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offenbar Wohlgefühle beim Essen. «Jedes Nahrungsmittel erfordert

spezielle Regeln der Zubereitung», sagt Pollmer. In Labors werde bloss

am Geschmack herumgetüftelt. «Entscheidend für den Erfolg einer

kulinarischen Kreation ist jedoch nicht der Gout, sondern die Wirkung.»

Bei der Napolisauce alla Nonna etwa sind es die in Tomaten enthaltenen

Aminosäuren, ätherischen Öle, Zucker und Neurotransmitter-Analoga,

die bei längerem Simmern zu Stimmungsaufhellern mutieren.

Ironischerweise gehören zu den Hoch- respektive Highgenüssen

grösstenteils Speisen, die Schlankheitsbeflissene fürchten wie der Teufel

das Weihwasser. Zum Beispiel Wurstwaren: «Durch die reaktiven Amine

des Eiweissanteils und der Fleischreifung entstehen Amphetamine»,

lautet die Erklärung im Fachjargon. Gepökeltes mit Nitritpökelsalz

ermögliche zudem, «Halluzinogene zu erzeugen». Weitere Tickets zum

Träumen sind gemäss Forschung gegrillte Poulets, Braten, Pilze,

Weihnachtsgebäck, Nüsse und Käse, insbesondere Schimmelsorten wie

Stilton, denen ein psychotroper Effekt nachgesagt wird.

Kochen ist Alchemie

Kochen ist Alchemie. Das wusste schon Hildegard von Bingen (1098–

1179). Die benediktinische Äbtissin vom Kloster Rupertsberg im

deutschen Bingen war Mystikerin und Heilkundige in Personalunion. Ihre

Küchentipps ähneln Erfahrungsberichten von Drogentrips. Über Fenchel

schrieb sie euphorisch: «Er macht den Menschen lustig, gibt eine schöne

Farbe und guten Körpergeruch.» Von Lauch riet die zölibatäre

Klosterfrau hingegen ab, weil er die Libido anzuregen scheint respektive

«ruheloseste Sinnengier» erzeugt.

Die Kunst, Nahrungsmittel so zu präparieren und zu servieren, dass sie

Körper und Geist befriedigen, zeichnet Hochkulturen aus. Bei

Naturvölkern waren Pasten und Tinkturen mit berauschenden

Substanzen meist den Schamanen vorbehalten, die den «Stoff»

konsumierten, um mit den Geistern zu kommunizieren. «Dank der

kulturellen Evolution respektive der Kochkunst», sagt Andrea Fock vom

Eu.l.e.-Team, «wurde aus der Nahrung für die Geister Nahrung für den

Geist.»

Keine Wahnideen à la LSD

Natürlich nur in bescheidenem Rahmen. Bis auf wenige Gewürze rufen

Nahrungsmittel keine Wahnideen à la LSD hervor. Aber sie beeinflussen

das Befinden. Ohne Kaffee am Morgen läuft schliesslich gar nichts. Und

ein Stück Schokolade versüsst zweifellos den Tag. Die Banane

wiederum – im reifen Zustand mit bis zu einem Prozent Ethanol

gesegnet – gibt den Kick, um die restliche Arbeit konzentriert zu

bewältigen. Umgekehrt hilft eine Tasse Honigmilch beim Chillen und

Einschlafen. Hausmittelchen solcher Art werden seit Generationen

gehandelt.

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