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Bedeutungswissen und Wortgebrauch


Tübinger Beiträge zur Linguistikherausgegeben von Gunter Narr521


Tim LoppeBedeutungswissenund WortgebrauchEntwurf einerSemantik im Anschlussan Wittgenstein und Putnam


Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der DeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.© 2010 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH +Co.KGDischingerweg 5 · D-72070 TübingenDas Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertungaußerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmungdes Verlages unzulässig und strafbar. Dasgilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen,Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischenSystemen.Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier.Internet: http://www.narr.deE-Mail: info@narr.dePrinted inGermanyISSN 0564-7959ISBN 978-3-8233-6543-3


InhaltsverzeichnisDanksagungen71Einleitung92 Bedeutung als mentale Entität: Theorien der kognitivenSemantik 162.1 Das kognitive Paradigma .................. 182.1.1 Die kognitive Wende ................. 182.1.2 Funktionalismus und Computermetapher . . . . . 212.1.3 Modularer versus holistischer Ansatz ........ 272.2 Die Struktur von Konzepten . . . .............. 342.2.1 Das NHB-Modell und die Merkmalsemantik .... 352.2.2 Die Standardversion der Prototypentheorie .... 402.2.3 Die revidierte Fassung ................ 502.2.4 Dynamische Konzepte ................ 632.3 Zum Verhältnis von Konzept und Bedeutung . . . .... 672.3.1 Jackendoffs konzeptuelle Semantik ....... 672.3.2 Die Zwei-Stufen-Semantik von Bierwisch und Lang 732.4 Kritisches Fazit: Zum fragwürdigen Nutzen mentalerKonzepte ........................... 783 Spurensuche: Wittgensteins Hinweis zu einerGebrauchstheorie der Bedeutung 833.1 Die Sprachspielmethode ................... 853.2 Gebrauch und Bedeutung .................. 893.2.1 Gegen die Gegenstandstheorie der Bedeutung . . . 913.2.2 Bemerkungen zu PU 43 ............... 993.2.3 Bemerkungen zu PU 560 ..............1053.3 Regel und Regelfolgen . . . .................1093.3.1 Gegen die Hypostasierung von Regeln .......1113.3.2 Regelfolgendes Handeln ...............1153.3.3 Kann die Regel ihre zukünftige Anwendungbestimmen? ......................1233.3.4 Das Privatsprachenargument ............1263.4 Über Wittgenstein hinaus: Regeln als Konventionen . . . 1345


3.5 Zum Schluss: Einwände gegen Einwände ..........1394 Vorüberlegungen zu einer Gebrauchstheorie der Bedeutung 1444.1 Die Problematik des Regelbegris ..............1484.1.1 Vorbehalte gegen den Regelbegri .........1484.1.2 Regeln und Zwecke ..................1534.2 Methodische Vorüberlegungen ................1654.2.1 Bedeutungsminimalismus ..............1654.2.2 Der Sprechaktfehlschluss ...............1764.3 Versuche einer gebrauchstheoretischenBedeutungsbeschreibung ...................1834.3.1 Heringers Distributive Semantik .........1834.3.2 Glonings Sprachspielanalyse ............1904.3.3 Wiegands Flucht in den Kopf ..........1965 Die Gebrauchstheorie der Bedeutung im Anschluss anWittgenstein und Putnam 1995.1 Grundgedanken ........................2005.1.1 Parameter des Wortgebrauchs ............2025.1.2 Äuÿere Merkmale und Nutzungsbedingungen alsVerwendungsaspekte . ................2065.1.3 Expressive und evaluative Verwendungsaspekte . . 2105.2 Gebrauchsregel und Repräsentation: Eine ersteAnnäherung ..........................2175.3 Putnam über Stereotypen und Experten . .........2255.3.1 Die Bestimmung der Extension durch Expertenund Wirklichkeit . ..................2265.3.2 Kritik und Verteidigung ...............2315.3.3 Stereotyp und Bedeutung ..............2385.4 Präzisierungen zum Verhältnis von Stereotyp undGebrauchsregel ........................2445.4.1 Welche Aspekte des Wortgebrauchs lassen sich imStereotyp zusammenfassen? .............2465.4.2 Mit welchen Arten von Inhaltswörtern ist (kein)stereotypisches Wissen verbunden? . . .......2505.4.3 Wie wird ein Stereotyp mitsprachwissenschaftlichen Mitteln bestimmt? ....2585.5 Diskussion von Problemfällen . . ..............2736 Fazit und Ausblick 277Literaturverzeichnis 2846


DanksagungenEs ist mir eine angenehme Picht, all jenen zu danken, die auf verschiedensteWeise dazu beigetragen haben, dass die gut zweieinhalb Jahre derPromotion und das vorausgegangene Studium auf solch unkomplizierteWeise verlaufen sind.Als Doktorvater hat sich Prof.i.R.Dr.Rudi Kellerin dieser Angelegenheit besonders verdient gemacht.In zahlreichenDiskussionen hat er es stets verstanden, mich auf eine neue Spur zulocken.Seinen Anregungen und Tipps sowie seinem unermüdlichen Einsatzals Gutachter verdanke ich sehr viel.Auch Prof.Dr.Dietrich Bussemöchte ich für die vielen Gespräche, die Gutachten und die Verbesserungsvorschlägezu meinen Anträgen und Exposees herzlich danken.Aufbesondere Art hat sich AOR i.R. Dr. Hans-Werner Scharf um meinenakademischen Werdegang verdient gemacht.Hätte er meine Leistung imGrundseminar Semantik und Pragmatik im Wintersemester 2001/2002nicht mit einer eins mit Sternchen bewertet es wäre vieles grundlegendanders gelaufen.Einen ähnlichen Einuss hat PD Dr.Ulrich Welbersausgeübt.Dass er mir einst im Sommer 2003 zu einem Wechsel insTheologiestudium geraten hat, habe ich ihm längst verziehen.Von dieseramüsanten Fehleinschätzung einmal abgesehen, habe ich in den gemeinsamenGesprächen viele gute Ratschläge mit auf den Weg bekommen.Dem Evangelischen Studienwerk e.V. Villigst fühle ich mich nach allden Jahren in der Grund- und Promotionsförderung sehr verbunden.Mein Dank gilt dort allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, insbesondereaber Dr.Eberhard Müller, der in allen Fragen der Studienplanungimmer ein oenes Ohr hatte.Ebenfalls zu danken habe ich den Mitgliedernder Vergabekommission für das Rektoratsstipendium der HHUD.Christian Buck, Dennis Schipporeit und Stefan Janssen haben sich obwohlsie alle drei fachfremd sind mehrfach die Argumentation meinerArbeit bis ins Detail erklären lassen.Letztgenannter hat zudem in tagelangerKleinarbeit die Software-Probleme ausgeräumt, die einer Zusammenführungder einzelnen Textdateien im Wege standen.Nicht zuletztdanke ich meinen Eltern, Ernst-Peter und Brigitte Loppe, die mich fortwährendund in jeder erdenklichen Weise unterstützt haben.Der gröÿteDank gebührt Karin Schneider.Um mich bei ihr angemessen zu revanchieren,braucht es mehr als einige nette Worte.Da lasse ich mir nochetwas einfallen.7


1 EinleitungIn dieser Arbeit geht es um die Bedeutung von Wörtern. Nicht um die Bedeutungbestimmter Wörter, sondern ganz allgemein um die Frage: Wasist die Bedeutung eines Wortes? Viele verschiedene Antworten sind daraufschon gegeben worden. Weit verbreitet ist die Ansicht, Bedeutungenseien mit mentalen Konzepten oder Begrien gleichzusetzen. Manch einerglaubt, die Bedeutung sei der vom Wort bezeichnete Gegenstand undPutnam schlägt in seinem Aufsatz The Meaning of Meaning vor, dieBedeutung in vier Komponenten zu zerlegen. Einmal abgesehen davon,dass allein schon unter den Anhängern der mentalistischen bzw. kognitivistischenBedeutungskonzeption groÿe Uneinigkeit darüber herrscht,was die Rede vom Konzept im Detail besagen soll, könnte die Liste derbislang vertretenen Bedeutungsauassungen noch lange fortgeführt werden.Es darf daher keinesfalls wundern, dass meine Antwort nicht neuist. Sie lässt sich zu folgender These verdichten: Die Bedeutung einesWortes ist die Regel seines Gebrauchs in der Sprache. Dies hat, zumindestnach meiner Interpretation, schon Wittgenstein in den PhilosophischenUntersuchungen so gesehen. Ausdrücklich behauptet hat er esallerdings nicht, das ist inzwischen breiter Konsens.Unter dem Label einer Gebrauchstheorie der Bedeutung haben inden vergangenen fünfzig Jahren immer wieder Sprachphilosophen undLinguisten den Versuch unternommen, ausgehend von Wittgensteineine Bedeutungsauassung zu entwickeln, die den tatsächlichen Sprachgebrauchin den Mittelpunkt rückt. Gerade für die Linguisten sollte einesolche Theorie reizvoll sein, bietet sie doch die Möglichkeit, den traditionellschwierigen Bedeutungsbegri auf den Boden handfester linguistischerTatsachen zurückzuholen. Wer die Bedeutung in der regelhaftenVerwendung sprachlicher Ausdrücke sieht, kann konkrete Bedeutungsexplikationenauf methodisch transparente Weise aus Textkorpora ableiten.Der Bezug auf wolkige Konstrukte wie mentale Konzepte, deren ontologischerStatus alles andere als zweifelsfrei geklärt ist, entfällt dabei:Es gibt keine Ebene hinter der des Gebrauchs. Den usuellen Gebraucheines Wortes zu erklären, heiÿt, die Bedeutung dieses Wortes in der entsprechendenSprache zu erklären. Oder wie Teubert (2006: 291) es formuliert:Auf das, was in den Texten gesagt ist, können wir uns leichtverständigen. Was in den Köpfen der Menschen wirklich vorgeht, wissenwir dagegen kaum. Über mentale Konzepte lässt sich treich streiten.Leider stand die Gebrauchstheorie der Bedeutung nie unter einem gutenStern. Über Jahrzehnte hinweg fristete sie zwischen Strukturalismus,Generativismus und den neueren kognitivistischen Strömungen ein stetes9


Schattendasein. Klar betont werden muss, dass dieser Missstand zumindestzum Teil von den Vertretern der Gebrauchstheorie mitverschuldetwurde. Rolf (1992:49) legt denn auch mit seiner Einschätzung denFinger in die Wunde:Einer auf Alston (1964) zurückgehenden Geschichtezufolge ist die sog. Gebrauchstheorie der Bedeutung konkurrierendenBedeutungstheorien überlegen. Merkwürdigerweise gibt es aberimmer noch keine hinreichende Exemplikation dieser Theorie. DiesesUrteil gilt auch heute noch. Bei allen guten Ansätzen fehlt es an konkretenRegelformulierungen, mit denen die Existenzberechtigung der Gebrauchstheorieuntermauert werden könnte. Unklar ist, was eine Regelformulierungleisten kann oder muss, welche Aspekte des Wortgebrauchsin ihr enthalten sein sollten und ob sich daraus womöglich eine Binnenstrukturfür Regelformulierungen ableiten lässt. Darüber hinaus wurdenin der Vergangenheit nur unzureichende Belege dafür geliefert, dass dieErfassung all der unterschiedlichen Arten regelhafter Verwendungsweisen,die sich im Wortschatz natürlicher Sprachen zeigen, überhaupt einelösbare Aufgabe darstellt. Kurz:Es fehlt ein umfassender Ansatz, deraller nötigen Allgemeinheit zum Trotz konkrete Wege festlegt, die empirischeArbeiten unter dem Banner der Gebrauchstheorie in Zukunftgehen können.Genau darum wird es in dieser Arbeit gehen. Ich möchte die Grundlageneiner Gebrauchstheorie der Bedeutung vorstellen, die alte Fehlervermeidet zumindest all jene, auf die ich bei der Lektüre gebrauchstheoretischerSchriften bislang gestoÿen bin. Da ich mit den theoretischenGrundlagen der Gebrauchstheorie befasst bin, werden Regelformulierungennotgedrungen Mangelware sein. Sie werden hier und dort als Testballonzur Überprüfung von Hypothesen oder zu Illustrationszweckenauftauchen, jedoch nicht im Zusammenhang einer systematischen Analyseeines bestimmten Wortschatzbereiches. Diese Aufgabe bleibt zukünftigenUntersuchungen mit empirischem Schwerpunkt vorbehalten,in dieser Arbeit wird dazu das Fundament gelegt. In diesem Zusammenhanglassen sich die drei folgenden Schwerpunktziele formulieren:Erstenssoll der berüchtigte Slogan Bedeutung = Gebrauch im Sinne der hierbereits genannten regelorientierten Lesart konkretisiert werden. In deneinschlägigen Paragraphen der Philosophischen Untersuchungen ist nämlichvon Gebrauchsregeln nicht explizit die Rede, so dass wir uns diesePosition erst noch in Auseinandersetzung mit konkurrierenden Wittgenstein-Interpretationenerarbeiten müssen. Sobald in diesem PunkteKlarheit erzielt ist, werden wir uns in einem weiteren Schritt mit derPräzisierung des Regelbegris befassen.10


