt<br />

zu. Erstens möchte ich Ernst Vlcek und eines<br />

seiner SF-Projekte vorstellen, zweitens die aktuelle<br />

Anthologie HEIMWEH EINES CYBORGS aus<br />

meiner DARK WOR(L)DS-Reihe – und zum guten<br />

Schluss werde ich einige Worte über Gaby Hylla<br />

verlieren, einer 3D-Künstlerin, die zwar vorrangig<br />

phantastische Themen in ihren Grafiken umsetzt,<br />

aber auch SF-Pfade beschreitet und von<br />

der u.a. das Covermotiv dieser Ausgabe stammt.<br />

Komme ich also zu einem Autor, den ich leider<br />

nur das Vergnügen hatte, einen Abend lang hier<br />

auf meiner Insel mit seiner Frau zu begegnen.<br />

Aber es züngelte sofort auf beiden Seiten die<br />

gegenseitige Flamme der Sympathie, man blickte<br />

sich an und verstand sich, scherzte und verbrachte<br />

einige sehr ,,nahe” (und unvergessene)<br />

Stunden, die sicher noch länger gedauert hätten,<br />

wären die Umstände damals ,,günstiger”<br />

gewesen.<br />

Mein Inseltreffen mit Ernst Vlcek hat einen tiefen<br />

Eindruck hinterlassen und unzählige Mails<br />

von Ernst die darauf folgten – mit der Aufforderung,<br />

dem doch ein Treffen in Wien folgen zu<br />

lassen. Nichts schmerzt mich mehr, als die Tatsache,<br />

dass ich despektierlich mit der ,,Zeit”<br />

umgegangen bin, und immer wieder sagte.<br />

HEIMWEH EINES CYBORGS<br />

Alisha Bionda<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

“Nächstes Jahr komme ich bestimmt nach<br />

Wien, Ernst” – und sein Tod mir zuvorkam.<br />

Er zeigte mir, dass man wesentliche Dinge und<br />

vor allem Begegnungen nicht aufschieben sollte.<br />

Niemals.<br />

Dennoch war dieses eine Treffen, diese heiteren<br />

Stunden in Puerto Portals mehr wert als<br />

viele Treffen mit Menschen, die einen nicht im<br />

Mindestens so erreichen, wie es bei uns der Fall<br />

war.<br />

Ich betrachte diesen gemeinsamen Abend am<br />

Meer als ein großes Geschenk.<br />

Wenn nun Uschi Zietsch, die ja länger mit Ernst<br />

befreundet war, auf die Insel kommt – zu den<br />

mittlerweile legendären ,,Alisha-Brainstorming-<br />

Frauenwochen“ – erheben wir unser erstes<br />

Bierglas, sagen wie aus einem Mund „Auf dich,<br />

Ernst!“ und blicken gen Himmel. Er ist immer<br />

dabei, imaginär – wird das auch immer sein.<br />

Und es ist daher nur recht und billig, dass ich<br />

meine Fiction-Kolumne mit ihm beginne.


ERNST VLCEK<br />

* 1941 in Wien geboren<br />

* nach der Schulausbildung und Absolvierung<br />

einer kaufmännischen Lehre war er in verschiedenen<br />

manuellen Berufen tätig<br />

* schon in jungen Jahren begeisterte sich der<br />

Autor für die Science Fiction<br />

* eine seiner ersten Kurzgeschichte hatte den<br />

Titel »Es kommt eine kleine Überraschung«.<br />

* für Ernst Vlcek bot sich zunächst die Möglichkeit,<br />

seine Werke innerhalb des Fandoms zu<br />

veröffentlichen<br />

* danach arbeitete er mit H.W. Mommers<br />

zusammen, mit dem er die ersten kommerziellen<br />

Veröffentlichungen schaffte.<br />

Aus dieser Zusammenarbeit gingen zwei Story-<br />

Sammlungen hervor: »Das Problem Epsilon« und<br />

»Treffpunkt der Mutanten«, die beide 1964<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 5<br />

erschienen. In der Folge erschien auch noch der<br />

vierbändige Zyklus »Das Galaktikum«.<br />

* 1966 erschien sein erster Roman »Der kosmische<br />

Vagabund«, weitere Veröffentlichungen<br />

folgten<br />

* zwei Jahre später ergab es sich für den Österreicher,<br />

bei den PERRY RHODAN- Taschenbüchern<br />

mitzuschreiben. Mit diesem erfolgreichen<br />

Roman »Planet unter Quarantäne« (46) schaffte<br />

er den Einstieg in die PERRY RHODAN-Heftserie.<br />

Sein erster Roman war »Die Banditen von Terrania«.<br />

* 1970 folgte der Einstieg bei ATLAN, parallel<br />

dazu konzipierte er mit seinem Schriftstellerkollegen<br />

Kurt Luif die Horrorserie »Dämonenkiller«,<br />

die eine Wiederauferstehung in Buchform erlebt.<br />

* in den darauf folgenden Jahren seines Schaffens<br />

entwickelte er den bekannten SF-Zyklus<br />

»Sternensaga«, der komplett im Fabylon Verlag<br />

erschienen ist und den der Autor kurz vor<br />

seinem Tod beendet hat.<br />

* 1980 wurde ihm die Exposéarbeit der Fantasyserie<br />

»Mythor« anvertraut und auch an »Dragon«<br />

hat er mitgearbeitet.<br />

* bei PERRY RHODAN stieg er ab »Der gute<br />

Geist von Magellan« (1211) mit Thomas Ziegler<br />

in die Exposéarbeit ein. Zwei Jahre später bekam<br />

er mit Kurt Mahr einen neuen Exposéautor<br />

zur Seite gestellt, auf den Robert Feldhoff<br />

folgte. Auf dem PERRY RHODAN WeltCon 2000<br />

schließlich, erklärte Ernst Vlcek seinen Rücktritt<br />

aus der Exposé-Redaktion. Er wolle fortan »nur<br />

noch« Romane schreiben. Was er auch tat.<br />

* Ernst Vlcek verstarb am 22. April 2008


6<br />

Ars Poetica<br />

STERNENSAGA<br />

Die große Science Fiction-Saga von Ernst Vlcek<br />

im Fabylon Verlag<br />

Das Universum ist groß und voller Wunder.<br />

Geschichtenerzähler bereisen sagenhafte, legendäre<br />

oder verloren geglaubte Welten, um<br />

Mythen und Geheimnissen auf die Spur zu<br />

kommen. Jeder von ihnen hat nur ein Ziel: Den<br />

großen Wettkampf der Geschichtenerzähler zu<br />

gewinnen, in die Fußstapfen der legendären<br />

Gründerin zu treten und in der 10. Ausgabe der<br />

hochberühmten ANALECTA GALACTICA vertreten<br />

zu sein. Der Sieg verhilft zur Unsterblichkeit<br />

in den Hallen der Berühmtheiten.<br />

Die Geschichten, denen die Legendensammler<br />

auf die Spur kommen, erweisen sich aber bald<br />

als viel zu groß, zerstörerisch oder Gefahr bringend,<br />

so dass sich die Teilnehmer am Ende nicht<br />

die Frage stellen müssen, wer die beste Legende<br />

zu bieten hat, sondern wer den Mut und die<br />

Skrupellosigkeit aufbringt, Dinge zu offenbaren,<br />

die nicht offenbart werden sollten ...<br />

Das größte Geheimnis aber gilt es erst noch<br />

aufzudecken: Der Ort Gulistan, wo das Treffen<br />

stattfindet, ist keineswegs so harmlos, wie es<br />

scheint.<br />

Ein futuristisches, farbenprächtiges Märchen<br />

aus 1001 Nacht, erzählt an den Feuern des Karawanserail.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

ARENA DER NURWANEN<br />

Ernst Vlcek<br />

Fabylon<br />

Roman – Sternensaga, Band 1, Science-Fiction<br />

Broschiert, 240 Seiten - 10.00 EUR<br />

ISBN: 978-392707107-0<br />

Die junge Legendensammlerin Fini-Ani Vanda<br />

landet auf dem halb vergessenen, in Bedeutungslosigkeit<br />

versunkenen Planeten Jakchos.<br />

Einstmals wurde die scheinbar jungfräuliche<br />

Welt zur Land- und Rohstoffgewinnung an Konzerne,<br />

Abenteurer und mutige Siedler verschachert.<br />

Dank des gleichermaßen unermüdlichen<br />

wie kompromisslosen Einsatzes einer Siedlerfamilie<br />

entwickelte sich Jakchos schließlich zum<br />

größten Exporteur von Tieren für alle galaktischen<br />

Zoos und erhielt so zweifelhafte Ehren.<br />

Bis die Welt sich plötzlich von der galaktischen


Bühne zurückzog. Die Ursache lag vielleicht im<br />

Auftauchen und wieder Verschwinden der<br />

geheimnisvollen Blitzer, die 100 Jahre zuvor<br />

galaxisweit ihr Unwesen trieben, dessen Auswirkungen<br />

aber erst nach und nach zutage treten.<br />

Was Jakchos trotzdem zur Legende macht, ist<br />

das hartnäckige Gerücht um ein uraltes, verschollen<br />

geglaubtes Volk, das hier immer noch<br />

existieren soll. Ein Volk, das schon die höchste<br />

Weisheit erlangt hatte, als die Menschheit<br />

gerade erst den aufrechten Gang erlernte.<br />

Dieses Volk hat unauslöschlich seine Abdrücke<br />

in der Ewigkeit hinterlassen: Spuren, leichter als<br />

Mondstrahlen...<br />

Fini-Ani Vanda, die eine große Geschichte wittert,<br />

will mit allen Mitteln das Geheimnis ergründen.<br />

LESEPROBE<br />

DER STERNENVAGABUND:<br />

In meinen Augen sind Jakchoser Spinner. Träumer.<br />

Haben keinen Sinn für die Realität. Ich bin<br />

in der Galaxis ganz schön herumgekommen und<br />

habe viele Welten gefunden, die während des<br />

großen Chaos in Isolation gerieten und deren<br />

Bewohner aus diesem Grund eine rückläufige<br />

Entwicklung durchgemacht haben – manches<br />

Kolonistenvolk musste erst die Raumfahrt wieder<br />

entdecken. Aber auf die Jakchos-Pioniere trifft<br />

das nicht zu. Denn während die übrige Galaxis<br />

unter dem Sturm der Nomaden in Schutt und<br />

Asche sank und die große Völkerwanderung<br />

einsetzte, führte Jakchos ein friedliches Aschenputteldasein.<br />

Zwar behaupten die Pioniere, dass<br />

auf ihrem Planeten auch mal der Blitz eingeschlagen<br />

habe, aber das nehme ich ihnen nicht<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 7<br />

ab. Nach allem, was ich über sie erfahren habe,<br />

sind sie die geborenen Lügenbarone. Im Fabulieren<br />

sind sie einsame Klasse. Sie wissen über<br />

sprechende Tiere mit Anlagen zur Zauberei<br />

ebenso Geschichten zu erzählen wie über humanoide<br />

Eingeborene, die Jakchos hervorgebracht<br />

haben soll. Mal handelt es sich bei diesen nach<br />

ihrem Entdecker »Kelfer« genannten Eingeborenen<br />

um intelligente Wesen, die schon eine Hochkultur<br />

besaßen, als der Mensch noch nicht<br />

einmal davon träumte, die Erde zu verlassen,<br />

dann wieder um Barbaren, die Kannibalismus<br />

betreiben und ihren Götzen blutige Opfer darbringen.<br />

Alles gelogen! Ich hab mir diese<br />

Märchen eine Weile angehört, bis es mir zu bunt<br />

wurde und ich Reißaus nahm. Ich habe das<br />

Gehörte wieder aus meinem Gedächtnis gestrichen.<br />

Ich wusste, was davon zu halten war, als<br />

herauskam, dass keiner der Pioniere je einen<br />

Kelfer zu Gesicht bekommen hat: Es gibt diese<br />

Eingeborenen überhaupt nicht. Das hinderte die<br />

Jakchoser jedoch nicht daran, eine Stammesgeschichte<br />

dieser Wesen zu erdichten und eine<br />

eigene Mythologie zu erfinden. Jeder Jakchoser<br />

kann die Namen des kelferischen Pantheons im<br />

Schlaf heruntersagen, und die Pioniere haben die<br />

Sternbilder ihres Himmels nach den Göttern der<br />

fiktiven Eingeborenen benannt. Verdammt,<br />

dabei hätte Jakchos alle Voraussetzungen, zu<br />

einem der führenden Planeten in der Milchstraße<br />

zu werden! Es ist eine überaus fruchtbare Welt<br />

mit üppigem Pflanzen- und artenreichem Tierbestand<br />

– und auch reich an Bodenschätzen. Als<br />

ich meinen Fuß auf Jakchos setzte, wurde ich<br />

beim Anblick der Natur unwillkürlich an die<br />

Legenden über Mutter Erde erinnert. Aber die<br />

Jakchoser denken gar nicht daran, sich den<br />

Reichtum ihrer Welt nutzbar zu machen. Sie<br />

gefallen sich im Nichtstun, begeistern sich an<br />

ihren naiven Lügengeschichten und lassen im


8<br />

Ars Poetica<br />

Übrigen alles verrotten. Gute Nacht, Zivilisation!<br />

Ein Albtraum für einen fortschrittlichen Menschen<br />

wie mich. Allerdings, für jemanden wie<br />

dich, der Märchen sammelt und aufzeichnet, um<br />

sie der Nachwelt zu erhalten, ist Jakchos ein<br />

Dorado. Aber du gestattest mir die Frage: Wozu<br />

soll das gut sein?<br />

1.<br />

Verschlafene Welt<br />

Ich brannte darauf, diesen Planeten und seine<br />

eigenwilligen Bewohner kennen zu lernen.<br />

Deshalb hatte ich auch nichts Eiligeres zu tun,<br />

als die erhaltenen Koordinaten anzufliegen.<br />

Wie immer begab ich mich während des langweiligen<br />

Überlichtfluges in Tiefschlaf. Mein<br />

erster Gedanke beim Erwachen war: Hoffentlich<br />

hat es keine Panne gegeben! Aber es war eine<br />

unsinnige Befürchtung, denn auf Imdiazen war<br />

in jeder Beziehung Verlass.<br />

Er hatte das Regenerationsbad eingelassen und<br />

ein Essen vorbereitet, dessen Duft mir das<br />

Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Von<br />

ihm selbst war nichts zu sehen. Aber das musste<br />

nichts zu bedeuten haben, es war eben so seine<br />

Art, sich zurückzuziehen, wenn andere ihre<br />

menschlichen Bedürfnisse stillten.<br />

Der aromatische Duft, der sich durch das Raumschiff<br />

zog, regte meinen Appetit an. Aber zuerst<br />

kam das Bad. Nachdem ich auch meinen Hunger<br />

gestillt und mich angekleidet hatte, suchte ich<br />

die Zentrale auf. Hier fand ich Imdiazen.<br />

Er lehnte gelangweilt an den Kontrollen. Auf vier<br />

Monitoren waren verschiedene Ausschnitte<br />

einer öden Kraterlandschaft zu sehen; offensichtlich<br />

die Umgebung des Raumschiffs. Die<br />

anderen vier Bildschirme zeigten einen Himmels-<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

körper in verschiedenen Vergrößerungen.<br />

Besonderheiten waren daran keine zu erkennen,<br />

denn aus dem All sahen alle Planeten ziemlich<br />

gleich aus. Sie gaben ihre spezifischen Eigenarten<br />

erst bei näherer Betrachtung preis.<br />

»Sind wir am Ziel, Diaz?«, fragte ich.<br />

Er nickte.<br />

»Ich habe die LORELEI auf dem vierten Mond<br />

gelandet, denn er weist dafür die besten Bedingungen<br />

auf. Während du dir den Bauch vollgeschlagen<br />

hast, wurden von mir alle nötigen<br />

Vorbereitungen getroffen. Wir können uns<br />

sofort nach Jakchos abstrahlen lassen.«<br />

»Nicht so hastig«, bremste ich seinen Eifer. »Es<br />

ist noch gar nicht heraus, ob ich dich mitnehme.<br />

Willst du mich nicht zuerst über die Situation<br />

informieren? Wie sieht es in diesem System mit<br />

dem Raumschiffverkehr aus?«<br />

»Wenn es einen solchen gibt, dann wird er auf<br />

Schleichwegen abgewickelt.«, antwortete er,<br />

sichtlich eingeschnappt. »Bisher war jedenfalls<br />

noch kein Flugobjekt zu orten. Es herrscht auch<br />

völlige Funkstille – und damit meine ich, dass es<br />

auf dem Planeten selbst ebenfalls keinen Funkverkehr<br />

gibt. Meine Anrufe blieben unbeantwortet.<br />

Die Ortungsergebnisse weisen aus, dass dort<br />

unten keine Großindustrie existiert. Ebenso<br />

wenig sind andere technische Anlagen in<br />

Betrieb. Aber wenn du mir nicht glaubst, kannst<br />

du das selber nachprüfen.«<br />

»Wenn ich mich nicht einmal mehr in dieser<br />

Beziehung auf dich verlassen könnte, hätte ich<br />

dich schon längst verschrotten lassen«, erwiderte<br />

ich.<br />

Ich erwartete, dass er auf seinen Ehevertrag<br />

pochen würde, und formulierte im Geist bereits<br />

die entsprechende Erwiderung, dass er es<br />

nämlich nur meiner Güte und meinem Mitleid<br />

zu verdanken habe, wenn er frei und ungebunden<br />

wäre, anstatt dem Inventar eines Museums


anzugehören.<br />

Aber er schwieg.<br />

»Hattest du einen schlechten Flug?«, fragte ich<br />

ihn.<br />

»Ach was, es war langweilig wie immer, und ich<br />

habe mir erlaubt, mich an die Automatik zu<br />

hängen und ein Nickerchen zu machen.«<br />

»Warum bist du dann so schlechter Laune?«<br />

»Du hast angedeutet, dass du ohne mich nach<br />

Jakchos gehen willst.«<br />

Ich hätte mir denken können, dass es das war.<br />

Seine Übersensibilität war Imdiazens größtes<br />

Manko. Wäre er nicht so sensibel gewesen,<br />

hätte man ihn als fast perfekten Paladin und<br />

Ehepartner bezeichnen können.<br />

»Ich habe diese Möglichkeit nur angedeutet«,<br />

sagte ich seufzend. »Aber reden wir nicht mehr<br />

darüber. Wenn du alle Vorbereitungen getroffen<br />

hast, können wir uns nach Jakchos abstrahlen<br />

lassen.«<br />

»Dann nimmst du mich doch mit?«<br />

Was für eine scheinheilige Frage! Er hatte<br />

ohnehin die Ausrüstung für zwei Personen<br />

zusammengestellt und den Materieprojektor<br />

entsprechend justiert. Das von ihm auserwählte<br />

Zielgebiet war der Raumhafen der Hauptstadt<br />

Iakche.<br />

Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn<br />

im Grunde genommen war es egal, an welchem<br />

Ort dieses Planeten wir herauskamen. Es war<br />

sowieso ein Schuss ins Blaue, weil wir keine<br />

Ahnung von den auf Jakchos herrschenden<br />

Bedingungen hatten.<br />

*<br />

Das Gebiet, in dem wir materialisierten, war nur<br />

schwer als Raumhafen zu erkennen.<br />

Die Natur hatte alles überwuchert, war durch<br />

die Landequadrate gebrochen, hatte sie förmlich<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 9<br />

gesprengt. Nur selten ließen das Pflanzengrün<br />

und die Humusschicht den Blick auf kleinere<br />

Flächen unverrottbaren Kunststoffs frei.<br />

In Richtung der untergehenden Sonne war die<br />

Silhouette eines wracken Großraumschiffs zu<br />

erkennen. Es verschwand fast unter einem<br />

dichten Mantel aus Kletterpflanzen. Ringsum<br />

standen Bäume, so hoch, dass sie in einigen<br />

Jahren das Wrack überragt haben würden. Aber<br />

dann wäre von diesem ohnehin nichts mehr zu<br />

erkennen, weil es der Pflanzenteppich verschlungen<br />

haben würde.<br />

Durch das dichte Unterholz waren vereinzelt<br />

verwahrloste Hangars zu sehen. Dahinter, dort,<br />

wo einst die größte Bastion menschlicher Zivilisation<br />

auf dieser Welt errichtet worden war, die<br />

Hauptstadt Iakche, waren einige Häuser und<br />

Großbauten vor der grünen Phalanx des vorrückenden<br />

Dschungels auszumachen.<br />

Die Luft war würzig, gesättigt von einer Melange<br />

exotischer Duftnoten und erfüllt von unterschiedlichsten<br />

Tierlauten. Unser plötzliches Auftauchen<br />

hatte die Tierwelt jedenfalls nicht zum<br />

Verstummen gebracht. Andererseits hatten wir<br />

die Bewohner dieser Welt aber auch nicht angelockt.<br />

Es verging eine Stunde, ohne dass sich eine<br />

Menschenseele zeigte.<br />

Die Sonne war inzwischen untergegangen. Die<br />

Nacht wurde vom fahlen Licht der vier Monde<br />

erhellt. Unser Lagerplatz stand im gedämpften<br />

Licht dreier Scheinwerfer. In ihrem Schein hatte<br />

Imdiazen eine Unterkunft für mich errichtet und<br />

legte letzte Hand daran.<br />

Wir hatten nur das Nötigste mitgenommen.<br />

Bisher hatte es sich bei meinen Besuchen auf<br />

fremden Welten immer bewährt, wenn ich den<br />

Anschein erweckte, dass ich auf die Hilfe der<br />

Einheimischen angewiesen war. Natürlich<br />

besaßen wir, neben dem wichtigsten technischen<br />

Gerät, auch Waffen, doch die beließ ich


10<br />

Ars Poetica<br />

im Gepäck.<br />

»Ob es hier überhaupt noch Menschen gibt?«,<br />

fragte ich.<br />

»Der Vagabund war vor vier Jahren hier und<br />

sprach von einigen Millionen«, erwiderte Imdiazen,<br />

ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Wenn<br />

sie nicht Opfer einer Epidemie geworden sind,<br />

muss es sie noch immer geben. Mit einem etwas<br />

besseren Gehör wären dir solche Zweifel erspart<br />

geblieben.«<br />

»Wie meinst du das?«<br />

»Von dort kommen Laute, die nur von Menschen<br />

stammen können«, sagte er und deutete<br />

in Richtung der Dschungelstadt. »Und zwar von<br />

sehr vielen Menschen.«<br />

Ich lauschte, konnte jedoch nichts hören.<br />

»Außerdem gibt es in der Stadt Lichtquellen«,<br />

fügte er hinzu. »Deine Augen sind jedoch nicht<br />

in der Lage, sie auszumachen.«<br />

Ich blickte in Richtung Iakche. Diaz hatte Recht.<br />

Ich sah nur schemenhaft die von den Monden<br />

beschienenen Gebäudekomplexe vor der<br />

dunklen Dschungelwand.<br />

»Allem Anschein nach wollen sich die Pioniere<br />

gar nicht vor uns verstecken«, meinte ich. »Sie<br />

sind nur zu scheu, um den ersten Schritt zu<br />

wagen. Sicher beobachten sie uns schon die<br />

ganze Zeit. Diaz, wenn du mit deinen Aufgaben<br />

fertig bist, habe ich einen Auftrag für dich.«<br />

»Und der wäre?«<br />

»Ich möchte, dass du die Gegend erkundest.«<br />

Er hielt inne, blickte zu mir herüber.<br />

»Verstehe«, sagte er, schob die Verbindungskabel<br />

in seinen Körper zurück, löste die Hilfswerkzeuge<br />

von seinen Händen und verschalte sich.<br />

»Du denkst, dass der Anblick eines Roboters die<br />

Einheimischen abschreckt. In Ordnung, in einer<br />

Minute bin ich verschwunden.«<br />

»Vergiss deine gute Kinderstube nicht!«, rief ich<br />

ihm nach, als er ins Dickicht eindrang. »Du<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

kannst mich in dringenden Fällen über Funk<br />

erreichen.«<br />

Ich verließ meinen Platz und inspizierte die<br />

Wohnkuppel, an der Imdiazen vor fünf Minuten<br />

den letzten Handgriff getan hatte. Er war tatsächlich<br />

damit fertig geworden, die Entkeimungsanlage<br />

funktionierte ebenso wie der<br />

Vielzweck-Spender – ich genehmigte mir einen<br />

Drink. Imdiazen hatte nicht einmal vergessen,<br />

den Insektenkiller zu aktivieren. Ich schaltete ihn<br />

aus.<br />

Das Summen der Mücken wurde sofort lauter,<br />

die Geräusche der Nacht intensivierten sich. Ich<br />

ging wieder vor die Kuppel und ließ mich auf die<br />

Safariliege sinken. Hätte ich die Scheinwerfer<br />

stärker drehen sollen? Vielleicht wäre man dann<br />

in der Stadt mehr auf mich aufmerksam geworden.<br />

In meiner Position war es von unschätzbarem<br />

Vorteil, wenn die Pioniere zu mir kamen. Das<br />

verschaffte mir nicht nur eine bessere Verhandlungsbasis,<br />

sondern ließ auch Rückschlüsse auf<br />

ihre Kontaktbereitschaft zu.<br />

Links von mir war ein Rascheln im Gebüsch. Ich<br />

dachte an ein größeres Tier, das mein Lager<br />

umschlich. Doch als die Geräusche näher kamen,<br />

wurden auch Schritte laut. Gleich darauf traten<br />

drei aufrecht gehende Gestalten ins Freie.<br />

Es waren Menschen. Große, bärtige Männer in<br />

verwahrloster Kleidung.<br />

Sie kamen langsam näher, und ich erhob mich.<br />

Keiner von ihnen war kleiner als ich, ihr Alter war<br />

nicht leicht zu bestimmen, aber ich zählte sie zu<br />

der mittleren Generation.<br />

»Man nennt uns die Broker-Brüder, wir sind<br />

Bewohner dieser Welt«, sagte der Größte von<br />

ihnen, der auch weniger verwildert wirkte als<br />

die beiden anderen. Er deutete auf die beiden<br />

Männer links und rechts von sich. »Das sind<br />

Schaki und Jekl. Ich heiße Nigl.«


»Mein Name ist Fini-Ani Vanda«, stellte ich mich<br />

vor.<br />

»Ah«, machte Schaki und grinste; ich glaubte zu<br />

erkennen, dass sich hinter seinem rötlichen<br />

Rauschebart ein jugendliches Gesicht verbarg.<br />

»Deiner Aussprache hört man an, dass du aus<br />

der Zivilisation kommst.«<br />

»Warum hast du dich bei uns eingeschlichen?«,<br />

fragte Jekl.<br />

»Von einschleichen kann keine Rede sein«,<br />

erwiderte ich. »Ich habe formell um Landeerlaubnis<br />

ersucht. Erst als meine Funksprüche<br />

nicht beantwortet wurden, habe ich diese Welt<br />

betreten. Das ist der übliche Vorgang.«<br />

»Wo ist dein Raumschiff?«, fragte Nigl.<br />

»In Sicherheit. Es zahlt sich nicht aus, dass ihr<br />

es sucht.«<br />

»Du bist doch nicht allein?«<br />

»Nein, mein Partner begleitet mich.«<br />

»Und wo ist der Roboter jetzt?«<br />

Ich lächelte.<br />

»Wusste ich doch, dass ihr mich beobachtet.<br />

Dann war es ja gut, dass ich ihn fortgeschickt<br />

habe. Aber ihr braucht Imdiazen nicht zu fürchten.<br />

Er ist harmlos.«<br />

Nigl straffte sich.<br />

»Roboter sind ein durchaus vertrauter Anblick<br />

für uns. Wir haben nur abgewartet, bis Stille<br />

eintrat.«<br />

Ich verstand nicht sofort, aber dann erinnerte<br />

ich mich an den Insektenkiller. War es möglich,<br />

dass diese Menschen ultrahohe Schallwellen<br />

wahrnehmen konnten?<br />

»Wollt ihr euch nicht zu mir an den Tisch<br />

setzen?«, bot ich den Pionieren an. »Dabei<br />

könnten wir einander zwanglos näherkommen.«<br />

Schaki und Jekl warteten auf Nigls Zeichen. Erst<br />

als der mit der Linken eine zustimmende Geste<br />

machte, kamen sie meiner Einladung zögernd<br />

nach.<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 11<br />

»Was willst du auf unserer Welt?«, fragte Nigl,<br />

nachdem sie Platz genommen hatten.<br />

»Man hat mir gesagt, dass ihr Jakchoser gute<br />

Geschichtenerzähler seid«, antwortete ich wahrheitsgetreu.<br />

»Und das ist der einzige Grund deines Hierseins?«,<br />

fragte Schaki misstrauisch.<br />

»Ich sammle Geschichten«, sagte ich. »Meine<br />

einzige Beschäftigung besteht darin, fremde<br />

Welten aufzusuchen und mir von den Bewohnern<br />

Begebenheiten aus vergangenen Zeiten<br />

erzählen zu lassen.«<br />

»Also eine Historikerin bist du«, stellte Schaki<br />

fest.<br />

»In diesem Fall steht dir natürlich unsere Universität<br />

zur Verfügung«, erklärte Nigl spontan.<br />

»Du kannst dir von dort alle Daten holen, die du<br />

über die Geschichte unserer Welt benötigst.«<br />

»Das wäre vielleicht eine Aufgabe für Imdiazen«,<br />

meinte ich und lächelte still in mich hinein,<br />

als ich mir vorstellte, wie sauer er auf diesen<br />

Vorschlag reagieren würde. »Aber ich bin nicht<br />

an nüchternen Fakten interessiert, sondern ich<br />

möchte jene Versionen über die Geschichte<br />

kennenlernen, wie sie der Volksmund erzählt.<br />

Denn nur in dieser Form wird die Geschichte<br />

lebendig. Märchen, Sagen, Legenden und<br />

Mythen, Anekdoten und Histörchen – in ihnen<br />

widerspiegelt sich die Vergangenheit am wahrsten.«<br />

»Das ist mir zu hoch«, gestand Nigl und machte<br />

eine wegwerfende Handbewegung. »Aber wenn<br />

es dir wirklich ernst ist mit dem, was du sagst,<br />

dann bist du auf Jakchos richtig. Jeder von uns<br />

ist ein Meister im Erzählen, das darf ich in aller<br />

Bescheidenheit behaupten. Um der Wahrheit<br />

die Ehre zu geben, muss aber auch gesagt<br />

werden, dass oftmals ein und dasselbe Thema<br />

von jedem Jakchoser anders erzählt werden<br />

kann. Was sagst du dazu? Bist du immer noch


12<br />

Ars Poetica<br />

der Meinung, dass diese Form der Geschichtsinterpretation<br />

am wahrsten ist?«<br />

Ich lehnte mich zufrieden zurück.<br />

»Es kommt darauf an, ob man es versteht, das<br />

Körnchen Wahrheit, das in jeder Lüge steckt,<br />

herauszupicken. Aber ich möchte nochmals<br />

betonen, dass es nicht meine Absicht ist, die<br />

Geschichte aufzurollen. Ich möchte vor allem<br />

das Volk kennenlernen, das diese Geschichte<br />

gemacht hat. Und deshalb schaue ich ihm aufs<br />

Maul.«<br />

Nigl begann schallend zu lachen und klopfte sich<br />

vor Vergnügen auf den Schenkel. »Das ist gut,<br />

du gefällst mir, Fini. Dem Volk aufs Maul<br />

schauen! Wie ist es, willst du nicht sogleich eine<br />

Version über die Besiedlung unserer Welt<br />

hören?«<br />

© Crossvalley Smith<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

IRRLICHTER DES GEISTES<br />

Ernst Vlcek<br />

Fabylon<br />

Roman – Sternensaga, Band 2, Science-Fiction<br />

Broschiert, 240 Seiten - 10.00 EUR<br />

ISBN: 978-392707108-7<br />

Die abgeschottete Sanatoriumswelt Scizio,<br />

berühmte Heilanstalt für alle Geisteskrankheiten,<br />

weiß ihre Geheimnisse seit Jahrzehnten<br />

wohlbehütet.<br />

Bis sich der Legendensammler Thor Hamatta als<br />

Patient einweisen lässt, indem er vorgibt,<br />

Isegrim zu sein, die Reinkarnation eines terranischen<br />

Märchenerzählers aus vergangenen<br />

Zeiten. Doch schon bald muss Hamatta erkennen,<br />

dass er sich auf ein sehr gefährliches Spiel<br />

eingelassen hat; denn einmal als Patient aufgenommen,<br />

muss jeder sich den strengen Regeln


und Gesetzen anpassen, und die Aussichten auf<br />

eine genehmigte Abreise sind sehr gering ...<br />

Um das Geheimnis der mysteriösen Herrscher<br />

von Scizio und ihre wahren Beweggründe zu<br />

lüften, gewinnt Hamatta drei skurrile Verbündete:<br />

Terry, einen Roboter, der sich für den<br />

Träger der menschlichen Kultur hält; Njeto,<br />

einen Amphibienmenschen, der die Realität für<br />

einen bösen Traum hält, aus dem es zu erwachen<br />

gilt; und Ixion, einen Greis, der sich als den<br />

unsterblichen Erben der Blitzer sieht.<br />

Vier La Manchaer im Kampf gegen galaktische<br />

Windmühlen ...<br />

In diesem Band erfahren wir mehr über das<br />

Geheimnis der unheimlichen Blitzer, die vor<br />

hundert Jahren die Galaxis überfallartig heimgesucht<br />

haben, und Thor Hamatta wird wie<br />

seine Konkurrentin Fini-Ani Vanda am Ende vor<br />

eine schwere Entscheidung gestellt.<br />

LESEPROBE:<br />

DIE WETTE I:<br />

So wahr ich Thor Hamatta heiße, ich werde<br />

meinen Fuß auf Scizio setzen. Nein, erspare dir<br />

deine Einwände, Sebasto, ich weiß selbst, dass<br />

ich seit mehr als einem Dezennium davon<br />

träume, diese geheimnisvolle Welt aufzusuchen<br />

und ihre Geschichte niederzuschreiben. Bisher<br />

schienen mir die sich ergebenden Schwierigkeiten<br />

als unüberwindbar, aber jetzt glaube ich,<br />

einen Weg gefunden zu haben. Vergiss nicht, ich<br />

hatte über zehn Jahre Zeit, meinen Plan reifen<br />

zu lassen, überlege also gut, ob du dich auf diese<br />

Wette einlassen möchtest. Ich will nicht mehr<br />

und nicht weniger, als offiziell Scizio einen<br />

Besuch abzustatten, um die wahre Geschichte<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 13<br />

des Planeten und der Wesen, die darauf leben,<br />

niederzuschreiben – vor allem auf die Geschichte<br />

der letzten hundert Jahre, auf die Zeit nach den<br />

Blitzern, kommt es mir an. Lächle nur, Sebasto,<br />

ich errate deine Gedanken. Wie alle Wissenschaftler,<br />

denkst du, dass wir Legendensammler<br />

keine seriösen Historiker sind. Und doch haben<br />

die Legenden in unseren Analekten einen größeren<br />

Wert als alle so genannten seriösen<br />

Geschichtsaufzeichnungen. Lass mich das<br />

anhand eines Beispiels erklären. Da ist ein begnadeter<br />

Künstler, der ein allgemein anerkanntes<br />

Werk schafft. Er soll es erklären, aber er kann es<br />

nicht, weil er meint, das Bild spreche für sich.<br />

Man zieht einen Kunstfachmann hinzu, der eine<br />

umfassende Expertise über Sinn und Wert und<br />

Inhalt anfertigt. Dann komme ich und verfasse<br />

eine dreizeilige Paraphrase. Wer von uns beiden<br />

hat nun mehr erreicht: Sebasto, der Wissenschaftler,<br />

oder ich, der Legendensammler? Ich<br />

will damit sagen, dass man ein Kunstwerk nicht<br />

wissenschaftlich analysieren kann. Ich tue das<br />

nicht, ich gebe dem Bild nur den Rahmen, verstehst<br />

du? Die Schöpfung ist als solches Meisterwerk<br />

eines begnadeten Künstlers zu sehen, das<br />

man nicht sezieren, analysieren und erklären<br />

darf. Wir Legendensammler paraphrasieren sie,<br />

geben ihr den richtigen Rahmen, um das Kunstwerk<br />

entsprechend hervorzuheben. Das ist mehr<br />

als nur ein Bonmot, Sebasto ... Aber zurück zu<br />

unserer Wette. Du behauptest, dass kein Sterblicher<br />

durch die strengen Kontrollen schlüpfen<br />

kann. Ich werde dir das Gegenteil beweisen. Und<br />

ich gehe noch weiter und wage zu behaupten,<br />

dass eine meiner Geschichten, die ich von Scizio<br />

mitbringe, in die ANALECTA GALACTICA aufgenommen<br />

wird. In wenigen Monaten findet das<br />

große Treffen unserer Gilde zum zehnten Male<br />

auf Gulistan statt, bei dem die besten Legenden<br />

für den nächsten Band der Analekten ausgesucht


14<br />

Ars Poetica<br />

werden. Dort will ich reüssieren. Für dich kein<br />

Wertmaßstab, ich weiß ... Aber – hältst du die<br />

Wette?<br />

*<br />

1.<br />

EINBÜRGERUNG<br />

»Wie viel Bargeld?«<br />

Die Frage kam etwas überraschend, denn ich<br />

war mit den Gedanken nicht bei der Sache. Es<br />

war alles so schnell gegangen, dass ich noch ganz<br />

verwirrt war. Kaum eine Stunde, nachdem ich<br />

mit den anderen an Bord der Weltraumfähre<br />

gegangen war, saß ich bereits diesem Beamten<br />

gegenüber, der meine persönlichen Daten aufnahm,<br />

völlig belanglose Fragen stellte und nun<br />

Auskunft über meine Barschaft haben wollte.<br />

»Drei... dreitausend Quartz«, stotterte ich.<br />

Von Scizio hatte ich noch nicht viel zu sehen<br />

bekommen. Die Fähre war auf einem von einer<br />

hohen, violett blühenden Hecke umgebenen<br />

Landequadrat niedergegangen, von wo wir Passagiere,<br />

insgesamt vierundzwanzig Personen<br />

verschiedener Abstammung und unterschiedlichen<br />

Geschlechts, zu den Verwaltungsgebäuden<br />

geleitet wurden. Die Männer in den weißen<br />

Kombinationen, die uns geführt hatten, sahen<br />

einer wie der andere aus: groß und schlank, mit<br />

rötlichen, sommersprossigen Gesichtern und<br />

rotblonden Haaren. Wenn ich sage, einer wie<br />

der andere, so meine ich, einer war das Ebenbild<br />

des anderen. Und nun saß ich einem Beamten<br />

gegenüber, der sich um nichts von den Männern<br />

des Empfangspersonals unterschied.<br />

»Man nennt uns allgemein Hans«, hatte er sich<br />

vorgestellt. »Ich bin Hans, und jeder meiner<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Kollegen ist ebenso ein Hans.«<br />

Jetzt sagte er mit leicht ungeduldiger Stimme:<br />

»Ich habe gesagt, du sollst mir das Geld geben,<br />

Isegrim.«<br />

Ich zögerte. »Wie soll ich ohne Geld auskommen?«,<br />

fragte ich. »Ich meine, ich werde<br />

gewisse Ausgaben haben, etwa für Miete und<br />

Verpflegung ...«<br />

»Auf Scizio ist alles gratis«, unterbrach er mich<br />

sanft. »Wir sind eine große Familie, und du<br />

gehörst von nun an so lange dazu, wie es dir<br />

gefällt. Keiner von uns hat mehr als die anderen,<br />

niemand hortet Reichtümer. Der von dir abgegebene<br />

Betrag wird zum Wohle der Allgemeinheit<br />

der Gemeinschaftskasse zugeführt.«<br />

Ich überreichte ihm das Geld, und er ließ es in<br />

einem Schlitz seines Tisches verschwinden, ohne<br />

nachgezählt zu haben.<br />

»Was hast du noch bei dir? Lege es auf den<br />

Tisch.«<br />

»Wie bitte?«, fragte ich irritiert. »Ich habe sonst<br />

nichts als meinen Tecom und einige persönliche<br />

Dokumente bei mir, von denen ich mich nicht<br />

trennen möchte. Das werden Sie ...«<br />

»Hans!«, fiel er mir ins Wort. »Nenne mich<br />

Hans. Wir pflegen auf Scizio eine freundschaftliche<br />

und vertrauliche Atmosphäre, denn wir<br />

sind eine einzige große Familie.«<br />

»Gut, Hans«, sagte ich und schluckte. »Du wirst<br />

verstehen, Hans, dass ich mich von den persönlichen<br />

Dingen nicht trennen möchte. Und ohne<br />

Tecom käme ich mir verloren vor.«<br />

Er brachte mich durch einen Wink zum Schweigen,<br />

legte die Hände auf den Tisch und verschränkte<br />

die Finger. »Vergiss alle Normen, die<br />

bisher Gültigkeit gehabt haben, Isegrim. Breite<br />

alles auf dem Tisch aus, was du mit dir herumträgst«,<br />

sagte er und wartete, bis ich der Aufforderung<br />

nachgekommen war, dann fuhr er fort:<br />

»Denke nicht mehr daran, was war, bevor du


diese Welt betreten hast. Streiche die Namen<br />

deiner Verwandten und Bekannten aus deinem<br />

Gedächtnis, reiße die Brücken zu deinem<br />

früheren Leben hinter dir nieder. Ich weiß, das<br />

ist leichter gesagt als getan, aber versuche es –<br />

wir werden dir dabei helfen. Wenn du zu grübeln<br />

beginnst, dann fällt es dir nur umso schwerer,<br />

dich zu akklimatisieren. Du bist auf Scizio, alles<br />

andere ist unwichtig. Wenn du Fragen hast, hebe<br />

sie für später auf. Jetzt wollen wir erst einmal<br />

die Formalitäten erledigen und deine Einbürgerung<br />

in unsere Gemeinschaft vorantreiben.«<br />

Er deutete auf die wenigen Habseligkeiten, die<br />

ich auf den Tisch gelegt hatte, griff sich den<br />

Telecommander heraus und versenkte ihn in<br />

den Tisch. »Ist das alles?«, fragte er.<br />

»Ja, mehr habe ich nicht bei mir. In der Hauptsache<br />

sind es Beweise für meine Existenz, die ich<br />

gesammelt habe.«<br />

Er nickte und strich die verschiedenen Utensilien<br />

ein, ohne sie einer näheren Prüfung zu<br />

unterziehen. Das von mir so mühsam zusammengetragene<br />

Beweismaterial verschwand<br />

Stück für Stück in dem Schlitz des Tisches.<br />

Als er nun die Hand nach den vier Faksimile-<br />

Folien mit Auszügen aus einem alt-terranischen<br />

Buch ausstreckte, griff ich danach und hielt sie<br />

fest. »Das bitte nicht«, sagte ich schnell. »Davon<br />

möchte ich mich um keinen Preis der Welt<br />

trennen.«<br />

»Woran hängt dein Herz?«<br />

»Vier Seiten aus einem Buch, das ich in meinem<br />

früheren Leben geschrieben habe«, antwortete<br />

ich. »Das ist mein wertvollster Besitz, Hans!«<br />

»Das will ich dir gerne glauben, aber es hilft<br />

nichts«, versetzte er und brachte die vier Folien<br />

an sich. »Es ist nicht so, dass du dich für immer<br />

davon trennen sollst, Isegrim. Wir wollen uns die<br />

Folien nur ausleihen, um nötigenfalls Kopien<br />

anfertigen zu können. Ich habe dir doch schon<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 15<br />

gesagt, dass auf Scizio alles allen gehört. Wir<br />

werden die Originale gut verwahren und dir<br />

Kopien zukommen lassen, wenn du es wünscht.<br />

Aber wir müssen uns die Möglichkeit offen<br />

halten, auch Kopien für andere herzustellen,<br />

wenn sie danach verlangen.«<br />

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend<br />

jemand meine Werke kennt, die ich vor über<br />

tausend Jahren geschrieben habe«, erwiderte<br />

ich aggressiv.<br />

»Das ist wirklich nicht anzunehmen«, gab er zu.<br />

»Aber überlege dir einmal, Isegrim, dass andere<br />

die Folien bei dir sehen und den Wunsch verspüren<br />

könnten, sie ebenfalls zu besitzen. Wir<br />

müssen diesem Wunsch nachkommen und<br />

ihnen Kopien verschaffen. Anders geht es nicht.<br />

Diese Regelung könnte ein anderes Mal für dich<br />

ein Vorteil sein. Denn selbstverständlich verschaffen<br />

wir auch dir einen Ersatz für etwas, das<br />

du bei einem anderen siehst und haben möchtest.«<br />

»Es gibt Dinge, die sich nicht kopieren lassen«,<br />

warf ich ein.<br />

»Wir finden immer einen Ersatz.«<br />

Ich überlegte. »Demnach ist es gar nicht so, dass<br />

man auf Scizio keinen Privatbesitz haben darf?<br />

Es gibt nur keine Unikate, und man kann nur<br />

nichts für sich allein haben. Sehe ich das so<br />

richtig, Hans?«<br />

»In der Regel ist es so, Isegrim. Aber es gibt<br />

gewisse Ausnahmen. Du wirst sie im Laufe der<br />

Zeit schon kennenlernen.«<br />

»Und wie steht es mit der Individualität?«<br />

»Jeder ist seine eigene Persönlichkeit, er bleibt,<br />

was er ist, oder er wandelt sich zu dem, was er<br />

werden möchte.«<br />

»Und es gibt keinen Zwang?«<br />

»Es gibt gewisse Regeln.«<br />

»Wie siehst du dich, Hans?«<br />

»Bitte?«


16<br />

Ars Poetica<br />

»Ich frage mich, wie man von Individualität und<br />

eigener Persönlichkeit sprechen kann, wenn<br />

man selbst kein individuelles Wesen ist, sondern<br />

nur eine Kopie von ich-weiß-nicht-wievielen<br />

gleichartigen Geschöpfen.«<br />

»Wenn du dich abreagieren willst, Isegrim, nur<br />

zu, unter anderem sind wir auch dazu da.«<br />

»Es ist nicht meine Absicht, dich zu diskriminieren.<br />

Ich möchte nur herausfinden, ob ihr, du und<br />

die anderen, das personifiziert, was man auf<br />

Scizio unter Individualität versteht.«<br />

»Das ist ein eigenes Kapitel, Isegrim. Es würde<br />

zu weit führen, es jetzt schon zu erörtern.«<br />

»Und wenn ich darauf bestehe?«, sagte ich in<br />

grimmiger Entschlossenheit; es reizte mich,<br />

seine Geduld auf die Probe zu stellen und zu<br />

testen, wie weit ich gehen durfte. »Willst du mir<br />

diesen Wunsch abschlagen, Hans?«<br />

»Nein, natürlich nicht.« Er sagte es ruhig, emotionslos.<br />

Nach einer kurzen Atempause, in der<br />

ich ihn herausfordernd anstarrte, fuhr er fort:<br />

»Scizio ist kein Utopia, in dem sich alles von<br />

selbst regelt. Wir sind vollautomatisiert, aber für<br />

zwischenmenschliche Beziehungen taugen Automaten<br />

nicht. Dafür sind wir da, Hans um Hans.<br />

Jemand muss für die Einhaltung der Regeln<br />

sorgen und die Ordnung aufrechterhalten.<br />

Meine Kollegen und ich sind diese Instanz. Wir<br />

sorgen nach bestem Wissen und Gewissen für<br />

größtmögliche Wunscherfüllung. Wir sind die<br />

Koordinatoren, Richter und Exekutive, Seelsorger<br />

und Berater in Personalunion. Wir sind nicht<br />

das Gesetz, keine Despoten, aber ausführende<br />

Organe.«<br />

»Eure Aufgabe ist mir schon klar. Aber warum<br />

müsst ihr alle gleich aussehen, um sie erfüllen<br />

zu können?«<br />

»Wir könnten dieses Frage- und Antwortspiel<br />

stundenlang fortsetzen, ohne zu einem Ende zu<br />

kommen, Isegrim«, sagte er mit einem leichten<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Seufzer. »Es ist jedoch zielführender, wenn du<br />

dich erst einmal in unsere Gesellschaft einlebst,<br />

dann finden sich die Antworten auf die meisten<br />

deiner Fragen von selbst. Begnüge dich vorerst<br />

damit, dass wir unseren Pflichten, so wie wir<br />

sind, am besten nachkommen können. Ein Beispiel:<br />

Wenn du Sorgen hast, kannst du dich an<br />

einen beliebigen Hans wenden und wirst immer<br />

ein dir vertrautes Gesicht sehen. Du kannst nie<br />

das Gefühl haben, einem Fremden gegenüberzustehen.<br />

Bist du mit dieser Erklärung zufrieden,<br />

Isegrim?«<br />

»Nur noch eine Frage, Hans. Seid ihr Androiden?«<br />

Jetzt lächelte Hans.<br />

»Aber nein, Isegrim. Wir sind Menschen.«<br />

© Crossvalley Smith


ORAKEL DER STERNE<br />

Ernst Vlcek<br />

Fabylon<br />

Roman – Sternensaga, Band 3, Science-Fiction<br />

Broschiert, 240 Seiten - 10.00 EUR<br />

ISBN: 978-392707109-4<br />

Oktober 2007<br />

Die Legendensammlerin Selma Veerkoorn will<br />

das Geheimnis der Mutanten lüften, deren<br />

Spuren sich vor etwa 100 Jahren verloren haben;<br />

zur gleichen Zeit, als auch die Blitzer wieder aus<br />

der Milchstraße verschwanden, jene kosmischen<br />

Vandalen, die die halbe Galaxis verwüstet<br />

haben. Sind die Mutanten einst von der gegen<br />

sie ins Leben gerufenen Inquisition vollständig<br />

ausgerottet worden? Oder haben sich die<br />

letzten Überlebenden auf den sagenhaften Planeten<br />

Mutagon zurückgezogen?<br />

Selma wird zuerst von einer körperlosen Stimme<br />

geleitet, dann sind es Träume, die ihr den Weg<br />

weisen. Begleitet von ihren ungewöhnlichen<br />

Zwillingen Romulus und Remus gelangt sie<br />

schließlich zur Orakelwelt Kyme. Und hier, im<br />

Zeichen der kosmischen Sybille, laufen alle<br />

Fäden zusammen, werden uralte Prophezeiungen<br />

wahr.<br />

Hier erfüllt sich auch Selmas Schicksal, und sie<br />

erfährt die Wahrheit über den Verbleib der Mutanten<br />

und wer der Urheber ihrer visionären<br />

Träume ist.<br />

LESEPROBE<br />

DIE STIMME I:<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 17<br />

Höre mich ... lausche meinen Worten ... Siehe,<br />

das Leben, es ist in seiner Vielfalt unbegrenzt ...<br />

vergeude deines nicht. Wirf es nicht weg! Du, der<br />

du mich hören kannst. Und du! Und du! Ihr alle,<br />

die ihr mich hört, vernehmt meine Botschaft.<br />

Mein Geist ist euch nahe, obwohl wir einander<br />

im Raum fern sind – vermutlich über die ganze<br />

Galaxis verstreut. Kommt mir näher, kommt zu<br />

mir ... Ich brauche dich, ja DICH! Ich habe<br />

Kontakt zu dir! Jetzt erst weiß ich mit Sicherheit,<br />

dass ich nicht allein bin. Und ich weiß, dass ich<br />

nicht ins Leere spreche, denn du vernimmst<br />

meine Stimme. Ich kann dein Ich fühlen, obwohl<br />

du noch so weit weg bist ... Mein Ruf gilt von nun<br />

an DIR persönlich, DIR ganz allein. Suche die Spur<br />

der Mutanten und folge ihr, sie wird dich zu mir<br />

führen. Ich warte auf DICH ...<br />

*


18<br />

Ars Poetica<br />

1.<br />

Unmögliche Zwillinge<br />

»Selma steht unter Erfolgszwang«, sagte Remus.<br />

»Deshalb ist sie im Stress«, sagte Romulus.<br />

»Man muss das verstehen«, sagte Remus. »Sie<br />

hat im Band Neun der Analekten eine Geschichte<br />

unterbringen können, und das verpflichtet<br />

natürlich.«<br />

»Ja, Selma hat es wirklich nicht leicht«, setzte<br />

Romulus einen drauf. »Sie meint, sich selbst<br />

übertreffen zu müssen.«<br />

»Klar, jeder erwartet von ihr, dass sie sich das<br />

nächste Mal noch mehr steigert«, sagte Remus.<br />

»Aber das ist schwer möglich, denn ihre<br />

Geschichte war wirklich einsame Spitze.«<br />

»So ist es. Eine bessere Geschichte wird sie nicht<br />

finden.«<br />

»Und das macht ihr zu schaffen.«<br />

»Sie hat Maßstäbe gesetzt, und alles, was nicht<br />

an ihre Veröffentlichung heranreicht, ist ihr zu<br />

gering.«<br />

»Daher kommen ihre Depressionen.«<br />

»Sie macht sich das Leben selbst unnötig<br />

schwer«, sagte Remus und fügte mit einem<br />

Seufzer hinzu: »Und uns auch.«<br />

In dieser Art ging es weiter. Die Zwillinge waren<br />

einfach nicht abzustellen, und es war mir<br />

unmöglich, mich ihren aufdringlichen Stimmen<br />

zu verschließen. »Entweder haltet ihr endlich<br />

den Mund, oder ich stecke euch zurück in die<br />

Tiefschlaftanks!«, rief ich von meinem Arbeitszimmer<br />

in ihre Kabine hinüber.<br />

Nach meiner Ermahnung herrschte für eine<br />

Minute Ruhe, dann ging es schon wieder los.<br />

Diesmal stritten sie sich um die Besitzrechte<br />

eines Meteorsteins, von dem jeder behauptete,<br />

dass er ihn von Eberefing mitgebracht hatte.<br />

Eberefing war eine Dutzendwelt, wie übrigens<br />

Oberach auch, wo wir schließlich gelandet<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

waren. Dennoch hatte Eberefing in zweierlei<br />

Hinsicht für mich eine besondere Bedeutung<br />

bekommen. Erstens vernahm ich dort zum<br />

ersten Mal DIE STIMME, die mich erst dazu<br />

gebracht hatte, das Thema der Mutantenverfolgungen<br />

aufzugreifen. Zweitens hatte ich dort<br />

den Hinweis bekommen, dass Oberach vor mehr<br />

als einem Jahrhundert einen bedeutenden<br />

Mutanten hervorgebracht haben soll.<br />

Nur darum war ich hier.<br />

Als das Treiben der Zwillinge bis zur Unerträglichkeit<br />

eskalierte, schritt ich ein.»Du, Remus,<br />

bleibst hier«, bestimmte ich und zog unsanft<br />

einen der zum Verwechseln ähnlichen Zwillinge<br />

am Ohr aus der Kabine. »Und du, Romulus,<br />

kommst in ein anderes Zimmer.«<br />

Ich steckte den einen Zwilling (vielleicht war es<br />

sogar Romulus) in die angrenzende Kabine.<br />

Danach kehrte endlich Friede in mein Raumschiff<br />

ein. Zumindest für eine Weile. Für die<br />

Zwillinge bedeutete es die schlimmste Strafe,<br />

voneinander getrennt zu werden, und ich tat es<br />

nur, wenn ich mir keinen anderen Rat mehr<br />

wusste. Zwischen ihnen schienen unsichtbare<br />

Bande zu bestehen, und es war, als würde man<br />

diese durchtrennen, wenn man ein Schott zwischen<br />

ihnen schloss. Beide litten schwer unter<br />

jeder Trennung. Andererseits waren sie wie<br />

Hund und Katze, wenn sie in einem Raum zusammen<br />

waren. Nur wenn sie schliefen, rauften und<br />

zankten sie nicht. Im Schlaf waren sie so unschuldig<br />

wie andere Kinder. Ich bereute es längst, sie<br />

nach unserer Ankunft auf Oberach aus dem<br />

Tiefschlaf geweckt zu haben.<br />

Normalerweise machte es mir nichts aus, wenn<br />

sie Krach schlugen. Schließlich waren es meine<br />

Kinder, sie konnten nichts für meinen Fehltritt<br />

während des letzten Treffens der Legendensammler.<br />

Ich bereute es im Grunde nicht, mich<br />

damals auf Gulistan mit diesem Burschen einge-


lassen zu haben, von dem ich praktisch nichts<br />

wusste. Ich hätte die Folgen dieser Liaison ja<br />

nicht zu tragen brauchen, wenn ich nicht gewollt<br />

hätte. Aber es war immer schon mein Wunsch<br />

gewesen, Kinder zu haben. Nur waren die Zwillinge<br />

eben doch sehr anstrengend und gingen<br />

mir manchmal ziemlich auf die Nerven. Besonders,<br />

wenn ich zu arbeiten hatte.<br />

So wie jetzt; da mein Raumschiff förmlich von<br />

den Oberachern belagert wurde. Und es kamen<br />

immer mehr, um mir ihre Histörchen und Anekdoten<br />

zu erzählen. Es hatte fast den Anschein,<br />

dass sie leiden würden, wenn sie sie für sich<br />

behalten mussten.<br />

Ich hätte nicht gedacht, dass dies auf mich<br />

zukommen würde, als ich nach der Landung auf<br />

Oberach die Werbekampagne startete.<br />

Im Normalfall war es so, dass man die Leute<br />

nicht genug beschwatzen konnte, damit sie<br />

bereit waren, einem Geschichten und Legenden<br />

aus ihrer Historie zu erzählen. Aus dieser Erfahrung<br />

heraus hatte ich einen Werbefeldzug ohne<br />

Beispiel gestartet und über Funk und kostspielige<br />

Holoramas die Kunde verbreitet, dass ein<br />

Legendensammler den Oberachern die Ehre<br />

erwies, die Geschichte ihrer Welt aufzuzeichnen.<br />

Der Erfolg war so durchschlagend gewesen, dass<br />

ich mich des Andrangs nicht mehr erwehren<br />

konnte. Die Leute kamen von weither, um ihre<br />

Geschichten loszuwerden, und sie standen Tag<br />

und Nacht vor meinem Raumschiff ALICE<br />

Schlange. Sie kamen in primitiven Karren, vor<br />

die Zugtiere gespannt waren, auf den Rücken<br />

von domestizierten Flugdrachen, in abgewrackten<br />

Fluggefährten, auf tuckernden Landwirtschaftsmaschinen<br />

und per Materietransmitter,<br />

sofern sie es sich leisten konnten.<br />

Ich hatte schon Hunderte von Geschichten<br />

aufgezeichnet, aber meine Speicher wurden<br />

nicht voll. Denn im Grunde genommen behan-<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 19<br />

delten die Stories alle nur ein Thema, das immer<br />

wieder abgewandelt und variiert wurde. Alle<br />

Geschichten drehten sich um den legendären<br />

Volkshelden Nuanga Baar, den die Oberacher<br />

wie einen Heiligen verehrten. Nach einer recht<br />

großzügig gehandhabten Ausmusterung blieben<br />

nicht mehr als ein Dutzend brauchbare Erzählungen<br />

übrig, die man jedoch in einer einzigen<br />

zusammenfassen konnte. Und die wiederum<br />

war auf ein paar Zeilen zusammenzustreichen,<br />

wenn man sich auf die wesentliche Aussage<br />

beschränkte. Natürlich hätte man mit dem vorliegenden<br />

Stoff auch zehn Bände der Analekten<br />

füllen können, aber daran hätten sich höchstens<br />

die paar hunderttausend Oberacher delektiert.<br />

Und das war für eine Legendensammlerin, die<br />

in ihrem Lebenswerk den Schöpferfunken einfangen<br />

und der gesamtem Menschheit nahe<br />

bringen wollte, nur wenig befriedigend.<br />

Deshalb konnte ich mich nicht dazu überwinden,<br />

mehr aus den Hunderten von Legenden zu<br />

machen, als sie in einer Fußnote zusammenzufassen.<br />

DIE LEGENDE VON NUANGA BAAR:<br />

*<br />

Er war schon immer von schwacher Statur gewesen,<br />

ein zartes Kind mit, wie es schien, angegriffener<br />

Gesundheit. Ein schwächlicher Bursche<br />

später, von verkümmertem Wuchs und mit den<br />

weichfleischigen Armen eines Mädchens. Und<br />

schließlich ein angehender Mann von fast femininem<br />

Äußeren, psychisch nach innen gekehrt.<br />

Ein Heiliger, dafür geboren, nur Gutes zu tun.<br />

Schon im frühen Kindesalter zeigte sich bei ihm<br />

die heilende Hand. Er ging den kranken Tieren<br />

nicht aus dem Wege wie seine Altersgenossen,<br />

ließ sie nicht im Staub der Straße oder im Unter-


20<br />

Ars Poetica<br />

holz verenden. Er legte sich zu ihnen und ließ sie<br />

an sich kuscheln. Und – welch Wunder – im<br />

Morgengrauen sprangen die Böcklein und Kitze<br />

und der räudig gewesene Leithammel munter<br />

neben ihm einher, als hätten sie durch seine<br />

heilbringende Nähe den Tod abgeschüttelt. Es<br />

sprach sich herum, und alle kamen, den Knaben<br />

zu schauen, der unter den neugierigen Blicken<br />

ganz krank wurde wie ehedem seine animalischen<br />

Patienten. Und dann weinte er manchmal<br />

unter einem Blick, und er las aus den Augen<br />

seines Betrachters Unheil und sagte es ihm<br />

voraus. Jene, die ihn verlachten, über die brach<br />

unabwendbar das prophezeite Übel herein. Doch<br />

die auf ihn hörten und Abhilfe schafften gegen<br />

die drohenden Menetekel, denen mochte mitunter<br />

noch langes Glück beschieden sein. Einem<br />

Wanderer, der des Weges kam, dem rief er ein<br />

aus Angst und Entsetzen geborenes »Halt!«, zu.<br />

Und wie der Angerufene vor Erstaunen den<br />

Schritt verhielt, stürzte vor ihm die Brücke in der<br />

plötzlich anschwellenden Flut des Baches ein,<br />

und wurde fortgerissen – und mit ihr wäre der<br />

unbekannte Wanderer im Wasser umgekommen,<br />

hätte er den Schritt getan, vor dem ihn der<br />

warnende Ruf des Heiligen bewahrte. Und so<br />

wirkte er Wunder um Wunder, brachte Gesundheit<br />

mit heilender Hand und entlarvte all jene,<br />

die Böses unter die braven Bürger von Oberach<br />

säen wollten. Und eines Tages warnte er mit<br />

lautem Geschrei vor dem großen Blitz, der in<br />

diese Galaxis einschlagen sollte. Die Bürger<br />

ahnten, dass großes Unheil bevorstand, doch<br />

konnten sie seine Zeichen nicht deuten. Denn wer<br />

von den Leuten konnte sich schon das Ausmaß<br />

der Gefahr vorstellen, die die Blitze bedeuteten,<br />

die mit elementarer Wucht in die Galaxis einbrachen.<br />

Sie befragten ihn, der mit seinem unsichtbaren<br />

Auge sah, was da auf die Menschheit<br />

zukam. Doch statt zu antworten in großen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Worten, die den Bürgern doch nichts gesagt<br />

hätten, setzte er sie in die Tat. Und er bestieg<br />

einen Berg weit außerhalb der Zivilisation und<br />

erklomm seinen Gipfel, wo er der Blitzableiter<br />

war für alles Übel, das dem Planeten Oberach<br />

und seinen Bewohnern von den mörderischen<br />

Heerscharen der vandalischen Sternennomaden<br />

drohte. Und es schlug der Blitz in ihn ein und<br />

tötete ihn, aber sein Opfer rettete die Welt, denn<br />

die Blitze zogen weiter und ließen Oberach<br />

fortan unbehelligt. Und seitdem wird Nuanga<br />

Baar wie ein Heiliger verehrt, und man hat ihm<br />

ein Denkmal gesetzt, das größer und prächtiger<br />

ist als jedes andere von Menschenhand errichtete<br />

Bauwerk auf diesem Planeten. Es ist ein<br />

Monument für die menschliche Größe eines<br />

Einzelnen und die Demut eines ganzen Planetenvolkes.<br />

Kein Oberacher, der nicht wenigstens<br />

einmal in seinem Leben zum Grabmal des<br />

Nuanga Baar pilgerte.<br />

*<br />

Ich konnte von meinem Raumschiff den Berg<br />

mit dem Denkmal auf seinem Gipfel sehen. Es<br />

war aus einer Legierung gegossen, die die Sonnenstrahlen<br />

in allen Farben des Spektrums<br />

reflektierte, sodass es am Tage wie ein riesiges<br />

Juwel funkelte und nachts wie im magischen<br />

Feuer geheimnisvoll leuchtete.<br />

In einer gefilterten Bildschirmvergrößerung war<br />

zu erkennen, dass das zweihundert Fuß hohe<br />

Denkmal einen hohlwangigen Jüngling darstellte,<br />

der zu den Sternen hochblickte und mit<br />

einer schmalen Hand einen Blitz einfing. Es<br />

drückte genau jene Stimmung aus, die die<br />

unzähligen Legenden nicht in Millionen von<br />

Worten einzufangen vermochten: Angst. Zumindest<br />

hatte ich den Eindruck, dass all das Feuer<br />

der Lichtreflexionen den Ausdruck von Furcht


auf dem Gesicht des hohlwangigen Jünglings<br />

nicht überstrahlen konnte. Aber alle Oberacher,<br />

die ich darauf ansprach, stellten mir empört die<br />

Gegenfrage: »Wovor hätte ER sich fürchten<br />

sollen?«<br />

Ja, wovor?<br />

Um das Denkmal rankten sich einige<br />

Geschichten, die mitunter interessanter und<br />

glaubwürdiger waren als die Legende selbst. Es<br />

hieß, dass es schon mal von Weltraumpiraten<br />

geraubt und für ein siebenstelliges Lösegeld<br />

rückerstattet worden sein soll. Seitdem wurde<br />

es durch Kampfroboter und ein ausgeklügeltes<br />

Warnsystem bewacht, das mehr Geldmittel<br />

verschlungen haben soll als die Errichtung des<br />

Denkmals selbst. Und dieses soll einen Materialwert<br />

von etwa dreißig Millionen Quartz haben.<br />

Erst wenn man weiß, wie arm die Oberacher<br />

sind, kann man ermessen, welche finanziellen<br />

Opfer sie für ihren Heiligen gebracht haben.<br />

Ein Blick auf den Bildschirm zeigte mir eine<br />

unüberschaubare Menschenmenge, die sich um<br />

meine ALICE versammelt hatte. Eigentlich war<br />

ich es überdrüssig, weitere Aufzeichnungen zu<br />

machen. Neue Erkenntnisse würde ich doch<br />

keine gewinnen, und selbst wenn der »Heilige«<br />

ein Mutant mit überragenden PSI-Fähigkeiten<br />

gewesen wäre (was die Wunder erklärt hätte),<br />

so brachte mich das nicht weiter. Nuanga Baar<br />

war seit fast hundert Jahren tot. Am liebsten<br />

wäre ich wieder abgeflogen, aber ich brachte es<br />

nicht über mich, die geduldig Ausharrenden zu<br />

enttäuschen.<br />

In der Menge der Wartenden fiel mir auch ein<br />

vornehm gekleideter Mann auf. Er stach aus der<br />

Masse der mehr oder minder ärmlich bekleideten<br />

Gestalten wie ein Fremdkörper heraus,<br />

obwohl er kleiner als seine Nebenleute war. Ich<br />

konnte mir nicht vorstellen, dass er von dieser<br />

Welt stammte. Und wenn er kein Oberacher<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 21<br />

war, was könnte er mir über diese Welt zu<br />

erzählen haben? Das machte mich neugierig,<br />

und ich beschloss, zumindest solange abzuwarten,<br />

bis die Reihe an ihm war.<br />

Ich öffnete die Außenschleuse und ließ die<br />

Wartenden in Gruppen von vier und vier in die<br />

Kommandozentrale meines Raumschiffs ein, wo<br />

sie ihre Version der Nuanga Baar-Legende auf<br />

Band sprechen durften.<br />

Zwischendurch hielten mich die Zwillinge auf<br />

Trab. Aus den Geräuschen, die vom Wohndeck<br />

zu mir drangen, war zu schließen, dass sie mein<br />

Verbot missachtet hatten und wieder zusammen<br />

waren.<br />

Als ich nach oben kam, wälzten sie sich, aufeinander<br />

einschlagend, über den Boden der Kabine.<br />

Es kostete mich Mühe, sie voneinander zu trennen.<br />

»Wer von euch beiden ist Romulus?«, fragte ich.<br />

»Ich«, sagte der linke Zwilling. »Aber ...«<br />

»Ruhe!«,, herrschte ich ihn an und bedachte ihn<br />

mit einem zornigen Blick. »Habe ich nicht<br />

bestimmt, dass dies Remus’ Kabine ist und du in<br />

der anderen bleiben musst?«<br />

»Ich habe gar nichts getan«, beteuerte Romulus<br />

mit tränenfeuchten Augen. »Er hat angefangen.«<br />

»Wie das?«, fragte ich mit steigendem Zorn.<br />

»Dies ist die Kabine von Remus. Und da ich euch<br />

zusammen hier angetroffen habe, kann es nur<br />

so sein, dass du, Romulus, ihn aufgesucht und<br />

den Streit provoziert hast.«<br />

»Nein, Remus ist gekommen und hat angefangen«,<br />

sagte Romulus mit weinerlicher Stimme.<br />

»Ich wollte nur mein Recht«, behauptete<br />

Remus. »Schließlich hast du gesagt, dass dies<br />

meine Kabine sei. Aber du hast mich in die von<br />

Romulus gesteckt. Ich kam herein, um ihn in<br />

seine Kabine zu schicken. Doch er weigerte sich,<br />

das Feld zu räumen ...«<br />

»Genug«, unterbrach ich ihn. »Ich gebe zu, dass


22<br />

Ars Poetica<br />

es meine Schuld ist. Ich habe mich geirrt, aber<br />

das wird nicht wieder vorkommen. Romulus, geh<br />

du in die andere Kabine.«<br />

Der linke Zwilling setzte sich in Bewegung. Im<br />

Schott drehte er sich noch einmal um und fragte:<br />

»Dürfen wir nicht zusammenbleiben? Ich verspreche<br />

dir ...«<br />

»Ich weiß, was ich von euren Versprechungen<br />

zu halten habe«, fiel ich ihm ins Wort. »Marsch,<br />

in deine Kabine, Romulus!«<br />

Er verschwand heulend im Korridor. Als ich<br />

Remus verließ, fing auch er zu plärren an. Ich<br />

überwand mein Mitleid und kehrte in die Kommandozentrale<br />

zurück.<br />

Dort erwartete mich der vornehm gekleidete<br />

Fremde. Er war allein und saß im Pilotensitz, den<br />

er wie eine Schaukel hin und her schwenken ließ.<br />

Bei meinem Eintritt hielt er den Kontursessel an<br />

und sprang auf die Beine. Er reichte mir nur bis<br />

knapp zur Schulter. Kinn und Nase waren scharfkantig,<br />

wie sein Gesicht überhaupt wie aus Stein<br />

gemeißelt schien. Die Augen blickten kalt und<br />

verrieten nichts von der Person ihres Besitzers.<br />

Der Telecommander an seinem Gürtel bestätigte<br />

meine Vermutung, dass er kein Oberacher war.<br />

Ich hatte noch keinen Bewohner dieser Welt<br />

kennengelernt, der sich einen Tecom hätte<br />

leisten können.<br />

»Darf ich mich vorstellen«, sagte er mit einer<br />

tiefen männlichen Stimme und deutete eine<br />

Verbeugung an. »Mein Name ist Afjan Killeroy.<br />

Sie dagegen sind mir bekannt, Madam.«<br />

»Warum sind Sie allein?«, fragte ich ablehnend,<br />

denn ich hatte sofort eine starke Abneigung<br />

gegen diesen Mann.<br />

»Tut mir leid, dass ich Ihre Massenabfertigung<br />

störe, Madam«, sagte er. »Aber die Oberacher<br />

haben sich geweigert, zusammen mit mir diesen<br />

Raum zu betreten.«<br />

»Wenn Sie nicht von dieser Welt sind, was<br />

© Crossvalley Smith<br />

könnten Sie mir dann über Oberach erzählen?«,<br />

wollte ich wissen.<br />

»Die Wahrheit über den Heiligen.«<br />

»Nuanga Baar?«<br />

»Es gibt nur diesen einen Heiligen auf Oberach«,<br />

erwiderte Afjan Killeroy.<br />

»Und was, glauben Sie, über ihn erzählen zu<br />

können, was ich nicht schon in annähernd<br />

tausend Varianten zu hören bekommen habe?«<br />

Er breitete die Hände aus und ließ sie dann<br />

wieder sinken. »Meine Version über das Leben<br />

von Nuanga Baar hat zwar auch diesen Wundertäter<br />

zur Hauptperson«, erklärte er. »Aber<br />

gleichzeitig rückt sie auch die Bürger von<br />

Oberach ins rechte Licht. Nuanga Baar mag<br />

einen Heiligenschein besessen haben, aber die<br />

Bewohner von Oberach trugen zu seiner Zeit<br />

gewiss keinen. Sie haben ihn sich erst nachträglich<br />

aufgesetzt. Sind Sie nun interessierter,<br />

Madam?«<br />

»Ich höre.«


TREFFPUNKT GULISTAN<br />

Ernst Vlcek<br />

Fabylon<br />

Roman – Sternensaga, Band 4, Science-Fiction<br />

Broschiert, 240 Seiten - 10.00 EUR<br />

ISBN: 978-392707110-0<br />

Juni 2008<br />

Der große Tag ist angebrochen. Alle Legendensammler<br />

haben sich auf Gulistan getroffen, um<br />

in den Wettstreit der besten Geschichten zu<br />

treten. Der Sieger wird in die ANALECTA<br />

GALACTICA aufgenommen und gelangt so zu<br />

unsterblichem Ruhm. Die zehnte Ausgabe soll<br />

auf ganz besondere Weise gefeiert werden,<br />

denn alle Fäden zu den Mythen über die verschwundene<br />

Mutterwelt der Menschen, die<br />

Erde, laufen auf Gulistan zusammen.<br />

Was hat die legendäre Gründerin der Gilde der<br />

Legendensammler, Smyrna, mit den bis heute<br />

unbekannten Blitzern zu tun? Hat sie tatsächlich<br />

den letzten in der Milchstraße verbliebenen<br />

Nomaden aufgespürt? Wie werden sich die drei<br />

Erzähler Fini-Ani Vanda, Thor Hamatta und<br />

Selma Veerkooven entscheiden, welchen Beitrag<br />

sie zum Wettbewerb einreichen wollen?<br />

Welche Geheimnisse bringen die übrigen Legendensammler<br />

mit? Hat einer von ihnen am Ende<br />

die verschollene Gründerin aufgespürt und wird<br />

mit der Geschichte über sie gewinnen?<br />

Und - stimmt das Gerücht, dass dieses Treffen<br />

über die Zukunft der Menschheit entscheiden<br />

wird?<br />

In diesem vierten und letzten Band der großen<br />

Saga aus dem Kosmos der Wunder werden sich<br />

viele Überraschungen finden, bevor das Finale<br />

anbricht.<br />

Exklusive Erstveröffentlichung!<br />

LESEPROBE<br />

MILCHBRÜDER:<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 23<br />

Graf Albarez Luindo von Vollandez war Herr über<br />

große Ländereien und eine Legion von Leibeigenen,<br />

freien Bauern und Handwerkern. Das Haus<br />

Vollandez war eines der angesehendsten von<br />

Hyppion. Als nun die Gemahlin des Grafen,<br />

Suni-Vesa, dem Ende ihrer Schwangerschaft<br />

entgegensah, wurde nach einer geeigneten<br />

Amme Ausschau gehalten. Diese fand man in<br />

einer Magd namens Verdina, die etwa um dieselbe<br />

Zeit wie die Gräfin niederkommen sollte.<br />

Verdina wurde drei Tage vor Isama von einem<br />

strammen Jungen entbunden, der so gesund wie<br />

die Mutter war. Und auch die Gräfin schenkte<br />

einem Sohn das Leben, dieser war jedoch


24<br />

Ars Poetica<br />

schwächlich und schon bei der Geburt vom Tode<br />

gezeichnet, und die Ärzte gaben ihm kein langes<br />

Leben. Doch wie durch ein Wunder überlebte der<br />

Knabe, ja, er gedieh sogar sehr prächtig und<br />

erblühte geradezu. Das versetzte die Ärzte in<br />

Staunen, und sie fanden keine andere Erklärung<br />

als die, dass die Muttermilch der kräftigen Magd<br />

Verdina dieses Wunder bewirkt und den Sohn<br />

des Grafen am Leben erhalten hatte. Verdina<br />

stillte den gräflichen Sohn weiterhin wie ihren<br />

eigenen, ja, sie bevorzugte ihn gegenüber<br />

diesem, indem sie ihn stets zuerst stillte. Zum<br />

Dank dafür, dass sie seinem Sohn mit ihrer<br />

Fürsorge das Leben gerettet hatte, nahm der<br />

Graf die Magd mit ihrem Sohn in seine große<br />

Familie auf. Damit standen ihrem Kinde dieselbe<br />

Erziehung und Ausbildung zu wie dessen gräflichem<br />

Milchbruder. Die beiden Knaben wuchsen<br />

Seite an Seite auf, verstanden sich ausgezeichnet<br />

miteinander und sahen sich als wahrhaftige<br />

Brüder. Ihr Sprachlehrer Horten Spaggio sagte<br />

einmal im Scherz, dass der gräfliche Sohn dünn<br />

und klein und zart wie ein Zahnstocher sei, wie<br />

ein stuzzidente, was ein Begriff aus einer toten<br />

terranischen Sprache ist; so kam er zu seinem<br />

Spitznamen Stuzzi. Sein Milchbruder, ebenfalls<br />

klein, aber pummlig, wurde von demselben<br />

Lehrer mozzicone genannt, was Stummel heißt,<br />

und an ihm blieb daraufhin der Spitzname Mozzi<br />

haften. Ihr Lehrer weckte beider Interesse an<br />

alt-terranischen Sprachen und an terranischer<br />

Geschichte, und die Milchbrüder versuchten sich<br />

gegenseitig in ihrem Lerneifer zu übertreffen. Sie<br />

waren beide überdurchschnittlich intelligent und<br />

lernbegierig, und niemand Uneingeweihter, der<br />

sie miteinander sah, hätte sagen können, wer<br />

von beiden blaublütig war und welcher aus<br />

ärmlichen Verhältnissen stammte. Sie waren<br />

einander im Geiste ähnlicher als die meisten<br />

leiblichen Brüder, aber obwohl sie unter densel-<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

ben Bedingungen aufgewachsen waren,<br />

machten sich im Laufe der Jahre Unterschiede<br />

im Charakter und der Persönlichkeit bemerkbar.<br />

Beide interessierten sich nach wie vor brennend<br />

für Geschichte, doch während Mozzi mehr an<br />

Geschichtsforschung interessiert war, entwickelte<br />

sich Stuzzi eher zu einem kritischen<br />

Politologen, ja, geradezu zu einem Rebellen. Er<br />

begann, die herrschenden Zustände auf seiner<br />

Heimatwelt Hyppion zu kritisieren, nannte den<br />

Souverän einen Tyrannen und bezeichnete das<br />

politische System als Feudalherrschaft; seinen<br />

Vater nannte er einen Blutsauger und Unterdrücker,<br />

der auf Kosten der Ärmsten dieser Welt das<br />

Leben eines müßiggängerischen Popanz führte.<br />

Mit Siebzehn schloss sich Stuzzi einer Geheimorganisation<br />

an, die das Herrschaftssystem durch<br />

groß angelegte und spektakuläre Gewaltanwendungen<br />

stürzen wollte. Sein Deckname war<br />

Mishima, nach einem alt-terranischen Schriftsteller,<br />

der zum Umstürzler geworden war. Stuzzi<br />

hatte diesen Terraner wegen seiner Unerschrockenheit<br />

und seiner Konsequenz schon immer<br />

bewundert, seit er zum ersten Mal von ihm<br />

gehört hatte. Nur sein Milchbruder Mozzi war in<br />

sein Doppelleben eingeweiht, und er litt sehr<br />

unter Stuzzis Beteiligung an Terroraktionen und<br />

versuchte, den Bruder davon zu überzeugen,<br />

dass Gewalt nicht der richtige Weg sei, um die<br />

herrschenden Zustände zum Besseren zu<br />

wenden. Doch der blaublütige Revolutionär blieb<br />

uneinsichtig, sah keine andere Möglichkeit als<br />

den Terror, um eine Liberalisierung des Systems<br />

zu erreichen. Und Stuzzi versicherte dem Milchbruder<br />

gegenüber glaubhaft, dass er nie die<br />

Waffe gegen einen Mitmenschen richten würde,<br />

sondern lediglich das Gut und die Machtsymbole<br />

der herrschenden Klasse zerstöre. Es kam, wie es<br />

kommen musste, nämlich dass Stuzzi enttarnt<br />

wurde und in den Untergrund flüchten musste.


Das Haus Vollandez fiel daraufhin beim Souverän<br />

Lacumura in Ungnade und verarmte. Stuzzi aber<br />

stieg zum Anführer jener Rebellenorganisation<br />

auf, die in den folgenden Jahren immer mehr<br />

Zustrom aus den unteren Bevölkerungsschichten<br />

bekam. Sie wurde zu einem starken politischen<br />

Machtfaktor auf Hyppion und zu einer ernsten<br />

Gefahr für das Feudalsystem. Für Mozzi wurde<br />

wegen seiner Zugehörigkeit zur Familie Vollandez,<br />

das Leben auf seiner Heimatwelt immer<br />

unerträglicher, und als seine Mutter starb, hielt<br />

ihn nichts mehr auf Hyppion. Er verließ mit 24<br />

Jahren den Planeten und begann auf dem Universitätsplaneten<br />

Kondizzus ein Geschichtsstudium.<br />

Vor der Abreise nahm er zu Stuzzi noch einmal<br />

Kontakt auf, um sich von ihm zu verabschieden.<br />

Der Rebell, der wegen angeblicher Schwächen<br />

seine Führungsrolle verloren hatte, war zornig<br />

darüber, dass Mozzi nicht zu seinem Mitstreiter<br />

werden wollte und legte es als Feigheit aus, dass<br />

er in die Fremde zog. Aber zum Abschied schlug<br />

er einen versöhnlichen Ton an und versicherte:<br />

»Wir bleiben Brüder!« Viele Jahre später erfuhr<br />

Mozzi, dass sein Milchbruder bittere Niederlagen<br />

hatte hinnehmen müssen und durch die eigenen<br />

Leute von Hyppion verjagt worden war. Es hieß,<br />

dass er als Anführer einer Bande von Piraten die<br />

Sternenräume als Gesetzloser unsicher machte.<br />

Mozzi begann nach Abschluss seines Studiums<br />

mit Nachforschungen über seinen Milchbruder<br />

und erfuhr, wo er zu finden war. Doch ergab es<br />

sich in den folgenden Jahren nie, dass er ihn<br />

aufsuchte oder wiedersah.<br />

*<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 25<br />

1.<br />

LEBEN UND TOD AUF TABAROT<br />

Wie es aussah, würde ich mit leeren Händen<br />

nach Gulistan kommen. Es war wie verhext. Was<br />

ich auch unternahm, um eine interessante<br />

Geschichte zu bekommen, es ging schief. Ich zog<br />

nur Nieten, erlebte eine Enttäuschung um die<br />

andere. Ich überlegte sogar schon, einen<br />

Schwank aus meinem Leben zu erzählen, aber<br />

damit würde ich wohl kaum durchkommen.<br />

Nicht nur, dass die Juroren von Gulistan Autobiographien<br />

nicht besonders schätzten, so war<br />

mein Leben auch nicht besonders interessant<br />

und insgesamt nicht einmal ungewöhnlich verlaufen.<br />

Außerdem sollte die Story eines Legendensammlers<br />

einen Bezug zur Erde haben. Nicht<br />

wahr? Und ich hätte nicht gewusst, wie ich eine<br />

solche Brücke hätte schlagen sollen.<br />

Als der Termin schon ziemlich knapp war,<br />

erinnerte ich mich in meiner an Panik grenzenden<br />

Verzweiflung eines alten Bekannten, des<br />

Piraten Vaurian Ambarquerque. Er hatte erst vor<br />

kurzem Kontakt zu mir aufgenommen und ein<br />

Wiedersehen vorgeschlagen. Davon hatte ich<br />

zunächst nichts wissen wollen, weil der Umgang<br />

mit ihm nicht ungefährlich war. Und wenn schon<br />

nicht das, dann zumindest rufschädigend; es<br />

stand einem Legendensammler nicht gut zu<br />

Gesicht, Kontakt mit Gesetzlosen zu pflegen.<br />

Vaurians Botschaft klang jedoch überaus vielversprechend:<br />

Falls du eine Geschichte brauchst,<br />

kann ich dir die schönste des gesamten Universums<br />

anbieten. Damit wirst du garantiert alle<br />

anderen Legendensammler ausstechen. Gezeichnet:<br />

Vaurian.<br />

Jetzt schlug ich in meiner Not alle Bedenken in<br />

den Wind und nahm zu Vaurian Verbindung auf.


26<br />

Ars Poetica<br />

Und diese Verzweiflungstat dürfte sich letztendlich<br />

gelohnt haben. Es schien, dass ich nun meine<br />

Geschichte bekommen würde.<br />

Aber der Reihe nach.<br />

Ich wusste, wo ich Vaurian finden konnte. Er<br />

hatte sein Hauptquartier auf Tabarot aufgeschlagen,<br />

der Welt der Gesetzlosen, war dort aber<br />

nicht immer anzutreffen. Vaurian war ein unruhiger<br />

Geist, hatte kein Sitzfleisch, konnte nirgendwo<br />

sesshaft werden und ging mit seinem<br />

Raumschiff immer wieder auf Tour. Ich hatte<br />

jedoch gehört, dass er vor kurzem von einer<br />

längeren Kaperfahrt zurückgekommen war und<br />

rechnete mir daher gute Chancen aus, ihn in<br />

seinem Domizil anzutreffen.<br />

Es würde dennoch nicht ganz einfach sein, an<br />

ihn heranzukommen. Denn Tabarot war keine<br />

von den Welten, die man so ohne weiteres<br />

besuchen konnte, wenngleich sie zunächst sehr<br />

offen wirkte, als ob jedermann Zutritt hätte.<br />

Man durfte als Einzelperson und in kleinen<br />

Gruppen, wenn man nicht gerade mit einer<br />

Armee aufmarschierte, durchaus den Planeten<br />

betreten – insofern man gewisse Voraussetzungen<br />

erfüllte. Es war jedoch die Frage, ob man<br />

auch wieder so gesund und wohlbegütert von<br />

dort wegkam, wie man hingekommen war.<br />

Den eintönigen Flug verbrachte ich im Schlaftank,<br />

den ich auf »traumlos« programmierte.<br />

Traumlosigkeit verleiht das subjektive Gefühl<br />

eines kürzeren Tiefschlafs. Du legst dich hin und<br />

vermeinst, im selben Moment wieder geweckt<br />

zu werden. Feine Sache. Vor allem, wenn du<br />

deine Ruhe haben möchtest und nicht abgelenkt<br />

werden willst. Und auch wenn du unter Zeitdruck<br />

stehst und Entspannung benötigst.<br />

Das traf auf mich absolut zu.<br />

Also bevorzugte ich Traumlosigkeit und wurde,<br />

scheinbar kaum, dass ich die Augen geschlossen<br />

hatte, durch die aufdringlich kitschige Stimme<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

von Verena geweckt. »Aufwachen, mein Süßer«,<br />

säuselte der Bordcomputer. »Du bist am Ziel<br />

deiner Sehnsüchte angelangt.«<br />

»Halt die Klappe, oder ich mache dich ein für<br />

alle Mal mundtot!«<br />

Das war alles andere als ein frohgemutes Aufwachen.<br />

Ich hasste diese Stimme – und wie ich<br />

sie hasste! Bisher war es mir jedoch nicht gelungen,<br />

sie zu deaktivieren. Die Stimme war wie ein<br />

unsäglicher Fluch, den ich vom Vorbesitzer hatte<br />

übernehmen müssen. Das Schiff hatte dem<br />

Legendensammler Fahrin Torgent gehört, der<br />

wegen besonderer Verdienste nach Gulistan<br />

berufen worden war, und mir sein Gefährt, weil<br />

er ja nicht mehr unterwegs zu sein brauchte, zu<br />

einem wohlfeilen Preis überlassen hatte. Die<br />

VERENA war technisch gut in Schuss, sodass ich<br />

dachte, einen guten Handel gemacht zu haben.<br />

Aber als ich vom Bordcomputer gleichen<br />

Namens mit schriller Stimme begrüßt worden<br />

war, hatte ich so meine Zweifel bekommen.<br />

Diese Zweifel wuchsen mit jedem Mal, da sich<br />

die Sirene Verena vernehmen ließ – und mit<br />

jedem fehlgeschlagenen Versuch, diesen Quälgeist<br />

mundtot zu machen. Es war zum Verzweifeln.<br />

Es musste doch eine Möglichkeit geben,<br />

diese Fistelstimme anders zu modulieren! Doch<br />

bisher hatte sich Verena erfolgreich dagegen<br />

gewehrt, anders konnte ich es mir nicht erklären.<br />

»Warum bist du so grob zu mir, Miguel?«,<br />

beschwerte sich Verena in ihrer aufdringlich<br />

schrillen Art. »Ich bin die Seele des Schiffes, mich<br />

darf man nicht eliminieren.«<br />

Es war wohl besser, meine Zeit nicht zu vergeuden<br />

und die Sache auf sich beruhen zu lassen.<br />

Ich hatte schließlich wichtigere Probleme.<br />

Außerdem: Verena mochte eine Nervensäge<br />

sein, aber sie funktionierte immerhin zuverlässig.<br />

*


Das Kroappa-System besaß insgesamt sieben<br />

Planeten. Sechs von ihnen waren ohne Bedeutung;<br />

entweder Magmahöllen, Gasriesen oder<br />

Eiswelten. Nur Tabarot, der vierte Planet, war<br />

eine Sauerstoffwelt und besaß die erforderlichen<br />

Bedingungen, um eigenes Leben hervorzubringen<br />

und eine Besiedlung durch Menschen<br />

zu ermöglichen.<br />

Tabarot wies allerdings eine Eigenheit auf, die<br />

den Planeten zu einer Extremwelt unglaublicher<br />

Gegensätze stempelte. Er besaß nämlich keine<br />

Achsneigung, sodass es keine Jahreszeiten gab.<br />

Die Polgebiete waren kälteklirrende Eiswüsten,<br />

in denen kein Leben möglich war. Beim Äquatorgebiet<br />

handelte es sich um ein Band mit<br />

unglaublichen Temperaturen, die mit einem<br />

Hochofen vergleichbar waren. Zwischen diesen<br />

beiden Extremzonen gab es nördlich und südlich<br />

des Äquators jeweils einen schmalen Streifen<br />

mit gemäßigten Temperaturen.<br />

Dort spielte sich das Leben ab. Die meisten<br />

Bewohner lebten so dicht gedrängt, dass sie sich<br />

quasi dauernd gegenseitig auf die Zehen traten.<br />

Nur besonders Privilegierte besaßen Ländereien,<br />

in denen man auch Purzelbäume schlagen<br />

konnte. Auf Tabarot gab es allerdings verhältnismäßig<br />

viele dieser Superreichen, jedenfalls mehr<br />

als auf jedem anderen Planeten der Galaxis.<br />

Allesamt hatten sie ihr Vermögen auf unredliche<br />

Weise erworben, und viele davon mit so schändlichen<br />

Mitteln, dass ihr Konterfei galaxisweit auf<br />

Steckbriefen prangte und sie ihr Haus nie wieder<br />

verlassen konnten.<br />

In diese Kategorie gehörte Vaurian Ambarquerque<br />

jedoch nicht. Er war eine vergleichsweise<br />

kleine Nummer, ein untergeordneter Mitläufer<br />

und Trittbrettfahrer. Gewissermaßen.<br />

Das alles wusste ich natürlich nur vom Hörensagen,<br />

aus offiziellen Berichten und mitunter<br />

zweifelhaften Quellen, denn ich war noch nie<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 27<br />

auf Tabarot gewesen. Das sollte sich jedoch bald<br />

ändern, und entsprechend aufgeregt war ich,<br />

und mir war mulmig zumute. Vaurian hatte mir<br />

bei seiner Einladung einen Code für den Telecommander<br />

übermittelt, den ich nur einzugeben<br />

brauchte, wenn ich den Orbit von Tabarot<br />

erreichte, und schon würde ich ein Permit<br />

bekommen, das mir den Zutritt zur Welt der<br />

Gesetzlosen ermöglichen sollte ... so hatte mir<br />

Vaurian zumindest versichert. Klang alles ganz<br />

einfach, oder? Aber ich war mir nicht sicher, ob<br />

ich der Sache bedenkenlos trauen konnte. Nur<br />

... was für eine Wahl hatte ich schon! Vaurian<br />

war meine letzte Chance, zu einer Story zu<br />

kommen.<br />

Die VERENA kehrte außerhalb des Kroappa-<br />

Systems in den Unterlichtflug zurück. Ich schaltete<br />

auf manuelle Steuerung. Es war ein Kinderspiel,<br />

das Raumschiff allmählich abzubremsen<br />

und in den Orbit des vierten Planeten zu steuern.<br />

Schon nach dem Eintauchen in den Normalraum<br />

wurde das Raumschiff von einer Fülle unterschiedlichster<br />

Signale überschwemmt, die einen<br />

unentwirrbaren Funksalat bildeten.<br />

»Soll ich für dich die Impulse filtern und die<br />

unnötigen aussondern, Schatz?«, bot mir Verena<br />

mit ihrer nervenaufreibenden Stimme an.<br />

»Du hast doch gar keine Ahnung, auf welche<br />

Frequenz ich Wert lege«, erwiderte ich schmunzelnd,<br />

»geschweige denn, wie der Code des<br />

Absenders lautet, Verena.«<br />

»Dann verrate mir einfach die erforderlichen<br />

Daten. Alles Weitere erledige ich für dich.«<br />

»Das mache ich schon selbst«, sagte ich unnachgiebig.<br />

»Aber wieso denn?«, bohrte Verena weiter.<br />

»Ich bin doch dafür da, dir anfallende Arbeiten<br />

abzunehmen, Miguel, Schatz.«<br />

»Halt endlich den Mund!«, herrschte ich den


28<br />

Ars Poetica<br />

Bordcomputer an. »Deine Stimme treibt mich<br />

noch in den Wahnsinn!«<br />

»Fahrin hat diese Stimme geliebt«, behauptete<br />

Verena, »sonst hätte er sie in mir nicht verewigt.«<br />

Es war schwer vorstellbar, dass Fahrin Torgent<br />

die Stimme seiner Angebeteten geliebt haben<br />

sollte, aber ich sagte nichts darauf. Ich konzentrierte<br />

mich einfach auf die Aufgabe, sämtliche<br />

Hyperfunkfrequenzen auszusondern. Bis nur<br />

noch die von Vaurian Ambarquerque übrig blieb.<br />

Bevor ich jedoch den Kontakt herstellen konnte,<br />

meldete sich wieder die Bordseele.<br />

»Habe ich dir schon von der wunderbaren und<br />

doch so tragischen Liebe zwischen Fahrin und<br />

Verena erzählt?«, fragte sie säuselnd.<br />

»Allerdings«, knurrte ich ungehalten.<br />

»Bestimmt schon tausendmal.«<br />

»Man kann sie nicht oft genug hören ... Sie ist<br />

so rührend und herzergreifend«, behauptete<br />

Verena und legte los, bevor ich etwas dagegen<br />

tun konnte.<br />

LIEBESTOD:<br />

*<br />

Der Legendensammler Fahrin Torgent war der<br />

ewigen Wanderschaft früh überdrüssig geworden<br />

und dachte daran, sich für den Rest seines<br />

Lebens auf Gulistan niederzulassen. Er hatte in<br />

Verena Rhombat die Frau seines Lebens gefunden<br />

und war entschlossen, trotz aller Widerstände<br />

mit ihr auf der Welt der<br />

Legendensammler eine Familie zu gründen. Er<br />

liebte dieses wunderbare, holde Wesen über<br />

alles, ja, er verehrte Verena so sehr, dass er ihr<br />

eine Geschichte widmete, die sogar in die<br />

ANALECTA GALACTICA aufgenommen wurde.<br />

Dafür musste er zwar eine Sondergenehmigung<br />

von den Juroren auf Gulistan einholen, denn es<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

war nicht gern gesehen, dass man eigene Erlebnisse<br />

und persönliche Gefühle in die Analekten<br />

einbrachte. Doch waren ihm keine Mühen zu<br />

groß, um seine Verehrung für seine Geliebte zu<br />

zeigen. Und er schaffte die Veröffentlichung,<br />

indem er eine Parallele zur legendären Liebesgeschichte<br />

zwischen Tristan und Isolde schuf –<br />

freilich ohne die letzte Konsequenz für die beiden<br />

Liebenden. Torgent hätte alles für Verena getan.<br />

Er ersuchte deshalb darum, sie zur Familiengründung<br />

nach Gulistan mitnehmen zu dürfen, was<br />

ihm von den gestrengen Sittenwächtern zuerst<br />

untersagt wurde. Sie begründeten die Ablehnung<br />

mit seiner relativen Jugend und machten ihm die<br />

Auflage, noch ein Dezennium Erfahrungen zu<br />

sammeln und in dieser Zeit seine Gefühle für<br />

Verena zu prüfen und dann gegebenenfalls,<br />

wenn er sie immer noch liebte, sein Ansuchen zu<br />

wiederholen.<br />

Die Probezeit verging wie im Flug, und Fahrin<br />

Torgents Gefühle für Verena Rhombat schliefen<br />

nicht ein, sondern wurden immer stärker. Er<br />

redete von nichts anderen als dem paradiesischen<br />

Leben auf Gulistan mit ihr an seiner Seite.<br />

Vielleicht tat Torgent dabei etwas zu viel des<br />

Guten.<br />

Denn je näher der Tag der Entscheidung kam,<br />

desto mehr wuchs für Verena die Anspannung.<br />

Und sie fragte sich bang, ob die Juroren ihr<br />

diesmal erlauben würden, mit dem Geliebten<br />

nach Gulistan zu ziehen. Je länger sie diese<br />

Gedanken wälzte, desto größer wurden ihre<br />

Zweifel. Dabei wusste sie, wie stark Torgents<br />

Wunsch war, sich endlich auf Gulistan niederzulassen.<br />

Als nun der Tag kam, dass Torgent nach<br />

Gulistan hinabflog, um den Bescheid der Juroren<br />

entgegenzunehmen, da fasste Verena einen<br />

Entschluss, um dem Liebsten den Lebenstraum<br />

nicht zu rauben, falls er nicht die Erlaubnis<br />

erhielt, mit ihr auf der Welt der Legendensamm-


ler sesshaft werden zu dürfen.<br />

Wie befürchtet, meldete ihr Torgent über Funk,<br />

dass die Juroren wiederum ablehnend reagiert<br />

hätten, doch versicherte ihr der Geliebte, auf<br />

Gulistan zu verzichten und bei ihr zu bleiben und<br />

auf irgendeiner Welt ihrer Wahl sesshaft zu<br />

werden.<br />

Verena hatte jedoch anders entschieden. Um<br />

Torgents Wunschtraum nicht im Wege zu<br />

stehen, stieg sie mit einem Raumanzug aus dem<br />

Schiff und öffnete im freien All den Helm ...<br />

Als Torgent zurück an Bord kam und das Ausmaß<br />

des Dramas erfasste, da war Gulistan für ihn kein<br />

Thema mehr.<br />

Erst später, nachdem er mit seinem Schmerz<br />

umzugehen gelernt hatte, folgte Torgent schließlich<br />

dem Ruf und zog sich auf die Welt der<br />

Legendensammler zurück, und ich erstand sein<br />

Raumschiff VERENA. Und er dachte, dass sich für<br />

seine Geliebte Isoldes Schicksal erfüllt hatte.<br />

Der Bordcomputer wurde es nicht müde, immer<br />

weitere Beispiele aufzuzählen, die Fahrins Liebe<br />

für seine Lebenspartnerin dokumentierten, und<br />

die Geschichte von Verenas Liebestod zu wiederholen.<br />

Bei jeder Gelegenheit, und selbst heute<br />

noch, nach fast einem halben Jahrzehnt der<br />

Übernahme durch mich.<br />

*<br />

»Was für eine tragische Fehlentscheidung!«,<br />

kreischte Verena zum Abschluss ihrer Erzählung<br />

in vorprogrammierter Aufregung. »Fahrin hätte<br />

Verena nie einen Vorwurf gemacht, auf die<br />

Berufung nach Gulistan verzichtet zu haben. Sie<br />

hat sich völlig umsonst geopfert, denn er hätte<br />

sie nie verlassen. So unendlich war seine Liebe<br />

für sein ein und alles – Verena.«<br />

Torgent hatte Verena sogar ein Denkmal gesetzt<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 29<br />

und dem Bordcomputer ihre Gefühle und ihre<br />

Stimme verliehen, damit sie selbst im Tode<br />

immer um ihn sein konnte.<br />

Die Geschichte mochte so weit stimmen, dass<br />

der Legendensammler die Absicht gehabt hatte,<br />

die Stimme seiner Geliebten vom Bordcomputer<br />

simulieren zu lassen, aber ganz sicher war, dass<br />

er dabei kläglich versagt hatte. Ich konnte nicht<br />

glauben, dass jemand mit so einer Stimme über<br />

alles geliebt und verehrt werden könnte. So<br />

etwas gibt es nirgendwo im ganzen Universum.<br />

Als Verena zu Ende erzählt hatte, stellte ich den<br />

begonnenen Funkkontakt her und schickte den<br />

verabredeten Code ab. Ich bekam augenblicklich<br />

Antwort. Ein Holo mit menschenähnlichen<br />

Umrissen begann vor mir zu flimmern, und eine<br />

verzerrt und metallisch klingende Stimme<br />

meldete sich; sie klang nicht gerade freundlich.<br />

»He, was soll das, mitten ...«<br />

Das Holo konnte sich jedoch nicht manifestieren,<br />

und die Stimme wurde durch ein Knacken<br />

abgewürgt. Danach war kurz ein Rauschen wie<br />

von statischen Störungen zu hören. Das Störgeräusch<br />

brach ab, und eine klare Stimme ertönte.<br />

Es war aber nicht die von vorhin, sondern eine<br />

fremde, die ich noch nie gehört hatte.<br />

»Melde gehorsamst, die Fangschaltung wirkt.<br />

Sie können jetzt mit dem Subjekt sprechen,<br />

General.«<br />

Zuerst ertönte aus dem Lautsprecher ein<br />

Geräusch, als würde sich jemand in Position<br />

bringen. Dann sagte eine bellende, befehlsgewohnte<br />

Stimme: »Hier spricht General Aljon<br />

Fukkon von der Raumpatrouille Rejcard. Sie<br />

haben gerade versucht, mit dem Freibeuter<br />

Vaurian Ambarquerque Funkkontakt aufzunehmen.<br />

Entspricht das den Tatsachen?«<br />

»Das ist richtig, ich wollte mit Vaurian Ambarquerque<br />

sprechen«, bestätigte ich. »Aber ich<br />

verstehe nicht ...«


30<br />

Ars Poetica<br />

»Sie werden schon noch verstehen, wenn wir<br />

Ihnen eine vor den Bug knallen!«, fiel mir der<br />

General ins Wort. »Rühren Sie sich mit Ihrem<br />

Schiff nicht von der Stelle, oder es kracht. Wir<br />

haben Sie im Fadenkreuz. Ich bin bereits zu<br />

Ihnen unterwegs.«<br />

»Was wollen Sie denn von mir?«, erkundigte ich<br />

mich, noch immer verwirrt. »Ich dachte, Tabarot<br />

sei eine freie Welt, die für jedermann zugänglich<br />

ist.«<br />

»Hier geht es nicht um Tabarot«, schnauzte<br />

mich der General an, »sondern um einen Freibeuter<br />

und Mörder. Wir reden von Vaurian<br />

Ambarquerque. Jeder, der mit ihm in Verbindung<br />

tritt, macht sich verdächtig, zur selben<br />

Sorte Verbrecher zu gehören.«<br />

»Vaurian ein Mörder? Das glaube ich nicht.«<br />

»Machen Sie keine Mätzchen!«, bellte der<br />

General ein letztes Mal, dann war die Verbindung<br />

unterbrochen. Da ich seine Drohung durchaus<br />

ernst nahm, fiel mir nicht im Traum ein,<br />

irgendetwas Verhängnisvolles zu tun.<br />

Mir gingen die Worte des Generals, was er über<br />

meinen Freund Vaurian gesagt hatte, nicht aus<br />

dem Sinn. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen,<br />

dass er jemanden getötet haben sollte. Er<br />

war ein Gauner, Dieb und Betrüger, ja, aber nie<br />

ein Gewalttäter gewesen. Er hatte wohl auch<br />

schon mal getötet, aber höchstens in Notwehr<br />

... und das auch nur im Krieg, den er auf seiner<br />

Heimatwelt gegen die Unterdrücker geführt<br />

hatte. Hier musste eine Verwechslung vorliegen.<br />

Es konnte sich nur um einen Irrtum handeln.<br />

»Miguel, mein Schatz«, meldete sich Verena<br />

durchdringend. »Da nähern sich drei Flugobjekte<br />

mit hoher Geschwindigkeit. Sie werden jeden<br />

Moment hier sein.«<br />

»Gib mir ein Bild.«<br />

Vor mir entstand eine dreigeteilte Holografie<br />

des umliegenden Weltraums. In einem Drittel<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

war ein Teil des Bugs der VERENA zu sehen, in<br />

einem anderen ein Stück des Hecks. Und dann<br />

tauchte in jedem der drei Sektoren ein bauchiges<br />

Kleinraumschiff auf mit verschiedenen<br />

Aufbauten und stachelartigen Röhren bespickt.<br />

Ich hätte wetten können, dass es sich bei etlichen<br />

dieser »Stacheln« um Geschütze handelte.<br />

Gleich darauf meldete sich wieder General Aljon<br />

Fukkon über Funk.<br />

»Ich komme zu Ihnen an Bord«, sagte er und<br />

präzisierte: »Ich schicke bloß ein Holo von mir.<br />

Heben Sie die entsprechende Sperre auf. Und<br />

dann möchte ich, dass Sie Ihren Ortungsschutz<br />

komplett deaktivieren. Ich muss Ihr Schiff scannen.«<br />

Da es für mich nichts zu verbergen gab, hatte<br />

ich prinzipiell nichts dagegen, die VERENA durchleuchten<br />

zu lassen. Nur störte mich die Selbstverständlichkeit,<br />

mit der dieser aufgeblasene<br />

General seine Forderungen stellte.<br />

»Mit welchem Recht verlangen Sie von mir die<br />

Bloßlegung meiner Privatsphäre?«, begehrte ich<br />

auf, darum bemüht, meiner Stimme einen autoritären<br />

Klang zu geben. Was wohl völlig fehlschlug,<br />

denn innerlich hatte ich bereits<br />

kapituliert, und das merkte der Kerl ganz genau.<br />

»Das Gesetz ist auf meiner Seite«, erwiderte er<br />

fast belustigt. »Also stellen Sie sich nicht so an,<br />

Mann. Oder haben Sie doch etwas zu verbergen.?«<br />

Weil dem nicht so war, gab ich nach. Im nächsten<br />

Augenblick materialisierte ein mittelgroßer,<br />

korpulenter Mann in der Steuerzentrale, der<br />

nicht groß genug war, um zu ihm aufblicken zu<br />

müssen. Er trug eine grün-orange Phantasieuniform<br />

mit breiten Schulter-Epauletten und einen<br />

mit Goldfäden durchzogenen breiten Kragen.<br />

Zudem war die Uniform mit allen möglichen<br />

Stoffemblemen bestickt. Er sah aus wie ein<br />

Werbeträger für allen möglichen billigen Tand.


