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e€ht.&.· .• ·g.esellscbaft··stellten Frau vor im Verborgenen bleibendenVoyeuren; der durch diesen Geschehensablaufbesonders krass hervortretendeEindruck einer entpersonifiziertenVermarktung der Frau; die Isolationauch des allein in der Kabine befindlichenZuschauers und das damitverbundene Fehlen einer sozialen Kontrolle;die durch das System der EinzeIkabinebewusst geschaffene Möglichkeitzur Selbstbefriedigung und derenkommerzieller Ausnutzung."8Das Peep-Show-I-Urteil ist umstritten.Es gibt divergierende Judikatur andererdeutscher Gerichte, die Entscheidungwurde bislang aber vom BVerwGnicht verworfen. 9 Hinrichs zieht es alsBeleg dafür heran, dass Big Brother derMenschenwürde widerspricht. Siespricht u. a. von einer .. menschenunwürdigenKommerzialisierung des Intimlebens"der Container-Insassinnen.Deren Situation erinnert sie an Tierversuche:.. Bereits die Dauerüberwachungals solche widerspricht dem Menschenbilddes Grundgesetzes. Den Kandidatenwird damit jegliche Intimsphäregenommen, die zum Menschsein unweigerlichdazu gehört. "10 Insgesamtentscheidend sei .. das Gesamtkonzept,das den einzelnen Kandidaten als bloßesMittel zum Zweck benutzt, als Marionetteeines Gewinnspiels."11Durch Formate wie Big Brother, sodie Argumentation, würden Menschenzu bloßen Objekten der Unterhaltunggemacht. Hier gerate die menschlicheAutonomie an eine Grenze. Auf dieSubjektsqualität der eigenen Existenzkönne die einzelne Person "nichtselbstbestimmend verzichten, da dieMenschenwürde eine objektive Wertentscheidungenthält. Von diesem objektivenWerteschutz kann der Staatnicht durch einen Verzicht des Betroffenenfreigestellt werden."12Voraussetzung für die Schlüssigkeitder Argumentation der Big Brother-Gegnerlnnenist es, die Wahrung der Intimsphäreals Basis der Freiheit zum Schlüsselfür die Beurteilung der Menschenwürdekompatibilitätvon Big Brother zu, . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8 BVerwGE 64, 274 (278 f.), NJW1982, 664-665.9 Siehe dazu Discher, Thomas: DiePeep-Show-Urteile des BVerwG.ln:Juristische Schulung 1991,642-649.10 Hinrichs: a. a. 0., 2175.11 Hinrichs: a. a. 0., 2175.12 Hinrichs: a. a. 0., 2175; Verweisgetilgt.13 In diesem Sinne etwa Wunden:a. a. 0.,143-157, hier: 146.14 Dörr: a. a. 0., 32.15 Huster, Stefan: IndividuelleMenschenwürde oder öffentlicheOrdnung? Ein Diskussionsbeitraganlässlich "Big Brother". In: NJW2000,3477-3479, hier: 3477-16 Das sind die umfassendsten Ein-machen. 13 Das eigene Privatleben, aufdas jedelr ein absolut geschütztes Rechthabe, müsse auch Privatleben bleiben,so die (eigentümliche) Wendung der Argumentationder Schutzwürdigkeit derIntimsphäre, wie sie etwa im Tonband-Urteildes BVerfG zu finden ist: "Selbstüberwiegende Interessen der Allgemeinheitkönnen einen Eingriff in denabsolut geschützten Kernbereich privaterLebensgestaltung nicht rechtfertigen".(BVerfGE 34, 238) Die Konstellationist zu jener bei Big Brother genau umgekehrt:Geht es im Tonband-Fall um Eingriffeder "Allgemeinheit" in die Privatsphäre,so geht es bei Big Brother um dieFrage, inwieweit "Privates" veröffentlichtwerden darf.Des Weiteren ist zu beachten, dassdie Menschenwürde selbst in untrennbarem"Zusammenhang mit der Fähigkeitzur freien Selbstbestimmung"14 steht.Huster stellt daher klar, dass es beidem Nachdenken über ein Verbot von -Big Brother prinzipiell um eine Rechtfertigungeines Akts des staatlichen Paternalismusgeht. 