auftrag 288 - Gemeinschaft Katholischer Soldaten

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auftrag 288 - Gemeinschaft Katholischer Soldaten

ISSN 1866-0843HEFT 288 – DEZEMBER 201252. JAHRGANG• Militärethik –international (Teil 2)• Neuer koptischerPapst (Teil 2)• Arabischer Frühling –Medientagung des CV• KatholischerMedienpreis 2012• XXV. Forum KAD• Eugenio Pacelli –Leben und Wirkenbis 1939 (Teil 2)


INHALTAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012 • 52. JAHRGANGEDITORIAL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3SEITE DES BUNDESVORSITZENDEN . . . . . . . 4PRESSEMITTEILUNG DER GKS ZUR VERLÄNGERUNG DESAFGHANISTAN-MANDATES . . . . . . . . . . . . . . 5SICHERHEIT UND FRIEDENSETHIKAMI Tagung in Belgienvon Christoph Auer . . . . . . . . . . . . . . . . 6Militärethik Finnlandvon Dieter Ponsold . . . . . . . . . . . . . . . . 7Militärethik USAvon Christoph Auer . . . . . . . . . . . . . . . . 9GESELLSCHAFT NAH UND FERNArabischer Frühling (CV-Medientagung)von Bertram Bastian . . . . . . . . . . . . . . . 11Jemen – der Sonderwegvon Said AlDailami . . . . . . . . . . . . . . . 15Neuer koptischer Papst (Teil 2)von Dieter Kilian . . . . . . . . . . . . . . . . . 18Patriarch von Alexandria krankvon Dieter Kilian . . . . . . . . . . . . . . . . . 22Das Zeichen des Kreuzesvon Andreas M. Rauch . . . . . . . . . . . . . . 23Juden und Christen heutevon Andreas M. Rauch . . . . . . . . . . . . . . 24KIRCHE UNTER SOLDATENIn der „Kirche unter Soldaten zuhauseWalter Wakenhut wurde 70von Carl-H. Pierk . . . . . . . . . . . . . . . . 41Einweihung der Pater Rupert KapellePressestelle GebJgBrig 23 . . . . . . . . . . . . 42Der Heilige Sebastianvon Andreas M. Rauch . . . . . . . . . . . . . . 43Herbstbesprechung der AKSvon Rainer Zink . . . . . . . . . . . . . . . . . 45AUS BEREICHEN, STANDORTEN UND GKSGKS KREIS AUGUSTDORFKontrastreiches Programm . . . . . . . . . . . . 48GKS-BEREICH WESTReales Familienleben versus virtuelles Leben . . 48KURZ BERICHTET: . . . . . . . 10, 21, 36, 40, 47, 50TERMINE: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51IMPRESSUM: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52BILD DES SOLDATENNach dem Arbeitslebenvon Fritz Mahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26RELIGION UND GESELLSCHAFTKatholische Akademikerarbeit DeutschlandsXXV. Forum und Mitgliederversammlungvon Bertram Bastian . . . . . . . . . . . . . . . 27Impulsreferate beim GesprächsprozessBischof Overbeck, Bischof Bode . . . . . . . . . 28Herbstvollversammlung ZdKvon Joachim Lensch . . . . . . . . . . . . . . . 32Die Herzen der Menschen berührenKatholischer Medienpreis 2012von Bertram Bastian . . . . . . . . . . . . . . . 35Redaktionsschluss fürAUFTRAG 289Freitag, 25. 01. 2013BLICK IN DIE GESCHICHTELeben und Wirken von E.Pacelli (Teil 2)von Philipp Weber . . . . . . . . . . . . . . . . 37Titelbild: Der Vorsitzende der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, der Bischof vonRottenburg-Stuttgart Dr. Gebhard Fürst, mit den Preisträgern (von links: für Elektronische Medien: Hauke Wendlerund Carsten Rau vom NDR, rechts neben Bischof Fürst der Preisträger für Printmedien: Wolfgang Bauer vomMagazin NIDO)2


AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012 • 52. JAHRGANGeditorial:Finnland und den Vereinigten Staaten von Amerikafort. Dieter Kilian stellt den neuen koptischen Papstvor, der kürzlich gewählt wurde.Von der Medientagung des Cartellverbandes derkatholischen deutschen Studenten (CV) wird berichtetebenso wie von dem XXV. Forum und der Mitgliederversammlungder Katholischen Akademikerarbeit, derdie GKS angehört. Zusammen mit dem Bericht vonJoachim Lensch über die Herbstvollversammlung desZdK bekommen Sie einen guten Einblick in das „KatholischeDeutschland“.Der Gesprächsprozess ist mit einem Wochenendein Hannover fortgesetzt worden. Bei der Auswertungin verschiedenen Verbänden, an denen die Redaktionteilnahm, wurde festgestellt, dass wenig vom Gesprächsprozesseiner breiteren Öffentlichkeit bekannt gemachtwurde. Deshalb hat sich die Redaktion entschlossen,zwei Impulsreferate der Tagung in Hannover abzudrucken,von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck aus Essenund von Bischof Dr. Franz-Josef Bode aus Osnabrück.Diese beiden Referate zeigen, dass erstens der Gesprächsprozessernst genommen wird und zweitens, dass sichdie Bischöfe den Problematiken durchaus bewusst sind.Liebe Leserschaft,in der Vorweihnachtszeit herrscht gelegentlich Hektik.So auch in der Redaktion, die krankheitsbedingtdas Septemberheft erst im November heraus brachte undgleichzeitig am Dezemberheft arbeitete. Die Redaktionwurde nach Erscheinen des Heftes 287 aufmerksam gemacht,dass Urheberrechte verletzt worden seien. Deshalbhat die Redaktion in der elektronischen Form aufder Web-Seite den Artikel auf den Seiten 43 bis 47 imAUFTRAG 287 aus dem Netz genommen. Wir bittenSie um Beachtung dieser Maßnahme und weisen aufden Artikel von Prof. Thomas Hoppe im AUFTRAG 286hin, der dort auf den Seiten 11 bis 17 die „resposibilityto protect (R2P) beschrieben hat.Geschichtlich betrachtet, wird der Bericht über dieZeit von Eugenio Pacelli bis zu seiner Papstwahl 1939abgeschlossen.Anlässlich des 70. Geburtstages des ApostolischenProtonotars Militärgeneralvikar Walter Wakenhutschrieb Carl H. Pierk einen Bericht über den Seelsorger,der wie kein anderer die „Kirche unter Soldaten“darstellt.Für die bevorstehende Jahreszeit wünscht die RedaktionIhnen besinnliche Tage, die Zeit und Gelegenheitgeben, Kräfte zu sammeln, ein schönes Weihnachtsfestund für das kommende Jahr alles Gute undGottes reichen Segen, IhrInteressante Themen erwarten sie in dieser Ausgabe.Der Internationale Sachausschuss setzt seine Reiheüber die Militärethik in den anderen Nationen mit3


SEITE DES BUNDESVORSITZENDEN„Ein Blick zurück – und nach vorn!“Der Jahreswechsel ist immer wieder Anlass zumInnehalten, zum Bilanzziehen und um einenAusblick zu wagen. Dies drängt sich auch in diesemJahr auf, denn wir haben manches erreicht und weitereHerausforderungen liegen noch vor uns.Auf das Erreichte können wir mit Stolz zurückblicken.Beim 98. Katholikentag in Mannheim istes uns zusammen mit unseren Mitstreitern gelungen,ein sicherheitspolitischesThema aus ethischerPerspektive betrachtet aufdas Podium zu hieven. DieFrage nach dem Rückzugaus Afghanistan beschäftigtuns Soldaten im Alltag,denn die Rückverlegung desdort in zehn Jahren immerwieder aufgestockten Materialswird eine große Aufgabe.Der GKS ging es jedochmehr um die Frage, wieein verantworteter Rückzugaussehen mag. Schließlichwar es das erklärte Ziel, dasLand für die Afghanen lebenswerterzu machen alses vorher war.Auch bei der Bundeskonferenzkonnten inhaltlicheAkzente gesetzt werden,die uns weiter beschäftigenwerden. Die Bewertung aktuellerKonflikte stellt immerdie Frage nach der Verantwortung für das eigeneHandeln oder eben Unterlassen. Die Konzeption der„Schutzverantwortung“ (responsibility to protect –kurz R2P) gewinnt dabei weiter an völkerrechtlicherRelevanz und setzt anerkannte Maßstäbe.Wir müssen aber mit Blick nach vorn weiterhindie konkreten Fragestellungen aufgreifen,die zu unseren Kerninteressen gehören. Dieaktuelle Diskussion um sogenannte „Kampfdrohnen“ist so eine Frage. Hier ist es für uns wichtig,mit eigener Position anzutreten, um die öffentlicheDebatte mitzutragen. Die Thematik ist nicht einfach,sind doch viele Aspekte zu berücksichtigen.Es gibt Waffensysteme oder Kampfmittel, die wegenihrer spezifischen Eigenschaften grundsätzlichabzulehnen sind. Streubomben und Landminen gehörenzu dieser Gattung, die auch Jahrzehnte nachihrem Einsatz eine unkontrollierbare Gefahr für dieZivilbevölkerung darstellen. Dieses Merkmal seheich bei unbemannten, bewaffneten Luftfahrzeugennicht gegeben. Ich meine, es geht vielmehr um dieFrage, in welchem Gesamtrahmendieses Waffensystemseine Fähigkeitenentwickelt. Genau in dieseDiskussion um die Ausgestaltungder Rahmenbedingungensollten wir unseinbringen. Wie zuverlässigwird ein Ziel aufgeklärtund bei der Bekämpfungüberwacht? Wie ist der Bedienerin die Führungsketteeingebunden und wobefindet er sich? Das sindnur einige der Fragen, diein diesem Zusammenhangzu betrachten sind. Manchesind noch nicht einmalneu, sondern stellen sichauch beim Waffeneinsatzvon bemannten Luftfahrzeugen.Möglicherweise istes die Gelegenheit, auchhier noch einmal genauhinzuschauen. Wenn wirden Blick nach vorn richten, sollten wir dies tun!Beim Blick nach vorn möchte ich schon jetzt aufdie GKS-Akademie „Oberst Dr. Helmut Korn“ hinweisen,die vom 04. bis 08.11.13 wieder in Fuldastattfinden wird. Unseren Beitrag zur Vermittlung vonUrteilsfähigkeit – auch in der obigen Frage – wollenwir bei dieser Veranstaltung vermitteln.Zunächst aber wünsche ich uns allen ein gesegnetesWeihnachtsfest und einen guten Start insNeue Jahr.Rüdiger Attermeyer, OTLBundesvorsitzender derGemeinschaft Katholischer Soldaten4 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GEMEINSCHAFT KATHOLISCHER SOLDATENAUFTRAG 288 • DEZEMBER 20125


SICHERHEIT UND FRIEDENSETHIKApostolat Militaire International (AMI)Jahrestagung des AMI 2012 in Retie, BelgienMan hätte die berühmte Stecknadelfallen hören können, alsDiakon Neil Galloway aus Großbritanniendie letzten Sätze seines Beitragessprach 1 :„Wer aber bleibt übrig, wenn dasOrgelspiel aufhört, alle Gebete gesprochenund alle Kränze niedergelegtsind? Es sind vier Menschen,zwei davon in Uniform. Der erste imRollstuhl, seine Verwundung für jedermannsichtbar. Er hat seine Jugendund seine Unversehrtheit der gerechtenSache geopfert. Wer kümmert sichum ihn? Der zweite steht aufrecht undwirkt stark und unversehrt mit seinerordensgeschmückten Brust. Niemandsieht ihm seine psychischen und seelischenWunden an. Wer kümmert sichum ihn, wenn ihn Alpträume plagen?Die anderen beiden Personen sindnoch trauriger. Eine junge Witwe ,die die Liebe ihres Lebens verlorenhat. Ihr Mann ist im Sarg zurückgekommen.Wer hilft ihr in ihrer Trauerund der Rolle der alleinerziehendenMutter, in die sie gestoßen wurde? Anihrer Hand ein kleines Mädchen. IhrVater kam nicht nach Hause und wirdauch an Weihnachten nicht da sein.Er wird nicht zu ihrer Theateraufführungin der Schule kommen, er wirdihr nie mehr die Kummertränen vonden Wangen küssen und er wird seinekleine Prinzessin nicht an den Traualtarführen. Und wer hilft ihr, wennsie versucht ihre weinende Mutter zutrösten?Ich habe den Ruf gehört; das istmeine Aufgabe. Ich hatte die Ehre,lange Zeit als Offizier in der RoyalAir Force mit herausragenden Männernund Frauen zusammenarbeitenzu dürfen. Es ist nun eine große Ehrefür mich, ihnen und ihren Familienals ihr Seelsorger zu dienen.“Neil Galloway hat vor seiner erstkürzlich erfolgten Weihe zum Diakon1 Freie und sinngemäße Übersetzung.Im Original auf Englisch gehalten.Nachzulesen unter www.apostolat-militaire-international.com/ latest conference/ My_wittness_Deacon_NeilGalloway.pdfVON CHRISTOPH AUER25 Jahre lang als RAF flight sergeantin der Royal Air Force gedient, hatEinsätze im Irak und Afghanistan absolviertund den Zuhörern einen bewegendenEinblick in seinen Glaubenund das Heranreifen des Entschlusses,den Soldatenberuf aufzugebenund stattdessen Diakon in derMilitärseelsorge zu werden, gewährt.Und damit sind wir mitten imThema der diesjährigen Konferenzdes Apostolat Militaire International(AMI) in Retie, Belgien. Unter demGeneralthema „The Christian Soldierin the Service of Just Peace. To liveauthentically according to the Wordof God and to spread the gospel.“ ginges im Speziellen um das Gedenkenan die Gefallenen, militärische Zeremoniender Trauerfeierlichkeitenund die Fragestellung, ob und wieder persönliche Glaube bei der Bewältigungvon Angst und Furcht aufdem Gefechtsfeld hilft.Diesem Thema stellten sich unterder Leitung des neuen Präsidentendes AMI, Herrn GeneralmajorNorbert Sinn, Kommandeur der Militärakademiedes ÖsterreichischenBundesheeres, Delegationen aus 12Ländern von vier Kontinenten 2 .Dazu legte ein weiterer Vortragender,Brigadegeneral Arie Vermeijaus den Niederlanden, der aus seinenErfahrungen als stellvertretenderKpChef 1982 im Libanon, als Bataillonskommandeur1998/99 bei SFORund schließlich als stellvertretenderKommandeur des Regional CommandSouth in Kandahar, Afghanistan berichtete.Er sprach von der Sinn-Suche der Soldaten, die im Einsatznicht nur den Sonntagsgottesdienst,sondern auch Bibelabende besuchten,von der eigenen Nähe zu Gott,von den schwierigen Entscheidungenüber Leben und Tod, vom Umgang mitverwundeten und gefallenen Kameraden.Aber auch von seinen Selbst-2 Belgien, Deutschland, Gambia,Großbritannien, Kenia, Niederlande,Nigeria, Österreich, Philippinen,Slowakei, Ungarn und VereinigteStaaten von Amerikazweifeln, ob seine Rollen als Christund Soldat noch zusammenpassten.Und er thematisierte die Bibelstelle,die ihm Kraft gab: „Sie [die staatlicheGewalt] steht im Dienst Gottesund verlangt, dass du das Gute tust.Wenn du aber Böses tust, fürchtedich! Denn nicht ohne Grund trägtsie das Schwert. Sie steht im DienstGottes und vollstreckt das Urteil andem, der Böses tut.“ 3 Zusammenfassendstellte er für sich fest, dass ihmin den Phasen großer Anspannungund Belastung der persönliche Glaubeund das Gebet Kraft gegeben hat.Und er wies darauf hin, dass gelebterGlaube von den Untergebenen sehrwohl registriert wurde.Chaplain Wim Smit näherte sichin seinem Vortrag dem Thema überdie Fragestellung, wie lange Traumatisierungdurch gewaltsamen Todanhalte und machte am Genozid anden Juden im 2. Weltkrieg klar, dassdiese Nachwirkungen bis in die dritteGeneration danach habe. Entscheidendallerdings war sein Fazit: erforderte ein Glaubensfundament, dasweder Dogmen, noch eine vermeintlicheSinnhaftigkeit des Leidens inden Mittelpunkt stelle, sondern demtraumatisierten Leben die Hoffnungauf die Wiederauferstehung entgegensetze.In anderen Sachvorträgen 4 wurdenweitere theoretische Grundlagenvermittelt, aber auch Einblicke indie bei der Bundeswehr gefundenenFormen und Zielsetzungen der Trauerfeierlichkeitenim Einsatzland, derAnkunft der Gefallenen in Deutschland,der Zentralen Trauerfeier undschließlich der Beisetzung in einemEhrengrab der Bundeswehr gegeben.Besondere Erwähnung verdientauch die Abhandlung von Oberst i.G.MMag. DDr. Phil. Andreas Stupkavon der Österreichischen Verteidigungsakademie,in der die Typen des„Miles protector“, also dem Soldaten3 Römerbrief, Kapitel 13, Vers 4 [und 1]4 Alle Vorträge und Grußworte fi ndensich im Internetauftritt des AMI, sieheFußnote 16 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


SICHERHEIT UND FRIEDENSETHIKals Diener eines gerechten Friedens,dem (religiösen) Fanatiker und demSöldner gegenüber gestellt wurden.Sie würden sich nicht nur durch ihreintrinsische Motivation, auch durchihre Vorgehensweise, ihre Befürchtungensowie die Kriterien des Erfolgesund Misserfolges unterscheiden.Daraus ließen sich unmittelbar ihreÄngste, ihre Schwächen und damitihre Bekämpfbarkeit ableiten.Während der Konferenz habendie Delegationen aber auch den Kontaktmit der Öffentlichkeit gesuchtund wir haben unsere Anliegen alsSoldaten und Christen nach außengetragen. Schon der Eröffnungsgottesdienst,ein vom Erzbischof vonMecheln-Brüssel, zugleich katholischerMilitärbischof von Belgienzelebriertes Pontifikalamt in derKathedrale von Antwerpen wurdemit der dortigen Gemeinde gefeiert.Auch an allen anderen Tagen feiertenwir die Eucharistie zusammenmit anderen Christen: zweimal mitder Gemeinde von Retie, einmal inder Militärakademie in Brüssel zusammenmit den dortigen Offizieranwärternund abschließend in einemPontifikalamt mit dem ApostolischenNuntius in Belgien, Msgr. GiacintoBerloco mit der Gemeinde der CarolusBoromaeus Kirche in Antwerpen.Aber auch im politischen Raumwurden wir wiederum von hohen Repräsentantendes Gastlandes, insbesonderevon Belgischen Generalstabschefder Streitkräfte, GeneralVan Caelenberge, vom ersten stv.Sprecher des Landesparlaments vonFlandern, Carl Decaluwé in Brüssel,der Gouverneurin der ProvinzAntwerpen, Cathy Berx und dem 2.Bürgermeister der Stadt AntwerpenMarc van Peel wahrgenommen. Dabeiwar uns klar, dass wir dies vorallem auch den hohen kirchlichenWürdenträgern unter uns zu verdankenhatten, welche die Delegationenihrer Länder begleiteten undsich in die Konferenz einbrachten.Bischof Rotich aus Kenia, BischofRábek aus der Slowakei und BischofMoth aus Großbritannien bereichertenunsere Konferenz und be- undgeleiteten uns in unserem Handelnund Denken.Welchen Fazit zieht man aber auseiner solchen Konferenz?Zunächst ist der größte Wert dasgesponnene und gepflegte Netzwerkund der Informationsaustausch. Beivielen Mitgliedsländern führt derWeg zu den aktiven Laien (und dasAMI wurde als ein Verband der Laiengegründet) über die Militärgeistlichen.Diese erfahren, wie in anderenLändern die Laien in die Militärseelsorgeeingebunden werden und dieLaien lernen Organisationsformenkennen, die eine Weiterentwicklungin ihrem eigenen Land anstoßen undbeflügeln können.Dann muss man aber einräumen,dass die Konferenz sich zwar einigwar, dass der persönliche Glaube einstarkes Fundament für den verantwortungsvollhandelnden Soldatenist. Aber schon in der Frage der angemessenenForm des Totengedenkens,bzw. des Heldengedenkens,wenn man den 2. Weltkrieg als OpferDeutschlands und seiner Verbündetenerlebte, gibt es keine gemeinsameMeinung. Auch der Umgang mitden Opfern der Einsätze aus jüngerenZeiten und dem Veteranengedenkenzeigt über die Nationenund Kontinente hinweg historischgewachsene Unterschiede. Insofernkonnte es keine gemeinsame Erklärungzu den konkreten Ergebnissendieser Konferenz geben.Meines Erachtens ergibt sichaber für die Kreise und Gremien derGKS eine Frage, deren weitere Erörterunglohnt. „Wie kann uns unserGlaube im täglichen Dienst undim Einsatz Richtschnur und Hilfesein?“ Das Gespräch darüber isthilfreich und gibt Halt.Und um das Thema endlich aufDeutsch zu nennen: Wenn wir durchunser Beispiel ein Glaubenszeugnisablegen wollen und die Botschaftdes Evangeliums verbreiten wollen,dann lasst uns unseren Glauben offenbekennen, geben wir unseren KameradenAnknüpfungspunkte zumGespräch, lasst uns die GKS an derBasis der Kreise so lebendig werden,dass man uns kennt und wir keinDasein im Verborgenen führen. ❏Internationaler SachausschussBis zum heutigen Tag hat sich inFinnland die Wehrpflicht erhalten.Sie gehört zum Alltag. Nur jederfünfte finnische Junge beantragtErsatzdienst. Im Juli 2011 wurden14.000 zum Dienst an der Waffe gerufen,darunter – freiwillig – 200Frauen 2 . Die Armee ist darauf aus-1 Major Oliver Ponsold ist Mitglied imInternationalen Sachausschuss2 Cornelia H.E. Kiaupa: Onlineauftritt„Finnland on Line“ in einerAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Militärethik in FinnlandVON OLIVER PONSOLD 1gerichtet, sich im Kriegsfall durchReservisten zu verzehnfachen 3 . Dasentspräche einem Zehntel aller inFinnland lebenden Menschen. Mitmilitärischen Ambitionen in der Außenpolitikhat dies wenig zu tun. Sosendete Finnland keine Soldaten inden Militäreinsatz in Libyen 2011,Kurzmeldung von Juli 20113 Wikimedia Foundation Inc.: DeutscherAuftritt der Wikipedia z.T. „FinnischeStreitkräfte“die Beteiligung an ISAF ist mit 156Soldaten eher symbolisch 4 . Finnlandsteht militärischen Bündnissen äußerstskeptisch gegenüber; ist bisheute nicht Mitglied der NATO. ZurMitgliedschaft in der Nordic DefenceCooperation (NORDEFCO) wird imjährlichen finnischen Militärreportbetont, dass es sich hier um eine reinemilitärische Kooperation, nicht4 Wikimedia Foundation Inc.: DeutscherAuftritt der Wikipedia z.T. „ISAF“7


SICHERHEIT UND FRIEDENSETHIKum ein Militärbündnis, „not a defensivealliance“ 5 , handelt. Die Militärethikin Finnland wird anhandvon zwei Thesen untersucht und dargestellt.Erste These:Militärethik in Finnland, aufpolitischer Ebene und ebenso inden Köpfen der Bevölkerung,ist von einem tief verwurzeltenWunsch nach staatlicher Souveränitätgeprägt!Für die These spricht die exponiertegeostrategische Lage, dokumentiertin der Geschichte des Landesder letzten 1000 Jahre. Finnlandfeiert erst in Kürze seine hundertjährigeSelbstständigkeit als Nationfeiert! Die Jahrhunderte zuvor warenLand und Bevölkerung Spielball derlokalen Großmächte Schweden undNowgorod, später Russland. Eine Nation,fremd bestimmt in Sprache undKultur, unfreiwilliger Teilnehmer 6kriegerischer Auseinandersetzungenund Grenzziehungen auf finnischemBoden. In den ersten Jahren der Unabhängigkeitnach 1917 verursachtedie neu gegründete Sowjetunioninnenpolitische und außenpolitischeInstabilität. Die erneut gefühlteOhnmacht manifestierte sich in denGebietsansprüchen und dem nachfolgendenEinmarsch sowjetischerSoldaten trotz bestehendem Nichtangriffspaktund Resolution im Völkerbund.In der Nachkriegszeit warFinnland neutral, eine politische Herausforderungin unmittelbarer Nachbarschaftzum Warschauer Pakt. Imbereits zitierten Militärreport heißtes: „in Finland, national defenceconcernes the entire country and allcitizens“. Sind Militärpolitik, Einsätzeund Krieg grundsätzlich ethischvertretbar, wenn sie konsequent aufden Schutz der Bevölkerung und desLandes ausgerichtet sind? Die Achillesfersedieses Ansatzes liegt in derpraktischen Ausübung der Gewalt5 Defence Command Public InformationDivision 2011: The Finnish DefenceForces Annual Report 20106 „Finnische Soldaten machten den größtenTeil der schwedischen Armeen aus“,Quelle: Wikimedia Foundation Inc.:Deutscher Auftritt der Wikipedia z.T.„Geschichte Finnlands“und damit einhergehender Kompromissein der Wahl der Mittel.Zweite These:Ein militärischer Einsatz stehtin der praktischen Umsetzungan der Schwelle der UnmoralDie Nähe zum Abgrund der Unmoralzeigt sich am Beispiel Finnlandsim Fortsetzungskrieg zur Rückeroberungsowjetisch besetzter finnischerGebiete. Einerseits, von offiziellerSeite betont, war Finnland 1939kein Verbündeter Deutschlands, sondernein gleichzeitig Krieg führenderStaat. Vorherige Bemühungen,sich mit skandinavischen Nachbarnoder den Westalliierten zu verbünden,waren gescheitert. 300 Judenkämpften nun für ihr Vaterland inder finnischen Armee, teils Seitean Seite mit Waffen-SS-Verbänden 7 .Es wurde eine Feldsynagoge eingerichtet.Höhepunkt dieser Groteskewar der Versuch, Salomon Klass undLeo Skurnik das deutsche EiserneKreuz zu verleihen, beide lehntendankend ab 8 .Andererseits wurde im Verborgenendas Einsatzkommando Finnland(EK) gegründet, um ideologisch undrassisch minderwertige Individuenauszumerzen, unterstützt von einerrechtsextrem orientierten finnischenStaatspolizei 9 . Rund 100 Gefangenenlagerbetrieben die Deutschenzwischen 1941 und 1944 auf finnischemBoden. Der finnische Soldat,mehrheitlich konfessionell gebunden,dem militärischen Gehorsamund seinem Gewissen verpflichtet,dürfte es in dieser Zeit schwer gehabthaben, in der konkreten Situationzwischen Gut und Böse zu entscheiden.Die ethische Gesamtbewertunggleicht einem Drahtseilakt.Der „gerechte Krieg“ , lat. „bellumiustum“, engl. „Just War“, ist inder praktischen Umsetzung Mythosund Illusion. Nach den dramatischen7 Hannu Rautkallio: Cast into the Lion’sDen’: Finnish Jewish Soldiers in theSecond World War8 Onlineredaktion „Zweiter-Weltkrieg-Lexikon.de“, AbschnittAuszeichnungen, Eisernes Kreuz undRitterkreuz9 Oula Silvennoinen : „HemmeligeVaapenbrödre“ (HeimlicheWaffenbrüder)Erfahrungen im letzten Jahrhundertordnete sich folgerichtig staatlicheSouveränität im militärischen Aspekteiner weltumspannenden Völkergemeinschaft,dem Völkerrechtund einem grundsätzlichen Gewaltverbotunter 10 . Finnische Außenpolitikin der Nachkriegszeit war voneinem festen Wunsch nach Friedenund Neutralität geprägt. Dieerste blockübergreifende Konferenzüber Sicherheit und Zusammenarbeitin Europa (KSZE) fand in Helsinkistatt. Nach Wegfall der Blöckebeteiligten sich dann Finnland undRussland an der „Partnerschaft fürden Frieden“ (PfP) der NATO. Eineübernationale Heimat hat Finnlandmit der EU gefunden. Es beteiligtsich im Rahmen gemeinsamer Sicherheits-und Außenpolitik militärisch,stellt Soldaten für die EUBattlegroups.Doch selbst in Einsätzen, völkerrechtlichlegitimiert und mit Einsatzregeln(RoE) hinterlegt, lauertder moralische Abgrund. ProfessorAki-Mauri Huhtinen, ehemals Dozentim Bereich Führungslehre derNational Defence University in Helsinki,postuliert ein neues ethischesDilemma für finnische Soldaten diesesJahrhunderts hinsichtlich der zunehmendenVermischung von Unterhaltungund Krieg 11 . Filme und Spielegreifen auf die Erfahrungen derKriege zurück, um Spannung durchdie Illusion von Realität zu erzeugen.Umgekehrt wächst die Distanzder Soldaten zum realen Geschehen.Militärische Aufklärungsmittelund Waffen werden vom Heimatlandferngesteuert zur Wirkung gebracht.An der Steuerungskonsole wird diereale Welt virtuell dargestellt, kaumnoch von Spielwelten unterscheidbar.Besonders kritisch sieht ProfessorAki-Mauri Huhtinen in diesemZusammenhang amerikanische Bewerbungsplattformen,die sich derUnterhaltungsindustrie bewusst bedienen.Die Militärethik der USA istein weiteres Themenfeld, welches einergenaueren Betrachtung lohnt. ❏10 Charta der Vereinten Nationen, Artikel2 Ziffer 411 Aki Huhtinen: The worlds of service:Military recruitment from reality to thevirtual and back8 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


SICHERHEIT UND FRIEDENSETHIKInternationaler SachausschussMilitärethik in den Vereinigten Staaten von AmerikaDie Welt erwartet von der westlichenFührungsnation, dass diesesich für den Frieden auf der Welteinsetzt und dabei in der Wahl ihrerMittel ethischen Grundforderungengerecht wird. Wie jeder Staat, erwartenauch die Vereinigten Staaten vonAmerika, dass ihre Soldaten tapferund situationsgerecht untadelig handeln.Beide Gruppen, der AmerikanischeStaat als Gesamtheit, wie auchdie Amerikanischen Streitkräfte sehensich aber in der öffentlichen Meinung,zumindest aber in der veröffentlichtenMeinung der Medien Vor- undAnwürfen ausgesetzt, die im Kern unmoralischesHandeln thematisieren.Guantánamo, Abu Grey, gezielteLiquidationen mit Drohnen undins Rampenlicht gezerrte Verfehlungeneinzelner Soldaten sollen hierals Schlagworte dienen. Wie stehendie U.S.A. also zur Militärethik, zuden Postulaten, dass der Soldat tapferaber auch klug, gerecht und besonnenzu handeln hat und der Staatsein Machtmonopol nur in den Grenzendes Internationalen Rechts undder engen moralischen Grenzen einerallgemeingültigen Friedensethik gebrauchendarf? Im Vordergrund diesesArtikels soll aber nicht die Fragenach dem Recht (oder der Pflicht)des Staates, Militär einzusetzen (jusad bellum) stehen, sondern das rechtmäßigeVerhalten der Soldaten (jus inbello), das aber sehr wohl Rückwirkungenauf den Einsatz insgesamt hat.Die Kernfrage ist also: Was tun dieAmerikanischen Streitkräfte, um ihreSoldaten zu ethisch untadeligem Verhaltenzu befähigen und zu erziehen?Um es vorwegzuschicken: dasThema der Überschrift sprengt jedenRahmen. Bei einer ungefilterten Suchein google bringt „military ethicsu.s.“ ungefähr 181 Millionen Treffer.Rückfragen bei Vertretern der Militärseelsorgein den AmerikanischenStreitkräften bringt hingegen eine einheitlicheAntwort: „There is no single1 Oberstleutnant Christoph Auer istVorsitzender des InternationalenSachausschussesVON CHRISTOPH AUER 1source“, es gibt kein grundlegendesBasisdokument. Aber es gibt vieleGrundlagenpapiere und Institutionen.Ähnlich wie bei der Militärseelsorge,die teilstreitkraftsweise verfasst undorganisiert ist 2 , unterhält jede Teilstreitkraftihre eigene Bildungseinrichtungfür Militärethik und erlässtauch die jeweiligen Vorschriften.So wurde im Field Manual 6-2(Army Leadership) im Oktober 2006die Grundlagen für die Anforderungenan Army-Angehörige bezüglich ihresCharakters und ethischen Festigunggelegt. Aufgebaut auf einem DreiklangSEIN – WISSEN – HANDLENwerden die grundlegenden Prinzipien,Konzepte und Ausbildungsinhaltefür Leadership niedergelegt. Die achtKernkompetenzen werden dabei gemäßder abgebildeten Graphik (Bild1) miteinander verwoben.An der U.S. Militärakademie inWestpoint werden diese Werte durchdas Simon Center for ProfessionalMilitary Ethic (SCPME) vermittelt.Daneben gibt es an dieser Militärakademieaber auch das R.E.A.L.Dieses Akronym, ein wohl gewolltesApronym, das einen Gegenpol zurvirtuellen Welt des Krieges mit videospielartigkontrollierten Wirkmittelngroßer Distanz bildet, steht für„Respect, Ethics And Leadership“(Bild 2). Es wurde von den Kadettenselbst gegründet und wird durch diesegeführt. Die Zielsetzung ist ehrgeizig:„Förderung und Entwicklungder Fähigkeit zum kritischen Denken,moralischem Abwägen und wertebasierterEntschlussfassung durch Austauschmit anderen Studenten in ganzAmerika.“Die Kadetten stellen sich alsoganz bewusst in die Diskussion mitGleichaltrigen ihres Intellekts um militärischesDenken und Handeln auseinem „zivilen“ Blickwinkel zu reflektieren.2 siehe Sozialwissenschaftliche Institutder Bundeswehr, Forum 20, Religionwithin the Armed Forces, ISSN 0177-7599, Straussberg, 1998Die U.S. Army vermittelt dieseWerte über alle Dienstgrade hinwegim Center for Army Profession andEthic (CAPE), die U.S. Navy unterhältmit ähnlicher Zielsetzung das StockdaleCenter for Ethical Leadership.Abschließend sollen nun die vermitteltenInhalte exemplarisch an einer(in toto sehr lesenswerten) Rededes Leiters der des Navy-StockdaleCenters an der Air Force Academy inColorado Springs im November 2007,die noch nichts von ihrer Aktualitätverloren hat, beleuchtet werden.Dr. George R. Lucas jr. referiertevor dem Führernachwuchs derU.S. Luftwaffe über „UnangenehmeWahrheiten“ 3 und vertrat dabei insbesondereeine These: Noch nie in derGeschichte war dem einzelnen Soldatenso große Macht in die Hand gegeben.Und noch nie zuvor waren dieFolgen von falschem Machtgebrauch,Macht-Missbrauch oder schlichtenErmessensfehlern so schwerwiegendund weitreichend. Während früher dieTrennlinie zwischen dem Staatsrecht(jus ad bellum) und dem persönlichenWohlverhalten im Kriege (jus in bello)klar gezogen war, so ist sie heutehoffnungslos unscharf und die beidenmoralischen Betrachtungsweisen untrennbarverbunden 4 .Denn in der Öffentlichkeit wirdjedes Fehlverhalten einzelner Soldatenzum Anlaß genommen, die staatsrechtlicheRechtfertigung des zugrundeliegenden Militäreinsatzes in Zweifelzu ziehen.Verantwortlich dafür sei nicht nurder „CNN-Effekt“ also die stete Teilhabeder Öffentlichkeit am militärischenHandeln. Viel entscheidenderist das stete Wechseln müssen desSoldaten zwischen seiner Rolle als3 20th Annual Joseph Reich, Sr. MemorialLectureU.S.Air Force Academy (Colorado Springs)November 7, 2007“Inconvenient Truths” -Moral Challengesto Combat Leadership in the NewMillennium-G. R. Lucas U.S. Naval Academy(Annapolis)4 Ebenda, Seite 27AUFTRAG 288 • DEZEMBER 20129


SICHERHEIT UND FRIEDENSETHIKmilitärischer Kämpfer und als „Peacekeeper“.Und in der Rolle des unparteiischenFriedenshüter werden wederFehler, geschweige denn Fehlverhaltentoleriert. „In unserer Antwort aufTerrorismus, in unseren Bemühungeneiner geschundenen BevölkerungHilfe zu leisten, stehen und fallen wirals Soldaten und unsere ganze Nationsteht und fällt mit den Handlungenvon jedem einzelnen Soldaten. Hiergelten keine Entschuldigungen, gibtes keine Ausnahmen, keine Teppiche,unter die man Fehler oder Fehlverhaltenkehren könnte.“ 5Er machte seinen Zuhörern klar,dass der Soldat von heute im Zweifelsfallein erhöhtes Risiko auf sichnehmen muss, um potentiellen Schadenfür den Einsatz insgesamt zu vermeiden.Dies machte er am Beispieldes tragischen Ausgangs der „OperationRed Wing 6 “ klar. Als sich einvierköpfiges SEAL-Team bei einerTalibanverfolgung entschied, dreiSchäfer unbehelligt zu lassen, wusstensie noch nicht, dass diese ihneneine Hundertschaft Insurgenten aufden Hals hetzten. Dabei kamen dreivon vier um und die 16 zu ihrer Rettungeingesetzten Kameraden kamenbeim Abschuss ihres Hubschraubersebenfalls zu Tode. Dennoch war dasHandeln des SEAL-Teams richtig.Die drei Schäfer vorsorglich zu erschießen,wäre nicht nur juristischangreifbar, sondern auch moralischverwerflich gewesen.Auch wenn sich der einzig Überlebendein seinem Buch „Lone Survivor7 “ die heftigsten Vorwürfe macht 8 ,die drei Afghanen nicht getötet, unddamit den Tod von 19 Kameradenmittelbar herbeigeführt zu haben, eswäre falsch und unrecht gewesen.Eine medienwirksame Darstellungals Gräueltat der ISAF an unbewaffnetenAfghanen hätte einen kollek-5 Ebenda, Seite 27 f6 Siehe auch: Laura Blumenfeld in„The Sole Survivor“ Washington Post,Ausgabe vom 11. Juni 20077 Lone Survivor, Marcus Luttrell, 20078 It was the stupidest, most southern-fried,lamebrained decision I evermade in my life,” he writes in the book.“I must have been out of my mind. I hadactually cast a vote which I knew couldsign our death warrant. I’d turned intoa f---ing liberal, a half-assed, no-logicnitwit, all heart, no brain, and the judgmentof a jackrabbit.tiven Aufschrei der Empörung undmassenhaften Zulauf zu den Talibanbewirkt.Nicht von ungefähr hat derGrundsatz „assume additional riskto minimize potential harm“ Eingangin das Field Manual 3-24 der U.S.Army gefunden 9 . Dieses mit „Counterinsurgency“(COIN) betitelte Standardwerkfür die Bekämpfung Aufständischerträgt ganz deutlich dieHandschrift von General Petraeus,der wohl wie kein anderer Kompetenzin dieser Materie besitzt. Sein Wirkenals Oberbefehlshaber im Irak und inAfghanistan ist weithin bekannt. Dassdieser promovierte Wissenschaftlerin seiner Doktorarbeit 10 auch über9 Field Manual 3-24, No. 7-30, Dec 200610 Petraeus, David H. (1987). Theden Algerienkrieg und die Fehlerder Franzosen bei der Bekämpfungder Aufständischen geschrieben hat,gehört zu weniger bekannten Fakten11 . Auch wenn sein überraschenderRücktritt von seinem letzten öffentlichenAmt als Direktor der CIA einengewissen Schatten auf sein bis datomakelloses Ansehen wirft: Würde jederSoldat der U.S. Streitkräfte die inden beiden genannten Vorschriftenniedergelegten Grundsätze beherzigen:die Vereinigten Staaten hättennur untadelig handelnde Soldaten. ❏American military and the lessons ofVietnam: a study of military infl uenceand the use of force in the post-Vietnamera. Princeton, NJ: Princeton University.OCLC 20673428.11 Siehe Fußnote 2, ebenda Seite 16KurznachrichtenRenovabis fordert mehr Solidaritätmit Behinderten in OsteuropaDas katholische HilfswerkRenovabis ruft zu mehrSolidarität mit Behinderten inOsteuropa auf. Die Folgen dersozialistischen Behindertenpolitikseien in Rumänien, aberauch in anderen Teilen Osteuropasheute noch spürbar,sagte Caritasdirektor AndrasMarton aus Alba Iulia beimbundesweiten Renovabis-Partnerschaftstreffenin Freising.Aus den Zeiten seiner Kindheitin Tirgu Mures, einer Stadtmit rund 150.000 Einwohnernin Siebenbürgen, könne er sichlediglich an eine Handvoll behinderterMenschen erinnern.„Die Menschen wurden systematischan den Rand undaus der Gesellschaft gedrängt.“Der Umgang mit Behindertenhabe sich zwar heute verbessert,so der rumänische Caritasdirektor.Dennoch werdees weitere 50 Jahre dauern,um die in 50 Jahren „sozialistischerVerdrängungspolitik“gewachsenen Strukturenzu verändern. Beim Partnerschaftstreffenbeschäftigtensich rund 140 Teilnehmer ausPfarrgemeinden und katholischenoder kirchennahen Organisationenmit dem Themader Renovabis-Pfingstaktion2013, das die Situation Behinderterin Osteuropa in denFokus stellt.Der Katholikenrat beimKatholischen Militärbischofunterstützt mit seiner AktionNachbarschaftshilfe in Zusammenarbeitmit Renovabis Projektein Osteuropa. ❏(KNA)10 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 20122


GESELLSCHAFT NAH UND FERNCartellverband der katholischen Deutschen Studentenverbindungen (CV)Arabischer FrühlingAufbruch zur Demokratie oder Weg ins Ungewisse?VON BERTRAM BASTIANVon Freitag, den 2. November bis Sonntag, den 4. November hatte der Cartellverband der katholischenDeutschen Studentenverbindungen (CV) zu seiner diesjährigen Medientagung, die in Kooperation mit derHanns-Seidel-Stiftung durchgeführt wird, ins Kloster Banz eingeladen. Arabischer Frühling – die Revolutionenin den nordafrikanischen und arabischen Staaten wurden allenthalben als Errungenschaften auf demWeg zu demokratischen Verhältnissen gefeiert. Inzwischen hat sich die Sicht der Dinge relativiert. Zwar hat sichdie Lage im nördlichen Afrika weitestgehend beruhigt, ohne dass allerdings die zukünftige Entwicklung mit absoluterSicherheit abzuschätzen wäre. Weiter östlich ist die Revolution in Syrien noch in vollem Gange und dasmit einem ungewissen Ausgang. Dabei stehen die Fragezeichen nicht nur über der Zukunft Syriens. Der dortigeKonflikt hat vielmehr in verschiedener Weise auf die Nachbarländer übergegriffen. Inwieweit er den Libanonund Jordanien infizieren wird, ist momentan noch ungewiss. Und auch, wer in den Kämpfen am Ende dieOberhand behalten wird. Würde sich der Grenzkonflikt zwischen Syrien und der Türkei im weiteren Verlaufnoch ausweiten, könnte für die NATO schnell ein Bündnisfall werden. Und unabhängig von alldem schwelt derKonflikt zwischen Israel und Iran. Diese Lage wurde auf der Medientagung von Experten beleuchtet. Die Spannweiteging von einem Mitglied des syrischen Nationalrates bis hin zum Generalkonsul Israels, die ihre Sicht derDinge den Teilnehmern darlegten und für Fragen zur Verfügung standen.Freitagabend hielt das Mitglied dessyrischen Nationalrates FerhadAhma 1 aus Berlin seinen Vortrag mitdem Titel: „Der arabische Frühlingund der Westen – mit FallbeispielSyrien“.Zu Beginn seines Vortrages machteFerhad Ahma (Bild 1) klar, dass eskeine einfachen Antworten gäbe. DerStaat Syrien habe seit seiner Unabhängigkeitvon Frankreich 1946 ersteinmal Wahlen kennen gelernt, diedemokratisch genannt werden könnten.Seit 1963 herrsche eine einzigePartei und seit 1970 die Familie Assad.Unter der Herrschaft von Hafizal Assad, dem Vater des jetzigenPräsidenten, seien politische Angelegenheitennicht in der Öffentlichkeitbehandelt worden, führte Ahmaaus, der sich im Selbstverständnis alsStimme der unterdrückten Syrer sieht.Dazu unterhalte er tägliche Kontaktenach Syrien, so dass er immer einenaktuellen Überblick habe. DieseKontakte seien für ihn und seine Telefonpartnergefährlich, werde dochder Funkverkehr überwacht, was unteranderem dazu führte, dass er per-1 Der Syrer Ferhad Ahma lebt seit 1996in Deutschland, ist in Berlin-Mitte fürBündnis 90/Die Grünen politisch aktivund arbeitet als Übersetzer für deutscharabischeLiteraturAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012sönlich im Dezember 2011 überfallenund zusammengeschlagen, einGerichtsverfahren sei anhängig undnoch nicht entschieden. Seit dem 2.Februar 2011 gebe es diese quasi öffentlicheOpposition gegen das Assad-Regime, führte der Redner aus. ZuerstDemonstrationen, welche ohne großesPublikum stattgefunden hätten, dannab dem 16.03.2011 landesübergreifendeDemonstrationen, die allmählichin den Aufstand übergegangenseien, der ab September militarisiertsei. Leider seien die Oppositionellenaber uneins und es werde nur auf lokalerBasis geführt, eine große, zentralisierteMacht gäbe es nicht, was esdem Regime erleichtert, diese KräfteDas Mitglied des syrischen Nationalrates Ferhad Ahma (links) vor seinemVortrag im Gespräch mit Wolfgang Braun (Pressesprecher CV, rechts) undRichard Weißkorn (Sekretär CV, Mitte)als Terroristen abzustempeln und mitgroßer Waffengewalt zu bekämpfen. InSyrien selbst sei ein Übergang wegender fast 30.000 Toten nicht mehr vorstellbar,denn das Regime habe sichselbst diskreditiert. Die Auswirkun-11


GESELLSCHAFT NAH UND FERNDer Sprecher für Äußeres derCSU-Landesgruppe im DeutschenBundestag Thomas Silberhorngen auf die Nachbarn nähmen zu, inder Türkei mit dem Flüchtlingsproblem,in Jordanien mit Anschlägen,so dass die gesamte Region ins Chaosabzusinken drohe. Leider sei auch imWesten kein Plan erkennbar, was mantun könne, wenn China und Russlandihr Veto zurückzögen. Dadurch fühltensich die Syrer im Stich gelassen, führteAhma aus. Ein Weg wäre, die Herstellungeines Gleichgewichtes zwischenden Parteien durch die Lieferungvon Waffen, so dass die Syrer ihrProblem selbst lösen könnten. In derZwischenzeit denken die verschiedenenGruppierungen über die ZukunftSyriens nach. Er selbst, der in Berlinmitdiskutiert hatte, geht von einemZeitraum von mindestens zehn Jahrenaus, bis Syrien eine Form geschaffenhätte, in der die Minderheiten – die indas Land gehörten – durch ein funktionierendesRechtssystem geschütztwürden. Da in dem Land eine Vielzahlvon Minderheiten existiere, sei nichtzu befürchten, dass eine von diesenÜbergewicht bekäme. Das positiveSignal für die Zukunft Syriens seheer in dem großen Zusammenhalt derChristen und Muslime sowohl im Südendes Landes als auch im Norden.In der anschließenden Diskussionmachte der Redner noch mal deutlich,dass die syrische Armee durch die FamilieAssad beherrscht würde. Zwargebe es einzelne Desertionen, aberdas ganze Großverbände zu den Oppositionellenüberlaufen würde, diesgäbe es nicht, so dass die Armee nachwie vor ein Machtfaktor des Regimessei. Leider sei es auch auf Seiten derRebellen schon zu Menschenrechtsverletzungengekommen, die aufgeklärtund geahndet werden müssten,führte Ahma aus. Einen Religionskriegsähe er nicht, betonte der Redner,denn die Unterdrückung betrafdas gesamte Volk. Dies sei auch derGrund, warum der Schutz von Minderheitenvon Seiten der Regimegegnerso betont würde. Dass es in Syrienseit der zwangsweisen Gründungschon acht Putsche gegeben hätte,sei richtig, erklärte Ferhad Ahma inder Diskussion, aber er verwahre sich,dass den Syrern die Demokratietauglichkeiteinfach abgesprochen würde.Die demokratische Entwicklung seiauch in den westlichen Staaten einelängere Entwicklung gewesen, führteer als Beispiel aus. Die interessanteDiskussion wurde anschließend imhauseigenen „Bierstübla“ fortgesetzt.Am Samstagmorgen setzte derSprecher der Landesgruppe derCSU im Deutschen Bundestag für ÄußeresThomas Silberhorn die Reiheder Vorträge fort. Sein Thema „Diewestliche Außenpolitik und die arabisch-nordafrikanischenStaaten. EinRückblick auf den Umgang des Westensmit den innenpolitischen Entwicklungendieser Länder.“ Ähnlichwie Ferhad Ahma am Vortag, betonteauch das Mitglied des Bundestages,dass der arabische Frühling der Beginneines langen, steinigen Wegessei. Nicht die Sehnsucht der Völkerder Region nach Demokratie habediese Revolution ausgelöst, sondernder Bruch mit der Systemherrschaftsei das auslösende Moment gewesen,führte Silberhorn aus. Eine zweiteBesonderheit sei die Tatsache, dassdiese Entwicklung nicht von der Armeeausgegangen sei, sondern vomVolke selbst, das eine Verbesserungder alltäglichen Situation herbeiführenwolle. Ob der eingeschlagene Wegzum Pluralismus führen würde, könneman nicht mit absoluter Gewissheitsagen, schließlich habe die Religionin diesen Ländern einen anderen Stellenwertals im säkularisierten Europa.Die Herrscherhäuser seien durchdie Religion, deren Oberhaupt siedarstellten, quasi „akkreditiert“. Injedem Land lägen die Dinge anders,führte der Sprecher der CSU-Landesgruppeaus. In Tunesien habe esseit 1956 starke säkulare Kräfte undein funktionierendes Zivilrecht gegeben,in Ägypten habe die Bevölkerunghohe Erwartungen an die Muslimbruderschaft,die sich um die alltäglichenKleinigkeiten kümmere und in Lybienläge die Problematik unter anderemin der willkürlichen Grenzziehungdurch die Kolonialmächte und diewirtschaftliche Unselbständigkeit derUlrich Pick, langjähriger ARD-Hörfunkkorrespondent in Teheranund Istanbuleinzelnen Stämme. Gemeinsam solltesein, dass durch den Aufbau von funktionierendenInstitutionen wie Verwaltungund Justiz die Grundlage für eineUmsetzung und Sicherung der Veränderungengelegt würde, führte Silberhornaus. Leider gäbe es in Europakein einheitliches Vorgehen, da dieInteressenlage de einzelnen Staaten indieser Region unterschiedlich seien.Man gehe von Hilfe zur Selbsthilfe ausund agiere äußerst vorsichtig, um denUmschwung nicht zu diskreditieren.Nach der Kaffeepause trug derlangjährige ARD-Korrespondent inTeheran und Istanbul Ulrich Pick überden iranischen Frühling vor: „Deriranische Frühling und seine Niederschlagung– Was ist bis heute davongeblieben?“. Zu Beginn seines Vortragesstellte er fest, dass sowohl dieTürkei als auch der Iran (früher Persien)sich nicht der „arabischen Welt“zurechneten. Beide Staaten hätteneine große Vergangenheit und warenin ihren Epochen Weltmächte. Leidervergäßen dies heute auch viele westlichePolitiker. Die „grüne Revolution“habe nach der – mit hoher Wahrscheinlichkeit– manipulierten Präsidentenwahl2009 begonnen und hättesich bis Februar 2010 hingezogen.Der Wächterrat habe die Auszählung12 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GESELLSCHAFT NAH UND FERNder Wahlergebnisse nie wiederholt,was in den Augen der Bevölkerungfür eine Manipulation spräche, führtePick aus. Nach Februar 2010 seidie Opposition zwar verstummt, abernoch existent, wie die Ereignisse vonFebruar 2011 zeigten, als wiederumDemonstrationen aufflammten. Sofortseien die Führer der Opposition unterMonsignore Joachim Schroedel,Seelsorger der deutschsprachigenGemeinde in KairoHausarrest gestellt worden. Als diesebehaupteten, die „Arabellion“ sei dieFortführung der grünen Revolutionvon 2009, konterte der Präsident Ahmedinedschadsofort „die Arabellionsei die Weiterführung der iranischenRevolution von 1979“ um so die Meinungsführungzu seinen Gunsten zuübernehmen, so Pick weiter.Zum Verhältnis Iran zu Syriengäbe es die offizielle Darstellung ausTeheran, dass der Iran neutral seiund vermitteln wolle, wohingegen diesyrische Opposition sage, der Iranunterstütze Assad und sein Regime.Tatsache ist, dass Iran mit modernsterTechnik unterstützt und Teile derRevolutionsgarde ebenfalls in Syrienin Gefangenschaft gingen. IranischeKriegsschiffe seien durch den Suez-Kanal nach Tarsus verlegt worden, wasnur mit Duldung der Muslimbruderschaftin Kairo gehen konnte. Somitseien die politischen Dinge wesentlichenger verflochten, als offizielleStellen dies zugäben, referierte Pick.Gegen Ende seines Vortrages gingUlrich Pick auf das iranische Atomprogrammein. Dieses sei schon unterdem Schah 1967 mit einem Forschungsreaktorgestartet worden, somitkeine Erfindung der iranischenAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Revolution von 1979. Während desIran – Irak Krieges wurde die Anlagein Buschehr durch Luftangriffe beschädigt,ab 1995 mit russischer Hilfewieder aufgebaut und vollendet undging 2011 erstmals ans Netz. Ahmedinedschadhabe die Atompolitik zueinem Pfeiler seiner Politik gemachtund wisse sich in dieser Frage von derBevölkerung unterstützt. Diene dochdiese Politik zur Wiederherstellungder Großmacht Iran, so der Redner.Er gab zu bedenken, dass Iran imGegensatz zu den Atommächten Indienund Pakistan, sowie der heimlichenAtommacht Israel den Atomwaffensperrvertragunterschrieben habeund sich so auf das verbriefte Rechtder Nutzung atomarer Energie berufe.Seit 2009 liefe eine zweite Anreicherungsanlage,allerdings unterirdischin Fordo und somit weitgehendvor Luftangriffen geschützt. In derDiskussion schilderte Ulrich Pick,wie sehr die Bevölkerung unter denwirtschaftlichen Sanktionen litte, dieverhängt wurden, nachdem sich Irannicht den verschiedenen Resolutionengebeugt hatte. Mehr und mehr gäbendie einfachen Leute nicht mehr längerdem Ausland die Schuld an der wirtschaftlichenNotlage, sondern machtendas Regime dafür verantwortlich.Da Ahmedinedschad in den nächstenWahlen nicht mehr antreten darf, seies spannend zu sehen, wer dann – mitBilligung der religiösen Führer – denWahlkampf für sich entscheiden werde,beendete Pick die lebhafte Diskussionsrunde.Nachmittags hielt Dr. Irmgard Jehle,Wissenschaftliche Reiseleiterin,Autorin und Dozentin in der Erwachsenenbildungmit SchwerpunktMittelmeer und Naher Osten, ihrenVortrag. Unter dem Titel „Erwartetder Westen vom Arabischen Frühlingzuviel?“ stellte sie kulturelle und entwicklungsgeschichtlicheAspekte dernordafrikanisch-arabischen Welt vor.Auch in diesem Vortrag wurde deutlich,dass die Bezeichnung „arabischeRevolution“ statt „arabischer Frühling“geeigneter sei, die Entwicklungzu beschreiben. Wenn auch der Anfangeiner „Diktatorendämmerung“gegeben sei, so seien die Ursachender Unzufriedenheit nicht beseitigt.Eine teils sehr gut ausgebildete Jugendfinde keine Arbeit und sei soleichte Beute für Extremisten, führtedie Dozentin aus. Anhand der Lagekartestellte sie die Unterschiedlichkeitder politischen Systeme in dieserRegion den Zuhörern vor und resümierte,dass in den feudalen Systemendie Auswirkungen der arabischenRevolution nicht so ausgeprägt seienDr. Irmgard Jehle, WissenschaftlicheReiseleiterin, Autorin und Dozentinin der Erwachsenenbildung mitSchwerpunkt Mittelmeer und NaherOstenals in den parlamentarischen Republikenmit Führungspersönlichkeitenan der spitze. Dies könne auchmit den Repressalien zu tun haben,die in den feudalen Staaten stärkerausgeprägt seien, erklärte Dr. Jehle.Mit diesem Vortrag wurde deutlich,wie unterschiedlich die verschiedenenEntwicklungen in den einzelnenStaaten dieser Region sind, so dassdie Einzelfallbetrachtung die einzigeMöglichkeit darstellt, den Menschenin der betroffenen Region gerecht zuwerden. Es wurde aber auch deutlich,dass nur die Hilfe zur Selbsthilfe diesenVölkern nützt, um ihren Platz inder Völkergemeinschaft zu finden.Der Vortrag „Islam, Christentumund der Westen – welche Rolle spieltdie Religion für die Zukunft der arabischenWelt“ von Msgr. Joachim Schroedel,dem Seelsorger der deutschsprachigenGemeinde in Kairo, beendetedie Vorträge für den Freitag.Msgr. Schroedel machte den Zuhörerndeutlich, dass für den Muslimauch Äußerlichkeiten der Religionsausübungeine wichtige Rolle spielten.Es gebe keine „Privatsache Religion“und so sei der Grundstein ge-13


GESELLSCHAFT NAH UND FERNlegt für Missverständnisse zwischendem Christentum und dem Islam. FürÄgypten sei ein säkularer Staat keineAlternative, führte der in Kairo tätigeGeistliche aus. Dass so kurz nach demRegierungsantritt des Präsidenten inKairo noch keine spürbare Besserungeingetreten sei, wäre nicht verwunderlich,schließlich war Mursi nochEnde Januar inhaftiert. Nach seinerEinschätzung müsste innerhalb dernächsten sechs Monate eine Veränderungzum Guten eintreten, sonsthätten die Regierungsparteien ihreVertrauensbasis verloren. Ein großesProblem der Region sei die Tatsache,dass das Analphabetentum noch starkausgeprägt sei. Durch das Zitieren desKoran entziehe sich dieser einer Exegese.Die Tatsache, dass der Koranin der Sprache des 6. bis 7. Jahrhundertsgeschrieben sei, mache die Sachenicht einfacher, führte JoachimSchroedel aus.Den anschließenden Abendgottesdienstin der Klosterkirche zelebrierteder Bamberger Erzbischof Dr.Ludwig Schick, bevor sich die Teilnehmerbeim „Fränkischen Abend“weiter den interessanten Diskussionenwidmeten.Am Sonntagmorgen hielt der Generalkonsuldes Staates Israel, TiborShalev Schlosser, den Vortrag: „ArabischerFrühling – Mehr Sicherheitoder mehr Unsicherheit für Israel?“Generalkonsul des Staates Israel in München Tibor Shalev Schlosser (links)im Gespräch mit dem Moderator der Tagung Christoph Dicke (mitte) undWolfgang Braun, Pressesprecher CVDer Generalkonsul betonte, dass esihm wichtig gewesen sei, diesen Vortragzu halten, denn die Demokratienseien in der Minderheit auf der Weltund Demokratie sowie die diese stützendenWerte müssten immer wiederneu „erstritten“ werden. Dies gelte esauch bei der Entwicklung in der arabischenWelt zu beachten und zu unterstützen.Die Entwicklung hin zu mehrDemokratie in dieser Region sei wünschenswert,aber Israel müsse skeptischbleiben, denn es gehören auchfunktionierende demokratische Institutionenin den betreffenden Staatendazu und diese Entwicklung benötigeZeit. Die Lage Israels sei schwierig: sogroß wie das Bundesland Hessen, extremschlank (12 km an der engstenStelle) sei Israel seit seiner Gründung1948 ständig bedroht und habe schonsechs Kriege führen müssen. Granatenauf Nordisrael und die Raketender Hamas auf Südisrael seien nichtdie einzige Bedrohung. Schließlich seiim Iran eine Regierung an der Macht,die Israel auslöschen möchte und dieverdächtigt wird, nach Atomwaffenzu streben. Israel könne sich in seinerexponierten Lage nicht erlauben,einen Krieg zu verlieren. Um Friedenfür die kommenden Generationen zuerreichen habe man im Jahr 2000 dieweitest reichenden Vorschläge an diePalästinenser gemacht, die aber abgelehntwurden. Er sehe in Zukunft einnoch größeres Wettrüsten in dieserRegion voraus, welches den VolkswirtschaftenRessourcen entzöge, die anderswobenötigt würden, führte Schlosseraus. Die Angebote der israelischenRegierung von 2008 wurden gar nichtbeantwortet, ebenso blieb der Stoppder Siedlungsbauten für 10 Monateohne Reaktion der Palästinenser.Mit wem solle man also verhandeln,schlussfolgerte der Generalkonsul.Die Grundidee der Verhandlungenvon Oslo war, die Probleme am Endeder Verhandlungen gelöst zu haben,nicht zu Beginn der Gespräche. Nursei im Moment der Gesprächspartnerabhanden gekommen, führte Schlosseraus. Es gäbe zurzeit keine einheitlicheFührung der Palästinenser.Für demokratische Entwicklungenwürden Erziehung und Bildungbenötigt, dazu wiederum seien einprosperierender Mittelstand für diewirtschaftliche Entwicklung und eineRechtsstaatlichkeit notwendig. AllesDinge, die sich erst im sogenanntenarabischen Frühling entwickeln müssten,dazu benötige man Zeit. Da erkein Prophet sei, könne er auch keineVorhersage treffen, wie es weiterginge.Israel könne in einer befriedeten Regionein Motor der Weiterentwicklungsein, führte der Redner aus, aber manmüsse sich gegenseitig anerkennenund nicht bedrohen. Gerne würde Israelauch verhandeln, aber die Frageist immer mit wem und welche Legitimationhabe der Verhandlungspartner?Ob die Gründung einer Freihandelszonedie Probleme entschärfenwürde, sah der Generalkonsul skeptisch.Zu groß seien die Unterschiedezwischen Israel und seinen Nachbarn,hier seien zuerst Vertrauen und Stabilitätnotwendig. Ein eigener Staatfür die Palästinenser würde Israelsicherer machen, wenn dieser Staatauch dementsprechend gestaltet sei,sprich auch funktionierende demokratischeInstitutionen hätte. Eine solcheStaatsgründung bejahe die israelischeBevölkerung, schloss der Generalkonsuldie lebhafte Fragerunde, in der erkeiner Frage auswich.Nach dem Dank an die Organisatoren,beschlossen die Teilnehmer alsnächstes Thema für die CV-Medientagung2013 den demographischenWandel zu behandeln. Die nächsteTagung wird vom 1. bis 3. November2013 stattfinden. ❏14 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


Der Jemen: ein Sonderweg des arabischen Frühlings?Lagebericht und ZwischenbilanzGESELLSCHAFT NAH UND FERNDie Menschen im Jemen sind dieErsten auf der arabischen Halbinselgewesen, die sich vom arabischenAufbruch in den nordafrikanischenLändern Tunesien und Ägypteninspirieren ließen. Bereits EndeJanuar 2011 gingen die Protestierendenzu Tausenden auf die Straßen, umgegen den seit 32 Jahren regierendenDiktator Ali Abdullah Saleh undsein korruptes Militärregime zu demonstrieren.Unaufhörlich skandiertendie Demonstrierenden „Verlassedas Land“, „Das Volk will den Sturzdes Regimes“.Die Antwort des Potentaten ließnicht lange auf sich warten. Waffenkamen zum Einsatz und für mehrereWochen herrschten nahezu bürgerkriegsähnlicheZustände in derHauptstadt des Jemen, Sanaa. Bisheute sind die genauen Opferzahlennicht bekannt. Nach Angabenvon Menschenrechtsorganisationenmuss von mehreren Tausend Opfernseit Beginn der Revolution bis heuteausgegangen werden. Fast ein Jahrnach dem Entflammen der Demonstrationen,am 22. Januar 2012, schiendie Stimme des Volkes gehört wordenzu sein. Saleh verzichtete auf das Amtdes Präsidenten und erfüllte somit dieursprüngliche Hauptforderung derprotestierenden Bevölkerung. Kanndeshalb von einem Erfolg der „Revolution“im Jemen gesprochen werden?AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012VON SAID ALDAILAMILage in JemenSo einfach und überschaubar ist dieLage im Jemen nicht. Das einstigearabia felix ist nach der Schein-Entmachtung Salehs tiefer gespaltendenn je. Die 1962 ausgerufene Republiksteht vor den größten Herausforderungenihrer Geschichte. Die Einheitzwischen dem Nord- und demSüdjemen, die als nationale Einheitnoch nie in realiter existierte, wirdvon vielen Südjemeniten in Frage gestellt.Die sozio-ökonomischen Probleme,mit denen sich das Land bereitsseit 50 Jahren konfrontiert sieht, habensich im Jahr der Revolten zugespitztund manifestieren sich alltäglichim Straßenbild der Großstädtedes Jemen. Auf dem Höhepunkt derProteste, kurz vor dem Anschlag aufden Präsidenten und seine Führungsriegeim Juni 2011, glich die HauptstadtSanaa in den Abendstunden einerGeisterstadt. Kein Auto fuhr mehrauf den Straßen. Der Liter Benzinerreichte einen Preis von 700 Riyal(umgerechnet 2,30 Euro) – und dasin einem Land, in dem über 45 % derBevölkerung unter der Armutsgrenzeleben. Die Lebensmittelpreise stiegenexponentiell an. Hochwertige Lebensmittel,insbesondere Fleisch, leistensich im Jemen ohnehin nur noch dieReichen. Die Mehrheit der Jemenitenernährt sich vorwiegend von Brot undBohnen. Daneben bereitet die mangelhafteStromversorgung den Menschenerhebliche Schwierigkeiten.Pro Tag werden die Haushalte maximalfünf Stunden mit Strom versorgt.Die Wohlhabenden im Land besitzeneigene Stromerzeugungsaggregate.Für den Großteil der Bevölkerungist die Anschaffung von Stromgeneratorenzu kostspielig, denn der Betriebund die Instandhaltung solcherGeneratoren bringen hohe Ausgabenmit sich, die nur von der wohlhabendenSchicht gedeckt werden können.Neben diesen desaströsen wirtschaftlichenVerhältnissen bleibt derJemen auch in dieser misslichen Lagenicht von den ihn plagenden, konfessionellmotivierten Auseinandersetzungenverschont, die das Land seitden 1980er Jahren verstärkt heimgesuchthaben. Die ideologischen Grabenkämpfezwischen den Salafitenund den Schiiten erreichten in denletzten Jahren ihren Höhepunkt. Dieverbalen Entgleisungen der Vorbeter(Imame) auf den Kanzeln gegenüberihren Rivalen aus dem jeweils anderenkonfessionellen Lager resultieren– in einem Staat ohne flächendeckendeStaatsgewalt – nahezu alltäglich ingewaltsamen Auseinandersetzungenzwischen ihren Anhängern. In diesentemporären kriegerischen Auseinandersetzungengeht es insbesondereum politische oder wirtschaftliche Interessenkonflikte,sie werden jedochideologisch aufgeladen. Gekämpftwird – mit zum Teil unbeschreiblichexponentiellen Mitteln, die jeglicherMenschlichkeit entbehren – für diewahre religiös-politische Ideologie,die im Jemen zukünftig den Staatsislamprägen soll. Die schrecklichenFolgen dieser gewaltsamen Konfrontationensind tief sitzende Wunden,die in einer tribal geordneten GesellschaftGenerationen überdauern undden sozialen Frieden auch langfristiggefährden können.Für den einfachen Jemeniten, sodie Stimmungslage derzeit in Sanaa,Hodeida und Aden, den größten Städtendes Jemen, haben die Revoltenlediglich das Leiden der Bevölkerungintensiviert: mehr Hunger, mehrElend und eine noch stärker gewachseneKluft zwischen arm und reich.Der sozio-ökonomische Abstieg derunteren Mittelschicht ist nach zweiJahren der Anarchie im Jemen besiegelt.Was aber macht diesen „Staat“im arabischen Vergleich so anders?Worin liegt der tiefere Grund für diegesellschaftliche Fragmentierung undfür die undurchsichtige, in den Augenwestlicher Diplomaten zum Teilparadox wirkende Politik der Verantwortlichenin der Hauptstadt Sanaa?GIm Jemen herrschen andere Gesetzeesichtsverlust (figdan maá alwajh),vernichtende Demütigung(ihanah bzw. idhlal), Schadenfreudedes Feindes (shamtat al-adw) sindjene Begriffe, die das tägliche sozialeund politische Geschehen im Jemenbeherrschen. Sie sind eng mitdem Ehrbegriff liiert. Wer die Wirkmächtigkeitund die sozio-politischeAusstrahlkraft dieses gesellschaftlichprägenden Ehrenkodex unterschätzt,analysiert die Ereignisse imJemen oberflächlich und jenseits derin dieser Gesellschaft geltenden ungeschriebenenGesetze und Verhaltensstandards.Das Konglomerat aus15


GESELLSCHAFT NAH UND FERNgeschriebenen religiösen Dogmen,ungeschriebenen Stammesgesetzenund über Jahrhunderte konserviertenTraditionen dominiert das sozialeund politische Leben im Jemen undwird auch nach dem Sturz des Regimesweiterhin die Gesichtszüge des„neuen Jemen“ prägen.An einem Beispiel soll die Brisanzund die Tragweite dieser für alleJemeniten gleichermaßen verbindlichen,handlungsleitenden Maximenillustriert werden. Dabei wird lediglichauf die angesprochene, wichtigeWertkategorie der Ehre bzw. derReputation Bezug genommen. Wirtschaftliche,politische und sozio-ökonomischeFaktoren, die das Verhaltenund Handeln der Verantwortlichen imJemen selbstverständlich ebenfallsentscheidend mitbestimmen, werdennicht berücksichtigt, da sie auch fürwestliche Gesellschaften gelten undhinreichend erforscht und bekanntsind.Im Juni 2011 verübten Unbekannteeinen Anschlag auf den damalsnoch amtierenden PräsidentenSaleh während des Freitagsgebets inder Moschee nahe seines Regierungspalastes.Unter den Toten und Verletztenwaren auch hochrangige Regierungsmitglieder.Saleh selbst überlebtedas Attentat und wurde zur ärztlichenVersorgung nach Saudi-Arabienausgeflogen. Viele Beobachter gingendavon aus, dass Saleh nach dem Attentatnicht mehr zurückkehren würde– u.a. vor dem Hintergrund, dass ernach öffentlicher Wahrnehmung Opfereines feigen Anschlags gewordensei und daher die politische Bühne alsHeld verlassen habe. Was die Analystennicht berücksichtigten, waren dienach dem Anschlag erfolgten verbalenAttacken der Widersacher des Präsidenten,die unter Verletzung der gültigengesellschaftlichen Verhaltensrichtlinienihre Schadenfreude offenkommunizierten und damit den PräsidentenSaleh mittel- oder unmittelbarzu einer Reaktion zwangen, mitHilfe derer er seine verlorene Ehreund Würde wiedererlangen könnte.Unmittelbar nach dem Anschlagwandte sich der bis dahin zum Erzrivalendes Präsidenten avancierteScheich, Sadeq Al-Ahmar (Führerdes Haschid-Clans), an die Protestierendenund schwor vor laufendenKameras, dass Saleh das Land niemehr regieren werde. Mit diesem Postulathat Scheich Sadeq indirekt seineSchadenfreude über den Anschlagauf Saleh öffentlich kund getan. DieBotschaft erreichte die Opfer des Anschlags,allen voran Saleh, währendsie sich im Nachbarstaat Saudi-Arabienmedizinisch behandeln ließen. Vondiesem Zeitpunkt an war völlig klar,dass eine Genesung des Präsidentenauch dessen Rückkehr ins Land bedeutenwürde. Selbst im Rollstuhlwäre er zurückgekehrt, um unmissverständlichallen Beteiligten undinsbesondere seinen größten Konkurrenten,den Al-Ahmar-Brüdern,zu demonstrieren, wer in diesem offenausgetragenen Wort- (und Waffen-)Duell als Sieger den Platz verlassenwird. Denn nichts ist beschämenderfür einen Jemeniten als die Schadenfreudedes Feindes über ihn öffentlichzu vernehmen. Lieber erläge erden Verletzungen des Anschlages, alsdass ihn die Schmach dieser demütigendenund entehrenden Worte seinesOpponenten erreichte.In einem tribal geordneten, patriarchaldominierten Staat wie demJemen hat auch die „Männlichkeit“,eine Art spezielle jemenitische Virilität,die sich in Form von Tugendhaftigkeit,Entscheidungsfreudigkeitund Souveränität ausdrückt, bis heuteeine große Bedeutung. Das größte Loberteilt man einem Jemeniten, indemman ihm bescheinigt, dass er in einerkniffligen Situation „Mann“ gebliebensei. „Seinen Mann stehen“, auch inschwierigen Zeiten – gegebenenfallssich der Gefahr hingebend, das eigeneLeben zu verlieren – ist in einem Konfliktviel ehrwürdiger als die Flucht zuergreifen oder im Sinne des Sprichwortes„der Klügere gibt nach“ zuagieren. Denn nicht der Klügere gibtim Jemen gewöhnlich nach, sondernder Schwächere. Dieser Befund lässtsich im Übrigen auch in vielen anderenarabischen Gesellschaften diagnostizieren.Insofern war die FluchtBen Alis aus seinem Land die rühmlicheAusnahme im Machtkampf derProtestierenden gegen die Despoten.Mubarak, Gaddhafi, Saleh und Assadkämpften bzw. kämpfen bis zur letztenSekunde, um ihre Ehre und Reputationzu verteidigen. Schande undSchmach schädigen die eigene Personmehr, als es der frei gewählte Tod jetun würde. Vor die Wahl gestellt vomGegner öffentlich gedemütigt, entwürdigtund verunglimpft zu werdenoder einen heldenhaften Tod zu sterben,entscheidet sich jeder Jemenitfür letztere Option.Salehs Kampf nach seiner Rückkehrgalt folglich vor allen Dingenseiner Rehabilitation. Er wollte Stärkedemonstrieren, er wollte für einengesichtswahrenden Rückzug von derpolitischen Bühne kämpfen, und vorallem wollte er den Schwur seinesGegners brechen, indem er das Landtatsächlich noch einmal regiert unddie eigene Immunität erzwingt. Mitdem Bruch des Schwures von SadiqAlahmar hat er ihm moralisch-sittlichvor den Augen der Öffentlichkeit einenK.O.-Schlag versetzt. Mit welcherGenugtuung er jede Regierungsentscheidungund jede politische Gesteausübte, konnte der aufmerksameBeobachter in den letzten Wochen vorseinem endgültigen Abgang deutlichsehen. Die andere Seite hingegen, dieder al-Ahmar-Brüder, übte sich in großerZurückhaltung und vollkommenerDemut, was unumstritten die richtigeund einzig verbliebene Option für siezu sein schien.Ein großer Mann muss nach arabischemSittengesetz als großer Mannabtreten. Seinen Wunsch nach Immunität(für seine Person und für seineFamilienangehörigen) ließ Saleh bisins kleinste Detail erfüllen, um allenBeteiligten und Beobachtern eindrucksvollvor Augen zu führen, wertatsächlich noch das Sagen im Landhat. Die theatralische Inszenierungder Übergabe des Präsidentenamtesist der letzte Akt Saleh`scher Rehabilitationsanstrengungenund zugleichder bitterste Moment für seine politischenWidersacher gewesen.DQuo vadis Jemen?er Abgang Salehs kann die gigantischenHerausforderungen,vor denen das Land momentan steht,nicht lösen. Denn an den prinzipiellenProblemen des Landes ändert derSturz des Diktators relativ wenig, zumalseine Familie und seine loyalenAnhänger an den Schlüsselpositionenim Staats- und Sicherheitsapparatweiterhin präsent sind. Seine engstenFamilienangehörigen, allen voran sein16 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GESELLSCHAFT NAH UND FERNAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Sohn, Ahmad Saleh – Kommandeurder schlagkräftigen Revolutionsgarden– haben die Exekutivorgane vonMilitär, Polizei und Geheimdienstenzumindest bis zum endgültigen Abzugder Saleh-Dynastie noch in ihrerGewalt. Er selbst residiert in seinemPrivatdomizil in Sanaa. Für viele Jemenitenbleibt er weiterhin der stärksteMann auf der politischen Bühne imJemen, wenn auch seine Töne immerleiser werden und seine Tage als inoffiziellerMachthaber gezählt zu seinscheinen.Die jemenitische Gesellschaftbleibt auch nach der Saleh-Ära nachStammeszugehörigkeit, konfessionellerPrägung und regionalem Verbundenheitsgefühlfragmentiert. Der Staatauf der einen Seite und die Stammesführerauf der anderen Seite bildendie beiden Pole, die das zukünftigeGeschehen im Jemen beherrschenwerden. Nachdem Saleh es im letztenJahrzehnt geschafft hat, die Stammesführerdurch die enge Anbindungund Beteiligung an der Macht vonihrer Basis zu lösen und den Stammals Institution weitestgehend vom politischenEntscheidungsprozess zuexkludieren, haben die Scheichs imZuge der Revolten die Nähe zu ihrenStämmen wieder entdeckt. Ihre direkteoder indirekte Beteiligung an derStaatsführung der zukünftigen jemenitischenRepublik ist eine Selbstverständlichkeit,um das Land nicht ineinen Bürgerkrieg bzw. in eine sozialeKatastrophe zu stürzen.Neben den Stammeszugehörigkeitenund der damit verbundenen absolutenLoyalität der Stammesmitgliederzu ihrem jeweiligen Clan tritt im Jemender angesprochene ideologischeKampf zwischen Sunniten und Schiitenimmer augenscheinlicher zutage.Die Machtkämpfe innerhalb des sichentwickelnden jemenitischen Staateswerden neben der Stammes- nun auchdie Ideologie-Komponente tragen. DieIslah-Partei mit ihrer orthodox-salafitischenGesinnung ist sich der Unterstützungdes saudischen Königshausesgewiss und wird in den kommendenWahlen nach dem Vorbild derNour-Partei in Ägypten vor allem diesozial Schwachen mit großen finanziellenZuwendungen und auf Wohlfahrtausgerichteten Dienstleistungenauf ihre Seite ziehen können. Die gelegentlichenZuwendungen des altenSaleh-Regimes aus machtpolitischemKalkül zugunsten einiger schiitischgeprägter Stämme und Organisationendürften beendet sein, sodass dieohnehin auf den nördlichen Teil desNordjemens beschränkte Machtbasisder Schiiten deutlich schrumpfenwird. Umso mehr wird die al-Huthi-Bewegung als „letzte schiitische Bastion“für alle Zaiditen (größte schiitischeGruppierung im Jemen) an Bedeutunggewinnen dürfen, solange siesich ideologisch nicht noch deutlicheran die Zwölfer-Schia des Iran annähernsollte. Sollte die Huthi-Bewegungin der zukünftigen Regierungnicht berücksichtigt werden, so istdavon auszugehen, dass die militärischenKonflikte in der Saada-Regionmittelfristig nicht abebben werden.Das nördliche Hochland Saada zähltseit Jahrzehnten zu den unregierbarenund unbotmäßigen Randbezirkendes Jemen. Die wirtschaftliche undinfrastrukturelle Entwicklung dieserGrenzregion zu Saudi-Arabien ist inden letzten 30 Jahren vergleichsweisedürftig ausgefallen.Die Islah-Partei wird ihre eheregalitär und anti-hereditär ausformulierteLehre besser mit dem neuenSystem vereinbaren können als dierebellische Huthi-Ideologie. Ohnehinwaren und sind sunnitische Salafitenstets bereit, sich mit jeder politischenHerrschaft zu arrangieren, solange ihnendie Freiheiten gewährt werden,die Menschen mit ihrer puritanischenund rückwärtsgewandten wahhabitischenIdeologie zu indoktrinieren.AusblickDie geostr ategisch besondereLage des Jemen macht es unvermeidbar,einen Blick auf die wirtschaftlichenund außenpolitischen Interessenregionaler und internationaler Akteurezu werfen. Diese haben bereits inder Vergangenheit großen Einfluss aufdie nationale Entwicklung des Jemenausgeübt und scheuten es nicht, inden Jahren der Revolution ihren Wirkungsbereichim Jemen auszudehnen(Saudi-Arabien, USA und seit kurzemder Iran). Für die al-Qaida bleibt derJemen trotz der kürzlich erzielten Erfolgeder US-Drohnen die sichersteBasis, aus der sie ihre Angriffe nationalund international vorbereiten undin Gang setzen können. Das strategischeund operative Zentrum der sogenannten„al-Qaida auf der arabischenHalbinsel“ ist und bleibt der Jemen,da dort momentan die günstigstenRahmenbedingungen herrschen.Der zukünftige Staat im Jemenwird seine heterogene Basis in derneuen Regierung widerspiegeln müssen,sollte er seine bisherige Schein-Staatlichkeit beibehalten wollen. Nebenden Stämmen, dem GegensatzSchiiten und Salafiten sowie der anElan gewinnenden „Bewegung desSüdens“ werden sich auch neue Gesichterprofilieren, die bisher aus derzweiten Reihe operierten und sich vordem Vorwurf der Korruption und desKlientelismus sowie der ineffizientenVerwaltung schützen konnten. Ausder Reihe dieser neuen politischenAkteure wird die zukünftige militärischeund zivile Führung des Jemenhervorgehen.Die bisher regierende Saleh-Partei – Kongresspartei – hat in den1990er Jahren bereits bewiesen, dasssie eine Koalition mit den Islamisten(Islah-Partei) eingehen kann, jedochist die Ausgangslage diesmalgrundverschieden. Mit Blick auf denfrisch gekürten Präsidenten, Saleh‘sbisherigem Stellvertreter, AbdrabbuhMansur Hadi, einigte man sich auf einenKandidaten, der über keinerleiDurchsetzungsfähigkeit verfügt. Dasdürfte sich auch nach seinen bishererlassenen, teilweise Hoffnung schürendenPräsidialbeschlüssen kaumändern. Damit kann auch langfristignicht von einer Stabilisierung desLandes gesprochen werden. Mit einemschwachen Präsidenten an der Spitzedes Jemen dürften vor allem machtpolitischeKämpfe zwischen einzelnenStämmen zunehmen. Die allgemeineSicherheitslage wird folglich weiterhinrapiden Schwankungen unterliegenund den Staat in seinen Grundfestengelegentlich erschüttern. Nichtvon ungefähr sehnen sich viele Jemenitenbereits heute nach einem starkenMann als Staatsoberhaupt, derum die Eigenheiten dieses verfehdetenLandes weiß und in der Lageist, Stammesrivalitäten sowie soziale,ethnische und konfessionelle Spannungendurch raffiniertes Eingreifen,politisch-versiertes Kalkulieren undTäuschen rechtzeitig zu beenden oder17


GESELLSCHAFT NAH UND FERNauch zu initiieren! Die ideale politischeFührungspersönlichkeit in denAugen der Jemeniten ist diejenige,die aus Intuition stets richtige Entscheidungentrifft und – um es mit denWorten des entmachteten DiktatorsSaleh wiederzugeben – das Tanzenauf den Köpfen der Schlangen brillantbeherrscht. Der Jemen bleibt auchnach Saleh ein höchst fragiler Staat,in dem die Staatsgewalt wie bisherweder von der Mehrheit des Volkesnoch von den gewählten Regierungsvertreternim Staatsapparat ausgeht,sondern von einzelnen Akteuren, dieüber Macht, Geld, „Mannstärke undFeuerkraft“ verfügen.Ob der Begriff Demokratie imFall des Jemen in Vergangenheit,Gegenwart und mit Blick auf diekommenden zwei Jahrzehnte richtiggewählt ist, sollte abschließendgründlich überdacht werden. Dienächsten Jahrzehnte werden eineFülle von arabischen Demokratievariantenhervorbringen, diedas konventionelle westliche Verständnisvon der „Herrschaft desVolkes“ herausfordern könnten.Solange diese „arabischen Demokratien“eine relative Verbesserungder Lage der Menschenvor Ort herbeiführten, sollten dieMissionare von Demokratie undMenschenrechten die Intensitätihres Bekehrungseifers überdenken.Medikamente erzielen nurdann die optimalste Heilwirkung,wenn sie in der vorgeschriebenenDosierung verabreicht werden.Die Transformation der arabischenStaaten von autoritärenRegimen hin zu quasi-demokratischenStaaten steht auch nachzwei Jahren erst am Anfang einesJahrzehnte andauernden Prozesses,dessen Ende auch maßgeblichdavon abhängen wird, wiesich der säkulare Rechtsstaat inEuropa in Zukunft behauptenwird. ❏„Habemus Papam“ am Nil (Teil 2)Die koptisch-orthodoxen Christen haben ein neues OberhauptNoch im August hatte es geheißen,die Wahl des neuen Oberhauptswürde im September 2012,sechs Monate nach dem Ableben vonVON DIETER KILIANBild 1: Bischof Tawadros (* 1952)als KandidatPapst Shenouda III., stattfinden. Docham 13. September meldete ein Sprecherder koptisch-orthodoxen Kirchein Kairo plötzlich, dass der Wahlterminauf den 2. Dezember verschobenwäre. Dann wurde aber auch dieseBild 2: Die Bekanntgabe des Namens des Gewählten. Zum Beweis, dassalle Kandidaten gewählt werden konnten, werden die beiden anderenNamen der Wahlversammlung gezeigtZeitplanung geändert und das neueOberhaupt bereits am 4. Novembergewählt.Auf der vorläufigen Kandidatenliste(siehe Teil 1 im „Auftrag Nr. 287)befanden sich 17 Namen – 7 Bischöfeund 10 Mönche. Nach Berücksichtigungeiniger Einsprüche undnachdem Bischof Kyrillos von Mailandseine Kandidatur zurückgezogenhatte – war eine bereinigte Liste mit14 Namen übrig geblieben. Diese 14Kandidaten stellten sich Anfang Oktoberdem 18-köpfigen Wahlkomitee.So sehr auch die Endphase der Wahltransparent und frei von Außeneinflüssenwar – die ägyptischen Zeitungennannten sie „Altar-Lotterie“ – so18 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GESELLSCHAFT NAH UND FERNtrifft dies für die einzelnen Vor-Wahlgängenicht unbedingt zu. So scheitertenzum großen Erstaunen vor demWahlkomitee im drittletzten Wahlgangdrei bisherige Favoriten, der populäreBischof Bishoy, der Sekretär derHeiligen Synode und Metropolit vonDamietta, sowie die beiden früherenSekretäre von Papst Shenouda III.,die Bischöfe Youannes und Botros.Erzbischof Bachomios, der Metropolitder Erzdiözese Beheira und Interimsvertreter,verkündete im Oktoberauf einer Pressekonferenz im KlosterSt. Bishoy im Wadi Natroun, nördlichvon Kairo, die Namen derjenigenfünf Kandidaten, die im drittletztenWahlgang durch das Wahlkomiteedie meisten Stimmen erhalten hatten:Vater Bachomios El-Syrian (* 1963),Bischof Raphael (* 1954), Vater RaphaelAva Mina (* 1942), Vater SeraphimAl-Syrian (* 1959) und BischofTawadros (* 1952, Bild 1).Am Montag, dem 29. Oktober,fand der vorletzte Wahlgang in derKairoer Kathedrale statt. Die 2.411Männer und Frauen der Wahlversammlungwählten zwischen 09.00und 17.00 Uhr in der St. Markus-Kathedralein geheimer Wahl aus denfünf verbliebenen Kandidaten diejenigendrei aus, deren Namen im letztenWahlgang schließlich in den Kelchgelegt werden. Nachdem die acht gläsernenWahlboxen geleert und alleStimmen ausgezählt waren, stand dasErgebnis fest: Bruder Raphael und diebeiden Bischöfe Raphael und Tawadros.Einer von ihnen würde der 118.Patriarch auf dem Stuhl des HeiligenMarkus werden.Sechs Tage später schließlichfolgte der letzte und entscheidendeWahlgang während einer öffentlichenZeremonie in der Kathedralkirche inKairo. Die Namen der drei Kandidatenlagen – auf eingerollten, verschnürtenund versiegelten Papyrusrollengeschrieben – in dem gläsernenWahlkelch. Dieses Verfahren mag inwestlichen Augen einer Lotterie ähneln.Tatsächlich aber wird auf dieseWeise jeglicher Einfluss von außen,z.B. durch politische Kräfte, verhindert.Das Wahlverfahren von 1957 warvor einigen Jahren in einigen Punktengeändert, aber nicht in allen vom damaligenPapst Shenouda III. akzeptiertworden. Darunter war auch derAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Vorschlag, erstmals zu den Zettelnmit den Namen der drei Kandidateneinen vierten ohne Namen hinzuzufügen.Würde dieser namenlose Zettelgezogen, wäre damit erkenntlich, dasskeiner der drei Vorgeschlagenen demWillen Gottes entspräche, und dannmüsste das Wahlverfahren in Teilenwiederholt werden. Doch wurde dieserVorschlag bei der Wahl 2012 nichtumgesetzt.Am Sonntag, dem 4. November2012, führte die Hand Gottesdie des kleinen Jungen Bischoi GirgisMusaad, der – unter Aufsicht vonErzbischof Bachomios und beobachtetvon zahlreichen Fernsehkameras– mit verbundenen Augen den Namendes neuen Papstes aus dem Kristall-Kelch zog. Auch er war – um jeglichenVerdacht einer Einflussnahmeauszuschließen – willkürlich aus einerListe von 12 Knaben ausgewähltworden. Der Junge überreichte demBischof die mit rotem Wachs versiegelteund mit weißen Bändern zugebundeneNamensrolle. Acht Monatehatten die koptisch-orthodoxen Christensehnlich auf diesen Moment, aufden „weißen Rauch“ aus Kairo, gewartet.Dann entrollte Metropolit Bachomiosden Zettel und hielt den aufArabisch geschriebenen Namen unterdem Jubel tausender Gläubiger in dieKameras: „Eminenz, Al-Anba Tawadros– allgemeiner Bischof“ (= Bischof,der keine eigene Diözese führt) standauf Arabisch auf dem weißen, vonrechts nach links zu lesenden Papyrusblatt.Der Name Tawadros ist diearabische Version des griechischenNamens Theodoros (= Geschenk Gottes).Der erste koptische Patriarch mitdiesem Namen stand als 45. Patriarchvon 730 bis 742 n. Chr. an der Spitzeder Gemeinde.Die schriftliche Anrede von BischofTawadros auf dem Wahlzettelmit „Eminenz“ erfolgte wohl aus Höflichkeitgegenüber dem Kandidaten.Tatsächlich ist die offizielle AnredeBild 3: Papst Tawadros II als 118. Koptisch-orthodoxer Patriarch auf demSt. Markus Thronfür die Bischöfe in der koptisch-orthodoxenKirche „Your grace“ (EuerGnaden) und nur für die Erzbischöfe(Metropoliten) „Eminenz“. Kurz nachder Verkündung werden auch die anderenbeiden Namensrollen aus demKelch genommen, aufgerollt und voneinem Priester den Gläubigen gezeigt,um jegliche Vorwürfe einer Manipulationzu vermeiden (Bild 2).Bischof Tawadros wurde an seinem60. Geburtstag zum 118. Patriarchender koptisch-orthodoxen Kirchegewählt. Er war – trotz seiner zwölfBücher, die er bisher geschriebenhatte – in der Vergangenheit selten andie Öffentlichkeit getreten und zähltedeshalb nicht zu den bekanntengeistlichen Führern der koptischenKirche. Gleichwohl sahen sechs Bischöfe– darunter der Bischof der koptischenGemeinde in Deutschland,Anba Damian, und der Bischof vonMelbourne, Anba Suriyal – in ihmeinen geeigneten Kandidaten für dasAmt des Patriarchen und schlugenihn dazu vor. Auch Anba Raphael, der19


GESELLSCHAFT NAH UND FERNWeihbischof von Zentral-Kairo undderjenige seiner Mit-Kandidaten fürdas Patriarchen-Amt, der in den Vorwahlendie meisten Stimmen erhaltenhatte, hatte den Vorschlag Tawadrosunterstützt.Der neue Papst Tawadros II. warmit dem Namen Wagih Sobhy BakkySuleiman in der kleinen Stadt Mansuraim Nildelta am 4. November 1952 geborenworden. Das Ehepaar mit demSohn und zwei Töchtern war sehr religiös.Viele der zahlreichen Onkelund Neffen dienten in der Kirche alsPriester und Mönche. Bedingt durchden Beruf des Vaters – Abu Wagihwar ein Landschaftsingenieur – zogdie Familie mehrfach um: 1957 vonMansura nach Sohag in Mittelägypten,1960 wieder in den Norden nachDamanhur, etwa 50 km südostwärtsvon Alexandria. Dort besuchte derJunge eine koptische Schule, die vonder Schwester des damaligen PapstesKyrillos VI. geleitet wurde. „Unserganzes Leben war der Kirche gewidmet“,sagte Tawadros in einemInterview. 1967 starb der Vater, undsein Sohn Wagih beschloss, nachAbschluss seiner Schulzeit im Jahre1969 für begrenzte Zeit in den Dienstder Kirche zu treten. In der koptischenKirche besitzt diese Einbindung vonLaien eine lange Tradition. ZweiJahre später, im Jahre 1971, wurdeder Priester Bachomios zum Bischofseiner Heimatdiözese Beheira (auchBuhayrah) geweiht, dessen Zentrumdie Stadt Damanhur ist. Da es damalsdort jedoch noch keine Kathedralegab, nutzte Bischof Bachomios diekleine Gemeindekirche, in der Wagihund dessen Familienangehörige jedenSonntag den Gottesdienst besuchten,als seine Bischofskirche.Wagih hatte inzwischen an derUniversität von Alexandria mit demStudium der Pharmazie begonnenund schloss dieses 1975 ab. Danacharbeitete er in einem staatlichenPharma-Unternehmen und stieg indie Manager-Ebene des Betriebes auf.Seit 1971 hatte er Bischof Bachomiosregelmäßig getroffen, da dieser engeKontakte zur Jugend seiner Diözesepflegte. Und so war es ein folgerichtigerSchritt, dass Wagih sich 1981entschied, parallel am TheologischenKolleg von Alexandria Theologie zustudieren und dieses im Jahre 1983Bild 4: Papst Tawadros II mit Kroneund Kreuz als Zeichen seinerWürdeabschloss. Danach aber vertiefteer seine Pharmazie-Kenntnissedurch ein ergänzendes Studium inEngland und wurde 1985 Mitgliedder „British International HealthCare Association“. Ein Jahr späterjedoch beschloss er, seine weltlicheKarriere zu beenden und seinLeben Gott zu weihen. Er trat in dasKloster St. Bishoy im Wadi Natrunein und erhielt den Namen Tawadros(Theodorus). 1988 wurde er zumMönch und 1990 zum Priester geweiht.Dann aber kehrte er dem kontemplativenLeben den Rücken undübernahm in seiner HeimatgemeindeDamanhur die Aufgabe eines Priestersfür die Jugendarbeit. Im Jahre 1997wurde er von Bischof Bachomios zumWeihbischof („Generalbischof“) berufenund erhielt die Bischofsweihe.1999 reiste er für längere Zeit zuStudienzwecken nach Singapur.Innerhalb der Bischofssynode warBischof Tawadros zuständig fürGlaubensfragen, Erziehung undSeelsorge. Zum engeren Kreis vonPapst Shenouda III. gehörte er jedochPnicht.apst Benedikt XVI. sandte demgewählten koptischen Oberhauptam 5. November eine Grußbotschaft, inder der Heilige Vater auf die Verdienstedes Vorgängers als eines „wirkungsvollenPartners“ hinwies und dieBedeutung der Zusammenarbeit allerChristen „in diesen herausforderndenZeiten“ betonte. ErzbischofZollitsch, der Vorsitzende der deutschenBischofskonferenz würdigte inseinem Glückwunschschreiben denBeitrag der koptischen Kirche zumAufbau einer friedlichen Gesellschaftin Ägypten.Am Sonntag, dem 18. November2012, bestieg Papst Tawadros II. als118. Koptisch-orthodoxer Patriarch inder überfüllten Kathedrale in Kairoden St. Markus-Thron von Alexandria(Bild 3). Aus der Hand von ErzbischofBachomios empfing er – mit Tränenin den Augen – während der vierstündigenZeremonie als Zeichen seinerWürde die Krone und das Kreuz,nachdem ihm dieser zuvor eine Bibelauf den Kopf gelegt und damit dessenTreue zum Glauben bekräftigt hatte(Bild 4). Während der Inthronisationergriff der neue Papst selbst nichtdas Wort, sondern ließ eine Botschaftverlesen, in der er gelobte für dasWohl ganz Ägyptens zu arbeiten – fürChristen und Muslime.Unter den zahlreichenEhrengästen, die der feierlichenAmtseinführung beiwohnten, warenhohe Würdenträger der orientalischenund abendländischen Kirchen, wiez.B. das Oberhaupt der MalankaraOrthodoxen Syrischen Kirche inSüdindien, Catholicos Basileus M.Paulose II., und der griechisch-orthodoxePatriarch von Alexandria,Theodoros II., Kurienkardinal KurtKoch und der Wiener WeihbischofFranz Scharl, sowie der obersteGeistliche der sunnitischen Muslimein Ägypten, Groß-Mufti SheikhMohammed Ali Gomaa (Bild 5). DieSpitze der ägyptischen Politiker führtePremierminister Hisham Qandil an,begleitet von seinem InnenministerAhmed Gamal al-Din, sowie der vormaligeGeneralsekretär der ArabischenLiga und Präsidentschaftskandidat,Amr Moussa und der frühereGeneraldirektor der InternationalenAtomenergiebehörde (IAEO) und heutigeOppositionspolitiker MohamedEl-Baradei. Der Präsident des päpstlichenRates für die Einheit der Christen,der Schweizer Kurt Kardinal Koch,übergab ein Glückwunschschreibenvon Papst Benedikt XVI. Der ägyptischePräsident Mursi hingegennahm an der Inthronisation nichtteil. Er hatte – möglicherweise wegender Gaza-Krise, aber vielleichtauch wegen der Aufkündigungder christlichen Mitarbeit in derVerfassungskommission – nur sei-20 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GESELLSCHAFT NAH UND FERNBild 5: Der oberste Geistliche der ägyptischen Sunniten Sheikh MohammedAli Gomaa gratuliert dem neuen koptischen Papstnen Premierminister geschickt, derallerdings erst mit zweistündigerVerspätung eintraf.Das neue Oberhaupt der koptischorthodoxenKirche steht vor großenHerausforderungen. Er muss in einerschwierig gewordenen politischenLage in Ägypten den Dialog mit derRegierung, den stärker gewordenenmuslimischen Parteien und den religiösenFührern pflegen. Gleichwohlwird erwartet, dass er eine stärker pastoraleund weniger politische Rolleim neuen Ägypten verfolgen wird alssein Vorgänger. Dieser hatte der koptischenKirche durch enge Bindung anMubarak zwar einen gewissen Freiraumverschafft, ohne dass dadurchallerdings die Benachteiligung derKopten in vielen Feldern des Alltagslebensaufgehoben worden wäre.Die ersten Äußerungen des neuenPapstes waren behutsam. So hatte erangekündigt, seine Aufmerksamkeitzunächst dem „Haus im Inneren“ zuwidmen. In der Tat kommt z.B. durchden Weggang vieler Kopten aus ihremHeimatland der Verbindung zwischender Mutterkirche und ihren Gläubigenim Exil eine wachsende Bedeutung zu,um ein Auseinanderdriften und eineEntfremdung zu vermeiden. Tawadrosbetonte, wie wichtig ihm dabei derDialog wäre. „Es reicht nicht mehr,einfach zu sagen: Hier geht es lang!“,äußerte er jüngst. Aus seiner Jugendarbeitweiß er um deren Bedeutung,doch in der Einbindung der jungenGeneration ist die koptische Kircheauch in der Vergangenheit vorbildlichgewesen und wird diesen zweifelsohneWeg fortsetzen.Die Zusammenarbeit mit der neuenägyptischen Regierung hingegendürfte weit schwerer werden. Schonwährend der Diskussion um die neueVerfassung hatte Tawadros noch alsBischof im Fernsehsender ONTV voreinem zu Islam-lastigen Entwurf gewarnt;dies wäre in Ägypten nichtnur für Kopten nicht hinnehmbar.Präsident Mursi forderte er auf, einZeichen zur Beruhigung zu geben.Wirkung gezeigt hat dieser Appellbisher nicht. Zwischenzeitlich habensich alle christlichen Kirchen Ägyptensaus der Verfassungskommissionzurückgezogen. Der koptisch-katholischePatriarch-Vikar Samaan – imGleichklang mit Papst Tawadros –stellte ebenfalls fest, dass der bisherigeVerfassungsentwurf „den Weg füreinen religiösen Staat“ bereite. MohammedBadi-a, der Oberste Führerder Muslimbruderschaft (Dschama-atAl-Akhwan Al-Muslimun), sowie derChef der dieser nahestehenden Partei„Freiheit und Gerechtigkeit“ („HizbAl-Hurriya Wal-’Adala“ – FJP), MohammedSaad al-Katatni, gratuliertendem neuen Oberhaupt via Facebook.Sie wären „optimistisch hinsichtlicheiner ertragsreichen Zusammenarbeitunter Berücksichtigung der WerteFreiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit“.In seinem Verhältnis zu den Muslimenhatte Tawadros noch als Bischofstets die gemeinsamen Wurzeln betont.„Betrachten Sie die Schönheitunserer Vielfalt: Der Obelisk aus pharaonischerZeit, der christliche Kirchturmund das Minarett sind das Erbeunseres Landes und unsere Botschaftan die Welt.“ Nun bleibt abzuwarten,ob die im Augenblick wieder tonangebendenradikalen muslimischen Kräfte– obgleich nicht repräsentativ fürdas mehrheitlich weltoffene Land amNil – dieses Angebot des neuen koptischenPapstes annehmen werden.Zweifel sind angebracht, steht Dialogdoch weltweit bei keiner radikalenGruppe auf dem Arbeitsplan. ❏KurznachrichtenBundespräsident würdigt Sozialreformer Adolph KolpingBundespräsident Joachim Gauck kommt zum 200. Geburtstag des katholischenSozialreformers Adolph Kolping im kommenden Jahr nachKöln. Am 2. Februar spricht er im Rahmen der Veranstaltungsreihe „KölnerGespräche“ zum Thema „ Kolping - Eine Geschichte mit Zukunft“,wie das Kolpingwerk Deutschland am Dienstag in Köln mitteilte. Zuvorwerde der Bundespräsident an einem Gottesdienst in der GrabeskircheAdolph Kolpings (1813-1865), der Kölner Minoritenkirche, teilnehmen.Der auch als Gesellenvater bezeichnete Priester Adolph Kolping wurdeam 8. Dezember 1813 geboren. Er gründete 1849 in Köln den erstenkatholischen Gesellenverein, um damit in Zeiten großer gesellschaftlicherUmbrüche jungen Handwerksgesellen Halt und Heimat zu geben. Kolpingstarb 1865 und wurde 1991 seliggesprochen. Der Gesellenverein wurde1935 in Kolpingwerk umbenannt. Dem Deutschen Kolpingwerk gehörennach eigenen Angaben mehr als 250.000 Mitglieder an. ❏ (KNA)AUFTRAG 288 • DEZEMBER 201221


GESELLSCHAFT NAH UND FERNPatriarch von Alexandria schwerkrankPatriarch-Vikar übernimmt FührungVor zwei Jahren, am 20. November2010, war Antonios I. Naguib(* 1935), der Patriarch der mitRom unierten koptisch-katholischenKirche Ägyptens, von Papst BenediktXVI. als dritter Patriarch von Alexandria,in das Kardinalskollegium erhobenworden – als erster sogar auf derBild 1: Papst Benedikt XVI. mit Patriarch Antonios INaguibVON DIETER KILIANStufe eines Kardinalbischofs (Bild 1).Aus diesem Anlass war ihm die Ehrezuteil geworden, gemeinsam mit demPapst und weiteren Mit-Zelebrantendas Feierliche Hochamt am Papstaltarüber dem Petrusgrab unter der Kuppeldes Petersdoms zu zelebrieren.Naguib hatte 1960 die Priesterweiheempfangen, nachdem er von1953 bis 1958 in Rom an der PäpstlichenUniversität Theologie studierthatte. 1977 war er zum Bischof derDiözese Minya gewählt worden undstand seinem Bistum in Mittelägyptenbis zu seiner Erkrankung im Jahre2002 vor. Wieder genesen, wurde er2006 von der koptisch-katholischenBischofssynode zum Nachfolger desgreisen Patriarchen Stephanos II. KardinalGhattas (1920-2009) gewählt(Bild 2). Kardinal Naguib hatte die„Arabische Revolution“ anfangs begrüßt,sie dann aber wegen des Vormarschesradikaler und extremistischerislamischer Gruppen mit immergrößerer Skepsis beobachtet. Im Oktober2010 war er als Chefberichterstatterder von Papst Benedikt nachRom einberufenen Synode für denNahen Osten in Rom eine der zentralenPersönlichkeiten dieses Treffensgewesen, bei dem erstmalsArabisch eine derArbeitssprachen war. 1Vor einem Jahraber brach die alteKrankheit wieder aus.Ein Schlaganfall imJanuar dieses Jahresverschlimmerte diegesundheitliche Lagevon Kardinal Naguibso sehr, dass sich dieBischofssynode im Februarentschloss, denbisherigen Bischofvon Assiut, KyrillosKamalWilliamSamaan (* 1946, Bild 3),der zum Franziskaner-Ordengehört,nach Artikel 132 desKanonischen Rechtsder Ostkirche zum Patriarch-Vikar mitdem Recht vollständiger Jurisdiktionund der Nachfolge zu ernennen. BischofSamaan, der in den 80-er Jahrenebenfalls in Rom studiert hatte, war1990 zum Bischof geweiht worden.Unter den sieben katholischenGemeinschaften Ägyptens ist die koptisch-katholischeKirche, die den römischenPapst seit Ende des 19. Jahrhundertsals Oberhirten anerkennt,1 Zum ersten Mal in der langenGeschichte des Synoden hatteder Papst – neben den beiden„Arbeitspräsidenten“ – dem PatriarchenIgnace Joseph III. Younan vonAntiochien (* 1944) und LeonardoKardinal Sandri (* 1943), demPräfekten der Kongregation für dieorientalischen Kirchen – auch zwei„Ehren-Präsidenten“ ernannt – dieKardinäle Nasrallah Sfeir, den 90-jährigenPatriarchen der Maroniten undEmmanuel III. Delly, den 83-jährigenPatriarchen der Chaldäer im Irak.mit nur etwa 200.000 bis 250.000Gläubigen zwar die größte, doch siesteht im Schatten der zahlenmäßigweit größeren koptisch-orthodoxenKirche. Kardinal Naguib war eineprominente und engagierte Stimmeim Chor der orientalischen Ostkirchen.Sein Ausfall wird lange nichtBild 3: Patriarch-Vikar BischofKyrillos Kamal William SamaalBild 2: Patriarch Antonios I Naguiban seinem 72. Geburtstag mit demAutor Dieter Kilianauszugleichen sein. An der 13. OrdentlichenGeneralversammlung derBischofssynode im Oktober diesesJahres unter der Leitung des Papstesin Rom konnte er bereits nicht mehrteilnehmen. ❏22 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GESELLSCHAFT NAH UND FERNBuchbesprechungDas Zeichen des Kreuzes durchläuftin Kirche, Theologie undKunstgeschichte unterschiedlicheWahrnehmungs- und Deutungsmuster.In der römischen Antike war dıeKreuzigung zunächst einmal eineStrafe für Nichtrömer und in der Regelfür Angehörige der Unter- undMittelschicht. Römisches Recht warhart und streng. Römische Bürger wieder Apostel Paulus hatten das Recht,dass ihr Fall vor einem Gericht in Romgebracht wurde. Als jüdischer Bürgeraus Nazareth in der Provinz Galilaea,die von den römischen Statthaltern ohnehinals aufrüherische Gegend wahrgenommenwurde, kam Jesus eineVerhandlung in seiner Heimat zu, inseinem Fall bei seinem aktuellen Aufenthaltsort,also Jerusalem. In Jerusalemund Caesarea Maritima unterhieltder römische Statthalter Paläste. Dochdie meiste Zeıt hielt sich der römischeStatthalter Pontius Pilatus sowie seineVorgänger und Nachfolger in CaesareaMaritima auf, weil dort die Masseder römischen Soldaten in der ProvinzPaelestina stationiert war, es dort inder Regel wärmer als im übrigen Landwar, aller römischer Komfort existiertewar und im Falle von Spannungenstets die Fluchtmöglichkeit über densicheren Seehafen von Caesarea Maritimanach Rom bestand.Das Kreuz als AbschreckungDie Kreuzigungsstrafe diente vorallem der Abschreckung. An derSpitze des Kreuzes war auf einemHolztäfelchen der Name des Veurteiltenund der Grund seiner Verurteilungangegeben. Bei Jesus war dasbekanntlıch INRI, also “Jesus Nazarerumrex judaicum” – Jesus aus Nazareth,König der Juden. In der Regelhandelt es sich bei den Gekreuzigtenum Gewohnheitsverbrecher,also Diebe, Betrüger und Mörder. ZurAbschreckung gehörte nicht nur dieKreuzigung per se, sondern das dieDeliquenten zuvor geschlagen, ausgepeitscht,getreten und misshandeltwurden. Danach wurde ihr gefolterterKörper öffentlich gezeigt, indemDas Zeichen des KreuzesVON ANDREAS M. RAUCHsie ihr Kreuz zur Kreuzigungsstättetragen mussten. Im Falle von Jesusmussten sie dafür die Altstadt vonJerusalem durchqueren, bis hin zurKreuzigungsstätte Golgatha, genanntSchädelhöhe, weil dort die Überrestevon Gekreuzigten zu finden waren. Ander Kreuzigungsstätte angekommenwurden die Verurteilten an das mitgeschleppteHolzkreuz genagelt unddann wurde das Holzkreuz aufgestellt.Die Verurteilten wurden so am Kreuzangebracht, dass sıe mit ihrem Gesäßauf einem kleinen Holzhöckerchen saßen.Dadurch lag nicht das gesamteKörpergewicht auf den angenageltenHänden und Füßen. Durch die halbsitzendeHaltung wurde aber auchder Prozess des Sterbens und Leidensverlängert. Einige Delinquenten verlorendurch Schmerzen und Blutverlustin Folgen der Geißelung und desEinschlagens der Nägel ihr Bewusstseinund verstarben dann. Doch dieMehrheit der Verurteilten hing nochtagelang bei vollem Bewusstsein amKreuz und verstarb dann aufgrund deroffenen, nicht behandelten Wundensowie des Mangels an Trinken undEssen. Damit Angehörige den Verurteiltennicht zu Essen und zu Trinkengaben oder sie sogar vom Kreuz abnahmen,wurden römische Soldatenbei den Verurteilten postiert, die diesebewachten. Die Lage auf einer Anhöheoder am Wegrand gewährleistete,dass die Gekreuzigten zur Abschreckungvon der Bevölkerung weithinsichtbar waren.Soweit uns bekannt ist, spieltedas Kreuz in der christlichen Urgemeindein Jerusalem keine besondereRolle. Wesentlich war für die JüngerJesu vor allem, das Jesus auferstandenund den Tod überwunden hat.Die Christen der Jerusalemer Urgemeindelebten in einer Naherwartung.Wie viele andere Menschen derdamaligen Zeit dachten sie, dass dasEnde der Welt kurz bevorstehen undjeden Augenblick auf sie einbrechenkönnte. Die Auferstehung Jesu wurdeals Heilszeichen wahrgenommenhinsichtlich des scheinbar kurz bevorstehendenEndes der Welt und aufdas Kommen des Erlösers und Retters.Die Mitglieder der christlichenUrgemeinde lebten in der Annahme,dass sie noch in ihrer Lebenszeit dasEnde der Welt durch den bereits auferstandenenund wiederkommendenJesus erleben werden; für sie hatte bereitsmit der Auferstehung Jesus dasReich Gottes (Eschaton) und GottesHerrschaft auf Erden begonnen. DasKreuz spielte in diesem Zusammenhangkeine Bedeutung.Geheimes SymbolAuf dem Apostelkonzil in Jerusalemim Jahr 48 n. Chr., also etwa15-18 Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung,vergegenwärtigten sich dieJünger Jesu, dass das Ende der Weltvielleicht jetzt doch nicht so schnellkomme, wie ursprünglich gedacht.Bis es soweit ist, sei es Auftrag derApostel, den Glauben Jesu zu verkündigenund zu verbreiten. In diesemWirkungszusammenhang erhieltdas Kreuz eine neue Bedeutung. Inder vorkonstantinischen Zeit, also bishin zum Mailänder Toleranzedikt von313 n. Chr., musste die christlicheReligion im Verborgenen ausgeübtwerden. Nur wenige Menschen warenChristen. Gottesdienste wurdenmeist in Privaträumen abgehalten, dieauch immer wieder wechselten, umder Gefahr von Verfolgung, Denunziationund Verhaftung zu entgehen. Indieser angespannten Situation dientedas Zeichen des Kreuzes als Erkennungszeichen,welches an Kettchenum den Hals getragen wurde oder alsKreidezeichen um an einer Hauswandoder einem Türpfosten markiert war.Die ältesten uns erhalten gebliebenenKreuzeszeichen sind uns in den Katakombenin Rom aus dem 2. und 3.Jahrhundert überliefert.Kreuz als SiegeszeichenIm 4. Jahrhundert n. Chr. ändertesich mit Konstantin den Großen(311-337 n. Chr.) die Wahrnehmungdes Kreuzeszeichens. Konstantin hattein der Nacht vor der entscheidendenAUFTRAG 288 • DEZEMBER 201223


GESELLSCHAFT NAH UND FERNSchlacht gegen seinen WidersacherMaxentius vom Kreuz geträumt, unddas er in diesem Zeichen gegen seinenGegner siegen würde. Und genaudieses trat ein. Das Kreuz wurde fortanzum Siegeszeichen des römischenReiches. Alle Legionärsstandarten,die einer Legion vorneweg getragenwurden, wurden mit dem Kreuzeszeichenausgestattet, auch die goldeneStandarte, die dem römischen Kaiserbei offiziellen Anlässen vorneweg getragenwurde. Diese goldene Standartewird in abgeänderter Form auch heutenoch bei Papstmessen beim Ein- undAuszug des Heiligen Vaters vorneweggetragen, wie auch in weniger kostbarenAusführungen bei jeder katholischenFestmesse. In diesem christlichenKontext bedeutet das Kreuz abernicht den Sieg über einen Gegner, sondernder Sieg über den Tod durch dieAuferstehung Jesu Christi.Das Kreuz als Siegeszeichen hatin seiner christlichen Bedeutung bisheute Bestand. Doch überwiegen inVergangenheit und der Gegenwartandere Bedeutungsmuster. Schon mitder Völkerwanderungszeit und währenddes gesamten Mittelalters warendie Christen in Europa durch vielfältigenSchmerz und Leideserfahrungengeprägt, sei es durch Kriege, Plünderungenoder die Pest. Durch vielfältigeErfahrungen von Kummer und Peingeprägt, die bekanntermaßen Kinderzu einem Kinderkreuzzug veranlassten,der dann ganz tragisch endete,erhielt das Kreuz neue Deutungsmuster:das Kreuzeszeichen als Ausdruckdes mitleidenden Jesus. Nicht nurdie zahlreichen Kreuzwegstationenkünden von dieser durch menschlichesLeid geprägten Kreuzeserfahrung,sondern sie verbanden sich mitden berühmten „ecco homo“-Darstellungen,also Bildern vom gepeinigtenund gequälten Christus, der am Leidder Menschen teilhat und das Leidder Welt beweint. Trotz allen Leides,so vor allem die neuzeitliche Wahrnehmung,ist das Kreuz ein Zeichender Hoffnung, und eben deshalb wirdes auch von Mitgliedern der Gemeinschaftkatholischer Soldaten getragen.Die Darstellung und Verehrungdes Kreuzes entwickelt sich also –wie aufgezeigt – bereits im frühenChristentum, also in der Alten Kirche.Sie erreicht dann im Mittelalterseine volle Ausprägung, vor allem inder Kunstgeschichte. Zur Zeit derReformation und in der Frühen Neuzeit,also der nachtridentinischen Zeit,sind diese verschiedenen, angesprochenenFacetten des Kreuzes, vor allemdas Kreuz als Siegeszeichen derrömischen Kirche, zum Tragen gekommen.Darüber hinaus existiertauch der kaiserlich-habsburgischeKreuzeskult, der von den katholischenMachthabern Europas konfessionspolitischeingesetzt wird. Hierüberinformiert die vorliegende Veröffentlichungin 16 Beiträgen; sie liefertneue Forschungsansätze zu einerbisher fehlenden Kunstgeschichte desKreuzes in reformatorischer und nachreformatorischerZeit. ❏Carla Heussler, Sigrid Gensichen:Das Kreuz. Darstellung und Verehrungin der Frühen Neuzeit.Schnell+Steiner Verlag:Regensburg 2012,ISBN 978-3-7954-2643-9BuchbesprechungMitunter erscheint die römischkatholischeKirche starr undunbeweglich. Tatsächlich hat sie sichbewegt, wie der Vatikan-Journalistund Vatikan-Insider Heinz-JoachimFischer belegt, auch wenn sie als Institutionin Jahrhunderten denkt undhandelt. Das gilt auch in ihrem Verhältniszur jüdischen Religion undzum jüdischen Volk.Jesus war selber Jude und dasgesamte Neue Testament lässt sichnur im Zusammenhang mit der HebräischenBibel, also dem Alten Testament,verstehen. Hier hat es auchNeuerungen durch die Forschunggegeben. Das Neue Testament, alsodie Griechische Bibel, wurde zwischen50 n.Chr. (erste Paulus-Briefe)und ca. 120 n.Chr. (Apostelgeschichteund Johannes-Evangelium)Juden und Christen heuteVON ANDREAS M. RAUCHgeschrieben. Archäologische Fundeund Bibelforschung haben in den vergangenenJahren ergeben, dass zu diesemZeitpunkt die Hebräische Bibelnoch gar nicht abgeschlossen war,sondern dass etwa die Chroniken erstim ersten nachchristlichen Jahrhundertihre Schlussredaktion erlebten.Das bedeutet im Kern, dass auch dasJudentum als Phänomen im ersten,nachchristlichen Jahrhundert keinesfallsabgeschlossen war und nochnach seiner Identität suchte, wie dieverschiedenen jüdischen Religionsgruppender Zeit, etwa die Pharisäerund Sadduzäer, dies auch anzeigenund belegen.Der vorliegende Band „Päpsteund Juden. Die Wende unter JohannesII. und Benedikt XVI.“ reiht sichein in fünf weitere VeröffentlichungenHeinz-Joachim Fischers im LIT-Verlag:„Jesus von Nazareth kontrovers.Rückfragen an Joseph Ratzinger“(2007), „Der Papst im Kreuzfahrer.Zurück zu Pius oder das Konzil fortschreiben?“(2009), „Vom Theologenzum Papst. Joseph Ratzinger – BenediktXVI.“ (2010), „Vatikan voninnen. 1975-2010“ (2010) und „DiePäpste und der Sex. Kirche in derSackgasse“ (2011). Alle sechs Bändebasieren auf Artikel von Fischer, sindergänzt durch eigene Texte, Beiträgeanderer Autoren sowie durch Dokumenteund Bibelzitate.Vor allem zeichnen sich alle sechsBände aus, dass ihr Inhalt gut strukturiertist, auch wenn sie nicht unterstreng wissenschaftlichen Kriteriengesehen werden dürfen. Vor allemgeben die Publikationen Zeugnis ab24 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


GESELLSCHAFT NAH UND FERNvom Vatikankenner Fischer, der ebenals Korrespondent der angesehenenTageszeitung „Frankfurter AllgemeineZeitung“ vor Ort in Rom und in derVatikanstadt hautnah Ereignisse undEntwicklungen des Heiligen Stuhlesals Zeitzeuge selbst miterlebten durfteund in dieser Rolle als Zeitzeuge kommenden Texten eine ganz besondere,auch wissenschaftliche Bedeutung zu.Im vorliegenden Band setzt sichFischer mit dem Verhältnis zwischenChristentum und Judentum im 20.und beginnenden 21. Jahrhundertauseinander, vor allem unter denPontifikaten von Johannes Paul II.(1978-2005) und Benedikt XVI. (seit2005). Gerade in den ersten Kapitelnbei Fischer wird deutlich, dass dieJudenthematik im 20. Jahrhundert vielmit Holocaust und Judenverfolgungunter der nationalsozialistischenHerrschaft Adolf Hitlers zu tun hat,aber auch mit seinen Kollaborateurenwie Benito Mussolini. Und diesenHerausforderungen muss sich auchdie römisch-katholische Kirche stellen,etwa in der Auseinandersetzungum die Rolle Papst Pius XII. und RolfHochhuths „Stellvertreter“.Suche nach Frieden und DialogbereitschaftSchon Papst Benedikt XV. hatteim Kontext des I. Weltkrieges dieSuche nach Frieden als vorrangigeAufgabe von Politik und Gesellschaftund eben auch der Kirche formuliert.Zunächst behandelt Fischer das Verhältnisder Kirche zum Judentum vor1945. Dadurch, dass Fischers Veröffentlichungauf zahlreichen Artikelveröffentlichungenin der Frankfurter AllgemeinenZeitung basiert, springt derAutor zwischen den Jahren und Dekadenund auch zwischen den einzelnenPäpsten von Pius X. bis zu BenediktXVI., ist also in der zeitlichen Abfolgenicht stringent. Gleichwohl werdenzentrale Punkte wie die Verurteilungdes Antisemitismus durch Papst PiusXI. und seine Anti-Nazi-Enzyklika von1937 angesprochen, ebenso wie diespätere Rolle von Pius XII. und seinablehnendes Verhältnis zum Nationalsozialismus.Es dürfen hier allerdingskeine Vergleiche mit wissenschaftlichenPublikationen zu diesem Themagezogen werden, dienen aber als eineEinführung in die Problematik Kircheund Nationalsozialismus.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Und als Papst Johannes XXIII.sich zu einem Zweiten VatikanischenKonzil entschlossen hatte, da ging esauch um Frieden und Dialogbereitschaftmit den anderen Religionsgemeinschaften,so auch mit dem Judentum.In diesem Zusammenhangbenennt Fischer die wichtigen Etappenim jüdisch-christlichen Verhältnis,Personen wie etwa Kardinal AugustinBea und Ereignisse wie etwadie Pilgerreise von Papst Paul VI. indas Heilige Land (1964), das ZweiteVatikanische Konzil und die Konzilsenzyklika„Nostra Aetate“ (1965),die Kommission für die religiösenBeziehungen mit den Juden (1974)und die Verurteilung des Antisemitismus(1975).Sodann behandelt der Verfassereine weitere Wende im jüdisch-christlichenVerhältnis, und die verbindetsich mit Johannes Paul II., einemwichtigen Mahner für ein positives,ausgeglichenes und verständnisvollesVerhältnis zwischen Juden und Christen.Dieses wurde bereits zu Beginndes Pontifikats mit einem Besuch desKonzentrationslagers in Auschwitz-Birkenau eingeleitet und dann immerweiter fortentwickelt, etwa mitregelmäßigen Kontakten zu jüdischenGemeinden, der neuen vatikanischenNahost-Politik – unter anderem durchden Empfang Arafats sowie das Bemühenum Erinnern und Versöhnendes Papstes im Heiligen Jahr 2000,auch gegenüber den Juden. Auch istin den Ostermessen und überhauptin den Fürbitten in einem positiverenSinne zu gedenken, so der Willendes Papstes.Das Buch schließt ab mit demBemühungen Joseph Ratzingers alsPapst Benedikt XVI. gegenüber denJuden, etwa im Gedenken an den Judenmordim Jahr 2005 und seinemBesuch in der Synagoge zu Köln,der Staatsbesuch Benedikt XVI. inBerlin, der ebenfalls dem jüdischchristlichenVersöhnung dient undder Besuch der Römischen Synagogeim Jahr 2010. Papst Benedikt stehtin vielem für eine gewisse Kontinuitäthinsichtlich des Pontifikatesvon Papst Johannes Paul II., so auchim Bemühen um eine Verbesserungdes jüdisch-christlichen Verhältnisses,sowohl gegenüber einzelnen Judenwie auch jüdischen Gemeinden.Abschließend sei auf gemeinsameForschungsvorhaben und Wissenschaftskontaktezwischen Judentumund Christentum hingewiesen. So legtdie Forschung auf dem Gebiet derBiblischen Archäologie nahe, dasszum Judentum in Palästina, vor allemwährend der Königreiche von Davidund Salemon, Fragen offen sind. Sowird gegenwärtig diskutiert, ob etwader jüdische König Salemon nichtschon im 8. oder 9. Jahrhundert gelebthat, und nicht etwa zwischenca. 965-926 v. Chr., und Salemonmöglicherweise gar nicht über eineGroßreich, sondern ein äußerst überschaubaresGebiet regierte. Kurzum,Fischer kommt zu dem Ergebnis, dassim Verhältnis Judentum und ChristentumFragen offen und neue Initiativenzum gegenseitigen Verstehennotwendig sind. ❏Heinz-Joachim Fischer: Päpsteund Juden. Die Wende unterJohannes Paul II. und BenediktXVI. LIT-Verlag: Berlin,Münster, Wien, Zürich, London2012, gebunden, 275 S.,ISBN 978-3-643-11699-4Redaktionsschluss fürAUFTRAG 289Freitag, 25. 01. 201325


BILD DES SOLDATENSeminar Dritte Lebensphase„Nach dem Arbeitsleben fängt das Leben an“Die Teilnehmer während der StadtbesichtigungFür vier Tage sollte die Qualität der„dritten Lebensphase“ Thema fürEhepaare sein, die den Übergang vomaktiven Berufsleben in den verdientenRuhestand bereits in Sichtweitehaben.Die Akademie Caritas-Pirckheimer-Hausin Nürnberg, in unmittelbarerNähe zum Hauptbahnhof, eingewachsenin die Nürnberger Innenstadtund mit allen Voraussetzungen für dieDurchführung eines mehrtägigen Veranstaltungversehen, stellte dazu denhäuslichen Rahmen. Die Leitung desSeminars lag in den bewährten Händenvon Prof. Dr. Heimo Ertl, unterstütztdurch Pater Johannes Jeran SJ,der dazu eigens aus Dresden angereistwar und durch OStFw a. D. FriedrichMirbeth als Vertreter der GKS.So starteten wir nach der offiziellenBegrüßung durch OStFw a. D. JohannSchacherl, dem Haushaltsbeauftragtender GKS, mit dem durch denBayerischen Rundfunk produziertenFernsehfilms „Caritas Pirckheimer,die starke Frau von Nürnberg“ undhatten damit unmittelbar den thematischenKontakt zum Haus und seinerUmgebung hergestellt. Nach demAbendessen und vor dem geselligenAusklang des Tages fand dann nocheine etwas andere Art der Vorstellungder Teilnehmer statt. Die für Soldatengewohnte Aneinanderreihung vonName, Dienstgrad, wo komm ich her,wo und was war ich bisher, was macheich… wurde dabei ersetzt durch eineAuswahl von Bildern. Aus einer großenAuswahl von Fotografien wurdeein oder auch mehrere Bilder individuellausgewählt und anschließend derGruppe interpretiert. So wurden nichtnur Namen und Fakten preisgegeben,es entstand auch ein erster Eindruckder Sicht- und Betrachtungsweise desdahinterstehenden Menschen.Der zweite Tag begann mit einerkurzen Andacht und setzte sich mitdem Thema „Hilfe! Das Leben beginnt“fort. Prof. Dr. Ertl führte, bisweilenrecht bildhaft und immer wiedermit einem Nebensatz der ausdrücklichzum schmunzeln anregte, aus. ImGespräch ergaben sich Gedanken undPerspektiven zur individuellen Zukunftsgestaltung.Anschließend führteuns Frau Ursula Gölzen durch diealte Patrizierstadt Nürnberg (Bild). Inbewährter Weise standen nicht nur Datenund Fakten an sondern auch vielekleine Episoden zur Geschichte derStadt Nürnberg. Prof. Dr. med. ThomasEbert referierte anschließend aus derärztlichen Sicht zum Thema des „Älterwerden – nichts für Feiglinge“. Gesundgestorben wird mit maximal Lebensjahren,wer mehr und länger will mussauch die kleinen alltäglichen Zipperleinsertragen können. Fakten, Hintergründeund Einsichten zum körperlichenÄlter werden ergänzten sich bisweilenmit launigen Geschichten ausdem reichhaltigen Erfahrungsschatzeines erfahrenen Mediziners.Der nächste Tag begann mit einerEucharistiefeier in der stimmungsvollenHauskapelle des Hauses. Eigensdazu angereist war der stv Ltd MilDekanAlfons Hutter. Leider hatte er andiesem Tag einen mehr als gefülltenTerminplan. So reichte es nur zu einemkurzen Frühstücksplausch. Prof.Dr. Ertl las anschließend die Kurzgeschichte„Reisender ohne Fahrkarte“von Rudolf Otto Wiemer. Ein Reisenderfindet sich in einem Zug für dener keine Fahrkarte benötigt. Währendder Fahrt stellt er dann entsetzt fest,dsas er diesen Zug nicht mehr verlassen,nicht mehr „abspringen“ kann.Wer einmal Anregungen zum „Zugdes Lebens“ aufnehmen möchte demsei diese Geschichte sehr empfohlen.Prof. Dr. Ertl konnte sich dabei auchals stolzer (neu)Großvater „outen“.Franziska hatte am Tag zuvor das Lichtder Welt erblickt. Der Nachmittag gehörtedem Versorgungs- und Sozialrecht.RAmtFr Claudia Hartmann vomSozialdienst des Standortservice Rothreferierte zu diesem wichtigen Thema.Beispielhaft und sehr transparent vermitteltesie diese für die soziale undmaterielle Absicherung unser aller Zukunftso wichtige Thematik.Der Samstag begann mit einemMorgenlob und setzte sich, geleitetdurch Pater Johannes Jeran mit derThematik „Gott ist immer für Überraschungengut“ fort. Die anspruchsvolleThematik führte zu einer kontrovers geführtenDiskussion die noch mehrmalsan anderer Stelle aufgegriffen wurde.Am programmfreien Abend trafen sichalle Teilnehmer im Heilig Geist Stift.Ein gemeinsames Abendessen sollte eswerden. Zu später Stunde verließen wirals letzte Gäste den „Barfüßer“, einetraditionsreiche Hausbrauerei im Kellerder Nürnberger Mauthalle. Manchein Teilnehmer hatte schon lange nichtmehr so befreit gelacht, besonders unsereDamen beförderten die Stimmungzu immer wieder neuen Höhen. Hierentstand auch der feste Wille sich unbedingtwieder zu treffen und Erfahrungenauszutauschen. Alle sind schonheute darauf gespannt.Der Sonntag begann dann nocheinmal mit einem ernsten Thema. „Vorsorgevollmacht,Betreuungs- und Patientenverfügungen“standen im Mittelpunkt.Prof. Dr. Ertl machte die Teilnehmerbisweilen launig aber auchstets plastisch, deutlich diese jedermannbetreffende Thematik nicht aufdie lange Bank zu schieben. Nach demMittagessen blieb leider nur noch „vielenDank und Lebewohl“ zu sagen. Verbundendamit war für die Teilnehmerder feste Wille „ wir sehen uns wiederund tauschen unsere Erfahrungenaus“. ❏(Text: Fritz Mahn,Foto: Uwe Sämann)26 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


RELIGION UND GESELLSCHAFTKatholische Akademikerarbeit DeutschlandsXXV. Forum und MitgliederversammlungAm 10. November 2012 fanddie Mitgliederversammlungder Katholischen AkademikerarbeitDeutschlands in Bonn im Haus deskatholischen Studentenverbandes Ripuariastatt. Im davor stattfindendenXXV. Forum hielt Prof. Dr. Patrik Höring1 den Vortrag: „Jeder ein Sonderfall?– Wie Menschen heute glauben“.Der Tag der Mitgliederversammlungbegann mit einer Heiligen Messein der Kirche St. Sebastian in Bonn,welche die erschienenen Teilnehmermit Pater Niccolo Steiner SJ vom AloisiusKolleg feierten. Prof. Höringhielt danach den Festvortrag. SeinenFestvortrag begann Prof. Höring mitder bekannten Antwort des damaligenKardinals Ratzinger auf die Fragedes Journalisten Peter Seewald „Wieviele Wege gibt es zu Gott?“ Ratzingergab ihm zur Antwort: „Soviel wiees Menschen gibt!“ Dies gelte für diepersönliche Suche nach Gott, wie fürdie je unterschiedliche Art und WeiseGlauben zu praktizieren. Höringbeschränkte sich daher auf die deutscheGlaubenslandschaft. Tatsachesei, dass nach der Wiedervereinigungdie Anzahl der Menschen geringerwurde, die sich als religiös gebundenbezeichneten. Dieser Trend sei ebensoim Parlament vertreten, in dem sichheute nur noch 59 % der Abgeordnetenals Christen bezeichneten, 35 %keine Angaben machten, gleichwohlaber nur 4,3 % explizit als religionslosbekannten. Der Redner machtefür diese Veränderung drei Phänomeneverantwortlich: die Säkularisation,die Pluralisierung und die Individualisierung.SäkularisationUnter der napoleonischen Herrschaftwurde die weltliche vonder religiösen Herrschaft getrennt.Die Kirchen und Klöster wurden enteignet,aber wichtiger noch, die weltli-1 Patrik Höring ist Professor an der Phil.-Theol. Hochschule der Steyler Missionarein Sankt Augustin und Mitarbeiterin der Abteilung Jugendseelsorge desErzbistums Köln.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012VON BERTRAM BASTIANche Herrschaft war nicht mehr längermoralisch gerechtfertigt und „gottgewollt“,zumindest nicht im ursprünglichenMaße. Diese Trennung mit derVerlagerung des Religiösen in den Privatbereichwar ein „schleichender“Prozess, der in den 60er Jahren desvergangenen Jahrhunderts erheblichan Dynamik zulegte. Waren in den50er Jahren noch Schlangen vor denBeichtstühlen, um sich auf das Osterfestvorzubereiten, so seien es heutedie Schlangen vor den Supermarktkassen,welche die Zeit vor Feiertagenprägten. Dies solle als Beispielgenügen, wie sehr früher der Alltagdurch die Religion geprägt gewesensei und wie bestimmend die Kircheauftrat, wohingegen heute die Konsumtempeldie Anlaufstellen seien.Auch die Durchmischung der BevölkerungDeutschlands nach dem ZweitenWeltkrieg habe dazu geführt, dassdie Grenzen zwischen den Konfessionendurchlässiger und im Erlebendes Einzelnen nahezu unkenntlichgeworden sind. Nach 1968 vollzogsich mehr und mehr der Wandel vonder „Gnadenanstalt Kirche“ zu einer„Sozialanstalt“, auch auf dem Hintergrundzunehmender Professionalisierung(aufgrund sprudelnder Kirchensteuereinnahmen).Doch auch dieseForm von Kirche komme an ein Ende.Während der Kirchenaustritt weitgehendals normal angesehen würde, dieZahl der Gottesdienstbesucher sichauf einem niedrigen Niveau stabilisierte,sei hingegen die Anzahl derSakramentenspendungen (zunächst)annähernd gleich geblieben. Es gäbenicht unbedingt ein weniger an Religiosität,sondern die Menschen suchtenneue Wege der Religiosität undwürden dabei die Angebote der Kirchenur noch als eine unter anderenwahrnehmen.PluralisierungNicht erst durch die Globalisierungwürden heutzutage viele Religionenin einem Stadtbild sichtbar. Dadurchbekomme der Suchende dieMöglichkeit, sich aus der Vielfalt ein„passendes“ Modell herauszusuchen,das er selbst dann auch moderierenkönne. Selbst in der KatholischenKirche habe mit den Glaubensgemeinschafteneine „Binnenpluralisierung“eingesetzt, die dazu beitragenwürde, dass das Feld des Religiösenheute ein bunter Markt sei, der umdie Gläubigen werben müsse, trugPatrik Höring vor. Diese Binnenpluralisierungsei in anderen Religionengenauso vorhanden, so Höring weiter.Dabei würden religiöse Ritualevon den sinn-suchenden Menschennach Bedarf ausgewählt, nicht wegeneiner persönlichen Bindung aneine Gemeinschaft, trug der Rednervor und schilderte Beispiele aus derPraxis, in denen kirchenferne Menschensich Rituale wünschten, weildiese „so cool“ seien. Wie im Supermarkt,so suche der heutige Mensch,sich das ihm passende heraus.IndividualisierungProf. Höring führte aus, dass diegeschilderten Phänomene zwangsläufigIndividualisierung ermöglichtenund erforderten. In einer pluralenWelt der Weltanschauungen müsseman sich entscheiden, aber entscheidenberge zugleich die Gefahrdes Scheiterns. Also zeige man sichmehrseitig und lege sich zumeist nichtmehr fest. Ja, angesichts der Komplexitätheutiger Zusammenhänge könneman sich auch kaum noch festlegen.Was früher als gut und richtig angesehenwurde, ist heute abzulehnen. Zuerinnern sei etwa an den Umgang mitder Kernenergie. Wer sagt uns heute,dass diese oder jene EntscheidungMorgen sich nicht als fatal herausstellt?Fazit: Wer sich festlegt, kannscheitern. Das kann auch zur Überforderungwerden, sodass manche,denen die Wahl zur Qual gewordensei, sich fundamentalistischen Gruppenoder extremen politischen Orientierungenanschlössen. Prof. Höring:„Man flüchtet sich vor Entscheidungenund unterwirft sich Entscheidungenanderer“. Zum Schluss seinesVortrages konfrontierte Prof. Höring27


RELIGION UND GESELLSCHAFTdie Zuhörer noch mit drei Thesen zudiesem Gebiet:Religiöse Vielfalt führe zu einem„Mehr“ an ReligiositätReligiöse Vielfalt relativiere dieeigenen religiösen ÜberzeugungenReligiöse Vielfalt führe zu einerVerschmelzung verschiedener religiöserÜberzeugungenDie erste These sei in Deutschlanddurch die anfangs genanntenZahlen zu widerlegen: Die Vielfaltan Religionen, wie sie vor allem in denStädten erlebbar sei, gehe einher miteiner hohen Zahl an Religionslosen.Die zweite These träfe daher eherzu, wobei einzuräumen sei, dass dieFreiheitsgrade in den Städten größerseien als auf dem Land, so dass nichtallein die Vielfalt religiöser Angebotedie Ursache für diese Situation sei.Die dritte These schließlich ließe sichebenfalls bestätigen, führe religiöseVielfalt doch tatsächlich in vielenFällen zu sogenannten „Patchwork-Religionen“.Als Schlussfolgerung verglichHöring die katholische Verbandsarbeitmit einem Biotop, in dem sichGleichgesinnte und Suchende, Überzeugteund zufällig Hineingerateneträfen, die in lebendigem wechselseitigenProzess auch das Verbandsprofilweiterentwickeln könnten. So werdesich nahezu von allein das Gesichtkatholischer Verbände verändern. Injedem Fall bildeten sie ein ganz eigenes,unersetzbares Lern- und Erfahrungsfeldvon Kirche in der Weltvon heute.Eine lebhafte Diskussion schlosssich den Ausführungen des Vortragendenan. Dabei wurde deutlich, dassdie „Amtskirche“ hier auch keinenKönigsweg bereit hält, denn in denDiözesen werde sehr unterschiedlichreagiert. Der Priestermangel sei keineausreichende Begründung für denZustand der Kirche. Die Bedeutungder Orden und der Verbände für dieErneuerung der Kirche war bei allenTeilnehmern unumstritten.Nach dem gemeinsamen Mittagesseneröffnete Hubertus Wübken,der 1. Vizepräsident in Wahrnehmungder Aufgaben für den erkrankten PräsidentenDr. Wolfgang Burr, die Mitgliederversammlungder KatholischenAkademikerarbeit Deutschlands. DerBericht des amtierenden Präsidentenbeschäftigte sich mit der zweitenVeranstaltung des Dialogprozessesin Hannover. Hier seien gute Ansätzesichtbar gewesen, die optimistischstimmen würden, führte Wübkenaus2. Nach dem positiven Bericht der2 Zum besseren Verständnis des Dialogprozessesist der Impuls zum Zukunfts-2. Vizepräsidentin und SchatzmeisterinElke Peters und dem Bericht desKassenprüfers wurde der Vorstandentlastet. Die Neuwahlen ergaben folgendeZusammensetzung des Präsidiums:zum Präsidenten wurde BertramBastian gewählt, 1. Vizepräsident HubertusWübken wurde bestätigt, ebensodie 2. Vizepräsidentin und SchatzmeisterinElke Peters. Als Beisitzerwurden gewählt: Mechtild Kerckhoff,Dr. Patrik Höring, Hermann-JosefGrossimlinghaus. Im weiteren Verlaufder Mitgliederversammlung lagder Schwerpunkt der Beratungen aufden Salzburger Hochschulwochen, diein diesem Jahr durch den Preisträgerund verschiedene Referenten einigeUnruhe hervorgerufen hatten. Einigwar man sich darin, dass die Veranstaltungenauf keinen Fall „stromlinienförmig“sein sollten, sie solltenAnlass zu Diskussion und Reflexionsein. Im nächsten Jahr finden dieSalzburger Hochschulwochen vom29.07. bis 4.08.2013 unter dem Motto„Gefährliches Wissen“ statt. ❏bild „Vielfalt als Bereicherung erleben“„Gesellschaftliche Pluralität – Vielfaltund Einheit des Katholischen“ von BischofDr. Franz-Josef Overbeck (Essen)und der Impuls zum Zukunftsbild „DenMenschen nah sein“ „Diakonisches undpastorales Wirken in der Kirche“ vonBischof Dr. Franz-Josef Bode (Osnabrück)nachfolgend abgedrucktGesprächsforum „Zivilisation der Liebe“„Gesellschaftliche Pluralität – Vielfalt und Einheit des Katholischen“nsere Kirche hat große Aus-wenn sie„Ustrahlungskraft,Vielfalt als Bereicherung erlebt.“ –So ist im vergangenen Jahr in Mannheimein Zukunftsbild beschriebenworden, mit dem wir jetzt hier in Hannoverweiter arbeiten wollen.Wir leben in einer bunten undvielfältigen Welt. Die Möglichkeiten,unter denen ich wählen kann, nehmenständig zu, nicht nur bei den Fernsehprogrammenoder den Produktpalet-1 Impuls zum Zukunftsbild „Vielfalt alsBereicherung erleben“, gehalten am 14.September 2012 in HannoverVON BISCHOF DR. FRANZ-JOSEF OVERBECK (ESSEN) 1ten im Supermarkt. Die Menschenrücken im Zeitalter der Globalisierungund zunehmender Mobilität immerenger zusammen und nehmensich dabei in ihrer Vielfältigkeit undViel- Gesichtigkeit stärker als früherwahr. Im Internet, in sozialen Netzenkönnen wir mit unzähligen „friendsand followers“ täglich mehrere Stundenintensiven lebendigen Austauscherleben. Unser Leben, unser Zusammenlebenwird geprägt von einer Vielfaltvon Lebensentwürfen, Weltanschauungen,Kulturen und Religionen.Was früher einmal von anderenfestgelegt wurde, kann ich heuteselbst entscheiden.Vielfalt erweitert den Horizont;Vielfalt erfordert Toleranz; Vielfaltverlangt aber auch meine eigene Entscheidungund Entschiedenheit.Im Bereich des Religiösen stelltuns die Pluralität vor große Herausforderungen.Wie kann ich im buntenReigen der unterschiedlichstenSinnanbieter den wahren Sinn des Lebensentdecken? Als Katholiken spürenwir, dass wir weniger werden. UnsereStimme ist nur eine unter vielen.In manchen Schulklassen sind katho-28 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


RELIGION UND GESELLSCHAFTlische Kinder und Jugendliche diekleinste Minderheit. Kann ich meinChristsein noch konsequent leben,wenn ich sehe, wie Menschen mit anderenreligiösen Überzeugungen oderganz ohne Glauben an Gott ihr Lebenscheinbar problemlos gestalten?Pluralität, Vielfalt hat etwas ungemeinFaszinierendes, aber auch etwassehr Herausforderndes. WachsendePluralität macht es schwer, den Überblickzu behalten. Wie soll ich michentscheiden, wenn ich gar nicht alleskennen lernen und prüfen kann? Wiekann ich im Wirrwarr der Stimmenund Meinungen das Wahre finden,das mich zum Glück führt? Gibt esin einer pluralen Welt noch Verbindlichkeitund Festigkeit oder führt Pluralitätunweigerlich zur Beliebigkeit?Wo in der pluralen Gesellschaft bleibtder Mensch mit seiner Sehnsucht nachHalt und Schutz?Nun ist Vielfalt für uns Katholikeneigentlich gar nichts Neues. VonAnfang an hat sich unsere Kirchein Vielfalt entwickelt: Die Apostelkonnten unterschiedlicher gar nichtsein. Und jeder hat auf seine Weisedas Wort des Evangeliums weitergegeben.Schon sehr schnell kam dasChristentum mit unterschiedlichenKulturen und Denkweisen zusammen.Wir kennen ja die frühen Auseinandersetzungenzwischen den jüdischund griechisch geprägten christlichenGemeinden.Die Gemeinschaft der Christenist keineswegs eine homogene Masse.Wir bekennen uns im Credo zwar zuder „einen“ Kirche; allerdings ist unsereKirche alles andere als ine „Einheitskirche“.Die katholische Kirchepräsentiert sich heute als eine weltumfassendeGemeinschaft von Ortskirchen.Der Papst hat die schwierigeAufgabe des Dienstes an der Einheitder Kirche. Nicht nur unterschiedlicheSprachen und Kulturen, auchunterschiedliche Liturgien, Theologien,Mentalitäten und Zivilisationenprägen das vielfältige Bild unsererKirche, oft sogar auch in unserenGemeinden vor Ort.Und immer geht es um den Menschen,wie, wo und wann auch immerer lebt. Der selige Papst JohannesPaul II. hat in seiner Antrittsenzyklikaden programmatischen Satz geprägt:„Der Weg der Kirche ist der Mensch“AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012(Redemptor hominis 14). Der universalenSorge Gottes um jeden Menschenmuss auch die universale Sorgeder Kirche um die gesamte Menschheitin ihrer Vielfalt entsprechen.Pluralität ist also etwas, vor demwir uns nicht fürchten müssen. Dieplurale Gesellschaft ist der Kontext,in den hinein sich heute die Kircheinkulturiert. Wir dürfen uns als Kirchenicht abschotten von der Welt,wie wir sie vorfinden. Es gibt keineSonderwelt für die Kirche, sondernnur die, in der wir leben.Die plurale Gesellschaft fordertvon uns Christen ein klares und entschiedenesBekenntnis. Die pluraleGesellschaft zeigt uns in besondererWeise die Vielseitigkeit und Größedes Menschen und damit die Würde,mit der uns der Schöpfer ausgestattethat. Die plurale Gesellschaft ist dieEinladung an uns Christen, auf immerwieder neue Weise die Botschaftvon der Liebe Gottes zu verkünden.Das Zweite Vatikanische Konzilhat im Artikel 44 der Pastoralkonstitutionmutig formuliert, was dieKirche von der heutigen Welt – unddamit auch von ihrer Pluralität – lernenkann. Lassen Sie mich drei Sätzezitieren:„… die Reichtümer, die in denverschiedenen Formen der menschlichenKultur liegen, durch die dieMenschennatur immer klarer zur Erscheinungkommt und neue Wege zurWahrheit aufgetan werden, gereichenauch der Kirche zum Vorteil.“„Zur Steigerung dieses Austauschs[zwischen der Kirche undden verschiedenen (…) Kulturen] bedarfdie Kirche vor allem in unsererZeit mit ihrem schnellen Wandel derVerhältnisse und der Vielfalt ihrerDenkweisen der besonderen Hilfeder in der Welt Stehenden, die einewirkliche Kenntnis der verschiedenenInstitutionen und Fachgebiete habenund die Mentalität, die in diesen amWerk ist, wirklich verstehen, gleichgültig,ob es sich um Gläubige oderUngläubige handelt.“„Da die Kirche eine sichtbare gesellschaftlicheStruktur hat (…), sindfür sie auch Möglichkeit und Tatsacheeiner Bereicherung durch dieEntwicklung des gesellschaftlichenLebens gegeben, (…) weil sie so tiefererkannt, besser zur Erscheinunggebracht und zeitgemäßer gestaltetwerden kann.“Nicht zu verschweigen ist jedoch,dass Pluralität auch zu Fragmentierungund Orientierungslosigkeit führenkann. Die Vielfalt auf der einenSeite benötigt die Einheit auf der anderenSeite. Und genau das ist derBeitrag, den unsere Kirche mit derihr eigenen Erfahrung von Vielfaltund Einheit für die plurale Gesellschaftleisten kann. Die Kirche verstehtsich als „Sakrament, das heißt[als] Zeichen und Werkzeug für dieinnigste Vereinigung mit Gott wie fürdie Einheit der ganzen Menschheit“(Lumen Gentium 1). Das bedeutet,dass die Kirche ihre Aufgabe genaudarin sieht, die Einheit der Menschendurch die Einheit der Kinder Gotteszu stärken.Der Bund, den Christus mit seinerKirche geschlossen hat, stellt eineverlässliche Beziehung dar, die unsChristen Kraft und Halt verleiht, umder pluralen Gemeinschaft der Menschenzu Aufbau und Festigung zuverhelfen. Die Kirche versteht sichals eine Einheit in Vielfalt.Da die Kirche kraft ihrer Sendungund Natur an keine besondere Formmenschlicher Kultur und an kein besonderespolitisches, wirtschaftlichesoder gesellschaftliches System gebundenist, kann sie kraft dieser ihrerUniversalität ein ganz enges Bandzwischen den verschiedenen menschlichenGemeinschaften bilden (vgl.Gaudium et spes 42).Wo Unverbindlichkeit, Beliebigkeitund Orientierungslosigkeit drohen,bringen Christen den Wert verlässlicherBeziehungen, das Verbindendeund Verbindliche, Halt undOrientierung, die allesamt aus derVerlässlichkeit der Gottesbeziehungherrühren, in die plurale Gesellschaftein.Die Vielfalt innerhalb der Kircheselbst ist ein Geschenk des HeiligenGeistes, der die Menschen mitunterschiedlichen Begabungen undCharismen ausstattet. Diese verschiedenenBegabungen gilt es in gegenseitigerErgänzung für die Kirche,für die Gesellschaft fruchtbar zu machen.Im ersten Petrusbrief des NeuenTestamentes heißt es unter derÜberschrift „Rechtes Verhalten in derWelt“: „Dient einander als gute Ver-29


RELIGION UND GESELLSCHAFTwalter der vielfältigen Gnade Gottes,jeder mit der Gabe, die er empfangenhat“ (1 Petr 4,10).Ich möchte im Folgenden noch einigeAspekte von Vielfalt benennen,die für uns als Kirche eine besondereHerausforderung darstellen:Da denke ich zunächst an diePluralität der Lebensverhältnisse undLebensformen: Wenn auch für dieMehrzahl der Bevölkerung die Ehenoch ein hohes und erstrebenswertesGut darstellt, wird sie aber von vielennicht mehr als einzig gültige Form vonPartnerschaft angesehen. Die wachsendeZahl nichtehelicher Lebensgemeinschaftenwird in zunehmendemMaß von der Gesellschaft akzeptiert.Die von der Kirche verkündeten Orientierungenzu Geschlechtlichkeitund Ehe finden in der Vielfalt unterschiedlicherAnschauungen und Theorienüber Sexualität und Ehe wenigerGehör.Eine besondere Form nichtehelicherLebensformen stellt die gleichgeschlechtlichePartnerschaft dar. Wenndie Kirche diese Lebensform zwarnicht als Institution anerkennen kann,verbietet die Kirche jegliche Diffamierungund ungerechte Zurücksetzunggleichgeschlechtlich veranlagterMenschen und fordert Achtung undseelsorgliche Unterstützung für sie.Aufgabe der Kirche ist es, „imGeist des Evangeliums die Botschaftvon der Beziehung der Geschlechterso zu verkünden, dass sie sichals menschenfreundliche Sexual- undEhemoral erweist; sie hat jene Wertezu erschließen, die in den Sinnbezügenmenschlicher Geschlechtlichkeitangelegt sind und zum Ausdruck kommen“(Kath. Erwachsenenkatechismus,Zweiter Band, 343).Mit ihrer Wertschätzung von Liebeund Sexualität will die Kirche denMenschen in ihren unterschiedlichstenLebensweisen Halt und Orientierunggeben. Sie „will mit Menschen,die in nichtehelichen Gemeinschaftenleben, im Gespräch bleiben oderVerbindung mit ihnen halten“, damitsie „nicht durch harte Urteile ausdem Lebensraum der Kirche ausgestoßenwerden, sondern im Rahmendes Möglichen zum Mitleben mit derKirche ermutigt werden“ (vgl. Kath.Erwachsenenkatechismus, ZweiterBand, 383).Ich möchte noch auf einen weiterenAspekt von Vielfalt zu sprechenkommen, der zunächst eine binnenkirchlicheAngelegenheit zu seinscheint, aber bei genauerem Hinseheneine große Bedeutung für den Weltauftragder Kirche besitzt. Es geht um dieVielfalt von Charismen und Dienstenin der Kirche.Wir sind auf der Suche nach einemneuen Miteinander von Priesternund Laien oder – um mit derKirchenkonstitution des Konzils zusprechen – nach einem neuen Miteinandervon „Priestertum des Dienstes“und „gemeinsamem Priestertum“ derGetauften. Wir müssen neu lernen,was es heißt, Leitung in unserer Kirchewahrzunehmen. Wir müssen neuentdecken, was die Verantwortung derGetauften und Gefirmten für unsereKirche bedeutet.Vor allem aber müssen wir dasMiteinander von Frauen und Männernim Leben und Wirken der Kirchebedenken. Wir Bischöfe und Priestergeben der Kirche ein männliches Angesicht.Um aber überzeugender unserenDienst für die Welt wahrnehmenzu können, müssen wir der Kircheauch ein weibliches Angesicht verleihen.Wir müssen darüber nachdenken,welche Leitungsfunktionenin unserer Kirche – die nicht an dieWeihe gebunden sind – verstärkt vonFrauen wahrgenommen werden könnenund diese dann auch darin fördernund unterstützen. Wenn wir in unserePfarreien und Verbände schauen,stellen wir immer wieder fest, wie sehrdas Leben der Kirche doch von Frauengetragen wird. Es sind häufig besondersdie Frauen, die ihre Kreativitätund Weisheit, ihr tatkräftiges Engagementund solidarisches Vermögenzum Wohle aller als Glaubenszeugnisder Kirche einbringen.„Unsere Kirche hat große Ausstrahlungskraft,wenn sie Vielfalt alsBereicherung erlebt.“ – Das ist keinutopisches Zukunftsbild, sondern bereitsWirklichkeit, die wir uns bei denGesprächen heute und morgen bewusstmachen sollten. Dabei wollenwir bedenken, wie wir die Vielfalt alsBeitrag für eine Zivilisation der Liebefruchtbar machen können. ❏Gesprächsforum „Zivilisation der Liebe“„Diakonisches und pastorales Wirken in der Kirche“nsere Kirche hat große Aus-wenn sie den„Ustrahlungskraft,Menschen nahe ist.“ So haben wir esim vergangenen Jahr in Mannheimfür die Zukunft unserer Kirche formuliert.Nähe zum Menschen aus derNähe zu Gott und Nähe zu Gott ausder Nähe zum Menschen. „Nähe“ ist1 Impuls zum Zukunftsbild „DenMenschen nah sein“, gehalten am 14.September 2012 in HannoverVON BISCHOF DR. FRANZ-JOSEF BODE (OSNABRÜCK) 1ein entscheidendes Stichwort einerPastoral, die Menschen weder falschvereinnahmen noch in ein Desinteressean deren existenziellen Fragenabgleiten will. Auf vielfältige Weisegreift die Heilige Schrift diese Wirklichkeitauf (vgl. Mk 1,15; Eph 2,13;Lk 10,25-37; Jak 4,8).Für diese Nähe ist die Pastoralkonstitution„Gaudium et spes“ desZweiten Vatikanischen Konzils dieMagna Charta, besonders ihre Präambel:„Freude und Hoffnung, Trauerund Angst der Menschen von heute,besonders der Armen und Bedrängtenaller Art, sind auch Freude und Hoffnung,Trauer und Angst der JüngerChristi.“ Weniger häufig zitiert wirdder zweite Satz: „Und es gibt nichtswahrhaft Menschliches, das nicht inihren Herzen seinen Widerhall fände(resonare)“ (GS 1). Hier wird deut-30 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


RELIGION UND GESELLSCHAFTlich: Nicht nur unsere Botschaft sollbei den Menschen Resonanz finden,sondern auch die Menschen sollen inihrem Fragen und Suchen Resonanzbei uns finden, so dass ein dialogischesGeschehen in Gang kommt, dasstark vom gegenseitigen Hören undWahrnehmen geprägt ist. Es geht umeine Pastoral des hörenden Herzens(vgl. 1 Kön 3,9), eines Herzens ausFleisch und nicht aus Stein (vgl. Ez11,19) und in diesem Sinn um Pastoraleiner Barmherzigkeit, die Maß nimmtan der Barmherzigkeit Gottes. „Seidbarmherzig, wie euer Vater im Himmelbarmherzig ist“ (Lk 6,36).In seinem Schreiben zum Jahr desGlaubens spricht Papst Benedikt vonder Kirche als „sichtbarer Gemeinschaftseiner [Jesu] Barmherzigkeit“(Porta fidei 15).Dem entsprechend ist alles dafürzu tun, dass sich Menschen mit dem,was ihr Leben prägt, mit Gelingen undScheitern, mit Höhen und Abgründenvon den Christen, von der Kirche angenommenfühlen; vor allem in ihremMenschsein, wie es von der EbenbildlichkeitGottes her in seiner Freiheitund Würde bestimmt ist.Dies verlangt eine Pastoral undCaritas, die den komplexen Lebenslagenund Lebenssituationen der Menschenheute gerecht werden. SowohlPastoral als auch Caritas vollziehensich in vielfältigen Gestalten und anunterschiedlichen Orten; in einerVielfalt, wie sie vielleicht noch niein der Kirchengeschichte gefordertwar. Sind doch die Menschen heutemehr denn je geprägt von einer spannungsvollenund zugleich bereicherndenPluralität sowie einem hohemFreiheitssinn.Pastoral und Caritas orientierensich an territorialen/parochialen 2 Zusammenhängen;die Zugehörigkeitdurch den jeweiligen Lebensort spielthier eine Rolle. Sie vollziehen sich inkategorialen Feldern (Krankenhaus,Gefängnis, Schule, Urlaub, Sport …),in den sozialen Lebensräumen undden persönlichen Lebenswelten derMenschen. Die personale Dimensionist wichtig: Beziehungen, Gruppenund Gemeinschaften … Pastoral und2 Parochial“ ist das, was zum Parochusgehört. Der Parochus ist derjenige, derdie Sakramente im Auftrag des Bischofsdarreicht (Priester, Pfarrer)AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Caritas verwirklichen sich in lokalenBezügen (in Klöstern, Bildungshäusern,sozialen Einrichtungen …). Vielesist temporal geprägt: KirchlicheAngebote werden zu bestimmten Lebenszeitenoder vorübergehend zumBeispiel in der Passanten- und Citypastoralwahrgenommen. Ein neuesFeld tut sich auf im medialen Bereich,in social communities und inder sich ständig erweiternden Weltder elektronischen Medien. Und auchdie globale Dimension, die Erfahrungweltweiter Kirche in Großereignissen(„Events“), ist nicht zu unterschätzen.Diese Vielortigkeit und Vielgestaltigkeitist nicht immer ideal, siebringt viele Herausforderungen fürden Dienst an der Einheit mit sich.Aber sie ist vital und für die Zukunftder Kirche lebensnotwendig, vor allemin ihrem Miteinander von Caritasund Pastoral. Gerade in diesem Zusammenwirkenvon Pastoral und Caritassind in den letzten Jahren wichtigeInitiativen und gute Projekte entwikkeltworden.Im Blick auf die großen Seelsorgeeinheitenvon heute ist mir wichtig,dass sie nicht riesig vergrößerte Zentralpfarreiennach dem Modell der traditionellenPfarrei sind, sondern einlebendiges und durchlässiges Netzwerkbilden mit verschiedenen Knotenpunktendurch unterschiedlicheOrte und Gemeinschaften.Solche großen Netzwerke, die sichheute in die Weite spannen, dürfenauf keinen Fall der Nähe und der Tiefeentbehren: der Nähe zu den Menschenvor Ort durch konkrete Gesichterund der Tiefe ihrer inneren Beziehungzu Gott.Ohne diese untrennbare Weite,Nähe und Tiefe in großen PastoralenRäumen wird Kirche gesichtslos undnicht mehr erreichbar, sie wird derZuwendung unfähig und erreicht dieMenschen nicht mehr. In den PastoralenRäumen ist daher das Zusammenwirkender kirchlichen Dienstemit allen Charismen und Begabungenunerlässlich, um so „Christus inseiner vollendeten Gestalt“ darzustellen(Eph 4,7). Eine zentrale Aufgabeder Hauptamtlichen und Hauptberuflichenbesteht darin, Charismenzu entdecken und Ehrenamtliche zubefähigen, zu begleiten und zu beauftragen.Das Zusammenspiel vonPriestern, Diakonen und Laien, vonHauptamt und Ehrenamt und allenFormen freiwilligen Dienstes wirddifferenzierter. Und so kann Kircheauch differenzierter auf die Lebenssituationenvon Menschen reagieren.Nähe zu den Menschen wird konkretbis in die vielfältigen Lebenssituationenmit Brüchen, Entfremdungen undScheitern und in die Verschiedenheitder Lebensformen hinein. Hier sinddie Grundbegriffe unseres Treffensin Mannheim entscheidend: communicatioin echtem Dialog, compassioin hoher Sensibilität und Wahrnehmungskraftfür die existenziellen Fragender Menschen, und participatio inder wirklichen Teilhabe und Teilgabeam gemeinsamen Priestertum derGetauften.Solche Pastoral muss durchdrungensein von den Grunddimensionen,die Papst Paul VI. schon 1975(zehn Jahre nach dem Zweiten VatikanischenKonzil) in dem ApostolischenSchreiben „Evangelii nuntiandi“zur Evangelisierung in der Weltvon heute herausgestellt hat: Zeugnisdes Lebens, ausdrückliches Wort,Zustimmung des Herzens, konkreteGemeinschaft, Zeichen und Symbole,Aufbruch und Vollzug – LEBEN /WORT / HERZ / GEMEINSCHAFT/ ZEICHEN / AUFBRUCH sind Zugängeund Schritte, die nicht nur linearein Weg, sondern in ihrem vielfältigenZusammenspiel Kerngestalteiner missionarischen Pastoral sind.Dabei bleibt die Spannung, dass diechristliche Botschaft nicht nur bestätigend,sondern auch herausforderndist, dass sie sich an dem Suchen derMenschen orientiert und doch auch zuZielen findet, die über das menschlichGewünschte, Erdachte oder auch Zusammengebasteltehinausgehen (dieBegegnung Jesu mit der Samariterinin Joh 4 ist ein Beispiel dafür).Ein sehr konkretes Feld, auf demsich eine Pastoral der Nähe zu bewährenhat, ist der Umgang mit wiederverheiratetenGeschiedenen. Die Kirchewill und muss das Zeugnis der TreueGottes in der von Jesus verkündetenUnauflöslichkeit der Ehe bewahrenals kostbares Gut, als sacramentum,als heiliges Zeichen der einzigartigenund unverbrüchlichen Liebe Gottes.Zugleich will und soll die Kircheaber immer wieder auch Zeichen der31


RELIGION UND GESELLSCHAFTBarmherzigkeit Gottes setzen, des Gottes,der jedem Menschen, in welchemScheitern auch immer, eine neue Möglichkeitanbietet.Der generelle und dauerhafte Ausschlussder wiederverheirateten Geschiedenenvom Sakramentenempfangerscheint vielen bis in die Mitteder Kirche hinein als eine untragbareKonsequenz. Deshalb sind in denvergangenen Jahrzehnten Anstrengungenin allen theologischen Disziplinengemacht worden, auf die Frage einesHinzutretens Wiederverheirateter zuden Sakramenten eine neue Antwortzu geben. Das kann und darf nicht nurReaktion auf die Menge der zerbrochenenLebensbeziehungen sein – inDeutschland nehmen fast die Hälftealler Ehen diesen Weg. Auch dürfendie Fragen nicht auf die Zulassungzu den Sakramenten enggeführt werden,wie es immer wieder geschieht.Zuerst kommt es darauf an, dass es inder Kirche für Menschen, deren Beziehungenzerbrochen und gescheitertsind, einen authentischen Platz gibt.Wiederverheiratete sind nicht einfachexkommuniziert, wie man oft denkt.Also muss für Menschen aus gescheitertenEhen, ob wiederverheiratet odernicht, eine ganz neue Aufmerksamkeitgeschaffen werden. Wenn dies gelingt,können wir auch die Frage der Zulassungzu den Sakramenten nicht übergehen.Es geht um eine grundsätzlicheFrage an die Theologie und Spiritualitätder Ehe. Zugleich ist alles zu tunfür eine gute, intensive Vorbereitungund Begleitung der Ehen: Hilfen ausdem Glauben, die der Verlässlichkeitder Beziehungen dienen, gilt es zu entdecken.Die positive Kraft des Glaubens,der Hoffnung und der Liebe sindfür das Gelingen einer Beziehung zuerschließen. Die kirchlichen Eheberatungsangebotebieten wichtige Unterstützungfür Paare. Schließlich istauch eine neue und mutige, differenzierteund vertiefte Auseinandersetzungmit der Sexuallehre der Kircheerforderlich. Sie geht von dem positivenBegriff ganzheitlicher Liebe imchristlichen Glauben aus. – Es ist mirein dringendes Anliegen, dass wir indiesen Fragen vorankommen.Unser in Mannheim begonnenerWeg hat in der verheutigenden relecturedes Zweiten Vatikanischen Konzilseine große Chance, in ein neuesgottgewolltes und menschendienlichesMiteinander von Verkünden, Feiernund Handeln (martyria, liturgia, diakonia)zu kommen. Dazu müssen wir unsder Vision und Mission einer Kirchestellen, die heute Gott und den Menschennahe sein will und ihr Zusammenlebenmit den Menschen von heuteso gestaltet, dass diese den Glaubensinnstiftend und erfüllend, kritischund befreiend erleben können, sichin der jeweiligen Lebenswirklichkeitangenommen wissen und in Kircheein Zuhause und echte Gemeinschaftfinden können. Wir wären damit inder Spur unseres Taufglaubens an dendreifaltigen Gott, der als der immerGrößere, als Vater und Schöpfer gesuchtund gefunden werden will, dersich als der Sohn bis in die Abgründeder Menschen herabgelassen hatund der als Heiliger Geist Gemeinschaftin bereichernder Verschiedenheitschenkt. Und wir blieben so demMenschen auf der Spur, nach dem Gott– in Umkehrung des berühmten Augustinus-Wortes– selbst ständig unruhigauf der Suche ist, bis er ihn gefundenhat, um ihm näher zu bleiben, als derMensch es sich selbst ist. ❏Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK)Vollversammlung des ZdKTraditionell fand die Herbstvollversammlung(22./23. November2012) des höchsten katholischen Laiengremiumsin Deutschland, des Zentralkomiteesder deutschen Katholiken(ZdK), in der Stadthalle in Bonn-Bad Godesberg statt.Das ZdK sprach über derzeit relevanteThemen wie den Dialogprozess,„Christen und Muslime – Partnerin der pluralistischen Gesellschaft“,„Nachhaltig wirtschaften und einkaufen“,Kürzungsbeschlüsse im Entwicklungshaushalt,Umgang mit wiederverheiratetenGeschiedenen und„Partnerschaftliches Zusammenwir-1 Oberstabsfeldwebel Joachim Lenschist einer der drei Vertreter desKatholikenrates beim KatholischenMilitärbischof im ZdKVON JOACHIM LENSCH 1ken von Frauen und Männer in derKirche“. Des Weiteren hat die Vollversammlungdes Zentralkomitees derdeutschen Katholiken hat am Freitag,dem 23. November 2012, 45 Persönlichkeitenals „weitere Mitglieder“für einen Zeitraum von vier Jahrengewählt.General a.D. Lather war einer von80 Kandidaten-/innen, die sich zurWahl stellten. Er wurde bereits im erstenWahlgang gewählt. Dies sehe ichals eine Wertschätzung seiner Personund auch seiner Arbeit im ZdK, auchals Mitglied im Hauptausschuss. Sicherlichist es auch ein Beweis dafür,dass wir Vertreter des Katholikenrates(BG Blotz, OTL Assmuth, OSFLensch) und der Vertreter der GKS(OTL Attermeyer), die in Uniform anden Vollversammlungen teilnehmen,ein akzeptierter und fester Bestandteildieses Gremiums geworden sind.Auch aus der Politik wurden namhafteEinzelpersönlichkeiten gewähltwie z.B. Prof. Dr. Maria Böhmer, JuliaKlöckner, Annegret Kramp-Karrenbauer,Winfried Kretschmann, ArminLaschet, Dr. Philipp Rösler, Dr. h.c.Wolfgang Thierse.Präsident Alois Glück berichtetezur LagePräsident Glück blickte auf den Katholikentagin Mannheim 2012 zurückund sprach von eindrucksvollenTagen. „Dieser Katholikentag hat einelebendige, glaubensstarke und vitaleKirche gezeigt, wir konnten Kraft undSelbstbewusstsein für unsere Aufga-32 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


RELIGION UND GESELLSCHAFTben in Kirche und Gesellschaft schöpfen“,so Glück. Der Katholikentagwar eine wichtige Station im Dialogprozessder katholischen Kirche inDeutschland. Das wird auch für den99. Deutschen Katholikentag 2014 inRegensburg gelten. Auf Vorschlag derKatholikentagsleitung hat der Hauptausschussdas Leitwort „Mit ChristusBrücken bauen“ beschlossen.Präsident Glück lobte die positiveEigendynamik des Dialogprozesses inder katholischen Kirche. Dieser seinicht auf die der Bundesebene begrenzt,sondern in den Gemeinschaftender Kirche und in den allermeistenDiözesen angekommen. Spürbarwerde die Dynamik auch in der zunehmendangstfreien Gesprächs- undDiskussionskultur. „Gemessen an derSituation vor 2010 wird, so jedenfallsmeine Beobachtung, weithin wiederoffener und ehrlicher miteinandergeredet“, so Glück wörtlich. Das isteine Grundvoraussetzung, vor allenSachfragen, damit unsere Kirche eineneue innere Lebendigkeit, ein gutesMiteinander und neue Ausstrahlungund Anziehungskraft entwickelt.Als positive Zwischenergebnissedes Dialogprozesses würdigteGlück das Dokument der GemeinsamenKonferenz zum „Zusammenwirkenvon Charismen und Dienstenim priesterlichen, prophetischenund königlichen Volk Gottes“, undden Brief der deutschen Bischöfe andie Priester in Deutschland. In diesenDokumenten werde die gemeinsameVerantwortung aller Getauftenhervorgehoben. „Diese beiden Dokumentekönnen wegweisend und prägendwerden für eine der wichtigstenWeichenstellungen der katholischenKirche in Deutschland in diesen Jahren,die künftige Seelsorgestruktur inden Pfarreien.“Eine weitere wichtige Station imDialogprozess war das Treffen am14./15. September diesen Jahres inHannover. Hier wurden mit der Themenwahldurch die veranstaltendeBischofskonferenz und durch die Ergebnissedrei wichtige Richtungsbestimmungenvorgenommen:– Ja zur Vielfalt in unserer Kirche!Vielfalt ist Reichtum und nichtBedrohung. Wir sind eine großeKirche, aber keine Einheitskirche.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012– Die Diakonie in ihrer ganzen Vielfaltgehört zentral zum Wesen derKirche. Die Diakonie muss in dasLeben der Gemeinden und Gemeinschaftenbesser integriertwerden,es ist nichtnur ein Spezialauftragan die organisierteDiakonieder Caritas.– Wir engagierenunsgemeinsamals Kircheim Sinne derchristlichenSoziallehreund derbesonderenTradition derkatholischenKirche inDeutschlandin den gesellschaftlichen und politischenAufgaben unserer Zeit.Das wichtigste Ergebnis in Hannoversind die Selbstverpflichtungender einzelnen Gruppen. Das gilt fürdie Bischofskonferenz, das gilt fürdie Laienverbände und all die anderenGruppierungen.Mit großer Sorge sieht der Präsident,dass die Neustrukturierung derPfarrseelsorge weithin primär als eineorganisatorische Maßnahme auf derBasis von Mangelverwaltung umgesetztwerde. Notwendig sei aber eine„situationsbezogene Gemeindeentwicklung“.Für die allermeisten Gläubigenist aufgrund ihrer Erfahrungenmit der Kirche und dem kirchlichenLeben Kirche immer noch nur dort,wo der Pfarrer ist. Hier ist ein tiefgreifenderKulturwandel notwendig.Oberstabsfeldwebel Joachim Lensch,Mitglied des ZdK„Christen und Muslime – Partnerin der pluralistischen Gesellschaft“Christen und Muslime haben gemeinsamden Auftrag unsere Gesellschaftauf der Grundlage gemeinsamerÜberzeugungen mitzugestalten.Deshalb braucht der interreligiöseDialog unseren beständigen Einsatz.Präsident Glück verwies auf Erfahrungender letzten Monate, die deutlichmachten, dass das Zusammenlebenunterschiedlicher Weltanschauungenund Religionen in einer pluralenGesellschaft nicht immer friedlichund konfliktfrei verlaufe. So erinnerteer an die antisemitischenÜbergriffe inderÖffentlichkeit,vondenen auchein ehemaligesMitglied desGesprächskreises„Judenund Christen“beimZdK,Rabbiner DanielAlter, betroffenwar,und lenkte denBlick auf dieDebatte überdas sogenannteBeschneidungsurteildes KölnerLandgerichts.Auch die Verletzung religiöserGefühle, unter anderem durch einen,den Religionsstifter Mohammedverunglimpfenden Film, aber auchdurch ehrverletzende Darstellung desPapstes, habe viele Gläubige provoziert.In manchen Fällen sei dieseProvokation für den Aufruf zurGewalt instrumentalisiert worden.So komme es, etwa im Fall von gewaltbereitenSalafisten, zu einer politischenRadikalisierung, die eineGefahr für die öffentliche Sicherheitdarstelle. Zugleich entstehe auf dieseWeise in der Öffentlichkeit einverzerrtes Bild des Islam, der alsBedrohung und nicht als gesellschaftlicheRessource wahrgenommen wird,obwohl in Deutschland das friedlicheZusammenleben der Angehörigen unterschiedlicherReligionen die Regelsei.„Diese drei Beispiele unterstreichendie Notwendigkeit des interreligiösenDialogs. Er braucht unseren beständigenEinsatz. Es gibt vieles, dasuns als Christen, Juden und Muslimeverbindet“, so Glück wörtlich.Kürzungsbeschlüsseim EntwicklungshaushaltDas Zentralkomitee der deutschenKatholiken (ZdK) fordert die Bun-33


RELIGION UND GESELLSCHAFTdesregierung und den Deutschen Bundestagauf, die Kürzungen im Entwicklungshaushaltzurückzunehmen. Derfolgende Initiativantrag wurde vonder ZdK-Vollversammlung am Freitag,dem 23. November 2012 mit überwältigenderMehrheit angenommen:Für die Wahrnehmung globalerVerantwortung – Das ZdK ist darüberbesorgt, dass Deutschland trotz Steuereinahmenin Rekordhöhe mit demHaushaltsentwurf 2013 eine deutlicheAbkehr von der Erfüllung internationalerVerpflichtungen zur Armutsbekämpfungvornimmt und damit ein falschesZeichen im Einsatz für globaleGerechtigkeit setzt.Der ursprüngliche Entwurf für denEntwicklungshaushalt (Einzelplan 23)sah noch eine geringfügige Steigerungder Mittel in Höhe von 37 Mio. € gegenüber2012 auf insgesamt 6,420Mrd. € vor. Im Laufe der Haushaltsberatungenist dann jedoch eine Absenkungum 124 Mio. € (86,5 Mio. gegenüber2012) vorgenommen worden. DerFinanzplan für das BMZ wird darüberhinaus bis 2016 stagnieren. Zum Erreichender Verpflichtungen bis 2015wäre dagegen ein jährlicher Aufwuchsvon mindestens 1,2 Mrd. € nötig.Wir appellieren eindringlich andie Bundesregierung und den DeutschenBundestag, diese entwicklungspolitischunverständliche Entscheidungzurückzunehmen und damitein deutliches Signal zu geben, dassDeutschland sich seiner internationalenVerantwortung gerade gegenüberden Ärmsten bewusst ist.Nachhaltig wirtschaftenund einkaufenNach einem Einführungsvortragvon Dr. Philipp Rösler, Bundesministerfür Wirtschaft und Technologiegab dieser gemeinsam mit JürgenNimptsch, Oberbürgermeister derStadt Bonn ein Interview zu den politischenRahmenbedingungen und Erfahrungenmit nachhaltiger Beschaffungspraxisund der gesellschaftspolitischenVerantwortung von Unternehmen.Das ZdK fordert dazu auf, dieöffentliche und kirchliche Beschaffungnach sozialen und ökologischenKriterien auszurichten und damit denSchutz der Menschenrechte weltweitund den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagenzu fördern.In einer verabschiedeten Erklärungmit dem Titel „Verantwortung fürdie Umsetzung der Menschenrechteund Bewahrung der Schöpfung – öffentlicheund kirchliche Beschaffungnach sozialen und ökologischen Kriterien“ruft das ZdK staatliche undkirchliche Institutionen dazu auf, ihrKauf- und Konsumverhalten an ethischenKriterien zu orientiert und dieMärkte gleichsam von innen herauszu lenken.Das ZdK ruft die Bundesregierungganz konkret auf, ein Aktionsprogrammaufzulegen mit dem Ziel, Einrichtungendes Bundes, der Länderund der Kommunen dabei zu fördern,ihre Beschaffung nach sozialen undökologischen Kriterien zu gestalten.Die „Kompetenzstelle für nachhaltigeBeschaffung“ müsse mit ausreichendmateriellen und personellen Ressourcenausgestattet werden, so dass eineumfassende Beratung, Berichterstattungund Weiterentwicklung nachhaltigeröffentlicher Beschaffung inDeutschland möglich wird. Gleichzeitigsei die Einkaufspraxis des Bundeskonsequent so zu gestalten, dasssie ökologischen und sozialen Kriterienentspricht und so zum Vorbildfür lokale Beschaffungsstellenund Privatkonsumenten/-innen werdenkann.Auch an die Gemeinden und Bistümerappelliert das ZdK, die eigeneBeschaffung an sozialen und ökologischenKriterien auszurichten unddabei insbesondere regionale, ökologischeund Produkte aus dem FairenHandel zu verwenden sowie die Möglichkeitendes ethischen Investmentskonsequent zu nutzen.Plädoyer des ZdK für einen anderenUmgang mit wiederverheiratetenGeschiedenenDie Vollversammlung des Zentralkomiteesder deutschen Katholiken(ZdK) hat am Samstag, dem24. November 2012, eine Entschließungverabschiedet, in der sie sichfür die Fortsetzung des kirchlichenDialogs über die pastorale Situationder wiederverheiratet Geschiedeneneinsetzt. Die Resolution hat folgendenWortlaut:Ein großes Leiden für wiederverheiratetGeschiedene und dieheutige Kirche – Viele zivilrechtlichgeschiedene und wiederverheirateteGläubige leiden darunter, dass sie auswichtigen Bereichen der kirchlichenGemeinschaft und insbesondere vomEmpfang der heiligen Kommunionausgeschlossen sind. Ihr Leiden istauch das Leiden der „Jünger Christi“(Gaudium et spes, 1) und damitunserer Kirche.Das Zentralkomitee der deutschenKatholiken (ZdK) unterstütztmit Nachdruck alle auf verschiedenenEbenen angestoßenen Anstrengungen,diese seit vielen Jahren bedauerteSituation im Sinne des Heils derMenschen (salus animarum, c. 1752CIC) und damit einer dienenden undbarmherzigen Kirche zu lösen. Es unterstütztausdrücklich Aufforderungenzu konkreten Fortschritten wieetwa aus den Diözesanräten und Verbänden(z. B. die Unterschriftenaktionder Katholischen FrauengemeinschaftDeutschlands und den jüngstenAufruf des Katholischen DeutschenFrauenbundes) und die Vorschläge,die der Katholisch-Theologische Fakultätentag„Zum Kommunionempfangwiederverheiratet Geschiedener“zum Dialogprozess der DeutschenBischofskonferenz beigetragenhat. Besonders begrüßt das ZdK dieBemühungen der deutschen Bischöfe,über die unmittelbar drängendeFrage des Kommunionempfangshinaus auch weitere Bereiche deskirchlichen Lebens bis hin zu denarbeitsrechtlichen Konsequenzen ineine befriedigende pastorale Lösungeinzubeziehen. Das ZdK setzt hoheErwartungen in die Ergebnisse derArbeitsgruppen, die die Deutsche Bischofskonferenzdazu eingesetzt hat.Auch das ZdK seinerseits wird sichweiter an dieser Suche beteiligen undin den im ZdK zusammenwirkendenRäten und Verbänden für eine baldigeKlärung einsetzen.Das ZdK ist davon überzeugt: DieWertschätzung der unauflöslichenEhe wird bei den Gläubigen wie inder Gesellschaft insgesamt steigen,wenn die Kirche zugleich die unzerbrechlicheLiebe Gottes auch beieinem tragischen, ja sogar schuldbehaftetenScheitern durch ihr Tunlebensdienlich erfahrbar macht. Dienächste Vollversammlung des ZdKfindet am 26./27. April 2013 in Münsterstatt. ❏34 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


RELIGION UND GESELLSCHAFTKatholischer Medienpreis 2012Bild 1: Bischof Gebhard Fürst beiseiner Begrüßung während desFestaktesDer Katholische Medienpreis wirdseit 2003 von der Deutschen Bischofskonferenzin Kooperation mitder Gesellschaft Katholischer PublizistenDeutschlands e.V. (GKP) unddem Katholischen Medienverband(KM) ausgeschrieben und verliehen.Der Vorsitzende der PublizistischenKommission der Deutschen Bischofskonferenz,der Bischof von Rottenburg-StuttgartDr. Gebhard Fürst, istzugleich auch Vorsitzender der Jury,Die Herzen der Menschen berührenVON BERTRAM BASTIANBild 3: Die Gruppe Liquid Soul umrahmte den Festakt. In der Mitte dieWasserstichorgel.die in diesem Jahr 170 eingereichteBeiträge begutachten musste. Davonwaren 67 Beiträge aus dem BereichPrint Medien und 103 aus dem Bereichelektronische Medien. Schwerpunktder eingereichten Arbeiten waren„Flucht und Migration“. BischofFürst hob in seiner Begrüßung (Bild1) hervor, dass gerade in diesen beidenThemenbereichen der Journalistdie Stimme erheben kann für die„Schwächsten der Schwachen“. Dabeiseien Authentizität und sachgerechterUmgang mit Bild und Sprachewesentlicher Bestandteil der Berichterstattung,um den betroffenen Menschen– unseren Nächsten – gerechtzu werden.Im Bereich der elektronischenMedien wurde ein Filmbeitrag vonCarsten Rau und Hauke Wendler ausgezeichnet.Im Film „Wadim“ beschreibensie den Weg einer Familie,Vater, Mutter und zwei Söhne, dienach Zusammenbruch der Sowjetunionaus Lettland kommend, in HamburgAsyl suchen. Die Behörden abersehen diese vier Personen als Staatenlose,somit werden sie lediglichgeduldet, das bedeutet, sie könnenjederzeit ausgewiesen werden. AlleVersuche, dies zu ändern scheitern.Wadim, der ältere der beiden Söhnewird nach seinem 18 Geburtstag nachLettland abgeschoben, die Familiewird auseinander gerissen, obwohl sieBild 2: Der Laudator Dr. hc FritzPleitgen bei der Würdigung desBeitragesdoch Heimat suchte! In Lettland giltWadim wiederum als Staatenloser, fürden sich niemand „zuständig“ fühlt.ER schlägt sich nach Deutschlanddurch, wird erneut abgeschoben. Nachseiner zweiten „Rückkehr“ und demScheitern aller Bemühungen, verübtWadim Selbstmord auf den HamburgernS-Bahn Gleisen. Die AutorenRau und Wendler ergreifen nicht Partei,bleiben auf Distanz und lassensich nicht von Gefühlen hinreißen.Aber sie zeigen in aller Deutlichkeitdas Unmenschliche, das schier Nicht-Begreifbare. Sie lassen die Familiezu Wort kommen, Zeitzeugen schilderndie Versuche, sich in eine Gesellschaftzu integrieren, die ihnennur die bürokratische, kalte Schulterzeigt. Der Laudator Fritz Pleitgen(Bild 2) gratulierte den Autoren zuihrem Beitrag, der aufrüttele, wichtigeAufklärungsarbeit schildere undhoffentlich auch Wirkung zeigen werde,wie der Laudator ausführte. Damithebe er sich deutlich von den massenweiseproduzierten Schlagzeilen ab,die immer nur das Schlechte in derAsyldebatte blitzlichtartig beleuchteten,ohne wirklich zu informieren.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 201235


RELIGION UND GESELLSCHAFTFür den Bereich Print-Medienerhielt der Reporter Wolfgang Bauervom Magazin Nido für seine Reportage„Endstation Dadaab“. Hierschildert er die Zustände in diesemgrößten Flüchtlingscamp der Weltim Osten Kenias. Nachdem die großenSender sich von der humanenKatastrophe abgewandt hatten, ist ermit dem Fotografen Matthias Zieglerhingefahren und hat sensibel und unaufdringlichdie Lage der dort hungerndenMenschen, vor allem Frauenund Kinder, geschildert und derWelt zugänglich gemacht. Er schildertdie Versuche des eingesetzten Personals,die Kinder zu retten, die aberan Reis gewöhnt sind statt an Mais,der von der internationalen Hilfe zurVerfügung gestellt wird. Er nennt dieseTatsachen einfach Camp-Management-Problemund wertet nicht, erinformiert. Er schildert auch die Anteilnahmeder Pflegekräfte, die mitansehen müssen, wie die Kinder vorihren Augen verhungern, selten denSprung ins Leben zurück schaffen.„Wenn ein Kind zum ersten Mal lacht,dann hat es diesen Sprung geschafft“,wird ein Pfleger sinngemäß zitiert.Der Laudator Uwe Vorkötter betontein seiner Rede, dass Wolfgang Bauernicht anklagt, er informiert, dass internationaleHilfe sich eben nicht nurauf Geld oder Hilfslieferungen ausÜberschussproduktionen beschränkendürfe, sondern immer die kulturellenHintergründe beachten müsse,wenn sie erfolgreich sein soll. Nachdemdie Großen der Berichterstattungdie Schlagzeilen hatten, kommt leiseund eindringlich die Reportage desPreisträgers, der der Welt zeigt, wieihre Hilfe wirklich ankommt, bzw. wassie wirklich anrichtet.Musikalisch umrahmt wurde derAbend durch die Gruppe „Liquidsoul“, die mit ihren Darbietungendas Publikum erfreuten. Mit teilweiseunbekannten Instrumenten wie derWasserstichorgel (Bild 3) boten sie einmusikalisches Programm, das gut zuden Beiträgen passte. Man darf sichheute schon auf die nächste Preisverleihungam Montag, den 28. Oktober2013 freuen. ❏(Fotos: Bertram Bastian)KurznachrichtenAdveniat eröffnet Weihnachtsaktion –Bolivien als BeispiellandMit einem Gottesdienst in der Hildesheimer BasilikaSankt Godehard hat das katholische HilfswerkAdveniat seine Weihnachtsaktion eröffnet. Siesteht unter dem Motto „Mitten unter euch“ und stellt„Kirchliche Basisgemeinden“ am Beispielland Bolivienin den Mittelpunkt. In seiner Predigt mahnte derHildesheimer Bischof Norbert Trelle, Kirche dürfesich nicht vom Leben der Menschen entfernen. Diesgelte für Lateinamerika ebenso wie für Europa. TrotzStrukturreformen und größer werdenden Pfarreienhätten die Christen auch in Deutschland die Aufgabe,sich einzubringen „für unsere Nächsten und mitunseren Nächsten“.Die „Kirchlichen Basisgemeinden“ bezeichneteTrelle als „Geschenk der Kirche in Lateinamerika andie Weltkirche“. Mit dem Begriff sei kein Gegensatzvon „unten und oben“, von Volk Gottes und Amtskirchegemeint, betonte der Hildesheimer Bischof. Vielmehrgehe es darum, sich auf die Botschaft Christials Fundament der Kirche zu besinnen. Es gelte, diepersönlichen Erfahrungen mit Gottes Wort zu teilen.„Dort, wo Christus mitten unter uns ist, da wächst Gemeinschaftim Glauben“, sagte Trelle in Anspielungauf das Motto der Aktion.Der bolivianische Bischof Sergio Alfredo Gualbertiwürdigte die Partnerschaft zwischen den Katholikenin Deutschland und Lateinamerika. Zugleich betonteauch er, dass das Evangelium die Grundlage des kirchlichenLebens sei. Das habe letzten Endes zu der Ideeder Basisgemeinden geführt. „Wir alle, Papst, Bischöfe,Priester und Gläubige müssen hören, was der Geist denGemeinden sagt“, betonte der Bischof von Santa Cruz.Außer Trelle und Gualberti feierten den Gottesdienstin der voll besetzten Basilika unter anderenauch Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck und derGeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks, PrälatBernd Klaschka, mit. Im Anschluss an den Gottesdienstgab es einen Empfang durch Hildesheims OberbürgermeisterKurt Machens im Rathaus. Zwischendem Bistum Hildesheim und Bolivien, dem Beispiellandder diesjährigen Adveniat-Aktion, besteht seit25 Jahren eine Partnerschaft.Adveniat fördert seit mehr als 50 Jahren kirchlicheInitiativen zugunsten der Armen und Benachteiligtenin Lateinamerika und der Karibik. Mit 3.000Projekten im Jahr mit einem Gesamtvolumen von 40Millionen Euro gehört das Hilfswerk zu den weltweitgrößten dieser Art für Lateinamerika. Die bundesweiteKollekte für die Weihnachtsaktion findet traditionellin den katholischen Gottesdiensten an Heiligabendund am ersten Weihnachtstag statt. ❏(KNA)36 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 20122


BLICK IN DIE GESCHICHTEBlick in die GeschichteLeben und Wirken Eugenio Pacelli (bis 1939) (Teil 2)VON PHILIPP WEBER 1Im Februar 1930 übernahm EugenioKardinal Pacelli von seinem VorgängerKardinal Gasparri die Amtsgeschäfteals Kardinalsstaatssekretär.Fortan war er engster VertrauterPapst Pius‘ XI. Auch während dieserZeit riss der Kontakt zu Deutschlandnicht ab. Als im Vorfeld der politischenVeränderungen HermannGöring Rom besuchte, versuchte ersich dem Vatikan anzubiedern undSympathien für die nationalsozialistischeBewegung zu sammeln. Göringbestand damals darauf, von KardinalPacelli empfangen zu werden. Jedochlehnte dieser ab und ließ sich entschuldigen.Daraufhin wurde er „nur“von Untersekretär Giuseppe Pizzardoempfangen. Der Bayrische Gesandteam Heiligen Stuhl, Otto Freiherr vonRitter zu Groenesteyn, erinnerte sichspäter an das Treffen und berichtete,dass Göring selbstbewusst, teilweisearrogant aufgetreten sei und nurallgemeine Phrasen verwendet habe.Der Kardinalstaatssekretär sahden Nationalsozialismus als großeGefahr für Deutschland. Bereits alsNuntius in München hatte er den Hitler-Putsch1923 erlebt und in der Folgezeitsowie als Nuntius in Berlin denallmählichen Aufstieg der NSDAPkritisch beobachtet. Als er nach Romwechselte, äußerte er gegenüber Galenseine Befürchtungen und erkanntedie politische Bedeutung, wenn erGöring empfangen hätte. Nachdemdie Nationalsozialisten am 30. Januar1933 die Macht ergriffen und HitlerReichskanzler wurde, empfand KardinalPacelli dies als Niederlage fürDeutschland und die Kirche.Kurze Zeit später nahm das Hitler-RegimeKontakt zum Vatikan aufund es kam zu Konkordatsverhandlungenmit dem Vatikan. Am 20. Juli1 Leutnant Philipp Weber ist Studentan der Universität der Bundeswehr inNeubiberg und hat über den gesamtenThemenbereich eine Bachelor-Arbeitverfasst, die hier in gekürzter Weisewiedergegeben wird.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Der Kardinalstaatssekretär1933 wurde das Konkordat durchFranz von Papen und Kardinal Pacelliunterzeichnet, welches heute nochGültigkeit besitzt.Hitler nutzte das Reichskonkordat,um sich auf nationaler und internationalerEbene als Staatsmannund berechenbarer Verhandlungspartnerzu geben. Obwohl das Konkordatfortan als ein Prestigeobjekt des nationalsozialistischenRegimes genutztwurde, war es die Absicht Pacellis unddes Papstes Pius XI., den Christen inDeutschland einen rechtlichen Schutzvor staatlich organisierten Übergriffenzu geben.Trotz des Konkordates und demdamit einhergehenden rechtlichenSchutz der Kirche im DeutschenReich kam es wiederholt zu Übergriffenauf Kirche und Katholiken. Sogarwährend der Konkordatsverhandlungengab es ständig Ausschreitungengegen Christen in Deutschland. AlsReaktion darauf brach der Kardinalstaatssekretärzeitweilig die Verhandlungenab, was auf diplomatischerEbene als ein sehr deutliches Signalzu werten ist. Nach der Ratifizierungdes Reichskonkordats protestiertefortan der Vatikan bei Konkordatsverstößenund bestellte mehrfach denBotschafter beim Heiligen Stuhl ein.In Folge dieser Entwicklung beauftragtePapst Pius XI. am 21. März1934 die Congregatio pro doctrinafide, die Kongregation für die Glaubenslehre,die Doktrin des Nationalsozialismuszu überprüfen. Als Resultatwurde die Unvereinbarkeit von Katholizismusund Nationalsozialismusfestgestellt. Papst Pius XI. verurteilteden Nationalsozialismus, da diesersich als politische Religion etablierenwollte. Der Heilige Vater und seinKardinalstaatssekretär sahen darinStaatskult, der eine neue Form desHeidentums propagierte. Aufgrundder Vorgeschichte des Konkordats,den folgenden staatlichen Ausschreitungenund den Erfahrungen währendder Zeit als Nuntius erkannte KardinalPacelli die Gefahren des Nationalsozialismus.Obwohl der ehemalige Nuntiusbereits in München und Berlin dieHoffnung hegte, ein Reichskonkordatabzuschließen und er 1929 diesenWunsch weiterhin verfolgte, wares 1933 nicht der Vatikan, der auf dasKonkordat drängte. Es war das DeutscheReich, welches diesmal die Verhandlungsbereitschaftsignalisierte.Der Vatikan nutzte daher die sichergebende Möglichkeit, um aus SichtKardinal Pacellis einen „Rettungsanker“für die Katholiken zu schaffen.Der spätere Pius XII. war bereits zudieser Zeit über die Ausschreitungengegen die Juden informiert undließ daher Informationen über dieAktionen gegen Kirche und Judensammeln. Am 04. April 1933 wieser seinen Nachfolger in Berlin CesareOrsenigo an, gegen antisemitischeExzesse zu protestieren.Pacelli trat 1938 noch entschiedenerfür die Juden ein. Er appellierte inseiner Funktion als Kardinalstaatssekretärdamals weltweit an alle Bischöfe,den zum Katholizismus konvertiertenund auch den verfolgten Juden zuhelfen, sollten diese in Not sein.Der ehemalige Präsident des österreichischenBundesrates, Dr. HerbertSchambeck, vermerkt in seinemBuch über Pius XII., dass KardinalPacelli in den 1930er Jahren die Situationbetreffend des Konkordats,der Ausschreitungen gegen Katholikenund Minderheiten in seinen Aufzeichnungenmit einem Wort zusammengefassthat: Verfolgung.Aufgrund der fortlaufenden Entwicklungenim Deutschen Reich mitsich häufenden Ausschreitungen gegenMinderheiten und Christen, entschlosssich Papst Pius XI. eine Enzyklikazu veröffentlichen, um denNationalsozialismus aus christlicherSicht zu kritisieren. Dazu bestellteer die deutschen Kardinäle AdolfBertram aus dem Bistum Breslau,den Münchner Erzbischof Michael37


BLICK IN DIE GESCHICHTEvon Faulhaber, den Kölner ErzbischofKarl Joseph Schulte sowie den Bischofvon Berlin, Konrad Graf von Preysing,nach Rom ein, um mit Eugenio KardinalPacelli an der Enzyklika Mitbrennender Sorge zu arbeiten.Nachdem die deutschen Bischöfeihre Arbeit abgeschlossen hatten,erweiterte Pacelli die Ausführungenund formulierte sie zu einem päpstlichenLehrschreiben.In der Enzyklika wird in einertheologisch gehaltenen Sprache dernationalsozialistische Kult kritisiert.So werden die Rassenlehre, der Nationalsozialismusals eine Form derStaatsreligion, der Antijudaismus, dieKirchenfeindlichkeit, die Einflussnahmeauf die Kirche und die Repressaliengegen sie, der Versuch dieEtablierung einer Nationalkirche, derreligiöse Kult des Nationalsozialismus,die Unsittlichkeit von Gesetzen,die Staatsideologie und die Ausnutzungder Jungend scharf kritisiert. AmEnde ruft der Papst die Gläubigen zuStandhaftigkeit und Stärke im Glaubenauf und fordert, sich nicht demNationalsozialismus zu unterwerfen.Der Verlesung der Enzyklika imDeutschen Reich ging am 19. März1937 die Enzyklika Divini redemptorisvoraus, in welcher zunächst derKommunismus verurteilt wurde. Am21. März 1937 verlasen die Priesterin den Sonntagsmessen die EnzyklikaMit brennender Sorge von den Kanzeln.Zuvor mussten unter größtmöglicherGeheimhaltung die Texte an diePfarreien im Reich verteilt werden,wo die Drucke sogar im Tabernakelversteckt wurden, so dass die Organeder Nationalsozialisten sie nicht findenund so die Verlesung hätten verhindernkönnen.Bereits kurz nach der Verlesungreagierte der NS-Staat mit Härte. Inder Woche nach der Verkündigung despäpstlichen Lehrschreibens kam eszu einer Welle von Verhaftungen undDurchsuchungen. Der Staatsapparatdemütigte Priester und Ordensleutedurch Sittlichkeitsprozesse bzw. Vermögensdeliktenund es wurde eineProtestnote beim Heiligen Stuhl eingereicht.Bereits im darauf folgenden Jahrarbeitete man im Vatikan an einer weiterenEnzyklika, welche Rassismusund Antisemitismus verurteilen sollte.Jedoch wurde diese aufgrund desTodes Pius‘ XI. nicht mehr fertig gestellt.Heute behaupten Kritiker, dassPius XII. das Lehrschreiben nichtveröffentlichen wollte, obwohl er davonwusste. Jedoch ist es im Vatikanüblich nach dem Tod eines Papstesdessen Dokumente zu versiegeln, sodass sie vorerst nicht mehr verwendetwerden können. Auch muss zudieser Rassenenzyklika bemerkt werden,dass Pius XII. befürchtete, eineneue Enzyklika mit derselben Schärfekönne zu einem diplomatischen Bruchund in der Folge zur Auflösung desKonkordats führen.Weiterhin führen in diesem Zusammenhangdie Kritiker Pius XII.,welche ihm Judenfeindlichkeit unterstellenwollen, an dass er in denTagen der Aufstände in München mitjüdischen Bolschewisten in Kontaktgekommen sei und seitdem eine Abneigunggegen diese habe. Seine Abneigunggalt jedoch dem Bolschewismusund nicht dem Judentum.Als Beweis dafür kann man aus demengeren Kreis der Vertrauten Pacellisdie Kardinäle Faulhaber, Gasparriund Merry del Val anführen, da dieseden jungen Nuntius, Erzbischof undKardinal prägten und berieten. Siebezogen regelmäßig die VereinsbroschürePax super Israel der PriestervereinigungAmici Israel, in welcherfür ein neues Verhältnis zu den Judengeworben wurde.Außerdem lässt sich feststellen,dass Eugenio Pacelli seit seiner Kindheitmit Juden Kontakt hatte und ihnengegenüber nie negativ eingestelltwar. Ansonsten wäre er nicht mit GuidoMendes befreundet gewesen undhätte auch nicht das Anliegen desMünchner Oberrabbiners bezüglichdes Laubhüttenfest unterstützt.Des Weiteren wäre dann nichtdurch Kardinal Pacelli eine Anweisungan die katholischen FakultätenDeutschlands ergangen, die Ideologiendes Nationalsozialismus unddes Rassismus theologisch und wissenschaftlichzu widerlegen und alsPapst hätte er 1955 keine Änderungder Karfreitagsfürbitte für die Judenvorgenommen. Neben der politischenTätigkeit als Kardinalstaatssekretärwurde Kardinal Pacelli mehrmalsals Legat des Papstes zu Veranstaltungenin Europa und Südamerikagesandt. Im Jahr 1934 schickte ihnPapst Pius XI. als seinen persönlichenVertreter zum Eucharistischen Weltkongressnach Argentinien. Der Kardinalbesuchte während dieser Reiseauch Brasilien. Zeitzeugen sagtenspäter, er habe den Feierlichkeiteneinen besonderen Glanz verliehen.Schwester Pascalina Lehnert erwähntein ihren Erinnerungen auch, dass ersich einmal während seines Aufenthaltesvon seinen Begleitern entfernteund in ein Armenviertel von BuenosAires ging, um dort die Armenund Obdachlosen zu treffen. KardinalPacelli hinterließ bei den Menschenin Argentinien ein sehr positives Bildund reiste nach diesem Erfolg zurücknach Rom.Im darauf folgendem Jahr und1937 reiste Pacelli zweimal als Kardinallegatnach Frankreich. Dort besuchteer unter anderem Paris und feierteeine Heilige Messe in der KathedraleNotre-Dame de Paris, bei der dieBasilika restlos gefüllt war. Bei seinerzweiten Reise nach Frankreich weihteer 1937 die neu erbaute Kathedralevon Lisieux ein. Bei beiden Frankreichbesuchenals Legat rief KardinalPacelli zu christlichen Werten auf undhob die besondere Bedeutung Frankreichsals eines der ältesten christlichenLänder in Europa hervor.Die letzte Reise als päpstlicherLegat führte ihn 1938 nach Ungarnzum eucharistischen Weltkongress.Auch hier wurde er mit hohen Ehrenempfangen und den Menschen in Budapestblieb der Besuch in bleibenderErinnerung.Papst Pius XI. wollte durch dieReisen seinen Kardinalstaatssekretärauf den Stuhl Petri vorbereitenund ihn mit der Weltkirche vertrautmachen. Dazu schreibt Pierre Blet inseinem Buch, dass der Papst Pius XI.über Pacelli einmal gesagt habe: „Saràun bel Papa!“ – „Er wird ein guterPapst!“Als am 10. Februar Pius XI. starb,ahnte Eugenio Pacelli noch nicht,dass er ihm im Amt nachfolgen würde.Auch war es nicht üblich, dass einKardinalstaatssekretär zum Papst gewähltwurde und kam seit Hundertenvon Jahren nicht mehr vor. Er wiesseine Haushälterin Madre Pascalinaan, die Wohnung zu räumen und füreinen Urlaub im Schwesternhaus Stel-38 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


BLICK IN DIE GESCHICHTEla Maris in Rohrschach am Bodenseein der Schweiz zu packen.Nach dem Begräbnis Pius XI.zogen sich die Kardinäle in dieSistina zurück. Schon nach nur dreiWahlgängen wählten sie EugenioPacelli, den vormaligen Camerlengound Kardinalstaatsekretär, zum 259.Nachfolger des Heiligen Petrus.Fortan war er nicht mehr EugenioPacelli, sondern er wählte sich denPapstnamen Pius XII. Als SchwesterPascalina zum ersten Mal denNeugewählten erblickte, sagte dieserzu ihr: „Sehen Sie, wie man michzugerichtet hat (...).“Dieser Ausdruckbringt die Demut Pius‘ XII. zumAusdruck und zeigt gleichzeitig auchseine Überraschung über die Wahl.Bereits in seiner ersten Rede,wies Papst Pius XII. auf den Wertdes Friedens hin. Am 24. August1939 wandte sich Pius XII. in einerRadioansprache an die weltlichenMachthaber: „Nichts ist mitdem Frieden verloren. Aber alleskann mit dem Krieg verloren sein.“Am 31. August 1939 forderte derPapst in Telegrammen an die europäischenStaats- und Regierungschefsjeglichen bewaffneten Konflikt zuvermeiden. Des Weiteren bot er imApril 1940 an, auf einer internationalenFriedenskonferenz zwischenden Konfliktparteien zu vermitteln.Auch kritische Autoren erkennen dieFriedensbemühungen Pius‘ XII. an.Der Notenwechsel der Nuntiaturenund des StaatssekretariatsWährend der verschiedenen TätigkeitenEugenio Pacellis imkirchlichen Dienst entstanden einegroße Anzahl an offiziellen Noten.Diese wurden im Originalwortlaut inmehreren Büchern zur zeitgeschichtlichenForschung zusammengefasst.Sie geben Aufschluss über sein Wirkenals Apostolischer Nuntius undKardinalstaatsekretär. Im Folgendengeben einige ausgewählte Demarchenund Briefe Einblick in das HandelnEugenio Pacellis.Kurz nach dem Ersten Weltkriegwandte sich Kardinal Bertram am20. Mai 1919 an Erzbischof Pacelliund bat ihn, den Heiligen Stuhlüber die nur schwer tragbarenFriedensbedingungen zu informierenund um Intervention. Der NuntiusAUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012antwortete nach einem weiteren Briefdes Kardinals am 07. Juli 1919 undversprach, sich der Sache unterstützendanzunehmen. Im Oktober 1919sandte Pacelli eine Demarche an diedeutsche Reichsregierung, in der ergegen staatliche Eingriffe bei innerkirchlichenAngelegenheiten protestierte.Als der Nuntius im Januar 1920die Verhandlungen zum preußischenKonkordat vorbereitete, wandte ersich an Kardinal Bertram und bat umdie Entsendung von Fachleuten nachMünchen. Der Erzbischof antworteteam 05. Februar 1920, dass er das Vorhabenunterstütze, aber nur zeitweiligSachverständige entsenden könnte.Am 04. Januar 1922 beschriebKardinal Bertram dem Nuntius dieschwierige Lage, da zwischen Kircheund Staat kein Vertrag bestand. Trotzdemhatte die Reichregierung ohneRechtsgrundlage in kirchliche Angelegenheiteneingegriffen, war aberweiterhin Bemühungen um Konkordatsverhandlungenausgewichen.Daraufhin wandte sich ErzbischofPacelli in einer Protestnote an denWissenschaftsminister Dr. Otto Boelitz.Diesem legte er die schwierigeSituation aufgrund fehlender Verträgedar und empfahl zum beiderseitigenVorteil Verhandlungen aufzunehmen.Im selben Anliegen schriebder Nuntius am 29. November 1922an den Erzbischof von Köln und batihn um seine Einschätzung und Ratschlägein dieser Situation. KardinalBertram teilte Pacelli im Schreibenvom 10. Dezember 1922 mit, dass erbezüglich eines Konkordates bei derReichsregierung erfolglos vorgesprochenhätte.Infolge der Inflation und ausbleibenderReparationszahlungen besetztenfranzösische und belgische Truppenim Januar 1923 das linksrheinischeGebiet. Nachdem es zu Ausschreitungengegen die Bevölkerungkam, wandte sich der Kardinal vonKöln an den Nuntius in Deutschlandund schilderte die Lage mit der Bitteum Intervention des Heiligen Stuhls,was der Titularerzbischof von Sardesunterstützte.Nachdem die diplomatische Missionin Deutschland für KardinalPacelli beendet war und er 1930 alsKardinalstaatssekretär in Rom seineArbeit aufgenommen hatte, erhielt eram 28. Dezember 1933 einen Briefvom Freiburger Erzbischof ConradGröber. Dieser meldete seine Bedenkenbezüglich des 1933 erlassenenSterilisierungsgesetzes und der Inhaftierungvon kritischen Geistlichen.Daraufhin antwortete ihm KardinalPacelli am 04. Januar 1934 und sicherteihm Hilfe zu. Selbiges schrieber am 23. Februar allen deutschenBischöfen und unterstrich in seinemSchreiben die schwierige Lage trotzKonkordats. Er sprach den BischöfenMut zu und bat um Vorschläge,welche den Entwicklungen kritischentgegenwirken sollten.Noch vor dem Brief des FreiburgerErzbischofs wandte sich der Kardinalsstaatssekretäram 19. Oktober1933 in zwei Demarchen an den deutschenBotschafter Diego von Bergenund protestierte gegen Konkordatsverstößein Bayern und im Reichsgebiet,die Beschlagnahme von Kirchengütern,Niederhaltung von Gläubigensowie unrechtmäßige Einflussnahmenin kirchlichen Angelegenheiten.Selbiges wiederholte sich ineinem Schreiben an den bayrischenGesandten vom 25. November und11. Dezember 1933. Am 31. Januar1934 erfolgte eine erneute Protestnotewegen diverser Verstöße. Drei Tagespäter beantwortete die Deutsche Botschaftdie Demarche, relativierte dieVorwürfe mit der Behauptung, dassFehlinformationen vorlägen.In einem Brief vom 20.April 1934informierte Pacelli Kardinal Bertramüber seine Sorgen hinsichtlich desNationalsozialismus und der Hitlerjugend.In der folgenden Zeit wurdenweitere Protestnoten an die DeutscheBotschaft gesandt. Solche Protestewiederholten sich bis zur Papstwahl1939. Es geht aus Demarchen hervor,dass sich Kardinal Pacelli fürunschuldig Verfolgte und inhaftiertePersonen einsetzte. Trotz der Repressalienund Verfolgungen des NS-Staats gegen die Kirche forderte derKardinalstaatssekretär die Bischöfeauf, von voreiligen und zu offensivenProtesten Abstand zu nehmen. Diedeutschen Bischöfe informierten regelmäßigden Heiligen Stuhl über dieEntwicklungen im Deutschen Reich.Kardinal Pacelli und der Papst beobachtetendies besorgt und forderten39


BLICK IN DIE GESCHICHTEden deutschen Klerus auf, nicht unüberlegtzu handeln, sondern deutetenan, vorzugsweise im Hintergrundzu agieren.Am 12. April 1937 protestiertedas Deutsche Reich mit einer Demarchebeim Heiligen Stuhl gegendie Enzyklika Mit brennender Sorge,worauf Eugenio Kardinal Pacelli mitentschiedener Schärfe antwortete. Erwies auf unzählige Konkordatsverstößehin und zeigte auf, dass das DeutscheReich konkordatsbrüchig gewordensei und nicht der Vatikan. Erwies den Ton im Protestschreiben derReichregierung als eine Unhöflichkeitzurück und verwies auf die nötigediplomatische Contenance. DerKardinal nahm die deutschen Bischöfein Schutz, indem er anführte, dassdiese ein päpstliches Lehrschreibenverkündet hätten und keine Kritik amStaat geübt hätten. Diese Ausführungenbelegen, dass Kardinal Pacelliin den offiziellen Schreiben an dasDeutsche Reich sowie der Korrespondenzmit seinen Mitbrüdern oftauf Missstände und Verletzungen desReichskonkordates hinwies. Es zeigtsich hier, dass er sowohl im Verborgenenhandelte als auch auf offiziellendiplomatischen Wegen intervenierte.Trotz der Gefahren eines diplomatischenBruchs oder möglicherFolgen für die Katholiken in Deutschland,fand der Kardinalstaatssekretärdie angemessene Schärfe in seinenProtestnoten sowie das nötige Taktgefühl,um durch diese Demarchentrotzdem diplomatisch zu protestieren.❏Das umfangreiche Literaturverzeichniskann elektronisch bei der Redaktionangefragt werden.KurznachrichtenDer Heilige Vater Benedikt XVI. hat RudolfVoderholzer zum neuen Bischof von Regensburgernannt. Die Diözese Regensburg soll sich ineiner ersten Reaktion über die Ernennung erfreutgezeigt haben und dankt dem Heiligen Vater für dieseEntscheidung.Voderholzer lehrt als Professor für DogmatischeTheologie an der theologischen Fakultät der UniversitätTrier und am Institut Papst Benedikt XVI.in Regensburg, das die Gesammelten Werke vonJoseph Ratzinger/Benedikt XVI. herausgibt. Voderholzerist Schüler von Erzbischof Gerhard LudwigMüller, der bis Anfang Juli das Bistum Regensburgleitete und seither als Präfekt der Römischen Glaubenskongregationvorsteht.Rodulf Voderholzer wurde am 9. Oktober 1959in München geboren. Nach seinem PhilosophieundTheologiestudium in München empfing er am17. Juni 1987 die Priesterweihe in der ErzdiözeseMünchen und Freising.Von 1987 bis 1991 war er Kaplan von Traunreut,Haar und Zorneding. Danach setzte er seine Theologiestudienan der theologischen Universität vonMünchen fort; gleichzeitig arbeitete er als wissenschaftlicherAssistent des Lehrstuhls für DogmatischeTheologie. 1997 schloss er sein Doktorat und2004 seine Habilitation in Theologie ab.Rudolf Voderholzer zum Bischofvon Regensburg ernanntIm Jahre 2003 wurde er oberster Assistent derFakultät für Glaubens- und Religionswissenschaftund Philosophie an der theologischen Fakultät vonFribourg (Schweiz), deren Präsident er 2004 wurde.Gleichzeitig lehrte er dort dogmatische Theologie.Seit 2005 ist er Professor für Dogmatische Theologieund Dogmengeschichte an der theologischenFakultät von Trier und seit 2008 Direktor des InstitutesPapst Benedikt XVI. in Regensburg.Seinen pastoralen Dienst leistet er in der Pfarreides hl. Nikolaus in Kasel (DiözeseTrier).Laut Domradio äußerte er sich folgendermaßenzu seiner Wahl: „Papst Benedikt hat mir zuerst dieHerausgabe seiner gesammelten Schriften anvertraut,dann die Leitung der theologischen Begegnungsstättein seinem Wohnhaus in Pentling undnun auch das Kostbarste, das es gibt, nämlich dieMenschen im Bistum Regensburg.“Der Bruder des Papstes, Msgr. Georg Ratzinger,habe sich zufrieden über den neuen RegensburgerOberhirten gezeigt und nannte ihn eine „sehr guteLösung“, so Domradio weiter. Er selbst habe zwarkeinen Wunschkandidaten gehabt, doch einige vorabin Medien spekulativ genannte Namen hättenihm „nicht so gut gefallen“. Er halte den MünchnerDiözesanpriester für „absolut episkopabel“. ❏(ZENIT)40 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 20122


KIRCHE UNTER SOLDATENKirche unter SoldatenIn der „Kirche unter Soldaten“ zuhauseMilitärgeneralvikar Walter Wakenhut wurde 70 JahreWenn Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr alljährlichzu den verschiedensten Wallfahrtsorten pilgern,um ein lebendiges Zeugnis für den Frieden abzulegen,dann ist Walter Wakenhut, Apostolischer Protonotar undMilitärgeneralvikar, unter ihnen. Sieht er doch die Soldatinnenund Soldaten als „Diener des Friedens“, gerade inden schwierigen Zeiten, seit die Soldatinnen und Soldatender Bundeswehr im Einsatz sind. Ein Herzensanliegen istWakenhut die alljährliche Internationale Soldatenwallfahrtnach Lourdes. Die weltweit größte Pilgerfahrt für Militärangehörigegeht zurück auf das Jahr 1944, als französischeSoldaten erstmals gemeinsam nach Lourdes reisten. Dieerste Internationale Soldatenwallfahrt fand 1958 statt. Soldatenaus ehemals verfeindeten Ländern sollten Versöhnungund Gemeinschaft erfahren, ein Zeichen des Friedenssetzen. Entsprechend bezeichnete Wakenhut während derMessfeier zu Beginn der diesjährigen 54. InternationalenSoldatenwallfahrt den Marienwallfahrtsort am Fuße derPyrenäen als ein „Paradebeispiel des Friedens“.Neben den religiösen Programmpunkten in Lourdesist auch die Wanderung zum Pic du Jer alljährlich festerBestandteil der Pilgerfahrt. Vom 950 Meter hohen Pic duJer hat man einen herrlichen Blick auf Lourdes, Tarbes,Pau, das Tal von Argèles Gazost und die Pyrenäen. DerGipfel ist auch bequem mit einer hundert Jahre alten Seilbahnzu „erklimmen“. Dieses Angebot aber lehnt MilitärgeneralvikarWalter Wakenhut schmunzelnd ab. Er istschließlich routinierter Bergsteiger und der Aufstieg zumPic du Jer bedeutet für ihn nicht einmal den Schwierigkeitsgrad1, also die einfachste Form des Kletterns. Es isteben eine Wanderung.Regelmäßig besucht der Militärgeneralvikar im Rahmender Dienstaufsicht die Einsatzregionen und sucht bewusstdas Gespräch zu seinen im Einsatz tätigen Militärseelsorgern.„Das brüderliche Miteinander mit den Militärseelsorgern,ihre Arbeitsbedingungen und der Kontaktzu den im Einsatz befindenden Soldatinnen und Soldatenist mir ein Herzensanliegen,“ bekundete der Leiter desKatholischen Militärbischofsamtes in seinen zahlreichenGesprächsrunden. Gerade die Erfahrungswerte der Militärseelsorgerbei der aktiven Begleitung von Soldatinnen undSoldaten im Einsatz sowie die Wahrnehmung der Seelsorgedurch die Truppe stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses.Somit ist auch für ihn der Dialog und die brüderlicheBegleitung der Militärgeistlichen im Einsatz ein wesentlicherKernauftrag der kontingentbezogenen Dienstreisen.Doch wie kann das Recht auf Seelsorge garantiertwerden? Bei der 50. „Woche der Begegnung“ vor zweiJahren in Bensberg kritisierte Militärgeneralvikar WalterWakenhut einen Mangel an Seelsorgern für die Soldaten.„Augenblicklich müssen wir erfahrene Seelsorger nachVON CARL-H. PIERKHause schicken, die von den Diözesen wegen des dortherrschenden gravierenden Personalmangels nicht mehrersetzt werden können“, sagte Wakenhut. „Eine vernünftige,überschaubare Personalausstattung der Militärseelsorgeist unabdingbar, damit wir unseren Auftrag erfüllenkönnen“. Der Militärgeneralvikar warf die Frage auf, wiedas Recht auf Seelsorge garantiert und das „Vakuum anSeelsorgebedarf in der Truppe“ abgedeckt werden könne.Mit Blick auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr plädierteer dafür, dass erfahrene Pfarrer länger als zwölf Jahrein der Militärseelsorge verbleiben können. Dies sei wegender sehr aufwändigen Ausbildung und der notwendigenVorbereitungszeit auf einen Auslandseinsatz erforderlich.Derzeit führe der chronische Personalmangel dazu, dassPfarrer und Pastoralreferenten in immer kürzeren Abständenin den Einsatz gezwungen werden.Die Woche der Begegnung ist das zentrale Treffen derehrenamtlichen Delegierten aus den Gremien des organisiertenLaienapostolates im Jurisdiktionsbereich des KatholischenMilitärbischofs. Das sind der Katholikenrat (KR)und die Bundeskonferenz der Gemeinschaft KatholischerSoldaten (GKS), Die „Woche der Begegnung“ verbindetdie jährliche Vollversammlung des „Katholikenrats beimKatholischen Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr“mit der Bundeskonferenz der GKS. Für den Militärgeneralvikarbedeutet die konstruktive Zusammenarbeit derhauptamtlichen mit den vielen engagierten ehrenamtlichenMitarbeitern eine wichtige Basis für das erfolgreiche Wirkender Militärseelsorge. Ohne das organisierte Laienapostolatwäre Militärseelsorge für Wakenhut kaum vorstellbar.Zugleich unterstützte Wakenhut immer Bemühungen,Bedingungen für ein gewissensorientiertes und ethisch reflektiertesHandeln der Soldaten zu schaffen. So gilt dasEngagement der Militärseelsorger seit Jahren verstärkt denSoldatinnen und Soldaten im Einsatz sowie den Familienangehörigen,deren Situation sich durch die Transformationder Bundeswehr entscheidend verändert hat.Für Wakenhut, der am 17. September in Berlin seinen70. Geburtstag mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiternaus der Kurie sowie vielen Gästen mit einem Pontifikalamtin der Rosenkranzbasilika und anschließendemFestakt feierte, ist die Nähe zu den Soldatinnen und Soldatenstets der Schlüssel zu seiner seelsorgerischen Arbeit.In dieser „Kirche unter Soldaten“ ist der Militärgeneralvikarseit mehr als 25 Jahren zuhause. Treffender hätteauch das Leitwort der 52. „Woche der Begegnung“ vom 9.bis 14. September 2012 in Berlin nicht sein können: „Kircheunter Soldaten – Verantwortung durch Gottvertrauen“.Jenseits der ethischen Perspektiven, die sich heute ausder Verantwortung der Bundeswehr ergeben, sieht sichdie GKS als unabhängiger Verband im Jurisdiktionsbe-AUFTRAG 288 • DEZEMBER 201241


KIRCHE UNTER SOLDATENreich des Katholischen Militärbischofs besonders gegenüberMilitärgeneralvikar Wakenhut zu Dank verpflichtet.In ihm hatte und hat sie stets einen Ansprechpartner undideellen wie finanziellen Unterstützer.Bei den Gesprächen mit den Vertretern des organisiertenLaienapostolates geht es immer wieder auch umdas fünfte Gebot aus dem Alten Testament: Du sollst nichttöten. Wie verträgt sich das mit dem Beruf des Soldatenund mit dem Auftrag der Bundeswehr? Für Wakenhut istdie Idee des „Gerechten Friedens“ als das zentrale politisch-ethischeLeitbild der friedensethischen Entwürfe derchristlichen Kirchen stets maßgebend, denn „GerechterFriede“ gebe Orientierung im politischen Entscheiden undHandeln. Stets betont er, dass das Weltgemeinwohl nacheiner ethisch reflektierten staatlichen Interessenpolitikverlangt. Seit 2007 gilt die Denkschrift des EKD-Rates„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“,seit 2000 das Hirtenwort zum „Gerechten Frieden“der katholischen Bischöfe. Beide Dokumente distanzierensich von der mittelalterlichen Lehre des Thomas von Aquin(1225-1274) von einem „gerechten Krieg“. Es geht heuteum ein vorausschauendes, sozial gerechtes Handeln in derWelt, um Konflikte zu vermeiden, statt sie im Nachhineinmit Waffengewalt lösen zu wollen. Der Militäreinsatz darfdanach immer nur das allerletzte Mittel (ultima ratio) sein,wenn alle friedlichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.Walter Wakenhut wurde am 17. September 1942 inBurghausen an der Salzach geboren und besuchte dortVolksschule und Gymnasium. Nach dem Abitur 1962 trater in das Priesterseminar St. Stephan in Passau ein undwurde dort nach dem Studium der Theologie und Philosophieam 29. Juni 1968 zum Priester geweiht. Wakenhutwar Kaplan in Passau-Hacklberg und wirkte ab 1969in Burghausen im Bischöflichen Studienseminar St. Altmann,zunächst als Präfekt, später als Direktor. Am 1.September 1980 wechselte er als Pfarrer in den Bayerwaldnach Regen. Mehrere Jahre war er Schuldekan und dannDekan für das Dekanat Regen. Ab 1986 war er Standortpfarrerim Nebenamt. 1989 wechselte Wakenhut an dieFührungsakademie der Bundeswehr in Hamburg. Am 18.Februar 1990 folgte die Ernennung zum Militärpfarrer undam 1. März 1991 zum Militärdekan. Im März 1993 wurdeer Personalreferent und Stellvertreter des Militärgeneralvikarsim Katholischen Militärbischofsamt in Bonn. Am23. März 1995 erhielt er von Papst Johannes Paul II. denpäpstlichen Ehrentitel Monsignore und 1997 den einesPrälaten. 1997 übernahm er die Aufgaben des Wehrbereichsdekansim Wehrbereich VI in München. In dieserZeit war er auch in der Seelsorge als Pfarrer von St. Michaelin Arget tätig. Militärbischof Dr. Walter Mixa beriefihn im November 2000 zu seinem Generalvikar. Am 17.September 2007 erhielt er von Papst Benedikt XVI. denEhrentitel Apostolischer Protonotar, die höchste Stufepäpstlicher Ehrentitel. Nach dem Rücktritt von MilitärbischofDr. Walter Mixa 2010 nahm er bis zur Ernennungdes neuen Militärbischofs im Februar 2011 gemäß denkirchenrechtlichen Vorgaben die Leitung der KatholischenMilitärseelsorge wahr. Der neue Militärbischof Dr.Franz Josef Overbeck berief ihn erneut in dieses Amt, daser bis heute ausübt.Militärgeneralvikar Wakenhut blickt in seinem Priesterlebenauf viele Stationen in verantwortlicher Positionzurück. Eine davon ist freilich wenig bekannt. Walter Wakenhut,seinerzeit Pfarrer von St. Michael in Arget, einemOrtsteil der Gemeinde Sauerlach in Oberbayern, ist dorterster Vorsitzender des Männerchores. ❏Kirche unter SoldatenEinweihung der Pater-Rupert-Mayer KapelleAm Mittwoch, den 7. November fand in der ReichenhallerHochstaufen-Kaserne die Einweihung der Pater-Rupert-MayerKapelle, durch den Militärbischof Dr.Franz-Josef Overbeck, statt. Erste Gedanken zur Errichtungeiner Kapelle gehen zurück in das Jahr 2007. Vor fünfJahren war es der katholische Militärpfarrer Martin Strasser,der den damaligen Kommandeur Gebirgsjägerbrigade23, Brigadegeneral Erich Pfeffer, für sich gewinnen konnte.Dies fand mit dem feierlichen Akt, einen Pontifikalgottesdienst,in der Hochstaufen-Kaserne seinen Abschluss.Nach der Auflösung der Karfreitkaserne in Brannenburgund der Überlegung zum Verbleib der dortigen Kapelle,entstanden die ersten Ideen zu einer möglichen Verlegungnach Bad Reichenhall. Aufgrund der Besonderheitenvor Ort musste man dies sehr früh wieder verwerfen,da sich die Versetzung des Rundbaus als technisch kaumrealisierbar erwies. Der Gedanke und Wunsch nach einemGotteshaus in der Kaserne blieb.Im Jahre 2008 entschied die Brigadeführung auf AnfragePfarrer Martin Strasser, das Projekt erneut aufzugreifen,einherging der Entschluss zum Neubau. In engerKooperation mit Militärpfarrer Strasser, den öffentlichenEinrichtungen und örtlichen Unternehmen begann dann2011 der Bau der „Pater-Rupert-Mayer“ Kapelle mit derGrundsteinlegung nach dem Motto „von Soldaten, fürSoldaten“. Maßgeblich an der Planung, Umsetzung undam Bau der Kapelle war der Oberstabsfeldwebel RainerFlechsenhar, Leiter Unterstützungspersonal Standortältester,eingebunden.Die Weihe der Kapelle und Gedenkstätte fand im Rahmeneines Pontifikalgottesdienstes auf dem Platz vor derKapelle statt und wurde durch Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck, zelebriert (Bild). Bei der Begrüßung erläuterteMilitärpfarrer Strasser die wesentlichen Beweggründe,die den Bau der Kapelle vorangetrieben haben.Die Schaffung eines Ruhepols für die Soldaten, ein Rück-42 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


KIRCHE UNTER SOLDATENAm Altar v.l.: Militärpfarrer Martin Strasser,Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck, LeitenderMilitärdekan Monsignore Reinhold Bartmann, PaterPeter Linster SJ, Stadtpfarrer Eugen Strasser-Langenfeld,Militärdekan Siegfried Weberzugsort zum Innehalten und Kraftschöpfen waren ebensoLeitgedanken wie die Möglichkeit zum Empfang der Sakramente.Natürlich bietet sie den Soldaten auch Raumzur Durchführung ihrer familiären Feierlichkeiten, mehrereAnfragen für Taufen liegen bereits vor. Nicht zuletztdient sie den Soldaten vor allem auch als Gedenkstätte andie verstorbenen und gefallenen Kameraden.Umrahmt wurde der Gottesdienst durch die KarlsteinerBöllerschützen, den Kirchenchor der Stadtpfarrei St.Nikolaus, der Organistin Frau Barbara Knetsch-Mainardyund einer Abordnung des Gebirgsmusikkorps Garmisch-Partenkirchen. Beigewohnt haben der Veranstaltung OberbürgermeisterDr. Herbert Lackner, Landrat Georg Grabner,der Divisionskommandeur der 10. Panzerdivision GeneralmajorErhard Bühler und sein Stellvertreter, BrigadegeneralJohann Langenegger, sowie ca. 400 weitere Gästeund Soldaten. Im Anschluss an das Zeremoniell fand einEmpfang der geladenen Gäste in der Unteroffizierskameradschaftund dem Mannschaftsheim des Standortes stattund nahm somit ihr offizielles Ende.Am Abend wurde interessierten Bürgern die Gelegenheitgegeben, durch eine Führung des OberstabsfeldwebelsRainer Flechsenhar, sich über die Entstehung derKapelle zu informieren und einer ökumenischen Abendandachtbeizuwohnen. Dies wurde von Jung und Alt zahlreichgenutzt. ❏(Text und Foto: Pressestelle GebJgBrig 23)BuchbesprechungDer Heilige Sebastian – Schutzpatron der SoldatenIm Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen sichdie katholischen Christen zur „Gemeinschaft der Heiligen“.Über die Heiligen erhoffen sich Christen Fürsprachebei Gott. Viele Heilige der katholischen Kirche sindauch Märtyrer, also Blutzeugen Christi. Der Begriff „Märtyrer“geht auf das griechische Wort „martys“ zurück undbedeutet der „Wortzeuge“ oder „Tatzeuge“. Märtyrer habenihren christlichen Glauben bezeugt und gelitten, sowie es Jesus Christus selbst am Kreuz getan hat. Durch ihrBlutzeugnis gelten Märtyrer als besonders glaubhafte Bekennerdes christlichen Glaubens. Märtyrer unterscheidensich von den heutigen Selbstmordattentätern im Kontextdes Islamismus dadurch, dass sie ihren Tod weder ersehntnoch geplant haben, ihn aber in Kauf nahmen, als sie vordie Wahl zwischen christlichen Gottesglauben und heidnischenOpferkult standen.Mit der Verfestigung der Kirche als Organisation abdem 4. Jahrhundert erfolgte eine Zuordnung vieler Heiligenzu einzelnen Berufsständen, damit sich die Gläubigenleichter mit einzelnen Heiligen identifizieren können. Dader Heilige Sebastian in seinem irdischen Leben Soldatgewesen ist, wurde er Schutzpatron der Soldaten. Einzelne1 Professor (eh) Dr. Andreas M. Rauch lehrt Internationale Politikan den Universitäten Duisburg-Essen und Nürnberg-Erlangenund ist im Schuldienst in Köln tätig, wo er als Israel-Koordinatoragiert.VON ANDREAS M. RAUCH 1Heilige, besonders aus der Zeit der Alten Kirche in denersten fünf nachchristlichen Jahrhunderten, erfreuten sichbesonderer Beliebtheit unter den Gläubigen, weshalb sie zuSchutzheiligen von der katholischen Kirche erkoren wurden.Dies trifft auch auf den heiligen Sebastian zu. Nebenden Soldaten ist Sebastian Schutzheiliger der Veteranen,der Schützen, der Feuerwehrleute und der Gärtner.LebensgeschichteAus der Sicht der Alten Kirchengeschichte und derChristlichen Archäologie müssen wir sagen, dass wirüber keine unmittelbaren Befunde über das Leben desSebastian verfügen. Gesichert ist lediglich, dass der Hl.Sebastian im römischen Heiligenkalender am 20. Januarauftaucht und dort erstmals im Jahr 354 genannt wird.Vermutlich ist Sebastian im Jahr 288 n. Chr. verstorben.Tatsache ist, dass der römische Kaiser Diokletian (284-305 n. Chr.), der einen Großteil seines Lebens in Militärlagernverbrachte, sich von Beginn seiner Herrschaftan gegen die Christen wendete, aber auch gegen anderereligiöse Minderheiten wie etwa den im 3. Jahrhundertvor allem in Rom verbreiteten Mithraskult, der besondersunter Soldaten beliebt war. Diokletian forderte dasallgemeine Opfer für sich und die römischen Götter. Vorallem seit dem Jahr 295 n. Chr. kam es zu immer strengerenGesetzen gegen die Christen. Wohnräume, die alsAUFTRAG 288 • DEZEMBER 201243


KIRCHE UNTER SOLDATENGottesdiensträume genutzt wurden, werden ebenso zerstörtwie kleine christliche Gotteshäuser. Auch wurdenchristliche Schriften verbrannt. Wer dem Kaiser opferte,blieb in Freiheit, wer sich weigerte, wurde verhaftet undmeist getötet. Vor allem der weströmische Mitkaiser Maximian(286-305 n. Chr.) wütete besonders heftig gegendie Christen in den Jahren 305-311. Hinzu kam, dass diechristliche Sekte in Konkurrenz zum Mithras-Kult standund es viele gegenseitige Verdächtigungen, Beschuldigungenund Anzeigen gab, um die jeweilige Gegenseiteauszuschalten.Erst das Toleranzedikt von Mailand von KaiserKonstantin den Großen im Jahr 313 n. Chr. ließ es wiederzu, dass Christen nicht weiter verfolgt wurden, waszwei Jahre zuvor in Teilen des Römischen Reiches bereitsangeordnet war. Unter Kaiser Konstantin gab esdann 325 n.Chr. das Kirchenkonzil von Nicäa unter demVorsitz des römischen Kaisers, auf dem das ApostolischeGlaubensbekenntnis (credo) formuliert wurde, in demauch von der Gemeinschaft der Heiligen (communiosanctorum) gesprochen wird. Zu diesem Zeitpunkt warder Mithras-Kult weitgehend zurückgedrängt. Vor demHintergrund dieser Auseinandersetzungen wird deutlich,dass es vor 325 n. Chr. keine Unterlagen zu Sebastian gibtund er erst 354 in einem römischen Heiligenkalenderauftaucht.Der geschichtliche BefundDas teilweise brutale und rücksichtslose Vorgehen gegendie Christen in der vorkonstantinischen Zeit isterklärungsbedürftig und vor dem Hintergrund des weströmischenReiches zu sehen. Unter Kaiser Augustus (30v.Chr.-14 n. Chr.) erlebt das Römische Reich eine Zeitdes Friedens (Pax Augusta) und unter den Kaisern Trajan(98-117 n. Chr.) und Hadrian (117-138 n. Chr.) hat dasRömische Reich seine flächenmäßig größte Ausdehnung.In der Zeit der römischen Soldatenkaiser hingegen von235-284 n.Chr. befindet sich das Römische Reich in einerKrise, die es nur durch Soldatenherrscher überwand.Diese Schwächen des Römischen Reiches wird heute vielmalsdurch die Herrschaft Kaiser Diokletians und KaiserKonstantins des Großen (306-337) und ihre Leistungenüberdeckt, sie waren jedoch Vorboten eines allmählichenNiederganges des Römischen Reiches. Kaiser Diokletiangilt als erfolgreicher Kaiser, da ihm eine große Verwaltungsreformgelang und die Steuereinnahmen auf hohemNiveau stabilisiert werden konnten. Allerdings wollteDiokletian die Einheit des Römischen Reiches dadurchstabilisieren, dass seine Bewohner noch stärker als bisherzur altrömischen Religion zurückkehren sollten. AlsKaiser störte es Diokletian, dass die Christen nur widerwilligSoldatendienst leisteten und ihm seine Ehrerbietungals Gott Jovius verweigerten.Den Kaiserpalast, der als erster Dienstsitz diente,hatte Diokletian in das heute kroatische Split gelegt. Esgab zwar den kaiserlichen Palast auf dem Palatin in Rom,doch dieser Palast hatte den Rang eines zweiten Dienstsitzesdes Kaisers, der sich nur wenige Wochen im Jahrin Rom aufhielt. Auch die Bevölkerung Roms war geschrumpft.Sebastian war ein „princeps primae cohortis“,also Befehlshaber der Leibgarde von Kaiser Diokletian.Eine Kohorte bestand aus etwa 480 Soldaten bzw. dreiManipelen, wobei ein Manipel sich aus 160 Mann zusammensetzte.Sebastian war für die Sicherung des Kaiserpalastesund des Gefängnisses in Rom zuständig. SeiVorgesetzter war Hauptmann Castulus, der für die Zeremonienund vor allem für die Tafel des Kaisers und dieKaiserliche Küche verantwortlich war. Angesichts dervielen Anschläge und Giftmordversuche auf Kaiser Diokletianwaren beide Positionen von Castulus und SebastinausVertrauensstellungen. Beide waren jedoch Christenund als diese ihren christlichen Glauben gegenüber demKaiser öffentlich machten, wurden beide hingerichtet, dader Kaiser sein Vertrauen in diese Männer verloren hatte.Für Kaiser Diokletian waren die Todesurteile gegenCastulus und Sebastianus eine reine Frage der Machterhaltung.Das beide Männer über so lange Zeiträume imVerborgenen Christen in Rom helfen konnten, war nurmöglich gewesen, weil der Kaiser sich nur selten und nurwochenweise in Rom aufhielt.Das Besondere an Sebastian und auch Castulus ist,dass sie ihren Glauben in vorkonstantinischer Zeit bekannten.So wie für viele andere Märtyrer der ersten dreinachristlichen Jahrhunderte bekannten diese Christen ihrenGlauben in einer Zeit, als es die katholische Kircheals Organisation im heutigen Sinne noch gar nicht gab.Das Christentum war eine von vielen religiösen Gruppierungenin der damaligen Zeit, deren Konturen ohne denwortgewaltigen Paulus vielen gar nicht veranschaulichtworden wäre. Zudem befanden sich die Christen in scharferKonkurrenz zum Mithras-Kult, der aus dem persischenRaum stammte und vor allem bei Soldaten sich hoher Beliebtheiterfreute. Es war also für Sebastian also überhauptnoch nicht erkennbar oder absehbar, jemals seiner Tatengewürdigt zu werden oder sie anerkannt zu bekommen– außer im Angesicht Gottes. Es sah vor der Herrschaftdes Konstantin eher so aus, dass das Christentum sichvoraussichtlich in absehbarer Zeit auflösen oder zumindestin die Bedeutungslosigkeit abdriften würde, so wiees auch zuvor schon vielen anderen Sekten ergangen war.Neben dem Eintrag im römischen Heiligenkalendergibt es über der Stelle, an der Sebastian begraben wurde,die Basilika San Sebastiano in Rom, die Papst DamascusI. (366-384 n. Chr.) als eine der sieben frühchristlichenPilgerkirchen Roms in Form einer dreischiffigen Basilikaerrichten ließ. Dort wurden auch lange Zeit die Gebeineder Apostelfürsten Petrus und Paulus aufbewahrt.Die Basilika San Sebastiano liegt an der Via Appia undüber einen Eingang zu den Katakomben mit Graffiti undWandzeichnungen aus dem 4. Jahrhundert. Die ältestenDarstellungen des Heiligen Sebastian finden sich in derCaecilia-Gruft der Calixtus-Katakombe in Rom, wie er inTunika und Pallium gekleidet wird. Erst ab dem 7. Jahrhundertwird Sebastian vor allem als Soldat porträtiert, dermeist an einem Baum steht und von Pfeilen durchbohrtwird. In der bildenden Kunst des 16. bis 18. Jahrhundertsin Süddeutschland und Italien wird der Heilige Sebastianmeist als junger Mann dargestellt, eben weil in derZeit der Renaissance und des Barock auf antike VorbilderBezug genommen wird, zum anderen, weil Sebastian44 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


KIRCHE UNTER SOLDATENzum Zeitpunkt seines Todes zwischen 25 und 35 Jahrenalt gewesen sein muss. Zudem sollen Sebastian-Darstellungenals eine Möglichkeit zur Identifikation und zumVorbild für Soldaten dienen, und die weisen eben meistein jüngeres Lebensalter aus.Für Christen im Allgemeinen und für die katholischeKirche im Besonderen liegt die Bedeutung des HeiligenSebastian darin, dass er Menschen in Not geholfen hatund er auch in Todesgefahr seinem Gewissen und seinenGlauben an einen christlichen Gott gefolgt ist.Reinhard Abeln: Der heilige Sebastian. Leben –Legenden – Bedeutung. Topos Taschenbücher Kevelaer2012, 95 S., ISBN 978-3-8367-0797-8Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten in ÖsterreichAKS – Herbstbesprechung 2012 in WienDie diesjährige Herbstbesprechung der ArbeitsgemeinschaftKatholischer Soldaten (AKS) 1 fand in derWoche vom 15. Oktober bis zum 19. Oktober in Wien ander Heereslogistikschule statt. Das Generalthema dieserVON RAINER ZINKDienern, jedem eine bestimmte Aufgabe…“. Ferner stellteMeurers in seinem Einleitung die Fragen „Wo stehen wir– als Christen, Soldaten und Bürger? Welche Verantwortungsräumetun sich auf?“Generalmajor Norbert Sinn (links) übergibt die Führungder AKS an Brigadier Mag. Martin Jawurek (rechts)Veranstaltung wurde mit dem Oberbegriff „Verantworten“bestimmt. Die Begrüßung wurde vom Präsidenten, GeneralmajorSinn durchgeführt. Dabei erwähnte der Generalinsbesondere die gute Zusammenarbeit mit der Gemeinschaftkatholischer Soldaten. Danach konnte das Programmzeitgerecht durch den Generalsekretär der AKS, OberstMag. Meurers mit dem 1. Abschnitt: „Sind wir verpflichtet,andere zu schützen? – Rechtliche und ethische Fragender Responsibility to Protect (R2P)“ eröffnet werden.Etwa 40 Delegierte aus allen Bundesländern Österreichshörten interessiert den Einstieg ihres Generalsekretärs.Diesen begann Oberst Meurers mit den Worten von ErzbischofRobert Zollitsch, dem Vorsitzenden der DeutschenBischofskonferez: „Er übertrug alle Verantwortung seinen1 Die Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldaten (AKS) inÖsterreich ist das Pendant zu unserer Gemeinschaft derKatholischen Soldaten (GKS) in Deutschland.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012Thesen und Fragen zum Thema„Verantworten“Nach diesen Fragen stellte der Generalsekretär nochfolgende Thesen den Delegierten vor: These 1: Krisen undKonflikte fordern Theologie und Politik– These 2. Verantwortung in Tod und Leben– These 3: Mit Maß und Ziel in die Zukunft– These 4: Verantwortung als zentrales Kriterium inEthik, Entwicklung und Politik– These 5: Verantwortung verlangt Mut– Über diese Thesen fand im Anschluss unter den Delegiertenein reger Gedankenaustausch statt, dennder Generalsekretär hatte mit dieser Einleitung beiden Delegierten starkes Interesse geweckt. Nach derbewegten Diskussion sollten noch weitere Fragen angedachtund behandelt werden, die im folgenden dargestelltwerden:– Was heißt es, Verantwortung zu übernehmen?– Wer trägt für was oder wen Verantwortung?Wie kann die Gegenwartsfixierung aufgebrochen werden,damit wir wieder mehr unserer Verantwortung für dieZukunft gerecht werden?Mit diesen Fragen motivierte Meurers die Zuhörer fürdie am Dienstag stattfindende Enquete 2012, denn diesegesamte Themenstellung wurde zusammengefasst unterdem ersten Abschnitt: „Verantworten 1– Sind wir verpflichtet,andere zu schützen?“Enquete des Instituts für Religionund Frieden 2012Einer der Höhepunkte der Herbstbesprechung war dieEnquete des Instituts für Religion und Frieden. Diesebeschäftigte sich in der Landesakademie in Wien mitder Thematik „Sind wir verpflichtet andere zu schützen?Rechtliche und ethische Fragen der Responsibility to Protect(R2P)“. Der Militärbischof Christian Werner und BischofsvikarWerner Freistetter, der Leiter des Instituts fürReligion und Frieden, konnten bei dieser Veranstaltung45


KIRCHE UNTER SOLDATENhochrangige Besucher begrüßen. So waren zu Gast der Militärerzbischoffür Brasilien, Osvino José Both, der kroatischeMilitärbischof Juraj Jezerinac, der britische MilitärbischofRichard Moth, Militärbischof František Rábek ausder Slowakei sowie der US-Militärauxiliarbischof RichardSpencer. Darüber hinaus waren weitere Vertreter der Militärseelsorgeaus Mexiko, Italien, Bosnien-Herzegowina,Deutschland, Frankreich, der Tschechischen Republik,Slowenien, Niederlande, Belgien, Polen und Irland unterden Gästen.IEntstehung des Konzepts R2Pm Panel 1 behandelte der Botschafter Hans Winkler,Staatssekretär a.D. und Direktor der DiplomatischenAkademie in Wien, die Vorgeschichte der Entstehung desKonzepts R2P.Er erwähnte, dass neben der Konventiongegen den Völkermord 1948 hauptsächlich die Weltkonferenzzum Schutz der Menschenrechte 1993 in Wien vongravierender Bedeutung sei, denn diese beteuerte die Aussage,dass die Sorge um Menschenrechte in anderen Staatenkeine Einmischung in deren inneren Angelegenheitendarstelle. „Die R2P ist in erster Linie die Verantwortungdes Staates, seine Bürger vor Menschenrechtsverletzungenzu schützen, und in zweiter Linie jene der internationalenGemeinschaft, Maßnahmen zu ergreifen, wenn der Staatdieser Verantwortung nicht nachkommen kann oder will“,so der Botschafter. Darüber hinaus betonte er, dass es neuist, dass der Sicherheitsrat bei schweren Menschenrechtsverletzungeninnerhalb eines Staates Maßnahmen ergreifenkann, ohne sich auf eine Gefährdung des internationalenFriedens berufen zu müssen.R2P-Konzept als Neuformulierungder staatlichen SouveränitätDie zweite Sprecherin im ersten Panel war Ursula Hannvom Referat Internationales Recht im Bundesministeriumfür Landesverteidigung und Sport. Diese erkenntim R2P-Konzept, wie es von der ICISS vorgelegt wurde,eine Neuformulierung der staatlichen Souveränität. Hannunterstützt die These, dass zu den Souveränitätsrechtenauch die Pflichten den eigenen Bürgern hinzu treten würden.Dabei müsse wesentlich der Sicherheitsrat zuständigsein und in zweiter Linie die Generalversammlung der UNoder regionale Abkommen, so Hann. Ferner erwähnte sie,dass der Libyeneinsatz ein Schritt in die falsche Richtunggewesen sein könnte. Weitere Schritte unter Berufung aufR2P, auch unter Einbeziehung auf die Problematik in Syriensowie die Entwicklung hin zu einer völkerrechtlichenVerpflichtung seien im Moment nicht absehbar.Psychologische Aspekte des protektivenpersonenbezogenen HandelnsDer letzte Referent im ersten Abschnitt war GüntherFleck, der Leiter des Referats Militärpsychologie undBildungswissenschaften am Institut für Human- und Sozialwissenschaftender Landesverteidigungsakademie inWien. Dieser sprach über die psychologischen Aspekteprotektiven personenbezogenen Handelns und betonte,dass protektive Handlungen nicht isoliert gesehen werdendürften, denn sie seien immer in einen Kontext eingebettetund hätten einen zeitlichen Verlauf von der Wahrnehmungüber die Erkenntnis des Bedarfs zur Handlungsabsicht biszur Planung, Durchführung und Erfolgsüberprüfung. Dabeiseien wichtige psychologische Aspekte laut Fleck die Motivation,die Bezogenheit und Beziehungsgestaltung sowiedie Identifikation mit dem bedrohten Opfer, Einfühlungund Einsfühlung sowie Verantwortung und Verbindlichkeit.Moralphilosophische Debatteum das Recht im KriegIm zweiten Panel stieg Bernhard Koch vom Institut fürTheologie und Frieden (Hamburg)in die moralphilosophischeDebatte um das Recht im Krieg ein. Er bezog sichdabei auf den Philosophen Jeff McMahan, der im AlltagGewalt legitimiert oder delegitimiert, besonders bei einerNotwehrsituation, denn er geht von einer unterschiedlichenVerantwortlichkeit der Beteiligten aus und leitet davondie Legitimität der Gewaltanwendung ab. Ist ein Angreiferam Angriff nicht schuld, darf gegen ihn auch keineGewalt zur Abwehr des Angriffs angewendet werden,so als ob er ein Unbeteiligter wäre. Dies bezog wiederumKoch auf die Soldaten und er verdeutlichte, dass bei einemgemeinsamen Kampf von Soldaten mit einem Diktatordiese zum Komplizen des Diktators oder Verbrecherswürden und umgekehrt: „Wer als Soldat in humanitärenInterventionen kämpft, tut das heute nicht so sehr als Instrumentseines Staates, sondern im Dienst eines globalenMenschenrechtsschutzes“, intonierte Bernhard Koch.Einschränkung der staatlichen SouveränitätAls letzter Sprecher im zweiten Panel trat der Forschungsdirektorund stellvertretender Direktor desInstituts für Theologie und Frieden, Gerhard Beestermöllervor das Plenum. Er „durfte“ als Ersatzmann aushelfen,hat aber mit seinem Vortrag die Teilnehmer bei dieser Enqueteabsolut überzeugt und gefesselt. Er begann seinenVortrag damit dass es in der kirchlichen Tradition durchausnichts Neues sei, dass staatliche Souveränität eingeschränktist, wie es auch schon in der Enzyklika „Pacem interris“offenbart wird. Da war es auch nicht außergewöhnlich,so der Forschungsdirektor, dass der Heilige Vaterden Begriff der Responsibility to protect positiv aufnahm.Allerdings dürfe dabei der Zusammenhang nicht aus denAugen verloren werden, denn die Überlegungen zum Schutzder Menschenrechte stünden im Kontext der kirchlichenTradition der Kriegsächtung, nach der Krieg an sich eineäußerst schwerwiegende Verletzung der Rechte und Würdeder Menschen darstellt. Somit stellten sich für Beestermöllerfolgende Fragen: Schützen wir die Menschenrechte eher,indem wir keinen Krieg führen, oder indem wir bei schwerenMenschenrechtsverletzungen intervenieren? Wie kannR2P dazu beitragen, dass militärische Maßnahmen in ihremKontext überflüssig werden? Die kirchliche Friedensethikgeht vom Weltgemeinwohl aus, denkt Gerechtigkeit undSicherheit gleichrangig und überdenkt dabei eine globalverstandene Pflicht, die beim einzelnen Bürger „ankommen“müsse, resümierte der Direktor und plädierte für soetwas wie eine „Weltwehrpflicht“. Militärische Interventionzum Zweck des Schutzes der Menschenrechte seienallerdings nicht möglich, wenn wir uns nicht auf anderen46 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


KIRCHE UNTER SOLDATENEbenen gleichermaßen für den Schutz der Menschenrechteeinsetzen, wie z.B. bei der Hilfe für Hungernde, endeteBeestermöller seinen exzellenten Vortrag. Mit einem Imbissund regen Diskussionen endete diese Enquete in denfrühen Nachmittagsstunden.Im Anschluss daran fand in der Stiftskirche durch denMilSuperior Mag. Dr. Tripp eine Eucharistiefeier statt.Der äußere Rahmen in dieser würdevollen Kirche, aberauch die Messe war sehr feierlich und alle Gläubigenwaren äußerst beeindruckt von diesem Gottesdienst, beidem auch das 10-Punkte Programm von Bischof Rickenvon der Nordamerikanischen Bischofskonferenz zum Jahrdes Glaubens ausgelegt wurde. Unmittelbar nach diesemHochamt verlegten die Delegierten in den Stephansdom,wo eine professionelle Führung stattfinden sollte. Diesedehnte sich auf nahezu zwei Stunden aus, war aber stetskurzweilig und äußerst interessant.Der Mittwoch, stand ganz im Zeichen von Gruppenarbeit.Alle Delegierten bearbeiteten die von OberstMeurers vorgegebenen Fragestellungen zum Thema „Verantworten“.Dabei wurde der erste Abschnitt „Sind wir verpflichtetandere zu schützen?“ nochmals diskutiert, aberdarüber hinaus wurde das Thema „Verantworten“ in denGruppen mit dem zweiten Abschnitt „Den Glauben vorlebenund vermitteln“ erweitert.Am Donnerstag wurden die Themen des ersten undzweiten Abschnitts noch weiter vertieft, bevor eindritter Abschnitt neu vorgestellt wurde. „Ein Heer ausdem Volk für das Volk – Wehrpflicht – Dienstpflicht“lautete dieser und dazu hatte die AKS einen hochrangigenReferenten eingeladen. So berichtete der ehemaligePräsident der AKS, General i.R Prof. Mag. Ernest Königüber diese Thematik aus seiner Sichtweise. Nach diesemaufschlussreichen Vortrag sollte ein weiterer Höhepunktdieser Herbstbesprechung stattfinden, denn es stand andie Neuwahl des Präsidiums der AKS. Nach zehnjährigerTätigkeit als Präsident übergab Generalmajor Norbert Sinnunter Anwesenheit des Militärbischofs Christian Wernerdie Führung der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Soldatenan Brigadier Mag. Martin Jawurek (Bild). Auch derneue Präsident bezog sich nochmals auf die äußerst wirkungsvolleKooperation mit der Gemeinschaft katholischerSoldaten und betonte dabei, diese aus seiner Sicht nochweiter zu intensivieren.Den Ausklang der Herbstbesprechung am Freitag bildetendie Abschlussberichte der verschiedenen Militärpfarrgemeinderäte.Dabei schilderten sie in ihren Tätigkeitsberichtenvon vielen nationalen und internationalenEreignissen aus ihren Pfarren. Zum Abschluss bedanktesich der Generalsekretär bei allen Delegierten für die wertvolleZusammenarbeit und die guten Gespräche bei diesergelungenen Veranstaltung. Den Abschlussgottesdienst zelebrierteder geistliche Beistand Militärdekan Mag. AlfredWeinlich und nach einem gemeinsamen Mittagessen tratendie Delegierten ihre Heimreise an.(Foto: Rainer Zink)KurznachrichtenSant‘Egidio erreicht Freilassungvon Soldaten SenegalsDie sich weltweit für Frieden einsetzende kirchlicheGemeinschaft Sant‘Egidio hat im Senegalnach mehrmonatigen Verhandlungen einen Erfolgerzielt. So ließ die bewaffnete Bewegung der demokratischenKräfte für Casamance (MFDC) gefangengehaltene Soldaten frei, wie die Gemeinschaft amMontag in Würzburg mitteilte. Der Konflikt zwischender Regierung des Senegal und dem MFDC, derGuerillaaktionen mit dem Ziel der Unabhängigkeitder Region durchführt, dauert seit mehr als 30 Jahrenan. Die Gemeinschaft Sant‘Egidio ist offizielleVermittlerin zwischen beiden Seiten. Eine erste Verhandlungsrundefand in Rom am 14. Oktober statt.In den vergangenen Jahren hatte der MFDC einigeSoldaten der senegalesischen Armee gefangengenommen. Sant‘Egidio bat deshalb den MFDC-FührerSalif Sadio um ihre Freilassung als humanitäreGeste. Damit sollte zugleich ein günstiges Verhandlungsklimageschaffen werden. Sadio habe der Bitteentsprochen und die Betroffenen am 8. Dezembereiner Delegation der Gemeinschaft im Beisein vonVertretern des Internationalen Roten Kreuzes übergeben.Über die Zahl der Gefangenen wurde keineAngaben gemacht.Ihren bedeutendsten diplomatischen Erfolg feiertedie Gemeinschaft 1992, als sie in Zusammenarbeitmit der UN den 16 Jahre andauernden Bürgerkriegin Mosambik durch Vermittlung eines Friedensvertragesbeenden konnte. Sie organisiert weiterhinjährliche „Internationale Friedenstreffen“nach dem Vorbild des Weltgebetstreffen in Assisi. ❏(KNA)AUFTRAG 288 • DEZEMBER 201247


AUS BEREICHEN, STANDORTEN UND GKSGKS-Kreis AugustdorfKontrastreiches WochenendprogrammVom 02. bis 04. November 2012 veranstaltete der GKSKreis Augustdorf ein Familienwochenende in Günneam Möhnesee. Gleich nach dem Einchecken in das Heinrich-Lübke-Haus,versammelte der Vorsitzende, GerhardPape, die angereisten Familien und stimmte sie auf dieThemen am Wochenende ein.Das Programm am Samstag startete mit einem Referatzur Stressbewältigung bei Soldaten im Einsatz und im Alltag.Referent war Oberstleutnant a. D. Michael Helmich.Helmich verfügt über einen reichhaltigen Erfahrungsschatzzum Thema, aus seiner Zeit als aktiver Soldat im Zentrumfür Innere Führung. Dort bereitete er u. a. Kommandeureauf die Einsätze im Ausland vor. Helmich referierte sehranschaulich über Stressfaktoren und die Auswirkung vonStress auf die Gesundheit von Menschen. Eine Vielzahlvon Fragen zum Thema entwickelte sich aus dem Plenumund persönliche Erfahrungen ergänzten den Vortrag (Bild).Abschließend wurde in praktischer Anwendung Stressbewältigunggeübt. Tiefe Entspannung stellte sich bei denTeilnehmern ein und belegte die Theorie.So entstresst nutzten die Familien die Zeit bis zurnächsten Veranstaltung, um sich zu besinnen. Im Nachmittagsprogrammstand eine Exkursion zu der Gesellschaft fürAbfallwirtschaft im Hochsauerlandkreis. Die bildungspolitischeVeranstaltung fand in den Räumen der Abfalldeponiein der Nähe von Meschede statt. Den hochinteressantenVortrag zum Thema Abfallentsorgung trug Dipl.-Ing. ReinhardPape vor. So erfuhren die Teilnehmer, dass seit 1972bundesweit eine einheitliche Regelung zur Abfallentsorgungbesteht. Dabei ist der Schutz des Grundwassers, inDie entspannten Teilnehmer beim Vortrag überStressbewältigungder Prioritätenliste zur Müllentsorgung, ganz oben angesiedelt.Detailliert und sehr engagiert erläuterte Pape dieFunktionsweise einer Deponie, die nach dem aktuellstenStand der Wissenschaft betrieben wird. Mit vielen neuenErkenntnissen und tief beeindruckt von dem aufwändigenVerfahren zur Mülleinbringung in eine Deponie, verließendie Teilnehmer den Vortragssaal. Ein abschließenderRundgang über das Areal der Deponie vervollständigteden Gesamteindruck.Aber auch der Austausch unter den Mitgliedern desGKS Kreises kam nicht zu kurz. Ein traditioneller Kegelabendrundete den Tag ab. Hierbei darf es nicht unerwähntbleiben, dass ein Wanderpokal, gestiftet durch den ehemaligenMilitärpfarrer Mlak, erstmalig nach neun Jahren,durch den Vorsitzenden errungen wurde. Der letzte Tagdes Wochenendes startete mit einem gemeinsamen Spaziergang,auf dem die Themen der Vortage noch einmalRevue passierten. Pünktlich zum Gottesdienst fanden sichalle Teilnehmer in der hauseigenen Kapelle ein. Alle Teilnehmerwaren sich einig, das Wochenende war ein Kompaktangebotan Bildung, bei der Zeiten zur Besinnung undder Begegnung, nicht zu kurz kamen. ❏(Text und Foto: Gerhard Pape)GKS-Bereich WestReales Familienleben versusvirtuelles LebenFamilienwerkwoche des Bereiches WestWie in den vergangenen Jahren sollte auch im Jahr2012 die Familienwerkwoche wieder der Höhepunktder Aktivitäten im Bereich West werden. Mit demHaus Falkau direkt am Fuße des Feldberges im NaturparkSchwarzwald gelegen, hatte sich das Organisationsteam unterLeitung des Bereichsvorsitzenden Albert Hecht für einenbisher noch unbekannten Durchführungsort entschieden.Insgesamt 14 Familien erwartete in der ersten Wocheder Herbstferien ein volles Programm, das wieder aufden Säulen Bildung – Besinnung – Begegnung basierendaufgebaut war. Das Thema „Reales Familienleben versusvirtuelles Leben – wie finde ich eine gesunde Balance?“war ganz bewusst gewählt, schlug es doch einen Bogen zumJahresthema der GKS West „Einen neuen Aufbruch wagen“.Wie kann ich als Familie die Reize der virtuellen Weltnutzen, ohne dabei das klassische Familienleben komplettzu verändern, sollte eine der Fragen sein, auf die die Teilnehmerim Laufe der Woche eine Antwort finden sollten.Dass christliche Regeln und Vorgaben hier teilweise sehrgute Hilfestellungen bieten können, war eine Erkenntnis,die von vielen bisher so noch nicht gesehen wurde.Einen gelungenen Einstig in die thematische Arbeitschaffte die obligatorische Vorstellungsrunde am Sonntagabend,in deren Verlauf auch die Referenten des ComputerprojektesKöln die Inhalte der nächsten Tage vorstellten.Anschließend bestand für die 56 Teilnehmer die Möglichkeitzum persönlichen Kennenlernen. Die Vermittlung vonGrundlagen für die Erwachsenen war dann am Montag dereigentliche Startschuss für die Werkwoche. So wurden diegängigsten sozialen Netzwerke mit ihren Vor- und Nachteilenvorgestellt und den Teilnehmern die Möglichkeitzur Darstellung der eigenen Erfahrungen gegeben. Hier48 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012


AUS BEREICHEN, STANDORTEN UND GKSwar bereits recht schnell feststellbar, dass die Nutzungder Netzwerke in vielen Familien immer wieder Anlass zuAuseinandersetzungen ist. „Oft ist es für uns Eltern sehrschwierig, unseren Kindern deutlich zu machen, welcheGefahr ein zu sorgloser Umgang mit dem Internet mit sichBild 1: Ein Schwarzwald Ranger (links) führt dieBesuchergruppe durch das Haus der Naturbringt.“, so ein Teilnehmer. Wie hier gemeinsam als FamilieLösungen gefunden werden können, war Thema derzweiten Arbeitseinheit des Vormittags. Hier stellten dieReferenten die unterschiedlichen Möglichkeiten vor, diebereits durch die richtige Wahl der Sicherheitseinstellungenbestehen. „Man kann mit kleinen Dingen eine wesentlicheReduzierung der Risiken erreichen, ohne hierbeidie Kinder und Jungendlichen zu sehr einzuschränken“ soReferent Torben Köhring. Am zweiten Vormittag galt es,sich dem Thema Cybermobbing anzunähern. Mit drastischenBildern und Aussagen machten die Referenten denEltern deutlich, dass die Grenze zwischen lustig gemeintenEinträgen im Internet und Mobbing fließend ist. „Was dereine als Spaß empfindet, setzt dem anderen bereits so zu,dass er sich in seiner Freiheit eingeschränkt sieht.“ fassteDaniel Heinz die Problematik zusammen. Trotzdem solltenEltern ihren Kindern aber auch vertrauen, da ständigeKontrolle das Verhältnis zwischen Eltern und Kindernmehr belastet als es hilft. „Kinder die wissen, dass ihre Elternihnen auch beim Umgang mit dem Internet vertrauen,suchen bei Schwierigkeiten auch schneller die Hilfe ihrerEltern.“, berichtete Heinz aus seinen Erfahrungen als Medienpädagoge.„Oft ist es jedoch nicht einfach, sich aus denFängen des Mobbings zu befreien. Externe Hilfsangebotekönnen hier wertvolle Hilfe leisten“ so Heinz weiter. Umdies den Eltern auch an praktischen Beispielen deutlichzu machen, stellten die Referenten einige Anlaufstellenfür Opfer von Mobbing vor.Standen für die Jugendlichen in den vergangenen Jahrennoch keine thematischen Arbeitseinheiten auf demProgramm, beschritt man bei dieser Werkwoche auch hierneue Wege. So fand zwar am Vormittag die auf die unterschiedlichenAltersgruppen abgestimmte Betreuung durchdas qualifizierte Betreuungspersonal statt, am Nachmittaggalt es jedoch auch für die jüngere Generation sich ganzpraktisch mit dem Thema der Werkwoche zu beschäftigen.Hierfür hatte sich das Team der Referenten vorgenommen,AUFTRAG 288 • DEZEMBER 2012die Jugendlichen spielerisch mit den Gefahren des Internetsvertraut zu machen. So sollten in mehreren GruppenIdeen entwickelt werden, welche Gefahren es im und umdas Internet für den Einzelnen gibt und wie diese in einemVideo dargestellt werden können. Nach anfänglichemZögern waren dann auch alle mit großem Eifer dabei undentwickelten viele gute Ideen, die dann in ein Drehbuchverwandelt wurden. Bei der Umsetzung des Drehbuchesin einen Kurzfilm waren die Fähigkeiten aller Jugendlichengefragt. So galt es, neben der schauspielerischenLeistung auch den Umgang mit Kamera und Bildbearbeitungsprogrammenzu erlernen. Es entstanden fünf Videosund ein Hörspiel, deren Qualität mancher professionellenDokumentation nicht nachstand. Den Eltern wurden dieseErgebnisse im Rahmen einer gemeinsamen Einheit amMittwoch vorgestellt. Die Überraschungen, die dabei erlebtwurden, standen den Eltern förmlich ins Gesicht geschrieben.„Wir wussten überhaupt nicht, welche bisher ungeahntenFähigkeiten in unseren Kindern schlummern.“, fasstein überraschtes Elternpaar seine Eindrücke zusammen.Neben dem Bildungsaspekt wurde den teilnehmendenFamilien aber auch die zeitliche Möglichkeit geboten, dienähere Umgebung des Veranstaltungsorts zu erkundenEin erster gem einsamer Ausflug führte die Familien zumBaumkronenweg in Waldkirch. Hier konnten auch diekleinsten Teilnehmer über die angelegten Holzsteige bisin die Kronen hoher Schwarzwaldbäume vordringen, umdort viele Dinge zu sehen, die ansonsten im Verborgenenbleiben. Ein Klettergarten und die längste Röhrenrutschbahnin Europa rundeten das Angebot ab, sodass auch dieMutigsten auf ihre Kosten kamen. Die geplante gemeinsameWanderung auf bzw. um den Feldberg musste aufgrunddes strömenden Regens leider ausfallen. Mit dem Besuchdes Hauses der Natur an der Basisstation des Feldberges,Bild 2: Die Jugendlichen unterstützten den MilitärpfarrerHubert Link während des Gotesdiensteswurde jedoch eine sehr gute Alternative gefunden. Dortbrachten unter dem Motto „Tiere und Natur zum Anfassen“zwei Schwarzwald Ranger (Bild 1) insbesondere denKindern die Region und deren Geschichte näher. Hierbeigab es einige interessante Entdeckungen zu machen, dieauch bei den Erwachsenen so nicht immer bekannt waren.Ganz traditionell wurde dann der Mittwochabend gestaltet.Ein Gottesdienst mit anschließendem festlichem49


AUS BEREICHEN, STANDORTEN UND GKSAbendessen waren auch in diesem Jahr vorgesehen. Sowurde der Gottesdienst gemeinsam mit dem Standortpfarreraus Müllheim, Militärpfarrer Hubert Link, gefeiert,der seine Predigt unter die Thematik der Werkwochestellte (Bild 2). Die musikalische Begleitung lag in denerfahrenen Händen von Markus Wolters, der auch wiederdas eigens für die Werkwoche entworfene Liederheftzusammengestellt hatte. Als Neuerung fand das festlicheAbendessen jedoch erstmals ohne Kinder statt. „Wir wollenden Eltern die Chance bieten, diesen Abend nur alsPaar zu verleben.“, erklärte Albert Hecht die Gründe, diezu dieser Entscheidung geführt haben.Auch an den anderen Abenden der Woche stand dieBegegnung im Vordergrund. So durfte das schon bei denWerkwochen des Bereiches West obligatorische Bingo-Spiel nicht fehlen. Hier ging mancher kleine Traum inErfüllung und der angestrebte Gewinn konnte mit nachHause genommen werden.Die Abschlussrunde am Freitag, bei der alle Teilnehmerdie Chance hatten, ihre Eindrücke der Woche darzustellen,bildete den Endpunkt der diesjährigen Familienwerkwoche,die im nächsten Jahr ihre Fortsetzung findenwird. ❏(Text und Fotos: Andreas Quirin)KurznachrichtenDas neue katholische Gebet- und Gesangbuchfür den deutschsprachigen Raum erscheint unterdem bekannten Namen „Gotteslob“ im Advent2013. Die Bischofskonferenzen aus Deutschlandund Österreich sowie der Bischof von Bozen-Brixenhaben inzwischen ihr Einverständnis für die Drucklegungerteilt.Der Würzburger Bischof Dr. Friedhelm Hofmann,Vorsitzender der Unterkommission GemeinsamesGebet- und Gesangbuch der Deutschen Bischofskonferenz,meinte dazu: „Ich freue mich sehr,dass wir nach zehn Jahren intensiver Arbeit endlichin die Zielgerade einmünden. Jetzt ist noch eineeinjährige Vorbereitungsphase bis zum offiziellenStart des neuen Gotteslobs notwendig. Nur so lässtsich sicherstellen, dass wir tatsächlich termingerechtausliefern können und es nicht zu Engpässenkommt. Die Herstellung verlangt eine logistischeMeisterleistung. Jede Woche müssen bis zu 75.000Exemplare fertiggestellt werden, etwa 3.000 TonnenPapier sind bereits bestellt.“ Jetzt habe man einErgebnis erreicht, das sich sehen lassen könne, erklärteder Bischof: „Das Buch könnte man als eineArt ‚Proviantpaket‘ fürs Glaubensleben bezeichnen.Es bietet konkrete Anregungen für das persönlicheund gemeinsame Gebet zu Hause, es gibt Hilfenzur Glaubensvertiefung und es macht eine reicheAuswahl wichtiger Gebete und Lieder – alter undneuer – zugänglich.“ Das Gotteslob werde ein festerBegleiter durch die Feier der Liturgie sein undin den Gemeinden sicher gute Resonanz finden.Auch habe die römische Kongregation für den Gottesdienstund die Sakramentenordnung für die inNeues Gotteslob kommtim Advent 2013der Liturgie verwendeten Gesänge ihre Erlaubnis(Recognitio) gegeben.Zum besonderen Wert des künftigen Gebet- undGesangbuches sagte Bischof Hofmann: „Das neueGotteslob ist völlig neu konzipiert. Dennoch tritt es,im Sinn einer Kontinuität, die Nachfolge des überJahrzehnte bewährten Gotteslobs an. Mit ihm teiltes nicht nur den Namen, sondern fünfzig Jahre nachdem Zweiten Vatikanischen Konzil auch den Anspruch,den Gläubigen etwas Gültiges zeitgemäß andie Hand zu geben: zum Lob Gottes und zum Heilder Menschen.“Das Konzept und die Inhalte für das neue Gotteslobhaben Bischöfe, Berater und rund 100 Expertenaus den Bereichen Liturgie, Kirchenmusik,Pastoral, Bibelexegese, Dogmatik und Spiritualitäterarbeitet. Umfragen und Erprobungsphasen habenden Entstehungsprozess begleitet. Das Gotteslobwird zentral in der Katholischen BibelanstaltStuttgart herausgegeben. Die Höhe der Erstauflagevon 3,6 Millionen Exemplaren wurde anhand derbisherigen Vorbestellungen ermittelt. Mit Blick aufdie Wiedergabe des „pro multis“ in den Wandlungswortenerläuterte Bischof Hofmann: „In letzter Zeitwar die Übersetzung der Kelchwandlungsworte immerwieder einmal Thema. Der Heilige Vater hat indieser Sache nun eine Klärung herbeigeführt, unddas soll auch im Gotteslob zum Ausdruck kommen,auch wenn für die Zelebration natürlich das aktuelleMessbuch gilt.“ Vor der Veröffentlichung im Advent2013 werde es vielfältige, auch mediale Gelegenheitengeben, das neue Gebet- und Gesangbuch vorabkennen zu lernen. ❏ (ZENIT)50 AUFTRAG 288 • DEZEMBER 20122


TERMINETermine für das Laienapostolatin der Kath. Militärseelsorge2013 Allg. Termine u. Bundesebene19.01. Vorstand Katholikenrat, Berlin19.01. geschäftsführender Bundesvorstand,Berlin19.01. Empfang Militärgeneralvikar, KMBA08.03. – 10.03. GKS Bundesvorstand, Kloster Arenberg24. – 28.04. Seminar 3. Lebensphase, Nürnberg22. – 28.05. 55. Lourdeswallfahrt29.05. – 02.06. Seminar 3. Lebensphase, Cloppenburg07.06. – 09.06. Vorstand Katholikenrat, Hamminkeln28.06. – 30.06. GKS Bundesvorstand, Fulda29.07. – 03.08. Int. Jugendwoche der AKS14.09. Vorkonferenz zur Woche der Begegnung15.09. – 20.09. 53. Woche der Begegnung, Berlin16. – 20.10. Seminar 3. Lebensphase, Nürnberg24.10. – 28.10. Seminar 3. Lebensphase, Nürnberg04. – 08.11. GKS-Akademie Oberst Korn, Fulda08. – 09.11. Vorstand Katholikenrat, Berlin16. – 17.11. GKS Bundesvorstand, Bonn29.11. VerwaltungsratBereichs- / Arbeitskonferenzen / FamilienwochenendenKMilD Kiel / GKS Nord / Küste15.03. – 17.03. ErknerKMilD Erfurt (Berlin)/ GKS Mitte15.03. – 17.03. ErknerKMilD Mainz / GKS West14.02. – 15.02. wird noch bekannt gegeben27.09. – 29.09. wird noch bekannt gegebenKMilD München / GKS Süd08.03. – 10.03. Kloster Roggenburg11.10. – 13.10. Ferienhaus LambachArb.Konf. Bereich Ausland19.04. – 23.04. El Paso (Texas)GKS-SachausschüsseSA „Innere Führung“Bei Redaktionsschluss keine Termine bekanntSA „Sicherheit und Frieden“15.02. Sitzung in Bonn12.04. Sitzung in Bonn12. – 14.07. Sitzung in Berlin (mit IF)25.10. Sitzung in BonnSA „Internationaler Sachausschuss“Bei Redaktionsschluss keine Termine bekanntVorschau 201414. – 18.05. 56. Int. Soldatenwallfahrt nach Lourdes14. – 18.05. Seminar 3. Lebensphase, Nürnberg28.05. – 01.06. 99.Katholikentag, Regensburg„mit Christus Brücken bauen“02. – 07.07. Seminar 3. Lebensphase, Fulda15. – 19.10 Seminar 3. Lebensphase, NürnbergRegionale Zuständigkeit der KatholischenMilitärdekanateKMilD Kiel: Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein,Dienststellen im Bereich des FlottenkommandosKMilD Mainz: Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, SaarlandKMilD München: Bayern, Baden-WürttembergKMilD Erfurt: Berlin, Brandenburg, Thüringen, Sachsen,Sachsen-Anhalt, Bremen, NiedersachsenVERWENDETE ABKÜRZUNGEN: BK – Konferenz der GKS im Bereich ..., BuKonf – Bundeskonferenz der GKS,BV GKS – Bundesvorstand der GKS, DAK – Dekanatsarbeitskonferenz im Bereich….., GKMD – Gemeinschaft der kath.Männer Deutschlands, IS – Internationaler Sachausschuss, IThF – Institut Theologie und Frieden, Hamburg, KMilD –Kath. Militärdekanat, MGV – Militärgeneralvikar, SA InFü – Sachausschuss »Innere Führung«, SA S+F – Sachausschuss»Sicherheit und Frieden«, WB – Wehrbereich, WdB – Woche der Begegnung, KR – Katholikenrat beim Militärbischof,VV ZdK – Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.AUFTRAG 288 • DEZEMBER 201251


Der Königsteiner EngelDer »siebte Engel mit der siebten Posaune«(Offb 11,15–19) ist der Bote der Hoffnung,der die uneingeschränkte HerrschaftGottes ankündigt. Dieser apokalyptischeEngel am Haus der Begegnung in Königstein/Ts., dem Grün dungsort des KönigsteinerOffi zier kreises (KOK), ist heute noch dasTra di tionszeichen der GKS, das die katholischeLaienarbeit in der Militärseelsorgeseit mehr als 40 Jahren begleitet.Das Kreuz der GKSDas »Kreuz der GKS« ist das Symbolder Gemeinschaft Katholischer Soldaten.Vier Kreise als Symbol für dieGKS-Kreise an der Basis formen ineinem größeren Kreis, der wiederumdie Gemeinschaft ver sinnbildlicht, einKreuz, unter dem sich katholische Soldatenversammeln.ImpressumAUFTRAG ist das Organ derGEMEINSCHAFT KATHOLISCHER SOLDATEN(GKS) und er scheint viermal im Jahr.Hrsg.: GKS, Am Weidendamm 2,10117 Berlinwww.katholische-soldaten.deRedaktion: verantwortlicher RedakteurBertram Bastian (BB),Rainer Zink (RZ), Oberstlt a.D., RedakteurZuschriften: Redaktion AUFTRAGc/o Bertram Bastian,Alter Heerweg 104, 53123 Bonn,Tel: 0177-7054965, Fax: 0228-6199164,E-Mail: redaktion-auftrag@kath-soldaten.deFür unverlangte Einsendungen wird keineHaftung übernommen. Namensartikel werdenallein vom Verfasser verantwortet. Nicht immersind bei Nachdrucken die Inhaber von Rechtenfeststellbar oder erreichbar. In solchen Ausnahmefällenverpflichtet sich der Herausgeber,nachträglich geltend gemachte rechtmäßigeAnsprüche nach den üblichen Honorarsätzenzu vergüten.Layout: VISUELL, AachenDruck: MVG MedienproduktionBoxgraben 73, 52064 AachenÜberweisungen und Spenden an:GKS e.V. Berlin, Pax Bank eG Köln,BLZ: 370 601 93, Konto-Nr.: 1 017 495 018.Nachdruck, auch auszugsweise, nur mitGenehmigung der Redaktion und mitQuellenangabe. Nach be stellung gegeneine Schutzgebühr von EUR 10,- anden ausliefernden Verlag.ISSN 1866-0843

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