Ostern 2012

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Ostern 2012

Leeres Grab – Offenes EndePredigt über Mk 16,1-8 am Osterfest8. April 2012 in Tübingen und BühlAm Ende des ältesten Berichts, den das Evangelium über die Auferstehung kennt undfest gehalten hat, stehen Schrecken und Entsetzen, Schweigen, Flucht, große Furcht.Sie haben ja eben gehört, wie Markus die drei Frauen am leeren Jesusgrabcharakterisiert. Fast ist man versucht zu sagen, daß sie eine Heiden-Angst hatten; unddas mag wohl auch der Grund gewesen sein, weshalb diese letzten zwei Sätze nicht indie offizielle Leseordnung hinein durften. An Ostern will man sich anderspräsentieren: zuversichtlich, stark, selbstbewußt; nicht mit Zweifeln daher kommenund mit der Unsicherheit des menschlichen Gemüts. Bei Vers 7 endet deshalb imEvangeliar/ Lektionar der Text, also mit der Ankündigung des jungen Mannes, den dieFrauen im Grab fanden: bemühte Zusagen, Beschwichtigungen. Aber ich konnte undwollte Ihnen den letzten Vers nicht verheimlichen; und ich meine sogar, daß man dasnicht darf, weil es die Glaubwürdigkeit dieses ersten Auferstehungszeugnisseseinschränkt. Die Angst gehört dazu, sie ist angemessen und passend. Das Schweigen istTeil des Glaubens, der entsteht, wenn wir uns mit der Auferstehung Jesuauseinandersetzen. Gerade in den letzten Tagen erst habe ich wieder diese Erfahrunggemacht.(1) Plötzlich sitzt ein junger Mann bei mir im Büro, Tränen kommen ihm in dieAugen, als er vom Tod eines Verwandten erzählt, den er sehr gern hatte. Noch nievorher kam ihm das Sterben so nahe. Der Verstorbene sei ein guter Mensch gewesen,fromm, habe Familie, Kinder. Es gebe so viele schöne Erinnerungen. Und es falle ihmeinfach unendlich schwer, sich vorzustellen, daß er auf einmal weg sei, nichts mehr sowie früher. Gott finde er dabei nirgends. Im Gegenteil, er hadere mit ihm, mehr noch,er verachte ihn dafür. Wenn das mit dem Tod so sei, so ungerecht, so gemein undschwer, dann sei doch alles sinnlos, und dann glaube er auch nicht mehr!Ich mußte unwillkürlich an den offenen Schluß des Markusevangeliums dabei denken.Ja, dachte ich, genau so ist es. Und die Bibel erspart uns das alles auch überhauptnicht. Sie beschreibt die Menschen, die damals mit Jesu Tod konfrontiert waren,gerade so; da gibt es äußerlich keinen Unterschied. Nach dem Tod finden wir uns ineiner großen Leere wieder. So leer wie das Grab Jesu ist die Welt der Frauen ohneihren Freund und Rabbi; sie droht einzustürzen. Und sie bleiben auf sich selbstverwiesen. Es gibt kein äußeres Wunder, keine Show oder Inszenierung, die von ihnenablenken würde. Nein, sie müssen das mit sich selbst ausmachen, müssen durch Angstund Schrecken hindurch. Sie müssen davonlaufen und aushalten, daß sie keine Wortefinden, die passend wären. Die Zukunft Jesu bleibt offen zunächst, bis sie soweit sind,bis in ihnen etwas geschieht, was sie einen Schritt weiter bringt, ja, bis der Glaube ihreWirklichkeit verwandelt. Markus führt das nicht aus, er vereindeutigt das nicht. Er sagtnicht: Und dann glaubten die drei und alles war gut, happy end. Ich unterstelle: Daswäre ihm viel, viel zu einfach, zu platt, zu unrealistisch und vor allem angemessen –


Gott gegenüber. Der nämlich fordert seine Realität in uns auf anderen Wegen ein.Und der offene Schluß, die nicht endgültige Antwort scheint dafür ein guteVoraussetzung zu sein.(2) So wie auch für jene Frage eines 13-jährigen, die er über facebook an mich richtete:„Bestraft Gott Menschen?“ Das sind nur drei Worte; aber hinter ihnen verbergen sichein ins Wanken geratenes Weltbild und ein angefochtener Glaube. Und noch viel, vielmehr Fragen: Woher kommt das ganze Leid in unserer Welt, und wie steht es um gutund böse? Läßt Gott das alles zu? Ist er am Ende dafür verantwortlich? Und meineeigenen Sünden, wie steht es um die?Es ist sehr schwierig, darauf eine Antwort zu geben in der Weise, wie man eins undeins zusammen zählt. So geht das in Glaubensdingen nicht. Theorien führen kaumweiter. Ja, man kann die Theodizee-Frage mit Ostern konfrontieren, kann sagen: DasLeid in der Welt hat Gott selbst in seinem Sohn ans Kreuz getragen. Wegen unsererFreiheit, die den Menschen vor allen anderen Geschöpfen auszeichnet, gibt es auch dieEntscheidung gegen das Gute. Den Tod hat Gott vernichtet, weil Christus von denToten auferstanden ist. Aber bleibt das nicht eigenartig theoretisch, als ob einen daetwas ganz Fremdes berührt; eine ferne Wahrheit, die mit mir wenig zu tun hat undmir schon gar nicht weiterhilft? Der unerwartete Suizid, das Massaker in Syrien, dievielen verdurstenden Kinder in den armen Ländern unserer Welt, der schnelleKrebstod – sie alssen sich nicht beantworten, allenfalls aushalten und ertragen,sozusagen: heute ins Grab mit hinein nehmen am Ostermorgen.Ich war jedenfalls keinesfalls vollmundig in meinen Ant-Worten an die beiden jungenLeute, habe eher wenig gesprochen und sie ermutigt, ihre Angst vor den Abgründen inder Welt, die sie entdecken zuzulassen. Das gehöre dazu, sei normal, und gut. Und:Dann habe ich ihnen noch geraten, nicht sofort die Flinte ins Korn zu werfen, sondernErfahrungen zu sammeln – und zwar unter der Voraussetzung, daß Gott ist. Sie solltenihn nicht gleich über Bord werfen und meinen, es sei dann besser: ohne ihn. DieFragen und Antworten, in denen Gott vorkommt, brauchen lang, vielleicht ein Lebenlang. Sie vertragen keine Eile.So kehren wir nochmals zu den Frauen am Morgen des dritten Tages zurück. Sie hattenbegonnen, sich mit dem Tod Jesu abzufinden und flüchten sich in die Normalität desTodesrituals. Aber dazu kommt es nicht. Weil ihnen etwas Unerwartetes widerfährt.Da ist nichts zu tun: keine Salbung, kein Berühren des Leichnams, keine Totenwache.Da ist Leere. Niemand füllt sie ihnen, fast niemand. Der junge Mann sagt das, was sieschon wissen: daß sie Jesus suchen, daß er nicht hier ist, daß das Grab leer ist. Unddaß er auferstanden sein könnte, wissen sie als fromme Jüdinnen auch aus derTradition ihrer Religion. Langsam geht ihnen auf, daß sie die Leere selbst füllenmüssen. Und nur wenn sie das tun, werden sie an Gott glauben, wird Jesus nicht totsein. Wenn sie bereit sind, wird Gott ihre Leere erfüllen.So hat aus Schweigen und Angst irgendwann Ostern angefangen. Es will heute wiederbeginnen, aus unserem Schweigen, unseren Ängsten und unserer Neigung vor denunbequemen, schwierigen Fragen davon zu laufen.

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