151.2. Kommerzialisierung undKontrollverlustIn welcher Hinsicht beschränkt nun jemand,der in einen Container geht, umsich dort 24 Stunden am Tag beobachtenzu lassen, die eigene Freiheit und inwieweitsteht das im Einzelnen in einemSpannungsverhältnis zur .. Menschenwürde"?Im Container wird zunächstverzichtet auf die Freiheit, nicht sichtbarzu sein. Des Weiteren verzichtet man aufdie Freiheit, sich außerhalb des Containerszu bewegen und mit Menschen außerhalbdes Containers zu kommunizieren.16 Schließlich haben die KandidatInnenkeine Kontrolle darüber, welche Bildervon ihnen in der 45-minütigen Tageszusammenfassunggesendet werden.Kann im Kontext des Kommerzfernsehensrechtswirksam auf die angesprochenenFreiheiten und Kontrollmöglichkeitenverzichtet werden?Um diese Frage zu beantworten, istzunächst eine schärfere Fassung desschränkungen; die anderen wie fehlendeTelekommunikationsmedienund technische Geräte (im Sinne der"Back to Basics"-Philosophie) könnenwohl vernachlässigt werden.17 Dörr: a. a. 0., S. 53.18 Dörr: a. a. 0., S. 53.19 Dazu Zorn, Carsten: Und wirsind nur die Kandidaten - in den As-Kommerzialisierungsarguments notwendig.Wann kippt eine an sich zulässigeKommerzialisierung der eigenenPerson in eine für die Menschenwürdebedrohliche Situation? Zunächst setztdies voraus, dass die Person, die sichbzw. ihre Fähigkeiten verkaufen will,mit einer überlegenen Macht konfrontiertist. Problematisch wird es abererst, wenn der überlegene Akteur diebetroffenen Menschen aus Gründenwirtschaftlichen Erwerbsstrebens in einefür sie unentrinnbare Situationbringt, die sie weder vollständig durchschauennoch als freier Akteur beherrschenkönnen. Die Betroffenen müssender Situation also ausgeliefert sein. 17Darüber hinaus .. müssen die Gesamtumständeden oder die ausgeliefertenMenschen in ihrem sozialen Achtungsanspruchverletzen, weil sie zum Gegenstandder Anprangerung, derSchaustellung oder der Verächtlichmachungherabgewürdigt werden."18Damit eine Konstellation wie BigBrother rechtlich unproblematisch ist,muss der Vertragsabschluss zwischenKandidat/in und Sender so erfolgen,dass von einem "informed consent" injene Regeln ausgegangen werdenkann, die erfahrungsgemäß vom Senderdiktiert werden. Es muss im Vorhineineiniger Maßen klar sein, was eineinin der Situation erwartet.Ein weiterer Aspekt betrifft die Freiheit,über den eigenen Abgang selbstzu verfugen. Prinzipiell muss ein Ausstiegjederzeit und ohne Nachteilemöglich sein. Ansonsten würde derKandidat/die Kandidatin in die obenbeschriebene, rechtlich unzulässige Situationder Unentrinnbarkeit kommen.Gemäß den Spielregeln befindetüber den Verbleib der Kandidatinneneine Mischung aus Gruppenentscheidungund Publikumsvoting. Es handeltsich einerseits um Fragen der Gruppendynamik,andererseits findet gleichsamein in die Öffentlichkeit verlegtes Castingfür eine spätere "Prominenz"statt. 19 Auf der Ebene der Moral kanntrefflich darüber gestritten werden, in-sessment-Centern der Moderne. BIGBROTHER: Ein Exempel? In: Balke,Friedrich; Schwering, Georg; Stäheli,Urs (Hrsg.): Big Brother. Beobachtungen.(transcript Verlag) Bielefeld,2000,79-98, hier: 89.juridikum 3/01verla~sterreichSeite 113

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