Das zweite Ziel hat mit den unterschiedlichen Arten von Gebrauchsregelnzu tun. Denn dass nicht alle Regeln über einen Kamm geschorenwerden können, leuchtet schnell ein:Konjunktionen wie und oderweil der herrschenden Konvention gemäÿ verwenden zu können, erfordertbeispielsweise andere Kenntnisse, als dies bei Stobezeichnungenwie Mehl oder Aluminium der Fall ist. Um den Ausdruck Mehlregelfolgend verwenden zu können, muss ein Sprecher Mehl als solchesidentizieren können, d.h. er benötigt ein grundlegendes Wissen übereinen bestimmten Ausschnitt der Welt. Um Konjunktionen regelfolgendverwenden zu können, muss man dagegen über die Struktur der entsprechendenSprache Bescheid wissen. Über diese unterschiedlichen Aspekteregelfolgenden Wortgebrauchs versuchen wir Klarheit zu erlangen. Lassensie sich typisieren? Gibt es eine einheitiche Darstellungsweise? SindMischformen möglich?Das dritte Ziel ist vergleichsweise eng gefasst, da es sich auf einen abgegrenzten wenn auch sehr umfangreichen Bereich des Wortschatzesbezieht. Es gilt herauszunden, wie Gebrauchsregeln für Inhaltswörterauf aussagekräftige Weise formuliert werden können, d.h. ohne auf nichtssagendeWendungen wie Gebrauche den Ausdruck Hammer`, um aufeinen Hammer zu verweisen zu verfallen. Damit wird zum einen auf dieStruktur von Regelformulierungen abgehoben, zum anderen aber auchauf die Regel selbst. Aussagekräftig ist eine Regelformulierung schlieÿlicherst dann, wenn sich anhand ihrer ablesen lässt, worin die praktischeFähigkeit regelfolgenden Handelns besteht. Mit diesem dritten Zielverbindet sich daher der zusätzliche Anspruch, eine Brücke zu schlagenzwischen der Gebrauchstheorie der Bedeutung und der kognitivistischenSemantik. Den gedanklichen Sprung, der in dieser Aussage steckt, möchteich kurz erklären.Dass der regelfolgende Wortgebrauch einerseits und die kognitive Kompetenzeines Sprechers andererseits nicht unverbunden nebeneinanderstehen, versteht sich eigentlich von selbst. Welcher Art die Verbindungist und welche Konsequenzen daraus für die Semantik erwachsen, wirdjedoch m.W. nur selten thematisiert. Das hat auch Keller (1995:82f.)moniert:Der Zusammenhang von Begri und Gebrauchsregel ist bislangmeines Wissens weitgehend unerforscht. Die Klärung dieses Zusammenhangsbedeutet nichts weniger als die Klärung des Zusammenhangs vonSemantik und Kognition. Das entscheidende Verbindungsglied ist derWissensbegri. Wer eine Regel zu beschreiben oder zu formulieren versucht,gibt im Wittgensteinschen Sinne einen Ausdruck der Regel.Dieser Ausdruck liefert das in lautliche oder schriftliche Form gekleideteindividuelle Regelwissen. Das individuelle Wissen hat eine Entsprechung11


