Von Ali Baba zu Al Capone - Kripo.at

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KOMMENTARHISTORIEVon Ali Babazu Al CaponeBandenkriminalität ist wahrscheinlich so alt wie das Verbrechenselbst. Bereits in der Antike waren solche Zusammenschlüssebekannt. Oft war es die pure Armut, die zu regelrechten Räuberwanderungenführte. Aus dem Mittelalter kennen wir die Bildungräuberischer Banden, ein Thema das sich bis in unsere Tage in verschiedenenVarianten wiederholt.Seeräuber, Grabräuber, Raub aus sozialenGründen, militärisch motiviert, aus Habgieroder gekränktem Stolz - die Liste ließe sichbeliebig fortsetzen. Gleich ist, dass es sichbei den Räubern fast immer um den Zusammenschlussmehrerer Personen handelte.Oft waren es vertriebene Bauern undmarodierende Soldaten, die auf diese Weiseihren Lebensunterhalt bestritten. Die ausdem Orient stammende Geschichte von AliBaba und den 40 Räubern zeigt auch wiefließend die Grenzen waren. Der arme HolzfällerAli raubte den Räubern den ihrerseitsgeraubten Schatz und wurde dadurch reichund angesehen. Hier wird sichtbar, dassRäuber und Banden immer wieder in dieNähe einer merkwürdigen Sozialromantikgerückt werden.Dies galt sowohl für Robin Hood, der inden ältesten schriftlichen Quellen aus derMitte des 15. Jahrhunderts noch als gefährlicherWegelagerer einfacher Herkunftdargestellt wird, bis zu den berüchtigtenamerikanischen Gangsterbossen des 20.Jahrhunderts.Der große HansjörgDer legendäre "Räuberhauptmann" JohannGeorg Grasel (Jan Jirí Grázl), auch der"große Hansjörg" oder Niklo genannt, wurdeim mährischen Neu-Serowitz (Nové Syrovice)in eine Abdecker-Familie hineingeboren,die von Kleinkriminalität und Betteleilebte. Die Abdecker (Schinder, Wasenmeister)gehörten zu den sozialen Randgruppen.Sie zählten zu den unehrlichen Berufenund lebten daher abseits. Grasl, der immerwieder gerne als "edler Räuberhauptmann"dargestellt wird, war in Wahrheit ein ziemlichbrutaler Krimineller, der auch vor Mordennicht zurückschreckte.Zu seinen Straftaten zählten sowohl kleinereDiebstähle an armen wie wenigerarmen Personen als auch größere Einbrüche,manche mit schweren oder tödlichenMisshandlungen der Opfer. Grasel begingdie Einbrüche meist mit drei Gefährten, dieaber fast immer wechselten.Grasl ein "edler" RäuberhauptmannSohn einesWasenmeistersDer Sohn eines Wasenmeisters, der ebensowie seine Frau, mehrmals wegen Diebstahlsverhaftet wurde und eingesperrt war,konnte, wie auch viele kriminelle Bandenheute, auf ein weitverzweigtes Netzwerkzurückgreifen. "Wasenmeister" gehörtenseit dem Mittelalter zu den "unehrlichen"Berufen und verfügten über ein überregionalesBeziehungsgeflecht zu den Angehörigengleichartiger Berufe. 1806 war Graseldas erste Mal an einem Diebstahl mitbeteiligt.Seinen größten und auch ergiebigstenEinbruch verübte er in der Nacht des 21.8. 1814 beim Kaufmann Mathias Loidoldin Großsiegharts (Niederösterreich). DieBeute hatte einen Warenwert von 5.343Gulden. Zwischen November 1815 undOktober 1816 wurden vom Wiener Kriminalgerichtin mühevollen Untersuchungen224 Personen als "Mitverflochtene" Graselsausgeforscht.Schließlich wurden 66 Personen in Zusammenhangmit dem Fall angeklagt. In 141Sitzungen stellte das Gericht 881 Fragenan den Angeklagten. Dass sich der Prozessüber ein Jahr hinzog, lag zum Teil ander Vielzahl der zu klärenden Taten undzu überführenden Mitschuldigen, zum Teilaber auch an den vielen Anfragen, Erhebungsaufträgenund Rechtshilfeersuchen,27


HISTORIELucky Luciano - reich und berühmtRäuberbanden auch im "Wilden Westen"auf deren Erledigung das Gericht oft langewarten musste. Grasls Hinrichtung erfolgteam 31. 1. 1818 auf dem Galgen am Rabenstein(nahe der heutigen Roßauer Kaserne)Die PlattenBeginnend in den Zwanziger- und Dreißigerjahrendes vergangenen Jahrhundertswaren im Wiener Raum sogenannte "Platten"aktiv. Auch sie waren kriminelle Banden,deren Tätigkeit sich über die ganzeKriegszeit bis weit in die zweite Hälfte des20. Jahrhunderts erstreckte. Die einzelnenBandenmitglieder wurden daher als "Plattenbrüder"bezeichnet. Weder der Ständestaat,noch das rigide Regime der Nazisund die anschließende Besatzungszeit,konnten sie wirklich ausrotten. Berüchtigtwaren zu jener Zeit nicht nur der WienerPrater und die Gegend um den Donaukanal,sondern jener Favoritner Bezirksteil,der von Insidern liebevoll "Kreta" genanntwurde. Einzelne Delikte dieser Platten aufzuzählenwäre müßig. Bekannt ist jedochein schwunghafter Handel mit allem, wases offiziell nicht gab. Die Palette reichte vonteuren Textilien und besonderen Nahrungsmittelnbis zu seltenen Medikamenten. -Soweit man der "Plattenbrüder" habhaftwurde, landeten sie im Gefängnis bzw. imKonzentrationslager.Banden in den USAFast jeder, der sich mit der Geschichte des"Wilden Westens" beschäftigte, kennt dieLegenden um die amerikanischen Gangsterdes 19. Jahrhunderts. Die große Zeit derBandenkriminalität begann in den USA allerdingsmit der Einführung der Prohibition.Damals wurden neben den älteren irischenBanden vor allem Gangster italienischerAbstammung wie Al Capone und LuckyLuciano reich und berühmt. Capone, 1899in Brooklyn geboren, zog 1919 nach Chicago,wo er neuer Boss der Colosimo-Bandewurde. Schnell dehnte er seine Macht aus,kontrollierte das Glücksspiel, Nachtklubsund den Alkoholschmuggel.St. Valentine's DayMassacreCapones berüchtigste Untat war das "St.Valentine's Day Massacre": Am 14. Februar1929 töteten Capones Leute, als Polizistenverkleidet, sechs Mitglieder der Morans-Gang sowie einen zufällig anwesendenFreund. 1931 wurde Capone wegen Steuerhinterziehungund mehrfachem Betrugangeklagt und schließlich zu 11 Jahren Gefängnisverurteilt. 1947 starb er in Florida.Auch Al Capone versuchte sich immerwieder das Image des "edlen Räubers" zugeben. Obwohl er zahlreiche Morde befahloder selbst verübte, behandelte er seineLeute oft außerordentlich fair und großzügig.Nach dem großen Börsen-Crash 1929Meyer Lansky - der Cleverewar er der erste, der auf eigene KostenSuppenküchen für Bedürftige eröffnenließ.Zur grauen Eminenz der Branche wurdeMeyer Lansky, Sohn eines in die USAemigrierten jüdischen Schneiders ausPolen. Seiner Cleverness und seinenstets korrekten Steuererklärungen verdankteLansky ein Leben in Ruhe, weshalber in Gangsterkreisen als "HonestMeyer" bezeichnet wurde. Er starb unbehelligtam 15. Januar 1983.In EuropaDass auch bei uns die Bandenkriminalitätnach wie vor ein wichtiges Thema ist,beweisen die zahlreichen Tätergruppenaus Süd- und Südosteuropa. Sie sehenim fast grenzenlosen Euroraum ein nahezuunbeschränktes Tätigkeitsfeld.Aktuelles "Glanzstück" einer offenbareuropaweit tätigen Bande ist der Baueines 700 Meter langen Schmuggeltunnelszwischen der Slowakei und derUkraine. Der Tunnel, höchst professionellausgestattet, diente Schmugglernmindestens ein Jahr lang als Handelsweg.Auch die Vermutung, dass illegaleImmigranten aus der Ukraine in die EUgeschleust wurden, liegt nahe.• Josef W. Lohmann*Der Soziologe Roland Girtler beschäftigtsich in zahlreichen Arbeiten mitRandgruppen. Zum Thema verfassteer das Buch: Randkulturen. Theorie derUnanständigkeit (Böhlau, Wien 1996). .29

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