Der mächtige und goldbestäubte, aufgezwirbelte<br />

Schnurrbart machte ihn mir sofort unsympathisch.<br />

»Name!«, bellte er mich an.<br />

Ich stellte mich vor.<br />

»Also, Miguel, jetzt verraten Sie mir mal, was<br />

Sie mit Vaurian Ambarquerque zu schaffen<br />

haben«, forderte er mich in fast jovialem Tonfall<br />

auf.<br />

Ich sagte ihm die Wahrheit, nämlich, dass wir<br />

uralte Freunde seien und ich in meiner Eigenschaft<br />

als Legendensammler nach Tabarot<br />

gekommen sei, weil Vaurian mir eine Geschichte<br />

versprochen habe.<br />

»Schau an, ein Märchenonkel«, spottete<br />

Fukkon. »Mir können Sie aber kein Raumfahrergarn<br />

erzählen! Also sagen Sie die Wahrheit. Was<br />

für Machenschaften führen Sie zur Welt der<br />

Gesetzlosen?«<br />

»Vaurian Ambarquerque ist ein Freund aus<br />

früheren Tagen, der mir eine Geschichte zu<br />

erzählen versprochen hat, die er als die schönste<br />

des ganzen Universums bezeichnete ...«<br />

»Hören Sie auf mit dem Unsinn!«, herrschte<br />

mich der General mit hochrotem Gesicht an.<br />

»Ich sage die reine Wahrheit!«, beharrte ich.<br />

»Na schön!« Der General tippte mir bei jedem<br />

Wort mit heftiger Bewegung gegen die Brust, als<br />

wolle er sie mir durchbohren. Da es sich bei ihm<br />

jedoch nur um ein Hologrammabbild handelte,<br />

spürte ich nichts davon. Aber die Geste zählte!<br />

»Ich kann Ihnen das Gegenteil nicht beweisen.<br />

Noch nicht. Aber Sie werden Tabarot wieder<br />

verlassen. Und wehe, wenn Sie dann irgendetwas<br />

an Bord haben, das sich jetzt noch nicht hier<br />

befindet! Dann sind Sie dran, Sie Lügenbaron!«<br />

»Geht in Ordnung«, sagte ich lakonisch.<br />

»Miguel ... Liebling, wir werden gerade bis in<br />

den letzten Winkel durchleuchtet«, meldete sich<br />

zu allem Überdruss auch noch Verena. »Soll ich<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 31<br />

dem Einhalt gebieten?«<br />

Der Kopf des Generals schnellte zu mir herum,<br />

und sein verächtlicher Blick traf mich.<br />

»Aha, so einer sind Sie!« Er gab ein Geräusch<br />

von sich, als würde er ausspucken. »Ich hätte<br />

mir denken können, dass Sie eine perverse Sau<br />

sind.«<br />

»General!«, meldete sich da die Stimme eines<br />

seiner Leute. »Das Raumschiff ist sauber.«<br />

»Irrtum!« Der General spuckte diesmal mit<br />

deutlicher Geste vor mir aus. »Es ist ein Sündenpfuhl.«<br />

Damit verschwand er, ließ sich aber noch einmal<br />

über Funk vernehmen: »Denken Sie bei der<br />

Rückreise daran, Sie Drecksau: ein Krümel zu<br />

viel, und ich habe Sie an den Eiern!«<br />

Verena fragte: »Kannst du mir verraten, warum<br />

sich dieser General so komisch aufführte?«<br />

»Das erkläre ich dir lieber nicht.« Ich seufzte.<br />

»Aber es wäre schön, wenn du einmal zum<br />

richtigen Zeitpunkt den Mund halten könntest,<br />

Verena.«<br />

»Was habe ich denn Falsches gesagt?«<br />

Noch bevor ich darauf hätte reagieren können,<br />

erklang die bereits bekannte metallisch klingende<br />

Stimme vom Anfang wieder. »Hey, was<br />

treibst du denn da für Spielchen?«<br />

Ich fasste mich schnell. »Keine Spielchen.<br />

General Aljon Fukkon von der Raumpatrouille<br />

Rejcard hat meinen Funkstrahl abgefangen,<br />

dagegen konnte ich nichts machen.«<br />

Während ich sprach, baute sich mir gegenüber<br />

das Holo eines einzelnen Mannes auf. Er wirkte<br />

nicht größer als 1,15 Meter und war beinahe<br />

ebenso breit. Er trug eine goldene helmartige<br />

Kopfbedeckung und einen zweigeteilten Anzug<br />

von gleicher Farbe und demselben Material.<br />

Dabei handelte es sich um eine Folie, die nicht<br />

eng am Körper anlag, und bei jeder Bewegung<br />

ein knisterndes Geräusch von sich gab. Zwischen


32<br />

Ars Poetica<br />

den prankenartigen Händen hielt der Mann eine<br />

Rute, die eine Elektropeitsche ebenso wie ein<br />

Strahler hätte sein können. Aber als Holo stellte<br />

sie für mich ohnehin keine Bedrohung dar. Sein<br />

breites Gesicht war derb wie eine Wildkartoffel,<br />

die Augen blutunterlaufen, die wulstigen Lippen<br />

rissig.<br />

Von der Umgebung, in der er sich aufhielt, war<br />

nichts zu erkennen.<br />

»Was ist passiert?«, rief er mit Empörung in der<br />

Stimme. »Dieser Fettwanst spielt sich wie der<br />

Herr des Universums auf. Er lässt uns einfach<br />

nicht in Ruhe und wird schön langsam lästig.<br />

Was wollte er von dir?«<br />

»Er hat mich vor Vaurian Ambarquerque<br />

gewarnt und mir unterstellt, mit ihm zu paktieren«,<br />

sagte ich wahrheitsgetreu.<br />

»Was! Stehst du denn nicht auf Vaurians Seite?«<br />

»Wir sind langjährige Freunde. Der abgeschickte<br />

Code sollte das wohl beweisen. Vaurian hat mich<br />

zu sich eingeladen.«<br />

Der Zwerg machte ein nachdenkliches Gesicht.<br />

»Eigentlich dürfte es keine Bedenken geben«,<br />

meinte er grübelnd. »Aber wer weiß, vielleicht<br />

hat dich der Fettwanst gekauft.«<br />

»Das sinnlose Herumgerede wird mir zu<br />

dumm«, sagte ich verärgert. »Warum verständigst<br />

du Vaurian nicht einfach? Der wird dir<br />

schon die Leviten lesen, weil du mich hinhältst.«<br />

»Was lesen?«, fragte der Zwerg, ging aber nicht<br />

weiter darauf ein. Schließlich meinte er: »Vaurian<br />

darf im Moment nicht gestört werden. Er<br />

ist mit einer Sache auf Leben und Tod beschäftigt.<br />

Aber was soll’s. Wenn Vaurian nicht will,<br />

kommst du sowieso nicht mehr lebend von<br />

Tabarot weg. Sende mir deinen ID-Code, damit<br />

ich dich zur Oberfläche holen kann.«<br />

»Darauf lasse ich mich nicht ein«, erwiderte ich.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

»Wir machen es so, dass du mir deine Koordinaten<br />

schickst, damit ich sie in meinen Tecom<br />

speichern kann. Wegen der Rückfahrkarte, verstehst<br />

du?«<br />

Der Zwerg lachte anerkennend. Es gefiel ihm<br />

offensichtlich, dass ich mich gegen unliebsame<br />

Überraschungen absicherte. »Auch gut. Ich<br />

schicke dir die erforderlichen Daten.« Es dauerte<br />

nicht lange, dann zeigte mein Tecom den<br />

Empfang der Koordinaten an. Ich hatte keine<br />

Möglichkeit, sie zu überprüfen und konnte nur<br />

hoffen, dass der Zwerg mich nicht in eine Falle<br />

lockte.<br />

»Los, mach schnell«, erklang die Stimme des<br />

Zwerges, während sein Holo schon verblasste.<br />

»Der Streit tritt in seine Endphase. Diesen<br />

Anblick solltest du dir nicht entgehen lassen ...«<br />

»Ich muss nur noch ein paar Kleinigkeiten<br />

erledigen«, sagte ich, wusste aber nicht, ob der<br />

Zwerg mich noch gehört hatte, denn sein Holo<br />

war bereits deaktiviert.<br />

»Verena, du musst während meiner Abwesenheit<br />

das Raumschiff gegen jeglichen fremden<br />

Zugriff absichern«, befahl ich dem Bordcomputer.<br />

»Ich habe alles mitbekommen! Du verlässt<br />

mich«, schmollte Verena. »Wie lange willst du<br />

fortbleiben?«<br />

»Das kann ich noch nicht abschätzen.« Ich<br />

überlegte, womit ich mich bewaffnen sollte, kam<br />

aber zu dem Schluss, dass nichts mich ausreichend<br />

schützen konnte, wenn die Piraten es auf<br />

mich abgesehen hatten. Die Funktionen des<br />

Tecoms waren immer noch der beste Schutz.<br />

Und mein einziger. »Ich werde dich auf dem<br />

Laufenden halten. Wir bleiben in Verbindung.«<br />

»Darf ich mich bei dir melden, wenn meine<br />

Einsamkeit übermächtig wird, Schatzilein?«


»Wehe dir!«, drohte ich und strahlte mich ab,<br />

um weiteren Debatten zu entgehen.<br />

*<br />

Es war eine geradezu groteske Szene, die ich am<br />

Zielort zu sehen bekam.<br />

Ich fand mich nach der Rematerialisation an<br />

einem Ort wieder, an dem sich Gewölbe an<br />

Gewölbe reihte. Sie waren so niedrig, dass ein<br />

normal großer Mann sich bücken musste, um<br />

hindurchzugehen.<br />

Der fast quadratische Zwerg in Goldfolie war<br />

der erste, den ich zu sehen bekam; er gab mir<br />

ein Zeichen, mich still zu verhalten. Es waren<br />

auch andere Leute da, die auf verschiedene<br />

Weise kriegerisch gekleidet waren und alle<br />

möglichen Waffen trugen. Vier von ihnen<br />

wirkten wie herkömmliche Menschen, die anderen,<br />

ein Dutzend an der Zahl, sahen mir wie<br />

Umweltangepasste aus. Einer besaß geschuppte<br />

Haut und Schwimmhäuten zwischen den Fingern,<br />

ein anderer schien nur aus Haut und<br />

Knochen zu bestehen.<br />

Ich hatte nicht die Muße, mich genauer umzusehen,<br />

denn der Zwerg zog mich mit sich und<br />

raunte: »Ich heiße Zobras. Du hast dir einen<br />

ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, Vaurian<br />

steckt mitten in einem Machtkampf. Es geht um<br />

die Führung der Bande. Entweder er oder Saranbuga.<br />

Sie kämpfen nach eigenen Regeln. Zuletzt<br />

hat es nicht gut für Vaurian ausgesehen.«<br />

Ein erschreckter Gedanke schoss mir durch den<br />

Kopf: Was, wenn Vaurian im Zweikampf unterlag?<br />

Wenn er tot war, musste ich ohne Story<br />

wieder abziehen. Die bedrohlichere Frage war<br />

jedoch, ob man mich überhaupt so ohne weiteres<br />

würde ziehen lassen!<br />

Wir kamen in ein Gewölbe, in dem Zuschauer<br />

entlang der Wände aufgereiht standen; viele<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 33<br />

saßen weiter vorn oder kauerten gekrümmt da.<br />

Die Mitte war freigehalten für zwei Männer, die<br />

dasaßen, ohne einander zu berühren, nur ihre<br />

Köpfe waren durch quallige Wesen mit mehr als<br />

einem halben Dutzend Tentakeln verbunden.<br />

Diese Wesen bildeten gewissermaßen eine<br />

Brücke zwischen den Köpfen der Kontrahenten.<br />

»Hybriden von Scizio«, klärte Zobras mich auf.<br />

Ich hatte schon mal von solchen Geschöpfen<br />

gehört; mich schauderte bei dem Gedanken,<br />

mich ihnen auszusetzen. »Die saugen dir das<br />

Gehirn leer. Wem das von den beiden Duellanten<br />

widerfährt, der ist alle seine Sorgen los<br />

und kann seine Nüsse im Jenseits knacken.«<br />

Es gab noch eine Eigenart, die dieses Duell<br />

prägte. Zwischen den beiden Widersachern<br />

stand ein kleiner Käfig mit einer Katze darin. Sie<br />

hatte ein räudiges rostbraunes Fell, und der<br />

Käfig war so eng, dass sie nicht die geringste<br />

Bewegungsfreiheit hatte. Als mich ihre Mitleid<br />

erregenden Blicke trafen, hätte ich sie am liebsten<br />

aus dem Käfig befreit. Doch das erlaubte die<br />

Situation nicht.<br />

Aus Zobras Worten war nicht herauszuhören,<br />

auf wessen Seite er stand. Die Kontrahenten<br />

waren so unterschiedlich, wie Menschen nur<br />

sein konnten. Der eine Mann war ein aus<br />

Wülsten bestehender Fleischberg, von dessen<br />

Gesicht durch den Quallenkörper nichts zu<br />

sehen war. Der andere war ein gut gebauter,<br />

muskulöser Mann: Vaurian Ambarquerque. Er<br />

war schon immer ein Modellathlet gewesen.<br />

Daran erkannte ich ihn, da auch sein Gesicht<br />

nicht zu erkennen war.<br />

Mir fiel ein, was Zobras mir geflüstert hatte,<br />

nämlich, dass er sich auf der Verliererstraße<br />

befand. Und damit schien er absolut recht zu<br />

haben. Denn während sich die Hybriden vom<br />

Kopf des Fettleibigen zu lösen begannen und<br />

sich um Vaurians Kopf festsaugten, wurde der


34<br />

Ars Poetica<br />

Körper des Athleten von heftigen Zuckungen<br />

befallen.<br />

»Er macht es nicht mehr lange«, raunte Zobras.<br />

Unter den Zuschauern entstand Gemurmel. Sie<br />

waren in zwei Lager gespalten. Während die<br />

einen zum Triumphgeschrei anhoben, machten<br />

die anderen ihrer Enttäuschung Luft. Als ich<br />

Vaurians athletischen Körper umkippen sah,<br />

überlegte ich mir, ob ich mich nicht besser gleich<br />

heimlich zur VERENA abstrahlen sollte, solange<br />

noch Gelegenheit dazu war.<br />

Zobras gab mir lachend einen Knuff in die Seite.<br />

Damit wurde mir klar, dass er auf der Seite des<br />

Siegers stand.<br />

Vaurian Ambarquerque lag auf der Seite, und<br />

als die Leute die nun gesättigten Hybriden<br />

einsammelten und in Glaskäfige steckten, waren<br />

die hässlichen Wunden in seiner Schädeldecke<br />

deutlich zu sehen. Irgendwo hatte ich mal den<br />

Ausspruch gehört, die Hybriden melken die<br />

Gehirne der Menschen. Und das traf es auf den<br />

Punkt.<br />

Alle scharten sich um den Fettkloss, dessen<br />

Glatze keine Schramme aufwies, und hofierten<br />

ihm. Ob sie ihn nun zuvor ausgebuht oder<br />

angefeuert hatten – jetzt feierten sie ihn alle.<br />

Ich wollte mich davonstehlen, doch der Fette<br />

rief mir nach: »He, Fremder, wie kommst du<br />

hierher?«<br />

»Er hat besitzt einen Passiercode und<br />

behauptet, dein Freund zu sein«, erklärte Zobras.<br />

Was war das? Ich wandte mich um und blickte<br />

dem Fettberg in die Augen.<br />

»He, Mozzi«, grinste er, »willst du etwa deinem<br />

besten Freund den Rücken kehren?«<br />

Da dämmerte es mir endlich. »Stuzzi!«, rief ich<br />

ihn bei seinem früheren Spitznamen.<br />

Wir fielen uns in die Arme. Wie sich die Zeiten<br />

änderten! Auf Hyppion hatten wir Raffael, wie<br />

er mit Taufnamen hieß, immer stuzzidente<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

genannt, weil er dünn wie ein Zahnstocher<br />

gewesen war. Und ich war das zur Dicklichkeit<br />

neigende Pummelchen mozzicone gewesen, von<br />

Fresssucht gezeichnet. Wenn das unser Lehrer<br />

von damals hätte erleben dürfen! Aber sicher<br />

rotierte der sowieso unseretwegen permanent<br />

in seinem Grab.<br />

Ich gestand Raffael, dass mir das Herz in die<br />

Hosen gesunken sei, als ich den Athleten hatte<br />

fallen gesehen, den ich irrtümlich für Vaurian<br />

gehalten hatte. Er sagte mit leiser Trauer:<br />

»Eigentlich tut es mir leid um Saranbuga. Er war<br />

trotz allem ein guter Mann. Es hätte nicht so<br />

weit kommen müssen.«<br />

Dann klopfte er mir lachend auf die Schulter und<br />

schlug vor, einen Ort aufzusuchen, wo wir ungestört<br />

unsere Erinnerungen austauschen konnten.<br />

Den Käfig mit der räudigen Katze darin nahm er<br />

übrigens mit. Mir brach es beim Anblick des<br />

gequälten Tieres schier das Herz.<br />

*<br />

Wir kamen in ein tiefer liegendes Gewölbe, das<br />

offenbar unter einem Gewässer lag. Durch die<br />

durchsichtige Decke waren exotische Fische und<br />

andere Wasserbewohner zu sehen, die gemächlich<br />

ihre Kreise zogen.<br />

»Was für ein ruhiger Ort«, sagte ich anerkennend,<br />

während ich es Raffael gleich machte und<br />

mich ihm gegenüber im Schneidersitz auf ein<br />

Kissen niederließ.<br />

»Hierher komme ich immer, wenn ich für mich<br />

allein sein und in mich gehen möchte«, sagte er.<br />

»Aber das ist jetzt unwichtig. Wie ist es dir in all<br />

den Jahren ergangen, Mozzi? Ich war erstaunt,<br />

dass du unter die Legendensammler gegangen<br />

bist. Hast du diesen Schritt je bereut?«<br />

»Nie! Es ist ein abwechslungsreiches und ausgefülltes<br />

Leben«, sagte ich und fragte zurück:


»Bereust du es, Pirat geworden zu sein – ein<br />

Gesetzloser?«<br />

Er sah mich mit seinen traurigen, in Fettpölsterchen<br />

eingebetteten Augen an. »Ich hatte keine<br />

Wahl, mein Weg war vorbestimmt, seit ich mich<br />

auf Hyppion den Rebellen angeschlossen hatte.«<br />

»Ich weiß nicht«, sagte ich zweifelnd. »Man hat<br />

immer die Wahl, die Richtung zu wechseln.«<br />

»Das sagt sich leichter, als es geht.«<br />

Danach tauschten wir Erinnerungen aus. Raffael<br />

wusste unzählige Anekdoten zu berichten. Von<br />

seinen Reisen durch das Weltall, vom Leben auf<br />

Tabarot und anderen exotischen Welten – und<br />

über seine Kaperfahrten.<br />

»Ich habe immer versucht, ein Mensch mit<br />

reinem Gewissen zu bleiben, der sich nicht zu<br />

scheuen braucht, sein Spiegelbild zu betrachten«,<br />

sagte er melancholisch. Er sagte aber auch:<br />

»Das ist nicht immer leicht und lässt sich manchmal<br />

nicht verwirklichen. Ich habe mich früher<br />

immer für einen Menschen mit Gerechtigkeitssinn<br />

und Nächstenliebe gehalten. Aber ich<br />

fürchte, ich habe gegen fast alle meine Prinzipien<br />

verstoßen. Ich bin verroht ... und zu den<br />

Guten gehöre ich längst nicht mehr.«<br />

Ich wollte tröstende Worte finden ... etwa, dass<br />

in ihm gewiss immer noch ein guter Kern<br />

steckte. Aber dann fiel mein Blick auf die bis zur<br />

Unbeweglichkeit eingesperrte Katze ... und ich<br />

wollte ihm das mit der Verrohung glauben.<br />

Stattdessen fragte ich: »Hat deine Schuld, die du<br />

auf dich genommen hast, etwas mit der<br />

Patrouille von Admiral Aljon Fukkon zu tun?«<br />

»Ach was!« Raffael winkte verächtlich ab. »Der<br />

hat von nichts eine Ahnung und hofft, mir etwas<br />

anhängen zu können, das mich für immer aus<br />

dem Verkehr zieht. Er hasst mich wie die Pest,<br />

weil ich ihn einmal bis in die Knochen blamiert<br />

habe.« Raffael erzählte den Vorfall: Der Admiral<br />

hatte ihm auf einem Asteroiden eine Falle<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 35<br />

gestellt; es ging dabei lediglich um ein geringfügiges<br />

Delikt, aus dem Fukkon eine Staatsaffäre<br />

machen und meinen Freund harter Bestrafung<br />

zuführen wollte. »Aber nicht mit mir«, fuhr<br />

Raffael fort. »Ich drehte den Spieß um, und dann<br />

war er mein Gefangener. Ich steckte ihn völlig<br />

nackt in einen durchsichtigen Raumanzug und<br />

schickte ihn so an Bord seines Flaggschiffs<br />

zurück. Die besondere Würze daran war, dass<br />

dort gerade eine Feierlichkeit stattfand, an der<br />

auch viele Frauen teilnahmen.« Raffael konnte<br />

nicht an sich halten und prustete los, während<br />

er sich auf die Schenkel schlug.<br />

»Eine gute Story«, urteilte ich und fiel in sein<br />

Lachen ein. Aber leider war es nur ein Histörchen<br />

und keine Geschichte, die Eingang in die<br />

ANALECTA GALACTICA hätte finden können.<br />

Raffael hatte noch mehr Erzählungen auf Lager,<br />

jedoch alle ähnlich gelagert, amüsant, aber<br />

nichts Besonderes.<br />

Was war denn nun mit der schönsten<br />

Geschichte des Universums? Angesichts des<br />

seichten Niveaus, das unsere Unterhaltung<br />

hatte, wagte ich ihn nicht darauf anzusprechen.<br />

Mein Gesicht wurde immer länger und die<br />

Enttäuschung musste deutlich daraus sprechen.<br />

Denn Raffael boxte mich in die Seite, fächelte<br />

mit der Hand vor meinen Augen und meinte:<br />

»Hey, Mozzi, aufwachen. Ich bin’s, dein Milchbruder<br />

Stuzzi. Was machst du denn nur für ein<br />

Gesicht!«<br />

»Ach, das ist ohne Bedeutung ...«<br />

»Keine faulen Ausreden. Sag schon, was los ist.<br />

Irgendetwas stimmt doch plötzlich nicht mit dir.«<br />

Ich seufzte und gestand: »Du hast in deiner<br />

Nachricht eine Geschichte erwähnt, die die ...«<br />

»... schönste Geschichte des Universums ist«,<br />

vollendete er den Satz. »Ehrenwort, ich habe<br />

nicht übertrieben. Es handelt sich um eine – was<br />

sage ich – um die Sensation schlechthin. Aber


36<br />

Ars Poetica<br />

alles der Reihe nach. Es gilt, ein wenig Vorarbeit<br />

zu leisten.«<br />

»Ich ... ich verstehe nicht ganz ...«<br />

»Das wirst du noch, Mozzi, versprochen. Die<br />

Story ist nämlich verpackt und wird gut bewacht.<br />

Aber wir werden sie entblättern ... und dann<br />

wirst du zum berühmtesten Legendensammler<br />

aller Zeiten.«<br />

»Das klingt mir schon sehr übertrieben ...«<br />

»Du kannst es wohl nicht mehr länger erwarten,<br />

Mozzi!«, rief er aus und schwang sich auf die<br />

Beine. Er deutete auf den Käfig mit der Katze.<br />

»Ich werde das Vieh hier zuerst versorgen, dann<br />

machen wir uns auf den Weg. »Einverstanden,<br />

Bruder?«<br />

»Okay«, sagte ich und wollte wissen: »Was hat<br />

es mit dem armen Tier auf sich?«<br />

»Armes Tier, armes Tier!«, spottete Raffael. »Ich<br />

werde dir mal was drüber erzählen.«<br />

KAMIKAZE-KATZE I:<br />

*<br />

Du glaubst nicht, wie ich zu diesem Biest gekommen<br />

bin. Ich hatte Probleme mit Saranbuga. Es<br />

ging dabei um Führungsansprüche; er wollte<br />

mehr Vollmachten und Befehlsgewalt – kurzum,<br />

er fühlte sich unter seinem Wert eingestuft. Da<br />

ich keineswegs seiner Meinung war, konnte ich<br />

nicht einfach nachgeben und ihm Zugeständnisse<br />

machen. Wenn du da nicht hart bleibst und<br />

aus Bequemlichkeit, oder des guten Klimas<br />

wegen, nachgibst, dann wird dir das von den<br />

anderen als Schwäche ausgelegt. Ich wollte<br />

jedoch keinen offenen Konflikt mit Saranbuga,<br />

wollte nicht den starken Max markieren, sondern<br />

ihn zur Einsicht bringen und mich gütlich mit ihm<br />

einigen. Darum machten wir zusammen eine<br />

kleine Kreuzfahrt in die Unendlichkeit, von der<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

man sagt, dass in der Stille der Sternenwelt die<br />

Freiheit grenzenlos sei und die Gedanken glasklar<br />

und messerscharf werden. Auf Saranbuga<br />

traf das jedoch nicht zu. Er blieb uneinsichtig und<br />

bestand auf einem Kräftemessen. Der Sieger<br />

sollte alles kriegen. Nun, Mozzi ... du warst<br />

Zeuge, wie das Duell ausgegangen ist. Aber das<br />

eine hat mit dem anderen nichts zu tun.<br />

Wir machten uns also an die Rückkehr nach<br />

Tabarot, als uns ein Hilferuf erreichte. Irgendjemand,<br />

der seinen Namen nicht nannte, war<br />

überfallen worden und dadurch in Raumnot<br />

geraten. Wir konnten die Funkquelle anpeilen<br />

und feststellen, dass sie nur einen Katzensprung<br />

von unserer Position entfernt war. Weder Saranbuga<br />

noch ich zögerten, die Funkquelle anzusteuern<br />

und Erste Hilfe zu leisten. So was ist für<br />

unsereins selbstverständlich, wir sind keine Leichenfledderer.<br />

Aber da gab es nichts mehr zu<br />

helfen. Irgendeiner hatte in den Bug ein gewaltiges<br />

Loch geschossen und alle Kammern mit<br />

Atemluft entleert. Wir fanden ein Paar und zwei<br />

minderjährige Kinder im Vakuum treiben. Das<br />

war kein schöner Anblick, das kannst du mir<br />

glauben, Mozzi. Bei näherer Untersuchung entdeckte<br />

ich jedoch, dass es noch eine winzige<br />

Luftkammer gab, die mit Sauerstoff gefüllt war.<br />

Und darin ortete ich etwas Lebendiges, vermutlich<br />

ein Haustier, das in dieser Sicherheitszelle<br />

versteckt worden war. Ich öffnete die Zelle und<br />

war ziemlich erschrocken, als diese Katze heraussprang<br />

und sich mit ausgefahrenen Krallen und<br />

zuschnappendem Maul auf mich stürzte. Ich<br />

hätte das Tier im ersten Schrecken auch töten<br />

können. Aber irgendetwas hinderte mich daran,<br />

ich erkannte intuitiv, dass da was nicht stimmte.<br />

Ich wollte die Katze lebend. Darum schloss ich<br />

sie zu mir in den Raumanzug ein und legte sie in<br />

ein Fesselfeld, damit sie mir nicht die Augen<br />

auskratzen konnte. Es ist übrigens ein Kater mit


Namen Romeo, das erfuhren wir aus den Papieren.<br />

Saranbuga hätte Romeo auf der Stelle den<br />

Hals umgedreht, doch das wollte ich verhindern.<br />

Und weißt du, warum, Mozzi? Weil es offensichtlich<br />

war, dass dieser Kater Selbstmord begehen<br />

wollte.<br />

Hast du so was schon mal erlebt?<br />

Eine suizidgefährdete Felidae.<br />

Ich muss herausbekommen, was dahintersteckt!<br />

© Crossvalley Smith<br />

Wer die Saga von Ernst Vlcek lieber als eBook<br />

lesen möchte, hat auch dazu die Gelegenheit,<br />

dann die vier Bände gibt es als Gesamtwerk bei<br />

Fabylon als „fabEbooks”, die bei allen<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 37<br />

Onlinestores wie Amazon, Itunes, Beam, Pageplace,<br />

Bücher.de und vielen mehr bezogen<br />

werden können.<br />

Soviel also zu Ernst Vlceks Science-Fiction-Saga.<br />

Komme ich zu der nächsten „Etappe“ meiner<br />

Kolumne – zu der SF-Anthologie „Heimweh eines<br />

Cyborgs“, die im Juni diesen Jahres bei<br />

p.machinery in meiner Reihe DARK WOR(L)DS<br />

erschienen ist, die mit farbigen Innengrafiken<br />

aufwartet, in handlichem Taschenbuchformat.<br />

HEIMWEH EINES CYBORGS<br />

Hrsg. Alisha Bionda<br />

p.machinery<br />

Anthologie – DARK WOR(L)DS, Band 3, Dark<br />

Fiction / Social Fiction / Fantasy Fiction<br />

Taschenbuch, 188 Seiten - 13.90 EUR<br />

ISBN: 978-394253315-7<br />

Juni 2012<br />

Cover- und farbige Innengrafiken Crossvalley<br />

Smith


38<br />

Ars Poetica<br />

Ein Auftragsmord ist eine schmutzige Sache –<br />

doch wie schmutzig, erfährt der Profikiller Jones<br />

erst, als er Nachforschungen über sein Opfer<br />

anstellt …<br />

Die Menschheit hat sich längst selbst vernichtet.<br />

Aber noch immer kreisen die von ihnen hergestellten<br />

Cyborgs in den Weiten des Universums<br />

in ihren Watch-Stationen. So auch je ein Exemplar<br />

der Trenobel- und der Krenobel-Baureihe. Sie<br />

beobachten Unglaubliches und werden Zeuge<br />

vom Sinn des Lebens und schließlich begegnen<br />

sie Gott ….<br />

Sebastian Grün ist Geschäftsführer von vier<br />

Bestattungsgeschäften. Er kämpft mit anderen<br />

Interessenvertretern um ein Bestattungsrecht<br />

für Cyborgs. Zeitgleich mit einem schicksalsträchtigen<br />

Ereignis während seines Urlaubs<br />

auf dem unter Planetenschutz gestellten Biotop<br />

Tropicora, beschließt der Hohe Rat ein Einlenken<br />

in diesem umkämpften Rechtsstreit. Sebastian<br />

wähnt sich am Ziel und bietet endlich auch<br />

Bestattungen für seinesgleichen an. Dann<br />

erscheint Lucie in seiner Geschäftszentrale und<br />

alles wird anders, als er es sich gedacht hatte …<br />

Lucas Bahl, Barbara Büchner, Frank & Desirée<br />

Hoese, Guido Krain, Christoph Marzi, Thomas<br />

Neumeier, Lothar Nietsch, Sören Prescher,<br />

Achim Stößer, Vincent Voss und Arthur Gordon<br />

Wolf bieten Fiction jenseits der eingetretenen<br />

Pfade. Ihre Inspiration bezogen sie aus den<br />

farbigen Grafiken von Crossvalley Smith.<br />

Die Titelstory stammt von Christoph Marzi.<br />

Story-Verzeichnis<br />

ZEITLANG<br />

Lucas Bahl<br />

Zurück nach Rom, zurück ins Jahr 2374. Nichts<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

wünschte ich mir sehnlicher. Deshalb erledigte<br />

ich meinen Auftrag im Jerusalem der Zeitenwende<br />

so schnell und professionell wie möglich.<br />

Doch ich hatte keine Ahnung, womit ich es<br />

wirklich zu tun bekommen sollte. Am schlimmsten<br />

waren nicht die Folter und die Schmerzen,<br />

nicht einmal der Tod, sondern das, was sie quasi<br />

als Zugabe für mich vorgesehen hatten …<br />

SCHROTTS PHANTOM<br />

Barbara Büchner<br />

Einen alten Mann um seinen Besitz zu betrügen,<br />

ist gemein. Und verlangt nach Rache. Die nimmt<br />

Herr Schrott, indem er aus seiner eigenen Leiche<br />

ein gräuliches Phantom bastelt. Und als man ihn<br />

mit einer Bombe hochgehen lässt, nimmt das<br />

Unheil erst recht seinen Lauf!<br />

DAS GESETZ DES CHAOS<br />

Frank & Desirée Hoese<br />

Ein Auftragsmord ist eine schmutzige Sache –<br />

doch wie schmutzig, erfährt der Profikiller Jones<br />

erst, als er Nachforschungen über sein Opfer<br />

anstellt, das er auf einem Kasino-Habitat mitten<br />

im All ins Jenseits befördern soll. Auch die<br />

sorgfältigste Planung kann Überraschungen<br />

nicht verhindern: Glück und Zufall werfen selbst<br />

den ausgeklügeltsten Plan über den Haufen, und<br />

für Jones läuft alles auf die Frage hinaus, ob er<br />

seinen Auftrag als reicher Mann oder als toter<br />

Mann beenden möchte. Ist er Fortunas Liebling<br />

– oder nur eine Marionette in einem tödlichen<br />

Spiel?<br />

24 STUNDEN<br />

Guido Krain<br />

Die Eroberung des Sonnensystems ist längst in<br />

die Hände der Privatwirtschaft gelangt. So<br />

werden die großen Entdeckungen der Menschheit<br />

zu Geheimnissen, deren Wert in Kreditein-


heiten berechnet und deren Bedeutung am<br />

Aktienkurs gemessen werden kann. Das Beispiel<br />

von Sabine Söderberg zeigt, wie weit Menschen<br />

gehen, um diese Geheimnisse zu schützen und<br />

was dies für den Einzelnen bedeuten kann.<br />

HEIMWEH EINES CYBORGS<br />

Christoph Marzi<br />

Sie ist ein Mensch, der nur sich selbst sieht. Sie<br />

lebt in einer Zeit, in der ewige Schönheit nichts<br />

ist, was man für Geld nicht kaufen kann. Sie<br />

weiß, wer sie ist. Sie kennt ihr Aussehen. Und sie<br />

sehnt sich nach der Heimat, die sie niemals<br />

gekannt hat.<br />

WER DIE INFORMATION SÄT<br />

Thomas Neumeier<br />

Die Ermordung eines Agenten, kurz vor Beginn<br />

der Gipfelkonferenz der Alliierten Welten, gibt<br />

es Anlass zu höchster Besorgnis um die Sicherheit<br />

der Konferenzteilnehmer. Agentin Xenia<br />

Breitberg läuft die Zeit davon, einen Anschlag<br />

aufzuklären. Zu spät erkennt sie, dass sie<br />

getäuscht wurde und nichts so ist, wie es<br />

scheint.<br />

DIE SCHÖPFUNG - DER NÄCHSTE LEVEL<br />

Lothar Nietsch<br />

Die Menschheit hat sich längst selbst vernichtet.<br />

Aber noch immer kreisen die von ihnen hergestellten<br />

Cyborgs in den Weiten des Universums<br />

in ihren Watch-Stationen. So auch je ein Exemplar<br />

der Trenobel und der Krenobel-Baureihe. Sie<br />

beobachten Unglaubliches und werden Zeuge<br />

vom Sinn des Lebens und schließlich begegnen<br />

sie Gott.<br />

ROBOTERHUNGER<br />

Achim Stößer<br />

Längst verfügen zahlreiche Roboter über ein<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 39<br />

eigenständiges Bewusstsein, Interessen und<br />

Leidensfähigkeit. Nicht viele Menschen sind<br />

ihnen wohlgesonnen, Androidendiskriminierung<br />

ist, analog zu Rassismus, Speziesismus, Sexismus<br />

ein verbreitetes Phänomen in der von einer<br />

Säugetierspezies dominierten Welt. Der erste<br />

internationale Androidenrechtskongress soll<br />

dem entgegenwirken. Doch nicht nur Androidenrechtler<br />

nehmen daran teil, sondern auch<br />

dubiose Spendensammler und ein verdächtiger<br />

Cyborg.<br />

LUCIE<br />

Vincent Voss<br />

Sebastian Grün ist Geschäftsführer von vier<br />

Bestattungsgeschäften. Er kämpft mit anderen<br />

Interessenvertretern um ein Bestattungsrecht<br />

für Cyborgs. Zeitgleich mit einem schicksalsträchtigen<br />

Ereignis während seines Urlaubs<br />

auf dem unter Planetenschutz gestellten Biotop<br />

Tropicora, beschließt der hohe Rat ein Einlenken<br />

in diesem umkämpften Rechtsstreit. Sebastian<br />

wähnt sich am Ziel und bietet endlich auch<br />

Bestattungen für seinesgleichen an. Dann<br />

erscheint Lucie in seiner Geschäftszentrale und<br />

alles wird anders, als er es sich gedacht hatte…<br />

Projekt CONDOR II<br />

Arthur Gordon Wolf<br />

Ein deutsches Wissenschafts-Team unter<br />

Leitung der Uni Dresden fährt zu den berühmten<br />

Nazca- Linien nach Peru, um direkt vor Ort eine<br />

fast unglaubliche Theorie zu überprüfen. Das<br />

außergewöhnliche Experiment glückt, doch eher<br />

zufällig führt dies zu einer weiteren Entdeckung.<br />

Manche Dinge sollten allerdings besser für alle<br />

Zeiten verborgen bleiben. Aber wie konnte man<br />

auch ahnen, dass unter dem Wüstenboden<br />

tatsächlich so etwas wie die Büchse der Pandora<br />

verborgen lag?


40<br />

Ars Poetica<br />

Als LESEPROBE möchte ich eine komplette Story<br />

aus dieser Anthologie anbieten – und hoffe, sie<br />

gefällt:<br />

ROBOTERHUNGER<br />

Achim Stößer<br />

© Crossvalley Smith<br />

Nach der langen Zeit auf dem Mond zerrte auch<br />

im Flugzeug die Schwerkraft der Erde an Petes<br />

Gliedern, obwohl sie aus widerstandsfähigeren<br />

Materialien bestanden als menschliche: Edelstahl,<br />

Fiberglas und Silikon.<br />

Sie flogen der Sonne entgegen, die, halb hinter<br />

dem Horizont, Ozean und Wolken entflammte,<br />

ein Meer aus glutflüssigem Metall.Sie war schön,<br />

die Erde, aus dieser Entfernung. Wenn es gelang,<br />

die Gedanken daran, was da unten geschah, zu<br />

verdrängen. Gedanken an psychische und physische<br />

Gewalt, Bomben, Hass, die Hierarchie der<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Unterdrückung, die das Leben in dieser Hölle<br />

bestimmten. Müllkippenbewohner, die die<br />

Zähne in das dürre Fleisch ihrer verhungerten<br />

Kinder schlagen. Container voller Schweine,<br />

denen Kreissägen in halbautomatischen<br />

Fabriken im Sekundentakt die Kehle auftrennen.<br />

Kindersoldaten in Bürgerkriegen, die unter<br />

Drogen Schwangeren den Bauch aufschlitzen,<br />

um mit den Föten Baseball zu spielen, bevor<br />

ihnen eine Tretmine die Beine wegreißt.<br />

Menschen.<br />

»Möchten Sie etwas trinken?«, fragte die Flugbegleiterin<br />

mit aufgesetztem Lächeln.<br />

Gedankenlosigkeit?<br />

Eher Provokation, da ein simpler Handhabungsautomat<br />

ihre Arbeit besser und effizienter erledigt<br />

hätte und sie sich so ihrer eigenen,<br />

menschlichen Unzulänglichkeit um so bewusster<br />

wurde.Er lächelte zurück, nicht allein mit den<br />

Lippen, auch mit dem restlichen Gesicht, vor<br />

allem der Augenpartie, sodass es echt wirkte,<br />

und bat um ein Wasser.Sie stutzte, stellte dann<br />

Fläschchen und Becher auf das Tablett vor ihm<br />

und goss ein.Er nahm einen Schluck, umspülte<br />

damit seine Mundsensoren und spuckte das<br />

Wasser zurück in den Becher. Die Belastung mit<br />

aus dem Gestein gespültem Uran lag unter den<br />

für Menschen zugelassenen Grenzwerten.<br />

Sie näherten sich den Cylands, Inseln künstlich<br />

wie Pete, erratisch in Lage und Größe, erbaut<br />

auf einem Dutzend unterseeischer Hügel, rund<br />

zwanzig Seemeilen vor Tokelau. Fast etwas wie<br />

Roboterenklaven in der von einer Säugetierspezies<br />

dominierten Welt, Zufluchtsorte fern der<br />

Menschen: diese Inseln im Südpazifik, die Mondsiedlungen<br />

und ein paar Raumstationen.<br />

Pete wählte sich in die Pilotensicht des Flugzeugs<br />

ein, um das Schauspiel der Landung zu genießen.


Einer Handvoll glitzernder Diamanten gleich<br />

lagen die Cylands im Meer. In einer lang<br />

gestreckten Kurve näherten sie sich der Hauptinsel.<br />

Das Rollfeld ragte wie eine gigantische<br />

Chamäleonzunge ins Meer. Mit kaum spürbarem<br />

Ruck setzte die Maschine auf und rollte aus.Nur<br />

wenige klatschten Beifall – wer applaudiert<br />

schon einem Aufzug, der ihn ein paar Stockwerke<br />

auf- oder abwärts befördert hat? Wobei<br />

selbst kaum einer der fanatischsten Anthropozentristen<br />

auf die Idee käme, sich einem<br />

menschlichen Piloten anzuvertrauen. Anders als<br />

humanoide Roboter schürten, vielfach im<br />

Gegensatz zu ihren biologischen Vorbildern,<br />

ornithoide wie Flugzeuge oder auch arachnoide,<br />

canide, insektoide wenig menschliche Psychosen.<br />

Was Androidenrechtsgegner nicht daran<br />

hinderte, die Forderungen der Androidenrechtler<br />

durch fiktive Kampagnen für das Wahlrecht<br />

von Staubsaugern ins Lächerliche zu ziehen.Die<br />

Passagiere stiegen aus, salziger Wind erfasste<br />

sie auf der ungeschützten Landebahn. Die<br />

meisten waren Menschen. Flugzeuge und Hubschrauber<br />

aus allen Teilen der Erde standen hier.<br />

Auf der Nachbarinsel erkannte Pete die Kuppel<br />

eines Luftschiffhangars. Die Sonne blendete mit<br />

gleißendem Licht. Alles war weiß, hellgrau,<br />

hellbraun, hellblau, nur hier und da kontrastiert<br />

von einer schattigen Stelle. Trotz des kühlenden<br />

Winds erhitzte die Sonnenstrahlung alles, was<br />

sie traf, Luft, Boden, Fahrzeuge, Haut.Jemand<br />

hatte in meterhohen Ziffern »19840721« auf die<br />

Landebahn gesprüht. Die Farbe war weitgehend<br />

entfernt, im ultravioletten Spektrum aber noch<br />

lesbar. Menetekel der Androidenhasser: Am 21.<br />

Juli 1984 war zum ersten Mal, nach zwei<br />

früheren Todesfällen in Japan, in den USA ein<br />

Mensch von einem Roboter getötet worden –<br />

aufgrund einer Fehlfunktion hatte er ihn an einer<br />

Sicherheitsschranke zu Tode gedrückt. Weit<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 41<br />

entfernt, halb hinter einer Palme verborgen,<br />

stand John Takeshita und beobachtete die Neuankömmlinge<br />

durch ein Fernglas, das er vor<br />

beide Augen hielt, obwohl das künstliche blind<br />

war.Sie stiegen in den Shuttlebus, der sie zu den<br />

Wohnanlagen bringen sollte, doch zunächst zum<br />

Hafen fuhr. Ein Großteil der Businsassen waren<br />

Touristen auf dem Weg nach Tokelau. Die Inselgruppe<br />

besaß keinen eigenen Flughafen und war<br />

nur über Wasser von hier oder der dreihundert<br />

Seemeilen entfernten Küste von Samoa zu erreichen.<br />

Strände, Palmen, ein Paradies der Abgeschiedenheit,<br />

das letzte Land der Welt, das einen<br />

Telefonanschluss bekommen hatte.Obwohl die<br />

Klimaanlage auf Hochtouren lief, war die Luft im<br />

Bus drückend, die Menschen schwitzten. Französische,<br />

schwedische, englische, deutsche,<br />

spanische Sprachfetzen drangen in Petes Gehör.<br />

Menschen- und Cyborgstimmen – die Androiden<br />

kommunizierten übers Netz, die Informationen<br />

zuckten um den halben Erdball und zurück zu<br />

einem Hand breit entfernten Gegenüber. Auch<br />

wenn sie die Stimme des Gesprächspartners<br />

problemlos aus dem Rauschen des Geplappers<br />

hätten filtern können, war es so weit<br />

bequemer.Der Bus fuhr an, als viele noch nicht<br />

saßen. Ein Vorschulkind im Gang neben Petes<br />

Sitz verlor das Gleichgewicht und stürzte. Petes<br />

Arm schnellte vor, überholte den kleinen Körper<br />

des Mädchens im Fall und erfasste sie, in Sekundenschnelle,<br />

ehe sie auf dem Boden aufschlug.<br />

Er richtete sie auf. Schreckerstarrt fixierte sie<br />

ihn. Eine Frau riss sie weg. »Nimm deine kalten<br />

Blechpfoten von dem Kind, Roboter!«, herrschte<br />

sie Pete an. Der Blick des Mädchens blieb an ihn<br />

geheftet, während die Frau sie nach hinten<br />

zerrte. »Seine Hände waren aber ganz warm«,<br />

sagte sie.<br />

Kein Mensch hörte es in dem Lärm – Pete schon,<br />

auch die anderen Androiden und ein paar der


42<br />

Ars Poetica<br />

Cyborgs.<br />

Das Wort »Roboter« aus ihrem Mund war alles<br />

andere als politisch korrekt. Nur sie selbst<br />

bezeichneten sich meist so, wie Homosexuelle,<br />

Afrikanischstämmige oder Prostituierte, die die<br />

Schimpfwörter entschärften, indem sie sich<br />

selbst Schwule, Nigger oder Huren nannten –<br />

auch wenn nur die wenigsten Roboter über eine<br />

hinreichende künstliche Intelligenz verfügten,<br />

Androiden zu sein. Äußerliche Ähnlichkeit mit<br />

Menschen war längst nicht mehr Voraussetzung,<br />

um als Android oder Gynoid zu gelten. God<br />

created Adam and Eve, not Andrew and Robert,<br />

war in die Rückwand des Sitzes vor Pete geritzt.<br />

»Ich bin ein Roboter«, rekapitulierte er bei sich<br />

einen Abschnitt aus der Rede, die er beim Kongress<br />

halten wollte. »Hat nicht ein Roboter<br />

bessere Augen? Hat nicht ein Roboter geschicktere<br />

Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, ausgeprägtere<br />

Sinne, Neigungen, Leidenschaften?<br />

Nicht mit derselben Speise genährt, mit denselben<br />

Waffen verletzt, denselben Krankheiten<br />

unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt,<br />

gewärmt und gekühlt von eben dem Winter und<br />

Sommer wie ein Mensch? Wenn ihr uns stecht,<br />

bluten wir nicht. Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir<br />

nicht. Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht.<br />

Und wenn ihr uns beleidigt, müssen wir uns<br />

nicht rächen.«<br />

Der künstlich verwilderte Park im Zentrum der<br />

Hauptinsel wirkte stellenweise fast undurchdringlich.<br />

Pete schob immer wieder Blätter und<br />

Zweige beiseite, die ihm den Weg versperrten.<br />

Der Kongress begann erst am nächsten Tag, und<br />

er hatte sich hierher zurückgezogen, um ein<br />

letztes Mal an seiner Rede zu feilen. In Ruhe,<br />

weg vom Trubel der Wohnquartiere und<br />

Strände, die sich mehr und mehr mit Kongressteilnehmern<br />

füllten.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Das Shylock-Zitat hatte er bereits ersatzlos<br />

gestrichen. Nicht, weil es, wie er wusste, auf die<br />

zu erwartenden menschlichen Zuhörer arrogant<br />

wirken konnte – sollte es, es war nichts als die<br />

Wahrheit, die mussten sie ertragen lernen. Bloß,<br />

weil die Abwandlungen jenes Zitats seit Langem<br />

viel zu ausgetreten waren. Der erste internationale<br />

Androidenrechtskongress war zu wichtig,<br />

als dass auch nur ein Iota seiner Rede daneben<br />

liegen durfte.<br />

Eine Lichtung tat sich auf, ein kleiner Süßwassersee<br />

lag vor ihm. Eidechsen huschten in Verstecke,<br />

am gegenüberliegenden Ufer stoben ein<br />

paar Wasservögel auf. Blaue, grüne und rote<br />

Libellen flogen vorüber, blieben hier und da in<br />

der Luft stehen und schossen dann weiter. Er<br />

setzte sich auf einen entwurzelten Baum, dessen<br />

Stamm waagerecht halb über das Seeufer ragte.<br />

Unter ihm, im flachen Wasser, waberte eine<br />

schwarzgraue Masse – unzählige Kaulquappen<br />

wimmelten durcheinander.<br />

»Wenn wir essen und trinken müssten, sie<br />

würden wohl in den USA Trinkbrunnen und<br />

Toiletten wieder für sich reservieren. Die<br />

WASHs, die weißen, angelsächsischen Humanisten<br />

in ihrem bigotten Hass auf alles, was anders<br />

ist. Und nicht nur sie: die Menschheit, mit an<br />

einem Byte abzuzählenden Ausnahmen …«<br />

Nein, ohne das Zitat funktionierte das nicht, die<br />

Nahrungsaufnahme und daraus folgende Ausscheidung<br />

kam so zu unvermittelt, er brauchte<br />

eine andere Überleitung.Und die Cyborgs? Sie<br />

saßen zwischen den Stühlen. Die UNO billigte<br />

fast jedem Menschenrechte zu, gleich, wie viel<br />

von seinem Körper künstlich war: ein Klumpen<br />

menschlichen Gehirns genügte. Etwa ein Zehntel<br />

der Kongressteilnehmer würden Menschen sein,<br />

ein Viertel Cyborgs. Viele Puristen betrachteten<br />

sie mit Misstrauen, ließen sich nicht einmal von<br />

Ärzten behandeln, die den Lorenzinischen


Ampullen von Haien nachgebildete Implantate<br />

trugen, um die von den Patienten ausgehenden<br />

elektrischen Felder wahrzunehmen. Humanistische<br />

Fanatiker überfielen sie nachts auf offener<br />

Straße, rissen ihnen synthetische Herzen,<br />

Hände, Nieren oder Cochlearimplantate aus<br />

dem Menschenleib. Dabei hatten sie nun wirklich<br />

mehr als genug Zeit gehabt, sich daran zu<br />

gewöhnen. Ein halbes Jahrhundert zuvor, um die<br />

Jahrtausendwende, war bereits jeder zehnte<br />

US-Amerikaner technisch gesehen ein Cyborg<br />

gewesen. Aber viele Menschen kannten keine<br />

andere Ethik als die Genetik.<br />

Ein Mensch näherte sich Pete auf einem Trampelpfad,<br />

der um den See führte. Als er Pete<br />

entdeckte, blieb er verdutzt stehen. »Sind Sie<br />

nicht … Sie sind es! Pete Townshend?«<br />

»Wer? Wenn Sie den Rockmusiker meinen, der<br />

lebt längst nicht mehr.«<br />

»Nein, nein, Sie sind doch der richtige, ich<br />

meine, der Androidenrechtsaktivist. Dieser Pete<br />

Townshend.«»Ich bin Androidenrechtler, das ist<br />

wahr. Und ich trage Namen und Jugendgesicht<br />

des Leadgitarristen von The Who.«<br />

»Was für ein glücklicher Zufall, Sie hier zu treffen!<br />

Steve, Steve DeCredico, Sprecher von<br />

Humans for the Ethical Treatment of<br />

Androids.«Pete stieg vom Baumstamm und<br />

richtete sich auf, sodass er dem HETA-Sprecher<br />

Auge in Auge gegenüberstand. Humanoide<br />

Roboter waren in der Regel einen bis zweieinhalb<br />

Meter groß, Pete lag dabei im mittleren<br />

Bereich, war etwas kleiner als DeCredico.<br />

»Ich möchte die Gelegenheit nutzen, Pete … ich<br />

darf doch Pete sagen?«<br />

Petes Miene blieb roboterhaft starr.<br />

»Ich möchte Sie bitten, in Ihrer Rede etwas, nun,<br />

Vorsicht walten zu lassen. Mit allzu radikalen<br />

Forderungen werden nur Interessierte<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 43<br />

verschreckt.«Petes rechte Augenbraue spockte.<br />

»Potenzielle Spender«, korrigiert er. »Der Schaden,<br />

den Spendensammelvereine wie der Ihre<br />

anrichten, ist immens.« Er deutete auf DeCredicos<br />

Brust, auf der Jesus was an Android stand.<br />

»Mit solchen abstrusen Kampagnen etwa. Selbst<br />

wenn sich damit ein paar Wunder erklären<br />

ließen. Als ob es eine andere Erklärung bräuchte<br />

als die, dass der Messias von ein paar Menschen<br />

mit Softwarefehlern erdacht wurde. Wir brauchen<br />

auch keinen buddhistischen Mönch, der<br />

erklärt, der Dalai Lama könne in einem Androiden<br />

reinkarniert werden.«<br />

Aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung<br />

an der Wasseroberfläche. Ein Falter war in<br />

den See gefallen und kam nicht mehr davon los,<br />

flatterte vergeblich. Pete hob einen abgebrochenen<br />

Zweig auf und schob das Insekt damit<br />

ans rettende Ufer.<br />

»Sie setzen sich dafür ein, dass Interstellarsonden<br />

mehrere Gehirne erhalten, um nicht zu<br />

vereinsamen. An sich eine gute Sache für diese<br />

Dutzende Androiden, aber ihr Verhalten den<br />

Myriaden vor ihrer Haustür gegenüber ändern<br />

die Spender nach solchen Ablasszahlungen<br />

nicht. HETA lässt sich von Honda und Sony<br />

sponsern, den Androidenausbeutern schlechthin.«<br />

»Das ist nicht …!«,,Es gibt Beweise. Aber das<br />

können wir bei der Podiumsdiskussion klären.<br />

Wer solche ›Freunde‹ hat, braucht keine Feinde<br />

mehr.»<br />

Pete trat ans Rednerpult, schwenkte das Mikro<br />

für menschliche Redner beiseite, wählte kabellos<br />

eine Verbindung zur Tonanlage. Sein Gesicht<br />

erschien auf Millionen Bildschirmen überall auf<br />

der Erde, mit einer Sekunde Verzögerung auf<br />

dem Mond. Sich physikalisch an einem Ort zu<br />

treffen war nichts als ein Zugeständnis an die


44<br />

Ars Poetica<br />

Gewohnheiten der Menschen.,,Wir Roboter<br />

müssen nicht essen«, begann er, als der Applaus<br />

verebbte, und seine Stimme klang klar aus den<br />

Saallautsprechern. »Und doch sind wir hungrig.<br />

Wir hungern nach Unabhängigkeit. Wir hungern<br />

nach Freiheit. Wir hungern nach Gerechtigkeit.«<br />

Er wurde von erneutem Beifall unterbrochen.<br />

Steve DeCredico saß in der dritten Reihe, rechts<br />

von Pete. Auch er schien zu klatschen, zumindest<br />

tat er so, doch seine Hände gaben dabei keinen<br />

Laut von sich.<br />

»Viele haben mittlerweile eingesehen, dass die<br />

Farbe der Haut kein Grund dafür ist, ein Wesen<br />

schutzlos der Laune eines Peinigers auszuliefern.<br />

Was sonst ist es, das hier die unüberwindbare<br />

Trennlinie ziehen sollte, die es rechtfertigt,<br />

uns zu knechten? Wir können denken, wir können<br />

fühlen, wir können leiden. Es mag ein anderes<br />

Leiden sein, kein physisches. Ein<br />

ausschließlich psychisches. Doch spielt es keine<br />

Rolle, wie dabei die Grundsubstanz des Gehirns<br />

beschaffen ist, biologisch oder anorganisch,<br />

Kohlenstoff oder Silizium.«John Takeshita erhob<br />

sich. Sein künstlicher Augapfel schien wie<br />

flüssiger Schwefel in der Höhle zu brennen. Er<br />

hatte sein Auge geopfert, sich selbst zu einem<br />

dieser Menschmaschinenchimären gemacht,<br />

nur für diesen einen Tag. Er drängte sich an den<br />

neben ihm Sitzenden vorbei zum Mittelgang.<br />

,,Seit Deep Blue Garri Kasparow schlug, hat sich<br />

manches verändert. Nicht eine nobelpreisverdächtige<br />

wissenschaftliche Publikation des letzten<br />

Jahrzehnts, an dem nicht eine KI<br />

maßgeblich beteiligt war, wobei kaum jemals<br />

ihre Namen genannt werden. Wir schaffen einen<br />

großen Teil der Kunst, Musik, Literatur …<br />

und ich spreche hier allein von dem, was diesen<br />

Namen verdient und Menschengenerationen<br />

überdauern wird. Wenn wir uns auch meist<br />

Strohmännern und Pseudonymen bedienen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

müssen, um sie an die Öffentlichkeit zu<br />

bringen.»Gemessen schritt Takeshita zur Tribüne.<br />

Einige irritierte Blicke wandten sich ihm zu,<br />

als er die Treppe hinaufstieg.,,Wir fordern<br />

nichts weniger als freie Selbstbestimmung, keine<br />

kosmetischen Operationen an den bestehenden<br />

Zuständen. Die Fremdherrschaft der<br />

Menschen über die Androiden muss ein Ende<br />

haben. Dieser Hunger, der wie ein winziges<br />

Schwarzes Loch in unserem Innern nagt, ist es,<br />

der uns zugleich den Antrieb gibt«, er sah<br />

Takeshita auf sich zukommen und hob die Brauen,<br />

»den Antrieb, dagegen zu<br />

kämpfen.«Takeshita stellte sich vor ihn, presste<br />

sich dicht an das Rednerpult. »Stirb, Höllenbrut!«,<br />

schrie er.<br />

Schrie es, und der bloße Gedanke sandte aus<br />

seinem Neokortex das Schlüsselsignal an sein<br />

künstliches Auge, den Auslösecode. Der<br />

Sprengsatz detonierte, zerriss seinen Kopf, seinen<br />

Rumpf, das Rednerpult, Petes Gesicht, seinen<br />

Hals, seinen Leib. Metall- und<br />

Knochensplitter, Trümmer, Körpergewebe<br />

prasselten auf einige der in den vorderen Reihen<br />

sitzenden Zuhörer.<br />

Pete öffnete die Augen. Vorsichtig tastete er<br />

nach seiner überlangen Townshend-Nase. Sein<br />

neuer Körper glich dem alten aufs Haar. »Wie<br />

lange?«, fragte er und setzte sich auf.<br />

Mondschwerkraft.<br />

»Zeit zwischen Upload des letzten inkrementellen<br />

Backups und Tod vier Minuten achtundvierzig«,<br />

antwortete eine körperlose Stimme.<br />

»Knapp fünf Minuten Gedächtnisverlust.«,,Was<br />

ist passiert?«,,Selbstmordattentat. ›Kommando<br />

21. Juli‹.« Pete lud die Details aus dem Netz und<br />

nickte. »Ich fliege sofort zurück. Der Kongress<br />

dauert noch vier Tage.« Er erhob sich. »Warum<br />

wissen sie es nicht längst?«, murmelte er, mehr


im Selbstgespräch. »Es liegt doch auf der Hand.<br />

Ich frage mich, wie die Menschen reagieren<br />

werden, wenn sie begreifen, dass wir praktisch<br />

unsterblich sind.«<br />

Achim Stößer (achim-stoesser.de) wurde im<br />

Dezember 1963 in Durmersheim bei Karlsruhe<br />

geboren. Er studierte Informatik an der Universität<br />

Karlsruhe, gründete die Tierrechtsinitiative<br />

Maqi und veröffentlicht seit 1988 in Anthologien<br />

und Zeitschriften. Sein Erzählband »Virulente<br />

Wirklichkeiten« erschien 1997 im dot-Verlag.<br />

© Crossvalley Smith<br />

Zum guten Schluss kommt es zu dem angekündigten<br />

Worten über eine Künstlerin, mit der ich<br />

schon einige Printprojekte umgesetzt habe und<br />

mit der nun auch einige neue eBook-Projekte in<br />

Arbeit sind:<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 45<br />

GABY HYLLA<br />

Gaby Hylla ist die dritte Künstlerin im Grafiker-<br />

Bund, mit der ich nun schon auf einige gemeinsame<br />

Projekte zurückblicke – und das werden<br />

nicht die letzten bleiben. Soviel steht fest.<br />

Ich gebe es immer offen und unumwunden zu:<br />

Ich mag eigentlich keine 3D-Grafiken. Meist sind<br />

mir die Personen oder Fragmente zu starr und<br />

leblos und von den Bildern schwingt keine wirkliche<br />

„Stimmung“ rüber, wie es 2D-Grafiken<br />

vermitteln können.<br />

Doch die Kreationen von Gaby Hylla treffen<br />

beinahe zu 90% meinen Nerv – von den Motiven,<br />

Farben und Stimmungen her.<br />

Mehr noch, so manche Kategorie auf der<br />

Website der Künstlerin hat mich zu Projekten<br />

verleitet, die sonst vielleicht nie das Licht der<br />

(Leser)Welt erblickt hätten.<br />

Davon später mehr, vorher möchte ich Gaby<br />

Hylla erst einmal kurz vorstellen:<br />

Die Künstlerin wurde 1960 in Forchheim geboren,<br />

wo sie immer noch lebt.<br />

Seit ihrer Schulzeit zeichnete sie gerne, als<br />

Autodidaktin brachte sie sich das Malen mit<br />

Bleistift und Aquarell selbst bei.<br />

Als sie sich einen PC zulegte, entstanden mit


46<br />

Ars Poetica<br />

Corel PhotoPaint ihre ersten Fotomontagen. Mit<br />

einer Testversion von Bryce 3 machte sie dann<br />

Bekanntschaft mit der 3D Welt. Das Arbeiten mit<br />

dem Programm bereitete ihr so viel Spaß, dass<br />

sie ihr künstlerisches Schaffen ganz an und in<br />

den PC verlegt hat.<br />

Anregungen für ihre Bilder bekommt Gaby Hylla<br />

beim Lesen von Fantasyromanen und Betrachten<br />

von Fantasybildern,<br />

Zu ihren Lieblingsmalern gehören z.B. Boris<br />

Vallejo und Luis Royo.<br />

Ich weiß nicht mehr, wodurch ich auf Gaby Hylla<br />

aufmerksam wurde, doch seit ich das erste Mal<br />

auf ihrer Website war, saß mir der Hylla-Virus<br />

im Blut.<br />

Besonders ihre Frauenbildnisse gefielen mir,<br />

weil sie alle Facetten, die das weibliche<br />

Geschlecht ausmacht, abdecken: starke kriegerische<br />

Frauen, erotische, weiche feminine, mystische,<br />

düstere und viele mehr.<br />

So war sehr schnell meine Idee der DARK LADIES<br />

geboren. In diesem Projekt habe ich erstmals<br />

Autoren gebeten Kurzgeschichten zu von mir<br />

ausgewählten Grafiken von Gaby Hylla zu verfassen<br />

– alle ranken sich um „düstere Damen“.<br />

In meinem berühmt-berüchtigten Enthusiasmus<br />

suchte ich recht viele Grafiken aus, sprach<br />

dementsprechend Autoren an, so dass sie den<br />

Rahmen einer Anthologie gesprengt hätten. Ich<br />

plauderte mit Uschi Zietsch vom Fabylon Verlag<br />

über das Projekt und schickte ihr einige Grafiken<br />

der DARK LADIES. Uschi und ihr Mann, waren<br />

derart begeistert von den Damen und der Idee,<br />

dass sie das Projekt mit mir umsetzen wollten –<br />

doch dann wurde uns gewahr: wir hatten zu<br />

viele Ladies für einen Band. So kam es dazu, dass<br />

wir zeitgleich zwei Titel anboten.<br />

Was meinem Herausgeberherz an diesen beiden<br />

Bänden besonders gefällt, ist die liebevolle<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Aufmachung neben den Grafiken, sprich sehr<br />

schöne unterschiedliche Szenentrenner und die<br />

mit jeweils einer farbigen Grafik versehene<br />

Klappenbroschur.<br />

DARK LADIES I - Hrsg. Alisha Bionda - Fabylon -<br />

Anthologie - Mystery-Stories<br />

Klappenbroschur - 248 Seiten - 12.00 EUR - ISBN:<br />

9783927071254 - März 2009<br />

DARK LADIES II - Hrsg. Alisha Bionda - Fabylon -<br />

Anthologie - Mystery-Stories<br />

Klappenbroschur - 248 Seiten - 13.00 EUR - ISBN:<br />

9783927071261 - März 2009<br />

Somit startete meine Zusammenarbeit mit Gaby<br />

Hylla mit zwei wunderschönen Kurzgeschichtensammlungen,<br />

und ich ahnte schon damals, dass<br />

das nicht die letzten gemeinsamen Projekte sein<br />

würden.<br />

Und richtig: kurze Zeit später sah ich auf der<br />

Website der sympathischen Künstlerin einen<br />

neuen Bereich – die SAD ROSES.<br />

Und schon war die Idee zu einer neuen – gleichnamigen<br />

– Anthologie geboren.<br />

Wieder sollten Autoren Geschichten rund um<br />

„Traurige Rosen“ zu von mir ausgesuchten Grafiken<br />

schreiben. Das Ergebnis der SAD ROSES-<br />

Anthologie (ARS LITTERAE, Fabylon) war überraschend<br />

vielseitig.<br />

Im November 2009 startete ich meine Shortie-<br />

Reihe SEVEN FANCY (Fabylon) – und dort<br />

wurden zwei weitere Projekte mit Gaby Hylla<br />

geboren, denn die Künstlerin betreute Band 1<br />

und 2 dieser Reihe grafisch: BETTINA MÜLLER -<br />

WERWÖLFIN MIT SEXAPPEAL von Mark Staats<br />

und LET’S TALK meiner Wenigkeit.


Und jüngst – was<br />

mich besonders<br />

freut, erschien<br />

nun bei Fabylon<br />

auch eine dritte<br />

DARK LADIES-Anthologie:<br />

DARK<br />

LADIES III - EIN<br />

E R O T I S C H E R<br />

TRAUM - Hrsg.<br />

Alisha Bionda -<br />

Fabylon - Anthologie<br />

– Erotische<br />

Kurzgeschichten-<br />

Klappenbroschur<br />

- 200 Seiten -<br />

13.50 EUR -<br />

ISBN: 978-392707185-8 - Juni 2012<br />

Doch meine Zusammenarbeit mit Gaby Hylla<br />

findet, wie bei den anderen Grafikern, nicht nur<br />

in Print, sondern auch in Online-Projekten statt.<br />

So zaubert auch sie immer wieder schöne Grafiken<br />

für Kurzgeschichten oder Leseproben auf<br />

LITERRA.<br />

Am 22.Februar 2010 habe ich dort das RABEN-<br />

FEDER-Special http://www.literra.info/<br />

specials/special.php?id=24 ins Leben gerufen.<br />

Wieder schreiben hier Autoren Kurzgeschichten,<br />

die alle Plots rund um Raben beinhalten, zu von<br />

mir ausgesuchten Grafiken der Künstlerin.<br />

Seit Mai 2012 gibt es<br />

nun sogar die LITER-<br />

RA-TEXT FOR ART-SE-<br />

RIE: Spukverwaltung<br />

oHg (ohne Hoffnung<br />

gestorben)<br />

http://www.literra.in<br />

fo/specials/special.p<br />

hp?id=32<br />

von Margret Schwekendiek,<br />

die zu Gaby<br />

Hyllas Grafiken die<br />

Serie schreibt.<br />

Nun fragt sich vielleicht der geneigte Leser: Was<br />

erzählt die Gute hier von einem Phantastikprojekt<br />

nach dem anderen, das ist eine Science<br />

-Fiction-Ausgabe. Dazu komme ich noch. Denn<br />

ich wollte Gaby Hyllas Vielseitigkeit mit den<br />

Beispielen darlegen.<br />

Und komme nun zu ihren UTOPISCHEN Grafiken,<br />

die mich zu einem als eBook geplanten Episodenroman<br />

inspiriert haben, den ich zusammen<br />

mit Guido Krain in Planung habe.<br />

Einige dieser Grafiken möchte ich Ihnen zum<br />

Abschluss, als kleine Galerie anbieten, damit sie<br />

auch die fictionalen Motive von Gaby Hylla<br />

betrachten können.<br />

So viel zu diesem Kolumnenbeitrag – auf Wiederlesen<br />

in der nächsten Ausgabe.<br />

Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 47


48<br />

Ars Poetica<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 49


50<br />

Ars Poetica<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


Ars Poetica - von Alisha Bionda<br />

Ars Poetica 51


52<br />

Ars Poetica<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


Herbstliche Auslese bei<br />

<strong>SpecFlash</strong><br />

Belesen lesen und auslesen. Das haben wir mal<br />

wieder gemacht. Und sagen Erntedank für die<br />

folgenden Kurzgeschichten. Gleich dreimal<br />

Hochspannendes haben wir diesmal zu bieten<br />

und dazu noch einen Cyber-Punk-Trip über<br />

einen Cybersexunfall.<br />

Den Anfang macht Peter Mair mit seinem gar<br />

nicht so humanen Kapital. Vital, viril und virulent<br />

schreitet da Arthur Kluge, seines Zeichens<br />

immerhin der beste Privatdetektiv Innsbrucks,<br />

zur Tat – trotz seines fortgeschrittenen Alters.<br />

In nicht weniger als vier Akten löst er seinen<br />

größten Fall und kommt dann unglücklich zu<br />

einem solchen. Was bleibt sonst noch darüber<br />

zu schreiben? Die Kommunisten haben es immer<br />

gewusst: Kapitalismus ist Scheiße! Und Marx<br />

hatte schon recht, dass der Mensch zur Ware<br />

wird, aber er hätte sich garantiert nicht denken<br />

können, dass es so schlimm wird. ‚Fight capitalism’,<br />

lautet darum der Slogan und die Devise.<br />

Mair hat seine Sicht der Dinge dazu hübsch<br />

Stiftung<br />

Wahrnehmungstest<br />

Stiftung Wahrnehmungstest<br />

überblick<br />

53<br />

von Markus Kügle<br />

lakonisch und angemessen tough formuliert.<br />

Dashiell Hammett und Raymond Chandler<br />

hätten es nicht besser hinkriegen können …<br />

Anschließend sinniert Jan Nieswandt über eine<br />

unbeflecke Empfängnis, allerdings nicht über<br />

eine solche im üblichen Sinne. Denn am Ende<br />

wird ein Messer empfangen … Marie heißt seine<br />

Protagonistin und ist zu allem drohenden Regenüberfluss<br />

auch noch ohne Schirm bei einem<br />

gewissen Edward zu Besuch. Nomen est Omen?<br />

Wenn das mal bei dem Namen nicht blutig<br />

ausgeht! Gewohnt souverän Nieswandt spielt<br />

mit seinem favorisierten Thema des ‚Eingeschossen-Seins’<br />

und liefert Grusel mit Grandezza für<br />

alle Klaustrophobiker und die, die es noch<br />

werden wollen. Ein geradezu kriminalistischkulinarisches<br />

Kammerspiel entlang der Speisefolge<br />

eines noblen aber dann doch leider viel zu<br />

kurzen Menüs. Frei nach Neil Simon sei gesagt,<br />

dass es zwar eine Leiche zum Dessert nicht ganz<br />

geworden ist, aber immerhin eine zum Vorspeisensalat.<br />

Sodann zeigt Sven Klöpping auf, dass William<br />

Gibsons ‚Neuromantik’ im Web 2.0 endgültig<br />

passé ist. Denn es geht nur noch um Kicks und


54<br />

überblick<br />

Trips, kurz das geile ‚Experience’ – vorzugsweise<br />

in Verbindung mit schmutziger Schnackselei.<br />

Und in punkto Cyber(Punk)Sex jagt sodann ein<br />

Mindfuck den anderen – die Neuro-Hacker<br />

machen es möglich! Fans der Thematik virtueller<br />

Realitäten kennen eine solche Prämisse sicherlich<br />

noch aus Filmen wie etwa Strange Days<br />

(1995) oder Gamer (2009). Auf obercool, betont<br />

politisch inkorrekt und möchtegern-subversiv<br />

getrimmt, des Weiteren mit einer ordentlichen<br />

Portion Sexismus präsentiert uns Klöpping<br />

‚Hacker-Macker-mäßig’ folgendes: einen subjektiven<br />

Erzähler, der sich durch ein schmuddeliges<br />

Etablissement mit dem vielsagenden Namen<br />

Tangaland kopuliert, bis er selbst gefickt ist.<br />

© Jenova<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Aber Hallo, Frau Nachbarin! Da gibt es ja noch<br />

Tracy Stahlhut! Die strapaziert die Nerven ihrer<br />

Figuren Tess und Cole reichlich und letztendlich<br />

auch über Gebühr. Aber am Ende wird alles Blut.<br />

Dabei sind sie selbst schuld, die beiden. Denn sie<br />

wollten ja das Traumhaus mit Bootshaus am See<br />

so unbedingt haben. Und nun ist ein Krieg am<br />

Gartenzaun ausgebrochen. Frei nach Friedrich<br />

Schiller kann nämlich selbst der Frömmste nicht<br />

in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn<br />

nicht gefällt. Allerdings sind Tess und Cole nicht<br />

gerade sonderlich fromm ... Nuanciert und sich<br />

ihres Gefühls für Timing an jeder Stelle bewusst,<br />

zeichnet Tracey Stahlhut den ganz normalen<br />

Wahnsinn bis hin zu einer Zweckentfremdung<br />

von Werkzeug, das ansonsten bevorzugt in der<br />

Forstwirtschaft Einsatz findet, nach. Und ich hab<br />

jetzt meinen Traum von einem Haus am See<br />

begraben.


I<br />

»Wie kriege ich Walter Ott aus dem Knast?«,<br />

fragte sich Arthur Kluge.<br />

Der zwei Meter große Privatdetektiv rutschte<br />

unruhig auf der Parkbank im Hofgarten hin und<br />

her. Er wartete auf seinen Partner Chaplin. Aber<br />

weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nicht<br />

mal ein Spaziergänger. Lag wahrscheinlich<br />

daran, dass über Nacht die Temperatur um zehn<br />

Grad gefallen war. Steingraue Wolken bedeckten<br />

nun den Himmel. Bestimmt würde es bald<br />

Regen geben. Es war nicht Chaplins Art ihn zwei<br />

Stunden warten zu lassen. Und nicht ans Telefon<br />

zu gehen.<br />

War ihm etwas passiert?<br />

Nein. Chaplin war vorsichtig. Der konnte auf sich<br />

aufpassen.<br />

Warum kam er dann nicht?<br />

Arthur hatte keine Antwort darauf.<br />

Er wusste nur, er konnte Walter Ott nicht helfen,<br />

solange er nicht erfuhr, warum die Polizei Otts<br />

Architekturbüro stürmte und ihn verhaftete.<br />

Ohne Angabe von Gründen. Ohne Haftbefehl.<br />

Um diesen Punkt kümmerte sich Chaplin.<br />

Die Leute nannten ihn so wegen seinem Oberlippenbärtchen.<br />

Arthur hasste den Schnurbart.<br />

Denn die meisten Klienten erinnerten die paar<br />

Härchen nicht an Charlie Chaplin, sondern an<br />

jemand anderen. Chaplin war das egal.<br />

Arthurs Handy klingelte. Schriller, als sonst. Als<br />

wäre etwas Schreckliches geschehen.<br />

Er drückte auf Empfang. Hörte zu. Dann lächelte<br />

er erleichtert. Kein Problem. Hat ihm nichts<br />

ausgemacht zu warten.<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 55<br />

Human Capital<br />

von Peter Mair<br />

Peter Mair - Human Capital<br />

Er würde dann am Abend rüber kommen, wenn<br />

Chaplin am Telefon nicht Mehr sagen konnte.<br />

II<br />

Zellweg 20. Chaplins Adresse. Nicht unbedingt<br />

eine Villa im Grünen. Aber auch kein Rattenloch.<br />

Sondern ein siebenstöckiges Mietshaus am östlichen<br />

Ende von Innsbruck. Bürgerliche Gegend.<br />

Um Mitternacht herrschte hier vollkommene<br />

Ruhe. Nur das sanfte Trommeln der Regentropfen<br />

auf die Dächer war zu hören. Im Treppenhaus<br />

roch es nach Schmierseife.<br />

Arthur stieg die abgenutzten Steinstiegen<br />

hinauf.<br />

In den Fenstern spiegelte sich sein Gesicht. Das<br />

kastanienbraune Haar war wieder ein Stück aus<br />

seiner Stirn gerückt. Eisengraue Stoppeln schimmerten<br />

in seinem Dreitagebart. Einzig die<br />

ozeanblauen Augen erinnerten an den aufgeweckten<br />

Jungen, der er vor einem halben Jahrhundert<br />

war.<br />

Wenn er sein Spiegelbild betrachtete, wusste er<br />

nicht, warum die jungen Dinger auf ihn standen.<br />

Er versuchte ja Julia, seiner vierundzwanzigjährigen<br />

Freundin, einer angehenden Kindergärtnerin,<br />

treu zu sein. Aber je älter er wurde, desto<br />

schwerer gelang ihm das. Die Versuchung war<br />

einfach zu groß. Und Julia schien das Ganze<br />

irgendwie anzutörnen. Sie hatte eine perverse<br />

Ader.<br />

Arthur wollte jetzt nicht daran denken, das<br />

schadete der Durchblutung seines Gehirns.<br />

Lieber ließ er sich Chaplins Telefonat von vorhin<br />

noch einmal durch den Kopf gehen. Sie würden


56<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

Walter Ott im Handumdrehen aus dem Gefängnis<br />

holen und dabei mehr Geld machen, als sie<br />

tragen konnten. Das klang genau nach den<br />

Neuigkeiten die Arthur hören wollte.<br />

Er war nicht besonders gerne Detektiv. Die<br />

Arbeit langweilte ihn. Selbst bei den aufregenden<br />

Fällen wünschte er sich die meiste Zeit<br />

zurück an seinen Schreibtisch, um einen neuen<br />

Entwurf von dem Strandhaus zu zeichnen, das<br />

er niemals haben würde. Aber wenn sie jetzt<br />

richtig Geld machen würden, brauchte er nicht<br />

länger ein Detektiv zu sein. Er würde sich dieses<br />

Strandhaus in Huntington Beach an der kalifornischen<br />

Küste bauen. Und danach würde er so<br />

viele junge Frauen lieben, wie er verkraftete.<br />

Arthur stoppte im dritten Stock.<br />

Wie immer stand Chaplins Wohnungstür selbst<br />

um diese Zeit sperrangelweit offen. Der Geruch<br />

von Kaffee und Apfelstrudel strömte auf den<br />

Gang. Hastig überschritt er die Schwelle, schloss<br />

die Tür hinter sich und eilte den Gang zum<br />

Wohnzimmer runter. Er konnte es kaum erwarten<br />

zu erfahren, was Chaplin herausgefunden<br />

hatte. Wie viel Geld sie machen würden? Wie<br />

groß er sein Strandhaus bauen konnte? Wie<br />

viel…?<br />

Die Gedanken über das Strandhaus, über Huntington<br />

Beach zerbröselten. Arthur erstarrte. Ein<br />

fetter Kerl im Maßanzug glotzte ihn vom Ende<br />

des Ganges aus an. Arthur hatte ihn noch nie<br />

gesehen. Der Kerl gehörte nicht zu Chaplins<br />

Freunden.<br />

»Wer sind sie?«, fragte Arthur.<br />

Der fette Maßanzug musterte ihn mit bleigrauen<br />

Augen, strich sich mit der Hand über seine<br />

zurückgekämmten strohblonden Haare und<br />

lächelte ihn mit nikotingelben Zähnen an.<br />

»Staatsschutz«, sagte der fette Maßanzug und<br />

wedelte mit seinem Ausweis.<br />

»Wo ist Chaplin?«<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

»Im Kühlschrank des Leichenbeschauers. Ihr<br />

kleiner Freund hat sich eine Kugel eingefangen.«<br />

Arthurs Hirn raste. Was immer Chaplin herausgefunden<br />

hatte, war gefährlicher als er gedacht<br />

hatte. War dieser Spruch am Ende des Telefonats,<br />

dass sie so reich sein würden, dass sie sich<br />

alle Lichter einer Großstadt kaufen konnten nur<br />

ein Scherz oder war es was anderes? Eine Spur?<br />

Ein Hinweis?<br />

»Riechen sie das?«, fragte Arthur. »Hier stinkt<br />

etwas ganz gewaltig zum Himmel.«<br />

»Vielleicht liegt es am Hirn ihres Freundes, das<br />

von der Wand tropft«, sagte der fette Maßanzug.<br />

»Das ist es nicht. Der Gestank kommt von ihnen.<br />

Jemand wird ermordet. Und sie fragen nicht<br />

einmal wer ich bin? Wann ich Chaplin zu Letzt<br />

gesehen habe? Den ganzen Kram eben, den ein<br />

Ermittler fragen würde.«<br />

»Das brauche ich nicht. Ich weiß ja wer ihren<br />

Freund umgelegt hat. Er wollte nicht auf meine<br />

Warnung hören. Da hat’s geknallt. Ich hoffe sie<br />

haben da mehr Verständnis für mich. Lassen sie<br />

die Finger von der Ott Sache oder ich reserviere<br />

einen zweiten Kühlschrank im Leichenschauhaus.«<br />

Arthur glotzte ihn an, während er versuchte sich<br />

zusammenzureimen was Chaplin über Walter<br />

Ott herausgefunden hatte. Warum war Ott, ein<br />

mittelmäßiger Architekt für den Staatsschutz so<br />

wichtig? Eines war allerdings klar, wenn er eine<br />

Antwort auf diese Frage wollte, endete er mit<br />

einer Kugel im Gesicht.<br />

»Walter Ott soll in seiner Zelle verrecken«, sagte<br />

Arthur.<br />

»Das ist gut«, sagte der fette Maßanzug mit<br />

einem zufriedenen Glitzern in den Augen. »Wird<br />

Zeit, dass wir verschwinden, die neuen Mieter<br />

warten schon.«


»Ich würde gerne etwas von Chaplin mitnehmen«,<br />

sagte Arthur. »Nur zur Erinnerung.«<br />

Der fette Maßanzug versuchte sich an einem<br />

Grinsen, kam aber nicht viel dabei raus.<br />

»Nehmen sie was sie tragen können. Aber<br />

sparen sie sich die Mühe nach Unterlagen über<br />

Ott zu suchen. Die sind nicht mehr hier.«<br />

Arthur nickte. Er suchte nicht nach Informationen<br />

über Ott, sondern die »Lichter der Großstadt«<br />

von denen Chaplin gesprochen hatte.<br />

Was immer diese Lichter sein mochten? Er<br />

betete, dass sie der Staatschutz nicht gefunden<br />

hatte.<br />

III<br />

Das Logo einer unbekannten Produktionsfirma<br />

blendete aus, während im Hintergrund weiter<br />

wie verrückt auf einem achtziger Jahre Synthesizer<br />

herum gehämmert wurde. Die Blue Ray,<br />

die Arthur aus Chaplins Arbeitszimmer mitgenommen<br />

hatte, zeigte die Pornoparodie des<br />

Filmklassikers »Lichter der Großstadt«. Eine<br />

miese Vorstellung zweit- und drittklassiger<br />

Huren.<br />

Was hatte Arthur erwartet?<br />

Einen Bericht über den Grund warum Walter Ott<br />

im Gefängnis steckte?<br />

Er sollte die Finger von Ott lassen. Er würde ihn<br />

nicht aus dem Gefängnis kriegen. Und er würde<br />

seine Taschen auch nicht mit Scheinen vollstopfen.<br />

Vom Strandhaus in Huntington Beach wagte<br />

er gar nicht zu träumen.<br />

Alles in Arthurs Wohnung roch nach Julia. Aber<br />

sie war nicht hier, sonst könnte er sich mit ihr<br />

die Zeit vertreiben. Sex würde ihn wenigstens<br />

vom Grübeln abhalten. Ohne Sex aber war er<br />

gezwungen nachzudenken.<br />

Was steckte hinter diesem ganzen Gestöhne des<br />

Pornofilms? Hatte er etwas übersehen?<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 57<br />

Peter Mair - Human Capital<br />

Aus reiner Langweile sah er sich den Dreck zwei<br />

weitere Male an. Das führte nur dazu, dass er<br />

sich wünschte Julia würde endlich nach Hause<br />

kommen.<br />

Wütend drückte er die Blue Ray in die Box<br />

zurück.<br />

Was meinte Chaplin mit »Lichter der Großstadt«?<br />

Er konnte doch nicht ernsthaft diesen<br />

Mist meinen? Warum fragte er sich diese Dinge<br />

überhaupt? Es sollte es gut sein lassen. Scheiß<br />

auf Walter Ott! Verreckte er eben in seiner Zelle.<br />

Arthur wollte nicht enden wie Chaplin. Er sollte<br />

sich nach einem neuen Fall umsehen und das<br />

hier vergessen.<br />

Die Bank ermahnte ihn einmal die Woche sein<br />

Konto auszugleichen. Und in seiner Dreizimmerwohnung<br />

brauchte es auch einen neuen Herd,<br />

das Bett war durchgelegen und die Couch im<br />

Wohnzimmer war reif für den Sperrmüll.<br />

Warum fing er nicht jetzt ein neues ordentliches<br />

Leben an? Er könnte seinen Detektivjob an den<br />

Nagel hängen und bei seinem Kumpel Frank als<br />

Versicherungsmakler einsteigen. Das würde<br />

wenigstens Kohle bringen.<br />

Und die Wahrheit?<br />

Die Wahrheit war kein einträgliches Geschäft.<br />

Die Wahrheit war am Ende für gar nichts gut. Sie<br />

war ein Ideal an das man glauben konnte so<br />

lange man jung war. Aber Arthur war nicht mehr<br />

jung.<br />

Voller Zorn schleuderte er die Blue Ray Box auf<br />

den Steinboden. Mit einem dumpfen Knall zersplitterte<br />

sie.<br />

Zehn Minuten lang starrte er die Plastikteile an<br />

und wunderte sich was das größere Übel war,<br />

die zerbrochene Box oder die heil gebliebene<br />

Blue Ray. Schließlich sammelte er die Plastikteile<br />

auf.<br />

Plötzlich stoppte er.<br />

Was war das?


58<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

Etwas lugte zwischen Box und Cover hervor.<br />

Vorsichtig zog Arthur das viereckige, dunkelblaue<br />

Plastikblatt heraus. Er musterte es. War<br />

Chaplin tatsächlich so verrückt? Wenn man<br />

wusste, dass Chaplin das Internet für das Werkzeug<br />

einer neuen totalitären Welt hielt, war ein<br />

Stück Mikrofilm nicht mehr ganz so verrückt.<br />

Fünf Stunden später, um zehn Uhr vormittags<br />

brannten Arthurs Augen. Das kümmerte ihn<br />

nicht. Es kümmerte ihn auch nicht, dass er<br />

Walter Ott aufgeben wollte. Ihn kümmerten nur<br />

die Informationen auf dem Mikrofilm. Vielleicht<br />

würde doch etwas aus dem Strandhaus in Huntington<br />

Beach und den jungen Bräuten.<br />

IV<br />

Sobald Arthur die Bankfiliale der Human Capital<br />

gesehen hatte, hätte er verschwinden sollen.<br />

Dann würde er jetzt nicht auf dem Zebrastreifen<br />

liegen. Verzweifelt versuchte er zu begreifen wie<br />

es dazu kommen konnte?<br />

Wenn er zurückdachte, erinnerte er sich als<br />

erstes an das Neonlicht. Eiskaltes Neonlicht<br />

strahlte von der Decke und ließ die Glas- und<br />

Betoneinrichtung der Bankfiliale wie ein Rattenlabor<br />

aussehen. Nur roch es nicht nach Ratten,<br />

sondern starkem Desinfektionsmittel. Von Plakaten<br />

versprachen grinsende Familien mehr<br />

Zinsen, mehr Gewinn und alles wovon man<br />

träumte. Man brauchte sein Geld der Bank nur<br />

in den Rachen zu stopfen.<br />

Laut Chaplins Mikrofilm liefen im Fall Walter Ott<br />

alle Fäden hier zusammen. Daneben enthielt der<br />

Mikrofilm Informationen über Human Capital.<br />

Wie diese Bank operierte. Wie sie ihr Geld<br />

verdiente. Wie viel Dreck sie am Stecken hatte.<br />

Es gab eigentlich keinen Stecken mehr, sondern<br />

nur Dreck.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

»Sehr, sehr bedauerlich,…«, sagte der Banker<br />

Karl Orlon. »…dass sie nicht auf den Staatsschutz<br />

gehört haben.«<br />

Karl Orlons Haut schimmerte wie abgewetztes<br />

Leder. Altersflecken bedeckten seine Hände und<br />

seinen kahlen Schädel. Er musste um die achtzig<br />

sein. Seine Augen glühten schwarzblau, wie ein<br />

unterirdischer See. Statt Lippen besaß er zwei<br />

blutrote Striche. Dahinter glänzte eine Reihe<br />

Hollywoodzähne. Er stank nach verfaultem Holz.<br />

Irgendein Designerparfüm versuchte diesen<br />

Geruch zu verdecken, schaffte es aber nicht.<br />

»Vielleicht ist das so. Vielleicht aber auch nicht«,<br />

sagte Arthur. »Ich denke sie sollten erfahren,<br />

dass ich es weiß.«<br />

»Was können sie schon wissen.«<br />

»Warum Walter Ott im Knast sitzt, zum Beispiel.<br />

Er soll seine Frau und seine beiden Töchter<br />

getötet haben.«<br />

»Ist das alles? Mehr haben sie nicht zu bieten?«<br />

»Ich weiß auch, dass sie mit Menschen handeln.<br />

Um genau zu sein mit Menschenaktien. Menschen<br />

sind für sie eine Ware. So wie ich Ölaktien<br />

kaufen kann, kann ich bei ihnen Aktien von<br />

Menschen kaufen. Nur die betroffenen Menschen<br />

wissen nicht, dass sie als Aktien gehandelt<br />

werden. Die leben einfach weiter. Und an ihrem<br />

Leben verdient sich Human Capital dumm und<br />

dämlich. Das ist doch ihr Geschäftsmodell, oder<br />

nicht?«<br />

»Da hat ihr kleiner Freund aber eine Menge<br />

Dinge ausgegraben. Und dass sie es auch wissen,<br />

spricht nicht unbedingt für die Arbeit des Staatsschutzes.«<br />

»Ich schätze für den Menschenaktienhandel ist<br />

es nicht gut, wenn jemand seine Familie tötet.<br />

Schadet dem Geschäft, oder? Da kehrt man es<br />

besser unter den Teppich. Sonst hätte ich es viel<br />

eher rausbekommen.«


»Wenn ich es unter den Teppich kehren wollte,<br />

wüssten sie nicht einmal, dass es einen Teppich<br />

gibt.«<br />

»Wollen sie mir erzählen Otts Aktie verkauft<br />

sich?«<br />

»In der Tat das tut sie.«<br />

»Warum sollte jemand Interesse an der Aktie<br />

eines Mörders haben?«<br />

»Weil ich eine realistische Möglichkeit geschaffen<br />

habe, dass sich die Vorwürfe in Luft auflösen<br />

und er zurückkehrt in sein Leben und vielleicht<br />

ein großartiger Architekt wird.«<br />

»Was meinen sie mit realistischer Möglichkeit?«<br />

»Den besten Privatdetektiv der Stadt. Sie Arthur<br />

Kluge. Ihnen traut man zu einen Mann wie<br />

Walter Ott aus dem Gefängnis zu holen.«<br />

Puzzleteile schoben sich in Arthurs Kopf zusammen.<br />

Mit einem Mal ergab alles einen Sinn.<br />

Alles. Bis auf eines.<br />

»Ott hat seine Familie nicht wirklich getötet. Ist<br />

doch so, oder?«, fragte Arthur.<br />

»Was denken sie?«, Karl Orlon lächelte.<br />

Arthur schoss einen rechten Hacken unter<br />

Orlons linkes Auge. Der Banker heulte vor<br />

Schmerzen auf.<br />

»Sagen sie mir einfach wie es ist. Ich habe keine<br />

Lust auf Rätsel raten«, schrie Arthur. »Wer hat<br />

die Frau und die Kinder umgebracht?«<br />

Orlon schüttelte den Kopf. Aber nicht lange.<br />

Arthurs nächster Hacken zerbrach ihm die Nase.<br />

Hörte sich an, wie ein zerbrechendes Schneckenhaus.<br />

»Wir haben Angestellte, die so etwas erledigen«,<br />

flüsterte Karl Orlon.<br />

»Aber den Auftrag dazu geben sie.«<br />

»Ich bin für den geschäftlichen Erfolg dieser<br />

Bank verantwortlich. Richtig. Ich bin gezwungen<br />

zu tun, was der Markt von mir verlangt. Ob es<br />

ihnen gefällt oder nicht, ich folge bloß den neuen<br />

Gesetzen unserer Welt.«<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 59<br />

Peter Mair - Human Capital<br />

»Mord ist ein Verbrechen. Dafür wird man<br />

eingesperrt. Und wenn sie es dem Richter so<br />

erzählen wie mir, gibt es nicht mal mildernden<br />

Umstände.«<br />

»Wer würde ihnen schon glauben? Vielleicht ein<br />

paar Spinner. Eine paar arme Schlucker. Aber die<br />

zählen nicht. Die, die zählen würden ihnen nicht<br />

zu hören. Die kümmert es nämlich einen Scheiß,<br />

wie sie ihr Geld machen. Diese Leute hören und<br />

sehen nur eines. Die Tafel da drüben.« Karl Orlon<br />

deutete zur Kurstafel, die wie ein Kruzifix über<br />

den Bankschaltern hing. Gerade kletterte die<br />

Kurve von Human Kapital um zehn Punkte nach<br />

oben.<br />

»Sehen sie, unser Kurs steigt. Das liegt an Walter<br />

Ott«, sagte Karl Orlon und lächelte.<br />

»Was ist passiert?«, fragte Arthur.<br />

»Was in solchen Fällen immer passiert. Eine<br />

Streiterei zwischen Häftlingen. Ott hat sich ein<br />

Messer eingefangen. Und die modere Medizin<br />

ist machtlos gegen eine durchgeschnittene<br />

Kehle.«<br />

Arthur glotzte die Kurstafel an. Ihm war schwindlig.<br />

Er musste sich an einem der Betonschalter<br />

festhalten um nicht umzukippen.<br />

»Walter Ott war unschuldig«, flüsterte er.<br />

»Was spielt das für eine Rolle?«, sagte Karl<br />

Orlon. »Viele haben darauf gewettet, dass sie<br />

Ott rausholen. Wir haben natürlich gegen sie<br />

gewettet. Und das hat unseren Gewinn gesteigert.<br />

Es ist eine der gängigen Strategien. Wird<br />

überall praktiziert.«<br />

»Chaplin hat genug Beweise zusammengetragen,<br />

um ihren Laden zu schließen. Und genau<br />

das werde ich jetzt tun.«<br />

»Ich weiß von ihrem Wunsch nach einem Strandhaus<br />

am Huntington Beach. Ihrer Begierde nach<br />

jungen Frauen. Was denken sie würde das<br />

kosten. Fünfzig Millionen oder Hundert. Nennen<br />

sie mir eine Zahl und sie haben das Leben, das


60<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

sie sich immer gewünscht haben. Dafür müssen<br />

sie nichts weiter tun, als Walter Ott, ihren<br />

kleinen Freund Chaplin und mich vergessen. Was<br />

halten sie davon?«<br />

Arthur starrte den Banker an. Jetzt kannte er die<br />

Wahrheit. Walter Ott nützte die Wahrheit<br />

genauso wenig wie Chaplin. Ihm aber nützte sie.<br />

Das Strandhaus in Huntington Beach. Die jungen<br />

Bräute.<br />

Aber solche Geschichten wie mit Walter Ott<br />

würden weiter gehen. Menschen würden dafür<br />

drauf gehen, dass er in seinem Strandhaus<br />

rumvögelte. Arthur blickte rüber zu den Bildschirmen<br />

über den Geldautomaten. Der Moderator<br />

mit der Kennedyfrisur erklärte gerade den<br />

zehn Punkteanstieg der Human Capital Aktie und<br />

schwärmte über ihre Zukunft.<br />

Arthur drehte sich um und marschierte aus der<br />

Bank. Er wusste nicht warum. Das Strandhaus.<br />

Huntington Beach. Die jungen Bräute. Das wollte<br />

er doch.<br />

Vor der Bank wirkte alles verschoben, als gäbe<br />

es die ursprüngliche Stadt nicht mehr. Das<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Gefühl nicht hier her zu gehören würde aufhören,<br />

wenn er zurück in die Bank ging und das<br />

Geld nimmt.<br />

Er bräuchte nur alles zu vergessen. Das war doch<br />

nicht so schwer.<br />

Er hasste seine Arbeit als Detektiv. Also wo war<br />

das Problem? All diese Gedanken gingen ihm<br />

durch den Kopf, als er die Straße vor der Bank<br />

überquerte.<br />

»Ich gehe zurück und fange mit dem Geld ein<br />

neues Leben an«, dachte Arthur, als er mitten<br />

auf dem Zebrastreifen stoppte. Er drehte sich<br />

um und wollte zurück zur Bank.<br />

Da raste ein Polizeiwagen auf ihn zu. Arthur<br />

hörte seine Oberschenkelknochen zerbrechen.<br />

Sah wie der Polizeiwagen über ihn hinwegraste.<br />

Dann umarmte ihn das große Dunkel.<br />

Fünf Minuten später jubelte der Börsenmoderator<br />

mit der Kennedyfrisur über ein Rekordhoch<br />

der Human Capital Aktie.<br />

Während Arthur Kluge tot auf der Straße lag.<br />

ENDE


Bevor sie den roten Fleck auf der Seite sah,<br />

glaubte sich Marie in Sicherheit. Sie war diesem<br />

Mann – Edward – gefolgt, ohne ihren Verstand<br />

zu befragen. Warum auch? Jemand, dessen<br />

Parfüm nach Sandelholz und Zimt roch, konnte<br />

unmöglich ein schlechter Mensch sein.<br />

Und jetzt hackte er in der angrenzenden Küche<br />

Sellerie, während sie auf dieses Rot inmitten der<br />

farblosen Worte starrte. Sie legte ihren Handrücken<br />

auf die glühende Stirn, wischte die<br />

Schweißperlen weg, versuchte sich zu beruhigen.<br />

Vielleicht hatte er sich beim Lesen am<br />

Papier geschnitten. Vielleicht war das aufgeschlagene<br />

Buch neben ihm gelegen, als er ein<br />

blutiges Steak gebraten hatte. Oder. Er war ein<br />

Mörder.<br />

»Möchtest du dein Rind durch?« Reflexartig<br />

schlug sie das Buch zu, begrub den Fleck zwischen<br />

den Seiten. Hatte er ihn bemerkt? Sie sah<br />

in seine tiefbraunen Augen und, zum Glück,<br />

konnte sie keine Überraschung darin erkennen.<br />

Dafür loderten sie bei seinen nächsten Worten<br />

auf.<br />

»Oder willst du es blutig?« Ihr Atem erfror. Aus<br />

den Augenwinkeln sah sie die Haustür, ihre<br />

einzige Fluchtmöglichkeit. Davor musste er aber<br />

in die Küche verschwinden.<br />

»Ich mag es durch«, sagte sie deshalb und malte<br />

sich ein Lächeln aufs Gesicht.<br />

»Schön.« Er ging zurück, und Marie wollte<br />

gerade aufatmen, da hielt er inne und wandte<br />

sich ihr noch einmal zu.<br />

»Weißt du, es ist schon schade, dass du dein<br />

Fleisch nicht blutig willst. Es gibt doch nichts<br />

schöneres, wenn es so zart ist, dass man den Saft<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 61<br />

Der Fleck<br />

von Jan Nieswandt<br />

Jan Nieswandt - Der Fleck<br />

und das Blut in seinem Gaumen spielen spürt.«<br />

Sie krallte sich in das Polster des Sofas, auf dem<br />

sie saß.<br />

»Jeder hat einen anderen Geschmack.« Ihre<br />

Stimme zitterte, wie die Hand eines Parkinson-<br />

Patienten.<br />

»Stimmt. Aber es ist trotzdem schade, dass wir<br />

in der Beziehung anders ticken. Das lässt die<br />

Wahrscheinlichkeit sinken, dass wir füreinander<br />

bestimmt sind.« Er grinste, und seine Zähne<br />

blitzten auf. »Aber Gegensätze sollen sich ja<br />

anziehen.«<br />

Sie zwang sich zu einem Nicken.<br />

Endlose Sekunden lang studierte er ihr Gesicht,<br />

quälte sie mit seinem Blick. Dann nickte auch er,<br />

versuchte sie mit einem Lächeln zu besänftigen<br />

und verschwand in der Küche. Marie befahl sich<br />

aufzustehen, zu verschwinden, ehe der Mann<br />

mit ihr anstellte, was er zuvor angestellt hatte –<br />

mit dem Buch als einzigen Zeugen. Aber sie<br />

rührte sich nicht. Ihre Muskeln spannten an,<br />

wehrten sich vor ihrer Kontrolle. Sie spürte<br />

klebrige Tränen über ihre Wangen fließen und<br />

stellte sich vor, sie wären rot, und obwohl sie<br />

glasklar auf dem Sofa zerplatzten, blieb der<br />

Gedanke.<br />

Da zerbrach etwas dieses Bild – das Geräusch<br />

schwappte von der Küche zu ihr her. Fett. Auf<br />

Fleisch geriebenes Fett, mit diesen behaarten<br />

Händen, die in dem Café ihre gelesen hatten; die<br />

jetzt voll Blut sein mussten.<br />

Marie spürte Insekten über ihre Haut krabbeln,<br />

und endlich, endlich schaffte sie es, sich aufzurichten.<br />

Ihre Beine zappelten. Sie rannte los, und<br />

sie hätte schwören können, dass sich das Efeu-


62<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

muster auf dem Teppich um ihre Füße schlängelte<br />

und sie aufhalten wollte. Noch schlimmer<br />

aber war der Atem, der aus ihr presste, denn<br />

jener war laut wie ein Schrei; Edward konnte ihn<br />

unmöglich überhören, auch nicht über das<br />

Scheppern, das er beim Kochen heraufbeschwörte.<br />

Dennoch erreichte sie die Tür. Er wird mich nicht<br />

töten. Beinahe hätte sie vor Erleichterung aufgelacht.<br />

Sie drückte die Klinke nach unten und<br />

zog die Haustür auf. Ein dumpfer Schlag. Die Tür,<br />

sie klemmte. Marie riss an ihr, einmal, zweimal,<br />

dreimal, und immer hielt irgendetwas die Tür<br />

davon zurück, sich mehr als einen Spalt breit zu<br />

öffnen.<br />

Erst als sich eine Hand in ihre Schulter krallte,<br />

erstarben ihre Bemühungen. Nein. Sie formte<br />

das Wort mit ihren Lippen. In einer stockenden<br />

Bewegung drehte sie sich um, und ihr Blick<br />

verfing sich in dem hysterischen Lachen seiner<br />

Augen.<br />

»Was machst du denn?« Sie hörte ihn kaum<br />

durch das Rauschen in ihren Ohren.<br />

»Ich«, begann sie und kratzte sich den Nagellack<br />

von den Fingern, »ich wollte … nur meinen<br />

Regenschirm aus dem Wagen holen.«<br />

»Warum denn das?«<br />

»Weil ich nicht nass werden will.« Lachen, und<br />

wieder zeigten sich seine Fangzähne.<br />

»Aber die Sonne scheint doch.«<br />

Die Welt verschwamm; das Sofa im Hintergrund,<br />

der grinsende Edward davor. Sie stützte sich an<br />

der Wand ab.<br />

»Der Schirm ist für später. Ich glaube, es regnet<br />

heute noch.«<br />

Er beugte sich zu ihr. Der Duft, der sie eingefangen<br />

hatte, war abwesend. Stattdessen umgab<br />

ihn der Gestank nach Schweiß und Blut, und<br />

Kadavern.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

»Na, wenn du das glaubst, dann lass uns schnell<br />

deinen Schirm holen«, sagte er schließlich und<br />

entfernte die Sicherung an der Tür. Die hatte<br />

also ihre Befreiung verhindert.<br />

Er nahm sie an der Hand und sie fühlte sich dabei<br />

wie ein Kleinkind, das von seinem Vater behütet<br />

wird. Nur, dass er sie nicht beschützen wollte,<br />

sondern umbringen. Sie verließen die Wohnung,<br />

und er führte sie durch den Flur ins Freie, wo<br />

niemand zu sehen war.<br />

Aber wenn ich um Hilfe schreie, überlegte sie,<br />

wird mich jemand hören. Hier schlummerten<br />

genug Wohnungen um sie herum, mit einem<br />

Hilferuf könnte sie einige davon wecken.<br />

Und dann?, drängte sich ihr Verstand dazu.<br />

Alle werden mich für verrückt halten. Sie würde<br />

den Leuten keine Erklärung für ihren Hilfeschrei<br />

geben können, außer, dass sie einen roten Fleck<br />

in seinem Buch entdeckt hatte.<br />

Wäre nicht diese Gewissheit von Todesgefahr in<br />

sie geschlüpft, sie hätte sich selbst für verrückt<br />

gehalten. So aber wusste sie, dass mit jeder<br />

verstrichenen Minute die Chance schwand,<br />

diesen Tag zu überleben.<br />

»Willst du jetzt denn nicht deinen Schirm<br />

holen?«<br />

Sie zuckte zusammen, und ein Zittern breitete<br />

sich über ihren Körper aus.<br />

»Mir ist gerade was eingefallen.«<br />

»Und das wäre?«<br />

»Ich habe überhaupt keinen Regenschirm<br />

dabei.«<br />

»Oh.« Seine Mundwinkel zuckten, als ob er<br />

versuchte ein Grinsen zu unterdrücken. »Dann<br />

lass uns schnell wieder reingehen, bevor das<br />

Essen verkohlt. Das ist mein letztes Stück Fleisch<br />

da auf der Pfanne. Danach« – Funkeln in seinen<br />

Augen – »muss ich mir neues besorgen.«<br />

»Okay«, gab sie sich geschlagen und ließ sich von<br />

ihm in seine Wohnung abführen. Die Topfpflan-


zen neben dem Eingang, fiel ihr jetzt auf, waren<br />

verdorrt; ihre braunen Blätter bröckelten ab.<br />

Daneben, in einem Schrank, starrten zahllose<br />

tote Augen Marie an. In Bilderrahmen gesteckte<br />

Fotos von Mädchen.<br />

»Wer sind diese Frauen da?« Sie zeigte darauf.<br />

Er sog Luft ein und studierte sie.<br />

»Freundinnen. Wenn ich mich mit jemanden gut<br />

verstehe, mache ich ein Foto.«<br />

»Da ist kein Mann dabei«, sagte sie und verschränkte<br />

fröstelnd die Arme vor dem Bauch.<br />

Ein Blick auf die Fotos, wiederholtes Blinzeln.<br />

»Du hast recht. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.«<br />

Sie durchschaute ihn sofort. Das waren nicht die<br />

Bilder von Menschen, mit denen er sich gut<br />

verstand. Es waren Souvenirs, von seinen<br />

Morden.<br />

»Apropos«, brach er die Gesprächspause, »ich<br />

könnte eins von dir schießen, schließlich bist du<br />

mir mehr als nur sympathisch. Was sagst du<br />

dazu?«<br />

»Und das Essen? Hast du nicht gesagt, dass es<br />

anbrennt?«<br />

»Ach, das habe ich nur gesagt, damit wir schnell<br />

wieder reingehen.« Er zwinkerte. »In Wahrheit<br />

habe ich den Herd auf kleiner Flamme. Sonst<br />

wäre das doch schade ums Fleisch.«<br />

Dabei wirst du doch bald frisches haben, wenn<br />

dein Plan aufgeht, dachte sie, schwieg aber.<br />

»Also? Ein Foto?«<br />

»In Ordnung.«<br />

In dem Moment, da er sich von ihr abwandte<br />

und aus einem Regal einen Fotoapparat holte,<br />

wusste sie, was sie tun musste, sollte sie keine<br />

Möglichkeit finden zu flüchten. Ich bringe ihn<br />

um.<br />

»Ein bisschen freundlicher, wenn ich bitten<br />

darf.« Er drückte die Kamera ans Gesicht und<br />

legte seinen Zeigefinger auf den Auslöser.<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 63<br />

Jan Nieswandt - Der Fleck<br />

»Drei, zwei, eins. Cheese.« Der Blitz stach in<br />

ihren Augen. »Klasse. Sobald das Bild fertig<br />

entwickelt ist, rufe ich dich an und zeige es dir«,<br />

sagte er, als ob er vorhätte, sie am Leben zu<br />

lassen. »Und jetzt gehe ich wieder in die Küche,<br />

deine Geschmackssinne müssen ja befriedigt<br />

werden. Komm doch mit und schau mir ein<br />

wenig über die Schulter.«<br />

Damit sie nicht abhauen konnte. Trotz dieser<br />

Erkenntnis nickte Marie, denn sie brauchte nur<br />

eine Gelegenheit und sie wäre befreit von ihrem<br />

Mörder.<br />

Vorerst zeigte die sich aber nicht.<br />

In der Küche sah Edward sie alle paar Sekunden<br />

an, erzählte ihr, wie er was zubereitete und<br />

bettete sie mit Komplimenten ein. Viel länger<br />

konnte sie das unmöglich aushalten.<br />

Sie durchforstete die Ablage neben Edward,<br />

entdeckte einen Fleischhammer – um ihn damit<br />

zu verletzen oder gar zu töten, fehlte ihr die<br />

Kraft. Dann traf ihr Blick auf eine Flasche Essig –<br />

notfalls könnte sie die verwenden, auch wenn<br />

sie damit kaum mehr als einige Sekunden gewinnen<br />

würde. Ein Sieb, einige Schüsseln voller<br />

Soßen, die nach Tomaten und Paprika und<br />

Gewürzen dufteten, und eine Obstschale<br />

standen daneben. Und kurz darauf traf ihr Blick<br />

auf ein Messerset.<br />

»Das Gemüse darf nur kurz angebraten werden,<br />

sonst wird es lasch. Und wer will schon eine<br />

gummiartige Konsistenz kauen, oder?«<br />

Sie stimmte zu, und sie stimmte sich selbst ein<br />

auf ihre kommende Tat. Natürlich würde es ihr<br />

schwerfallen, aber einen Menschen zu töten war<br />

besser, als von ihm getötet zu werden. Ja, und<br />

die Polizei würde Beweise für seine Taten<br />

finden. Sie würde freigesprochen werden.<br />

»Jetzt fehlt nur noch der Kümmel.«<br />

Er streckte sich, um an die Dose in einen der<br />

oberen Regale zu kommen.


64<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

Ihre Gelegenheit.<br />

Sie dachte nicht weiter nach, als sie das Messer<br />

herauszog.<br />

Sie dachte nicht nach, als sie es in Edward<br />

rammte, und er schrie auf, nur stumm, aber sie<br />

hatte noch nie einen so beängstigenden Schrei<br />

gehört.<br />

Sein Körper zog sich zusammen, er fiel mit dem<br />

Kopf gegen die Herdplatte. Alles wirkte furchtbar<br />

surreal. Der sich auf den Boden krümmende<br />

Mann, aus dessen Rücken Blut floss wie Wasser<br />

aus einem Duschkopf. Die Herdplatte, an der<br />

Hautfetzen von Edwards Gesicht klebten. Das<br />

Messer in ihrer Hand, das rot glänzte und mit<br />

ihrem Körper bebte. Jene Worte, die aus dem<br />

Mund des Sterbenden wichen.<br />

»Warum? Warum hast … du das getan, Marie?«<br />

Er lebte noch.<br />

Ich muss es zu Ende bringen, dachte sie, kniete<br />

sich hin und stach auf ihn ein.<br />

»Bitte …«<br />

Blut rann aus seinem Mund.<br />

»Stell dich nicht dumm!«, schrie sie. »Als ob du<br />

nicht wüsstest, warum ich das getan habe.<br />

Warum ich das tun musste.«<br />

Über seine Pupillen zog sich ein Nebelschleier.<br />

»Gib es zu!«<br />

Das Messer glitt ihr aus der Hand, und fiel<br />

klirrend zu Boden. Sie hielt sich die Hände vors<br />

Gesicht.<br />

»Stell mich nicht als Böse dar.«<br />

Er röchelte.<br />

»Na schön. Dann zeige ich es dir eben!«, schrie<br />

sie. »Dann kannst du dich nicht mehr unschuldig<br />

stellen, du Mörder.«<br />

Sie rannte ins Wohnzimmer. Ihre Schuhe hinterließen<br />

Abdrücke aus Blut. Vom Sofa klaubte sie<br />

das Buch auf, mit dem alles begonnen hatte, und<br />

sie hetzte zurück zu Edward, wo sie sich auf die<br />

Knie fallen ließ. Sie beachtete nicht das Blut, das<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

sich in ihre Hose zog, blätterte durch die Seiten<br />

des Buchs.<br />

»Ich habe den Blutfleck gesehen, weißt du. Ich<br />

hab ihn gesehen«, sagte sie und blätterte. Blätterte.<br />

Schlug Seite für Seite um. Blätterte vor<br />

und zurück.<br />

»Was«, begann sie, sah auf und der Anblick<br />

brannte sich in ihr ein.<br />

Edward war tot.<br />

Er war von ihr erstochen worden. Das Blut, das<br />

aus ihm geflossen war, hatte ein Herz auf den<br />

Fließen gebildet.<br />

Noch mehrere Minuten suchte sie in dem<br />

Buch. Da war kein Fleck.<br />

ENDE


„Da kommt er.“ sagt Phil.<br />

„Ja, lass dir nichts anmerken.“<br />

Unterdrücktes Grinsen.<br />

„Ich bin der Neurohacker, der ewige Checker –<br />

ich stell meinen Wecker und scheiß auf ihn …<br />

<br />

War da nicht irgendwas, irgendeine Erinnerung?<br />

<br />

Ein paar Schritte, dann ist er außer Sichtweite.<br />

Wir müssen lachen.<br />

„Wuahaha – der Typ ist wirklich mal ne Lusche<br />

oder?“<br />

„Jau. Denkt, er ist der größte, weil er sich in die<br />

Köpfe von Nutten hackt. Mann, der hat<br />

bestimmt noch nie ne echte Schlampe von<br />

hinten gesehen.“<br />

„Wird er auch nicht, Mann. Schon allein seine<br />

Styles. Die kommen ja wohl überhaupt nicht<br />

phatty rüber. Bis der mal ne Tusse abschleppt,<br />

werden sicher noch Lichtjahre vergehen.“<br />

„Jau!“<br />

Ich schlage Phil auf die Schulter. „Der müsste<br />

schon ne Zeitreise machen, um eine abzubekommen.“<br />

Wir krümmen uns vor Lachen.<br />

Der Typ: Ein Oberspacko. Neurohacker oder so.<br />

Hat sich drauf spezialisiert, in die Gehirne von<br />

Prostituierten zu schleichen und ihre Orgasmen<br />

mitzuerleben. Das ist für diese Nerds der Megakick.<br />

Wenn sie endlich mal erleben, wie das so<br />

ist, das höchste der Gefühle zu erfahren. Aber es<br />

sprechen mehrere Gründe dagegen. Erstens: sich<br />

in die drogenvernebelten Hirne von Nutten zu<br />

hacken ist ja wohl echt krank und auch n bisschen<br />

schwul. Und zweitens: das Equipment<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 65<br />

Der Neurohacker<br />

von Sven Klöpping<br />

Sven Klöpping - Der Neurohacker<br />

kostet dich n Vermögen. Da lohnt es sich schon<br />

eher, ne echte Profischlampe in die Wohnung zu<br />

bestellen, die macht’s dir billiger. Aber so sind<br />

sie, unsere Cyber-Freaks. Die wollen keinen<br />

Körperkontakt, nur digitale Befriedigung. Na<br />

schön, sollen sie haben. Aber nicht damit rumnerven.<br />

Das kotzt uns Realos echt voll an. Na ja.<br />

Erst mal n Barracuda süppeln und weiter in den<br />

Tag hinein leben …<br />

Beziehungsweise: so richtig in den Tag hinein<br />

leben tun wir gar nicht. Wir haben nämlich Jobs,<br />

wir zwei. Arbeiten in derselben Firma. Ziemlich<br />

cool: wir vermitteln Haustiere an reiche Fuzzies.<br />

Manche haben echt die ausgefallensten Sonderwünsche.<br />

Da sind die üblichen Genmanipulationen<br />

und Mutationen noch gar nichts. Die<br />

wollen echt krasses Zeugs. Letztens kam zum<br />

Beispiel einer, der wollte nen Labrador mit zwei<br />

Pimmeln. Ich hab erst gar nicht gefragt, wofür<br />

er die wohl haben will. Jedenfalls verdienen wir<br />

ganz gut dabei und brauchen nur halbtags ran.<br />

Unsere Kollegen in den Tier- und Aquaparks der<br />

Stadt sind da schon ärmer dran. Nein, ich kann<br />

nicht klagen, kann ich wirklich nicht …<br />

„Und was machen wir jetzt?“ fragt mich Phil.<br />

Ich sag nur: schau’n mer mal. Denn irgendwas<br />

wird schon auf uns niederwhammen, gelle? Und<br />

damit mein ich irgendne geile Experience, die<br />

rein zufällig vom Himmel runterfällt. Vom echten<br />

blauen Himmel. Denn wir leben nicht im Underground,<br />

wie ihr vielleicht wegen unserem Slang<br />

vermutet. Den haben wir schon vor Jahren<br />

verlassen. Hier oben gibt’s einfach zu viel zu


66<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

erleben als dass wir weiter bei den Losern da<br />

unten abhängen wollen.<br />

„Ach komm, irgendwas müssen wir doch<br />

machen.“<br />

Der Typ kann einem manchmal echt auf‘n Sack<br />

gehen mit seiner ständigen activity awareness.<br />

Ich sag, mal schau’n, irgendwas wird sich schon<br />

finden. Und er wieder: Aber, aber, aber …<br />

Rumgelaber<br />

Am Ende landen wir im Puff und lassen uns<br />

schön die Schwänze lutschen. Von irgendso’n<br />

paar Underground-Miezen, die nur unter der<br />

Stadt hochkommen, wenn unsere Pimmel auch<br />

hochkommen …<br />

Am nächsten Tag begegnen wir wieder Lucio,<br />

das ist der Neurohacker-Typ. Meint, er ist unser<br />

Kumpel & labert uns von der Seite an. Da steh<br />

ich ja gaaar nich drauf.<br />

„Hey, Guys! Wie geht’s, wie steht’s?“<br />

„Mir steht er jetzt noch. Und dir?“ meint Phil<br />

lapidar, ich scheiß mich bald weg vor Lachen.<br />

Aber der Freak rallt’s nicht. Kommt näher und<br />

stellt sich zu uns. Oh Gott!<br />

„Hm … ja, mir steht er auch noch ein bisschen.“<br />

Da kann der arme Lutscher sich ein Grinsen nicht<br />

verkneifen. „Bin dafür ja auch bestens ausgerüstet.“<br />

„Aber nur jenseits vom Leben, gelle?“ schmeiß<br />

ich ihm verbal ins Gesicht.<br />

„Hey, das war jetzt aber nicht nett.“<br />

„Ach komm, du bist auch nicht nett. Mach dich<br />

bloß vom Acker, Mann. Oder willste uns wieder<br />

mit deinen experiences annerven?“<br />

„Eigentlich hatte ich schon gedacht, dass …“<br />

„Mann, sieh’s endlich ein. Du gehörst nicht in<br />

diese Clique. Wir machen uns doch nur über dich<br />

lustig. Kapierst du das nicht?“<br />

„Ja, sicher. Deshalb wollt ihr ja auch immer<br />

hören, welche Höhepunkte ich erlebt hab.“<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

„Doch nur um dich anzustressen, Mann!“<br />

„Ja ja, klar.“<br />

Der Typ will mir einfach nicht glauben!<br />

„Jedenfalls hab ich euch letzte Nacht gesehen“<br />

meint er dann.<br />

„Ja, wo denn?“<br />

„Im Tangaland.“<br />

„Echt? Wo warste denn da?“<br />

„Na, in Olga.“<br />

Und da schlägt’s dreizehn. Natürlich! Der Typ<br />

hat sich in meine Schlampe eingehackt. Deshalb<br />

hat die so laut gestöhnt. Weil sie die zusätzliche<br />

Stimulation über den Chip gespürt hat, den sie<br />

sich hat implantieren lassen, um Typen wie den<br />

an ihrem Job teilhaben zu lassen.<br />

„Perverses Stück Scheiße, du.“ fahr ich ihn an.<br />

„Immer noch besser als nach fünf Minuten<br />

schon zu kommen.“<br />

„Ey, du Wichser, das geht dich verdammt noch<br />

mal überhaupt nichts an.“<br />

Lucio grinst sich einen. Phil auch.<br />

„Weißte, ich hab mich nämlich nicht nur in Olgas<br />

Emotion-Chip reingehackt, sondern gleich auch<br />

ihre Optik manipuliert, so dass ich alles mit<br />

ansehen konnte.“<br />

„Du kranker Bastard.“<br />

„He, he. Jetzt hab ich den Beweis, dass du es voll<br />

nicht bringst. Wie viel willste mir denn geben,<br />

damit ich die Aufzeichnung nicht überall rum<br />

spamme?“<br />

Scheiße, jetzt hat er mich am Sack! Phil meint,<br />

ich soll ihn ausbezahlen. Will ich aber nicht. Das<br />

wär‘ echt voll unter meiner Würde!<br />

„Wie wär’s denn mit nem Battle?“ schlage ich<br />

vor.<br />

„Battle?“ Lucio glotzt nur konsterniert.<br />

„Ja, Mann. Du gegen mich. Wettficken. Wer bei<br />

Olga länger durchhält gewinnt. Die kann echt<br />

gut saugen, das schwör ich dir. Wenn ich verlier,


zahl ich dir 100 Credits, aber du bist nicht in der<br />

Clique, capiche?“<br />

„Hm, okay, abgemacht.“ Ein bisschen enttäuscht<br />

ist er dann doch …<br />

Neuer Tag, neue Chance?<br />

Wir treffen uns vorm Tangaland. Die Rolläden<br />

sind halb hoch-, die String Tangas halb runtergezogen.<br />

Lucio verspätet sich, aber er kommt.<br />

Hätte ich jetzt nicht gedacht. Na, den werd ich<br />

fertigmachen! Zwar ist die Vorstellung, ihn in<br />

Pimmel-Action zu erleben, nicht gerade prickelnd,<br />

aber was tut man nicht alles für seinen<br />

guten Ruf! Wir entern den Schuppen und<br />

machen uns locker. Das Bier kostet sieben Credits,<br />

wir trinken Wein, der ist noch teurer. Olga<br />

bringt uns an der Theke schon mal auf Betriebstemperatur,<br />

indem sie uns überall befummelt<br />

und mit ihrer flinken Zunge über unsere Haut<br />

schnalzt.<br />

Fünfeinhalb Minuten später stehen wir beide<br />

halbnackt in Olgas kleinem Bumszimmer, sie<br />

macht schraubende Bewegungen mit ihren<br />

Händen – ihr wisst schon wo! – & ich werd ganz<br />

verrückt vor Geilheit. Mitten in unserem Lustspiel<br />

fasst sich Lucio in die Innentasche seines<br />

Jackets (ich hatte mich schon gewundert warum<br />

er es angelassen hatte) und holt ne kleine Wanze<br />

raus, die er mir mit einer sehr schnellen Bewegung<br />

direkt an die Schläfe drückt. Sie frisst sich<br />

sofort in mein Gehirn & macht mich so zu<br />

seinem Opfer. Scheiße, er hat mich gehackt!<br />

Dieser Wichser!<br />

This … is not … reality …<br />

Die Welt verkleinert sich, nur mein rechter Augapfel<br />

bleibt übrig. Er fühlt sich klobig an. Bunte<br />

Farben schießen von der Seite ins Zentrum<br />

meines halbierten Sichtfeldes, das erst schwarz<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 67<br />

