Ausgabe 1329 als PDF zum Download - Kulturportal West Ost

kulturportal.west.ost.eu

Ausgabe 1329 als PDF zum Download - Kulturportal West Ost

Minister für die Vorlage, zwei dagegen,fünf enthielten sich. Die Gründe für dieUneinigkeit in der Regierung waren vielschichtig.Einerseits befürchtete sie, einenPräzedenzfall zu schaffen, durch den dieVertreibung der ungarischen Minderheitenin den Nachbarländern vorangetriebenwerden könnte, andererseits spielten aberdurchaus auch humanitäre Gesichtspunkteeine Rolle. Hierbei tat sich vor allem IstvánBibó hervor, der zuvor schon während derHerrschaft der Pfeilkreuzler verfolgte Judenmit Schutzpässen ausgestattet und so gerettethatte. Er trat aus Protest von seinemPosten im Innenministerium zurück.Am 29. Dezember 1945 wurden Kriterienfür die Ausweisung nationalsozialistischbelasteter Deutscher erlassen, die aberso formuliert waren, dass sie faktisch dieVertreibung des Großteils der deutschenMinderheit ermöglichten. Die Willkür desVerfahrens wird daran deutlich, dass alsHauptkriterium für die Aussiedlung galt,ob jemand bei der Volkszählung von 1941angegeben hatte, deutschsprachig oderdeutsch zu sein.Die ungarischen Behörden versuchtensich auf eine Entscheidung der AlliiertenKontrollkommission zu berufen. Dieseprotestierte jedoch gegen die Formulierung„auf Anweisung der Alliierten Kontrollkommission“im Zusammenhang mitder Vertreibung. Das sowjetische Mitgliedder Kommission hingegen übte Druck aufdie ungarische Regierung aus, die Vertreibungzu beschleunigen, um das gleicheVorhaben auch in der Tschechoslowakeivorantreiben zu können. Am 16. Januar1946 gab der damalige Innenminister ImreNagy – während des Volksaufstandes 1956Ministerpräsident und von den Kommunistenhingerichtet – die Anweisung, dass dieQuote der von der Vertreibung Ausgenommenenzehn Prozent der ortsansässigendeutschen Bevölkerung nicht übersteigendürfe. Beauftragte des Innenministeriumsentschieden demnach mehr oder wenigernach Gutdünken über Schicksale. Im Prinzipzeigte sich hier schon mit aller Deutlichkeitdie Willkür, die auch viele Ungarnin den folgenden Jahren erleben mussten.Bis Juni 1948 wurden mehr als 185 000deutschstämmige Ungarn enteignet, dieStaatsbürgerschaft wurde ihnen aberkannt.Schließlich wurden sie mit 50 bis100 Kilogramm Gepäck in das zerstörteDeutschland, überwiegend in das heutigeBaden-Württemberg, abgeschoben. Fastdrei Viertel der Immobilien und mehr als100 000 Hektar Land wurden den Ungarndeutschengenommen. Nachdem andie 150 000 Menschen vertrieben wordenwaren, stoppte die amerikanische Verwaltungdie Transporte, da die Versorgungzunehmend Schwierigkeiten bereitete undauch Uneinigkeit darüber bestand, ob Ungarndas bei der Vertreibung konfiszierteVermögen auf die Reparationszahlungenanrechnen solle.Daraufhin wurden auf Wunsch der ungarischenRegierung in den Jahren 1947und 1948 insgesamt 33 Transporte in diesowjetische Besatzungszone Deutschlands,vorwiegend in den Raum Dresden–Bautzen–Zwickau, umgeleitet. Dies betrafetwa 50 000 Menschen. Nach Ende derMaßnahmen war die deutsche Minderheitin Ungarn auf etwa die Hälfte reduziert.Allerdings erfüllten sich die Hoffnungender ungarischen Regierung nicht, dass dieVertreibung einige Probleme des Landeslösen würde. Stattdessen trat der zuvorbefürchtete Präzedenzfall ein. Die Tschechoslowakeiberief sich bei ihrem Umgangmit der ungarischen Minderheit explizit aufdas ungarische Beispiel.Der Umgang gerade der TschechischenRepublik mit den sogenannten Beneš-Dekreten, aber auch die noch andauerndeDiskussion über ein Zentrum gegenVertreibungen zeigt, wie schwer sich vielenoch immer mit dem Thema tun. Umsobemerkenswerter ist daher der Umgang derUngarn mit diesem Kapitel ihrer Geschich-KK1329 vom 25. Februar 20139


te. Schon kurz nach dem Zusammenbruchdes Kommunismus, im Jahre 1990, distanziertesich das ungarische Parlament vonder Vertreibung, und das Verfassungsgerichtannullierte die Gesetze über die„Kollektivschuld“ aus dem Jahre 1945. 1995entschuldigte sich der für Minderheitenzuständige Staatssekretär Csaba Tabajdiim Namen der ungarischen Regierung fürdie Vertreibung, und 2006 wurde – zum60. Jahrestag des Beginns der Vertreibung– eine Landesgedenkstätte und einDenkmal im Budapester Vorort Budaörserrichtet, an jenem Ort, wo die Vertreibungbegann. Zu diesem Anlass entschuldigtesich der Staatspräsident László Sólyom„bei den vertriebenen Schwaben und ihrenFamilien“.Die Worte des Präsidenten waren keineEinzelmeinung. Die ParlamentspräsidentinKatalin Szili wandte sich im Jahre 2007 imRahmen einer parlamentarischen Gedenkveranstaltunganstelle ihrer Vorgänger, diefür schändliche politische Entscheidungenverantwortlich waren, an die Ungarndeutschen:„Verzeihung! Nie wieder!“ Dass nundas ungarische Parlament dem Gedenktagzugestimmt hat, ist die konsequente Fortsetzungeines beispielhaften Umgangs mitder Vertreibung der deutschen Minderheit.Dies wurde auch von Seiten der deutschenBundesregierung anerkannt. So sprach derParlamentarische Staatssekretär Dr. ChristophBergner, Beauftragter der Bundesregierungfür Aussiedlerfragen und nationaleMinderheiten, von einer „begrüßenswertenTradition von Geschichtsbewältigung“.Es bleibt festzuhalten, dass Ungarn beherzigthat, was der ehemalige BundespräsidentRoman Herzog über die Vertreibungenzum Ausdruck brachte: „Kein Unrecht,und mag es noch so groß gewesen sein,rechtfertigt anderes Unrecht. Verbrechensind auch dann Verbrechen, wenn ihnenandere Verbrechen vorausgegangen sind.“In diesem Sinne ist Ungarn mit der Einrichtungdes Gedenktages am 19. Januarseiner politischen Verantwortung gerechtgeworden.Frank Spengler, Friedrich Mark (KK)Konrad Adenauer Stiftung e. V., Auslandsbüro Ungarn,Batthyány u. 49. H-1015, Budapest„Der Staat stellt Erde, Wasser und Stroh“Deportationen aus dem Banat in die rumänische Steppe Baragan 1951Eine weite Steppenlandschaft, ein unendlicherBlick bis zum Horizont: Was aufBildern durchaus idyllisch wirken kann, istfür so manchen mit grauenvollen Erinnerungenan eine unbarmherzige Deportationverbunden. Das Zentrum für Kommunismusforschungin Rumänien hat 2011, nachgenau 60 Jahren, eine gut dokumentierteAusstellung zu den Deportationen der Jahre1951–1956 in die unwirtliche und dünnbesiedelte Baragan-Steppe erstellt.Betroffen von der stalinistischen Maßnahmewaren schätzungsweise 50 000Menschen, die als politisch unzuverlässiggalten, ein Viertel davon Banater Schwabenaus dem Grenzgebiet zu Titos Jugoslawien.Diese Wanderausstellung wird nun in derin Zusammenarbeit mit dem RumänischenKulturinstitut in Berlin erstellten deutschenVersion (Übersetzer der Texte: GerhardtCsejka) in deutschen Städten gezeigt(Berlin, München, Sindelfingen, geplantAugsburg, Reutlingen, Ulm, Tübingen).Wie es zu den Deportationen kam, zeigenzwei der Ausstellungsbilder mit stalinistisch-roterHintergrundfärbung („EineOperation sowjetischen Typs“). HistorischeDaten und Fakten werden auch auf ande-10 KK1329 vom 25. Februar 2013


en Paneelen vermittelt, doch im Vordergrundstehen Schicksale, die über Bilderund Zitate der Betroffenen erfasst sind:Notunterkünfte, die sie sich in den hartenBoden graben mussten, um dem Wind zuentgehen, die ersten Häuser, die sie dannin Gemeinschaftsarbeit errichteten, derharte Arbeitsalltag, die Organisation desAlltagslebens mit Kindern, Schule usw.sowie Ereignisse wie Geburten, Taufen,Hochzeiten oder Beerdigungen.Das Titelzitat stammt aus einem Brief einesBanater Deportierten, des späteren SchriftstellersLudwig Schwarz, vom 28. Juni 1951.In den fünf Jahren bildete sich in 18 Ortschaftenein Mikrokosmos der zufällig dorthinGeratenen, die, vom gleichen Schicksalgeschlagen, sich damit abfinden und dasLeben organisieren mussten. Zumal keinerwusste, wie lange das dauern würde und obsie jemals wieder heimkehren dürften. Beeindruckenddie beiden Tafeln mit Namenvon Toten ohne jeden weiteren Kommentar.Nicht von der Statistik erfasst sind die dortzur Welt gekommenen Kinder, beispielsweisedie heute bekannten SchriftstellerGerhard Ortinau (siehe unser letztes HeftSeite 9) und Horst Samson.Für die in Deutschland lebenden BanaterSchwaben stand das Thema Baragan-Deportation immer schon im Fokus vonPublikationen historischer Rechercheergebnisse,Zeitzeugenberichten undVeranstaltungen. Umso wichtiger, dassjetzt ein Blick auf die gesamte Maßnahmevon rumänischer Seite aus dokumentiertwird. Es handelte sich nicht, wie im Fallemanch anderer „Maßnahmen“, um einenvordergründig ethnisch diskriminierendenHintergrund, die Mehrheit der Deportiertenwaren Rumänen. Dokumentiert wird einepolitische Strafaktion an Unschuldigen,gleichzeitig aber auch ein pragmatischesZusammenleben in unwirtlichen Bedingungen.Die vom Zentrum für Kommunismusfor-Der Kleine links hat schon eine Mütze, etwas Brenn- oder gar Baumaterial hat er auch, nur ob ereine Zukunft hat ...Bild aus der AusstellungKK1329 vom 25. Februar 201311


schung geschaffene Ausstellung ist einweiterer Beweis dafür, dass es in Rumänienernsthafte Bestrebungen gibt, das kommunistischeErbe wissenschaftlich fundiert zuerfassen und auch seine Ungeheuerlichkeitenaufzubereiten. Gegründet wurde diesesZentrum von dem SchriftstellerehepaarAna Blandiana und Romulus Rusan im Zusammenhangmit der Gedenkstätte im berüchtigtenSecuritate-Gefängnis in Sighet.Das Material für die ständige Ausstellungder Gedenkstätte und zahlreiche Wanderschauenwird im Bukarester Forschungszentrumgesammelt und ausgewertet –Zeitzeugenberichte, Fotos, Tondokumente,Akten und auch die Forschungsergebnisse,die es zu dem Thema gibt. Auf Anregungdes Europarates wurde 1994 noch die StiftungBürgerakademie gegründet, die denAufbau und die Verwaltung des Projektes„Memorial Sighet“ finanziell und ideellunterstützt und es so von den staatlichenStellen weniger abhängig sein lässt. „MemorialSighet“ kann auf 20 ergebnisreicheArbeitsjahre zurück blicken.Halrun Reinholz (KK)Mancherorts ist Geschichte noch vergangenerDie jüdische Gemeinschaft der Stadt Kempen, Provinz PosenDie Stadt Kempen/Kepno im südlichenTeil der Woiwodschaft Großpolen kannauf eine jahrhundertelange Geschichtezurückblicken. Die älteste urkundliche Erwähnungstammt aus dem Jahr 1282. Nacheiner ersten Blütezeit verlor der Ort anBedeutung angesichts des Aufschwungsder benachbarten neuen Stadt Baranow.1660 wurden Kempen von König JohannII. Kasimir jedoch erneut die Stadtrechteverliehen.Das neue Kempen war von Beginn an einemultikulturelle Stadt: Neben der örtlichenpolnischen Bevölkerung lebten hier auchNeusiedler aus Schlesien und Juden.Besonders letztere Bevölkerungsgruppewuchs rasch an Zahl. Jüdische Siedlerkamen nicht nur aus anderen polnischenStädten, sondern auch aus den benachbartenschlesischen Kreisen. Ihnen und ihrenNachkommen gewährte der StadtobereMarcin Olszowski 1674 ein besonderesSiedlungsprivileg. Man erlaubte ihneneine Synagoge und ein Rabbinerhaus zubauen, ein eigenes Schulgebäude, eineBadeanstalt und weitere Einrichtungen, diefür das Funktionieren ihrer Kultusgemeindenotwendig waren. Auch ein Grundstück fürden Friedhof wurde ihnen zugeteilt.Die jüdische Gemeinschaft konnte inHandel, Handwerk, Finanzsektor sowieim Gerichtswesen viele Vorrechte nutzen.Die vorteilhaften Lebensbedingungen, dieseitens der Stadtobrigkeit für die neuenSiedler geschaffen wurden – hinzu kamdie günstige Lage in der Nähe der schlesischenGrenze am „königlichen“ Weg, derBreslau mit Warschau verband –, trugendazu bei, dass die Anzahl der Stadteinwohnerund ihr Vermögen kontinuierlich wuchsen.In Joachim Christoph Friedrich Schulz’„Reise nach Warschau – Eine Schilderungaus den Jahren 1791–1793“ heißt es überdie Stadt: „Kempen ist ein ziemlich nettesStädtchen, die Einfahrt in die Stadt ist sauber,der Marktplatz ist groß und umsäumtvon gepflegten Häusern, viele von ihnenliegen außerhalb des Marktplatzes. Obwohlsie aus Ziegeln errichtet wurden, gefallensie mir. Ich reiste durch Polen und Litauen,dort wurden nur Holzhütten gebaut. Wirerreichten schon die Grenze zu Schlesien,und dem Einfluss dieser Nachbarschaftverdanken wir, dass die Umgebung, die12 KK1329 vom 25. Februar 2013


Plastik von Sieglinde Bottesch im Haus des Deutschen Ostens, München (Seite 20) –ein Instrument, ein Relikt, eine Reliquie? Sie lässt jedenfalls an den jüdischen Schofar denkenBild: HDOWälder, die Felder und die Städtchenbesser gepflegt werden, und sie sehenbesser und sauberer aus.“ Das wirtschaftlicheLeben der Stadt wurde zunächstvon der jüdischen und der evangelischenGemeinschaft bestimmt. Nach einiger Zeiterrangen jüdische Unternehmer, Kaufleuteund Handwerker jedoch eindeutig eineFührungsposition. Auf die herausragendewirtschaftliche Aktivität der Juden inKempen machte August C. Holsche aufmerksam,der Ende des 18. Jahrhundertsals preußischer Beamter in der KreisstadtPetrikau tätig war. Über den damals zugleichblühenden Schmuggel schrieb u. a.Manfred Laubert in seiner kleinen Skizze„Eine Episode aus dem Schmugglerwesenunserer Provinz“. Laubert verdächtigtezugleich pauschal die Stadtbewohner derBeteiligung am Schmuggel und sonstigenillegalen Transaktionen.Unter den jüdischen Stadtbewohnern undihren Nachfahren waren zahlreiche Persönlichkeiten,die sich große Verdienste umWissenschaft, Kultur und Kunst erwarben.Dies spricht für den Reichtum des geistigenLebens im südlichsten Ort der ProvinzPosen.Neben den vielfältigen Verbindungen in dieProvinzhauptstadt Posen gab es intensiveBeziehungen zur näher gelegenen und weitbedeutenderen Universitätsstadt Breslau.Hier wie auch in Berlin absolvierten dieherausragendsten Vertreter der jüdischenGemeinschaft aus Kempen ihre akademischeAusbildung und Studien, allen vorandie gelehrten Rabbiner. Unter ihrer Obhutentwickelte sich eine nächste Generation,die ihrer geistlichen Berufung in den Synagogenvon Berlin, Trier, Mannheim, Bayreuthund anderen deutschen Städten nachging.Einige der berühmten Schriftgelehrten,deren Namen mit Kempen verbunden sind,waren etwa Meschullam Salomon Cohn,Izrael Jonas Landau oder Jacob SymchaRehfisch.KK1329 vom 25. Februar 201313


Mit der Stadt Kempen sind auch bedeutendeVertreter der Wissenschaft verbunden.Man kann zunächst Gustav Born erwähnen,Anatomieprofessor an der UniversitätBreslau und Vater des NobelpreisträgersMax Born (1954). Die Liste kann erweitertwerden: Eugen Rehfisch, Vorreiter der Urodynamik,Hermann Aron, Elektrotechniker,Erfinder und erfolgreicher Unternehmer,oder der Archivar und Historiker Adolf Warschauer.In Kempen war zudem Dr. LouisLevin als Rabbiner tätig, der sich als Autorzahlreicher Arbeiten über die Geschichteder Juden im Posener Land einen Namenmachte.Einer der berühmtesten deutschen Theaterkritikeram Ende des 19. und Anfang des20. Jahrhunderts war Alfred Kerr. Jedochnur die Wenigsten wissen, dass Kerrs Vorfahrenaus Kempen stammen – ursprünglichhieß er Kempner. Hier wie später auchin den Nachbarstädten Praschkau undWelun lebten zahlreiche Angehörige seinerFamilie. Einige von ihnen kamen dort alsKaufleute und Unternehmer zu Ansehenund Besitz. Dies gilt in besonderem Maßefür Joachim Kempner, den Großvater vonAlfred Kerr. Ihm gehörte die einzige Fabrikin Praschkau, offenbar ein eisenverarbeitenderBetrieb. In dem von Joseph Chapiroherausgegebenen „Buch der Freundschaftfür Alfred Kerr“ schrieb dieser über seinenVater und Großvater: „Ich bin zu Breslau inder Weihnacht 1867, nicht lange nach zwölfUhr, geboren als Sohn des WeinhändlersEmanuel Kempner, der ursprünglich Malerhatte werden wollen; den aber seinepatrizischen, in dem Städtchen Wielun ander oberschlesisch-polnischen Grenzesesshaften, von der Durchschnittseinwohnerschaftbewusst abgesonderten, rechtwohlhabenden Eltern für den Kaufmannsberufnach Berlin schickten.“Die Welt der Juden aus der Stadt Kempengehört der Vergangenheit an. Man kanndort nicht mehr die Musik einer Klezmerkapellehören, die an die galizischen Musiktraditionenerinnert und auf Jiddisch singt.Es erklingt auch keine Mazurkamelodiewie „Unser Chłopicki, ein tapferer Soldat“(General Józef Grzegorz Chłopicki warpolnischer Oberbefehlshaber währenddes Aufstands 1830/31), wie zufällig eingeflochtenin die hebräischen Lieder, diewährend der Konzerte in der örtlichenSynagoge gespielt wurden. Diese Welt istfür immer untergegangen.Nur wenige Bauten erinnern an die einstigenEinwohner. Zum Glück versucht manjedoch zunehmend, diesen Teil der Stadtgeschichtedem Vergessen zu entreißen. InKempen werden neue Projekte ins Lebengerufen, deren Ziel die Erinnerung an eineStadtgeschichte ist, die von Deutschen,Polen und Juden, Gläubigen dreier Konfessionen,getragen und gestaltet wurde.Am 25. September 2008 fand vor demSynagogengebäude ein viel beachtetesökumenisches Gebet statt. Es wurde vonIcchak Rapoport, den Hauptrabbiner vonBreslau und Schlesien, Pfarrer KanonikerKrzysztof Nawrocki und Pastor MichalKühn geleitet. 2009 wurde eine notarielleUrkunde unterzeichnet, mit der der Rat derjüdischen Glaubensgemeinschaft in derRepublik Polen das Synagogengebäude andie Verwaltung der Stadt Kempen übergab.Das Gebäude soll in Zukunft kulturellenZwecken dienen.Juden, Polen und Deutsche haben überJahrhunderte gemeinsam die Geschichteder Stadt Kempen geprägt. Ihr Zusammenlebenhat eine ganz eigene lokale undregionale Kultur geschaffen, die mit derShoa, dem NS-Terror im besetzten Polenund Flucht und Vertreibung der deutschenEinwohner unwiederbringlich ihr Endegefunden hat. Diese Kultur wird heute wiederentdecktund dokumentiert als Bestandteileiner umfassenderen europäischenErinnerungskultur und als gemeinsamesErbe. Sie mahnt zugleich an die Menschen,die mit Kempen ihr Leben, ihre Wünsche,Hoffnungen und Träume verbunden haben.Magdalena Oxfort,Zdzislaw Wlodarczyk (KK)14 KK1329 vom 25. Februar 2013


Westpreußische Expansion im MünsterlandDas Landesmuseum bezieht das Franziskanerkloster WarendorfIm Herbst dieses Jahres sollen die erstenBesucher die Räumlichkeiten des neueingerichteten Westpreußischen Landesmuseumsin Warendorf kennenlernen.Bis dahin wird noch viel renoviert undrestauriert, vor allem jedoch viel sortiert,gepackt, transferiert und publikumswirksamin Szene gesetzt.Der Umzug des Westpreußischen Landesmuseumsaus dem Drostenhof vonMünster-Wolbeck in das ehemalige Franziskanerklosterin der Emsstadt Warendorferfordert eine große logistische Leistung.Die bisherige Heimat des Museums, daskunstvolle Renaissancegebäude aus demJahre 1557, hätte einer dringenden Renovierungbedurft, um die Arbeit des WestpreußischenLandesmuseums langfristignach den Standards des InternationalenMuseumsrates auf eine gute Basis zu stellen.Die energetische Gebäudesituation warebenso unbefriedigend wie die fehlendenAusstellungsflächen und die notwendigeBarrierefreiheit. Die für eine Fortführungder Museumsarbeit nötigen Maßnahmenließen sich an diesem Standort nicht verwirklichen.Das Haus und seine Trägerstiftung entschiedensich – nicht zuletzt auch dankder Unterstützung durch die FamilieHorstmann aus Münster-Wolbeck – fürden Umzug in das ehemalige FranziskanerklosterWarendorf. Das Gebäude bietetmehr Platz, Komfort und Service und istweitgehend behindertengerecht. Nichtzu vergessen ist die Klosterkirche, in derneben Gottesdiensten auch Konzerte undVorträge stattfinden werden.In der zweiten Hälfte des Jahres 2013wird das neue Museum im ehemaligenKloster in Warendorf Schritt für Schritteingeräumt, werden die Büros bezogenund all die Arbeiten ausgeführt, damit dasWestpreußische Landesmuseum seineneuen Ausstellungen präsentieren kann.Ein wesentliches Ziel der Modernisierungund der Neukonzeption des WPLM sowieseiner Verlagerung in das ehemaligeFranziskanerkloster in Warendorf ist eineerhebliche Attraktivitätssteigerung undSelbst ein Gittertorkann einladendsein, derehemalige Kloster-und jetzigeMuseumsgartenallemalBilder: der AutorKK1329 vom 25. Februar 201315


Wie zur Illustration des Unterschiedes zwischengekrümmt und gespannt: perspektivischerBlick in die Klosterkircheeine sich daraus ergebende umfassendeErweiterung der Zielgruppen im Sinne einerÖffnung für alle Interessenten sowohl im lokalenUmfeld als auch darüber hinaus. DasMünsterland mit einer Million und das Ruhrgebietals nahegelegener Ballungsraummit seinen über fünf Millionen Einwohnernstellen ein großes Besucherpotenzial dar.Weiterhin wird das WPLM aufgrund derguten Beziehungen zu Kooperationspartnernin den östlichen Nachbarländernseine Aufgaben als aktiver „Brückenbauer“verstärkt wahrnehmen. Insbesondere wirddas Haus den Kulturaustausch im Rahmender europäischen Völkerverständigungvorantreiben.Museumsleiter Dr. Lothar Hyss verriet, dassfür die künftige Resonanz des Hausesseine Aktivitäten sowohl im Bereich derDauerausstellung als auch der Wechselpräsentationenrelevant sein werden. DieNeugestaltung wird im Hinblick auf diejunge Generation und deren prekärenWissensstand über den ehemals deutschenOsten entwickelt. So etwa soll eskeine Beschränkung auf die historischeVergangenheit geben, sondern auch dieAuseinandersetzung mit Aspekten derGegenwart und Zukunft.Das WPLM und das Kulturreferat werdenfür Warendorf und die umliegenden Orteein reichhaltiges und abwechslungsreicheskulturelles Angebot bereitstellen. DasKulturreferat organisiert rund 20 Veranstaltungenpro Jahr. Die Zusammenarbeit mitSchulen sowie mit anderen Bildungs- undKultureinrichtungen wird ebenfalls ein festerBestandteil der künftigen Museumsarbeitsein. Der Anspruch, als außerschulischerLernort zu wirken, wird ausgebaut.Die Besucher dürfen nicht nur auf die Umgestaltung,sondern auch auf Neuanschaffungengespannt sein. Dank der Förderungdes Beauftragten der Bundesregierung fürKultur und Medien konnte das WestpreußischeLandesmuseum vor kurzem fünfKunstwerke bedeutender westpreußischerMaler erwerben und damit seine Gemäldesammlungerweitern. Es handelt sich umArbeiten von Alfred Scherres, Bruno Krauskopf,Ernst Kolbe und Kurt Haase-Jastrow.Einige der Künstler sind bereits in denvergangenen Jahren mit Ausstellungen,Katalogen, Büchern und Aufsätzen vomWestpreußischen Landesmuseum gewürdigtworden. So ist im Jahre 2012 über denMaler und Grafiker Ernst Kolbe ein Bucherschienen (Lothar Hyss und WolfgangZeisig: Ernst Kolbe. Ein Impressionist ausWestpreußen), das die erste und vorläufigeinzige Publikation über diesen bedeutendenKünstler darstellt.Die Neuanschaffungen werden demnächstim neuen Westpreußischen Landesmuseumin Warendorf präsentiert. Sie steigerndie Attraktivität der Sammlung dieser Einrichtungwesentlich und sind ein nachhaltigerBeitrag zur Erhaltung und Erforschungvon Kultur und Geschichte der historischenRegion Westpreußen.Dieter Göllner (KK)16 KK1329 vom 25. Februar 2013


Bücher Medien VeranstaltungenEin guter Gast(arbeiter)Steffen Möller: Viva Polonia. Als deutscherGastarbeiter in Polen. Fischer-Verlag, Frankfurtam Main 2008Ein gutes Buch ist ein Buch, von dem der Leserüberzeugt ist, er hätte es selbst nicht andersgeschrieben. Dieser Grundgedanke mag derSchlüssel zum Erfolg von „Viva Polonia“ vonSteffen Möller sein, das hier eine späte Würdigungfindet. Hinzu kommt, dass es sich um einganz und gar ungewöhnliches Thema handelt,nämlich um ein Land und um Menschen in unsererNachbarschaft, die wir viel weniger kennenals manche entfernte Urlaubsregion.Aber der Reihe nach: Es geht nicht um einenDeutschen, der auszog, die große weite Weltoder unser Nachbarland Polen kennenzulernen.Der Autor wollte einfach nur „ein bisschenPolnisch lernen“, war überzeugt, dass man soetwas am besten im Land selbst macht, undwollte deshalb für ein paar Wochen nach Krakaugehen. Dass ihn Land und Leute dort fasziniertenund er ganz einfach blieb, das ist dasUngewöhnliche an der Geschichte. Und dassSteffen Möller, der Philosophie und Theologie inBerlin studiert hat, an polnischen UniversitätenDeutsch unterrichtete, ist auch noch logischnachzuvollziehen. Erstaunlicher und ganzungewöhnlich ist, dass er als Kabarettist (inpolnischer Sprache selbstverständlich) und alsFernseh-Comedian im Nachbarland erfolgreichist. So hat man sich in Polen einen Deutschenwohl doch nicht vorgestellt. Das ist ein persönlicherErfolg für Steffen Möller und ein wichtigerAnsatzpunkt in Polen für eine veränderte Sichtder Polen auf die Deutschen.Gewiss, aus vielerlei Gründen ist die deutschpolnischeBeziehung nicht unproblematisch.Und gerade hier schafft es Möller mit seinemBuch, das zunächst in ähnlicher Form in polnischerSprache erschien, auf Vorurteile von undüber beide Seiten einzugehen. Dies gelingt ihmmit viel Ironie und Selbstironie, er lässt lächelnund schmunzeln, ohne etwas ins Lächerlichezu ziehen.Die literarische Leichtigkeit, die keineswegsoberflächlich ist, bringt die Leser dem Nachbarlandnäher, von und auf beiden Seiten. Natürlichgibt es keinen direkten Weg, dem Geheimnis derpolnischen Mentalität auf die Spur zu kommen,hier ist aber, wie bei vielen Reisen, der Wegwichtiger als das Ziel. Dies wird in all den Erlebnissenund Episoden deutlich, die Steffen Mölleraus seinem polnischen Alltag berichtet. Er ist oftüberraschend offen, ohne anzuklagen, er sprichtes deutlich aus, wenn er vom Zusammenlebenmit den Polen beeindruckt ist, und schüttelt übersich und die Polen den Kopf, wenn er mal wiederGast in verschiedenen Fettnäpfchen war.So vielseitig wie der Alltag eines Menschenist, wohlgemerkt eines Deutschen in Polen, sofacettenreich erleben wir auch das, nennenwir es ruhig: normale Leben der Polen beziehungsweisein Polen. Dieses bunte Mosaik vonErlebnissen, Besonderheiten und Alltäglichkeiten,Banalem und Überraschendem kann derLeser sich auch selbst zu einem Kaleidoskopzusammenstellen. Mögen die Polen anarchisch,skeptisch, manchmal trotzig sein, wie auchimmer, sie sind stets liebenswert. Aus vielenBlickwinkeln wird beispielsweise die Situationund Stellung der Frauen bzw. der Männer beiden Polen beleuchtet. Der Autor geht dabei aufbekannte Klischees ebenso ein, wie er deutlichmacht, dass die Frau in Polen durchaus emanzipiert,aber nicht nur selbstbewusst geworden,sondern auch weiblich geblieben ist.Achtung zeigt Steffen Möller vor der Improvisationskunstder Polen. Und Verwunderung darüber,dass man in Polen im Grunde genommen alleswiderrufen, ändern, verschieben oder absagenkann. Der Autor leistet in vielen Bereichen„Aufklärungsarbeit“. Das mag mal verwunderlich,mal erstaunlich, mal auch widersprüchlichsein, langweilig ist es nie. Dies ist wohl dereigentliche Reiz des Buches. Darin finden wirunter anderem die Erklärung dafür, dass dasKK1329 vom 25. Februar 201317


Absurde in Polen eine größere Karriere machtals das Selbstverständliche, denn bei allergesunden Skepsis erblüht bei den Polen einereiche Phantasiewelt.Dass Steffen Möller es versteht, fröhlich, ungezwungenund unmissionarisch den Polendie Deutschen und den Deutschen die Polennäherzubringen, hat ihm viel Anerkennung unddas Bundesverdienstkreuz eingebracht. Seinerfolgreiches deutsches Buch „Viva Polonia“ hater ergänzt mit verschiedenen organisatorischenRatschlägen, Hinweisen und Tipps. So sei hieram Rande erwähnt, dass die Kontaktaufnahmein Polen einfacher sei, dass die Polen beimFlirten mutiger, charmanter, schneller und erfahrenerseien, aber auch abgehärteter gegenMisserfolge.Wissen muss man auch, dass sie immer hörenwollen, dass es bei ihnen die beste Wurstder Welt und das beste Brot überhaupt gibt.Und wenn jemand von einem Polen nach derschönsten Musik der Welt gefragt wird und ernicht sofort Chopin sagt, nun, dann ist er ebenselber schuld. All das erfährt man in dem Buchvon Steffen Möller, weder schulmeisterlich nochbesserwisserisch, weder übertrieben ironisch,noch gleichmacherisch, ganz einfach ehrlichund offen nach beiden Seiten. Das macht dasBuch so „selbstverständlich“, als hätte es derLeser irgendwie selbst miterlebt. Und mitgeschrieben,siehe oben.Franz Anton Bankuti (KK)Wo die Zeit die Schuhe abstreiftIris Wolf: Halber Stein. Otto Müller Verlag, Salzburg2012, 294 Seiten, 21 EuroMichelsberg, ein malerisches Dorf unweit vonHermannstadt – ein Ort, dessen Atmosphäredie Ich-Erzählerin in die Vergangenheit blickenund die Zukunft erahnen lässt. Er bietet genaudas, was die Handlung dieses Romans braucht:eine romantische Kulisse mit Kirschgärten „tiefverschleiert“, mit den Ausläufern der Karpaten„in blaugraue Pastelltöne gehüllt“, mit mittelalterlicherWehrmauer, einem Burgberg und einerBasilika aus dem 13. Jahrhundert, mit Kirchenglocken,deren Läuten „von ihrer Hingabe andiese Welt“ erzählt, mit einem Silberbach, dereinen Halben Stein, ein Naturdenkmal, birgt,mit einem Wald ringsherum, dessen Boden „aneinigen Stellen von Moos durchwirkt“ ist, sodass er dazu einlädt, die Schuhe abzustreifen …Nicht nur Schuhe werden abgestreift. EinenLebensabschnitt lässt die Ich-Erzählerin hintersich – erinnernd. Und durch das erinnerndeVerarbeiten vergessen geglaubter Kindheitserlebnissegelingt es Sine, der Ich-Erzählerin,sich zu einer Leichtigkeit des Seins emporzuschwingenund sich „singend“ Kommendem zuöffnen. Dominiert zu Beginn des Romans einelethargische Stimmung mit nebulösen, schwerzu deutenden „Zeichen“, mit einer jungen Frau„auf der Schwelle in ein künftiges Berufsleben“,„unfähig, (…) einen Plan zu fassen“, einer Frau,die dem Müßiggang frönt und erst ab Seite 84,„einer Laune folgend“, anpackt und bei den„letzten Vorbereitungen“ für die Beerdigungihrer Großmutter mithilft, so steht am Ende eineentschlossene Frau vor uns, die „Zeichen“ zudeuten und ihr Leben zu gestalten weiß.Warum sie erst jetzt wieder nach Michelsberggekommen sei, will Julian wissen, während ersich mit Sine, seiner Freundin aus Kindertagen,über schöngeistige Literatur unterhält. Er,dessen Mutter eine Siebenbürger Sächsin unddessen Vater Rumäne ist, hat viele Fragen – undmindestens genauso viele hat Sine. WährendSine, gerade mit ihrem Studium fertig, unschlüssigin die Zukunft blickt und ihren Lebensstoffaus der Literatur und Phantasie bezieht, hatJulian einen existenziellen Vorsprung: Er, derGeschichte studieren möchte, fühlt sich für dieFamilie verantwortlich, seit sein Vater sie verlassenhat. Die Fragen der beiden finden ihreAntwort in einer Liebesgeschichte.Wie sehr sie sich in ihrem „neuen Leben“ inDeutschland nach „dem Läuten der Glocken,dem sprudelnden Silberbach und ruhigenZibin, nach Agneta und dem Haus mit demrätselhaften rechten Winkel“ gesehnt hat, spürtSine erst, als sie die Fäden ihres alten Lebenswiederaufnimmt. Mit ihrem Vater, einem Künstler,kehrt sie nach zwanzig Jahren an den Ortihrer Kindheit zurück, den „prägenden Ort, dereinen nicht loslässt“. Der Anlass ist ein trauriger– die Beerdigung ihrer Großmutter Agneta, derMutter ihres Vaters, die nicht nach Deutschlandausgewandert ist. Ihr Haus ist „die letzte Heimstätte“,die Sines Familie in Siebenbürgen hat.18 KK1329 vom 25. Februar 2013


Der Großvater, Besitzer einer Färberei, ist frühverstorben. Zweiter Weltkrieg, Deportation nachRussland und die sozialistische Umstrukturierungdes Landes waren nicht spurlos an ihmvorbeigegangen. Tiefer als diese Narben warallerdings eine andere, verursacht von einemMann namens Andrei, der Agnetas Leben sensibelgestreift hatte.Sines Großeltern mütterlicherseits sind der jungenFamilie nach Deutschland gefolgt – mit derDevise: den Blick nach vorn richten, denn derBlick zurück verspricht nichts Stabilisierendes:„Wie oft mussten die Sachsen ihre Staatsbürgerschaftwechseln! Unsere Urgroßeltern warenösterreichische, dann ungarische Staatsbürger.Die Großeltern königlich-rumänisch, die Elternsozialistisch-rumänisch …“ – Der Roman entrollteine siebenbürgische Familiensaga: ein Teil derFamilie, verkörpert durch Vater und Tochter,sehnt sich nach einem Ort, an dem „selbst dieZeit ihre Schuhe abstreift“, einem Ort der Stilleund Erfüllung; der andere Teil, verkörpert durchMutter, Onkel, Großeltern mütterlicherseits,schieben Vergangenem den Riegel vor. EinRiss geht mitten durch die Familie – doch wirdkein Versuch unternommen, Gemeinsameszu entdecken, viel zu unterschiedlich gelagertsind die Lebensgefühle. Die Reise von Vaterund Tochter in die Vergangenheit endet mitder Wiederaufnahme einer nicht zu tilgendenErinnerungsspur. Vater und Tochter wollen dasHaus der Großmutter nicht aufgeben – der Onkelwird ausbezahlt, Vater und Tochter erwerbenein Sehnsuchtsdomizil, das sie nunmehr nachBelieben aufsuchen können.Iris Wolff, 1977 in Hermannstadt geboren, legtmit „Halber Stein“ ihren ersten Roman vor – dieSprache ist lyrisch, der Hintergrund historisch,die Perspektive philosophisch. Ein Wie-ich-zumir-finde-Roman.Ingeborg Szöllösi (KK)Die Lebenskraft der TotgesagtenZuversicht verbreitete Prof. Dr. Gerhard Seewann,Inhaber des Stiftungslehrstuhles fürdeutsche Geschichte und Kultur im südöstlichenMitteleuropa in Fünfkirchen (Pécs), im MünchnerHaus des Deutschen Ostens, als er sein neuesStandardwerk „Geschichte der Deutschen inUngarn“ vorstellte. Er habe keinen Zweifel, dassdie in der Geschichte schon häufig totgesagtedeutsche Minderheit in Ungarn fortbestehenwerde. Ähnlich optimistisch äußerte sich Dr.Ágnes Tóth, Direktorin des Instituts für Minderheitenforschungder Ungarischen Akademie derWissenschaften in Budapest, die sich in ihrerStudie „Rückkehr nach Ungarn 1946–1950“ miteinem kaum bekannten Phänomen beschäftigt:Obwohl strengstens verboten, flüchtetenmehr als 10 000 Donauschwaben nach derVertreibung zurück und lebten zunächst im„sozialen Untergrund“. Viele wurden bei Razzienaufgegriffen, zu Haftstrafen verurteilt oderin Budapest in ein Internierungslager gestecktund nach Österreich abgeschoben. 8000 bis10 000 Donauschwaben – so ein Vermerk derungarischen Staatssicherheit aus dem Jahre1950 – schafften es schließlich, trotz zum Teilmehrfacher Ausweisung, in Ungarn sesshaft zubleiben, ein beispielloses Detail in der Vertreibungsgeschichteder Deutschen.Dr. Ágnes Tóth liefert in ihrem Buch einesoziologisch-inhaltliche Analyse von 46 Interviews,die sie in den Jahren 2004 und 2005 inungarischer Sprache mit zurückgekehrten Donauschwabengeführt hat. „Bei vielen Befragtensetzte der Erinnerungsprozess erst mit diesenInterviews ein“, erklärte die Autorin. Im Anhangsind 19 dieser Interviews nachzulesen. Einebemerkenswerte Konstante bei den Befragtenist der „ungarische Staatspatriotismus“. Das wirddeutlich schon an dem Detail, dass im Rahmender Vertreibung auf Wunsch der Vertriebenenbei den Aussiedlerzügen von der Musikkapelledie ungarische Nationalhymne gespielt wurde.Für die Deutschen aus Ungarn war es ein doppeltesTrauma, dass sie als deutschsprachigeungarische Staatsbürger aus Ungarn vertriebenund in Deutschland auf Grund ihres Dialektesvereinzelt als „ungarische Zigeuner“ tituliertwurden. Im Rahmen der Buchvorstellung wurdeferner darauf hingewiesen, dass die nach demZweiten Weltkrieg aus der Slowakei ausgesiedeltenUngarn ihr komplettes Hab und Gut(inklusive Vieh, Heu und teilweise sogar Mist!)transferieren konnten.Professor Dr. Gerhard Seewann nannte als einenseiner Antriebskräfte für die Erstellung des1200 Seiten starken Werkes „Geschichte derDeutschen in Ungarn“ – allein das Quellen- undLiteraturverzeichnis umfasst 230 Seiten – dieKK1329 vom 25. Februar 201319


anhaltende „Ethnifizierung der ungarischenGeschichte“ an Schulen und Universitäten. Erverwies dabei auf den kuriosen Umstand, dassnationale Minderheiten in der ungarischenGeschichtsschreibung nicht vorkommen undbei der Schilderung der Stadtgründungen imMittelalter das Kunststück gelinge, das Wort„deutsch“ zu vermeiden. Dabei spielten dieDeutschen bei den Stadtgründungen im ostmitteleuropäischenRaum eine zentrale Rolle,fast alle Städte wurden im Rahmen der Ostkolonisationvon Deutschen gegründet. ProfessorSeewann schätzt die Anzahl der Deutschen inUngarn auf mindestens 300 000 am Ende desMittelalters (bei einer Gesamtbevölkerung von3,5 Millionen), auf 400 000 am Ende der Türkenkriege,zu denen sich dann rund 400 000 im18. Jahrhundert angesiedelte Donauschwabengesellten. Auf Grund des Geburtenüberschusseskann man Ende des 18. Jahrhunderts vonrund einer Million Deutschen in den damaligenGrenzen Ungarns ausgehen. Ende des 19. Jahrhundertswaren es dann staatlichen Statistikenzufolge rund 2 Millionen Deutsche, wobei derHistoriker aus kirchlichen Quellen schließt, dasses bestimmt zehn Prozent mehr gewesen seien.1920 verblieben im Trianon-Ungarn 500 000Deutsche, 1954 waren es 240 000.Eine heutige Bestandsaufnahme – die Ergebnisseder Volkszählung von 2011 liegen nochnicht vor – sei schwierig, denn: „Die Deutschenweigern sich, bei Volksbefragungen ihre Identitätpreiszugeben.“ Hier wirken die traumatischenErfahrungen der Nachkriegszeit fort. Die Volkszählungaus dem Jahre 2001 weist 62 000Deutsche aus. Schwerpunkt des ersten Bandesist die Ansiedlungszeit der Donauschwaben im18. Jahrhundert, Schwerpunkt des zweiten Bandesdie Zeit von 1914 bis 1945. Zentral erörtertwerden auch der Verlust, den Ungarn durch dieVertreibung der Deutschen erlitt, sowie Fragenzur Gegenwart der deutschen Minderheit: Wasist noch vorhanden? Wie ist es um die Identitätund die Selbstverortung bestellt? In welcheRichtung geht es? Die bibliographischen Datender beiden vorgestellten Bücher, die über jedeBuchhandlung in Deutschland bezogen werdenkönnen:Tóth, Ágnes: Rückkehr nach Ungarn 1946-1950.Erlebnisberichte ungarndeutscher Vertriebener.München 2012. Oldenbourg Verlag. 389 Seiten.Seewann, Gerhard: Geschichte der Deutschenin Ungarn. Band 1: Vom Frühmittelalter bis 1860.Band 2: 1860–2006. Marburg 2012. Herder-Institut.(KK)„Das ist doch – oder doch nicht?“Doch, im Münchner HDOUnter dem Motto „Kontinuum“ zeigt die KünstlerinSieglinde Bottesch im Haus des DeutschenOstens (HDO) in München bis zum 19. April eineAuswahl ihrer jüngsten Zeichnungen und Objekte.Die gebürtige Hermannstädterin studierteam Institut für bildende Künste in Bukarest. Seit1967 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin.Seit ihrer Übersiedlung im Jahre 1987 in dieBundesrepublik Deutschland lebt und arbeitetSieglinde Bottesch in Ingolstadt. Die Hauptgebieteihres künstlerischen Schaffens sindHandzeichnungen, Objekte und Malerei.Zur Rezeption der aus Siebenbürgen/Rumänienstammenden Künstlerin äußerte sich GüntherKöppel, Professor für Kunstpädagogik: „Wieviele Kunstschaffende, die sich aus der langenTradition der Auseinandersetzung mit demSichtbaren genähert haben, entwickelt SieglindeBottesch ihr Selbstverständnis zunächst überdas Grafische. Und so wie sich scheinbar Realistischesabbildet, verselbständigt sich internund peripher das Spiel der grafischen Kräfte,verabschiedet sich die Linie aus der Diktatur desAbbildens hinein in die Freiheit formaler Assoziationen,die pflanzlich und nur allzu menschlichdaherkommen – nichts Organisches bleibt hierfremd. So entsteht im Betrachter ein lustvolles‚Das ist doch – oder doch nicht?‘, ein Spiel ohnesurrealen Anspruch, aber weit jenseits trivialerDiesseitigkeit.“In den letzten beiden Jahren zeigte Botteschihre Zeichnungen, Grafiken und Objekte im SiebenbürgischenMuseum Gundelsheim sowie imVeranstaltungsraum der Bundesgeschäftsstelledes Verbandes der Siebenbürger Sachsen inMünchen. Der Bundeskulturreferent Hans-WernerSchuster hob die „Lust am Experimentieren“sowie den „überbordenden Schaffensdrang“hervor, mit denen die Künstlerin in den letztenJahren neue Bereiche bildender Kunst erschlos-20 KK1329 vom 25. Februar 2013


sen habe. „Nicht nur im übertragenen, sondernim wortwörtlichen Sinne hat sich Sieglinde Bottesch,die zuerst als Malerin, danach auch alsGrafikerin und Zeichnerin reüssierte, eine neueDimension zu eigen gemacht – die dritte – inObjekten und Plastiken im öffentlichen Raum.“Die bereits etablierte Reihe Erzählcafé desHauses findet am 7. März und am 25. April inder Gaststätte „Zum Alten Bezirksamt“ im HDOstatt. Gesprächspartner von Dr. Renate vonWalter sind Dr. Peter Becher, Geschäftsführerdes Adalbert Stifter Vereins München, undSamuel Raz, ein ehemaliger HDO-Praktikant,sein. Für Interessenten von Lesungen mit Musikist die dem 225. Geburtstag von Joseph vonEichendorff gewidmete Veranstaltung am 7.März empfehlenswert, in der Wolf Euba Textedes Romantikers rezitiert. Den musikalischenPart des Programms übernehmen EstherSchöpf, Violine, und Norbert Groh, Klavier. Dievom Adalbert Stifter Verein in Zusammenarbeitmit dem Tschechischen Zentrum und mit demHDO organisierte Lesung von Pavel Kohout istfür den 14. März im Sudetendeutschen Hausvorgesehen. Der Autor liest aus seinen Memoiren„Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin undHavel“. Im Rahmen eines Konzertes bringen am12. April Heidi Ilgenfritz und Andrea Stöger aufHackbrett und Harfe Werke von Mozart, Vivaldisowie Leistner-Mayer zu Gehör. Als Höhepunktdes Kulturprogramms im ersten Vierteljahr giltdie von Dr. Meinolf Arens moderierte Tagung „60Jahre Bundesvertriebenengesetz BVFG“, die fürden 19. April anberaumt ist.Am 27. April lädt das HDO zum Tag der offenenTür ein. Im Rahmen von Führungen und einerFoyerausstellung über die Geschichte derKarpatendeutschen können die Besucher dasHaus näher kennenlernen. Das Stöbern auf demBücherflohmarkt des Vereins der Förderer desHauses des Deutschen Ostens e. V. ist sicherlicheine willkommene Abwechslung.Tradition und Pflege des Kulturerbes stehenim Münchener HDO auch in diesem Jahr imFokus. So wird die umfangreiche Kurstätigkeitmit bewährten und neuen Workshops fortgesetzt.Es geht u. a. um „Spitzenklöppeln“ mitMarie-Luise Kotzian, Elisabeth Schmidt undCarola Spörk, um „Schlesische Weißstickerei“mit Elisabeth Bräuer, um „Schlesische Bauernmalerei“mit Brigitte Vrecko. Waltraud Valentinund Erika Weinert bieten Workshops zur Fertigungvon „Böhmerwälder Perleneiern“ bzw. von„Böhmischem Perlen-Christbaumschmuck“ an.Guter Resonanz erfreut sich auch das Offeneostdeutsche Liedersingen mit Roswitha-MariaThomalla. Die Termine zu den jeweiligen Angebotensind beim HDO zu erfragen.(KK)„Leider singt er auch Opern“In den Berliner Studios des damals größtenSchallplattenproduzenten Europas wurde zwischen1928 und 1930 die Liturgie der jüdischenReformgemeinde zu Berlin aufgenommen, mehrals 100 Platten. Unter den Interpreten befandsich auch der junge Kantor und Tenor JosephSchmidt, der insgesamt 14 Titel teilweise inhebräischer und aramäischer Sprache sang.Um die Bedeutung dieses Schatzes, der zuden letzten musikalischen Zeugnissen einerliberalen deutsch-jüdischen Gemeinde vordem Völkermord gehört, geht es bei einem Gesprächsabendam 27. Februar 2013 im Haus derHeimat des Landes Baden-Württemberg. DieVeranstaltung beginnt um 18 Uhr. Sie gehört zumBegleitprogramm der Ausstellung „Sein Liedging um die Welt. Auf den Spuren des TenorsJoseph Schmidt“, die noch bis zum 7. März 2013in der Stuttgarter Schlossstraße zu sehen ist (inunserem letzten Heft Seite 22).„Viele seiner Kritiker bedauerten, dass sichJoseph Schmidt auch der weltlichen Musikzuwandte“, sagt Alfred Fassbind, Leiter desJoseph-Schmidt-Archivs in der Schweiz. Erkönne diese Kritik nachvollziehen angesichtsder Stimmfarbe und des Nuancenreichtums,den Schmidt bei diesen Aufnahmen religiöserGesänge beweist: „Derart eindringlich wie indiesen Gebeten wurde sein Gesang nie wiederfestgehalten.“ Alfred Fassbind, der in Czernowitzgeborene Düsseldorfer Konzertgeiger PaulRosner, ein Großneffe Joseph Schmidts, undCarsten Eichenberger vom Haus der Heimatstellen die musikalische Rarität vor.(KK)KK1329 vom 25. Februar 201321


Hauptsache Kulturhauptstadt RigaIm Jahr 2014 wird die lettische Hauptstadt Riga,die größte Stadt im Baltikum, KulturhauptstadtEuropas sein. Das ist für das Deutsche Kulturforumöstliches Europa Anlass, in Kooperationmit dem Nordost-Institut – Institut für Kultur undGeschichte der Deutschen in Nordosteuropa,zu einer Informationsfahrt für Medienvertretereinzuladen. Der Besuch der Stadt soll deutschsprachigenJournalistinnen und Journalistendie Möglichkeit bieten, die lettische Kulturhauptstadt,ihre Geschichte und Gegenwartkennenzulernen. Auf dem Programm stehenBesuche bei einschlägigen Kultureinrichtungenund Gespräche mit den Verantwortlichen für dasProgramm Kulturhauptstadt 2014.Eine Exkursion soll Cesis, deutsch Wenden,vorstellen, eine der ältesten Städte des Landes,sowie einige Herrenhäuser, einst Lebensmittelpunktedeutschbaltischer Barone, die dasGebiet des heutigen Lettland und Estland fast700 Jahre beherrschten.Riga wurde im Jahre 1201 von Bischof Albertvon Buxhoeveden aus Bremen gegründet. Vonhier aus wurde das Land mit Hilfe zunächst desSchwertbrüderordens, später des DeutschenOrdens erobert und christianisiert. Riga war Sitzdes Landmeisters des Livländischen Ordensstaatesund der Bischöfe von Riga sowie eineder bedeutendsten Handelsstädte der Regionund Mitglied der Hanse. Die städtische Oberschichtwar deutsch und konnte ihre Stellungund Privilegien bis zur Gründung des StaatesLettland gegen Ende des Ersten Weltkriegesweitgehend behaupten.Im Jahre 1522 setzte sich in Riga die Reformationdurch. Nach dem Zusammenbruch desOrdensstaates Alt-Livland unterstellte sich dieStadt zunächst dem polnischen König, 1621fiel sie an die Schwedische Krone und im Zugedes Großen Nordischen Krieges 1710 an dasrussische Zarenreich. Als Hauptstadt des OstseegouvernementsLivland entwickelte sie sichin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zurführenden Industriestadt im Baltikum.Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Riga 1920die Hauptstadt des ersten unabhängigen lettischenStaates. Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 wiesdie baltischen Staaten der Interessensphäreder Sowjetunion zu, die Deutschbalten wurdendaraufhin nach Westpreußen und in die Regionum Posen, den sogenannten Warthegau, umgesiedelt.Sowjetische Truppen besetzten 1940,deutsche Truppen 1941 Lettland. Riga bliebals Hauptstadt der Lettischen Sowjetrepublikunter den Sowjets bzw. des „GeneralbezirksLettland“ unter den Nationalsozialisten wichtigesZentrum im Baltikum. Seit der politischenWende 1989/91 ist die Stadt wieder Hauptstadtder unabhängigen Republik Lettland, die 2004der Europäischen Union und der NATO beitrat.Für die Informationsreise für Medienvertretervom 29. Mai bis zum 2. Juni 2013 übernimmt dasDeutsche Kulturforum die Kosten bis auf einenEigenbeitrag in Höhe von 300 Euro pro Personbzw. 150 Euro für Teilnehmer in Ausbildung,. DieAnmeldefrist läuft noch bis zum 8. März 2013,Auskünfte gibt es unter deutsches@kulturforum.info, Ansprechpartnerin ist Dr. Claudia Tutsch,Telefon 0331/20098-14, tutsch@kulturforum.info, Deutsches Kulturforum östliches Europa,Berliner Straße 135, Haus K1, 14467 Potsdam.(KK)Osteuropäische DiagonaleVom 23. Mai bis zum 5. Juni organisiert dasAugsburger Bukowina-Institut seine Studienreise2013. Sie führt von Augsburg über Aichachnach Ungarn, durchs Banat nach Siebenbürgen(Hermannstadt, Schäßburg, Tatlauer Kirchenburgund Kronstadt). Über Sinaia geht die Reiseweiter nach Bukarest (zwei Übernachtungen, u.a. Besuch des Parlamentsgebäudes) und insDonaudelta. Von Tulcea aus wird die Reise in diemoldauische Hauptstadt Jassy/Iasi fortgesetzt.Aus der Südbukowina, mit Besuch in Radautzbeim Deutschen Verein und in der BezirkshauptstadtSuczawa/Suceava, wird eine Tagesreisenach Czernowitz in der Ukraine unternommen.Die Rückreise führt nach Nordsiebenbürgen, wovon Neumarkt/Targu Mures aus für Interessentender Flug nach Memmingen angeboten wird.Nähere Auskünfte und ein ausführliches Programmzur Busreise beim Bukowina-Institut,Alter Postweg 97a, 86159 Augsburg, Tel. 0821-577067, Fax 0821-582607, info@bukowinainstitut.de(auch auf der Internetseite). Anmeldeschlussist der 19. April.(KK)22 KK1329 vom 25. Februar 2013


Literatur und KunstKunst schließt Künstlichkeit ausEmil Orliks japanische Bildungs- und BilderreiseAls im Herbst vergangenen Jahres imBerliner Martin-Gropius-Bau eine großeRetrospektive mit Werken des japanischenGrafikers und Malers Katsushika Hokusai(1760–1849) gezeigt wurde, kamen die Besucherin Scharen. Seine Zeichnungen undHolzschnitte, vor allem „Die große WelleZart und fremd: Bildnis einer BäuerinBild aus der Ausstellungbei Kanagawa“, gelten vielen bis heute alsder Inbegriff japanischer Kunst. Bedeutendeeuropäische Künstler haben sich vonseinem Werk beeinflussen lassen. Malerwie Gauguin, Degas, Klimt, Marc, Macke,Monet und Manet bezogen Inspirationenaus Hokusais Arbeiten, Sammler rissensich um die Blätter.Bis heute sind japanische Kunst und Lebensartbis auf einige Ausnahmen für europäischeAugen allerdings immer noch einRätsel. „Vielleicht kennt man in Japan mehrvon westlicher Kunst als umgekehrt. Einmalliegt es an dem allzu starken Hunger derJapaner nach westlicher Kunst, sodannaber an der in Japan entsprechend starkverbreiteten Literatur über westliche Kunst“,vermutete schon 1935 Architekt Bruno Tautaus Königsberg, der von 1933 bis 1936 inder japanischen Emigration lebte. In Hokusaisah Taut keine besondere Größe. Es seiein schwerer Schlag für das Land gewesen,„eine so ungewöhnliche Begabung wie Hokusaizu haben, deren Talentfülle mit einemVakuum an vollkommener Stillosigkeit verbundenwar“, kritisierte er. „Wie schlechterAlkohol benebelte es die Köpfe. Er ,konnte‘alles; das Alleskönnen, diese schwere kulturelleErkrankung des modernen Japan,nahm ihren Anfang hauptsächlich durchInfektion mit Hokusai-Bazillen.“Zwischen 1860 und 1920 wurde japanischeKunst geradezu zur Mode in Europa undin den USA. Es wurde sogar ein eigenständigerBegriff geprägt: „Japonismus“.Als einer der führenden Vertreter dieserKunstrichtung gilt Emil Orlik (1870–1932).KK1329 vom 25. Februar 201323


Im 80. Todesjahr des Künstlers widmetdas Hamburger Museum für Kunst undGewerbe dem als Sohn eines jüdischenSchneidermeisters in Prag geborenenBöhmen eine kleine, aber feine Ausstellung.Zu sehen sind erstmals 65 Arbeiten, diein Japan entstanden sind: Holzschnitte,Radierungen und Lithographien zum Teilmit Vorzeichnungen, in Farbvarianten oderunterschiedlichen Druckzuständen. – Alswolle man die japanische Kunst dem gegenüberstellen,präsentiert man im Museumin einer Vitrine auch eine Darstellungdes Berges Fuji von Hokusai.Von Orlik, der sich schon früh zur japanischenKunst hingezogen fühlte, sind vorallem Szenen aus dem japanischen Alltagzu sehen. Die Farben sind zart und ansprechend,da sie auf pflanzlich-mineralischerBasis bestehen „und keine Chemie mit falschemGlanz“ aufweisen, wie Orlik betonte.Als einer der ersten europäischen Künstlerhatte sich Orlik 1900 auf eine Reise in dasLand seiner Sehnsucht begeben, finanziertdurch Honorare für verschiedene Aufsätzein „Pan“ und „Jugend“, durch Verkäufe seinerGrafiken und durch ein Kanka-Stipendiumder Gesellschaft zur Förderung DeutscherWissenschaft, Kunst und Literatur inBöhmen. Trotz vieler Entbehrungen auf derReise in das ferne Land der aufgehendenSonne – Orlik schiffte sich in Genua ein undreiste durch den Suezkanal nach Sri Lankaund weiter über Hongkong in den NordenJapans – gelangte er unbeschadet ans Ziel.Zehn Monate blieb er in Japan und sah diegroßen Städte Tokio und Kyoto, das Landund die Leute. Die vor allem waren es, dieihn als Künstler interessierten. Und so siehtman Rikschafahrer, Zimmerleute, Händlermit Lastkarren, Pilger, die ihrem Ziel entgegeneilen,und immer wieder Mütter mitKindern, Geishas und Kurtisanen, Bäuerinnen,die mit wahrer Eleganz ihre Lastentragen. Orlik suchte das traditionelle Japanund hielt es auf seinen Blättern fest. Erahmte dabei nicht nach, sondern war stetsbestrebt, eine eigene Darstellungsweisezu finden. So gehören diese Blätter zumBesten, was der Künstler, der in Europanoch heute durch seine Porträts bekanntist, geschaffen hat. Selbst „viele japanischeKenner sahen Orliks dort entstandene Grafikenals originär japanische Werke an“, sodas Museum.Orlik studierte in Japan die verschiedenenDrucktechniken vor Ort und ließ sich vonmanchem Meister unterweisen. SeineHotelzimmer müssen dabei einem Ateliergeglichen haben. Die 1904 erschieneneMappe „Aus Japan“ kündet von seinergroßen Produktivität und Kunst. Doch ginger selbst kritisch mit seinen japanischenArbeiten um und meinte: „Vielleicht werdendiese Arbeiten sehr enttäuschend, da siewenig japanisch sind. Ich meine in der Darstellungsart,angejapanert‘ in Bezug auf dieKunst.“ Er komme „zurück als der alte O.,nur manches dazugelernt und in Bezug aufGeschmack ein wenig ,jebildeter‘.“Silke Osman (KK)Die Universität Libau/Liepaja hat denDeutschbaltisch-Estnischen Fördervereine. V. Berlin-Charlottenburg gebeten,die Reihe der jährlichen Seminareüber die Geschichte im Baltikum unbedingtfortzusetzen. Das Seminar vom 22. bis zum24. April an der Universität ist traditionsgemäßfür angehende lettische Deutschlehrer(Studenten) gedacht, die in der Regel sehrwenig über die Geschichte ihres Landeswissen. Die Seminarsprache ist Deutsch.Finanziert wird es vom Beauftragten derBundesregierung für Kultur und Medien.Anmeldung, auch preiswerte Zimmerreservierung,bei Babette Baronin von Sass,Oehlertplatz 6, 12169 Berlin, Telefon 030-79788686, Fax 79789992, bvsass@web.de.(KK)24 KK1329 vom 25. Februar 2013


„Turm und Höhle“ – und HirnDie so ursprüngliche wie intellektuelle Architektur von Hans Poelzig istauch heute manchen Blick und Gedanken wertBabel ist überall, wo keine Struktur ist, aberwie die geht, dass wusste der Turmerdenkerund -erbauer Hans Poelzig sehr wohlBild aus der Ausstellung„Der Künstler soll und muss überhauptnicht, wie es irgendeine künstlerischeBewegung vorschreibt – er soll und mussnur vor seinem eigenen Gewissen.“ DerWasserturm mit Markthalle (der so genannte„Oberschlesienturm“) in Posen, dasGeschäftshaus in Breslau, Junkernstraße(heute ul. Ofiar Oswiecimskich), Pergola(das Ausstellungsgebäude und Restaurantfür die Jahrhundertausstellung 1913in Breslau) sowie der Fassadenentwurf fürden Wettbewerb um die Hochhausbebauungam Bahnhof Friedrichstraße in Berlinsind nur einige Beispiele der berühmtenBauten und Entwürfe, die bezeugen, wieHans Poelzig diese seine Maxime umgesetzthat.Das Gesamtwerk des am 30. April 1869in Berlin geborenen und am 14. Juni1936 ebenda verstorbenen deutschenArchitekten, Malers, Bühnenbildners undHochschullehrers stieß in der Nachweltauf wechselndes Interesse. Das OberschlesischeLandesmuseum in Ratingen-Hösel hat durch die jüngste Präsentationder Wanderausstellung des Instituts fürAuslandsbeziehungen e. V. (ifa) das Lebenund Werk der bedeutenden schlesischenKünstlerpersönlichkeit erneut in den Fokusder Öffentlichkeit gerückt.Hans Poelzig studierte von 1889 bis 1894Hochbau an der Technischen HochschuleCharlottenburg. Später war er als Regierungsbaumeisterim preußischen Ministeriumder öffentlichen Arbeiten beschäftigt. Erwar Lehrer für Stilkunde an der KöniglichenKunst- und Kunstgewerbeschule in Breslauund wurde daraufhin deren Direktor. Poelzigwar dem Expressionismus verpflichtet undsetzte sich auch für die Neue Sachlichkeitein. Als einer der führenden Baumeister derWeimarer Republik missfiel Hans Poelzigim „Dritten Reich“. Wegen der Repressionendes NS-Staates wollte er 1936 in dieTürkei emigrieren, starb jedoch kurz vorder Ausreise.Nach seinem Tode blieb die Biographie vonTheodor Heuss für lange Zeit die einzigeWürdigung. Erst die internationale Neubewertungdes architektonischen Expres-KK1329 vom 25. Februar 201325


sionismus und die daraus erwachsendeAufmerksamkeit für die Vielstimmigkeitder Moderne verstärkten nach 1980 dieResonanz. Die Publikationen des Poelzig-Schülers Julius Posener leisteten dabeieinen großen Beitrag. In diesem Kontextist auch die Sonderausstellung desOberschlesischen Landesmuseums vonRatingen-Hösel zu erwähnen, die im Jahre2001 dem frühen schlesischen Werk Poelzigsgewidmet war. Die Präsentation fand inZusammenarbeit mit dem BreslauerArchitekturmuseums statt.Heute wird Hans Poelzig alsein Wegbereiter der architektonischenModerne betrachtet.Jedoch erfreuten und erfreuensich andere Künstler seiner Zeitwie Walter Gropius, Mies vander Rohe und Erich Mendelsohneines höheren internationalenRenommees. Das könnte nichtzuletzt auch daran liegen, dassseine Bauten – im Gegensatzzu denen seiner Zeitgenossen– hauptsächlich in Deutschlandrealisiert wurden.„Turm und Höhle – diese scheinbarenGegensätze vereinte der Architekt HansPoelzig in seinen Ideen“, betonte ProfessorWolfgang Pehnt, Architekturhistoriker undPoelzig-Kenner, bei seinem Vortrag zumarchitektonischen Schaffen des Künstlers.In der Sonderschau in Ratingen-Höselwaren neben den tatsächlich realisiertenBauten mit der Handschrift Poelzigs auchmehrere seiner visionären Entwürfe, Wettbewerbsarbeitensowie Bühnenbilder zusehen. Bei einem Rundgang durch denAusstellungsraum beeindruckten sowohldie großen Modelle wie auch die zahlreichenArchivbilder, Zeichnungen und Pläne.Der Erhaltungszustand der Poelzig-BautenDer Künstlersoll und mussüberhauptnicht, wie esirgendeinekünstlerischeBewegung vorschreibt– ersoll und mussnur vor seinemeigenen GewissenHans Poelzigist unterschiedlich. Einige – etwa das Hausdes Rundfunks in Berlin und das ehemaligeVerwaltungsgebäude der I. G. Farben inFrankfurt am Main – sind sehr gut erhalten.Auch in Nordrhein-Westfalen sind Architekturleistungenvon Poelzig anzutreffen. Soetwa baute er in Krefeld für die TextilfabrikantenfamilieSteinert ein bemerkenswertesHaus. Dort fanden schon früh Kunstausstellungenstatt. Seit 2006 ist dieses Hausin Krefeld für die Öffentlichkeit zugänglichZu den herausragenden Exponatender Sonderschau in Ratingengehörten u. a. die Modellbauten,Zeichnungen und Archivfotografiender Evangelischen Kirche inMaltsch/Niederschlesien, desAusstellungs- und Wasserturms(Ostdeutsche IndustrieausstellungPosen), des SalzburgerFestspielhauses (Wettbewerbsbeitrag),des Dresdener Stadthauses(Wettbewerbsbeitrag)sowie des Festspielhauses„Schauburg“ im Thüringer Landund des Großen Schauspielhausesin Berlin-Mitte. NebenReferenzbauten und Entwürfen aus demBereich des neuzeitlichen Nutzbaus, beispielsweisedem Wettbewerbsbeitrag zumTurmhaus am Bahnhof Friedrichstraße inBerlin, waren Einzelhäuser und Siedlungensowie Denkmäler und historische Brunnenzu sehen. Der Wettbewerbsbeitrag für dasFriedrich-Theater in Dessau wiederum isteines der letzten Projekte, die Poelzig füreinen Bauplatz in Deutschland entwarf.Zur Ausstellung „Hans Poelzig. Architekt –Lehrer – Künstler“ haben Wolfgang Pehntund Matthias Schirren einen Katalog herausgebracht.(KK)26 KK1329 vom 25. Februar 2013


Mit frisch vergoldeten Hoheitsinsignien:Marienstatuenach übereinstimmender Ansicht derStadt- und Kunsthistoriker aus der erstenHälfte des 15. Jahrhunderts, aus der Zeitder Erbauung des Turmes. Die Nische istverputzt, ihre architektonische Umrahmungist aus Sandstein gefertigt. Die Statue istin der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts,wahrscheinlich als Ersatz für eine früheregotische Madonnenstatue, die 1632 währenddes Schwedeneinfalls zerstört wurde,aufgestellt worden.Alles befand sich in einem sehr schlechtenZustand. Strukturelle Zerstörungen desSteines waren sichtbar. Der Sandsteinwar von schwarzen Verschmutzungenund Krusten bedeckt, die abschupptenund abfielen. Dadurch wurden die Profiledes gotischen Bogens und die Pinakelbeschädigt. Der Putz in der Nische fiel ab.Der Erhaltungszustand der Heiligen waretwas besser. Sie wird im Stehen dargestelltund ist bekrönt. Gekleidet ist sie ineine bodenlange Robe. Im linken Arm trägtsie das Christuskind, die rechte Hand, dieursprünglich das Zepter trug, war abgeschlagen.Alle Metallelemente waren starkkorrodiert, die Vergoldungen großenteilsverloren bzw. beschädigt. Auch das Sicherungsgitterwar stark mitgenommen.Die Skulptur des heiligen Joseph befindetsich in einer Nische in der Nordfassadedes unvollendeten Nordturmes. Der Heiligeist ebenfalls im Stehen dargestellt, trägtauch ein bodenlanges Gewand, im rechtenArm das Christuskind, in der Linken hälter eine Lilie. Die Statue im neugotischenStil wurde wahrscheinlich Ende des 19.Jahrhunderts geschaffen, als Ersatz füreine ältere gotische oder barocke Figurdes heiligen Joseph. Die Ornamente sindweitgehend Kopien der Ornamente an derNische der Gottesmutter. Bei der Aufstellungder Figur ist wohl auch die Nische, dieälteren Ursprungs ist, neugotisch umgebautworden. Sie ist nicht verputzt. Der Zustanddes Steins war deutlich besser als der derMadonna, aber auch von Verschmutzungenund Verkrustungen bedeckt. Das dieNische schützende Gitter war korrodiert.Ludwig Burgemeister, Provinzialkonservatorin Schlesien, äußerte 1930 im erstenBand seines Monumentalwerkes „DieKunstdenkmäler der Provinz Niederschlesien“die falsche Vermutung, dass es sichbei letzterer Skulptur nicht um Joseph,sondern um Antonius und das Kind in einergotischen Nische handele.Beide Skulpturen und die Rahmungender Nischen bestehen aus Sandstein undbesitzen ähnliche Formen. Beide sindmit Spitzbogen abgeschlossen und mitden von Fialen flankierten Wimpergenbekrönt. Die Krabben und Kreuzblumen,die Wimpergen und Fialen, welche diebeiden Nischen verzieren, unterscheidensich geringfügig voneinander und zeigendamit an, dass ihre Ausschmückung ausverschiedenen Epochen stammt. Beide Nischenund Skulpturen bedurften dringend28 KK1329 vom 25. Februar 2013


der Restaurierung, damit sie auch wiederBlickfang für die Vorübergehenden werdenund diese in das Gotteshaus führen.Die Restaurierungsarbeiten konntenAnfang Oktober abgeschlossen werden.Nun strahlt Maria mit dem Christuskindein neuem Glanz und zieht die Blicke derPassanten auf sich. Ein zusätzlicher Blickfangist der bei den Restaurierungsarbeitenentdeckte historische Lampenhalter mitLampe, welche die Skulptur nun illuminiert.Erfolgreich zusammengewirkt haben beidiesem Vorhaben der Beauftragte der Bundesregierungfür Kultur und Medien, dasStädtische Denkmalschutzamt in Breslau,die Philipps-Universität Marburg und dieUniversität Breslau unter der Regie vonProfessor Dr. Dr. h. c. Rudolf Lenz, Marburg/Breslau (Kontakt: Bunsenstraße 3, D-35032Marburg, Telefon 06421 - 28-24040 /-23800, lenz@staff.uni-marburg.de.(KK)Was der Wind mit-, aber nicht fortnimmtDas kurze Leben des Liedermachers Gerd LascheitEin Lied wird nicht nur in ostpreußischenKreisen immer noch gern gesungen:„Abends treten Elche aus den Dünen“. DieMelodie stammt von dem KönigsbergerKomponisten Gerhard Lascheit, der Text istein Gedicht von Heinrich Eichen aus Elbing.Wie kam es zu diesem Lied, das auch heutenoch in den Bünden der Jugendbewegunggesungen wird? Heinrich Eichen, der ostpreußischeSchiftsteller, berichtet darüber:„Das muß 1931 oder 1932 gewesen sein, alsder mir unbekannte Königsberger StudentGerd Lascheit, ebenfalls Angehöriger derDeutschen Freischar, mich brieflich umTexte einiger Fahrtengedichte bat, vondenen er das eine oder andere vielleichtvertonen würde. Ich schickte ihm drei, vierder üblichen Art und ein ausgefallenes, dasmit Fahrt nur insoweit zu tun hatte, als diemehrmalige Begegnung mit Elchen auf derKurischen Nehrung mich dazu angeregthatte. Ausgerechnet dieses Gedicht vertonteGerd, und weil er Verbindung zum KönigsbergerRundfunk hatte, wurde es dortsogleich und dann wiederholt gesungen ...“Gerhard Lascheit oder auch Gerd, wie ihndie Familie und seine Freunde nannten,erblickte am 25. Januar 1913 in Königsbergdas Licht der Welt. Dort besuchte erdas Gymnasium Altstadt-Kneiphof, daser mit der mittleren Reife verließ. Er liebtedie Musik, spielte Klavier und Gitarre undmanchmal auch die Orgel in der Lutherkircheund im Dom von Königsberg. Auchzum Malen hatte er Talent. Er bannte Motivevon der Kurischen Nehrung und von derSamland-Küste auf Papier und Leinwand.Die Deutsche Freischar war der größteund bedeutendste Bund der deutschenJugendbewegung, entstanden 1926 ausdem Zusammenschluß von PfadfinderundWandervogel-Bünden. Nach demVerbot der Bünde 1933 durch das nationalsozialistischeRegime hat Lascheit sichweiter „bündisch betätigt“, wie es in einemGestapo-Bericht heißt.Der Nationalsozialismus wurde dem Liedermacherund Komponisten der Freischarzum Verhängnis. Die Gestapo hatte einAuge auf ihn geworfen. 1936 wurde Lascheitvom Landgericht Königsberg nachParagraph 175 des Strafgesetzbuches zuzehn Monaten Gefängnis verurteilt. DiesenParagraphen benutzten die Strafverfolgungsbehördendes „Dritten Reiches“vielfach, um die Jungen der illegalen bün-KK1329 vom 25. Februar 201329


dischen Gruppen ins Gefängnis zu bringen.Lascheit ging 1937 aus Deutschland fort.In Schweden versuchte er Fuß zu fassen.Das Leben dort ist ihm nicht leichtgemachtworden. Als sogenannter „Hitlerflüchtling“kam der junge Ostpreuße, der sich nachdem bei Pillkallen gelegenen Heimatort derVorfahren seiner Mutter nun Gert Saltennannte, mit den schwedischen Behördennur schwer zurecht. Mit dem Verkauf vonselbstgemalten Bildern schlug er sichdurch. Ebenso erteilte er privaten Zeichenunterricht.Erst 1938 wurde ein Gesetz erlassen, dasden politischen Flüchtlingen in SchwedenAsyl gewährte. Doch Lascheit wurde dieserSchutz nicht zuteil. Vielleicht war er auchdie demütige Bettelei bei den staatlichenBehörden leid. Er versuchte, sich aufeigene Faust durchzuschlagen. Die Verbindungzu seinen bündischen Gefährtenin Deutschland hatte er nicht aufgegeben.Gerd Lascheit wurde im Sommer1940 nachDeutschland abgeschoben. Hans JoachimSchoeps hat in seinen Lebenserinnerungenauch über seine Emigrantenzeit inSchweden berichtet und bedauert, dassdie Schweden viele der von der deutschenRegierung geforderten Wünsche erfüllten.„In einem anderen Fall wurde sogar dasAsylrecht nichtiger Umstände halber wiederentzogen und ein junger deutscherEmigrant, der mir nahestand – er hieß GerdSalten und gehörte einst in Königsberg derDeutschen Freischar an –, wurde wiedernach Deutschland abgeschoben ...“Die Gestapo hatte den Königsberger nieaus den Augen verloren. Der Abgeschobeneging zunächst in seine HeimatstadtKönigsberg zurück, dann wandte er sichnach Berlin, um dort Schauspielunterrichtzu nehmen. Am 8. April 1941 wurde er inder Reichshauptstadt verhaftet. Gerüchtebehaupten, er sei bei der Gestapo denunziertworden. Fritz Schmidt, der in seinemBuch „Mord droht den Männern auf derandern Seite“ den Fall Lascheit sorgfältigBild: der Autorrecherchiert hat, weist auf einen Gestapo-Bericht vom 21. April 1942 hin. Darin heißtes, Lascheit habe sich in Schweden bündischbetätigt und seine Verbindungennach Deutschland nicht nur aufrechterhalten,sondern sogar ausgeweitet. Auchwollte er, laut Bericht, in Schweden einebündische Zeitschrift herausbringen, diein Deutschland illegal vertrieben werdensollte. In den Besitz der Informationenkam die Gestapo durch eine Denunziation,wobei der Denunziant offensichtlich zwarnur vom Hörensagen berichten konnte, jedochmit bündisch-emigrantischen Internavertraut war.Gerd Lascheit wurden seine bündischenKontakte, von der Gestapo „bündischeUmtriebe“ genannt, und Hochverrat vorgeworfen.Die weiteren Stationen auf seinemLeidensweg waren die Haftzellen inder Prinz-Albrecht-Straße zu Berlin, demHauptquartier der Geheimen Staats-Polizei,das Konzentrationslager Sachsenhausenund schließlich das KZ Groß-Rosen.Das Lager, nicht weit von Liegnitz und30 KK1329 vom 25. Februar 2013


Westkreuz-Druckerei Ahrens KG Berlin/BonnPostfach 490280, 12282 BerlinPVSt, DPAG, Entgelt bezahlt, 58106www.kulturportal-west-ost.euHerausgeber:Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKRCäsariusstraße 9153639 KönigswinterTelefon (02223) 9066011/-2, Fax -8E-Mail: georgaescht@arcor.deInternet: www.kulturportal-west-ost.euRedaktion: Georg Aescht (verantwortlich)Textnachdruck in Zeitungen und Zeitschriftenhonorarfrei bei Quellenangabe (KK).Zwei Belegexemplare erbeten.Artikelübernahme in Bücher und Broschüren bedarfder jeweiligen Vereinbarung mit dem Autor.Bildabgabe leihweise auf Anforderung.Für unverlangte Einsendungen wird nicht gehaftet.Verlag: Westkreuz-Verlag GmbH Berlin/BonnHerstellung:Westkreuz-Druckerei Ahrens KG Berlin/BonnTöpchiner Weg 198/200, 12309 BerlinTelefon (030) 7452047, Fax (030) 7453066E-Mail: prepress@westkreuz.deInternet: www.westkreuz.deIhr Interesse kann Interessewecken!Wenn Ihnen die Thematik derKulturpolitischenKorrespondenzam Herzen liegt, so geben Sie siebitte auch an Bekannte und Freundeweiter. Die Stiftung Deutsche Kulturim östlichen Europa – OKR ist dankbarfür jede Hilfe bei der Erfüllung ihrerselbstgestellten Aufgabe, ostdeutscheskulturelles Erbe bewusst undeuropäischen kulturellen Austauschlebendig zu erhalten.BestellscheinIch möchte Ihre monatlich erscheinendeKULTURPOLITISCHE KORRESPONDENZregelmäßig zugeschickt erhalten. Die Jahresgebührvon 35 Euro begleiche ich nach Erhalt der Rechnung.Das Abonnement ist zum Jahresende kündbar.Meine Versandanschrift lautet:_____________________________________________________________________________________Name_____________________________________________________________________________________Straße/Nr._____________________________________________________________________________________Plz/OrtBestellschein senden an:Stiftung Deutsche Kulturim östlichen Europa – OKRCäsariusstraße 9153639 Königswinter_____________________________________________________________________________________Datum/Unterschrift

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine