À la recherche de la Heimat perdue (pdf)

vhs.at

À la recherche de la Heimat perdue (pdf)

À LA RECHERCHE DE LA HEIMAT PERDUEDER HEIMATBEGRIFF VON ANSÄSSIGEN UND NOMADEN ALSRESULTATE SOZIO-KULTURELLER SITUATIONENDIPLOMARBEIT ZUM ABSCHLUSS DES DIPLOMLEHRGANGSUNIVERSITÄREN CHARAKTERSINTERKULTURALITÄT UND KOMMUNIKATIONbetreut vonUniv. Prof. Mag. Dr. Dietmar Larchereingereicht vonMelinda HorváthWien, September 2008


DANKSAGUNGIch möchte mich bei meinen Interviewpartner/innen für ihre Zeit,Vertrauen und Bereitschaft, mit mir ein Stück ihrer Heimat zuteilen, herzlichst bedanken.Ebenfalls möchte ich an Beatrix Peichl und Barbara Rainer meinenDank richten.Mein besonderer Dank gebührt Prof. Dr. Dietmar Larcher,meinem Mentor und Lehrmeister. Danke, für das Zulassen derVerschiedenartigkeit und für die Möglichkeit des Wachsens undder Entfaltung!Widmen möchte ich in Dankbarkeit, alle Gedanken, Sh. W. K.2


INHALTVORWORTWird die Heimat zur Fremde oder die Fremde zur Heimat?... 3DEFINITIONEN, ELEMENTE UND MATERIALIENKann man zum Heimatbegriff rationalen Zugang schaffen?.... 6Versuch, den Heimatbegriff zu definierenIndividuell geschaffene Darstellungen der Heimat.............. 8Einige Interviews als ErweisIn der Folge eine Kostprobe..................................... 19Weitere exemplarische InterviewsGEDANKENSPIELE MIT DEN MOSAIKSTEINCHEN DER HEIMATund eine Art Lasswell’sche Formel der Heimatdefinition . . . . . . . . . 25GEDANKEN ZUM ABSCHLUSS.....................................27LITERATUR..........................................................30ANHANG.............................................................323


VORWORTWIRD DIE HEIMAT ZUR FREMDE ODER DIE FREMDE ZUR HEIMAT?„Wenn der Delphin schlafen möchte, lässt er sich an der Wasseroberfläche treiben;ist er dann eingeschlafen, sinkt er langsam zum Meeresboden hinunter; durch dasleichte Aufschlagen am Grund geweckt, steigt er wieder zur Oberfläche empor. Obenangekommen, schläft er neuerlich ein und sinkt in die Tiefe, wobei er frische Kräftesammelt. So genießt er in ständiger Bewegung sein Ausruhen.“ 1Benedikt ChmielowskiDas neue Athen oder Eine Akademieerfüllt mit jedweder WissenschaftGeboren bin ich in Rumänien. Als ich 11 Jahre alt war, floh mein Vaternach Österreich und nahm meinen Bruder mit. Zwei Jahre späterfolgten meine Mutter und ich ihnen nach.Als ich ein paar Jahre später zum ersten Mal wieder in meinHeimatland fuhr, hatte das Land gerade die Wirren der Revolutionüberstanden, die jungen Menschen tanzten und musizierten vorFreude immer und überall, als wären sie nur aus diesem Grund auf dieWelt gekommen, und die Älteren wurden aus ihren festgefahrenenLebensmustern gerissen, aus dem Alteingesessenen; sie wusstennichts anzufangen mit der neu erlangten Freiheit, da ihnen plötzlichniemand mehr diktierte, was sie zu denken, zu empfinden und zuäußern hatten. Doch alle waren sie wissenshungrig und neugierig, weilsie das erste Mal in ihrem Leben einen Hauch der Vielfalt dieserWelt erspähen konnten. Sie spürten, dass sich die Tore hinter dieserihnen bislang auferlegten Enge öffneten. Es war meine Heimat und1Chmielowski in Kapuściński/Pollack, 1995, S.64


doch schien sie sich verändert zu haben, mir fremd geworden zu sein.Gelangweilt hat mich diese Welt nicht, doch war etwas mir sehrVertrautes dort nicht mehr zu finden.Bis zum Jahre 1989 lebte man im Rumänien der kommunistischenDiktatur in einer Welt, die ausschließlich aus Rumänien zu bestehenschien. Den Menschen in Rumänien wurde jeglicher Blick versperrt,sie sahen nicht hinaus über ihre Welt, welche aus ihren kleinenDörfern, den darin lebenden vertrauten Menschen, und den Legendenund Märchen bestand. Die Möglichkeit, in Rumänien zu reisen, gab esnicht. Medien und Presse zeigten nichts von der Welt außerhalb derGrenzen Rumäniens, die Welt bestand aus kommunistischerPropaganda, dem Leben Ceauşescus 2 , der Schwere, der Armut unddem Schweigen über die Zustände im Land.Ein Kind meines Alters empfindet nach dem Ausmaß und der vollenDimension der Welt keine Sehnsucht, weil es sie nicht kennt. MeineWelt bestand aus unserem Garten, dem Fluss, welcher an unserenHof grenzte, den darin lebenden Fröschen, die von Zeit zu Zeit ineinem Kübel neben meinem Bett die Nächte verbrachten, weil Heimatfür mich damals auch das Quaken der Frösche bedeutete. Das hoheGras, in welchem man sich gut verstecken konnte, wenn man weinenmusste, die Steine, von denen diejenigen, welche wie Gnomeaussahen, auch Namen hatten, die Bäume, die mein Vater einsetzte,um sie mir alle zu schenken – das alles schien die Heimatauszumachen, und diese Heimat schien auszureichen.Trotzdem wusste ich ab dem Tag, als mein Vater sich am Friedhof,nicht wissend, ob er jemals in dieses Land zurückkehren würde, vonseinen begrabenen Eltern verabschiedete, dass wir bald in ein Landaufbrechen würden, welches uns eine viel schönere Heimat bietenwürde.Das Gefühl für Heimat schien sich in Österreich nicht manifestierenzu wollen, und obwohl mir als einer Angehörigen der ungarischenMinderheit in Rumänien die Fähigkeit, sich flexibel und schnellanpassen zu können in die Wiege gelegt wurde, war mir Österreich2Nicolae Ceauşescu: ehemaliger rumänischer Staatspräsident und kommunistischer Diktator. Ceaşescuwurde 1989 in einem Schnellverfahren verurteilt und anschließend hingerichtet.5


wollen, und die Veränderungen meiner Heimatdefinition sind fließend.Ständig höre ich dabei die Wörter des großen transsylvanischenLiteraten, Tamási Áron 3 : „Wir sind auf der Welt, um irgendwo darinzu Hause sein zu können.“Auf der Suche nach der Erfahrung der Heimat, ihres Stellenwertesin meinem Leben, im Bestreben nach Antworten und in Erwartungneuer Fragen habe ich eigene und fremde Heimaterlebnisseanalysiert und theoretische Zugänge zum besseren Verstehen dieserErlebnisse und Erfahrungen herangezogen. So ist diese Arbeitentstanden.KANN MAN ZUM HEIMATBEGRIFF RATIONALEN ZUGANG SCHAFFEN?VERSUCH, DEN HEIMATBEGRIFF ZU DEFINIERENNeben fundierten und soliden Definitionen, welche denHeimatbegriff vor allem als einen geografischen Ort eingrenzen, gibtes zu den Begriffen Heimat, Identität, Zusammengehörigkeit,Heimatidentität, Heimatverlust, Heimatlieder und Heimat alsOrientierungsfunktion ein großes Angebot an Interpretationen.Laut Duden bedeutet Heimat: „… wo jemand zu Hause ist; Land,Landesteil oder Ort in dem man geboren und aufgewachsen ist oderständigen Wohnsitz gehabt hat und sich geborgen fühlt oderfühlte…“ 4Auch die wissenschaftlichen Verfasser der Heimatdefinition imBrockhaus sind sich zunächst darüber einig, dass Heimat sich aufeine territoriale Einheit als Bezugsraum beziehen muss: „subjektivvon einzelnen Menschen oder kollektiv von Gruppen, Stämmen,Völkern, Nationen erlebte territoriale Einheit, zu der ein Gefühl3Tamási Áron: Bedeutender ungarischer Schriftsteller, 20.09.1979-26.05.1966, zahlreicheVeröffentlichungen über Leben und Traditionen der Szekler, einer Minderheit in Siebenbürgen.4Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 2007, S. 7797


esonders enger Verbundenheit besteht. Im allgemeinenSprachgebrauch ist Heimat zunächst auf den Ort (auch alsLandschaft verstanden) bezogen, in den der Mensch hineingeborenwird, wo die frühen Sozialisationserlebnisse stattfinden, die weithinIdentität, Charakter, Mentalität, Einstellungen und schließlich auchWeltauffassungen prägen.… 5„Wer sich überall zu Hause fühlt, ist nirgendwo daheim“ – besagt einrussisches Sprichwort.„Daheim bin ich in Texten, egal, wo sich mein Körper geradebefindet“ schreibt Dietmar Larcher in seinem Buch „Fremdgehen“ 6 .„Wohnorte kann man viele haben, Heimat nur eine“ – heißt es inRumänien.„Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie du“ – wussteschon Theodor Fontane 7 zu urteilen.„Heimat ist da, wo ich verstehe“ – stellt Karl Jaspers 8 fest.„Heimat ist das, was allen in die Kindheit scheint und worin nochniemand war“ – notiert Ernst Bloch utopisch in seinem Werk „DasPrinzip Hoffnung“ 9 .Und der Lateiner sagt: „Ubi bene, ibi patria“ 10 .Es wagen sich Musiker, Schriftsteller, Soziologen, Philosophen,Heimatbefürworter und Heimatlose und viele andere mehr heran, umdem Begriff Heimat eine Gestalt zu verleihen, ihn alsOrientierungsversuch dienlich zu machen.Man könnte sogar sagen, wir leiden an Informationsüberlastung, denHeimatbegriff betreffend. Und wer trägt Schuld daran? Natürlichdie Suchmaschine Google im Internet.5678Brockhaus, 1989, S. 617fLarcher, 2005, S. 218Fontane, Archibald Douglas, vgl. Wikiquote: http://de.wikiquote.org/wiki/Treue, 21.06.20089Bloch, 1959, S. 162810: nach Cicero (lat.): Kurzformel von: “Patria est, ubicumque est bene“, zu übersetzen mit „DasVaterland ist, wo immer man sich wohl fühlt.“ oder: „Wo immer es gut ist, dort ist meine Heimat.“ Tusculanaedisputationes, 5, 108. Cicero zitiert nach Teukros: "itaque ad omnem rationem Teucri vox accommodari potest“,vgl.: Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Heimat, 07.06.20088


„Vor dem Internet beruhte die Macht der Mandarinklasse auf derIdee, dass man „Geschwätz“ von „Wissen“ trennen könne. Mit demAufstieg von Internetsuchmaschinen ist es jedoch nicht mehrmöglich, zwischen patrizischen Einsichten und plebejischem Tratschzu unterscheiden“ 11 Dem ist nichts hinzu zu fügen.Doch abgesehen von der Problematik des Suchens, und der darausentstehender Konsequenz des „Sich-Verirrens“ in der langen Listeder Suchmaschinen, findet man sich bei der Heimatdefinition eineranderen Problematik gegenüber gestellt.Den Heimatbegriff in einem eindeutigen und endgültigen Label zuverpacken, ist nahezu unmöglich. Auch, wenn, wie Marion Thuswald 12formuliert: „dem Heimatbegriff etwas Statisches zugrunde liegt“, soist trotzdem die Definition des Heimatbegriffes eine wandelbare undveränderbare.Die durchaus abwandelbare und unbeständige Beschaffenheit desBegriffes verleitet dazu, sich dem Definitorischen zu entziehen.Versucht man sich der Definition mit einer Fragestellung zu nähern,so gelangt man aufgrund der Antworten zu der These, dass „Heimatvielleicht undefinierbar“ ist, wie der Historiker Ron Winkler 13schreibt. Zumindest jedoch wird man feststellen, dass das „Seiende“am Heimatbegriff für jeden Menschen variiert.Dies verdeutlicht auch ein Auszug der Gedankensplitter einigermeiner Interviewpartner/innen zum Heimatbegriff.Als Interviewleitfaden dienten die Impulsfragen: „Was bedeutetHeimat für Dich?“ „Was assoziierst Du mit dem Heimatbegriff?“INDIVIDUELL GESCHAFFENE DARSTELLUNGEN DER HEIMATEinige Interviews als Erweis111213Lovink, 2008, S. 206Thuswald, 2005, S. 92Winkler, 2002, Literaturkritik zu „Heimaten“ von Seiler/Duden/Showgi9


Herr F. kommt aus der Steiermark. Er verbrachte seine Kindheitund Jugend in Siebing und in Graz, und lebt seit 17 Jahren imBurgenland und in Wien. Herr F. wurde 1955 inSiebing/Steiermark geboren.„Heimat, das ist für mich mein Geburtsort, Siebing. Heimat ist fürmich meine Kindheit, das erste und einzige Mal, wo ich mich zu Hausegefühlt habe, ein „Selbstverständliches Zuhause“, ohneHinterfragen. Heimat sind für mich meine Wurzeln, der Bezug zurGeburt, das Aufwachsen. Es ist für mich kein Identifikationsgebilde,ich identifiziere mich nicht damit, es ist bloß eine Tatsache. Es isteinfach so. Da war mein Zuhause, meine Familie, meine Kultur. Meineersten positiven Erlebnisse, überhaupt die ersten Erlebnisse. Wienist für mich der Ort, wo ich wohne. Ich fühle mich als Wiener, undantworte auf die Frage: „Woher kommst Du?“ mit „Wien“, aber dieHeimat ist woanders. Wien kann nicht die Heimat sein, weil ich inSiebing geboren wurde. Ich würde nie sagen, ich bin stolzÖsterreicher zu sein, oder Wiener zu sein. Wenn ich aber etwas leseoder höre, dass Österreich etwas Tolles geleistet hat, dann freueich mich schon. Ich denke, dass die Menschen meiner Generation(Kinder der Nachkriegszeit) ein Heimatproblem haben, wegen derdamals herrschenden Nationalideologie. Eine Fahne bei den EM-Spielen ans Auto zu hängen finde ich eigentlich krank, ein 50-jähriger kann es nicht machen, wegen der Vergangenheit, aber beijungen Leuten finde ich es o.k., sie können den Nationalstolzunbelasteter ausleben. Jeder Mensch hat das Bedürfnis sich zuidentifizieren. Ich habe ein Problem mich mit einem größerenKollektiv zu identifizieren. Ich finde Umziehen spannend, und ichfinde es spannend, immer wieder etwas Neues zu machen. MeineWohnung ist mein Zuhause, weil dort ein großer Raum ist, der mirgehört, aber ich ziehe ständig um. Und ich würde meine Wohnungauch nicht mit „Heimat“ betiteln. „Frau B., Jahrgang 1966, geboren in Scheibbs/NÖ, lebt in Wien,Studienaufenthalt in England und Costa Rica.10


Heimat ist dort, wo ich mich wohl fühle. Als ich z.B. in Costa Rica, imRegenwald gewohnt habe, und von der dortigen Finca 14 zum Strandfuhr, hatte ich beim Zurückfahren zur Finca das Gefühl: „Jetztkomme ich nach Hause.“Heimat hat für mich mit Menschen zu tun, es sind Menschen dazuerforderlich, und durch sie bekommt dann der Ort oder der Platz fürmich auch einen Heimatbegriff. Ein Ort, an dem man das Gefühl hat,anzukommen. Und man nicht mehr unterwegs ist. Man ist eben zuHause. Dort, in Costa Rica, habe ich zur Finca gehört, deswegen wardas mein Zuhause. Die Menschen insofern, weil es wie eine Familiewar. Um über Heimat sprechen zu können, muss man sich fühlen wiein einer Familie, das muss aber nicht unbedingt die biologischeFamilie sein. Z.B. kann ich mir vorstellen, dass eine Straßengang auchfamiliäre Strukturen entwickelt. Jeder übernimmt dann in dieserStruktur seine Rollen, die Älteren beschützen die Jüngeren, und dieStraße wird dann zur Heimat.“„Hat Heimat für Dich mit Sprache zu tun?“„Dadurch, dass ich einsprachig aufgewachsen bin, wäre ich von alleinenicht auf diese Frage gekommen… Ich kann mich aber sicher in einerGruppe unter deutschsprachigen fremder fühlen, als in Costa Rica,unter den spanischsprachigen Einheimischen. Dort waren alle fremd,aber diese Schicksalsgemeinschaft hatte verbindende Elemente.Dadurch wurde sie zu einer Familie, und durch die Familie wurde derOrt zur Heimat.“Frau E., Jahrgang 1975, geboren und aufgewachsen inSofia/Bulgarien, lebt seit 15 Jahren in Wien„Heimat, das ist für mich der Ort, an dem ich mich ganz natürlichverhalten kann. Es ist für mich aber nichts Geografisches, keinbestimmter Platz oder Land (sic!), es hat aber mit Sprache undAusdruck zu tun. Um mich natürlich und sicher ausdrücken zu können,muss ich der Sprache mächtig sein. Mich in ihr wohl fühlen und sicherbewegen können. Sprache hängt also insofern mit Heimat für mich14aus dem Spanischen: Grundstück. Ähnlich einem bäuerlichen Ferienhaus11


zusammen, weil ich verstanden werden muss, um mich zu Hause zufühlen. Und ich möchte auch nichts missverstehen, oder nur so wenigwie möglich missverstehen, deswegen sind Sprache undAusdrucksweise für mich der wesentlichste Teil der Heimat.“Herr P. kommt aus Budapest. Er studiert und lebt seit siebenJahren in Wien. Das ungarischsprachig geführte Interview findetin seiner Wohnung statt. Ich kenne Herrn P. nicht, er ist einBekannter einer Freundin. Ich erzähle ihm kurz über meineArbeit, und stelle ihm die Frage, was Heimat für ihn bedeutet.„A haza számomra egy elmélkedö és szomorú lehelet, valami amelymáshol nem található. Pontosan tudni, hogy a másik ember, aki veledvan a szobában, miért nevet vagy miért vonja a vállát. A haza nagyonnagy befolyással van az emberi identitásra. Az embernek csakegyetlen hazája lehet, s ez a haza minden ember számára máshol van.Egyeseknek a haza ott van, ahol élnek, másoknak ott, aholszeretnének élni, és néhány embernek ott, ahol otthon érzik magukat.A haza számomra az az ország, amelynek drukkolok a sportban, azország, amelyre mégis büszke vagyok, és amelyhez valahogyodatartozom. A haza számomra az ország, a város és az utca, aholfelnöttem, egy kicsit a Hidegkuti Stadion is, az MTK otthona, akedvence csapatomé Budapesten. A haza az, amiért honvágyad van, azország, amelyböl felhívnak, ha bánatod van vagy ha valami ünnepelnivaló van. Ha az országod nyer egy olimpiai aranymedált, és egy egésznemzet sír örömében, akkor tudatosodik meg benned, hogy mitjelent, hogy van egy hazád.”Übersetzung ins Deutsche:„Heimat bedeutet für mich einen Hauch von Besinnlichkeit undTraurigkeit, etwas, das es sonst nirgendwo gibt. Wenn du genau weißtwarum der andere Mensch, der mit dir im selben Raum ist, lacht oderseine Stirn runzelt. Die Heimat hat einen großen Einfluss auf dieIdentität eines Menschen. Man kann nur eine Heimat haben, unddiese ist für jeden woanders. Für die einen ist sie dort wo man lebt,12


für die anderen dort wo man hin will, wieder für andere dort, wo mansich zu Hause fühlt. Heimat ist für mich das Land, für das ich dieDaumen halte im Sport, das Land, auf das ich trotz allem irgendwostolz bin, und wo ich mich trotz allem dazugehörig fühle. Für michbedeutet Heimat das Land, die Stadt und die Straße, wo ichaufgewachsen bin, und vielleicht auch ein bisschen das HidegkutiStadion, Heimstätte von MTK, meiner Lieblingsmannschaft inBudapest. Heimat ist das Land, nach dem man Heimweh hat, das Landaus dem man angerufen wird, wenn man Sorgen hat oder wenn esetwas Gemeinsames zu feiern gibt. Wenn dein Land eine olympischeGoldmedaille gewinnt und alle weinen vor Freude, dann wird dir klar,was es bedeutet, eine Heimat zu haben.“Frau A., Jahrgang 1977, geboren in Traiskirchen,Studienaufenthalte in Paris und Edinburgh. Frau A. lebt in Wien„Wenn ich im Ausland bin, fühle ich mich oft als Österreicherin, undbezeichne Österreich als meine Heimat. Ich denke dann an Berge undSeen und schöne Landschaften... interessanterweise bin ich aber garnicht in Bergen oder nahe Seen oder gar irgendwelchen schönenLandschaften aufgewachsen (sondern in Traiskirchen), und wenn michein Tiroler fragt, wo meine Heimat für mich ist, dann sieht die Sacheganz anders aus. Vielleicht sage ich dann "Niederösterreich", aberfühlen tue ich nicht viel dabei - Niederösterreich hat wohl wenigProfil, und ich fühle mich damit emotional kaum verbunden. Vielleichtliegt das daran, dass meine Mutter aus der Steiermark ist - aberauch wenn wir als Kinder oft in der Steiermark waren, ist dieSteiermark nicht meine Heimat. Ich würde sagen, auch wenn daskitschig ist, Heimat ist da, wo meine Familie ist; wenn meine Muttergerade zu Besuch in Wien ist und mit der Straßenbahn fährt, istWien, ist sogar die Straßenbahn, meine Heimat. Wo meine Großelternsind, ist natürlich auch immer ein bisschen Heimat. Aber auch Orte,an denen ich längere Zeit gelebt habe, wie Paris oder Edinburgh, sindein bisschen meine Heimat. Wahrscheinlich ist Heimat da, wo manemotional zu Hause ist, wo man sich gut und wohl und geborgen fühlt.Ich war schon immer recht unkompliziert, daher muss dieses "zu13


Hause" gar nicht an einen Ort gebunden sein, sondern vielmehr anGefühle... und die wiederum sind eng mit Menschen verbunden.“Frau K., Jahrgang 1988, geboren und aufgewachsen imBurgenland, Tochter eines österreichisch-kolumbianischen-Elternpaares, lebt in Wien„Also ich denke, es gibt keinen einheitlichen Heimatbegriff, weilHeimat dort ist, wo man sich geborgen fühlt. Das ist, würde ichsagen, auch der Grund, warum es so wichtig für alle Menschen ist:man braucht das Gefühl der Geborgenheit, dass einem die „Heimat"geben kann. Man sieht es ja, (z.B. an Menschen, die in andere Länderauswandern), dass sich die „Heimat" auch verändern kann. Oder eskann auch sein, dass man mehr als einen Ort hat, der für einenHeimat ist. Für mich ist also Heimat, wo ich mich zu Hause fühle (fürmich bedeutet das auch spirituell zu Hause): also natürlich hier, weilich äthiopisch-orthodox bin und (obwohl es natürlich eine universelleReligion ist) es das Ursprungsland meiner Kirche ist, (und auch weilich mich von der Mentalität her und so - d.h. nicht nur, aber auchwegen unserer gemeinsamen Religion - mit vielen Äthiopiern gutverstehe, ist auch Äthiopien für mich ein bisschen Heimat;hauptsächlich aber deswegen, weil meine Kirche dort entstanden ist,und wegen allem, was halt damit zusammenhängt.“Frau V., Jahrgang 1983, geboren in Wien, Tochter französischösterreichischerEltern, lebt in Wien„Ich bin in Österreich zu Hause, würde dieses Land aber nicht alsmeine Heimat definieren. In Mallorca, bei meinen Cousinen, habe ichmich zu Hause gefühlt. Mehr, als ich dies meistens in Österreich tue.Es hat mit dem Herzen zu tun, mit den Menschen. Wenn man michfragt, woher ich komme, sage ich aus Österreich, aber ich habekeinen Nationalstolz in diesem Sinne. Frankreich sehe ich irgendwieauch als meine Heimat an, mehr zumindest, als ich Usbekistan alsmeine Heimat sehen würde. Ich habe zwar nie in Frankreich gelebt,aber durch die zu Hause gesprochene Sprache, und durch den Besuchdes Lycée Français in Wien, ist mir dieses Land eher Heimat alsUsbekistan.“14


Frau L., Jahrgang 1973, geboren in Vietnam, chinesischesElternhaus, im Alter von 5 Jahren Übersiedlung in die VereinigtenStaaten, lebt in Palo Alto/California, USA, Studienaufenthalt inWien, Ö. für 6 Monate. Das Interview wurde englischsprachiggeführt.„My homeland is California, because this is where I have spent mostof my time, most of my life. I don’t feel America is my home. PaloAlto is my home, not the whole of the U.S. I may look Chinese, I mayspeek Chinese, but it doesn’t mean anything in this context. I don’tfeel anything for Vietnam, also because I have spent 30 years in theStates. This is where I am comfortable, this is where I am safe,because I know everybody. But this can change. Home means whereyou are comfortable, safe, familiar. I see Vienna as my second home,and I could imagine that it could be my complete home, if I would livehere for longer. I think it also depends on why you’ve left whereveryou began. And to where you’ve left from your homeland. With time,if you’ve moved to somewhere else, you adopt holidays and traditionsthere. So, slowly the feeling for home starts increasing in yourforeign country, until it starts dominating. For example, we celebrateChristmas, although we are Chinese. It is part of our home in theStates. I think home: it’s not culture, it’s not language. People move,this is normal. A Chinese song says: “Where there is land, there is(sic!) Chinese people“. So you move…”Übersetzung ins Deutsche:„Meine Heimat ist Kalifornien, der Ort an welchem ich den Großteilmeiner Zeit verbracht habe, die meiste Zeit meines Lebens. Ichwürde nicht sagen, Amerika ist mein Zuhause. Palo Alto ist meineHeimat, nicht ganz Amerika. Ich schaue asiatisch aus, und ichspreche Chinesisch, aber das hat für mich in diesem Zusammenhangkeine ausschlaggebende Bedeutung. Ich empfinde nichts für Vietnam,weil ich 30 Jahre meines Lebens in den Staaten verbracht habe. Dasist der Ort an welchem ich mich wohl fühle, geborgen fühle, weil ichjeden kenne. Aber das kann sich auch ändern. Heimat ist, wo man sich15


geborgen und sicher fühlt, wo alles vertraut ist. Ich sehe Wien alsmeine Zweit-Heimat, und ich kann mir vorstellen, dass es zur Heimatwerden könnte, wenn ich länger hier leben würde. Ich denke auch,dass es sehr davon abhängt, warum man von seiner früheren Heimatweggegangen ist und wohin. Und mit der Zeit, wenn man woandershingezogen ist, nimmt man die dortigen Gebräuche und Sitten an, diedortigen Traditionen. So kommt dann langsam das Gefühl der Heimatin der Fremde auf, bis dieses Gefühl dann dominiert. Wir feiern z.B.Weihnachten und Ostern, obwohl wir Chinesen sind. Das ist auch Teilunseres Zuhauses in den Staaten. Ich denke also, Heimat ist nichtKultur, und es ist nicht Sprache. Die Menschen ziehen weiter, siesind schon immer herumgezogen, das ist normal. Ein chinesisches Liedsagt:– “Wo Land, da Chinesen“. Also zieht man weiter…“Fr. B., Jahrgang 1969, geboren und aufgewachsen in Tirol, lebtin Wien„Also grundsätzlich würde ich sagen Heimat ist ein Gefühl, nämlich dawo man sich wohl fühlt, von seiner Umwelt verstanden fühlt, sprich,Leute hat, denen man vertrauen kann… Wenn du mich aber dannkonkret fragst, wo ich meine Heimat sehe, kommt dann schon Tirol…also da, wo ich ursprünglich her bin. Hat das jetzt mit demverstärkten Heimatgefühl der Tiroler allgemein zu tun? Bin ich alsoin meiner Kindheit gut indoktriniert worden? Ich weiß es nicht. Odersind es nur die Berge, die für mich so schrecklich wichtig sind, und indenen ich mich so wohl fühle? Oder die ganzen alten Freunde, diemich (und die ich) seit meiner Kindheit kennen und bei denen immereine gewisse Vertrautheit da ist. Dinge, die gar nicht ausgesprochenwerden müssen, weil sie eh klar sind,… Irgendwie habe ich dasGefühl, dass für mich das Wort Heimat auch was mit Wurzeln zu tunhat, und deshalb nenne ich immer noch Tirol meine Heimat. Auch,wenn ich mich in vielen Dingen inzwischen auch in Wien beheimatetfühle… Aber eigentlich finde ich den Begriff Heimat furchtbarschwammig und finde es immer wieder erstaunlich, was man mitdiesem einen Wort für Gefühle in den Menschen hervorrufen kann.“16


Herr R., Jahrgang 1978, geboren in Baden bei Wien, Sohnösterreichisch-libanesischer Eltern, langjährigeStudienaufenthalte in Deutschland, Cuba, Sénégal, Nepal undBirma, lebt in London„Meine Heimat ist Österreich. Dort wo ich herkomme. Früher hatmich der Heimatbegriff wesentlich mehr beschäftigt, weil ich michnicht wirklich daheim gefühlt habe. Es hatte viel mit der Sprache zutun, da bei uns zu Hause Hochdeutsch gesprochen wurde, und ich dieScherze im Dialekt nicht verstanden habe, und diesen Dialekt auchnicht sprechen konnte. Auch wegen der Hautfarbe kam es mir vor, alsob ich nicht wirklich als Österreicher behandelt würde. Ja, es hattemit Sprache, Ausdrucksweise und Hautfarbe zu tun. Meine Haut istzwar nur ein wenig dunkler, und meine Muttersprache ist deutsch,doch es gab einen kleinen Unterschied zu den anderen Kindern, undden habe ich immer gespürt. Irgendwie wurde ich dochausgeschlossen. Heute würde ich sagen, dass ich mich schon mit Wienverbunden fühle, aber mit der „Wiener Seele“ nicht totalverschmelze. Ich habe Charaktereigenschaften, die „wienerisch“ seinmögen, aber ich würde das wahrscheinlich bewusst nie heraushängen.Dieser „Wiener Grant“, diese kulturell bedingte Berechtigung für das„Rumgrantln“, das geht mir auf die Nerven.“Frau D., Jahrgang 1983, geboren und aufgewachsen inNiederösterreich, lebt in Niederösterreich„Für mich ist Heimat oder zu Hause, ein Ort der Geborgenheit,Sicherheit und Liebe. Ein Ort, an dem man sich wohl fühlt, sichentfalten kann und immer wieder gerne zurückkehrt (sic!). Ein Ort wosich die Familie und Freunde befinden, mit denen man schöneStunden verbringt. Ein Ort, wo man sich zurücklehnen kann und weiß,dass alles wieder gut werden wird.“Herr F., Jahrgang 1977, geboren und aufgewachsen in Wien,lebt in Wien17


„Meine Heimat ist Wien. Früher dachte ich, ich würde mich überalldaheim fühlen, jetzt denke ich aber, dass Wien meine Heimat ist.Wegen der Art der Menschen. Ich kenne einfach nichts, das mirvertrauter wäre, mir mehr Sicherheit und Geborgenheit bietenwürde, als Wien. In Wien kann ich mich abschirmen, das gefällt mirganz gut. In Brasilien ginge das womöglich nicht, das wäre mir zufremd. Und Südostasien stellt für mich das „andere Extrem“ dar, daswäre mir zu devot. Wien ist für mich die absolut passende, „goldeneMitte“.Die Definition der Heimat scheint also nicht die Forderung nachDekonstruktion zu implizieren, ebenso wenig bedarf es einereinheitlichen Definition. Es gilt vielmehr, die Definition zu ergänzen,zu erweitern und Assoziationen zu zulassen.Menschen, die ihre topographische Heimat freiwillig verlassen habenoder diese nie verlassen mussten, Menschen, die aus eigenerEntscheidung heraus in verschiedenen Ländern gelebt haben, für diealso Heimat keine statische Sphäre bedeuten kann, machen oft dieErfahrung, diesen aus freien Stücken aufgegebenen oderaufzugebenden Fleck Erde nicht zu ihrem Identifikationsgebildemachen zu müssen.Doch warum ist Heimat wichtig? Wo und was ist das? Wo beginnt dieFremde und wo endet die Heimat? Wo fühlt man sich geborgen undwo bedroht? Warum sind Menschen bereit, für ihre Heimat, eine vonMenschen geschaffene territoriale Grenzziehung, zu kämpfen und ihrLeben zu opfern? Warum gewinnt die Heimat in der Erfahrung desExils einen hohen Stellenwert als etwas, das man erst erkennt, wennman es verloren hat? Warum halten Menschen gerade im Zeitalterder Globalisierung und Migration, an einem verwaschenen Heimatbildfest, und warum blenden sie beim Heimkehren die auf sie wartendenÜberraschungen aus?18


Wir leben zwar in einer Epoche der Globalisierung, doch scheintgleichzeitig die Wichtigkeit von Nationalität undHeimatzugehörigkeit noch nie so eine bedeutende Rolle gespielt zuhaben, wie jetzt. Und so kommt es zu dem Phänomen derGlokalisierung 15 als Folge der weltumspannenden Globalisierung.Gerade in Zeiten wie diesen entsteht auch das Bedürfnis danach,regionale Verwurzelungen, kulturelle Besonderheiten und dieEigentümlichkeiten des Individuums zu bewahren.Für Flüchtlinge, die ihre Heimat unfreiwillig aufgeben mussten, dieKriegen und Hunger entronnen sind, die gezwungen waren, ihreFamilien, ihr Dorf, ihre Stadt zu verlassen, kommt in der Fremde einerschwerender Aspekt hinzu. Sie werden, sofern sie sich gezwungensehen, diesen Ort zu ihrer neuen Heimat zu machen, mit derTatsache konfrontiert, dass Heimat doch zu einem großen Teil mitdem Besitz von territorialer Zugehörigkeit zu tun hat: ein Besitz inForm von einem Pass, Aufenthaltserlaubnis, Arbeitserlaubnis,Meldezettel und Krankenversicherung. Hat man sie nicht, kann mansich menschenverachtenden Repressalien und Diskriminierungausgesetzt sehen.Dadurch bekommt die Topografie, das Land, die Fremde plötzlicheinen paradoxen Stellenwert, und es macht sich eine gewisseAmbivalenz bemerkbar. Einerseits wird die Fremde, weil man dieSehnsucht nach der Heimat, und nach der darin erlebtenVertrautheit und Geborgenheit spürt, abstoßend, da eben jeneVertrautheit nicht gegeben ist, und man sich daher (noch) nicht zuHause fühlen kann; gleichzeitig jedoch entwickelt man den Wunsch,diese Fremde Heimat nennen zu dürfen. In der Heimat weiß man, wiedie Gesellschaft funktioniert, man kennt die Regeln und die Normen.In der Fremde jedoch hat man diese Sicherheit nicht, solange mansich nicht integriert, findet man keinen Zugang zu dieser Sicherheitund Vertrautheit. Die Betrachtung dessen, was Heimat ist oder was15Robertson, 1998. "Glokalisierung" bezeichnet die Verbindung und das Nebeneinander desmehrdimensionalen Prozesses der Globalisierung und seinen lokalen bzw. regionalen Auswirkungen undZusammenhängen. Alles was sich auf der Welt abspielt ist von lokal-regionaler und gleichzeitig von globalüberregionalerBedeutung. Der Prozess der Globalisierung wird im eigenen Leben und Alltag fassbar gemacht.Somit ist Glokalisierung die lokale Auswirkungs- und Erscheinungsebene der weltumspannendenGlobalisierung. Glokalisierung impliziert auch die Forderung nach einer Rückbesinnung auf Identität undBesonderheiten des Einzelnen. Vgl. Wikipedia – die freie Enzyklopädie, 17.08.200819


Heimat sein könnte, verändert sich durch etwas Auferlegtes,Befohlenes. Aus dieser Perspektive betrachtet, gewinnt JeanAméry´s Aussage: „Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zuhaben“ 16 noch zusätzlich an Bedeutung.In den folgenden Interviews versuche ich durch eine Auswahl dieoben beschriebene Ambivalenz aufzuzeigen.Im Mai 2008 besuchte ich Rumänien, und führte dort ebenfallsInterviews zum Thema Heimat durch. Ich traf Menschen, die eineZeit in Österreich gelebt hatten und schließlich in ihre alte Heimat,Rumänien, zurückkehrten, und solche, die in Österreich blieben. Ichbefragte Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, undsolche, die darum gekämpft hatten, ihre Heimat nicht zu verlieren.IN DER FOLGE EINE KOSTPROBEWeitere exemplarische InterviewsFrau D., geboren 1978, aufgewachsen in Ungarn, lebt inÖsterreich. Das Interviewgespräch fand auf Ungarisch statt.„A haza számomra abban a városban van, ahol a lakásom van. Alakásom amelyben élek, ahol jól érzem magam, ahol otthon érzemmagam. Ez a város lehet nagyon messze a szülöföldemtöl is. Alakásom számomra az én saját területem, ahol biztonságban érzemmagam, az én királyságom, amelyet én rendeztem be, én alkottammeg, ahol azt csinálhatok, amit akarok. Ez jelenti számomra aszabadságot. Tehát a haza szabadságot is jelent. Ehheztermészetesen szükséges, hogy az embernek legyen egy lakása, aholjól érzi magát. S ez csak akkor lehet, amennyiben egy országbabefogadták. Csak amikor befogadva érezzük magunkat egyországban, csak attól a perctöl fogva nevezhetjük hazánknak ésépithetünk saját homokvárat benne. Tehát a szabadsághoz szükségesaz, hogy legyen egy hazád.”16Améry, 1977, 2. Aufl. 1980, S. 8120


Übersetzung ins Deutsche:“Die Heimat ist für mich in jener Stadt, wo meine Wohnung ist. MeinWohnort, meine Wohnung, in welcher ich lebe, wo ich mich wohlfühle. Diese Stadt kann auch sehr weit von meinem Herkunftslandweg sein. Meine Wohnung ist für mich mein persönliches Reich, wo ichmich sicher fühle, mein Königreich, das ich eingerichtet habe, das ichgestaltet habe, wo ich machen kann, was ich möchte. Das bedeutetfür mich Freiheit. Also die Heimat bedeutet für mich auch Freiheit.Dazu ist es selbstverständlich notwendig, eine Wohnung zu haben, inder man sich wohl fühlt. Und das kann erst entstehen, wenn man sichin einem Land integriert hat und integriert fühlt. Erst ab diesemMoment können wir es unsere Heimat nennen, erst da können wirunsere Sandburg darin bauen. Also ist es für die Freiheit notwendig,eine Heimat zu haben.“Herr Cs., Jahrgang 1969, geboren in Siebenbürgen/Rumänien,lebt seit 20 Jahren in Wien. Das ungarischsprachigeInterviewgespräch haben wir in Timişoara/Rumänien geführt.„Nagyon sokáig nem tudtam, hogy hol a hazám. Amikor Ausztriábajöttem, nem éreztem magam ott otthon. Viszont tudtam, hogyAusztriában szeretnék élni, és semmi féle képpen nem szeretnékvisszamenni a régi hazámba. A kívánság megvolt bennem, hogyAusztriában éljek, de nagyon nagy honvágyam volt Erdély iránt. Eztmég ma is érzem; amikor közeledek a szülövárosomhoz, van ott egybizonyos illat vagy szag, amely egy olyan érzést vált ki bennem,amelyet csak a szülövárosommal tudok aszociálni. Ez az érzésemmáshol sehol nincs. De amióta felépítettem Ausztriában egy otthont,és ott van a munkahelyem, azóta otthom érzem ott magam. Azelöttmindig valahogy “oda akartam tartozni”, mindig arra hajtottam, hogyott elérjek egy bizonyos státuszt. Ez most már abba maradt.Mostmár valahogy nem keresem a hazát.”Übersetzung ins Deutsche:21


„Ich wusste für sehr lange Zeit nicht, wo meine Heimat ist. Als ich inÖsterreich ankam, fühlte ich mich dort nicht heimisch. Aber ichwusste, dass ich dort leben wollte, dass ich auf keinen Fall in meinealte Heimat zurück wollte. Obwohl dieser Wunsch in mir sehr starkwar, habe ich aber ständig Heimweh nach Siebenbürgen gehabt. Dasfühle ich heute immer noch; wenn ich in die Nähe von meinerGeburtsstadt komme, gibt es dort einen bestimmten Duft oderGeruch, der ruft ein Gefühl in mir hervor, das ich nur mit meinerHeimatstadt assoziieren kann. Ich habe dieses Gefühl sonst ankeinem anderen Ort. Aber seit ich in Österreich meinen Wohnortaufgebaut habe, und ich meinem Beruf dort nachgehe, fühle ich michin Österreich daheim. Davor wollte ich immer irgendwie„dazugehören“, ich habe immer danach gestrebt, dort einen gewissenStatus zu erreichen. Das hat jetzt aufgehört. Irgendwie suche ichjetzt auch nicht mehr nach Heimat.“Frau E., geboren und aufgewachsen in Siebenbürgen/Rumänien,Jahrgang 1945, flüchtete mit 45 Jahren aufgrund der Gefahrenfür ungarische Minderheiten in Rumänien nach Österreich. Sielebt seither in Wien. Das Interview fand auf Ungarisch statt.„A haza nekem a szülöföldem, az ország amelyböl származok, nem azotthonom ahol élek. Tehát az én hazám Székelyudvarhely, az a városRomániában, amelyben születtem és felnöttem, és életem nagy részétéltem, és igazából csak ott érzem otthon magam. Ausztriában isnagyon jól érzem magam, és valamilyen képpen otthonosan is, de mintosztrák nem nevezném magam. A gyökereim Romániában vannak. Ottéltek a szüleim, ott jártam iskolába és kezdtem dolgozni, ott vannaka barátnöim és kolléganöim, akikkel az életem legszebb idejéttöltöttem el. Azt mondják: „otthona sok lehet az embernek, dehazája csak egy van“. Ausztriában nincsenek olyan barátnöim, pedigkerestem, mrt egy ideig magányos voltam, de nem találtam.Szeretném, ha ez az ország egy kicsit több hazát nyújtana, de nemnyújt. Én próbáltam úgy alakítani mindent, hogy Ausztriában jólérezzem magam, de hazának nem tekintem.”22


Übersetzung ins Deutsche:„Heimat ist mein Heimatland, mein Herkunftsland, nicht meinWohnort, wo ich lebe. Also meine Heimat ist Székelyudvarhely, dieStadt in Rumänien, wo ich geboren und aufgewachsen bin, und diemeiste Zeit meines Lebens verbracht habe, und mich eigentlich nurdort zu Hause fühle. Ich fühle mich in Österreich auch sehr wohl,und gewissermaßen auch zu Hause, aber als Österreicherin würde ichmich nicht bezeichnen. Meine Wurzeln sind in Rumänien, in diesemLand stecken meine Wurzeln. Dort haben meine Eltern gelebt, dortbin ich zur Schule und in die Arbeit gegangen, dort habe ich meineFreundinnen und Kolleginnen, mit denen ich die schönste Zeit meinesLebens verbracht habe. Dort sind meine Eltern begraben. Man sagt:„Wohnorte kann man viele haben, Heimat nur eine.“ In Österreichhabe ich nicht solche Freundinnen, obwohl ich gesucht habe, weil ichmich eine Zeit lang einsam gefühlt habe, aber ich habe keinegefunden. Ich hätte gerne, wenn dieses Land mir ein wenig mehrHeimat bieten würde, aber das tut es nicht. Aber ich fühle mich soauch wohl. Ich habe mich bemüht, mich wohl zu fühlen, aber Heimatist das für mich keine.“Herr G., geboren und aufgewachsen 1969 inSiebenbürgen/Rumänien, verbrachte 4 Jahre in Österreich, lebtin Rumänien. Das ungarischsprachige Interview fand inSzékelyudvarhely, der Heimatstadt von Herrn G. statt.“A haza számomra Székelyudvarhely. 1992ben kimentem afeleségemmel Ausztriába, itt eladtam mindent, hogy ott új életetkezdhessek. De nagyon nehéz volt. Nem akartak befogadni.Burgenlandban laktunk, nem találtunk munkát. Bécsben pedig nagyondrága volt a bérlakás. Kértünk letelepedési engedélyt, ez az egészprocedura eltartott 3 évet, amikor megkaptuk a végleges negatívválaszt, hogy nem adnak letelepedési engedélyt. Hát ígyvisszajöttünk. Én szerettem volna ott élni, németül is megtanultam,láttam, hogy élnek az osztrákot, az tetszett nekem, de nem sikerült.Ezért jöttem vissza, s így elyisze jobb is. Itthon sokkal könnyebbminden.”23


Übersetzung ins Deutsche:“Die Heimat ist für mich Székelyudvarhely. 1992 bin ich mit meinerFrau nach Österreich ausgewandert, ich habe hier alles verkauft,damit wir dort ein neues Leben anfangen können. Aber es war sehrschwer. Man wollte uns dort nicht akzeptieren. Wir haben imBurgenland gewohnt, und dort keine Arbeit gefunden. Und in Wienwaren die Mietwohnungen sehr teuer. Wir haben angesucht um eineAufenthaltserlaubnis, diese Prozedur hat 3 Jahre gedauert, und dannhaben wir einen negativen Bescheid bekommen. Man gab uns keineErlaubnis zu bleiben. So sind wir wieder zurückgekommen. Ich hättegerne dort gelebt, ich habe auch deutsch gelernt, ich habe gesehen,wie die Österreicher leben, das hat mir gefallen, aber wir haben esnicht geschafft. Deswegen bin ich zurückgekommen, und vielleicht istes auch besser so. Hier zu Hause ist alles einfacher.“Herr Ch., Jahrgang 1938, geboren und aufgewachsen inComanesti/Rumänien. Das Dorf hat 237 Einwohner. Dasrumänischgeführte Interview entstand in seinem Geburtshaus, inwelchem er seit 70 Jahren lebt.„Ţara mea este aici. În aceasta casă. Am fost odatâ in strâinetate, laruşi. De atunci nu am mai vrut să plec de aici. Acolo nu mi-a plâcutdeloc.Aici cunosc toate cîntecele şi hora, toate animalele, fiecarepom. La ruşi nu m-am simţit prea bine. De aia am vrut să mă întorc cîtmai repede. Nici la oraş nu vreau să mă mut. Nici acolo mă pricep preabine. Toate viaţa mea am petrecut aici. Pe aceste meleaguri. Ce să vămai respund la întrebare. Casa şi cu grădină aici este ţara mea. Odatăde mai mult, în timpul lui Ceauşescu au vrut să-m dârima casa şi auvrut să mă trimite in oraş. Dacă s-ar fi întimplat asta n-aşi fisupravieţuit.“Übersetzung ins Deutsche:„Meine Heimat ist hier. In diesem Haus. Ich war einmal im Ausland,bei den Russen. Seither wollte ich nie wieder von hier weg. Es hat mir24


dort gar nicht gefallen. Hier kenne ich alle Lieder und die Tänze, alleTiere, jeden Baum. Bei den Russen habe ich mich nicht besonderswohl gefühlt. Deswegen wollte ich dort auch wieder weg. Ich will auchnicht in die Stadt ziehen. Dort kenne ich mich auch nicht aus. Ichhabe mein Leben lang hier gelebt. In diesem Haus. Was soll ich sonstauf die Frage antworten. Meine Heimat ist dieses Haus und dieserGarten. Einmal, im alten System, da wollte man mir das Hauswegnehmen und mich in die Stadt verjagen. Hätten die das damalsgemacht, ich hätte das bestimmt nicht überlebt.“Fr. M., Jahrgang 1953, geboren und aufgewachsen in Rumänien,verbrachte 10 Jahre in Wien. Frau M. ist nach der Revolution,im Jahre 1993, nach Rumänien zurückgekehrt. Dasungarischsprachige Interview führten wir in Székelydvarhely„A haza számomra ott van, ahol beszélhetem az anyanyelvemet. Alegnagyobb földi kincsem a magyar nyelv. 1983ban Ausztriábamenekültünk. Az elején el voltam foglalva nyelvtanulással,munkakereséssel, hát hogy kiismerjem magam. Az elején tetszettott, az üzletek, a nagyváros, a metró. De egy idö után annyirahiányzott a hazám, hogy néha sírva fakadtam. Idöközbenmegváltozott Erdélyben a helyzet is és vissza költöztünk, hazaköltöztünk. Nagyon sokan vissza költöztek. Most jól érzem magam.Újra itthon vagyok. Néha gondolok Ausztriára, de tudom, hogy ezek agondolatok jönnek s mennek. Úgy érzem, ott soha nem éreztem volnamagam otthon.”Übersetzung ins Deutsche:„Meine Heimat ist dort, wo ich meine Muttersprache sprechen kann.Mein größter Schatz auf Erden ist die ungarische Sprache. Wir sind1983 nach Österreich geflüchtet. Anfangs war ich sehr abgelenktund beschäftigt damit, die Sprache zu lernen, eine Arbeit zu finden,mich zu Recht zu finden. Anfangs hat es mir dort gefallen, dieGeschäfte, die Großstadt, die U-Bahn. Aber nach einiger Zeit habeich meine Heimat so vermisst, dass ich sogar manchmal weinen25


musste. Zwischenzeitlich hat sich die Situation in Siebenbürgenverändert, und wir sind wieder hierher zurückgezogen, nach Hausegezogen. Es sind viele zurückgezogen, die damals gegangen waren.Jetzt fühle ich mich wohl. Ich bin wieder zu Hause. Hin und wiederdenke ich an Österreich, aber dann weiß ich, dass diese Gedankenkommen und gehen. Ich weiß, dass ich mich dort nie daheim gefühlthätte.“GEDANKENSPIELE MIT DEN MOSAIKSTEINCHEN DER HEIMATund eine Art Lasswell’scher Formel der HeimatdefinitionEin Gleichnis im Vergleich:Vor mehr als 2500 Jahren erzählte Buddha seinen Schülern dieGeschichte von den Blinden und dem Elefanten. Danach soll ein Rajaoder König einige blinde Männer versammelt und ihnen einenElefanten gezeigt haben. Jeder der Männer bekam einen anderenTeil des Elefanten vorgeführt und sollte ihn betasten, um sich einBild von dem Tier zu machen. Anschließend fragte der König dieMänner, was für ein Tier der Elefant sei. Einer von ihnen hatte denrunden Kopf befühlt und erklärte voller Überzeugung, der Elefant seiwie ein Topf. Ein anderer hatte einen der Elefantenfüße erkundetund sagte, der Elefant sei wie eine Säule. Ein dritter hatte dasHaarbüschel am Schwanzende des Tieres in die Hände bekommen undsagte, der Elefant sei wie ein Pinsel. 17Die ursprüngliche Laswell´sche Formel 18 der Kommunikation fragt:„Wer spricht wie zu wem in welcher Situation mit welcher Absichtund in welcher Form?"Würde man die Lasswell’sche Formel, und die daraus in Ergänzungentstandene Larcher’sche Formel der Evaluation 19 auf dieHeimatdefinition ummünzen, müsste man sich fragen:1718Larkin, 2008, S. 63Lasswell, 1948, S. 9-3726


„Wer definiert seinen Heimatbegriff für wen?“Wer beschreibt was? Wie? Für wen? In welchen Situationen? Mitwelcher Absicht? Und mit welcher Methode?Beispielgebend:Wer?Ein Politiker für seine potentiellen Wähler vom rechten Rand? EinPhilosoph für seine kritischen Studierenden im 9. Semester? EinFörster für seine aus Thailand importierte Gattin? Ein Großvater fürseine Enkelin? Ich als Europäerin für einen Stamm von Halbnomadenim Norden Nigerias?In welcher Situation?Der Politiker: Im Ausschnitt einer Fernsehansprache in der ZIB-1des ORF? Am Stammtisch in Favoriten? Beim Mittagessen mit seinerSekretärin?Der Philosoph: Im Rahmen des Seminars? In einem persönlichenGespräch mit seinen LieblingsstudentInnen nach dem gemeinsamenBesuch der Hagia Sophia?Der Förster: In Bangkok beim Besuch der Schwiegereltern? Daheimim Bett im Rahmen eines Ehekrachs?Der Großvater: Im 200-Seelen-Dorf in seinem Haus ohne Strom undGas? Wenn die Enkelin ihm eröffnet, dass sie nach Polynesien geht,um zu heiraten?Ich: Wenn ich die Sprache der Halbnomaden nicht spreche? Wennich einen Halbnomaden in meine Heimatstadt einladen möchte?Mit welcher Absicht?Der Politiker: Um Vorurteile zu schüren? Um seine wahre Gesinnungzu zeigen? Um seine wahre Gesinnung zu verbergen? Um seine eigeneUnsicherheit und bedrohte Identität zu überspielen? Um sichintellektuell aufzublähen? Um jemandem zu signalisieren, dass sie garnicht hierher gehören? Um Denkanstöße zu geben? Um die eigeneMachtposition zu stärken?19Larcher, 2008 abgeleitet aus Laswell’sche Formel der Kommunikation27


Wie?Der Politiker: Durch Erzählen seiner Lebensgeschichte? DurchBerufung auf Geschichte? Durch Berufung auf Geschichtsmythen(zum Beispiel auf Österreichs zivilisatorische Mission auf demBalkan, wo es doch nur eine Kolonialmacht war), oder durch diepermanente Bedrohung durch den Islam, wo es doch vorher schon dieKreuzzüge gegeben hatte; durch den Mythos vom „Kampf derKulturen“, den es nie in gegeben hat, (weil immer um Macht,Ressourcen, Besitz und Einfluss gekämpft wurde und wird)?Die Heimat für alle Menschen gleich zu definieren, ähnelt dembuddhistischen Gleichnis von den Blinden und dem Elefanten. Genauwie die blinden Männer vor 2500 Jahren können wir die Heimat nichtin ihrer Gesamtheit erfassen. 20Wir können uns auch nicht auf einen einzigen starren Heimatbegrifffestlegen.Wie wir Heimat definieren, hängt auch davon ab, zu wem wirsprechen, in welcher Situation wir das tun, welche Absicht wir mitdieser Definition verbinden, welche argumentativen Mittel wir dafürbenützen.Heimat ist kein Besitz, sondern ein unabschließbares „Work inProgress“ 21 , das im Diskurs entsteht und sich im Diskurs verändertoder verhärtet wird.GEDANKEN ZUM ABSCHLUSSIch zitiere Ryszard Kapuściński:20Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht veränderte Neufassung des ursprünglichen Textes in„Lettre International 81, S. 63, umgeschrieben auf die Heimat21Laufende Arbeit, ein nicht vollendetes Werk28


„Die Erfahrung eines Menschen, der selbst in einem totalitärenSystem gelebt hat, macht ihn empfindlicher für den Totalitarismus inanderen Ländern und Kulturen. Leute ohne diese Erfahrungen werdengewisse Dinge einfach nicht wahrnehmen können. Als ich in den Iranging, war das erste, was mir auffiel, die Macht der Religion. Weil ichdie Macht der Kirche aus Polen kannte. Auch hier ist die Kirche diehöchste Autorität, und in diesem Sinne hat unsere Revolution vielesgemeinsam mit der Revolution im Iran. Es handelt sich also nicht umeine Allegorie, sondern um die Identität von Erfahrungen.“ 22Die Identität der Erfahrungen mag ein Aspekt sein, warum Menschenaus dem gleichen Kulturkreis, mit ähnlichem Hintergrund oderähnlichen Schicksalen den Begriff Heimat übereinstimmenderdefinieren.Ich zitiere erneut Ryszard Kapuściński, der in seinem Zitat LudwikKoniński zitiert:„Wir leben unter verschiedenen Himmeln mit unterschiedlichenIntensitäten von Blau und einem unterschiedlichen Grad derBevölkerung. Das lässt einen an die Worte von Ludwik Konińskidenken, dass es keine gemeinsamen Grundsätze geben kann, da es„keine gemeinsame Wirklichkeit gibt“. 23So kann auch die Erfahrung der Heimat nicht für alle Menschenidentisch sein, mögen sich noch so vergleichbare Heimatdefinitionenfinden.Meistens jedoch muss man sich die Heimat erfinden, sie ist „wie eineArt Plombe, die ein schmerzliches Loch in der Psyche ausfüllen2223Kapuściński, 2002 und 2002, S. 29029


muss“ 24 , wie Paul Parin formuliert, die Heimat muss man sichausdenken und erschaffen.Ich sitze im Garten der einstigen Mönche der Abtei vonGlastonbury, im sagenumwobenem Isle of Avalon 25 . Der Anblick istergreifend. Auch hier überkommt mich das Gefühl der Heimat. Auchhier könnte ich mir vorstellen zu leben. Ich fühle mich geborgen undsicher, der Ort ist kein „Unort“, die Stille und die Schönheitversetzen mich in eine Stimmung der Andacht.Ich verlasse Glastonbury und erinnere mich an einen Satz vonRyszard Kapuściński. Er schrieb einmal über Afrika:„Jeder Stamm betrachtete sich früher als gesamte Menschheit. DieWelt endete dort, wohin der Blick reichte.“ 26Auch ich muss erkennen, dass meine Welt und dadurch auch meineInterpretationen, dort enden, wo mein Blick hinreicht.Ich grübele über eine Frage nach, auf die ich keine Antwort finde:Angenommen ich wäre auf Besuch im Weltall und würde dortBewohnern eines anderen Planeten begegnen. Ich würde auf vielePlaneten blicken können, auch auf die Erde. Wie würde ich, alsWeltbürgerin, als die ich mich gerne bezeichne, im Weltall auf dieFrage nach meiner Heimat antworten? Würde ich auf die Erdezeigen, oder nur auf bestimmte Erdteile? Würde ich mich erinnerndaran, welche Länder, Städte oder gar Dörfer ich auf Google Earthin den Menüpunkten „Meine Orte“ und „Temporäre Orte“ markierthabe? Würde ich nur auf die Erde zeigen, und sagen, das ist meineHeimat, oder wäre es mir wichtig sie näher zu bestimmen?24Heimat, eine Plombe. Rede am 16. November 1994 beim 5. Symposion der Internationalen Erich FriedGesellschaft für Literatur und Sprache in Wien zum Thema „Wie viel Heimat braucht der Mensch und wie vielFremde verträgt er“25Glastonbury liegt im Süd-Westen von England, der Legende nach liegt hier KönigArthur begraben und Joseph von Arimathea brachte reiste mit Jesus in diese Gegend. In derMegalith-Zeitperiode (vor ca. 4.000-5000 Jahren) war Glastonbury eine Insel, genanntAvalon, überbickt von dem Glastonbury Hügel.2630

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine