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Was ist das Böse?Antworten von Bernhard Meyer-Probst, Psychologe, ehemaliger Leiterdes Instituts für Medizinische Psychologie an der Universität RostockWas ist das Böse und wo liegen die Wurzeln?Das Böse, so Wilhelm Busch, ist das Gute, das man lässt. Das Böse in der Natur nehmenwir noch schicksalsergeben hin, aber das Böse im Menschen peinigt uns in all seinenFacetten, von der Gewalt gegen Leib und Leben bis zu allen Varianten von Niedertracht.Nach christlicher Auffassung sind wir von vornherein aus dem Paradies vertrieben undmit der Erbsünde behaftet. Die Verhaltensforschung bemüht zur Erklärung den altenAffen in uns. Augustinus sieht den Ursprung des Bösen in der menschlichenWillensfreiheit. Kant setzt auf das Vermögen des Menschen, sich für das Gute und gegendas Böse entscheiden zu können. Aber was, wenn unbewusste Anteile unser Handelnmitbestimmen, wie Freud postuliert? Auf der Suche nach Sündenböcken ist in derbiblischen Geschichte der Teufel das Sinnbild des Bösen und zerstörung „seineigentliches Element“ (Mephisto).Warum tut ein gesunder Mensch Böses?Das Böse ist im Regelfall nicht krankheitswertig. Eine gewisse aggressive Bereitschaftbei uns mag genetische Wurzeln haben, die sich im Zuge der Menschwerdung zwecksArterhaltung und Fortpflanzung bewährt hat. Wer sich als Sozialdarwinist versteht,legitimiert heutigen aggressiven Durchsetzungskampf mit diesem Erbe. DieLernpsychologie betrachtet Aggressivität als erlernt, primär als Folge von Frustration.Danach wird aggressives Verhalten positiv verstärkt, wenn es als Erfolg verbucht wird,mit der Tendenz zur Wiederholung. Persönlichkeitseigenschaften, wie Habgier,Herrschsucht, Missgunst, Neid, Eifersucht senken die Schwelle zum gewissenlosenHandeln. Kollektiver Hass, religiöser Fanatismus, Fremdenfeindlichkeit werden durchIndoktrination erzeugt. Kriege entstehen aus machtpolitischen und nationalistischenGründen. Psychopathen, richtiger dissoziale und antisoziale Persönlichkeiten, sindMenschen, die gegen Regeln und Gesetz auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse aussind. Sie kennen keine Reue, kein Schuldgefühl, kein Mitleid, keine Angst. Ihre positivenund negativen Gefühle sind verarmt. Jenseits der Kriminalität sind alle Schattierungendes Bösen im Umlauf, Streitsucht, Lügen, Mobbing, Machtkämpfe und Betrügereien allerArt. Die Mittel sind verfeinert. Worte verletzen oft mehr als Schläge. Aber auch jeder dersich als redlich erlebt, empfindet zuweilen ein schlechtes Gewissen. Kurzum, auf derSchiene krank/gesund ist das Böse nicht zufassen. Es schlummert überall.Glauben Sie an das Gute im Menschen? Wie lässt es sich stärken?Welche Frage! Natürlich glaube ich an das Gute im Menschen. Sonst würde ich nicht sogerne leben. Viel wäre gewonnen, wenn sich die Leute Kants Kategorischen Imperativvergegenwärtigen oder einfach nur das Sprichwort beherzigen „Wie man in den Waldruft, so schallt es heraus“. Auffällig ist, dass in der öffentlichen Wahrnehmung das Gutenicht die gleiche Faszination wie das Böse ausübt. Das Leitmotiv des „Spiegel“ lautet„Good news are no news“. Gewalt hat eine magische Anziehungskraft, siehe Mord undTotschlag im Fernsehen.


Woher kommt Moral? Wie entsteht moralisches Verhalten?Der Mensch ist ein soziales Wesen und nur in der Gemeinschaft existenzfähig. ZurAnpassung bedarf es Regeln, Gebote und Wertüberzeugungen, die im Sinne einessittlichen Handelns dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Ein Verhalten ist moralisch,wenn es ohne äußere Kontrolle einer sozial verbindlichen Norm bzw. einemallgemeinen ethischen Prinzip entspricht. Schwere Übertretungen ahndet der Staat mitseinem Gewaltmonopol als Gesetzgeber. Leichtere Übertretungen haben im NormalfallSchuldgefühl und Scham zur Folge. Das Bewusstsein für sozial erwünschtes und sozialunerwünschtes Verhalten ist eine Voraussetzung für Selbstkontrolle undSelbststeuerung.Welchen Stellenwert haben Ihrer Meinung nach Glaube bzw. Religion undWissenschaft bei der Prävention von Gewalt?Wenn man an die blutige Spur der Religionskriege in der Geschichte bis heute, anInquisition und Hexenverfolgung, wenn man aktuell an den sexuellen Missbrauch inKirchenkreisen denkt oder im Alten Testament liest „Ich bin nicht gekommen, umFrieden zu bringen, sondern das Schwert“, dann kann man an der präventiven Kraft vonReligiosität zweifeln. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass dem Gottglauben Heilkraftund Verhaltensorientierung innewohnen kann. Den Sozial- und Erziehungswissenschaftenverdanken wir wesentlich Grundkenntnisse zur Prävention von Gewalt.Zur praktischen Umsetzung müsste nur mehr Geld zur Verfügung stehen.

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