Kleine Portionen, bitte! - Detlev Weise

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Kleine Portionen, bitte! - Detlev Weise

56 | trainingKleine Portionen, bitte!MICROLEARNINGFoto: acy/photocase.commanagerSeminare | Heft 183 | Juni 2013


training | 57Microlearning ist auf dem Vormarsch. Immer mehr Unternehmenreichen ihren Mitarbeitern neues Wissen in kleinen Häppchen.Wie der Trend zur Kürze die Personalentwicklung verändert undwo die Ultra-Kurzformate (noch) an ihre Grenzen stoßen.Preview: !IMOOCs und TEDs: Wie der Trend zurKürze die Lernwelt bereits verändert hat !IToo long,didn’t read: Wie die Ungeduld der Generation Y denKurzformaten Vorschub leistet !IVon handgezeichnetenFiguren bis zu digitalen Lernlandkarten: Die Angebotspalettedes Microlearnings !IHandlungskompetenzals Hürde: Was sich mit Mikrolektionen nichtvermitteln lässt !IVom Minuten- zum Sekundentakt:Wie Twitter Nanolernen betreiben will" Wie erklären wir den Mitarbeitern, wasKompetenzmanagement ist? Wie lässt sichvermitteln, was bei einem Brand zu tun istoder wie die Regeln gegen Korruption aussehen?Vor solchen Aufgaben steht CarstenFreundl täglich. Der 39-Jährige arbeitet beider Audi Akademie in Ingolstadt, einer einhundertprozentigenTochter des Autoherstellers,die bei Personal- und Kompetenzentwicklungunterstützt.Bei Freundl melden sich die Fachabteilungen,wenn sie Lerninhalte möglichstschnell den Angestellten vermitteln wollen.Früher waren oft Schulungen oder mehrstündigeOnline-Kurse der Weg der Wahl,doch heute gilt eine neue Devise. „Wir versuchen,möglichst viel in kleine Häppchenaufzuteilen“, erklärt der Lernberater.Ein neues Format, das dabei zum Einsatzkommt, ist die sogenannte Simpleshow.Diese Videos dauern maximal vier Minutenund erklären einen Sachverhalt mithilfe einfacherAnimationen. Auf Papier gezeichneteMännchen werden von einer realen Handdurchs Bild geschoben, dazu erklärt eineStimme aus dem Off, worum es geht. EineBerliner Agentur liefert die Clips, die vomStil her an die „Sendung mit der Maus“ erinnern.Und sie kommen an: Einzelne Simpleshowssind schon tausendfach abgerufenworden. „Es geht darum, die Mitarbeiter zuerreichen, wenn sie gerade ein bisschen Zeithaben“, erklärt Freundl die Strategie. DieErklärvideos hätten genau die richtigeLänge, um sie kurz vor dem nächsten Meetingoder Telefonat dazwischenzuschieben.Einer der wichtigsten LerntrendsImmer mehr Unternehmen reichen ihrenMitarbeitern neues Wissen in kleinenHäppchen, sogenannten Learning Nuggets.Bei einer Umfrage des MMB-Instituts imvergangenen Jahr wurde das Thema Microlearningals einer der drei wichtigstenZukunftstrends genannt, hinter Mobile undSocial Learning. Das Prinzip ist einfach: DerServiceFilmtipp! Ein vierminütiges Wissenshäppchen, in demder Begriff Microlearning eingängig erklärt wird,findet sich unter http://elearningblog.tugraz.at/archives/5076.managerSeminare | Heft 183 | Juni 2013


58 | trainingLernstoff wird zunächst so weit wie möglich zerteilt,ohne dass er seinen Sinn verliert. Dann bekommen dieLernenden das Destillat als Kurznachricht oder Videogereicht. Die Idee ist, solche Learning Nuggets genaudann zur Verfügung zu stellen, wenn der Wissensbedarfentsteht. „Just enough, just in time“, so fassen amerikanischeE-Learning-Experten die Anforderungenzusammen.Zu beobachten ist die Tendenz zu immer kleinerenPortionen schon seit rund zwei Jahren, doch erst jetztsetzt sie sich auf breiter Front durch. „Das Hantierenmit kurzen Videos ist selbstverständlich geworden“,beobachtet Jochen Robes, Marktkenner und Autor vonWeiterbildungsblog.de. Als Beispiel nennt er sogenannteMassive Open Online Courses (MOOCs), die imvergangenen Jahr geradezu aus dem Boden geschossensind. Anbieter wie Coursera, edX oder Udacity lockenmittlerweile Zehntausende von Teilnehmern an. „Hierist die fünf- bis zehnminütige Videolektion, gefolgt voneinem kurzen Quiz, schon der Standard“, so Robes. AusführlicheFormate wie eine abgefilmte Vorlesung oderdas klassische WBT, womöglich noch mit Texten durchsetzt,hätten auf diesen Plattformen ausgedient. Einweiteres Beispiel für die Tendenz zum Knappen sind diebekannten TED-Konferenzen, bei denen Vorträge seltenlänger als 15 Minuten dauern.Die Generation Y lehnt Ausschweifendes abMit ihren Videohäppchen kommen die Online-Kursevor allem den Wünschen der Kundschaft nach – derGeneration Y, wie die nach 1984 Geborenen bezeichnetwerden. Diese Alterskohorte ist mit dem Drei-Minuten-Videoauf YouTube groß geworden und lehnt Ausschweifendesgrundsätzlich ab. Längliche Beiträge inBlogs oder Foren kanzeln die Youngster gerne mit einerAbkürzung „tl;dr“ ab. Sie steht für „Too long, didn’tread“, also „Zu lang, hab’s nichtgelesen“.Zusammen mit der GenerationY selbst hat sich diese Attitüdein der Arbeitswelt verbreitet.Studien, unter anderem von derUniversität Hamburg, habenergeben, dass die durchschnittlicheAufmerksamkeitsspanneeines Internetnutzers von 12Sekunden im Jahr 2000 auf nunmehracht Sekunden gesunkenist. Wer heute Personalentwicklungbetreibt, muss also mit derUngeduld der Zielgruppe rechnen.„Die Lernformate folgenganz klar der Ästhetik und Sozialisationder jungen Generation“,bestätigt Ingo Rollwagen, Weiterbildungsexpertebei DeutscheBank Research, Frankfurt, demThinktank des Finanzkonzerns.Zu den Profiteuren des Mircolearning-Trends gehören Dienstleister wie simpleshow.„Die Auflösung in immer kleinereLerneinheiten läuft seit zwei Jahren aufHochtouren“, berichtet Detlev Weise, CEOdes Berliner Unternehmens. Geboren wurdedessen Dienstleistung übrigens aus der Not:2008 hatte ein Kunde die Agentur angesprochen,weil er ein kurzes Produktvideobrauchte. Da das Budget für Computergrafikoder gar reale Schauspieler zu klein war,drehten die Gründer einen Clip, in dem siegezeichnete Figuren per Hand hin- und herschoben.„Erst danach stellte sich heraus, dasviele Kunden das wollen“, so CEO Weise.Drei Minuten Film, maximal 400 WörterMittlerweile ist der Produktionsprozessdurchorganisiert: Der Kunde beschreibt denSachverhalt, den es zu vermitteln gibt. Nacheinem ausführlichen Briefing liefert Simple-„Die Lernformate folgen derÄsthetik und Sozialisationder jungen Generation.“Dr. Ingo Rollwagen, Senior Analyst bei derDeutsche Bank Research, Frankfurt.Kontakt: ingo.rollwagen@db.com


training | 59„Die Auflösung in immer kleinereLerneinheiten läuft seit zwei Jahrenauf Hochtouren.“Detlev Weise, CEO des Lernfilmproduzenten simpleshow, Berlin.Kontakt: detlev.weise@simpleshow.comshow ein kurzes Drehbuch, dasder Auftraggeber beliebig oftmodifizieren kann. Der eigentlicheClip entsteht komplettanalog, innerhalb eines Tages,zum Fixpreis von 8.000 Euro.Mithilfe von Wissenschaftlernhat simpleshow mittlerweile dasoptimale Format herausgearbeitet:drei Minuten Video, mitmaximal 300 bis 400 Wortengesprochenem Text. Selbst sperrigeThemen – von Compliancebis Produktsicherheit – lassensich so in der Kürze der Zeit vermitteln.Die Referenzliste von simpleshowzeigt, dass das Verlangennach Kurzformaten in der Breiteangekommen ist. Die Kundenreichen von BASF über Mercedes-Benz bis zu E.ON und Bosch.„Einerseits sollen sich die Mitarbeiterimmer schneller neues Wissen aneignen, andererseitshaben sie immer weniger Zeit“, erklärt Peter A.Bruck, Geschäftsführer der Research Studios AustriaForschungsgesellschaft, Salzburg. Der Kommunikationsforscherbefasst sich nicht nur akademisch seit vielenJahren mit dem Thema Microlearning, sondern bietetmit Knowledge Pulse auch ein passendes Produkt an.Lernen und Erfolgsmessung laufen gleichzeitigEs funktioniert wie eine digitale Version der guten altenLernkarte: Die Nutzer bekommen regelmäßig neueMini-Lektionen auf ihr mobiles Endgerät geschickt odermüssen eine Multiple-Choice-Frage beantworten. „Lernenund Erfolgsmessung passieren gleichzeitig, es wirdsichtbar, wie viel wirklich hängen geblieben ist“, wirbtBruck. Daneben können die Nutzer auch eigene Inhaltekreieren, also mit ihrem Handy neue Lernkarten anlegen,die dann die anderen Nutzer – nach einer Qualitätskontrolle– sehen.Eingesetzt wird das System zum Beispiel im österreichischenBundeskanzleramt: Neue Mitarbeiter lernenhier mithilfe von 48 digitalen Kärtchen die allgemeineBüroordnung kennen. Das UnternehmenNetDoktor nutzt das System, um niedergelasseneÄrzte mit aktuellem medizinischenWissen zu versorgen. Übergreifende Statistikenzur Erfolgsrate gibt es bislang nicht,doch Bruck berichtet von dreimal wenigerDurchfallern im Vergleich zu einer herkömmlichenSchulung am Stück. InteressantesDetail: Sein Team testet derzeit, obsich Microlearning für Demenzkranke eignet.Erste Erfahrungen deuten darauf hin,dass bei dieser Zielgruppe Kurzlektionen gutaufgenommen und behalten werden.Verhalten kann nicht gezeigt werdenNatürlich lassen sich nicht alle Inhalte derartkomprimiert darstellen. Microlearning iststark, wenn es darum geht, Fakten, Definitionenoder Abläufe zu vermitteln oder fürein Thema zu sensibilisieren (Fachwort:Procedural Knowledge). „Es ist nicht möglich,ein bestimmtes Verhalten zu zeigen“,schränkt Kommunikationsforscher Bruckein. Auch Praktiker Freundl von der AudiAkademie sieht Grenzen des Formats.„Microcontent kann nur ein Anker sein,eine sinnvolle Ergänzung.“ Außerdem dürftendie Inhalte nicht zu stark komprimiertsein, da es sonst nicht mehr möglich sei, eineGeschichte zu erzählen.Marktkenner Rollwagen von DeutscheBank Research sieht zudem die Gefahr eines„Bulimie-Lernens“ – Nutzer nehmen vielauf, aber behalten wenig. „Es wird keineHandlungskompetenz aufgebaut.“ Selbstdas Angebot von populären Plattformenwie der Kahn-Academy hält Rollwagen für


60 | trainingMicrolearning kurz erklärt„didaktisch verbesserungsfähig“und noch viel zu wenig interaktiv.Gabi Reinmann, Professorinfür Lehren und Lernen mitMedien an der Universität derBundeswehr München, hat inihrem Blog schon vor einigerZeit eine Lanze für das Gegenstückzum Microlearning gebrochen,das sie „Macro-Learning“nennt. Ihr Argument: Lernendemüssten zunächst eine Idee vomGanzen bekommen, Zusammenhängeerkennen und lernen,eigene Fragen zu stellen. Dafürsei es nötig, viel zu lesen und sichdabei Zeit zu lassen. Häppchenlernensieht Reinmann eher als zweitenSchritt: „Wenn Lernende zu einem Themengebieteine gewisse Orientierung aufgebauthaben, dann mag auch mal ein Microlearningsinnvoll sein, um Details zu klären.“Auf Microlearning könnte NanolearningfolgenDennoch: Das Prinzip „kurz, kürzer am kürzesten“hat sich noch längst nicht totgelaufen.Experten erwarten, dass auf Microlearningwomöglich bald Nanolearing folgenkönnte, mit noch feiner dosierten Inhalten.„Die Orientierung der Menschen auf dieZeit-Erlebnisökonomie nimmt zu“, erklärtAnalyst Rollwagen den großen Trend. Willsagen: Die Lernenden streben danach, inMicrolearning beschreibt das Lernen in kleinen Einheiten, wobei eine Einheit zwischenwenigen Sekunden und ca. 15 Minuten in Anspruch nehmen kann. Eine allgemeingültigeDefinition für Microlearning hat sich noch nicht herauskristallisiert, dafür ein Katalog vonKennzeichen:Was sind die wichtigsten Prinzipien?! Der Inhalt ist so portioniert, dass er nicht mehr ohne Sinnverlust in kleinere Einheitenunterteilt werden kann.! Es geht nur um ein Thema.! Inhalte können an jedem Ort und zu jeder Zeit konsumiert werden, üblicherweise übermobile Endgeräte.! Der Wissensbedarf wird in dem Moment gedeckt, in dem er entsteht (Just-in-time-Prinzip).Was sind typische Inhalte?! digitale Lernkarten, etwa mit Definitionen oder Vokabeln! ein Multiple-Choice-Quiz! kurze Infotexte (Blogeintrag, Twitter-Nachricht, E-Mail, SMS), Zusammenfassungen! erklärende Videos! kurze Audiodateien (Podcasts)Wie klein dürfen die Wissenshäppchen sein?! Die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Leibniz Universität Hannover hat Microlearningin der Praxis getestet: 131 Probanden wurde über ein mobiles Endgerät ein Lernprojektepräsentiert, in dem mehrere Aufgaben gelöst werden mussten (Name des Systems: Ubi-Learn). Die Bearbeitungszeit pro Projekt lag bei zehn bis fünfzehn Minuten. 82 Prozent derTeilnehmer empfanden für diesen Zeitraum zehn Aufgaben als optimal. Weniger wissenschaftlich,aber dafür umso prägnanter, taxiert Martin Lindner von der BeratungsgesellschaftWissmuth die optimale Häppchengröße. Seine These: Microcontent zu konsumieren solltezwischen zwei- und dreieinhalb Minuten Zeit beanspruchen – genau wie ein typischer Popsong.Was ist besser? Learning Nuggets als Text oder als Audio?! Ein Team aus US-Forschern um Darren Edge von Microsoft Research Asia hat in einemTest untersucht, wie gut sich Smartphone-Nutzer Fakten merken können, die entweder alsText auf dem Bildschirm erscheinen oder ihnen als gesprochener Text per Kopfhörer präsentiertwerden. Ergebnis: Probanden, die per Audio lernten, beantworteten 86 Prozent derKontrollfragen richtig, beim Textformat waren es nur 76 Prozent.noch kürzerer Zeit noch mehr Wissen aufzunehmen.Rollwagen ist davon überzeugt,dass sich dieser Anspruch nicht nur in Schuleund Uni, sondern auch im Arbeitslebendurchsetzen wird. Berufseinsteiger würdenin Zukunft selbstverständlich davon ausgehen,dass der Arbeitgeber das gleiche straffeEdutainment bietet wie die MOOCs imInternet. „Unternehmen werden gute Microlearning-Programmeauflegen müssen“, istRollwagen überzeugt.Bis dahin ist es freilich noch ein weiterWeg, schließlich stecken die meisten Firmen– wenn überhaupt – noch in der alten Weltdes E-Learnings fest. Um ins Häppchenlerneneinzusteigen, müssen sie noch einigeHausaufgaben erledigen: Es gilt, vorhandeneLerninhalte nach Schlagworten zu ordnenund ins Kurzformat zu bringen. Systememüssen den Lernfortschritt der Nutzer nachhaltenund passende weitere Häppchenanbieten. Kurzum: Was die Mitarbeiter vonmorgen erwarten, sei nicht weniger als das„fliegende Wissensbuffett“ auf Basis vonstrukturierten Curricula und umfassendentechnologischen Lösungen, so Rollwagen.Lernvideos von maximal sechs SekundenLängeGrenzen der Knappheit scheint es dabeinicht zu geben. Erst kam das Drei-Minuten-Video, dann die dreizeilige Kurznachricht,und künftig könnte ein Lernhappen nurnoch aus wenigen Sekunden Bewegtbildbestehen. Darauf zumindest setzt Twitter:Mit einem Dienst namens Vine will manneue Maßstäbe für Kürze setzen. Die passendeApp erlaubt es, per Handy ein Videomit sechs Sekunden Länge aufzuzeichnenund in seinem Freundeskreis zu verbreiten.Im Demonstrations-Film ist zu sehen, wiesich jemand einen Kaffee einschenkt – dannist die maximale Cliplänge auch schonerreicht. Lässt sich in diesem Zeitraum überhauptWissen vermitteln?Experte Rollwagen von Deutsche BankResearch glaubt, dass in Zukunft nochschneller gelernt wird. Er verweist auf diesogenannte Augmented-Reality-Technologiewie sie bei Google Glass zum Einsatz kommt.Bei dieser Datenbrille, die der Suchmaschinenkonzerngerade testet, werden in denGläsern virtuelle Objekte über das reale Bildgelegt. Das ließe sich auch zur Wissensvermittlungnutzen. Das Szenario: Sobald sichder Träger einem unbekannten Objektnähert, blendet die Brille eine ultrakurzeErklärung dazu ein. „Wir werden ganz neueWissenstechnologien sehen“, ist Rollwagenüberzeugt.Constantin Gillies "managerSeminare | Heft 183 | Juni 2013

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