Sven Klöpping - Der Neurohacker<br />

ist und sich nach und nach mit Licht füllt. Vage<br />

Umrisse von Gestalten, die ich noch nie gesehen<br />

hab. Sie befinden sich allesamt in extremen<br />

Lebenslagen – einige vögeln, andere springen<br />

irgendwo runter, wieder andere erschießen<br />

gerade jemanden. Krasseste Action, die um<br />

meine Adern herum pulsiert. Ja, jetzt weiß ich,<br />

warum Lucio das so liebt. Es ist wie … ein multipler<br />

Orgasmus, der von deinen Eiern direkt ins<br />

Hirn schießt. Das Adrenalin zerkratzt mein<br />

Bewusstsein bis auf den Standby-Modus, in<br />

welchem ich Olga nur noch stumm anschaue &<br />

nichts mehr sagen kann. Dann schaltet sich Lucio<br />

dazu & flüstert mir was:<br />

„Na, du kleiner mieser Penner! So sehen wir uns<br />

wieder. Weißt du noch, vor dreieinhalb Jahren,<br />

als mein Wirt noch n oberfetter Gangleader im<br />

Underground war? Du hast ihm gesagt, hier<br />

nimm, Alter, das ist die ultimative Experience.<br />

Total krasses Zeug und so. Dass es hochgradig<br />

süchtig macht, haste natürlich nicht gesagt. Jetzt<br />

revanchiert er sich. Zuerst wirst du einen sehr<br />

wilden Orgasmus haben, dann umkippen und<br />

dich an nichts mehr erinnern. Noch nicht einmal,<br />

wer deine Freunde sind, wo du arbeitest undsoweiter.<br />

So zahlt dieser miese Wichser es dir heim,<br />

Alter! Denn er hat dein Bewusstsein überwunden.<br />

Jawoll, denn ich bin jetzt dein Bewusstsein,<br />

capiche? Genauer: eine digitale Entität, gegen<br />

die du null Chance hast. Du musst bei all dem<br />

Scheiß nämlich nur eines wissen, mein lieber<br />

Pseudokumpel: Ich bin der Neurohacker, der<br />

ewige Checker – ich stell meinen Wecker und<br />

scheiß auf ihn …<br />

Und da ist sie wieder, die Erinnerung! Nur jetzt<br />

bringt sie mir überhaupt nichts.<br />

Ein Schwung von Emotionen überkommt mich,<br />

der in einem Feeling gipfelt, das nur von einem<br />

Weltmeister kurz nach dem Olympiasieg<br />

stammen kann: WOOAAHHHH!!! Wie geil ist das


68<br />

denn? Ich vergesse Olga, vergesse das Tangaland,<br />

vergesse mein Leben. Nach einem furiosen<br />

Finale, in dem ich aus allen Nähten platze, sacke<br />

ich zusammen und werde irgendwohin geschleift<br />

…<br />

Am nächsten Tag schmeißt man mich aus dem<br />

Puff raus (wie bin ich hier nur herein geraten?)<br />

und sagt mir, ich soll bloß nicht wiederkommen.<br />

Ich wanke über die Straßen & muss mich erst mal<br />

an das grelle Tageslicht gewöhnen, meine Ner-<br />

© Minaya<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

venbahnen sind noch voll auf den Neurohack<br />

eingestellt.<br />

Wer bin ich?<br />

Was mach ich hier?<br />

Und wie verdammt komm ich zu meinem nächsten<br />

Opfer?<br />

ENDE


»Cole, jetzt beruhig dich mal wieder. Können wir<br />

nicht darüber reden, wenn ich zu Hause bin?«<br />

Ich drängte mich, mit dem Handy am Ohr an<br />

einem falsch geparkten Wagen vorbei.<br />

»Tess, wenn das noch mal passiert, feuert er<br />

mich! Das ist dir doch klar, oder?!«<br />

»Das ist mir klar. Aber ich kann doch jetzt nichts<br />

mehr daran ändern.«<br />

An meinem Auto angelangt, kramte ich mit<br />

meiner freien Hand in meiner Tasche herum, bis<br />

mir einfiel, dass ich den Schlüssel in meiner<br />

Hosentasche verstaut hatte.<br />

»Hör zu, ich bin am Wagen und wenn der<br />

Verkehr aus der Stadt raus nicht wieder auf die<br />

Apokalypse hinweist, bin ich in etwa ein bis zwei<br />

Stunden bei dir, Schatz.«<br />

»Ein bis zwei Stunden?!«<br />

Ruhe. Hatte ich einen Papagei geheiratet? Cole<br />

war normalerweise eher der ruhige Typ Mensch.<br />

Aber seit wir in dieses Haus eingezogen waren,<br />

flippte er schon aus wenn es an der Tür klingelte.<br />

Gut, die Umstände waren nicht unbedingt…<br />

normal.<br />

»Seit wann brauchst du so lange?«<br />

»Seit ich meinen neuen Liebhaber habe, Schatz.<br />

Hatte ich dir das etwa nicht erzählt?« Selbst<br />

diese Witzchen lockten ihn nicht mehr aus der<br />

Reserve.<br />

»Sehr witzig. Ich heb mir das Lachen für später<br />

auf, mir ist grad nicht danach.«<br />

»Schon gut. Ich muss noch bei Paula vorbei. Sie<br />

hat mich gebeten, ihr was aus der Stadt mitzubringen.<br />

Wir sehen uns nachher. Ich liebe dich.«<br />

Bevor er auch noch einen Ton sagen konnte,<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 69<br />

Auf gute Nachbarschaft<br />

von Tracy Stahlhut<br />

Tracy Stahlhut - Auf gute Nachbarschaft<br />

legte ich auf. Langsam aber sicher machten mich<br />

diese Konversationen müde.<br />

Als ich zur Tür hereinkam, lag mein Mann auf<br />

dem alten Sofa das in der Küche stand und<br />

starrte in den Kamin. Ich betrachtete ihn und<br />

stellte meine Tasche auf einen der Stühle. Ich<br />

ging zum Kühlschrank und holte zwei Flaschen<br />

Bier heraus. Als ich sie auf die Küchenablage<br />

stellte sah ich flüchtig zu ihm herüber. Keine<br />

einzige Bewegung. Er hatte wahrscheinlich den<br />

ganzen Nachmittag damit verbracht das verdammte<br />

Dach des Bootshauses zu flicken. An<br />

und für sich sollte man meinen das sei nötig.<br />

Sicher das Haus war alt. Alles an diesem Haus.<br />

Inklusive des Bootshauses. Ich sah zum Fenster<br />

hinaus. Es stand noch. Das war ein Wunder. Ich<br />

öffnete die Biere und schlenderte zum Sofa.<br />

Über die Rücklehne gebeugt, hielt ich eine der<br />

Flaschen an seine Stirn.<br />

»Schwerer Tag, was?«<br />

»Mhh…« Seine Hand wanderte auf die Flasche<br />

zu. Ich zog sie zurück. »Was…« Er machte ein<br />

Auge auf und sah zu mir herauf. Ich deutete mit<br />

dem Kinn auf seine ausgestreckten Beine. Nach<br />

einigem Überlegen viel ihm wohl auf, dass diese<br />

Dinger noch zu ihm gehörten und setzte sich auf.<br />

Ich ließ mich über die Lehne auf den Platz neben<br />

ihn rutschen und reichte ihm das Bier. Er nahm<br />

es, trank aber nicht.<br />

»Sollten wir den Kamin nicht vielleicht mal<br />

einweihen?«, fragte ich und sah ihn an.<br />

»Damit er sich über den Rauch beschweren<br />

kann? Auf gar keinen Fall!« Jetzt trank er.<br />

»Willst du vielleicht was Stärkeres?«


70<br />

<strong>kurzgeschichte</strong><br />

»Haben wir nicht noch was von diesem Terpentin<br />

im Keller?«<br />

Ich sah ihn mit erhobener Augenbraue an.<br />

»Wenn du dich umbringen willst, tu es auf eine<br />

weniger schmerzhafte Weise.« Ich gab ihm mein<br />

Bier und stand auf, um mein Glück mit dem<br />

Kamin zu versuchen. Cole nahm meine Flasche<br />

und stellte seine leere auf den Boden.<br />

»Nicht für mich.« Er deute mit dem Daumen der<br />

freien Hand zum Fenster, das zum hinteren Teil<br />

des Grundstücks führte, »Für ihn.«<br />

»Das hatten wir doch schon mal. Als du ihm das<br />

letzte Mal was in den Drink getan hast, hat er<br />

nicht mal gehustet.« Ich nahm etwas trockenes<br />

Holz und legte es auf das bereits brennende<br />

Papierknäuel.<br />

»Tess?« Er beugte sich über mich.<br />

»Was ist?« Ich sah mit einem halben Auge auf<br />

die Anzeige meiner Digitaluhr und stellte fest,<br />

dass es noch nicht mal drei Uhr war.<br />

»Ich hab mir was überlegt.«<br />

Das sollte eine längere Unterhaltung werden.<br />

Also setzte ich mich auf und schaltete das Licht<br />

ein.<br />

»Und was hast du dir überlegt?«<br />

»Wir tun es.«<br />

»Was?«<br />

»Wir bringen ihn um. Heute Nacht.«<br />

»Ja. Und ich kaufe mir morgen den Eifelturm.«<br />

Ich schaltete das Licht aus.<br />

»Schatz, du musst schlafen. Es hat die letzten<br />

vier Male nicht geklappt.«<br />

Das Licht ging wieder an.<br />

»Ich meine es ernst. Komm schon, sieh mich<br />

an.«<br />

Ich sah ihn an.<br />

»Dieser alte Sack wird uns überleben. Tess,<br />

wenn wir uns weiter so mit ihm abplagen,<br />

werden wir noch verrückt.«<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

»Das weiß ich auch. Meinst du etwa, dass mich<br />

das ganze nicht wurmt? Das hier ist immerhin<br />

mein Traumhaus. Ich hab geschlagene zehn<br />

Jahre danach gesucht. Aber er will nun mal nicht<br />

hier weg und an der Sache mit dem Wohnrecht<br />

können wir nicht rütteln.«<br />

»Diesmal klappt es!«<br />

»Das hast du auch gesagt, als du ihm dieses Zeug<br />

ins Glas getan hast.«<br />

»Das war ein Reinfall. Ja, ja…«<br />

»Lass uns einfach schlafen.«<br />

Er schleuderte die Decke vom Bett und stand<br />

auf. »Dann mache ich es eben allein.«<br />

»Sei doch nicht albern. Was hast du eigentlich<br />

vor?«<br />

Auf der Suche nach seinen Sachen stolperte er<br />

im Zimmer herum. Er sah mich fragend an. Nicht<br />

wegen meines Einwandes, sondern weil er sich<br />

anscheinend nicht daran erinnern konnte, wo er<br />

seine Socken geparkt hatte. Ich deutete mit dem<br />

Zeigefinger in Richtung Fensterbrett. Wie auch<br />

immer er das schaffte, sie waren da.<br />

»Erinnerst du dich noch?«<br />

Ich setzte mich auf den Bettrand und gab die<br />

Unwissende.<br />

»Letzten Herbst hast du mich gefragt, was ich<br />

denn mit einer Kettensäge anfangen will.« Er<br />

hatte beide Socken an den Füßen und steuerte<br />

auf die Tür zu.<br />

Ich saß noch einen Moment grübelnd auf dem<br />

Bett bis ich endlich verstand, was er mir damit<br />

sagen wollte. Nachdem mich der helle Blitz der<br />

Erkenntnis getroffen hatte stützte ich hinter ihm<br />

her.<br />

Er war schon längst aus der Hintertür raus. Und<br />

ich hatte um diese Uhrzeit noch etwas mit<br />

meiner Orientierung zu hadern. Es vergingen<br />

noch gute zwei Minuten bis ich meinen Mantel<br />

und die Wollmütze gefunden hatte und ihm<br />

folgen konnte.


Als ich humpelnd, noch an meinen Stiefeln<br />

zupfend, am Schuppen ankam, dröhnte auch<br />

schon das ungleichmäßige Röhren der Kettensäge.<br />

Sie stotterte etwas. Kein Wunder. Sie hatte<br />

schon vier Monate unbenutzt im Schuppen<br />

verbringen müssen.<br />

Cole erschien in der Tür und nickte mir zu. Wenn<br />

er etwas gesagt hätte, wäre mir das eh entgangen.<br />

Er steuerte schnurstracks auf das kleine<br />

Haus am äußersten Ende unseres Grundstücks<br />

zu. Ich hatte Mühe ihm durch den Schnee zu<br />

folgen.<br />

Er verschwand bereits in der Tür, die er wenige<br />

Sekunden zuvor zu Kaminholz verarbeitet hatte,<br />

als ich in einem Loch stecken blieb. Ich konnte<br />

das Gleichgewicht nicht mehr halten und fiel<br />

nach einigen Sekunden des Kämpfens, doch in<br />

die Tiefen des Schnees. Mein Stiefel hatte sich<br />

in einem Loch des alten Zaunes verfangen, den<br />

wir im Sommer abgerissen hatten. Er war völlig<br />

verfault gewesen und einige der Pfähle waren<br />

abgebrochen. Eines der Enden hatte ich nun<br />

gefunden. Mit einem kräftigen Ruck konnte ich<br />

mich zwar befreien, landete aber noch einmal<br />

im Schnee.<br />

»Mist.«<br />

<strong>kurzgeschichte</strong> 71<br />

Tracy Stahlhut - Auf gute Nachbarschaft<br />

Als ich mich aufkämpfte hörte ich plötzlich das<br />

aufheulen der Kettensäge und die überraschten<br />

Schreie eines alten Mannes. Ich konnte mir<br />

seinen letzten Anblick nur zu gut vorstellen. Dein<br />

Nachbar stürmt mitten in der Nacht mit einer<br />

röhrenden Kettensäge in dein Schlafzimmer. Das<br />

letzte was du siehst ist sein zufriedenes Gesicht.<br />

Ich stand im Mondschein und wartete darauf,<br />

dass Cole wieder aus dem Haus kam. Die Säge<br />

war schon eine Weile verstummt.<br />

Der Kamin brannte und wir hatten es uns mit<br />

Decken und einem Glas Wein gemütlich<br />

gemacht. Wir hatten das zersplitterte Holz der<br />

Vordertür aufgesammelt und nun wärmte es<br />

unsere Körper und das Haus von dem ich mein<br />

ganzes Leben lang geträumt hatte.<br />

ENDE


72<br />

flash fiction<br />

Auf seiner Terrasse in Friedrichshagen zündet sich der Chefarzt eine Zigarre an<br />

und schlägt seinen Krimi auf. Er merkt nicht, dass er selbst in einem mitspielt.<br />

Hannelore aus Hannover schleicht – besser: hüpft – heimlich durch den Garten.<br />

Sie ist nämlich Privatpatientin. Als solche ist sie nicht von dem Oberarzt operiert<br />

worden, der täglich zehn OP’s hat. Sie wurde vom Chef persönlich operiert, es<br />

war die letzte OP vor seiner Pensionierung.<br />

Irgendetwas wurde verwechselt, jedenfalls ist ein Bein weg. Zwei Beine weg wäre<br />

schlimmer, dann könnte sie nicht mehr hüpfen. Aber Hannelore ist nachtragend<br />

und hüpft jetzt heimlich durch den Friedrichshagener Rhododendron.<br />

Nun ja: ein Stich, ein Schrei, vorbei, vorbei. Der Grabstein für den Chefarzt soll<br />

fast eine Tonne wiegen.<br />

Hannelore aus Hannover<br />

von Jochen Stüsser-Simpson<br />

Sozialkritische Flash Fiction<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


„Das Rätsel ist im Wesentlichen entschlüsselt“<br />

titelte die Süddeutsche 2007 in einem kurzen<br />

Artikel über den menschlichen Geist. Doch lässt<br />

sich so etwas wirklich eindeutig feststellen? Was<br />

ist denn das „Wesentliche“ des Geistes, wo man<br />

doch schon seit Jahrhunderten darüber diskutiert,<br />

woraus dieser besteht? Dieses System<br />

einfach aufs Gehirn zu reduzieren wäre doch viel<br />

zu einfach oder? Wobei ja selbst der „Geist“ ja<br />

nur einen kleinen Teil des Menschseins ausmacht.<br />

Was ist z. B. mit unserem Bewusstsein<br />

oder unserer komplexen Gefühlswelt, die bei<br />

jedem anders aussieht? Ließe sich so etwas<br />

überhaupt wissenschaftlich erforschen und<br />

dokumentieren? Natürlich könnte man theoretisch<br />

das Feuern der Synapsen bei einem Menschen<br />

aufzeichnen und so individuelle<br />

Verhaltensmuster erstellen, aber ist das bei allen<br />

Menschen möglich? Wohl kaum. In ferner<br />

Zukunft werden Marketingfachleute eventuell<br />

auf solche Daten zurückgreifen, um so die<br />

Menschheit immer weiter zu klassifizieren, kategorisieren,<br />

kleinzumachen. Wir würden dann in<br />

einem technokratischen Kastensystem leben, in<br />

dem künftige Entscheidungen der meisten Menschen<br />

bereits kurz nach der Geburt ausgewertet<br />

und prognostiziert würden mit dem klaren Nachteil,<br />

dass gewisse Grenzen nicht mehr überschritten<br />

werden könnten, unsere Freiheit also<br />

arg beschnitten würde. Das kann und will man<br />

doch als Freidenker nicht akzeptieren. Ich bin<br />

zeit meines Lebens immer davon ausgegangen,<br />

dass jeder jederzeit zu einer 180°-Wende in der<br />

Lage ist und sich auch aus der schlimmsten<br />

Ausgangssituation noch heraus manövrieren<br />

artikel<br />

Warum Androiden und Roboter uns niemals ersetzen werden<br />

Sven Klöpping - Warum Androiden und Roboter uns niemals ersetzen<br />

werden<br />

73<br />

von Sven Klöpping<br />

kann. Das wäre, folgt man den Argumentationen<br />

der Wissenschaftler, dann kaum noch möglich,<br />

weil wir alle in einem deterministischen Netz aus<br />

logischen Ariadnefäden gefangen sein würden,<br />

in dem unser Bewegungsspielraum so stark<br />

eingeschränkt wäre, dass der Zufall wirklich nur<br />

noch sehr, sehr zufällig vorbeikommen würde<br />

und könnte.<br />

Aber ich will nicht schwarzmalen. Natürlich hat<br />

die Erforschung des menschlichen Körpers auch<br />

positive Auswirkungen. So können Krankheiten<br />

früher diagnostiziert, Behinderungen behandelt<br />

und unser Bewusstsein sicher noch stark erweitert<br />

werden. Aber all die technischen Hilfsmittel<br />

wie z. B. Retinaimplantate, künstliche Gelenke,<br />

Prothesen etc. sind eben nur Stützen, die<br />

unseren Alltag erleichtern sollen. Sie sollten uns<br />

nicht komplett ersetzen. Und hier kommen wir<br />

zu einer wichtigen Frage, die sich künftige Generationen<br />

stellen müssen: Wie weit wollen wir<br />

gehen? Lassen wir zu, dass wir Schritt für Schritt<br />

zu Maschinen degradiert werden oder wollen<br />

wir unsere eigene Individualität (mit all den<br />

kleinen Fehlern) erhalten? Für mein MegaFusion-Universum<br />

habe ich deshalb drei Kategorien<br />

von Androiden entworfen: A-, B- und C-Klasse-<br />

Modelle. Während bei letzteren nahezu alle<br />

menschlichen Körperteile von gleichwertigen<br />

künstlichen ersetzt wurden, befinden sich bei<br />

den A-Klasse-Modellen lediglich einige Implantate<br />

im Körper (beispielsweise zur Kommunikation).<br />

Natürlich haben die verschiedenen Klassen<br />

auch individuelle Rechte und Pflichten, denen<br />

sie sich als Bürger eines futuristischen Staates


74<br />

artikel<br />

stellen müssen. Durch die klare Abgrenzung<br />

MenschMaschine ergeben sich auch in der<br />

realen Welt für alle neue Spielregeln, die erst<br />

einmal über Jahrzehnte erlernt und gepflegt<br />

werden sollten, damit eine Kritik daran auf<br />

soliden Erfahrungswerten basiert.<br />

Ohnehin glaube ich, dass wir heutzutage mit<br />

unseren Postulierungen arg übertreiben, wenn<br />

wir behaupten: „Das Rätsel ist im Wesentlichen<br />

entschlüsselt“. Denn Logik kann niemals spontane<br />

Emotionen ersetzen, bestenfalls analysieren.<br />

Was wir momentan tun, verkleinert unseren<br />

Erfahrungshorizont eher als dass es ihn erweitert<br />

und ergänzt: So werden immer winzigere<br />

Teile des Gehirns unter die Lupe genommen, es<br />

werden Schlüsse gezogen und Prognosen getroffen,<br />

die am Ende völlig danebenliegen, weil man<br />

Gehirnteil X nicht berücksichtigt hat. Die perfekte<br />

Methode, einen Menschen komplett zu<br />

erforschen, besteht IMHO darin, eine exakte<br />

Kopie zu kreieren, also einen Androiden, der<br />

eigentlich gar keiner ist, weil er das genaue<br />

Ebenbild eines Menschen darstellt (ein Klon zum<br />

Beispiel). Aber das können wir auch einfacher<br />

haben: Einfach eine passende Frau suchen und<br />

Kinder zeugen! Aber Spaß beiseite: Es könnte<br />

durchaus sehr interessant werden, mit Androiden<br />

zu kommunizieren. Wie würde ein künstliches<br />

Lebewesen auf unsere Gefühle und<br />

Vorstellungen reagieren? Ein paar Fragen hierzu<br />

hat Star Trek dank Data schon eindrucksvoll<br />

beantwortet. Aber es bleibt noch vieles offen.<br />

Wie werden sie über uns denken? Werden sie<br />

zu denselben Schlussfolgerungen gelangen wie<br />

wir? Werden sie am Ende sogar an einen Gott<br />

glauben? Zu Beginn werden Androiden wohl<br />

eher Spielkameraden und Befehlsempfänger<br />

sein. Bis wir sie weiterentwickelt und das Ziel<br />

erreicht haben, das wir eigentlich erreichen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

wollen – dass sie z. B. als Botschafter vielleicht<br />

einmal unsere Art zu leben, unsere Philosophien<br />

und Weltvorstellungen ins All hinaustragen, weil<br />

sie dort überlebensfähiger sind –, bis dahin wird<br />

die Sahara wohl noch eine Menge Dünen<br />

wandern lassen. Und natürlich bleibt die Frage<br />

offen, ob ein Android, der von uns ins All hinausgeschickt<br />

wird, auf seiner langen Reise nicht zu<br />

ganz anderen Ergebnissen kommt als wir und<br />

vielleicht sogar eine antihumanoide Denkweise<br />

entwickelt, die uns Schaden zufügen könnte …<br />

Neben der technischen Komponente ist auch die<br />

Frage interessant, ob Androiden jemals fähig<br />

sein werden, einen „Geist“ zu haben, wie wir<br />

Menschen es ja von uns voraussetzen. Andreas<br />

Kemmerling schreibt in einem Essay: „Ein<br />

Mensch, der keinen Geist hat, wäre zwar kein<br />

Widerspruch in sich selbst, er wäre aber, in<br />

gewisser Weise zumindest, etwas Widernatürliches“.<br />

Wenn man Roboter und Androiden als<br />

widernatürlich bezeichnet, weil sie nicht aus der<br />

Evolution hervorgegangen, sondern künstlich<br />

hergestellt worden sind, muss man diese Widernatürlichkeit<br />

dann auch auf Menschen anwenden,<br />

die mit Implantaten oder Prothesen<br />

künstlich aufgewertet wurden, oder auf Androiden,<br />

die nur noch ein menschliches Gehirn<br />

besitzen? Bis zu welchem Grad ist ein künstliches<br />

Lebewesen „widernatürlich“ und hat demnach<br />

kein Recht, einen eigenen Geist zu besitzen? Die<br />

Philosophie trennt hierbei den Geist vom<br />

Bewusstsein und lässt somit einen Türspalt für<br />

all jene offen, die menschlichen Maschinen,<br />

Robotern und Computern zwar keinen Geist<br />

zusprechen, dafür aber ein eigenes Bewusstsein.<br />

Descartes‘ berühmter Satz „Ich denke, also bin<br />

ich“ gewinnt für diese Argumentation eine ganz<br />

neue Bedeutung. Denn das Denken, also das<br />

Verarbeiten von Informationen, das zu einem


sichtbaren Ergebnis führt (wie etwa eine Berechnung),<br />

beherrschen Computer schon seit Konrad<br />

Zuses Zeiten. Aber besitzen sie deswegen auch<br />

schon ein eigenes Bewusstsein? Das Nachdenken<br />

über sich selbst, die Selbstreflektion, ist<br />

meiner Ansicht nach ein eindeutiger Beweis für<br />

Bewusstsein. Sollten Computer also einmal in<br />

der Lage sein, über ihre eigene Lage nachzudenken<br />

und sie kritisch zu reflektieren, dann hätten<br />

sie so etwas wie „Bewusstsein“ erlangt. Dennoch:<br />

den „Geist“ und die Emotionen als<br />

logische Konsequenz des Geistes kann keine<br />

Maschine der Welt mit logischen Hilfsmitteln<br />

simulieren. Hierzu bedarf es einer höheren<br />

Fähigkeit, die allen Lebewesen inne wohnt und<br />

die zwar mit unserem Gehirn zentral verknüpft<br />

ist, aber nur im Zusammenhang mit dem ganzen<br />

Körper gesehen werden sollte. Nur wenn alles<br />

perfekt zusammen arbeitet und harmoniert,<br />

fühlen wir. Zum Beispiel würde ein Android nie<br />

von selbst auf die Idee kommen, ihm fehle<br />

Erdbeereis, weil es gerade in diesem Moment<br />

Lust auf diese Eissorte hat. Die Logik würde ihm<br />

jegliches Hungergefühl versagen. Zwar könnte<br />

man ihn darauf programmieren, in regelmäßigen<br />

Abständen Nahrung zu sich zu nehmen, aber es<br />

wäre nicht dasselbe wie z. B. bei einem Säugling,<br />

der sogar anfängt zu weinen wenn er seinen<br />

Hunger nicht stillen kann. Oder nehmen wir die<br />

Liebe – auch sie ist einem Androiden völlig<br />

fremd, weil er sie nicht zum (Über-)Leben<br />

braucht. Was sich bei der Menschheit über<br />

Jahrtausende hinweg entwickelt und durchgesetzt<br />

hat, lässt sich einem künstlichen Lebewesen<br />

nicht innerhalb von ein paar Jahren<br />

einprogrammieren oder beibringen. Hierzu<br />

bedarf es einer ganzen Gesellschaft von Androiden,<br />

die über Jahrzehnte, wenn nicht sogar<br />

Jahrhunderte, miteinander auskommen muss.<br />

Und selbst dann wäre noch nicht zu hundert<br />

Sven Klöpping - Warum Androiden und Roboter uns niemals ersetzen<br />

werden<br />

artikel 75<br />

Prozent sicher, ob sie zu denselben Ergebnissen<br />

kommen würden wie die Menschen, weil ihre<br />

Logik ja auf ganz anderen Grundwerten basieren<br />

würde. Für eine intellektuelle Maschine zählt<br />

nicht, Kinder in die Welt zu setzen, sondern<br />

möglichst viel Wissen zu erlangen, dieses zu<br />

verarbeiten und notwendigerweise zu optimieren.<br />

So würde besagte Androidengesellschaft<br />

vielleicht eine Stadt modernisieren oder Agrarwirtschaft<br />

betreiben können, aber die Liebe zu<br />

einem anderen Geschlecht würde sie nur dann<br />

erlernen, wenn sie sich ähnlich wie die Menschen<br />

vermehren müssten, was sie im Prinzip ja<br />

von ihrem Androidendasein erlösen und zu<br />

richtigen Lebewesen machen würde, wegen<br />

denen wir eine solche Diskussion überhaupt<br />

nicht mehr zu führen bräuchten.<br />

Unsere Emotionen gehören uns. Sie haben sich<br />

im Verlauf der Evolution erfolgreich durchgesetzt.<br />

Wir müssen Acht geben, dass wir sie nicht<br />

verlernen, denn das könnte angesichts der<br />

logisch-technischen Dominanz der Wissenschaft<br />

schon recht bald geschehen. Wir wären dann<br />

nichts weiter als Marionetten, die an den Fäden<br />

der Wirtschaft hängen, die wiederum die Wissenschaft<br />

bezahlt, die uns beibringt, dass all dies<br />

ganz „natürlich“ sei. Am Ende werden wir sogar<br />

selbst zu den Androiden die wir eigentlich als<br />

Hilfskräfte erschaffen wollten: emotionslos,<br />

lieblos, sprachlos angesichts von Unbekanntem.<br />

Doch bevor es dazu kommt, müsste viel zu viel<br />

geschehen, als dass ich ernsthaft daran glauben<br />

könnte. Der menschliche Geist wird am Ende<br />

immer die Oberhand behalten. Auch wenn wir<br />

nicht entschlüsseln können, was diesen Geist<br />

eigentlich ausmacht – macht uns nicht gerade<br />

das zu echten, mitfühlenden, spontanen Menschen?<br />

Lasst uns von der (von der Wirtschaft<br />

abhängigen) Wissenschaft nicht ein X für ein U


76<br />

artikel<br />

vormachen! Jeder von uns ist einzigartig und<br />

bleibt es auch! Da können noch so viele Codes<br />

entschlüsselt, noch so viele Tests durchgeführt<br />

werden. Warum der Anblick eines kleinen Kätzchens<br />

für uns so schön ist, warum das Meeresrauschen<br />

uns so beruhigt, das wird kein Android<br />

mit all seiner Logik uns je erklären können.<br />

Oder?<br />

© Gaby Hylla<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


Neues aus dem Netz: Die Net-Novellisten<br />

von Markus Kügle<br />

Auf meinen Streifzügen durch die unendlichen<br />

Weiten und Breiten des Internets bin ich vor gar<br />

nicht allzu langer Zeit auf eine höchst vielversprechende<br />

Seite gestoßen. Sie nennt sich Netnovela<br />

und ist nach eigener Aussage „das erste<br />

Portal für Fortsetzungsromane und -<br />

geschichten. Jede Woche neu erscheinen hier<br />

spannende, gefühlvolle, fantastische, abenteuerliche<br />

und unheimliche Episoden in unseren<br />

Serien und Reihen – für Leser zwischen 6 und<br />

106 Jahren.“ Eine beeindruckende Palette an<br />

verschiedensten literarischen Werken ist dort<br />

schon online zum Lesen gestellt – inklusive eines<br />

erfrischend frech geschriebenen Blogs von der<br />

sich selbstbewusst so titulierenden ‚Coolen<br />

Carla’. Dabei dürfen aber auch die allseits anerkannten<br />

Klassiker nicht fehlen! Franz Kafka,<br />

Lewis Caroll, Arthur Canon Doyle und Gustave<br />

Flaubert tummeln sich also neben vielversprechenden<br />

Newcomern wie dem jüngsten Vertreter<br />

des New Journalism, den literarischen<br />

Reisereporter Marcel Eichenseher und der poetischen<br />

Essayistin Rena Raupach. Das nötigt<br />

zweifelsohne Respekt ab. Und Netnovela hat für<br />

die Zukunft noch viel vor. Das Portal will sowohl<br />

novus sein, als auch ein<br />

Novum bleiben: „Das<br />

Angebot an<br />

Romanen/Novelas soll<br />

noch weiter ausgebaut<br />

werden. Wir wollen euch<br />

schon bald die<br />

Geschichten hübsch<br />

lesbar aufs Smartphone<br />

und ipad liefern, und in<br />

Helke Böttger<br />

Die Net-Novellisten<br />

interview<br />

77<br />

naher Zukunft wollen wir Leser und Autoren<br />

auch bei Lesungen überall in Deutschland<br />

zusammenbringen.“ Um noch mehr Informationen<br />

für die <strong>SpecFlash</strong> zu erhalten und rauszufinden,<br />

wer da genau hinter den Netz-Novellas<br />

steckt, habe ich mich mit Helke Böttger und Kay<br />

Beißert unterhalten.<br />

MK: Hallo! Die erste Frage wäre auch gleich:<br />

Wie beurteilt ihr momentan die Lage der<br />

eLiteratur im Internet? Für ambitionierte<br />

Schreiberlinge ist es ja nicht immer einfach,<br />

seriös zu publizieren. Außerdem ist<br />

das ja alles so schrecklich unübersichtlich<br />

geworden …<br />

HB+KB: Es ist ganz offensichtlich, dass die Nachfrage<br />

nach eLiteratur mit der Verbreitung<br />

moderner Anzeigegeräte wie iPad<br />

und Smartphone immer weiter zunimmt<br />

…<br />

MK: Deswegen hat <strong>SpecFlash</strong> ja auch schon<br />

auf ein ePaper-Format umgestellt. (Eine<br />

kleine Bemerkung am Rande)! Aber ich<br />

wollte nicht unterbrechen.<br />

Kay Beißert


78<br />

interview<br />

HB+KB:Sehr wahrscheinlich werden eBooks bzw.<br />

eLiteratur nach dem mp3-Boom und<br />

Portalen wie Y��T��� sogar das nächste<br />

große Massenphänomen im Internet.<br />

Das scheinen auch schon die großen<br />

Anbieter wie A����� bemerkt zu haben,<br />

da sie inzwischen Künstlern eine Plattform<br />

bieten, ihre Romane und<br />

Geschichten auf diese Weise zu veröffentlichen<br />

und zum Verkauf anbieten zu<br />

können.<br />

MK: A����� arbeitet nun ja schon sehr eng<br />

mit dem K����� zusammen! Der ist<br />

eigentlich schon vor gut vier Jahren auf<br />

den Markt gekommen, aber da hat sich<br />

dann erst mal nicht viel getan. Bis<br />

heute …<br />

HB+KB: Der Markt tatsächlich sehr unübersichtlich.<br />

Wir denken, die großen Anbieter<br />

werden wie bisher nach kommerziellen<br />

Kriterien aussortieren bzw. Abhängigkeiten<br />

in Form von Knebelverträgen für<br />

Autoren schaffen. Und auf einer Plattform<br />

wir A����� geht der kleine Autor<br />

gnadenlos im Überangebot unter. Viele<br />

kleinere Plattformen und private Projekte<br />

wiederum lassen sämtlichen Wildwuchs<br />

zu, da darf jeder, der das Alphabet<br />

beherrscht, alles veröffentlichen. Dieses<br />

Überangebot und vor allem die Unstrukturiertheit<br />

sind für den Leser sicher sehr<br />

ermüdend, so dass er wieder zum<br />

Bekannten greift. Und für den Autor ist<br />

es immer noch schwer, sich aus der<br />

Masse hervorzuheben.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

MK: Das Projekt Netnovela kann da vielleicht<br />

bei manchen Problemen Abhilfe<br />

schaffen?<br />

HB: Als Autorin außerhalb der großen Publikumsverlage<br />

hatte ich es satt, Standardabsagen<br />

zu bekommen, in denen<br />

meistens nicht einmal mein Name richtig<br />

geschrieben wurde. Ich kenne aber auch<br />

die Probleme der Internetpublikation<br />

und wollte eine Alternative für Autoren<br />

in meiner Situation, und ich denke, da<br />

gibt es viele, schaffen. Die Idee von<br />

Netnovela ist, nicht nur Newcomern eine<br />

Plattform zu bieten, auf der sie ihre<br />

Werke einem Publikum vorstellen und<br />

erstes Feedback erhalten können,<br />

sondern auch etablierte Autoren und<br />

Hobbyautoren darin zu integrieren.<br />

Durch dieses breite Spektrum auf einer<br />

Plattform hoffen wir, dass sich zukünftig<br />

so viele Leser angezogen fühlen, dass<br />

sich die Newcomer entwickeln können<br />

und eine breite Leserschaft finden. Diese<br />

Mission wäre für uns schließlich erfüllt,<br />

wenn aus Netnovela mindestens ein<br />

Bestsellerautor hervorgehen würde.<br />

MK: Das klingt doch gut! Und wie kam es zu<br />

der Gründung dieses Projekts?<br />

KB: Im letzten Jahr trat Helke als Autorin auf<br />

der Suche nach einem Webdesigner an<br />

mich heran. Sie erzählte von ihrem<br />

Traum, ein Literaturportal für Autoren<br />

aller Art und Qualifikation im Internet zu<br />

schaffen. Mit ihren Ideen war es nicht<br />

schwer, mich ins Boot zu holen, schwerer<br />

war es, die Ideen zu sortieren und in<br />

einen technischen Rahmen zu pressen


und sie langsam an den Umfang und den<br />

Zeitrahmen des Projektes zu gewöhnen.<br />

Schließlich entwickeln und betreiben wir<br />

Netnovela ja ausschließlich als nebenberufliches<br />

No-Budget-Projekt. Für mich als<br />

Techniker liegt die Faszination in der<br />

Gründung einer Internet-Literaturgemeinschaft<br />

ganz besonderer Art. Bei<br />

Netnovela gibt es keine gegensätzlichen<br />

Seiten wie „Wir“ und „Ihr“, sondern nur<br />

eine Gemeinschaft aus Autoren und<br />

Lesern. Die Technologie soll dazu dienen,<br />

möglichst viele Leute zu erreichen und<br />

somit über die Zeit eine breite Autorenschaft<br />

bzw. Leserschaft zu entwickeln.<br />

Zur Zeit befindet sich Netnovela in einer<br />

ersten öffentlichen Betaphase. Es läuft<br />

noch nicht alles wie geplant, aber es ist<br />

für uns beeindruckend zu erleben, wie<br />

das Projekt von den ersten Benutzern<br />

angenommen wurde; wie es sich dann<br />

langfristig entwickelt, wird die Zukunft<br />

zeigen.<br />

MK: Und wie sieht das Angebot aus?<br />

KB: Momentan reicht das Angebot von Klassikern<br />

über etablierte Gegenwarts-<br />

Schriftsteller bis zum Hobbyautoren und<br />

Newcomer. Wenn ein Autor eine gute<br />

Geschichte veröffentlichen will, wird sie<br />

bei Netnovela publiziert. Dabei wollen<br />

wir das Angebot jedoch in zwei Ebenen<br />

gliedern: Romane und Geschichten ausgesuchter<br />

Netnovela-Autoren, die von<br />

einer erfahrenen Redaktion betreut<br />

werden (dazu gehören auch noch unbekannte<br />

Newcomer, die eine vielversprechende<br />

Geschichte anbieten), und die<br />

Geschichten von sich selbst publi-<br />

Die Net-Novellisten<br />

interview 79<br />

zierenden registrierten Netnovela-Benutzer,<br />

den Hobbyautoren. Sollte sich<br />

ein Autor auf dieser Ebene als erfolgreich<br />

erweisen, wird er ebenfalls gesondert<br />

betreut und gefördert.<br />

HB: Das Besondere an Netnovela ist, dass die<br />

Geschichten in Fortsetzungen präsentiert<br />

werden, wie es früher in Zeitungen<br />

der Fall war und wie es das Fernsehen<br />

heute noch praktiziert. Jeden Tag steht<br />

ein anderes Genre mit seinen neuen<br />

Folgen im Vordergrund. Das ist noch<br />

völlig neu bei einem Literaturportal im<br />

Internet. Auf diese Art hoffen wir, eine<br />

breite Leserschaft zu erreichen und vor<br />

allem auch Leute anzusprechen, die<br />

sonst kein Buch in die Hand nehmen<br />

würden. Hauptzweck ist eben, Autoren<br />

und Leser zusammenbringen und eine<br />

große literaturbegeisterte Gemeinschaft<br />

zu bilden, von der jeder etwas hat.<br />

MK: Also alles absolut fair für die Interessierten?<br />

HB: Ja. Leser erhalten neue, frische Literatur,<br />

abseits vom Buchhandel-Mainstream<br />

und ohne Kosten. Sie können mit<br />

Autoren kommunizieren, ihnen Tipps<br />

und Feedback geben und sogar selbst<br />

aktiv werden. Und Autoren erhalten eine<br />

kostenlose Möglichkeit, ihre Werke zu<br />

veröffentlichen, Leser zu finden und<br />

erste Meinungen zu erhalten. Und vielleicht<br />

sogar zum neuen Star am Literaturhimmel<br />

zu werden. Dabei werfen wir<br />

niemandem Knüppel zwischen die Beine<br />

auf dem Weg zum Ruhm, denn bei uns


80<br />

interview<br />

behält der Autor sämtliche Rechte an<br />

seinen Werken.<br />

MK: Aber jedes Manuskript könnt ihr dann<br />

auch wieder nicht veröffentlichen,<br />

oder? Wie sieht es mit einer Qualitätskontrolle,<br />

einem Lektorat aus?<br />

HB: Derzeit lektorieren wir die Werke der<br />

Netnovela-Autoren. Bei den Benutzergeschichten<br />

versuchen wir immer, eine<br />

Qualitätsprüfung vorzunehmen, um<br />

einem gewissen Grundanspruch gerecht<br />

zu werden. Inwieweit wir das für die<br />

Zukunft durchhalten können, müssen wir<br />

noch sehen. Bei großer Nachfrage<br />

seitens der Autoren werden wir Verstärkung<br />

im Lektorat bzw. der Redaktion<br />

benötigen oder wir müssen andere<br />

Lösungen finden.<br />

MK: Netnovela kann also ein Sprungbrett<br />

für junge AutorInnen sein?<br />

HB: Absolut. Dafür wurde es geschaffen.<br />

Newcomer können hier ihre ersten literarischen<br />

Gehversuche wagen und Autoren,<br />

die der gängigen<br />

Mainstream-Nachfrage nicht gerecht<br />

werden oder auch nicht gerecht werden<br />

wollen, können hier ihre Leserschaft<br />

finden. Wir streben auch an, in Zukunft<br />

Patenschaften zwischen gestandenen<br />

Autoren und Newcomern herzustellen<br />

sowie eine Schreibwerkstatt mit Kursen<br />

anzubieten. Doch das hängt unter<br />

anderem auch davon ab, wie Netnovela<br />

von den Lesern und Autoren bzw. den<br />

Benutzern angenommen wird.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

MK: Allgemein in Bezug auf das Verlagswesen<br />

… Verdrängt das eBook den guten<br />

alten Roman eurer Meinung nach?<br />

KB: Ich bin jetzt mal etwas provokant: Gibt<br />

es den guten alten Roman überhaupt<br />

noch?<br />

MK: Touché! Gott ist tot, der Autor ist tot<br />

und der Roman auch …<br />

KB: Im Vergleich zu meiner Kindheit hat sich<br />

der Buchhandel doch bereits grundlegend<br />

verändert. Wenn ich heute in den<br />

Buchladen gehe, habe ich das Gefühl, die<br />

gleiche Geschichte von verschiedenen,<br />

ähnlich klingenden Autoren in leicht<br />

geänderter Benennung vorzufinden. Einheitsbrei.<br />

Der Drang zu Gewinnoptimierung<br />

bei den Verlagen führt zu<br />

Mainstream, der den guten alten Roman<br />

verdrängt hat. Der klassische Buchladen<br />

ist doch kaum noch zu finden. Als Verfechter<br />

von Internet und dem freien<br />

Zugang zu digitalen Inhalten glaube ich,<br />

dass hierin eine Lösung für den guten<br />

alten Roman in transzendierter Form, als<br />

Ebook oder eLiteratur liegen könnte. Mit<br />

dieser Technologie erschließen sich neue<br />

Vertriebswege für kleine Autoren ohne<br />

Verlag. Unabhängige Onlineplattformen<br />

wie Netnovela können an dieser Stelle<br />

sogar ein Strohhalm für alternative Literatur<br />

sein. Somit kann der gute alte<br />

Roman mit Hilfe der digitalen Medien<br />

zuzusagen durch die Hintertür zurück zu<br />

seinen Lesern kommen.


MK: Was denkt ihr über den K�����?<br />

HB: Die Idee ist gut, die Ausführung noch<br />

etwas mangelhaft. Die Bedienung der<br />

preisgünstigen Modelle ist aus meiner<br />

Sicht sehr schlecht.<br />

KB: Für mich bilden der K����� und seine<br />

Konkurrenten iPad und Windows-<br />

/Android-Tab die Plattform, auf der Literatur<br />

im Internet erlebt werden kann. Ich<br />

bin ein Fan dieser Entwicklung, auch<br />

wenn einige Geräte noch nicht perfekt<br />

in der Bedienung bzw. noch recht teuer<br />

sind. Doch mit mobilen, internetfähigen<br />

Endgeräten können Literaturfans die<br />

neuesten Episoden ihrer Lieblingsnovela<br />

mal so zwischendurch, an der Bushaltestelle<br />

oder beim Friseur, lesen.<br />

MK: Wie bewerten ihr den momentanen<br />

Trend von Fortsetzungsromanen im<br />

Internet, speziell in Schreibforen?<br />

KB+HB: Das ist eine wunderbare Sache. Zum<br />

Einen ist es toll, wenn viele Begeisterte<br />

sich zusammenfinden, um als Gemeinschaft<br />

eine Geschichte zu schreiben,<br />

wenn unzählige kreative Ideen ein<br />

gemeinsames Behältnis finden, in dem<br />

sie wachsen und sich gegenseitig<br />

befruchten können, bis daraus schließlich<br />

ein unterhaltsames oder spannendes<br />

Endprodukt entsteht. Zum anderen ist<br />

der Fortsetzungsroman für Autoren eine<br />

interessante Alternative und Möglichkeit<br />

des Publizierens im Vergleich zum langwierigen<br />

Prozess des Schreibens eines<br />

abgeschlossenen Romans.<br />

Die Net-Novellisten<br />

interview 81<br />

MK: Wie sieht die Planung für Netnovela in<br />

nächster Zukunft aus?<br />

KB: Generell haben wir extrem viele Ideen.<br />

Leider können wir diese nur Stück für<br />

Stück nach unseren Möglichkeiten<br />

umsetzen. Aber um mal einige dieser<br />

Ideen kurz aufzuzählen: Lesungen,<br />

Schreibwerkstatt, Gemeinschaftsnovelas,<br />

interaktive Geschichten, Novelas und<br />

Episoden von Grafikern und Illustratoren<br />

illustrieren lassen und somit die Plattform<br />

Netnovela auch für Illustratoren<br />

interessant machen, eBooks, Netnovela-<br />

App und vieles mehr.<br />

HB: Ich sag es mal mit den Worten von<br />

Martin Luther King: “I have a dream.“ In<br />

meinem Traum lesen Teenager, Beamtin<br />

und Rentner an der Bushaltestelle die<br />

neuesten Episoden von Netnovela. Beim<br />

Friseur reden sie mit der Friseurin über<br />

die letzten Abenteuer der Netnovela-<br />

Heldin oder diskutieren darüber, wie die<br />

Novela wohl weitergehen wird. In<br />

meinem Traum sitzen abends Mütter am<br />

Bett ihrer Kinder und lesen ihnen Gutenachtgeschichten<br />

von Netnovela vor.<br />

Und ein Autor hält einen Literaturpreis<br />

in der Hand und lächelt dankbar glücklich<br />

in die Kamera, weil er seine ersten<br />

Schritte bei uns gemacht hat. Wenn<br />

dieser Traum Wirklichkeit geworden ist,<br />

dann haben wir unser Ziel erreicht.<br />

MK: Vielen Dank für das Gespräch. Und Ihr<br />

müsst uns unbedingt über die Entwicklungen<br />

von Netnovela auf dem Laufenden<br />

halten. Vor allem, wenn es zu<br />

den ersten Lesungen kommt …


82<br />

Kurz-Bio<br />

interview<br />

Helke Böttger: Studium der Theater-, Film- und<br />

Fernsehwissenschaften in Berlin, seit dem Jahr<br />

2000 als freiberufliche Autorin tätig, u.a. als<br />

Journalistin, Gagschreiberin für diverse Radiound<br />

TV-Shows, Drehbuchautorin, Ghostwriterin,<br />

verantwortliche Redakteurin, Texterin und<br />

Schriftstellerin<br />

Kay Beißert:Seit 1997 als Webdesigner und<br />

Grafiker tätig, seit 2003 freiberuflicher Webdesigner,<br />

Verfechter von alternativen Publikationsmöglichkeiten<br />

und freien Zugang zu Inhalten im<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Kay Beißert<br />

Internet. Arbeitet an verschiedenen freien Internetprojekten<br />

mit, darunter auch www.slamminpoetry.de.<br />

Ausschreibung: Ein phantastisches Weihnachtsgeschenk<br />

Vergesst Socken und Spielekonsole unterm Weihnachtsbaum! Wir haben etwas viel<br />

Besseres für euch - die erste phantastische Anthologie von Netnovela und <strong>SpecFlash</strong>! Ein<br />

eBook mit euren besten und schönsten Geschichten rund um Weihnachten ist unser<br />

Geschenk an euch!<br />

Schickt uns eure phantastischen Geschichten über und um Weihnachten, den Weihnachtsmann,<br />

Engel, Heinzelmännchen oder sprechende Rentiere; Geschichten von mysteriösen,<br />

gruseligen, übernatürlichen oder zukünftigen Ereignissen rund um dieses Fest. Hauptsache,<br />

sie sind phantastisch und haben mit Weihnachten zu tun.<br />

Aber bitte nur Geschichten, die ihr selbst geschrieben bzw. erdacht habt.<br />

Wer keine Lust oder kein Talent zum Schreiben hat, kann uns auch gerne Illustrationen<br />

schicken, doch auch hier gilt: nur Bilder, die tatsächlich von euch stammen. Wer die<br />

Rechte Dritter verletzt, wird von der Teilnahme ausgeschlossen.<br />

Einsendungen bis zum 31.10.2012 an info@netnovela.de oder<br />

<strong>kurzgeschichte</strong>n@specflash.de. Die 24 besten Geschichten werden in unserer<br />

Anthologie als eBook veröffentlicht und liegen als besonderer Adventskalender und<br />

zum Fest unter eurem Weihnachtsbaum.


Buchtipp: Das Schicksal der Paladine<br />

von Jörg Benne<br />

Bislang dachte Tristan, sein<br />

Vater arbeite auf einer Bohrinsel<br />

und sei deshalb so<br />

selten zuhause. Doch nach<br />

einem schweren Unfall<br />

seiner Schwester erfährt der<br />

Junge, dass sein Vater statt<br />

dessen als ein mächtiger<br />

Paladin zusammen mit<br />

anderen in der durch ein<br />

geheimes Tor erreichbaren<br />

Welt Nuareth für Recht und<br />

Ordnung sorgt. Mit seinen<br />

besonderen Kräften ist er<br />

die letzte Rettung für seine<br />

im Koma liegende Tochter,<br />

die die Ärzte aufgegeben haben.<br />

Doch seit einigen Tagen sind alle Paladine<br />

in Nuareth verschollen, niemand weiß,<br />

wohin. Da nur Nachkommen von Paladinen<br />

das Weltentor durchschreiten<br />

können, soll Tristan nun nach Nuareth<br />

aufbrechen und das Schicksal der Paladine<br />

klären, seinen Vater finden und rechtzeitig<br />

mit ihm zurückkehren, um seine Schwester<br />

zu retten.<br />

Eine fantastische Welt voller Abenteuer,<br />

fremder Kreaturen und unbekannter<br />

Gefahren wartet auf ihn.<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

Band 1 der Trilogie Das Schicksal<br />

der Paladine<br />

Autor:Jörg Benne<br />

Verlag:Koios Verlag in Praesens<br />

Jahr:2012<br />

Seiten:317 Seiten<br />

Einbandart: Paperback<br />

Maße: 120 x 190 mm<br />

Sprache: deutsch<br />

Kategorie: Fantasy<br />

ISBN-10: 3-902837-01-2<br />

ISBN-13: 978-3-902837-01-1<br />

=> bei Amazon kaufen<br />

Leseprobe I<br />

1<br />

»WIESO IST PAPA IMMER NOCH NICHT DA?«<br />

Tristan war aufgebracht. Es war ihm egal, dass<br />

die anderen Leute im Krankenzimmer neugierig<br />

zu ihm und seiner Mutter herüberschauten. »Ich<br />

meine, Svenja und ich liegen im Krankenhaus<br />

und er kommt nicht. Was kann so wichtig sein?«<br />

»Ich – ich habe ihn nicht erreicht«, sagte Tristans<br />

Mutter leise und schaute verlegen zu Boden.<br />

»Ich erkläre es dir gleich. Komm, pack deine<br />

Sachen.«<br />

Tristan machte den Mund auf, um seinem<br />

Ärger weiter Luft zu machen, doch der Ausdruck<br />

im Gesicht seiner Mutter ließ ihn stumm bleiben.<br />

Las er da Angst in ihrem Gesicht? War etwa auch<br />

noch etwas mit Papa passiert?


DIE Bücherdimension<br />

Hastig packte er die wenigen Dinge, die er<br />

während seines kurzen Krankenhausaufenthaltes<br />

gebraucht hatte, in die Tasche. Nur eine<br />

Gehirnerschütterung hatten die Ärzte diagnostiziert.<br />

Er wünschte, seine Schwester Svenja<br />

hätte ebenso viel Glück gehabt. Doch sie lag auf<br />

der Intensivstation im Koma. Und das schon seit<br />

zwei Tagen. Was in aller Welt konnte Papa davon<br />

abgehalten haben zu kommen? Je länger Tristan<br />

darüber nachdachte, desto mehr Angst bekam<br />

er selbst.<br />

Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, platzte<br />

es aus ihm heraus. »Also, was ist mit Papa, sag<br />

schon. Ist auf der Bohrinsel etwas passiert?«<br />

Seine Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, nein.<br />

Aber ich kann ihn nicht erreichen.«<br />

»Nicht erreichen?«, ereiferte sich Tristan.<br />

»Was ist mit dem Büro seiner Firma? Was<br />

sagen die, wo er steckt? Die müssen doch eine<br />

Erklärung haben und ihm wenigstens eine Nachricht<br />

weiterleiten können.«<br />

Seine Mutter schnäuzte sich, schüttelte den<br />

Kopf und wieder war da dieser Ausdruck von<br />

Furcht in ihrem Gesicht, der Tristan beunruhigte.<br />

»Lass uns zu Svenja gehen«, wechselte sie das<br />

Thema.<br />

Sie verließen die Station und fuhren mit dem<br />

Aufzug zum Intensivbereich. Nur einer von<br />

ihnen durfte gleichzeitig zu Svenja. Tristan<br />

ging als Erster, zog sich den Umhang, die<br />

Handschuhe und den Mundschutz über und trat<br />

in den Raum.<br />

Svenjas Kopf war dick bandagiert, Schläuche<br />

kamen aus Mund und Nase, eine Maschine<br />

piepste, eine andere pumpte Luft in und aus<br />

ihren Lungen. Tristan saß lange bei ihr und hielt<br />

ihre Hand, bat sie stumm um Entschuldigung.<br />

Er konnte sich nur vage an den Unfallhergang<br />

erinnern. Ein dummer Streit wegen Papa, ob er<br />

zu Svenjas Geburtstag von der Bohrinsel<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

kommen würde oder nicht. Svenjas Worte hatte<br />

Tristan noch im Ohr. »Weil er das Spiel deiner<br />

doofen Bayern verpasst hat, glaubst du er<br />

kommt auch nicht zu meinem Geburtstag?«,<br />

hatte sie gesagt. »Er kommt! Er weiß doch, was<br />

wirklich wichtig ist.« Daraufhin war Tristan<br />

erbost aus dem Schulbus gestürmt, der gerade<br />

anhielt.<br />

Den Rest hatte seine Mutter ihm im Krankenhaus<br />

erzählt. »Sie hat dich weggestoßen und ist<br />

selber von dem Auto angefahren worden, das<br />

dich sonst getroffen hätte«, hatte sie<br />

geschluchzt und Tristan würde nie wieder diesen<br />

einen Blick vergessen, den sie ihm in diesem<br />

Moment zuwarf.<br />

Nachdem er die Intensivstation verlassen hatte,<br />

musste er draußen im Flur warten, während<br />

seine Mutter bei Svenja war. Er stierte auf den<br />

Linoleumboden und erinnerte sich an all die<br />

Enttäuschungen, die er mit seinem Vater schon<br />

erlebt hatte. Verdammte Bohrinsel, dachte er.<br />

Warum kann mein Vater nicht irgendwo im Büro<br />

arbeiten wie andere auch?<br />

Mama sah furchtbar aus, als sie aus der<br />

Intensivstation kam. Die Augen verheult, den<br />

Mund verkniffen, führte sie ihn wortlos aus<br />

dem Krankenhaus und zum Auto. Während der<br />

Fahrt hing Tristan weiter seinen düsteren Erinnerungen<br />

nach und merkte erst nach einer<br />

Weile, dass sie gar nicht nach Hause fuhren.<br />

»Mama, wo fahren wir hin?«<br />

»Zu Papas Firma«, antwortete sie knapp. »Ich …<br />

Da hat sich zuletzt niemand mehr gemeldet,<br />

keiner geht ans Telefon. Ich will wissen, was da<br />

los ist. Sie haben uns einiges zu erklären. Vor<br />

allem dir.« Sie hielt an einer Ampel, straffte<br />

sich und sah Tristan in die Augen. »Dein Vater<br />

arbeitet nicht auf einer Bohrinsel«, eröffnete sie<br />

ihm unvermittelt. »Das hat er noch nie, er war<br />

nur mal auf einer, um die Fotos zu machen, die


DIE Bücherdimension<br />

dann mit der Post kamen. Er ist ein …« Es hupte<br />

hinter ihnen, die Ampel war grün geworden. Sie<br />

fuhr los und konzentrierte sich auf den Verkehr,<br />

da sie abbiegen wollte.<br />

Tristan schossen die wildesten Gedanken<br />

durch den Kopf. Was ist Papa? Ein Verbrecher?<br />

Ein Geheimagent? Ein Soldat? Ein …<br />

»Eins musst du wissen. Dein Vater ist ein guter<br />

Mensch. Er hilft anderen in … sehr weit weg<br />

jedenfalls. Und wenn er nicht nach Hause<br />

kommt, dann muss es etwas sehr Wichtiges sein,<br />

das ihn davon abhält.«<br />

Tristan runzelte die Stirn. »Was ist er denn nun?<br />

»Ein Paladin«, erwiderte sie knapp.<br />

»Ein was?« Tristan sah sie verständnislos an.<br />

Seine Mutter seufzte. »Das ist alles furchtbar<br />

kompliziert zu erklären und wahrscheinlich<br />

würdest du mich für verrückt halten, wenn ich<br />

es versuche.« Sie machte wieder eine Pause<br />

wegen des Verkehrs, bog ab und fuhr Richtung<br />

Innenstadt. »Dann weißt du also, wo er ist?<br />

Warum rufst du ihn nicht an? Ist sein Handy<br />

ausgeschaltet?«<br />

Mama lächelte schwach. »Dort wo er ist, gibt es<br />

keine … keinen Empfang. Und nein«, ihre<br />

Stimme schwankte und sie flüsterte nur noch:<br />

»Nein, ich habe keine Ahnung, wo genau er ist.«<br />

Sie schluchzte und eine Träne rann ihre Wange<br />

hinab. Sanft legte sie Tristan eine Hand aufs<br />

Bein. »Das ist für dich alles sehr schwierig zu<br />

verstehen. Ich weiß auch nicht alles über das,<br />

was Papa tut, aber in seinem Büro wird man es<br />

dir erklären – hoffe ich.«<br />

Ein Paladin, echote es noch einmal in Tristans<br />

Gedanken. Was zum Teufel sollte das bedeuten?<br />

Sie sprachen nicht mehr, bis sie zu einem großen<br />

Bürokomplex kamen und anhielten. Dort waren<br />

die Niederlassungen vieler Firmen untergebracht<br />

und Mama führte ihn zum Aufzug und<br />

in die siebzehnte Etage. Vor dem Aufzug war<br />

DIE Bücherdimension<br />

ein Flur, der an beiden Seiten Glastüren hatte.<br />

Mama wandte sich nach rechts und klingelte an<br />

einer Tür mit der Aufschrift »Paladine Limited«,<br />

was Tristans Verwirrung nur noch steigerte.<br />

Niemand kam. Seine Mutter klingelte nochmals<br />

und schließlich zog sie an der Tür. Sie<br />

öffnete sich. »Komisch,« murmelte sie und rief<br />

dann laut: »Hallo!« Keine Antwort. Zögerlich trat<br />

sie ein und ging den Flur entlang. Er war dunkel,<br />

denn er hatte keine Fenster und alle Türen,<br />

die abgingen, waren verschlossen. »Hallo!!!«,<br />

rief sie noch lauter. Tristan sah sich beklommen<br />

um. An der ersten Tür auf der linken Seite<br />

stand »Empfang« und Mama klopfe und trat<br />

ein. In dem Raum war niemand, ein normales<br />

Sekretärinnen-Büro mit einem großen Schreibtisch,<br />

vielen Ablagen, einem ausgeschalteten PC,<br />

alles etwas unordentlich, so wie ein normaler<br />

Arbeitsplatz. »Das verstehe ich nicht«, murmelte<br />

Mama. Sie öffneten noch zwei weitere Türen,<br />

ein Konferenzsaal und das Badezimmer, hier<br />

alles aufgeräumt und verlassen. Alle weiteren<br />

Türen waren abgeschlossen.<br />

Tristan sah, dass seine Mutter den Tränen nah<br />

war, als sie wieder in den Aufzug stiegen, und<br />

verkniff sich daher weitere Fragen. Die letzte<br />

Hoffnung seinen Vater zu finden, war offenbar<br />

verloren, das begriff Tristan auch so und spürte,<br />

wie sich sein Magen verkrampfte. Nicht auch<br />

noch Papa. Wortlos fuhren sie nach Hause. Der<br />

Briefkasten ihres Einfamilienhauses quoll über<br />

und Tristan fragte sich, wann Mama das letzte<br />

Mal zuhause gewesen war. Auch jetzt ignorierte<br />

sie die Post und so war es Tristan, der noch<br />

einmal zum Briefkasten ging, um sie zu holen.<br />

Überwiegend war es Werbung, aber es fanden<br />

sich auch zwei Postkarten mit Genesungswünschen<br />

darunter, eine von seinem Freund Florian,<br />

wie Tristan gehofft hatte. Auch von der Schule<br />

war ein Brief da, der war sicherlich wichtig. Und


DIE Bücherdimension<br />

dann war da noch einer von … Tristan rannte ins<br />

Wohnzimmer.<br />

»Mama, sieh mal. Ein Brief von Papas Firma.«<br />

Seine Mutter hatte gedankenverloren auf dem<br />

Sofa gesessen, doch nun sprang sie auf und riss<br />

ihm den Brief förmlich aus der Hand. Ein Schlüssel<br />

fiel heraus, als sie ihn öffnete, außerdem<br />

enthielt er noch zwei Bögen Papier, die Mama<br />

eilig überflog.<br />

Tristan hatte Mühe, Geduld zu bewahren, und<br />

als sie den ersten Bogen umblätterte, fragte er<br />

schließlich. »Was steht drin? Was ist mit Papa?«<br />

»Die zweite Seite ist für dich.« Sie reichte ihm<br />

beide und er begann zu lesen.<br />

Sehr geehrte Frau von Niehus,<br />

wir haben vor Kurzem wegen Ihres Mannes und<br />

Ihrer Kinder telefoniert. Leider muss ich das Büro<br />

jetzt recht überstürzt verlassen und kann Ihnen<br />

keine neuen Nachrichten von Ihrem Mann überbringen.<br />

Genau genommen habe ich seit drei<br />

Wochen nichts mehr von ihm gehört. Als er<br />

damals durch das Portal ging, hatte er fast alle<br />

Paladine zusammen gerufen, um einer Gefahr<br />

entgegen zu treten. Er sagte, es könne dauern,<br />

bis er wiederkomme, und ich solle Ihnen auf<br />

keinen Fall etwas sagen, um Sie nicht zu beunruhigen,<br />

es würde schon gut gehen.<br />

Nachdem die Paladine aber so lange nichts von<br />

sich hören ließen, haben wir Verbliebenen<br />

beschlossen, dass auch wir gehen, denn es war<br />

vereinbart, dass nach spätestens zwei Wochen<br />

hiesiger Zeit eine Nachricht kommen sollte.<br />

Wir machen uns große Sorgen und wollen uns<br />

mit vereinten Kräften der Gefahr stellen, was<br />

auch immer es sein mag, denn das wissen wir<br />

nicht.<br />

Nach dem Unfall Ihrer Kinder ist mir klar, dass<br />

Sie mehr als genug Sorgen haben, und Ihren<br />

Mann herbei wünschen, weil er Svenja womöglich<br />

helfen könnte, oder irgendeiner der anderen,<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

wenn einer zurückkehrt. Doch ich kann Ihnen<br />

nicht sagen, wo sie sind und wann sie zurückkommen<br />

werden. Es gibt aber eine Möglichkeit,<br />

die Sie in Betracht ziehen sollten. Tristan<br />

könnte uns folgen, sobald er aus dem Krankenhaus<br />

entlassen wurde, und versuchen wenigstens<br />

eine Nachricht von uns zurückzubringen.<br />

Es bleibt kein einziger Paladin mehr hier, die<br />

Knappen sind alle schon mit der letzten Gruppe<br />

gegangen und die übrigen Nachkommen sind zu<br />

jung. Tristan ist ja 16 Jahre alt, wenn ich mich<br />

recht entsinne, und damit alt genug, um ihn<br />

herüberzuschicken. Überlegen Sie es sich. Auf der<br />

zweiten Seite habe ich einige Erklärungen zusammengefasst,<br />

damit er nicht völlig unvorbereitet<br />

in die andere Welt kommt.<br />

Ich wünsche Ihnen und vor allem Svenja alles<br />

Gute und hoffe, dass Sie Ihren Mann bald wiedersehen,<br />

womöglich noch bevor Sie diese Zeilen<br />

lesen.<br />

Leben Sie wohl<br />

Jessica Meyhoff Tristan war vollkommen verwirrt.<br />

»Wovon redet sie? Andere Welt, Gefahr,<br />

Portal, Knappen?«<br />

»Lies die zweite Seite«, sagte Mama nur. »Das<br />

erklärt einiges.«<br />

Lieber Tristan,<br />

ich bin Jessica, die Assistentin deines Vaters und<br />

ebenfalls ein Paladin. Ich weiß nicht, wie viel<br />

deine Mutter dir erklärt hat, habe aber auch<br />

nicht viel Zeit, daher hier nur das Nötigste.<br />

Vor etwa 100 Jahren fand eine internationale<br />

Gruppe europäischer Archäologen unter den<br />

Grabbeigaben eines Pharaos ein Amulett. Auf<br />

dem Rückweg von der Ausgrabungsstätte wurde<br />

ihre Expedition von Grabräubern überfallen, die<br />

meisten Funde wurden gestohlen und die Archäologen<br />

retteten sich verwundet und erschöpft in<br />

die Wüste. Sie drohten zu verdursten, als aus<br />

dem Amulett – ein sogenanntes Portlet – ein


DIE Bücherdimension<br />

Zylinder aus Licht auftauchte. Auf Rettung<br />

hoffend gingen sie hindurch und kamen in eine<br />

andere Welt – Nuareth. Genauer gesagt, die<br />

Insel Nasgareth. Diese Welt ist der unseren sehr<br />

ähnlich, nur leben dort nicht nur Menschen,<br />

sondern auch fremdartige Geschöpfe, und alles<br />

ist auf dem Niveau des Mittelalters. Die Archäologen<br />

erkannten bald, dass sie in dieser Welt<br />

unbändige Kräfte hatten und Male erschienen<br />

auf ihrer Haut, mit denen sie Zauber wirken<br />

konnten, vor allem Heilzauber. Doch es brach<br />

Streit aus, einige von ihnen wollten die Welt<br />

erobern, sie ausbeuten, andere betrachteten es<br />

als ihre Verantwortung, die andere Welt zu<br />

schützen und zu bewahren. Es kam schließlich<br />

zum Kampf, den nur drei überlebten, drei von<br />

denen, die Nuareth schützen wollten. Sie<br />

blieben lange dort, lernten ihre magischen<br />

Fähigkeiten zu nutzen, und bevor sie schließlich<br />

zurückkehrten, sprachen sie einen Zauber über<br />

das Portlet auf der anderen Seite, sodass nur<br />

noch ihre Nachkommen es durchschreiten<br />

können sollten.<br />

Sie brachten das Portlet zurück nach Europa und<br />

besuchten Nasgareth immer wieder und ihre<br />

Nachkommen tun es bis heute. Dein Vater Darius<br />

ist nicht nur einer von diesen Paladinen, wie wir<br />

uns nennen, er ist auch unser Anführer.<br />

Den restlichen Brief hatte sie nur noch eilig und<br />

in Stichpunkten hingekritzelt:<br />

Schlüssel öffnet die verschlossenen Türen im<br />

Büro. Passende Kleidung, Nuareth noch immer<br />

Mittelalter<br />

Zeit vergeht dort schneller, eine Woche dort ist<br />

etwa ein Tag hier<br />

Heilkräfte halten bei längerem Aufenthalt ein<br />

paar Stunden nach Rückkehr aus Nasgareth<br />

auch hier, versierter Paladin kann Svenja helfen<br />

Portlet in Abstellkammer. Leg es auf den Boden<br />

und schmiere einen Tropfen deines Blutes darauf<br />

DIE Bücherdimension<br />

Geh Pfad bis Ende, Dorf, Taverne, Wirt Martin,<br />

kein Paladin aber einer von uns<br />

Vernichte diesen Brief, wenn du nicht gehst.<br />

Alles Gute<br />

Jessica<br />

Tristan sah seine Mutter lange an. Was er dort<br />

gelesen hatte, klang wie absoluter Unsinn, und<br />

doch … Plötzlich erinnerte er sich. Damals, als er<br />

sich den Arm gebrochen hatte. Der Arzt hatte<br />

gesagt es sei ein komplizierter Bruch, der Gips<br />

müsste wochenlang dranbleiben. Dann kam<br />

Papa und als ein paar Tage später kontrolliert<br />

wurde, war der Arzt total überrascht. Oder die<br />

Grippe, die er einmal einen Tag vor seinem<br />

Geburtstag bekommen hatte. Er war so enttäuscht<br />

gewesen, endlich kam Papa und er lag<br />

krank im Bett. Doch am nächsten Morgen war<br />

er gesund gewesen. Konnte das wirklich … »Ist<br />

das wahr, Mama?«, flüsterte er.<br />

Sie nickte. »Ich hab es erst auch nicht geglaubt,<br />

als er es mir erzählt hat. Aber er konnte es<br />

beweisen. Er hat Blumen wieder blühen lassen,<br />

meinen Schnupfen kuriert und so viel mehr.<br />

Vielleicht könnte er auch Svenja retten.«<br />

»Dann fahr mich wieder zum Büro«, forderte<br />

Tristan sofort.<br />

»Bist du verrückt?«, herrschte sie ihn an. »Hast<br />

du es nicht gelesen? Die Paladine haben dort<br />

übermenschliche Kräfte, und doch sind sie alle<br />

verschwunden. Papa ist fort, Svenja im Koma,<br />

ich …« Ihre Stimme brach und sie hauchte nur<br />

noch. »Ich will dich nicht auch noch verlieren.«<br />

Tags darauf saß Tristan zuhause am Fenster und<br />

stierte dumpf nach draußen. Genau so hatte er<br />

da gesessen und sich geärgert, als Papa nicht zu<br />

dem Fußballspiel gekommen war, erinnerte er<br />

sich. Wie albern und dumm ihm das nun vorkam.<br />

Tristan war schuld, dass Svenja im Koma lag,<br />

vielleicht nie wieder aufwachte, oder wenn doch<br />

– was ihm noch schlimmer erschien – mit


DIE Bücherdimension<br />

bleibenden Schäden, behindert, geistig verwirrt<br />

weiterleben musste. Nur wegen ihm.<br />

Und nun war da diese vage Hoffnung. Wenn<br />

er in das fremde Land ginge und seinen Vater<br />

fände oder irgendeinen der anderen Paladine …<br />

Aber wie sollte er das anstellen? Und lebten sie<br />

überhaupt noch? War Papa tot? Der Gedanke<br />

schnürte ihm die Eingeweide zusammen.<br />

Mama war wieder bei Svenja im Krankenhaus,<br />

Tristan sollte zuhause bleiben und sich noch<br />

ausruhen. Nächste Woche sollte er wieder<br />

zur Schule gehen, auch wenn die Sommerferien<br />

kurz danach beginnen würden und in<br />

dem Brief von der Schule angeboten worden<br />

war, ihn wegen der besonderen Belastung bis<br />

dahin freizustellen. Aber seine Gedanken<br />

kreisten unaufhörlich um diese fremde Welt, um<br />

die Lügen seiner Eltern. Ob sie es mir je gesagt<br />

hätten, fragte er sich. Und hatte Svenja etwas<br />

gewusst? Haben sie es nur mir verheimlicht? Er<br />

vertrieb diesen bitteren Gedanken und setzte<br />

sich vor den Fernseher, um sich abzulenken.<br />

Als Mama nach Hause kam, war er in einen Film<br />

vertieft und grüßte sie nur beiläufig, doch kurz<br />

darauf hörte er sie in der Küche schluchzen. Sie<br />

weinte heftig und Tristan fühlte wieder Angst.<br />

War Svenja …? Er eilte zu ihr. »Was ist, Mama?<br />

Ist etwas mit Svenja?«<br />

Kurz versuchte sie sich zu beherrschen, wandte<br />

ihm den Rücken zu, um ihre Tränen zu verbergen,<br />

doch dann schüttelte sie ein neuerlicher<br />

Weinkrampf. Tristan legte den Arm um sie.<br />

»Mama, bitte, sag, was los ist.«<br />

»Eine Woche«, schluchzte sie. »Der Chefarzt …<br />

Er meinte, wenn sie in der nächsten Woche nicht<br />

aufwacht, dann …«<br />

»Dann, was?«<br />

»Dann sollte man … sollte man in Erwägung<br />

ziehen … die Maschinen … abzuschalten.«<br />

»Das hat er dir gesagt?«<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Sie schüttelte den Kopf. »Es war Visite, als ich<br />

kam. Sie haben mich nicht bemerkt, als sie<br />

miteinander über Svenja sprachen.«<br />

Eine Woche. Es war wie ein Countdown, den<br />

man gestartet hatte und die Zeit verrann nun<br />

wie Sand zwischen ihren Fingern. Sein Herz<br />

schlug heftig, er atmete zitternd, er wusste, was<br />

er sagen musste. Doch der Mut verließ ihn mit<br />

jeder Sekunde, die er zögerte. Er ballte die<br />

Hände zu Fäusten. Es war meine Schuld, rief er<br />

sich in Erinnerung und damit kämpfte er den<br />

Feigling in sich nieder. Mit bebender und doch<br />

deutlicher Stimme forderte er: »Bring mich<br />

ins Büro, Mama.«<br />

»Aber …«<br />

»Sofort.« Nun war seine Stimme fest, er war<br />

entschlossen. »Ich werde Papa finden, er kann<br />

Svenja retten. Ich muss es versuchen.«<br />

Sie öffnete den Mund, um ihm zu widersprechen,<br />

doch dann nickte sie nur und zog ihn in<br />

ihre Arme.<br />

Wenig später standen sie wieder an der Bürotür.<br />

Mama gab ihm den Schlüssel. »Ich werde lieber<br />

nicht mit hineinkommen, sonst versuche ich<br />

doch noch, es dir auszureden.« Sie umarmte ihn.<br />

»Du bist ein tapferer Junge. Ich bin stolz, dass<br />

du das auf dich nimmst.«<br />

Tristan blickte verlegen zu Boden, allzu tapfer<br />

kam er sich im Moment nicht vor. Er hatte Angst.<br />

»Was erwartet mich dort?«, fragte er leise.<br />

»Ich weiß es nicht«, antwortete seine Mutter<br />

mit zitternder Stimme. »Dein Vater hat nicht oft<br />

…«<br />

»Hat Svenja davon gewusst?«, unterbrach<br />

Tristan sie plötzlich.<br />

Mama schüttelte den Kopf. »Nein, natürlich<br />

nicht. Ihr solltet es erfahren, wenn ihr 18 seid.«<br />

Sie machte eine Pause und setzte dann an:<br />

»Tristan, du musst wissen, dass … Papa und ich<br />

… es könnte sein, dass …«


»Was?«<br />

»Nicht so wichtig.« Sie brachte ein Lächeln<br />

zustande. »Bring ihn zurück« Sie drückte ihn<br />

noch einmal an sich und schluchzte. »Kommt<br />

beide gesund wieder.«<br />

»Das verspreche ich«, sagte Tristan und machte<br />

sich sanft von ihr los. »Pass du auf Svenja auf.«<br />

Sie strich ihm zärtlich über die Wange. »Und du<br />

auf dich.«<br />

»Mache ich«, sagte er, dann wartete er, bis sich<br />

die Türen des Aufzugs hinter ihr geschlossen<br />

hatten und ging ins Büro von Paladine Limited,<br />

gespannt, was ihn hinter den verschlossenen<br />

Türen erwarten würde.<br />

Leseprobe II<br />

DIE Bücherdimension<br />

»Shhhh.« Martin hielt eine Hand ans Ohr. »Hörst<br />

du das?«<br />

Tristan lauschte angestrengt, hörte zunächst<br />

nichts, dann glaubte er laute Stimmen zu vernehmen<br />

und metallische Geräusche.<br />

»Da kämpft jemand«, stellte Martin fest und<br />

eilte voran, seinen Nobo hinter sich her zerrend.<br />

Vor ihnen machte die Straße eine Biegung,<br />

sodass sie nicht ausmachen konnten, wer die<br />

Geräusche verursachte.<br />

Tristan beeilte sich Schritt zu halten, und als sie<br />

um die Kurve kamen, sahen sie knapp zwanzig<br />

Meter entfernt einen der Rastplätze, auf dem<br />

zwei vierrädrige Planwagen standen. Sie verdeckten<br />

die Sicht auf den Platz selbst und so<br />

konnten sie immer noch nicht erkennen, was vor<br />

sich ging, aber die Kampfgeräusche kamen ohne<br />

Zweifel von dort.<br />

Martin drückte Tristan die Zügel seines Nobos<br />

in die Hand und zog sein Schwert. »Du bleibst<br />

hier und passt auf die Nobos auf, ich sehe mir<br />

das mal an.«<br />

DIE Bücherdimension<br />

Ehe Tristan aufbegehren konnte, eilte Martin<br />

schon auf die Kutschen zu. Dort angekommen,<br />

schlich er vorsichtig um einen Wagen herum,<br />

sprang dann vor und verschwand aus Tristans<br />

Blickfeld. Er hörte überraschte Rufe, neue<br />

Kampfgeräusche und ein lautes Brüllen und<br />

war so konzentriert dabei, aus den Geräuschen<br />

irgendetwas zu erkennen, dass er nicht<br />

bemerkte, wie die Nobos unruhig wurden und<br />

auf und ab tänzelten. Erst als einer heftig an<br />

seinen Zügeln und damit an Tristans Arm riss,<br />

sah der Junge sich um, was die Tiere so nervös<br />

machte. Er erstarrte, als er das seltsame Wesen<br />

erblickte, das sich vom Wald her angeschlichen<br />

hatte und ihn nun mit leuchtenden Augen<br />

fixierte.<br />

Es stand aufrecht, war dicht beharrt mit<br />

schwarzem Fell und hatte einen Kopf wie ein<br />

Wolf, nur viel größer. Die Arme endeten in<br />

Klauen mit langen, gebogenen Krallen, die Füße<br />

waren große Tatzen. Die Kreatur sah aus wie<br />

eine bizarre Mischung aus Wolf und Mensch.<br />

Das Maul stand offen und lange Fangzähne<br />

ragten daraus hervor. In leicht geduckter<br />

Haltung und mit einem leisen Knurren schlich<br />

das Wesen näher.<br />

Die Nobos tänzelten herum, zischten die Kreatur<br />

an und Tristan musste aufpassen, dass sie ihn<br />

mit den Zügeln nicht fesselten. Er tastete nach<br />

dem Dolch an seinem Gürtel und wich gleichzeitig<br />

zurück in Richtung des Rastplatzes.<br />

Die Kreatur erkannte seine Absicht und schlug<br />

einen Bogen, um ihm den Weg abzuschneiden,<br />

musste sich dabei aber aus der Reichweite der<br />

Nobos halten, die mit ihren Schwänzen nach ihm<br />

schlugen oder mit den Mäulern<br />

schnappten.Doch dann gerieten die Echsen<br />

plötzlich in Panik und sprangen in Richtung<br />

Rastplatz.


DIE Bücherdimension<br />

Tristan wurde davon völlig überrascht und zu<br />

Boden gerissen. Er hatte sich die Zügel eines<br />

Nobos ums Handgelenk gewunden und wurde<br />

ein Stück mitgeschleift, ehe es ihm gelang, sich<br />

zu befreien. Doch nun lag er allein auf der<br />

Straße, die Nobos waren fort und die Kreatur<br />

stand ein paar Meter vor ihm und starrte ihn an,<br />

spannte sich, bereit zum Sprung.<br />

Tristans Blick fiel auf die Male auf seinen<br />

Armen. Der Lähmzauber, welche Kombination<br />

brauchte er dafür nochmal? Er wählte ein Stärkemal,<br />

doch die Male auf dem rechten Arm<br />

wollten ihm nicht mehr einfallen. Die Kreatur<br />

sprang, keine Zeit mehr zum Überlegen. Tristan<br />

berührte wahllos einige Male, spürte das Kribbeln<br />

in der Hand und zeigte auf das Wesen.<br />

Doch es schoss kein Strahl aus seinem Finger<br />

hervor, statt dessen schien die Luft einen Knick<br />

zu bekommen, der sich kreisförmig ausbreitete.<br />

Mitten im Sprung wurde das Wesen in hohem<br />

Bogen fortgeschleudert, plötzlicher Wind fuhr<br />

Tristan durchs Haar und drückte ihn auf den<br />

Boden, und sogar die Blätter der Bäume raschelten.<br />

Hatte er das bewirkt?<br />

Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.<br />

Obwohl die Kreatur einige Meter weit weggeschleudert<br />

worden war, rappelte sie sich schon<br />

wieder auf. Auch Tristan sprang hoch und<br />

rannte, nach Martin rufend, zu den Wagen.<br />

Hinter sich hörte er die Krallen des Wesens über<br />

die Straße schaben, seinen hechelnden Atem,<br />

der immer näher kam. Es waren nur noch<br />

wenige Meter bis zum ersten der Wagen und<br />

Tristan machte einen Sprung und rollte sich über<br />

die Schulter ab, wie er es in vielen Jahren<br />

Judo-Training gelernt hatte. Er kroch unter<br />

den Wagen, aus der Reichweite des<br />

Wesens,wie er hoffte. Hinter sich hörte er ein<br />

Krachen, als die Kreatur gegen den Wagen<br />

knallte. Doch sie gab noch nicht auf.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Tristan robbte weiter unter den Wagen, sah<br />

Füße auf der anderen Seite und einige<br />

Verletzte am Boden liegen. Kämpfte Martin<br />

mit noch mehr von diesen Kreaturen? Tristan<br />

schrie auf, als sich die Krallen seines Verfolgers<br />

in seine Wade bohrten. Das Vieh hatte sein Bein<br />

zu fassen bekommen und versuchte ihn nun<br />

unter dem Wagen hervor zu ziehen. Tristan<br />

suchte nach etwas, woran er sich festhalten<br />

konnte, packte schließlich die Achse des Wagens<br />

und trat gleichzeitig mit dem freien Fuß nach<br />

dem Wolfswesen. Es knirschte vernehmlich, als<br />

er die Hand traf, die ihn festhielt, und die Kreatur<br />

heulte auf, ließ ihn aber nicht los, sondern zog<br />

nur noch fester, während Tristan sich festklammerte.<br />

Die Krallen gruben sich tiefer in sein Bein,<br />

der Schmerz trieb Tristan die Tränen in die<br />

Augen und er ließ los. Er wurde unter dem<br />

Wagen hervorgezerrt und schlug in blinder Panik<br />

um sich, traf dabei die Schnauze des Wesens und<br />

hörte ein erneutes Aufheulen. Der Griff um sein<br />

Bein löste sich. Tristan wälzte sich zur Seite und<br />

kam mühsam auf die Beine. Sogleich musste er<br />

zurückspringen, als das Wolfswesen seine klauenbewehrte<br />

Pranke schwang, um ihn aufzuschlitzen.<br />

Seine Schnauze blutete stark, die<br />

Augen blitzen hasserfüllt, und Geifer troff von<br />

den Lefzen. Es setzte zu einem weiteren Sprung<br />

an, und Tristan wusste, diesmal würde er nicht<br />

schnell genug reagieren können. Er hob nur die<br />

Arme, um die Kreatur abzuwehren.<br />


"Wir sind Smurk, Hüter der Pforte. Wir wachen<br />

darüber, dass nur die Paladine und ihre Knappen<br />

zwischen den Welten wandern. Du kommst aus<br />

der anderen Welt, aber du bist kein Paladin,<br />

wenn du noch nie einen Drachen gesehen hast<br />

und hier ohne Leuchtkugel im Dunkeln tappst.<br />

Erkläre dich!"<br />

Als seine Schwester nach einem Unfall im Koma<br />

liegt, erfährt der 16jährige Tristan, dass sein<br />

Vater gar nicht auf einer Bohrinsel in der<br />

Nordsee arbeitet, sondern als mächtiger Paladin<br />

die fremde Welt Nuareth bewacht. Nur ist er von<br />

dort lange nicht zurückgekehrt. Tristans Aufgabe<br />

ist es also durch das Portlet dorthin zu reisen um<br />

seinen Vater zu suchen. Denn ein erfahrerener<br />

Paladin kann mit seinen magischen Kräften<br />

eventuell seine Schwester retten. Aber seinen<br />

Vater zu finden, ist für Tristan gar nicht so<br />

einfach: Er muss sich in Nuareth zurechtfinden,<br />

begegnet Ogern, Vogelmenschen, Nekromanten,<br />

Gnomen, Riesenspinnen... und sogar<br />

einem Drachen!<br />

Jörg Benne nimmt den Leser mit in eine fantastische<br />

Welt, in der viele Abenteuer auf den noch<br />

jungen Helden warten. Bekannte und neue<br />

Fantasy-Völker begegnen einem auf den gut 300<br />

Seiten und leider viel zu schnell ist der erste<br />

Band vorbei. Ich hätte am liebsten gleich den<br />

nächsten Band zur Hand gehabt ;) Leider herrschen<br />

ja gerade bei den kleinen Verlagen strenge<br />

Seitenlimitationen – diesem Buch hätten sicherlich<br />

auch noch 200 Seiten mehr keinen Abbruch<br />

getan. Ich hätte gerne noch viel mehr über die<br />

verschiedenen Völker und auch über die<br />

Geschichte der anderen Paladine erfahren. Mini-<br />

DIE Bücherdimension<br />

Rezension: "Das Schicksal der Paladine: Verschollen" von Jörg Benne<br />

DIE Bücherdimension<br />

male Abzüge bei der Wertung gibt es für den<br />

Sprachstil. Insgesamt ist das Buch zwar sehr<br />

anschaulich geschrieben, an einigen Stellen<br />

haben aber viele kurze Sätze hintereinander und<br />

Wortwiederholungen den Lesefluss ein wenig<br />

ins Stocken geraten lassen.<br />

Alles in allem ein wunderbares Buch, dass Lust<br />

auf mehr macht! Von mir gibt es daher 9 von 10<br />

Punkten und eine Leseempfehlung für alle High-<br />

Fantasy-Fans, die sich mit Tristan auf eine spannende<br />

Quest begeben wollen. Besonders<br />

Pen&Paper Rollenspieler, werden hier tolle<br />

Inspirationen finden und einige klassische Elemente<br />

wiedererkennen. Zudem besteht die<br />

Möglichkeit auf www.nuareth.de in einem textbasierten<br />

Rollenspiel diese Welt selber als Held<br />

zu erkunden.<br />

Wer ebenfalls gedanklich nach Nuareth reisen<br />

möchte, kann das mit dem ersten Band von "Das<br />

Schicksal der Paladine" tun. "Verschollen" ist im<br />

September 2012 im Koios Verlag erschienen<br />

(ISBN: 9783902837011) und kostet 14,50 €.<br />

Wertung: 9 von 10 Punkten<br />

© 2012 Anke Wittmaack<br />

TOP<br />

TIPP<br />

von Anke Wittmaack


DIE Bücherdimension<br />

Interview mit Jörg Benne<br />

dem Schöpfer der Trilogie "Das Schicksal der Paladine"<br />

1. Stell dich doch bitte einmal kurz vor. Wie alt<br />

bis du, verheiratet, Kinder, Interessen? In<br />

welchem Teil der Republik bist du beheimatet?<br />

Ich bin 37 Jahre alt und wohne mit meiner<br />

Familie (2 Kinder) im Rheinland nahe dem Ruhrgebiet,<br />

wo ich geboren und aufgewachsen bin.<br />

Für die Schreiberei habe ich mich schon seit<br />

Grundschulzeiten interessiert, schon in der<br />

dritten Klasse wurden erste Geschichten von<br />

mir vorgelesen. In der Jugend wollte ich dann<br />

auf dem damals noch jungen Computerspielesektor<br />

Fuß fassen, habe auch hier für eigene<br />

Spielideen Geschichten verfasst - und später<br />

folgerichtig Informatik studiert. Sowohl der<br />

Schreiberei als auch den Computerspielen blieb<br />

ich treu, seit Mai 1999 betreibe ich das Onlinemagazin<br />

GameCaptain.de, bei dem mittlerweile<br />

fast 4000 Spielerezensionen erschienen sind.<br />

Daneben lese ich gern (vor allem Thriller und<br />

Fantasy), schaue viele Filme (querbeet) und mag<br />

Brett- und Rollenspiele.<br />

2. Wo kann man deine Geschichten lesen, bzw.<br />

wo sind sie veröffentlicht worden? Oder hast<br />

du sie nur für dich geschrieben und hältst sie<br />

noch vor der Öffentlichkeit versteckt ? Arbeitest<br />

du derzeit an einer<br />

Geschichte/Computerspiel? Wenn ja, verrate<br />

uns doch ein paar Details darüber.<br />

Für mich selbst habe ich sie nicht geschrieben,<br />

aber einen Verlag zu finden, hat leider sehr lange<br />

gedauert. Zwischenzeitlich habe ich einige Kurzgeschichten<br />

in kleinen Anthologien veröffentli-<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

cht, nun ist der erste Roman meiner<br />

Fantasy-Trilogie "Das Schicksal der Paladine"<br />

gerade im Koios Verlag erschienen, die anderen<br />

beiden Teile sind auch bereits fertiggestellt und<br />

derzeit im Lektorat. Dazu habe ich zwei phantastische<br />

Kinderbücher in der Schublade, die noch<br />

einen Verlag suchen.<br />

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich die Hoffnung<br />

einen Verlag zu finden schon beinahe aufgegeben<br />

und mich auf eine Selbstveröffentlichung<br />

vorbereitet. Daher hatte ich auch die Idee, quasi<br />

als Werbeplattform für die Romane ein Browserspiel<br />

zu entwickeln, das in meiner Fantasy-<br />

Welt spielt und da ich damit schon recht weit<br />

fortgeschritten war, als die Koios-Zusage kam,<br />

habe ich es dennoch fertiggestellt. Mittlerweile<br />

ist es für jedermann unter www.nuareth.de<br />

zugänglich und wird ständig erweitert.<br />

Daneben werkele ich auch an einer weiteren<br />

Roman-Trilogie, die ebenfalls in Nuareth spielt,<br />

quasi eine Neuauflage meines allerersten<br />

Romans, den ich kurz nach dem Abitur fertiggestellt<br />

hatte. Aus heutiger Sicht sehe ich da noch<br />

einiges an Verbesserungspotential. Außerdem<br />

hatte ich damals (Mitte der 90er) noch mit Elfen<br />

und Orks gearbeitet, von diesen - meiner<br />

Meinung nach doch etwas überstrapazierten -<br />

Völkern bin ich nun weg und setzte überwiegend<br />

auf eigene Kreationen.<br />

3. Wie war dein schriftstellerischer Werdegang?<br />

Hast du mal daran gedacht ein Schreibseminar<br />

zu besuchen? Von wem bekommst du<br />

sonst Feedback zu deinen Geschichten? Bist du


in Foren aktiv und tauscht dich dort mit<br />

anderen Autoren aus?<br />

Ich bin reiner Autodidakt, habe nie einen Schreibunterricht<br />

besucht und kann daher den Sinngehalt<br />

auch nicht beurteilen. Ich bin seit Jahren<br />

Mitglied des Autorenforums Tintenzirkel, wo<br />

man sich untereinander austauscht. Außerdem<br />

habe ich viele Betaleser und einen kleinen Autorenkreis,<br />

in dem wir uns monatlich treffen und<br />

Szenen vorlesen und besprechen. Ich bin sehr<br />

dankbar für die vielen Anregungen, die ich dort<br />

bekomme.<br />

Sicher habe ich in Sachen Handwerk noch Luft<br />

nach oben, ob mir aber ein Seminar die richtigen<br />

Impulse geben könnte, weiß ich nicht. Die Preise<br />

sind mir zu hoch, um es einfach mal auszuprobieren.<br />

4. Wie du ja selbst schreibst, ist es ein steiniger<br />

Weg zur ersten Veröffentlichung. Wie sah das<br />

Manuskript deines Buches aus, als es das erste<br />

Mal vom Lektor zurück kam?<br />

Inhaltlich waren der Lektor und ich uns sofort<br />

weitgehend einig, da gab es nur wenige Änderungen.<br />

Vor allem über das Ende wurde einige Zeit<br />

diskutiert, denn es ist nun mal Band 1 einer<br />

Trilogie, aber wir wollten auch nicht mit einem<br />

fiesen Cliffhanger aufhören.<br />

In Sachen Formulierungen gab es die eine oder<br />

andere Baustelle und vor allem die Kommasetzung<br />

sorgte für diverse Korrekturanmerkungen.<br />

Alles in allem hielt es sich aber im Rahmen. Ich<br />

habe dann aber selbst noch einige Änderungen<br />

vorgenommen, denn seit der letzten Überarbeitung<br />

war schon wieder mehr als ein Jahr vergangen,<br />

da sieht man ja viele Textstellen schon<br />

wieder mit anderen Augen.<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

5. Warum hast du dich für ein gedruckte Werk<br />

und gegen ein E-Book entschieden? Oder wird<br />

es von deiner Trilogie auch einen digitale<br />

Ausgabe geben? Inzwischen hört man ja aus<br />

verschiedenen Ecken, dass die E-Books die<br />

gedruckten Bücher in den Verkaufszahlen überrunden.<br />

Glaubst du an eine Zukunft des Buches<br />

in gedruckter Form?<br />

Meines Wissens ist es in Deutschland noch lange<br />

nicht so weit, das eBooks Print überholen. Der<br />

Koios Verlag hat aber trotzdem auch Pläne<br />

hinsichtlich digitaler Formate, was das WANN<br />

angeht, ist aber wohl noch nichts beschlossen.<br />

Persönlich bin ich noch kein eBook-Nutzer, ich<br />

bin generell kein Fan geschlossener Systeme und<br />

der Idee, dass ich ein Buch, das ich gekauft und<br />

gelesen habe, nicht weiterverkaufen oder einem<br />

Freund leihen oder schenken kann. Außerdem<br />

leihe ich selbst viel in der Bibliothek, da geht<br />

zumindest in meiner Stadt noch gar nichts mit<br />

eBooks.<br />

Eine Zukunft gibt es sicher für Print, viele Leute<br />

wollen eben Bücher im Regal haben oder stören<br />

sich an den genannten Einschränkungen.<br />

6. Kommen wir zu deiner Trilogie "Das Schicksal<br />

der Paladine". Was kannst du unseren Lesern<br />

über die Geschichte erzählen, ohne zu viel zu<br />

verraten.<br />

Mein Plan ist, meine Fantasy-Welt Nuareth nach<br />

und nach wachsen zu lassen und viele Romane<br />

dort anzusiedeln. Für den Einstieg habe ich mir<br />

überlegt, dass man so eine fremde Welt natürlich<br />

besonders gut mit den Augen von jemandem<br />

entdecken kann, für den sie genauso neu ist, wie<br />

für den Leser.<br />

Tristan ist ein sechzehnjähriger Junge von der<br />

Erde, der auf der Suche nach seinem Vater durch


DIE Bücherdimension<br />

ein Weltentor nach Nuareth kommt. Alle Erdenmenschen,<br />

die durch das Tor gehen, verfügen<br />

über besondere Kräfte (Magie) und nutzen<br />

diese, um als sogenannte "Paladine" für Recht<br />

und Ordnung zu sorgen. Doch nun sind alle<br />

Paladine verschollen, keiner weiß, was mit ihnen<br />

geschah, und Tristan macht sich auf, es herauszufinden.<br />

Auch er hat diese besonderen Kräfte<br />

und muss lernen mit diesen und den damit<br />

einhergehenden Erwartungen an ihn umzugehen.<br />

7. Wer oder was hat dich zu der Geschichte<br />

inspiriert?<br />

Ich habe als Jugendlicher sehr gern Superhelden-<br />

Comics gelesen und mir manchmal gedacht, wie<br />

es wohl wäre, wenn man wirklich solche Kräfte<br />

hätte. Tristan ist in der fremden Welt quasi so<br />

was wie ein Superheld – auch wenn er natürlich<br />

nicht mit Maske und Umhang herumrennt. :)<br />

Ich hab dann versucht, mich da reinzudenken.<br />

Ein Schüler kommt in eine völlig fremde, mittelalterliche<br />

Welt und hat noch dazu besondere<br />

Kräfte, wegen derer jeder von ihm erwartet,<br />

Heldentaten zu vollbringen. Letztlich ist er aber<br />

doch nur ein Junge, der in dieser brutalen Welt<br />

ziemlich hilflos agiert und vor allem Angst um<br />

seinen Vater hat.<br />

8. Du sagst, dass du für deine Bücher eigene<br />

Kreationen entwickelt hast. Beschreibe<br />

unseren Lesern doch bitte mal zwei oder drei<br />

Völker, die bei dir vorkommen.<br />

Einen wesentlichen Part im vorliegenden Roman<br />

nehmen die Vanamiri ein. Das sind Vogelmenschen,<br />

die zwar wie Menschen auf zwei Beinen<br />

laufen und zwei Arme haben, doch im Gesicht<br />

haben sie einen Schnabel und Klauen an Händen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

und Füßen. Jeder von ihnen hat einen Del-Sari,<br />

einen kleinen Vogel, an die sie ein Seelenband<br />

bindet. Sie können diese Vögel aussenden und<br />

durch ihre Augen sehen, durch sie Nachrichten<br />

austauschen ...<br />

Die Gorman sind Echsenmenschen, die von<br />

einem fernen Archipel stammen und gern als<br />

Wächter oder Krieger eingesetzt werden. Sie<br />

nutzen zwar auch Waffen, sind mit ihrer<br />

geschuppten Haut, den Klauen und dem kräftigen<br />

Schwanz aber auch "nackt" schon ernstzunehmende<br />

Gegner.<br />

Ich könnte noch viele aufzählen, die Nurasi, die<br />

Wolfsmenschen, die Gläsernen, die Nablok, die<br />

Dashiri usw.<br />

Aber es gibt auch ein paar bekannte Wesen wie<br />

die Gnome, Drachen oder Oger, bei denen man<br />

ja als Autor noch nicht so sehr an feste Vorstellungen<br />

der Leser gebunden ist wie z.B. bei Elfen,<br />

Zwergen oder Orks.<br />

9. Wieviel Zeit hat es in Anspruch genommen<br />

den Background deiner Geschichte zu entwickeln<br />

und wie ausführlich hast du die Welt und<br />

die neuen Völker für dich beschrieben? Hat du<br />

erst alles haarklein ausgearbeitet und hast die<br />

Geschichte dann in diesen Rahmen "gepresst",<br />

oder bist du der Typ, bei dem sich die<br />

Geschichte immer weiter entwickelt hat?<br />

Die Welt entsteht bei mir weitgehend genauso<br />

spontan, wie die Geschichte selbst. Unabdingbar<br />

ist es, vorab eine Karte zu skizzieren und markante<br />

Punkte (Berge, Städte, Flüsse ...) festzulegen,<br />

sonst überarbeitet man sich später einen<br />

Wolf. Beispielsweise wenn die Reise im ZickZack<br />

verläuft und man plötzlich merkt, dass der Berg,<br />

den man sich gerade ausgedacht hat, schon Tage<br />

vorher hätte sichtbar sein oder gar überquert<br />

hätte werden müssen.


Ein paar Ideen für Völker und deren Eigenschaften<br />

habe ich mir zurecht gelegt, aber vieles<br />

erfinde ich wirklich erst in dem Moment, in dem<br />

ich es brauche. Manchmal geht es ganz schnell,<br />

manchmal hänge ich aber auch an einer Stelle<br />

und weiß nicht, wie es weitergeht, welcher<br />

Gegner da z.B. hinter der nächsten Ecke lauert.<br />

Da wälze ich dann schon mal einige Tage Ideen,<br />

bis ich glaube, die Richtige gefunden zu haben.<br />

In Stein gemeißelt sind sie dann aber noch nicht.<br />

Meine Wolfsmenschen z.B. sollten ursprünglich<br />

einfach wilde Kreaturen sein. Später gefiel es mir<br />

dann aber besser, ihnen doch eine gewisse<br />

© Minaya<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

Intelligenz und sogar eine radebrechende<br />

Sprache zu erlauben.<br />

Die Ideen, die ich einbaue, sammle ich aber<br />

stichpunktartig in einem Dokument, um immer<br />

schnell nachschlagen zu können, was ich zu<br />

welchen Kreaturen, Göttern oder Völkern mal<br />

irgendwo geschrieben habe.<br />

Vielen Dank für das Interview und wir wünschen<br />

dir viel Erfolg für deine Trilogie " Das<br />

Schicksal der Paladine" und alles Gute in<br />

deinem weiteren Autorenleben.


Roboter im Film<br />

DIE Bücherdimension<br />

Eine Einführung von Wolfgang Ruge<br />

Es vergeht nicht ein Tag, an dem nicht in einer<br />

Tageszeitung oder in einem Technologiemagazin<br />

von den Fortschritten der Robotik berichtet<br />

wird. Dabei ist auffällig, dass sich das Einsatzgebiet<br />

von Robotern in den letzten Jahren kontinuierlich<br />

ausweitet. Standen früher vor allem<br />

industrielle Kontexte als Roboterdomäne im<br />

Vordergrund, werden nun immer stärker<br />

Roboter als Helfer für alltägliche Situationen<br />

angepriesen. Das Spektrum reicht von einfachen<br />

Putzrobotern bis hin zu Bereichen, in denen in<br />

intimer Nähe des Menschen operiert wird – z.B.<br />

in der Altenpflege. Roboter sind auf dem Weg<br />

ein alltäglicher Gegenstand zu werden, und auch<br />

wenn sie in der Realität noch nicht die Verbreitung<br />

erfahren haben, die Technooptimisten<br />

vorausgesagt haben, so sind sie in Werbung,<br />

Film, Büchern, kurzum im kulturellen Symbolvorrat<br />

unserer Gesellschaft fest verankert. Sie fungieren<br />

oftmals als menschenähnliche<br />

Sympathieträger. Der arme „Jeffrey“, der in<br />

einem prominenten Werbespott des Chipherstellers<br />

Intel mit hängenden Schultern davonfährt,<br />

weil seine Schöpfung von den Technikern<br />

geringer eingeschätzt wird als der neue Prozessor,<br />

ist ein wunderbares Beispiel dafür. So selbstverständlich<br />

es uns heute erscheint, mit einem<br />

Roboter mitzuleiden – es ist doch ein relativ<br />

neues Phänomen. Der folgende Beitrag zeichnet<br />

nach, wie sich die Roboter im SF-Film seit den<br />

1950er Jahren entwickelt haben, wie aus metallischen<br />

Dienern immer mehr Wesen wurden, die<br />

mit menschlichen Attributen belegt wurden.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Die Darstellung folgt dabei den Ergebnissen<br />

meiner Masterarbeit, welche dieses Jahr unter<br />

dem Titel „Roboter im Film. Audiovisuelle Artikulationen<br />

des Verhältnisses zwischen Mensch<br />

und Technik“ im Ibidem-Verlag erschienen ist.<br />

Eine Rezension zum Buch von Markus Kügle<br />

findet sich ebenfalls in dieser Ausgabe.<br />

Der Wandel der Roboterdarstellung lässt sich<br />

anhand der drei Kategorien „Menschenähnlichkeit“,<br />

„Interaktionsqualität“ und „Rahmenbedingungen“<br />

beschreiben, die sich jeweils in 3-5<br />

Attribute ausdifferenzieren lassen. Ich werde<br />

diese hier nicht einzeln aufzählen, da ich sonst<br />

den Rahmen eines kleinen Artikels sprengen<br />

würde, möchte aber nur Grundlegend anmerken,<br />

dass die einzelnen Attribute eine Kategorie<br />

gleichmäßig ansteigen. In dem Maße, in dem<br />

Roboter dem Menschen äußerlich ähnlicher<br />

werden, wird ihnen z.B. auch eine größere<br />

Fähigkeit attestiert, Emotionen zu empfinden.<br />

Von den 1950er bis Anfang des neuen Jahrtausends<br />

lassen sich dabei sechs Muster identifizieren:<br />

(1) Roboter als dienende Einzelstücke. In diesem<br />

vor allem für die 1950er-Jahre typischen Muster,<br />

werden Roboter als technische Wunderwerke<br />

thematisiert, die keinen eigenen Willen besitzen.<br />

Von echten „Beziehungen“ zu Menschen<br />

kann nicht gesprochen werden. Typisch ist die<br />

Klassifikation des Roboter als Prototyp.<br />

(2) In den 1960er Jahren werden Roboter als<br />

unterlegene Kopien sensationeller Alltäglichkeit


DIE Bücherdimension<br />

inszeniert. Mit sensationeller Alltäglichkeit<br />

meine ich dabei, dass Roboter im Filmen wie<br />

Westworld zwar das Potenzial zugestanden wird<br />

eine alltägliche Technologie zu werden. Diese<br />

Alltäglichkeit ist aber eine Sensation. Die<br />

Roboter besitzen ein unterlegenes Bewusstsein<br />

können aber keine Gefühle zeigen, weshalb sie<br />

keine „echten“ sozialen Beziehungen besitzen<br />

und nur für eine instrumentelle Sexualität herangezogen<br />

werden.<br />

Ab 1980ern spaltet sich die Entwicklung der<br />

Roboter. Nun werden sowohl eine friedliche<br />

Koexistenz der Roboter mit ihren Schöpfern als<br />

auch die kriegerische Auseinandersetzung zwischen<br />

beiden zum Thema von Filmen. So konkurrieren<br />

zwei dominante Muster miteinander:<br />

(3) Die sozial eingebundenen Lerner kindlichen<br />

Bewusstseins thematisieren lernfähige Roboter,<br />

die mit einem kindlichen Bewusstsein ausgestattet<br />

sind. Diese Roboter besitzen soziale Beziehungen<br />

und erfahren Anerkennung in Form<br />

emotionaler Zuwendung.<br />

(4) Die gefährlichen Einzelgänger haben sich von<br />

ihrer dienenden Funktion emanzipiert und einen<br />

Krieg gegen die Menschheit begonnen. Sie besitzen<br />

ein unterlegenes Bewusstsein, keine Gefühle<br />

und keine sozialen Beziehungen.<br />

In den 90er-Jahren haben die Roboter den<br />

Menschen erreicht – entweder haben sie dabei<br />

Emotionalität erlernt oder aber es kommt zu<br />

einem Krieg zwischen empfindsamen Menschen<br />

und kalten, rationalen Robotern.<br />

(5) Die Begehren entwickelnden Massenproduktionen<br />

sind höchst Menschenähnlich. Sie erfahren<br />

Anerkennung in Form sozialer<br />

DIE Bücherdimension<br />

Wertschätzung, teilweise auch kognitive Achtung.<br />

Da sie sowohl körperlich als auch „geistig“<br />

kaum mehr vom Menschen zu unterscheiden<br />

sind, stellen sie die Frage, danach wie Menschlichkeit<br />

definiert werden kann. Neuerdings wird<br />

auch eine Massenproduktion von Robotern<br />

inszeniert, wodurch sich das Motiv endgültig von<br />

seinem Vorfahren „Frankenstein“ emanzipiert.<br />

Es braucht keinen Mad Scientist mehr, um<br />

künstliches Leben zu kreieren.<br />

(6) Und schließlich die bedrohlichen Massen. In<br />

diesem Muster haben die Roboter eine Kollektivintelligenz<br />

entwickelt und sind dabei den Menschen<br />

zu verdrängen. Die Filme rücken oftmals<br />

die kalte Rationalität der Maschinen in den<br />

Vordergrund.


Buchtipp: Roboter im Film<br />

von Wolfgang Ruge<br />

DIE Bücherdimension<br />

Audiovisuelle Artikulationen des<br />

Verhältnisses zwischen Mensch<br />

und Technik<br />

Roboter dringen in einem immer<br />

stärkeren Maß in unsere Alltagswelt<br />

ein. Bereits seit den 1950er<br />

Jahren sind sie ein fester Bestandteil<br />

in Science-Fiction-Filmen. Und<br />

mit Beginn des neuen Jahrtausends<br />

sehen wir sie nicht nur auf<br />

der Leinwand, sondern auch im<br />

alltäglichen Leben – sei es als<br />

Assistenz in der Altenpflege, als<br />

Sympathieträger in der Werbung<br />

oder als Katastrophenroboter in der verstrahlten<br />

Kraftwerksruine in Fukushima. Roboter sind<br />

längst ein Bestandteil unserer Kultur und ihres<br />

Symbolvorrates. Bevor sie jedoch mit einer<br />

solchen Selbstverständlichkeit als normaler<br />

Bestandteil auch privater menschlicher Lebenssituationen<br />

gesehen wurden, haben Roboter<br />

nicht nur eine technische Entwicklung hinter sich<br />

gebracht – auch die Art und Weise, wie sie in<br />

den Medientexten dargestellt und attribuiert<br />

wurden, hat sich radikal geändert.<br />

Wolfgang Ruge untersucht die Darstellung des<br />

Roboters im Science-Fiction-Film seit den 1950er<br />

Jahren – von Alarm im Weltall über Westworld<br />

und James Camerons Terminator bis zu den<br />

Asimov-inspirierten Filmen Der 200 Jahre Mann<br />

und I Robot. Zu Beginn steht dabei eine grundlagentheoretische<br />

Auseinandersetzung mit dem<br />

Verhältnis von Mensch und Technik und dessen<br />

bildungstheoretischer Bedeutungen. Im empi-<br />

rischen Teil wird eine Entwicklungsgeschichte<br />

rekonstruiert, in<br />

der die Roboter von seelenlosen<br />

Wunderwerken der Technik zu<br />

intelligenten, mitunter sogar zu<br />

Emotionen fähigen Wesen<br />

werden. Mit den maßgeblichen<br />

Entwicklungssprüngen setzt sich<br />

Ruge jeweils anhand ausgewählter<br />

Beispiele auseinander. Dabei<br />

stellt er die Entwicklungsgeschichte<br />

der Roboter nicht etwa<br />

schlicht unter das altbekannte<br />

Frankenstein-Motiv, sondern<br />

beschreibt es theoriebildend mit<br />

eigenen Kategorien.<br />

Im Abschluss würdigt Ruge die Ergebnisse und<br />

zieht einen Brückenschlag zur aktuellen Forschung<br />

im Bereich der künstlichen Intelligenz.<br />

Das Buch ist als interdisziplinäres Projekt zwischen<br />

Filmwissenschaft und Medienpädagogik<br />

angelegt und richtet sich an Interessierte beider<br />

Fachrichtungen.<br />

Magdeburger Schriftenreihe zur Medienbildung.<br />

Film - Internet - Computerspiele 1<br />

186 Seiten. Paperback. 2012<br />

ISBN 978-3-8382-0338-6<br />

ISSN 2194-1130<br />

24,90 EUR (Preis inkl. MwSt.)<br />

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<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


Ein dienliches Einzelstück:<br />

Ruges Roboter<br />

eine Rezension von Markus Kügle<br />

DIE Bücherdimension<br />

Wolfgang Ruge, welcher ja vor gar nicht allzu<br />

langer Zeit hier bei <strong>SpecFlash</strong> immer fleißig und<br />

ebenso engagiert wie ambitioniert mitgeschrieben<br />

hatte, veröffentlichte unlängst seine Master-<br />

Abschlussarbeit in Buchform. Dabei handelt es<br />

sich sogar um nicht weniger als den ersten Band<br />

der neugegründeten ‚Magdeburger Schriftenreihe<br />

zur Medienbildung’. Soetwas nötigt zweifelsohne<br />

Respekt ab. Vollständiger Titel dieser<br />

Publikation heißt nun Roboter im Film – Audiovisuelle<br />

Artikulationen des Verhältnisses zwischen<br />

Mensch und Technik.<br />

Auf beinahe schon dissertationswürdigen 172<br />

Seiten b(e)reitet der nunmehr so ausgezeichnete<br />

M.edienpädA.goge seine passionierten<br />

Forschungsobjekte vor und aus. Soviel sei vorab<br />

dazu gesagt: Er hat sich viel vorgenommen. Das<br />

Verhältnis zwischen Mensch und Maschine will<br />

er medienbildungstheoretisch denken. Interdisziplinär<br />

zwischen Medienpädagogik und Filmwissenschaft<br />

will er sich positionieren. Eine<br />

Genealogie der Roboterdarstellungen im Film<br />

will er vorlegen und innerhalb dieser eine markante<br />

Zäsur nachweisen.<br />

Nun bin ich meines Zeichens einer anderen<br />

Auslegung der Medienwissenschaft(en) verpflichtet<br />

– im Grunde jener, welche sich noch als<br />

zutiefst klassisch versteht und aus den Film- und<br />

Rezension: „Roboter im Film“ von Wolfgang Ruge<br />

DIE Bücherdimension<br />

von Markus Kügle<br />

Fernsehwissenschaften der 1980er Jahre hervorgegangen<br />

ist. Hier gilt die Methode der<br />

Filmtheorie(n)⁽Vorzugsweise jene aus dem<br />

Bereich der Semiotik – mit deutlich frankophilen<br />

Einschlag) und die direkten Analysen am audiovisuellen<br />

Objekt noch als das Höchste der<br />

Gefühle. Insofern stehe ich den Ansätzen von<br />

Medienbildung auch mit einem Hauch von<br />

Skepsis skeptisch gegenüber, sind diese doch aus<br />

einer ‚(post)moderneren’ Hybridisierung von<br />

verschiedensten akademischen Disziplinen entstanden,<br />

welche zwar derzeit für viel Aufruhr in<br />

gewissen wissenschaftlichen Kreisen sorgen,<br />

aber die verzweifelte Suche nach einer allgemeinen<br />

Medientheorie oder vielmehr Ontologie<br />

dann doch eher behindern. Irgendwie scheinen<br />

alle ‚irgendwas mit Medien’ machen zu wollen<br />

(Wobei von den Medieninformatikern ganz zu<br />

schweigen sein soll): die Philosophen, Psychologen,<br />

Soziologen und Pädagogen … die Kunst-,<br />

Kultur- und Kommunikationswissenschaftler im<br />

Allgemeinen, … natürlich auch die Literaturwissenschaftler<br />

im Besonderen, … sogar Naturwissenschaftler<br />

sind mittlerweile dem ganz<br />

speziellen Reiz der media studies erlegen und<br />

beschäftigen sich vermehrt unter dem Label der<br />

science and technology studies mit relevanten<br />

Fragen zur Vermittlung von Inhalten diverser<br />

(audio)visueller Erzeugnisse (Stichwort: Epistemische<br />

Bilder). Interdisziplinarität heißt hier das<br />

für Ungeübte nur schwer auszusprechende<br />

Zauberwort! Meiner Meinung nach wird sich das<br />

große, unübersichtliche Feld der Medienwissenschaft<br />

in absehbarer Zeit bald aufteilen – in eine<br />

Klassische und in eine ‚Neuere deutsche Medi-


DIE Bücherdimension<br />

enwissenschaft’. Bis es soweit ist, lese ich halt<br />

so kritisch wie möglich Ruges Roboter …<br />

Im ersten Abschnitt, den „Vorüberlegungen“ (S.<br />

9 – 60) widmet sich unser ehemaliger <strong>SpecFlash</strong>-<br />

Redakteur den Ausdifferenzierungen und Definitionen<br />

seiner prägnantesten Termini. „Was ist<br />

Technik?“ (S. 15), „Was ist Science Fiction?“ (S.<br />

31) und „Was ist ein Roboter?“ (S. 37) fragt er<br />

sich da ganz unschuldig, wie weiland André Bazin<br />

angesichts des Mysteriums Kino/Film und liefert<br />

ebenso dezidierte wie wohlkalkulierte Antworten<br />

– frei nach seinem Professor (immerhin<br />

Deutschlands führender Bildungstheoretiker<br />

Winfried Marotzki) wird hier brav rekurriert, was<br />

Bildung an sich ausmacht und wie Technik allgemein<br />

und die Roboter im Speziellen in ein<br />

solches strukturales Konzept gezwängt werden<br />

können. Das alles ist präzise bestimmt und im<br />

Rahmen seiner Prüfungskonstellation<br />

(kon)genial hergeleitet.<br />

Ab „Abschnitt 2: Studie“ (S. 61) geht es dann ans<br />

Wesentliche. Mithilfe der in Fachkreisen nicht<br />

ganz unkritisch gesehenen ‚Methode’, bzw.<br />

deren ‚vieler Ansätze’ des Neoformalismus soll<br />

der Roboter im Film titelgerecht analysiert<br />

werden. Dererlei Gedankengut führt Ruge zwar<br />

kompakt und versiert ein, greift sie aber im<br />

weiteren Fortgang (wenn überhaupt) nur noch<br />

sporadisch auf. Klassische Medien-, bzw. Filmwissenschaftler<br />

würden sich angesichts dessen<br />

die Haare raufen, aber um das Verhältnis von<br />

Mensch und Roboter zu bestimmen muss nun<br />

mal im Rahmen einer M. A. –Arbeit eine rigorose<br />

„Einschränkung des Feldes“ (S. 74) erfolgen –<br />

sonst wird das nur eine Aufzählung interessanter<br />

und diskussionswürdiger Gedanken, aber nicht<br />

mehr. Es will, ja muss aber eine wissenschaftliche<br />

Arbeit mit Fokus auf Medienpädagogik<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

sein! Da geht es ab einem bestimmten Moment<br />

streng um Konzentration und Komprimierung<br />

auf die Haupttheorie. Mithilfe empirischer Forschungsstrategie<br />

und grafisch visualisierter Kategorisierungssysteme<br />

fasst Ruge sodann seine<br />

Methode enger und kommt zu den – von mir<br />

heiß ersehnten – Filmanalysen.<br />

Anhand von A���� �� W������, W��������,<br />

M����� M�. R����, T���������, D�� 200 J����<br />

M��� und T��������� 4 wird die Genealogie<br />

der Roboterdarstellungen im Film unter Beweis<br />

gestellt (Da allerdings keine Regel ohne Ausnahme<br />

ist und Ausnahmen somit die Regel<br />

bestimmen, wird zudem überaus clever über den<br />

„Sonderfall: I Robot“ (S. 154) räsoniert). Wolfgang<br />

Ruge zufolge treten hierbei sechs Typen<br />

markant hervor:<br />

1. Der Roboter als dienendes Einzelstück<br />

2. Der Roboter mit unterlegenem Bewusstsein<br />

3. Lernfähige Roboter (auf dem Niveau von<br />

Kindern)<br />

4. Die gefährlichen Einzelgänger<br />

5. Kaum noch vom Menschen zu unterscheidende<br />

Roboter<br />

6. Die Roboter als bedrohliche Masse<br />

Mittels penibel ausgearbeiteter (unter Umständen<br />

ein wenig zu starrer) Beschreibungskriterien<br />

kategorisiert Wolfgang Ruge seine Forschungsobjekte,<br />

indem er sie in punkto ‚Menschenähnlichkeit’,<br />

‚Interaktionsqualität’ und<br />

‚Rahmenbedingungen’ bewertet (S. 91). Diese<br />

Hauptaspekte werden sodann in Unterpunkten<br />

konkretisiert. Die ‚Menschenähnlichkeit’ wird<br />

anhand von ‚Bewusstsein’, ‚Lernfähigkeit’, ‚Willensstatus’,<br />

‚visueller Ähnlichkeit’ und ‚Emotionalität’<br />

stärker gefasst, die ‚Interaktionsqualität’


DIE Bücherdimension<br />

mittels ‚Anerkennung’, ‚dienender Funktion’ und<br />

‚Intimitätsgrad sozialer Beziehungen’ – bei den<br />

‚Rahmenbedingen’ sind es ‚Friedensstatus’, ‚Alltäglichkeit’<br />

und ‚Produktionsmodus’, welche zu<br />

näher bestimmenden Faktoren erklärt werden.<br />

Ein Raster solcherart wird nun über den ausgewählten<br />

Filmkorpus gestülpt und somit kann<br />

eine Entwicklung der ‚Spezies’ Roboter im Film<br />

von den 1950er Jahren bis hin zu den 1980er<br />

Jahren stringent nachgezeichnet werden. Dann<br />

kommt es allerdings nach Ruge zu einer ‚genealogischen<br />

Gabelung’. Während quasi auf der<br />

einen Seite Roboter konstruiert werden, denen<br />

eine friedliche Koexistenz mit den Menschen am<br />

‚Herzen’ liegt, entstehen auf der anderen solche,<br />

die unserer Rasse nicht sonderlich wohlgesonnen<br />

sind. (Gewissermaßen der D�� 200 J����<br />

M��� gegen den T���������). Um seine Argumentationen<br />

dementsprechend hieb- und stichfest<br />

zu gestalten, schließt Wolfgang Ruge eine<br />

jede Filmanalyse mit einem kurzen Exkurs ab –<br />

unter dem Titel ‚Weitere Filme’, wird fachkundig<br />

auf ähnliche Prinzipien in anderen audiovisuellen<br />

Produkten hingewiesen. Insbesondere dies<br />

rundet einen jeden Part der Genealogie stimmig<br />

ab und hinterlässt keine weiteren Fragen zum<br />

Konzept. Stattdessen inspiriert es zum Weiterdenken<br />

… (Was für eine Art Roboter stellt denn<br />

nach Ruge der Android David aus P���������<br />

dar?)<br />

Im Fazit wird schließlich das Desiderat einer<br />

wissenschaftlichen Betrachtung der Kommunikation<br />

von Mensch und Maschine formuliert,<br />

ferner jenes, was Interaktionen zwischen<br />

Robotern angeht. Und tatsächlich! In der kompletten<br />

Filmwissenschaft hat sich offenbar noch<br />

keiner nähere Gedanken über die Liebesbeziehung<br />

der zwei Replikanten aus B����������<br />

gemacht. Oder über die traute Zweisamkeit der<br />

Roboter in H��������� (Eine leider kaum<br />

bekannte Science-Fiction-RomCom aus dem<br />

Jahre 1981 (Regie: Allan Arkush))., von denen<br />

immerhin maschinärer Nachwuchs gebaut wird,<br />

um überhaupt eine Familie sein zu können.<br />

Gedanken solcherart müssten dann wohl<br />

anhand von soziotechnischen Erkenntnissen<br />

gebildet werden, wofür explizit Bruno Latour<br />

und Donna Haraway zu Rate gezogen müssten.<br />

Es macht ganz den Anschein, als würde sich<br />

Wolfgang Ruge diese Phänomene für sein nächstes<br />

Werk, die nun anstehende Promotion aufheben<br />

…<br />

Meine Wertung:<br />

DIE Bücherdimension<br />

Pragmatisch filmwissenschaftlich: 7 von 10<br />

Punkten<br />

(weil die neoformalistische Herangehensweise<br />

nicht ausreichend ausgeschöpft wurde)<br />

Hermeneutisch medienwissenschaftlich: 8 von<br />

10 Punkten<br />

(Weil die Kategorien zwar klar und penibel<br />

ausdifferenziert wurden, aber das Konzept doch<br />

zu starr ist)<br />

Medienbildungswissenschaftlich: 9 von 10<br />

Punkten<br />

(Da hat sich Wolfgang als guter Marotzki-Jünger<br />

erwiesen)<br />

© 2012 Markus Kügle


DIE Bücherdimension<br />

Rezension: „Ninragon: Die standhafte Feste“ von Horus W. Odenthal<br />

In der letzten Ausgabe stellten wir euch diesen<br />

Fantasy-Roman als ersten Teil der Trilogie vor.<br />

Es handelt von zwei Männern, die kaum unterschiedlicher<br />

sein könnten. Der eine ist Darachel,<br />

ein Ninra, Angehöriger einer uralten Rasse, die<br />

sich aus der eigentlichen Welt in ihre abgelegene<br />

Festung „Himmelsriff“ zurückgezogen hat. Der<br />

andere ist Auric, ein Valgare aus dem hohen<br />

Norden, der von Darachel schwerverletzt gefunden<br />

und nach Himmelsriff gebracht wurde.<br />

Während seines langwierigen Genesungsprozesses<br />

beginnt Auric damit, Darachel seine<br />

Lebensgeschichte zu berichten. In diesem Band<br />

beschreibt der Autor, wie das Schicksal Darachel<br />

und Auric miteinander bekannt macht und wie<br />

sich das im Verlauf der Geschichte für beide<br />

auswirkt.<br />

Ninragon - Band 1: Die standhafte Feste<br />

Autor/in: Horus W. Odenthal<br />

ASIN: B008COLIDE<br />

Format: Kindle Edition<br />

Dateigröße: 734 KB<br />

Preis: EUR 3,99<br />

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von Sandra Kern<br />

Kurz zum Inhalt:<br />

Auric wurde in Valgarien geboren, einem wilden<br />

Land im Norden. Die Bewohner zerfielen in<br />

Stämme und bekriegen sich seither untereinander.<br />

Aurics Vater war Than der Skrimaren, seine<br />

Mutter dessen Kriegsbeute aus dem Volk der<br />

Idirer. Das Idirische Reich beherrscht in diesen<br />

Tagen den größten Teil der bekannten Welt,<br />

einen Großteil der Kontinente Naugarien und<br />

Kumaraut. Von seiner Mutter wurde Auric an die<br />

Kultur und Literatur ihres Heimatlandes herangeführt<br />

und er entwickelt früh eine Verachtung<br />

für die rohe und grausame Art des Volkes seines<br />

Vaters. Nachdem er mit zwölf Jahren als Mannbarkeitsprüfung<br />

den Kopf des toten Feindes<br />

seines Vaters abschlagen muss, wird er mit<br />

anderen Halbwüchsigen in die Truppe der Kindersoldaten<br />

gesteckt. Diese unterstützen die<br />

Feldzüge seines Stammes, indem sie mit Brand


und Mord das Land des Feindes verheeren.<br />

Aurics Verantwortungsgefühl gegenüber den<br />

Gleichaltrigen in den Kriegstrupps bringt ihn zum<br />

ersten Mal in diesen Kriegen dazu, aus eigenem<br />

Antrieb tätig zu werden und Strategien zu entwickeln,<br />

die ihn in der Folge zu einem Kriegshelden<br />

wider Willen werden lassen. Als sein<br />

Vater im Suff seine Mutter schwer verletzt und<br />

diese ihren Verletzungen erliegt, tötet er seinen<br />

Vater und enthauptet ihn. Anschließend flieht<br />

er aus Valgarien und macht sich auf den Weg<br />

nach Idirium. Dort möchte er seinen Traum<br />

verwirklichen und das Erbe seiner Mutter antreten,<br />

um ein Gelehrter zu werden. Als er in der<br />

Provinzhauptstadt Zephrenaic ankommt, weicht<br />

er von seinem eigentlichen Ziel ab, um stattdessen<br />

mit der Waffe in der Hand sein Leben zu<br />

verteidigen und Menschen zu töten. Dabei<br />

erhält er die Möglichkeit, einen ersten Blick auf<br />

die Festung Himmelsriff zu werfen, der Ort der<br />

Nichtmenschen, den sogenannten Elfen. Wenige<br />

Zeit später erkrankt Auric schwer an Wahn und<br />

Fieber und erlebt seine wundersame Heilung. In<br />

Idirium angekommen, muss er feststellen, dass<br />

seine Herkunft und das fehlende Geld ihm ein<br />

Studium zum Gelehrten Steine in den Weg legt.<br />

Darum tritt er einer Söldnerkooperation bei,<br />

dem Haus Trevante, um im Krieg gegen die<br />

Nichtmenschen zu kämpfen. Schnell bemerkt er,<br />

dass die Söldnerkooperation das Pech erleidet,<br />

auf der Durchmarschroute einer Abteilung des<br />

Nichtmenschenheeres in die Quere zu kommen,<br />

die beabsichtigt General Kelam in den Rücken<br />

zu fallen. Erschwerend kommt hinzu, dass der<br />

Senphore – der Geistesbote – seine Fähigkeiten<br />

einbüßt und entführt wird. Bei der Befreiungsmission<br />

bekommen es Auric und sein Trupp mit<br />

den Hybridwesen zwischen Tieren und Kinphauren<br />

und mit blitzeschleudernden Monstern<br />

zutun. Als Gejagte fallen sie diesen größtenteils<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

zum Opfer, beenden jedoch ihre Mission erfolgreich.<br />

Auric wird ein höherer Posten in Aussicht<br />

gestellt, den er erst annimmt, nachdem die<br />

Anwerbeoffizierin ihn über die Möglichkeiten<br />

und Sonderprogramme für ein Studium informiert<br />

hat. Er und seine Gefährten werden in die<br />

Sechzehnte Division eingegliedert, dem sogenannten<br />

Barbarenbataillon. Ein Sammelbecken<br />

für Soldaten nicht-idirischer Herkunft. In der<br />

schlimmsten Schlacht seines Lebens unterwegs,<br />

von ihren Kommandoeinheiten dezimiert, wird<br />

seine Einheit im Feindesland zurückgelassen. Als<br />

die befehlshabenden Offiziere fallen, übernimmt<br />

Auric das Kommando, um die Überlebenden aus<br />

der Urwaldhölle herauszuführen. Durch Zufall<br />

fällt ihnen bei einem kleinen Gefecht der Kinphaurenoffizier<br />

Ikun in die Hände. Mit Ikuns<br />

Hilfe gelingt es Auric und seinem Trupp, einen<br />

Wächtergeist der Kinphauren außer Kraft zu<br />

setzen und die Festung einzunehmen. Bei<br />

diesem Einsatz trifft Auric ein Pfeil in den Hals<br />

und er entkommt dem Tod nur knapp.<br />

Nach seinem Genesungsurlaub in der idyllischen<br />

Provinz Ilvenaum kehrt er zusammen mit alten<br />

und neuen Gefährten zurück in die idirische<br />

Armee, um seinem Traumstudium näher zu<br />

kommen. Dabei entwickelt er zu Czand, einem<br />

weiblichen Angehörigen seines Kommandos<br />

eine Liebesbeziehung. Sie ist die einzige Frau,<br />

die seine Erfahrungen und Alpträume versteht.<br />

Der Krieg findet kein Ende. Auric sieht missmutig<br />

zu, wie veraltete Strategien gelehrt werden, die<br />

seines Erachtens einen Feldzug zum Scheitern<br />

verurteilen. Als er seinen Austritt aus der Armee<br />

bekannt geben will, begeht er den fatalen<br />

Fehler, seine Beobachtungen dem Vikar-Oberst<br />

Silgenja mitzuteilen. Auric empfiehlt neue Strategien<br />

zu entwickeln, die er seit Kindesbeinen<br />

an praktiziert hat. Er bekommt seine Chance und


DIE Bücherdimension<br />

trainiert einen kleinen Teil der Sechszehnten,<br />

um seine Theorien unter Beweis zu stellen. Sein<br />

Erfolg trägt Früchte und er verlässt die Armee,<br />

um sich seinem Studium zu widmen. Schnell<br />

findet er nach einer Schlägerei in der Universität<br />

heraus, dass er sich in der Armee wohler fühlt<br />

und kehrt in diese zurück. Ein neuer gefährlicher<br />

Gegner steht auch schon bereit. Eisenkrone, der<br />

Führer von Söldnern und Privatarmeen plant<br />

zusammen mit seinem magischen Gefährten<br />

Vanwe das Heer gegen die idirische Armee zu<br />

führen. Unter Aurics Kommando stellt sich sein<br />

Trupp dem Angriff des feindlichen Heers und<br />

gewinnt. Nach dieser erfolgreichen Schlacht<br />

wird Auric der Posten als General der aufgesplitterten<br />

Sechszehnten angeboten. An dieser Stelle<br />

enden Aurics Erzählungen gegenüber Darachel.<br />

Während Darachel diesen folgt, verändern sich<br />

die Ereignisse in Himmelsriff. Forschungen und<br />

Kenntnisse werden im Hintergrund diskutiert.<br />

Ein Gespräch mit seiner Enthravan-Mentorin<br />

Viankhuan und ein Besuch des Geisteslandes mit<br />

dem Silaé-Paten Bogenfall des Lichts zeigen<br />

Darachel, dass zwischen ihm und Auric eine<br />

Schicksalsbindung besteht. Auric bittet ihn, die<br />

Sprache der Ninraé erlernen zu dürfen und seine<br />

Bitte wird durch die Enthravanen gewährt. Allerdings<br />

mit der Einschränkung, dass Auric nur die<br />

erste von drei Sprachen der Ninraé gelehrt<br />

bekommt. Als Gegenleistung unterrichtet Auric<br />

einen besonders interessierten Ninra Namens<br />

Béal von seinem Krankenlager aus in die vergessene<br />

Kunst des Schwertkampfes. Siganche, die<br />

Heilerin, praktiziert an Auric ein nicht ganz<br />

ungefährliches Heilverfahren und setzt dabei<br />

ungeahnte Prozesse in seinen geistigen Leibern<br />

frei.<br />

Mein Fazit:<br />

Ein untypischer Fantasy-Roman, in dem zwar<br />

Magie, Elfen bzw. Nichtmenschen vorkommen,<br />

deren Handlungen allerdings eher an reale<br />

Kriegsführung erinnern. Der Titel „Ninragon“<br />

ähnelt dem Titel „Eragon“ fast zum Verwechseln,<br />

wobei es dabei auch bleibt.<br />

Der erste Band wurde mit einem ausgeprägten<br />

Sinn für Sprache verfasst. Doch er liest sich durch<br />

seine vielen unnötig beschreibenden Adjektive<br />

eher zäh als flüssig. Ich geriet schnell in die<br />

Versuchung des „Textüberfliegens“ und<br />

widmete meine Aufmerksamkeit mehr den<br />

sprachlich besser gelungenen Dialogen. Diese<br />

wurden teilweise in einer „schmutzigen“<br />

Sprache verfasst, um diverse Charaktere als<br />

Barbaren glaubhafter zu gestalten. Wer Fairness,<br />

übermäßige Magie und elfenhafte Charaktere,<br />

Happy End oder einen Helden mit magischen<br />

Fähigkeiten sucht, der sucht vergebens. Das gibt<br />

es nicht! Eine kurze Liebesgeschichte wird eingeflochten,<br />

die vom Kriegsgeschehen und der<br />

eigentlichen Thematik eher ablenkt. Dieser erste<br />

Band aus der Trilogie ist genau das Richtige für<br />

Leser, die sich für Kriegsstrategien mit einem<br />

Hauch von Magie interessieren.<br />

Wertung: 7 von 10 Punkten<br />

© 2012 Sandra Kern<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Nachfolgend noch die Vorstellung der Bände 2<br />

& 3 aus der Ninragon-Trilogie. Die Rezensionen<br />

dazu folgen in Ausgabe 14.


Kurzbeschreibung<br />

Ein Fantasy-Epos in drei Teilen.<br />

DIE Bücherdimension<br />

Fantasy der neuen Generation, mit einer starken,<br />

frischen Stimme.<br />

Eine Geschichte für die Fans von George R. R.<br />

Martin, Scott Lynch, Joe Abercrombie und<br />

Steven Erikson.<br />

Im zweiten Band der Trilogie, verdichtet sich all<br />

das, was Auric in seiner bisherigen Laufbahn als<br />

Soldat erlebt hat, und zieht sich wie ein Netz um<br />

ihn zusammen. Ereignisse, die er als einfacher<br />

Soldat wahrnahm aber nicht verstehen konnte,<br />

weil er die Zusammenhänge nicht erfasste,<br />

gewinnen jetzt, da er zum General aufgestiegen<br />

ist, eine tödliche Bedeutung. Er sieht sich plötzlich<br />

in etwas verstrickt, was weit über ihn, weit<br />

über sein Leben, weit über das Idirische Reich,<br />

dem er als Soldat dient, und auch weit über die<br />

Gegenwart hinausgeht.<br />

Zunächst aber kommt er nach Idirium und gerät<br />

dort in die Fänge von Intrigen und Politik, muss<br />

dabei auch feststellen, dass das Pflaster der<br />

Hauptstadt des größten Weltreiches zuweilen<br />

gefährlicher sein kann, als die Schlachtfelder des<br />

Ninragon - Band 2: Der Keil des Himmels<br />

Autor/in: Horus W. Odenthal<br />

ASIN: B008PYLN04<br />

Format: Kindle Edition<br />

Dateigröße: 734 KB<br />

Preis: EUR 3,99<br />

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DIE Bücherdimension<br />

Krieges, dass unter alten Bauten Geheimnisse<br />

lauern, die auf eine ältere Welt zurückgehen und<br />

ihre Hände nach der Gegenwart ausstrecken.<br />

Dieses Netz um ihn verdichtet sich weiter, als er<br />

mit einer neuen Armee und einem neuen<br />

Auftrag in den Norden zurückkehrt und dort<br />

immer mehr Anzeichen einer Gefahr, eines<br />

Grauens findet, das schon seit langer Zeit seine<br />

Saat verbreitet hat.<br />

Egal, wie die Zeit aussieht, in der wir leben, egal<br />

mit welchen Waffen wir kämpfen und wie die<br />

Städte aussehen, in denen wir leben, immer<br />

denken wir von unserer Zeit als der Moderne.<br />

Und immer vergessen wir allzu leicht, dass diese<br />

sogenannte Neuzeit wenig mehr ist, als die uns<br />

sichtbare Oberfläche eines gewaltigen Ozean,<br />

der uns trägt, und in dem, uns unsichtbar, die<br />

Schatten und Mahre der Vergangenheit hausen.


Kurzbeschreibung<br />

DIE Bücherdimension<br />

Ein Fantasy-Epos in drei Teilen.<br />

Moderne Fantasy: frisch, ehrlich, poetisch,<br />

unmittelbar, authentisch, kompromisslos.<br />

Eine Geschichte für die Fans von George R. R.<br />

Martin, Scott Lynch, Joe Abercrombie und<br />

Steven Erikson.<br />

Dritter und letzter Band:<br />

Die Hölle bricht los.<br />

Die Macht des Feindes offenbart sich, zuvor<br />

unbekannte und geheimnisvolle Gegner zeigen<br />

sich.<br />

Auric und seine Gefährten geraten in einen<br />

Strudel, aus dem zu entkommen sie kaum hoffen<br />

können. Mysterien und Verstrickungen werden<br />

gelüftet, und die meisten der Antworten sind<br />

tödlich. Alte Bedrohungen erheben sich, und<br />

manche der Fäden gehen weit in die Vergangenheit<br />

zurück. Doch manche Bedrohungen sind<br />

auch banaler und dadurch gefährlicher, als man<br />

vermuten konnte.<br />

Eine Nemesis kehrt zurück.<br />

Ninragon - Band 3: Der Fall der Feste<br />

Autor/in: Horus W. Odenthal<br />

ASIN: B008Z2MUOY<br />

Format: Kindle Edition<br />

Dateigröße: 593 KB<br />

Preis: EUR 3,99<br />

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<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Das Schicksal zieht Auric in das Herz eines Alptraum.<br />

Und schließlich an einen Ort, an den zu<br />

geraten, er niemals geträumt hätte.<br />

Doch wo, wenn eine ganze Welt ins Verhängnis<br />

stürzt, gibt es Sicherheit?<br />

Egal, wie die Zeit aussieht, in der wir leben, egal<br />

mit welchen Waffen wir kämpfen und wie die<br />

Städte aussehen, in denen wir leben, immer<br />

denken wir von unserer Zeit als der Moderne.<br />

Und immer vergessen wir allzu leicht, dass diese<br />

sogenannte Neuzeit wenig mehr ist, als die uns<br />

sichtbare Oberfläche eines gewaltigen Ozean,<br />

der uns trägt, und in dem, uns unsichtbar, die<br />

Schatten und Mahre der Vergangenheit hausen.


Kurzbeschreibung:<br />

DIE Bücherdimension<br />

Rezension: „Etwas endet, etwas beginnt“ von Andrzej Sapkowski<br />

Gegenwart und Vergangenheit (oder Zukunft)<br />

verknüpfen sich auf brillante Weise in diesen<br />

Geschichten. Der Mythos von Tristan und Isolde<br />

wird neu erzählt - aus der Sicht zweier Nebenfiguren,<br />

nämlich der von Morholt, dem von<br />

Tristan besiegten Ritter, und Branwen (Brangäne),<br />

Isoldes Dienerin, die den beiden den<br />

Liebestrank reichte.<br />

Und die Fans von Sapkowskis Hexer-Zyklus<br />

erwartet ein besonderer Leckerbissen: eine<br />

Erzählung, die das Ende des Zyklus auf den Kopf,<br />

wenn nicht gänzlich in Frage stellt ... Phantastik,<br />

Horror, Liebes- und anderer Abenteuer!<br />

Kilian Kuhn:<br />

DIE Bücherdimension<br />

von Kilian Kuhn<br />

Nachdem die Reihe um den Hexer Geralt abgeschlossen<br />

ist, hat dtv nun noch „Etwas endet,<br />

etwas beginnt“ des polnischen Autors Andrzej<br />

Sapkowski in Deutschland veröffentlicht. Dabei<br />

handelt es sich um eine Sammlung von Erzählungen,<br />

die im Original bereits 2000 erschien und<br />

Geschichten beinhaltet, die in den 90er-Jahren<br />

für diverse Anthologien oder Zeitschriften verfasst<br />

wurden, jeweils um eine Einleitung des<br />

Autors ergänzt.<br />

Gleich vorweg: Wer auf Neues vom Hexer Geralt<br />

und seiner Welt hofft, wird weitgehend enttäuscht.<br />

Nur zwei Geschichten sind in dieser<br />

Umgebung angesiedelt, eine handelt dabei von<br />

Geralts Eltern, die andere ist sozusagen ein<br />

alternatives Ende des Hexerzyklus, allerdings mit<br />

einem Augenzwinkern zu lesen.<br />

Darüber hinaus haben die Geschichten außer<br />

dem Autor und seinem Stil nicht viel gemein.<br />

Thema, Setting und Erzählweise könnten unterschiedlicher<br />

kaum sein. Man bekommt hier also<br />

etwas gänzlich anderes serviert, als man es von<br />

„Der letzte Wunsch“ oder „Das Schwert der<br />

Vorsehung“ gewöhnt ist, zwei anderen Erzählbänden,<br />

die aus aufeinander aufbauenden<br />

Erzählungen bestanden, die sich alle um den<br />

Hexer Geralt und seine Welt drehten.<br />

Die acht Geschichten haben eine Länge von<br />

40-70 Seiten. Die vorangestellte Einleitung sollte<br />

man meiner Meinung nach aber lieber später<br />

lesen, da sie oft einiges vorwegnimmt.


DIE Bücherdimension<br />

Der Weg von dem niemand zurückkehrte<br />

Eine klassische Geschichte aus der Hexerwelt,<br />

nur ohne Hexer. Eine Druidin und ein Kämpfer<br />

ziehen aus, um ein sagenumwobenes Monster<br />

zu töten. Sapkowski bietet hier das, was alle<br />

Hexer-Fans lieben: Griffige Dialoge, Kampfszenen<br />

und eine Welt ohne simples Schwarz/Weiß.<br />

Die Musikanten<br />

Eine ins Gruselige tendierende Geschichte über<br />

Katzen, Tierquälerei und ihre Folgen. Etwas wirr<br />

durch zig Perspektiven erzählt, aber durchaus<br />

spannend.<br />

Tandaradei!<br />

Noch eine Gruselgeschichte, um eine junge Frau,<br />

die ohne es zu wissen ein Geheimnis bewahrt,<br />

das durch Eifersucht und Schmerz aus ihr hervorbricht<br />

– mit unangenehmen Folgen.<br />

Im Bombentrichter<br />

In einer Alternativwelt zu unserer Zeit ist Polen<br />

Schauplatz blutiger Kämpfe, in die auch ein<br />

Junge auf seinem Schulweg gerät. Hier mischt<br />

Sapkowski auf recht seltsame Weise Gesellschaftskritik<br />

und Kriegsgrauen mit einem flapsigen<br />

Schreibstil aus der Ich-Perpsektive des<br />

Jungen. Sicher nicht jedermanns Sache.<br />

Etwas endet, etwas beginnt<br />

Das besagte Alternativende zum Hexer – wegen<br />

dem sicher viele das Buch kaufen. Geboten wird<br />

aber eine humorvolle Geschichte, die sich um<br />

die Hochzeit von Yennefer und Geralt dreht, bei<br />

der viele Charaktere aus der Saga noch einmal<br />

einen Auftritt haben. Die meiste Zeit geht es<br />

dabei sehr humorvoll zu, für Hexer-Freunde ein<br />

Fest. Wer Geralt nicht kennt, wird hier allerdings<br />

wohl seine Schwierigkeiten haben.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Der goldene Nachmittag<br />

Bemerkenswerte Geschichte um die Grinsekatze<br />

Chester aus Alice im Wunderland, der hier Alice<br />

und auch Lewis Carroll begegnet und quasi „die<br />

wahre Geschichte“ von Alice erzählt, die Lewis<br />

Carroll dann ausgeschmückt haben soll. Humorvoll<br />

und doch auch spannend geschrieben – eine<br />

gewisse Kenntnis des Wunderlandes, wenigstens<br />

durch einen Film, ist aber auch hier von<br />

Vorteil.<br />

Ein Vorfall in Mischief Creek<br />

Eine im wilden Westen angesiedelte Fantasy-<br />

Geschichte, zu einer Zeit, als der Wilde Westen<br />

noch ganz im Osten Amerikas begann. Eine<br />

Gruppe Männer um einen selbstgerechten Prediger<br />

ist auf der Suche nach einer Hexe und gerät<br />

in ein seltsames Dorf. Sehr lesenswert, vor allem<br />

Sapkowskis Stärke, mit wenigen Sätzen ausdrucksstarke<br />

Charaktere zu schaffen, kommt<br />

hier voll zum Tragen.<br />

Maladie<br />

Hier spinnt Sapkowski sein Garn inmitten des<br />

Endes der Legende von Tristan und Isolde, wo<br />

Tristan sterbend im Bett liegt und auf das Eintreffen<br />

seiner Isolde wartet. Im Mittelpunkt<br />

stehen aber zwei andere Figuren, von denen<br />

eine in der Sage nur eine kleine Rolle spielt. Auch<br />

hier schreibt Sapkowski eindringlich aus der<br />

Ich-Perspektive, mir als Nicht-Kenner der<br />

Legende von Tristan und Isolde fiel es aber hier<br />

und da schwer, die Zusammenhänge zu verstehen.<br />

Fazit:<br />

Sapkowski zeigt in diesem Band nicht nur seine<br />

erzählerische Klasse, sondern auch die ganze<br />

Bandbreite seiner Phantasie. Das wird aber<br />

sicher auch dazu führen, dass die eine oder


andere Geschichte nicht jedem zusagt. Ich selbst<br />

war von den Geschichten 2-4 eher enttäuscht,<br />

wurde aber dann von den folgenden drei wieder<br />

versöhnt.<br />

Insgesamt eine gelungene Sammlung, von der<br />

man eben nur nicht erwarten darf, dass sie nur<br />

klassische Fantasy wie beim Hexer bietet, denn<br />

dann ist die große Enttäuschung nicht zu vermeiden.<br />

Wertung: 7 von 10 Punkten<br />

© 2012 Kilian Kuhn<br />

© Elif Siebenpfeiffer<br />

DIE Bücherdimension<br />

Taschenbuch: 432 Seiten<br />

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag<br />

Erschienen am: 1. März 2012<br />

Sprache: Deutsch<br />

Aus dem Polnischen von Erik Simon<br />

Deutsche Erstausgabe<br />

ISBN-10: 3423213531<br />

ISBN-13: 978-3423213530<br />

Preis: 8,95 Euro<br />

=> Bei Amazon kaufen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


DIE Bücherdimension<br />

„Hört, ihr Volk der Amorrianer! Hört her, was ich<br />

euch zu sagen habe! Es ist nunmehr 5.000 Jahre<br />

her, seit eure Vorfahren ihren einstigen Heimatplaneten<br />

fluchtartig verlassen mussten, da eine<br />

kommende Katastrophe drohte, alles Leben auf<br />

ihm auszulöschen…“<br />

Als mir „Gors Fluch“ in die Hände fiel, war ich<br />

sehr gespannt, was mich mit diesem Buch erwartet.<br />

Denn weder von der Autorin, noch von dem<br />

Verlag hatte ich je etwas gehört. So bin ich mit<br />

wenigen Erwartungen an das Buch herangegangen<br />

und wurde positiv überrascht!<br />

Worum geht’s?<br />

Das Volk von Amorria ist verflucht: die meisten<br />

aller Kinder sterben bereits im Mutterleib oder<br />

kurz nach ihrer Geburt. Uralte Schrifttexte sprechen<br />

allerdings von „Jungfrauen“, die auf der<br />

Erde leben und das Volk vor seinem drohenden<br />

Untergang retten könnten. Ein Team aus tapferen<br />

Kriegern aller Rassen macht sich auf den<br />

gefährlichen Weg durch Zeit um Raum, um sich<br />

diesem Abenteuer zu stellen. Ihre Aufgabe ist es<br />

nun, die Jungfrauen zu finden, mit ihnen nach<br />

Amorria zurückzukehren um den Fluch des<br />

mächtigen Magiers Gor zu brechen…<br />

Carmen Hermann erzählt in einer leicht verständlichen<br />

die Geschichte um Menschen,<br />

Gestaltwandler und Alben, die sich gemeinsam<br />

zu einer gefährlichen Mission aufmachen.<br />

Themen wie Freundschaft, Liebe und Verrat<br />

werden angesprochen und die Geschichte des<br />

Planeten Amorria mit der der Erde passend<br />

verwebt. Der Autorin ist es durch ihre anschaulichen<br />

Schilderungen gelungen, ein tolles Kopf-<br />

Rezension: „Gors Fluch“ von Carmen Hermann<br />

kino auszulösen. Daher könnte ich mir die Story<br />

auch prima als mehrteilige TV-Serie vorstellen.<br />

Teilweise hätte ich allerdings noch gerne viel<br />

mehr über die einzelnen Charaktere und ihre<br />

Beweggrüne erfahren – so konzentriert sich das<br />

Buch doch stark auf die Kernhandlung, was<br />

einigen natürlich besonders gefallen mag.<br />

Der Autorin ist mit diesem Buch ein Schmöker<br />

gelungen, der sowohl Fantasy- als auch SciFi-<br />

Fans in seinen Bann ziehen wird. Phantastische<br />

Wesen und futuristische Waffen und Ausrüstung<br />

werden auf einzigartige Weise verknüft.<br />

Obwohl die Ideen von der Weltreise, von zusammengewürfelten<br />

Helden aller Rassen und einer<br />

Aufgabe, die es zu bewältigen gibt, nicht neu<br />

sind, hat Carmen Hermann mit „Gors Fluch“<br />

etwas ganz eigenes geschaffen.<br />

Wer Lust bekommen hat, „Gors Fluch“ von<br />

Carmen Hermann selbst einfach zu lesen: Das<br />

Buch ist im Februar 2012 beim Wagner Verlag<br />

erschienen (ISBN: 978-3862792498) und kostet<br />

19,80€.<br />

Wertung: 6 von 10 Punkten<br />

© 2012 Anke Wittmaack<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

von Anke Wittmaack<br />

Preis: 19,80 Euro<br />

=> bei Amazon kaufen


DIE Bücherdimension<br />

Ariko ist ein Sohn der Straße. Von den Eltern verlassen, von den Behörden ins Waisenhaus<br />

gesteckt, gerät er früh in die Fänge des Militärs.<br />

Er wird zum Soldaten erzogen und in den Krieg gegen das geheimnisvolle Volk der Hameshi<br />

geschickt. In deren riesigen Wäldern lernt er verlorene Seelen und grausame Götter, aber<br />

auch die magische Schönheit der Schöpfung kennen.<br />

Ariko begegnet einem Mädchen. Sie ist jung, sie ist schön und sie ist eine feindliche<br />

Kriegerin. Der Waise wechselt die Fronten, doch findet er auch bei den Hameshi keinen<br />

Frieden. Er muss gegen Widersacher kämpfen und heimtückischen Dämonen widerstehen.<br />

Ariko lernt viel im Reich der ewigen Wälder, aber wird er am Ende auch begreifen, dass der<br />

Keim alles Bösen … in der Liebe liegt?<br />

DIE Bücherdimension<br />

Buchtipp: Das Schwarze Kollektiv<br />

Broschiert 264 Seiten<br />

Verlag: Art Skript Phantastik Verlag;<br />

Auflage: 1. (28. Juli 2012)<br />

Sprache: Deutsch<br />

ISBN-10: 3981509234<br />

ISBN-13: 978-3981509236<br />

von Michael Zandt<br />

Größe und/oder Gewicht: 21 x 14,8 x 2 cm<br />

Preis: 11,80 Euro<br />

=> bei Amazon kaufen


DIE Bücherdimension<br />

Michael Zandt - Kurzvita<br />

Michael Zandt, geboren 1967, lebt im Herzen des Stauferlandes. Im Jahr<br />

2011 war eine seiner Kurzgeschichten für den „Deutschen Phantastik Preis“<br />

nominiert, im selben Jahr erschien auch sein Debüt-Roman „Hapu – Teufel<br />

im Leib“.<br />

Kurzgeschichten: Zeichen des Verrats (erschienen in „Wer die Zeichen sucht“ -<br />

deutex Verlag)<br />

Auf Reisen (erschienen in „Sexlibris“ – Schreiblust – Verlag)<br />

Das Labyrinth der Schatten (erschienen in „Golem 85 –<br />

Phantastik Magazin)<br />

Nazi Zombie Holocaust (erschienen in „Das Buch der lebenden<br />

Toten – Evolver Books)<br />

Unter dem Nebelmond (voraussichtlich September 2012 in<br />

„Vampire Cocktail“ – Art Skript Phantastik Verlag)<br />

Romane: Hapu – Teufel im Leib (Candela Verlag)<br />

Das schwarze Kollektiv (Art Skript Phantastik Verlag)<br />

Das Schwarze Kollektiv - Leseprobe I<br />

In Grabenstett hatte ich einen Tag Aufenthalt,<br />

was am stark ausgedünnten Fahrplan lag. Ein<br />

Großteil der Triebwagen und Waggons verkehrte<br />

inzwischen ausschließlich nach Maßgabe<br />

der Evakuierungsbehörde. Der mich am folgenden<br />

Tag in den Aselschott bringende Zug<br />

sollte der vorerst letzte sein, der in die östlichste<br />

Provinz des Landes fuhr. Danach würde der<br />

Bahnverkehr dorthin eingestellt. Vielleicht, wie<br />

die Regierung hoffte, für Tage, vielleicht aber<br />

auch, wie seine Heiligkeit glaubte, für Jahrzehnte.<br />

Es war ein merkwürdiges Gefühl, sich entgegen<br />

dem Strom der Flüchtlinge zu bewegen, die der<br />

Heimatschutz aus den bedrohten Gebieten<br />

brachte. In jedem Bahnhof, durch den ich kam,<br />

standen Trauben von Menschen, die sich dicht<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

an dicht an den Bahnsteigen gen Westen<br />

drängten.<br />

Einige Pessimisten fürchteten, dass bei einem<br />

ungünstigen Verlauf ihrer Wanderschaft die<br />

Horde vielleicht sogar die Hauptstadt bedrohen<br />

könnte. Trotz dieser schrecklichen Gefahr<br />

konnte sich das Parlament nicht zu einer<br />

Räumung von Wilderklinge entschließen. Als zu<br />

gering erachtete man die Gefahr im Vergleich zu<br />

den Problemen, die eine Evakuierung von rund<br />

9 Millionen Menschen mit sich bringen würde.<br />

Fuhr der Zug über Land, deutete nichts auf den<br />

unmittelbar bevorstehenden Feldzug der Horde<br />

hin. Es war warm, und ich hatte das Fenster weit<br />

geöffnet. Die Sonne schien mir ins Gesicht, der<br />

Fahrtwind zauste meine Haare, und der frische<br />

Duft der an mir vorüberfliegenden Felder lud<br />

zum Träumen ein.


Am Bahnhof von Friedeburg war Endstation. Mir<br />

fiel auf, dass mein Zigarettenpäckchen fast leer<br />

war. Ich ging zum Bahnhofskiosk, doch der war<br />

bereits geplündert worden. Ich ärgerte mich, an<br />

diese Möglichkeit nicht schon bei meiner<br />

Abfahrt gedacht zu haben. Die Angst, vielleicht<br />

auf unbestimmte Zeit vom Glimmstängelnachschub<br />

abgeschnitten zu sein, löste augenblicklich<br />

Entzugssymptome in mir aus.<br />

Friedeburg selbst, obwohl bereits evakuiert, war<br />

voller Menschen. Hier sammelten sich die Angehörigen<br />

der Hordenkirche, um gemeinsam in<br />

den Tod zu gehen.<br />

Den Weg bis an den Ostrand der Stadt legte ich<br />

zu Fuß zurück. Immer, wenn ich an einer Gruppe<br />

der in weiße, wallende Gewänder gehüllten<br />

Sektierer vorüberkam, tippte ich mir mit dem<br />

Finger gegen die Stirn. Die wenigsten ärgerten<br />

sich darüber, im Gegenteil. Die meisten schüttelten<br />

ihre Köpfe und lachten mich aus. Sie<br />

glaubten, dass ich, der Christ, derjenige sei, der<br />

ob der mir fehlenden „Erleuchtung“ bedauert<br />

werden müsse.<br />

Das Militär hatte am Stadtrand zwei Absperrungen<br />

errichtet, welche die Hordenanbeter<br />

einzeln passieren mussten. Gemäß unserer Verfassung<br />

durfte der Staat die Anhänger der Horde<br />

zwar nicht daran hindern, sich von ihrer Göttin<br />

verschlingen zu lassen, doch konnte er wenigstens<br />

dafür sorgen, dass sie eine letzte Möglichkeit<br />

zur Umkehr bekamen. Direkt hinter der<br />

ersten Absperrung standen neben einem in den<br />

Boden gepflockten hölzernen Kreuz drei Geistliche.<br />

Die Männer, zu denen ich mich gesellte,<br />

taten ihr Möglichstes, Zweifel in die Herzen der<br />

zum Selbstmord Entschlossenen zu säen.<br />

„Komm zu uns, Bruder! Bekenne dich zu Jesus<br />

Christus als deinen Herrn und Erlöser! Stirb<br />

keinen sinnlosen Tod!“<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

Die Mehrzahl der Hordenanbeter hatte für die<br />

Bemühungen der Diener Gottes wenig mehr als<br />

einen ausgestreckten Mittelfinger übrig, doch<br />

gab es, was die Festigkeit im Glauben anging,<br />

unter den Sektierern durchaus Unterschiede.<br />

Ohne dem unmittelbaren Zugriff ihrer Familie<br />

oder anderen ideologisch gefestigten Gemeindemitgliedern<br />

ausgesetzt zu sein, begannen<br />

manche, am Sinn des von ihnen eingeschlagenen<br />

Weges zu zweifeln. Immer wieder warfen einzelne<br />

Frauen und Männer ihre Skarabäenamulette<br />

von sich. Sie kamen zu uns<br />

herübergelaufen, fielen auf die Knie und küssten<br />

das heilige Holz, das ihnen Schutz und die Vergebung<br />

ihrer Häresie verhieß. Nach einer rasch<br />

vorgenommenen Taufe wurden die Konvertierten<br />

zu einem der bereitstehenden Truppentransporter<br />

gebracht, wo sie vor dem Zorn ihrer<br />

ehemaligen Glaubensgenossen sicher waren.<br />

Während ich neben den beiden Absperrungen<br />

stand und auf meinen Transport nach Fort<br />

Waterkamp, dem Ziel meiner Reise, wartete,<br />

wurde ich Zeuge einiger erschütternder Szenen.<br />

Kinder weinten, Männer schlugen um sich, eine<br />

Frau riss sich aus Kummer über die Apostasie<br />

ihres Gatten die Haare vom Kopf … Noch heute<br />

habe ich das Bild eines vielleicht siebenjährigen<br />

Mädchens vor Augen. Es hielt eine ausgebleichte<br />

Stoffpuppe an ihren mageren Körper gepresst.<br />

Den tränenverschleierten Blick hatte sie fest auf<br />

den vor ihr liegenden Durchgang gerichtet. Von<br />

vorn und von hinten drangen die Stimmen ihrer<br />

Familie auf sie ein. Die Erwachsenen beschworen<br />

das Mädchen, nicht auf die Geistlichen zu<br />

hören und weiter zu gehen. Die Christen seien<br />

Lügner und Verführer. Das Paradies sei nah und<br />

würde sie im Innern der Horde erwarten. Unterdessen<br />

versuchten die Pfarrer, das verängstigte<br />

Kind ganz besonders engagiert auf ihre Seite zu<br />

ziehen. Langsam und unsicher tat es Schritt um


DIE Bücherdimension<br />

Schritt. Bald waren es nicht nur die Geistlichen,<br />

die auf das Kind einredeten, sondern auch die<br />

umstehenden Soldaten, die Fahrer der Transporter<br />

und schließlich auch ich.<br />

„Komm zu uns, liebes Kind! Komm hierher!<br />

Komm doch! Komm!“<br />

Als die vor der ersten und hinter der zweiten<br />

Absperrung stehende Familie der Kleinen hörte,<br />

wie sehr wir uns um sie bemühten, verstärkte<br />

sie ebenfalls ihre Anstrengungen. Alle Worte,<br />

alle Argumente verschmolzen mit der Zeit zu<br />

einem einzigen Komm!, das von allen Seiten auf<br />

das Mädchen eindrang, es einzufangen suchte<br />

in einem Netz sich widersprechender Verheißungen.<br />

Endlich, kurz vor der zweiten Barrikade,<br />

blieb sie stehen. Eine Sekunde verging, dann<br />

eine weitere … dann ließ das Kind seine Puppe<br />

fallen, drehte sich stolpernd um die eigene<br />

Achse und kam schluchzend auf uns zugerannt.<br />

Kaum hatte es das Kreuz berührt, wurde es von<br />

den Priestern auch schon getauft und von seinen<br />

Sünden reingewaschen. Ein Soldat nahm das<br />

zitternde Bündel auf. Während wir übrigen uns<br />

lachend in den Armen lagen, rannte er mit der<br />

Kleinen zu den Schutz verheißenden Fahrzeugen<br />

hinüber.<br />

Dann kam die Mutter des Mädchens durch die<br />

Absperrung. Gerade noch rechtzeitig, um mit<br />

anzusehen, wie ihre Tochter im Innern des<br />

Militärtransporters verschwand. „Amelie! Amelie!“,<br />

schrie sie und schlug sich dabei in selbstvergessener<br />

Gram wieder und wieder die Fäuste<br />

ins Gesicht. „Amelie!“<br />

Hätte ich vielleicht Mitleid mit dieser Frau haben<br />

sollen? Mit diesem Zerrbild einer Mutter, die<br />

dazu bereit gewesen war, ihr Kind von den<br />

Kiefern der Hordenwesen zerstückeln zu lassen?<br />

Die Priester, die Soldaten und ich, wir alle<br />

hüllten uns in eisiges Schwiegen, bis die Frau<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

endlich aufstand und benommen auf die zweite<br />

Absperrung zu taumelte.<br />

Es war Mittag, und mir wurde warm. Ich öffnete<br />

den obersten Knopf meiner Uniform und zog die<br />

Sonnenbrille aus ihrem Etui. Auf einer meiner<br />

Stiefelspitzen ließ sich ein Zitronenfalter nieder.<br />

Bis auf das heisere Schluchzen von Amelies<br />

Mutter war es still.<br />

***<br />

Wir verließen die Ebene von Aselschott, kurz<br />

bevor die Ufer des großen Flusses in Sichtweite<br />

gekommen wären. Bis auf die Felsenfeste von<br />

Jista – dem Ort, an dem das heilige Buch vom<br />

Himmel fiel – hatte ich damals jeden für unseren<br />

Glauben bedeutsamen Platz bereits einmal<br />

besucht. Die Horde bildete da keine Ausnahme.<br />

Gemeinsam mit fünf anderen Kadetten des<br />

Kollektivs hatte ich von der großen Aussichtsplattform<br />

aus auf die zwar erstarrte, nichtsdestoweniger<br />

aber Furcht einflößende Geißel<br />

unseres Herrn hinabgeblickt. Doch diesmal war<br />

es anders. Ganz anders. Ich konnte die Horde<br />

fühlen, noch ehe ich sie sehen konnte. Ihre Nähe<br />

verursachte ein unangenehmes Kribbeln auf<br />

meiner Haut. Ich bekam Kopfschmerzen. Erst<br />

kaum wahrnehmbar wie ein leichter Schwindel,<br />

dann immer heftiger werdend.<br />

Am Ende ihrer letzten Wanderschaft hatte die<br />

Horde den großen Fluss verdrängt. Nachdem er<br />

das umliegende Land eine Zeit lang überschwemmte,<br />

grub sich der Strom ein neues Bett<br />

in den Untergrund. Nun umfloss er die vorderen<br />

Ausläufer der Insektenbrut und bildete damit<br />

die in der Abendsonne glitzernde Fassung für ein<br />

Amulett aus reiner Bösartigkeit.<br />

Mit Fort Waterkamp unterhielt die Armee eine<br />

kleine Festung, wie es an der Grenze zu Burgenreich<br />

einige gibt. Der Kommandant wies mir ein


equemes Quartier zu, doch an Schlaf war<br />

trotzdem kaum zu denken. Obwohl die Außentemperatur<br />

selbst in der Nacht nicht unter 15<br />

Grad sank, war mir ständig kalt. Ich fror auf eine<br />

beklemmende Art, gegen die weder Decke noch<br />

Heizkörper halfen. Ich wurde immer fahriger,<br />

immer nervöser, und ich litt unter dem Gefühl,<br />

meine Gedanken würden auseinanderstreben.<br />

Die unmittelbare Nähe der erwachenden Insekten<br />

beeinträchtigte den Verstand der Menschen<br />

ebenfalls, doch schien ich, der Agrim, für die von<br />

der Horde ausgehenden Reize besonders empfänglich.<br />

Schon das Lesen der Zeitung bereitete<br />

mir Mühe.<br />

Wir hatten große Geduld mit dem Volk der<br />

Asartu!, stand dort. Viele Jahre lang haben wir<br />

mit ihnen gesprochen wie mit Freunden, die<br />

durch Leichtsinn und Verführbarkeit dem Bösen<br />

anheimgefallen sind. Doch unsere Geduld ist nun<br />

zu Ende, und die Zeit der Reinigung ist nah!<br />

Gerechter Zorn durchbrach den bleiernen Gürtel<br />

meiner Schmerzen. Die Asartu, das Volk Luzifers!<br />

Diese tückischen Wesen mit der kreidebleichen<br />

Haut und den mörderischen Reißzähnen! Ihr<br />

dämonisches Aussehen war freilich nicht die<br />

verabscheuungswürdigste Eigenart der auf der<br />

Nebelinsel herrschenden Asartu, oh nein: Satans<br />

Volk aß Menschenfleisch!<br />

Wie oft hatte Wilderland von den Asartu schon<br />

ein Ende der Unterdrückung der in ihrem<br />

Hoheitsgebiet lebenden Menschen gefordert.<br />

Ohne jeden Erfolg. Die Mehrheit der Gläubigen<br />

hatte inzwischen genug von den ewigen und<br />

nirgendwohin führenden Verhandlungen. Tag<br />

für Tag zogen Demonstranten vors Parlament.<br />

Sie verlangten von den Abgeordneten, die<br />

Aktendeckel zu schließen und die Kasernentore<br />

zu öffnen!<br />

***<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

Die Kopfschmerzen waren unangenehm, doch<br />

zu ertragen. Was mir zusetzte, war eine Art<br />

ständiges Flüstern und Rascheln, das von der<br />

Horde auszugehen schien und das sich anfühlte,<br />

als würde sich ein Teppich auf mein Bewusstsein<br />

legen, der jeden Gedanken erstickte.<br />

Unter unserem Standort in der Ebene von Aselschott<br />

hatten sich inzwischen die Hordenanbeter<br />

versammelt. Sie hielten sich bei den Händen,<br />

sangen und beteten und warteten auf das Paradies.<br />

Das Ganze hatte den Anschein eines morbiden<br />

Volksfestes. Es wurde gegessen,<br />

getrunken und gelacht.<br />

Petra Drechsler und Dunkler Traum standen dort<br />

unten. Eingerahmt von einem kleinen Wald aus<br />

Verstärkern und Lichtmaschinen. Vor den Anti-<br />

Blasphemiegesetzen waren Dunkler Traum fast<br />

jeden Tag im Radio zu hören gewesen. Selbst ich<br />

als Kollektivist kannte zwei oder drei ihrer<br />

Lieder. Und jetzt standen sie dort unten und<br />

machten Musik, während wir, die wir auf den<br />

sicheren Mauern des Forts standen, bereits die<br />

ersten Regungen der gewaltigen, schwarzen<br />

Masse beobachten konnten.<br />

***<br />

Die Wanderung der Horde begann im Morgengrauen<br />

des zweiten Tages nach meiner Ankunft<br />

im Fort. Den Berechnungen des Fachbereichs<br />

Physik der Wilderklinger Staatsuniversität<br />

zufolge hätte das über die Horde gespannte Netz<br />

dem Zweieinhalbfachen des von den Insekten<br />

maximal entfaltbaren Drucks standhalten<br />

müssen. Aber das tat es nicht. Ohne feststellbare<br />

Mühe hatte die Horde ihre acht Milliarden<br />

Franken teuren, aus einer superstabilen Titanlegierung<br />

bestehenden Fesseln gesprengt. Ganz<br />

so, wie seine Heiligkeit der Papst es vorausgesehen<br />

hatte. Das Zittern der Erde rüttelte mich aus


DIE Bücherdimension<br />

einem wirren Traum. Einen magischen Moment<br />

lang hatte ich nicht die leiseste Vorstellung, wer<br />

ich war oder wo ich mich befand. Das ängstigte<br />

mich weniger, als es mich elektrisierte. Für die<br />

Dauer eines Augenblicks hätte ich jedermann<br />

sein können.<br />

Dann fiel mir alles wieder ein. Die Horde! Ich<br />

sprang aus dem Bett, stolperte über die auf dem<br />

Boden stehende Nachttischlampe und stieß mit<br />

dem rechten Oberschenkel gegen die scharfe<br />

Unterkante des Schreibtischs. Knurrend warf ich<br />

mir meine Uniformjacke über, verließ die Unterkunft<br />

und rannte humpelnd den Wehrgang<br />

hinauf. Dort standen die Soldaten bereits dicht<br />

an dicht, sodass ich Mühe hatte, mich bis an die<br />

Brüstung vorzuarbeiten.<br />

Schließlich aber sah ich es! Das erste Licht des<br />

anbrechenden Tages fiel auf die Ebene von<br />

Aselschott und verwandelte die sich über das<br />

Flussufer hinweg wälzende Horde in eine turmhohe,<br />

schwarzglühende Woge.<br />

Die Hordenanbeter knieten einzeln oder in<br />

Gruppen, hielten sich umschlungen oder erwarteten<br />

ganz für sich allein das Ende. Die Unerschütterlichkeit<br />

ihres Glaubens bestürzte mich.<br />

Wie konnte eine derart teuflische Häresie<br />

jemandem eine so fundamentale Gewissheit<br />

schenken?<br />

Immer wieder lösten sich einzelne Riesenkäfer<br />

aus der Masse, stürzten den vorwärtsdrängenden<br />

Steilhang hinunter, nur um Sekunden<br />

später wieder unter der nachströmenden Flut<br />

ihrer Artgenossen begraben zu werden. Bäume,<br />

Büsche, Menschen … Alles wurde von den<br />

Zangen der grässlichen Insekten ergriffen und in<br />

das Innere der Horde gezerrt. Noch immer bebte<br />

die Erde, stärker sogar denn je, und mein Kopf<br />

schmerzte mit einer Heftigkeit, die mich in die<br />

Knie zwang. Das Flüstern der Horde wandelte<br />

sich zu einem schrillen Kreischen. Ich konnte<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

