Predigten Pastor Moser 2011 - Alsterbund

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Predigten Pastor Moser 2011 - Alsterbund

Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 1. Sonntag nach Epiphanias09. Januar 2011Predigttext: Matthäus 4,12-17:Als nun Jesus hörte, dass Johannes gefangen gesetzt worden war, zog er sich nach Galiläazurück. Und er verließ Nazareth, kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt im Gebietvon Sebulon und Naftali, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, derda spricht (Jesaja 8,23; 9,1): "Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer,das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hatein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist einLicht aufgegangen." Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreichist nahe herbeigekommen!Liebe Gemeinde!Weihnachten ist gerade erst vorbei, da werden wir schon in den rauen Alltag gestoßen. Ebenhaben wir den „holden Knaben im lockigen Haar“ besungen, jetzt müssen wir uns schon demerwachsenen, wortgewaltigen Prediger stellen. Tatsächlich muten uns die Lesungen einengewaltigen Zeitsprung zu. Wir erfahren nichts vom Kind Jesus oder einem jugendlichen Jesus.Die Theologie spricht bezeichnenderweise von den „verborgenen Jahren“ Jesu. Stattdessenwerden wir gleich in den Beginn seines Wirkens gestellt. Jesus hat sich der Bewegungum den Wüstenprediger Johannes angeschossen, er lässt sich von ihm taufen undnimmt seinen Ruf zur Buße auf.Aber das ist nur der erste, äußere Eindruck. für Matthäus passiert mehr. Er setzt über denBeginn des Wirkens Jesu ein altes Prophetenwort: „Das Volk, das in Finsternis saß, hat eingroßes Licht gesehen, und die am Ort und im Schatten des Todes saßen, denen ist ein Lichtaufgegangen.“ Hier zeigt sich, dass Weihnachten nicht nur ein Traum war, auch nicht nur einkurzes Highlight. Mit Weihnachten hat etwas Neues angefangen. Das Licht des Festeskommt in den finsteren Alltag. Gottes Licht macht die dunkle Welt hell.Viele gibt es, die „in Finsternis“ sitzen, viel mehr als wir oft ahnen. Und auch mancher, beidem auf den ersten Blick alles in Ordnung scheint, ist nah dran „am Ort und im Schatten desTodes“. Menschen, die in Finsternis sitzen – das sind jene, denen das Leben Schweres zugemutethat. Sie haben viel tragen und ertragen müssen, haben vielleicht einen lieben Menschenverloren oder sind bitter enttäuscht worden oder quälen sich mit einer Krankheit oderdem Gefühl, nutzlos zu sein. So gehen viele gebeugt, müde und traurig durchs Leben undfragen sich zuweilen, wozu und was das alles überhaupt noch soll. Etliche „sitzen“ tatsächlich„in der Finsternis“ – im wörtlichen Sinne, einfach weil die Energie fehlt, aufzustehen undein neues Leben anzufangen; mit der Energie fehlt auch die nötige Zuversicht.Aber mit dem Prophetenzitat will Matthäus sagen: Das muss nicht mehr so sein, seit Jesusda ist. Jesus ist gerade den Menschen ein Licht, die „in Finsternis sitzen“; vielleicht nur einerstes und kleines Licht, aber doch so, dass die Finsternis durchbrochen ist und ihre Machtnicht mehr ausüben kann.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 09.01.11Drei Lichter, die Jesus gesetzt hat, möchte ich noch einmal mit Ihnen anzünden. Vielleichtwerden sie manchem unter uns heute zum Licht in der Dunkelheit.Das erste Licht sehe ich in der Art der Begegnung mit anderen. Er geht an keinem achtlosund gleichgültig vorbei. Gerade denen, sie in Finsternis sitzen, wendet er sich besonders zu– seien es Blinde, Gelähmte, Aussätzige oder (aus welchem Grund auch immer) Ausgestoßene.Menschen, die an den Rand der Gemeinschaft gedrängt wurden oder sich gar außerhalbder Gemeinschaft befinden, gilt seine besondere Aufmerksamkeit. Das ist das erstekleine Licht, das der Finsternis ihre Macht nimmt: die persönliche Zuwendung zu denen. diesonst keinen mehr haben.Daran hat sich bis heute nichts geändert. Unser Besuchsdienst kann ein Lied davon singenoder auch der, der offenen Auges seine Nachbarschaft wahrnimmt und bereit ist, etwas mehrzu geben als den flüchtigen Gruß im Treppenhaus. Da wird das Licht sichtbar – im wörtlichenSinne: das Gesicht „hellt“ sich auf (wie wir sagen); der Mensch, dem ich mich persönlich zuwende,richtet sich auf; er kann einen „Lichtblick“ erleben.„Dir ist vergeben!“ – Das ist das zweite Licht, das von Jesus angezündet worden ist. Ob beider Sünderin, die gesteinigt werden soll oder bei Zachäus, der sich als Zöllner bereichert hatbis hin zum Schächer am Kreuz, der sich im letzten Atemzug zu Jesus bekennt und seineTaten bereut, immer wieder zeigt Jesus die macht der Vergebung. Vergebung ist das Licht,das der Finsternis der Schuld die Macht nimmt. In den Begegnungen mit Jesus macht dasWort der Vergebung das Leben der Betroffenen tatsächlich neu und hell; es leitet radikaleLebenswenden ein. Aber schon überall da, wo Menschen einander die Hand der Versöhnungreichen und wenigstens ein paar Schritte aufeinander zugehen, wird es heller. Wenneiner sagen kann: „Du hast mir wehgetan, aber ich möchte nicht, dass unsere Beziehungdarüber zerbricht; ich vergebe dir“ geht ein Licht auf von dem, was Jesus für uns wollte.Das dritte Licht sehe ich in dem Ruf Jesu: „Tut Buße; denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“Den meisten wird es wohl an diesem Punkt am schwersten fallen, ein Licht zuerkennen. Mit Buße verbinden wir eher etwas Dunkles als etwas Gutes und Heilvolles. Jesusaber will der Buße das Bedrohliche nehmen. Er nimmt die Menschen ernst, insofern lädt ersie ein und will sie überzeugen, keineswegs aber zu etwas zwingen. Als der reiche Jünglingvon Jesus zu hören bekommt, dass es der Reichtum ist, der ihn gefangen hält und er sichdavon trennen soll, dreht er sich um und geht traurig davon. Er hat das Licht zwar für einenMoment gesehen, aber dann doch nicht zu einem Leuchtturm für ein neues Leben werdenlassen.Ganz anders Martin Luther. Für ihn ist die Buße das erste und wichtigste Lichtzeichen imLeben. Die erste seiner 95 Thesen lautet: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht:Tut Buße!, so hat er gewollt, dass alles Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Das gilt für dasLeben des Einzelnen wie für das Leben der Kirche als ganze. Erinnern wir uns: Luther hatteüberhaupt nicht die Absicht, eine eigene Kirche zu gründen. Er glaubte durchaus an die Kraftder Reformen und hielt seine, die eine katholische Kirche für durchaus imstande, sich durcheinschneidende Reformen von Grund auf zu ändern. Und tatsächlich sah es eine zeitlang soaus, als könne genau das geschehen. Heute wird das Zeitalter der Reformation meist nurnoch als harte Frontstellung gesehen zwischen der katholischen Kirche einerseits und denReformwilligen um Luther andererseits.Dabei wird aber übersehen, dass wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag in Rom einPapst an die Macht kam, der genau wie Luther die Buße als wichtigstes Glaubenselementsah, und zwar auch für die Kirche als ganze. Es war Papst Hadrian VI, der damit 1523 vielAufsehen erregte. Er gab ein Schuldbekenntnis ab, indem er verkündete, dass an der Zerspaltung,am ganzen Elend der Christenheit und der Kirche die Geistlichkeit, die Priester, diePrälaten und der römische Stuhl die Schuld trügen; hier sei Buße zu tun, hier müsse die Umkehrbeginnen.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 09.01.11Man stelle sich nur einmal vor, was es bedeutet hätte, wenn dieser Aufforderung des PapstesFolge geleistet wäre. Kein Auseinanderbrechen der Christenheit, keine Ketzerinquisition,keine Gegenreformation, kein dreißigjähriger Krieg …, stattdessen eine geeinte Christenheit.Ja, diese Kraft kann echte Buße entfesseln.Zugleich wird damit deutlich, dass Buße viel mehr ist als Selbstbesinnung oder eine Artfromme Übung des Einzelnen. Wenn wir als Kinder unartig waren, wurden wir auf unserZimmer geschickt mit der Aufforderung: „Geh mal in dich.“ Viel kam in der Regel dabei nichtraus. Der Rückzug in den Schmollwinkel bringt nicht wirklich Veränderung, bestenfalls Beschämung.Wenn Jesus dagegen von Buße spricht, steht im Neuen Testament ein Wort, dasman wörtlich mit „Umdrehen des Denkens“ übersetzen müsste, und das meint es tatsächlich:alles in dir wird umgekrempelt; das Unterste zu oberst gekehrt; alles, was bislang gültig undselbstverständlich war, wird gründlich geprüft. Das ist ein mühsamer und schmerzhafter Prozess.Am Ende steht ein neuer Mensch mit einem neuen Weg. Das ist Umkehr.Den meisten von uns ist das (in dieser extremen Form jedenfalls) sehr fremd. Gut bekanntaber ist es den Kollegen, die als Seelsorger im Strafvollzug arbeiten. Sie berichten, dass diemeisten Inhaftierten hartnäckig daran festhalten, unschuldig zu sein oder viel weniger schuldigals im Urteil behauptet. Mit ihnen ist ein Neuanfang nicht möglich. Der wird erst dannmöglich, wenn ein Schuldeingeständnis da ist, echte Buße und der Wille, sich ganz neu auszurichten.Von uns ist keiner inhaftiert, und doch stellt Jesus die Frage: „Worin bist du gefangen?“ Ü-berlege, prüfe, was dich hindert, deinen Glauben frei zu leben. Angst um die Zukunft vielleicht;Neid oder Geiz, alte, offene Rechnungen mit denen, die dir wehgetan haben … SolcheGefängnisse kann es eine Menge geben. An uns selbst aber liegt es, das herauszufinden.Das dritte Licht ist es, das uns den Weg ins neue Leben zeigt.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 3. Sonntag nach Epiphanias23. Januar 2011Predigttext: Johannes 4,46-54:Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Undes war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum. Dieser hörte,dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommenund seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank. Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihrnicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht. Der Mann sprach zu ihm: Herr, kommherab, ehe mein Kind stirbt! Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Menschglaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin. Und während er hinabging, begegnetenihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt. Da erforschte er von ihnen die Stunde,in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebenteStunde verließ ihn das Fieber. Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zuihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause. Das ist nun daszweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.Liebe Gemeinde!Wenn wir vom biblischen Ort Kana hören, denken wir sofort ans erste Wunder Jesu, vondem Johannes berichtet: an das Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana. Auch heute Morgengeht es um ein Wunder zu Kana, allerdings in deutlicher Steigerung gegenüber dem ersten.Es geht nicht mehr um leere Wein- und Wasserkrüge und die Rettung eines Festes; hiergeht es um Leben und Tod. Da ist wohl jeder fasziniert, wenn er hört, dass ein todkrankerJunge gerettet wird, zumal in einer Art „Fernheilung“. Aber merkwürdig: Dieses Kind bleibtganz im Hintergrund, selbst die wunderbare Heilung findet erst ganz am Ende und eher nebenbeiErwähnung. Johannes stellt etwas anderes in den Mittelpunkt: Den Vater des Jungenund seine Begegnung mit Jesus. Hier berichtet er genau, lässt kein Detail aus.Als königlicher Beamter wird er uns vorgestellt, freilich in ganz untypischem Gebaren. Der,der sonst Befehle gibt, wird hier selbst zum Bittsteller. Der, der sonst Boten in die Weltschickt, macht sich hier selbst auf den Weg – zudem einen äußerst beschwerlichen (immerhineine Tagesreise vom See Genezareth hinauf ins Gebirge). Was ihn dazu treibt, istschnell klar. Es ist das, was wir „Mut der Verzweiflung“ nennen oder auch die „Kraft der letztenHoffnung“. Alles wird er schon versucht haben, seinen Sohn zu retten, und auch an dennötigen finanziellen Mitteln wird es ihm, dem königlichen Beamten, nicht gemangelt haben.Aber alles ist umsonst! Der Zustand des Sohnes hat sich weiter verschlechtert. Jetzt folgt ereinem letzten Impuls. Er hat vom Ruf Jesu gehört, einem Gottesmann, dem Großes gelingt.Dem will er nachgehen.Ich will an dieser Stelle mal vom „Notglauben“ sprechen; denn genau das ist es, worauf Johannesunser Augenmerk lenken will.Jesus ist davon alles andere als begeistert. Er hat genug von den Menschen, die irgendwelcheZeichen oder gar Wunder von ihm erwarten, bevor sie sich ihm und seiner Botschaft


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 23.01.11öffnen. Seine Antwort an den Vater erschreckt uns. Erkennt er denn nicht, in welch großerNot der sich befindet? Wie kann er ihn so rüde und rücksichtslos abfertigen? Ein Satz nur,und schon wendet Jesus sich ab und will weitergehen.Ich glaube, wir müssen sehen, was es ist, das Jesus hier so sehr verärgert. Es ist eine bestimmteArt von Glauben, die ihm immer wieder begegnet. Ich will ihn mal mit „Notglauben“oder auch „Erfolgsglauben“ bezeichnen und meine damit den Glauben, der sich am Außergewöhnlichen,an sensationellen und wunderbaren Effekten festmacht. Wenn etwa einer imFernsehen auftritt und vorgibt, die Zuschauer hypnotisieren und ihre Uhren zum Stehen bringenzu können, sind viele schnell bereit, dem Glauben zu schenken; schon dann, wenn sieein leises Kribbeln in ihren Gliedmaßen spüren. Das mag ausreichen, um sich als „Superstar“zu empfehlen. Aber genau das reicht Jesus nicht; darum lehnt er „Zeichen“ und „Wunder“so entschieden ab. Mit dem Glauben an Gott hat das herzlich wenig zu tun. Der ist eineVertrauenssache. Der kommt von Herzen. Der wird von jedem Wort Gottes genährt und gestärkt.Der verändert das Leben.Eine Tageszeitung hat nach dem bewussten Fernsehabend sehr treffend festgestellt, dasdeutsche Publikum sei „bemerkenswert wundersüchtig“. Ich denke, es sind so viele, weilihnen der echte Glaube fehlt. Die Lücke wird gefüllt mit Ersatzprodukten – mit dem was manbewundert, was einen verwundert. Aber solche Faszination hält immer nur für Momente. Wirkonsumieren sie, wir lasen uns begeistern und berauschen – und brauchen doch schon wenigeTage später etwas Neues, möglichst ganz anderes. Die Abarten des Glaubens kommennicht im Herzen an, sie geben nichts fürs Leben.Zurück zum Vater des Jungen: wir wissen nicht, ob er verletzt ist durch Jesu Zurückweisung.Jedenfalls lässt er es sich nicht anmerken. Stattdessen wiederholt er seine Bitte. Jetzt erkenntJesus die Herzensnot und reagiert entsprechend (knapp, aber wirkungsvoll): „Geh hin,dein Sohn lebt!“An dieser Stelle ereignet sich für Johannes das eigentliche Wunder (mehr zwischen als inden Zeilen). Der Vater fragt nicht ungläubig nach, er fordert auch keinen sichtbaren Beweis,nein, er wendet sich einfach um und geht. „Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihmsagte“, heißt es lapidar im Text.Das ist das eigentliche Wunder: Das, was wir anfangs „Notglauben“ genannt haben, wirdjetzt zum echten Glauben. Hier zeigt sich mehr als der Mut der Verzweiflung, der bereit ist,sich (wenigstens versuchsweise) auf alles einzulassen. Luther nennt dieses Neue in seinerPredigt zum Text „ein herzliches Vertrauen in das rettende Wort Jesu“.Und tatsächlich, dieses Vertrauen macht den Unterschied aus. Der Vater braucht nicht nachzufragenund kann auf alle Beweise verzichten, weil er im Herzen spürt, dass ihm geholfenist. In welcher Form, wird er erst sehr viel später auf dem Rückweg erfahren. Aus dem „Notglauben“ist ein „Heilsglaube“ geworden, der das Leben tatsächlich radikal verändert – dasdes Vaters zuerst, später das von vielen, wie sich am Ende der Geschichte zeigt. DieserHeilsglaube wird für viele zur neuen Lebensgrundlage.Vielleicht ist es irreführend, diese Erzählung unter den Wundergeschichten einzuordnen.Eher sollte man sie als „Vertrauensgeschichte“ bezeichnen, um den Blick stärker auf denVater zu lenken und auf das, was mit ihm in dieser Jesusbegegnung geschieht.Ich glaube auch, dass wir in unserer Situation dem Vater viel näher sind als dem Sohn –etwa auch jetzt in der Situation als Gottesdienstbesucher. Jesus hat für den Vater kein Rezept,keine Wundermedizin, eigentlich gar nichts „Handfestes“. Er gibt ihm „nur“ ein Versprechen,schenkt ihm nur eine hörbare Gabe. Mit diesem Proviant muss der Vater aushalten aufseinem Rückweg. In dieser Hinsicht ist er uns Gottesdienstbesuchern ganz ähnlich. Wennwir vom „Kirchgang“ sprechen, machen wir meist den Fehler, nur an den Hinweg zu denken.Dabei gehört der Rückweg genauso dazu.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 23.01.11Der Vater des Jungen hat die Begegnung mit Jesus „hinter sich“ und Jesu Wort „bei sich“.Genauso ist es für uns: Der Heimweg ist Kirchgang mit Gottes Wort im Ohr und im Herzen.Unser Glaube wird auf dem Rückweg vielleicht nicht gleich wachsen und reifen, aber er wirdetwas entfaltet: Er wird nachdenklicher, erwartungsvoller, ehrlicher, sehnsüchtiger …Ich habe als Konfirmand (wie die meisten) den Gottesdienstbesuch am Sonntag als eherlästige Pflicht gesehen. Besonders die Predigten (die damals noch deutlich länger waren alsheute), machten es mir schwer. Das hat sich erst in dem Moment geändert, als ich mir fürmich eine Art „Aufmerksamkeitstrick“ ausgedacht hatte. Ich zwang mich, der Predigt wenigstensso weit aufmerksam zu folgen, dass ich mindestens einen Gedanken daraus mitnehmenund weiter bedenken konnte. Das hatte große Wirkung, jedenfalls vielmehr als ich anfangsgeahnt hatte: Manchmal hat mich der Gedanke, den ich mitnahm, tatsächlich viele Tage langbeschäftigt, hat sich im Kopf (vielleicht sogar im Herzen) festgemacht und viele weitere Gedankennach sich gezogen.Erst viele Jahre später habe ich von der Angewohnheit mancher Pilger erfahren, einen sogenannten „Hosentaschenzettel“ auf dem Pilgerweg bei sich zu führen. Darauf steht (eigenhändiggeschrieben) ein bestimmter Bibelvers. Den holen sie immer wieder heraus, lesen ihnimmer wieder, murmeln ihn vor sich hin. Sie kauen ihn gleichsam wie „Wiederkäuer“. Dabeizeigt er sich von immer anderen Seiten, nimmt immer neue Formen an, entspinnt ein ganzesNetz von Gedanken und wird schließlich zum Teil ihrer selbst.Ich glaube, dem Vater des kranken Jungen ist es nicht viel anders ergangen. Er hat von Jesusnur einen einzigen Satz mit auf den Rückweg bekommen. Den wird er sich immer aufgesagthaben. „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Welch weite und tiefe Bedeutung dieser Satz hat, weilhinausgehend über die konkrete Heilung, wird ihm erst viel später aufgegangen sein. Werden Glauben im Herzen hat, darf hier schon das Osterlicht leuchten sehen.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 5. Sonntag nach Epiphanias6. Februar 2011(mit Taufe)Predigttext: Jesaja 40,12-25:Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit derSpanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewichtund die Hügel mit einer Waage? Wer bestimmt den Geist des HERRN, und welcher Ratgeberunterweist ihn? Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg desRechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes? Siehe, die Völkersind geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waage. Siehe, dieInseln sind wie ein Stäublein. Der Libanon wäre zu wenig zum Feuer und seine Tiere zu wenigzum Brandopfer. Alle Völker sind vor ihm wie nichts und gelten ihm als nichtig und eitel.Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen?Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet’s und macht silberne Ketten daran.Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und suchteinen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt. Wisst ihr denn nicht? Hörtihr denn nicht? Ist’s euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr’s nicht gelernt von Anbeginnder Erde? Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken;er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, indem man wohnt; er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind, und die Richter auf Erdenmacht er zunichte: Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr Stamm eineWurzel in der Erde, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren, und ein Wirbelsturmführt sie weg wie Spreu. Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleichsei? spricht der Heilige.Liebe Gemeinde!Der Prophet hat ein schweres Amt. Sein Land ist verwüstet, der Tempel zerstört, das Volkauseinander gerissen. Nur eine Minderheit durfte im Land bleiben, die Mehrheit wurde deportiert.Sie sitzen an den Wassern in Babel und weinen. Es ist eine laute, nicht enden wollendeKlage. Was soll aus uns werden? Was soll aus unseren Kindern werden? Hat unserLand, unser Volk, unser Glaube eine Zukunft?Der Prophet will den Klagenden Mut zusprechen. Er weiß, dass es Hoffnung gibt. GottesGericht war furchtbar (da hatte er Recht behalten), aber jetzt sieht er Licht am Horizont. Nurseine Botschaft kommt nicht an. Er merkt: seine Landsleute sind gefangen gehalten. Abernicht allein von den Siegern, die sie zur Fronarbeit zwingen. Viel schlimmer noch ist die innere,die seelische Gefangenschaft. Sie sind gefangen gehalten von den Bildern der eigenenNiederlage und einer religiösen Obdachlosigkeit. Alle sichtbaren Zeichen ihres Glaubenssind zertrümmert, ihr Gott verloren und vergessen. Die babylonischen Götter scheinen ihreStärke bewiesen zu haben.Wie kann es dem Propheten gelingen, gegen so viel Hoffnungslosigkeit Mut und Trost zusetzen? Er versucht es mit einem Lied und fordert seine Landsleute auf: Hört mir zu und


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 06.02.11stimmt ein! Schluss mit den Klagegesängen; singt ein neues Lied! Und er stimmt ein großesLoblied an auf den einen Gott, den viele schon fast vergessen haben. Gegen allen Augenscheinbesingt er dessen Macht. Dieser eine Gott ist der Herr über die Geschichte. Er bestimmtdas Schicksal der Völker und ihrer Machthaber; alles andere ist neben ihm klein undbedeutungslos: die großen Völker nur „Tropfen am Rand eines Eimers“, die Despoten undDiktatoren nur „Spreu, die der Wind wegfegt“, die Götzen und Idole nur wackelnde undschwankende Bilder.Liebe Gemeinde, diese Worte sind mehr als zweieinhalb Jahrtausende her, aber sie scheinenhineingeschrieben in unsere Tage. Wir erleben gerade mit, was der Prophet beschreibt.Die Politik spricht ängstlich von einem „Flächenbrand“ in Afrika; schon deshalb weil sich ingroßem Maßstab politische Machtverhältnisse verändern, die Folgen für die ganze Welt haben,wirtschaftlich wie militärisch; und es schwingt immer die Angst dabei mit: Wie steht es inZukunft mit unserer Versorgung durch Bodenschätze, vor allem mit der Versorgung durchErdöl?Schaut man aber mit den Augen des Propheten, bekommt man schnell eine andere Sicht derDinge. Tatsächlich werden die Despoten und Diktatoren „hinweggefegt wie Spreu“. KeinLand darf sich zu wichtig nehmen. Selbst das große und stolze Amerika ist vor Gott nur „einTropfen am Eimer“. Es kann nur zusehen bei dem, was da in Nordafrika geschieht und deneigenen Machtverlust beklagen. Für viele Afrikaner hingegen zeichnet sich etwas ab, woransie kaum zu glauben wagten: ein besseres Leben, mehr Rechtssicherheit, vor allem Freiheit.Für Jesaja gibt es keinen Zweifel: Derart große Umwälzungen sind das Werk Gottes. Er alleinist Herr der Geschichte, jedes Menschenwerk dagegen klein wie ein Sandkorn. Dort, woder Herr der Geschichte seine Macht zeigt, verstummt jede menschliche Überlegenheit, auchder vollmundigste Machthaber wird kleinlaut.Interessant und gleichwohl aktuell ist, dass Jesaja das auch auf Glauben und Religion bezieht.Er hat es ja bei den eigenen Landsleuten miterlebt: Je schlechter es ihnen geht, destostärker ist der Wunsch, Gott im eigenen Leben zu sehen und zu erleben. Wenn dann aberder alte Glaube nicht mehr trägt, wenn Gott als fern und abwesend erlebt wird, müssen Ersatzgötterher. Die Menschen schaffen sich ihre Götzen, ob aus Holz, Gold oder Silber. Dassdiese nicht mehr sind als „Bilder, die wackeln“, stört sie nicht. Sie brauchen sie, um sich festzuklammernund sich wenigstens eine Illusion von Sicherheit zu geben. Es fällt nicht schwer,auch hier die Parallele zu sehen: Das Eifern um Statussymbole (nicht nur in Afrika, erst rechtin der westlichen Welt), das Horten vermeintlicher Sicherheiten, das Ringen um soziale Anerkennung– es wird da nötig, wo der lebendige Glaube verloren gegangen ist.Keine Frage, die Zeitanalyse des Propheten stimmt, damals wie heute. Aber hat er nochmehr zu bieten? Kann sein neues Lied den Klageliedern etwas wirksam entgegensetzen?Stimmt man in sein Lied ein, merkt man: es ist im Grunde nur ein einziger Gedanke, der allemdie Wendung gibt: Erinnere dich deiner Wurzeln, finde zurück zum Glauben an den einenGott, der dein Herr ist und zugleich der Herr der Weltgeschichte.Als vor etwa einem Jahr die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann ihren Rücktritt von allen Ämternerklärte, herrschte große Betroffenheit. Sie selbst erschien mir zwar sichtlich bewegt,aber doch sehr gefasst. Den Grund dafür nannte sie selbst. Trotz allem, was geschehen war,und trotz aller Unsicherheit im Blick auf ihre Zukunft, wisse sie sich gehalten in der LiebeGottes. „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“, sagte sie wörtlich.Genau das ist die Haltung, die Jesaja empfiehlt. Ob es meine persönliche Not ist oder dieAngst im Blick auf das Weltgeschehen, alles, wirklich alles kann ich getrost in Gottes Handlegen. Jesus selbst sagt in seiner schwersten Stunde: „Vater, in deine Hände befehle ichmeinen Geist“. Da sind die Qualen am schlimmsten, der Tod steht ihm schon vor den Augen.Aber zugleich weiß er: Gottes Hände tragen mich da hindurch.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 06.02.11Sicher, auch die Hände Gottes sind letztlich nur ein Bild, ein sehr menschlicher Versuch,über etwas zu reden, was sich eigentlich nicht in Worte fassen lässt. Aber es ist ein Bild andererQualität. Keines von denen aus Holz, Gold oder Silber, die wackeln.Zu den neuen, ganz anderen Bildern von Gott kommt man durch das Hören. Das ist derWunsch des Propheten: dass wir sein Lied hören, dass wir einstimmen und zu einer neuenErfahrung mit Gott kommen. Das schöne deutsche Wort „schauen“ hält diese Besonderheitfest.„Sehen“ kann man alle Bilder; blicken, gucken … liegen auf einer Ebene. Das ist alltäglicherBrauch; das lässt sich messen und notfalls korrigieren durch den Augenarzt. „Schauen“ abermeint mehr. Das geht tiefer und schließt ein inneres Sehen mit ein. Es vollzieht sich in derSeele – persönlich und unvergleichlich – und hat oft etwas zu tun mit dem Geheimnis Gottes.Zu diesem Schauen lädt Jesaja ein, und er weiß: es wächst aus dem Hören.• Schauen will der Psalmbeter „die schönen Gottesdienste des Herrn“• Schauen kann der ins Requiem versunkene Hörer den großen Trost• Schauen kann der, der Liebe übt am Nächsten seinen Herrn in den leuchtenden Augenderer, denen er hilft.Das ist das Ziel: Diese Liebe Gottes zu finden, aus der wir leben. Diese Liebe gibt das Urvertrauen,sagen zu können: „Ich kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ und „Vater, in deineHände befehle ich meinen Geist“.„Die Liebe hört niemals auf“ (1. Korinthe 13,8). Als Sie, liebe Familie N.-T., dieses Pauluswortfür ihre Karla ausgesucht haben, war ihr Motiv: Das passt für jede Situation im Leben.Und das stimmt ja auch: Die Erfahrung der Liebe als stärkste Macht im Leben ist das erste,was wir Karla heute wünschen. In jedem Glück soll sie spüren: die Liebe hat unendlicheKraft. Aber auch in Krisen, die ihr nicht erspart bleiben werden, soll sie erfahren: die Liebe istdie stärkere Macht – sie kann, sie wird triumphieren über Stress und Streit, über Krankheitund soziale Not.Karla soll immer die richtigen Menschen zur Seite haben, die ihr diese Liebe schenken (jetztschon: Familie und Paten, später: Freunde, Freundinnen und Kollegen). Aber selbst wennaller zwischenmenschlicher Halt wegfällt, soll sie wissen: da ist immer noch die Liebe Gottes,die alles trägt – die ganze Weltgeschichte und auch mich einzelnen kleinen Menschenwurm.Dem Propheten Jesaja ist es seinerzeit gelungen, Gehör zu finden mit seinem Lied. Undnoch mehr: Die Menschen haben eingestimmt – und das nicht nur mit dem Mund, sondernvon Herzen. So haben sie herausgefunden aus ihrem Tal der Geschichte und sich neu entdecktals Gottes „geliebtes Volk“.Im Kirchenjahr stehen wir an der Schwelle von der Epiphaniaszeit zur Passionszeit, auf dieLichtzeit folgt die dunkle, die Leidenszeit, sieben Wochen, in denen Not, Schmerzen und Todim Mittelpunkt stehen. Aber das braucht uns nicht zu erschrecken, wenn wir aus diesem Gottesdienstdas nötige Rüstzeug mitnehmen: Das Licht der Liebe Gottes, die stärker ist als alleMächte dieser Welt und die ewig währt. „Die Liebe hört niemals auf“.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum letzten Sonntag nach Epiphanias13. Februar 2011Predigttext: 2.Mose 3,1-14:Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, undtrieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und derEngel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah,dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. a sprach er: Ich will hingehenund die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aberder HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose,Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe vondeinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich binder Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Moseverhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach:Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedrängergehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette ausder Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, inein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter,Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen istund ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich willdich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst. Mosesprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandthabe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen:Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?,was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde.Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: "Ich werde sein", der hat mich zu euch gesandt.Liebe Gemeinde!Vielleicht schauen Sie auch manchmal Bibel-TV. Ich mag vor allem die alten Bibelverfilmungen,die mich in meine Jugendzeit zurückversetzen, aber alle längst vom Markt verschwundensind. Vor kurzem wurden die alten Mose-Filme gezeigt – Mose wie wir ihn uns vorstellen:ein starker, aufrechter Mann, ein Fels in der Brandung seines wankelmütigen Volkes,eine Führernatur, ein Sieger, ein Held. Das ist durchgängig das Mose-Bild in den alten Filmen.Für den, der unseren heutigen Predigttext hört, fängt dieses Bild an zu bröckeln. Hier stehtein ganz anderer Mose vor uns: ein gescheiterter Mann; einer, der Opfer seiner eigenen Wutwurde und einen Ägypter tötete; einer der schließlich keinen anderen Ausweg wusste, als zufliehen. Als Kind der Tochter des Pharao hätte er was werden können, nun aber ist ihm nurdas Schafehüten geblieben. Mose eine gescheiterte Existenz. Wie konnte daraus der großeGottesmann, der Anführer eines ganzen Volkes werden?


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 13.02.11Am Anfang steht eine Grenzüberschreitung. Als Hirte kannte sich Mose in der Steppe bestensaus. Jetzt aber geht er über seine Grenzen, wagt sich auf neues, unbekanntes Gelände.Er kommt zum Berg Horeb.Im Text wird das nur am Rande erwähnt. Ich halte es aber für wichtig. Grenzen zu überschreitenist (oder war zumindest) Thema für jeden von uns. Es gehört zum Erwachsenwerdendazu. In der Auseinandersetzung mit Eltern und Autoritäten probieren wir aus, wie weitwir gehen können. Wir stellen eigene Wünsche und Vorstellungen auf die Probe; wir entdeckeneigene Fähigkeiten und neue Seiten an uns. Wir wagen uns auf unbekanntes Terrain.Ähnlich ergeht es Mose. Allerdings muss in seinem Fall gesagt werden: Es ist weniger derWunsch und der eigene Entschluss, der ihn leitet. Vielmehr ist er in einer Grenzsituation, ineiner Lebenskrise. Da bleibt manchmal nur die „Flucht nach vorne“, um überleben zu können.„Krise“ klingt in unseren Ohren sehr negativ; wir denken dabei an Krankheit und Chaos, anNot und Untergang. Ursprünglich ist das nicht so. Das griechische Wort „Krisis“ meint auchWendepunkt, Entscheidung, Umkehr. Es schließt die Möglichkeit von etwas ganz Neuem,vorher nicht Vorstellbaren mit ein.Kürzlich wurde eine der Frauen porträtiert, die in Deutschland die Hospiz-Arbeit mit aufgebauthat. Als „Sterbehebamme“ bezeichnet sie sich, denn sie hilft anderen Menschen ihren jeeigenen Weg im Sterben zu finden und zu gehen. Im Interview wird sie gefragt, wie sie dazugekommen sei, ausgerechnet das zu ihrem Lebensthema zu machen, was für andere nur eingroßes Tabu ist. Auslöser, antwortet sie, war eine schwere Lebenskrise. Als ihre eigene kleineTochter im Alter von sechs Jahren an Leukämie starb, sah sie nur eine Alternative: entwederauch selbst an diesem Tod zugrunde zu gehen oder einen großen Schritt nach vornezu wagen und anderen Menschen zur Hilfe auf dem letzten Weg zu werden.Grenzüberschreitung durch eine Lebenskrise, das kann zur unfassbaren Erfahrung werden.Für Mose wird es zur Gotteserfahrung. Er sieht sich unvermittelt Gott gegenüber. Er erfährt(wie die „Sterbeamme“) seine Berufung zu einer neuen großen Aufgabe.An diesem Punkt überrascht uns der Text noch einmal. Wir kennen ja (etwa von den Propheten)manch großartiges, dramatisches Berufungserlebnis. Aber hier bei Mose ist der Ort derBerufung nicht der prächtige Tempel, auch nicht der geöffnete Himmel mit singenden Engelscharen.Es ist ein Stück steiniger Wüstenboden mit einem Dornbusch – so banal, dass Gottihn selbst darauf hinweisen muss: „Der Ort, auf dem du stehst, ist heiliges Land.“Sicher ist das kein Zufall. Der Dornbusch gilt den Israeliten als wertlos; sein trockenes Gestrüppdient nur als Brennstoff. Als Symbol steht er biblisch für das Verdorrte, Verwundete,Gescheiterte. Ein Boden voller „Disteln und Dornengestrüpp“ erwartet die Menschen nachder Vertreibung aus dem Paradies. Ausgerechnet hier will Gott dem Mose begegnen!Wüstenkenner aber wissen: Der Dornbusch sieht zwar staubig und vertrocknet aus, er kannaber dennoch wunderbar blühen. Und auch das wird zum biblischen Symbol. So offenbartsich Gott: Er kann neues Leben und wunderbare Blüten bei uns erwirken. Mag sein, dass wiruns selbst noch tief in der Krise sehen – verletzt, vertrocknet, „wie tot“. Gott schaut schondarüber hinaus, er hält Neues für uns bereit. Gott verwandelt das Öde und Leere zum Ortseiner Gegenwart. Er „leuchtet“ darin auf.Mose erlebt das (im wahrsten Sinne des Wortes) als ein Feuer besonderer Art. Es hat denDornbusch erfasst, es verwandelt ihn, aber es zehrt ihn nicht auf. Dieses Feuer vernichtetnicht, hinterlässt keine Asche. Im Gegenteil: Es bringt Leben, es erleuchtet Mose, feuert ihnan, entfacht neues Lebensfeuer in ihm. „Der Funke springt über“, sagen wir. Und er löst beiMose etwas aus, was wir eigentlich nur mit dem Pfingstwunder vergleichen können. Als dieApostel deprimiert und ratlos beieinander sitzen und nicht wissen, wie es weitergehen soll,gibt Gottes Geist als Pfingstfeuer ihnen die Kraft zum Neuanfang.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 13.02.11Für Mose kommt ein Zweites hinzu. Die Vision allein ist schon überwältigend, und doch wirdsie noch übertroffen von dem, was er zu hören bekommt. Ein langer Monolog Gottes – soviel, dass Mose eine unerhörte Frage zu stellen wagt: „Wer bist du?“, „Wie sollen wir dichnennen?“ Für jeden Juden eine beispiellose Grenzüberschreitung! Der Name Gottes war dasgrößte Geheimnis, das Allerheiligste. In den ältesten Bibelabschriften ist an dieser Stelle eineLücke gelassen. Gottes Name ist so heilig, dass man ihn nicht einmal aufschreiben darf.Mose weiß das. Er stellt seine Frage trotzdem und bekommt tatsächlich eine Antwort darauf:„Ich bin, der ich sein werde.“ Was ist das für eine Antwort?! Mal ehrlich: Stellen Sie sich vor,sie lernen jemanden kennen, bitten ihn um seinen Namen und bekommen dann diese Antwort:Ich bin, der ich sein werde. Das stellt nicht zufrieden; das hinterlässt eher den Eindruck:Da entzieht sich einer der Frage; da wird die Frage als Anmaßung zurückgewiesen.So hat es die jüdische Tradition auch verstanden. Sie hat aber zugleich auch eine positiveAnsage daraus gehört. „Ich bin, der ich sein werde“ meint: Du wirst mich erleben und erkennenim Lauf der Geschichte. So wie ich in der Vergangenheit dein Volk begleitet habe, sowerde ich es in der Gegenwart und auch in der Zukunft tun. Ich, dein Gott, werde mich jeweilsneu zeigen, neu erweisen. Mag es die Wolkensäule sein, der brennende Dornbuschoder das Säuseln des Windes oder (für uns Christen) Gottes Menschwerdung in JesusChristus oder die Pfingstkraft des Heiligen Geistes. Gott lässt sich nicht festlegen auf einBild, ein Wort, eine Erscheinung. Sein Wesen und Wirken lässt sich nur erfassen, wenn wires durch die Geschichte hindurch verfolgen.Aber er gibt mit seiner Antwort eine Perspektive. „Ich werde sein!“ In allen Zeiten will ichmich für euch als euer Gott erweisen. Darauf könnt ihr euch verlassen. „Ich werde sein.“ Dasist feste Zusage, vor allem: bedingungslose Zusage. Da steht nicht: „erst muss“ / „erst müsstihr …“; „dann kann“. So eine bedingungslose Zusage zeugt wirklich von der Liebe Gottes.Gott macht uns das zur Grundlage für die Beauftragung des Mose. („Ich will dich senden …“)Und der Verfolgte, Geächtete kann daraus tatsächlich die Kraft schöpfen, Führer seines Volkeszu werden; einfach, indem er der Zusage vertraut.Krise als Wendepunkt, als Neuanfang – im Vertrauen auf Gott ist das möglich.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Sonntag Sexagesimae27. Februar 2011Predigttext: Markus 4,26-29:Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirftund schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht,wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach denvollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald dieSichel hin; denn die Ernte ist da.Liebe Gemeinde!Landwirte und Hobbygärtner schütteln den Kopf über dieses Gleichnis Jesu. Manche reagierenregelrecht verärgert. Kann man denn wirklich so blauäugig sein, fragen sie. Glaubt einertatsächlich, mit dem Ausbringen der Saat sei alles getan? Der soll doch mal vorbeischauenauf dem Bauernhof und dort ein paar Tage harter Arbeit miterleben! Diejenigen unter Ihnen,die einen Garten zu versorgen haben, werden einstimmen. Auch wenn der Garten nur kleinist, da gibt es eigentlich immer was zu tun – vor allem dann, wenn neue Saat und jungePflanzen im Boden sind. Wer ernten will, muss sie hegen und pflegen bis weit in den Herbsthinein.Ich bin sicher, Jesus will das nicht in Abrede stellen. Er weiß um die harte Arbeit der Bauernund Gartenbesitzer, gerade zu seiner Zeit, wo es noch kaum technische Hilfsmittel gab. Erwill den Blick lediglich aufs Wesentliche lenken, und das ist der Segen Gottes. Wenn GottesSegen nicht dabei ist, kannst du dich noch so sehr anstrengen, es führt zu nichts.Das ist ein deutlicher Dämpfer für alle Eiferer und Übereifrigen. Die gab es auch schon zuJesu Zeiten: eine kleine Gruppe ausgesprochen gefährlicher Männer etwa, die Zeloten. Diewollten nicht länger darauf warten, dass Gott sein Reich kommen lässt. Die wollten die Sacheselbst in die Hand nehmen und Gottes Reich sofort errichten, notfalls mit Gewalt. Freiheitwar dafür die erste Voraussetzung, und Freiheit bedeutete seinerzeit zuerst: Freiheit vonden verhassten Römern. So terrorisierten die Zeloten die Römer mit gezielten Mordaktionenin der Hoffnung, irgendwann würden diese zermürbt aufgeben und das Land freiwillig verlassen.Da sie bereit waren, dafür alles zu geben (notfalls auch das eigene Leben!), genossendie Zeloten in der Bevölkerung hohes Ansehen und Zulauf und Unterstützung.Friedensapostel, Friedensprediger wie Jesus hatten es schwer, sich dagegen Gehör zu verschaffen.Vertrauen auf Gott, Geduld haben, Warten auf sein Reich – ja, wie lange dennnoch, fragen die Geschundenen. Wer wollte ihnen das verübeln?Jesus hält dennoch dagegen. Er weiß um das Gesetz, dass Gewalt immer neue Gewalt erzeugt.Er sieht die Macht- und Kräfteverhältnisse richtig. Er will schlimmeres Leiden verhindern.Deshalb mahnt er zu Geduld und Mäßigung. Gottes Stunde ist noch nicht da, oder (imBild des Gleichnisses) „die Zeit der Ernte“ ist noch nicht gekommen. Habt doch Vertrauen;Gott lässt euch nicht im Stich!Die Geschichte sollte ihm wenige Jahrzehnte später recht geben.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 27.02.11Aber seine Mahnung zielt nicht nur auf geschichtliche Prozesse, sie gilt auch für jeden ganzprivat, und ich glaube, da trifft sie uns heute sehr viel direkter. Im vergangenen Jahr machteein Wortungetüm Schlagzeilen: das „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“. Im Bereich derWirtschaft geboren, hat es längst alle Lebensbereiche im Griff. Wachstum „per Gesetz“, gesetzmäßigesWachstum, Wachstum als Naturgesetz …?! Absurd, dem mag, dem kann sichkeiner entziehen.Kinder sollen immer früher und effizienter lernen. Fremdsprachenunterricht bereits im Kindergarten,verkürzte Schulzeiten (aktuell: das „Turboabitur“!), unendliche Angebote so genannterfrühkindlicher Förderung in Musik-, Sprach- und Sportkursen. Bleibt da überhauptnoch Zeit für die „selbstwachsende Saat“, für freie Spielnachmittage etwa?Die Erwachsenen machen so weiter wie sie es als Kinder gelernt haben: Sie leben in einerWelt von computervernetzten Terminkalendern. Jede Minute ist verplant für das beruflicheWeiterkommen. Dranbleiben, immerzu alles geben, den vollen Einsatz, funktionieren – dasist die Devise. Im Bild unseres Gleichnisses hieße das: Da wird wie verrückt gesät, gedüngt,vielleicht noch an den kleinen Pflanzen gezerrt, um möglichst schnell und gierig möglichstviel zu ernten. Keine Rede mehr von Geduld und natürlichem Wachstum! Viele sagen: „Ichmuss doch. Ich hab’ doch gar keine andere Wahl!“ Aber ist das wirklich so? Akzeptieren wirhier nicht vorschnell eine Gesetzmäßigkeit, die wir selber verursacht haben?Jesus will heilen. Er lädt uns ein, auf Gottes Rhythmus zu achten. Und das bedeutet Verlangsamungoder modern gesagt: „Entschleunigung“. Jetzt im anbrechenden Frühling gehtdas besonders gut. Schon auf dem Weg zur Kirche lässt sich erleben, was Jesus mit seinemGleichnis meint. Jede Pflanze am Weg zeigt uns diese Wahrheit. Wir sehen erste grüneSpitzen, neue Knospen, und wer ein Ohr dafür hat, hört auch die Lockrufe der verschiedenstenVögel. Da braucht man kein Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Gottes Schöpfung hatihren ganz eigenen Rhythmus und der entschleunigt uns nachhaltig und heilsam. Ja, Jesuswill uns „runterfahren“ auf ein gesundes Lebenstempo; er will uns „beruhigen“. Gott will dasLeben als vollwertiges, gesundes Leben, und das verträgt sich nicht mit Stress, Herzinfarktund Hörsturz, den die Ärzte „Stressinfarkt im Ohr“ nennen. Jesus will uns befreien vomZwang des Immer-mehr, Immer-schneller und Immer-so-weiter. Er will, dass wir zur Ruhekommen, dass wir aufatmen und genießen. Dabei geht es ihm auch um Staunen und Dankbarkeit.Das Leben als Geschenk erfahren, nicht als selbst gemachte Tretmühle!In der Zeitung lese ich in dieser Woche, dass die Vereinigung deutscher Wissenschaftleraufruft zu einer „Kultur der Genügsamkeit“. Anlass dafür ist die von der Bundesregierunggeplante Energiewende. Sie sei gut und richtig, aber nur zu erreichen in Verbindung mit Klima-und Ressourcenschutz. „Genügsamkeit“ kommt von „genug“, und ich finde es gut, dasshier von oberster Stelle gesagt wird: „Es ist genug“. Das heißt nicht nur Stillstand, sich einschränken,innehalten; es bedeutet auch: Kultur entdecken, Ruhe kultivieren, neu Entdecktesgenießen.Jesus wählt für sein Gleichnis ein Bild aus der Landwirtschaft. Das ist sicher kein Zufall. Damalswie heute steht die Landwirtschaft als Bild für unsere Lebensgrundlage schlechthin undbildet auch das Lebenstempo der Menschen ihrer jeweiligen Zeit gut ab.„Wissen Sie, was ein „Hunderter-Schwein“ ist? Landwirte unserer Tage würden jetzt mehrheitlichnicken. Ein Hunderter-Schwein bezeichnet ein Mastferkel, das so gehalten, gefüttertund tiermedizinisch aufgepäppelt wird, dass es innerhalb von hundert Tagen auf ein Körpergewichtvon hundert Kilogramm kommt. Dann gilt es als schlachtreif. Das ist nur ein Aspektunserer heutigen Massentierhaltung. So eine Schweinezucht gilt als wirtschaftlich effizient;sie ist relativ billig und bringt einen vergleichsweise hohen Gewinn ein. Für die Schweinegefährlich, oft tödlich (auch schon vor dem Schlachttermin), für die Menschen gesundheitlichzumindest riskant.Das, was zu Jesu Zeiten noch als unvorstellbar galt, wird hier schon praktiziert. GottesRhythmus vom Säen, Wachsen und Ernten wird ausgehebelt und durch einen menschen-


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 27.02.11gemachten ersetzt, der von Profitmaximierung bestimmt ist. Im Bereich der Pflanzen leistendas der Düngemitteleinsatz, Großgewächshäuser und die Gentechnik. Gerechtfertigt wirddas mit den Verbraucherpreisen und dem Welthunger. Diese Hinweise müssen ernst genommenwerden, und doch ist auch hier zu fragen: Akzeptieren wir hier nicht vorschnellschlimme Missstände als Gesetzmäßigkeit, die eigentlich hausgemacht sind.Jesu Gleichnis lädt uns ein, auch hier über Alternativen nachzudenken – etwa über einebessere Ressourcennutzung, über eine gerechtere Verteilung der Fülle von Lebensmitteln,nicht zuletzt auch über unser eigenes Verbraucherverhalten. So kann jeder in seinem ganzeigenen Leben Zeugnis geben von der Wahrheit des Gleichnisses Jesu.Bauern und Kleingärtner mögen den Kopf schütteln über Jesu Gleichnis. So einfach ist estatsächlich nicht mit der Feld- und Gartenarbeit. Aber Jesus will uns ja auch keinen agrarwissenschaftlichenVortrag halten. Er will uns etwas über das Geschenk des Lebens sagen undüber den Rhythmus des Lebens, der in gleicher Weise von Gott kommt. Er will unsere selbstgemachten Gesetzmäßigkeiten durch Gottes Gesetz ersetzen, und wieder einmal erkennenwir: Eigentlich ist es ganz einfach. Manchmal genügt ein einziger Blick in die Natur.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Sonntag Invokavit13. März 2011Predigttext: 1. Mose 3,1-24:Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte,und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allenBäumen im Garten? Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten derBäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt:Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlangezum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, daihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, wasgut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass ereine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von derFrucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnenbeiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochtenFeigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wieer im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seinemWeibe vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott derHERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Gartenund fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hatdir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot,du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Das Weib, das du mir zugesellt hast,gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der HERR zum Weibe: Warum hast dudas getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß. Da sprach Gott derHERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Viehund allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen deinLeben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinemNachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihnin die Ferse stechen. Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn duschwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinemManne sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorchthast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot undsprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsalsollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und dusollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brotessen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde undsollst zu Erde werden. Und Adam nannte sein Weib Eva; denn sie wurde die Mutter aller, dieda leben. Und Gott der HERR machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zogsie ihnen an. Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereinerund weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und brecheauch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott derHERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und ertrieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit demflammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 13.03.11Liebe Gemeinde!Es ist der wohl bekannteste Bibeltext, den wir heute Morgen hören: die Erzählung vom Paradies,vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies. In dieser großen Menschheitserzählungist alles enthalten, was unser Leben ausmacht: Gelegentliches paradiesischesLeben mit allem, was uns die Natur schenkt; das Übertreten von Gottes Gebot; die Furchtvor der Entdeckung und – damit eng verbunden – die Zurückweisung eigener Schuld;schließlich der Tod, der wieder zur Erde macht, was von der Erde genommen wurde. Dasganze Leben in neunzehn Versen. Darin so viele Themen und Fragen angeschnitten, dasses nötig ist, dass wir uns beschränken.Eine der Fragen, die die Menschen vor dreitausend Jahren ebenso bewegt hat wie uns heute,ist die Frage nach der Ursache des Bösen. Wie kann es sein, dass so viel Unglück und soviel Böses in der Welt geschehen, die doch planvoll und gut von Gott eingerichtet wurde?Und warum ist der Mensch willentlich daran beteiligt, obwohl er doch um Gottes Geboteweiß?Die Kirche etlicher christlicher Jahrhunderte hat es sich da recht einfach gemacht. Sie hatden Teufel als Ursache genannt, den Widersacher Gottes. „Diabolos“ heißt wörtlich übersetzt„der Durcheinanderwerfer“. Es beschreibt den Teufel als starke Macht, die Gottes wohlgeordneteSchöpfung stört, durcheinander bringt, verwüstet. Der Mensch kommt in diesemErklärungsmuster nur als Opfer vor. Entweder fällt er der teuflischen Zerstörungswut zumOpfer oder er wird Opfer teuflischer Verführungskünste und somit Helfer des Bösen; Mitläuferund Mittäter vielleicht, als solcher aber vor allem zuerst Opfer des Teufels.Lange hat man versucht, auch die Paradieserzählung in dieses Erklärungsmuster einzuordnen.Da musste dann die Schlange als Bild für den Teufel herhalten: die Schlange als Verführerinzum Bösen, die sich erst in der Frau ein Opfer sucht und mit ihr als Gehilfin dannauch den Mann zu Fall bringt.Wie verlockend, wie einfach! So lässt sich alle Verantwortung abschieben auf eine dämonischeMacht, diesen „Anti-Gott“ Teufel. Wir selbst können uns in der Opferrolle in Selbstmitleidbaden und uns zurücklehnen (Was können wir schon gegen den Teufel ausrichten?!).Die Gewissen bleiben ruhig und die Hände im Schoß. Wer nun aber die Paradieserzählungals Ganze in den Blick nimmt, wird schnell merken, dass diese allzu einfache Rechnungnicht aufgeht. Der Teufel kommt darin gar nicht vor, und die Schlange gehört schlicht zu denTieren des Feldes, ist Teil der guten Schöpfung. Gott (und nicht etwa der Teufel!) hat sieausgezeichnet mit Listigkeit – so viel zur Ehrenrettung der Schlange.Die Frage nach der Ursache des Bösen bleibt also und beantwortet sich erst nach dem Sündenfall.„Mensch, wo bist du?“ fragt Gott. Ich lese das nicht nur als Frage an Adam und Eva.Das ist Gottes Grund- und Urfrage an die Menschen überhaupt. „Mensch, wo bist du?“ istGottes Aufforderung an uns, in den Spiegel zu schauen und sich der Verantwortung für Gescheheneszu stellen. Adam und Eva hatten sich versteckt, als sie sich ihrer Nacktheit bewusstwurden. Nicht anders reagieren wir, wenn wir „wie nackt“ dastehen, wenn wir unsererMasken beraubt sind und uns der „ungeschminkten“ Wahrheit stellen müssen. Wir versuchenuns zu verstecken (am liebsten hinter dem breiten Rücken anderer), die Schuld kleinzuredenoder abzuschieben: Die Erziehung ist Schuld, die Gesellschaft oder die Politiker, dieVerhältnisse, in denen wir leben oder alles zusammen. Gott lässt solche Ausreden nicht zu.Beharrlich bleibt er dem Menschen auf der Spur. Unnachgiebig deckt er auf – zuerst unsereScham, dann unsere Angst, schließlich unsere Feigheit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.Liebe Gemeinde, mit großer Betroffenheit und mit wachsendem Entsetzen haben wir in denvergangenen Tagen die Berichte über die furchtbare Katastrophe verfolgt, die Japan heimgesuchthat. Ein Katastrophe, die sich von Stunde zu Stunde verschlimmerte: Das verheerendeErdbeben am Anfang, danach ein Tsunami und zahlreiche Großbrände, schließlichder nukleare Gau, dessen Umfang und Auswirkungen noch gar nicht absehbar sind. Da mag


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 13.03.11man wirklich an teuflische, diabolische Mächte denken, die das Unterste zu oberst kehren,so viele Leben auslöschen und die Existenzgrundlage so vieler Menschen zerstören. Ichhöre schon die Fragen, die nach der ersten Schockstarre auf uns einprasseln werden: „Warumdas alles?“, „Wie kann Gott das zulassen?“ oder auch (persönlicher und viel direkter):„Wie kannst du noch an einen guten Gott glauben, wenn derart unsagbares Leid geschieht?“Ich will mir nicht anmaßen, eine so furchtbare Katastrophe mit einer schnellen theologischenAntwort abzufertigen. Aber ich glaube doch, dass uns die Erzählung vom Sündenfall ein paarwichtige Denkanstöße gibt:1. Gott vertraut uns seine große, gute Schöpfung an. Er stellt uns sogar als Herren in undüber alles, was er geschaffen hat. Wir können frei walten und gestalten. In alledem gibtes aber einen Tabu-Bereich, einen Raum, den sich Gott vorbehält, eine Zone von Heiligkeit,einen letzten Vorbehalt (symbolisch hier als „Baum der Erkenntnis“ gefasst). Gottweiß um das „Kribbeln“ in uns, die Lust, so zu sein wie Gott. Er warnt uns, dieser Lustnachzugeben. Die Folgen („Vertreibung aus dem Paradies“) sind Mühsal und Not, Leidenund Tod. Dennoch geben wir seit Menschengedenken dieser großen Versuchung nach –sogar dann wenn die Folgen gar nicht absehbar sind. Etwa wenn wir die Bausteine derNatur gentechnisch verändern oder die Atome spalten.2. Gott lässt nicht zu, dass wir uns vor der Verantwortung drücken und die Schuld weiterreichen(Adam Eva Schlange, alle zusammen Gott, der sie so geschaffen hat, wiesie sind). Er geht uns nach, deckt unsere Feigheit und Rechtfertigungsversuche auf. Gottzwingt uns, in den Spiegel zu schauen und für die Konsequenzen der eingeräumtenFreiheit selbst einzustehen. Das heißt konkret:• Wir Menschen (und nicht Gott) sind verantwortlich, wenn wir eine Stadt wie Tokio aufden Schnittpunkt dreier sich bewegender Erdplatten stellen.• Wir selbst sind verantwortlich für die Art und Weise, wie wir unsere Häuser bauen.• Wir selbst sind verantwortlich für die Wahl und den Ausbau unserer Energiequellen.• Wir selbst entscheiden über das Maß von Profit, Wirtschaftswachstum wie auch überRessourcennutzung und -bewahrung.Um im Bild der Erzählung zu bleiben: Wir essen fast täglich vom verbotenen Baum, wir erwartenwie im Fieber, es möchte etwas Gutes für uns dabei herausspringen, kosten kurzfristigeErfolge aus – und ernten doch langfristig die Erfahrung des Bösen. Die Bibel nennt dasschonungslos beim Namen: Der Mensch wird zum Vertriebenen; er verliert den ihm von Gottzugedachten Lebensraum. Nichts anderes wiederholt sich bei den tausendfach menschengemachtenKatastrophen.Das ist eine niederschmetternde Bestandsaufnahme. Und dennoch keine hoffnungslose.Unsere Erzählung endet nicht mit Vertreibung und Vernichtung. Am Ende steht das ausdauernde,ausforschende Gespräch, das Gott mit seinen Menschen sucht. Gott fragt Adam:Woher weißt du das? Warum habt ihr das getan? Darin zeigt sich mir das Bild eines Gottes,dem seine eigene Schöpfung, vor allem der Mensch in seinem Wollen und Handeln, rätselhaftist.Gott bleibt den Menschen zugewandt trotz deren Versagen. Er will sie verstehen, mehr noch:er fühlt sich verantwortlich für sie. Ganz sinnfällig findet das seinen Ausdruck darin, dass erauch nach der Vertreibung weiter für sie sorgt. „Und Gott der Herr machte Adam und seinerFrau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“ (Vielleicht der schönste und bedeutendsteSatz in dieser langen Geschichte.) Gott wird zum Gerber und Schneider, damit die Menschenin der neuen Welt nicht frieren. Es ist wie eine zusätzliche Schöpfungstat, ein achterSchöpfungstag sozusagen. Und das, was er für sie produziert, legt er ihnen noch eigenhändigan.


Evangelisch-Lutherische Seite 4 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 13.03.11Zum ersten Mal in der Bibel wird Gott hier zum liebenden fürsorglichen Vater. Unwillkürlichhat doch jeder hier das Bild von Eltern vor Augen, die ihren Kindern vorm Verlassen desHauses warm anziehen. Sie sollen es gut haben „da draußen“.Die Warum-Frage ist aus biblischer Sicht geklärt. Sie fällt zu ungunsten der Menschen aus.Nichts löst sie aus der Verantwortung, die sie zu tragen haben. Aber auf der anderen Seitegilt: Gott bleibt der fürsorgliche Vater, der es gut meint mit seinen Menschen. Die Vertreibungaus dem Paradies tritt letztlich in den Hintergrund. Am Ende steht Gottes bleibende Nähe,sein Suchen und Fragen nach uns, seine Begleitung, seine Liebe – auch (vielleicht erstrecht!) „jenseits von Eden“.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Sonntag Okuli27. März 2011Predigttext: Markus 12,41-44:Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte inden Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legtezwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sichund sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskastengelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überflusseingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zumLeben hatte.Liebe Gemeinde!Das Thema „Geld“ scheint in unseren Gemeinden von Jahr zu Jahr wichtiger zu werden.Haupt- wie Ehrenamtliche werden zu so genannten „Foundraising-Seminaren“ eingeladen, indenen sie lernen sollen, Spenden einzuwerben, und gut bezahlte Werbestrategen werdeneingestellt, um das Produkt „Glauben und Kirche“ richtig an den Mann und die Frau zu bringen.Wenn die professionellen Werber keinen eigenen Bezug zum Glauben haben, fallendabei alle Tabus. So wird seit einiger Zeit etwa ein Jesus-Parfüm in manchen kirchlichenShops angeboten, um die klammen Gemeindekassen zu füllen! Und das ist nur eines vonvielen grenzwertigen Beispielen.Heute Morgen hören wir, dass das Problem alles andere als neu ist. Der Tempel in Jerusalemwar ein Riesenkomplex (eine Art „Stadt in der Stadt“). Für den laufenden Betrieb, dieBauerhaltung und den großen Personalaufwand waren enorme Einnahmen notwendig. Esgab eine gar nicht knappe Tempelsteuer, aber die reichte bei weitem nicht aus. So mussteschon damals um Spenden geworben werden. Und dabei setzte man nun geschickt auf dieEitelkeit der Menschen. Dreizehn große Opferstöcke gab es im Tempel, neben jedem Opferstockstand ein Priester und kontrollierte genau, wer dort wie viel hineingab. Spendierte einerbesonders großzügig, so konnte er sicher sein, die Aufmerksamkeit aller zu gewinnen. Dennder Name des Spenders und die Höhe seiner Spende wurden vom Priester sofort weitergegeben.Besonders großzügige Spenden wurden laut „hinausposaunt“ – im wahrsten Sinnedes Wortes. Denn der Name des Spenders wurde von Posaunenschall begleitet laut ausgerufen.Gott sei Dank hat diese Praxis durch Jesus ein Ende gefunden. Er lehrt uns so zu geben,dass die eine Hand nicht von der anderen weiß, mit anderen Worten: dass wir nicht aus Ehrgeiz,Eitelkeit und Geltungssucht spenden. Ganz ausrotten konnte er das Übel freilich nicht.Wenn ich die großen Chatity-Galas im Fernsehen sehe, bei denen ununterbrochen unten einBand läuft, das die Namen der Spender und die Geldbeträge zeigt, fühle ich mich sehr an diealte Tempelpraxis erinnert.Heute Morgen soll aber nicht das Geld im Mittelpunkt stehen. Entscheidend ist ja nicht, wieviel die arme Witwe oder die reichen Sadduzäer geben. Viel wichtiger ist die Geberin selbst.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 27.03.11Als „arme Witwe“ wird sie uns vorgestellt. Da klingt schon an, dass es sich um eine bedauernswerteFrau handelt, eine Frau am Rande der Gesellschaft. Das ganze Ausmaß ihrerArmut können wir uns heute kaum vorstellen. Eine Witwe galt damals wirklich absolut nichts.Starb der Ehemann, blieb die Frau völlig rechtlos zurück. Sie stand da ohne jede finanzielleSicherung; Rente oder dergleichen gab es nicht, von der Erbfolge war sie ausgeschlossen.Damit aber nicht genug. Sie hatte nicht einmal Verweilrecht im Haus. Das galt als Besitz desMannes und wurde nach dessen Tod zum Spekulationsobjekt der Landeigentümer. Die Witwemusste zusehen, dass sie irgendwie bei ihrer Familie unterkam. Gelang ihr das nicht,wurde sie heimat- und obdachlos. Vor dem Hungertod bewahrte sie lediglich ein einzigesfestes überliefertes Recht. Das war die Ährenlese. Waren die Felder abgeerntet, durften dieWitwen die Reste vom Boden sammeln.Die soziale Stellung der Witwen war entsprechend. Achtung und Anerkennung, überhauptdie mitmenschlichen Kontakte, ergaben sich nur über die Person des Mannes. Verstarb dieser,fielen alle sozialen Bezüge weg, auch jede Achtung.Ich denke, erst wenn wir das alles wissen, wird verständlich, warum dieser Ausdruck „armeWitwe“ bis heute den Klang absoluter Bedürftigkeit hat und nach wie vor viel Mitgefühl auslöst.Die materielle Situation der Witwen hat sich mittlerweile deutlich verändert; es gibt ein anderesErbrecht, eine Absicherung, eine gesetzliche Rente. Aber das ist ja nur die eine Seite.Auf der anderen Seite drückt „arme Witwe“ immer noch eine gewisse Wertlosigkeit aus. VieleFrauen (besonders der älteren Generation) haben nach dem Tod ihres Mannes das Gefühl,übrig geblieben und schutzlos zu sein. Mehr als zehn Prozent unserer Bevölkerung sindWitwen, alle vier Minuten etwa kommt eine weitere hinzu – insgesamt also eine ganz erheblicheZahl. Aber diese Frauen haben keine Lobby. Sie haben nicht den gesellschaftlichenEinfluss, auf sich aufmerksam zu machen. Jede von ihnen kämpft ihren Kampf im Wesentlichenfür sich allein, häufig ganz im Stillen.Viele kämpfen dagegen an, auf die Rolle „arme Witwe“ festgelegt zu sein. Sie wollen nichteinfach nur bedauert werden als übrig gebliebenes „Anhängsel“ eines Mannes, der nun nichtmehr da ist. Und sie kämpfen gleichzeitig gegen das Selbstmitleid und die plötzliche, unnatürlicheStille in ihrem Leben, gegen die Einsamkeit. Es ist noch immer so, dass mit demVerlust vieler sozialer Bezüge einhergeht. Die Witwe schaut vielleicht nach Gesellschaft mitihresgleichen, mag aber nicht der Einladung befreundetet Ehepaare nachkommen, weil siesich dort als „fünftes Rad am Wagen“ fühlt und sich fragt, ob sie nur aus Mitleid eingeladenwird. Das führt in die Isolation. Es fällt immer schwerer, „Ja“ zu sagen zum Leben. Ungewolltbestätigt und verstärkt sie das Bild „arme Witwe“. Alles in allem eine traurige Bestandsaufnahme.Jesu Beispiel von der armen Witwe lässt aber auch eine frohe Botschaft erkennen. Jesussieht die arme Witwe, mehr noch: Er macht die anderen auf diese Frage aufmerksam. DieSpielregeln unserer Welt richten sich nach Zahlen, insbesondere nach Geld. Das war zurZeit Jesu nicht anders als heute. Gott aber misst und wertet anders; Jesus kehrt die Maßstäbeum. Er lenkt den Blick weg vom Geld hin zu den Menschen, vor allem hin zu denen, dieallzu leicht übersehen werden.Die arme Witwe ist dafür ein gutes Beispiel. Kaum einer wird sie beachtet haben. Gesellschaftlichgalt sie nichts; ihre Zwei-Pfennig-Gabe zählt nichts; in den Augen der Priester istsie lächerlich klein- Gott aber schert nicht alle über einen Kamm. Er sieht jeden als einzelnenmit seinen ganzen individuellen Möglichkeiten; er schaut tiefer.Wer sich diesen Blick zueigen macht, der erkennt, was die zwei Pfennige für die Frau bedeuten.Sie gibt ihr Leben¸ im Text heißt es: „Alles, was sie zum Leben hatte“, und das ist nichtübertrieben. Witwen in Jerusalem konnten damals pro Tag zwei Pfennige erhalten. Das wargerade so viel, das es zum Überleben reichte. Sie hätte davon auch nur einen Pfennig gebenkönnen (in ihrer Situation wäre das immer noch viel gewesen), aber sie gibt alles, die ganze


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 27.03.11Tagesration; sie gibt wirklich „ihr Leben“. Jesus will sagen: Diese Frage gibt sich damit ganzund voller Vertrauen in Gottes Hand. Das ist das Entscheidende.Wer so vertraut, der handelt ungewöhnlich. Von den anderen wird er nur selten verstanden,vielleicht sogar belächelt oder für verrückt erklärt. Aber es ist ein Mensch, der irgendwann,irgendwie bemerkt hat, dass er einer Kraft vertrauen kann, die größer ist als er selbst und alsalle Kräfte dieser Welt. Er hat ein Vertrauen entwickelt in die Kraft der göttlichen Liebe, diehöher ist als alle menschliche Vernunft, ihre Berechnungen und Absicherungen.Jesus sagt nun nicht: „Geht hin, tut es genauso, gebt euer letztes Hemd!“ Das wäre zu kurzgedacht und liefe schnell wieder auf eine rein materielle Ebene hinaus. Jesus will, dass wirlernen loszulassen ohne Schmerz und das nicht nur in materieller Hinsicht. Er will, dass wirlernen, in unserer Sorge um die Zukunft auf Gott zu vertrauen und seine uns durchtragendeLiebe.Menschen, die ganz auf Gottes Liebe vertrauen, werden frei und entwickeln andere, neueMaßstäbe. Ich bin sicher, viele von uns kennen das auch schon. Am stärksten erfahren wirdas, wenn wir selber lieben. Eltern und Großeltern etwa sind bereit, wirklich alles zu geben,wenn es um das Wohl der Kinder oder Enkel geht. Da ist es auf einmal (allein aus Liebe!)ganz leicht, loszulassen ohne Schmerz.Da wird nicht mehr gerechnet. Da wird aus freien Stücken gegeben, was nötig ist (auchwenn es mal als Versorgung oder Sicherheit im Alter gedacht war). Und das Erstaunlichedabei: Es entsteht gar kein Mangel. Im Gegenteil, das Geben bereichert und kommt aufneue, ungeahnte Weise zurück.Ich bin sicher, auf ihre Weise hat die arme Witwe aus der Erfahrung großer Liebe gelebt undJesus hat das erkannt. Die, die alle als „arm“ erachten, war in Wahrheit eine der reichsten imTempel.Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum GründonnerstagBildmeditation zu: Lukas 22,19a:Und er nahm das Brot, dankte und brach’s21. April 2011Liebe Gemeinde!Jeden Sonntag feiern wir im Gottesdienst auch Abendmahl. Darinmag eine Gefahr liegen: dass man sich allzu sehr daran gewöhnt;dass das Besondere zur Routine verkommt; dass es nur noch alsliturgisches Anhängsel gesehen wird.Da ist es gut, dass wenigstens einmal im Jahr das Abendmahl ganzim Mittelpunkt steht – nämlich heute am Gründonnerstag, dem Tag,an dem Jesus das Abschiedsmahl mit seinen Jüngern gefeiert hat.Das gilt auch für das Bild hier vorne: Das Abendmahl im Mittelpunkt – hier im Mittelpunkt desKreuzes, wo sich Vertikale und Horizontale kreuzen. Von den Seiten strecken sich Arme zurMitte hin. Wir sehen Hände erwartungsvoll geöffnet im Blick auf das, was kommt. Sie streckensich nach der Stärkung durch Brot und Wein.Beim genauen Hinsehen wird ein kleiner Unterschied deutlich: Bei den Händepaaren vonoben und unten ist die eine Hand forsch vorausgestreckt, die andere zurückhaltender, eherabwartend.Das spiegelt ein Stück weit die Gottesdienstgemeinde wieder. Für die einen ist der regelmäßigeAbendmahlbesuch wichtig; das ist wie eine göttliche Wegzehrung für die Woche. Fürdie anderen aber ist das Abendmahl mit Unsicherheit, ja mit Angst besetzt. Gerade jetzt, woich mit den diesjährigen Konfirmanden und ihren Eltern die Konfirmation bespreche, erfahreich das besonders stark. Die meisten Fragen gibt es zum Abendmahlsbesuch:− Muss ich daran teilnehmen?− Kann ich etwas falsch machen?− Ist das nicht unhygienisch – ein Kelch?− Halten mich dann alle für besonders fromm?Für einige ist schon der Gang nach vorne ein Problem: „Alle schauen mich an; ich falle dochauf, wenn ich aufstehe und nach vorne gehe!“Solche Bedenken sind ausgesprochen traurig. Denn sie verkehren das Abendmahl ins Gegenteil.Ursprünglich steht es für die Befreiung von der Angst. Das zeigt schon ein Blick aufseinen Ursprung und die Tradition. Erwachsen ist es aus dem Passahmahl der Juden. Daserinnert an die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten. Das Brot ist ein besonderes: dieso genannten Mazzen, ungesäuertes Brot; schnell ausgebacken aus Mehl und Wasser stehtes für die Eile der Flucht, zugleich aber auch für den Weg in die Freiheit. Dass wir heute Oblatenverwenden, hält diesen Gedanken fest. Das ungesäuerte Brot blieb Symbol für dieScheidung von der alten Welt (Gefangenschaft) zugunsten einer neuen, von Gott gewolltenWelt der Freiheit. Was für die Juden Kanaan war, das gelobte Land, ist für uns Christen die


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 21.04.11Gemeinschaft im Reich Gottes. Ein langer, mühsamer Weg dorthin! Aber immerhin, jedeAbendmahlfeier ist ein Stück Vorwegnahme, gibt uns eine Art Vorgeschmack auf das, wasuns erwartet. Und immer wieder neu ergeht Gottes Einladung an uns: Komm hinzu! WerdeTeil der neuen Gemeinschaft! Lass dich beschenken und beleben von Gottes Freiheit!Spüren wir das wirklich? Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Eher müssen wir fragen:Wie lässt sich das, was wir beim Abendmahl spüren, angemessen in Worte fassen? Es sollja nicht überzogen klingen, nicht „superfromm“ und –heilig; das würde andere doch nur mehrabschrecken. Wenn wir nach Worten suchen, merken wir mal wieder: In einigen Dingen istes so, als würden Glaubende und Nichtglaubende verschieden Sprachen sprechen.Aber vielleicht sind Bilder hilfreich. Einer hat mal gesagt, die Taufe sei das Eingangstor zumchristlichen Glauben, das Abendmahl die Ankunft im Hafen. Das bringt es treffend auf denPunkt, steht doch der Hafen für Heimat, für den Ort, wo man zur Ruhe kommt, wo man mitgeführteLasten ablädt und zugleich auftankt für neue Wege.Zum Auftanken in diesem besonderen Hafen ist nur ein Schluck nötig. In der Kreuzesmittehier vorne sehen wir den Kelch neben dem Brot. Auch hier lohnt sich ein Blick in die alte,vorchristliche Tradition. Für die Juden war das Blut von besonderer Bedeutung. Es galt alsder Träger des Lebens und stand für Kraft und Würde. Besonders deutlich wurde das in derOpferpraxis: das Blut des Opfertiers vermittelte Kraft – Kraft, die schützt und Kraft, die sühnt.Das knüpft an die letzten Tage Israels in ägyptischer Gefangenschaft an. Da hatte das Opferblutschützende Funktion. Wer es an die Türpfosten gestrichen hatte, durfte sich sicherwissen, wenn der Todesengel durch die Stadt zog und die Erstgeborenen starben.In der Zeit danach wurde dann die sühnende Kraft immer wichtiger: Das Blut des Opfertieresheilte den Bruch zwischen Gott und Mensch bzw. Gott und seinem Volk. Das gilt hin bis zuJesu Tod am Kreuz: Das ist das letzte, nicht mehr zu überbietende Opfer. Ein für alle Mal istder Bruch zwischen Gott und Mensch geheilt, und mit jedem Schluck aus dem Kelch habenwir Anteil an der neuen Gemeinschaft mit Gott.Das alles ist Theologie bzw. Theologiegeschichte. Deshalb noch einmal die Frage: Spürenwir das, erleben wir das auch tatsächlich? Sicher nicht immer in gleicher Intensität. Umsowertvoller aber sind die Momente, in denen sich tatsächlich etwas erleben lässt von der neuenGemeinschaft Gottes.Ein Beispiel ist mir in besonderer Erinnerung (hier aus Paul-Gerhardt, etwa zehn Jahre her).Unter denen, die zum Abendmahl nach vorne kamen, war ein fremder, sehr ungepflegter,wahrscheinlich obdachloser Mann. Es bildete sich eine Reihe vor dem Altar zum Empfangenvon Brot und Wein, aber es wurde deutlich: keiner wollte neben dem Obdachlosen stehen;deutliche Lücken nach links und rechts waren erkennbar. Ihm am nächsten zu stehen kamschließlich eine junge Mutter mit einem etwas zappeligen Kind auf dem Arm. Gerade imMoment der Brotausteilung geschah das Überraschende: das Kind auf dem Arm der Mutterstrahlte über das ganze Gesicht, streckte seinen Arm in Richtung des Obdachlosen, berührteihn fast oder tatsächlich. Die peinliche Lücke war geschlossen, die Gemeinschaft – auchsinnfällig – hergestellt. Etlichen war das damals aufgefallen, viele hatten sich gefreut, dietiefe Bedeutung ist uns aber erst hinterher richtig aufgegangen. „Brannte nicht unser Herz inuns“ fragten sich die Emmausjünger rückblickend, nachdem sie erkannt haben, dass derAuferstandene selbst mit ihnen zu Tische saß. So ein Fühlen (ein Ahnen? ein Brennen?)durften wir erleben.Und ich wünsche uns, dass sich unsere Hände beim Abendmahl auch im übertragenen Sinneöffnen: empfänglich für das Neue, das Gott uns schenken will.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Ostersonntag24. April 2011Predigttext: Matthäus 10,1-10:Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria vonMagdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah eingroßes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzteden Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weißwie der Schnee. Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sietot. Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, denGekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her undseht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass erauferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dortwerdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grabmit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe,da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfasstenseine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Gehthin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort werden sie michsehen.Liebe Gemeinde!Die gute Tradition der Kreuzwege hat Schule gemacht. Ihren Ursprung hat sie in Jerusalem.Da sind es vor allem Pilgergruppen, die am Karfreitag die Leidensstationen Christi abgehenvon Gethsemane bis Golgatha. Schon lange wird das auch in den katholischen Ländernpraktiziert, und inzwischen ist es auch bei den evangelischen Christen angekommen, auchhier in Hamburg. Ich war am Freitag bei einem Kreuzweg dabei, der in der ökumenischenKapelle in der Hafencity begann, in sieben Stationen der Leiden Christi gedachte und die inbesonderer Weise auf die Situation vor allem ausländischer Mitbürger in Hamburg bezog.Abschluss und Höhepunkt zugleich war eine Andacht mit Musik, Stille und Gebet in der freienevangelischen Gemeinde am Michel.Umso erstaunter war ich, als ich jetzt las, dass die Gemeinden in Südamerika eine weitereKreuzwegstation haben. Dort endet der Kreuzweg nicht mit Kreuzigung und Tod Jesu. Vielmehrkommt eine weiter hinzu: Man gedenkt der Auferstehung Jesu. Im ersten Moment verwundertdas. Karfreitag ist schließlich nicht Ostern! Und das Leiden von Karfreitag solltenicht allzu schnell von Osterfreude zugedeckt werden.Bei genauerem Hinsehen aber wird es interessant. Denn die neue Kreuzwegstation wird mitunserem Predigttext von heute begründet: Für die Menschen, die Jesus nahe standen, warseine Auferstehung keineswegs nur große Freude und Erlösung. Die Frauen reagierten mitEntsetzen auf das leere Grab, und die Erscheinung des Engels macht das kaum besser.Sein Gesicht wie Blitzesleuchten und sein Gewand weiß wie Schnee lässt sie erzittern. Hinzukommen: Wachsoldaten, die umfallen, als wären sie tot, und ein Erdbeben, das Jerusalemerschüttert. Alles in allem ein Horrorszenarium, tatsächlich eine weitere Kreuzwegstation.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 24.04.11Dass Ostern der Durchbruch zu neuem Leben ist, dass der Grabplatz zum Ort neuer Kraftund Freude wird, ergibt sich erst vom zweiten Teil der Erzählung her. Die Frauen bleibennicht stecken in ihrer Angst und Trauer; sie lassen sich nicht lähmen von den apokalyptischenBegleitumständen. Ihre Furcht bleibt zwar, aber an die Seite der Furcht tritt großeFreude: Freude über die Botschaft des Engels, Freude über die Begegnung mit dem Auferstandenen,Freude über den erhaltenen Auftrag. Das alles kommt nicht auf einmal, sondernnach und nach. Die Frauen machen einen Prozess durch, und Prozess heißt auf Deutschnichts anderes als „Voranschreiten“ – mal langsamer, mal schneller, auch mal im Zustandder Ruhe (keinen Schritt vor den anderen setzen zu können, „wie gebannt“ zu sein, gehörtgenauso dazu!).Liest man den Auferstehungsbericht des Matthäus einmal ganz genau, sieht man, dass ereigentlich die Auferstehung Jesu selbst gar nicht beschreibt (sehr ausführlich alle Begleiterscheinungen,aber nicht Jesu Auferstehung!). Sein Thema ist viel mehr die Auferstehung derFrauen, die aus Ohnmacht und Trauer den Weg zurück ins Leben finden.Vielen von uns werden die Ostererzählungen sehr unwirklich anmuten, vielleicht gar märchenhaft.Aber an dem, was die Frauen hier erleben, können wir direkt anknüpfen. Auch wirhaben die Steine, die uns den Weg verstellen. Grabsteine etwa, die als Zeichen gesetzt sindfür jene, die wir lieb hatten, und von denen Abschied zu nehmen uns so unglaublich schwerfällt; Steine, die uns auf der Seele (oder wie wir sagen: „auf dem Herzen“) liegen – eine gescheiterteBeziehung, ein Versagen, eine Schuld vielleicht, oder auch Steine im wortwörtlichenSinne: Steine, die Menschen aufeinander werfen aus Verzweiflung und Hilflosigkeit,aus Aggression und Wut – sei es in den Ländern Nordafrikas, sei es in Israel-Palästina oderauch bei uns in Deutschland (in Berlin etwa oder im Schanzenviertel). Steine, die das Lebenschwer machen, Steine, die Lebenswege verstellen oder sogar beenden. Andere Steineschotten ab: Mauern und Grenzen werden aus Steinen errichtet oder mit Steinen markiert –Steine gegen die Gemeinschaft, auch sie Steine gegen das Leben. Ganz bewusst haben dieErbauer Steine gewählt. Ihre Festigkeit soll „einschlagen“ oder Bestand garantieren. Ist dasdas Ende?Dagegen setzt Ostern sein lautes Nein. Vor Jesu Grab liegt ein riesiger Stein. Kaum einer istimstande, den aus eigener Kraft zu bewegen. Menschliche Möglichkeiten kommen hier anihre Grenzen. Und dennoch: Er wird bewegt – und zwar von der Kraft des lebendigen Gottes.Dort, wo der Mensch nicht weiter weiß, setzt Gott einen neuen Anfang. Der Tod hat nicht dasletzte Wort, er muss sich dem Leben beugen.Matthäus berichtet von einem großen Erdbeben. Manch einer wird beim Hören des Evangeliumsdaran hängen geblieben sein. Noch allzu frisch sind die Erinnerungen an das furchtbareErdbeben in Japan mit seinen verheerenden Folgen bis hin zur atomaren Verseuchung.Gibt es einen treffenderen Beleg für den Triumph des Todes? Lässt sich da überhaupt Osternals Triumph des Lebens feiern?Es fällt schwer, die Gedanken davon zu lösen. Um den Text zu verstehen, müssen wir esaber. Für die Menschen in der Antike hatten Erdbeben auch eine weitergehende, nicht unmittelbareBedeutung. Sie galten als Teil eines umfassenden kosmischen Geschehens; fürJuden wie Christen waren sie messianische Zeichen, Vorboten für das kommende ReichGottes. Eine Krise, sicher, eine tiefe Erschütterung des Alten, zugleich aber Ankündigungeines Neuen, hoffnungsvoll Erwarteten. Luther knüpft in einer Osterpredigt daran an undsagt: „Wenn Christi Auferstehung gepredigt wird, dann gibt’s immer ein Erdbeben. Abersolch Erdbeben ist dem Gläubigen heilsam und angenehm und viel erwünschter als Ruhe.“In der Konsequenz heißt das: Wir sollen uns von Ostern erschüttern, aus der Ruhe bringenlassen. Da mögen wir uns noch so sehr ein ruhiges, besinnliches Osterfest wünschen; endlichmal ausschlafen, Familienfeier mit Ostereiersuchen, dann in der Frühlingssonne ausspannenund das Leben genießen! Alles gut verständlich, aber das ist beileibe nicht das biblischeOstern. Die Frauen am Grab Jesu erleben es: alles, was sicher schien, wird erschüttert.Erwartungen, Werte Taten – alles ist plötzlich anders. Sie erwarten Friedhofsruhe – und


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 24.04.11geraten in den Aufstand des Lebens hinein; sie wollen einen Toten versorgen – und begegneneinem Engel; sie wollen einem Geliebten die letzte Ehre erweisen – und werden (ausgerechnetvon dem!) neu beauftragt. Einen solchen Sieg des Lebens muss man erstmal fassen,bevor sich das Leben wieder genießen lässt.Aber so ist es ja doch tatsächlich: ohne Aufbruch, ohne Krise ohne Erschütterung gibt eskein neues Leben. Die Freude dabei keimt nur langsam auf. Es ist eine eigenartige Mischung,ein Hin- und Hergerissenwerden, denn die Angst ist damit nicht weg. Das benötigtseine Zeit. So geht es jedem von uns, der sich nach Trennung oder schwerer Krankheit odereiner anderen Lebenskrise wieder dem Leben öffnet. Von den Frauen am Grab heißt es, siefanden ihren neuen Weg. Jesus selbst ging ihnen voraus nach Galiläa.Wo kann für uns heute dieses Galiläa sein? Golgathas können wir viele nennen – Zeitenund Orte, wo unsere Hoffnungen begraben und unsere Wünsche gestorben sind, oder auchdie vielen Orte in der Welt, an denen Unschuldige leiden und zu Tode kommen. Aber wo istGaliläa?Die Antwort wird jeder für sich finden müssen. Aber eine Richtungsweisung kann uns jenezusätzliche Kreuzwegstation in Südamerika zeigen, von der ich anfangs sprach. In den Meditationenzu dieser Station heißt es: „Auferstehung ist immer da, wenn in der Welt ein wirklichmenschliches Leben heranwächst; immer da, wenn die Gerechtigkeit über die Herrschaftsinstinktesiegt; immer wenn die Gnade die Macht der Sünde überwindet; immer wenn Hoffnungdem Zynismus und der Verzweiflung widersteht – immer dann verwirklicht sich ein StückAuferstehung.“Wir dürfen von Ostern nicht erwarten, unsere Toten wieder lebend vor uns zu sehen. Aberwir können Osterspuren in unserem Leben finden – und da gibt es viele, die aufleuchten! FürKinder ist es die schönste Osterfreude, Ostereier zu suchen und zu sammeln. Ich habe maleinen Anfang gemacht und Ihnen ein besonderes „Osterei“ ins Gesangbuch gelegt (zumHerausnehmen und Mitnehmen):Steh aufwenn dich etwas umgeworfen hatsteh aufgerade wenn du meinstdu könntest nicht aufstehender stein vor deinem grabwird sich von selbstfortbewegenes wird dir ein stein vom herzen fallenmach alle ostergeschichten wahrund frage nicht ob sie wahr sindprobier sie ausob sie auf dich passensie passen auf dichsie sind keine totengeschichtenprobier siedann wirst du sehenes sind wahr-sage-geschichten.Amen(W. Willms)


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zur Konfirmation1. Mai 2011Predigttext: Matthäus 13,44-46:Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand undverbarg; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte denAcker. Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und alser eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.Liebe Gemeinde!Was fällt Ihnen als erstes beim Stichwort „Schatz“ ein? Die allwöchentlich ersehnten „5 Richtigenmit Zusatzzahl“? Die Kronjuwelen des englischen Königshauses? Oder – vielleicht vielnäher liegend – der Partner, die Partnerin (immerhin ist „Schatz“ das mit Abstand gebräuchlichsteKosewort)? Oder das Häuschen am Meer (verbunden mit einer entsprechendenMenge an freier Zeit, es auch genießen zu können)? Ich bin sicher: Je länger Sie darübernachdenken, desto mehr wird Ihnen dazu einfallen.Euch ging es da nicht viel anders. Ein ganzes Wochenendelang haben wir uns mit den Schätzen des Lebensbeschäftigt. Mit viel Phantasie und Farbe hat jeder voneuch seine ganz eigene Schatzkiste gefertigt und dannauch nach und nach gefüllt. Natürlich sind wir neugierigund werfen einen Blick hinein. Listet man eure materiellenSchätze auf, glaubt man erst mal den Prospekt eines E-lektronikkaufhauses vor sich zu haben: Laptop und Computer,Fernseher, Facebook, I-Pod und I-Phone sind daeindeutig die Renner. Daneben sind aber auch ganz andere individuelle Schätze genannt:Das Reisen etwa (mit Natur und Strand), gleich mehrfach das Essen (in einem Fall sogar mitFavoriten-Nennung: der fette Burger) und einer nennt sogar (ganz ehrlich) sein Bett – aberdas nicht nur zum Schlafen, sondern vor allem zum Träumen.Spätestens jetzt merken wir schon, wie wir uns von der rein materiellen Seite wegbewegen.Wahre Lebensschätze müssen nicht teuer sein. Was sie zu Schätzen macht, ist, dass siedem Leben einen Sinn geben oder wenigstens Farbe und Fröhlichkeit. In dieser Hinsichtsteht die Musik bei euch an erster Stelle (11 von 15 haben sie genannt). Ihr hört Musik (amliebsten von morgens bis abends), viele machen selbst Musik (spielen ein oder sogar mehrereInstrumente, einige singen sogar gerne). An zweiter Stelle: der Sport (7 Nennungen). DieNennung der Musik wird nur noch von einem übertroffen: Mit einer Ausnahme nennt ihr alleFamilie und Freunde als wichtigsten Lebensschatz. Ich glaube, das freut nicht nur die, dieheute hier sind und mit euch feiern. Christus wird es in gleicher Weise freuen, war es dochsein wichtigstes Anliegen zu zeigen: Der wahre Schatz ist nicht aus Gold und Silber. Derwahre Schatz ist die Liebe, verlässliche Beziehungen, die tragen – ob in der Familie oderunter Freunden oder den Gemeinschaften in Staat und Gesellschaft. Etliche von euch nehmendas aus der Konfirmandenzeit mit ins Leben. Ich sehe das an der Wahl eurer Konfirma-


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 01.05.11tionssprüche (Marie, Leonie, Juliane, Alex: „Liebe sollte auf Taten stehen, nicht auf Worten.Denn Worte sind vergänglich …). Ja, das ist der Weg, auf dem sich „Schätze im Himmel“sammeln lassen.Wer Liebe üben will (und das nicht nur ab und zu mal, sondern auf Dauer), der braucht eineQuelle, aus der er die Kraft dazu schöpfen kann. Der Glaube an Gott kann eine solche Quellesein. Man muss nicht gleich eine Mutter Teresa sein und sein ganzes Lebenswerk darauferbauen. Auch für das ganz normale Leben mit seinen Höhen und Tiefen bietet sich Gott alsHelfer und Begleiter an. Und viele von euch nehmen dies Angebot an (Konfirmationssprüchevon Sara, Irene, Pauline, Florian). Gott soll mir Kraft und Schutz sein, möglichst ein Lebenlang. So kann auch der Glaube an Gott ein „Lebensschatz“ sein.Für Gott seid ihr alle ein Schatz – nicht nur im Sinne von „gemeinsam sind wir stark“, sondernjeder einzelne von euch. Ihr seid individuelle Persönlichkeiten, jeder, jede mit ganz speziellenGaben und Vorlieben, mit Ecken und Kanten, auch mit Schwächen. Die einen eherlaut und gern im Vordergrund (unter euch wohl die Mehrheit?!), andere eher die stillen, abertiefen Wasser. Da kann es „hienieden“ schon mal zu Konflikten kommen (etwa im Konfirmandenunterricht),„der da oben“ aber hat euch lieb, wie ihr seid. Das ist das Besondere anGottes Liebe: Er nimmt jeden, wie er ist. Er weiß um eure Möglichkeiten, und selbst, wenn ihrmal auf Um- oder Abwege geratet, gibt er nicht auf. Ein Gleichnis Jesu zeigt es: Der verloreneSohn ist ihm nicht weniger wichtig als der, der ihm ein Leben lang treu dient.Auf diese Liebe Gottes könnt ihr euch fest verlassen. Freilich, es gibt sie nicht zum Nulltarif.Das ist kein Schatz, über den man zufällig stolpert oder der einem einfach so in den Schoßfällt. Man muss sich schon auf den Weg machen und danach suchen, und wenn man ihnentdeckt hat, auch etwas investieren. Im Gleichnis, das wir vorhin gehört haben, ist einersogar bereit, alles zu geben für diesen einen besonderen Schatz. Im Grunde ist es das gleiche,wie wenn man ein besonderes Geschenk bekommt. Man kann es in die Ecke legen undvergessen. Oder man macht etwas daraus: Man freut sich daran, man setzt es ein, lässt anderedaran teilhaben, macht mehr daraus. Nicht anders ist es mit dem Glauben und der LiebeGottes. Das, was ihr heute davon mitnehmt, könnt ihr irgendwo ablegen und vergessen –oder ihr macht etwas daraus, was euer ganzes Leben bereichert.Dieser besondere Gottesschatz leuchtet nicht weithin wie ein Klumpen Gold. Eher ist es einSchatz aus vielen kleinen Münzen – und die muss man sehen, wahrnehmen können (überallim Alltag):− einen besonderen Menschen, den man kennen, vielleicht lieben lernt;−−die unerwartete Hilfe, die gerade im richtigen Moment kommt;die kleine Freude (eine Geste, ein freundliches Wort, was man allzu leicht übersieht oderüberhört);− ja, vielleicht sogar eine Auseinandersetzung. Wenn sie fair und offen geführt wird, kannsie „bereichern“.Solche oder ähnliche Münzen könnt ihr auch im Alltag finden!„Du bist das Beste, was mir je passiert ist …“ Dieser Ohrwurm der Gruppe Silbermond dudeltderzeit auf allen Kanälen. Darin heißt es: „Ich habe einen Schatz gefunden, und der trägtdeinen Namen. So wunderschön und wertvoll und mit keinem Geld der Welt je zu bezahlen.“Das ist natürlich ein Liebeslied. Aber ich denke, es weckt auch ganz andere Erinnerungen,etwa bei Ihnen, liebe Eltern. Vor 13 oder 14 Jahren wurde Ihnen ein Schatz geschenkt, einSchatz, auf den sie gut aufpassen mussten, den Sie behüten mussten und durften; einSchatz, der dann immer größer und größer wurde. Manche erstaunlich groß (oder besser:lang) gerade in den letzten beiden Jahren. Gerade ein Tag wie heute ist Anlass, zurückzudenkenan die Jahre mit diesem Ihrem Schatz, sich zu erinnern an viele wertvolle Münzen(die ersten Schritte; die ersten Worte; zuzuschauen, wie er/sie immer selbständiger wurde…).


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 01.05.11Jetzt sind sie hier, die Schätze von damals, auf der Schwelle zum Erwachsenwerden – undplötzlich sind da ganz neue Erfahrungen: Womit hab’ ich das verdient? Dauernd diesesRumgezicke, das Aufmüpfigsein, diese endlosen Diskussionen, die schlechte Laune … Womithab’ ich das verdient? Nun, klare Antwort: Aus Liebe haben Sie es verdient. Denn dasgehört mit zu den „Schätzen“, gerade in diesem Alter: dass sie lernen, ihren Weg zu finden,ihn selbst zu gehen – und wenn das manchmal wehtut, sind das Folgen und Begleiterscheinungender elterlichen Liebe.Umgekehrt kann das auch euch helfen: Eltern, die „rumnerven“, tun das eigentlich nur ausLiebe zu euch, weil sie den kleinen Schatz von damals halt ungern gehen lassen wollen.Vielleicht fürchten sie auch ein bisschen den Augenblick, wo ihr an kommt und mit strahlendenAugen sagt: „Ich habe einen Schatz gefunden …!“ Das ist schon eine aufregende Zeit, indie ihr nun hineinstartet: Zeit des Erwachsenwerdens, Zeit der ersten großen Liebe, Zeitgroßer Entscheidungen (Beruf/Ausbildung nach der Schule).Da wird es auch massive Enttäuschungen geben. Vielleicht werdet ihr manchmal das Gefühlhaben: Niemand ist für mich da. Ich bin nichts wert – oder: Erkennt denn niemand, was fürein Schatz in mir schlummert, der nur darauf wartet, gehoben zu werden?! Gerade in solchenMomenten ist es wichtig, sich zu erinnern: Von einem weiß ich mit Sicherheit, dass ichihm ein Schatz bin und bleibe. Das ist Gott.Vielleicht könnt ihr heute mit so einer merkwürdigen Liebeserklärung wenig anfangen. Vielleichtsagt ihr sogar: Darauf pfeif ich; mein Schatz ist Gott jedenfalls nicht. Heutzutage ist daswohl sogar die Haltung der Mehrheit der Menschen. nur ein Tipp: Schmeißt ihn deshalb nichtgleich weg! Legt ihn beiseite meinetwegen, vergrabt ihn in euch, lasst ihn untergehen imBewusstsein (das ist das Schicksal vieler Schätze) – aber tut das nur so weit, dass ihr ihnzur Not wieder ausgraben könnt. Noch einmal dazu ein Vers aus dem Liebeslied von Silbermond:„Wenn sich mein Leben überschlägt, dann bist du die Ruhe und die Zuflucht, weil alles,was du mir gibst, so unendlich gut tut.“Wenn sich das vom Menschen sagen und singen lässt, wie viel mehr dann erst von Gott!Diese Lebenserfahrung schenke euch sein guter Segen!Amen(Foto: K. Krohn)


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Sonntag Kantate22. Mai 2011Predigttext: Matthäus 21,14-22:Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriesterund Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempelschrieen: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst duauch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): «Ausdem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet»? Und er ließ sie stehenund ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht. Als er aber am Morgenwieder in die Stadt ging, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege,ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemalsmehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich. Und als das die Jünger sahen, verwundertensie sich und fragten: Wie ist der Feigenbaum so rasch verdorrt? Jesus aber antworteteund sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nichtzweifelt, so werdet ihr nicht allein Taten wie die mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihrzu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen. Und alles, wasihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen.Liebe Gemeinde!„Singt, singt dem Herren neue Lieder …“, haben wir gerade angestimmt. „Frohlocket, jauchzet,rühmet alle, erhebet ihn mit Lobgesang.“ Das ist für uns der Sonntag Kantate: Wir lobenGott mit dem Besten, was wir haben (unserer Stimme) und mit dem Besten, was unsere Kirchenmusikzu bieten hat: Ludwig van Beethovens Sonate D-Dur, (1. Satz), Johann SebastianBachs Sonate D-Dur (3. Satz) und Richard Wagners Pilgerchor aus dem Tannhäuser.Beim anspruchsvollen Niveau der Instrumentalmusik können unsere Stimmen kaum mithalten.Aber wir genießen es. Unser Gemeindegesang kann sich sehen (oder besser: hören)lassen, und ich bin sicher: Gott wird ihn hören wie er gemeint ist – als Lobgesang, der ausdem Herzen kommt.Schwierig wird es heute eigentlich erst, wenn die Texte dazukommen. Vor allem das Evangeliumhat es in sich. Was hat Jesu Tempelreinigung am Sonntag Kantate zu suchen, underst recht die merkwürdige Geschichte von der Verfluchung des Feigenbaums, der keineFrüchte trägt?! Man muss diesen Evangeliumstext schon sehr genau lesen, um den Anknüpfungspunktfür Kantate darin zu entdecken.Eigentlich wird uns da ja nur von einem großen Tumult berichtet. Die Hohenpriester undSchriftgelehrten schimpfen über das Auftreten Jesu. Nicht nur, dass er die Händler verjagtund ihre Tische umschmeißt, dann maßt er sich auch noch an zu heilen und holt die in denTempel, die dort sonst striktes Hausverbot haben, die Blinden und Lahmen. Die ihrerseitswerden auch nicht still geblieben sein, sondern ihre Freude laut ausgerufen haben. Und dieMenge, die die Wunder sieht, wird sie entsprechend kommentiert haben. Der Tumult istkomplett, als auch noch Kinder auftauchen, die ebenso wenig im Tempel sein dürfen wieKranke und Behinderte. Und die sind, wie Kinder nun mal sind: laut und direkt, offen undunverblümt. Die Kinder mit ihrem Gekrächze machen das Maß voll. Den Hohenpriestern undSchriftgelehrten platzt endgültig der Kragen.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 22.05.11Aber genau dieses Gekrächze ist der springende Punkt. Ich benutze bewusst dieses hässlicheWort, weil es exakt dem griechischen Text entspricht. „krazein“ steht da; unser deutschesWort „krächzen“ hat darin seinen Ursprung. Am Sonntag Kantate erwarten wir wohleher feierlichen Tempelgesang, vielleicht auch Posaunenschall und Harfenklang - irgendetwas,was die Ohren und Herzen erfreut. Stattdessen ist die Rede vom Krächzen, das denTempelbetrieb gehörig durcheinander bringt.Der Grund ist einfach. Gott kommt es nicht auf die Qualität der Töne an, sondern auf denInhalt des Gesagten. Menschlich ist es, sich an schönen Melodien und gutem Gesang zuerfreuen, Gott aber reicht das nicht. Er sieht tiefer. Er liest in unseren Herzen und Köpfen. Erkennt die Motive derer, die da laut werden und hört die Botschaften.Jesus spricht es aus. Als sich die Priester über das Geschrei der Kinder entrüsten, weist ersie zurecht mit einem Psalmvers: „Aus dem Munde der Unmündigen und der Säuglinge hastdu Lob zugerichtet.“ Jesus macht deutlich: In dem ganzen Tumult haben die Kinder etwaslaut werden lassen, was schwerer wiegt als die beste Predigt und der schönste Lobgesang.Es ist nur leider untergegangen im Geschrei und Gestreite der Erwachsenen (mal ehrlich:Erinnern Sie noch aus der Lesung, was die Kinder gerufen haben?!)Es sind im Griechischen nur drei Worte: „Hosianna, dem Sohn Davids!“ Für unsere Ohrenvielleicht nur ein unverfänglicher Ausruf der Freude. Für fromme Juden aber ein Ruf, der esin sich hat. So begrüßt man nur einen: den lang ersehnten Messias. Den, auf den man alleHoffnung, alle Erwartung setzt. Den, der die neue Zeit und damit das Reich Gottes bringt.Alle haben die Tempelreinigung erlebt. Alle haben die Heilungswunder gesehen. Aber währendsich die Erwachsenen noch aufregen über das, was geschehen ist, bringen die Kinderes auf den Punkt. Nicht der Tumult ist das eigentlich Erregende, sondern das, was durch dasChaos hindurch plötzlich sichtbar wird: Hier steht der Messias vor euch.„Kindermund tut Wahrheit kund“ sagt ein altes Sprichwort. Hier wird es vom Evangelium bestätigt.Das, was dann folgt, gehört zu den merkwürdigsten Geschichten im Neuen Testament. Jesuskommt an einem Feigenbaum vorbei, der keine Früchte trägt. Jesus verflucht den Baumund der geht unverzüglich ein; er verdorrt. Warum tut Jesus das? Das passt doch gar nicht inunser Jesus-Bild! Der, der sonst nur segnend und heilend tätig ist, spricht hier einen Fluchaus – und dann noch gegenüber etwas so Unschuldigem wie einem Baum …Das ist nur zu verstehen auf dem Hintergrund der jüdischen Tradition. Im Blick auf die Messiaserwartungist die geprägt von den Verheißungen der Propheten – und dort findet sich alsKennzeichen für die messianische Zeit, dass alle Feigenbäume üppig Frucht bringen, unabhängigvon Größe, Wuchs und Jahreszeit. Ich denke, den Feigenbaum trifft hier derselbeÄrger Jesu, der auch den Pharisäern, Priestern und Schriftgelehrten gilt. Obwohl Jesus mittenunter ihnen ist, obwohl er eindeutige Zeichen setzt, begreifen sie nicht, was die Stundegeschlagen hat. Der Messias ist da, aber sie sind blind dafür.Einzig die Kinder erkennen die Wahrheit und benennen sie mit ihrem „Krächzen“. Es ist interessantzu sehen, so dieses Wort noch verwendet wird in den Evangelien – etwa da, woKranke um Hilfe rufen, sogar da, wo die Dämonen in den Besessenen schreien, zu guterLetzt auch da, wo die Jünger in Seenot geraten. „Krazein“ ist ein Rufen im Heiligen Geist –paradoxerweise ein Rufen, wenn es einem die Sprache verschlägt.Wir bringen das nicht auf Anhieb mit dem Sonntag Kantate zusammen. Und doch: Die GemeindenJesu Christi haben zu allen Zeiten gerade dann laut gerufen, wenn es ihnen dieSprache verschlug; wenn Worte ihre Not nicht mehr ausdrücken konnten. Musik (auch Gesang!)ist ein wichtiger Helfer gegen die Begrenztheit der Sprache – gerade dann, wenn Gefühleim Spiel sind und wir nicht imstande sind, das Chaos und den Druck der Gefühle inangemessene Worte zu fassen. Da kann Musik Mut machen, kann befreien, ja kann sogarKlage in Gotteslob verwandeln.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 22.05.11Die Klagepsalmen sind ein Beispiel dafür oder auch die ersten Christen, die in den Zeitender Verfolgung laut singend in die Arenen gingen und dort den Märtyrertod starben. Odernehmen wir Paul Gerhardt: In den schrecklichen Erfahrungen des dreißigjährigen Krieges,zudem in tiefer persönlicher Not hat e seine besten Gottesloblieder geschrieben.Bleiben wir an unserem Bibeltext, können wir sagen: Gegen allen Augenschein, gegen Notund Chaos können Christen bezeugen: Die messianische Zeit ist da. Mit Christus ist GottesReich angebrochen. Sichtbares und hörbares Zeichen dafür ist wenigstens die Stimme derGlaubenden, ihr Mut zum Bekennen.Die Herrschenden lässt das nicht unbeeindruckt. Ja, ich würde sogar sagen: Im lauten, mutigenGesang wird eine geschichtsmächtige Kraft frei. Bestes Beispiel dafür ist die ehemaligeDDR. Kirchliche Angebote waren da bekanntlich strengen Auflagen unterworfen. Je öffentlichkeitswirksamereine kirchliche Veranstaltung war, desto mehr redete der Staat hinein.Ganz bezeichnend finde ich, dass bei Einweihungen kirchlicher Neubauten die staatlicheEinflussnahme besonders stark war. (Schließlich erwartete man da besonders viele Menschen.)So durfte zwar die Einweihung vorgenommen werden, aber es durfte kein Gottesdienst abgehaltenwerden. Interessant ist dabei besonders, was die DDR-Führung unter „Gottesdienst“verstand. Erlaubt waren nämlich Bibellesungen, erlaubt war auch die Predigt, strengverboten aber waren Gebete und Gemeindegesang. Im Rückschluss bedeutet das doch: DieDDR-Führung fürchtete weniger die Predigt der Pastoren (und das, obwohl es doch manchegab, die durchaus regimekritisch waren). Sie fürchtete vielmehr die Macht, die vom Gebetund gemeinsamen Gesang ausging.„Hosianna dem Sohn Davids!“ Wo das die Gemeinde ruft (und sei es nur, dass Geschundenees krächzen, Gefangene es stöhnen, Wortlose es stammeln), leuchtet etwas auf vomReich Gottes. Und auch wenn wir heute die schönste Kirchenmusik genießen, sollten wirdaran denken, dass wir im „Herr, erbarme dich!“ Gott und Christus vielleicht doch am nächstensind.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Sonntag Exaudi5. Juni 2011(Mit Besuch aus Indien und Taufe)Predigttext: Johannes 7,37-39:Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet,der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leibwerden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangensollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war nochnicht verherrlicht.Liebe Gemeinde!Was würden Sie sagen, ist der Mittelpunkt aller älteren Städte? Der Marktplatz, das Rathaus,Dom oder Kirche? Alles nur fast richtig. Stadtmittelpunkt ist immer ein Brunnen. Erst wenneine ergiebige Quelle gefunden war, konnte das Bauen und Besiedeln beginnen. Die Quellein der Mitte wurde zum Brunnen befestigt und war der natürliche Lebensmittelpunkt aller.Man konnte damals ja noch nicht einfach den Wasserhahn aufdrehen und Frischwasser inFülle genießen. Man musste es vom Brunnen herbeiholen – so trafen sich dort alle und nebender Wasserversorgung fing man an, Neuigkeiten auszutauschen, Kontakte zu knüpfen,Geschäfte abzuwickeln und Entscheidungen für die Gesamtheit zu fällen. So ergab es sichvon selbst, dass genau dort am Brunnen der Marktplatz entstand und das Rathaus gebautwurde.Was für die Menschen das Herz ist, das war für diese Orte der Stadtbrunnen. Versiegte er,starb der Ort. Die Einwohner mussten sich woanders eine neue Heimat suchen und wiederwar dabei die Wasserversorgung das wichtigste Kriterium.Was für unsere Breitengrade hier gilt, das gilt erst recht für südlichere Zonen. Unsere Partneraus Indien können ein Lied davon singen, wie mühsam es ist, die Versorgung mit Wasser zusichern. Was für ein wertvolles Geschenk kann da etwa eine Pumpe sein, die hilft, die Felderzu bewässern!Auch schon das Land Jesu, Israel-Palästina, kennt das Problem. Dort fällt in fünf Monatendes Jahres praktisch überhaupt kein Regen. Quellen und Flüsse versiegen. Das Wasser inden Zisternen ist schal und abgestanden und geht irgendwann auch zur Neige. Dort hat manein viel stärkeres Bewusstsein für den Wert des Wassers. Frisches Wasser ist ein Geschenkund alles andere als eine Selbstverständlichkeit.Einmal im Jahr wurde das besonders deutlich. Eine ganze Woche lang feierte man dasLaubhüttenfest. Dabei wurde Gott für alles gedankt, was die Lebensgrundlage des Volkesausmachte: den Auszug aus Ägypten, die Besiedlung Kanaans, die neue Ernte, den Wein,die Viehherden … Dem Wasser kam dabei eine besondere Bedeutung zu. Jeder der siebenFeiertage begann damit, dass Priester an der Stadtquelle Siloah einen goldenen Krug mitfrischem Wasser füllten. Mit Posaunenschall und unter lautem Jubel der Menge wurde dasWasser in den Tempel getragen und dort feierlich über den Altar gegossen. So dankte dasVolk Gott für die wichtigste aller guten Gaben und erbat sie zugleich auch für das neue Jahr.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 05.06.11„Wer die Freude des Wasserschöpfens nicht erlebt hat, der hat sein Lebtag keine Freudegesehen“, lautet ein Sprichwort in Israel.Nun stellen sie sich einmal vor, mitten in dieser feierlichen Zeremonie steht einer auf undruft: „Wenn jemand Durst hat, so komme er zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt!“ Jesustut genau das. Und er hätte sich keinen besseren Moment dafür aussuchen können: am Höhepunktdes Festes, am exklusiven Ort (Tempel), vor der versammelten Zielgruppe. Natürlichstört er den Ablauf der Zeremonie, aber er darf sich der Aufmerksamkeit aller gewisssein. Schließlich setzt er dem Ganzen noch die Krone auf: „Wer an mich glaubt, von dessenLeib werden Ströme lebendigen Wassers fließen!“ ruft er. Das heißt doch: Er setzt sichselbst an die Stelle von Altar und Wasserspende! In den Augen der Priester ein ungeheurerFrevel.Aber Jesus geht es um mehr als nur den Effekt der Aufmerksamkeit. Er sieht die Sehnsuchtder Menschen – eine Sehnsucht, die genau so schlimm und quälend sein kann wie Durst.Jesus will, dass kein Mensch mehr dürsten muss, nicht im wörtlichen und auch nicht im übertragenenSinn. Erfülltes Leben verspricht er allen, die an ihn glauben; die ihm zutrauen, dasser ihr Leben reich und froh machen kann. Jesus verspricht Leben im Überfluss.Viele Menschen leiden ja an „Lebens“-Durst. Damals wie heute gilt: Menschen leiden an derÖde und Trockenheit ihres Lebens, an dem täglichen Einerlei und dem immer wiederkehrendenTrott. Sie spüren, dass es doch noch mehr geben muss als den ständigen Kreislauf vonArbeiten, Essen und Schlafen. Sie mühen sich ab wie die Hamster im Rad und bleiben dochinnerlich leer und unglücklich.Zur Zeit Jesu fanden die Menschen Sinn und Abwechslung wenigstens in Zeiten großer religiöserFeste. Vor allem im Tempel von Jerusalem konnte man sich der gemeinsamenGrundlage des Glaubens vergewissern und Kraft schöpfen, wieder in den Alltag einzusteigen.Aber als Johannes sein Evangelium niederschreibt, liegt der Tempel schon seit mehrerenJahrzehnten in Trümmern. Das Gottesvolk ist seiner wichtigsten Grundlage beraubt.Deshalb entwickeln Jesu Worte jetzt erst ihre eigentliche Kraft und Bedeutung. „Ihr brauchtdem alten Heiligtum nicht nachzutrauern“, will er sagen. „Die Heilszeit ist da! Der Strom desLebens fließt. Die Verheißung der alten Propheten hat sich erfüllt. An die Stelle des Tempelsist Christus getreten, auferstanden und lebendig. Er ist der Mittelpunkt der Welt; er ist derBrunnen allen Heils, die nie versiegende Quelle. Jeder kann davon trinken und zu einemsinnerfüllten Leben finden.“Die Botschaft ist angekommen. Sie hat (trotz mancher Krisen) durch die Jahrhunderte nichtan Kraft und Aktualität verloren. Gerade in dieser Stunde dürfen wir das sagen, wo in Dresdenein evangelischer Kirchentag zu Ende geht, der mit über hunderttausend Besuchern zuden größten gerechnet werden darf. Im Kirchenalltag mag man manchmal daran zweifeln, obunser Glaube lebendig ist. Gerade in den Städten ist der Gottesdienstbesuch gering, dieExistenz etlicher Gemeinden gefährdet. Aber ein Blick über die Grenzen macht Mut. Geradein fernen Ländern wie Indien entfaltet der Glaube seine befreiende, Leben schaffende Kraftund lässt die Kirche Christi kräftig wachsen.Nicht weniger entscheidend ist, dass sich an Jesu Analyse nichts geändert hat. Die Sehnsuchtder Menschen ist ungebrochen da, die Sehnsucht nach einem wahren, einem wirklicherfüllten Leben. Sie äußert sich in unserer Zeit in einer eigentümlichen Hast und Unruhe oderauch in der Angst, zu kurz zu kommen oder etwas zu verpassen. Da werden dann ganzneue Quellen aufgetan, heute etwa der Konsumstrom, der sich als Wasser des Lebens tarntund doch immer nur neuen Durst erzeugt.Du, Anneke, hast dich entschlossen, in Christus deinen Lebensquell zu finden, und du traustder Kraft des Glaubens wirklich viel zu. „Nichts ist unmöglich dem, der glaubt“ hast du dir alsTaufspruch ausgesucht. Das klingt sehr nach religiösem Supermann (oder besser: -frau).Aber es ist interessant zu sehen, dass Jesus dieses Wort gerade einem Mann sagt, der sichoffen zu seinen Fragen und Zweifeln bekennt. Mit anderen Worten: Es sind keinesfalls die


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 05.06.11ihres Glaubens so sicheren Priester und Pharisäer die Glaubensvorbilder, sondern die, diemit ihren Glaubensfragen im Gespräch bleiben mit Gott, mit Jesus und mit ihren Mitmenschen.Kurz: gerade solche Menschen wie du.Von unserem Predigttext her gibt Jesus dir eine große Verheißung mit: von deinem Leib„werden Ströme lebendigen Wassers fließen“. Das meint: Wer seinen Lebensdurst bei Jesusstillt, wird selbst zum Spender lebendigen Wassers. Es ist wie bei den alten römischen Schalenbrunnen.Die Quelle sprudelt in die oberste Schale und von dort aus wird die Fülle deslebendigen Wassers von Schale zu Schale weitergegeben. Wer im Glauben lebt, gibt dasautomatisch weiter – wie selbstverständlich, oft genug, ohne es selbst zu merken.Dass du selbst zu einem Lebensquell für viele wirst, dafür wünschen wir dir Gottes reichenSegen!Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Pfingstsonntag12. Juni 2011Predigttext: Johannes 16,5-15:Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wogehst du hin? Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ichsage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe,kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Undwenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeitund über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit:dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: dass derFürst dieser Welt gerichtet ist. Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nichtertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheitleiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird erreden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn vondem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein.Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.Liebe Gemeinde!Trotz schwieriger Haushaltslage investieren die USA seit einigen Jahren vierzig Millionenjährlich in ein anspruchsvolles wissenschaftliches Projekt. Naturwissenschaften und Medizinerhaben es sich zur Aufgabe gemacht, mit ihren Methoden das Phänomen „Glauben“ zuerforschen. Neurologen sind dabei, die gläubige Menschen mit dem Kernspintomographenuntersuchen oder auch Molekularbiologen, die in der menschlichen Erbsubstanz nach dem„Gottes-Gen“ suchen. Dieser Ausdruck („Gottes-Gen“) ist mittlerweile tatsächlich ein anerkannterwissenschaftlicher Terminus. Einer der führenden amerikanischen Genforscher hatunter diesem Titel ein Buch veröffentlicht. Ergebnisse seiner Untersuchungen: Die Fähigkeitzu glauben liegt in den Genen und ist damit erblich. Solche Forschung hat erhebliche Folgen,auch für die Theologie. So gibt es in den USA mittlerweile den Zweig der so genannten„Neurotheologie“, die den Gottesglauben durch da Messen von Hirnströmen erfassen will.Liebe Gemeinde, sind wir damit endlich dem Wunder von Pfingsten auf der Spur? Könnenwir endlich begreifen, was es mit den Jüngern Jesu Besonderes auf sich hat? Gott als einebestimmte Kombination von Aminosäuren – die einen haben’s eben in den Genen, die anderennicht. Und der Glaube ist nichts anderes als bestimmte (vielleicht situationsbedingte)Hirnströme?Nein auf keinen Fall. So begreifen wir nichts vom Geist der Wahrheit. Gottes Geist ist nichtverfügbar, und er entzieht sich all unseren wissenschaftlichen Methoden. Die Jünger erlebenihn als überraschendes, überwältigendes Ereignis: Ein mächtiges Rauschen erfüllt denRaum; Feuer zerteilt sich und lässt sich auf ihren Köpfen nieder; aus sprachlosen Menschenwerden sprachbegabte, begeisterte Prediger. Das ist ein großes Wunder. Das lässt sichstaunend erleben von dem, dem es widerfährt. Es lässt sich aber nicht erklären, schon garnicht wissenschaftlich. Hier geht es um zwei vollkommen unterschiedliche Wahrheiten.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 12.06.11Im Johannes-Text heute morgen bereitet Jesus seine Jünger auf das große Ereignis vor. Esist ein Abschnitt aus seinen langen Abschiedsreden. Ganz behutsam geht er vor (wie einSeelsorger). Denn Jesus weiß: Die Jünger sind jetzt noch gar nicht in der Verfassung, sichder Pfingstfreude zu öffnen. Er muss sie auf seinen Abschied vorbereiten. Leiden, Kreuzestod,Himmelfahrt – das liegt alles noch vor ihm. Und die Jünger können das, wenn überhaupt,nur portionsweise begreifen.Dennoch mutet Jesus ihnen beides zu. Leiden, Auferstehung, Ausgießung des HeiligenGeistes gehören für ihn zusammen, müssen zusammen gesehen werden. Abschiednehmen,Verlassenwerden, Trauern – das stürzt jeden Menschen erst einmal in die Tiefe. Den Jüngernergeht es da nicht anders. Schon die Ankündigung der Leiden Jesu macht sie ratlosund sprachlos. Als es nachher tatsächlich eintritt, verkriechen sie sich, sind ohnmächtig undwie gelähmt. Ja, wer wirklich trauert, fühlt als wäre er lebendig mitbegraben.Jesus weiß das und will das auch gar nicht kleinreden. Aber er will auch seinen Trost dagegensetzen.Das ist nicht der billige Trost, wie wir ihn allzu oft zu hören bekommen. Kein„Kopf hoch!“, „Das wird schon wieder“ die „Zeit heilt alle Wunden“, keine Vertröstung.Schauen wir genau hin, was Jesus zu sagen hat: „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe“,sagt er.Damit löst er den Abschied aus dem rein Negativen. Wir brauchen Abschied im Leben, sonstgibt es keinen Raum für Neues. Jedes Leben ist ein Wachstumsprozess, durch viele Abschiedeoft genug sehr schmerzhaft. Sie bedingen aber auch kleine und große Neuanfänge,die Offenheit für neue Begegnungen und neue Gemeinschaften. Das ist der Boden, auf demHoffnung wachsen kann. Solange ich nur am Alten festhalte, dem Alten womöglich hinterhertrauere,kann Hoffnung nicht gedeihen.Ich glaube, an diesem Punkt sind wir ganz nah dran, was Pfingsten bedeutet. Dabei geht esum viel mehr als um die Verarbeitung von Trauer. Zwischen den Zeilen stellt Jesus hier dieFrage an uns: „Was hindert deine Hoffnung? An welchen alten, verkrusteten Sitten klammerstdu dich fest? Gibt es Gewohnheiten, Traditionen, die dich und dein Leben erstarrenlassen? Wo wäre da ein Abschied sinnvoll, wäre er auch noch so schwer?“Ich glaube, da ließe sich manches finden im privaten Alltag, aber auch im Glaubensleben.Natürlich gibt es da die liebgewordene Tradition im Beten, im Gottesdienstbesuch, im Gemeindeleben.Die können ein gutes Netz sein, das einen im Alltag trägt. Aber wir müssenaufpassen: Wenn wir das Netz zu dicht weben, nimmt es uns gefangen, macht es uns unbeweglich.Genau davor will Pfingsten warnen. Gott lässt sich nicht einsperren und einspinnen. SeinGeist weht, wo und wie er will. Das Pfingstwunder lässt das die Jünger auf sehr drastischeWeise erfahren. Aber sie sind gut vorbereitet von Jesus. „Ich lebe und ihr sollt auch leben“,hat er versprochen. „Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Ich komme zu euch.“ Mit dem„Geist der Wahrheit“ werdet ihr es erleben.Und tatsächlich: Mit Pfingsten kommen die Jünger heraus aus ihren Verstecken, sie verlassenihre schützenden vier Wände und gehen ins Leben zurück. Als Wortspiel lässt sich sagen:Sie sind „total aus dem Häuschen“ und „Feuer und Flamme“ für das Neue, das vor ihnenliegt. Gottes Geist bringt sie in Bewegung. Ihre „Lebensgeister“ erwachen.Wir erfahren, dass der Geist und die Be-Geisterung nicht nur eine persönliche Funktion haben,sondern auch eine öffentliche. Dass die Jünger für sich selbst zu neuer Freude, neuemSinn, neuem Leben finden, das ist das eine. Das Zweite ist mindestens ebenso wichtig: siegehen nach draußen, wagen sogar weite Wege, entsprechen Jesu Missionsbefehl (Geht hinin alle Welt, lehrt und tauft in allen Völkern). Schon vor der Haustür zeigt sich: Aus den ebennoch verängstigten, sprachlosen, sind mutige, bekenntnisfreudige Männer geworden. nur zugern wären wir dabei gewesen und hätten es miterlebt!


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 12.06.11Wie sieht es heute aus? Erleben wir das Geistwunder von Pfingsten, privat oder sogar öffentlich?−Privat, glaube ich in jedem gelingenden Neuanfang. Immer dort, wo wir Jesu Trostwortenvertrauen und uns von seiner Hoffnung tragen lassen. Immer dort, wo wir uns öffnen undGottes Geist eine Chance geben, in uns zu wirken.− Öffentlich können wir es auch erleben. Sehr eindrucksvoll im großen Kirchentag in Dresden,der vor einer Woche zu Ende ging. Den haben nicht nur die beteiligten Christen alspfingstlich erlebt! Noch interessanter als deren Begeisterung fand ich die Äußerungenvieler Dresdener am Straßenrand. Etliche bekannten, schon lange nichts mehr zu tun zuhaben mit Glaube, Gott und Kirche. Aber die Be-Geisterung der Christen habe sie angestecktund hineingezogen ins Geschehen.Nicht viel anders wird es damals in Jerusalem gewesen sein. Man wird nicht gleich Bekehrungenund Massentaufen erwarten dürfen, aber der Geist Gottes setzt in Bewegung undmacht lebendig, was daniederlag …Da kommt es wie ein Wunder vor, dass das Zentralamt für Zivildienst vermelden kann, dassvon 20.000 Zivildienstleistern, die demnächst aufhören, über 14.000 bereit sind, für eine kürzereoder längere Zeit ihren Dienst freiwillig zu verlängern. Ich erinnere noch sehr gut dieZeit, als sich Zivildienstleistende als „Drückeberger der Nation“ beschimpfen lassen mussten.Jetzt erweisen sie sich als die mit einem besonderen Bewusstsein für Gemeinschaft undVerantwortung.Die Motive für so eine freiwillige Verlängerung der Dienstzeit mögen unterschiedlich sein. Ichwill auch nicht mal eben alle Zivildienstleister christlich vereinnahmen. Und doch: Was hindertuns, auch hier vom Geist Gottes zu sprechen, der weht, wo er will; der hilft und bewegt,oft auf ganz unerwartete, überraschende Weise.Wir dürfen dem Geist der Wahrheit getrost einiges zutrauen. Wir müssen uns nur öffnen undihm Gelegenheit geben, durch uns und für uns zu wirken. Wir können ihn doch wirklich brauchen!Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 2. Sonntag nach Trinitatis3. Juli 2011Predigttext: Matthäus 22,1-14:Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Das Himmelreichgleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seineKnechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen. Abermalssandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ichbereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereit; kommt zurHochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere ansein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurdeder König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündeteihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber dieGäste waren's nicht wert. Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein,wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wensie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, sichdie Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewandan, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitlichesGewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindetihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappernsein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.Liebe Gemeinde!Von großen Festen muss man uns heute nichts erzählen. Wenn in Europas KönigshäusernHochzeit gefeiert wird, dürfen wir als Zaungäste dabei sein (die Medien machen’s möglich).Ob in England oder Monaco, ein Fest fällt prächtiger aus als das andere. Und auch der „kleineMann“ lässt sich nicht lumpen (das gilt auch für Jüngere): Das Feiern kennt keine Grenzen,möglichst jeden Tag und jede Nacht, an jedem x-beliebigen Ort mit einer x-beliebigenZahl von Menschen. Über Internetportale verabreden sich Menschen zu besonderen „Events“wie Geburtstagen und Abifeiern. Wer dann kommt, ist eigentlich egal. Sind es Hunderteoder sogar Tausende? Nur noch die Gesamtzahl interessiert; das macht die Schlagzeile,das erregt Aufsehen, das sorgt für Gesprächsstoff. Nicht selten enden solche Feste in Müllbergenund Vandalismus, in Alkoholexzessen und Schlägereien. Dabei ging es doch eigentlichnur ums Feiern!Auch Jesus spricht von einem großen Fest. Er nimmt es als Bild auf, um uns etwas vomReich Gottes zu erzählen. Schnell ist klar: Gott selber ist der Einladende. Die Gäste werdenpersönlich eingeladen; Boten machen sich auf den Weg, suchen die Gäste sogar mehrmalsauf. Aber das Unfassbare geschieht: Anstatt sich über eine derart exklusive Einladung zufreuen, schlagen alle die Einladung aus. Die einen behandeln die Boten wie Luft, zwei weiterenfällt ein, dass sie gerade noch wichtige Geschäfte zu erledigen haben. Der eine hat krisenfestin Ackerland investiert, der andere will seine Geschäftsidee auf den Werg bringen(wie Lukas berichtet). Die letzten reagieren sogar mit Gewalt.Wir sind schon an dieser Stelle schockiert. Eine Einladung nicht anzunehmen, ist das eine.Aber warum die Boten ermorden?!


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 03.07.11Aber es kommt noch schlimmer: Als der König davon erfährt, eskaliert die Gewalt. Er schicktSoldaten aus, lässt die Mörder töten und zündet ihre Städte an. „Ein schrecklich Evangelium!“sagt Luther und wir stimmen ihm spontan zu. Denn immerhin spricht Jesus hier vonGott und vom Reich Gottes! Lässt sich das mit unserem Gottesbild vereinbaren?Jesus spricht hier sehr menschlich von Gott. Gott ist grenzenlos enttäuscht. Immer wiederhat er eingeladen, die Besonderheit der Einladung hat er hervorgehoben, alles hat er liebevollvorbereitet, den Geladenen seine besondere Zuneigung erwiesen … und dennoch sindsie der Einladung nicht gefolgt. Seine Geduld ist endgültig am Ende, als der die Gründe (oderbesser Nicht-Gründe) für die Absagen erfährt - Desinteresse, Alltagsgeschäfte, Ausreden… Das ist der Punkt, wo Gottes Enttäuschung in Zorn umschlägt. Sehr menschlich, allzumenschlich vielleicht. Wir kennen das nur zu gut: Jede Enttäuschung entwickelt ihre Dynamik.Da gibt es die einen, die sich zurückziehen, ganz still, vielleicht sogar depressiv werden.Bei anderen dagegen erschrecken wir vor der Kraft des Zorns, die aus der Enttäuschungwächst und was uns bei Menschen schon erschrecken lässt, gilt erst recht bei Gott. GottesZorn kann furchtbare Kraft entwickeln. Nichts anderes sagt Jesus hier, und da wird manchervon uns sein allzu einfaches und bequemes Bild vom „lieben“ Gott korrigieren lassen müssen.Noch aber gilt: Gott lädt unverdrossen weiter ein, zur Not zum zweiten oder dritten Mal. Immerneu schickt er Boten aus. Seine Einladung kennt keine Grenzen. Sie geht an Menschenin aller Welt, an Reiche und Arme, Nahe und Ferne, Gute und Böse. Vor allem aber: Sie gehtauch an jeden einzelnen von uns, und wir müssen uns auch einmal fragen: Wie reagieren wirdarauf?Allzu bequem wäre es, sich zurückzulehnen und selbstzufrieden festzustellen: „Ich bin getauft;mein Platz an Gottes Festtafel ist sicher.“ Das ist „christliche Sattheit“, von der HelmutThielicke einmal gesagt hat, sie sei schlimmer als „hungriges Heidentum“. Nein, wir müssenschon genauer hinschauen. Wie viele gibt es (auch bei uns), die ganz und gar eingefangensind von ihren Alltagsgeschäften! Die ihr eigenes Leben (ihren „Acker“, ihre Geschäfte) fürdas Allerwichtigste auf der Welt halten, nicht nach rechts und links schauen (und schon garnicht nach oben). „Es wird einem nichts geschenkt“, lautet die Lebensdevise. Und so boxtman sich als Einzelkämpfer durch, rafft, was man kann und klammert sich daran, Wer solebt, wird taub für Gottes Einladung und blind für die, die neben ihm leben. Er sieht die Traurigennicht mehr; hat keinen Blick mehr für die, die im Arbeitsprozess oder in der Schulenicht mehr mitkommen, verliert die Kranken und die Schwachen aus den Augen, Von denKriegen dieser Welt, von den Opfern von Hunger und Vertreibung will er schon gar nichtsmehr hören. Lass mich in Ruhe! Ich muss selber sehen, wie ich durchkomme. Meine Kraftbrauche ich, meinen Acker zu bestellen.Segensworte hat Jesus nicht für die Betreffenden. Im Gegenteil: Seine Seligpreisung giltdenen, die hungert und dürstet nach Gerechtigkeit. Ihnen verspricht er, „satt“ zu werden,„satt“ freilich in ganz anderem Sinne als wir es gemeinhin gebrauchen.Und dennoch sehe ich ein gutes Evangelium in dem, was Luther ein „schreckliches“ nennt;eine gute Botschaft für die, die allzu sehr um sich selber und ihren „Acker“ kreisen. In jedemeinzelnen, behaupte ich, ist auch eine Sehnsucht da, die Sehnsucht, frei zu sein von derAlltagswelt der Zwänge. Gott will mit seiner Einladung genau diese Sehnsucht einlösen. Werdie Einladung annimmt (durch Gottesdienstbesuche, einen Pilgerweg, eine geistliche Rüstzeit…), wird ein Fest der Freiheit erleben inmitten einer Welt der Zwänge; wird erleben, nichtmehr nur der Sorge um sich selbst verfallen zu sein; wird sich frei erleben von dem Druck„Ich habe keine Zeit“.Die Zweiteingeladenen machen es uns vor. Als sie ihre Plätze an der Festtafel einnehmen,haben sie die Notwendigkeiten ihres Alltags zurückgestellt. Ihr Lohn ist eine ungeahnte Festfreude;eine neue Freiheit, die weit über das Fest hinaus in den Alltag hinausstrahlt.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 03.07.11Liebe Gemeinde, jeder von uns kennt viele Gründe, eine Einladung auszuschlagen. Manchmalsind wir wirklich nicht in Feierstimmung, vielleicht wirklich krank, manchmal fühlen wiruns den Einladenden nicht wirklich verbunden oder können mit den übrigen Gästen weniganfangen und wollen lieber wegbleiben. Aber wir kennen auch das andere: Wenn wir unsereMüdigkeit und Vorbehalte überwinden und dennoch die Einladung annehmen, sind wir hinterheroft wirklich beglückt und bereichert; wenn wir Gottes Einladung annehmen, sogar gesegnet.Nun gibt es im Gleichnis aber noch einen verstörenden Abschluss: Als das Fest schließlichdoch stattfindet, entdeckt der Hausherr einen, der kein Festgewand trägt. Er wird unverzüglichentfernt, „in die Finsternis“ hinausgeworfen.Gilt bei Gott eine Art Dresscode der Reichen und Schönen? Eintritt bei Krawattenzwang?Sicher nicht! Man muss dazu wissen: Zu Jesu Zeiten trugen nicht nur die Brautleute ein„hochzeitliches Gewand“. Vielmehr war es so, dass die Gastgeber jedes Festes jedem derGäste ein Festgewand schenkten. Das wurde von diesen dann getragen als Zeichen derTeilhabe und Mitfreude.Ich denke, Jesus will uns hier daran erinnern, dass wir mit der Taufe von Gott ein Festgewanderhalten haben. Es ist durchaus alltagstauglich, Einzelstücke legen wir uns davon auchmal an, aber viel zu selten tragen wir es ganz, sodass der durch die Taufe neue Menschganz sichtbar wird. Die Bibel nimmt dieses Bild häufig auf. Am schönsten finde ich, ist diesesGewand im Kolosserbrief beschrieben: Ihr seid die „Auserwählten Gottes, (die Eingeladenen),deshalb zieht an „herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, vertragteuch und vergebt einander … über alles aber zieht an die Liebe, die ist das Band derVollkommenheit“.Wer dieses Festgewand trägt, wird tatsächlich erst einmal nicht wieder zu erkennen sein.Aber so viel ist sicher: Man sieht ihm an, zu welcher Festgemeinschaft er gehört, man ahnt,welcher Einladung er folgt und zu welchem großen Fest er unterwegs ist. Sein Platz an GottesTafel dürfte ihm gewiss sein.Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 3. Sonntag nach Trinitatis10. Juli 2011Predigttext: Lukas 15,1-10:Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer undSchriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. Ersagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundertSchafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässtund geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich'sauf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarnund spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verlorenwar. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Bußetut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen Oder welcheFrau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an undkehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruftsie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinenSilbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird Freude seinvor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.Liebe Gemeinde!Da ist ein reicher Mann. Er geht auf einer schwer verschmutzten Straße voller Kehricht, Abfallund Kot. Als er sein Ziel erreicht hat, merkt er, dass er seinen kostbaren Diamantringverloren hat, irgendwo im Dreck auf der Straße. Was tut der reiche Mann? Wird er sagen:Schade um den Ring, aber unsere Straßen sind so widerwärtig, dass ich ihn verloren gebe?- Nein, denn es handelt sich um einen echten Diamanten. Er wird ihn suchen, und wenn erihn gefunden hat, wird er sich in den Dreck bücken. Er wird den Ring aufheben. Er wird ihnsorgfältig reinigen und liebevoll zum Glänzen bringen.Sie haben es längst gemerkt: Diese Geschichte ähnelt sehr den Gleichnissen vom verlorenenSchaf und der verlorenen Drachme. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied.Sie ist nicht zweitausend Jahre alt, sondern aus unseren Tagen. Wir haben sie aus einemrussischen Gefängnis von russischen Inhaftierten. Christen waren darunter, die ihre Not hattenmit anderen Gefangenen, die so gar nichts wissen wollten von Gott und Glauben. „EuerGlaube ist nichts für mich“, sagt einer. „Ich habe einen Menschen umgebracht. Ich bin so tiefgesunken. Was kann euer Gott mit mir anfangen?“Ihm wurde mit der Geschichte vom reichen Mann geantwortet: Du bleibst für Gott so kostbarwie ein wertvoller Edelstein; da kannst du noch so schmutzig und abstoßend wirken (selbstfür dich selber!)Ich frage mich, wie diese Geschichte bei uns ankommt. Einerseits beeindruckt sie. Sie isttatsächlich die logische Konsequenz aus den Gleichnissen Jesu, und wir bewundern dieSchlagfertigkeit der christlichen Gefangenen. Der Gottesleugner dürfte geschwiegen haben.Das hat ihn nachdenklich gemacht, vielleicht sogar gefreut: Als kostbaren Edelstein wird ihnnoch nie jemand gesehen haben.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 10.07.11Andererseits reagieren wir mit Abwehr. Wir „murren“ wie die Pharisäer bei Jesus. Der Mörder- ein Edelstein? Einer, der so viel Schuld auf sich geladen hat, muss doch mit Strafe undAusgrenzung rechnen, bei Gott wie bei den Menschen. Einer, der sich so schwer an derGemeinschaft versündigt, wie und für wen ist der noch „kostbar“? Oder auch jene, die vergewaltigen,missbrauchen oder zu Hass und Gewalt gegen andere aufrufen (wie gesternAbend am Dammtorbahnhof) - kostbare Edelsteine?!Wir merken: Wir sind den murrenden Pharisäern gar nicht so unähnlich. Genau wie jene habenwir unsere Normen und Glaubensüberzeugungen, und an denen lassen wir nur ungernrütteln. Jesus ist noch immer unbequem. Er mischt sich ein, und das auch ganz anders alswir es erwarten. Wir sind ja gern bereit zur Diskussion; wir dürfen doch wenigstens erwarten,dass er sich rechtfertigt, wenn er sich so weit vorwagt. Aber nichts dergleichen. Er erzählteinfach die beiden Geschichten vom Schaf und der Drachme.Was bezweckt er damit? Ich denke, es geht ihm vor allem um zwei Dinge: Erstens sprichtJesus von „Umkehr“. Das ist uns vertraut - am besten durch das Gleichnis, das dann gleichfolgt: vom verlorenen Sohn, der alles Gute verprasst, was er vom Vater bekommen hat, imGrunde sogar seinen eigenen Status als Sohn. Er hat nichts mehr zu erwarten. Aber er findetden Weg zurück. Er erkennt und bereut seine Schuld, zerknirscht und beschämt stellt er sichdem Vater und darf erleben, wie dieser ihn wieder in die Arme schließt.Hier wird „Umkehr“ deutlich, im wörtlichen Sinne. Aber „Umkehr“ im Blick auf das Schaf oderdas Geldstück?! Ein Schaf ist ohne seine Herde und ohne den Hirten nicht überlebensfähig,und es kann schon gar nicht allein seinem Weg zurück finden. Was für das Schaf gilt, gilterst recht für das Geldstück. Ist das erstmal verloren, kommt es uns beim Suchen auch nichteinen Zentimeter entgegen. Nein, Umkehr als eigenständiger Akt der Reue, das kann hiernicht gemeint sein.Jesus zielt hier auf etwas anderes. „Umkehr“ kann auch in absoluter Passivität geschehen.Schaf wie Geldstück sind darauf angewiesen, sich finden zu lassen. Nicht anders geht esuns Menschen. Wir müssen uns von Gott finden lassen. Mehr noch: Wenn er uns gefundenhat, müssen wir uns von ihm tragen lassen. So wie der gute Hirte sein Schaf auf den Schulternnach Hause trägt, will Gott jeden von uns tragen. Wir können dazu kaum etwas tun; imGrunde können wir die Umkehr nur geschehen lassen.Das klingt verblüffend einfach. Aber es ist alles andere als das. Denn es bedeutet umgekehrtja: Wir müssen auf alle eigene Aktivität verzichten, all unser Bemühen, Gott aus eigenerKraft ein Stück näher zu kommen.Kajakfahrer erzählen, dass sie bei besonders gefährlichen Bergwasserfahrten im Momenthöchster Gefahr auf absolute Passivität angewiesen sind - und das fällt gerade Extremsportlerngar nicht leicht. Kajakfahrer brauchen beim Wildwasser all ihre Kräfte zum Paddeln undGleichgewichthalten. Es kann aber passieren, dass in der Nähe von Felsen so genannte„Wasserdellen“ entstehen. Dabei bildet sich ein ständiger Sog, eine Wasserwalze. Gerät derKajakfahrer da hinein, wird er unweigerlich in die Tiefe gerissen und kann in einen endlosenKreislauf geraten - immer wieder hinabgezogen, ausgespieen, wieder erfasst. Um dem zuentkommen, muss sich der Sportler zwingen, sich hinabziehen zu lassen, es geschehen zulassen. Und das heißt: ganz zu verzichten auf den Einsatz eigener Stärke. Passiv bleiben,bis einen die Wasserwalze in Strömungsrichtung wieder ausstößt und regelrecht freigibt ansLeben.Mit anderen Worten: Der, der Gott sucht, sollte innehalten. Nicht länger jedes Angebot aufdem religiösen Supermarkt ausprobieren, sich keine täglichen Gebetspflichten auferlegen,kein zwanghaftes Meditieren, sondern einfach mal innehalten, zur Ruhe kommen und sichvon Gott finden lassen.Das Zweite, was Jesus bei den Gleichnissen hervorhebt, ist die große Freude. Sicher, wirkennen das. Wer einmal etwas verzweifelt gesucht hat (und sei es nur die Brille oder denSchlüsselbund), der kennt auch die Erleichterung, die große Freude des Wiederfindens. Man


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 10.07.11kann sagen: Je größer der Schmerz über einen Verlust, desto größer auch die Freude desWiederfindens.Aber das erklärt noch nicht die Pointe der Gleichnisse. Das sind zwar auch zwei Alltagsgeschichten(die jeweils dem Leben der Männer, der Hirten, und der Frauen, Hausfrauen, entnommensind), aber die große Freude der Finder steht in keinem Verhältnis mehr zum Wertder Objekte. Die Finder feiern gleich ein Freudenfest mit ihren Nachbarn und Freunden!Wieso ist die Freude derart groß?Sie ist schlicht ein Bild für die große Liebe Gottes zu jedem einzelnen. Es wäre ja durchausauch eine andere Reaktion denkbar: Der Schäfer hat ja noch neunundneunzig andere Schafe,die Frau noch neun weitere Drachmen. Sie könnten nun die Schultern zucken und sagen:„Schade drum, aber etwas Verlust ist immer. Das Leben geht weiter …“ Aber genau das tunsie nicht. Ihnen liegt an diesem einen; Gott geht es um jeden einzelnen. So wie ein guterLehrer möglichst alle Schüler ans Klassenziel bringen will, weil sie ihm alle gleichermaßenam Herzen liegen. Wenn das tatsächlich gelingt, ist die Freude riesengroß. Über meine wiedergefundeneBrille kann ich mich auch im Stillen freuen, aber wo Unfassbares gelingt(Menschen wieder zusammenfinden, Gemeinschaften „heil“ werden), da braucht die FreudeGesellschaft, da wird sie laut, drängt über sich hinaus.Und dennoch: Alle lassen sich anstecken. Einige stehen abseits und „murren“, als Jesus dieAußenseiter zurück in die Gemeinschaft holt. Für sie ist das alles andere als ein Grund zurFreude; vor allem, dass er das im Namen Gottes tut, ist für sie unerträglich.Wer sich so verweigert und abseits bleibt, muss Acht geben, dass er zum Schluss nichtselbst zu den Verlorenen zählt. Das ist für mich eine weitere Pointe dieser Gleichnisse, auchwenn sie nicht ausdrücklich im Text steht. Der Finder lädt zum Fest; alle, wirklich alle sollensich mitfreuen, mitfeiern. Viele aber bleiben abseits, auch heute, manche murren sogar.Warum? Ist es die Angst zu kurz zu kommen oder benachteiligt zu sein, wenn anderen soviel Liebe zuteil wird? Ist es Narzissmus oder Egoismus, der nur sich selbst als Mittelpunktverträgt? Oder ist es einfach Gleichgültigkeit (nach dem Motto: Lass die anderen doch feiern,mir hat das nichts zu tun)?Welcher Grund auch vorliegen mag, so viel ist sicher: Wer sich Gottes Liebe beharrlich verweigert,wer sich partout nicht finden lassen will, der wird die Folgen schmerzlich spüren.Das Bild vom Kajak-Fahrer hat es deutlich gemacht: Der wird zum verzweifelten Einzelkämpferund hat doch keine Chance, aus eigener Kraft dem Wassersog (das ist für uns das Gestrüppvon Sorgen) zu entrinnen.Wie tröstlich ist da das Evangelium; zu hören: Gott ist längst zu uns unterwegs: keinen gibter verloren; jeden einzelnen will er zurückholen in seine große Gemeinschaft. Das lässt unsfröhlich feiern an jedem Tag unseres Lebens.Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 8. Sonntag nach Trinitatis14. August 2011(Mit Taufe)Predigttext: Jesaja 2,1-5:Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wirdzur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und überalle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehenund sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs,dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wirdWeisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heidenund zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihreSpieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob,lasst uns wandeln im Licht des HERRN!Liebe Gemeinde!Berühmte Worte sind das, die wir heute Morgen vom Propheten Jesaja hören; Worte, dieGeschichte gemacht haben. Entstanden sind sie vor 2700 Jahren in einer besonderen geschichtlichenSituation. Assyrien war gerade dabei, sich als erste Weltmacht zu etablieren.Lange und schon schwere Kriegsjahre zuvor hatten Israel gespalten und dann ganz vernichtet.Nordisrael war kein Staat mehr, Juda im Süden war verwüstet, allerdings mit einer Ausnahme:Jerusalem blieb unbesetzt. Das gab einer alten Hoffnung Nahrung und eben die besingtder Prophet: Der heilige Berg steht unter Gottes besonderem Schutz. Das ist der Nabelder Welt, und es wird die Zeit kommen, dass alle Völker das erkennen. Sie werden dannhinziehen zum Zion, Gottes Wort annehmen und zu einem weltweiten Frieden finden. Ausihren Schwertern werden sie Pflugscharen machen, aus ihren Spießen Sicheln.Und heute, Jahrtausende später … was denken wir von dieser großen prophetischen Vision?Alles nur ein Traum; zu schön um wahr zu sein; nur schnell erwachen und sich der Realitätstellen! Oder doch: gute, trostreiche, heilsame Worte, die die Kraft haben, die Menschen undihre Geschichte zu verändern?Ich glaube, die meisten von uns werden eher der pessimistischen Sicht zustimmen. ZweiWeltkriege hat es im letzten Jahrhundert gegeben, und seit dem Zweiten Weltkrieg (laut Internet)schon wieder 92 weitere zwischen Nationen – die Bürgerkriege nicht mitgerechnet;das allein lässt doch schon die Vision vom weltweiten Frieden in weite Ferne rücken. Friedensworte,Slogans wie „Schwerter zu Pflugscharen“ waren da nicht zu hören. Eher ganzandere: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, verkündete man großspurig 1914.Und als der Krieg erklärt wurde, jubelte das Volk auf der Straße: „Jeder Schuss ein Russ’,jeder Stoß ein Franzos’, jeder Tritt ein Britt’.“Da machte sich niemand auf den Weg zum Berg Gottes, viele aber liefen zu den Meldestellenfür Kriegsfreiwillige. Am Ende gab es neun Millionen Tote.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 14.08.11Doch selbst diese schlimme Erfahrung gab dem Willen zum Frieden nicht den Durchbruch.21 Jahre später begann der nächste Weltkrieg. Anfangs waren wohl nur wenige dafür, abernach den ersten Siegen sah es schon wieder ganz anders aus. „Heute gehört uns Deutschlandund morgen die ganze Welt“, hieß jetzt der Slogan, der die Massen faszinieren sollte.Viele zog er tatsächlich in seinen Bann.Die Geschichte ist eine Geschichte der Kriege; der Mensch „ein Raubtier mit Händen“ (OswaldSpengler), und auch die so genannten „zivilisierten“ Völker sind in diesem Punkt derBarbarei ganz nahe. Ist damit nicht die große Friedensvision des Jesaja ein für alle Mal widerlegt?Was helfen da noch Worte wie „Schwerter zu Pflugscharen“, „Spieße zu Sicheln“?Diejenigen, die heute noch (oder wieder!) die Friedensworte zitieren, haben ihre eigene Erfahrungmit ihnen gemacht. Sie durften erleben, dass die Worte tatsächlich etwas bewegthaben.Erinnern wir uns an die Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre. Hier im Westen ginges um den Protest gegen die Nach- und Aufrüstung. Pershing-II-Raketen sollten gegen dierussischen SS-20-Raketen stationiert werden. Noch viel grundlegender war die Protestbewegungin Ostdeutschland, als der Wehrkundeunterricht eingeführt wurde. Da tauchte in derFriedensdekade 1981 der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ auf, der schnell weiteVerbreitung fand. Ein Slogan, der faszinierte; Worte, die die Massen bewegten und den HerrschendenAngst machten. Rückblickend lässt sich sagen, dass seit 1982 das Zeichen„Schwerter zu Pflugscharen“ tatsächlich die gesamte Bürgerbewegung symbolisierte. Dennzu den Friedensgruppen waren die Leipziger Friedensgebete gekommen, außerdem Menschenrechtsgruppen,ökologische Gruppen sowie Dritte-Welt-Gruppen.Das ist mittlerweile Geschichte, aber gerade heute muss daran erinnert werden. Denn gesternhaben wir einen wichtigen Gedenktag begangen: 50 Jahre Mauerbau. Für die meistenVertreter meiner Generation waren die Mauer und die Teilung Deutschlands in zwei Staateneine politische Realität, die es zu akzeptieren galt. Das Reden von Wiedervereinigung empfandenwir, ehrlich gesagt, als irreale Träumerei einiger Älterer. Nie im Traum hätten wir darangedacht, die Wiedervereinigung Deutschlands miterleben zu dürfen. Dass das dennochso gekommen ist, ist sicher auch der großen Bürgerbewegung in den ostdeutschen Ländernzu verdanken, und die haben sich leiten, inspirieren, ermutigen lassen von Jesajas Vision„Schwerter zu Pflugscharen“.Prophetische Worte können also doch geschichtsmächtige Kraft entfalten; Gottes Wort inihrem Mund kann Herzen bewegen und aus dem Menschen, dem „Raubtier mit Händen“, dieandere Seite hervorkehren.Mit großem Entsetzen haben wir in diesen Tagen die Krawalle, die Plünderungen undBrandschatzungen in London miterlebt. Wieder einmal sehen wir den Menschen als „Raubtiermit Händen“ in seiner ganzen Schrecklichkeit. Dann aber auch das andere: „Love notloot“ (Liebe statt Plünderung) – unter diesem Slogan organisieren sich die Londoner Bürger,stehen zusammen, reinigen und reparieren, was andere zerstört haben. „Love not loot“, hierhöre ich Jesajas „Schwerter zu Pflugscharen“ nach- und durchklingen. Und tatsächlich gelingtden Londonern etwas, was Jesajas Vision auch beschreibt. Sein Neuanfang in Friedenist ja kein Paradies, in dem die Menschen nur noch alle Viere von sich strecken und es sichgut gehen lassen.Sein Neuanfang in Frieden ist mit viel Arbeit und Mühe verbunden. Die Londoner kommenmit Besen und Schrubbern zusammen; das ist deren erster Schritt.Kurt Marti sagt einmal: „Mein Wunsch ist, dass Gott ein Tätigkeitswort werde.“ In der Tat,wer einen Frieden will, der diesen Namen verdient, muss genau hier ansetzen, mit der eigenenArbeit.Jesaja ist da sehr zuversichtlich. In seiner Vision kommen die Völker zum Zion und sind undsind lern- und wissbegierig. Sie fragen von sich aus nach Gottes Weisung: „Lehre uns deine


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 14.08.11Wege, dass wir wandeln auf deinen Steigen.“ Frieden ist also (schon biblisch) ein Lernprozess,ist tatsächlich Friedensarbeit und fällt nicht einfach so vom Himmel. Das, was wir unsangewöhnt haben, „Frieden“ zu nennen, das Schweigen der Waffen, ist höchstens ein ersterSchritt. Die Besinnung und Verwandlung des Menschen muss folgen. Spinoza bringt es treffendauf den Punkt: „Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg“, schreibt er, „Friede ist eineTugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen und Gerechtigkeit.“Sie liebe Familie L., haben für die Taufe Ihrer Romy ein Segenswort ausgesucht. Es ist einirischer Segen, der auf seine Weise Gottes Frieden für uns beschreibt: „Mögen die Regentropfensanft auf dein Haupt fallen / möge der weiche Wind deinen Geist beleben / möge dersanfte Sonnenschein dein Herz erleuchten / mögen die Lasten des Tages leicht auf dir liegen/ und möge unser Gott dich hüllen in den Mantel seiner Liebe.“ Ich lese das wie eine poetischeAuslegung des Psalmwortes: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Handschützend über mir.“ (Psalm 139,5) „Sanft“, „weich“, „leicht“ – das sind Adjektive des Friedens,die Gottes neue Wirklichkeit treffend absetzen gegen die Härte und Rücksichtslosigkeit,mit der Menschen oft genug miteinander umgehen.Romy soll möglichst viel erleben dürfen von der Friedensvision des Jesaja in der Welt, in diesie hineinwächst. Und sie soll selbst dabei mittun. Alle guten Anlagen dafür bringt sie mit. Siehat ihrer beider Leben in kürzester Zeit umgekrempelt (da ist manches, was Ihnen wichtigwar, in den Hintergrund getreten, und mit diesem neuen kleinen Leben sind ganz andereWerte wichtig geworden). Romy ist fröhlich, sie ist stark und unternehmungslustig, neugierigund (schon jetzt!) offen für andere Kinder. Das ist doch schon viel von dem neuen Menschen,den Jesaja sich wünscht für den globalen Frieden.Wir wünschen Ihnen und Ihrer Romy, dass die vielen guten Gaben sich ausprägen zumSchatz für das Leben. Ihnen allen Gottes guten Segen dazu!Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 9. Sonntag nach Trinitatis21. August 2011Predigttext: Matthäus 7,24-27:Jesus spricht: wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, dersein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Windewehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der seinHaus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehtenund stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.Liebe Gemeinde!Mussten Sie schon mal eine Rede halten, etwa an einem runden Geburtstag oder an einemJubiläum? [kurze Pause, etliche nicken] … dann wissen Sie auch, dass das gar nicht so einfachist. So eine Rede darf nicht zu lang sein, sie sollte interessant, möglichst geistreich undauch ein wenig humorvoll sein. Vor allem muss sie die Aufmerksamkeit der Hörer weckenund dann die Hörer auch „bei der Stange halten“.Am schwierigsten finde ich immer den Einstieg. Da muss etwas her, was die Zuhörer neugierigmacht, womöglich sogar fesselt. Das gleiche gilt für den Schluss. Da sucht man dannnach etwas Einprägsamen, nach etwas, das hängen bleibt (vielleicht ein zusammenfassenderSatz oder ein Bild, das die Zuhörer mit nach Hause nehmen können).Mit genau so einem Bild haben wir es heute Morgen zu tun. Das Gleichnis von den zweiHäusern (das eine auf Fels, das andere auf Sand gebaut) ist der Abschluss der größten undbekanntesten Predigt Jesu, der so genannten „Bergpredigt“. Jeder, glaube ich, kennt denberühmten Einstieg, den Jesus gefunden hat, die Seligpreisungen. Zu allen Zeiten hat er dieMenschen damit aufgerüttelt und gefesselt; denn da formuliert Jesus etwas, was den Alltagserfahrungender meisten vollkommen widerspricht:• Gut geht es den Klugen und Weisen, stellen wir fest. Aber Jesus setzt dagegen: Seligsind die, die geistlich arm sind.• Glücklich die Erfolgreichen, denen alles gelingt, sagen wir. Selig die, die Leid tragen, sagtJesus, sie sollen getröstet werden.• Bewundernswert die Starken, finden wir, die mit Durchsetzungskraft, die Gewinner inunserer Leistungsgesellschaft. Selig die Sanftmütigen, setzt Jesus dagegen.Mit jedem Satz macht Jesus deutlich: Bei Gott zählen andere Werte. „Selig“ heißt so viel wie:„Da hat Gott seine Freude daran“. Und natürlich ist die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sofortgefesselt.Was dürfen wir von Gott wissen? Fragen sie. Was gilt überhaupt bei Gott? Was sollen wirtun? Das zu beantworten, ist die Absicht der Bergpredigt. Mit immer neuen kleinen Geschichten,mir Bildern, Beispielen und Gleichnissen hält Jesus die Aufmerksamkeit seinerZuhörer wach. Aber all diese Worte sind nur die eine Seite. Die andere Seite ist das, wasJesus selbst tut und wie er sich verhält. Beides gehört untrennbar zusammen. Jesus spricht


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 21.08.11über die Liebe Gottes, aber er verkörpert sie auch. Er übt die Liebe, die die Menschen zueinanderhaben sollen auch selbst aus – glaubwürdig, echt und authentisch. In seinen Tatenwerden Worte lebendig. Das ist die Mitte seiner Botschaft. Tut das auch, was ihr sagt! Dasklingt so banal, so einfach und ist doch so schwierig.Deshalb das Ende der Bergpredigt im Bild von den zwei Häusern: „Wer meine Rede hört undsie tut, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute … Wer meine Redehört und nicht danach handelt, der gleicht dem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute“.Ich denke, da hat Jesus tatsächlich zwei Bilder gefunden, die Menschen zu allen Zeiten bewegtund sich eingeprägt haben. Auch wir in Deutschland kennen mittlerweile Fluten, diealles mit sich reißen. Unvergessen die Bilder aus den letzten Jahren: Flüsse, zuweilen auchBäche, die sich in kürzester Zeit in breites, zerstörerisches Wildwasser verwandeln und ganzeHäuser mit sich nehmen – vor allem die, die in Ufernähe stehen und mit der Böschunghinweg gerissen werden.Noch drastischer die Bilder aus Übersee: Die Hütten der Ärmsten, die nur notdürftig anBerghängen errichtet wurden und mit den Schlammlawinen der Monsunregen in die Tiefengespült werden (zum Beispiel in Mittel- und Südamerika). Oder in Asien die Hütten oder Ställe,die im Flussdelta errichtet werden, oft schon in der Ahnung, dass sie nicht von langerDauer sein werden. Jesus ist Zimmermann. Er weiß wovon er redet. Er weiß, das Fundamenteines Hauses entscheidet über Dauer und Bestand des Ganzen, nicht selten über Lebenund Tod.Aber Jesus will uns keine Einführung über Baukunde geben. Ihm geht es darum, wie wir unserLeben als Ganzes anlegen und absichern. Seine ersten Zuhörer konnten das noch besserverstehen. Denn das Wort „Haus“ stand damals für sehr viel mehr als nur ein Gebäude.Wenn die Bibel vom „Haus Jakobs“ oder dem „Haus Abrahams“ spricht, meint sie die Sippeund Familie, sogar das Vieh und das Land, letztlich alles, was zum Leben dazugehört. Diesemgroßen Ganzen einen sicheren Grund zu geben, darum geht es Jesus.Manchmal klingt dieser große Zusammenhang noch nach. „Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause“,lautete über viele Jahre ein bekannter Werbeslogan. So knapp, so treffend, so melodiös,dass er sich wie ein Ohrwurm in unseren Köpfen festgesetzt hat (jeder summt es automatischmit). Da nimmt die Versicherungsbranche sehr geschickt unseren Wunsch nacheiner sicheren Lebensgrundlage auf. Zugleich werben sie mit der unsicheren Zukunft. Manweiß ja nicht, was kommt … Und so versuchen wir uns abzusichern. Wir kaufen uns Sicherheit– als Lebens- und Krankenversicherung, Hausrat- uns Haftpflichtversicherung, Rechtsschutzund Berufsunfähigkeitsversicherung und dergleichen mehr.Den schlimmsten materiellen Schaden können wir auf diese Weise vielleicht abwenden. A-ber Jesus fordert uns auf, weiter zu denken. Um im Bild zu bleiben: Unsere zahlreichen Versicherungsverträgesind eine Art Stützen, mit denen wir unser „Lebenshaus“ absichern, aberwir sind damit nicht beim Fundament.Das können diejenigen bestätigen, deren „Lebenshaus“ tatsächlich einmal erschüttert wurde,vielleicht sogar eingestürzt ist. Ein schwerer Schicksalsschlag, ein Todesfall, plötzliche Arbeitslosigkeitkann da die Ursache sein. Das lässt sich nicht einfach mit Geld regeln. Da gehtes um Beziehungen, das „Netz“, das einen getragen hat und nun plötzlich gerissen ist; dageht es um den Sinn: Wofür habe ich gelebt? Wenn das mein Beruf, mein Partner, meineFamilie war – wie soll es ohne das dann weiter gehen?!Jesus lädt uns mit diesem Gleichnis ein, eine Art „Inspektion“ an der Baustelle unseres Lebensdurchzuführen. Worauf habe ich gebaut, worauf baue ich, worauf werde ich in Zukunftbauen? Was habe ich „in den Sand gesetzt“ und was steht tatsächlich „felsenfest“?Rechtzeitig sollen wir das tun. Denn wir müssen begreifen, dass wir uns nicht vollständig auseigenen Mitteln gegen die Lebensstürme absichern können. Unsere Inspektion wird, wenn


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 21.08.11sie ehrlich erfolgt, auch manch Unerfreuliches zutage bringen, vielleicht sogar neue Ängstewecken. Aber da müssen wir durch, um zum sicheren Fundament zu gelangen.„Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, und das ist Jesus Christus“,schreibt Paulus im ersten Brief an die Korinther. Damit sagt er: Der Glaube an diesenChristus kann dir die sichere Lebensgrundlage sein, nach der du dich sehnst. Um im Bild zubleiben: Schau dich um, wo du stehst. Verschaff dir einen Überblick über die Landschaft unddann entscheide: hier will ich mein Lebenshaus errichten; hier will ich Wurzeln schlagen; hierwill ich mich einrichten. Da gibt es viele Anbieter von „Bauplätzen“: Shoppingcenter undWellnesstempel, Vereine und Sekten. Schau sie dir alle an; prüfe sie gründlich auf ihre Tragkraft;wird ihr Angebot dich durchtragen können durch Lebensstürme, Lebenskrisen … unddu wirst erkennen: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, JesusChristus.“Ich denke, Paulus hat Recht. Aber heute Morgen bekommen wir noch mehr. Der Baugrund,den er uns nennt, spricht sozusagen selbst zu uns. Jesus gibt uns die Baumaterialien an dieHand. Erinnern wir uns an den Anfang: „Der, der meine Worte hört und sie tut, gleicht einemklugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.“Wenn es uns gelingt, das zu leben: Im Handeln das zu leben, was Jesus uns mitgegebenhat, vor allem die Liebe, dann haben wir tatsächlich ein gutes, warmes und sicheres Lebenshaus.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 11. Sonntag nach Trinitatis4. September 2011Predigttext: Matthäus 21,28-32:Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach:Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ichwill nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn undsagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! und ging nicht hin. Wer von denbeiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen:Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. DennJohannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aberdie Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet.Liebe Gemeinde!Da hat Jesus den Kern vieler häuslicher Konflikte beim Namen genannt. Eltern wie Kinderkennen das nur allzu gut: Da werden häusliche Pflichten verteilt (Müll runterbringen, Geschirrspülen, Zimmer aufräumen …), aber keineswegs erledigt. Erinnern die Eltern daran, bekommensie immer die gleiche Antwort („keine Lust“, „kein Bock“, „keine Zeit“, „nicht geradejetzt“). Aber immerhin: Eh sich der Konflikt sich vollends zuspitzt, gibt es meist ein Einsehenund der Arbeitsauftrag wird doch noch erledigt.Andere Kinder wollen es geschickter anstellen. Sie rufen schnell und laut „Ja“, denken abergar nicht daran, sich an die Arbeit zu machen, weder jetzt noch später. Vielleicht erledigt sichdas ja auch irgendwie anders; Hauptsache, ich bin da erst mal raus.Ja, da hat Jesus wirklich eine Grunderfahrung angesprochen, die jeder kennt. Damals wieheute gibt es viele (viel zu viele!) Jasager; Menschen, die schnell sind mit dem Mund, vollmundigund laut große Worte machen, dann aber nichts davon in die Tat umsetzen.Aber Jesus spricht nicht von Kindern, auch nicht den (vergleichsweise kleinen) Erziehungsnöten.Er spricht von Erwachsenen und zu Erwachsenen. Seinerzeit galten seine Worte zuerstden Pharisäern und Schriftgelehrten. Als sie versuchen, ihn in die Enge zu treiben, drehter den Spieß um und erzählt das Gleichnis vom Vater und seinen zwei Söhnen. Und eh siesich versehen, haben die Pharisäer sich selbst das Urteil gesprochen. Indem sie die Jasagerverwerfen, weil er den Willen des Vaters dann doch nicht tut, verurteilen sie sich selbst –sind sie doch so stolz auf ihre Kenntnis von Gottes Gesetzen, aber so armselig im praktischenTun.Aber es geht nicht nur um Pharisäer und Schriftgelehrte. Es geht um jeden von uns. Wassich bei den Kindern noch erzieherisch korrigieren lässt, ist in der Welt der Erwachseneneine schlimme Unsitte, die das Zusammenleben stört, manchmal sogar zerstört. Wenn die,die gerne und laut Ja sagen, dem keine Taten folgen lassen, wird man schnell das Vertrauenins Ganze verlieren.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 04.09.11Ich erinnere noch gut eine öffentliche Auseinandersetzung während eines Sommerurlaubs.Aufgrund der zahlreichen Touristen hatte sich eine Gemeinde an der Nordseeküste entschlossen,ihre Kirche auch tagsüber geöffnet zu halten. Das ging aber nicht lange gut. Inder unbeaufsichtigten Kirche kam es zu schwerem Vandalismus. Sie musste wieder geschlossenwerden. Keiner war glücklich darüber, alle überlegten, ob es nicht doch möglichwäre, sie wieder ganztägig zu öffnen. Dabei fand ein Leserbrief in der Regionalpresse besonderenAnklang, Eine Leserin schrieb: Wenn immer wenigstens ein betender Mensch inder Kirche sei, würde es sicher keiner wagen, die Kirche zu verwüsten. Begeisterte Reaktionendarauf! „Das war ein guter Brief“, schrieb jemand. „Dem stimme ich gerne zu“, kommentierteein anderer. „Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen“, lobte ein dritter. Alle warensich einig: so kann es gehen.Einige Tage später dann der Abgesang. Die Dame, die den Vorschlag gemacht hatte, warbei der praktischen Umsetzung die einzige geblieben. Keiner der vielen Jasager, der gesagthätte: Montags habe ich Zeit, eine Stunde (von 15 bis 16 Uhr) bin ich bereit, mich in die Kirchezu setzen. Ich bin dabei.“ Die Kirche blieb also auch weiterhin geschlossen.Am Beispiel Jesu fällt mir auf, dass er mit keinem Wort nach den Gründen fragt. Warumhandeln wir nicht entsprechend dem, was wir gutheißen? Da gäbe es doch einiges zur Entlastungvorzubringen:• Manchmal vergessen wir schlicht eine einmal gemachte Zusage (wir haben eben einfachviel zu viel um die Ohren; und immer gibt es da noch anderes und Wichtigeres zu tun)• Oft genug sagen wir einfach zu schnell Ja, um einer unbequemen Angelegenheit ausdem Weg zu gehen. Ein schnelles Ja aus halbem Herzen – so schnell vergessen wie esgesagt wurde• Oder schließlich (wahrscheinlich der häufigste Grund): Wir sagen oft Ja und haben ehrlichden guten Willen, etwas zu tun. Aber später fehlt uns einfach die Kraft, all das auchwirklich umzusetzen. Zu Recht lehrt man uns heute, auch mal Nein zu sagen.Jesus geht all diesen Erklärungsmöglichkeiten nicht nach. Für ihn ist das keine logische Frage,auch keine Frage von Zeit- und Kraftreserven. Entscheidend ist für ihn, welche Beziehungdahinter steht. Geht es um Freundschaft oder sogar um Liebe, spüre ich eine besonderePflicht und Verantwortung. Selbstverständlich setze ich mein einmal gegebenes Ja in dieTat um.In Jesu Gleichnis sind es Söhne, die zum Vater sprechen. Eine engere und wichtigere Beziehung(zumal zur Zeit Jesu!) ist kaum denkbar. Das wird dann wohl auch dem Sohn, derzuerst Nein sagt, noch gerade rechtzeitig bewusst geworden sein. Er erkennt: Liebe undPflicht kommen hier zusammen; da ist es selbstverständlich, dem Wunsch des Vaters zufolgen.Umso unbegreiflicher die Haltung des anderen, der zuerst Ja sagt, dann aber doch nichthandelt. Wie kann er seinen eigenen Vater so verletzen? Wie kann er Liebe und Pflicht vergessen?Wie kann er die Lebensbeziehung derart aufs Spiel setzen?!Das Beispiel vom Vater und seinen Söhnen ist nicht zufällig gewählt. Sie haben es längstgemerkt: Jesus meint uns in unserer Beziehung zu Gott. Jedem einzelnen stellt er die Frage:Wie sieht es mit deiner Beziehung zu Gott, dem Vater, aus? Das Ja hast du gesprochen; mitjedem Bekenntnis wiederholst du es; aber handelst du auch entsprechend?Gott hat dich in dieser Stadt (mit deinem Beruf, deiner Familie, deinen Freunden) an einenbestimmten Platz gestellt. Er hat dich mit besonderen Gaben und Fähigkeiten ausgestattet.Er schenkt dir Lebenszeit und ein gehöriges Kraftpotenzial. Überlege einmal ehrlich: hast duall das entsprechend genutzt? Hast du „mit deinen Pfunden gewuchert“?Für die Pharisäer war die Antwort ein Schlag ins Gesicht. Noch ehe sie sich selbst einer kritischenPrüfung unterziehen können, schleudert Jesus ihnen ins Gesicht: Die Huren und Zöllner(also: die Gesetzeslosen, die Unreinen, die Schlusslichter der Gesellschaft!) sind weiterals ihr. Denn wenigstens machen sie sich nicht vor, etwas Besseres zu sein als die anderen.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 04.09.11Und Jesus erlebt noch mehr: Immer wieder sind gerade sie es, die einsehen, dass etwasgeändert werden muss. Sie tun Buße und verändern ihr Leben radikal. Wie sieht das heuteaus? Da gilt der als Vorbild, der geschickt das Beste für sich und die Firma rausholt, selbstwenn das nicht ganz korrekt abläuft. Wenig Bewunderer dagegen haben die, die für Geradlinigkeiteinstehen, Ungerechtigkeit nicht weiter mittragen wollen und ein Umdenken einfordern.Heute ist bekannt, dass es ein Unternehmen voranbringen kann, wenn Fehlverhaltenvorgegeben werden darf. Das bringt eine bessere Arbeitsatmosphäre und kann sogar dieProduktivität steigern. Dennoch wird es kaum praktiziert, und auch Vergebungsbereitschaftist keine offensichtliche Schlüsselqualifikation für ein Leitungsamt.Dabei ist die Sehnsucht nach Veränderung trotz aller äußeren und inneren Widerständegroß. Die ehemalige Landesbischöfin Margot Käsmann hat das eindrucksvoll beschrieben.Gerade in durchwachten Nächten und stillen Momenten ist die Last des Gewissens so drückendzu spüren, dass ein entschiedenes Handeln, eine Buße und Umkehr unausweichlichwird. In der Geschäftigkeit des Alltags mag das noch geschickt zur Seite drängen, späteraber gewinnt es ein schier unerträgliches Gesicht. Und irgendwann ist der innere Druck stärkerals die Angst vor dem Zugeständnis und seinen Folgen. Sie hat das sehr bewusst wahrgenommenund für sich die Konsequenz gezogen, als sie von ihrem Amt zurücktrat. Insgesamtgesehen aber ist das bis heute die Ausnahme. Eher heißt es: Kopf in den Sand, Graswachsen lassen über alles, aussitzen …Jesus macht Mut zum Schritt für den Neuanfang. Mag sein, dass wir schon hundertmal Jagesagt haben. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, auch danach zu handeln. Wir wissen doch,was Gott von uns erwartet. Wir wissen doch, was Gott von uns erwartet. Wir bekennen unssogar dazu. Was also hindert uns daran, es endlich auch zu tut?Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Michaelis-Sonntag25. September 2011Predigttext: Matthäus 1,18-21 + 2,13-24 + 2,19-21:Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevorsie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirkendes Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss,sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschienihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht,Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom HeiligenGeist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wirdsein Volk von seinen Sünden erlösen.Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel desHerrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dortbleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zutöten. Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.Als Herodes gestorben war, erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traumund sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und ziehe in das Land Israel, denn dieLeute, die dem Kind nach dem Leibe getrachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mitdem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.Liebe Gemeinde!Wir Protestanten tun uns schwer mit den Engeln. Der „Tag des Erzengels Michael und alleranderen Engel“ wird in den meisten Gemeinden gar nicht begangen. Es hat etwas vomKleinkinderglauben, sagen die einen; wozu brauchen wir Engel, wenn wir doch Christus haben?fragen die anderen. Beides ist richtig – und doch ein Grund mehr, den Engelsonntagwirklich zu feiern. Christus selber stellt uns den Glauben der Kinder als Vorbild vor Augen,das unverkopfte, natürliche Vertrauen, und die Engel sind ihm keine Konkurrenz. Von seinerGeburt bis zur Geißelung und dem Tod am Kreuz erfährt er ihre segensreiche Wirkung ameigenen Leib. Gott nutzt sie als Werkzeug, als Hilfsmittel zur Verständigung mit den Menschen.Dem lutherischen „allein durch Christus“ tut das keinen Abbruch. Wir wissen, dass wirdas Heil allein durch Christus haben, aber warum sollen wir deshalb die Hilfe durch die Engelleugnen? „Allein die Heilige Schrift“ soll unser Maßstab in Glaubensfragen sein, sagt Luther,und die ist voll von Engelgeschichten.Von drei Engelerscheinungen haben wir eben gehört. Es sind die drei Visionen des Josef,von denen uns nur Matthäus und Lukas berichten, und auch die nur in wenigen Sätzen.Lasse Sie uns erst einmal auf Josef schauen: Es ist uns – das ist auffällig - kein einzigesWort überliefert, das Josef gesprochen hat. Offenbar redete er nicht viel. Seine Stärke laganderswo: Er konnte hinhören, horchen, ja, sagen wir ruhig: ge-horchen. Wir wissen nichteinmal, ob Josef noch lebte, als Jesus anfing, sich dem Volk als Messias zu offenbaren. A-


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 25.09.11ber ich empfinde das Schweigen des Evangeliums als ein sehr beredtes Schweigen; beredt,weil es uns auf seine Weise Auskunft gibt über Josef.Josef war ein sehr ruhiger und bedachter Mann. Sein Leben war Selbstbescheidung. Durchnichts war er zu empören, und durch seine Tiefe und sein glaubendes Vertrauen wurde er zueiner Art Urbild christlicher Existenz.Josef war heimatlos. Abgesehen von der Szene an der Krippe kennen wir ihn nur unterwegs(auf dem Weg nach Bethlehem, auf der Flucht nach Ägypten, auf der Rückkehr). Er warheimatlos und sicher auch einsam mit seiner Frau, die er sehr liebte. Was muss die Eröffnungihrer Schwangerschaft für ein Schlag gewesen sein für ihn?! Gott hat seine irdischeLiebe arg getroffen – wie schwer muss es für ihn gewesen sein, an Marias Unschuld zu glauben,sie nicht zu verstoßen oder gar der Steinigung preis zu geben! Josef hat geglaubt, imGrunde an etwas Unglaubwürdiges geglaubt. Er hat das Unverstandene hingenommen undein Leben lang getragen, ich denke, als ein in seinem Herzen zutiefst verwirrter Mensch.Was hat ihm die Kraft gegeben, diese Zerrissenheit auszuhalten? Die Bibel gibt zur Antwort:Ihm ist ein Engel erschienen. Josef hat Maria geliebt und niemand (nicht einmal Gott!) kannuns ein geliebtes Wesen aus dem Herzen reißen. Ich glaube schon, dass Josef gedacht hat,Maria sei ihm untreu geworden. Sicher hat er auch im Stillen erwogen, sich von Maria zutrennen. Aber in dieser Zerreißprobe zwischen Liebe und Schmerz kommt ihm in der NachtGott zu Hilfe – und zwar durch einen „Vermittler“, einen Engel. Der Engel eröffnet ihm dasGeheimnis der Menschwerdung. Dennoch – ich bin sicher, auch nach dieser Eröffnung wirdes für Josef schwer gewesen sein, das mitzutragen; zu nah steht hier das Unehrenhafte demHeiligen.Zwei Aspekte sind mir aus dieser Engelbegegnung vor allem wichtig:• Gott bringt Hilfe. Das ist eine der wesentlichen Funktionen der Engel auch in unseremLeben: Sie bringen Hilfe in uns ausweglos erscheinenden Situationen. Wenn wir sagen,„Dich hat der Himmel geschickt“ oder „Du bist ein Engel“, höre ich den Stein regelrechtplumpsen, der dem Sprechenden von der Seele fällt. Eine Hilfe, mit der man nicht rechnenkonnte, am rechten Ort, gerade zur rechten Zeit … Wie oft werden wir einander zuEngeln von Gott eingesetzt? Gottes Engel brauchen keine Flügel!• Ein weiteres ist wichtig an Josefs Engelbegegnung: Josef hat nicht spontan reagiert, seineFrau nicht sofort fortgeschickt, obwohl er sicher tief getroffen war und alle diese Reaktionvon ihm erwartet hätten. Nein – Josef lässt sich Zeit für diese Entscheidung. Die Sacheist erst einmal „überschlafen“ – das muss kein Ausdruck von Entscheidungsschwächesein, das räumt vielmehr die Zeit ein, Gedanken zu klären, Gefühle zu ordnen und –wo nötig – die richtigen Worte zu finden. Die Nacht ist dafür eine gute Gelegenheit. In derDunkelheit und Stille fallen alle Außenreize weg. Wir sind wirklich bei uns selbst. Undwenn wir uns in schlafloser Nacht allzu sehr um uns selber drehen in unseren Gedanken,können wir Gott um Hilfe bitten – und tatsächlich, so klärt sich manches „über Nacht“.Josef erfährt es als Traum; ihm erscheint der rettende Engel. Was lange Zeit als Mythologisierungverpönt war, ist mittlerweile längst wieder entdeckt. Psychologen und Therapeutenarbeiten mit den Träumen, wenn sie Menschen ihre Probleme, aber auch ihr Lebensziel,ihren Lebenssinn aufzeigen wollen. Was da in Bildern Gestalt gewinnt, darf getrost auch alsGottes Offenbarung gesehen werden.Manche Träume haben etwas Drängendes, andere wiederholen sich ständig, wieder anderesind einmalig, aber derart „einschlagend“, dass sie uns noch lange im Wachzustand beschäftigen.Ähnlich verhält es sich mit Glaubensdingen. Jede Glaubenswahrheit braucht ihre Zeit.Es ist ein falscher Anspruch, alles zu einem bestimmten Datum (zum Beispiel der Konfirmation)erreicht und verstanden haben zu wollen. Vielmehr braucht jeder seine individuelle Zeitder Reifung. Jeder hat das Recht bei jeder einzelnen Glaubenswahrheit die Entscheidungaufzuschieben bis zu dem Augenblick, wo er spürt: Jetzt ist der richtige Augenblick gekommen.Dieses Spüren kommt der Engelbegegnung gleich. Wie Josef im Raum die Hilfe erhält,so hat der Glaubende ganz unvermittelt die Gewissheit: Jetzt ist die Zeit der Gnade da. Hier


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 25.09.11ereignet sich aktuell und individuell die Hilfe Gottes – manchmal so dicht, dass sie Gestaltgewinnt, vielleicht die Gestalt eines Engels.Bei der zweiten Vision des Josef erfahren wir noch eine Steigerung. War der Engel anfangsnur Helfer, wird er jetzt zum Retter in der Not. Er erscheint nach der Geburt Jesu und befiehltJosef, mit Maria und dem Kind nach Ägypten zu fliehen. Es ist ein Exil auf Zeit, wie wir ausder dritten Vision erfahren. Nach dem Tod des Herodes erscheint der Engel wiederum, jetztmit dem Auftrag an Josef, nach Israel zurückzukehren.Der Engel als Retter in der Not, das ist der klassische Schutzengel; er ist wohl am vertrautesten.Aber wie sieht es aus, wenn er einen Auftrag für uns hat. Passt das überhaupt nochin unsere Schutzengelvorstellung? Die bezieht und beschränkt sich ja auf Notsituationen.Wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, keine Wahl und keinen Spielraum mehr haben,dann sehnen wir uns nach dem rettenden Engel. Aber sonst? Sonst sind wir doch so stolzdarauf, alles frei und selbstbestimmt zu regeln. Ein Engel mit einem Auftrag „von oben“ würdeda nur stören.An dem Punkt können wir einiges von Josef lernen. Er, der wenige Worte macht, kann hinhören,horchen, wo nötig ge-horchen. Es ist für ihn selbstverständlich, die Beauftragung ernstzu nehmen und ihr zu folgen. Und ich bin sicher: Da wo wir uns die Zeit und Mühe nehmen,unsere Lebenssituation genau in den Blick zu nehmen, werden wir schnell unsere Beauftragungenerkennen: Die Nachbarin, die Hilfe braucht; der Mitarbeiter, der ein offenes Ohrsucht; das eigene Kind, das sich nach mehr Zeit und Aufmerksamkeit der Eltern sehnt …Und jenen, denen es so schwer fällt, die Hilfe anderer anzunehmen, sei gesagt: Auch daskann ein Ergebnis meiner Lebensprüfung sein, dass ich erkenne: ich selbst bin der Auftrag.Ob aus Not, Krankheit, Einsamkeit, ich selbst kann zum Auftrag für meinen Nächsten werden.Dessen muss sich keiner schämen. Im Gegenteil: nehme ich die Beauftragung ernst,muss ich dem anderen auch die Möglichkeit geben, seinen Auftrag zu erfüllen.So gesehen ist jedes Menschsein ein Gesandtsein zu den Menschen von Gott her, kurz: einEngeldienst. Gottes Engel brauchen keine Flügel.Amen


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 17. Sonntag nach Trinitatis16. Oktober 2011Predigttext: Markus 9,17-27:Einer aus der Menge sagte zu Jesus: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, derhat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vordem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngerngeredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht. Er aber antwortete ihnen undsprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll icheuch ertragen? Bringt ihn her zu mir! Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn derGeist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: von Kindauf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn duaber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst:Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Sogleich schrie der Vater desKindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief,bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ichgebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! Da schrie er und riss ihnsehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot. Jesusaber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.Liebe Gemeinde!Was für ein dramatisches Geschehen! Ein Junge hat Schaum vor dem Mund, knirscht mitden Zähnen, wird in Feuer oder Wasser geworfen und bleibt am Ende wie tot liegen. DieJünger scheitern beim Versuch, ihn zu heilen. Erst Jesus gelingt es - Jesus als Exorzist, derDämonen und böse Geiser austreibt. Sagen Sie ehrlich: können Sie als moderne, aufgeklärteMenschen damit noch etwas anfangen? Oder geht es Ihnen wie dem Theologen RudolfBultmann, der feststellt: „Man kann nicht moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruchnehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testamentsglauben“?Ohne Frage, die Medizin hat gewaltige Fortschritte gemacht. Es ist gut, dass die Krankheitenentdämonisiert sind und beim Namen genannt werden. Erst das macht sie erforschbar undbehandelbar. Im Blick auf diesen kranken Jungen sprechen wir heute von Epilepsie. Aberdamit ist noch lange nicht alles gesagt und geklärt. Nach wie vor wissen wir nicht, woher dieEpilepsie kommt, ob sie im Erbgut verankert ist und überhaupt jemals heilbar sein wird.Menschen, die davon betroffen sind, können sehr viel mit der neutestamentlichen Sichtweiseanfangen. Ein plötzlicher Anfall hat etwas „Dämonisches“: Da kommt (oft unberechenbar)etwas Fremdes über mich, „fällt mich an“ (Anfall!), ergreift Besitz von mir und setzt alle normalenKörper- und Sinnesfunktionen außer Kraft.Menschen mit psychischen Erkrankungen erleben es ähnlich. Ich weiß es von Depressiven,die äußerlich unverändert von anderen als ganz „normal“ gesehen werden. Innerlich aberhaben sie das Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein; ja besetzt, belegt zu sein von einer Art


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 16.10.11Monster, das sie niederdrückt und ihnen die Luft zum Atmen nimmt. Umherstehende verstehenes nicht. Sie fordern die Kranken auf, sich zusammenzureißen und den inneren„Schweinehund“ zu überwinden. Aber es ist eben mehr als der „innere Schweinehund“ (dieseArt von Antriebslosigkeit kennt jeder von uns). Aber es gibt eben psychische Mächte, die unsso sehr gefangen nehmen, dass wir uns nicht dagegen wehren können. „Dämon“ - das griechischeWort heißt: große Kraft; tatsächlich so groß, dass Betroffene ohnmächtig ausgeliefertsind.Insofern ist Bultmann entschieden zu widersprechen. Wir mögen heute ein ganz anderesWeltbild haben als vor zweitausend Jahren, aber das, was die Betroffenen erleben, ist neutestamentlichsehr gut wiedergegeben. Depressive Erkrankungen waren lange Zeit ein Tabuthema.Aber nachdem einige Prominente (darunter sogar Leistungssportler) sich dazu bekannthaben, reden wir offener darüber. Und wir stellen fest, dass die Betroffenen keineswegshinter dicken Klinikmauern ihr Dasein fristen. Die meisten leben um uns herum in unsererNachbarschaft, in der Gemeinde, in der Familie. Sehr viele sind als „austherapiert“ eingestuft,was nur so viel heißt, dass medizinisch nichts mehr getan werden kann für sie. Trotzeiner starken Medikamentierung geht es ihnen ähnlich wie den Epileptikern. Sie leben mitder ständigen Angst, dass die fremde Macht (sagen wir ruhig „Dämon“!) wieder Gewalt übersie gewinnt und ihr eigenes Leben außer Kraft setzt.Was hilft in so einer Not? Unsere Geschichte sagt es: Es müssen Menschen da sein, die anmeiner Seite aushalten. Kaum einer wird imstande sein, wie Jesus mit einem Wort oder einerGeste den Dämon auszutreiben. Aber so ein Dämon lässt sich zerlegen, Stück für Stück,wenn nur einer da ist und aushält; einer, der sagt: Du kannst dein Leben verändern, wenn dudaran glaubst. Du darfst dich nicht aufgeben. Du darfst den Glauben nicht aufgeben.In unserer Geschichte ist das der Vater des Jungen. Durchaus nachvollziehbar! Es ist dieLiebe der Eltern, die niemals aufgibt und keinen Weg unversucht lässt. Am Ende seiner Kraftund Möglichkeiten wendet sich der Vater an die Jünger Jesu. Sie wollen helfen, am entscheidendenPunkt aber versagen sie. Jesus selbst ist also die letzte Chance. Er macht nichtviele Worte. Er stellt dem Vater nur zwei Fragen. Die erste ist (sehr medizinisch) die nachdem Krankheitsverlauf. Die zweite ist nur eine indirekte Frage: „Alle Dinge sind möglich dem,der da glaubt“, stellt Jesus fest, und der Vater erkennt sofort, dass hier sein Inneres berührtund angefragt ist. Ihm versagt die Stimme (das griechische „krazein“ heißt Krächzen) unddennoch antwortet er mit einem lauten Schrei der Verzweiflung: „Ich glaube, hilf meinemUnglauben!“Liebe Gemeinde, die Dramatik des Geschehens lässt viele Bilder, geradezu tumultartigeSzenen vor unserem Auge entstehen. Dennoch glaube ich, dass dieser eine Satz der eigentlicheMittelpunkt der Geschichte ist. Aus anderen Heilungsgeschichten wissen wir, dass immerwieder der Glaube der Kranken für Jesus Voraussetzung der Heilung ist. Diese aber fälltaus dem Rahmen, denn ganz klar: Im gleichen Atemzug mit seinem Bekenntnis gesteht derVater seinen Unglauben ein.Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Glaube und Unglaube zugleich? Ein anderer würdewohl so reagieren, dass er sagt: Klär das erst einmal ab für dich. Wenn du weißt, wo dustehst, dann komm noch mal wieder. Aber eben nicht Jesus. Er fragt nicht nach, will keineEinzelheiten wissen, sondern nimmt diesen einen Satz als vollwertiges Glaubensbekenntnisan.Ich selbst verknüpfe damit eine sehr persönliche, Lebensweg entscheidende Erinnerung. Alsich gerade achtzehnjährig mit meinem Religionslehrer über meine Glaubensschwierigkeitensprach, trug ich ihm eine ganze Liste vor von der Jungfrauengeburt über die HimmelfahrtJesu bis hin zur Auferstehung der Toten. Ich hatte zwar eine Art starkes Fühlen auf Gott hinich spürte auch ein Getragensein durch Gott, aber ich war deshalb noch lange nicht bereit,meinen Verstand außer Kraft zu setzen und alles (aus meiner Sicht) Unlogische anzuerkennen.Nun hatte ich erwartet, mein Lehrer würde darangehen und alles Unlogische Stück fürStück analysieren, so weit, bis ich es endlich annehmen konnte. Stattdessen aber hat er mir


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 16.10.11nur diesen einen Satz aus dem Markusevangelium genannt: „Herr, ich glaube, hilf meinemUnglauben.“Mein Glaube war damit von einem Moment auf den anderen umgekrempelt, auf die Füßegestellt sozusagen. Denn mir wurde klar: Es geht nicht um die Anerkennung einer Ansammlungvon Dogmen. Glaube ist vielmehr Ausdruck einer Beziehung: Gott, ich vertraue auf dich- und das schließt ein: ich rechne mit dir, ich setze auf dich bei allem, was mir fragwürdig undzweifelhaft ist.Liebe Gemeinde, Jesus macht Schluss mit den Bekenntnissen der Schriftgelehrten und Pharisäer.Es zählt nicht der am meisten, der alle Glaubenswahrheiten aufzählen und unterschreibenkann. Jesus rehabilitiert die Fragenden und Zweifelnden. Er weiß: das Fragen undZweifeln hält den Glauben lebendig. Der Glaube hingegen, der sich seiner selbst allzu sicherist, ist toter Glaube. Man mag ihn als „Dogma“ oder „Bekenntnis der Vorväter“ würdigen, a-ber damit trägt er für mein Leben noch nichts aus.Die ersten Christen haben sich „Leute des Weges“ genannt. Ihre Glaubensbekenntnissewaren kurz, nach Regionen unterschiedlich und im persönlichen wie im Gemeindelebenwandelbar. Das macht deutlich, dass der Glaube ein Prozess ist und wie jeder Lebenswegvon Höhen und Tiefen geprägt ist, von hellen wie dunklen Wegstrecken, von Phasen, die ichmit Leichtigkeit durchschreite wie von solchen, auf denen ich nur mühsam vorwärts komme.Jesus sagt von sich selbst: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Wir solltenuns zurückhalten, wenn wir das Ziel beschreiben, womöglich meinen, es schon zu kennen.Wahrheit, wahres Leben entscheidet sich am Weg und ist Schritt für Schritt zu erkämpfen.„Erkämpfen“ ist ein hartes Wort, aber ich halte es nicht für übertrieben. Wir sind auf den richtigenWeg gesetzt. Das ist ein großes Gottesgeschenk. Aber gehen (und das heißt auch bewältigen)müssen wir den Weg selber.„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ In diesem Verzweiflungsschrei des Vaters klingt allesan: die Angst um den Sohn, das Bewusstsein der letzten Hoffnung, die Schwere der Last,die Qual dieser Wegstrecke …Aber all das ist nichts gegen die Gewissheit, die auch zu hören ist: Ich glaube, ich vertraueauf dich, Gott wie dem Sohn Jesus Christus. Und dieser Glaube ist mehr als nur das Bekenntnisdes Vaters. Er schließt den Sohn mit ein, ist stellvertretender Glaube. Das ermutigtuns, in gleicher Weise für die einzutreten, die es brauchen - seien es Depressive, Kranke,am Leben Verzweifelte. Auch wenn wir selbst manchmal nur stammeln können: Ich glaube,hilf meinem Unglauben, wir dürfen sicher sein: Für Gott ist mehr nicht nötig.Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 19. Sonntag nach Trinitatis30. Oktober 2011Predigttext: Markus 1,32-39:Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken undBesessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er half vielen Kranken,die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ dieGeister nicht reden; denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf undging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei ihmwaren, eilten ihm nach. Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ichauch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogenin ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.Liebe Gemeinde!Wohl jeder von uns kennt das Gefühl, das einem alles über den Kopf wächst. Dieses oderjenes ist zu tun, man muss sich kümmern, organisieren, machen und ehe man das eine erledigthat, ist schon wieder etwas Neues hinzugekommen. Dabei denke ich noch gar nicht andie tausend alltäglichen Dinge, die wir irgendwie nebenbei zu erledigen versuchen. Ich meinedie wichtigen Aufgaben. Solche, die man wirklich für sinnvoll hält, die man tun muss undauch tun will: berufliche und familiäre Pflichten, Ehrenämter, Hobbies … da kommt schoneiniges zusammen.Im Evangelium heute Morgen hören wir, dass Jesus dieses Phänomen nur allzu gut vertrautist. Jesus ist ein vielbeschäftigter Mann. Nicht einmal am Sabbat hat er Ruhe. Kaum hat sichherumgesprochen, was er so alles kann, strömen die Leute von weit her zu ihm. Sie wollenihn predigen hören und sie bringen Kranke zu ihm, die die Schulmedizin schon lange aufgegebenhat. Jesus hat alle Hände voll zu tun. Er predigt und er nimmt sich viel Zeit für jedeneinzelnen. Das geht so bis in die tiefe Nacht, erfahren wir.Eigentlich könnte die Geschichte hier zu Ende sein (eine Heilungsgeschichte eben wie vieleandere). Aber Markus berichtet noch etwas anderes, etwas, das angesichts der spektakulärenHeilungen viel zu oft überlesen wird: Am Morgen danach, noch vor Sonnenaufgang, verlässtJesus das Haus. Er geht aus der Stadt heraus, bis er außer Sichtweite ist und suchtsich eine einsame Stätte. Jesus geht also auf Abstand. Er verlässt den Ort, an dem er arbeitetund gebraucht wird.Wie mag das angekommen sein bei den Jüngern, wie bei den vielen, die seiner Hilfe bedürfen?Als Flucht aus der Verantwortung, als Anzeichen von Überforderung, als plötzliche Laune…? Nichts von alledem ist richtig. Jesus tut schlicht das, was in diesem Augenblick für ihndas Wichtigste ist: Er ruht aus, er sammelt sich (und damit neue Kraft), er betet, macht sichGedanken über seinen weiteren Weg. Jesus kommt zu sich.Es ist ganz wichtig, diesen zweiten Teil der Geschichte mitzulesen, denn er macht deutlich:Beim Heilwerden geht es nicht nur um die Gesundung des Körpers, auch wenn die Heilungendurch Jesus, das Freiwerden von schweren Gebrechen, noch so in den Vordergrundtreten. Heil werden meint immer beides, Leib und Seele. Und Jesus ist so sehr Mensch, dass


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 30.10.11er auf die Gesundheit seiner Seele Acht gibt. Der rechte Umgang mit den Erwartungen gehörtdazu. „Jedermann sucht dich!“ bekommt er von den Jüngern zu hören. Das klingt ehervorwurfsvoll als verständnisvoll.Aber Jesus rechtfertigt sich nicht; er entschuldigt sich auch nicht. Vielmehr will er die Jüngerzu einer anderen Einsicht führen. Er will zeigen, dass Erwartungen nicht immer erfüllt werdenmüssen, dann vor allem nicht, wenn es über die eignen Kräfte und Grenzen geht. Jesus lehrtuns ein Nein-Sagen zum rechten Zeitpunkt. Denn ein Mensch, der über seine Kräfte lebt,kann niemandem helfen, schon gar nicht andere heilen an Leib und Seele.Eine Geschichte zur Verdeutlichung (sie wurde von den ersten christlichen Mönchen erzählt,die vor rund 1700 Jahren als Einsiedler in der oberägyptischen Wüste gelebt haben):Darin geht es um drei Brüder. Der eine beschließt, sich um die Kranken zu kümmern, derzweite will sich für Frieden einsetzen, der dritte zieht als Einsiedler in die Wüste. Die Jahrevergehen. Als sich die ersten beiden wieder einmal treffen, müssen sie sich eingestehen,nicht viel erreicht zu haben. Ihre Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Die Welt ist nicht bessergeworden. Gemeinsam suchen sie ihren Bruder in der Wüste auf. Dieser nimmt einenKrug Wasser und schüttet es in eine Schüssel. „Was seht ihr hier?“ fragt er die beiden undzeigt in die Schüssel. „Schäumendes Wasser“, antworten sie. Der Einsiedler wartet eineWeile, bis das Wasser ganz still ist. Dann fragt er noch einmal: „Was seht ihr jetzt?“ Die beidenschauen hinein und antworten: „Jetzt sehen wir im Spiegel des Wassers uns selber.“„So, meine Brüder, müsst auch ihr zur Ruhe kommen, damit ihr euch selber erkennt. Erstdann könnt ihr anderen wirklich helfen.“Liebe Gemeinde, offenbar gab es schon zur Zeit der ersten Christen die Tendenz, vor lauterAktivismus an sich selber vorbei zu leben. Die ersten beiden Brüder hatten ohne Frage edleAbsichten. Doch ihnen fehlt das Fundament, sich wirklich ganz für ihr Anliegen einsetzen zukönnen. Sie kannten sich selbst zu wenig, möglicherweise nicht einmal ihre eigene Motivation.Der dritte Bruder hält ihnen einen Spiegel vor: Schaut euch gut an! Macht euch klar, werihr seid, wo ihr steht, was ihr wollt und warum ihr es wollt. Haltet immer wieder inne und besinnteuch!Jesus will genau das - vielleicht weniger die Selbsterkenntnis (Gottessohn), wohl aber dieSelbstbesinnung. Durch das eigene Beispiel macht er uns Mut zum Rückzug. Um Kraft undEnergie zum Handeln zu bekommen, brauchen wir Ruhephasen; Zeit für uns selbst, um überSinn und Ziel unseres Lebens nachzudenken.Dabei hilft es, noch einen Schritt weiter zu gehen. Der Text sagt es ausdrücklich: Jesus ziehtsich zum Gebet zurück. Im Zwiegespräch mit Gott will er seinen weiteren Weg finden. Unssagt er damit: Im Gebet werdet ihr spüren, dass es über die Erwartungen anderer hinausnoch etwas gibt, das euch zum Leben befähigt.Ich bin sicher, instinktiv wissen wir das auch; instinktiv verhalten wir uns oft schon so, wieJesus es hier vormacht. Wir wissen, wie gut es tun kann, mal ein Stück wegzugehen („Abstandgewinnen“), raus aus den eigenen vier Wänden, die so vertraut, so eng werden können,dass man schon meint, ein Teil von ihnen zu sein. Wir wissen, wie gut es tun kann, langeSpaziergänge zu machen, im Urlaub mal ganz abzuschalten und die Seele baumeln zulassen. Und gerade die, die beruflich wie privat immer viele Menschen um sich haben, wissensehr gut, was Jesus braucht, wenn er für eine gewisse Zeit mal ganz allein sein will.In unserer auf Schnelligkeit und Output getrimmten Gesellschaft bleibt wenig Raum zurSelbstbesinnung. Immer mehr Menschen leiden darunter und suchen bewusst das ganz Andere.So hat sich in den vergangenen Jahren ein neuer Trend durchgesetzt: Urlaub machen imKloster; für ein paar Tage oder sogar Wochen alles hinter sich lassen (Arbeit, Wohnung,Freunde, Familie) und sich ins Kloster zurückziehen. Nahezu alle Klöster in Deutschlandbieten das mittlerweile an, mit wachsendem Erfolg. Und es sind keineswegs nur die beson-


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 30.10.11ders Frommen, die es dahin zieht, die meisten sind ganz „normale“ Leute. Sie alle verbindetder Wunsch, mal rauszukommen aus dem gewohnten Trott, innezuhalten, neue Erfahrungenzu machen mit sich und - wer weiß - vielleicht auch mit Gott.Im Kloster folgt das Leben einem immer gleichen Rhythmus von Arbeit und Gebet, Gemeinschaftund Alleinsein. Das klingt nicht sonderlich attraktiv, eher nach neuem Trott. Wichtig istaber etwas anderes: Ich muss da nichts entscheiden, nichts unter Druck tun. Ich kann micheinfach in den Rhythmus einer bewährten, uralten Tradition einklinken. Wenn ich Zeit brauche,um nachzudenken, muss ich sie mir nicht mühsam freischaufeln; sie ist im Tagesrhythmusreichlich vorgesehen.Wem es gelingt, sich in diesen Rhythmus einzuschwingen, kann auftanken und neue Kräfteschöpfen. Und einige machen ähnliche Erfahrungen wie die drei Brüder aus unserer Geschichte.Sie erzählen, dass die Zeit im Kloster ihren Blick geschärft hat. Tatsächlich lässtsich aus der Entfernung betrachtet manches besser erkennen. Bin ich zur Ruhe gekommenund ganz bei mir selber, sehe ich eher, was wichtig ist in meinem Leben und was nicht; icherkenne, wo ich tatsächlich gebraucht werde und wo andere ganz gut ohne mich auskommen.Und wenn die alltägliche Geräuschkulisse wegfällt, werde ich betend viel offener fürdas, was Gott mir sagen will.Gewiss, nicht alle haben die Möglichkeit, sich für eine bestimmte Zeit ins Kloster zurückzuziehen.Aber eines sollten sie sich gewiss von Jesus wie vom Klosterleben abgucken: denheilsamen Wechsel von Anspannung und Ruhe, von Gemeinschaft und Alleinsein, von Engagementund Loslassenkönnen.Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum Ewigkeitssonntag20. November 2011Predigttext: Lukas 12,42-48:Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den derHerr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Selig istder Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wirdihn über alle seine Güter setzen. Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herrkommt noch lange nicht, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essenund zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einemTage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn inStücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen. Der Knecht aber,der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan,der wird viel Schläge erleiden müssen. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, wasSchläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Denn wem viel gegeben ist, bei dem wirdman viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.Liebe Gemeinde!Sollte das heute Morgen das Evangelium (die „frohe“ Botschaft) sein?! Das werden sich vielebei der Bibellesung eben gefragt haben. Und gerade deshalb ist doch mancher von Ihnenheute Morgen in die Kirche gekommen: Um etwas Mutmachendes, etwas Tröstendes zuhören. Gerade jetzt im grauen, nebligen November brauchen wir es, wo alles um uns heruman Tod und Vergänglichkeit erinnert; gerade heute brauchen wir es, am Totensonntag, wo inbesonderer Weise unserer Verstorbenen gedacht wird.Ob wir wollen oder nicht - da kommt manches an Trauer wieder hoch; da werden Erinnerungenwach, und es brechen Wunden wieder auf, die noch lange nicht geheilt sind. Dasschmerzt, das lässt Tränen fließen … Wie gut täte da etwas Trost, wenigstens ein paar aufbauendeWorte!Aber was hören wir als Bibellesung?! Jesus kommt wieder als strenger Richter. Von hartenUrteilen ist die Rede und von fürchterlichen Strafen.Manch einer wird sich vielleicht damit getröstet haben, dass er vielleicht gar nicht gemeint ist.Schließlich spricht Jesus ja von „Haushaltern“ - von solchen, denen Gott viel gegeben, vielanvertraut hat. Da wird er wohl die Mächtigen meinen, wird sich mancher beruhigen, die Einflussreichenin Politik und Wirtschaft, wohl kaum mich „kleines Würstchen“ - Ein großesMissverständnis! Mit dem „treuen und klugen Haushalter“ ist jeder einzelne von uns gemeint.Zur Zeit Jesu war der Haushalter eine Art Geschäftsführer und Personalchef, der einen Familienbetriebleitete, solange sein Herr abwesend war. Das trifft auf jeden von uns zu. SolangeJesus als unser Herr nicht auf dieser Welt ist, sind wir verantwortlich - jeder in dem kleinenoder größeren Zuständigkeitsbereich, an den Gott ihn gestellt hat. Das kann der Arbeitsplatzsein, die Familie, der Freundeskreis, die Nachbarn im Haus, die Gemeinde … beimanchen auch mehrere davon. Jeder muss selbst das Stück Wirklichkeit in den Blick be-


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 20.11.11kommen, für das er verantwortlich ist. Und jeder wird schnell feststellen: In der Tat, uns istwirklich viel gegeben und viel anvertraut.Mag sein, dass mancher sich innerlich sperrt dagegen. Gerade am Totensonntag sind wirkaum fähig zu spüren, was uns gegeben ist. Das andere ist übermächtig: das Gefühl, dasuns etwas genommen wurde, vielleicht das Wichtigste im Leben (ein geliebter Mensch, derLebensmittelpunkt). Wer trauert fühlt sich leer, und wer innerlich leer ist, vermag nicht zugeben.Das ist richtig. Aber auch, wenn es auf den ersten Blick gar nicht danach aussieht, das sperrigeEvangelium heute Morgen will uns helfen, eine neue Perspektive zu gewinnen. Indem esuns als „Haushalter“ anspricht, lenkt es unseren Blick zurück auf unsere Hände: Mag sein,dass du dich leer fühlst, aber du bist es nicht. Dir ist ganz viel in die Hände gegeben: geschenkteZeit; viele Gespräche; die Fähigkeit, gut zuhören zu können; mancher echte, guteTrost; Gottvertrauen und Lebensmut, die sich durch alle Trauer hindurch erhalten und bewährthaben; ja, sogar die erlittene Trauer selbst kann eine Gabe sein, wenn ich dadurchgereift anderen einen guten Weg zeigen kann.Hinzu kommen die Erinnerungen an unsere lieben Verstorbenen. War anfangs jedes Erinnernschmerzlich, zeigt sich jetzt: die guten Erinnerungen sind ein großer Schatz. Wir zehrendavon, wir leben daraus und können sogar abgeben davon. Wir merken plötzlich: Das gemeinsameGute konnte vom Tod nicht ausgelöscht werden. So weit reicht meine Machtnicht. Wir bewahren es und können sogar von „lebendigem Gedenken“ sprechen. Liebe etwa,die ich erfahren durfte, hält mich lebendig, und ich kann davon dankbar weitergeben;Lebensfreude, Leidenschaft für das Leben ebenso. Gott will das Leben, und hier setzt er sichmachtvoll gegen den Tod durch.Was sagt Jesus vom guten Verwalter? Er erkennt seinen Auftrag und seine Verantwortung,er achtet auf das Wohlergehen der ihm anvertrauten Menschen. Er tut das gern und in allerSelbstverständlichkeit. Da ist keinerlei Überforderung dabei, denn er tut das schlicht imRahmen seiner Möglichkeiten. Das allein reicht aus, ihn als guten, klugen Verwalter zu bezeichnen.Es geht also um nichts Übermenschliches, nichts Außergewöhnliches oder Heroisches,schon gar nicht um Selbstaufgabe oder Selbstverleugnung.Also keine Angst bei Jesu Worten! Sicher, es wird ein Gericht geben am Ende der Zeit. Aberdas ist keine Drohung, sondern einfach eine Feststellung. Es ist Gott nicht gleichgültig, wiewir leben. Er lässt uns frühzeitig wissen, dass es am Ende auch eine Bewertung des Lebensgeben wird. Gott wird mich fragen, was ich mit dem gemacht habe, was er mir anvertraut hat.Und ich hoffe, ich werde ihm klar antworten können.Wenn Jesus nicht nur vom „klugen“, sondern vom „treuen“ Verwalter spricht, steht da im Urtextein Wort, das nur schwer zu übersetzen ist. Es meint, in einer Beziehung stehen, zu einerBeziehung stehen, und das auf Dauer. Im Blick auf Gott ist das schlicht unser Glaube.Der „treue“ Verwalter Gottes bleibt im Glauben - trotz mancher persönlicher Krisen und auchgegen alle neuen Trends, die andere Heilswege empfehlen. Der „treu“ Glaubende machtauch mal den Mund auf und bekennt sich zu seinem Christsein, selbst auf die Gefahr hin,damit anzuecken. Er bewahrt dieses Geschenk Glauben und macht etwas daraus.Bleibt die andere Seite, der „untreue“ Haushalter, dem so hart das Urteil gesprochen, andem so gnadenlos die Strafe vollzogen wird. Was ist sein Vergehen? Kurz gesagt: rücksichtsloserEgoismus. Er spielt sich selbst als Herr auf. Er verprasst das ihm anvertraute Gut.Er lebt in Verschwendung und ohne jedes Mitgefühl für seine Mitmenschen.Wieder geht es uns so wie beim ersten. Wir beziehen das nicht auf uns. Wir mögen auchunsere schlechten Seiten haben, aber ein so mieser Typ sind wir wirklich nicht. Und doch:An einem ganz entscheidenden Punkt sind wir vergleichbar. Der Grundfehler des schlechtenVerwalters ist der, dass er nach einiger Zeit des Verzuges gar nicht mehr recht an die Rückkehrseines Herrn glaubt. Je länger der wegbleibt, desto freier fühlt er sich, desto ungezügelterlebt er.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 20.11.11Und mal ehrlich: Wer von uns (selbst, wenn wir uns als Christen verstehen!) glaubt heutenoch an die plötzliche Wiederkunft Christi und - eingehend damit - ein Sich-Verantworten-Müssen vor Gott? Sicher, einmal im Jahr (zum Ende des Kirchenjahres) ist in den Kirchendavon die Rede. Aber kommt das durch? Schlägt sich das nieder in der Art, wie wir denken,glauben und leben? Ich glaube kaum. Global gesehen setzt sich eine andere Tendenz durch:Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer.Während sich die einen Badewannen leisten, die pro Stück mehr als eine Millionen Eurokosten, wissen andere nicht, wie sie sich und ihre Kinder durch den Tag bringen sollen.Selbst in unserem „bürgerlichen“ Winterhude gibt es immer mehr, die ihre Miete nicht mehrbezahlen können oder nach der Hamburger Tafel fragen. Diese ist wiederum so überlaufen,dass sie keine neuen Bedürftigen mehr aufnimmt. Sicher (und Gott sei Dank), es gibt immernoch Menschen, die auf solche Not hilfreich reagieren. Aber es gibt auch zunehmend diegewissenlose Haltung des untreuen Verwalters, der sich auf der Gewinner-Seite sieht undohne Blick für die Not anderer das verprasst, was ihm doch nur anvertraut ist. Was will einerdereinst vor Gott sagen, der seine Millionen mit Wetten auf Lebensmittelpreise gemacht hat -wohl wissend, dass durch solcherlei Wetten Nahrungsmittel für Menschen in Dritte-Welt-Ländern unbezahlbar werden? Und das ist ja nur die Spitze des Eisbergs! Ich glaube, wirhaben als Christen auch die Verantwortung, das Gehör (und damit das Gewissen) zu schärfenfür die ungeliebten, so genannten „letzten“ Fragen: Wiederkunft Christi, Rechenschaftablegen vor Gott. Wir haben uns allzu sehr daran gewöhnt, das den Sekten zu überlassen,die aus der Angst vor dem Weltuntergang Kapital schlagen.Jesus zeigt uns, dass sehr wohl beides geht: Wir dürfen uns am Leben freuen, jeden Tagneu. Gott gibt uns die Freiheit dazu und zudem den Glauben als wichtigste Kraft, das gemeinsammit anderen zu tun in allen Höhen und sogar in den Tiefen.Gleichzeitig sollen wir wissen: Das ist nur ein Vorletztes. So dankbar wie wir für jeden neuenTag sind, so gewiss soll uns auch sein: Jesus kommt wieder und wird fragen: Was hast dumit deinem Leben getan? Mit jedem neuen Tag, den Gott uns schenkt, können wir Antwortdarauf geben.Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 3. Sonntag im Advent11. Dezember 2011(mit Taufen)Predigttext: Matthäus 11,2-10:Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger undließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört undseht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehenauf, und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.Als sie fortgingen, fing Jesus an, zu dem Volk von Johannes zu reden: Was seid ihrhinausgegangen in die Wüste zu sehen? Wolltet ihr ein Rohr sehen, das der Wind hin undher weht? Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Menschen in weichenKleidern sehen? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige.Oder was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Wolltet ihr einen Propheten sehen? Ja, ichsage euch: er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: "Siehe, ichsende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll."Liebe Gemeinde!Wie kommt er an bei Ihnen, dieser „Johannes der Täufer“? Wem wäre dieser „Rufer in derWüste am ehesten vergleichbar? Dem alten Mann vielleicht, der oben an der SpitalerstraßeTag für Tag bei Wind und Wetter von der Liebe Gottes predigt?Oder eher dem Vertreter der Piratenpartei, der in der Fernsehdebatte fordert, jeder habe dasRecht, nur so viel und nur zu der Tageszeit zu arbeiten, wie es sein Biorhythmus zulasse –bei gleichem Lohn für alle, versteht sich!Was ist Johannes – mehr der religiöse Spinner oder eher der politische Utopist (oder dochbeides gleichermaßen)? Damals wie heute gilt: An so einem scheiden sich die Geister. Diemeisten eilen kopfschüttelnd weiter, einige wenige bleiben stehen, noch weniger halten inneund prüfen den Kern der anstößigen Botschaft.Jesus jedenfalls gehört zu den letzteren. Wieder einmal zeigt er ein Herz für Außenseiter undSonderlinge. Aber diesmal ist es mehr als Barmherzigkeit. Jesus gibt dem Johannes auchinhaltlich Recht, demonstrativ stellt er sich auf seine Seite. Jesus lässt sich taufen von ihmund sagt damit: Johannes ist im Recht, wenn er eine neue Zeit ansagt; er ist im Recht, wenner die Sünden anprangert und Umkehr fordert. Nehmt ihn ernst, diesen Rufer in der Wüste;ja mehr noch: Nehmt euch ein Beispiel an ihm!Etliche sind dem tatsächlich gefolgt. sie sind in die Wüste gepilgert, haben sich taufen lassenund im Bewusstsein des Anbruchs einer neuen Zeit ihr Leben verändert. Einige wenige sindsogar einen Schritt weiter gegangen. Sie wurden zu Jüngern des Johannes, haben vielleichtsein karges Leben geteilt, sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt, ansonstenganz und gar darauf eingestellt, dass schon morgen der letzte Tag sein kann.Uns ist solches Denken längst fremd geworden. Advent, Wartezeit, ist für uns schon langenicht mehr Buß- und Fastenzeit. Im Gegenteil: wir haben es uns im Warten bequem und ge-


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 11.12.11mütlich eingerichtet. Wir „feiern“ Advent mit Lichterschmuck und allen erdenklichen Köstlichkeiten.Weihnachten ist nur noch eine Art Höhepunkt einer vierwöchigen Festzeit.Deshalb lohnt es sich, einmal innezuhalten und zurückzuschauen. Was war Johannes ursprünglichwichtig? Und was hat Jesus bewogen, sich derart demonstrativ auf seine Seite zustellen?Das erste ist ein Charaktermerkmal, nämlich die Demut und Bescheidenheit des Johannes.Johannes ist anders als alle modernen Rufer und Prediger. Er tut nicht so, als habe er dieWeisheit „mit Löffeln gefressen“; er sieht sich nicht als der Weisheit letzter Schluss; er drängtsich nicht in die Öffentlichkeit. Sein Ruf kommt aus der Ferne (der Wüste) und erschließt sichnur denen, die sich ihm öffnen. Inhaltlich sagt er: Ich bin gar nicht wichtig. Nach mir kommtdas Entscheidende und der Entscheidende. Ich bin nur ein Vorläufer, entsprechend habe ichnur Vorläufiges zu sagen. Solche Selbstbescheidung ist uns fremd. Wir wissen es zwardurchaus zu schätzen, wenn jemand seine Grenzen kennt. Aber wenn jemand die auch ausspricht,wird er uns allzu menschlich, verwechselbar, austauschbar. In Führungskräften wollenwir Führungsnaturen erkennen, Leitbilder, Leitwölfe womöglich. Jesus dagegen sagt: DieGröße eines Menschen zeigt sich darin, dass er seine Grenzen erkennt und diese auch annimmt.Wichtiger aber ist das Zweite, der Inhalt dessen, was Johannes zu sagen hat. Der Rufer inder Wüste nimmt kein Blatt vor den Mund. Er nennt das Unrecht beim Namen – und das imdoppelten Sinne des Wortes. Johannes deckt Unrecht auf, jedem einzelnen sagt er die Verstößegegen Gottes Gebot auf den Kopf zu, und er nennt die Verantwortlichen beim Namen.Für ihn gibt es keine Trennung zwischen Predigt und Politik, keine nur geistlichen oder nurpolitischen Themen. Wie soll man, fragt er, von den Bürgern erwarten, dass sie sich an GottesGebote halten, wenn die Obersten, die Verantwortlichen in der Politik sich darum nichtscheren?! Damit eckt er gewaltig an, und das weiß er. Er weiß, dass er sich in Lebensgefahrbegibt, wenn er einen Despoten wie Herodes derart frontal angreift. Schließlich wird es ihntatsächlich (im wahrsten Sinne des Wortes) seinen Kopf kosten.Das muss in einer funktionierenden Demokratie heute keiner mehr fürchten. Und doch brauchenwir Rufer von der Art des Johannes nötiger als je. Hinter der Berichterstattung über dieRettung des Euros droht in diesen Tagen die über die Weltklimakonferenz völlig zu verschwinden.Es mag wohl so sein, dass im Advent kaum noch einer an die Wiederkunft Christiund den jüngsten Tag denkt. Aber eine andere, sehr weltliche und durchaus reale Bedrohungdes Ganzen muss laut gesagt und endlich auch gehört werden. „Umkehr“ ist längstnicht mehr nur religiös, bloße Glaubenssache; Umkehr ist globale Notwendigkeit.Gleiches gilt für den Bereich des Zwischenmenschlichen. Nahezu ungehört ist diese Wocheder Tag der internationalen Menschenrechte verstrichen. Wir haben uns daran gewöhnt,dass nahezu jeder Tag ein Gedenktag für irgendetwas ist. Da hört keiner mehr so genau hin.Wir müssen uns aber bewusst machen, dass noch immer in über achtzig Staaten der WeltFolter an der Tagesordnung ist, in vierundzwanzig Staaten sogar die Todesstrafe noch vollzogenwird. Wer vom globalen Bewusstsein spricht, darf daran nicht vorbeigehen.Ihr vier Täuflinge setzt da deutlich andere Akzente. Ihr habt euch eure Taufsprüche selberausgesucht, und ohne dass ihr es miteinander abgesprochen habt, gehen sie in dieselbeRichtung. Joana und Hendrik haben sich ein Wort aus dem so genannten „Hohenlied derLiebe“ ausgesucht. Paulus nennt darin Glaube, Liebe und Hoffnung die drei Kräfte, die dasLeben tragen; die Liebe aber, betont er, ist die größte unter ihnen. Angela ist im Buch Ruthfündig geworden. Das schildert in einzigartiger Weise, wie zwei Frauen (Naomi und Ruth)nach dem Tod ihrer Männer gemeinsam das Leben meistern. Ruth gibt ihrer Schwiegermutterein Treueversprechen: „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibeauch ich; dein Gott ist mein Gott.“Corinnas Taufspruch steht in der einzigen großen Predigt, die uns von Jesus überliefert ist,in der Bergpredigt. Da spricht Jesus unter anderem vom Auge als der Leuchte des Leibes:


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 11.12.11„Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böseist, so wird dein ganzer Leib finster sein.“ Das ist nicht leicht zu verstehen (allein dazu ließesich eine ganz eigene Predigt halten). Wichtig ist: Du verstehst es als Aufforderung zur Toleranz.Dem anderen offen und ohne Vorurteile begegnen – wenn mir das gelingt, bleibt es inmir hell und freundlich. Auch das also ein Plädoyer für die Liebe!Ihr habt damit den Kern der Botschaft Jesu getroffen. Aber diese Liebe fällt nicht einfach vomHimmel, sie steht auf keinem Wunschzettel und liegt auch nicht hübsch verpackt untermWeihnachtsbaum. Gottes Liebe ist immer aus Fleisch und Blut („seit je her“, das heißt: vonJesus an). Gott spricht zu uns Menschen durch Menschen. Mag sein, dass einer flüstert: Du,ich hab dich lieb! oder: Ich helfe dir weiter; ich nehme dich an die Hand; ich gebe dir, was dubrauchst, du musst keine Angst haben … Einfach ein gutes Wort oder ein Händedruck oderein anderes liebes Zeichen. So macht Gott das, von Menschen für Menschen.Ich denke, gerade Menschen in helfenden Berufen wissen, wie sehr jedes Wort und jedeGeste zählt. Und sie wissen genauso, dass das alles keineswegs leicht und selbstverständlichist. Oft genug kommt man selbst an den Rand seiner Kräfte und bewegt mächtige Zweifelim Herzen.Aber keine Bange, damit steht ihr nicht allein. Selbst unserem großen Vorbild heute Morgen,Johannes dem Täufer, ist das zuweilen so ergangen. Jesu spricht einmal von ihm als einem„Rohr im Winde“. Tatsächlich war Johannes hin- und hergerissen zwischen Hoffnung undFurcht, Engagement und Resignation.Das, was er erwartet hatte, der sichtbare Beginn des Gottesreichs, traf so nicht ein. Er selbstim Gefängnis (in der Todeszelle), Jesus geächtet und verfolgt … bedeutete das das Endealler Hoffnung?!Offensichtlich nicht. Die Geschichte hat seiner Hoffnung immer neue Kraft gegeben. Immerwieder sind Menschen bereit zur Umkehr; bereit, den Mainstream zu verlassen, der Geld,Macht und Erfolg als die höchsten Werte preist, und dafür den steinigen Weg der Liebe zugehen. Die Taufe ist der erste Schritt darauf; Gott gebe euch seinen Segen für alle weiterenSchritte!Amen.


Evangelisch-LutherischePaul-Gerhardt GemeindeHamburg-Winterhudein derE. Felix MoserPastorGottesdienst zum 2. Weihnachtstag26. Dezember 2011Predigttext: Offenbarung des Johannes 7,9-17:Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationenund Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor demLamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mitgroßer Stimme: Das Heil ist bei dem, der auf dem Thron sitzt, unserm Gott, und dem Lamm!Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Gestaltenund fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen,Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott vonEwigkeit zu Ewigkeit! Amen. Und einer der Ältesten fing an und sprach zu mir: Wer sind diese,die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ichsprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind's, die gekommensind aus der großen Trübsal und haben ihre Kleider gewaschen und haben ihre Kleider hellgemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tagund Nacht in seinem Tempel; und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie werdennicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oderirgendeine Hitze; denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu denQuellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.Liebe Gemeinde!Was für ein Text für den zweiten Weihnachtstag! Wir haben die fröhlichen Weihnachtsliedernoch in den Ohren und tragen die friedliche Stimmung der letzten Tage an uns. Gern hättenwir das heute Morgen noch etwas verstärkt. Denn es soll ja möglichst lange anhalten. Aberdas ist uns nicht gegönnt. Stattdessen hören wir von „großer Trübsal“ und jenseitiger Welt.Doch ist das wirklich so ein großer Gegensatz? Genau genommen gehören beide Seiten vonAnfang an zu Weihnachten dazu: die Armseligkeit des Stalles wie der Glanz der himmlischenHeerscharen; die Dunkelheit der Geburt wie der Lichtschein des geöffneten Himmels; dieMordpläne des Herodes wie die Rettung des Kindes. Der Predigttext nimmt diese Spannungauf. Ja, natürlich gibt es den Gegensatz zwischen Himmel und Erde; es wäre albern, das zuleugnen. Aber zu Weihnachten geschieht das Wunder: Gott überbrückt den Gegensatz.Das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft: Indem Gott Mensch wurde, schlug er eine Brückezwischen Himmel und Erde. Christen haben das als ihre Wahrheit erkannt. In dieser Nachtvor 2000 Jahren wurde wahr, worauf die Juden seit Jahrhunderten hofften: Frieden soll werdenauf der Erde, Leben soll heil werden, Gott und die Menschen vereint.Die Offenbarung des Johannes knüpft daran an, geht aber zugleich noch einen Schritt weiter.Das Tor im Himmel, das sich damals aufgetan hat, steht noch immer offen. Die Brückezwischen Gott und den Menschen ist nach wie vor begehbar. „Heut‘ schleust er wieder aufdie Tür“, singen wir im Weihnachtslied („Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich“). Genau das wirdjetzt Thema; das soll uns weihnachtlich ausgemalt werden.


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 26.12.11Aber haben wir etwas davon? Hebt das unsere Weihnachtsstimmung? Den frühen Christenhat das tatsächlich viel gebracht. Johannes schreibt seine Offenbarung in der Zeit derschweren Christenverfolgung unter Diokletian. Für die Christen bestand Versammlungsverbot,sie waren ausgeschlossen von der Schulbildung und vom Staatsdienst, und wer sichweigerte, den Kaiser als Gott anzubeten, wurde mit dem Tod bestraft. Johannes selbst entgingdiesem Schicksal nur deshalb, weil er allzu bekannt war und man fürchtete, durch seinenTod einen Märtyrer zu schaffen, womöglich sogar Aufstände.Die Alternative hieß damals Verbannung. Das gab Johannes die Gelegenheit, von seinemExil aus seine Gemeinden weiter geistlich zu versorgen. Grundtenor seiner Botschaft ist:Bleibt stark; das, was ihr jetzt durchmachen müsst, ist nur ein Vorletztes. Dahinter steht Gottesneues Reich. Er selbst wird euch zu Siegern erklären und zu Bürgern in seinem Reichmachen.Den meisten von uns heute ist solche Verkündigung fremd geworden. Wir wollen uns nichtvertrösten lassen auf ein schönes Irgendwann. Und die Bilder, die die Bibel dafür ausmalt,sind uns erst recht fremd, veraltet, verklärt.Aber merkwürdig: andere Zukunftsprognosen faszinieren die Massen. Je bunter und exotischer,desto interessanter könnte man meinen. Nach den Weissagungen des Nostradamushat zur Zeit der Maya-Kalender Hochkonjunktur. Angeblich lässt sich danach ausrechnen,dass 2012 die Welt untergeht. Die Wissenschaftler geben sich alle Mühe, dieses Missverständniszu korrigieren. Die Mayas berechneten keineswegs das Weltende, sie teilten nur(wie andere Völker und Kulturen auch) die Geschichte in Zeitalter ein. 2012 geht nach ihrerVorstellung eine Epoche zu Ende, mehr nicht. Endzeitfanatiker kümmert das nicht. Sie richtensich auf das Ende ein.Geschickte Geschäftemacher wissen das zu nutzen. Nicht nur, dass immer mehr Bücher(„Ratgeber“!) zu diesem Thema veröffentlicht werden, in Mexiko und Italien beispielsweisewerden für betuchte Kunden mittlerweile weltunterganssichere Immobilien angeboten – undtatsächlich verkauft.Andere spielen geschickt mit der Untergangsstimmung. Wer derzeit die Ohlsdorfer Straßeentlangkommt, wird die Litfaß-Säule in der Mitte kaum übersehen: „Mit etwas Glück sterbenSie 2012 als erster“ ist da auf zwei riesigen Plakaten zu lesen. Werbung für ein Buch, das(wenn ich es richtig verstanden habe) den Übergang ins Jenseits erleichtern soll. Ja, so etwaskommt an. Das fasziniert viele, obwohl es doch Angst macht und wenig Raum für Hoffnunglässt.Wie viel schöner, ja weihnachtlicher ist da die Offenbarung des Johannes. Er spricht in seinerVision von einer „großen Schar“ in weißen Gewändern vor Gottes Thron. Dabei denkt erohne Frage zuerst an die Verfolgten seiner Zeit; ihnen will er schließlich Mut und Hoffnunggeben. Aber das allein wäre nur eine kleine Schar. Das kennen wir von den Sekten zur Genüge:Nur die wenigen, die zu uns gehören, sind die Erretteten, alle anderen gehen gnadenlosunter. Da lässt sich Johannes nicht einordnen.Lesen wir noch einmal genau nach, was er sagt: „Siehe, es war eine große Schar, die niemandzu zählen vermochte, aus jeder Nation und aus allen Stämmen, Völkern und Sprachen.“Hier wird es wirklich weihnachtlich, zudem noch global und aktuell.„Aus jeder Nation“ – das heißt doch: vor Gott gibt es keine Nationalitätenfrage und (entsprechend)keinen Nationalitätenkrieg. Kein Serbien, kein Bosnien oder Kroatien; kein Palästinaoder Israel; kein Tschetschenien oder Russland; kein „Euroland“ oder Ami-Land“ … „Ausallen Stämmen“ – daraus lese ich: es gibt vor Gott keinen Stammesdünkel, keine Stammesgrenzen,keine Angestammten, keine Deutschstämmigen …„Aus allen Völkern“ meint: vor Gott gibt es keine Germanen, keine Herrenmenschen-Völkeroder Untermenschenvölker, keine Wohlstands- oder Dritte-Welt-Völker, keine Weißen,


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix MoserPaul-Gerhardt GemeindePastorHamburg-Winterhude Predigt am 26.12.11Schwarzen, Rote oder Gelbe, und es gibt auch keine Unterschied mehr in der Sprache. Siealle verstehen sich untereinander; sie alle verstehen Gott.Das ist doch wirklich eine weihnachtliche Perspektive! Johannes malt das aus, was der Verkündigungsengelansagt mit seinem “Frieden auf Erden!“ und ich bin sicher, Johannes formuliertdas alles nicht nur als endzeitliche Vertröstung. Er war ein angesehener Gemeindevorstehereiner aufstrebenden, christlichen Gemeinde in Kleinasien. All sein Herzblut, seineganze Glaubenskraft lag dort in seiner Heimat. Mit den Menschen war er persönlich verbunden.Mit anderen Worten: Sie lagen ihm als lebende, mutige und frohe Christen am Herzen,nicht als engelgleiche Wesen an Gotte Thron. Er will sie fürs Leben stark machen, nicht fürsSterben.Für mich persönlich hat die Weihnachtsgeschichte ihren stärksten Impuls am Ende, wo esvon den Hirten heißt: „Sie kehrten wieder um priesen und lobten Gott um alles, was sie gehörtund gesehen hatten.“ Mir sagt das: Die Hirten gehen zurück in ihren Alltag, bereichert,beflügelt durch das Neue, das sie erlebt haben.Genau das erhofft sich Johannes von seinen Lesern. Da soll sich keiner aufs Ende einstellen(wie denn auch?). Aber alle sollen sich begeistern und mitreißen lassen von seiner Visioneines großen Friedens ohne nationale Unterschiede, ohne Stammes- und Völkergrenzen. –Sind wir selbst reif für so viel Weihnachtswirklichkeit?!Amen.

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