Download Broschüre als pdf

arachnia.ch

Download Broschüre als pdf

★ Vorwort ★_______________________________________★ VorwortHat der Strassenhändler Mohamed Bouazizi geahnt, dass er nicht nur sichselbst, sondern eine ganze Region entflammen wird, als er sich ausProtest gegen die Beschlagnahmung seiner Waren vergangenen Dezemberim zentraltunesischen Sidi Bouzid selbst angezündet hatte? Er machtedamit aber nicht nur den Auftakt zu den Revolten, die inzwischen fastjedes Land in Nordafrika und dem Nahen Osten erfasst haben, sondernhatte mit seinem Protest auch schon ihre wesentlichen Punktevorweggenommen: Sie sind sowohl ein Aufbegehren gegen dieökonomische und soziale Ungleichheit als auch gegen die politische (undmitunter ethnische und religiöse) Unterdrückung eines grossen Teils derBürgerinnen und Bürger. Dieser schillernde Charakter liess es zu, dasssich der Wille zum Aufstand so einfach von Land zu Land, aber auch invielen Schichten der jeweiligen Bevölkerung ausbreiten konnte.Daher erstaunt es aber auch wenig, dass sich alsbald Risse undWidersprüche unter den Demonstrierenden auftaten, besonders inTunesien und Ägypten, wo sie in Bezug auf ihre politischen Forderungenerfolgreich waren. Dies genügte zwar der beteiligten Bourgeoisie und derMehrheit der linken und religiösen Parteien, die sich sofort daran machten,ihre neu gewonnene Macht zu konsolidieren. Doch war dies kaumausreichend für die armen Massen, die sich um die Möglichkeit ihrersozialen und ökonomischen Besserstellung geprellt sahen. Dieses Musterist leider nur allzu bekannt, und bildete bisher mit Ausnahme von wenigenkurzlebigen und lokal begrenzten Revolutionen die Regel: Siehe dieFranzösische Revolution von 1789, siehe die Russische Revolution von1917.★ 2 ★


★ Chronologie der Aufstände ★_______________________________________Auch im Iran kommt es an diesen Tagen zu Demonstrationen gegen die Regierung,an denen alleine in Teheran bis zu Hunderttausend Menschen teilnehmen. Allerdingskann weder an diesem Tag noch in den darauffolgenden Wochen eine Dynamikerreicht werden, wie sie bei den Protesten 2009 zum Tragen kam.15. FebruarErste Proteste gegen die Regierung in Libyen. Drei Tage später ist die ostlibyscheStadt Benghazi unter Kontrolle der Aufständischen.20. FebruarDemonstrationen finden nun auch in der libyschen Hauptstadt Tripolis statt.Dennoch gelingt es den regierungstreuen Truppen in den folgenden Wochen, fastalle durch die Aufständischen besetzten Städte zurückzuerobern.In Marokkos Hauptstadt Rabat gehen gut 40'000 Menschen auf die Strasse, umden Rücktritt von König Mohammed zu fordern. Einige Tage später kündigte derMonarch an, konstitutionelle Reformen in Auftrag zu geben.8. MärzNach fast zwei Monaten Unruhen schliessen sich Teile des jemenitischen Militärs denDemonstrierenden an. Am gleichen Tag gehen eine Million Menschen im Südjemenauf die Strasse.14. MärzSaudi-Arabien und weitere Golfstaaten entsenden auf Wunsch des KronprinzenTruppen nach Bahrain. In den unmittelbar darauf folgenden Auseinandersetzungensterben Dutzende Demonstrierende, mehr als 2000 werden verletzt. Im Einsatz warauch ein Schützenpanzer der Schweizer Firma MOWAG.15. MärzDie Proteste in Syrien flammen wieder auf. Das Regime reagiert mit brutalerRepression. Alleine während einer Demonstration in der Stadt Daara am 24. Märzsollen mehr als Hundert Menschen getötet worden sein.17. MärzDie UNO beschliesst v.a. auf Druck von Frankreich und Grossbritannien eineFlugverbots-Zone über Libyen. Eine fast ausschliesslich westliche Militärallianzbeginnt zwei Tage später mit der Bombardierung von strategischen Zielen.23. MärzDas neue ägyptische Regierungskabinett führt ein Gesetz ein, dass Proteste undStreiks unter Strafe stellt.★ 6 ★


★_______________________________________Aufstände in Nordafrika und dem Nahe Osten★ 7 ★


★ Zu den Protesten in Nordafrika ★_______________________________________★ Zu den Protesten in NordafrikaQuelle: http://www.anarkismo.net/article/18472Original vom 10.01.11, spanischÜbersetzung: Libertäre Aktion WinterthurAutorIn : Manu GarcíaWeb: http://www.anarkismo.netDie Einzigen, die einen Weg Richtung eines laizistischen Maghrebs miteiner authentischen Demokratie und sozialer Gerechtigkeit aufzeigenkönnen, sind die sozialen Bewegungen. Aus der Klasse der Unterdrücktenstammend, bringen sie deren Interesse zum Ausdruck, indem sie einenerbarmungslosen Kampf gegen die sie bedrängenden Verhältnisse führen.In Nordafrika nehmen die Proteste gegen die Inflation, die Arbeitslosigkeitund die Korruption seit Ende des letzten Jahres zu. Sowohl in Tunesienwie auch in Algerien breiten sie sich über immer mehr Orte aus undinvolvieren mehr und mehr gesellschaftliche Schichten, so dass dieSituation in beiden Ländern inzwischen äusserst instabil geworden ist.Dies zur Besorgnis der USA und der EU, der zwei wichtigsteninternationalen Garantinnen der oligarchischen politischen Systeme imMaghreb. Diese bieten sich jenen als "cordon sanitaire" gegen dieAusbreitung des islamischen Fundamentalismus in der Region an.Bouteflika in Algerien und Ben Ali in Tunesien (wie auch Mohammed VI. inMarokko) geben sich gegen aussen als "starke Männer", die eine harteHand benötigen, um den inneren Feind im Zaum zu halten und zuunterwerfen. Dabei stürzen sie ihre Völker ins Elend und disziplinieren siedurch ein eisernes Regime, behindern und zermalmen jeden Versuch dergesellschaftlichen Organisierung oder von politischen Änderungen,unterdrücken ethnische Minderheiten und fördern durch den staatlichenApparat linientreue soziale, gewerkschaftliche und politischeKörperschaften, um des Fortbestehen des Systems zu sichern. All dasgeschieht mit der Unterstützung oder der Komplizenschaft einer"internationalen Gemeinschaft", die es zu schätzen weiss, ohne Achtungfundamentaler Menschenrechte auf standfeste Alliierte im Rahmen des"Krieges gegen den Terrorismus" und auf gute Geschäftspartner zählen zukönnen.Der Tod eines Früchtehändlers in der tunesischen Stadt Sidi Bouzidwährend einer Demonstration gegen die Willkür des Regimes und dasFehlen von Zukunftsperspektiven dienten als Funke, welcher eine★ 8 ★


★ Zu den Protesten in Nordafrika ★_______________________________________Protestbewegung zuerst in dieser Region, danach in ganz Tunesienhervorbrachte. Sie forderte eine demokratische Öffnung des Landes undeine Kursänderung in der gegen breite Bevölkerungsschichten gerichteteund von den internationalen Finanzorganisationen diktierteWirtschaftspolitik. Die Bevölkerung der Bergbaugebiete, Anwälte,JournalistInnen und Jugendliche aus den armen Stadtvierteln waren dieaktivsten und sichtbarsten Kräfte der Proteste. Der Fernsehsender AlJazeera und verschiedene Websites wurden trotz Kontrollen undDrangsalierungen zu wichtigen Informationsquellen und Kontaktbörsen fürdie Koordinierung und Stärkung der Bewegung, welche zur gleichen Zeitvon den offiziellen Medien - den einzig erlaubten – marginalisiert oderganz verschwiegen wurde.Die Demonstrationen haben sich in den letzten Tagen auf das benachbarteAlgerien ausgeweitet, das eine sehr ähnliche politische undgesellschaftliche Situation durchlebt. Die Erhöhung der Preise fürLebensmittel und andere Güter des täglichen Gebrauchs, die steigendeArbeitslosigkeit v.a. bei jungen Leuten und ein erdrückendes System, daskeinen anderen Ausdruck gesellschaftlicher Forderungen zulässt, hatTausende Menschen zu den zahlreichen, doch gewaltsamniedergeschlagenen Demonstrationen getrieben. Die Regierung begegnetihnen mit der Methode Zuckerbrot und Peitsche: Auf der einen Seite★ 9 ★


★ Zu den Protesten in Nordafrika ★_______________________________________verkündete sie, die Steuern auf die wichtigsten Gebrauchsgüter zu senkenund deren Import zu erleichtern. Auf anderen Seite unterdrückt sie wie ihrtunesisches Ebenbild die Proteste massiv, geht mit aller Macht desGesetzes gegen ihre AnführerInnen vor und versichert mit einem Wink anihre internationalen Beschützer, dass die Demonstrationen vonverborgenen Mächten kontrolliert würden, die das Land destabilisierenwollten. Algerien ist neben seiner Rolle als Teil der maghrebinischen Frontgegen das Vorrücken des islamischen Fundamentalismus aber auch einwichtiger Gaslieferant und Energieversorger für Europa.Es ist von grosser Bedeutung, dass wir fähig sind, den Kampf dernordafrikanischen Bevölkerung zu verbreiten und zu unterstützen. Dasbeste Mittel, um den Vormarsch des Fundamentalismus in der Region zustoppen, ist nicht, korrupte und oligarchische Regierungen zu stützen, dieden vom IWF aufoktroyierten Sparmassnahmen willig folgen. DieseRegierungen sind im Gegenteil dafür verantwortlich, dass übergangenesoziale Schichten für die fundamentalistische Propaganda immerempfänglicher werden. Es müssen tiefgreifende strukturelle Änderungenin der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik unterstützt werden, welcheden Lebensstandart der ärmeren Bevölkerung heben, ihre politischeEinflussmöglichkeit durch Klassenautonomie vergrössern und ihnenKontrolle gewähren über die reichen Reserven an Bodenschätzen in derRegion.Es ist klar, dass diese Politik nicht einer "internationale Gemeinschaft"dienen kann, deren Interessen sich auf ein "gutes politisches Klima"beschränken, das günstig für Anlagen ist und ihr Kontrolle über fürwestliche Staaten wichtige Rohstoffe gewährt.Die Einzigen, die einen Weg Richtung eines laizistischen Maghrebs miteiner authentischen Demokratie und sozialer Gerechtigkeit aufzeigenkönnen, sind die sozialen Bewegungen. Aus der Klasse der Unterdrücktenstammend, bringen sie deren Interesse zum Ausdruck, indem sie einenerbarmungslosen Kampf gegen die sie bedrängenden Verhältnisse führen.Festigen wir unsere Banden mit ihnen.Manu García10. Januar 2011★ 10 ★


★ Tunesien: Die Revolution ist noch nicht zu Ende ★_______________________________________★ Tunesien: Die Revolution ist noch nicht zu EndeQuelle: http://www.anarkismo.net/article/18564Original vom 19.01.11, französischÜbersetzung: Libertäre Aktion WinterthurAutorIn : Einige Anarkismo GruppenWeb: http://www.anarkismo.netNach einem Monat des Aufstandes ist der Tyrann gefallen: Ben Ali undseine Clique haben den Weg des Exils beschritten. Es ist ein gewaltigerSieg für das tunesische Volk, der alle freiheitsliebenden Menschenerfreuen muss. Auch für die Bevölkerung der Polizeistaaten in der Regionist er ein Beispiel und verkörpert eine grosse Hoffnung.Aber die Revolution ist nicht zu Ende, denn der RassemblementConstitutionnel Démocratique (RCD) hält sich noch immer an der Macht:er verfügt über 161 Sitze im 214-köpfigen Parlament, und sowohl derInterimspräsident Foued Mebazaa wie auch der momentanePremierminister Mohamed Ghannouchi sind tief in das Regime von Ben Aliverstrickt. Anstatt einen realen Wechsel herbeizuführen, zeigen dieersten, eilig ergriffenen Massnahmen den Willen der Macht, das Volk zurRuhe zu bringen. Zwar wird es in 60 Tagen Neuwahlen geben, jedoch nachden Regeln der aktuellen Verfassung, die auf die Bedürfnisse des RCDzugeschnitten wurde. Die Beratungen zur Gründung einer Regierung dernationalen Einheit haben begonnen, doch ist es der RCD, der die Parteiendafür auswählt hatte. Das Ziel des Manövers ist klar: den Massen soll ihrSieg genommen werden, indem er auf das politische Parkett getragenwird. Die Gefahr ist gross, dass die Partei, die schliesslich die Machterringen wird, eine ihr dienliche Opposition installieren und eineScheindemokratie errichten wird, sobald der Wind der Revolte abgefallenist. Man kann ebenso wenig die Möglichkeit eines neuen Diktatorsausschliessen, der wie Ben Ali unter dem Schutz des Elysées und desWeissen Hauses steht.Die Tunesierinnen und Tunesier sind sich der Klippen bewusst, an der dieneu gewonnene Freiheit, mit dem Leben Dutzender Toten erkämpft, zuzerschellen droht. Überall im Land organisieren sie sich inSelbstverteidigungskomitees, um gegen die immer noch aktiven Milizendes Klans von Ben Ali/Trabelsi zu kämpfen. Sie fallen nicht auf dieSchachzüge hinein, die darauf zielen, den RCD an der Macht zu halten.Dem Ausnahmezustand trotzend, der immer noch in Kraft ist, sammeltensich am 16. Januar die Demonstrantinnen und Demonstranten von★ 11 ★


★ Tunesien: Die Revolution ist noch nicht zu Ende ★_______________________________________Neuem, um einen wirklichen Wechsel zu fordern. Sie skandierten: "Wirhaben nicht für die Gründung einer Regierung mit einer Opposition ausPappe revoltiert!"Die Revolution ist noch nicht zu Ende, denn keines der eigentlichenProbleme ist gelöst: Armut, Massenarbeitslosigkeit, Korruption,Klientelismus, Ungleichheit usw. Neben der Einführung einesdemokratischen Regimes bleibt die soziale Frage im Zentrum derBesorgnis der Tunesierinnen und Tunesier. Die Missstände im Land könnennur durch eine Umverteilungspolitik gelöst werden, die mit der Diktaturdes Marktes bricht.Unsere Organisationen bekräftigen ihre volle Solidarität mit dem Kampfder tunesischen Bevölkerung für die Freiheit und die soziale Gerechtigkeitund unterstützen die antikapitalistischen Aktivistinnen und Aktivisten imLand; wir verurteilen die Haltung der westlichen Staaten und ihrerjeweiligen "classe politique" – egal ob rechts oder sozialdemokratisch -,die sich seit jeher einig ist in der Unterstützung des autoritären Regimesvon Ben Ali.19. Januar 2011Alternative Libertaire (Frankreich) | Federazione dei Comunisti Anarchici (Italie) |Organisation Socialiste Libertaire (Schweiz) | Union Communiste Libertaire (Quebec,Kanada) | Libertäre Aktion Winterthur (Schweiz) | Zabalaza Anarchist CommunistFront ( Südafrika) | Libertære Socialister (Danmark) | North-Eastern Federation ofAnarchist Communists (USA) | Workers Solidarity Movement (Irland) | Hombre ySociedad (Chile) | Colectivo Socialista Libertaria (Uruguay)★ 12 ★


★ Die arabische Welt brennt: Gespräch mit einem syrischen Anarchisten ★_______________________________________★ Die arabische Welt brennt: Gespräch mit einemsyrischen AnarchistenQuelle: http://www.anarkismo.net/article/18664Original vom 31.01.11, spanischÜbersetzung: Libertäre Aktion WinterthurAutorIn : Mazen Kamalmaz & José Antonio Gutiérrez D.Web: http://www.ahewar.org/m.asp?i=1385http://www.anarkismo.netDie grossen Revolten, welche in Jemen, Algerien, Tunesien und nunÄgypten stattfinden, haben alle überrascht. Sie stellen zweifelsohne einesder wichtigsten Ereignisse unserer Zeit dar und machen deutlich, dasskein Ort auf der Welt dazu verdammt sein muss, der Spielplatz einesdurch den westlichen Imperialismus gestützten Diktators sein zu müssen.Autoritäre Regimes wie das von Ben Ali zeigten sich völlig machtlosgegenüber den vereinten und entschlossenen Leuten im Kampf. Es sindJugendliche, ArbeiterInnen, Arbeitslose und Arme, die mit ihremAufbegehren die Zukunft der Region formen und damit in Washington undTel Aviv für kalte Rückenschauer sorgen. Weder all die vom Mubarak-Regime angehäuften Waffen noch die Militärhilfe durch die USA konntendas Ausdehnen der Proteste verhindern. Diese zeugen von der Macht desVolkes und der vereinigten ArbeiterInnenklasse, beweisen die Fähigkeitvon gewöhnlichen Menschen, Gegeninstitutionen mit klar libertärenAnsätzen aufzubauen, und machen deutlich, dass wir uns in einer Ärarevolutionärer Veränderungen befinden. Wir führten ein kurzes Gesprächmit unserem Genossen und Freund Mazen Kamalmaz aus Syrien, Redaktordes arabischen anarchistischen Blogs http://www.ahewar.org/m.asp?i=1385, der über die Bedeutung dieser grossartigen politischenEntwicklung spricht.1. Es scheint, dass alle diese abrupten Protestwellen amFundament der repressiven Regimes in der arabischen Weltrütteln... Gab es irgendwelche Zeichen für das Aufkommen dieserProteste?Das ist einer der interessanten Aspekte dieser revolutionären Welle, diesich in der arabischen Welt ausbreitet - sie tauchte zu einem Zeitpunktauf, an dem sie niemand erwartete. Nur wenige Tage vor denMassendemonstrationen in Ägypten bezeichnete die US-AussenministerinHillary Clinton das ägyptische Regime als stabil - und nun ist nichts mehr★ 13 ★


★ Die arabische Welt brennt: Gespräch mit einem syrischen Anarchisten ★_______________________________________stabil in der Region: Die Massen befinden sich in der Revolte und überallerwarten die repressiven Regimes das Schlimmste. Es gibtGemeinsamkeiten zwischen diesen Vorfällen, die den autoritärenSystemen, ihren Staatsmännern und der Intelligenzija nicht aufgefallensind, wie die Wut, versteckt und durch die staatliche Repression mundtotgemacht, wie die Armut und die Arbeitslosigkeit, die überall zugenommenhaben... aber die Regierungen - auch diejenigen des Westens - glaubten,diese Wut unter Kontrolle halten zu können... wir wissen nun, wie falschsie damit lagen.2. Was ist die Bedeutung der Flucht Ben Alis aus Tunesien?Es ist nur die erste Etappe einer in Gang getretenen Kaskade vonEreignissen. Bedeutend war das Signal, dass das Volk, das revoltierendeVolk, die Repression besiegen und gewinnen kann. Es ist zu früh, um überden Ausgang zu sprechen, im Moment ist alles noch zu komplex, doch dieLeute haben ihre tatsächliche Macht erfahren und sind noch immer aufden Strassen. Somit kann der Kampf noch in viele Richtungen führen.3. Wohin breitet sich die Revolte aus? Welche Länder werden nunmassive Aufstände erleben?★ 14 ★


★ Die arabische Welt brennt: Gespräch mit einem syrischen Anarchisten ★_______________________________________Wir können nun mit Zuversicht sagen, dass dies überall sein kann.Algerien, Jemen und Jordanien sind vielleicht die nächsten Schauplätze.Doch wir müssen uns bewusst sein, dass die ägyptische Revolution anjedem Ort Auswirkungen haben könnte, die noch die schlimmstenAlbträume der Diktatoren und ihrer Unterstützer in den Schatten stellen.4. Was sind die eigentlichen Auswirkungen einer Revolution inÄgypten, dem Land mit der zweitgrössten US-amerikanischenMilitärhilfe?Ägypten ist das grösste Land im Nahen Osten, und seine strategischeRolle ist äusserst wichtig: Es ist einer der Hauptpfeiler der US-Politik imNahen Osten. Sogar wenn sich das alte Regime noch für einige Zeit an derMacht halten kann oder das neue Regime pro-amerikanisch sein wird - derDruck der Massen wird nun immer präsent sein. In einem Wort, die USA,die grösste Unterstützerin des aktuellen Regimes, wird stark unter derRevolte der ägyptischen Bevölkerung zu leiden haben.5. Was ist die Rolle der Muslimbrüder in den Protesten? Unddiejenige der alten Garde der Linken?Die Tatsache, dass diese Demonstrationen und Aufstände völlig spontanwaren und durch die Massen initiiert wurden, ist ein sehr wichtigerAspekt. Es stimmt, dass sich verschiedene politische Parteien zu einemspäteren Zeitpunkt hinzugesellt haben, doch der ganze Kampf ist zueinem grossen Teil Ausdruck der autonomen Aktion der Massen. Dies trifftebenso auf die politischen Organisationen der IslamistInnen zu. Vielleichtdenken diese Gruppierungen nun, dass Wahlen sie an die Macht bringenkönnen, doch mit revoltierenden Massen auf den Strassen ist dasschwierig. Ich denke, dass die Bevölkerung sich weigern wird, sich wiedereiner repressiven Macht zu beugen. Doch selbst wenn dies geschehensollte, werden die BürgerInnen vor allem angesichts der jüngsteneuphorischen Erinnerungen an die durch ihren Kampf gewonnene Freiheitnicht akzeptieren, bloss Unterworfene einer neuen Regierung zu sein.Keiner Macht wird es einfach so gelingen, sie durch ein neues Regime zuunterdrücken.Eine andere Tatsache muss im Auge behalten werden: Revolutionenmachen die Leute empfänglicher für libertäre und anarchistische Ideen.Freiheit, nicht Autoritarismus ist die bestimmende Idee der Zeit. Einigeder stalinistischen Gruppen repräsentieren bloss das hässliche Gesicht desautoritären Sozialismus... beispielsweise beteiligt sich die ehemaligeKommunistische Partei Tunesiens an der neuen Regierung - zusammen★ 15 ★


★ Die arabische Welt brennt: Gespräch mit einem syrischen Anarchisten ★_______________________________________mit der Partei des gestürzten Diktators Ben Ali! Eine andere autoritäreOrganisation, die Tunesische Kommunistische Partei der Arbeiter, nahm anden Demonstrationen teil, konnte dann aber nur ihre innerenWidersprüche aufzeigen: unmittelbar nach der Flucht von Ben Ali hatte siezu lokalen Räten und Komitees zur Verteidigung des Aufstandesaufgerufen, zog diese Forderung dann aber wenig später zurück undforderte ein neues Parlament und eine neue Regierung. In Ägyptenpassiert fast das Gleiche, wo reformistische linke Gruppierungen wie dieFortschrittliche Unionistische Partei und weitere Organisationen derautoritären Linken existieren.In Ermangelung an Kontakten zu lokalen GenossInnen kann ich nichtgenau über die Rolle von AnarchistInnen und anderen Libertären (es gibtauch eine wachsende rätekommunistische Strömung) Auskunft geben,doch möchte ich nochmals unterstreichen: diese Revolutionen wurdenhauptsächlich durch die Massen selbst durchgeführt. In Tunesien spieltenin den späteren Phasen der Revolte die starken lokalen Gewerkschafteneine grosse Rolle.Ich will noch etwas ausführlicher auf die durch die Massen errichtetenlokalen Komitees zu sprechen kommen, die einen der interessantestenAusdrücke der revolutionären Aktion darstellen. Angesichts derPlünderungen, die hauptsächlich von der ehemaligen Geheimpolizeiangezettelt wurden, bildete die Bevölkerung diese Komitees alsdemokratische Institutionen - eine Herausforderung an die Herrschaft derElite und ihrer autoritären Verwaltungsmaschinerie... in Ägyptenexistieren nun zwei Regierungen: die lokalen Komitees und die Regierungvon Mubarak, welche sich hinter den Panzern und den Gewehren ihrerSoldaten verschanzt. Dies alles geschieht in einer Region, dieAutoritarismus und Diktaturen gewohnt ist... Revolutionen sind grossartig,weil sie die Welt so schnell verändern können. Das bedeutet aber nicht,dass der Kampf bereits gewonnen ist; im Gegenteil, es bedeutet, dass ergerade erst begonnen hat.6. Um zusammenzufassen: Was ist deine Meinung über diemomentanen Ereignisse? Was bedeuten sie?Sie sind der Beginn einer neuen Ära. Die Massen erheben sich, ihreFreiheit steht auf dem Spiel. Die Tyranneien sind erschüttert, es istsicherlich der Anfang einer neuen Welt.★ 16 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuenPharaonen?Quelle: http://ch.indymedia.org/de/2011/02/80095.shtmlOriginal vom 02.02.11, englischÜbersetzung: http://translationcollective.wordpress.comAutorIn : Ein Dissident im nordafrikanischen ExilWeb: http://www.crimethinc.comHeute Ägypten, morgen die Welt...Revolte in Nordafrika. Wie üblich, ist das verblüffendste daran, wievertraut alles erscheint: Die jungen Männer mit prestigeträchtigemAbschluss, die im Coffee-Shop arbeiten, die Arbeitslosigkeit und dieVerbitterung, die Proteste ausgelöst von der Brutalität der Polizei – denndie Polizei ist für die Arbeitslosen, was der Chef für die ArbeiterInnen ist.Diese Einzelheiten verweisen darauf, dass das, was in Ägypten passiert,keiner anderen Welt angehört, sondern ganz und gar der unseren. Es gibtkeine exotischen Revolutionen in Übersee im 21. Jahrhundert. Täuschenwir uns nicht – auch wenn die Geschehnisse in Ägypten die Riots inGriechenland und die StudentInnenbewegung in England in den Schattenstellen, so entspringen sie doch der gleichen Quelle.Um allgemein über die Ereignisse auf dem Laufenden zu bleiben,empfehlen wir euch dringend www.occupiedlondon.org/cairo undwww.anarkismo.net/article/18645 zu lesen. Um jedoch Hoffnung in dieseAufstände setzen zu können, müssen wir uns selbst als Teil von ihnenverstehen und entsprechend denken und handeln. Aus diesem Grundhaben wir einen Genossen in Nordafrika um die folgende Analyse gebeten.CrimethInc.Ex-Workers CollectiveDie Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen?Ex-Diktatur Ben Ali flieht in seinem Privatjet vor den Massen, die nacheinem Regimewechsel verlangen – verhasste Polizeiwachen, lange Zeitgenutzt, um im Namen des Anti-Terrorismus zu foltern, werdenniedergebrannt – mit Küchenmessern bewaffnete Männer und Frauenorganisieren die Selbstverteidigung in den Nachbarschaften – auf denStraßen weigert sich die Armee auf ihre Familien zu feuern.★ 17 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Was hier vor sich geht – zuerst in Tunesien, dann in Ägypten – ist derBeginn einer Welle umfassender Revolutionen, die unvermeidlich auf dieglobale Finanzkrise von 2008 folgen wird. Im Kielwasser des gescheiterten"Krieges gegen den Terror" verbinden diese Revolutionen die latente Krafteiner riesigen Anzahl arbeitsloser Jugendlicher mit der Dynamik modernerKommunikations-netzwerke. Sie signalisieren den Abschluss desJahrzehnts der Konter-Revolution, das auf den 11. September 2001folgte. Wenngleich diese Revolutionen damit fortfahren, jene neuenTechnologien und dezentralen Formen der Organisierung auszuloten, dievon der Anti-Globalisierungs-Bewegung eingeführt wurden, sind sie dochin Form und Ausmaß beispiellos. Weitgehend namenlose Gruppen nutzendas WorldWideWeb, um führerlose Rebellionen gegen die Pharaonen desglobalen Empire des Kapitals zu entfachen.Die selbsternannten Führer der Welt stehen in der Tat blind vor der Frage,wie sie die neuen sozialen und technologischen Kräfte verstehen sollen,die hier im Spiel sind; der alternde Diktator Mubarak ist ein perfektesBeispiel dafür, doch ist er wahrlich nicht der einzige seiner Art. Fast, dassman die Angst riechen kann, nicht nur der Despoten in China und Saudi-Arabien, sondern auch der vermeintlichen Führer repräsentativerDemokratien. Von allen Verrenkungen sind die der US-Regierung amgroteskesten; es lässt die Leute in Ägypten nicht kalt, dass die Kugeln, dieihre GenossInnen niederstrecken aus den USA kommen. Ägypten erhältjährlich 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe von den USA. Die Unterdrückungvon "Demokratie" im Nahen Osten war und ist die wohlüberlegtepolitische Linie der US-Regierung; wissend, dass das Empfinden derBevölkerung ihre Agenda der militärischen Durchsetzung des globalenKapitalismus niemals unterstützen würde.Doch auch die größten Anstrengungen von Mubaraks sterbenden Regime,die Sinne der Welt von den Ereignissen abzuschirmen, haben dieMenschen in den Straßen von Kairo nicht zum Schweigen gebracht. Selbstdas Blockieren der Mobiltelefone und der Versuch, das ganze Internetabzuschalten hat sich für den Widerstand als fruchtbar erwiesen. SeitGenerationen wurden AraberInnen und AfrikanerInnen zum Schweigengebracht, von verschiedenen kolonialen Regierungen repräsentiert und inEuropa und den USA als "Primitive" und "Terroristen" dargestellt. Heutesprechen sich die Menschen in Ägypten in donnerndem Einklang fürFreiheit aus – nicht für einen politischen Islam, wie Demagogen vom Iranbis Israel die Welt glauben machen möchten. Indem die Menschen diestun, realisieren sie die Ideale, von denen die US-Regierung nurheuchlerische Lippenbekenntnisse ablegt.★ 18 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Von Tunesien bis Ägypten sind die allgemeinen Lebensbedingungen heutevon nahezu universeller Arbeitslosigkeit geprägt – insbesondere unter denjüngeren Generationen, d.h. der großen Mehrheit der Bevölkerung. Diesist zunehmend auch in Europa und den USA der Fall. Arbeitslosigkeit istkein Unfall, sie ist unumgängliches Ergebnis der letzten dreißig JahreKapitalismus. Der Kapitalismus erreichte seine inneren Grenzen Ende der70er Jahre; heute produzieren die Fabriken aller Industriezweige stetigmehr Waren, während zunehmende Automatisierung die ArbeiterInnenimmer mehr ersetzt. Die einzige Art, aus diesen Waren Profit zu schlagenist, sich der ArbeiterInnen zu entledigen oder ihnen so gut wie gar nichtszu bezahlen. Um die sprunghaft ansteigende Zahl der Arbeitslosen zudisziplinieren und Revolten zu verhindern, führt die Polizei einen nichtenden wollenden Krieg gegen die Bevölkerung. Wir leben in einer Welt,die überschwemmt ist von billiger Scheiße - in der das menschliche Lebendas billigste von allem ist.Unter diesen Bedingungen haben die Menschen nichts mehr zu verlieren.Nichts, das heißt, nichts außer ihrer Würde – und es zeigt sich, dass siediese nicht aufgeben werden. Es war genau dieser innere Kern der Würde,der Mohammed Bouazizi dazu führte, sich eher selbst anzuzünden als sichder Erniedrigung in Händen der Polizei gegenüberzusehen, die ihm mit der★ 19 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Beschlagnahme seines Obststandes die einzige Möglichkeit genommenhatte, seine Familie zu ernähren. Das Feuer, das Mohammed Bouazizientflammte, hat sich ausgebreitet, weitergetragen von anderenArbeitslosen, die sich selbst dadurch von elenden Bettlern in Helden derWeltgeschichte verwandeln. Die Menschen in Ägypten setzen nicht nurPolizeiautos in Brand, sie organisieren Volkskommittees, um die Polizeiund anderen Müll von der Straße zu räumen, und nie wurden die Straßenvon Kairo als sicherer empfunden.Es ist nicht verwunderlich, wenn es heute zu einer Welle von Revolutionenkommen sollte. Seit den Tagen der Pharaonen und Monarchen wurde dieWelt nicht mehr von einer derart sinnlosen Kraft wie dem globalenFinanzmarkt kontrolliert. Als die Kapitalisten im Lauf der letztenJahrzehnte mehr und mehr unfähig wurden, durch industrielle ProduktionProfite zu erwirtschaften, mussten sie Mittel erfinden, Profit auserwartbaren zukünftigen Erträgen zu schlagen. Aber wie könntenKapitalisten in einer Welt zunehmend billiger Waren und armerKonsumenten erreichen, dass die Leute weiterhin kaufen – wie könntensie weiterhin davon profitieren? Sie mussten sich einen Weg ausdenken,wie die Konsumenten weiter kaufen können, obwohl sie mit ihren Löhnennicht genug zum Leben verdienen: daher die Erfindung der massenhaftenVerschuldung. Wenn der Verkauf realer Güter keinen Profit mehrerwirtschaften kann, müssen die Profite mit zunehmend fantastischen,künftig zu erwartenden Erträgen gemacht werden – in anderen Worten, inder Finanzwirtschaft.Doch wie in jedem andere Kartenhaus, so können auch Schulden nicht inalle Ewigkeit aufgetürmt werden. Irgendwann möchte irgendwer sein Geldzurück – und so brach 2008 das ganze Kartenhaus unter seinem eigenenGewicht zusammen. Die Finanzkrise signalisiert die tiefere metaphysischeKrise unserer gegenwärtigen Ordnung: Der Kapitalismus erweist sich alsunfähig, die realen materiellen Bedürfnisse der globalen Bevölkerung zudecken. Das hohe Ausmaß an Armut in Ägypten ist nicht einfach dasErgebnis von Mubaraks Misswirtschaft, es ist die unvermeidbareKonsequenz der Widersprüche unserer Zeit.Den Blick hoffnungslos vernebelt von ihrer eigenen Ideologie und ihremMangel an Vision, können die Staatsoberhäupter nur stumm undüberrascht dastehen, während die Krise immer weitergeht. Ihre lahmeHoffnung, die Finanzmärkte mit "Sparmaßnahmen" oder "GrünemKapitalismus" wieder zum Laufen zu bringen, ihre Weigerung, übersystemische Veränderungen nachzudenken; trotz der Tatsache, dass das★ 20 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________System den Menschen nicht einmal Jobs oder bezahlbare Waren liefernkann – geschweige denn ein gutes Leben. Gerade so, wie es ein Zeitalterder Revolution brauchte, um das geheiligte Recht der Könige umzuwerfen,wird es neue Revolutionen brauchen, um das geheiligte Recht der Dingezu stürzen: Die Macht des Finanzkapitals und seinerMarionettendiktatoren.Revolutionen werden niemals von Technologien hervorgebracht, sondernvon kollektiv handelnden Menschen, die ihre Beziehungen zueinandersowie zur von ihnen geteilten Welt radikal verändern. Dennoch kann diebedeutende Rolle, die das WorldWideWeb in Ägypten und Tunesiengespielt hat, nicht bestritten werden. Besonders der kybernetischerfahrenen und weitgehend arbeitslosen Jugend ermöglichte das Netz, zuMassenmobilisierungen aufzurufen und selbst daran teilzunehmen, ohneje eines Führers zu bedürfen. Zu den Demonstrationen des 25. Januar inÄgypten wurde über die Facebook-Seite "We Are All Khaled Said"aufgerufen, benannt nach einem Opfer der Polizeigewalt, ähnlich demMord an Alexis Grigoropoulos in Griechenland. Die Seite selbst war voneinem anonymen "El-Shaahed" eingerichtet worden – was auf arabisch"Märtyrer" bedeutet. Inzwischen mobilisiert die Jugend überall auf derWelt als "Anonymous"; in der Schlacht um Wikileaks, sowie jüngst in den★ 21 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Aktionen gegen die tunesische Regierung zeigte sich Anonymous alsmächtige neue internationale Größe, die jenseits von Message Boards wie"4chan" zu politischer Reife erwacht. Die Fähigkeit der DemonstrantInnen,per Handy, Twitter und Facebook mit einer großen Anzahl von Menschenzu kommunizieren und unmittelbar auf Ereignisse zu reagieren, machtfrühere Formen linker und arbeitsplatzbasierter politischer Organisation imHandumdrehen obsolet, zusammen mit anderen hierarchischenFormationen, wie dem politischen Islam.Diese revolutionäre Verwendung der sozialen Medien sollte uns nichtüberraschen. In den Händen einer kleinen Elite wird teureKommunikationstechnologie selbstverständlich zur Selbsterhöhung und fürden Konsumerismus verwendet. In Händen der arbeitslosen Jugend undanderer ausgeschlossener Klassen kann diese Technik umgewidmetwerden, um die Revolution zu organisieren. Das Internet ist die neueglobale Fabrikhalle und wir erleben, wie sich die ersten Arbeiterräteformen – eine neue Art kollektiver Intelligenz, die es den Leutenermöglicht, sich direkt und ohne Repräsentation zu organisieren.Die schiere Verwirrung der globalen Kapitalisten darüber, wer "tatsächlichhinter" dem mysteriösen Widerstand in Ägypten und Tunesien steckt, istenthüllend. Es ist offensichtlich, wie verzweifelt die Politiker der USA sichwünschen, irgendwen zu haben, jemanden wie Mohamad ElBaradei, mit★ 22 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________dem sie verhandeln können. Diese Revolten sind in der Form, wenn nichtim Inhalt, anarchistisch – und selbst der Inhalt wird zunehmend radikal.Die Abwesenheit jeder organisierten Gruppe oder Führer in den frühenTagen des Protests spricht Bände: Der sich verbreitende Zugang zuInformationstechnologien hat nicht nur die alten Organisationsformen derLinken destabilisiert, sondern auch die Rechtfertigungen dafür, überhaupteine hierarchische Regierung zu haben. Wenn Leute kommunizierenkönnen, können sie ihr eigenes Leben organisieren. Solche horizontalenStrukturen auf ein globales Ausmaß auszudehnen scheint nicht längerunmöglich, wenngleich es noch nicht gut durchdacht wurde.Was die Dinge für Kapitalisten und Nationalstaaten noch schlimmermacht, ist, dass der gewaltige geheime Apparat des Staates vonWebseiten wie Wikileaks in all seiner Inkompetenz bloßgestellt wurde.Während Wikileaks mit der Revolution in Ägypten nichts zu tun hatte,fachten die internen Telegramme über das luxuriöse Futter, das Ben Aliseinem Haustier-Tiger zukommen ließ, während die Menschen hungern,das Feuer in Tunesien weiter an. Wikileaks produzierte Paranoia imglobalen Staatsapparat selbst, insofern der Staat nicht funktionieren kannohne unterworfene Bevölkerung, die glaubt, dass er notwendig ist undihm das Recht gewährt, Gewalt auszuüben. Nun steht das Empire ohneKleider da – und seine nackte korrupte Macht ist widerlich anzusehen. Esgibt einen wachsenden Konsens, dass der Staatsapparat ein archaischesÜberbleibsel ist, das nicht länger Respekt verdient.Das Regime von Mubarak hat den klassischen Fehler gemacht, dietechnologischen Strukturen mit den Menschen zu verwechseln, die siebenutzen, ein typischer Fehler des Silicon Valley ebenso wie einigerTheoretiker. In einem schlecht überdachten Zug blockierte das Regimealle vier ISPs des Landes und schaltete so das Internet ab. Zusätzlichwurden die Mobilfunknetze vor den großen Demonstrationen durchUnterbrechungen blockiert. Wenn dies überhaupt einen Effekt hatte, dannden, die Leute in Ägypten noch wütender zu machen. Vielleicht hat es siesogar aus ihrer Zuschauerrolle gerissen – es ist einfacher, eineDemonstration über Internet zu verfolgen als daran teilzunehmen – undmehr und mehr Leute auf die Straße getrieben.Die Lehre, die daraus gezogen werden kann, ist klar: Das vermeintlichdezentralisierte Internet ist ziemlich zentralisiert, und auch wenn esnützlich sein mag, so ist es doch ein Fehler, sich abhängig davon zumachen, solange es in Händen der Kapitalisten bleibt. Führer wie Mubarakaber sehen sich einer No-Win-Situation gegenüber. Lassen sie die★ 23 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Kommunikationstechnologien angeschaltet und in Funktion, so werden siegenutzt, um sich gegen sie zu organisieren – schalten sie sie ab, soprovozieren sie einen weltweiten Aufschrei.Wie sich organisieren ohne das Netz? Man wird von den bestehendenInstitutionen ausgehen. In Ägypten bedeutete das von den Moscheen. Die"Tage des Zorns" waren von Straßenkämpfen mit der Polizeigekennzeichnet, die weitaus intensiver waren als jene des Aufstands inGriechenland 2008; sie kulminierten im Niederbrennen des Hauptquartiersder Partei Mubaraks. Danach riefen die Protestierenden die Menschen ineinem brillianten Schachzug dazu auf, sich nach dem Gebet an denMoscheen zu sammeln – wo die meisten ÄgypterInnen sich ohnehinaufhalten würden. In dieser Hinsicht dienten die Moscheen dem gleichenZweck wie die Sozialen Zentren und besetzten Häuser im griechischenAufstand, jedoch für einen weitaus größeren Teil der Bevölkerung.Während die Kommunikationstechnologie in einem frühen Stadium derOrganisierung von Vorteil sein kann, muss eine Bewegung stark genugwerden, das Internet nicht mehr zu brauchen, sobald sie auf die Straßenzieht. In Ägypten steigerte sich die Intensität der Revolte nachdem dasInternet abgeschaltet worden war.Wenn es eine Sache gibt, in der das Internet unentbehrlich ist, dann die,die Nachrichten über den Aufruhr an anderen Orten zu verbreiten. Da dieMacht des Empires zunehmend spektakulärer geworden ist, ist esverwundbarer auf dem Terrain des Spektakels. Obamas erste Reaktion aufden Aufstand war der Aufruf die "Gewalt" zu beenden – obgleich es seineRegierung ist, die in Pakistan und Afghanistan routinemäßig Gewaltausübt und den US-BürgerInnen das größte Gefängnissystem der Weltaufzwingt. Er und Mubarak sind nicht gegen Gewalt, doch sie scheinen sieAngst zu haben vor Bildern der Gewalt. Wenn diese Bilder sichverselbstständigen, untergraben sie die Erzählung vom Staat, der dieOrdnung aufrecht erhält.Zur gleichen Zeit ist der Staat unbedingt darauf angewiesen, dass sich dieMenschen misstrauen und Angst voreinander haben. Das erklärt, warumMubarak zur Rechtfertigung seines Durchgreifens Polizisten inZivilkleidung losschickte, die als Plünderer posierten. Als dies fehlschlug,schaltete er das Internet ab und verweigerte den Medien den Zugang zuden Protesten, um die Bedingungen für jenes Massaker zu schaffen, dases brauchen würde, um die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen.★ 24 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Doch wie es heute aussieht ist fraglich, ob die Armee bereit ist ein solchesMassaker durchzuführen.Der Aufstand, der mit dem Niederbrennen von Polizeistationen begonnenhatte, verlagerte sich in Folge auf friedliche Großdemonstrationen, in derAbsicht, die Armee für ihre Sache zu gewinnen. Flugblätter, die auf denDemonstrationen zirkulierten, belegen, dass die OrganisatorInnen vonAnfang an planten, die Armee gegen die Polizei in Stellung zu bringen.InsurrektionalistInnen in Europa und den USA sollten diesem cleverenstrategischen Zug Beachtung schenken. Nachdem die Frontlinien derOrdnungsmacht effektiv geschlagen war, hatten die ÄgypterInnen klarverstanden, dass die einzige Kraft, die sie würde aufhalten können, dieArmee ist. Statt sie direkt anzugreifen, was mit Sicherheit in einemMassaker geendet hätte, versuchten sie, die Herzen und Köpfe derSoldaten zu gewinnen. Bislang sind sie erfolgreich damit; sie zeigen, dasssie sich selbst organisieren und eine führerlose und doch disziplinierteRebellion durchführen können, die die Straßen von Kairo zum ersten Malseit Jahren sicher und sauber macht.Dies entzieht der Armee jeden Grund für ihre Existenz, von einer Ausredefür ein Massaker ganz zu schweigen. Wie ein Freund es formulierte:★ 25 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Sobald ein Aufstand einen gewissen Punkt erreicht hat, werden Waffenunnötig. Damit eine Revolution den Staat erfolgreich stürzen kann, mussdie Armee sich weigern, auf die eigenen Leute zu schießen und sichstattdessen der Revolte anschließen. In Ägypten ist die Armee zumindestso weitgehend paralysiert, dass sie nicht zu schießen beginnt; sie könntesich den Leuten anschließen, auch wenn wahrscheinlicher ist, dass sieanstrebt, im Übergang zu einer repräsentativen Demokratie dieVermittlerrolle einzunehmen.All dies zeigt, dass milliardenschweres Militärgerät eine Revolution nichtstoppen kann. Sobald die Dinge einen bestimmten Punkt erreichen, ist diemilitärische Kraft nicht länger der bestimmende Faktor. Wenn dieMenschen in Ägypten unbeirrt mit der Revolte fortfahren, kann das Militärwohl kaum seine eigenen Städte bombardieren.Doch selbst wenn eine militärische Niederlage vermieden wurde, istwahrscheinlicher, dass der aufständische Prozess, der an den "Tagen desZorns" begonnen wurde, auf das Nebengleis einer repräsentativenDemokratie geschoben wird, als dass er in eine ernsthafteKommunisierung der Gesellschaft mündet – das heißt, ins unmittelbarenTeilen der Produktion für das Überleben der Menschen. Das heißt nicht,dass man pessimistisch sein muss – schon jetzt erinnern dieNachbarschaftsversammungen und Verteidigungskommittees an nichtweniger als an die Pariser Commune. Aber Mubarak ist ein die Diktator★ 26 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________und die Jugend Ägyptens hat von den bitteren Früchten derrepräsentativen Demokratie bislang noch nicht gekostet. Vielleicht müssensie den harten Weg gehen, um sie kennenzulernen. Und selbst wenn einerepräsentative Demokratie etabliert wird, ist das noch nicht das Ende derGeschichte – schauen wir auf die fortgesetzten Proteste in Tunesien. Eskäme früher oder später unausweichlich zu einem neuen Aufstand, auchwenn bis dahin Jahre oder Jahrzehnte vergehen können.In diesem Zusammenhang ist vielversprechend, dass sich viele jungeÄgypterInnen darüber bewusst zu sein scheinen, dass die repräsentativeDemokratie ihre Bewegung nur einschränken und in einer andere Formder Sklaverei zurückführen wird. Dies zeigt sich auf vielerlei Art – zumBeispiel an der Botschaft an den selbsternannten Führer ElBaradei "Sollenwir dich einfach auf dem Handy anrufen, wenn wir die Revolution für dichgemacht haben?" Der Aufstand zeigte zudem eine nie dagewesene Machtder in ihm agierenden Frauen, die in keine Unterwürfigkeit unter dieMuslimbruderschaft mehr zurückkehren werden.Doch kann die Besetzung des Tahir-Platzes durch die Bevölkerung nichtewig andauern; der Moment wird kommen, wo Nahrungsmittel produziert,die Zugverbindungen reaktiviert, das Internet wieder angeschaltet werdenmuss. Dies sind die tatsächlichen Schlüssel zum Erfolg des Aufstands,dafür, die Rückkehr des Kapitalismus zu verhindern, und sei es unter demDeckmantel der repräsentativen Demokratie. Es scheint, dass noch nichtbegonnen wurde, Schritte in diese Richtung zu unternehmen.Treten wir nun einen Schritt zurück und stellen uns größere Fragen. WennÄgypten sich von Europa und den USA nicht grundsätzlich unterscheidet,warum ist es dort nicht zu solchen Aufständen gekommen? Zunächstsollten wir nicht zu hastig an die Sache herangehen – die Dominosteinefallen bereits, in den Straßen von Jordanien, Algerien, Jemen undMauretanien kam es zu massiven Protesten. Ein Grund dafür, dass derAufstand sich mit solcher Kraft in der Bevölkerung entfaltet, liegt darin,dass die ägyptische Lebensform, und mit ihr jene vieler arabischsprachigenLänder, noch nicht vollständig durchkapitalisiert wurde. ZumBeispiel bezahlt man in vielen Fällen nur soviel, wie man "empfindet",dass für die entsprechenden Güter bezahlt werden sollte. Feilschen dientweniger der Maximierung der Mikro-Profite, als dem Zweck, einenbezahlbaren und ethischen Preis in einem Handel zu gewährleisten. DerWarenhandel an sich ist oft weniger wichtig als die sozialen Beziehungen,die in der Ware symbolisiert werden. Die kollektive Verantwortung undMacht der Familie verknüpft Menschen über Generationen hinweg, ganz★ 27 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________im Gegensatz zu den entfremdeten Individuen in den USA und weitenTeilen Europas. Das lebendige und öffentliche Leben auf den Straßen desNahen Ostens ist ein natürlicher Zündstoff für einen Aufstand.Aber lauern da nicht finstere Mächte auf ihren Moment? Es scheintunwahrscheinlich, denn die Proteste zielen viel mehr auf "Freiheit" als aufIslam, und jene, die religiöse Gesänge anstimmen wollen, werden wennnötig niedergebrüllt. Dies soll nicht heißen, dass die ÄgypterInnen keineMoslems sind – tatsächlich sind sie es – aber es gibt subtileUnterscheidungen. Der politische Islam ist so etwas wie die Tea-PartyÄgyptens, eine hierarchische religiöse Bewegung, der vor allem dieälteren und konservativen Generationen angehören; aber der Islamexistiert auch in anderen Formen, verbindet soziale Beziehungen undfördert eine kollektive Ethik. Man kann das islamische Gebot Almosen zugeben auch als Ritual der Vermeidung extremen Reichtums interpretieren."Allah" bezeichnet nicht notwendig einen Gott des Kommandos, derBegriff kann ebenso auf das Unsagbare verweisen, auf den unsichtbarenÜberschuss des Lebens, der sich einer Reduzierung verweigert und derkatastrophischen Nutzbarmachung von allem unter dem Imperativ desProfits widersteht.Es ist klar, dass in Ägypten auch ältere Strömungen als der Islam einigenEinfluss haben. Anders als in Europa oder den USA sind sich vieleÄgypterInnen ihrer Geschichte seit der Antike äußerst bewusst undempfinden eine tiefsitzende Scham über ihren derzeitigen verarmtenZustand. Die Würde und der Respekt, den sie sich inmitten des Aufstandsauf den Straßen gegenseitig bekunden, bezeugt, dass diese Revolutionkeine abstrakte ist, sondern verwurzelt im alltäglichen Leben. Die tiefeMetaphysik dieser Lebensformen stellt die subjektiven Voraussetzungenfür eine Transformation zur Verfügung.Der Kommunismus ist älter als Marx, so wie die Anarchie älter ist alsProudhon. Das Zeitalter der Revolutionen beginnt weder mit der PariserCommune, noch endet es mit dem Fall der Berliner Mauer. Da derKapitalismus heute die Erde umspannt, kann die gemeinsameZurückweisung des Kapitalismus, samt der Polizei, die ihn verteidigt, zujener einen Sache werden, die die Welt vereint. Der Kommunismus vonMarx war gefangen in der abstrakten Metaphysik der Ökonomie undvergiftet vom Missverständnis der vom Staat ausgehenden Gefahr, wasdie Revolutionen des frühen 20. Jahrhunderts sabotierte und zurKatastrophe des sowjetischen Staatskapitalismus führte.★ 28 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________Aber das Zeitalter der Revolutionen ist nicht vorbei, im Gegenteil. Ineinem Lied der Tuareg – "Die Erde ist unsere Mutter, wir werden sie nichtverkaufen" – können wir den Schimmer einer Form von Kommunismuserhaschen, die dem Kapital sehr viel fremder und feindlichergegenübersteht als irgendetwas von dem, was Lenin sich vorstellte. Vieleder Rufe nach "Freiheit" haben wenig zu tun mit der Freiheit, einenPräsidenten zu wählen oder sich Waren auf einem Markt auszusuchen,vielmehr schwingt darin das Verlangen mit nach einem Leben miterhobenem Haupt, ohne von irgendeinem Herrscher eingeschüchtert zuwerden. Dafür sind sie bereit zu sterben, sei es durch Selbstverbrennungoder zusammen auf der Straße.Schon jetzt kann man dieser Tage eine Resonanz außerhalb des NahenOstens wahrnehmen, ein starkes Bedürfnis nach einem gemeinsamenrevolutionären Ziel, nach etwas wahrhaft Universellem, das die Lücke zufüllen vermag, die der Kapitalismus hinterlassen hat. Die nationalistischenFahnen der Protestierenden waren taktisch effektiv, um die Armee zuverwirren, aber sie spiegeln auch einen Mangel an Kritik amBegriffsapparat von Staat und Kapital wieder. Indes die Bedingungen fürdie Revolution stimmen, sind die RevolutionärInnen über die letzten★ 29 ★


★ Die Revolution in Ägypten: Das Ende der neuen Pharaonen? ★_______________________________________dreißig Jahre im großen und Ganzen darin gescheitert, die Organisierungund Analyse zu schaffen und zu verbreiten, die notwendig ist, damit ausAufständen genuin anti-kapitalistische Revolutionen werden. Was brauchtes, damit Leute sich gewahr werden, dass ihre Nachbarschaftskommitteesnicht nur ein Mittel sind, um vorübergehend die Polizei zu ersetzen,sondern ein Vorgriff auf die Abschaffung aller Polizeien in allen Ländern?Kein Ereignis geschieht in einem Vakuum; Ereignisse entspringenkonkreten Bedingungen und folglich neigen sie dazu, in Wellenaufzutreten. Die Ereignisse in Ägypten zeigen, dass das Zentrum desrevolutionären Schwungs nicht länger "der Westen" ist. Die neue Zeit derRevolution wird ihre ersten Höhepunkte in Gebieten finden, in denen dieLebensbedingungen unerträglich werden und die Lebensweisen noch nichtvollständig vom Kapital kolonisiert wurden. Dennoch wäre es ein Fehler,darin lediglich den Abschluss der unvollendeten anti-kolonialen Revolte zusehen. Es ist etwas weitaus Größeres und Tieferes. Die Finanzkrise ist einZeichen dafür, dass der Kapitalismus auf dem absteigenden Ast ist. JeneBedingungen, die die Ereignisse in Ägypten herbeiführten, sind inrasantem Tempo dabei, zur universellen Bedingung überall auf demGlobus zu werden; was einen weiteren Revolutionszyklus bedeutet undmöglicherweise Krieg. Schließlich werden die gleichen Kräfte SaudiArabien, Europa, China und letztlich sogar die USA mit der Stärke einerFlutwelle treffen.Täuschen wir uns nicht, wir treten in eine Zeit der Revolten ein. DieseRevolten werden in ihrer konkreten Praxis den Kapitalismus zurückweisenund angreifen, selbst wenn die systematische Zerstörung frühererrevolutionärer Strömungen ein Vakuum hinterlassen hat. Es bleibt zuhoffen, dass die daran teilnehmenden Menschen erkennen werden, dassFreiheit ohne die Zerstörung von Staat und Kapital unmöglich ist und eineneue Generation revolutionärer Gedanken das Konzept der Revolution fürdie herauf dämmernden Zeiten erneuern wird. Wir sind heute an einemPunkt, an dem allen klar werden sollte, dass wir unser Leben selbstlenken können – dass der Staat ein historisches Fossil ist, das unszurückhält. Wie Ägypten zeigt, muss der Würgegriff von Staat und Kapitalin den Straßen gebrochen werden; im Laufe der nächsten Jahrzehntewerden die Ergebnisse dieses letzten Kampfes wahrscheinlich dasSchicksal der Menschheit selbst entscheiden.All power to the people!★ 30 ★


★ Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten ★_______________________________________★ Interview mit einem ägyptischen Anarcho-KommunistenQuelle: http://www.anarkismo.net/article/18744Original vom 04.02.11, englischÜbersetzung: Karakök AutonomeAutorIn : NEFAC International Secretary,North-Eastern Federation of AnarchistCommunistsWeb: http://www.nefac.netAudio:http://electricrnb.podomatic.com/entry/2011-02-03T00_56_54-08_00?xInterview edited by Anarkismo.netNidal Tahrir wurde vom internationalen Sekretär der NEFAC interviewtWie heisst du und aus welcher Bewegung kommst du?Ich heisse Nidal Tahrir [A.d.Ü.: Tahrir, arabisch für Befreiung – offenbaralso ein Pseudonym] von Black Flag, einer kleinen Gruppe vonAnarchokommunistinnen und -kommunisten in Ägypten.Die Welt schaut auf Ägypten, und ist dabei sogar solidarisch.. Dajedoch das Internet abgestellt wurde, ist es schwierig,Informationen zu finden. Kannst du mir sagen, was in der letztenWoche in Ägypten passiert ist? Wie bewertest du die Ereignisse?Die Entwicklungen in Ägypten sind jetzt an einem entscheidenden Punktangekommen. Es begann am 25. Januar mit einem Aufruf zu einem Tagder Wut gegen das Mubarak-Regime. Keiner hat so einen Aufruf von einerlocker zusammenarbeitenden Gruppe erwartet, von einer Facebook-Seitemit dem Namen "Wir sind alle Khalid Said", die nicht wirklich organisiertist. Khalid Said war ein ägyptischer Jugendlicher, der von Mubaraks Polizeiim letzten Sommer in Alexandria getötet wurde. An diesem Dienstag fingalles an, dieser Funke, der das Feuer zum Lodern brachte. Am Dienstaghatte es Demonstrationen auf den Strassen jeder ägyptischen Stadtgegeben, am Mittwoch begann das Massaker. Zuerst wurde am spätenDienstagabend versucht, die Sit-Ins auf dem Tahrir-Platz aufzulösen, undhielt am folgenden Tag an, insbesondere in Suez. Diese Stadt hat für dieÄgypterinnen und Ägypter einen besonderen Stellenwert, da sie 1956 und1967 das Zentrum des Widerstands gegen die israelische Armee war. Imselben Stadtteil, wo im Sechstagekrieg die Truppen von Scharonzurückgeschlagen wurden, hat Mubaraks Polizei ein Massaker begangen,★ 31 ★


★ Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten ★_______________________________________mit mindestens vier Toten und 100 Verletzten, mit Gasbomben,Gummigeschossen, scharfen Waffen, und einer merkwürdigen gelbenSubstanz, die über die Menschen geworfen wurde (vielleicht Senfgas).Freitag wurde Jumu'ah der Wut genannt. Jumu'ah heisst Freitag aufArabisch, das ist das Wochenende in Ägypten und in vielen islamischenLändern, das ist der heilige Tag des Islams, an dem die grossen Gebetestattfinden. Es war geplant, dass die Demonstrantinnen undDemonstranten nach dem Nachmittagsgebet losmarschieren. Die Polizeiversuchte, dies mit all ihrer Macht und Gewalt zu verhindern. Es gab vieleZusammenstösse in Kairo (in der Innenstadt und im weiter östlichgelegenen Mattareyah) sowie überall in Ägypten, insbesondere in Suez,Alexandria, Mahallah (eine Stadt im Nildelta, eines der Zentren derArbeiterInnenklasse). Von Mittag bis Sonnenuntergang demonstrierten dieMenschen in der Kairoer Innenstadt. Es gab ein Sit-In auf dem Tahrir-Platz, das bis zum Rücktritt des Mubarak-Regimes andauern sollte; eswurde eine Parole gerufen: “Die Bevölkerung verlangt den Rücktritt desRegimes”.Um den Sonnenuntergang herum, also um 17 Uhr Ortszeit, liess Mubarakeine Ausgangssperre ausrufen und beorderte die Armee in die ägyptischen★ 32 ★


★ Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten ★_______________________________________Städte. Nach der Ausgangssperre gab es einen von der Polizeiinszenierten Massenausbruch von Kriminellen und Gangstern, densogenannten Baltagayyah. Die Polizei plante, dass diese aus vielenägyptischen Gefängnissen entkommenen Kriminellen die ägyptischeBevölkerung einschüchtern sollten. Da keine Polizei vor Ort war, konntendie Einheiten der Armee die Strassen nicht kontrollieren, und die Leutebekamen tatsächlich Angst. In den ägyptischen Fernseh- undRadiosendern sowie in den Zeitungen wurde eine Lawine an Berichtenüber Plünderer in vielen Städten und über Diebe, die auf Menschenschiessen würden, losgetreten. Die Leute haben “Volkskomitees” gebildet,um jede Strasse zu sichern. Das Regime war natürlich zufrieden, dass dieBevölkerung wegen der Instabilität im Land verängstigt war, dies war aberauch ein Ausgangspunkt für uns, von dem aus wir ArbeiterInnenrätebilden konnten.Am Mittwoch gab es ja Zusammenstösse zwischen AnhängerInnenund GegnerInnen von Mubarak. Ist das so korrekt beschrieben?Wer sind diese “Mubarak-Anhänger”? Wie wirken sich dieseAuseinandersetzungen auf die Haltung der gewöhnlichenArbeiterInnen in Ägypten aus?Es ist völlig falsch, dies als Auseinandersetzungen zwischenAnhängerInnen und GegnerInnen von Mubarak zu beschreiben. Die„AnhängerInnen“ bestanden aus vielen Baltagayyah undGeheimdienstmitarbeitern, die die Demonstrantinnen und Demonstrantenauf dem Tahrir-Platz angriffen. Das ging erst nach Mubaraks gestrigerRede los, nach der Rede von Obama. Ich persönlich meine, dass Mubaraksich verhält wie der geschlachtete Ochse, der versucht, sein Blut überseine Schlachter zu spritzen. Der kommt sich vor wie Nero und möchtevor seinem Rücktritt Ägypten brennen sehen, damit die Leute glauben, ersei ein Garant für Sicherheit und Stabilität – und diese Taktik isterfolgreich: Gegen die Demonstrantinnen und Demonstranten auf demTahrir-Platz wurde eine heilige nationale Allianz ins Leben gerufen.Viele Menschen, insbesondere aus der Mittelklasse, meinen jetzt, dass dieDemonstrationen aufhören müssten, weil Ägypten abgefackelt worden seiund eine Hungersnot begonnen habe – was nicht stimmt und eine reineÜbertreibung ist. Jede Revolution hat ihre Probleme, und Mubarak nutztAngst und Terror, um im Sessel zu bleiben. Persönlich meine ich, selbstwenn die Protestierenden für diese Lage verantwortlich wären, müssteMubarak weg - er muss abhauen, wegen seiner Unfähigkeit, mit dermomentanen Situation umzugehen.★ 33 ★


★ Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten ★_______________________________________Was vermutest du wird in der nächsten Woche passieren?Inwieweit beeinflusst die Haltung der US-Regierung die Situationbei euch?Niemand kann sagen, was morgen oder nächste Woche geschieht.Mubarak ist ein sturer Idiot. Die ägyptischen Medien führen die grössteKampagne in ihrer Geschichte, um die Proteste am nächsten Freitag dem4. Februar, zu verhindern. Unter dem Motto “Freitag der Rettung” gibt esAufrufe für einen weiteren Marsch der Millionen zum Tahrir-Platz. DieHaltung der US-Regierung wirkt sich auf uns mehr aus als auf dieDemonstrationen. Mubarak ist ein Verräter, der fähig ist, sein ganzes Volkumzubringen, aber zu seinen Herren und Meistern Nein sagen kann ernicht.Wie haben sich klassenkämpferische Anarchistinnen undAnarchisten beteiligt? Wer sind ihre Verbündeten?Obwohl es einige Anarchistinnen und Anarchisten gibt, hat derAnarchismus in Ägypten keine breite Basis. Sie haben sich an denProtesten und den Volkskomitees beteiligt, die die Strassen gegen dieGangster verteidigen. Die ägyptischen Anarchistinnen und Anarchistensetzen einige Hoffnung in diese Räte. Ihre Verbündeten sind natürlich dieMarxistinnen und Marxisten. Es ist keine Zeit der ideologischen Debatten -die gesamte Linke ruft zur Einheit auf, streiten können wir später. DieAnarchistinnen und Anarchisten sind Teil der ägyptischen Linken.Welche Formen der Solidarität können zwischen denRevolutionären in Ägypten und denen im “Westen” aufgebautwerden? Was kann sofort getan werden und was langfristig?Das grösste Hindernis, mit dem die ägyptischen Revolutionäre konfrontiertsind, ist das Kappen der elektronischen Kommunikation. WestlicheRevolutionäre müssen auf ihre Regierungen Druck ausüben, damit sie dasägyptische Regime davon abbringen. Dies ist das einzig Machbare imMoment, aber niemand kann sagen, was langfristig passieren wird. Wenndie Revolution erfolgreich verläuft, müssen die westlichen RevolutionäreSolidarität mit ihren ägyptischen Genossinnen und Genossen gegen die zuerwartende Aggression der USA und Israel aufbauen. Wenn die Revolutionbesiegt wird, erwartet alle ägyptischen Revolutionäre ein Massaker.★ 34 ★


★ Interview mit einem ägyptischen Anarcho-Kommunisten ★_______________________________________Was sind die Hauptaufgaben, wenn Mubarak das Land verlässt?Gibt es da Planungen auf der Strasse? Was schlagen dieantikapitalistischen Revolutionäre vor?Was die Forderungen der Strasse anbelangt, ist jetzt die Hauptaufgabeeine neue Verfassung, eine provisorische Regierung und dann Neuwahlen.Es gibt dazu viele Pläne von vielen politischen Strömungen zu diesenThemen, insbesondere von der Muslim-Bruderschaft. Dieantikapitalistischen Revolutionäre sind in Kairo nicht sehr stark vertreten– die Kommunistinnen und Kommunisten, die demokratische Linke unddie Trotzkistinnen und Trotzkisten fordern ebenfalls eine neue Verfassungund Neuwahlen. Aber als Anarchistinnen und Anarchisten sind wirantikapitalistisch und auch gegen den Staat – wir werden versuchen, dieKomitees zu stärken, die sich gebildet haben, um die Strassen zu sichernund zu schützen, und möchten versuchen, die in richtige Räteumzuwandeln.Was möchtest du den Revolutionären im Ausland mitteilen?Liebe Genossinnen und Genossen überall in der Welt, wir brauchenSolidarität, eine grosse Solidaritätskampagne, dann wird die ägyptischeRevolution gewinnen.★ 35 ★


★ Erste Gedanken zu Ägypten ★_______________________________________★ Erste Gedanken zu ÄgyptenQuelle: http://www.anarkismo.net/article/18742Original vom 04.02.11, englischÜbersetzung: Libertäre Aktion WinterthurAutorIn : Jan MakandalWeb: http://www.anarkismo.netNur allzu oft versuchen wir in der Linken voreilig die objektive Realitätaufgrund dessen zu analysieren, was wir als den Ausdruck eines innerenWiderspruchs ansehen – ohne gründlich die inneren Faktoren zuuntersuchen, zu verstehen oder uns anzueignen, selbst auf der Ebene deswahrnehmenden Wissens.Theorie sollte nicht auf den Akt des Kommentierens oder Urteilens überEreignisse reduziert werden (selbst wenn dies die Analysemiteinschliesst), sondern sollte stattdessen der Prozess sein die objektiveRealität zu verstehen. In diesem Sinne sollte das Erzeugen von Theoriedem proletarischen Kampf dienen.Die Kämpfe in Tunesien und Ägypten, um nur einige der jüngstenVergangenheit zu nennen, sind nicht Revolutionen, oder präziser, habennicht die Phase der revolutionären Kämpfe erreicht, obwohl sie auf demWeg dazu sein könnten. Die Kämpfe befinden sich nach wie vor auf einerEbene des Forderns von populären demokratischen Reformen. Ein sehrschmaler Grat trennt sie von reformistischen Kämpfen. Folglich solltendiese Kämpfe eher als populäre, demokratische Aufstände denn alsRevolutionen angesehen werden. Dies verdeutlicht der Inhalt und dieNatur dieser Kämpfe, so wie deren Beschränkung. Ihre Absicht ist es, diebourgeoise Demokratie zu vergrössern.Die Grenzen sind bestimmt durch den Fakt, dass diese Kämpfe unter derFührung von Teilen der Bourgeoisie unternommen wurden, und wichtigernoch des Kleinbürgertums, auf welches sich die Bourgeoisie stützt, umihre Kontrolle über die Volksmassen zu garantieren und um jeglichenAusbau dieser Kämpfe zur Revolution zu verhindern.Diese Kämpfe, selbst in ihrer Beschränktheit, sind ein objektiverFortschritt gegenüber der vorherigen Ordnung und brauchen unsereUnterstützung. Wir müssen sie wegen der Einheit der objektivenInteressen des ägyptischen und des internationalen Proletariatsunterstützen.★ 36 ★


★ Erste Gedanken zu Ägypten ★_______________________________________Allerdings besteht für diese Kämpfe nach wie vor das Risiko, dass sie vonder herrschenden Klasse in Beschlag genommen werden könnten. Nur dieautonome Präsenz der Volksmassen, speziell der Arbeiterklasse, wird a)darüber Ausschlag geben, wie weit die Forderungen getrieben werdenkönnen, und b) über die Fortsetzung der Kämpfe bis zur wirklichenBesiegung der herrschenden Klassen und des Imperialismus bestimmen.Es wird für uns - undogmatisch und von einer nicht ultra-linken Positionaus - wichtig sein, zu vermeiden, dass diese Kämpfe mit Revolutionenvermischt werden, oder dass daraus geschlossen wird, dass es Siege sindund auf diese Weise ihr eigentlicher Effekt gedämpft wird.Diktatur ist die Fähigkeit einer Klasse, ihre Herrschaft innerhalb einerbestimmten sozialen Struktur zu reproduzieren. Die herrschenden Klassenbenutzen den Staatsapparat als politisches Instrument, um ihreHerrschaft zu verwalten, zu steuern und zu regulieren.Der anti-diktatorische Kampf sollte sich nicht auf eine bestimmte Personfokussieren, sondern auf die herrschenden Klassen. Daher ist es wichtig,den Staatsapparat nicht mit der Regierung zu verwechseln. DerStaatsapparat ist die Maschine der Repression, die Regierung das Zentrumdieser Maschinerie. Wahlen zielen darauf ab, den herrschenden Klassen zuermöglichen, den Staatsapparat durch den Wechsel der Regierung zuerneuern; zur Beibehaltung ihrer Macht kann diese Erneuerung notwendigsein.★ 37 ★


★ Erste Gedanken zu Ägypten ★_______________________________________In gewissem Sinne regulieren sie ständig die bourgeoise Demokratie.Selbstverständlich ist das relativ in Bezug auf die Stärke der bourgeoisenHerrschaftsstruktur und der Art ihres internen [Macht-]Kampfes, sowieauch der Fähigkeit, im Angesicht von Volksaufständen undimperialistischen Eingriffen, an der Macht zu bleiben.In einigen Beispielen bourgeoiser Demokratie begegnen wir Periodenbesonders extremer Ausformungen wie der Autokratie und demFaschismus. Selbst in diesen Fällen sollten wir nicht die Bäume mit demWald verwechseln. Der Wald sind immer die herrschenden Klassen. DieBäume sind diese besonderen Formen, die Macht annimmt, oder einzelneRepräsentationsfiguren.Wenn wir sie verwechseln, müssen wir irgendeinen der folgenden Fehlermachen:1. Diese Kämpfe als Revolutionen zu sehen und zu folgern, dass sie[proletarische] Siege sind2. Zu einer Einheitsfront aufrufen3. Unsere Unterstützung auf den Regierungswechsel zu beschränken,und so, selbst wenn sie den Massen einige Rechte zugestehen, dieRestrukturierung innerhalb der herrschenden Klasse zuzulassen.4. Durch den Reformismus komplett überrumpelt werden5. Gegen die objektiven Interessen der Arbeiterklasse vorgehen.Seit Nasser hat sich eine bürokratische Bourgeoisie innerhalb dieserGesellschaft gefestigt – ein Problem, mit dem die National LiberationMovement (und auch andere) konfrontiert wurde. Die bürokratischeBourgeoisie hat eine Tendenz zur Autokratie. In den meisten der besagtensozialen Gebilden ist es der Teil der Bourgeoisie, der, in seinem eigenenInteresse und dem Interesse der herrschenden Klassen, hegemonialepolitische Macht besitzt.Zwei Arten des Kampfes treten momentan in Ägypten, sowie in vielenanderen Gesellschaften (jede natürlich mit ihren eigenen Besonderheiten)auf: Der Kampf zwischen den Volksmassen und den herrschenden Klassenund der Kampf zwischen den verschiedenen Fraktionen innerhalb derherrschenden Klasse, um politische Kontrolle und die besten Beziehungenmit den imperialistischen Mächten.★ 38 ★


★ Erste Gedanken zu Ägypten ★_______________________________________Wenn wir diese Kämpfe analysieren, sollten wir einige Punkte beachten:1. Es gibt einen ständigen Kampf unter den herrschenden Klassen, diebourgeoise Demokratie zu restrukturieren, insbesondere wenn sieautokratisch von einer Fraktion geführt wird und alle Macht in denHänden einer einzelnen Person liegt.2. In den meisten Fällen dieser Art der sozialen Struktur ist die sozialeBasis der bürokratischen Bourgeoisie die Armee oder Teile der Armeeund/oder die übliche Struktur des Repressionsapparates. Sadat undMubarak waren Armeegeneräle. In den meisten Fällen handeln dieArmee oder gewisse Teile der Armee als die politische Organisationder bürokratischen bourgeoisen Fraktion. Ein Bereich der Armeekönnte unter der Führung dieses Teils der Bourgeoisie und im Dienstdes Imperialismus stehen oder er könnte feudalen Grundbesitzerndienen – dies ist jedoch nicht endgültig geklärt. Um die Rolle derArmee zu verstehen, müssen wir diese Gegebenheiten weiteranalysieren.3. Diejenigen Teile der Bourgeoisie, welche gegen die bürokratischeBourgeoisie (welche von Mubarak angeführt wurde) handeln, sindnicht progressiv und sollten nicht als Verbündete des Volkes gesehenwerden. Die Widersprüche zwischen diesen beiden sind sekundäreWidersprüche, welche derzeit antagonistisch gelöst werden. DieBourgeoisie als Machtblock ist vollkommen pro-imperialistisch. Baldnach Nasser machte die imperialistische politische Linie innerhalb derägyptischen sozialen Struktur substantielle Gewinne. Zum Beispiel:Die Imperialisten begünstigten mit ihrer Hilfe die Bildung einerbürokratischen Bourgeoisie, untergruben Nassers kleinbürgerlichenNationalismus und schwächten die nationale Bourgeoisie. Es brauchtweitere eingehende Analysen um die vollständige Auswirkung dieserpolitischen Linie zu verstehen.4. Ägyptens Rolle in der Unterstützung des Imperialismus im MittlerenOsten ist erheblich, vor allem in Bezug auf Israel. Dies fördert auchdie Entwicklung einer speziell ultra-reaktionären, feudalistischen,islamistischen Tendenz, wie wir es in anderen Gesellschaften imMittleren Osten gesehen haben.★ 39 ★


★ Erste Gedanken zu Ägypten ★_______________________________________5. Der Kampf zwischen den herrschenden Klassen ist ausschliesslich imInteresse dieser Klassen, selbst wenn dem Volk einigeZugeständnisse gemacht werden. Wahre Befreiung hängt von derAutonomie der Massen ab, und deren Unabhängigkeit von der unddem Widerstand gegen die Bourgeoisie.6. Die Teile der herrschenden Klassen gegen die Vorherrschaft derbürokratischen Bourgeoisie neigen generell dazu, sich desKleinbürgertums zu bedienen, um das Volk zu beeinflussen und dasVertiefen der sozialen Widersprüche zu begrenzen und zuverhindern, was einen Übergang von einem Aufstand zu einemrevolutionären Kampf erlauben würden. Das Kleinbürgertumpräsentiert normalerweise die eigenen Forderungen als dieForderungen des Volkes (im speziellen der Arbeiterklasse); so wirdder Kampf durch Populismus, Opportunismus undKlassenkollaboration ertränkt.7. Der Volksaufstand wird abhängig von der Fähigkeit den Einflussesder Teile der herrschenden Klassen und Imperialisten, welche sich alsGegner der bürokratischen Bourgeoisie präsentieren, zu begrenzen,fortschreiten.8. Imperialistische Politik ist in den letzten vierzig Jahren in hohemMasse gereift. Die Praxis der unilateralen Unterstützung fürAutokraten ist vorüber; jetzt verlassen sich Imperialisten auf beideLager und passen sich der Lage an, wenn eine Situation sich ändert.Imperialismus muss unmissverständlich verurteilt werden.9. Wir sollten nicht einfach auf populistische Weise reagieren. Wirmüssen darauf aufmerksam machen, dass die Situationen inTunesien, Ägypten und anderswo das Scheitern des Kapitalismus undNeo-Liberalismus repräsentieren.Die Forderungen des Volkes basieren auf grundlegendenKlasseninteressen. Wir müssen ihren Klassengehalt verstehen, umunseren antikapitalistischen Kampf auf allen Ebenen zu verfolgen und umdiese Volkskämpfe aus einer anti-imperialistischen/antikapitalistischenPerspektive heraus zu unterstützen.Was der Volksaufstand erreichen wird, wird von den Beziehungen derMacht in den kommenden Tagen abhängen. Je mehr der Kampf behindertwird, desto mehr wird der Ausgang die Interessen der Bourgeoisie alsMachtblock und des Imperialismus begünstigen. Selbst wenn die★ 40 ★


★ Erste Gedanken zu Ägypten ★_______________________________________bürokratische Bourgeoisie durch die Manöver der Imperialistendurchgeschüttelt wird, ist die Wahrscheinlichkeit, die Kontrollewiederzuerlangen, für die bürokratische Bourgeoisie und den Block derherrschenden Klassen bei weitem grösser als die Wahrscheinlichkeit einesSieges durch irgendeine autonome Volksalternative.Wir müssen Analysen dieser Situationen entwickeln und anbieten undmögliche negative Auswirkungen der blinden Unterstützung vermeiden,welche dem niedrigen Niveau des Klassenbewusstseins und -kampfes inden USA entspringt.Dies sind einige erste Gedanken die im Kontext der generellenUnterstützung des Aufstands in Ägypten berücksichtigt werden müssen.★ 41 ★


★ Die arabische Revolution: Vom Aufstand zur Macht des Volkes ★_______________________________________★ Die arabische Revolution: Vom Aufstand zurMacht des VolkesQuelle: http://www.anarkismo.net/article/18767Original vom 09.02.11, französischÜbersetzung: Libertäre Aktion WinterthurAutorIn : Organisation Socialiste Libertaire (OSL)Web: http://rebellion.ch/Der Aufstand des ägyptischen Volkes liefert dem Regime Mubarak und derHerrschaft des globalisierten Kapitalismus eine schwereAuseinandersetzung. Alle Mächte greifen in die Vorgänge in Ägypten ein,um ihre politisch-militärischen und ökonomischen Interessen zu wahren.Um das zu schaffen, müssen sie die Proteste ausbremsen, die staatlicheHerrschaft so stark wie möglich erhalten und den Elan des sozialen unddemokratischen Kampfes brechen. Im Speziellen müssen sie die sozialenAnsprüchen von den Forderungen nach Demokratie trennen und diegesamte Bewegung in den Rahmen einer "Delegationspolitik" pressen, diedie Institutionen in Teilen erneuert, ohne die zentralen Mechanismen derAusbeutungsgesellschaft anzutasten.Soziale und demokratische RevolutionenDie Aufstände der arabischen Bevölkerung sind sicherlich demokratischeRevolutionen - tatsächlich demokratische, denn sie fordern undpraktizieren die Macht des Volkes. Es sind auch soziale Revolutionen, denndie zahlreichen Akteurinnen und Akteure dieses Protests beabsichtigen,die Gesellschaft tiefgreifend zu ändern, den Reichtum anders aufzuteilenund mehr Gerechtigkeit und soziale Gleichheit durchzusetzen.Die arabischen Aufstände sind ebenso Ausdruck der offensichtlichenForderung nach der Emanzipation der Frauen und radikaler Gleichheitzwischen Mann und Frau. Nichts von dem allem kann erreicht werdenohne eine autonome Organisierung der Bewegung des Volkes, welche dieGesamtheit der ökonomischen, sozialen und politischen Ordnung wirdangreifen müssen.Themen, Widersprüche und Fragen des KampfesDie Diktaturen setzen Formen brutaler und willkürlicher Macht ein, welcheden überwiegenden Teil der Gesellschaft unterjochen. Sie üben eineteilweise Enteignung gegen mitunter zum Kampf entschiedene Fraktionen★ 42 ★


★ Die arabische Revolution: Vom Aufstand zur Macht des Volkes ★_______________________________________der Bourgeoisie aus. Sie verkörpern eine mafiaähnliche Herrschaft, einenverbrecherischen Kapitalismus. In der Eigenschaft als sie Diktaturenbekämpfen, welche diese besonders brutale und ausplündernde Art vonHerrschaft ausüben, greifen Teile der Bourgeoisie und ihre politischenEliten in den antidiktatorischen Kampf ein. Die Aufstände des Volkesvereinigen eine bestimmte Anzahl an Gruppen, Klassen und Sektoren, diezwar einig in ihrem Kampf gegen die Diktatur sind, doch sich zueinanderstark widersprüchlich verhalten. Die Aufstände führten insbesondere zurTeilnahme eines mächtigen, präkarisierten intellektuellen Proletariats ander Seite der armen Massen und der traditionellen Arbeiterinnen- undArbeiterschaft.Die HeuchlerInnen und die Vergesslichen tun so, als ob sie dieVerbindungen, welche die aktuellen Kämpfe mit denjenigen, die ihnenvorhergegangen sind - insbesondere die Protestbewegung im Iran 2009 -,nicht kennen würden. Tatsächlich handelt es sich um denselbenKampfzyklus. Die ökonomischen, politischen und theokratischen Kräftedes Bürgertums kämpfen um die Wiederherstellung des Staates, dieReformierung des Kapitalismus und die Neugestaltung der internationalenBeziehungen. In einem Wort, diese Kräfte sind bestrebt, die Macht ineinem reformierten Staat zu übernehmen. Sie verfolgen weder dieselbenZiele noch entwickeln sie dieselben Praktiken wie die radikalsten Teile derVolksbewegung.Alle Teile, die heute an einer Politik der Befreiung und Emanzipationinteressiert sind, haben einen langen Weg vor sich, um ihre Ziele zuerreichen. Aber der Eröffnungsakt der arabischen Revolutionen schafftveränderte Bedingungen, um eine solche Politik zwischen dem Iran unddem Maghreb mit ganz neuer Schlagkraft zu schmieden. Die Aufständevon heute führen eine grosse Anzahl an kleineren und weniger bekanntengesellschaftlichen und politischen Kämpfen weiter: Streiks,Hungerrevolten, Aktionen für die Anerkennung von Grundrechten,Frauenkämpfe, Mobilisierungen von HochschulabsolventInnen, Errichtungvon unabhängigen syndikalistischen und sozialen Organisationen. Deraktuelle revolutionäre Prozess bedeutet nicht bloss eine Fortsetzung vondiesen Kämpfen, sondern, mit seiner Tiefe, seiner Neuheit und seinemAusmass, ein qualitativer Sprung.Zäsur, Bruch, ErschaffungVon dieser historischen Zäsur ausgehend wird sich der Kampf in Zukunftentfalten und fortschreiten. Es ist entscheidend, dass in dieser Periode,wo noch alles auf dem Spiel steht, die Volksaufstände so viel wie möglich★ 43 ★


★ Die arabische Revolution: Vom Aufstand zur Macht des Volkes ★_______________________________________einfordern: Materielle Ansprüche, demokratische Räume, Fortschritte inder Emanzipation von allen Unterworfenen, eine neue Ausgangssituationin der Verteilung des Reichtums. Ebenso wichtig ist, dass die sich inBewegung befindenden Teile der Gesellschaft mit einer anderen Art, Politikzu machen, Erfahrungen sammeln - mit der einzigen Art, die eine Politikder Befreiung verwirklicht. Schliesslich ist von ungemeiner Bedeutung,dass die Stellvertreterpolitik praktisch und theoretisch abgelehnt und soweit wie möglich durch aktuelle Erfahrungen von Direkter Aktion,Selbstorganisation und Basisdemokratie ersetzt wird.Auf dieser Basis ist es möglich, auf lange Sicht eine grosse Bewegungaufzubauen, die den Kampf gegen das System der Herrschaft undAusbeutung aufnehmen kann, und zu präzisieren, welches dierevolutionären Ziele sind und wie diese über einen blossenRegierungswechsel, Verfassungsänderungen oder Erneuerungen derpolitischen Strukturen, die heute zur Ausbremsung der sozialen unddemokratischen arabischen Revolutionen angewandt werden,hinausweisen.Alles ist möglichBereits jetzt konstituieren und konsolidieren sich zwischen dem Iran unddem Maghreb auf sozialem und politischem, anti-patriarchalem, radikaloderdirekt-demokratischem Terrain unabhängige gesellschaftliche Formender zeitweisen oder permanenten Organisierung. Kerne libertärer oderrätekommunistischer Strukturen existieren in all diesen Ländern. Siestellen heute in ihrer ganzen Breite die Frage nach einer Politik derBefreiung, die auf der direkten gesellschaftlichen Aktion basiert.Organisation Socialiste Libertaire★ 44 ★

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine