Mutmacher Thymian - Christel Rupp

christel.rupp.de

Mutmacher Thymian - Christel Rupp

GemüseGewürz- und HeilkrautMutmacher ThymianIm Mittelalter steckten die Burgfräulein ihrem Ritter ein Thymiansträußchen zu, bevorer ins Turnier zog oder zum Kreuzzug aufbrach.BuchtippThymian in der KücheFeine Vorspeisen, fantasievollgewürzte Hauptgerichteund Desserts,Würzöl, Salz, Sirup undGelee – wer Thymian zuseinem Lieblingskrauterklärt hat, gerät dabei rasch insSchwelgen. Dazu gibt es wertvolleTipps zu Einkauf, Anbau und Ernte.Thymian – Warenkunde undRezepte, Maag/Lüscher, 89 Seiten,16,90 e, Hädecke Verlag Weil derStadt 2008, ISBN 978-3-7750-0528-9Schon der kräftige Duft signalisiert:Thymian ist nichts fürFeiglinge. Plinius empfahl ihnals Abwehrmittel gegen Schlangenund Skorpione, römische Legionärestärkten damit ihre Manneskraft odernahmen ein Thymusbad, bevor sie in denKampf zogen. Die alten Ägypter nutztendie stark desinfizierende Wirkung des„Tham“ zur Waschung der Toten und beider Einbalsamierung. Schon immer warThymian aber auch ein Frauenkraut: Inder Antike stimmte man damit dieFruchtbarkeitsgöttin Demeter gnädig,später wurden Thymianzweige als „Marienbettstroh“am Marientag gepflücktund in der Kirche gesegnet.Im Mittelmeerraum wurde der EchteThymian lange vor Christi Geburt auchals Heilkraut hoch geschätzt, bei uns entdecktedie Heilige Hildegard von Bingenerst tausend Jahre danach die heilendeWirkung von Thymianauszügen auf Hautund Verdauungsorgane. Der berühmteArzt Paracelsus erweiterte die Anwendungauf Atemwege und Bronchien.Pfeffrig-herb bis fruchtig-süßIn der Küche verwendet man vor allemdrei Thymianarten: Echten bzw. Gartenthymian(Thymus vulgaris), wilden bzw.Sandthymian (T. serpyllum) und Zitronenthymian(Thymus × citriodorus), eineaus den Pyrenäen stammende Kreuzungvon Feldthymian (auch Quendel, T. pulegioides)und Echtem Thymian. Wer sichdort einmal Zweige gepflückt und aufder Rückfahrt im Handschuhfach desWagens deponiert hat, wird die Duftexplosionbeim Öffnen nie vergessen!Auch wenn diese Aromafülle in unseremKlima nicht annähernd zu erreichenist – frisch gepflückt sind die Aromenimmer noch besser als der oft strengeGeschmack und Geruch getrockneterMassenware. Sie reichen je nach Ausleseoder Sorte von pfeffrig-herb über würzig-mildbis hin zu fruchtig und süß, wieder von Kräuterspezialist Bernd Dittrich(Kräutergärtnerei Syringa, 78247 Hilzingen-Binningen,Tel. 07739-1452, www.syringa-pflanzen.de) entdeckte Orangenthymian(T. fragrantissimus), der einüberaus köstliches Gelee ergibt.Klarer Zitronenduft steht bei Thymian„Villa Nova“ im Vordergrund. Die sonnengelbgeränderten Blätter heben sichbesonders im Frühjahr vom silbrigenDunkelgrün des Küchenthymians ab. Derstoffwechselbedingte Mangel an Blattgrün(Chlorophyll), verbunden mit intensivemZitrusgeschmack, macht denweiß-bunten Zitronenthymian (Thymus× citriodorus „variegatus“) zum Gegenstandder Sammelleidenschaft allerKräutergärtner. Nicht weniger hübsch,aber robuster, ist Silberthymian (T. vulgarisargentum), der wie normaler Gartenthymiangenutzt wird.Duft auf Schritt und TrittAlle kriechenden Thymian-Varianteneignen sich für die Anlage eines Duftrasens,Duftpfades oder einer Duftbank,z.B. auf der Krone der Trockenmauer.Dort kann man sich an einem sonnigenFrühlings- oder Sommertag zwischen diePolster sinken lassen und in Wohlgerüchenschwelgen. Dafür eignet sich besondersgut der Teppichthymian ‘MagicCarpet’ (T. serpyllum), eine flach wachsendeAuslese des Sandthymians mitkräftigem, dunkelgrünen Laub und karminrosaBlüten. Kleine Warnung: Währendder Blüte sollte man die Fläche denHummeln und Wild- oder Honigbienenin ihrem Nektartaumel überlassen, umsich keine Stiche einzufangen.Außerhalb der Blütezeit setzen diePflanzen ihre ätherischen Öle erst beisanfter Berührung oder beim Darüberstreichenfrei. Deshalb pflanzt man sieauch im Kräuterbeet möglichst nah anden Weg oder erhöht in Pflanz- oder Balkonkästen.Besonders schön wirkt deraufrecht wachsende Echte Thymian vorweiß blühendem Winter-Bohnenkraut,rosa blühendem Ysop, den zarten, wiezerknittert wirkenden Blüten niedrigerZistrosen oder als Dufthecke (auch inGanz links: An einem sonnigenPlatz bildet Gartenthymiankompakte Polster: Kalkkieselreflektieren das Sonnenlicht,speichern Wärme und sorgenfür ideales „Mittelmeerklima“Links: Teppichthymian ‘MagicCarpet’ bietet sich für DuftundSchotterrasenflächen an92Obst & Garten | 3 | 2011


ObstSilberthymian benötig sonnige Standorteund magere Böden, um sein volles Aroma zuentfaltenZitronenthymian mit weiß geränderten Blätternist schon fast ein Muss in der Sammlungzitronenduftender KräuterZitronenthymian ‘Villa Nova’ mit intensivemZitronenduft und dekorativen, goldgelbgeränderten Blättern Fotos: SyringaKombination mit Lavendel) um niedrigeStrauchrosen wie ‘Rose de Resht’ oderdie leuchtend pinkfarbene Provinsrose,deren betörendes Parfum auch in derVase gut mit den herben Noten und rosabis karminroten Blüten des Thymiansharmoniert.Der richtige StandortFür beste Duft- und Aromaqualitäten benötigtGartenthymian einen durchlässigen,schottrigen, kalkhaltigen Boden involler Sonne. Sand- und Feldthymiansind dagegen kalkscheu und siedeln lieberauf sandigen Böden. Zwar entwickelnsich die Sträucher bei ausreichendemLicht auch in feuchten, lehmigenBöden zunächst prächtig. Weil sie wegendes hohen Nährstoff- und Wasserangebotsaber nur oberflächlich wurzeln, sindsie weniger frosthart und die Ausfällesind hoch. Im letzten Jahr gesetzte Pflanzenkann man im Frühjahr oft samt Wurzelballeneinfach aus dem Boden heben.Als zuverlässig winterhart gilt Kümmelthymian(T. herba-barona) mit winzigkleinen Blättern und deutlicher Kümmelnote,die nicht nur Kartoffel- undKrautsalat abrundet, sondern auch zuKräuterquark und kräftigen Fleisch- oderGrillgerichten passt. Mit seinem kriechendenWuchs eignet sich die Art auchgut zur Bepflanzung von Ampeln. Tipp:Von Kümmelthymian gibt es ebenfallseine mildere, zitronenduftende Auslese(T. herba-barona citriodora).Bei Topfkultur ist Thymian aufgrundseiner Anspruchslosigkeit einfachzu handhaben.Doch Achtung:In der Natur wurzeln die Sträucher teilweisesehr tief und können so auf densteinigen, kargen, wasserdurchlässigenBöden in Süditalien oder Südfrankreichüberleben. Im Gefäß ist der Wurzelraumbegrenzt, deshalb ist die Balance zwischenfeucht und trocken schwierigerherzustellen. Am besten lässt man dieErde fast austrocknen, gießt dann großzügig,achtet aber darauf, dass das Wasserrasch abfließen kann. Tipp: Ab Maibis Juni alle 6 Wochen niedrig dosiertenorganischen Flüssigdünger ins Gießwassergeben.Manche mögen’s kühlEinen deutlichen Hinweis darauf, dassThymian nicht zwingend auf mediterranesKlima angewiesen ist, liefert wiederdie Geschichte: Die verwegenen Heldender schottischen Highlands tranken Thymiantee,um Kraft zu erlangen und sichvor Alpträumen zu schützen. Und beieiner Islandreise sollte man unbedingtdie mit wild wachsendem Thymian gewürzteSauermilch probieren.Auch der heimische Feldthymian, derauf Magerrasen bis in die Höhenlagenvon Schwarzwald und Vogesen anzutreffenist, ist kulinarisch nicht zu verachten.Viele empfinden das Aroma sogar alsfeiner und runder als das der GewürzundGartensorten. Und ganz im Sinnedes mythenumrankten Krautes kann einwenig Mut beim Ausprobieren, welcheArt, Auslese oder Sorte die eigenen Erwartungenin Duft, Geschmack und Wirkungam besten erfüllt, nicht schaden!Christel Rupp, OffenburgP r o f i -T i p pVermehren und erntenAm einfachsten lassen sich Thymiansträucherdurch Absenker vermehren.Dazu befestigt man einenoder mehrere äußere Triebe mit einerMetallklammer fest in der Erde. Nachdem Bewurzeln trennt man sie vonder Mutterpflanze und setzt sie ananderer Stelle neu ein.Die Samen von Feldthymian keimenin sandigem Anzuchtsubstratinnerhalb kurzer Zeit. Wichtig: Nichtmit Erde abdecken, nur feucht halten.Küchenthymian benötigt 3 bis 6 Wochenzum Keimen; wer diese Geduldnicht aufbringt, kauft vorgezogenePflanzen am besten in spezialisiertenKräutergärtnereien. Zitronenthymian,Silberthymian und Sandthymian sindals stecklingsvermehrte Pflanzenerhältlich. Die beste Pflanzzeit: nachden Maifrösten (Abstand je nach Artund Sorte 25 bis 35 cm).Bei der Ernte kappt man die Triebebis in die verholzten Stängelteilelaufend ganz nach Bedarf. Für Heilzweckeoder zum Trocknen auf Vorratwartet man mit dem Schnitt biszur Blüte. Ein zusätzlicher Pflegerückschnitterfolgt bei Bedarf erstim darauf folgenden Frühjahr etwahandbreit über dem Boden.Gutes Team fürkleinere Töpfe:Thymian istebenso genügsamwie dieDach- oderHauswurz Fotos: RuppThymian als HeilpflanzeDie moderne Pflanzenmedizin nutzt Thymiantee und Extrakte von Thymusvulgaris hauptsächlich als krampf- und schleimlösende Hustenmittel.Forscher der Universität Nara (Japan) untersuchten jetzt das Öl desThymians, weil es bei Zellversuchen entzündliche Prozesse erfolgreichunterdrückt hatte. Als verantwortliche Substanz identifizierten sie denWirkstoff Carvacrol, der die Aktivität eines Enzyms, das wesentlich anEntzündungsvorgängen beteiligt ist, um mehr als 80 % senkte.xx | 2010 | Obst & Garten 93

Ähnliche Magazine