Die Bronzen der Sammlung Loeb

warburg01.cch.kcl.ac.uk

Die Bronzen der Sammlung Loeb

'"''|!.,';'''' ; „1^¥^''0','' €',:'y. ^.:f^^i'^'li'Mm^^^.'•';'.!' ."]*'''' '''' ''''"•'"''''y-(i,rW''''i':'ruMi"'^''-':!!?'/;


Lot _ ,»-n


MsHl12,5U


VORWORT.Die in diesem Bande vereinigten Bronzen, deren Yeröffentliehungihr Besitzer James Loeb mir freundschaftlich anvertrauthat,haben jetzt mit den übrigen Antiken seiner reichhaltigenund auserlesenen Sammlung, aus der die ArretinischenGefäße bereits von G. H. Chase veröffentlicht sind, ihrenPlatz indem Museumssaal seines Münchner Heims gefunden.Der größere, aus der Sammlung Porman stammende Teil standfrüher als Leihgabe im Fogg-Museum der Harvard-Universität.Hierzu sind in den letzten Jahren allerlei Neuerwerbungenhinzugekonmien, ohne ein bestimmtes Programm, sondern wiesie der Zufall des Antiken-Kunstmarktes brachte, gesammelt.Daraus erklärt sich das sehr mannigfaltige Bild des Bestandesund der große Qualitätsunterschied der Stücke. Nicht aufgenommensind die drei berühmten jonisch-etruskischen Dreifüße,weil sie in größerem Format in den Brunn-BruckmannschenDenkmälern erscheinen werden. Was die Anordnungder Bronzen in dem vorliegenden Bande betrifft, so stehenan erster Stelle die ägyptischen Arbeiten, dann folgen diearchaischen Stücke, hierauf die "Werke des 5. Jahrhundertsmit Einschluß der sich an diese Zeit anlehnenden römischen,[III]


weiter die hellenistischen, hellenistisch-römischen und späteretruskischenBronzen, endlich die Geräte und ähnliches.Die Tafelgravuren und Lichtdrucke im Text sind von derFirma J. B. Obernetter in München hergestellt.1München, März 1913.Dr. J.SIEVEKI^a[IV]


TafelTAFELYERZEICHNIS.»" 8e*'®1. Neith '....!2. Horus 23. Katze 34. Archaische Flügelfigur 85. Sirene 116—8. Standspiegel 149. Drei Cistenfüße 2110. Ziegenbock 2511. Jüngling mit Strigilis 2712—13. Merkur 2914. Merkur — Fortuna 31, 3215. Nackter Krieger 3316. Lar 3617—18. Poseidon 4119. Kopffragment 4820. Alexander 5021. Ringergruppe 5222. Dionysos und Satyr 5523. Parisbüste 5724. Fliegender Eros 5925. Aphrodite mit Eroten 6326. Aphrodite 6527. Mann mit Kreisel 6628. Weibliche Gewandfigur — Herakles 68, 6929. Reiter 7030. Büste des Domitian 7131. Kopfgefäß 7332. Armfragment 75[V]


Tafelin Seite33—34. Tigerkopf als Wasserspeier _ 7635. Deinos 7736—37. Hydria 7838. Athenaspiegel 8039. Greifenspiegel 8140—43. Pränestinische Ciste 8244. Zwei Kantharoi 8445. Helm 8546. Kandelaberkapitell 86VERZEICHNIS DER TEXTABBILDUNGENSeiteOberteil eines Mannes 4Nackter archaischer Jtlngling 6Gravienmg des Spiegels Tafel 6 17Nackter Jüngling als Henkel 23, 24Nackter Jüngling in Kampfstellung 34Lar, Berlin 37, 38, 39Kopf der Poseidonstatuette Tafel 17 41Kopf der Erosstatnette Tafel 24 59Eros mit "Weintrauben 61[VI


NEITHTafel 1Höhe 0,207. Die Attribute fehlen.Die Göttin Neith von Sais mit der Krone Unterägyptensohne den Lituus auf dem Haupte. Die vorgestreckte Linkewird das Szepter, die gesenkte Bechte das Henkelkreuz gehaltenhaben. Sorgfältige Arbeit saitischer oder frühptolemäischerZeit.^)') Vgl. Daressie, Statuts de Divinitea. Catalogue du Musie du Caire Taf. 48.[1]


HORUSTafel 2Höhe 0,09.Der rechte Ann, die linke Hand und die Beinevon oberhalb der Knie an abwärts fehlen. Die Bronze stelltdas Horuskind dar, und zwar safi es vermutlich auf demSchöße der Isis. Über seinem rechten Ohr befindet sich einrechteckiges Loch, in dem die jetzt fehlende Jugendlocke befestigtwar. Um den Hals trägt der Gott in Gold aufgelegteinen Schmuck, auf der Brust ein Amulett in Gold an silbernerSchnur. Auch die Augäpfel sind in Gold aufgelegt. FeineArbeit ptolemäischer Zeit.[2]


KATZETafel 3Aus der Forman Collection. Katalog Nr. 256. Höhe 0,1 68.Die Glasaugen sind modern.Ein vortreffliches Beispiel des vor allem inBubastis LnUnterägyptenverehrten, der Mondgöttin Bast heiligen Tieres, reizvollschon durch die schöne schokoladenbraune Färbung derBronze, aber auch durch den sehr monumentalen Aufbau desKörpers. Die Katze sitzt aufrecht und blickt geradeaus, denSchweif nach Katzenart auf der einen Seite um sich herumlegend.Brust lind Rücken laden in schöner kräftiger Rundvmgaus, die Einzelformen zeigen gewiß mit Absicht wenig Gliederung,so sind die Hinterbeine kaum von den Oberschenkelnabgesetzt. Die Vorderbeine laufen vorne zu einer scharfenKante zu, die Mundspalte ist nur eingeritzt, ebenso die Barthaareund die Ohren auf der Yorderseite.In Ritzung wiedergegebenist auch das hinten in einer durchgesteckten Schleifezusammengehaltene Halsband, an dem vorne am Bande einAmulett in Gestalt eines Auges hängt. Die Arbeit gehört wohlnoch saitischer Zeit an.3]


i^Kin vertikale Streifen geteilt, die wieder durch horizontale Strichegegliedert siad. Der Bart umrahmt als schmaler Streifen dask Gesicht. Die erhobene rechte Hand faßte, nach der rundenDurchbohrung zu schließen, eine Lanze, der Mann war alsoPals Krieger dargestellt. Die ganze Körperbildung erinnert anTypen der Dipylongefäße, die Bronze wird noch dem achtenJahrhundert angehören.[ö]


NACKTER ARCHAISCHER JÜNGLINGAus der Forman CoUection. Katalog Nr. 81.Höhe der Figur mit Standplatte ohne die moderne profilierteBasis 0,074 m. Die linke Hand ist leicht verletzt. Schönegleichmäßige hellgrüne Patina.Die Statuette diente vermutlich als Krönung eines etruskischenKandelabers von der Art, wie sie im Museo GregorianoBd. I, Tafel 50 ff., wiedergegeben sind. Obwohl der üblichearchaisch-griechische „Apollon"- Typus mitden eng am Körperanliegenden Händen genau festgehalten ist, läßt doch dieDetailausführung keinen Zweifel darüber aufkommen, daß essich um eine etruskische Arbeit handelt. Die eckigen Körper-[6]


formen erscheinen wie geschnitten, Knochengerüst und Muskulatursind übertrieben stark betont, Hals und Brust geradezudurch eine Einkerbung voneinander getrennt. Die Gesichtsausführung,besonders von Mund und Ohren, ist recht roh, dieStirn weicht beinahe horizontal zurück und die Haare sind nurüber der Stirn und im !N'acken ausgearbeitet. Die Figur wirkttrotz ihrer Maße nicht Avie ein Werk der Kleinkunst, sondernwie eine einfach reduzierte Kolossalstatue.Eine stilistischsehr verwandte Bronzestatuette befand sichin der Sammlung Sartiin ßom.^)1) L. Pottak, CoUezione Prospero Sarti, Roma 1906, Taf. 6 Nr. 23.[7]


GEFLÜGELTE WEIBLICHE GEWANDFIGURTafel 4Früher Sammlung Castellani (Vente Nr. 271), dann SammlungEömusat (Vente 1900 Nr. 110 Taf. 5). Höhe 0,125; ohneBasis 0,107.Auf runder, stark profilierter, reich mit Perlenketten undBlattstab verzierter Basis steht eine überaus zierlich gearbeitetearchaische Frauengestalt mit gesenkt ausgebreiteten Flügeln.Der linke Fuß ist vorgesetzt und nach auswärts gedreht, derrechte in der Ferse leicht gehoben, beide tragen Schuhe mitspitz zulaufenden Laschen oben. Die jonische Tracht bestehtwie üblich in dem Untergewand, das auf der linken Brust unddem linken Oberarm, wo es geknöpft ist, eng anliegend imdfein geriefelt erscheint,dagegen den Unterkörper in schwerer,nur durch wenige Falten gegliederter Stoffmasse umgibt, iinddem gesäumten Mantel, der auf der rechten Schulter aufliegt,schräg über Brust und Rücken geführt ist und hinten undTome in senkrechten Falten, dem Saum entlang in regelmäßigemZickzack herabfällt. Auf der Brust springt ein kleinerBauschzipfel des Untergewandes kokett über das Obergewandvor. Yen den Fitigeln, bei denen sich Flaum- und Schwungf8)


federn scharf voneinander trennen, setzt der eine an dem geriefeltenUntergewand, der andere am Mantel an. DiebeidenArme sind gesenkt, die linke Hand rafft das Untergewand ander Seite zusammen, die mit der Innenfläche nach vorn gedrehterechte ist jetzt leer, sie muß aber einst etwas gehaltenhaben, und nach der eigenartigen Fingerstellung — die dreiersten sind abwärts gestreckt, die beiden letzteren aufwärtseingebogen — kann dies nur ein herabhängender Kranz odereine Tänie gewesen sein, nicht etwa ein Stab.Der Kopf ist geradeaus gerichtet, ein breites volles Gesichtmit großen vorquellenden Augen blickt dem Beschauer lebendigentgegen. Besondere Sorgfalt ist auf die Anordnung des Haaresverwendet, das vom Wirbel strahlenförmig nach allen Seitenläuftund hinten aufgenommen wulstartig um die den Hinterkopfumgebende Binde geschlungen ist. Zwei Enden dieserHaarpartie sind vorne auf beiden Seiten des Kopfes unter derBinde wieder vorgezogen und liegen in je vier Strähnen aufden Stirn und Schläfe halbmondförmig einrahmenden dreiKnopfreihen auf, dem goldenen Stirntoupet, wie hier die darübergeführten Haare ganz besonders deutlich machen.Das reizende Figürchen ist durchaus im archaisch-jonischenStil gehalten, außer der typischen Gewandung zeigt ihn dieGesichtsbildung ganz besonders rein. Aber verschiedene Anzeichenweisen mit Sicherheit darauf hin, daß die Arbeit dieeines etruskischen Künstlers ist,der nur stark im Banne griechischerVorbilder stand und sich in richtiger Erkenntnis seinerFähigkeiten eng an sie hielt.Ein äußerliches Merkmal ist die[9]


überaus große Zierliclikeit, die schon in der Form der Basiszutage tritt, an der Figur selbst sich in der Gravierung derFalten und Flügel verrät, vor allem aber in der außerordentlichenKleinheit der Flügel zum Ausdruck kommt, die fast wieverkümmert wirken. Ein griechischer Künstler würde sie nieals solch ein spielerisches Anhängsel gebildet haben. Ungriechischist aber auch, daß kein eigentlicher Zusammenhangzwischen dem Motiv der Figur und ihrer Beflügelung besteht.Die archaisch-griechischen Flügelwesen, soweit sie nicht eindekoratives orientalisches Schema wiedergeben, verbinden ausgebreiteteFlügel nur mit einem bewegten Körper, in unsererBronze dagegen sind sie einem gebräuchlichen Typus der ruhigstehenden Grewandfigur einfach angeheftet, nicht um den Flugdarzustellen, sondern um dem weiblichen Wesen einen dämonischenCharakter zu verleihen, ein echt etruskischer Zug. Dieübersinnliche Welt der Etrusker ist so reich mit Flügelgestaltenaller Art bevölkert, die näher zu bestimmen nicht möglich ist,daß man auch der vorliegenden Statuette gegenüber besser miteinerBenennung zurückhält[10


SIRENETafel 5Aus der Forman Collection. Katalog Nr. 59.Höhe 0,09. Das Figürchen ist in letzter Zeit zum Schutzder Oberfläche mit Firnislacküberzogen worden.Der Menschenvogel steht fest auf seinen großen Krallenmit geschlossenen Flügeln, deren Spitzen gekreuzt auf demSchwanz aufliegen.Die Schwung- und Schwanzfedern sinddurch kräftige gleichmäßige Gravierung charakterisiert,währendder Bug und die scharf abgesetzte Brust vollständig glattgelassen wurden. Der menschliche Kopf ist geradeaus gerichtet,das Haar fälltin einem "Wulst von dicken parallelen Strähnentief in die Stirn und vor den Ohren herab,hinten fein graviertin breitem, sich nach unten verjüngendem Schopf auf denRücken. Vom Scheitel geht ein Zopf in Oestalt einer gewundenen,in eine Knospe endigenden Ranke aus,um den Hinterkopfläuft ein schmales Band mit drei Blütenrosetten über derStirn.In dem vollen fleischigen Gesicht mit den großen rundenflach liegenden Augen und den aufgeworfenen Lippen springenKinn und Nase energisch vor, während die Stirn zurückweicht.[11]


Der Untersatz der Figur ist oben leicht gewölbt, sein vorne,wo die Krallen aufstehen, runder Umriß läuft nach hinten, woder Schwanz aufruht, schmal und eckig zu. Auf der Unterseitebefindet sich hinten ein kleines, nur wenig tiefes Loch,vielleicht von der antiken Befestigung herrührend, die außerdemwohl in Lötung bestand.Nach der leichten Höhlung derUnterseitezu schließen muß die Figur auf einer schwach gewölbtenUnterlage aufgesessen haben, vermutlieh auf der Mitteeines Gefäßdeckels, an dem sie als Handgriff diente.Für solcheine dekorative Verwendung sprichtauch der Umstand, daßuns von dem gleichen Sirenentypus mehrere Wiederholungenerhalten sind, die nur unbedeutend in den Maßen und derDetailausführung voneinander abweichen. Mir sind außerunserer Bronze Exemplare in Berlin^), im British Museum"),im Louvre") und inder Sammlung Mundy in Wien*) bekannt.Das zuletzt genannte stammt aus Smyrna und bestätigt durchdiesen Fundort die Zugehörigkeit des Typus zur archaischjonischonKunst, die auch der Stil der übrigen in Italien gefundenenStücke, vor allem die Gesichtsbildung, schon vermutenließ, wenn man auch nicht mit Sicherheit entscheiden*) Friederichs, Berlins antike Bildwerke II, 2287. Abgebildet Mon. dell'lnst. II,Taf. 29, und besprochen von E. Braun, Amiali 1836, S. 58. Aus Gerhards Besitz. Abeken,der in seinem Buch über Mittelitalien Taf. 7,3 die Abbildung aus den Monumenti wiederholt,verwechselt S. 444 diese Bronze mit dem au>i Sammlung Kestner ins British Museumgelangten Exemplar, und diese Verwechslung ist beibehalten bei v. Duhn, Annali 1879,8. 137, Anm. 1 und im Katalog der Bronzen des British Museum Nr. 490. Einen modernenNachguß der Berliner Sirene kenne ich aus Würzburger Privatbesitz, das Stück soll angeblichaus Ägypten stammen. ') Catalogue of Bronzes Nr. 490. Aus Sammlung Kestner.Hier sind auch die Brw


kann, ob sich unter ihnen nicht etwa etruskische Nachbildungenbefinden.Die Sirene verkörpert für die Griechen die menschlicheSeele, ihr Bild ist eng mit dem Gräberkult verbunden. DerLotosranke auf ihrem Kopfe scheint insbesonders eine sepulkraleBedeutung anzuhaften^).Es ist daher nicht unwahrscheinlich,daß unsere Figur und ihre Wiederholungen als Deckelgriffarchaischer bronzener Aschenurnen gedient haben, ebensowie der widdertragende Hermes, der Seelengott ^).Auch derSirenentypus mit ausgebreiteten Flügeln und apotropäisch erhobenenHänden findet sich auf diesen Gefäßen, die mit Wahrscheinlichkeitauf Cumae und indirekt auf Chalkis zurückgeführtworden sind').Die ruhig stehende Sirene eignet sichauch von dekorativen Gesichtspunkten aus in ihrem strengsymmetrischen Aufbau ganz vortrefflich als krönende Deckelfigur,dabei ist unsere Bronze ein Meisterstück feiner Detailausführung.') Weicher, Seelenvogel, S. 15 u. 43. ») Mon. deWInst. XI, Taf. 6,2 u. 3 ; MünchnerJahrbuch 1910, I, S. 139, 3. ') Annali delVImt. 1879, S. 128 ff.[13]


iSTANDSPIEGBL MIT FRAUENFIGUEALS STÜTZETafel 6—8Aus der Forman CoUection. Katalog Nr. 68. Angeblich inKroton gefunden. Abgebildet : Bull. nap. n. S. II, Tafel 3, S. 128u. 188. Gerhard, Etrusk. Spiegel m, Taf. 243 AI, S. 240, mitder irrtümlichen Angabe „im Museum zu Neapel".Gesamthöhe 0,395; Höhe der Stützfigur 0,175; Durchmesserder Spiegelscheibe 0,14Modem sind die Befestigungen der Stützfigur auf ihrerBasis, der Spiegelscheibe auf der Stütze und der Sphinx obenauf der Scheibe durch je zwei kleine Stifte ;die alten Abbildungenzeigen die Scheibe falsch herumgedreht, mit der glattenSeitenach hinten.In einem sehr schönen Beispiel liegt hier ein geläufigerTypus des antiken Kimstgewerbes vor, einer jener reizendenStandspiegel, wie sienur in der verhältnismäßig kurzen Zeitetwa vom Ende des 6. Jahrh. bis zur Mitte des 5. Jahrh., das heißtim archaischen und strengen Stil in Griechenland und den vonseiner Kunst beeinflußten Ländern in Mode waren.Eine auf[14]


sehr verschieden gestalteter kleiner Basis stehende Figur, gewöhnlichsind es nackte Männer, bekleidete oder unbekleideteFrauen, trägt auf dem Haupt das Spiegelrund, das oben meistvon einer kleinen Figur gekrönt wird.Unser Spiegel zeigt auf einer viereckigen profilierten Basis,deren eingezogener mittlerer Teil ringsum mit einem Flechtbandverziert ist, eine bekleidete weibliche Figur, nach dergewöhnlichen Deutung Aphrodite, in dem üblichen archaischenStandschema mit vorgesetztem einen Fuß und in zierlich gefältelteraltertümlicher jonischer Gewandung, die uns von denMädchen der Akropolis geläufig ist. Sie besteht in dem gesäumtenUntergewand, das auf der linken Brust und dem linken Oberarmfein geriefelt erscheint, den Unterkörper dagegen inschwererer Stoffmasse umschließt und einem ebenfalls gesäumtenMantel, der auf dem rechten Oberarm geknüpft schräg überBrust und Rücken gezogen ist und hinten wie vorne in wohlzurechtgelegten Falten herabfällt. Als Muster trägt der Manteleingeritzte Bögen mit einem Kreuzchen in der Mitte.Vor derMitte des Körpers wird vorne noch ein halbrundes Zipfelchensichtbar, das nur von einem Bausch des gegürteten Untergewandesherrühren kann. Dieses Untergewand nimmt die linkeHand an der Seite auf in der gleichen gezierten Fingerhaltung,mit der die vorgestreckte Rechte eine Knospe hält.In dem schmalen Oesicht springen Kinn und iJ^ase energischvor,die Augen liegen flach unter den stark betonten Brauenbogen,die zurückweichende Stirn ist von Haarflechten dreieckigeingerahmt, hinten fällt das Haar in einer breiten Masse[15]


herunter, die durch wagrechte Linien in einzelne Wülste gegliedertwird. Auf dem Diadem sind Dreiecke mit je einemPunkt darin eingraviert, das gleiche Ornament, wie es der Gewandsaumam Hals und die Vorderseite der auf dem Kopfaufruhenden Spiegelrund-Unterlage zeigt.Die Löcher inden aufgerollten und mit eingeritzten Palmettenin den Zwickeln geschmückten Seitenendigungen dieserUnterlage waren nach Analogie anderer Spiegel einst wohlmit Knöpfen gefülltHier liegen beiderseits die Vordertatzenzweier vom Oberarm der Frauenfigur aufsteigender Löwen an,die einerseits als Mitträger den Eindruck der Festigkeit erhöhenund außerdem dieLücke zwischen den Schultern derStützfigur und dem Spiegelrund dekorativ ausfüllen. Dieseseitliche Ergänzung der Hauptfigur durch Nebenfiguren, zudenen auch Eroten,Niken, Sirenen oder Sphingen verwendetwerden, ist für die Gruppe der Standspiegel mit weiblichenStützfiguren beinahe typisch, seltener und auf die ältestenExemplare beschränkt ist das Erheben der Arme zum Mittragen,bei den männlichen Spiegelträgern, aber auch hier beiden älteren Vertretern, eine geläufigere Form. Die Köpfe derLöwen sind nach vorne gewendet, die Manier aufgerissen mitheraushängender Zunge, wohl in Unheil abwehrender Bedeutung.Die Scheibe selbst ist ihrem praktischen Zwecke entsprechendauf der Vorderseite glatt bis auf das einrahmendeStabband, dagegen ist die Bückseite vollständig mit Gravierungausgefüllt. Umlaufend folgen hier von außen nach innen aufeinanderdas schon auf der Stützfigur mehrmals vorkommende[16]


[17]


Dreieck-Ornament, eine Punktreihe, einWellenband mit Knospenin den Senkungen und ein einfacher Mäander. Das Zentrumendlich bildet die Darstellung einer nach rechts laufenden geflügeltenGorgone, dievor dem Leib in jeder Hand eine nachaußen züngelnde Schlange hält. Oberkörper und Kopf mitheraushängender Zunge und Schlangenhaaren sind in Vorderansichtwiedergegeben, die Beine werden durch das Gewandhindurch sichtbar. Ihr zugewandt steht unten beiderseits einHuhn, Das am Außenrand gezähnte Spiegelrund wird gekröntdurch eine nach links sitzende Sphinx mit in Vorderansichtgestelltem Kopf und aufgebogenen Flügeln. Sie ruht auf einembesonderen Untersatz, der an den aufgerollten Enden zur Aufnahmevon jetzt fehlenden Knöpfen durchbohrt ist und auf derVorderseite wieder das Dreieck-Ornament trägt.Der Hauptreiz dieser Standspiegel liegt in dem vornehmentektonischen Aufbau und in ihren fein abgewogenen Proportionen.Der auf einer Basis ruhig dastehende menschliche Körperersetzt als Träger Säule oder Pfeiler. Je gebundener dieHaltung der Figur, um so stärker ihre Wirkung in statischerund dekorativer Hinsicht, daher stellt die archaische Kunstmit ihrer steifen und symmetrischen Formgebung die idealstenVertreter dieser Gattung, und zwar scheint es fast, als ob derTypus der bekleideten Frau, wie ihn unser Spiegel zeigt,derbeliebteste gewesen wäre, wohl weil die flachen schematischenGewandfalten dem Charakter eines Architekturgliedes sehr nahekommen. Auch der strenge Stil eignet sich in Körper- undGewandbehandlung noch trefflich zur Stützfigur, aber im Kopf[18]


und Yor allem in den Armen regt sich doch schon ein zu starkerBewegungsdrang, als daß dadurch nicht die dekoratiyo AVirkungbeeinträchtigt würde. Daß die freientwickelte menschlicheFigur überhaupt nicht mehr als Spiegelstützo vorwendetwurde, ist fast selbstverständlich für den streng geschultenFormensinn, der im griechischen Kundsthandwerk herrscht.Gegenüber dem senkrechten Träger betont die Scheibenunterlage,deren aufgerollte Enden, wie an qinigen Beispielenganz deutlich ist, den Voluten des jonischen Kapitells entsprechen,die Horizontale und liefert zugleich den Übergangzum Rund, das oben in der krönenden Figur, meist einemFabelwesen wie Sphinx oder Sirene, eine Spitze erhält. Beidem vorliegenden Spiegel beträgt die Höhe der Stützfigurmit der Basis gerade die Hälfte der Gesamthöhe, und zwarscheint dieses sehr glücklich gewählte Verhältnis gern beiden Standspiegebi angewendet worden zu sein.Die Verbreitung dieser griechischen Standspiegel, derenErfindung man ohne zwingende Gründe Korinth zuzuschreibenpflegt, muß auch außerhalb Griechenlands eine sehr ausgedehntegewesen sein, in Cypern, in der Krim und vor allemin Italien sind sie gefimden worden. Die Herkunft Krotonfür unseren Spiegel wird bestätigt durch ein sehr nahe verwandtesStück im Münchener Antiquarium, das ebenfalls daherstammt.')Etwas Besonderes ist die Gravierung der Rückseite, diesoviel ich weiß sonst auf den Standspiegeln nicht üblich ist.*) Furtwängler, Bas Kgl. Antiquarium zu München, S. 4T.[19]


Da sie in ihren Stilelementen jedoch echt jonisch,nicht etruskischist*), so darf man in ihr yielleicht eine Eigenart großgriechischerKunst in Süditalien sehen, die, vielleicht italischemGeschmack damit entgegenkommend, den rom Mutterlandeüberkommenen Typus indieser Weise erweiterte.•) Furtwängler in Roschers Myth. Lex. I, S. 1710, Zeile 54.[20]


IDREI CISTENFÜSSETafel 9W' Angeblich aus einem Grabe bei Ferentinum. AmericanJournal 1911, S. 135 ff. (de Cou). Höhe 0,08. An einem Fußfehlt ein Stück des Schlangenleibes.Jeder Fuß war mittels eines Stiftes an der Ciste befestigt,deren unterer Rand auf dem an der Rückseite derFüße vorspringenden Zapfen aufruhte. Die Füße endigenunten in geflügelten Tatzen, die einen schlangenb einigengeflügelten Dämon tragen mit bärtigem Silenskopf, an demdie spitzen Pferdeohren stark betont sind. Der Dämon packtmit jeder Hand einen der Schlangenleiber, die Schlangenköpfetragen große Barte.Die drei Füße gleichen sich genau,aber kleine Yerschiedenheiten lassenerkennen, daß sie nichtetwa aus einer und derselben Form stammen.^) Es sind Teileeinesarchaisch-etruskischen Gefäßes, aber der Kopftypus desDämons gehört der jonischen Kunst an, ebenso ist die YereiTilgung von Schlangenbeinen und Flügeln altgriechisch,sie>) Tgl. Österr. Jahreshefte 1904, 8. 169.[21]


scheint den Windgöttern eigen gewesen zu sein.^) Das aufgebundeneGlied findet sich mehrfach bei schwer tragendenPersonen.*) Bemerkenswert ist die starke dekoratire Wirkungder Komposition, das Emporwachsen der Flügel aus denKrallen und der Aufbau des schlangenb einigen Dämons yerratenein außerordentlich fein ausgebildetes Form- und Symmetriegefühl.') Furtwängler, Sitzungsber. der Bayer. Akad. d. Wiss. 1905, S. 452. •) Vgl. dieAtlanten im Louvre, Clarac Taf. 298, 1725 und den Giganten auf der Vase im Louvre,Sauser, Strena Helbigiana, S. 116.[22]


»NACKTER .JÜNGLING ALS HENKELAngeblich aus einem Grabe bei Perentiaum. AmericanJournal 1911, S. 131 ff. (de Cou.). Höhe 0,093. Durch beideHände und den linken Fuß sind runde Löcher gebohrt, umden Henkel mit Stiften an einem Gerät zu befestigen. Erdiente wahrscheinlich als Handgriff eines Cistendeckels. DieHände sind nicht ausgearbeitet.Eine nackte Jünglingsfigur, die den Körper zurückbeugendbeide Arme und Beiue auf dem Boden aufgestützt hat, währendder ebenfalls zurückgelegte Kopf die Erde nicht ganz berührt,[23]


ist eine geläufige Henkelform für archaisch-etruskische Gefäße.Das hohle Kreuz und die Kniekehlen eignen sich vortrefflich,xuxxje einen daruntergreifenden Finger aufzunehmen,und der in dieser gymnastischen Übung einem Brückenbogengleichende menschliche Körper lieferte einen sehr dankbarenkünstlerischen Vorwurf. Die Erfindung des Motivs ist gewißgriechisch, unsere Bronze aber schon wegen ihrer überschlankenProportionen und nach der etwas schematischen Detailausführung,z. B. der Bauchmuskulatur und des Gesichtes, einerecht geschickt ausgefülirte etruskische Arbeit.(24)


ZIEGENBOCKTafel 10Aus Griechenland. Länge 0,115, Höhe 0,063. Das eineHörn ist abgebrochen, ferner fehlt die Spitze des Schwanzesund des rechten Ohres. Das Innere der Bronze war mit Bleiausgefüllt, das noch zum größten Teil erhalten ist; die Eänderder Unterseite sind abgeplattet, offenbar war die Bronze ursprünglichauf einer ebenen Unterlage befestigt.Das Tier ist ruhig am Boden gelagert, den Körper etwasauf die linke Seite hinüberschiebend, den mit großem Bart undstattlichenHörnern geschmückten Kopf geradeaus streckend.Das linke Yorderbein erhebt es leicht in momentaner natürlicherBewegung, das rechte liegt mit zurückgebogenemUnterschenkel eng am Körper. Das Fell ist ganz glatt gehaltenbis auf einen breiten, mit graviertem Strichmuster versehenenStreifen, der von den Hörnern an, der Mitte des Rückensentlang bis zum Schwanzende läuft. Die Striche gehen vonder sehr scharfen ßückgratlinie aus nach beiden Seiten.Bart und Stirnhaar zeigen ebenfalls Gravierung.Ohne jede naturalistische Behandlung und trotz weitgehenderStilisierung größte Natürlichkeit und Lebendigkeit, das ist[25] *


die Ursache des Reizes, den das so anspruchslose Sujet derBronze ausübt. Die Linienftihrung ist noch eckig, die Detailausführungetwas hart, aber das Motiv ist schon mit feinerBeobachtungsgabe erfaßt. Danach gehört das Werk in dieerste Hälfte des fünften Jahrhunderts, an den Ausgang derarchaischen Kunst und ist vielleicht von jonischer Stilrichtungbeeinflußt. Ein stilistisch nahe verwandter stehender Bockaus Bronze, gefimden im Val d'Aosta, befindet sich in derSammlung Warren ^),zu vergleichen ist ferner die etwas fortgeschrittenere,aber viel rohere Terrakotte aus dem Kabirion*),endlich ein bronzener Steinbock im museo civicovon Triestaus Pirano.>) MiUeüung L. Pollaks. ») Inv. Nr. 10635.[26]


JÜNGLING MIT DER STRIGILISTafel 11Früher Sammlung Rome. Burlington fine arts club 1904,Taf. 50, B. 47. F. v. Duhn, Sitzungsber. d. Heidelb. Akad. d.Wiss. Abt. 6, S. 9. Höhe 0,09.Auf runder profilierter Basis stehtfest auf beiden Sohlen,das linke Spielbein nur etwas vorsetzend, ein nackter, athletischgebauter Jüngling, der sich mit einer Strigilis in der erhobenenRechten den Rücken vom Staub der Palästra reinigt,während der linke Arm untätig am Körper herabhängt. Deralltägliche Vorgang ist in der denkbar einfachsten Form dargestellt,ohne Pose, ohne starke Bewegung, im Vordergrundsteht vielmehr der in klaren harmonischen Linien aufgebautevöllig ruhige Körper, während die Handlung gleichsam nurals nebensächliche Zutat erscheint.Diese besondere Betonungdes formalen Elementes bei einem jugendlichen Athleten ausder Mitte des fünften Jahrhunderts, welcher Zeit unsere Bronzeihrem Stil nach angehört, weist von selbst auf Polyklet, undich möchte vermuten, daß wir eshier mit einer Nachbildung[27]


seines Ton Plinius überlieferten ^se destriugens" zu tun haben.^)Dem Motiv des Doryphoros und des Petworther Oeleingießers*)stellt sich das unsrige seiner Auffassung nach als geistesverwandtzur Seite.Natürlich kann uns die Statuette nur einen sehrallgemeinen Begriff von dem angenommenen Vorbild geben,es ist eine dekorative etruskische Arbeit, wahrscheinlich dieKrönung einesKandelabers oder der Deckelgriff von einemKessel. Daß der linke Arm sich so fest an den Körper anlegtund der rechte Unterarm sich vom Oberarm nicht loslöst,beruht nur auf technischen Bequemlichkeitsgründen, amOriginal waren natürlich Ober- und Unterarm getrennt, unddamit wurde auch ein größerer Teil der Strigilis sichtbar,die in der Vorderansicht der Statuette völlig verschwindet.Der ganz bis zur rechten Seite hin gewandte Kopf ist etwaszu plump geraten. Eine Statuette in dem gleichen Motiv befindetsich in Paris.')*) Furtwängler, Meisterwerke, S. 471, glaubte dieses Werk in einer häufig auf Gemmenvorkommertden Figur erhalten, doch stellt er Antike Oemmen zu Taf. 44, 18 fest, daßvielmehr das Reinigen der Strigilis hier wiedergegeben sei. ') Furtwängler, Meisterwerke,8. 464ff. ») Bronces de la bibliothlque nationale Nr. 934.[28]


MERKURTafel 12—13Aus der Forman Collection, Katalog Nr. 92. Höhe 0,23.Der linke Arm mit Schulter und Stück des Rumpfes sowieder Cadueeus sind modern ergänzt, die nicht zugehörigebronzene Basis ist jetzt entfernt, die eingesetzten Augensternefehlen. Ein durch die Attribute, geflügelter Petasos, Plügelschuheund Beutel, deutlich gekennzeichneter Merkur, dem derErgänzer mit voller Sicherheit das Kerykeion in die linke Handgeben konnte.^) Daß nicht der griechische Hermes, sondernder aus ihm abgeleitete römische Merkur gemeint ist, beweistder Beutel, der bei jenem nicht nachzuweisen ist und wohlerst von dem nüchtei'uer denkenden Römer dem Handelsgottin die Hand gegeben wurde; die überaus zahlreichen, auchinden römischen Provinzen sehr häufig gefundenen Merkurbronzenführen ihn neben Kerykeion, Plügelhut und Plügelschuhebeinahe als ständiges Attribut. Im Typus des Kopfessowohl wie des Körpers gehen diebesseren dieser Statuettenauf rein griechische Vorbilder zurück, die sie mehr oder minder') Vielleicht war der linke Arm rem einer Chlamys bedeckt, so würde sich die Artder Verletzung der linken Körperseite am ehesten erklären.[29]


getreu wiedergeben, und zwar sind es entweder attische Werkedes beginnenden vierten Jahrhunderts^), die von ihnen benutztwerden, oder Schöpfungen des Polyklet.*) Letzteres istbei unserer Bronze der Fall, die in Stellung, Proportionen,Körperbildung, Gesichtstypus und Haarbehandlung augenfälligpolykletisch erscheint.Die Verwandtschaft mit dem Doryphorosist eine sehr nahe, aber ich vermute, daß unsere Figur nichteinfach von diesem Kanon beeinflußt ist, sondern daß sie direktauf eine Hermesstatue des Polyklet zurückgeht, von der unsdieherrliche Bronze von Annecy eine noch klarere Vorstellungvermitteln kann.') Flügelschuhe und Flttgelhut sindaußer dem Beutel römische Zutaten. Entsprechend seinerGröße, die sich über das Maß der meisten Merkurstatuettenbedeutend erhebt, ist auch die Ausführung unseres Stückeseine für römische Kleinbronzon ungewöhnlich gute, die Körpermodellierungzeigt große Feinheiten, und die Detailarbeit imGesicht und Haar ist mit viel Sorgfalt ausgeführt.1) Furtwängler, Bonner Jahrbücher, Heft 90, S. 59. «) Furtwängler, Meisterwerke,S. 425 ff.«) Arehäol. Jahrbuch 1909, S. 6.[30]


MERKURTafel 14Höhe 0,12. Das Attribut der linken Hand, zweifellos einKerykeion, fehlt jetzt. Durch die untere Spitze des Geldbeutelsist ein rundes Loch gebohrt, in dem einst wohl eineQuaste als Verzierung hing.Auch dieser Statuette mit den römischen Zutaten vonChlamys, flügellosem Hut, Flügelschuhen und Beutel liegteine polykletische Schöpfung zugrunde, doch ist sie vielschematischer als bei der vorigen benutzt, nur die äußerlichenPAnhaltspunkte wie Schrittstellung, symmetrische Anordnungder Stirnlocken und Schichtung der Haare am Hinterkopf sindbetont, immerhin steht die saubere, sorgfältige Arbeit weitüber dem Durchschnitt der römischen Kleinbronzen.[31]


WEIBLICHE GEWANDFIGUR MIT FÜLLHORNTafel 14Höhe 0,143 mu Es fehlen die linke Hand, die Füllhornspitzeund das untere Ende des über den linken Arm fallendenGewandzipfels. Der rechte Unterarm ist stark nach untenund einwärts verbogen. Die Figur war einst rollständig vergoldet,große Partien dieser Vergoldung sind noch gut erhalten.Die eingesetzten Augensterne sind herausgefallen.Stehende Frau im dorischen Peplos,mit Mäntelchen auflinker Schulter und linkem Arm, Diadem im Haar und reichmit Früchten gefülltem Füllhorn im linken Arm. Eine langeLocke fällt auf jede Schulter, eine kleine ist vor den Ohrensichtbar. Unklar ist das unversehrt erhaltene Attribut derrechten Hand, das die Form zweier kurzer, oben zugespitzterStäbe, eines breiten und eines schmäleren, zeigt. Die Bronzegehört der römischen Kaiserzeit an und enthält Reminiszenzenaus verschiedenen früheren Kunstperioden.Das Gewand istim strengen Stil des 5. Jahrhunderts gehalten, der Kopf weistins 4. Jahrhundert, die überschlauke Körperbildung in hellenistischeZeit. Vermutlich stammt die Figur aus einem römischenHauslararium und gehörte zu den hier aufgestelltenPenatenstatuetten. Das Füllhorn charakterisiert allgemein dieFülle und Segen spendende Gottheit, leider erlaubt das undeutlicheAttributder Rechten keine genauere Namengebung.Die Ausführung ist sorgfältig, aber ziemlich trocken.Früher Sammlung Hoffmann, Cat. 1888, Taf. 35.\ 32 ]


