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weltweitDas Magazin der Jesuitenmission100 Jahre Sophia-Universität TokioSonderausgabe 2013


EditorialLiebe Leserinnen und Leser,in der Jesuitenmission arbeiten wir eng mit vielen Ländern des Südens zusammen.2013 aber blicken wir aus einem besonderen Grund auch ganz weit nachOsten: nach Tokio. Mitten in Japans gigantischer, hochtechnisierter Weltstadtliegt ein Stück Jesuiten-Geschichte, dem wir uns in dieser Festschrift widmen.Vor genau 100 Jahren haben Jesuiten in Tokio eine Lehranstalt gegründet,die heute unter dem Namen „Sophia University“ zu den beliebtesten PrivathochschulenJapans zählt. Der Missionsauftrag der zum Teil aus Deutschlandstammenden Patres – in Japan war dies ein Unterfangen voller Rückschlägeund Grenzen – verquickte sich dabei äußerst fruchtbar mit dem wesentlichenAnliegen der Gesellschaft Jesu, junge Menschen gut auszubilden und sie zurVerantwortung für die Gemeinschaft zu erziehen. Bis kurz nach dem ZweitenWeltkrieg war die Niederdeutsche Jesuitenprovinz für die Universität verantwortlich.Dies ist der Grund für ihre anfänglich stark deutschsprachige Prägungund für ihre bis heute enge Verbindung zum Erzbistum Köln.Die Sophia-Universität, die seit der Eröffnung mittlerweile 110.000 Absolventenhervorgebracht hat, wird bis heute von Jesuiten geführt. Knapp 30 von ihnen unterrichtenim Moment. Auch der heutige Generalobere P. Adolfo Nicolás war dort inden 1970er Jahren Theologieprofessor. Ich selbst habe die Universität und dieverbliebenen deutschen Jesuitenmissionare zum Auftakt des Jubiläumsjahres inTokio besucht. So kann ich bestätigen, was ehemalige und heutige Studentendort wahrnehmen: Diese Hochschule ist ein Garant für Internationalität undgute Lehre. Stolz und selbstbewusst zeigt sich dies im Schulemblem, dem Adlermit der Überschrift „Universitas Sedis Sapientiae“. Hier „sitzt“ die „Weisheit“oder, auf Griechisch, die „Sophia“.Folgen Sie uns auf eine Entdeckungsreise an einen Ort des Wissens!IhrKlaus Väthröder SJMissionsprokurator2 weltweit


Hilfe für Ostafrika InhaltStudierende der Sophia-Universität feiern 2013das 100-jährige Bestehenihrer Hochschule.Auch unser Titelfotozeigt sie in den farbenfrohenYukata-Kimonos,mit denen man sichin Japan traditionellbei Sommerfestenschmückt.Sophia in Zahlen ➜ 4Grußwort ➜ 6Der Traum des Franz Xaver ➜ 7Die Geschichte der Sophia-Universität100 Jahre Ort des Wissens ➜ 12Historische Stationen der Sophia-Universität„Wir nehmen uns mehr Zeitfür die Studenten“ ➜ 17Erzbischof Jean-Claude Hollerich im InterviewVon Märtyrern und Geheimpredigern ➜ 22Christentum in JapanChristlich? Hauptsache menschlich ➜ 27Katholischer Glaube im Uni-AlltagTokio liegt auch am Rhein ➜ 30Die Hochschulfreundschaft mit dem Erzbistum KölnImpressum ➜ 35weltweit 3


Sophia in Zahlen1913wurde die Sophia-Universität als privateOberschule gegründet. Am 29. Märzwurde sie offiziell vom japanischenBildungsministerium unter dem Namen„Jochi Daigaku“ zugelassen. 1928erhielt sie den Status einer Universität.Seit 1951 darf sie Magistergrade, seit1955 Doktorgrade verleihen.1.646Mitarbeiter sind ander Universität inihrem Jubiläumsjahr beschäftigt. 85Prozent der Dozenten in Vollzeit sindJapaner und Japanerinnen, die Übrigenkommen aus rund 20 anderenLändern.Prozent aller Studienbewerber21 bekamen zuletzt einen Studienplatz,so groß ist die Nachfrage.Die Sophia-Universität ist eine derbeliebtesten unter den knapp 600 privatenUniversitäten Japans, die Karrierechancennach einen Studium sinddank des Renommees gut.12.832 Studierende –7.001 Frauenund 5.831 Männer – sind im Jubiläumsjahreingeschrieben. Rund 1.000 vonihnen sind ausländische Gaststudenten.4 weltweit


8Fakultäten gehören heute zurSophia: Theologie, Jura, Wirtschaftswissenschaften,Sprach- undAuslandswissenschaften, Sozialwissenschaften,Naturwissenschaften undTechnologie, Geisteswissenschaftenund die rein englischsprachige Fakultätfür Freie Künste. Zu den rund300 Fächern zählen BrasilianischesPortugiesisch genauso wie Journalistikund „Green Engineering“.Die mehr als 20 Forschungsinstituteund -abteilungen befassen sich mitGlobalisierungsfragen und Nanotechnologie,aber auch mit dem EuropäischenMittelalter, christlichenSchriften oder Kanada-Studien.Länder unterhalten an insgesamtrund 180 Hochschulen 40Austauschprogramme mit der Sophia-Universität.5Campus bilden die Sophia-Universität. Das HauptgeländeYotsuya liegt im Herzen Tokios im Grünen,unweit des Regierungsviertels mitdem Kaiserpalast. Dazu kommen derIchigaya-Campus, der Shakujii-Campusfür katholische Theologie, der Mejiro-Seibo-Campus mit der Krankenpflegeschuleund der Hadano-Campus, Sitzeiner Kurzzeithochschule für Frauenetwa 65 Kilometer außerhalb von Tokio.Eine weitere kleine Außenstelle befindetsich in Osaka.7.000bis 17.000 Eurobetragen die Studiengebührenzurzeit pro Jahr, je nachFach und Studienjahr. Knapp 70 Prozentihrer Einnahmen bezieht die Sophiaaus Studiengebühren.1.266.726 Bücherund 12.999 Zeitschriften stehen derzeitin den Bibliotheken der Universitätzur Verfügung.weltweit 5


GrußwortLiebe Freundinnen und Freunde in Deutschland,in diesem Jahr feiert die Sophia-Universität in Tokio ihr 100-jähriges Bestehen.Aus diesem Anlass möchte ich Ihnen im Namen der Universität ein herzlichesDankeschön sagen.Über viele Jahrzehnte hinweg und in schwierigen Zeiten war die Universitätder personellen und finanziellen Fürsorge der Niederdeutschen Jesuitenprovinzanvertraut. Angefangen von P. Hermann Hoffmann, haben sich weit über 100deutschsprachige Jesuiten dem Werk gewidmet, das Papst Pius X. vor demErs ten Weltkrieg unserem Orden aufgetragen hat. Heute ist die Sophia-Universitätin Japan, in Asien und vielen anderen Ländern eine angesehene Universität.Ermöglicht wurde dies von allen, die mit ihrem Gebet, ihrem Leben und ihrenSpenden dazu beigetragen haben.Mein ganz besonderer Dank gebührt dem Erzbistum Köln, das vor allemin der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit Rat und Tat denAusbau der Universität zu einer modernen Hochschule begleitet hat.Die Sophia-Universität hat viel empfangen, und wir möchten unterdem Stichwort „Sophia: Bringing the World Together“ in bester christlich-akademischerTradition unser Wissen und Können weitergeben. Sohaben wir zum Beispiel neuerdings ein eigenes Programm gestartet, umjunge begabte Menschen aus Myanmar zu fördern, in Partnerschaft mit demErzbistum Köln, das hierfür drei „Kardinalsstipendien“ zur Erinnerung an dieErzbischöfe Frings, Höffner und Meisner gestiftet hat.In einem Festgottesdienst werden wir der verstorbenen Freunde und Wohltätergedenken. Das Wappen der Universität ziert als Motto das „Lux Veritatis“, als„LV“ zu sehen auf dem Brustschild des Adlers. Möge ihnen allen dieses ewige„Licht der Wahrheit“ leuchten.Mit diesem Dank darf ich die Bitte verbinden, dass Sie uns auch in Zukunfthelfen, im Sinne unserer Gründer ein Ort des Studiums und des internationalenAustauschs zu bleiben.P. Toshiaki Koso SJVorsitzender der Sophia-Schulkörperschaft6 weltweit


Der Traum des Franz XaverDer Traum des Franz XaverDie Geschichte der Sophia-Universität ist ein Erfolgsmodell der JesuitenSchon in der Mitte des 16. Jahrhundertsbewunderte der hl.Franz Xaver, der erste Missionar,der nach Japan kam, das hohe intellektuelleNiveau der Japaner. In Kyoto,der alten Hauptstadt, lernte er dasblühende Erziehungswesen der buddhistischenTempelschulen kennen.Er berichtete nach Europa, dass diezukünftige Japanmission ein hochqualifiziertesErziehungssystem brauche.Xavers Traum sollte erst im 20. JahrhundertWirklichkeit werden.In päpstlichem AuftragIm Auftrag von Papst Pius X. gründetendie Jesuiten 1913 die Sophia-Universität. Rechtsträger war dieSchulkörperschaft „Jochi Gakuin“(das japanische „jochi“ bedeutet soviel wie „Weisheit“ oder das griechische„sophia“, was sich in den folgendenJahrzehnten als Name einbürgernsollte); ein geeignetes Grundstückim Zentrum Tokios war gekauft, einHörsaalbau in Angriff genommen.Zum Beginn des Vorlesungsbetriebs(an zwei Fakultäten – Philosophie undHandelswissenschaft) fanden sich 16Studenten ein. Die erste Fremdsprachewar auf Wunsch des ErziehungsministeriumsDeutsch, die zweite Englisch.Spannungen mit dem Militär und finanzielleProbleme machten in denJahren vor dem Zweiten Weltkrieg dieSophia-Universität wenig attraktiv fürStudienanfänger. Die wissenschaftlicheArbeit dagegen florierte. Eine ihrerwichtigsten Aufgaben wurde dieHerausgabe einer katholischen Enzyklopädieauf Japanisch. Die Arbeitbegann 1932 unter Pater JohannesKraus. Der erste Band erschien 1940,der Ergänzungs- und Indexband nachAn den Gründungspräsidenten,denJesuitenpater HermannHoffmann (1864–1937),erinnert eine Büste aufdem Yotsuya-Campus.weltweit 7


Der Traum des Franz Xaverder turbulenten Kriegszeit erst 1960.Etwa gleichzeitig gründete Pater JohannesLaures die „Kirishitan Bunko“,eine Spezialbibliothek, die japanischechristliche Originalwerke und Erinnerungsstückeaus dem 16. Jahrhundertsowie einschlägige Literatur sammeltund wissenschaftliche Monografienpubliziert. Eine Quartalsschrift für Japanologie,„Monumenta Nipponica“,zunächst überwiegend auf Deutsch,heutzutage auf Englisch, wurde vonPater Johannes Kraus begonnen undwar das einzige wissenschaftliche Journalauf diesem Gebiet.Amerika war VorbildDas Ende des Zweiten Weltkriegesveränderte die japanische Gesellschaft,ihr kulturelles Wertesystem und diegeistige Ausrichtung der Bevölkerunggrundlegend. Ein neues Erziehungssystemnach amerikanischem Musterwurde eingeführt; die Zahl der Hochschulenund Universitäten wuchs. DasUniversitätsstudium wurde zugänglicher.Dank der Hilfe der amerikanischenJesuiten konnte das Universitätsgeländeerweitert, für die Bibliothekein Neubau errichtet werden. Eineenglischsprachige, in den USA akkreditierte„International Division“, dieheutige „Faculty of Liberal Arts“, erlaubteab 1949 den in Japan stationiertenBesatzungstruppen den Studienbeginnoder das Weiterstudium.1951 erhielt die „Jochi“, wie die Universitätkurz auf Japanisch genanntwird, mit dem Promotionsrecht inihren beiden ursprünglichen Fakultätenden Status einer Voll-Universität.Dank der Hilfe des Erzbistums Kölnund im Beisein von Erzbischof KardinalJosef Frings konnte 1957 als drittedie Juristische Fakultät eröffnet werden.Im Zuge des Ausbaus wurde 1963eine Abendschule für soziale Wohlfahrtspflegeeingerichtet. 2010 wurdeschließlich das „Seibo-College“ (Heilige-Mutter-Kolleg),eine Hochschulefür Krankenpflege, von den Missionsfranziskanerinnenübernommen undder Sophia-Schulkörperschaft eingegliedert.Volkshochschulkurse in verschiedenenSparten hatte die Universitätschon von Anfang an angeboten.Ausbau der ForschungAb 1947 entsandte die Ordensleitungviele, hauptsächlich junge, Jesuitenaus verschiedenen Ländern zur Ausbildungund Arbeit nach Japan. NachSprachschule, einer zweijährigen Unterrichtspraxisund dem Theologiestudiumkehrten diese zu Spezialstudienund zur Promotion in die USA odernach Europa zurück. Als sie wiedernach Japan kamen, halfen sie, mit ihrenwissenschaftlichen Arbeiten dasakademische Ansehen der Universitätin der japanischen Gesellschaft zu heben.Eine stattliche Anzahl von wissenschaftlichenInstituten wurde gegründet.Das Mittelalterliche Institutbeispielsweise brachte eine 20-bändigeÜbersetzung mittelalterlicher theologischerund philosophischer Quellenwerkeheraus, die von den MediävistenJapans hoch geschätzt wird.Besondere Erwähnung verdient dasAusgrabungsprojekt der Universitätan den buddhistischen Tempelruinenvon Angkor Wat in Kambodscha. Essteht unter der Leitung des Institutsfür Asiatische Kultur und wird vom japanischenMinisterium für Erziehung8 weltweit


xxxxxund Technologie unterstützt. Auchdie katholische Enzyklopädie wurdeneu aufgelegt. Zehn Jahre nach demZweiten Vatikanischen Konzil konntedas aber nicht einfach eine Überarbeitungsein. Die japanische Spracheund Schrift hatten sich grundlegendverändert, ebenso das kulturelle Umfeldund die Stellung der Kirche inJapan. Es musste eine „Neue KatholischeEnzyklopädie“ werden. 1996erschien der erste Band, 2009 dervierte. Während die alte Enzyklopädiein ihrer Konzeption den katholischenStandpunkt japanischen Intellektuellennahebringen wollte, suchtdie neue eher den Dialog mit nichtchristlichenIntellektuellen. Im Geistdes Konzils wurden Beiträge sowohlvon Nicht-Christen, Buddhisten undShintoisten als auch von orthodoxenund protestantischen Christen erbeten.Das Resultat ist ein intellektuellerKosmos, der wirkliche „Katholizität“darstellt. Derzeit wird an der Digitalisierungdes Kompendiums gearbeitet.Deutsche AnlaufstelleErst 1921/22 war die Japanmissionder Jesuiten und damit auch dieSophia-Universität formell der NiederdeutschenOrdensprovinz anvertrautworden. Am Ende des ZweitenWeltkrieges zählte die Universität32 Jesuiten, darunter 23 deutsche.Dank der Vermittlung von Pater BrunoBitter wurden die 60 deutschenJesuiten, die damals in Japan tätig waren,nicht wie die anderen Deutschenin Japan von der amerikanischen Besatzungsmachtzwangsrepatriiert. Dasermöglichte nicht nur die Fortsetzungder schon vor dem Krieg begonnenenwissenschaftlichen Arbeiten. DamitIn diesem Flur einesGebäudes von 1932hat sich die ehrwürdigeAtmosphäre derUniversität bis heuteerhalten.weltweit 9


Der Traum des Franz XaverHoher Besuch ausDeutschland: Im März1960 übernahm BundeskanzlerKonrad Adenauerden Spatenstich für dieNaturwissenschaftlich-Technische Fakultätmit Pater Klaus Luhmer(links), dem damaligenSophia-Rektor.war auch eine mit den örtlichen Verhältnissenvertraute deutsche Anlaufstelleerhalten geblieben, als Deutschlanddie kirchlichen, politischen undwirtschaftlichen Beziehungen zu Japanwieder aufnehmen durfte.Bedeutsam wurde dieses deutscheElement bei der Errichtung derNaturwissenschaftlich-TechnischenFakultät 1962. Pater Klaus Luhmergelang es, die Bundesregierung unddie deutsche Industrie als Fördererzu gewinnen. Bundeskanzler KonradAdenauer, der schon in den 1920erJahren einen ideellen Baustein für dieSophia-Universität gezeichnet hatte,vollzog 1960 den ersten Spatenstich.Eine „Woche deutscher Technik“,1961 von der Universität veranstaltet,war eines der ersten internationalenSymposien nach dem Krieg und gabder deutschen Industrie Gelegenheit,in Japan wieder Fuß zu fassen und alteBeziehungen neu zu beleben.Mit der Rückkehr und Wiederbelebunganderer deutscher Institutionenin Japan verblasste allmählich dasdeutsche Image der Universität. Heutekann von einer „Deutschen Schulein Japan“ nicht mehr die Rede sein,und mit Nachwuchs aus Deutschlandrechnet niemand mehr. Doch nichtnur einige junge Lindenbäume aufdem zentralen Campus erinnern nochan die deutsche Tradition. Bemerkenswertist, dass trotz Globalisierung undAusrichtung auf die Nachbarländerdie beiden Abteilungen für Deutschland-Studienund Deutsche Literaturheute mehr Studierende anziehen alsje zuvor.Reger Austausch in AsienBei Kriegsende zählte die Universitätnur zwei japanische Jesuiten, PaterPaul Yachita Tsuchihashi und PaterTakashi Oizumi, beide sind schonlange Jahre nicht mehr am Leben.Jetzt im Jubiläumsjahr sind es 16 Japaner,die an der Universität engagiertsind. Die Sophia ist heute eine Universitätmit acht Fakultäten und gut11.000 Hörern (darunter etwa 1.000Ausländer). Dazu kommen zwölfGraduate Schools, also Magister- undDoktorkurse, mit weiteren über 1.400Studierenden. Die Hochschule wirdzu den 13 internationalen Spitzenuniversitätenin Japan gerechnet. Zuvielen asiatischen Universitäten sind10 weltweit


Der Traum des Franz XaverImmer nochein bisschen deutsch„Wandervogel“ ist nicht die einzigeErinnerung an die teilweisedeutschsprachige Vergangenheitder Sophia-Universität. So nenntsich bis heute eine Studentengruppe,die in der Freizeit Ausflüge undBergwanderungen unternimmt.Auch das älteste erhaltene Gebäude,das „Kulturheim“ auf demZentralcampus, behielt seinen Namen.Die mehr als 100 Jahre alteVilla in westlichem Stil, die 1912einem Armeegeneral abgekauftworden war, dient heute den Jesuitenals Hauskapelle. Vor allembei Ehemaligen der Uni ist das„Kulturheim“ als Hochzeitskapellebeliebt. Die „Krupp Hall“ erinnertunverkennbar an die Zeit, alsdeutsche Unternehmer den Ausbauder Sophia förderten. Gleichdaneben ist die „Hoffmann Hall“nach dem deutschen Jesuiten undGründungspräsidenten HermannHoffmann benannt.Kontakte aufgenommen und gemeinsameStudienprojekte entwickelt worden.Zahlreiche Austauschprogrammenicht nur mit Europa und Amerika,sondern gerade auch mit asiatischenLändern fördern und erweitern dasSich-Kennenlernen und leisten einenwertvollen Beitrag zum gesellschaftlichenFortschritt nach dem Universitätsmotto„Männer und Frauen fürandere, mit anderen“. Dafür stehtauch – nach einem Festakt AnfangNovember – als letzte Großveranstaltungin diesem Jubiläumsjahr am7. Dezember in Tokio ein internationalesSymposion der fünf ostasiatischenJesuitenuniversitäten: Sogang(Korea), Fujen (Taipeh), Ateneo deManila (Philippinen), Sanata Dharma(Indonesien) und Sophia (Japan).P. Franz-Josef Mohr SJDer Autor betreut das Archivder Sophia-Jesuitenkommunität.Das „Kulturheim“,eine einstige Privatvilla,stammt aus derGründungszeit derUniversität.weltweit 11


100 Jahre Ort des WissensHistorische Stationen der Sophia-Universität12 weltweit


1549 Franz Xaver erreicht als ersterchristlicher Missionar Japan.1906 Papst Pius X. beauftragt den Jesuitenordenmit der Gründung einerHochschule in Japan.1908 Die drei Jesuitenpatres JosephDahlmann (Deutschland), HenriBoucher (Frankreich) und JamesRockliff (England) treffen in Japanein, um die Hochschulgründung vorzubereiten.1910 stößt noch HermannHoffmann (Deutschland) hinzu, derOberer wird.1912 Die Jesuiten kaufen das ersteGrundstück für die Hochschule imHerzen von Tokio. Dies gelang mangelsStartkapitals nur nach Spendensammlungenin mehreren Jesuitenprovinzenund einer deutschlandweitenKollekte im Jahr 1910.1913 Die Hochschule wird unterdem Namen „Jochi Daigaku“ als erstekatholische höhere Lehranstalt desLandes von den Behörden zugelassen.Sie bietet Abteilungen für Philosophie,deutsche Literatur und Handelswissenschaften.P. Hermann Hoffmannwird erster Präsident.1914 Trotz Ausbruch des ErstenWeltkriegs dürfen die deutschen Patresweiterarbeiten.1918 Die ersten neun Absolventenerhalten ihre Diplome.1923 Das Große Kanto-Erdbebenverwüstet neben der Hafenstadt Yokohamaauch ganze Stadtbezirke Tokios.Die Sophia-Hochschule hat schwereGebäudeschäden hinzunehmen.Oben: Joseph Dahlmann, Henri Boucher und James Rockliff (v. l.) sind die Gründerväter.Mitte: Im März 1912 kaufen die Jesuiten ein Grundstück für die Hochschulebei General Takashima Tomonosuke, einem ehemaligen Kriegsminister.Das Foto entsteht bei der Vertragsunterzeichung mit Pater Hermann Hoffmann(3. v. r.). Unten: Gegen 1950 wird die Ignatiuskirche als neue Universitätskircheerrichtet. Daneben finden wohnungslose Studenten Unterschlupf in sogenanntenNissenhütten, alten amerikanischen Militärbaracken.weltweit 13


Zu den zahlreichenprominenten Besuchernder Sophia-Universitätzählen im Jahr 1981gleich zwei großePersönlichkeiten derkatholischen Kirche:Papst Johannes Paul II.segnet Studierende (linkesFoto), und MutterTeresa stellt sich demGespräch (rechtes Foto).Ins Gästebuch schreibtsie zum Erinnerungsfoto:„Lasst uns dieFreude unserer Liebe zuGott in unseren Herzentragen und diese Freudemit allen teilen, denenwir begegnen, so lasstuns zum Werkzeug desFriedens werden!“1928 Die Hochschule wird vom Staatals Universität anerkannt. Sie umfasstzwei Fakultäten: für Geistes- und fürHandelswissenschaften.1931 Pater Hugo Lassalle gründet dieJochi-Siedlung in einem der ärmstenViertel Tokios. Studenten der Universitäthelfen bei der Betreuung vonKindern, Armen und Kranken. Darauserwächst eine jahrzehntelange Traditionvon Sozialarbeit. Tokioter Jesuitenrichten eine Geburtsklinik, Tagesklinik,Jugend-Autowerkstatt sowie ein KinderundAltersheim für Arme ein. Die beidenHeime bestehen noch heute.1932 Ein vierstöckiges Hörsaal- undVerwaltungsgebäude wird fertig. EinAbendschul-Zweig öffnet, u. a. mitder ersten Abteilung für Journalistikin Japan. Die Universität hat 340Studenten und bleibt bis nach demZweiten Weltkrieg eine der kleinstenin Tokio. Im selben Jahr erfährtsie einen Knick in ihrer Popularität.Drei katholische Studenten verweigernbei einer Exkursion die Ehrenbezeugungfür gefallene Soldaten amYasukuni-Schrein. Die Folge sindzähe politische Verstimmungen zwischender japanischen Regierung undden christlichen Hochschulen. DieStudentenzahlen sinken während derangespannten Zeit des Nationalismusund Militarismus.1941 Der Eintritt Japans in denZweiten Weltkrieg und die Mobilisierungjunger Männer erschweren denHochschulbetrieb und bedrohen dieEigenständigkeit der Sophia. Ab 1944beschädigen amerikanische Luftangriffeeinzelne Gebäude.1945 Die Universität nimmt bereitsim Oktober wieder ihren Betrieb auf.Mit der Neuordnung des japanischenSchulwesens behält sie ihre frühereStruktur. Sie wächst in den folgendenJahrzehnten stark und internationalisiertsich. Entwicklungshilfe ausDeutschland, aber auch aus den USAträgt dazu bei.1948 Behelfs-Wohnheime für wohnungsloseStudenten werden auf demCampus errichtet und nach ihrem Planer,Pater Franz Bosch, „Boschtown“genannt. Die Verantwortung für dieSophia-Universität geht von der NiederdeutschenJesuitenprovinz auf dieneue japanische Vizeprovinz über. Dieanfänglich stark deutsche Prägung derHochschule tritt mehr und mehr inden Hintergrund.14 weltweit


1949 Die Ignatiuskirche auf demUniversitätsgelände ist fertig und wirdzu dessen Wahrzeichen.1951 Die Graduiertenabteilungen fürMaster-Studiengänge werden staatlichanerkannt.1957 Erstmals werden Frauen zumStudium aufgenommen. Die JuristischeFakultät wird eröffnet. KardinalJosef Frings, damaliger Erzbischof vonKöln, wird erster Ehrendoktor.1958 Die Theologische Fakultät unddie Fakultät für Fremdsprachen öffnen.1962 Die Fakultät für Naturwissenschaftenund Technik öffnet. Die deutscheBundesregierung und deutscheWirtschaftsunternehmen wie Volkswagen,Zeiss und Krupp schießen erheblicheFördergelder zu.1968 Studentenunruhen erfassen auchdie Sophia-Universität. 108 Tage langsperrt die Universitätsleitung nach einemPolizeieinsatz Studierende aus,bis es zur Einigung über Reformenkommt.1970 Das japanische Parlament beschließt,Privathochschulen künftig zubezuschussen. 2012 stammten etwa 15Prozent des Haushalts der Sophia-Universitätaus der Staatskasse.1974 Das erste „All Sophians’Festival“ findet statt. Absolventen derHochschule treffen sich seitdem jährlichim Mai zu dieser großen Alumni-Feier.1981 Papst Johannes Paul II. besuchtdie Universität. Die Reihe derprominenten Gäste ist bis heute lang:von Mutter Teresa (1981/84) überLech Walesa (1981) und Helmut Kohl(u. a. 1983/86) bis zum spanischenKronprinzen Felipe (1990) und zurUS-Außenministerin Condoleezza Rice(2005).1984 Die neue Zentralbibliotheköffnet.1987 Die Fakultät für VergleichendeKulturwissenschaften öffnet. Sie gehtauf die 1949 gegründete „InternationalDivision“ zurück. Seit 2006 heißtdieses englischsprachige Angebot einesinterdisziplinären Studiums „Fakultätfür Freie Künste“. Die Teilnehmerzahlender Kurse sind absichtlich kleingehalten, und mehr als die Hälfte derDozenten ist ausländischer Herkunft.Linkes Foto: BundeskanzlerHelmut Kohlmacht in den 1980erJahren mehrfach an derSophia Station. 1993erhält er die Ehrendoktorwürde.Rechtes Foto: Heutegehört zur Sophia-Universitätauch eine Krankenpflege-Hochschule,im Bild Schülerinnen beiPraxisübungen.weltweit 15


2005 Die Fakultät für Sozialwissenschaftenöffnet.2009 Das japanische Bildungsministeriumbenennt die Sophia als einevon 13 Universitäten, die im Rahmeneiner Internationalisierungs-OffensiveFördergelder für die stärkere Öffnungzum Ausland erhalten.2011 Nach dem verheerenden Erdbebenund Tsunami stellt die Universitätmit Hilfe von Spenden ausJesuiten-Organisationen in allerWelt einen Hilfsfonds für betroffeneStudenten in Höhe von mehr als800.000 Euro auf.2013 Die Sophia-Universität feiertihr 100-jähriges Bestehen. Zum Jubiläumwerden neben den Festaktenim November mehrere internationaleWissenschaftssymposien veranstaltet.Ein 40-köpfiges Studentenkomiteeorganisiert zahlreiche Geburtstagsaktionenin der Stadt und im Internet,darunter Feste, Flashmobs oderSchreibwettbewerbe.Chronik: Isabel LauerOben: Studierende reparieren ein Dach nach dem katastrophalen Erdbebenvon 2011. Freiwilligeneinsätze haben an der Universität schon seit den 1930erJahren Tradition.Mitte: Ein Mitglied des universitätseigenen Bogenschützenclubs hat sich einJubiläums-Stofflabel ans Trikot geheftet.Unten: Im Volleyballclub wird für körperlichen Ausgleich gesorgt. Zu den vielenSportangeboten der Sophia zählen etwa auch Lacrosse, American Football,Kendo und sogar Autorennen.Quellen: Sophia University; HaraldFuess: „Deutsche Jesuiten in Japan“, in:Deutschland in Japan, hg. v. AnnetteSchad-Seifert u. Gabriele Vogt, Tokio2005.16 weltweit


„Wir nehmen uns mehr Zeitfür die Studenten“Ein besonderer Japan-Kenner unter den Jesuiten lebt in Luxemburg: ErzbischofJean-Claude Hollerich SJ arbeitete und unterrichtete zwischen 1994 und 2011in vielfältigen Ämtern an der Sophia-Universität. Hier hatte der heute 55-Jährigeeinst selbst Japanisch und Theologie studiert. Im Gespräch beschreibt er,was diese Hochschule ausmacht – und wie ihr jesuitischer Geist auch in dersäkularen Wissenschaftswelt von heute fortlebt.Herr Erzbischof, die Sophia-Universitätist für Mitteleuropäer einferner Ort. Bitte beschreiben Sieuns: Ist dort von den europäischenGründungsvätern eigentlich nochetwas zu sehen oder zu spüren?Jean-Claude Hollerich: Wenn mandurch das Haupttor hineingeht, steht daeine Büste von Pater Hoffmann, demersten Rektor der Universität. DerName ist heute noch bekannt. Bei PaterDahlmann – der übrigens zum LuxemburgerStaatsbürger wurde, worauf ichsehr stolz bin – würde ich nicht soweit gehen. Jetzt durch die 100-Jahr-Feier könnten sie aber wieder bekannterwerden.Sie haben lange an der Sophia gearbeitet.Was macht diese Universitätbesonders?Hollerich: Wir sind, glaube ich, besserin der Erziehung. Wir nehmen unsmehr Zeit für die Studenten. Es gibtein viel engeres Verhältnis zwischenihnen und der Professorenschaft als anDer Luxemburger Jesuitund Erzbischof Jean-Claude Hollerich kenntdie Sophia-Universitätsowohl aus dem Studiumals auch aus seinerArbeit in Japan.weltweit 17


InterviewNaturwissenschaftlicherUnterricht amMikroskop. ModerneLehre, die fordert undfördert, ist den Sophia-Mitarbeitern wichtig.den anderen japanischen Universitäten.Man fördert überall immer stark dieganz Guten, damit sie noch besser werden,aber die Sophia zeichnet aus, dasssie immer auch die Schwachen fördert.Auf jeden Fall tun das alle Jesuiten, dienoch dort arbeiten. Es gibt leider keinRanking für die Lehre, sonst wären wirganz oben.Wie funktioniert diese andere Lehrein der Praxis?Hollerich: Man nimmt sich die Zeit,weil die Menschen wichtiger sind. ImZentrum stehen nicht die Universitätund ihr Ruhm. Ich kann von meiner Arbeitdort sagen: Wir lassen auch Studentendurchfallen. Das ist in Japan sehr selten.Nach den Aufnahmeprüfungen läuftman normalerweise durch und kriegtnach ein paar Jahren sein Diplom. Ichhabe meinen Studenten immer gesagt:Wenn du dich nicht anstrengst, kann ichdir die Note nicht geben, aber ich helfedir, wenn du willst. Die gehen darauf ein.Wird diese Pädagogik auch belächelt?Hollerich: Mit der Globalisierungwird unser Modell immer mehr Schulemachen. Japan kann sich nur globalauf dem Universitätsmarkt behaupten,wenn die Universitäten wirklichauch Orte der Lehre sind. Orte derForschung waren sie immer. Zwischenbeidem gibt es eine Kluft in derQualität. Man merkt aber auch, dasseine neue Generation von Studentenkommt, die von einigen Gymnasienanderes als den klassischen Frontalunterrichtgewohnt ist.In Zukunft wird es auch in Japanimmer weniger Jesuiten geben. Wiejesuitisch, wie katholisch kann dadie Sophia-Universität bleiben, geradebei ihrem Ansatz, den Einzelnenzu fördern?Hollerich: Es gibt immer Idealisten,die nicht unbedingt Christen sind. Ichdenke an einen Professor der Fakultätfür Naturwissenschaft und Technik,der Rufe an Universitäten abgelehnthat, wo er weitaus mehr Chancen undGelder für die Forschung bekommenhätte. Weil er einfach die Art der Arbeitmit den Studenten an der Sophia-Universität sehr schätzt. Er ist nur einBeispiel – es gibt eine kritische Masse,die groß genug ist, um die Gesamtatmosphärezu prägen. Das Erziehungsmottolautet „Men and Women forOthers, with Others“ („Männer undFrauen für andere und mit anderen“).Wer sind diese „anderen“?Hollerich: Sophia gilt noch immerals international in Japan. Wir warenschon international, ehe das in Japanmodern wurde. Wir haben immer nochden höchsten Prozentsatz ausländischer18 weltweit


Lehrkräfte. Das hat sich durch die vielenJesuiten ergeben, die durch andereausländische Kräfte in ihren Abteilungenersetzt worden sind. Wir sind vomErziehungsministerium als eine von13 japanischen Universitäten auserwähltworden, die als „Centers of Excellence“weiter internationalisiert werdensollen. Die Gesellschaft Jesu unddie katholische Kirche sind ja globaleInstitutionen. Ich glaube, wir könnenin der Zukunft viel mehr damit machen:noch mehr Vernetzungen, nochmehr Programme für Studenten mitanderen Jesuitenuniversitäten in Südostasienund Ozeanien. Zum Beispielbeim „Service Learning“: Man lässt dieStudenten neue Realitäten durch Freiwilligenarbeitkennenlernen und ihreErfahrungen analysieren, damit daseigentlich Jesuitische auch im akademischenBereich erhalten bleibt. Auchals Folge der Globalisierung wird dieKluft zwischen Arm und Reich in Japanviel größer.Die Sophia-Universität war ein Großprojektim Rahmen der Japan-Mission.Die hat ja nicht gerade die Zahlder Katholiken gesteigert. Was hatdie Mission dennoch hinterlassen?Hollerich: Das Christentum ist inder akademischen Welt bekannt undkein Fremdkörper mehr. Ein ehemaligeramerikanischer Botschafter hates einmal so formuliert: Die christlicheMission war ein Misserfolg, wasReligion betrifft, und ein Erfolg, wasdie Erziehung und soziale Stellung betrifft.Die positivere Haltung Christengegenüber ist die Voraussetzung einerMissionierung.Ist die heute noch Ziel in Japan?Hollerich: Nicht Ziel der Uni, aberZiel der Jesuiten sollte sie schon sein.Nicht im Sinne dessen, dass Menschenzur Taufe gedrängt werden sollen, sonderndass der Freiheit des Einzelnendie Botschaft des Evangeliums angebotenwird.Vorlesungsbetrieb ander Sophia-Universität.An der Hochschulegeht es besondersinter national zu.weltweit 19


InterviewStudentinnen beider Pause in einerCafeteria auf demMejiro-Seibo-Campus.Weniger als ein Prozent der Japanersind Christen. Wie werden sie heuteangesehen?Hollerich: Noch immer als exotisch.Aber wenn man bedenkt, dass dasBekenntnis zum Christentum einmalunter Todesstrafe stand, ist das heuteschon nicht schlecht.Hat die Sophia-Universität auchnach außen gewirkt, etwa durchinterreligiösen Dialog und Kulturvermittlung?Hollerich: In der Vergangenheit mehrals jetzt. Da könnte man noch mehrtun. Wir haben noch einen Jesuiten,einen Franzosen, Thierry-Jean Roboüam,der ein Jahr in einem buddhistischenKloster auf dem Berg Koya gelebtund das Leben der Mönche geteilthat. Er unterrichtet noch immer an derUniversität dieses Tempelbergs, das istsehr gut. Früher hatten wir mehr solcherFachkräfte. Aber Inkulturationin Japan ist etwas sehr Komplexes: Siebedeutet sowohl Inkulturation in dieklassische Kultur als auch in die heutigePostmoderne, die in Tokio von denJugendlichen gelebt wird.Was haben Sie persönlich an derjapanischen Kultur lieben gelernt?Und was bleibt Ihnen bis heute einRätsel?Hollerich: Dass man viel rücksichtsvollerist als in Europa. Man geht mehrauf den anderen ein, schafft mehrKonsens als Kampfkultur. Die Gesellschaftist noch zu sehr viel Kohäsionfähig, was das letzte Erdbeben gezeigthat. Negativ ist manchmal ein Mangelan Kreativität, die vom Konsenserdrückt werden kann. Da wird nichtmehr gefragt, was die Lösung, sondernwas der Kompromiss ist. Dieser Kompromisskann manchmal schaden.20 weltweit


Hilfe für OstafrikaDas hat Japan wirtschaftlich und inanderen Gebieten gelähmt. Ich binpersönlich aber sehr dankbar für meineZeit dort. Der Kirche in Luxemburgund in Europa tut ein Hauchweite Welt nicht so schlecht.Wissen, Forschung und Hochschulwesenglobalisieren sich immerweiter. Was wird dennoch in Zukunftimmer ein japanischer Beitragbleiben?Hollerich: Wir gehen einer Welt entgegen,in der der Westen nicht mehrso wichtig sein wird. Ich sehe dieWirtschaftskrise nur als Anfang einesProzesses, in dem Europa langsamden Erste-Welt-Status verliert. Manist sich bei uns dessen nur noch nichtbewusst, es schleicht sich eine Dekadenzein. Nun wird Asien immer bedeutender,und Japan war das Land,das am meisten Kontakt und Dialogmit dem Westen hatte. Wenn es dieVerbindung schafft zwischen seinerTradition und der Postmoderne, wirdes in Zukunft am meisten einstehenfür Werte wie Demokratie und Menschenrechte– sicher mehr als China,das im Moment ebenfalls in dieserKluft eine neue Moral sucht. Japan istder Trendsetter für Asien geworden,alle Modeartikel werden in Chinaoder Korea nachgeahmt.Aber wird Japan nicht längst überflügeltvon China?Hollerich: Ja, und man merkt, dassJapan nicht mehr der erste Kunde ist.Aber ob es oben bleibt oder nicht –auf jeden Fall ist es das Terrain, wo imSinne eines Verbündeten des Westenseuropäisches Gedankengut sehr starkaufgenommen wurde.Interview: Isabel LauerEine Dozentin und eineStudentin im persönlichenAustausch aufdem Campus.weltweit 21


Hilfe für OstafrikaVon Märtyrern und GeheimpredigernEs vergingen Jahrhunderte, bis sich der Abscheu gegenüber Christenin Japan in Respekt wandelteDas historische Gemäldezeigt einen Akt derChristenverfolgung inJapan: 1597 wurdenin Nagasaki 26 Christengekreuzigt, darunterauch drei junge japanischeJesuiten.Am 15. August 1549 landeteder hl. Franz Xaver auf einemportugiesischen Handelsschiffan der Küste Japans. Vom hl. Ignatiusvon Loyola als Missionar nach Indiengeschickt, durchquerte er ganz Asien,um das Christentum auch in Japan zubegründen. Von den hohen Qualitätendes japanischen Volkes überzeugt,entwickelte er auch neue Formen derEvangelisierung. Sie nahmen Rücksichtauf die ganz andersartige japanischeKultur, pflegten den Dialog, setztenMusik und Theater ein. Als FranzXaver zwei Jahre später Japan wiederverließ, waren die ersten christlichenGemeinden gegründet und etwa 1.000Japaner getauft.Organisation der neuen MissionDie Mitarbeiter Franz Xavers führtendie Arbeit in seinem Sinne fort. Auchwurden bald die ersten Japaner in denJesuitenorden aufgenommen. Der italienischeJesuit Alessandro Valignianoorganisierte die Japanmission der Jesuiten,gründete Ausbildungsstätten, wodie Studenten Theologie ebenso wiedie Klassiker aus Japan und China studierten.Valigniano schickte auch eineAbordnung von vier jungen Japanernnach Europa. Sie hatten am 23. März22 weltweit


Von Märtyrern und Geheimpredigern1585 eine feierliche Audienz bei PapstGregor XIII. in Rom. Zurück in Japan,traten die vier in die Gesellschaft Jesuein, drei wurden Priester.1601 weihte Bischof Luis Cerqueira inNagasaki die Japaner Luis Niabara undSebastian Kimura zu Priestern. Die Kirchewuchs immer tiefer in die japanischeGesellschaft hinein. Wörterbücherund Grammatiken der japanischenSprache entstanden. Lebensgeschichtenvon Heiligen und Gebetbücherwurden veröffentlicht. Ein besonderesKennzeichen der jungen Kirche in Japanwaren die Bruderschaften. In Abwesenheitvon Priestern sorgten sie fürTaufen, Eheschließungen und Beerdigungen.Anfang des 17. Jahrhundertsgab es in ganz Japan nur 200 Priesterfür 400.000 Katholiken.Verfolgung und MartyriumDas Aufblühen des Christentums undein Zusammenstoß mit dem Kapitäneines gestrandeten spanischen Schiffesmachte den japanischen RegentenToyotomi Hideyoshi misstrauisch.Schon 1597 erließ er ein erstes Verbotdes Christentums und ließ auf einemHügel in Nagasaki 26 Christen kreuzigen.Im Jahr 1614 wurden alle Katholiken,ob sie Missionare waren odernicht, unter Androhung der Todesstrafevertrieben, wenn sie nicht ihremGlauben öffentlich abschworen. 1619wurden in Kyoto 52 Christen, unteranderem Kinder zwischen drei undfünf Jahren, bei lebendigem Leib verbrannt.Beim großen Martyrium dersogenannten Ära Genna wurden ebenfalls52 Christen, darunter auch Geistlicheverschiedener Orden, ermordet.Die Shimabara-Rebellion 1637/38war ein vergeblicher Versuch, dieRegierung zu stürzen. Rund 37.000Christen wurden dabei umgebracht.Danach gab es noch viele Versuchevon Missionaren, illegal ins Land einzudringen.Die meisten blieben wegender strengen Kontrollen vergeblich,da alle zugelassenen Schiffe rigoros sicherstellten,dass keine Missionare anBord waren.Verborgene ChristenSeit Mitte des 17. Jahrhunderts formiertesich die Bewegung der „kakurekirishitan“, das heißt der verborgenenChristen. Buddhistische Kwannon-Statuen (Buddha des Mitleids) wurdenbenutzt, um die Jungfrau Mariazu verehren, indem man sie im geheimen„Maria Kwannon“ nannte, oderBilder des Maitreya (sitzender Buddhamit nachdenklich anmutender Handbewegung),um den betenden Jesusabzubilden. Eine der Möglichkeiten,die die Beamten entwickelten, umEin Denkmal erinnertin der Stadt Nagasakian die Missionare undjapanischen Christen,die am 5. Februar 1597zu Märtyrern wurden.weltweit 23


Von Märtyrern und GeheimpredigernDie drei Heiligenstatuenzählen zu den Überrestender katholischenKathedrale von Nagasaki,die bei der Explosionder Atombombe 1945stehen blieben.herauszufinden, wer zu den verborgenenChristen gehörte, war das „fumie“,wörtlich zu übersetzen mit „auf dasBild treten“. Die Zeremonie bestanddarin, auf ein christliches Bild zu treten,um öffentlich seine Ablehnung desChristentums zu bekunden. Die zuständigenBeamten beobachteten, ob esbei der betreffenden Person Anzeichenvon Ablehnung oder Nervosität gab,die darauf hindeuteten, dass es sich umeinen verborgenen Christen handelte.Das „fumie“ war eine spirituelle Folterund eine Verfolgung gleichermaßenfür Christen und Nichtchristen.Ein historisches TreffenDie Meiji-Revolution im Jahre 1868beendete die über 200-jährige Herrschaftder Tokugawa-Dynastie undversuchte, die politische Struktur Japanszu verändern. Die Missionare derGesellschaft für Auswärtige Missionenin Paris erhielten schon kurz vorherdie Erlaubnis, sich in Nagasaki niederzulassenund die Kirche von Ourazu bauen. Die neue Regierung hattejedoch nicht die Absicht, die Verbreitungdes Christentums im Land zubilligen.Doch eine Gruppe der verborgenenChristen beschloss, das Wagnis einzugehenund die neue Kirche zu besuchen.Sie trafen auf Pater BernardPetitjean, der sie zum Verweilen einlud,ohne zu wissen, wen er vor sich hatte.Während der Pater betete, kniete eineFrau neben ihm nieder und sagte leisezu ihm: „Wir haben alle dasselbe Herzwie Sie.“ Der Pater schaute sie verwundertan. Dann fragten sie ihn: „Wo istdie Statue der Heiligen Maria?“ DerPater zeigte ihnen das Bild der JungfrauMaria. Sie riefen aus: „Es ist wahr! Siehält Jesus in ihren Händen.“ Das warder Augenblick der Wiederbegegnungmit den verborgenen japanischen Christenam 17. März 1865. Christen undMissionare waren bewegt. Es bildetensich lange Schlangen von Menschen,die die Kirche sehen wollten. Viele ließenihre Taufe durch die Missionareregeln. Doch so ein erschütterndes Ereignisblieb den zuständigen Beamtennicht verborgen. Sehr viele verborgeneChristen, die sich derart öffentlichzu ihrer Religion bekannten, wurdenverhaftet und des Landes verwiesen.Mehr als 600 Christen starben in dieserZeit, die später als „die letzte Verfolgung“bezeichnet werden sollte.ReligionsfreiheitNachdem die Meiji-Regierung 1873 inJapan Religionsfreiheit gewährt hatte,wuchs das Christentum enorm, gefördertdurch den Einsatz von Missionarenaus aller Welt und die Wiedereingliederungder verborgenen Christen.24 weltweit


Von Märtyrern und GeheimpredigernEinige Gemeinden wollten allerdingsden Glauben ihrer Vorfahren bewahrenund beschlossen, nicht zur katholischenKirche zurückzukehren. Heutesind in der Erzdiözese Nagasaki, in deretwa 70.000 Christen leben, über 100einheimische Priester tätig, ohne dieOrdensangehörigen mitzuzählen.Im Jahr 1908 kehrten die ersten Jesuitennach 300-jähriger Abwesenheitdes Ordens zurück. 1913 gründetensie auf Wunsch des Papstes dieSophia-Universität, die bis heute besteht.Durch die Atombomben vonHiroshima und Nagasaki sah sichJapan zur bedingungslosen Kapitulationgezwungen. Viele christlicheEinrichtungen nahmen danach einenAufschwung. Die Gesellschaft Jesu betreutderzeit zwei Universitäten, vierGymnasien, zahlreiche Gemeindenund Kindergärten, zwei Sozialzentren,vier Exerzitienhäuser, ein Museum,ein Scholastikat und ein Noviziat.Die katholische Kirche heuteDie japanische Kirche altert. Die Verringerungder Geburtenrate bewirkt,dass die Anzahl der Taufen zurückgeht.Konversionen sind nach wie vor seltenund es gibt keine Anzeichen dafür, dasssich diese Tendenz in näherer Zukunftumkehren wird. Aber es gibt auchermutigende Zeichen. Seit KurzemVoll besetzt ist dieIgnatiuskirche derSophia-Universitätbeim Gottesdienst anWeihnachten.weltweit 25


Von Märtyrern und Geheimpredigernkatholische Kirchen oder andere Orte,die mit dem Christentum verbundensind. Andere gehen auf Pilgerfahrt,folgen den Spuren der Märtyrer undempfangen schließlich die Taufe. DieZahl der koreanischen Pilger ist deutlichgestiegen. Ihr Eifer ist auch für diejapanischen Christen ein Anreiz undeine Unterstützung. Schätzungen zufolgegibt es eine Million katholischeAusländer, die aktive Kirchenmitgliedersind. Sicherlich kann ihre gelungeneIntegration eine Öffnung undeine Dynamik bewirken, die im heutigenJapan nötig ist.P. Renzo De Luca SJDer Autor leitet das Museum der26 Märtyrer in Nagasaki.Mitarbeit: P. Ludwig Wiedenmann SJOben: Die TokioterMarienkathedrale mitihrer beeindruckendmodernen Architekturist der Sitz der Erzdiözeseund wurde mitUnterstützung aus Kölnerrichtet.Rechtes Foto:Die Oura-Kirche inNagasaki wurde 1865zum Ort, an dem sichdas Christentum wiederaus dem Untergrundhervorwagte.wird das christliche Erbe Schritt fürSchritt als ein positiver Faktor in derGeschichte Japans gewürdigt. In diesemJahr schlug die japanische Regierungder Unesco vor, die Kirchen undchristlichen Orte zum Weltkulturerbezu erklären. Dies zeigt, dass sich einemerkliche Veränderung vollzieht, diedas Verständnis und die Verbreitungdes Christentums begünstigen wird.Viele Nichtchristen beantragen dieEheschließung in einer katholischenKirche, wobei sie in das christlicheEheverständnis eingeführt werden.Eine Vielzahl von Touristen besucht26 weltweit


Hilfe für OstafrikaChristlich? Egal, Hauptsache menschlich!Ein Jesuit, der an der Sophia Theologie unterrichtet, über diescheinbar kleine Rolle des katholischen Glaubens im Uni-AlltagEs gibt viele anonyme Christen aufdem Sophia-Campus. Ich habe etwasErstaunliches beobachtet: Viele junge,nicht-christliche Japaner wollen mitHilfe christlicher Traditionen nachdem Sinn ihres Lebens suchen. ImWesten hingegen wenden sie sich inden raschen Säkularisierungsprozesseneher von ihrer christlichen Identitätab. Natürlich gibt es in Japan nur wenige,die konvertieren und tatsächlichgetaufte Christen werden. Aber vielesehen in den christlichen Werten ihreneigenen Lebensweg.Ich unterrichte an der Sophia sowohlpure Theologie, also die klassischenFächer der Priesterausbildung, alsauch christlichen Humanismus undchristliche Kunstgeschichte. Schon beiden rein theologischen Vorlesungenüberrascht es mich, wie viele nichtchristlicheStudenten sich anmelden.Sie lernen zusammen mit Seminaristenund Christen im gleichen Klassenzimmer.Für meine Lehrfähigkeiten war esanfangs eine riesige Herausforderung,die zwei Gruppen zu vereinen. Mittlerweilehabe ich begriffen: Wenn derchristliche Glaube universal und offenfür alle menschlichen Wesen ist, mussdie christliche Theologie versuchen,diese Gedanken allen Menschen unsererZeit verständlich zu vermitteln,egal ob sie Christen sind oder nicht.Der koreanische JesuitMark Koo unterrichtetTheologie an derSophia-Universität, diesich an Weihnachtenauch öffentlich christlichilluminiert (Foto oben).weltweit 27


