Prävention psychischer Verletzlichkeit - Kinderleicht

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Prävention psychischer Verletzlichkeit - Kinderleicht

Prävention psychischerVerletzlichkeitProf. Dr. Manfred PretisFortbildung Caritas Tirol


Einige Zahlen in Österreich:330.000 Menschen oder 4,1% derBevölkerung (auf Alkohol bezogen)3% - 11% (Pretis & Dimova 2004)5% sind behandlungsbedürftig


Die schwierige Botschaft• Der Hauptaspekt präventiver Arbeit im ist dieArbeit mit den (gesunden) Eltern:• Sie sensibel zu machen in bezug auf kindlicheBedürfnisse• Ein gemeinsames Verständnis darüber zufinden, was los ist, aber auch dass eineBehandlung möglich wäre, dies abermöglicherweise an der Nicht-Einsicht scheitert• Ihnen mögliche Hilfsangebote zu zeigen


Kinder suchtkranker Eltern sind„Vergessene“ KinderFachkräfte, die mit psychisch verletzlichen Familien arbeitenvergessen oder unterschätzen immer wieder,dass das Lebenim Kontext einer psychischen Erkrankung(Küchenhoff 2001, Bauer et al. 1998)IMMERein Leben mit einer chronischen Belastung für das Kind darstelltDabei werden die Bedürfnisseder Kinder meist vergessen


Achtung:Die Kinder leiden meist „unauffällig“Zu beobachtende Symptome (Pretis/Dimova 2011)-1) Entwicklungsstörungen (Sprache, Bindung, meist„Exekutivfunktionen betreffend“ (jedes 4. Kind im Kontextschwerer psychischer Verletzlichkeit zeigt einebehandlungswürdige Entwicklungsstörung))2) Störungen des Sozialverhaltens (meist in RichtungImpulskontrollproblematik)3) Störungen sozialer Funktionen (meistParentifizierung bei Mädchen)


Die herausfordernstenKonstellationen für Kinder- Eltern mit Suchtproblemen- Eltern mit Persönlichkeitsstörungen- Eltern mit (floriden) Psychosen- Intellektuell wenig differenzierte Eltern mitmassiver Überforderung in der Erziehung- =Hauptindikationen für Fremdunterbringungen!- Bei 25% aller Kidner unserer Stichprobe (n=168)wurde eine Fremdunterbringung empfohlen.


Transgenerationale Aspekte• Die Übertragung psychischerVerletzlichkeit von einer Generation zurnächsten (Solantaus 2009)- Psychische Verletzlichkeit- Erziehungsdefizite- Sozialer Ausschluss- Marginalisierung- von Eltern auf Kinder


Nicht jeder seelisch Erkrankte isterziehungsunfähig• Eine Diagnose allein reicht jedoch nichtaus, um ein Gefährdungs/Belastungsrisikofür Kinder zu erstellen (Mattejat 2000)• Ein Gefährdungsrisiko hängt ab• A) von der Qualität der interpersonalenBeziehungen (Bindung, Feinfühligkeit,Erziehungskompetenz)• B) von der Krankheitsbewältigung


1. BindungBindung entsteht in der regelmäßigen Begegnung vonEltern und Kind im Alltag. Während das Baby versorgt,gepflegt und beschützt wird, findet auch eingefühlsmäßiger und spielerischer Austausch zwischenihm und seinen Eltern/Bezugspersonen statt.Die so entstehende persönliche innere Repräsentanzdes Babys in bezug auf seine Eltern (d.h. auch in hohemMaße Vorhersehbarkeit) ist nicht einfach übertragbar aufandere Personen. Die Bindung erfolgt optimalerweisegenau an jene Menschen, die seinen körperlichen, abervor allem seinen gefühlsmäßigen Bedürfnissenzuverlässig und regelmäßig nachkommen.


Bindung und rationale Argumente• Klare Bindung ab 18. Lm („clear cut attachment“)• Ab Kindergartenbesuch deutliche emotionale (meistidealisierende) Bindungsrepräsentationen der Kindergegenüber Eltern (kaum rationale Argumente)Ausnahme: massive Vernachlässigung• Mit zunehmendem Alter nimmt emotionales Band – vorallem in Bezug auf Wunschvorstellungen – zu!!!• Bindung sollte keine Hauptkategorie einerKindeswohlseinschätzung sein.• Bindungen sind variabel und veränderbar: nach ½ - bis¾ Jahr sagen Kindergartenkinder zu neuerBindungsperson „Mama“


Bindung – Exploration - Vernachlässigung(Bowlby, 1969/1975)BindungsverhaltenssystemKindBindungsverhaltenSignalverhaltenAnnäherungsverhaltenExplorationsverhaltengehemmt/schützend(Verantwortungsübernahme)BezugspersonPflegeverhalten-Ambivalent-Diskontinuierlich-Bezugspersonen-Wechslend-Unverständlich-beängstigendVernachlässigungZur Pflege inkompatiblesVerhalten


Häufig zu beobachtende Bindungsmuster im BereichSucht: Unsicher- vermeidend „A“ (20-25%)• Die Kinder zeigen nur wenig offensichtlicheZeichen von Kummer, wenn ihre Mutter denRaum verlässt. Bei der Wiedervereinigungignorieren sie sie, besonders beim zweiten Mal,wenn angenommen wird, dass der Stressgrößer ist.• Sie behalten ihre Mutter im Auge und sind weniginteressiert und begeistert beim Spiel.• Kinder suchen bei der Rückkehr der Mutter nichtihre körperliche Nähe, schmiegen sich nicht an,sondern spielen weiter (Asynchronizität)


Der Zusammenhang zu denEntwicklungsstörungen• Das Bindungssystem steht in Wechselwirkungzum Erkundungs-/Explorationssystem• Stressreaktionen sind bei Nicht-Befriedigungdes Bindungssystems sind bei allen Kindernbeobachtbar- Maximale Stresswerte und kaum Rückgang bei- Unsicher-vermeidend + desorganisiertenBindungsmustern


Was verstärkt die Entwicklung vonBindungsstörungen?• Ängstliches Pflegeverhalten der KM(Angststörung/Zwang/Depression)• Ängstigendes Pflegeverhalten der KM(Schizophrenie, Manie, Sucht,Persönlichkeitsstörung)• Hilfloses Pflegeverhalten


Sucht und Bindungsstörung• Un-sichere Bindung stellt einen Risikofaktor inRichtung Bindungsstörung dar, ist jedoch per sekeine Bindungsstörung:• Unsichere Bindung stellt jedoch einen Prädiktorfür Bindungsstörungen (gehemmt F94.1/ungehemmt F94.2) dar• Hoch unsichere Bindungen finden sich zu 43%bei Alkohol-/Drogenmissbrauch (d.h. Beinahejedes 2. hoch unsicher gebundene Kind lebt imSuchtkontext)


2) Feinfühligkeit• Pflegepersonen mit höchster Feinfühligkeitin der Interaktion werden dabei dieHauptbindungsperson des Kindes sein(nicht notwendigerweise die Mutter))• - Feinfühligkeit fördert Bindung• - Bedürfnisse (richtig) wahrnehmen• - (richtig interpretieren)• - angemessen und prompt daraufeingehen


Feinfühligkeit und Sucht• Feinfühligkeit erfordert• A) die Differenzierungsfähigkeit von Elternzwischen eigenen und kindlichenBedürfnissen zu unterscheiden• B) die Befriedigung eigener Bedürfnissemöglicherweise zugunsten jener derKinder zeitweilig aufzuschieben• C) Handlungsfähigkeit


3) Erziehungskompetenz• Wissen über Erziehung– Erziehungsfragen– Differenzierung Eltern- und Partnerschaft– Kindliche Entwicklung– Gesundheit– Ernährung/Haushalt– U.a.• Umsetzungsfähigkeiten z.B.Vorbildwirkung


4) Krankheitseinsicht undComplianceHohe RückfallquotenNeuere Konzepte (Orpheus-Prinzip)Es dauert Jahre, bis Menschen sichbehandeln lassen (z.B. Im Bereich derDepression durchschnittlich 3 Jahre)


Die Welt auf den Kopf gestellt• Kinder suchterkrankter Eltern• müssen auf diese „schützen/auf dieseaufpassen“ (Gefahr von Parentifizierung)• Erhalten weniger kindorientierte Angebote• Leben im Stress und• Müssen dies im Regelfall verbergen


1) Das Ende von Mythen• Meine Kinder merken nichts davon, wiees mir „wirklich“ geht• Ich reiße mich zusammen• Meine Kinder verstehen nicht, was mit mirlos ist.


Alle 3 Mythen erweisen sich alsfalsch• Kinder merken schon im frühenLebensalter, dass sich das Verhalten ihrerEltern verändert(Verhaltensveränderungen sind bereits beiKlein(k)indern im 1. Lj. Nach wenigenWochen zu beobachten• Kindern können altersgemäß informiertwerden (meist biologisches Modell)


2) Das Einsetzen desRealitätssinns• Information und Verständnis für die Kinder• Entlastung der Kinder von übermäßigerVerantwortungsübernahme


Gemeinsames Verständnis mit den Eltern schaffenNur 25% der 6-10jährigenwissen Bescheid über die Erkrankung ihrer Eltern1. kindgerecht sein: z.B. die Mama leidet an „der weinendenKrankheit“…. “die Gedanken hüpfen im Kopf von Mama“2. lösungsorientiert: z.B. die Ärzte können dem Papa helfen3. differenziert: z.B.- Mama/Papa ist nicht schuldig, dass sie/er krank ist , er/sie muss sichaber behandeln lassen- du bist nicht schuld an der Krankheit der Mama, oder für denSpitalsaufenthalt des Papas.


Eines steht festKinder sind in keinem Falldas Therapeutikum für ihrepsychisch erkrankten Eltern


Die Förderung von ResilienzprozessenResilienzprozesse(psychische Widerstandskraft)erhöhen die Fähigkeit eines Kindes,erfolgreich mit täglichen Anforderungenbei Risiken oder Belastungendurch die psychische Erkrankungdes Elternteils umzugehen(mod. nach Rutter 2005)


• Resilienzprozesse stellen aktivierbare PUFFERin der Auseinandersetzung mit belastendenEreignissen dar.• Sie helfen uns, im Angesicht von Stress, gesundzu bleiben.• 1/3 der Hochrisikokinder der KAUAI-Studie(Werner 1993) entwickelte sich trotz massivernegativer Voraussetzungen zufunktionstüchtigen/gesunden Erwachsenen


Was kennzeichent „resiliente“Kinder?• Positive Vorbilder/gesunde Bindungspersonen• Gute kognitive Fähigkeiten• Strategien der Problemlösung undInformationsgewinnung• Emotionale Fähigkeiten der Selbstregulation• Positive Selbstwahrnehmung/Optimismus• Gefühl der Zugehörigkeit• Gefühl der (Selbst)verantwortung/Selbsthilfe• Soziale Kompetenzen


„Evidence based“Resilienzprozesse: a) kindzentriert1. Gute Gesundheit und gute Entwicklungsparameter(Dunst et al 1989)2. Selbstwirksamkeit, gutes Selbstwertgefühl,positives Bild über sich selbst (Schwarzer 1993)3. Ausdauer, Durchhaltevermögen4. Optimismus, positive Erfahrungen5. Selbsthilfe/Fähigkeit Probleme zu lösen (Ahmann &Bond 1992)


) familienzentrierteResilienzprozesse (meist mit demnicht sucht-erkranktem Elternteil1.Positive Parenting (einfühlsamesWahrnehmen und Eingehen auf diekindlichen Bedürfnisse): Video-Einsatz2. Strukturbildung in der Familie(vorhersagbare Alltagsorganisation)


z.B. Training feinfühligen Verhaltens• Videotraining feinfühligen Verhaltens• Vermittlung von allgemeinentwicklungspsychologischen Wissens• Sensibilisierung für die individuellenFähigkeiten des Kindes• Stärkung des elterlichen Selbstwertgefühls• Information und Lösungsfindung


Arbeiten mit derResilienzlandkarte• Resilienz bezeichnet „psychische Widerstandskraft“• Alles, was in der Familie funktioniert, kann alsRessource angesehen werden. Dies gilt es zuverstärken• Alles, worüber sich die Familie/das Team sorgen macht,kann als Belastung angesehen werden (Solantaus „Let‘stalk about children)


Elektronische Resilienzlandkarte unterwww.strong-kids.eu


c) Sozialraum/umgebungszentrierte Faktoren• Kontakt zu nicht-auffälligen Kindern• Fachkräfte als sekundäre Bindungspersonen• Verfügbarkeit/Inanspruchnahme von Hilfe (braucht dasKind noch etwas Zusätzliches?)• Förderung von anderen (gesunden) Kontakten:Interessen/Hobbies• Spiritualität (Sense of Coherence/Zugehörigkeitsgefühl


Danke fürIhre Aufmerksamkeitwww.strong-kids.euPretis M, Dimova A:Frühförderung mit Kindern psychisch kranken Eltern.Reinhard Verlag, 2004

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