NACKTER KRIEGERTafel 15Aus Sammlung Lipperheide. Helbings AuktionskatalogMünchen 1910, Nr. 622. Höhe 0,153 m. Es fehlender linke Fuß, die linke Hand und der Schild, von demReste am linken Arm erhalten sind, ferner die Pinger derrechten Hand bis auf den Daumen.Ein ruhig stehender nackter Jüngling im Helm mit Buschund emporstehenden Backenklappen, der den Schild am linkenArm trug und vielleicht einen Speer in der linken Handhielt. Die Rechte ist geöffnet zur Seite gestreckt, vermutlichwird sie mit einer Schale zum Spenden zu ergänzen sein.Ob Ares oder ein Heros dargestellt ist, läßt sich nicht entscheiden.Die Ausführung der wohl provinzial - römischenBronze ist sehr roh,aber man ahnt noch, daß ein bedeutendesVorbild ihr zugrunde liegt. Eine großartige Einfachheit drücktsich in Motiv, Linienführung und Körperbildung aus. DerBewegung des rechten Armes entspricht die Haltung desKopfes, dessen seitliche Wendung glücklich mit der Frontalansichtdes Rumpfes kontrastiert.Die breiten flächigen Körperformensowie die Schrittstellung dürften am ersten an denpolykletischen Kunstkreiserinnern.[33]


NACKTER JÜNGLING IN KAMPFSTELLUNGHöhe 0,065.Die linke Hand, das Attribut der rechten, unddie Fußspitzen fehlen, am linken Unterbein ist ein Stück unterhalbdes Kjiiesergänzt.Ein nackter Jüngling mit einer Binde im Haar in lebhafter,nach oben gerichteter Bewegung. Beide Knie sind gebogen,der rechte Fuß steht auf den Zehenspitzen, das linke Beinist weit nach auswärts auf eine Erhöhung gesetzt. Die gesenkteRechte faßte das Schwert, dessen Griff noch vorhanden,[34]


der erhobene linke Arm hielt den Schild. Auffallend istallerdings bei einem Krieger, wie wir uns die Statuette ergänzen,einmal das Fehlen des Helmes und auJ3erdem dasaufgebundene Glied. Der Kopf ist in den Nacken geworfenund blickt aufwärts. Offenbar haben wir es hier mit demTeil einer Gruppe zu tun, der Jüngling rerteidigt sich gegeneinen auf höherem Terrain stehenden Gegner. Die Ausführungder kleinen Figur ist im Detail nicht besonders sorgfältig,aber sehr reizYoll ist das stark bewegte Körpermotiv.Nach der stilistischen Behandlung des Kopfes mit seinenflächig gehaltenen Gesichtsformen und nach der Art, wie dieBinde angebracht ist, zu urteilen, gehört die Bronze noch andas Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. und dazu stimmt auch,daß die Figur nur auf die eine Seitenansicht berechnet ist,in der sie gewissermaßen als Reliefarbeit wirkt.[35]


LARTafel 16Aus der Forman CoUection Katalog Nr. 101. Reinacli,Repertoire III, 143. 4. Höhe 0,17. Stark mit Oxydwncherungenbedeckt.Die besonders gegossenen Arme fehlen jetzt.Ein ausgezeichnetes Beispiel des bekannten römischenLarentypus, ein beschuhter Jüngling im Tanzschrittdas eineBein Torsetzond, während das andere auf den Zehen zurücksteht,mit kurzer gegtirteter Tunika, die einen Brustausschnittfreiläßtund infolge der Körperbewegung nach rückwärts flattert.Der erhobene rechte Arm hielt ein Rhyton hoch empor,der linke auf der vorgestreckten Hand eine Schale, die denaus dem Hom herabfallenden Strahl aufnehmen sollte. Nebendiesen gemeinsamen Zügen zeigen die zahlreichen erhaltenenLarenstatuetten in Einzelheiten allerlei kleine Unterschiede,80 in der Gewandanordnung, indem z. B. meist der Gürtel überder Tunika sichtbar wird, seltener wie bei unserer Bronzeunter dem Überfall sich verbirgt. Am stärksten weichen sieaber in den Köpfen voneinander ab, sowohl in der Haltungwie in der Gesichtsbildung wie in der Frisur; es scheint sichhier kein fester Typus ausgebildet zu haben, sondern der[36]


pklassizistische Geschmack der Römer wählte nach Beliebenaus alten Vorbildern aus. Im vorliegenden Falle ist der leisenach links gewendete Kopf im Stil des 5. Jahrhunderts gehalten.Die Haare, in denen eine schmale Binde mit drei[37]


^%Blumenrosetten liegt, gehen oben auf dem Kopf noch allevom Wirbel aus,sie sind auf der Stirn in ganz symmetrischenLocken angeordnet, wie wir es von polykletischen Köpfenkennen, und fallen, das Gesicht einrahmend, über die Ohren[38]


herab. Hinten wehen sie, wie das Gewand ron der Körperbewegungbeeinflußt, in einem aus einzelnen Locken gebildetendicken Schopf nach rückwärts. Die Behandlung des flatterndenGewandes mit den schematisch geführten, wie erstarrte[39]


Wellen wirkenden Faltenzügen ist so recht charakteristischfür die klassizistische griechisch-römische Kunst des erstenvor-und nachchristlichen Jahrhunderts, die Rückführung derLarendarstellung auf einen griechischen Dionysostypus sehrzweifelhaft^). Die Arbeit des Stückes ist von entzückenderFeinheit sowohl in den Schuhen als auch in den Gewandfalten,vor allem aber im Gesicht und in den Haaren, beidenen man sich an die besten originalgriechischen Bronzenerinnert fühlt.Nur der schöne Lar des Berliner Museums"),dem leider auch beide Arme fehlen, ist dem unsrigen wirklichebenbürtig, und dies hat seinen einfachen Grund darin,daß er, wie ich an der Hand des mir vorliegenden Gipsabgussesfeststellen konnte, einst sein Gegenstück bildete,also aus der Hand desselben, etwa der Zeit des Augustusangehörenden Meisters, hervorgegangen ist Diese Laren bildetenbekanntlich immer ein im Gegensinne gearbeitetes Paar,hier erhob das Berliner Exemplar den linken Arm, stelltdas linke Beta vor und wendet den Kopf zur Rechten. Lnübrigen gleichen sich die beiden Bronzen in jedem Detailaufs genaueste; auch die Art der Oxydierung ist dieselbe,nur etwas besser erhalten ist der Berliner Lar, vor allem inden Schuhen und den Haaren.1) Wissowa, Annali deli 'Inst. 1883. S. 156 ff. und Boschers Myth. Lex II Sp. 1893.') Hier im Texte witdergegeben nach Photographien, die der Freundlichkeit B. Zahnsverdankt werden.[40]


STATUETTE DES POSEIDONTafel 17—18Aus der Forman CoUection, Katalog Nr. 84, Taf. 6.Früherin der Sammlung Fejervary-Pulszky. Abgebildet: C. de laChausse, Mus. Romanum I, 2 Taf. 14. Montfaucon, Ant. expl. I,Taf. 29. 4. Mon. dell' Inst. 1854. Taf. 18. S. 89. Overbeck, Kunst-[41] 6


mythologie IE Taf. II, 2. Reinach, Repertoire IT 28. 6. Röscher,Mythol. Lexikon m S. 2892.Höhe von Kopf bis Fuß 0,295; bis zu den Fingern dererhobenen Linken 0,305.Es fehlen der Zeigefinger der linkenHand und einige Blätter des Haarkranzes. Ergänzt sind derrechte Fuß etwa von der Mitte des Schienbeines abwärts,derlinke vom Knöchel an. Der rechte Arm war oberhalb desBiceps abgebrochen und ist mittels zweier modemer Metenwieder angefügt, wobei ein ringsumlaufender schmaler Streifeneingelegt wurde. Die Bronze muß mit Säure gründlich vonOxydwucherungen gereinigt worden sein, das zeigt die tiefroteFärbung der Partien, an denen die Oberfläche zerstörtist, die, wo sie gut erhalten, eine schöne schwarzgrüne Patinaaufweist.Stärkere Beschädigungen hat die Rückseite erlitten,hier sind neben der rechten Hüfte und unter dem rechtenGlutäus zwei ziemlich umfangreiche Löcher modern ausgefüllt.Der nackte bärtige Gott ist der Beherrscher des MeeresPoseidon, so kennzeichnet ihn, wenn auch Attribute jetztfehlen, noch der Schilfkranz im Haar, von dem ein Bronzeblattüber dem linken Ohr sich erhalten hat, während dieübrigen Blätter, die besonders eingesetzt und nach älterenMitteilungen^) aus Silber waren, verloren gegangen sind. Danachist das Attribut in der Linken sicher ein Dreizackgewesen, den der Gott aufstützte^). Der rechte Arm ist leichtnach vorne erhoben mit einer leisen Seitwärtsbewegung, die1) E. Braun, Mon. delV Inst. 1854. S. 89. ^) In der Hand ist noch die Einbettungdes runden Schaftes sichtbar, an dem der jetzt fehlende Zeigefinger ausgestreckt anlag.[42]


nach unten geöffnete Hand ist leer^). Der Richtung diesesArmes folgt der Blick des nach rechts gewandten, ganz wenigzurückgelegten Kopfes. Der Körper ist in voller Vorderansichtgegeben, sein Gewicht ruht auf dem rechten Bein, währenddas linke zurück und etwas zur Seite gestellt ist, nur mitZehen und Ballen auftretend.Ein ungemein reizvoller Kontrast von Ruhe und Bewegunglebt in der Statuette, fest steht das rechte Bein und fest stütztsich der linke Arm auf, graziös tritt der linke Fuß zurückund voll verhaltener Bewegung ist der scheinbar untätigerechte Arm. Auch im Kopf glaubt man diesen Gegensatzsich fortsetzen zu sehen, dem unruhigen gelockerten Haupthaarsteht die festgefügte Masse des Bartes gegenüber, aberdie Kopfhaltung und das lebhafte Mienenspiel entscheidendoch für das Dominieren der Bewegung in dem ganzen Kunstwerk,die sich auch in der Ausbiegung der rechten Hüfteausdrückt.So gesellt sich in der "Wirkung der Figur zu der göttlichenMajestät, die in der imponierenden Haltung zur Schau tritt,und der Kraft, die der muskulöse Körperbau verrät, einenervöse Unruhe, die in dem Körper zu pulsieren scheint undderen Hauptträger Kopf und rechter Arm sind.Das Gesicht^hat trotz der es umrahmenden auf- und niederflutenden Haare,der reich gegliederten Stirn, der beschatteten Augen und desleicht aufgeworfenen Mundes keinen pathetisch erregten, sondernnur einen unsteten Ausdruck, der schnell wechselnde*) Das im Handinnem befindliche Loch ist eine zufällige Verletzung.[43]


Stimmungen widerspiegelt. Äußerst charakteristisch ist dieHaltung des rechten Armes.Mit Unrecht hat man rermutet,die Hand ruhe auf etwas auf, etwa auf dem Schwanz einesDelphines^), aber auch der schon geäußerte Gedanke, daß inder Handhaltung sich der Wunsch nach Ruhe ausdrücke*),scheint mir verfehlt. Im Gegenteil, wie im Gesicht ist auchhier nicht Ermüdung, sondern Unruhe verkörpert, die im ganzenArm und in der Hand bis in die Fingerspitzen hinein zuvibrieren scheint;meisterhaft geben dies Drehung des Unterarmesund Krümmung der Finger wieder.Was der Künstler hat ausdrücken wollen, ist klar; mitdem Beherrscher des Meeres, dem der Dreizack eigen ist,zugleichden Charakter des Elementes, und der konnte nicht einfacherund erschöpfender erfaßt werden, als in seiner Grimdeigenschaft—, der ewigen Unruhe, die in Meeresstille undMeerestoben sich nur verschieden potenziert äußert. Es isteine Charakterisierung, die hinausgeht über die rein äußerlichenur auf Attributen beruhende des älteren bis ins vierteJahrhundert herrschenden Poseidonideals, aber anderseitsnoch nicht mit den effektvollen Mitteln der hellenistischenZeit arbeitet, die den Meergott gerne in großartiger Pose undmit pathetischem Gesichtsausdruck darstellt.Es muß ein großer Meister des 4 Jahrhunderts gewesensein, dem wir die wundervolle Schöpfung, die unserer Bronzezugrunde liegt, verdanken, und sehr glücklich hat man sie1) Brunn, Ann. deW Inst. 1857 S. 189. Overbeck, Kunstmythologie II S. 286.') Braun a. a. O.[44]