Studentinnen singen imChor der Universitätskirche.Religionen undKonfessionen spielendabei keine Rolle.In jedem Semester schreiben sich auchrelativ viele Studenten – rund 300– für die Vorlesungen zu Humanismus,Architektur und christlicher Geschichteein. In den Erzählungen vonAbraham, Jakob, Josef, Moses oderDavid im Alten Testament lernen sie,wie sie ihre eigenen Erfahrungen vonHoffnung und Enttäuschung, Freudeund Leid interpretieren können. Sieerfahren von der römischen und byzantinischenZeit des 4. Jahrhunderts,von der Gotik, Renaissance oder demBarock. Eine mögliche Erklärung fürdie Nachfrage könnte sein, dass sichjunge Japaner für westliche Kulturinteressieren. Ich glaube aber, dassein tieferer Grund dahintersteckt: Ichglaube, dass sie sehr ernsthaft nachdem wahren Sinn ihres Lebens dürsten.Deshalb kommen sie und klopfenan die Tür der Theologie-Klassen.Diese Erfahrung mache ich auch inmeiner Arbeit als geistlicher Direktorder katholischen Studentengemeinschaft.Das ist einer der Studentenkreiseder Sophia. Die 40 Studentenbereiten Gottesdienste mit vor, singenim Chor und veranstalten Wohltätigkeitsbasare.Aber mehr als 60 Prozentvon ihnen sind keine Christen! Voreinigen Jahren war ein netter buddhistischerMönch dabei. Er war von denkatholischen Aktivitäten sehr angetan.Die Studenten wollen den Geist derZusammenarbeit lernen, einen zutiefstchristlichen Wert. Sowohl im Seminarraumals auch im Studentenkreisüberwinden sie freundlich die Barrierenreligiöser Unterschiede. Wie Pauluseinmal in einem Brief schrieb: „Esgibt nicht mehr Juden und Griechen,nicht Sklaven und Freie, nicht Mannund Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘28 weltweit


Christlich? Hauptsache menschlichin Christus Jesus.“ Meine Studentensind sich bewusst, dass es weder Christennoch Nicht-Christen gibt, wederJapaner noch Koreaner. Denn sie sindalle eins in der Verkündung der Wertedes Evangeliums: Friede, Gerechtigkeit,Liebe und Versöhnung. Diese Kulturmöchten sie teilen. Das sagen sie mir,wenn ich sie nach ihren Beweggründenfrage. Die 23-jährige Mihoko Andozum Beispiel, die mittlerweile an einerkatholischen Grundschule arbeitet,ließ sich in ihrem zweiten Studienjahran der Sophia taufen. Die Begegnungmit der katholischen Studentengemeinschaftsei „eine der aufregendstenErfahrungen im College“ für sie gewesen.Oder Shiho Saito, sie ist 19 undstudiert im Moment Theologie. Siebezeichnet die Gemeinschaft als ihrezweite Heimat und „Familie, die Farbein mein Leben hier bringt“.Ich selbst bin Koreaner und stammeaus Seoul. 1990 kam ich nach Japanzur Ausbildung, als einer der ersten koreanischenScholastiker hier. Ich hattedas Glück, dass damals Pater AdolfoNicolás, unser heutiger Generaloberer,mein Theologielehrer in Tokio wurde.Beim Unterricht betonte er stets, dasswir asiatischen Christen nicht nur diewestliche Denkweise imitieren, sondernlernen sollten, unsere eigenen Prinzipienim asiatischen Kontext zu inkulturieren,wie man es nennt. So sehe ichdie Möglichkeit der Evangelisierung inJapan: den Menschen die Gedankendes Evangeliums näherzubringen undin der Gemeinschaft danach zu leben,indem sie den Armen helfen, Gerechtigkeitund Frieden stiften.P. Mark Chung-mo Koo SJBearbeitung: Isabel LauerZwei Studentinnen imKimono helfen bei derGabenbereitung imGottesdienst.weltweit 29


Hilfe für OstafrikaTokio liegt auch am RheinDas Erzbistum Köln pflegt eine ganz besondereFreundschaft zur Sophia-UniversitätDie Sophia-Universitätliegt mitten in der MetropoleTokio – sie grenztan die Grünflächen desKaiserpalasts an.Sie sind stabil, aber es wackeltgelegentlich“, brachte PrälatHerbert Michel vom ErzbistumKöln vor Jahren einmal die Verbindungenzwischen dem Erzbistum Köln undder Sophia-Universität in Tokio auf denPunkt, in Anspielung auf eine bleibendeErinnerung so mancher KölnerJapan-Besucher zu ganz verschiedenenZeiten. Schon als Kardinal JosephHöffner 1973 an der Einweihung desneuen Sophia-Campus der Kurzuniversitätfür Frauen in Hadano teilnahm,gab es ein kurzes, heftiges Erdbeben, beidem die Gäste und auch der Neubaumit dem Schrecken davonkamen. Unddie Trauerfeier für den im März 2011verstorbenen Pater Klaus Luhmer, derzweimal Rektor der Sophia war, mussteaufgrund des großen Tsunami-Erdbebensverschoben werden. Pater Luhmerwar, Kind der Erzdiözese Köln durchGeburt, über viele Jahrzehnte so etwaswie das Gesicht der Sophia-Universitätin Köln.Erste Kontakte der 1913 gegründetenSophia-Universität nach Köln bestandendarin, dass sie bei der Neuordnungder Deutschen Jesuiten-Ordensprovinz30 weltweit


Tokio liegt auch am Rhein1921/22 der neuen NiederdeutschenProvinz als Japan-Mission zugeordnetwurde, die sich in Köln ansiedelte. DieMissionsprokur „Deutsche JesuitenmissionJapan“ unternahm es nichtohne Erfolg, unter den Gläubigender Region Missionsbegeisterung undSpendeneifer zu wecken, unter anderemseit 1928 durch die Zeitschrift„Aus dem Land der aufgehenden Sonne“,die 1997 in „weltweit“ aufging.Zur Gründung der Universität hattendie Bischöfe am zweiten Adventssonntag1910 eine deutschlandweite Kollektegewährt, übrigens die erste undeinzige ihrer Art in der ersten Hälftedes 20. Jahrhunderts. Im Aloisiuskollegder Jesuiten zu Bad Godesbergwar, woran sich später BundeskanzlerKonrad Adenauer bei seinem Besuchin Tokio 1960 noch genau erinnernkonnte, für Bausteine zum Bau derHochschule geworben worden.Kardinal Frings setzte auf JapanSo war im Jahr 1954 die Existenz dieserUniversität für Kardinal Josef Frings undseine Berater ein wichtiges und letztlichausschlaggebendes Argument für dieWahl von Tokio als Partner-Erzbistum.Die Anwesenheit deutschsprachigerund namentlich aus dem Bistum stammenderMissionare vor Ort machte eswahrscheinlich, dass man sich mit ihremZutun über die Sprachbarrieren würdehinwegsetzen können. Die Namender Gründungsväter Joseph Dahlmannund Hermann Hoffmann hatten inDeutschland einen guten Klang. DiePatres Heinrich Dumoulin und HugoMakibi Enomya-Lassalle standen zwarnoch am Beginn ihrer Karriere alsZen-Spezialisten, hatten sich aber dochbereits einen Namen beim theologischreligionswissenschaftlichinteressiertenBildungsbürgertum gemacht.Die rasche Entwicklung der Sophia-Universität in der Dekade von 1947bis 1957 – sie wuchs von zwei auffünf Fakultäten, von 500 auf 3.000Studenten – ließ in Kölner Augendie Jesuiten mit diesem Zugangswegzu der wichtigen Bildungsschicht desLandes zum zentralen Mitspieler inder Partnerbeziehung mit dem ErzbistumTokio werden. Das sah vonBeginn an die Tokioter Bistumsleitunggenauso. Es kann als sicher gelten,dass Erzbischof Peter Doi sich fürseine Korrespondenz nach Köln derHilfe deutscher Jesuiten bediente, undzugleich entsandte er den Präsidentender Universität, Pater Takashi Oizumi,der des Deutschen mächtig war,als Teilnehmer zu der 1955 im ganzenErzbistum Köln durchgeführten Tokio-Informationswoche.Durch dessenInformationen sah sich Köln bereitsZwei Rheinländer inTokio: Sophia-Rektorund Jesuit Klaus Luhmer(l., 1916–2011) empfingKardinal Josef Frings(1887–1978) viele Malein der Universität. DerKölner Erzbischof warvon der Partnerschaftmit der Jesuiten-Universitätso angetan,dass er Tokio alsPartner-Erzbistumwählte.weltweit 31


Tokio liegt auch am RheinIn der zweiten Hälfteder 1920er Jahre warbdie Kölner Jesuitenmissionum Zuschüssefür einen Neubau inTokio: Ein großes Erdbebenhatte 1923 dasSophia-Hörsaalgebäudezerstört. Das Spendensammelblattzeigtsymbolische Bausteine,die für 30 Pfenniggezeichnet wurden.weniger als ein Jahr nach Beginn derPartnerschaft veranlasst, eine Beteiligungam Bau der Juristischen Fakultätzuzusagen. 1956 begonnen, wurde er1957 durch Kardinal Josef Frings beiseinem historischen Japan-Besuch eingeweiht.Frings hat diese Einweihungimmer als einen der Höhepunkte seinesBesuchs bezeichnet.Schaulaufen der IndustriellenDie folgende Planung und den Aufbauder Naturwissenschaftlichen Fakultät,die im Frühjahr 1962 eröffnet wurde,begleitete die Kölner Bistumsleitungnicht nur durch materielle Hilfe, sondernsie vermittelte auch Kontakte zudeutschen Industrieverantwortlichen.Anlässlich der Feier 1961, die derUnterzeichnung des Freundschaftsvertragszwischen Japan und Preußenvor 100 Jahren gedachte, wurde dievon der Sophia-Universität veranstaltete„1. Woche Deutscher Technik“zu einer Leistungsschau der deutschenIndustrie, bei der 3.500 Techniker,Wissenschaftler und Ingenieure anwesendwaren, und gab der Etablierungder Naturwissenschaftlichen Fakultäteinen entscheidenden Schub.Stiftung fruchtet bis heuteNeben den genannten Bauten sowieder 1962 eingeweihten neuen Jesuitenresidenzauf dem Universitätsgeländeund einigen anderen kleinerenInvestitionen, die sich bis zum Jahr1965 immerhin auf über 20 MillionenMark summierten, war es aberauch ein Anliegen der Kölner, zurSicherung des laufenden Betriebs derUniversität einen Beitrag zu leisten.Frings und sein Generalvikar JosephTeusch errichteten hierfür eine eigene„Stiftung Pius X.“, benannt nach demPapst, welcher den Jesuiten zu Beginndes 20. Jahrhunderts den Auftrag zurGründung der Universität erteilt hatte.In einem Hirtenwort vom 1. Mai1962 wurde das Vorhaben an diekirchliche Öffentlichkeit gebracht undmit einer diözesanweiten Kollekte derGrundstock gelegt.Leider hat sich diese Idee nicht wie geplantweiterentwickelt. In Kenntnis derheutigen Budgets einer voll ausgebautenHochschule mag uns die Vorstellung,wesentliche Betriebskosten einer Universitätaus Stiftungserträgen finanzierenzu können, im Rückblick naiv anmuten.32 weltweit


Doch existiert die Stiftung bis heute undleistet seit langem einen kleinen, aberverlässlichen Beitrag, der seit 1990 seinenZweck in der „Förderung missionarischerund pastoraler Aufgaben an derSophia-Universität“ hat.Ehemalige lieben BarbecueDie Verbindung zur Alma Mater wirdgepflegt durch die Alumni-OrganisationSophia-kai, die sich weltweit inRegionalkapiteln organisiert hat. IhreDüsseldorfer Regionalgruppe ist mitaktuell 88 Mitgliedern sicherlich eineder aktivsten. Zu ihren Veranstaltungenfinden sich regelmäßig 20 bis 30Personen ein, zum Neujahrstreffenmit den Familien auch 40 bis 50. DerEinzugsbereich ist groß: Sie kommenaus Luxemburg, aus anderen Benelux-Staaten, aus dem Harz, aus Hamburg.Legendär ist ihre sommerliche Barbecue-Partyam Düsseldorfer Rheinufer.Hochrangige Sophia-Alumnen wieUnternehmer, Leiter von Handelskammern,Präsidenten der deutschjapanischenGesellschaft laden dieanderen Alumnen zu ihren Veranstaltungenein, zum Beispiel im JapanischenKulturinstitut in Köln, das vonder Sophia-Absolventin Tokiko Kiyotageleitet wird.Wiedersehen beim WeltjugendtagEine typisch akademische Ausprägungvon Kontakten waren früher die Studentenverbindungen.Rheinstein, einekatholische Kölner Verbindung, nahm1957 als ersten Nicht-Deutschen einenAustauschstudenten der Sophiaauf, der einige Jahre später eine großeJapan-Reise für die Rheinsteinerorganisierte. 1963 wurde in Tokiodie japanische SchwesterverbindungEdo-Rhenania aus der Taufe gehoben.Kardinal Peter Shirayanagi und auchDie StudentenverbindungEdo-Rhenania ander Sophia-Universitätist die einzige ihrer Artin Japan. Auch sie feiert2013 Jubiläum: Vor 50Jahren gründete sie sichals Schwesterverbindungder katholischenVerbindung „Rheinstein”in Köln. Auchin Tokio werden Festeseither stilecht im Wichsund mit Bier zelebriert.weltweit 33


Tokio liegt auch am RheinEhemalige und Freundeder Sophia-Universitätin Deutschland treffensich mindestens einmaljährlich in Düsseldorfund feiern ihre Verbundenheit.Kardinal Joseph Höffner waren Ehrenmitgliederdieser Verbindung, diebis heute existiert.In den letzten Jahren gab es zwei besondereAnlässe, zu denen Sophia-Studenten ins Erzbistum Köln kamen.Das 50. Partnerschaftsjubiläum 2004wurde in Tokio an der Marienkathedralemit einem Jugendfestival gefeiert.Kardinal Joachim Meisner sprachdabei eine Einladung zur Teilnahmeam Weltjugendtag in Köln 2005 aus.Mehr als 200 Jugendliche folgtendiesem Aufruf, viele davon aus derSophia. Für sie wurde in Köln imAnschluss an die eigentlichen Feierlichkeitenein mehrtägiges Programmmit vielen Begegnungen organisiert.Pfadfinder- und andere Jugendgruppenstehen seither noch hier und daim Austausch.Stipendien für TalenteEine weitere Begegnung fand am14. März 2011 statt, als zur Vorbereitungauf das große Jubiläum derSophia-Universität eine Gruppe vonje 60 Studenten und Ehemaligen eineEuropareise auf den Spuren des Gründersder Gesellschaft Jesu unternahm.Ein Tag mit prallem Programm im ErzbistumKöln führte den Besuchern inKöln, Altenberg und Düsseldorf unterschiedlicheBeispiele der Pastoral- undSozialarbeit vor. Bei diesem Anlass gabder Kölner Erzbischof die Einrichtungvon Stipendien für begabte arme Studentenvor allem aus Myanmar bekannt,welche an der Sophia-Universitätstudieren sollen. Der Tag und dieseReise insgesamt standen im Schattender Tsunami-Katastrophe in Japan. Dieöffentliche Aufmerksamkeit, mit derdieser Besuch wahrgenommen wurde,war entsprechend hoch.Die wenigen deutschen Jesuiten aus derPioniergeneration, die heute noch ander Sophia-Universität leben, könnenmit Stolz auf den wesentlichen Beitragzurückblicken, den sie an diesem Ortzur Öffnung der japanischen Gesellschaftfür die christliche Kultur geleistethaben. Wir Kölner sind dankbar dafür,dass wir sie darin unterstützen durften.Auch wenn der Boden manchmalwackelt: Ein sicherer Grund ist gelegt.Dr. Rudolf SolzbacherDer Autor ist Leiter der AbteilungWeltkirche und Weltmission imErzbistum Köln.Literaturhinweis:Klaus Luhmer SJ, Von Kölnnach Tokyo. Lebenserinnerungeneines Japan-Missionars,J. P. Bachem Verlag , Köln 200934 weltweit


ImpressumHerausgeber: Klaus Väthröder SJ,Jesuitenmission, Königstraße 64,90402 Nürnberg, Telefon: 0911/2346-160,E-Mail: prokur@jesuitenmission.deRedaktion: Isabel LauerRedaktionelle Mitarbeit:Ludwig Wiedenmann SJÜbersetzungen: Karla Leitz,Franz-Josef Mohr SJ, Melanie SkibaGestaltung: Katja Pelzner, dialogweltweit – die JesuitenmissionÜberall auf der Welt leben Jesuiten mit den Armen,teilen ihre Not, setzen sich für Gerechtigkeit undGlaube ein. Über dieses weltweite Netzwerk fördertdie Jesuitenmission dank Ihrer Spenden rund 600Projekte in mehr als 50 Ländern. Sie leistet Unterstützungin den Bereichen Armutsbekämpfung,Flüchtlingshilfe, Bildung, Gesundheit, Ökologie,Menschenrechte und Pastoralarbeit.weltweit – das Magazingibt viermal im Jahr einen Einblick in das Leben unddie Arbeit unserer Missionare, Partner und Freiwilligen.Druck auf zertifiziertem Papier aus nachhaltigerForstwirtschaft: EOS St. OttilienSonderausgabe Oktober 2013Bildnachweise:Sophia-Universität Tokio,Bildarchiv Jesuitenmission,Erzbistum Luxemburg,Edo-Rhenania Tokio,Sophia-kai DüsseldorfSpendenkonto: 5 115 582Liga Bank, BLZ 750 903 00IBAN: DE61 7509 0300 0005 1155 82SWIFT: GENO DEF1 M05✂Ja, schicken Sie mir weltweit – das Magazinder Jesuitenmission ab der nächsten Ausgabebitte kostenlos zu. (Für neue Abonnenten)Name, VornameStraße, Nr.PLZ, OrtE-Mail (falls vorhanden)AntwortAn dieJesuitenmissionRedaktion weltweitKönigstraße 6490402 NürnbergGeburtsdatum (freiwillige Angabe)weltweit 35


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