Der Dschungel riecht nach Wildschwein und die ... - Blue Hill Escape

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Der Dschungel riecht nach Wildschwein und die ... - Blue Hill Escape

EXPEDITION | PeruFOTOS: BILDAGENTUR WALDHÄUSL, M. AMANSHAUSERUNTER BEOBACHTUNGAras (li.) stehen in Peru wegen ihrerungewöhnlichen Futter-Vorlieben imMittelpunkt des Forschungsinteresses.IM SCHWITZKASTENDie Sonne knallt auf die Plastikplane (o.).Innen schwitzen der Wissenschaftler undseine Helfer. Gesucht: der Grünflügelara.FOTO: XXXXXXXXXXXXXXXGelegentlich kommt ein Boot vorbei,eines mit diesen dröhnendenPeki-Peki-Motoren, die an langenStangen ins dunkelbrauneWasser des Flusses gelassen werden. Aberhöchstens alle paar Stunden. Meistherrscht in der Mitte des Regenwalds völligeRuhe. Und das ist gut – für die Grünflügelaras,die größte Papageienart derWelt. Denn sie begeben sich jeden Morgenfreiwillig auf unbekanntes Terrain. Es sindmindestens zwanzig von ihnen, die aufÄsten der imposanten Bäume am Ufer desLas-Piedras-Flusses hocken. Sie hopsenAst für Ast nach unten – putzen sich,krächzen. Sie blitzen als rote, grüne, gelbeund blaue Sprenkel im dunkelgrünenAstwerk.Allmählich sammeln sich dreißig, vierzigAras, eine Riesenfamilie. Ganz langsamwagen sie sich vor, einer nach dem anderen.Er wirkt wie ungeplant, aber derBewegungsablauf hat ein Ziel: Irgendwannlandet der Erste auf der feuchten Tonerdeund pickt mit dem Schnabel in den Lehm.„Das clay lick flößt ihnen Respekt ein“,flüstert der Wissenschaftler im kleinenVerschlag auf der anderen Seite desFlusses, von dem aus er mit Fernglas,Teleskop und Kamera die Vorgänge beobachtetund minutiös notiert, „denn siemüssen da auf einem ungewohnten Untergrundlanden.“Alan Lee von der Universität Manchesteruntersucht, verdeckt von einerPlastikplane, wieso die Aras – und anderePapageienarten – teilweise beträchtlicheMühen auf sich nehmen und Risiken eingehen,um täglich vom Lehm zu essen, denihnen die Natur anbietet. Sind es die Salzeund Mineralien? Und welche Funktion hatdieser „clay lick“, auf Deutsch Lehmleckeoder Lehmgrube, in der Aufzucht der Jungen,die mit ihm gefüttert werden?In die Kamerafalle gegangenEin paar Kilometer weiter, tief im Regenwald,gibt es noch eine Lehmgrube, einevon hunderten in Peru, Brasilien und Kolumbien.An ihr bedienen sich vorwiegendSäugetiere. Dort stehen Alans Kamerafallen.An guten Tagen fangen sie BilderMärz 2009 UNIVERSUM87


von Tapiren und Wildschweinen ein, annoch besseren lichten sie die seltenenGroßkatzen ab, Ozelots, Jaguare undPumas. Aber das findet hinter den hohen,dichten Bäumen statt. Die Schicht, dieAlan Lee heute führt, beobachtet ausschließlichdie Lehmlecke am Fluss.Die Sonne knallt auf die Plastikplane.Im Beobachtungsverschlag rinnt Alan undseinen Mitarbeitern der Schweiß von derStirn. Die Arbeit verlangt ihnen einiges ab:Der Beobachtungszeitraum beträgt fünfStunden. „Wir müssen leise sprechen“,sagt Alan, „die Aras da drüben wissen javon uns. Sie halten uns zwar für keine unmittelbareGefahr, aber natürlich stört sieunsere Anwesenheit.“ Alle fünf Minutengibt es eine Zählung. Gerade sind vierzehnGrünflügelaras an der Lehmgrube. Odersind es schon sechzehn? Sie picken undstupsen einander, tauschen Positionen aus.Vor allem aber bohren sie ihre Schnäbel inden Untergrund. Es scheint ihnen nichtnur ein Bedürfnis zu sein, sondern eineechte Leidenschaft, den Lehm zu fressen.Plötzlich ein bestürztes Krächzen ausvielen Kehlen – die Gruppe flattert querdurcheinander und flüchtet auf die umliegendenÄste. „Was hat sie nur gestört?“,grübelt Alan, sucht mit seinem Fernglasdie Gegend ab und findet bald die Antwort.„Dort drüben ist ein kleiner Geiergelandet. Ein Jungtier. Im Prinzip kann derden Aras überhaupt nichts anhaben, er istja winzig. Aber die Aras verlassen sichUNIVERSUM 6EXPEDITION | PeruMärz 2009nicht auf die Größe, die könnte täuschen.Sie erkennen die Form des Jagdvogels.Werweiß, wozu ein solcher fähig ist.“Umweltbewusster TourismusAlan Lee ist in der Erforschung eines dergroßen Rätsel des peruanischen Regenwaldsauf Hilfe des Reiseveranstalters„Biosphere Expeditions“ angewiesen.Ohne die freiwilligen Mitarbeiter, die nacheinem zweitägigen Crashkurs fast schonwie Profis jene Daten sammeln, die seinerArbeit zugutekommen werden, wäre erverloren. Sie mussten einiges auf sich nehmen,um die abgelegene Lodge in der Mittedes Regenwalds überhaupt zu erreichen.Von Puerto Maldonado, dem peruanischenEingangstor zum Amazonas, Hauptstadtder Provinz Madre de Dios, ging esper Boot über zehn Stunden flussaufwärts.Belohnung für die Strapazen: Sichtungenvon mehr als 600 Vogelarten und über 1.250Schmetterlingsarten, von faul wirkendenKaimanen am Ufer und Schildkröten miteinem orangefarbenen Schmetterling amPanzer, der ihre Körperflüssigkeiten ableckt– und der Anblick einer wilden Primärnatur,wie sie nur noch an wenigen Orten dieserWelt wuchert und blüht.Immer öfter tauschen umweltbewussteMenschen – die Bankerin aus Heidelberg,die Innenarchitektin aus Nebraska, derschottische Turnusarzt oder der französischeAquariumsdirektor – ihre Jahresferien,die sie einst in Strandresorts oderFAHREN ODER SCHWIMMEN?Boote überqueren den Las-Piedras-Fluss. Besser als in unbekannter Gesellschaftzu schwimmen (ganz o.).AUF DEM WEG ZUR ARBEIT?Der Tapir, mehrere hundert Kilogrammschwer, überquert den Flussnatürlich schwimmend (oben).LEIDENSCHAFT FÜR LEHMDie Aras lecken gerne. Nur derungewohnte Untergrund machtihnen zu schaffen (gr. Bild).MITTAGSMÜDIGKEITDen heißen Tag im Regenwaldverbringen Ozelots meist an einemgeschützten Ort schlafend (li.).FOTOS: BILDAGENTUR WALDHÄUSL, M. AMANSHAUSER


EXPEDITION | Peruauf Rucksacktouren verbrachten, gegendie kostenpflichtige Freiwilligenmitarbeitbei sinnvollen und wissenschaftlich fundiertenForschungsprojekten, die Veranstalterwie eben „Biosphere“ anbieten. MitPeki-Peki-Booten, per Land Rover odereinfach in Gummistiefeln durchstreifen sieGebiete, in denen die letzten Großkatzenund andere gefährdete Spezies leben. IhreMitarbeit liefert Daten für groß angelegtePresence/Absence-Studien und sie selbstliefern ihren persönlichen Beitrag zumSchutz der Artenvielfalt.Eine Expedition wie diese bedeutet dieNeuinterpretation von Urlaub – also nichtunbedingt, sich die Sonne auf den Bauchscheinen zu lassen und Paulo Coelho um einpaar Dollar reicher zu machen. Das Lebenin der „Las Piedras Biodiversity Station“wirkt auf den ersten Blick recht karg: Einwinziger Generator sorgt für eine fahl beleuchteteKüche, sonst gibt es nur Kerzenund Taschenlampen; geschlafen wird inoffenen Zweibettkammern unter dem Moskitonetz;drei Gemeinschaftsduschen unddrei Toiletten komplettieren die Luxusabteilung,und Pool gibt es auch keinen.Dafür liefert die Wildnis um die LodgeBonuserlebnisse besonderer Art: EineAmeisenbärin taucht plötzlich im Unterholzauf, ihr Baby auf dem Rücken tragend;im Hintergrund ertönt das Klappernder Kokosnüsse, die von Weißlippen-Pekarisaufgeknackt werden; am Flussufer trabteine Herde Capybaras, Wasserschweine,dahin; oder es fletschen plötzlich irgendwoda oben Affen die Zähne. Manchmal sindes Schwarze Klammeraffen, die es in dieserRegion noch gibt, an anderen Ortenwurden sie von illegalen Holzfällern erschossenund kamen nie wieder. Über alldemzwitschern und schreien die Vögel desRegenwalds so laut, dass es manchmalklingen mag wie in einer überdimensionalenSpielhalle in Las Vegas.Forschung im DschungelNatürlich steht der Freiwillige – von demkeine biologischen Vorkenntnisse verlangtwerden – dem Wunder Natur zunächsthalb blind und halb taub gegenüber.Augen und Ohren müssen geöffnet undgeschärft werden, und das geht nur mitGeduld und letztlich Erfahrung. Alan Leeerkennt Vögel am Zischen und Flattern, erriecht den feinen Duft der Wildschweine,März 2009 UNIVERSUM89


AKTUELL | StoryDIE GEFAHR DER STRASSEDie illegale oder halblegale Abholzungbeginnt immer dort, wo Schneisen inden Regenwald geschlagen werden.und auch der geschulte Blick für die Pfotenspurendes Ozelots fehlt ihm nicht.Für Neuankömmlinge ist der Dschungelindes ein Kulturschock. Doch schonam zweiten Tag hat man sich mit den lokalenGegebenheiten vertraut gemacht undhilft mit,Wege zu präparieren und Spurenfallenzu legen. Der Umgang mit Machete(Vorsicht, der eigene Unterschenkel istnäher, als man glaubt) und Schaufel isthier von großer Bedeutung.Wer die Augen öffnet, dem begegnetdas Wunder der Natur auf ganz unprätentiöseWeise: in Form riesiger Gemeinschafts-Spinnennetze,abgestorbener Termitenbautenund hier und da am Wegrandals kleiner gelber Frosch. Für die Totenkopfäffchenhoch oben in den Zweigen istdas Leben leichter als jenes der Klammeraffen,denn auf sie wird selten geschossen.Sie haben einfach nicht genug Fleisch aufden Knochen, um ein gutes Mahl darzustellen.Von Zeit zu Zeit kann es auchgeschehen, dass man einen Nachtaffen90 UNIVERSUM März 2009aufweckt, der entsetzt auf einen anderenBaum flüchtet.Eine der Problematiken der Gegend umdie „Las Piedras Biodiversity Station“ bestehtdarin, dass sie nicht in einem Nationalparkliegt. Anders als jene für Touristenzugänglicheren Stellen am Tambopata-Fluss, die zu den Aushängeschildern desperuanischen Tourismus gehören, ist derLebensraum hier höchstens durch Gesetzegeschützt, die kaum zu kontrollierensind. Immer öfter vergibt die RegierungKahlschlagrechte – Präsident Alan Garciasteht wieder einmal unter Erfolgszwang –an den einen oder anderen Konzern. DieSituation wird sich verschärfen, wenndemnächst die lang ersehnte „CarreteraInteroceánica“ fertiggestellt sein wird, eineasphaltierte Verbindung von Atlantik mitPazifik, die einen großen Schritt für Brasilien,Bolivien und Peru bedeutet.Die transkontinentale Straßenverbindungsoll nicht nur Brasiliens Wirtschaft –unter anderem die Exporte nach China –ankurbeln, auch Peru will profitieren. DieBewohner der Provinz Madre de Dios,heute bereits Boomland, setzen großeHoffnungen auf den Aufschwung, titelndoch die Magazine mit Storys über dieMöglichkeiten Perus, aus der Weltwirtschaftskriseals Sieger hervorzugehen. Derökologisch bedenkliche Handel mit Mahagonibäumenfloriert immer, und bei Holzweiß ja meistens keiner, wo es genau herkommt.Die neue Straße eröffnet da, wiesich auf brasilianischer Seite bereits gezeigthat, gute Möglichkeiten: Der Zugangin die Wildnis ist gesichert.Die Interoceánica wird nicht nur dasLebensgebiet der letzten unkontaktiertenIndiostämme in zwei Teile zerschneiden.Die Erfahrung zeigt, dass der illegale oderhalblegale Holzschlag entlang erschlossenerStraßen ebenso ungehemmt zunimmtwie die illegale Jagd. Und im Zuge der Lebensmittelkriseliegt es den Regierungennahe, leichthändig neue Anbauflächen fürSoja zu genehmigen: Brasilien hat auch


EXPEDITION | PeruFOTO: A. GONZALEZ-VIGILdiesen Weg beschritten. Der Regenwaldwird an den betreffenden Stellen, wie derFachbegriff lautet, „weißgewaschen“, dasheißt, die Primärvegetation wird ein füralle Mal vernichtet. Solche Praktiken bringengerade die kaum berührte Region amLas-Piedras-Fluss mit ihrem ungesichertenÖko-Status in eine prekäre Situation.Verhalten untersuchenNoch ist der Kahlschlag unvorstellbar.Noch fliegen die Grünflügelaras zu ihrerangestammten Lehmlecke, und wenn sieein Peki-Peki-Motor oder ein bedrohlicherVogel verscheucht, kommen sie in dernächsten halben Stunde zurück. Alan Leehofft, dass auch seine Studie zu einemUmdenken der Politik beitragen kann.„Über clay licks ist noch nicht viel publiziertworden“, meint er, „und es wäre fatal,wenn diese einzigartigen Orte in Gefahrgerieten.“ Was Alans Freiwilligen imBeobachtungshäuschen klar ist, und wassie, zurück in ihren Heimatländern, dazubringen wird, die Kunde von den letztenErlebnissen in intakten Regenwäldern indie Welt zu tragen: Bewusstseinsbildungmuss im Kleinen beginnen, mit feuchterStirn und durchgeschwitzten Unterhosen.„Zeit für behaviour“, ordnet Alan an:Er meint die Verhaltensuntersuchung anEinzeltieren. Die Freiwilligen wählen einbeliebiges Ara-Individuum und beobachtenes sechzig Sekunden lang. „Resting ...now preening. Moving. Preening again.Scratching.“ Auf den Datenbögen wirdfleißig angekreuzt. Was daraus entsteht?„The Tambopata Macaw Project – ParrotGeophagy Research“ ist der Arbeitstitelseiner Studie. Dabei bestimmt Lee denStellenwert der Lehmvorräte für die Arasebenso wie ihre Wechselwirkung mit derenPopulationsdynamiken. Der erste Schrittbesteht in der Bewusstseinsbildung – Fernzielsoll die Entwicklung von Strategiensein, die zur Erhaltung dieses einmaligenHabitats beitragen, das im Amazonasgebietviel weiter verbreitet ist als früherangenommen.Und als guter Wissenschaftler, der wissenwill, was seinen Aras denn so schmeckt, hatAlan den Lehm selbstverständlich einesTages persönlich gekostet. „Salzig hab ichihn nicht gefunden.Von der Substanz her ister etwa so wie Schokolade, aber nicht süß.Eigentlich war es okay“, sagt er, lächelt, undfügt hinzu: „Aber man muss so was natürlichmögen.“Biosphere Expeditions:URLAUBSERLEBNISSE MITÖKOLOGISCHEM MEHRWERTBiosphere Expeditions ist eine gemeinnützigeOrganisation, die Expeditionen mit ökologischemMehrwert anbietet. Ziel ist, weltweitnachhaltige Entwicklung und konkretenNaturschutz durch die Organisation von Allianzenzwischen Wissenschaft und Öffentlichkeitzu unterstützen. Biosphere Expeditionswill interessierte Menschen mit der Realitätdes Umweltschutzes in Verbindungbringen, um Bewusstsein für diese Arbeit zuwecken und zu schärfen. Deshalb kooperiertBiosphere Expeditions eng mit Wissenschaftlernvor Ort, um auch die lokale Bevölkerungvon einem verantwortungsvollenTourismus profitieren zu lassen. Zu den Expeditionsgebietenzählen Peru, Namibia, dasAltai-Gebirge, die spanischen Pyrenäen, dieSlowakei, Honduras, Oman, etc. Die Gruppenumfassen nie mehr als zwölf Teilnehmer-Innen und werden von erfahrenen Expeditionsleiternbetreut. Zuletzt wurde BiosphereExpeditions mit dem hochrenommiertenbritischen First Choice ResponsibleTourism Award in der Kategorie Best VolunteeringOrganisation ausgezeichnet.Einer der zentralen Kooperationspartnervon Biosphere Expeditions ist Land Rover.Land Rover unterstützt Biosphere Expeditionsweltweit im Naturschutz als Teil der firmeninternenVerpflichtung für die Umwelt.Im Rahmen des „Fragile Earth“-Programmsvon Land Rover werden führende Umweltschutzorganisationengesponsert und dieEntwicklung von nachhaltigen Praktiken undTechnologien gefördert. Zudem entwickelteLand Rover einen speziellen „Off-Road-Code“, der den verantwortungsvollen Umgangmit geländegängigen Fahrzeugen inder freien Natur forciert.www.landrover.comPARADIES PERUPeru ist eines derartenreichsten Länderder Welt. Um dieseeinzigartige Naturzu schützen, sindetwa 15 Prozent desperuanischen Territoriumsvom Staatgeschützte Gebiete.Rund um Puerto Maldonadowestlich derGrenze zu Bolivienerstreckt sich derTropenwald desAmazonas-Tieflandes.Er zählt zu denletzten unberührtenPrimärregenwälderndieser Erde.Biosphere Expeditions DeutschlandFinkenstraße 4, D-72124 Pliezhausen,Tel.: 00 49/71 27/98 02 42www.biosphere-expeditions.orgMärz 2009 UNIVERSUM91