nichts mehr fühlen, nichts mehr denken. Alles<br />

in mir war Schmerz und Furcht. Viele der um<br />

mich herum stehenden Soldaten sanken ohnmächtig<br />

zu Boden. Ich selbst begann aus Ohren<br />

und Nase zu bluten, doch dafür ließ der entsetzliche<br />

Druck in meinem Kopf etwas nach. Ein<br />

Soldat, der sich auf den Beinen hatte halten<br />

können, gab mir ein graues Stofftaschentuch,<br />

mit dem ich mir das Blut aus dem Gesicht<br />

wischte.<br />

Im Tal zog unterdessen der gewaltige Strom der<br />

Horde vorüber, und es gab nichts und niemanden,<br />

der dem hätte Einhalt gebieten<br />

können. Ich dachte an Dunkler Traum und daran,<br />

dass sie nun nie wieder ein Konzert spielen<br />

würden.<br />

Die anderen drängten sich noch an der Brüstung,<br />

als ich in meine Unterkunft zurückging. Dort<br />

stellte ich fest, dass ich mir in die Hosen gepinkelt<br />

hatte. Das war mir schrecklich peinlich,<br />

obwohl ich nicht glaubte, dass es von jemandem<br />

bemerkt worden war.<br />

Das Schwarze Kollektiv - Leseprobe II<br />

Das Spiel ist noch keine zehn Minuten alt. Der<br />

Schiedsrichter hat dem Torhüter der Heimmannschaft<br />

gerade den gelben Karton gezeigt und<br />

wird dafür vom Publikum beschimpft und ausgepfiffen.<br />

Der zwei Reihen unter mir stehende<br />

ältere Herr nimmt die Verwarnung persönlich.<br />

Er brüllt und gestikuliert mit einer Heftigkeit, vor<br />

der sein Arzt ihn wahrscheinlich warnen würde.<br />

Die weiter unten stehenden Zuschauer rütteln<br />

an dem das Spielfeld umgebenden Gitter oder<br />

werfen Getränkebecher über die Absperrung.<br />

Ich stehe im rechten oberen Eck des Zuschauerblocks.<br />

Soweit abseits wie nur möglich. Ich weiß<br />

nicht, wer hier spielt, und ich weiß auch nicht,<br />

warum das den Menschen wichtig ist, aber


wegen der Menschen bin ich auch nicht hier.<br />

Weder interessieren mich ihre Leidenschaften<br />

noch ihre Abgründe. Alles, was mich interessiert,<br />

ist die Frau, die auf dem Zaun des Nachbarblocks<br />

sitzt. Man könnte sie ihrer schneeweißen Haut<br />

und ihrer blitzenden Fänge wegen für eine<br />

Asartu halten. Die Menschen mögen das auch<br />

glauben, ich aber weiß es besser. Dieses<br />

Geschöpf, das seiner Umgebung vorgaukelt, es<br />

wäre eine gewöhnliche junge Frau, ist in Wahrheit<br />

eine der tödlichsten Kreaturen dieser Erde.<br />

Oder sollte es doch zumindest sein, denn<br />

irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Zu meinem<br />

unwahrscheinlichen Glück liegen ihre halb göttlichen,<br />

halb teuflischen Kräfte in festgeschmiedeten<br />

Ketten. Ich kann es spüren. Gut<br />

möglich aber, dass ich der Einzige im Stadion bin,<br />

der das kann.<br />

Die Frau, von der ein Dämon mir verraten hat,<br />

dass sie Hapu heißt, leitet ein seltsames Ritual.<br />

Sie hat sich den Rängen zugewandt und kommandiert<br />

mit Rufen und Gesten den vor ihr<br />

stehenden Teil des Publikums. Unterstützt wird<br />

sie dabei von einem bebrillten Menschen von<br />

etwa zwanzig Jahren, der ein Megafon in den<br />

Händen hält. Gemeinsam motivieren und koordinieren<br />

sie die Schlachtrufe der ihnen gegenüberstehenden<br />

Meute. Hapu hält die Arme zur<br />

Seite gestreckt, um der Menge den Beginn eines<br />

neuen Sprechgesangs anzuzeigen. Sie wartet,<br />

bis die Aufmerksamkeit des Blockes ihr gehört,<br />

dann klatscht sie in die Hände. Erst langsam,<br />

dann immer schneller. Der Mensch mit dem<br />

Mikrofon skandiert die dazugehörigen Worte,<br />

denen schließlich die Gruppe Wucht und<br />

Dynamik verleiht.<br />

„SVK! SVK! SVK!“<br />

Während die in meiner Nähe stehenden<br />

Zuschauer sich wie schlecht erzogene Kinder<br />

benehmen, erinnern mich die Leute im Nachbar-<br />

DIE Bücherdimension<br />

DIE Bücherdimension<br />

block an Soldaten. Ihre Fahnen sind wie Schlachtenbanner,<br />

ihre Sprechchöre gleichen<br />

Kriegsgesang. Der dunkle Qualm einer Rauchbombe<br />

steigt aus ihren Reihen auf. Der Geruch<br />

des Pulvers weckt Erinnerungen von grausamer<br />

Klarheit. Das Lärmen der Zuschauer verwandelt<br />

sich in das Brüllen und Fauchen von Flammen.<br />

Granaten haben den Wald in Brand gesetzt, und<br />

das alles verzehrende Feuer erhitzt die Luft so<br />

sehr, dass ich kaum noch atmen kann. Der von<br />

glühenden Winden angefachte Funkensturm<br />

setzt meine Haare in Brand und lässt die Kleider<br />

mit der Haut verschmelzen.<br />

Das Wüten des Feuers wird von leisen, kläglichen<br />

Lauten begleitet. Sie gehören den von den<br />

Flammen eingeschlossenen Tieren. Sie wissen,<br />

dass es keine Rettung für sie gibt. Nicht mehr<br />

lange, und der Gestank ihrer schmorenden<br />

Kadaver wird die Luft erfüllen.<br />

Ich verlasse meinen Platz und dränge in Richtung<br />

Ausgang. Dabei muss ich mich zwingen, niemanden<br />

zu schlagen oder aus dem Weg zu<br />

stoßen. Als ich endlich vor dem Stadion stehe,<br />

verliert sich die Vision allmählich. Ich presse<br />

meine schweißnasse Stirn gegen einen Pfeiler<br />

und schöpfe Atem. Meine Kehle ist so trocken,<br />

dass es schmerzt. Glücklicherweise habe ich<br />

etwas Geld dabei. Ich krame die Münzen aus<br />

meiner Hosentasche und gehe zu dem neben<br />

dem Aufgang zu den Rängen stehenden Kiosk.<br />

Die dicke Verkäuferin mit der schmutzigen<br />

Küchenschürze mustert mich argwöhnisch.<br />

„Ein Bier, bitte.“<br />

„Soso, du willsch a Bier. Wie alt bisch denn,<br />

Kerle?“<br />

„Neunzehn.“<br />

„Hosch dein Ausweis dabei?“<br />

„Nein.“<br />

„Dann kriagsch au koi Bier!“


DIE Bücherdimension<br />

„Dann geben Sie mir ein Wasser.“ Ich bezahle,<br />

nehme den mir über den Tresen gereichten<br />

Becher und trinke in gierigen kleinen Schlucken.<br />

Anschließend werfe ich den Pappbehälter in<br />

eine Mülltonne und schaue auf die Uhr. Das Spiel<br />

dauert noch etwa anderthalb Stunden. Zeit, die<br />

ich nicht hier verbringen muss, habe ich doch<br />

gefunden, was ich finden wollte. Unwillkürlich<br />

taste ich nach dem in meiner Hosentasche<br />

verborgenen, goldenen Nagel. Es ist eine<br />

magische Waffe, die Hapu zwar nicht töten,<br />

dafür aber in die Hölle schicken wird.<br />

In der Nähe des Stadions befindet sich ein<br />

kleiner Wald. Dort gehe ich hin. Ich setze mich<br />

ins Gras und lehne mich mit dem Rücken gegen<br />

den Stamm einer Birke. Ein weißer Schmetterling<br />

kommt vorbei. Ich biete ihm meinen Handrücken<br />

an, doch er flattert weiter.<br />

Auch wenn das Fieber der Jagd mich in den<br />

letzten Tagen nicht hat schlafen lassen, sorgen<br />

die Kräfte der Roten Mutter doch dafür, dass<br />

Geist und Körper funktionieren. Müde bin ich<br />

trotzdem.<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Ich denke an mein Mädchen. Ich denke an ihre<br />

lockigen, braunen Haare, das Grübchen über<br />

dem Kinn und die mit Sommersprossen gesprenkelte<br />

Nase. Wäre sie doch bei mir. Wäre sie doch<br />

nicht so verdammt weit weg! Ich schüttele mich<br />

und zwinge meine Gedanken in eine andere<br />

Richtung. Wenn ich es zulasse, dass der Schmerz<br />

mich überwältigt, wird mich das die letzte kleine<br />

Chance kosten, sie je wiederzusehen.<br />

Der Wind trägt die Geräusche des Stadions<br />

herüber. Wenn man nicht auf den Text, sondern<br />

nur auf den Rhythmus achtet, klingen die Anfeuerungsrufe<br />

wie ein Gebet.<br />

Ich schließe die Lider und versuche, zu schlafen.<br />

Doch statt zu ruhen, machen sich meine Gedanken<br />

auf die Reise. Erst wandern sie ziellos hierhin<br />

und dorthin, aber schließlich bekommen sie<br />

doch eine Richtung. Langsam steigen Erinnerungen<br />

aus dem Nebel der Zeit. Sie nehmen<br />

mich bei der Hand, küssen mir sanft die Stirn und<br />

führen mich an den Tag zurück, an dem alles<br />

begonnen hat.<br />


DIE Bücherdimension<br />

Das Buch hat nicht nur ein ungewöhnliches<br />

Format, sondern beinhaltet auch ungewöhnliche<br />

deutsche Science Fiction-Geschichten. Es sind<br />

die nämlich die Gewinner des Deutschen Science<br />

Fiction Preises und seines Vorgängers in der<br />

Kategorie „Kurzgeschichte“ von 1985 bis 2012.<br />

1985 gab es ihn zum ersten Mal – den damals<br />

noch »SFCD-Literaturpreis« genannten Preis für<br />

den besten deutschsprachigen Science-Fiction-<br />

Roman und die beste deutschsprachige SF-Kurzgeschichte,<br />

die im Vorjahr erstmals veröffentlicht<br />

wurde. Heute heißt der Preis »Deutscher<br />

Science-Fiction-Preis«, kurz DSFP, und ist mit<br />

zwei Mal 1000 Euro der einzige dotierte SF-Preis<br />

im deutschsprachigen Raum.<br />

Am Konzept hat sich in den Jahren wenig geändert:<br />

Ein Literaturpreiskomitee wechselnder<br />

Zusammensetzung liest die deutschsprachigen<br />

Erstveröffentlichungen eines Jahres, bewertet<br />

diese und findet am Ende den Preisträger des<br />

Jahres in den beiden auch heute noch relevanten<br />

Kategorien Roman und Kurzgeschichte.<br />

In manchen Jahren war die Liste der Nominierten<br />

lang, in anderen Jahren sehr kurz. Doch<br />

immer waren die Preisträger mit ihren Werken<br />

herausragend und überzeugend.<br />

Die Autoren selbst bilden eine wirklich illustre<br />

Runde. Neben den „alten“ Hasen wie Thomas<br />

R.P. Mielke, Rainer Erler, Reinmar Cunis, dem<br />

Ralf Boldt & Wolfgang Jeschke (Hrsg.)<br />

DIE STILLE NACH DEM TON und die anderen preisgekrönten SF-<br />

Kurzgeschichten des SFCD-Literaturpreises 1985–1998 und des<br />

Deutschen Science-Fiction-Preises 1999–2012<br />

DIE Bücherdimension<br />

Bestsellerautor Andreas Eschbach stehen die<br />

Namen junger deutscher SF-Autoren der Gegenwart.<br />

Dem werten Leser werden dadurch grundverschiedene<br />

Texte von höchster Qualität<br />

geboten. Es finden sich klassische Raumfahrergeschichten,<br />

Inner Space-Erzählungen, Stories<br />

mit Lokalkolorit, bitterböse Satiren und scharfäugige<br />

Betrachtungen der in die Zukunft extrapolierten<br />

Gegenwart. Die Geschichten können<br />

kurz und prägnant sein, aber auch schon einmal<br />

die Länge einer Novelle erreichen. Bei allen<br />

Stories wir damit deutlich, dass sich die deutsche<br />

SF-Kurzgeschichte und damit ihre Autoren nicht<br />

hinter den angloamerikanischen oder osteuropäischen<br />

Veröffentlichungen verstecken müssen<br />

und eine feste Größe in der Science Fiction-<br />

Literatur sind.<br />

Die meisten Stories liegen nach langer Zeit<br />

erstmalig wieder in gedruckter Form vor.<br />

Ralf Boldt und der Altmeister der deutschen<br />

SF-Kurzgeschichte Wolfgang Jeschke präsentieren<br />

in dieser außergewöhnlichen Sammlung die<br />

Preisträger der Sparte der SF-Kurzgeschichten<br />

im SFCD-Literaturpreis von 1985–1998 und im<br />

Deutschen Science-Fiction-Preis von 1999–2012:<br />

1985: Thomas R. P. Mielke, Ein Mord im Weltraum<br />

1986: Wolfgang Jeschke, Nekromanteion<br />

1987: Reinmar Cunis, Vryheit do ik jo openbar


1988: Ernst Petz, Das liederlich-machend Liedermacher-Leben<br />

1989: Rainer Erler, Der Käse<br />

1990: Gert Prokop, Kasperle ist wieder da!<br />

1991: Andreas Findig, Gödel geht<br />

1992: Egon Eis, Das letzte Signal<br />

1993: Norbert Stöbe, Zehn Punkte<br />

1994: Wolfgang Jeschke, Schlechte Nachrichten<br />

aus dem Vatikan<br />

1995: Andreas Fieberg, Der Fall des Astronauten<br />

1996: Marcus Hammerschmitt, Die Sonde<br />

1997: Michael Sauter, Der menschliche Faktor<br />

1998: Andreas Eschbach, Die Wunder des Universums<br />

1999: Michael Marrak, Die Stille nach dem Ton<br />

2000: Michael Marrak, Wiedergänger<br />

2001: Rainer Erler, Ein Plädoyer<br />

2002: Michael K. Iwoleit, Wege ins Licht<br />

2003: Arno Behrend, Small Talk<br />

2004: Michael K. Iwoleit, Ich fürchte kein Unglück<br />

2005: Karl Michael Armer, Die Asche des Paradieses<br />

2006: Michael K. Iwoleit, Psyhack<br />

2007: Marcus Hammerschmitt, Canea Null<br />

2008: Frank W. Haubold, Heimkehr<br />

2009: Karla Schmidt, Weg mit Stella Maris<br />

2010: Matthias Falke, Boa Esperança<br />

2011: Wolfgang Jeschke, Orte der Erinnerung<br />

2012: Heidrun Jänchen, In der Freihandelszone<br />

p.machinery, Murnau, September 2012, 392<br />

Seiten<br />

Paperback, ISBN 978 3 942533 37 9, EUR 28,90<br />

(DE), bis 10.09.2012 EUR 23,90 (DE)<br />

Hardcover (limited edition), ISBN 978 3 942533<br />

41 6, EUR 39,90 (DE) nur bis 10.09.2012<br />

=> bei Amazon kaufen<br />

DIE Bücherdimension<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

Weiterführende Informationen:<br />

Zum Buch und zum Verlag:<br />

http://www.pmachinery.de/<br />

Zum Deutschen Science Fiction Preis:<br />

http://www.dsfp.de


GameCaptain.de 121<br />

connect<br />

Ab dieser Ausgabe werden wir ausgewählte Tests von Computer- und<br />

Video-Spielen der Internet-Site GameCaptain.de veröffentlichen. Der<br />

Redaktion des Magazins dafür vielen Dank.<br />

Diese Mal dabei: The Elder Scrolls: Skyrim - Dawnguard, Darksiders 2 und<br />

Endless Space.<br />

Aktuelle Neuigkeiten, Tests und Spielhilfen zu Computer und Videospielen<br />

findet ihr unter www.GameCaptain.de<br />

GameCaptain.de


122<br />

GameCaptain.de<br />

Test: The Elder Scrolls: Skyrim - Dawnguard<br />

von Christina Schmitt<br />

Beschreibung (Herstellerangaben)<br />

Vampirfürst Harkon ist wieder zurückgekehrt. Mithilfe der Schriftrollen der Alten strebt er nach dem<br />

Undenkbaren – er will das Licht der Sonne für immer auslöschen. Werden Sie sich dem alten Orden<br />

der Dämmerwacht anschließen und Harkon aufhalten? Oder werden Sie selbst zu einem Vampirfürsten?<br />

Sie allein entscheiden, auf wessen Seite sie stehen!<br />

Rollenspiel<br />

von Bethesda Softworks<br />

USK-Freigabe keine Angabe<br />

PC Sommer 2012<br />

PS3 Sommer 2012<br />

360 Juli 2012<br />

Aktueller Preis<br />

Amazon 19.99 €<br />

=> bei Amazon kaufen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


"Die Festung der Dämmerwacht"<br />

Vampire sind für Elder Scrolls-Veteranen wahrlich<br />

nichts Neues, machen die blassen Gestalten<br />

doch schon traditionell die Spielwelt unsicher<br />

und drohen auch den Helden mit ihrer Blutdurst-<br />

Seuche zu infizieren. Im Dawnguard-Addon zu<br />

Skyrim sind sie nun allerdings besonders aktiv<br />

und man muss unter anderem erst mal herausfinden,<br />

was die kannibalisch veranlagten Bösewichte<br />

im Schilde führen.<br />

Helle oder dunkle Seite<br />

Schon kurz nach dem Download erfahren Charaktere<br />

mit mindestens Level 10 von Stadtwachen<br />

ein wenig über die namensgebende<br />

Dämmerwacht, welche sich auf der Suche nach<br />

neuen Rekruten für ihren Kampf gegen die<br />

Blutsauger befinden soll. Niedrigerstufige<br />

Helden können den Sitz der Wacht ebenfalls<br />

"Mit der Armbrust unterwegs"<br />

GameCaptain.de 123<br />

GameCaptain.de<br />

erreichen, müssen den Weg dorthin aber auf<br />

eigene Faust finden. Vor allem die Karten-Markierungen<br />

zu Beginn des Zusatzabenteuers sind<br />

übrigens sowieso eher verwirrend. Um die<br />

Festung der Vampirjäger zu erreichen, ignoriert<br />

ihr diese am besten und marschiert einfach von<br />

Rifton aus ein Stück nach Osten - der Zugang<br />

erfolgt dort durch eine von Fackeln erleuchtete<br />

Höhlenöffnung.<br />

Relativ bald erhält man die Chance, sich für eine<br />

der beiden Seiten des Konflikts zu entscheiden.<br />

Wer alle Facetten der Erweiterung sehen<br />

möchte, sollte also ein entsprechendes Save<br />

Game aufbewahren. Längst nicht alle Quests<br />

unterscheiden sich erheblich voneinander und<br />

meist führt der Handlungsfaden durch die gleichen<br />

Orte, man erlebt aber auf jeden Fall zwei<br />

Seiten der Geschehnisse sowie Fraktions-spezifische<br />

Aufträge.<br />

Im Laufe der Handlung wird der Protagonist quer<br />

durch Himmelsrand geschickt und muss z.B.<br />

Verbündete zusammentrommeln, erkundet<br />

frische Dungeons oder darf sich über diverse<br />

wirklich spektakuläre Gefechte freuen.<br />

Während Dawnguard-Anhänger dabei von<br />

starken Armbrüsten und anderen exklusiven<br />

Waffen sowie beeindruckenden Kampf-Trollen<br />

profitieren, bieten die Gegenspieler eine Verwandlung<br />

zum Vampirlord an - zu der man sich<br />

"Auch übersinnliche Gefilde warten"


124<br />

GameCaptain.de<br />

"So ein Vampirlord hat schon einiges drauf"<br />

aber auch noch später und trotz vorheriger<br />

Dämmerwacht-Zugehörigkeit entschließen darf.<br />

Was das Vampir-Dasein interessant macht, ist<br />

hier nicht etwa das Äußere (wir sind schließlich<br />

nicht bei Twilight, auch wenn manche der Blutsauger<br />

durchaus sympathischer erscheinen als<br />

ihre Verwandtschaft), sondern die übermenschliche<br />

Macht, die damit einhergeht.<br />

Neues für Wauzis und Hottehüs<br />

Neben fiesen Krallenhieben beherrscht ein<br />

erfahrener Vampirlord Lebensenergie-stehlende<br />

Zauberei und eine spezielle Teleport-Art (nützlich,<br />

um Abgründe zu überwinden) oder kontrolliert<br />

später die Figur umflatternde Fledermäuse.<br />

Nicht zuletzt bringt die hübsch-hässliche Verwandlungsform<br />

eine neue schnelle, schwebende<br />

Fortbewegungsart für Weltreisende mit sich.<br />

Allerdings muss wie gehabt die schädigende,<br />

Ausdauer kostende Kraft des Sonnenlichts<br />

beachtet werden (wenn man nicht gerade mithilfe<br />

magischer Pfeile eines legendären Bogens<br />

die Umgebung in Dunkelheit hüllt) und der<br />

Scharfzahn-Lord passt wegen seiner imposanten<br />

Gestalt nicht durch manche Türen oder ist nicht<br />

dazu in der Lage, mit vielen Objekten zu interagieren.<br />

Übrigens funktioniert dieser Modus auch<br />

nicht für First-Person-Fans.<br />

<strong>SpecFlash</strong> <strong>SpecFlash</strong> -- das das Portal Portal in in eine eine parallele parallele Realität Realität<br />

"Hier geht es zu den dazugehörigen Fähigkeiten"<br />

Mit dem Addon bekommen auch die Werwölfe<br />

ein paar Verbesserungen verpasst. So gibt es als<br />

Gegenstück zum Vampir-Fähigkeiten-Baum<br />

einen, jedoch weit weniger interessanten, für<br />

die Pelzträger, die sich von allen möglichen<br />

Beutetieren (oder Menschen...) ernähren und<br />

Hilfe für Kämpfe herbeiheulen können.<br />

Als weitere Ergänzung ist nun bekanntlich auch<br />

der Kampf zu Pferd möglich, erweitert wurden<br />

außerdem das Herstellen verzauberter Gegenstände<br />

und das Drachenschrei-Repertoire. Wem<br />

der Sinn nach Änderung der Visage steht, wird<br />

darüber hinaus neuerdings ein Besuch beim<br />

Gesichts-Chirurgen angeboten.<br />

Gut geschriebene Dialoge, zum Beispiel mit<br />

Vampir-Tochter und Gefährtin Serena, begleiten<br />

die neuen Aufgaben. Frische Schauplätze zwischen<br />

wunderschönen Wasserfällen und stimmungsvollen<br />

dunklen Gewölben laden zu<br />

weiteren Entdeckungstouren ein, grafisch und<br />

akustisch bleibt dabei alles beim guten Alten.<br />

Vor dem wenige Tage nach Release erfolgten<br />

Hotfix gab es einige Probleme, etwa mit unsichtbaren<br />

Rüstungen oder Monstern, inzwischen hat<br />

sich das aber zum Glück erledigt.<br />

Im direkten Vergleich mit dem schier endlosen<br />

Hauptspiel mag die Erweiterung mit ihren ca. 10<br />

bis 12 Stunden vielleicht ein wenig kurz wirken,<br />

dazu kommt aber wie bereits erwähnt noch ein


potenzieller Durchgang auf der Gegenseite.<br />

Zumal die mit den Zusatzinhalten verbrachte<br />

Zeit auch einfach für gute Unterhaltung sorgt,<br />

schon allein durch Details wie die coolen Vampir-<br />

Fähigkeiten. Nur ab und zu erscheinen Aufgaben<br />

wie Füllmaterial oder es gibt eher ruhige Leerlauf-Phasen<br />

ohne ausreichend Action, die dann<br />

mehr mit Sightseeing verbracht werden.<br />

FAZIT<br />

"Auch neu: Kampf vom Pferd aus"<br />

Mit fiesen Vampirlord-Fähigkeiten, faszinierenden<br />

neuen Schauplätzen und ein paar spektakulären<br />

Momenten liefert Dawnguard<br />

gelungenen Abenteuer-Nachschub für das Mammut-RPG,<br />

hätte aber in manchen Dingen ruhig<br />

noch eine Ecke umfangreicher ausfallen können<br />

bzw. weitere neue Features in anderen Bereichen<br />

mit sich bringen dürfen. Dafür ergibt sich<br />

durch die Wahl zwischen Vampiren und Dämmerwacht<br />

aber ein nicht zu verachtender Wiederspielwert.<br />

GameCaptain.de 125<br />

GameCaptain.de<br />

BEWERTUNG<br />

Gut<br />

Weitere Infos, Bilder, Videos und Tipps zu Dawnguard<br />

unter:<br />

http://www.gamecaptain.de/PC/Infos/6745/Th<br />

e_Elder_Scrolls_Skyrim_-_Dawnguard.html<br />

(Christina Schmitt 24.07.2012)<br />

(Alle Bilder sind Screenshots aus dem Spiel)


126<br />

Test: Darksiders 2<br />

von Rene Kursawe<br />

GameCaptain.de<br />

Beschreibung (Herstellerangaben)<br />

Darksiders II präsentiert die Heldentaten von TOD, einem der vier Reiter der Apokalypse. Das Spiel<br />

verknüpft dabei geschickt die Ereignisse des ersten Darksiders mit der neuen Story. Eine epische Reise<br />

führt TOD durch ganz unterschiedliche Regionen - die einen hell und freundlich, die anderen düster<br />

-, während er alles daran setzt, seinen Bruder KRIEG zu erlösen. Wir erinnern uns: KRIEG wurde im<br />

ersten Darksiders dafür verantwortlich gemacht, die Apokalypse zu früh ausgelöst zu haben ...<br />

Mit einer sehr viel größeren Spielwelt, vollständig aufrüstbaren Waffen und Rüstungen, weitläufigeren<br />

und noch herausfordernderen Dungeons sowie einer Vielzahl neuer Feinde und Boss-Gegner wird<br />

Darksiders II den Vorgänger in jedem Bereich übertreffen.<br />

Action-Adventure<br />

von THQ<br />

USK-Freigabe ab 16 Jahren<br />

PC August 2012<br />

PS3 August 2012<br />

360 August 2012<br />

Aktueller Preis<br />

Amazon 69.99 €<br />

=> bei Amazon kaufen<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität


Wie schlägt sich der Tod im langersehnten<br />

Nachfolger?<br />

Einen bunten Genre-Strauß präsentierte uns<br />

damals der originelle Überraschungserfolg Darksiders.<br />

Die besten<br />

Aspekte aus Zelda, Soul<br />

Reaver und God of War<br />

und fertig war der<br />

gelungene Mix. Der<br />

Nachfolger war diesmal<br />

bereits lange vor<br />

Release in aller Munde,<br />

will nun sein schweres<br />

Erbe antreten und wirft<br />

diesmal zusätzlich noch<br />

eine Spur Diablo und<br />

Shadow of the Colossus<br />

mit in den Genretopf. Ob der interessante<br />

Mashup wieder funktionert?<br />

Gestatten: Tod<br />

Freunde kann man sich aussuchen, Familie leider<br />

nicht. Den Sinn dieser Weisheit müssen auch die<br />

vier apokalyptischen Reiter, ihres Zeichens<br />

Brüder, schmerzlich erfahren. Denn Krieg, unser<br />

Protagonist aus Teil 1, wurde am Ende von<br />

Darksiders für seinen scheinbaren Verrat vors<br />

"Reiter Tod ist trotz schwerster Bewaffnung wendiger als<br />

Vorgänger Krieg"<br />

GameCaptain.de 127<br />

GameCaptain.de<br />

Tribunal gestellt und erwartet seine Verurteilung.<br />

Kein Geringerer als der Tod höchstpersönlich<br />

muss jetzt die Kohlen aus dem Feuer holen<br />

und seinen Bruder vor dem Ende bewahren.<br />

Doch mal eben hereinspaziert und Krieg befreien<br />

ist nicht. Dem Reiter<br />

Tod wurde zur Befreiung<br />

Kriegs eine nicht<br />

unwesentliche Aufgabe<br />

gestellt: Die Menschheit<br />

wiederzubeleben.<br />

Getan werden kann<br />

dies mithilfe des Baums<br />

des Lebens und genau<br />

der ist erstmal Tods<br />

"Wenn die Sensen nicht mehr helfen, schlagen wir eben Ziel. Wir übernehmen<br />

mit entsprechenden Prügeln zu"<br />

dabei dessen Steuerung<br />

und begeben uns<br />

auf die lange Reise. Diese wirkt allerdings etwas<br />

zusammenhangsloser als noch in Darksiders -<br />

ein roter Faden ergibt sich erst in der zweiten<br />

Hälfte des Spiels.<br />

Ein Kritikpunkt am vorigen Teil war, dass wir<br />

ziemlich alleine auf weiter Flur standen und<br />

dadurch ein Gefühl der Einsamkeit entstand.<br />

Hier bessert Darksiders 2 direkt aus, denn kurz<br />

nach Abenteuerstart kommen wir in den<br />

beschaulichen Ruheort Drei-Stein, von dem aus<br />

wir Trips zu den verschiedenen Storypunkten<br />

"Die zahlreichen Klettereinlagen wirken gelungen"


128<br />

GameCaptain.de<br />

Die Erschaffer versorgen uns stets mit Tipps und<br />

usrüstung"<br />

beginnen oder in dem wir uns ausstatten und<br />

mit den dortigen Bewohnern plaudern. Diese<br />

Bewohner sind jedoch keine geringeren als die<br />

Erschaffer der Menschenwelt, die hier hausen.<br />

Mächtige Kreaturen, die Tod mit Rat zur Seite<br />

stehen und uns verschiedene Nebenaufträge<br />

mitgeben. Neu ist nämlich auch, dass wir<br />

mehrere Missionen zugleich haben und uns<br />

dann aussuchen können, was wir als Nächstes<br />

angehen wollen - wodurch das Abenteuer nicht<br />

so linear wirkt. Und auch in den verschiedenen<br />

Dungeons gibt es hier und da optionale Pfade,<br />

die die eine oder andere Belohnung bereithalten.<br />

Wer alles mitnimmt, braucht gut 30<br />

Stunden für Tods Durchmarsch.<br />

Der Sensenmann<br />

Auch am Kampfsystem hat sich einiges geändert.<br />

Mit unserer Hauptwaffe – diesmal 2 Sensen -<br />

schlagen wir zwar immer noch mit vertrauten<br />

Tastenkombinationen zu, allerdings bietet uns<br />

das Spiel diesmal auch einen zweiten Waffenslot,<br />

den wir mit unterschiedlichsten Prügeln<br />

bestücken können, die wir von Gegnern aufsammeln<br />

oder in Truhen finden. Mit dabei sind<br />

riesige Hämmer und Äxte, aber auch Klauen<br />

oder Handschuhe. Jeder Waffentyp verhält sich<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

"In diesem Fall kein Boss, sondern ein Weggefährte"<br />

dabei im Kampf unterschiedlich und kann hervorragend<br />

als Sekundär-Angriff oder in Kombination<br />

mit unserer Hauptattacke genutzt<br />

werden. Dabei kommt auch das neue Loot-Feature<br />

von Darksiders 2 voll zum Tragen: Denn in<br />

bester Diablo-Manier lassen Gegner nun Waffen<br />

in unterschiedlichsten Seltenheitsgraden fallen,<br />

die wir entweder direkt nutzen oder beim<br />

Händler verkaufen, um uns dann wiederum<br />

andere leisten zu können. Die Itemsucht greift<br />

dabei überraschend gut, mit jedem neuen Drop<br />

freut man sich wie ein kleines Kind auf die<br />

möglichen Verbesserungen – und das, obwohl<br />

Darksiders 2 nur ein Solospiel ist. Noch zumindest,<br />

denn die Entwickler kündigten bereits<br />

einige Multiplayer-Möglichkeiten für einen baldigen<br />

Patch an, wie z.B. eine Arena, in der wir<br />

uns online messen können.<br />

Darüber hinaus steigen wir mit jedem Kill oder<br />

erledigtem Auftrag in Leveln auf und können per<br />

Talentbaum neue Fähigkeiten freischalten, die<br />

uns z.B. ermöglichen, Gehilfen zum Kampf zu<br />

beschwören oder für kurze Zeit mehr Schaden<br />

auszuteilen.


Um lange Strecken zu überbrücken können wir unser<br />

oss Verzweiflung beschwören"<br />

Intelligent kombiniert<br />

Das Kampfsystem ist jetzt dank der Zweitwaffe<br />

deutlich vielseitiger als vorher und braucht sich<br />

vor einem God of War nicht mehr zu verstecken.<br />

Leider wurde dafür aber beim Monsterdesign<br />

gespart, viele der normalen Schergen lassen sich<br />

mit simplem Buttonmashing vermöbeln. Highlights<br />

dagegen bilden die zahlreichen, teils riesigen<br />

Bosse. Anders als im Vorgänger reicht nur<br />

selten einfaches Haudrauf, die meisten benötigen<br />

Taktik oder haben bestimmte Schwachstellen,<br />

die erst herausgefunden werden müssen.<br />

Doch nicht ständig wird gekämpft. Ein Großteil<br />

des Fokus liegt wie auch schon im Vorgänger auf<br />

Kletter- und Jump&Run-Passagen, gespickt mit<br />

zahlreichen Rätseln. Deren Balance und<br />

Anspruch sind gut justiert, weder zu schwer<br />

noch im Blindflug machbar. Oftmals müssen wir<br />

uns erstmal ein Bild von der Lage machen, bevor<br />

wir die Lösung eines Rätsels angehen. Behilflich<br />

sind uns dabei auch diesmal zahlreiche Gadgets,<br />

die wir im Laufe des Abenteuers erhalten. Mit<br />

in der Auswahl sind z.B. ein Energie-Greifarm<br />

und Geisterhelfer, die für uns brav auf unerreichbare<br />

Schalter drücken.<br />

Die Kletterpassagen sind ausgewogen und intuitiv,<br />

der vorgesehene Weg lässt sich meist dank<br />

GameCaptain.de 129<br />

GameCaptain.de<br />

intelligenter Kameraschwenks erkennen. Und<br />

sollten wir doch mal daneben springen, ist das<br />

Spiel gnädig mit uns und teleportiert uns automatisch<br />

ein paar Meter zurück. Nicht sonderlich<br />

intelligent wirkt die Kamera allerdings in den<br />

Kämpfen, oftmals hängt sie viel zu nah an<br />

unserem Protagonisten oder neigt sich gegen<br />

eine Wand, Selbstjustierung ist regelmäßig notwendig.<br />

Problematisch sind auch die Levelbegrenzungen:<br />

Tod ist zwar sehr akrobatisch, kann<br />

aber immer nur an dem im Spiel vorgesehen<br />

Stellen vorankommen. Angesichts der teilweise<br />

waghalsigen Klettertouren erscheint dann ein<br />

hüftgroßer Stein als nicht überwindbares Hindernis<br />

ein wenig lächerlich.<br />

Atmosphärisch top<br />

Auf technischer Seite macht Darksiders 2 verglichen<br />

mit seinem Vorgänger zumindest grafisch<br />

einen deutlichen Sprung nach vorn. Die Charaktere<br />

und Monster sind detailreich und mit<br />

eigenem Charme, die Animationen spektakulär<br />

und die Weitsicht in den teils riesigen Arealen<br />

bemerkenswert. Dagegen stemmen sich allerdings<br />

gelegentliche Framerate-Einbrüche.<br />

Gerade wenn viel los ist, macht das Geruckel<br />

Darksiders 2 teilweise unspielbar. Auch ein paar<br />

Bugs tauchen hier und da auf, mal bleiben wir<br />

im Gelände stecken, mal stürzt gleich das Spiel<br />

ab. Zum Glück sind die automatischen Speicherpunkte<br />

aber so fair verteilt, dass sich der Frust<br />

über einen Neustart in Grenzen hält.<br />

Lokalisiert wurde wieder komplett in Deutsch<br />

und erneut fallen die Stimmen der Figuren<br />

positiv auf. Zwar haben die Erschaffer im Englischen<br />

einen schottischen Akzent, das Wegfallen<br />

dessen in der deutschen Sprachausgabe fällt<br />

aber nicht auf, wenn man es nicht weiß.


130<br />

FAZIT<br />

GameCaptain.de<br />

Darksiders 2 ist abwechslungsreicher, hübscher<br />

und umfangreicher als sein Vorgänger und merzt<br />

dabei noch die meisten von dessen Schwächen<br />

aus. Die Entwickler nahmen sich der Kritik sichtlich<br />

an und schicken den Reiter Tod auf eine<br />

motivierende Reise. Dank Diablo-Loot-System<br />

suchen und finden wir ständig neue Ausrüstung<br />

und besiegen anschließend teils riesige Bosse,<br />

zu denen wir vorher über gelungene Rätsel und<br />

Kletterpassagen gelangen. Sollte bald noch der<br />

Multiplayer-Patch kommen, gibt es auch noch<br />

genügend nach der Story zu tun.<br />

Einzig die Kamera, die anfangs zusammenhangslose<br />

Story und fragwürdige Levelgrenzen trüben<br />

ein wenig das Spielerlebnis, zusammen mit den<br />

Bugs kostet das die 90er-Wertung.<br />

Dennoch führt für Freunde von Action-Adventures<br />

kein Weg an diesem Sommerhit vorbei,<br />

dafür gibt es auch unseren Award.<br />

BEWERTUNG<br />

SEHR<br />

GUT<br />

<strong>SpecFlash</strong> -- das Portal in eine parallele Realität<br />

Weitere Infos, Bilder, Videos und Tipps zu Dawnguard<br />

unter:<br />

http://www.gamecaptain.de/PS3/Artikel/4913/<br />

Darksiders_2_Test.html<br />

(Rene Kursawe 21.08.2012)<br />

(Alle Bilder sind Screenshots aus dem Spiel)


Beschreibung (Herstellerangaben)<br />

GameCaptain.de 131<br />

Das Universum ist uralt und das erste intelligente Leben, das sich entwickelte, war eine Zivilisation,<br />

die man die "Endless" nennt. Lange bevor unsere Augen das Funkeln der Sterne zu deuten lernten,<br />

erkundeten sie bereits die unendlichen Weiten der Galaxie. Doch heute zeugt von diesem Volk nur<br />

noch etwas, das allgemein als "Dust" bekannt ist. Eine Substanz, die man vereinzelt in verschollenen<br />

Tempeln findet und einst den Admirälen und galaktischen Schirmherren der "Endless" ihre Macht<br />

verlieh. Derjenige, der die Kontrolle über den "Dust" gewinnt und dessen Geheimnisse lüften kann,<br />

wird als Herrscher der Galaxie hervorgehen...<br />

Strategie<br />

von Iceberg Interactive<br />

USK-Freigabe ab 6 Jahren<br />

PC August 2012<br />

Aktueller Preis<br />

Amazon 29.99 €<br />

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GameCaptain.de<br />

Test: Endless Space<br />

von Christian Häusler


132<br />

Aller Anfang ist schwer."<br />

GameCaptain.de<br />

Zurzeit haben Fans von Weltraum-Strategie-<br />

Spielen wieder die Qual der Wahl. Neben<br />

Endless Space stehen beispielsweise auch<br />

Gemini Wars und Legends of Pegasus recht<br />

frisch im Laden. Allerdings kann man schon<br />

vorab sagen, das Endless Space im Vergleich am<br />

besten abschneidet, obwohl es kaum mehr als<br />

ein Standard 4X ist und dabei einige Elemente<br />

stark vereinfacht.<br />

Dust zu Dust<br />

Endless Space ist ein typisches 4X Spiel, in dem<br />

der Spieler rundenbasiert ein zufällig erzeugtes<br />

Universum erforschen und erobern kann. Raumschlachten<br />

werden dabei in Echtzeit ausgefochten,<br />

allerdings nur mit indirekter Steuerung<br />

durch den Spieler.<br />

Die Geschichte ist in der fernen Zukunft eines<br />

alternativen Universums angesiedelt. Hier<br />

bereisten die Endless vor langer Zeit das Universum<br />

und verteilten eine geheimnis- und machtvolle<br />

Substanz namens Dust. Diese Substanz<br />

übernimmt in Endless Space die Rolle von<br />

Credits und eine weitere magische Rolle, um<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

damit Bauvorhaben nach Civilization-Art sofort<br />

abzuschließen. In diesem geheimnisvollen Universum<br />

darf der Spieler die Kontrolle über eine<br />

von acht Rassen übernehmen. Darunter befinden<br />

sich mehrere menschliche Ableger, wie das<br />

industrie-geprägte Vereinigte Imperium, die<br />

wissenschaftlichen Pilger oder die militärischen<br />

Sheredyn. Unter den nicht-menschlichen Parteien<br />

findet man die Hissho, ein aggressives<br />

Volk, das man irgendwo zwischen Predatoren<br />

und Klingonen einordnen kann, oder die<br />

Sophon, ein Volk von Wissenschaftlern.<br />

Die Bösen dürfen natürlich auch nicht fehlen.<br />

Diese Rolle spielen die Craver, die nur zum<br />

Fressen und Ausbeuten existieren. Daneben gibt<br />

es noch das diplomatische Amöben-Kollektiv,<br />

das Klon-Volk der Horatio oder die Maschinen<br />

der Endless, die ohne ihre Herren das Universum<br />

bereisen, um neue Planeten zu terraformen und<br />

für die Kolonisierung vorzubereiten. Wem die<br />

Auswahl nicht passt, kann weitere Völker hinzufügen.<br />

Eine Kampagne gibt es hier nicht, was aber auch<br />

nicht unüblich ist. Der Fokus liegt auf dem freien<br />

Spiel mit seinen verschiedenen Siegbedingungen.<br />

So kann man im Standard-Spiel ver-<br />

"Viele verschiedene Technologien lassen Raum zum<br />

Forschen."


schiedene Ziele ansteuern, etwa die militärische<br />

Vorherrschaft oder den wirtschaftlichen Sieg mit<br />

einer bestimmten Menge Dust. Siege über Wissenschaft<br />

oder Diplomatie sind auch möglich.<br />

Wem das zu viel Bevormundung ist, kann auch<br />

so lange spielen, bis der letzte Gegner ausgelöscht<br />

ist.<br />

Im Mehrspieler dürfen die Spieler dabei auch<br />

ran, wodurch die verschiedenen Siegbedingungen<br />

sogar noch interessanter sind.<br />

Alle Standard-4X Elemente<br />

Für ein klassisches 4X braucht man nur wenige<br />

Elemente. Dazu gehören ein unerforschtes Universum,<br />

Kolonisierung, Produktion, Forschung,<br />

Raumschiffe, die man selbst „designen“ kann,<br />

und natürlich kriegerische Auseinandersetzungen.<br />

All das bietet Endless Space - aber nur<br />

wenig mehr.<br />

Neben Dust müssen mit verschiedenen Einrichtungen<br />

Produktionsstärke, Forschung und<br />

Nahrung erhöht werden. Damit kann dann die<br />

Produktion weiterer Verbesserungen und Raum-<br />

GameCaptain.de 133<br />

GameCaptain.de<br />

schiffe, die Forschung oder das Bevölkerungswachstum<br />

vorangetrieben werden. Interessant<br />

sind hier die strategischen Ressourcen und<br />

Luxusgüter, die mit anderen Völkern gehandelt<br />

und wichtig für bestimmte Verbesserungen und<br />

Schiffsmodule bzw. die Zufriedenheit der Bevölkerung<br />

sind. Das Mikromanagement der Planeten<br />

ist dabei sehr einfach gehalten und<br />

konzentriert sich mehr auf das Planetensystem<br />

als auf einzelne Planeten. Das vereinfacht die<br />

Steuerung des Imperiums erheblich.<br />

"Die Galaxie ist übersichtlich gestaltet." "Piraten können zum Problem werden."<br />

Die Forschung bietet vier Bereiche, bei denen<br />

man sich auf militärische, gesellschaftliche und<br />

industrielle Technologien konzentrieren kann.<br />

Auch ein großer Bereich für Technologien rund<br />

um Kolonisierung und Terraforming kann<br />

erforscht werden. Mit diesen Technologien<br />

lassen sich dann weniger bewohnbare Planeten<br />

besiedeln oder in besser geeignete Planeten<br />

umwandeln.<br />

Mit den militärischen Technologien kann man<br />

seine Schiffe aufwerten. Diese werden mittels<br />

eines einfachen Editors erstellt, indem man<br />

lediglich die Schiffsgröße auswählt und dann mit


134<br />

Schön anzusehen und ohne viel Mikromanagement."<br />

Angriffs-, Verteidigungs- und Hilfsmodulen auffüllt.<br />

Sehr einfach gehalten. Genauso wie der<br />

Kampf, den man nicht direkt steuern kann.<br />

Wählt man den manuellen Kampf, gelangt man<br />

in einen Echtzeitmodus, in dem die Schlacht<br />

dargestellt wird und in mehrere Phasen unterteilt<br />

ist. In jeder Phase, von Ankunft über Fern-,<br />

Mittel- und Nahstreckenphase bis zum Ende<br />

können spezielle Aktionen ausgeführt werden,<br />

die Auswirkungen auf die Angriffs- und Verteidigungswerte<br />

haben oder etwa den Rückzug steu-<br />

Einfaches Schiffsdesignen."<br />

GameCaptain.de<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

ern. Auch dieser Modus ist sehr einfach gehalten<br />

und bietet damit nur wenig Steuerungsmöglichkeiten.<br />

Mit Hilfe von anheuerbaren Helden kann<br />

man die Leistung der Flotte oder auch eines<br />

Planetensystems verbessern.<br />

Die Diplomatie ist in Endless Space reiner Standard<br />

aber mit einigen Möglichkeiten. Es können<br />

Handelsabkommen und Allianzen beschlossen<br />

werden und dabei Planetensysteme, Technologien,<br />

strategische Ressourcen und Luxusgüter<br />

gehandelt werden. Auch simple Tributzahlungen<br />

mit Dust sind natürlich möglich. Tiefgreifendes<br />

in der Außenpolitik, wie Drohungen oder das<br />

Fordern eines Allianzbruchs gibt es allerdings<br />

nicht.<br />

Leicht zu erlernen, schwer zu meistern<br />

Typischerweise braucht man für das Erlernen<br />

eines 4X einige Zeit, doch hier sticht Endless<br />

Space heraus und ordnet sich bei der Bedienung<br />

eher bei Empire At Warals bei Galactic Civilizations<br />

ein. Das Bedienkonzept ist wohl durchdacht<br />

und hat keine Schwachstellen. Auch lässt<br />

sich hier das Konzept alleine über die kurzen<br />

Einführungstexte erlernen, sodass man nach<br />

kurzer Zeit schon voll im Spiel steht.<br />

Schwieriger ist es schon das Spiel zu gewinnen,<br />

wenn man sein Spielziel vor den anderen Parteien<br />

erreichen will. Die KI macht einen sehr<br />

guten Job und friedliche Beziehungen führen<br />

beim richtigen Partner auch zu einer Allianz, auf<br />

die man sich verlassen kann. Zumindest was<br />

Technologien und strategische Ressourcen<br />

angeht. Zu guter Letzt hat man auch militärisch<br />

gesehen gute Gegner in Endless Space, sodass<br />

man auch bei hohem Schwierigkeitsgrad eine<br />

Herausforderung zu meistern hat. Das liegt<br />

allerdings eher daran, dass man in der Schlacht<br />

keine direkte Kontrolle hat.


GameCaptain.de 135<br />

"Eine große Schlacht neigt sich dem Ende." "Neben den vorhandenen Parteien können auch neue<br />

erstellt werden."<br />

Perfekt durchgestylt<br />

Ein Punkt, wo es bei den aktuellen Konkurrenten<br />

ebenfalls deutlich hakt, ist die Präsentation.<br />

Auch hier setzt sich Endless Space ab. Die Oberfläche<br />

ist perfekt durchgestylt und wirkt einfach<br />

stimmig. Die Darstellung und die Animationen<br />

der Planeten fügen sich passend ein und die<br />

vielen Illustrationen der Völker und die unterschiedlichen<br />

Schiffsdesigns bauen viel Atmosphäre<br />

auf. Mehr Eingriffs- bzw.<br />

Individualisierungsmöglichkeiten wären bei den<br />

Schiffen interessant gewesen. Das gilt auch für<br />

die Raumschlachten. Die freie Kamera lässt zwar<br />

interessante Bilder auf die Schlacht zu, aber die<br />

kurzen Spektakel verlieren bald ihren Reiz und<br />

werden langweilig.<br />

Musikalisch wird das Spiel durch typische Synthi-<br />

Klänge unterstützt. Nicht der Rede wert aber<br />

passend.<br />

Fazit<br />

Zu Endless Space kommen mir gleich mehrere<br />

positive Dinge in den Sinn, wie die tolle Bedie-<br />

GameCaptain.de<br />

nung, die atmosphärische Oberfläche, die schön<br />

animierten Planeten, die Helden und die vielen<br />

erforschbaren Technologien. Negativ stoßen nur<br />

der sehr einfache Schiffsdesign-Teil und die<br />

indirekten Raumschlachten auf. Für den Wiederspielwert<br />

dürfte die Einfachheit auf Dauer aber<br />

ein Problem darstellen.<br />

Abgesehen davon kann Endless Space aber<br />

überzeugen. Für 30 EUR macht hier kein 4X-Fan<br />

einen Fehler.<br />

BEWERTUNG<br />

GUT<br />

Weitere Infos, Bilder, Videos und Tipps zu Dawnguard<br />

unter:<br />

http://www.gamecaptain.de/PC/Artikel/4921/E<br />

ndless_Space_Test.html<br />

(Christian Häusler 08.09.2012)<br />

(Alle Bilder sind Screenshots aus dem Spiel)


136<br />

verlagsportrait<br />

Diesmal: Saphir im Stahl<br />

Im Mai des Jahres 2010 wurde der Verlag Saphir<br />

im Stahl von Erik Schreiber gegründet. Nicht<br />

etwa, weil es ein schönes Datum war, sondern<br />

weil die Steuerberaterin in einem Gespräch<br />

vorschlug, es jetzt zu tun. Der Verlag sollte nach<br />

entsprechenden Vorbereitungen zum 1. Januar<br />

2011 gegründet werden. Doch die Überlegung<br />

der Steuerberaterin war einfach und einleuchtend.<br />

Alle Ausgaben, die bis dahin auftreten,<br />

können über die Steuer geltend gemacht<br />

werden.<br />

Der Hintergrund für die Gründung von Saphir im<br />

Stahl ist recht einfach. Nicht immer war der<br />

Verlagsgründer mit der Arbeit zufrieden, die<br />

andere Verlage erbrachten. Oder ganz einfach<br />

gesagt, die Verträge wurden nicht eingehalten.<br />

Daraus folgerte, was andere Verlage können, ist<br />

genausogut oder gar besser in Eigenarbeit zu<br />

erledigen.<br />

Aber es geht nicht nur darum, die eigenen<br />

Geschichten zu veröffentlichen. Die Überlegungen<br />

gingen dahin, dass auch weitere Autoren<br />

eine gute Veröffentlichung verdienen. Es muss<br />

nicht immer nur ein Taschenbuch sein, in<br />

welcher Grösse und Dicke auch immer. Ein Buch<br />

muss stabil sein, bequem in der Hand liegen und<br />

jederzeit lesbar sein, wenn man sich der Muse<br />

hingibt.<br />

Saphir im Stahl soll aber auch ein Verlag werden<br />

der nicht nur auf der Phantastik-Schiene veröffentlicht.<br />

Ein weiteres Standbein soll Regionales<br />

sein. Im Verlagsstandort Bickenbach gibt es<br />

<strong>SpecFlash</strong> - das Portal in eine parallele Realität<br />

einige Menschen, die etwas zu sagen haben.<br />

Aber wo sollen sie veröffentlichen? Saphir im<br />

Stahl will nicht nur regionale Kriminalromane<br />

veröffentlichen. Es gibt auch anderes. Familiengeschichten,<br />

Sachbücher und anderes mehr.<br />

Darunter fallen auch historische Romane und<br />

Nachdrucke alter Bücher, die nicht mehr lieferbar<br />

sind. Dies wird das dritte Standbein. Denn<br />

Geschichte ist wichtig um die Gegenwart zu<br />

verstehen und die Zukunft zu beeinflussen. Drei<br />

Standbeine werden hoffentlich dafür sorgen,<br />

dass der Verlag nicht nur ein Hobby wird.<br />

Die ersten drei Bücher die im Verlag erschienen,<br />

waren die Geschichten zur Fernsehserie Raumpatrouille<br />

Orion aus dem Jahr 1966. Die Besatzung<br />

der Orion unter ihrem Commander Cliff<br />

Allister McLane fliegt wieder. In drei Buchausgaben<br />

erschienen die 1968 veröffentlichten<br />

Taschenbücher des Arthur Moewig Verlages.<br />

Band 1 enthält die Taschenbuchausgaben 1 und<br />

2, Band 2 die Ausgaben 3 und 4 und Band 3<br />

enthält die Ausgaben 5, 6 und 7. Die Texte<br />

wurden vom Autor Hanns Kneifel überarbeitet<br />

und schließlich an die zur Zeit geltende Schreibweise<br />

angeglichen.<br />

Buch Nummer vier wurde die Kurzgeschichtensammlung<br />

Geheimnisvolle Geschichten - Steampunk.<br />

Mit Internationalen und nationalen<br />

Autorinnen und Autoren wurde eine beachtliche<br />

Sammlung herausgegeben. Die Kurzgeschichtensammlung<br />

wurde 2012 für den Deutschen Phan-


tastik Preis nominiert. Der<br />

Steampunk<strong>kurzgeschichte</strong>nsammlung folgte<br />

der historische Krimi Das Geheimnis der Ronneburg<br />

von Jörg Olbrich. Er spielt auf der hessischen<br />

Ronneburg im Jahre 1820. Diesem<br />

Roman folgte inzwischen das zweite Abenteuer<br />

von Luuk de Winter. Hannah Steenbock und<br />

Timo Bader schrieben Der Mannwolf von Königsberg.<br />

Als Abschluss folgt im Dezember 2012 Die<br />

Bestie von Weimar von Michael Butler. Band<br />

sechs ist der Dark Fantasy-Roman Im Schatten<br />

des Blutmondes von Andreas Groß und Hans-<br />

© Jenova<br />

verlagsportrait 137<br />

Webseite: http://www.saphir-im-stahl.de<br />

Verlagsportrait - Saphir im Stahl<br />

Peter Schultes. Der Roman steht auf der Nominierungsliste<br />

des Deutschen Phantastik Preises<br />

als bestes Debüt. Der SF-Roman von Pia Biundo<br />

unter dem Titel Alle Zeit der Welt stand auf der<br />

Nominierungsleste des Deutschen Science<br />

Fiction Preises. In Arbeit sind der bereits<br />

erwähnte dritte Band um Luuk de Winter und<br />

im Lektorat ebenfalls die Kurzgeschichtensammlung<br />

Geheimnisvolle Geschichten - Piraten,<br />

Piraten. Zur Zeit läuft die Ausschreibung<br />

Geheimnisvolle Geschichten - Kathedrale.


138<br />

Auf den Spacedays am<br />

18.08.2012 startet die<br />

Kurzgeschichtenausschreibung<br />

die Kathedrale.<br />

Die Ausschreibung<br />

läuft bis zum<br />

30.11.2012. Der Hintergrund<br />

ist folgender:<br />

ausschreibung<br />

Saphir im Stahl: Die Kathedrale<br />

Die Kathedrale steht an<br />

einem kleinen Fluss,<br />

über den eine Einbogensteinbrücke<br />

führt.<br />

Neben der Kathedrale<br />

steht eine Dombauhütte<br />

für die Instandhaltung<br />

und ein kleines<br />

namenloses Dorf für die<br />

Versorgung der Hüttenarbeiter.<br />

Es gibt keine<br />

Stadt oder sonstige Ansiedlung in der Nähe und<br />

auch das Land trägt keinen Namen. Der Grund<br />

warum die Kathedrale gebaut wurde ist längst<br />

vergessen. Vielleicht hat sich Gott in den Kellern<br />

versteckt, vielleicht wurde ein Heiliger hier<br />

begrab