abendprogramm_bwv_89_Einzelseiten.pdf - J. S. Bach-Stiftung

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MEINE SEUFZER,MEINE TRÄNENfreitag,17. januar 2014trogen (ar)


freitag, 17. januar 2014, trogen (ar)2« meine seufzer, meine tränen »Kantate BWV 13 zum 2. Sonntag nach EpiphaniasFür Sopran, Alt, Tenor und BassFlauto dolce I/II, Oboe da caccia, Fagott,Streicher und Basso continuo17.30 uhr, evangelische kirche, trogenWorkshop zur Einführung in das Werkmit Rudolf Lutz und Karl Graf (Voranmeldung!)anschliessendKleiner Imbiss und Getränke im Saal der Krone Trogeneintritt: fr. 40.–19 uhr, evangelische kirche, trogenErste Aufführung der KantateReflexion über den Kantatentext: Stefan StirnemannZweite Aufführung der Kantateeintritt: kategorie a 50.–, kategorie b 40.–, kategorie c 10.–


ausführendesolistenSopranAltTenorBassSusanne SeitterJan BörnerJakob PilgramWolf Matthias Friedrich3orchester der j. s. bach-stiftungViolinePlamena Nikitassova, Dorothee MühleisenViolaMartina BischofVioloncello Maya AmreinVioloneIris FinkbeinerFagottSusann LandertFlauto dolce Annina Stahlberger, Teresa HackelOboe da caccia Ingo Müllerleitung & orgelRudolf Lutz


4reflexionStefan Stirnemann wurde in Aarau geboren. Nach derMaturität Typus A, die dank Pfarrer Otto Bächli auchHebräisch einschloss, studierte er in Basel reformierteTheologie und klassische Philologie und schlossmit einer Lizentiatsarbeit über die altsprachliche unddeutsche Schulgrammatik ab. Anschliessend war er alsStipendiat des Schweizerischen Nationalfonds beimThesaurus linguae Latinae in München tätig. DiesesWörterbuch, laut Encyclopaedia Britannica « probablythe most scholarly dictionary in the world », ist seitüber hundert Jahren in Arbeit. Als ein ebenso entschiedenerwie engagierter Gegner der deutschen Rechtschreibereformwurde Stefan Stirnemann Gründungsmitgliedder Schweizer Orthographischen Konferenz(SOK). Unter dem Titel « Im Wundergarten der Sprache »hat er eine Festschrift für den Dichter Reiner Kunze herausgegeben(Edition Eisele, Eggingen 2004). Zu StefanStirnemanns Interessensgebieten gehört auch das Plagiat,das Ludwig Reiners, Mitglied der NSDAP, an der« Deutschen Stilkunst » des jüdischen Autors Eduard Engelbegangen hat. Als « Merker » hat Stefan Stirnemannzwei Jahre lang die Sprache des St. Galler Tagblattes begutachtet.Er arbeitet als Lateinlehrer an der BündnerKantonsschule in Chur.


wv 13:« meine seufzer, meine tränen »textdichter nr. 1–2, 4 und 5: georg christian lehms 1711nr. 3: johann heermann 16365nr. 6: paul fleming 1642erstmalige aufführung: 2. sonntag nach epiphanias, 20. januar 17261. arie (tenor)Meine Seufzer, meine Tränenkönnen nicht zu zählen sein.Wenn sich täglich Wehmut findetund der Jammer nicht verschwindet,ach! so muss uns diese Peinschon den Weg zum Tode bahnen.2. rezitativ (alt)Mein liebster Gott lässt mich annochvergebens rufenund mir in meinem Weinennoch keinen Trost erscheinen.Die Stunde lässet sich zwar wohl von ferne sehen,allein ich muss doch noch vergebens flehen.


63. choralDer Gott, der mir hat versprochenseinen Beistand jederzeit,der lässt sich vergebens suchenitzt in meiner Traurigkeit.Ach! Will er denn für und fürgrausam zürnen über mir,kann und will er sich der Armenitzt nicht wie vorhin erbarmen?4. rezitativ (sopran)Mein Kummer nimmet zuund raubt mir alle Ruh.Mein Jammerkrug ist ganz mit Tränen angefüllet,und diese Not wird nicht gestillet,so mich ganz unempfindlich macht.Der Sorgen Kummernachtdrückt mein beklemmtes Herz darnieder,drum sing ich lauter Jammerlieder.Doch, Seele, nein,sei nur getrost in deiner Pein:Gott kann den Wermutsaft gar leicht in Freudenwein verkehrenund dir alsdenn viel tausend Lust gewähren.


5. arie (bass)Ächzen und erbärmlich Weinenhilft der Sorgen Krankheit nicht.Aber wer gen Himmel siehetund sich da um Trost bemühet,dem kann leicht ein Freudenlichtin der Trauerbrust erscheinen.76. choralSo sei nun, Seele, deineund traue dem alleine,der dich erschaffen hat.Es gehe, wie es gehe,dein Vater in der Höhe,der weiß zu allen Sachen Rat.


zum kantatentextGeorg Christian Lehms greift einen Satz aus der Evangelienlesungheraus, wo es in der Erzählung von derHochzeit zu Kana (Johannes 2) heisst, als der Wein ausgegangenwar und Jesus um Hilfe gebeten wurde,habe dieser zunächst abgewehrt und gesagt: « MeineStunde ist noch nicht gekommen ». Daraus entfaltet erden Gedanken, dass von Gottes Hilfe oft lange nichtszu spüren sei, man aber dennoch darauf vertrauen dürfe,dass er denen Trost sende, die zu ihm aufschauen.Lehms typisch bildkräftige Sprache hat Bach zu einerVertonung inspiriert, die trotz ihrer kammermusikalischenDimensionen klanglich überaus farbig und affektmäßigsehr eindringlich gehalten ist. Der bei Bachseltene Beinamen « Concerto da chiesa » könnte auf diereduzierte Besetzung und die bewusst altertümlichanspruchsloseFaktur der Komposition deuten.weitere theologische und musikalische hinweise, verfasstvon anselm hartinger und karl graf, fin den sich auf derinnenseite dieser umschlagklappe. aufgeklappt können siegleichzeitig mit dem kantatentext gelesen werden.


theologisch-musikalische anmerkungen1. ArieDie Lage des scheinbar von Gott Verlassenen ist vorersthoffnungslos, ein « Weg zum Tode ». Bach hat hier denhäufig weihnachtlich besetzten Satztyp des Sicilianound die idyllische Klangwelt der Flöten und der Oboeda caccia eher im Sinne der fahlen Vergänglichkeit eingesetztund mit seiner trüben d-Moll-« Anti-Pastorale »ein beklemmendes Stilleben der (Gott)-Verlassenheitund Bekümmernis gezeichnet. Zu diesem resignativenVersunkensein in das eigene Unglück paßt die ungewöhnlichlakonisch gehaltene und gänzlich schmuckloseSingstimme.4. RezitativKummer und Jammer werden « nicht gestillet », sondernnoch ins Unerträgliche gesteigert. Der Tränenkrug (Bildaus Psalm 56, 9) ist voll. Aber dann tritt die Wende ein.Gott kann den Wermutsaft in « Freudenwein verkehren», wie es im Evangelium heisst, dass Jesus bei derHochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt hat. Voraussetzungdafür ist die entschlossene Selbstermutigung(« Doch, Seele, nein »), mit der sich die Singstimmein einem harmonisch abgefederten Tritonussprung ausdem Gefängnis der depressiven Zeilenschlüsse zu befreienvermag.2. RezitativGott lässt den Beter lange Zeit « vergebens flehen ». Aberdie rettende Stunde lässt sich doch schon « von fernesehen ». Durch den Übergang von den suchenden Rezitativphrasenin ein arioses « Flehen » macht Bach dieIntensität des Betens fast als physischen Vorgang erkennbar.3. ChoralDie Choralstrophe von Johannes Heermann erinnertdaran, dass Gott versprochen hat, jederzeit zur Hilfebereit zu sein. Kann er denn « ewiglich zürnen » (Psalm85, 6)? Die Hinwendung zur altbewährten Dimensiondes gemeindlichen Chorals fungiert hier in sehr elementarerWeise als Quelle des Trostes und der innerenVergewisserung. Die liebliche F-Dur-Tonalität und diezupackenden Streicherfigurationen lassen dabei musikalischeine Lösung antönen, von deren Eintreten dievorgetragene Liedstrophe selbst noch gar nicht überzeugtscheint.5. ArieDer Dichter kommt zur Folgerung: « Ächzen und erbärmlichesWeinen » helfen nicht. Hatte die Arie Nr. 1noch vom « Weg zum Tode » gesungen, singt diese Arienun vom Blick zum Himmel: « Wer gen Himmel siehetund sich da um Trost bemühet », dem kann wieder dasLicht der Freude aufgehen. Wie gute mutige Therapeutenhalten Lehms und Bach die überwundene Welt derunproduktiven Seufzer und Klagen als heilsames Gegenbildstets präsent. Die Musik und ihre allzumenschlichenAdressaten müssen sich beständig aus dem lastendenSog der Resignation und des Selbstmitleidsherausarbeiten.6. ChoralDie letzte Strophe des Liedes « In allen meinen Taten »von Paul Fleming ist nicht von Lehms, sondern von Bachhier angefügt worden: « So sei nun, Seele, deine (d. h. seiganz du selbst) und traue dem alleine, der dich geschaffenhat. » Der robuste B-Dur-Choralsatz sorgt in diesemSinne für einen trotz der fragilen Flötenbesetzung kraftvoll-ermutigendenAbschluß dieser ungewöhnlich verinnerlichtenKantate.


MhinweiseDas Parkplatzangebot in Trogen (AR) ist beschränkt.Zusätzliche Parkplätze beim Feuerwehr-Depot (ParkplatzSpitzacker). Trogenerbahn ab St. Gallen HB im Viertelstundentakt.Wegen Ton- und Bildaufzeichnungen kann währendden Aufführungen kein Einlass gewährt werden.Mnächste kantatefreitag, 21. februar 2014, trogen (ar)« leichtgesinnte flattergeister »Kantate BWV 181 zu SexagesimaeReflexion: Hildegard Elisabeth KellerJ. S. Bach-Stiftung | Postfach 328 | CH-9004 St.Gallen | Telefon +41 (0)71 242 16 61info@bachstiftung.ch | www.bachstiftung.ch

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