auf der Ebene der Gesellschaft: Jeder weiÿ, vereinfacht gesagt, dass Tigergestreifte Groÿkatzen sind und jeder weiÿ, dass jeder das weiÿ. DiesesWissen wird in unserer Gesellschaft wechselseitig erwartetet und esist dies ist entscheidend ein essentieller Teil unseres sprachlichenRegelwissens. Anders gesagt: Das Wort Tiger verwenden zu können,bringt die Fähigkeit der Identizierung von Tigern mit sich. Wird diekognitivistisch motivierte Subjektzentriertheit des Wissensbegris ad actagelegt, ergeben sich gerade im Rahmen eines gebrauchstheoretischenAnsatzes Wege zur Verknüpfung regelfolgenden Wortgebrauchs und kognitiverKompetenz (cf. Fraas 2002: 39).Im Folgenden möchte ich kurz den Aufbau der Arbeit erläutern. AmAnfang steht ein Überblick über die einussreichsten Strömungen derkognitiven Semantik. Gerechtfertigt ist dieses Kapitel allein schon aufgrundder erdrückenden Vormachtstellung, die die kognitive Semantikderzeit in der Linguistik inne hat. Ein Blick in die einschlägigen Lehrbücherzeigt, dass eine kognitivistische Grundausrichtung geradezu einMuss ist. Auch im Kontext des hier vorgelegten gebrauchstheoretischenAnsatzes kann also über die kognitivistische Semantik nicht einfach hinweggegangenwerden. Darüber hinaus wird die Kenntnis kognitivistischerPositionen an späterer Stelle nützlich sein, um den hier vertretenen Ansatzzu präzisieren.Zu Beginn des ersten Kapitels werden wir uns die Grundlagen desklassischen Kognitivismus erarbeiten. Dazu gehören eine Skizze desFunktionalismus und eine knappe Diskussion der language of thought-Hypothese ebenso wie eine Gegenüberstellung von modularem und holistischemAnsatz. All dies sind Themen, die primär in der Philosophiedes Geistes und in der kognitiven Psychologie diskutiert wurden undwerden. Sie bilden jedoch das Fundament, auf dem die spezisch linguistischenFragestellungen aufbauen. Im Anschluss an diese allgemeineHeranführung werden die gängigen kognitiven Bedeutungstheorien in ihrerevolutionären Abfolge besprochen. Den Anfang machen wir mit derMerkmalsemantik in ihrer anglo-amerikanischen Ausprägung, anschlieÿendbesprechen wir die klassische Prototypensemantik, um schlieÿlicheinen Blick auf deren revidierte Fassung, wie sie von Lakoff vorgelegtwurde, zu werfen. Bei allen Unterschieden im Detail werden diesedrei Theorien geeint durch die Annahme, dass mentale Konzepte stabileEntitäten von permanenter Existenz sind. Diese Vorstellung zu hinterfragen,schien über Jahrzehnte hinweg nicht im Rahmen des Denkbarenzu liegen. In einigen neueren Arbeiten wird ihre Angemessenheitjedoch infrage gestellt. Auch auf diese Entwicklung werden wir kurz eingehen.Im vorletzten Teil des Kapitels wollen wir die von Bierwisch12


und Lang vertretene Zwei-Stufen-Semantik der von Jackendoff entwickeltenkonzeptuellen Semantik gegenüberstellen. Gegenstand dieserTheorien ist nicht in erster Linie die Binnenstruktur von Konzepten, sowie dies bei der Prototypentheorie oder der Merkmalsemantik der Fallist, sondern das Verhältnis von konzeptueller und semantischer Ebene.Damit haben wir das Spektrum der kognitiven Semantik weitgehend abgedeckt,wenn auch natürlich nicht in all seinem Facettenreichtum. DenAbschluss des Kapitels bildet ein kritisches Fazit, in dem der generelleNutzen mentaler Konzepte für die sprachwissenschaftliche Theoriebildungangezweifelt wird.Das zweite Kapitel dieser Arbeit befasst sich mit dem späten Wittgenstein.Wie eingangs bereits erwähnt, hat Wittgenstein in seinemzweiten Hauptwerk, den Philosophischen Untersuchungen, weder eineGebrauchstheorie der Bedeutung aufgestellt, noch hat er sich oen füreine solche Theorie ausgesprochen. Zumindest aber hat er Hinweise gegeben,in welcher Richtung nach einer Gebrauchstheorie der Bedeutung zusuchen ist. Um diesen Hinweisen auf die Spur kommen zu können, ist eineumfassende Einsicht in Wittgensteins Sprachphilosophie unabdingbar.Bevor wir zu bedeutungstheoretischen Fragen kommen, erörtern wirdaher zu Beginn des Kapitels die Sprachspielmethode, die erheblich zurOriginalität seines Philosophierens beiträgt. Anschlieÿend befassen wiruns kurz mit Wittgensteins Kritik an der Gegenstandstheorie der Bedeutung einer Auassung, die er zu Zeiten des Tractatus noch selbstvertreten hatte ehe wir zur Diskussion der einschlägigen Paragraphen,die gemeinhin mit der Gebrauchstheorie der Bedeutung in Verbindunggebracht werden, übergehen. Mit dieser Diskussion verfolge ich zwei Ziele:Erstens soll gezeigt werden, dass sich die Verteter einer Gebrauchstheorieder Bedeutung zu Recht auf Wittgenstein als Anstifter undIdeengeber berufen. Zweitens möchte ich Gründe dafür liefern, dass dieGleichsetzung von Bedeutung und Gebrauch nur dann sinnvoll ist, wennvom regelhaften bzw. konventionellen Gebrauch ausgegangen wird. BreitenRaum nimmt deshalb auch die sich anschlieÿende Auseinandersetzungmit Wittgensteins Regelbegri ein. In diesem Zusammenhangkomme ich natürlich auch auf das Privatsprachenargument zu sprechen,eines der prominentesten Themen der zeitgenössischen Wittgenstein-Forschung. In erster Linie geht es allerdings darum, WittgensteinsAnsichten zum regelfolgenden Handeln klar herauszuarbeiten. Im letztenSchritt nehmen wir eine Präzisierung des Regelbegris vor, die obschon sie mit Wittgensteins Anmerkungen vereinbart werden kann über das in den Philosophischen Untersuchungen Gesagte letztlichklar hinausgeht.13


Das Kernstück dieser Arbeit bilden die Kapitel drei und vier. Im drittenKapitel geht es darum, beliebte Fehler früherer gebrauchstheoretischerAnsätze aufzuzeigen sowie generelle methodologische Vorüberlegungenanzustellen. Im ersten Abschnitt werden einige Stolperfallenangesprochen, die mit dem Regelbegri verbunden sind. Insbesonderemöchte ich dabei auf den u.a. von Meggle und Savigny heftig diskutiertenZusammenhang von Regeln und Handlungszwecken eingehen.Anschlieÿend wenden wir uns dem Bedeutungsminimalismus zu. Es gehtdabei um die Frage, wie weit das Spektrum der Verwendungsweisen gefasstsein muss, dass von einer Gebrauchsregel abgedeckt wird. Oderanders gesagt: Wo ist die Grenze zwischen regelkonformen und kreativenVerwendungsweisen? Lässt sich eine solche Grenze überhaupt ziehen?Einmal aufgeworfen, werden diese Fragen auch im vierten Kapitelimmer wieder auftauchen. Im Anschluss werden wir uns mit dem Sprechaktfehlschlussbeschäftigen, einer weiteren potentiellen Fehlerquelle beider Formulierung von Gebrauchsregeln. Der letzte Abschnitt des Kapitelsist der Vorstellung und Diskussion aktueller gebrauchstheoretischerAnsätze von Gloning, Wiegand und Heringer gewidmet.Im vierten Kapitel werden die zuvor gesammelten Erkenntnisse gebündeltund in einen konstruktiven Vorschlag für eine Gebrauchstheorieder Bedeutung umgemünzt. Konkretisiert wird dieser Vorschlag für denBereich der Inhaltswörter. Als wichtiges Element kommt hier das PutnamscheStereotyp ins Spiel. Das Stereotyp umfasst das in einer Gesellschaftwechselseitig erwartete Wissen über Referenzobjekte. Mithilfe desStereotypenbegris wird die Fähigkeit blinden Regelfolgens, die sich zueinem groÿen Teil in eben jenem Wissen manifestiert, für Gebrauchsregelformulierungengreifbar. Der Darstellung von Putnams Theorie wirdim Rahmen des Kapitels relativ viel Raum zugestanden, auch wenn esletztlich nur auf das Stereotyp ankommt also einen Begri, der nichteinmal bei Putnam selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Ichbin jedoch der Meinung, dass der Import von Theorie-Versatzstückenimmer durch ein profundes Hintergrundwissen abgesichert sein sollte,um die Funktion der adaptierten Elemente im ursprünglichen Kontextrichtig einschätzen zu können.Des Weiteren spüren wir in diesem Kapitel den unterschiedlichen Artenvon Gebrauchsregeln nach und versuchen, die Rolle des Stereotyps imHinblick auf die in diesem Zusammenhang getroenen Dierenzierungenzu präzisieren.Abschlieÿend noch einige grundsätzliche Anmerkungen. Ich habe michin zweierlei Hinsicht um eine gut lesbare Darstellung bemüht. Zum einenbetrit dies die Ebene der sprachlichen Form. Die Themen, die in die-14


ser Arbeit verhandelt werden, zeichnen sich durch einen recht hohenAbstraktionsgrad aus. Der Zugang zu ihnen muss nicht noch zusätzlichdurch eine unnötig umständliche Sprache erschwert werden. Um den Leseusszu fördern, habe ich mich daher an einem einfachen und ungezwungenenStil versucht. Ebenfalls aus Gründen der besseren Lesbarkeithabe ich auf eine Nennung der jeweiligen femininen Form verzichtet, auchwenn dies vielleicht der eine oder andere als Ergebnis der Genderdiskussionerwarten mag. Zum anderen sollte es dem Leser ermöglicht werden,die Arbeit bzw. deren Teile möglichst ungehindert nach eigenem Interessezu durchforsten. Die einzelnen Kapitel sind deshalb soweit möglich so verfasst, dass sie aus sich heraus verständlich sind. Insbesonderedie Kapitel zu kognitiven Semantik und zu Wittgenstein lassen sichproblemlos als unabhängige Einführungen in die jeweiligen Themengebietelesen. Für die beiden Kapitel zur Gebrauchstheorie der Bedeutungempehlt sich eine vorherige Lektüre des Wittgenstein-Kapitels. Inden Einleitungen werden allerdings die Ergebnisse des jeweils vorangegangenenKapitels noch einmal aufgenommen, so dass ein Quereinstiegdurchaus möglich ist.Ein Wort noch zum Nutzen dieser Arbeit. Sollte sich die Idee, dasStereotyp für die Formulierung von Gebrauchsregeln einzuspannen, alstragfähig erweisen, könnte dies der Gebrauchstheorie der Bedeutung wiederauf die Beine helfen. Und mehr noch: Die Verknüpfung von individuellemWissen, gesellschaftlich geteiltem Wissen und Gebrauchsregel, diedas Stereotyp leistet, ermöglicht den Brückenschlag vom Kognitivismuszur Gebrauchstheorie. Die individuelle und die soziale Perspektive aufsprachliche Bedeutung stehen damit nicht mehr unverbunden nebeneinander,wie dies lange Zeit der Fall war.Mit der vorliegenden Arbeit hoe ich, eine Entwicklung in diese Richtunganstoÿen zu können. Wenn der von mir vorgestellte Ansatz dieMöglichkeit einer lexikalischen Semantik jenseits des kognitivistischenParadigmas in Erinnerung zu rufen vermag, wenn er als Ausgangspunktweitergehender Überlegungen dient oder auch nur zu konstruktivem Widerspruchanregt, ist bereits viel gewonnen. Um die Chancen dafür zuerhöhen, kommen wir nun zur Sache.15


2 Bedeutung als mentale Entität: Theoriender kognitiven SemantikEine gängige Redensart besagt, aller Anfang sei schwer. In vielen Lebensbereichenund Situationen trit das fraglos zu. Wer in einemneuenJob beginnt, hat es anfangs schwer, wer Jonglieren lernen will, wird zunächsthäug uchen und auch wer einer Geige eine Melodie entlockenwill, braucht erst einmal viel Geduld. In der Semantik läuft es anscheinendanders herum. Am Anfang stehen harmlose Fragen. Was bedeutetrenitent? Kannst du mir das Wort Lumpenpack erklären? Was istdie Bedeutung von Wombat? Wörter bedeuten etwas, das ist klar. Wozuwären sie sonst da? Aller Anfang ist also leicht; und wir sind in derTat selten umeine Antwort verlegen, wenn wir nach der Bedeutung einesWortes unserer Muttersprache gefragt werden. So weit, so gut. Dienächste Frage ist aber: Was genau erklären wir, wenn wir antworten?Worin besteht denn die Bedeutung von Wörtern?Die Autoren aktueller Semantikeinführungen geben eine einhellige Antwort.Löbner (2002/2003: 29) schreibt: Die deskriptive Bedeutung einesInhaltswortes ist ein Konzept für seine potentiellen Referenten. DieFormulierung von Schwarz/ Chur (2004: 26) ist noch ein wenig allgemeinergehalten: Von einer Bedeutung sprechen wir dann, wenn einerkonzeptuellen Einheit eine sprachliche Formzugeordnet ist. Bedeutungensind in diesem Sinne versprachlichte, mit Wortformen belegteKonzepte. Und Langacker (1990: 2) schreibt, als wäre es die gröÿteSelbstverständlichkeit: Meaning is equated with conceptualization.Linguistic semantics must therefore attempt the structural analysis andexplicit description of abstract entities like thoughts and concepts. Diesedrei Denitionen markieren gleichsam den kleinsten bedeutungstheoretischenNenner des semantischen mainstream: Die Bedeutung ist imKopf.Diese Sichtweise ist charakteristisch für die kognitive Semantik, die sichspätestens in den letzten zehn Jahren derart breit gemacht hat, dass eswissenschaftshistorisch uninteressierten Zeitgenossen schon so vorkommenmuss, als hätte es nie etwas anderes gegeben.Mit der kognitiven Semantik, oder allgemeiner: der kognitiven Linguistik,verbindet sich ein ganz bestimmter Blickwinkel auf Sprache. WieSprache als Systemvon Konventionen in einer Gesellschaft entsteht,was sprachliche Äuÿerungen als Spezialfälle kommunikativer Handlun-16


gen ausmacht diese und ähnliche Fragen interessieren die kognitiveSemantik nicht. Während solche Fragen, die das Wesen der Sprache alsgesellschaftliches Phänomen hervorheben, in erster Linie im Rahmender Pragmatik oder pragmatisch orientierter Semantiktheorien behandeltwerden, interessiert sich die kognitive Semantik vielmehr für dieindividuelle Kompetenz der einzelnen Sprecher. Welche Prozesse laufenim Gehirn bzw. im Geist eines Menschen ab, der Sprache produziertoder rezipiert? Wie ist Sprache mental repräsentiert? Aufwelche Weiseverfügen Menschen über sprachliches Wissen? Das sind sozusagen dielinguistischen Adaptionen der Leitfragen einer interdisziplinären Kognitionswissenschaft,als deren Zweig die kognitive Linguistik nach Ansichtzumindest mancher ihrer Vertreter zu gelten hat (cf. Schwarz 1996: 16).Mit dem derzeitigen Erfolg der kognitiven Semantik hat, so könnte manbilanzierend sagen, die individuelle gegenüber der sozialen Perspektiveder Sprachbetrachtung vorerst den Vorzug erhalten.In diesem Kapitel werden wir uns einen groben Überblick über die ein-ussreichsten theoretischen Ansätze der kognitiven Semantik verschaffen.Dabei wird es im nächsten Abschnitt erst einmal um die Grundlagendes Kognitivismus und der kognitiven Linguistik im Allgemeinengehen: Wie ist der Kognitivismus als interdisziplinäres Forschungsparadigmaentstanden? Welches sind die grundlegenden Annahmen? Welchegroben Tendenzen lassen sich in der Forschung ausmachen?Anschlieÿend werden wir uns mit Fragen nach der Struktur mentalerKonzepte bzw. Kategorien beschäftigen. Haben Kategorien eine Binnenstruktur?Welchen Prinzipien unterliegt die Kategorisierung von Einzelphänomenen,d.h. von Gegenständen, Sachverhalten oder Zuständen? ImMittelpunkt der Debatte steht der fast schon klassische Streitpunkt: HabenKategorien klar denierbare Grenzen oder gibt es vielmehr eine ArtGrauzone? In erster Linie werden wir diese Fragen vor dem Hintergrundder Prototypentheorie diskutieren. Das Vorgehen ist dabei folgendermaÿen:In einem ersten Schritt werden wir kurz das klassische Kategorienmodellskizzieren sowie die Grundannahmen der von diesem Modellausgehenden merkmalbasierten Semantiktheorien ansprechen. Anschlieÿendwerden wir uns etwas ausführlicher den Grundzügen und Problemender Standardversion der Prototypentheorie zuwenden, ehe in einemdritten Schritt die von Rosch (1978) angeregte und schlieÿlich von Lakoff(1987) ausformulierte sog. revidierte Fassung im Mittelpunkt stehenwird. Zu guter Letzt kommen wir dann noch aufden relativ neuenAnsatz einer dynamischen Modellierung von Kategorien zu sprechen.Im dritten und letzten gröÿeren Abschnitt dieses Kapitels wollen wiruns dem Verhältnis von Konzept und Bedeutung widmen. In Anbetracht17

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