mit L y 8 ip p in "Verbindung gebracht, allerdings mit der nachmeiner Ansicht verfehlten Einschränkung, daß in ihr einehellenistische Fortbildung seines Poseidons vorliege, in derdie lysippische Formensprache vergröbert sei^). Letztere Behauptung,die vielleicht der in falscher Ansicht und übertriebengreller Beleuchtung wiedergegebenen Abbildung desForman CoUection-Katalogs gegenüber verständlich ist, mußangesichts des Origüials ganz entschieden bestritten werden.Die Figur ist vielmehr vom Scheitel bis zur Sohle echt lysippisch,in Ponderation, in den Proportionen, in der Behandlungder EinaeKormen und in der Gesamtauffassung. Einschlanker Körper mit langen Armen und Beinen und kleinemKopf, die Muskulaturganz dem Apoxyomenos entsprechendund nirgends übertriebene Formen, wie sie der sog. Thermendiadoche,der wirklicheine Yergröberung lysippischer Kunstdarstellt, zeigt. Vor allem aber liegt eine durchaus lysippischeStimmung über dem Kunstwerk, diein der schon näher zergliedertenden Körper beherrschenden inneren Unruhe ihrenAusdruck findetund diese zum eigentlichen Träger des Meergottidealsmacht. Die Unruhe gipfelt in dem prachtvollenKopf, der trotz diskreter äußerlicher Charakterisierung — dasHaar hat nichts Theatralisches, wie man wohl gemeint hat —eine Ahnung gewährt von derpackenden Wirkung lysippischenTemperaments^). Alles in allem nach Form und Inhalt•) H. Bulle in seinem vortrefflichen Artikel Poseidon: Boscher, Myth. Lexikon III,S. 2893. ^) Bulle a. a. 0. S. 3892 führt einen Marmorkopf des Museo Chiaramonti (Amelung,Vatikan I, Nr. 607), der wie er richtig betont, in sehr engem Zusammenhang mitunserer Bronze steht, auf einen Poseidon des Lysipp zurück. Die lysippischen Elemente[45]


ein Poseidon des Lysipp ^),bei dem allerdings begreiflich ist,wenn er, wie überhaupt die Werke des Lysipp, einen gewaltigenEinfluß auf die hellenistische Kunst ausgeübt hat.Es ist nicht ohne Interesse, unsere Statuette mit der schönenPoseidonbronze von Dodona im Berliner Museum*) zu vergleichen,die ihr in den Maßen beinahe gleichkommt und vonden Herausgebern ebenfalls dem lysippischen Kunstkreis zugeteiltwird. Sehr wahrscheinlich hat Lysipp mehr als einenPoseidon geschaffen und verschiedene Auffassungen vomWesen dieses Gottes verkörpert, so daß an sich nichts imWege stände, auch das Original der Dodonabronze, das gewißin der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts entstanden ist,ihm zuzuschreiben. Für mein Empfinden liegt aber nicht nurin den Proportionen, die gedrungener sind als die unsererStatuette, sondern auch in der geringeren Elastizität des Körpers,in der mehr konventionellen Haltung der Arme, vorallem aber im Kopf etwas Unlysippisches.Ihm fehlt ganz dienervöse Unruhe, die für diesen Meister so charakteristisch ist,sind auch in dem vatikanischen Kopf ganz unverkennbar, nur glaube ich, daß sie indem Kopf unserer Bronze noch reiner vorhanden sind, und daß nicht dieser von jenemabhängig ist, wie Bulle meint, sondern umgekehrt. Der Marmorkopf drückt Abspannungund Mißmut aus, das welke Fleisch verrät einen alternden Mann. Ich glaube, daß wirnicht berechtigt sind, weder diese realistische Charakterisierung, die den Kopf porträtartigwirken läßt, noch jene allzu nüchterne Alltags-Stimmungsmalerei bei lyppischenOöttertypen vorauszusetzen. Der Kopf unserer Bronze scheint mir hier in einen hausbackenenStil übersetzt, das Niveau irdischer — Bulle spricht von einem verwittertenSeebären — geworden tu sein. Ich kann mir schwer einen lysippischen Poseidonkörper%u diesem zwar individuellen aber wenig schwunghaften Kopf vorstellen. *) Die Beziehungdes Poseidon mit dem aufgestützten Fuß im Lateran auf Lysipp, die KonradLange (Das Motiv des aufgestützten Fußes in der antiken Kunst S. 37 ff.) konstruierte,ist mit guten Gründen schon von Bulle (a. a. 0. S. 2891) und Six (Ärchäol. Jahrb. 1909S. 24) zurückgewiesen worden. ') Bronzen aus Dodona in den Kgl. Museen zu BerlinTaf. 4. 5, S. 24.[46]


er fußteher auf Werken wie dem Asklepios von Melos, demmit diesem zusammengestellten Bostoner Zeuskopf ^) und denvon Amelung'') auf Bryaxis bezogenen Werken. Daß lysippischeKunst auf Stellung und Muskulatur eingewirkt haben,will ich dabei nicht leugnen, aber sie ist ein äußerlicherFaktor, nicht wie bei unserer Bronze die Grundlage desKunstwerkes.V Brunn • Bruckmann, Denkmäler griech. u. röm. Skulptur Taf. 572. 573. *) RevuearcMol. 1903, II, 8. 177ff., Ausonia III, 8. 115 ff.[47]


KOPFFRAGMENTTafel 19Aus Rom. Höhe 0,17, Breite 0,225. Erhalten ist nur diehohlgegossene linke obere Gesichtspartie eines überlebensgroßenmännlichen Kopfes mit den Resten eines Helmes überdem in einzelnen kleinen Löckchen aufstrebenden Haar. DieForm des Helmes scheint eine ungewöhnliche gewesen zu sein.Der diademartige vordere Rand, von dem eine jetzt nur nochin Resten erhaltene aufrechtstehende Backenklappe ausgeht,ist durch eine Einkehlung mit der Kappe, die noch im Ansatzvorhanden ist, verbunden. Hinter dem Ohr wird ein Nackenschirmsichtbar.Aus diesem kleinen Rest eines wohl zwecks metallgierigerEinschmelzung gewaltsam zerschlagenen Bronzewerkes sprichtnoch eine große künstlerische Meisterschaft. Wundervoll istdie Modellierung von Stirn, Brauenbogen, Schläfe und Wangenrest,ihr ebenbürtig die Arbeit des Haares, bei dem die einzelnenLocken, wie vom Sturme gesträubt und ineinandergewühlt,in lebendigstem Spiel gebildet sind. Man ahnt dieLeidenschaft die diesen Krieger, den wir uns nach dem[48]


Nackenansatz mit Torgestrecktem Kopf im Kampf begriffendenken dürfen, durchtobte. Es ist schwer aus dem wenigenErhaltenen auf Stil und Zeit zu schließen,der hellenistischenEpoche möchte man am liebstenschöne Kentaurenkopf in Speier ^)das "Werk zuschreiben, derscheint mir in der Behandlungder Haare nächstverwandt zu sein.*) Furtwängler, Bonner Jahrbücher Heft 93 Taf. 6.[49]


ALEXANDERTafel 20Aus Sammlung Lipperheide. Helbings Auktionskatalog1910 Nr. 624. Höhe 0,174 Mit Säure gereinigt. Es fehlender linke Fuß ganz, das Vorderteil des rechten, der Zeigefingerund das Attributder rechten Hand.Ein nackter Krieger mit korinthischem Helm, im linkenArm das in der Scheide steckende Schwert haltend, mit derhoch erhobenen Rechten die jetzt fehlende Lanze aufstützend.Er setzt das linke Spielbein weit zurück und wendet denKopf zur linken Seite. Es ist eine römische Bronze Tonziemlich derber Ausführung, bei welcher der Hauptnachdruckauf der starken Betonung der Muskulatur liegt,aber das großartigeMotiv verrät eine ältere Quelle. Es muß ein hervorragendesWerk hellenistischer Kirnst als Yorbild benutztworden sein, wie ich vermute eine Statue Alexanders desGroßen, denn auf ihn scheinen mir die Gesichtszüge deutlichhinzuweisen.Auch die Form des Helmes, der in seiner unterenPartie mit den seitlichen Palten an die makedonische Kausea[50]


erinnert, würde hierfür sprechen. An einen römischen Marszu denken liegt kein Grund Tor, die geläufigen Typen desselbensind ganz anderer Art^). Die Art der Haarbehandlung,die korkzieherartig neben den Wangen und in denI^acken herabfallenden langen Locken haben ihre nächsteParallele an dem großartigen Alexanderkopf aus Kos inKonstantinopel "),dessen Helm am besten nach unserer Bronzeergänzt würde.*) tfber diese zuletzt Studniczka in den Rom. Mitt. 1910, S. 42ff. Die von Diltheyin den Bonner Jahrbüchern Bd. 53, 54, Taf. 1— 11, 8. 1 ff',auf Mars gedeuteten Bronzensind wohl eher Heroendarstellungen. ') Ärchäol. Anzeiger 1905, S. 10.[51]


RINGERGRUPPETafel 21Aus der Forman CoUection, Katalog I^'r. 95. Höhe 0,165 m.Zwei nackte Männer Ton athletischem Körperbau, der einebärtig, der andere unbärtig, sind im Eingkampf Terschlungen,der aber bereits entschieden scheint, da der jüngere vollständigin der Gewalt seines Gegners ist.Dieser steht aufrecht hinterihm und drückt ihn, nachdem er ihm seine beiden Arme nachrückwärts gebogen und auf diese Weise aktionsunfähig gemachthat, mit der linken Hand im Genick zu Boden. Außerdemhat er sein rechtes Bein vor das des Unterliegenden gestellt,der nur noch mit seinem linken Fuß einen wirklichen Haltam Boden findet.Mir sind nochfünf weitere Wiederholungen der Gruppebekannt, im British Museum^), im Bonner Kunstmuseum^),in der Sammlung de Clercq*), in der Sammlung Warrocquö*),endlich eine fünfte, die ich nur aus Photographien kenne,deren Aufenthaltsort ich aber nicht weiß. Es sind alles ebenfallsKleinbronzen, die aber sämtlich in einem Detail vonunserm Exemplar abweichen, nämlich darin,nicht nur mit einem sondern mit seinendaß der Siegerbeiden Beinen vor') Joum. of. hell. Stud. 1905, Taf. XI, b. S. 288. ») Aus Vienne stammend. Höhe19^1^ cm. ») CoUection de Clercq III, Nr. 353, Taf. 41. Höhe 14 cm. *) CoUection RaotdWarrocque 1909, Nr. 270.[52]


dem rechten Bein des Unterliegenden steht und dieses mitder linken Ferse nach hinten hinausdrtickt, eine Stellung,durch welche die Gesamtkomposition sehr an Lebendigkeitgewinnt, und die sieher die ursprüngliche war.Außer dieser direkten Wiederholungen muß hier nocheiner nahe yerwandten Schöpfung gedacht werden, gleichfallseiner Ringergruppe, die in fünf antiken Bronzekopienerhalten ist^). Der Sieger steht auch hier aufrecht im Rückenseines Gegners, biegt dessen rechten Arm zurück und drücktseinen Kopf herunter. Ein wesentlicher Unterschied bestehtnur darin, daß der Unterliegende seinen linken Arm nochfrei hat und ihn sowie das rechte Knie am Boden aufstützt.Ebenso wie diese Gruppe, wenn auch in einem Exemplarder Sieger als Hermes, in einem andern als Herakles charakterisiertist, nur als allgemeine Verherrlichung des Ringkampfesaufgefaßt werden darf, so auch die unsrige, die sehrmit Unrecht, wohl weil der bärtige Kopf einem geläufigenHeraklestypus nahesteht, vielfach als Herakles und Antaiosgedeutet wird. Hiergegen spricht vor allem, daß währendder Sage nach Herakles bestrebt sein muß, den Antaios vonder Erde fernzuhalten, hier umgekehrt der Unterliegende zuBoden gedrücktwird.1) a. Florenz. Gall. di Firenze III, Taf. 123,2. Reinach, Rep.II, S.Ö38,5. h. Petersburg.Compte rendu 1867, Taf. 1, S. 5. Reinach, Bep. II, S. 538, 1 u. 3. Journ. o/hell.Stud. 1905, S. 290, Fig. So. Bei diesem Exemplar sind die Arme des Siegers in der Handlungvertauscht, c. Konstantinopel. Archäol. Jahrb. 1898, Taf. 11, S. ITT. Revuearcheol.l899,II,Taf.l8. d. Louvre. Reinach, Rep.II, S. 234, 2. e. British Musetim.Cot. of Bronzes 853, Taf. 27. Vgl. zu dieser Gruppe außerdem Petersen, Rom. Mitt.1900, S. 158 u. Klein, Kunstgeschichte III, S. 309, der unbegreiflicherweise das LondonerExemplar für archaisch erklärt, während es provinzial-römisch wie die übrigen ist.[53]


Die Frage nach der kunstgeschichtlichen Stellung beiderauch stilistisch nahe zusammengehöriger Gruppen ist nichtleicht zu beantworten. Daß sie in so vielen Wiederholungenerhalten sind, spricht für ihre Beliebtheit, daß durchweg alleExemplare eine sehr derbe, vielfach sogar rohe Ausführungzeigen, dafür, daß sie als Dutzendware weit verbreitet waren,wozu auch stimmt,daß die Fundorte, soweit sie bekannt sind,an den „Rändern des römischen Reiches" liegen.Anderseitskönnen nicht beide Schöpfungen als selbständige künstlerischeLeistungen gelten, dafür sind sie im Motiv zu sehr voneinanderabhängig. Auch ist, strenge beurteilt, die Komposition eigentlichkein Meisterwerk, die Gruppe fällt entsprechend demschon entschiedenen Kampfe auch formell auseinander undwirkt trotz starker Betonung aller Kräfteanspannung nichtentfernt so packend wie das berühmte Florentiner Ringerpaar.^)Man kann vielleicht vermuten, daß ein Künstler römischerZeitin Anlehnung an jenes herrliche Werk hellenistischerKunst*) eine Gruppe geschaffen hat, die einen Ringersiegdarstellen sollte, und daß diese uns in zwei Fassungen vorliegt,von denen jede wieder variiert worden ist. Die relativglücklichste Lösung scheint mir jene in fünf Exemplarenerhaltene Komposition zu sein,von der unsere Bronze in derBeinstellung des Siegers abweicht, die Beliebtheit der Gruppenist aber wohl eher auf Rechnung des Sujets als auf die derkünstlerischen Leistung zu setzen.V Brunn-Bruckmann, Denkmäler Taf. 431. Amelung, Führer durch Florenz, S. 4S.*) Löwy, Rom. Mut. 1900, S. 159 Anm. 1, u. Die griech. Plastik, 8. 119.[54]


DIONYSOS UND SATYRTafel 22Aus der Forman CoUection. Katalog Nr. 107, Taf. 7.Reinach, Repertoire m, 35. 7. Höhe 0,18.Der ruhig stehende Dionysos ist zu einer Gruppe yerbundenmit einem kleinen weitausschreitenden Satyr, aufdessen rechte Schulter er seinen linken Unterarm stützt. DerGott trägt Stiefelan den Füßen, die Nebris über dem linkenArm, neben ihm steht eine Amphora. Er hebt seinen rechtenArm und legt die Hand auf seinen efeubekränzten Kopf, andem auf der Stirn zwei kurze Stierhörner herrorsprießen.Seine linke Hand hält ein Trinkhorn. Der Satyr, ebenfallsmit kurzen Stierhörnern und Zotteln am Hals, stützt mit derLinken einen Knotenstock auf und legt die Rechte hinten aufden Oberschenkel des Dionysos, den er zum Weitergehenveranlassen zu wollen scheint.Die Yereinigung des Dionysos mit dem Satyr in einerrundplastischen Gruppe scheintder frühhellenistischen Kunstzu entstammen, in der überhaupt zum erstenmal enger geschlosseneFigurenverbindungen auftreten. Ein schönes Marmor-[55]


werk in Florenz ^) zeigt uns den Weingott auf seinen Dienergestützt, eine wunderyolle Komposition, der gegenüber unsereGruppe, die das gleiche Thema behandelt, unleugbar einenRückschritt bedeutet. Sie ist eine echt römische Lösung,zwei Figuren sind ganz äußerlich miteinander rerbunden, undzwar ist für den Dionysos der bekannte Typus des ApoUonLykeios gewählt. Auch diese römische Gruppe muß übrigenssich großer Beliebtheit erfreut haben, sie ist noch in vielenMarmorwiederholungon erhalten*), in denen der Dionysosziemlich unverändert erscheint, der Satyr dagegen variiertwird. Bemerkenswert ist, daß auch unsere Bronze nach einemMarmorvorbild kopiert zu sein scheint, da bei diesem sowohldie Stütze zwischen dem linken Bein des Satyrs und seinemStock wie auch die Amphora neben dem Dionysos sich austechnischen Gründen erklären, die für den Bronzeguß wegfallen.Das "Werk etwa nicht für antik zu halten, scheintmir nach dem äußeren Zustand keine Berechtigung vorzuliegen.*) Brunn-Brucktnann, Taf. 620.*) Aufgeführt von P. Arndt, ebenda. Es fehlt in der Liste die ahozzierte Gruppedes Athener Museums (Ephemeris 1888, Taf. 1) deren Motiv, das mit dem des venetianitchenStückes (Arndt, Fig. 4) nahe zusammengeht, mir das verhältnismäßig geschlossensteund wirkungsvollste zu sein scheint. Benutzt ist die gleiche Komposition auch in einerMarmorgruppe aus Pavlikeni in Bulgarien, die noch teeitere Figuren des bacchischenThiasos hinzufügt (Filow, Mitteil. d. bulgar. archäol. Oes. III 1912, S. 28, Fig. 23).[56]


PARISBÜSTETafel 23Angeblich aus Kleinasien. Höhe 0,125 m.Vor einer kreisrunden, hinten ausgehöhlten Scheibe alsHintergrund springen Brust, Schulter und Hals eines Jünglingsin Relief,sein Kopf und rechter Arm in voller Rundungvor. Er trägt asiatische Kleidung, den langärmeligen, am Handgelenkeinen "Wulst bildenden Chiton, eine auf der rechtenSchulter geknüpfte Chlamys und die sog. phrygische Mützemit lose herabhängenden Seitenlaschen. Diese Kopfbedeckungist, nach den besonders eingesetzten KJiöpfen zu schließen,aus Leder zu denken und wird durch eine über die Stirnelaufende, in der Mitte mit einem Kupferstreifen eingelegteBinde auf dem lang herabfallenden lockigen Haupthaar zusammengehalten.Der Kopf ist stark zur linken Seite gedrehtund leicht aufwärts gerichtet, der rechte Unterarm greift, dieBrust überschneidend, zur linken Halsseite empor, wo dieHand in eigenartiger Fingerhaltung mit der Chlamys verbundenist. Daumen und Zeigefinger sind ausgestreckt, undletzterer ist durch eine vom Gewand ausgehende schmale[67] 8


Bandschlinge gesteckt, wohl nur um der Hand einen Haltzu geben.Die Bronze istder dekorative Schmuckteil eines größerenMöbels, vielleicht eines Ruhelagers, an denen derartige rundeScheiben mit vorspringenden Köpfen mehrfach erhalten sind.Bewundernswert ist es, mit welchem Geschick die Büste indas Rund hineinkomponiert ist, so daß einerseits der Zusammenhangmit dem Hintergrund und damit der dekorativeund tektonische Charakter vollkommen deutlich ist, anderseitsdas Motiv der Figur, obwohl diese nur im Ausschnittgegeben ist, ganz geschlossen und äußerst lebendig wirkt,wozu in erster Linie der völlig in Rundplastik gebildete eineArm unter Weglassung des andern beiträgt.Für die Benennung der Bronze kommen Paris und Attisin Betracht, doch scheint mir die Deutung auf ersteren vorzuziehenschon des leidenschaftlichen Gesichtsausdrucks wegen,an dessen Stelle bei Attis meist resignierte Traurigkeit zufinden ist. Auch eignet sich das Bild des feurigen Liebhabersder Helena trefflichzum Schmuck einer Kline.Die Bronze ist eine römische Arbeit, man möchte sie nachihrer fürein dekoratives Glied wirklich vortrefflichen Arbeit,die dem schönen Thema in jeder Weise gerecht wird, gernein die frühe Kaiserzeit setzen, der dem Kopf zugrunde liegendeTypus istaber der griechischen Kunst vom Ende des 4. Jahrhundertsentlehnt,und zwar scheinen mir die Köpfe auf demAlexandersarkophag inKonstantinopel die nächste stilistischeParalleledarzubieten.[58]


FLIEGENDER EROSTafel 24Aus der Forman CoUection. Katalog Nr. 116, Taf. 8.Höhe 0,413.Der hohlgegossenen Bronze fehlen der linfee Fuß, derrechte Arm und Fingerteile der linken Hand. Auf demWirbel finden sieh Reste eines starken Eisenstiftes, an beidenSchulterblättern erkennt man in schwachen, vertieften Umrissendie Ansatzspuren von Flügela, die auf der glattenFläche angelötet gewesen sein müssen und abgefallen sind.[59]


;^08 ist in Flugbewegung dargestellt, nur mit den Zehenspitzendes rechten Fußes den Boden berührend, das linkeBein nach hinten hinausstreckend. Der Körper ist ein wenigvornüber geneigt, der linke Arm gehoben vorwärtsgestreckt,der rechte ging zurück und war vermutlich gesenkt. DieHaare stud hinten lang gelockt, über der Stirmnitte ist miteiner Binde ein kleiner Schopf hochgebunden, Einzellöckchenfallen in die Stirn und vor den Ohren herab. Die Augäpfelsittd in Silber eingelegt.Die hellenistische Zeithat den Jüngling Eros zum Knabenumgewandelt, ihre Poesie und Kunst aus dem die Liebessehnsuchtverkörpernden Gott den schalkhaften übermütigenGesellen gemacht, der loser Streiche und Schelmereien vollist. Unsere Bronze ist ein vortrefflicher Vertreter dieserRichtung. Die runden, fettgepolsterten Kinderformen sindder Wirklichkeit entsprechend wiedergegeben, das Gesichtmit dem geöffneten Munde hat einen lachenden Ausdruck,die Haare sind nach Knabenart frisiert. Fackel und Bogenwerden in dieser Zeit zu den geläufigsten Attributen desKleinen, und erstere werden wir wohl auch hier in der linkenvorgestreckten Hand annehmen dürfen.Die Ausführung der Bronze ist nicht besonders fein, vorallem in der Körperdurchbildung, es ist eine dekorative römischeArbeit, der es vor allem auf das reizvolle Motiv ankamund die vielleicht als wirklicher Fackelträger praktischenZwecken diente.^)1) Vgl. Burlington Cluh. Exhibition 1904. Taf. 29.[60]


EROT MIT WEINTRAUBENAus Sammlung Sarti. Auktionskatalog Rom 1906, Nr. 47,Taf. 7. Höhe 0,07.Der linke Arm, der rechte Flügel und die Spitze deslinken fehlen. Auf der Rückseite ist die Bronze durch Oxydierungstark mitgenommen. Ein kleiner vorwärtsschreitenderEros mit ausgebreiteten Flügeln trägt in beiden Händen yorsichher einen Korb, aus dessen Innern über den Rand eineFülle von Weintrauben quillt.Spuren der fehlenden linkenHand sind am Korbe sichtbar.Es ist ein entzückendes Figürchen,das, auf die verschiedensten Ansichten berechnet, vonallen Seiten außerordentlich lebendig und anmutig wirkt.Die rundlichen Formen des Kinderkörpers sind diskret an-[61]


gedeutet, am feinsten ist das pausbackige Gesicht mit demschalkhaften Ausdruck geraten. Yortrefflich ist auch dieArbeit der Haare. Der Typus ist eine der vielen liebenswürdigenSchöpfungen hellenistischer Kunst auf dem Gebietedes Genres, die im kaiserlichen Bom befruchtend weiterwirkten.[62]


APHRODITE MIT ZWEI EROTENTafel 25Aus der Forman CoUection. Katalog ISTr. 103. Höhe 0,24.Ergänzt sind der rechte Yordere Fuß des Untersatzessowie Füße und Basis des linken Eroten, die rechte Handdes rechten Eroten fehlt, der Bogen in der Hand des andernist unYoUständig. Ob das Oanze ursprünglich zusammengehörte,ist zweifelhaft, da jetzt alle drei Figuren modernauf dem Untersatz befestigt sind. Beim rechten Eroten zeigtdie Oberfläche der Bronze einen andern Charakter als anden übrigen Teilen.Auf einem dreifüßigen, halbrunden Untersatz mit einemhalbkreisförmigen Ausschnitt auf der Vorderseite, zu demvier niedrige Stufen hinaufführen, und zwar die beidenunteren vor dem Sockel vorspringend, steht im Hintergrundeine nackte Aphrodite, vorne beiderseits ein kleiner Erot.Die Göttin trägt ein hohes, blätterförmig gezacktes Diadem,einen Kranz in der Rechten und einen Apfel in der erhobenenLinken.Der rechte Erot hält ihr einen aufgeklappten Spiegelentgegen, auf den aber ihr seitwärts in die Ferne gerichteterBlick nicht fällt, der linke Erot mit dem Köcher auf dem[63]


Rücken schießt einen Pfeil ab, auch er im Dienste derAphrodite.Ein äußeres Indizium, die Form des Nackenschopfes derGöttin, weist die Bronze in das erste nachchristliche Jahrhundert,in claudische Zeit,der Typus der Aphrodite ist älter,er geht auf eineder zahlreichen Schöpfungen des hellenistischenOstens zurück, bei denen der Nachdruck auf starkerweiblicher Körperfülle lag und die in römischer Zeit durchAttribute unendlich variiert wurden^). Die Ausführung derhohl gegossenen Bronze ist wenn auch nicht fein so dochsorgfältig, die Modellierung des weiblichen Körpers verräteine geschulte Hand.Die eigenartige Form des Untersatzes ist römisch undgerade für Aphroditebronzen in Verbindung mit Eroten geläufig*).Man hat mit Unrecht dabei an den Rand einesBadebassins gedacht'), aber ebenso unzutreffend ist die BezeichnungLararium oder Teil eines Larariums*), es ist nichtsweiter als eine besonders gestaltete Basis, von der allerleikleine Varianten vorkommen'').*) Vgl. vor alletn die Bronzen der Sammlung de Clercq ttnd der Bihliothique nationale.*) Babelon et Blanchet, Bronzes de la Bibliotheque nationale Nr. 249 u. 250. ') ebenda.*) Collection de Clercq III (Bronzes) No. 328. The Forman Collection, Catalogue Nr. 103.») Collection de Clercq Nr. 43, Taf. 8; Nr. 113, Taf. 24; Nr. 133, Taf. 29.[64]


APHRODITETafel 26Aus der Forman Collection. Katalog Nr. 90. Höhe 0,28mit Basis 0,335.Die Befestigung der Figur auf der sechseckigen Basisistmodern, nach dem Aussehn der Oberfläche gehörten beideaber ursprünglich zusammen, Neu sind auch die beiden Löcherin der rechten Hand.Die nackte Göttin mit großem, oben in fünf gezackteBlätter auslaufenden Diadem auf dem wohlfrisierten Haarist mit ihrer Körperpflege beschäftigt, das beweist der aufder vorgestreckten linken Hand liegende runde flache Gegenstand,der nichts anderes als ein Stück Schminke sein kann.Von dem Attribut der erhobenen rechten Hand, wohl irgendeinemandern Toilettengegenstand, sind nur geringe Spurenan Daumen, Zeigefinger und Mittelfingererhalten.Die Bronze gehört ihrer Ausführung nach, die ziemlichderb ist und in der Behandlung der Formen sich wenig aufDetails einläßt, in die frühe römische Kaiserzeit, zugrundeliegt ihr der Typus des fetten weiblichen Körpers, den diehellenistische Kunst aus Werken des 4. Jahrhunderts entwickelte.Er war besonders tu Syrien und Ägypten beliebtund hat später die Provinzialkunst des römischen Reichesstarkbeschäftigt.165]


NACKTER MANN MIT KREISELTafel 27Aus der Forman CoUection, Katalog Nr. 99. Höhe 0,335.Der linke Arm war abgebrochen und ist wieder angesetzt,die jetzt leere linke Hand wird nach der Fingerhaltung zuschließen ein stabartiges Attribut gehalten haben.Die Figur steht breitbeinig, mit rechtem Spielbein, aufbeiden Sohlen auf. Die linke Hüfte ist stark nach auswärtsgebogen, der linke Unterarm leicht vorgestreckt, der rechteUnterarm erhoben.Die rechte Hand hält einen kegelförmigenGegenstand mit der Spitze nach unten, der kaum etwas anderssein kann als ein Kreisel, den die drei Finger fassen,um ihnin rotierender Bewegung auf den Boden zu schnellen,wo ihn dann die in der Linken vorauszusetzende Peitscheweiter antreiben wird. Daß in der antiken Welt auch Erwachsenesich mit dem Kreiselspiel abgaben, ist uns schonaus Vasenbildem bekannt.^)Dem reizvollen und in seiner Art einzig dastehendenMotiv entspricht leider die Gilte der Ausführung nicht. Die*) Vgl. Hartwig, Meisterschalen 8. 658.(66]


Bronze hat in der Linienführung etwas Eckiges und Unausgeglichenes,Ober- und Unterkörper scheinen im Aufbau nichtgut zueinander zu stimmen. Die Füße, die Hände und dieBrust sind übermäßig plump geraten, der Kopf sollte wohlindividuell erscheinen, wirkt aber nur ungeschickt angelegt.Alles in allem läßt die Statuette eine richtige künstlerischeSchulung vermissen. Man spürt gewisse Anlehnungen angute Yorbilder, ohne diese näher bestimmen zu können, dasie durcheinandergeworfen und verzerrt worden sind. Ichglaube, wir dürfen in diesen Schwächen ein Kriterium etruskischerKunstart erkennen, die griechische Werke nacheigenem Geschmack umstilisierte. Am Ende des 4. JahrhundertsV. Chr. dürfte die Bronze etwa entstanden sein.[67]


WEIBLICHE GEWANDFIGURTafel 28Aus der Fonnan Collection, Katalog Nr. 72. Höhe 0,105.Stehende Frau in enganschließendem, bis fast zu denFtlßen herabreichendem, hemdartigem Gewand mit kurzenÄrmeln. Sie streckt beide Arme seitwärts rom Körper ab,die linke Hand ist leer, die rechte hielt wie zum Wurf ausholendeinen Ball oder eine Frucht. Das Gesicht ist rechtroh ausgeführt, die Haare sind in gestanzten Spiralen angegeben,die gedrehte Löckchen darstellen sollen. Es ist eineetruskische Arbeit, bei deren Stillosigkeit sich schwer überdie Entstehungszeit urteilen läßt Wahrscheinlich bildete dieFigur den Teil eines Gerätes.[68 1


HERAEliESTafel 28Aus der Forman Collection, Katalog Nr. 75. Höhe 0,11.Die Attribute beider Hände fehlen jetzt. Ein sehr gewöhnlicherspätetruskischer Typus des unbärtigen Heraklesin Angriffstellung. Er trägt das Löwenfell auf dem Kopfund über dem linken Arm, dieerhobene Rechte schwang dieKeule, die vorgestreckte Linke hielt den Bogen. Verhältnismäßiggutes Exemplar.[69 1


REITERTafel 29Aus der Forman Collection, Katalog Nr. 122. Höhe 0,12.Der Reiter, früher wohl durch Lotung mit dem Pferd verbunden,ist jetzt abnehmbar.Auf einem sich bäumenden, mit den Hinterbeinen aufeiner profilierten runden Basis befestigten Hengst reitet einnackter Jüngling. Er streckt beide Unterarme zur Zügelhaltungwagrecht vor, sein Haar ist wulstartig aufgebunden.Die frisch empfundene Komposition ist in der Ausführungziemlich nachlässig, wohl entsprechend dem rein dekorativenZweck der Bronze, die vermutlich die Krönung eines Kandelabersbildete. Der Stil ist entwickelt etruskisch oder frührömisch,auf hellenistischer Grundlage fußend. Ein genauübereinstimmendes Stück befindet sich in Paris im Cabinetdes Mödailles.^)) Brontes de la bibliothiqne nationale Nr. 893.[70]


BÜSTE DBS DOMITIANTafel 30Aus Lyon. Höhe 0,16 m. Die linke Schulter und derlinke Annansatz sind weggebrochen, ein großes Loch in derlinken Backe ist mit Gips ausgefüllt. Die Bronze ist hohlgegossen, die Büste war, wie vorhandene Reste zeigen, mitBlei gefüllt, hinten ist in ihren sich an dieser Stelle verbreiterndenRand ein jetzt nur noch im Ansatz erhaltener,im Querschnitt quadratischer (iVa IV2 cm) Eisendübel eingelassen,der zur Befestigung des Stückes an eine Rückwand'diente. Dieser Verwendung entsprechend ist das Haar amHinterkopf nur flüchtigangelegt.Es istein sicheres Porträt des römischen Kaisers Domitian,das, weil nur eine zu einem Gerät gehörige kunsthandwerklicheArbeit, nicht mit besonderer Feinheit durchgebildet ist,aber doch in charakteristischer Weise das unsympathischeÄußere dieses Flaviers wiedergibt, sein dickes Gesieht mitder gebogenen Nase, die durch eine Verletzung der Bronzean der Spitze etwas abgeplattet ist, dem runden Kinn unddem falschen Ausdruck der leicht schielenden Augen. Das[71 1


Haar ist, wie vielfach bei den flavischen Porträts, in einzelnengebogenen Löckchen gearbeitet, die Augensterne sind durchganz kleine runde Löcher wiedergegeben. Die Büste trl^den Panzer mit dem vor der rechten Schulter geknüpftenPaludamentum , eine sehr günstige Tracht für dekorativeWirkung.Wie die Bronze verwendet war, d. h. an welch einemHintergrund sie angebracht zu denken ist, läßt sich nichtmehr mit Gewißheit ausmachen, nur macht die Befestigungsartmittels eines Eisendübels wahrscheinlich, daß das betreffendeGerät, dem die Büste als Verzierung diente, ebenfallsaus Eisen oder wenigstens aus eisenbeschlagenem Holzwar, wie z. B. die in Pompeji gefundenen Geldtruhen, andenen sich solche bronzene Emblemata in Büstenform finden.^)Unsere Bronze zeigt übrigens, daß die für römische Porträtsangenommene Entwicklung der Büstenform, nach der die Armansätzeerst in antoninischer Zeit ausgebildet werden, solchedekorativen Appliken nicht in sich begreift.1) Mau, Pomp


KOPFGBFASSTafel 31Aus der Forman Collect!on. Katalog Nr. 156, Taf. 9.Höhe 0,155, mit Henkel 0,26. Die Pupillen, die besonderseingesetzt waren, fehlen jetzt.Eine Jünglingsbüste, unten grade abgeschnitten, so daßein Fuß überflüssig wurde, ist als Grefäßform benutzt. Ausdem Haar steigt in Gestalt einer aufstrebenden Locke beiderseitseine runde Öse auf, an welcher der bogenförmigeHenkel mit den fein profilierten aufgebogenen Enden vermittelsteines verbindenden Ringes befestigt ist; die Endendieser Ringe schlingen sich in Spiralwindungen ineinander.Den Deckel bildet ein runder Haarausschnitt oben auf demKopf, der an einem im Scheitelpunkt befindlichen Scharnieraufklappbar ist und eine Öffnung von 4 cm Durchmesserverschließt.Die Brust, über die schräg eine auf der linken Schulterdurch einen Knopf zusammengehaltene Chlamys läuft,sowiedas Gesicht zeigen volle weichliche Formen und erinnernzusammen mit dem lockigen tief in die Stirn fallenden Haaran den Antinous-Typus, ohne daß es mir gerechtfertigt erl73 ] ,0


scheint, unserer Bronze geradezu diesen Namen zu geben.^)Dazu gleichen die sehr allgemein ideal gehaltenen Zügedoch zu wenig dem charakteristischen Porträt des schönenBithyniers ; die der Büstenform und der Ausführung nach inhadrianische Zeit gehörige Arbeit mag allerdings durchdieses beeinflußt worden sein. Es wird irgendeine Gottheitdargestellt sein, wie öfters in derartigen Kopfgefäßen.Gefäße in Form menschlicher Köpfe zu gestalten, ist derantiken Toreutik und Keramik von früh an geläufig, dochscheint die hier angewandte Art, wo ein Teil der Schädeldeckeselbst als Deckel dient, erst in der römischen Kaiseraeitaufgekommen zu sein. Wenn hier auch ein eigentlicherAusguß im Gegensatz zu den älteren Kopfgefäßen fehlt, sodeutet doch die ganze Form auf eine Verwendung als Behältervon Flüssigkeiten, etwa wohlriechenden Essenzen hin.Die Arbeit des vorliegenden Exemplares hebt sich aus derReihe der übrigen gleichartigen Stücke durch ihre ungewöhnlichgute und sorgfältige Ausführung heraus, die fürhadrianische Plastik charakteristische etwas leblose Glättekommt auch in diesem rein dekorativen Werk recht prägnantzum Ausdruck.*) Wie es der Katalog der Forman Colkction tut.[74]


ARMFRAGMENTTafel 32Länge 0,165, Höhe der kleinen Hand 0,04.Das Fragment, ein rechter Unterarm, der mit den Fingerneinen kleineren linken Unterarm, an dessen Hand die Fingergestreckt sind, umspannt, ist in seinem jetzigen Zustand einRätsel. Die Spuren im Innern der großen Hand verraten,daß der kleinere Arm sich hier noch weiter fortgesetzt hat.Auffallend ist die mangelhafte Ausarbeitung der kleinenHand, die sehr steif und leblos wirkt und es daher nicht sehrwahrscheinlich macht, daß wir hier den Rest einer Gruppe,etwa des Polyphem, der einen Gefährten des Odysseus packt,vor uns haben. Eher wird man vielleicht an eine zur Schaugetragene Yotivhand denken dürfen.[ 75]


TIGERKOPF ALS WASSERSPEIERTafel 33—34Aus Sammlung Lipperheide. Helbings Auktionskatalog,München 1910, Nr. 654, Taf. 14. Aus Italien. Ehemals SammlungMilani. Länge 0,245.Die Schnauze ist etwas platt gedrückt. Der Kopf dientewie die runde Öffnung im weitaufgerissenen Maul, aus demdie Zunge heraushängt, sowie das im Kopfinnern befestigte,hinten noch in beträchtlicher Länge (lOVt cm) herausragendeBronzerohr zeigen, als Brunnenmündung, vermutlieh in einemTomehmen römischen Hause, denn die Bronze ist in Anlagewie Ausführung eine dekorative Arbeit ersten Ranges, die allesonst erhaltenen ähnlichen Stücke weit überragt.^)Der Meistermuß ein ausgezeichnetes griechisches Vorbild benutzt haben,das in wunderbar einfacher Stilisierung die unbändige Wildheitdes Raubtieres im Gesichtsausdruck festzuhalten verstandenhat. Nach der Bildung der Augen möchte man alsEntstehungszeit für den Typus das vierte Jahrhundert oderden Anfang der hellenistischenEpoche annehmen.1) Zvi vergleichen sind die beiden Tigerköpfe in Berlin, Österr. Jahreshefte 19048. 154, und in Neapel, Museo Borbonico I Taf. 51. Femer Cook Collection Taf. 34.[76]


GROSSER DEINOSTafel 35Aus Unteritalien. Höhe 0,39, Umfang 1,29. Untersatz undDeckelgriff fehlen, die Zugehörigkeit des Deckels ist nichtabsolutsicher.Der Gefäßkörper ist getrieben, dagegen der angenieteteMündungsrand gegossen. Um den Bauch läuft, sehr fein ausgeführt,ein graviertes Band von abwechselnd Lotosknospenund Lotosblüten um, die Schulter schmückt ein Blattstab Ornament.Der Deines diente wohl als Aschenbehälter, er gehörtdem Anfang des fünften Jahrhunderts v. Chr.an.( 77


HYDRIATafel 36—37.Angeblich aus Kyzikos. Höhe 0,462. Das Gefäß ist etwain der Höhe der Seitenhenkel aus einer oberen und einerunteren Hälfte zusammengesetzt Der Yertikalhenkel fehltjetzt, an der Reliefapplike sind die Gesichter der beidenFiguren ergänzt Der Fuß und die Henkel sind gegossen,der Körper istgetrieben.Aus dem vierten Jahrhundert hat sich eine Gruppe alsAschenbehälter verwendeter griechischer Hydrien erhalten,an deren Körper unterhalb des Vertikalhenkels eine getriebeneReliefapplike mit figürlicher Darstellung angebrachtzu sein pflegt. Unter diesen Reliefs tiberwiegen Szenenaus dem Kreise des Dionysos und der Aphrodite, sehr beliebtscheint aber auch das ftlr unser Gefäß gewählte Themagewesen zu sein, die Entfülirung der Oreithyia durch Boreas.Diese findet sich außerdem noch auf einer Hydria-Applikeim British Museum^) und auf einer kürzlich bei Mesembriain Bulgarien gefiindenen Hydria.*) Endlich wird noch eine') Catalogue uf the bronzes Nr. 310. Abgeb. Wiener Vorlegeblätter II, Taf. 9, 3.») Athen. Mut. 1911, 8. 311 ff.[78]


weitere Hydria mit demselben Relief beiläufig erwähnt^),wemi diese nicht etwa mit der unsrigen identisch ist.Der bärtige Boreas mit mächtigen ausgebreiteten Flügeln,die einen wirksamen Hintergrund für die Figuren bilden,hat die sich sträubende Oreithyia emporgehoben und eilt mitseiner Beute fort. Im einzelnen stimmt unser Relief sehrgenau mit dem von Mesembria überein. Boreas hat denrechten Arm von vorne um die Oreithyia gelegt, ihr linkerArm und ihr Kopf, an den die erhobene Rechte greift, hängenseitwärts herab, der Kopf in dem Exemplar von Mesembriatiefer als in dem Münchner. Der linke Arm des Boreasist nicht sichtbar. Die Komposition der Applike im BritishMuseum ist eine andere, hier legt Boreas die Linke vonhinten um die Oreithyia, während er mit der Rechten denhinter seinem Kopf vorbeigeführten Arm des Mädchens amHandgelenk gepackt hält. Ihr Kopf, an den die Linke greift,befindet sich in gleicher Höhe mit dem des Boreas. Unleugbarwirkt die Gruppe so lebendiger und geschlossenerals im andern Fall, sie schließt sich enger an die delischeAkroteriengruppe an, die im fünften Jahrhundert den gleichenStoffbehandelte.")>) Catalogue 0/ the hronzes in the British Museum. S. XLIV Anm. ») Bull. corr.hell. III Taf. 11. Archäol. Zeitung 1882 S. 339.[19]


GRIECfflSCHER KLAPPSPIEGEL MITATHENAKOPFTafel 38Aus Griechenland. Durchmesser 0,165. An dem Reliefkopffehlen dieEnden der Helmbüsche.Das Gerät besteht aus zwei Teilen, der blankpolierten Spiegelplatteund dem sie schützenden Deckel, dessen Außenseiteein aufgelöteter Athenakopf in getriebenem Relief schmückt.Die beiden Scheiben, die auf der Innenseite mit konzentrischenRingen verziert sind, und zwar die Spiegelplatte erhaben,der Deckel vertieft, waren durch ein Scharnier verbunden,von dem der an der Deckelplatte mitzwei Nieten befestigteTeil noch vorhanden ist. Der lose mitgefundene Bügelgriffist der zum Aufhängen des Gerätes dienende Träger.Ein einzelner Kopf wii*d häufig in dieser Gruppe griechischerKlappspiegel, dieam Ende des fünften Jahrhundertsund vor allem im vierten in Mode war, als Deckelemblemverwendet. Hier ist es Athena, ganz von vorne gesehen, inattischem Helm mit drei großen Büschen, von denen dermittlere quer über der mit Schuppenmuster verzierten Helmkappesteht. Lange Locken rahmen das Gesicht ein, derBrustabschnitt ist vom Gewand bedeckt. Der Kopf ist einegute dekorative Leistung, die augenscheinlich stark unterdem Einfluß der phidiasischen Parthenos steht, wenn auchin den Einzelheiten versucht wurde. Eigenes zu geben.[80]


GRIECHISCHER KLAPPSPIEGEL MIT GREIFTafel 39Aus Griechenland. Durchmesser 0,205. Die Deckelplatteist stark beschädigt, an dem mit Nieten auf ihr befestigten,getriebenen Greifen fehlen die Vorderbeine, der Schwanzund ein Stück des linken Flügels.Spiegel- und Deckelplatte sind jetzt getrennt, doch ist anletzterer noch das sie einst verbindende Scharnier erhalten.Als Reliefschmuck für die Außenseite des Deckels wählteder Künstler einen geflügelten laufenden Greifen, dessenlang gestreckter Körper mit den erhobenen Flügeln dasRund ganz vortrefflich ausfüllt. Das Tier ist im einzelnenaußerordentlich lebendig durchmodelliert, der magere sehnigeRaubtierleib in größter Natürlichkeit wiedergegeben, dieFlügelgravierung sehr fein ausgefülirt. Der Greifentypus istder durch den freien Stil des fünften Jahrhunderts ausgebildete,der im vierten Jahrhundert, dem der Spiegel angehört,weiter wirkt. Yon der üblichen Stachelmähne findetsich nur eine ganz schwache Andeutung.[81] 11


PRANESTINISCHE CISTATafel 40—43Aus der Sammlung Sarti. Auktionskatalog Eom 1906,Nr. 99, Tafel 10 (Pollak), American Journal 1911, S. 465 ff.,Tafel 12 (Chase). Gesamtliöhe 0,446. Fünf von den acht amGefäßkörper befestigten Ketten, die zum Tragen dienten,fehlen jetzt.Die Ciste ruht auf drei gegossenen Füßen in Gestalt vonrunden profilierten Untersätzen, auf denen Raubtierfüße stehen,die sich oben zu einer Art ionischen Kapitells ausbilden. Aufdiesen ist ein zum Sprung geduckter Löwe mit offenem Bachenund heraushängender Zunge angebracht.Die Löwen sind inarchaisierendem Stil gehalten. Der zylinderförmige Körper derCiste ist reich mit Gravierungen geschmückt, oben und untenläuft ein Palmettenband um, in der Mitte ein breiter Streifen mitGigantomachie-Darstellung, in den wie bei dieser Gefäßgattungüblich die Knöpfe, an denen die Ketten befestigt sind, rücksichtslosdie Gravierung bedeckend eingeschlagen sind. DasBild besteht aus drei Kampfgruppen, drei Göttern und vierGiganten. Athena zückt die Lanze gegen einen ins Kniegesunkenen Krieger,der mit beiden Händen einen Felsblockschleudern will, Dionysos reitet auf seinem Panther über einen[82]


am Boden liegenden Gegner, Poseidon stößt mit dem Dreizacknach einem geflügelten fisclileibigen Wesen, das mitbeiden Händen einen Baumast als Waffe schwingt, hinterdem Gott eilt ein mit der Streitaxt bewaffneter Krieger sichumblickend fort. Ein Baum und ein Fels, auf dem einGigantenschild liegt, beleben die Szenerie, zwei Sterne sindals Ornamente eingestreut. Auf dem Deckel sind innerhalbeines Lorbeerkranzes zwei fliegende nackte Frauen mit langenTänien in den Händen, dieeine mit Schuhen an den Füßen,eingrayiert. ^)Die Zeichnung ist in dem flotten aber flüchtigen Stildieser Gattung gehalten, wie er auch den etruskischen Spiegelneigen ist.Wenn auch griechische Vorbilder, vermutlich unteritalischeVasenbilder, den einzelnen Figuren als Vorbildgedient haben, stark etruskisch beeinflußt ist die ganze Arbeitdennoch zweifellos, das zeigt die Ausführung sowohl wieTerschiedene Eigenarten der Darstellung, so das Amazonenbeilin den Händen des einen Kriegers und der fischleibige geflügelteDämon, der ungriechisch ist. Etruskischer Kunst nahe stehtauch die Gruppe der beiden gegossenen Kundfiguren, diealsDeckelgriff dient, ein Satyr und eine Satyressa, nackt mitspitzen Ohren, in freiem Stil gearbeitet aber überschlank inden Proportionen nach etruskischem Geschmack. Die Cistegehört dem dritten Jahrhundert v. Chr. an.')Tafel 41—43 nach Originalzeichnungen von K. Reichhold.83 ]


ZWEI KANTHAROITafel 44Höhe 0,125 und 0,106. Angeblich aus Galaxidi. ZweiBecher inKelchform auf hohem profilierten Fuß mit breiterStandfläche, der eine von schlanken, der andere Ton gedrückterenProportionen, beide mit zwei elegant geschwungenen, sichetwas über den Gefäßrand erhebenden Henkeln. Die Henkelzeigen oben eine für die Handhabung sehr praktische Endigung.Der Form nach gehören die Gefäße dem dritten JahrhundertT. Chr. an.[ 84


HELMTafel 45Aus Griechenland. Höhe 0,19. Hinten fehlt ein Teil der Kappe.Der getriebene Helm hat die ältere korinthische Form des6.—5. Jahrhunderts mit großen eckigen Backenklappen, starkemNasenschutz und zwickeiförmigen Ausschnitten auf den Seiten.Ihm nächst yerwandt ist der dem olympischen Zeus geweihteHelm im Besitz des Bischofs von Lincoln^), der gleichfalls dieEigentümlichkeit zeigt, daß die Backenklappen absichtlich indie Höhe umgebogen sind und der Helm auf diese Weisezur praktischen Verwendung ungeeignet gemacht ist. Beiunserem Exemplar ist dasselbe auch noch mit dem N^asenschutzgeschehen. Der Grund hierfür kann nur in derWeihung alsTrophäe gesucht werden.^)Journal of Hell. Stud. 1881, Tafel 11, S. 68. ») Vgl. ebenda S. 65 ff.[85]


KEÖNUNG EmES KANDELABERSTafel 46Aus Italien. H. 0,04. Die Maße der Platte betragen0,07 : 0,075. Das als FuJß dienende Marmorstück gehört natürliehnicht zu.Ein hohlgegossenes ionisches Kapitell, das auf seiner Unterseitezur Befestigung eines Schaftes eine kreisrunde Ansatzflächevon 0,042 Durchmesser mit einer Öffnung in der Mittezeigt. Die leider stark oxydierte Vorderseite ist durch eineachtblättrige Rosette in der Mitte des zwischen den Volutenliegenden Feldes ausgezeichnet. Die viereckige Platte hatentweder direkt den Flammenbehälter getragen^) oder eineFigur, die ihrerseits erst als Träger für diesen diente^). Dierömische Arbeit ist außerordentlich fein und präzis ausgeführt.») In der Art wie der Kandelaber bei Daremberg-Saglio 1,2 S. 871, Fig. 1080. ») Wieder Kandelaber in Neapel, Overbeck, Pompeji* S. 437 b und m, wo die Sphinx auf einemsehr ähnlichen Kapitell sitzt. Zu vergleichen ist aus älterer Zeit auch der zum Anhängenvon Lampen eingerichtete Kandelaber mit Statuette, Campte rendu 1877, Tafel III, 17, 18und die Bronzestatuette des sog. Hermarch in New York, Delbrück, Antike Porträts Taf. 86.86


''"'m


'.r


liiwiütiühlii


^3?


-J*, 'iffkZ- . ff^jBä^/



^R^^Sf



I0^


:.aa^ssis^ss»'.^;«i


".asBwssüw-


NB Loeb, James135 Die Bronzen der SammliingL6 LoebPLEASE DO NOT REMOVECARDS OR SLIPSFROM THIS POCKETUNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine