„ICH HABE MIT DEN TSCHECHEN STUDIERT“:

jfsl.de

„ICH HABE MIT DEN TSCHECHEN STUDIERT“:

[ jfsl.doc ] – http://jfsl.de/publikationen/2005/Colombi.htmIn dieses Panorama muss jetzt Stuparich gesetzt werden: Was für eine Position hatte er? DieseFrage bringt uns zur Bedeutung des Werkes La nazione czeca. Dieser Essay ist StuparichsAntwort auf die Probleme des Reiches und Triests, Ausdruck vor allem seiner politischenMeinung. Schon während des Gymnasiums hatte Stuparich die Treffen der italienischenSozialisten und Republikaner besucht: Beide Gruppen waren demokratisch, aber dieSozialisten setzten sich für ein österreichisches Triest ein, die Republikaner für ein italienisches.Stuparich fand sowohl die italienische Kultur Triests als auch seinenKosmopolitismus und die Präsenz der Slowenen sehr wichtig für die Identität der Stadt, deswegeninteressierte er sich für die politischen Auffassungen der beiden Gruppen. Er standallerdings den Sozialisten näher: Seiner Meinung nach hätte das Reich der beste Staat Europaswerden können, wenn es reformiert worden wäre: ein Beispiel des Zusammenlebens undder Zusammenarbeit unterschiedlicher Völker für ganz Europa. Diese Idee war jedoch ziemlichabstrakt, da der junge Stuparich immer nur in Triest gelebt hatte und keine direktenErfahrungen mit anderen Ländern des Reiches hatte. Im Jahre 1912 kommt es aber zu einerWende für Stuparich: Er fährt nach Prag um an der deutschen Universität der Stadt zu studieren.Das gibt ihm die Möglichkeit einen anderen Teil des Reiches kennen zu lernen. DieseErfahrung ist für ihn entscheidend: Stuparich interessiert sich für die tschechische Kultur undgewinnt auch Basiskenntnisse der Sprache. Es liegt in seinem Interesse zu verstehen, wie dieTschechen gegenüber dem Reich eingestellt sind und er will ihre Geschichte, ihre Kultur undihre Gesellschaft der Geschichte, Kultur und Gesellschaft der Triester Italiener gegenüberstellen.Je besser Giani Stuparich die tschechische Welt kennt, desto mehr ist er davonüberzeugt, dass Tschechien ein Vorbild für alle anderen Länder des Reiches sein muss (Bertacchini1968, 22f.). Um sich mit diesem Vorbild vertrauter zu machen und um seineErkenntnis in Triest und Italien zu verbreiten, schreibt der junge Schriftsteller La nazioneczeca. Die Geschichte der Tschechen im 19. Jahrhundert wird in seinem Essay als dieGeschichte eines politisch und moralisch positiv zu bewertenden risorgimento (Wiedergeburt)par exellence dargestellt: Nach Stuparich hat das tschechische obrození (Wiedergeburt) dengroßen Vorzug niemals extrem gewesen zu sein. Die Mäßigung, der Ausgleich des tschechischenobrození hat für Stuparich zwei Hauptcharakteristika:1) Die Tschechen haben ihre alte Geschichte und Literatur wiederentdeckt, ohne dass dieErinnerung an Jan Hus oder an Jan Amos Komenský sich in einen Nationalkult verwandelthabe. Die Tschechen nahmen immer noch an, dass die deutsche Kultur der Aufklärung undder Romantik eine große Rolle in der eigenen Kultur gespielt habe und dass das Werk vonJosef Dobrovský oder František Palacký ohne ihre Kenntnis der deutschen Geisteswissenschaftler,z.B. von Immanuel Kant (Stuparich 1922, 87) nie möglich gewesen wäre.2) Die Tschechen haben das Recht auf eine autonome Politik wohl beansprucht, aber ohne zuübertreiben: Sie haben nicht auf den russischen Panslavismus vertraut, weil er ihnen zu imperialistischerschien. Sie haben wenig daran gedacht, dass die Slawen die größte MachtEuropas werden müssten. Sie haben verstanden, dass Österreich eine große Rolle in Europaspielt, indem es die mächtigeren Staaten Deutschland und Russland hindert zu stark zu werdenund ganz Mitteleuropa zu erobern. Infolgedessen haben sie die beste Politik gegenüberdem Reich geführt: Manchmal mit politischer Obstruktion, manchmal mit Zusammenarbeitmit den Institutionen haben sie versucht das Reich demokratischer und moderner zu machen.Die Mladočeská strana (Jungtschechische Partei) kämpfte im Parlament, damit Laienschulenerlaubt wurden und das allgemeine Wahlrecht genehmigt wurde und das nicht nur in Tschechien,sondern im ganzen Reich, weil die Tschechen wussten, dass je moderner das ganzejeden Fall spiegeln ihre Komplexität und ihre Vielfältigkeit die verzwickte Beziehung von Kosmopolitismus undInternationalismus in Triest wider.5

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine